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Das Land unter dem Regenbogen

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen
sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Emilie Richards

Das Land unter dem
Regenbogen

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Martha Windgassen

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DANKSAGUNG

Ich möchte mich bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern von La Casa de San Felipe in Elizabeth City, North Carolina, für ihre Gastfreundschaft und ihre großartige Arbeit bedanken. Vielen Dank, dass ich während meines kurzen Besuches bei Ihnen mitmachen durfte! Besonderer Dank gilt Bev McGee, die ich wegen ihrer Energie und Hilfsbereitschaft immer bewundert habe.

Ich danke auch Fran Bevis, die mir viele Informationen über Pflegeheime und über die Pflichten und Aufgaben des Pflegepersonals gegeben hat.

Gloria Alvarez und Erica Fuentes danke ich für ihre geduldige Hilfe bei den spanischen Redewendungen und dafür, dass sie immer genau wussten, was ich brauchte.

Danke auch meinem Rechtsanwalt Joshua Bermann, der mir alle Fragen bezüglich der Gesetze und Richtlinien beantwortete.

Vielen Dank auch an meinen wunderbaren Sportberater vor Ort, meinen Seelsorger und Lektor Michael McGee.

Wie immer bin ich, trotz all ihrer Unterstützung, für alle Fehler, die in diesem Roman auftreten, allein verantwortlich.

Und schließlich danke ich Reverend Nick Cardell und vielen anderen, die ins Gefängnis gehen mussten, weil sie gegen die „School of the Americas“ protestierten, und die ihre Erfahrungen in Interviews, Briefen und Magazinen weitergegeben haben. Sie haben den Anstoß zu diesem Roman gegeben.

1. KAPITEL

Shenandoah Community Church – Mittwochmorgen – Quiltkränzchen und gemütliches Beisammensein – 6. August

Das Treffen wurde um 9 Uhr im Gruppenraum eröffnet. Helen Henry schlug (noch einmal) vor, dass wir den Namen der Nähgruppe in SCC Bee ändern und es dabei belassen. Sie bestand darauf, dass das Verlesen des Protokolls die meiste Zeit unserer Treffen in Anspruch nimmt. Um Helen, die ungeduldig ist, einen Gefallen zu tun, haben wir uns darauf geeinigt, dass wir ab nächste Woche den „Morgen“ aus dem Protokoll streichen werden.

Cathy Adams hatte ein Quilt-Oberteil mitgebracht, um uns an diesem Beispiel das „Chinesische Münzen“-Muster zu erklären. Der Stoff bestand aus orientalischen Drucken. (Peony Greenway stellte höflich fest, dass Cathy zu viel für den Stoff bezahlt hatte.) Wir werden nach Labour Day beginnen, den Quilt zu nähen. Dann haben wir hoffentlich eine Decke mit aufgenähten Herbstblättern fertiggestellt, die wir Martha Wisner schenken wollen.

Helen stimmte zu, bis nach dem Treffen zu bleiben, um Cathy dabei zu helfen, das Oberteil aufzuspannen, da mit der Quilt, wenn er fertig ist, nicht aus sieht, als „hätten ihn betrunkene Matrosen“ genäht. Bitte beachtet die Anführungszeichen. Ich bin nur die Protokollantin.

Kate Brogan hatte ihre beiden jüngsten Kinder mitgebracht. Nachdem Rory auf Cathys Quilt getreten ist, brauchen die chinesischen Münzen sicherlich Helens Hilfe. Bald darauf wurde das Treffen vertagt, und das mitgebrachte Essen, das Rorys Karateübungen überlebt hatte, wurde unter denjenigen aufgeteilt, die noch länger dablieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dovey K. Lanning, Protokollführerin

„Also …“ Anna Mayhew sah von ihren winzigen, gleichmäßigen Stichen auf und verzog die Augenbrauen, um anzukündigen, dass sie etwas sagen wollte.

„Ich habe gehört, dass Chris-tine Flet-cher …“, sie betonte jede einzelne Silbe, „… heute Abend zum Spen-den-auf-ruf kommt. Was, glaubt ihr, wird sie auf der Party tragen?“

„Ist doch egal, was sie trägt“, warf Dovey Lanning ein. „Lasst uns lieber darüber reden, wo sie anschließend schlafen wird.“

„Hier sitzt ein Kind unter dem Stickrahmen.“ Beim besten Willen konnte sich Helen Henry nicht entsinnen, warum sie die anderen daran erinnern musste. Der kleine Rory Brogan zu ihren Füßen war gerade dabei, mit einem Bilderbuch, das ihm seine Mutter zu lesen gegeben hatte, auf den Boden zu schlagen. Kate Brogan war eine rechte Optimistin.

„Rory!“ Kate, eine attraktive Brünette in den Dreißigern, stand von ihrem Stuhl auf und zog ihren Sohn unter dem Rahmen hervor. „Geh draußen spielen. Sofort.“

Rory protestierte. „Ich habe Bakterien getötet. Hier unten gibt es eine Million Bakterien.“

„Er hat gerade in der Vorschule Bakterien durchgenommen“, sagte Kate in einem entschuldigenden Ton. „Wissen ist manchmal gefährlich.“

„Aber das waren Ninja-Bakterien!“, beharrte Rory.

„Ich glaube, ich habe gerade gesehen, wie dieselben Ninja-Bakterien hinaus auf den Spielplatz gelaufen sind“, sagte Anna zu ihm, „und wenn du sie nicht aufhältst, dann laufen sie vielleicht alle bis zur Straße.“

Rorys Augen leuchteten auf. Er hatte glänzendes dunkles Haar und dunkle Augen. Er war ein drahtiges Kind und zeichnete sich durch einen Teil Halsstarrigkeit, zwei Teile Energie und drei Teile Entschlossenheit aus. Heute trug er einen weißen Karateanzug und den gelben Gürtel, den er sich in der letzten Woche in seinem Taekwondo-Kurs erkämpft hatte.

Natürlich mochte Helen Kinder nicht. Aber sie musste zugeben, dass dieser Junge Mumm in den Knochen hatte.

Es war ungewöhnlich still, nachdem Rory hinausgegangen war, um seine Feinde zu suchen und zu zerstören. Alle atmeten dankbar auf. Seitdem ihr kurzes offizielles Treffen vorbei war, hatte es wenig Ruhe gegeben. Der Gruppenraum im Keller des Gebäudes, in dem sich die Quilterinnen, die „Bienen“, trafen, also ihr „Bienenstock“, war voller Menschen. Früher war dort einmal die Krabbelgruppe untergebracht gewesen, bevor es zu viele Babys in der Gemeinde gab und ein neuer Anbau errichtet werden musste. Vor einigen Monaten hatten die Quilterinnen den Raum für sich beansprucht. Er war gerade groß genug, um einen großen Stickrahmen auf Böcken unterzubringen und darum herum an der Wand genügend bequeme Stühle zu stellen. Durch die großen Fenster, die auf den Spielplatz und den großen Parkplatz hinausgingen, fiel Licht herein. Und der Raum wurde von ihnen allein genutzt.

„Ich könnte einfach zu Hause bleiben“, bot Kate an, nachdem sich alle ein wenig von dem Aufruhr erholt hatten, „bis Rory in die Ganztagsschule kommt.“

„Wage es nicht.“ Cathy Adams klopfte Kate auf die Schulter. Sie war eine warmherzige ältere Frau, die etwas von einer gutmütigen Großmutter hatte. Früher hatte sie als Versicherungsmaklerin gearbeitet und genoss jetzt die Früchte einer hervorragenden Rentenversicherung. Cathy war zwar nicht besonders fortgeschritten, was das Quilten anging, aber sie lernte schnell.

Peony Greenway räusperte sich. Peony hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Konflikte zu schlichten, sowohl in der Gruppe als auch in der Gemeinde im Allgemeinen.

„Rory bringt etwas Neues in die Gruppe.“ Sie hielt bedeutungsvoll inne. „Und außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass Christine im ‚Inn‘ in Narrow Passage übernachtet. Sie hat dort ein Zimmer für das ganze Wochenende reserviert.“

„Hast du dort angerufen?“, fragte Dovey.

„Nein, natürlich nicht!“ Peony bemerkte erst dann, dass Dovey sie ärgern wollte, und ließ die Schultern wieder einen Millimeter sinken. „Reverend Kinkade hat es mir gegenüber erwähnt, das ist alles. Er hat mich gefragt, ob die Pension gute Zimmer für Miss Fletcher hätte.“

„Also wollte Sam, dass alle wissen, dass sie nicht miteinander schlafen – falls einer von uns engstirnigen Menschen daran Anstoß nehmen sollte“, stellte Cathy fest.

Fast niemand außer Peony nannte den Pastor der Shenandoah Community Church Reverend Kinkade. Es war schwer vorstellbar, dass dieser Mann, der gern in Jeans und T-Shirt herumlief, diesen formalen Titel innehaben sollte. Dovey neigte ihren Kopf in Richtung Tür, die offen stand, damit Rory und seine kleine Schwester Bridget nach Lust und Laune hinein- und hinauslaufen konnten. Bridget lag auf einem gepolsterten Sessel in der Ecke und schlief.

Von draußen hörte man Rory auf dem eingezäunten Spielplatz kreischen. Gleich würde er wieder hereinstürmen und erzählen, was er erlebt hatte.

„Sam und Christine sind schon seit Jahren verlobt“, sagte Anna, die Hobbypsychologin der Gruppe. „Für mich sieht es so aus, als gäbe es größere Konflikte in ihrer Beziehung. Warum hat er sie noch nicht geheiratet?“

Helen dachte, dass Annas Überlegung eher auf Wunschdenken basierte. Sam war ein charismatischer, charmanter Mann, der Frauen so anzog wie die Klematis an ihrer Scheunenwand die Hummeln. Mit ihren vierundvierzig Jahren war Anna mindestens zehn Jahre zu alt, um eine Konkurrentin für Christine zu sein, aber sie war immer noch ein wenig in den Reverend verliebt. Manchmal fragte Helen sich, ob seine „Verlobung“ nicht nur ein Vorwand war, sich die jungen Frauen aus der Gemeinde auf Armeslänge vom Hals zu halten.

„Er hat Christine noch nicht geheiratet, weil sie das Leben auf dem Land nicht mag – und uns mag sie auch nicht.“ Dovey beugte sich über den Quilt, zog ihn auf dem hölzernen Rahmen straff und betrachtete ihre Stiche mit zusammengekniffenen Augen.

Zufrieden sah sie wieder auf. „Chris-tine Flet-cher ist eine Gewächshausgardenie, und wir sind ein Strauß wilder Kornblumen. So ist das.“

„Als gäbe es in dieser Gemeinde keine pensionierten Regierungsbeamten, die schon die ganze Welt gesehen haben.“ Cathy fummelte unter dem Tisch nach ihrer großen Wasserflasche, die sie immer dabei hatte, und schraubte sie auf, um einen großen Schluck zu trinken.

„Das kann ja sein, aber diese Leute kamen gerade wegen des Lebens auf dem Lande her und genießen das in vollen Zügen. Schau doch dich und deinen Mann an. Ihr züchtet Bienen und Ziegen … was habt ihr sonst noch alles?“

„Neulich habe ich gehört, dass Alf nach einem Pärchen Alpakas Ausschau hält.“ Cathy schraubte ihre Flasche wieder zu. „Bald werde ich mich davor fürchten, aus meiner eigenen Tür zu treten.“

„Vor nicht allzu langer Zeit war es noch ein todernstes Geschäft, Landwirtschaft zu betreiben.“ Helen sah von ihren perfekten Stichen auf. „Und niemand kam von woanders her.“

„Das war bestimmt ziemlich langweilig“, sagte Cathy.

Helen seufzte, aber sie hielt nicht alle Veränderungen, die Toms Brook, Virginia, durchgemacht hatte, für schlecht.

„Noch mal … zurück zu … Christine!“ Dovey schüttelte angewidert den Kopf. „Ich schwöre, diese Gruppe wechselt die Themen schneller, als ein Adler von einem Baumstumpf auffliegt.“

Peony sah sie streng an. „Was willst du denn noch von uns hören?“

„Wird Sam aus Christine eine ehrbare Frau machen oder nicht? Und falls er das jemals tut, werden die beiden dann in die große Stadt ziehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Chris-tine Flet-cher sich selbst als Gattin eines Dorfpastors sieht.“

„Könnt ihr euch vorstellen, wie Chris-tine Flet-cher die Orgel spielt und in der Sonntagsschule unterrichtet?“ Anna lachte.

„Nun, wir bräuchten einen neuen Küster“, fügte Dovey an. „Überall liegt Staub. Vielleicht schrubbt sie ja die Böden?“

Rory stob genau in diesem Moment durch die Tür und schlitterte zu seiner Mutter. Sein Kampfgebrüll weckte Bridget auf, die jetzt mit ihm um die Wette schrie.

„Ninjas!“ Er zog Kate am Arm. „Ninjas! Ich hab sie gerade gesehen!“

Kate wandte sich aus seinem Griff, drehte sich zu ihrem Sohn um und legte ihre Hände auf seine Schultern. „Du hast deine Schwester geweckt, Rory. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht so schreien sollst?“

„Ninjas!“ Man musste ihm lassen, dass er versuchte, seine Stimme zu senken, dafür hüpfte er nun aber von einem Fuß auf den anderen. „Es war ein ganzer Lastwagen voller Ninjas. Zwei Lastwagen. Alle waren sie schwarz. Und sie kommen wieder!“

„Waren die Lastwagen schwarz oder die Ninjas?“, ärgerte Cathy ihn.

Rorys Aufregung wich, dafür fing er an zu schmollen. „Ich glaube nicht, dass ich sie alle besiegen kann.“

„Nimm dir einen nach dem anderen vor“, riet ihm Helen. „Und sag den Restlichen, dass sie auch noch drankommen.“

Das schien dem kleinen Jungen logisch. Er machte sich von seiner Mutter los und rannte zurück auf den Spielplatz. In der nächsten Sekunde war er wieder verschwunden.

„Wenn er eines Tages einen Oscar gewinnt, können wir alle behaupten, wir hätten ihn gekannt, als er noch ein kleiner Junge war“, sagte Cathy.

„Wenigstens ist ihm nie langweilig.“ Kate stand auf, um Bridget zu beruhigen, die sofort zu weinen aufhörte und ihren Lockenkopf an die Schulter ihrer Mutter lehnte. „Ich sollte jetzt lieber losfahren, ich kann hier doch nichts mehr ausrichten. Vielleicht kann ich nächste Woche einen Babysitter bekommen, dann bleibe ich länger.“

Helen stand auf und reckte sich. Mit dreiundachtzig Jahren war sie zu alt, um lange in derselben Haltung zu sitzen. Dann fühlte sie sich, als sei sie zu Stein geworden. „Der Quilt ist fast fertig. Martha wird ihn mögen. Es ist eine Schande, dass ihr Verstand sie verlässt, aber wenigstens wird sie sich an die meisten von uns erinnern.“

Der Quilt, eine kleine Decke für die Beine, die mit Blättern in Herbstfarben benäht war, war ein Geschenk für Martha Wisner. Sie war viele Jahre lang Sekretärin im Gemeindebüro gewesen. Vor einigen Jahren musste sie in ein Heim mit betreutem Wohnen ziehen, aber nun lebte sie auf der Pflegestation. Marthas Gedächtnis ließ schnell nach, aber ganz gleich, unter welcher Form der Demenz sie litt, sie schien nicht unglücklich zu sein. Sie freute sich immer über Besuch, auch wenn sie ihn nicht wiedererkannte. Die Quilterinnen hatten dieses bestimmte Muster für Martha ausgesucht, denn sie liebte den Herbst im Shenandoah Valley. Helen hatte die Blätter mit der Hand auf die Decke genäht, um ihre Freundin an bessere Tage zu erinnern.

„Wenn wir noch eine Stunde weitermachen, können wir fertig werden, und Helen könnte den Quilt nach Hause mitnehmen und säumen“, sagte Anna. „Oder soll ich das machen?“

Helen schüttelte den Kopf. Alle wussten, dass Anna kein Gespür für Farben besaß. Ihre Stiche waren gleichmäßig, Punkte konnte sie gut und ihre Blöcke waren auch rechteckig. Aber Annas Geschmack, was Stoffe anging, war legendär. Helen hatte Angst, dass sie die braunen Herbstblätter quietschrosa umranden würde.

„Nein, ich mach’ das schon“, gab Helen zurück. „Du wolltest doch heute Abend zu dieser albernen mexikanischen Fiesta, oder? Ich habe ja Zeit genug.“

„Ninjas!“

Jetzt drehten sich alle zu Rory um, der im Türrahmen auf und ab hüpfte. Bevor Kate ihn zur Ruhe bringen konnte, hörte man einen lauten Knall vor der Kirche. Die Frauen sahen einander an und eilten dann wie auf Kommando an die Fenster, von denen aus man den großen Parkplatz vor der Kirche und die Old Miller Road übersehen konnte.

Teenager sprangen aus zwei offenen Lieferwagen, die dicht nebeneinander geparkt hatten. Einer der Transporter stand direkt vor der alten Platane, die den Parkplatz begrenzte. Sein Kühlergrill stieß an den Stamm an. Helen hoffte, dass die beiden Autos ineinander gerauscht waren und nicht gegen den Baum. Während sie zusah, gingen drei der Jungs, die alle dunkle Jeans und dunkle T-Shirts trugen, zu dem Schild, das die Gemeinde vor Kurzem hatte aufstellen lassen und das jeden Sonntag die Gottesdienste ankündigte. Es hatte innerhalb der Gemeinde schon für eine Menge Wirbel gesorgt.

Einer der Jungen schubste einen anderen zum Spaß und sie balgten offensichtlich gut gelaunt miteinander herum. Aber gute Laune hin oder her, Helen hatte das Gefühl, dass sie nichts Gutes im Schilde führten. Dann kam ein vierter Junge dazu, der einen Vorschlaghammer bei sich trug.

„Wir sollten sie aufhalten“, sagte sie. Sie drehte sich um und stand direkt vor einem kleinen, drahtigen Menschen.

„Ninjas!“, sang Rory vor sich hin. „Hab – ich – doch – gesagt!“

Elisa Martinez hatte sich ebenso daran gewöhnt, jeden Tag einige Kilometer zu Fuß zurückzulegen, wie sie sich an ihren neuen Namen gewöhnt hatte. Es waren einige Wochen vergangen, seit die Realität ihres jetzigen Lebens zur einzigen geworden war, die sie kannte. Ihre Beine waren stark und sie war selten müde, gleichgültig, wie weit sie gehen musste. Der Name glitt ihr von der Zunge, als wäre sie damit geboren worden.

An jenem Morgen war sie jedoch müde und entmutigt. Die Shenandoah Community Church lag an einer Landstraße, die elend lang war und vor schlammigen Schlaglöchern nur so strotzte. Als sie die Old Miller Road entlangging, war sie so vielen Schlaglöchern und Pfützen ausgewichen, dass sie einen Umweg von sicherlich einem halben Kilometer gegangen war. Sie war schon gewarnt worden, dass der letzte Sommer staubig und trocken gewesen sei und sie für den Regen dankbar sein solle. Sie verstand die Sache mit dem Regen, allerdings tat sie sich schwer, all seine Tücken kennenzulernen.

An diesem Morgen war die Luft unglaublich feucht und ein neuer Regenschauer stand bevor. Die Sonne stand hoch am Himmel und schien zwischen einzelnen Wolken hervor. Das reichte, um Elisa zu ärgern. Sie sah ihre nahe Zukunft vor sich: Erst würde sie in der Sonne verbrennen, dann würde sie im Regen ertrinken. Es war unwahrscheinlich, dass sie rechtzeitig von ihrem Vorstellungsgespräch zurückkommen würde, ohne nass zu werden. Sie hatte keine Regensachen mit außer dem dünnen Plastikponcho, den sie in ihren Rucksack gesteckt hatte und der ihr zugleich als Handtasche diente. Wenn es jetzt zu regnen anfangen sollte, hoffte sie, dass der Pastor ihr erlauben würde, so lange zu bleiben, bis der Regen aufgehört hatte. Falls er jemals aufhören sollte.

Von der An höhe des letzten Hügels aus konnte sie die Kirchturmspitze sehen, sie wusste also, dass sie fast an ihrem Ziel angelangt war. Sie hatte beinah den ganzen Marsch damit verbracht, immer wieder „Elisa“ auszusprechen. Es stand zu viel für sie auf dem Spiel, als dass sie sich in diesem Vorstellungsgespräch einen Fehler erlauben konnte. Sie brauchte diesen Job. Sie konnte zwar keinem Gott danken, dass sie diese Chance bekam, denn sie glaubte nicht mehr an ihn, aber sie war froh über den Zufall, von der Stelle gehört zu haben. Wenn diese Glückssträhne nur ein wenig länger anhalten würde …

In Gedanken ging sie noch einmal ihre Vorzüge durch. Sie war schmächtig, aber sie war stark. Es war wichtig, das zu zeigen. Sie durfte weder über- noch unterqualifiziert wirken. Sie musste zugänglich erscheinen, jedoch nicht vertratscht. Intelligent und clever, aber nicht zu klug, um anzupacken. An der Kirche interessiert, aber niemals neugierig.

Sie musste erläutern, warum sie willens war, lang oder auch spät abends zu arbeiten, ohne zu verzweifelt oder zu bemüht zu wirken.

Sie musste so viel über sich erzählen wie möglich, ohne über die eigenen Lügen zu stolpern.

Die Old Miller Road machte einen scharfen Knick, als sie den letzten Hügel hinabging. Nachdem sie die Kurve hinter sich gelassen hatte, sah sie die Kirche einige hundert Meter direkt vor sich liegen. Wie so viele andere Kirchen hier in der Gegend war diese weiß getüncht und hatte einen Turm, der sich in einem schönen Verhältnis zum Rest des Gebäudes über ihr Dach erhob. Es war mit Blechschindeln gedeckt, die in der Sonne glänzten. Die Flügel, die vom Hauptschiff abgingen, sollten das Ganze abrunden, ohne vom Schiff abzulenken. Auf dem Grundstück drum herum standen schöne alte Bäume. Auf der einen Seite befand sich eine Art Garten neben der Kirche, und als sie näher kam, erkannte sie blühende Rosen, was für einen so heißen August ungewöhnlich war. Jemand kümmerte sich um diese Rosen.

Sie fragte sich, ob es auch zur Aufgabe des Küsters gehörte, sich mit dem Garten zu beschäftigen, und versuchte sich daran zu erinnern, wann die Rosen bei Gabrio beschnitten worden waren. Wann mussten sie gegossen und gedüngt werden? Und wie suchte man aus, welche Sorten gepflanzt werden sollten? Jetzt wünschte sie sich, sie hätte damals besser aufgepasst.

Kurz bevor sie die Kirche erreichte, fielen ihr zwei Pritschenwagen auf, die direkt neben einem weißen Schild parkten. Zuerst hatte sie sie kaum wahrgenommen, aber als sie näher kam, sah sie, dass es noch mehr zu sehen gab. Viel mehr.

Eine Gruppe Jungen, es waren wohl ein halbes Dutzend und sie waren vielleicht im Highschool-Alter, standen neben einem Schild, das ungefähr zwanzig Meter rechts von der Kirchentür angebracht war. Der Junge, der die Gruppe anführte, hatte so etwas wie eine Axt in der Hand und holte damit aus. Sie konnte Rufe, Flüche und hohes Gelächter hören, die ihre Gedanken an das anstehende Gespräch zerstreuten.

Ihr Puls wurde schneller und ihre Hände feucht. Sie stolperte fast, als sie stehen blieb. In der Luft lag die gleiche angespannte, testosterongeschwängerte Bereitschaft zur Gewalt, die sie schon einmal erlebt hatte. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie entwischen könnte, ohne gesehen zu werden, doch dann las sie das Schild, das die Jungs zerstören wollten, und irgendetwas in ihrem Kopf schaltete um.

„Hört auf damit!“ Sie rannte los, ohne nachzudenken. Sie hätte fortlaufen sollen, das wäre sinnvoll gewesen, aber nun lief sie genau auf die Gruppe zu. „¡Sinvergüenzas! ¿Qué andan haciendo?“

Vielleicht waren die Jungs nicht so tapfer, wie sie gedacht hatten. Vielleicht fanden sie ein neues, menschliches Opfer interessanter. Jedenfalls drehten sie sich nach ihr um und sahen sie herankommen. Sie wurde erst kurz vor dem Schild langsamer und stellte sich schützend davor hin, bevor die streitlustigen Jugendlichen es konnten.

„Was glaubt ihr, was ihr hier macht?“, fragte sie auf Englisch. Sie starrte sie böse an. All ihre Ängste verbarg sie in diesem Blick. Sie kannte diese Sorte Jungs, sie hatte solche wie sie schon hundertmal an hundert anderen Orten getroffen. Sie kannte ihre Gesinnung zu nur gut, die Mentalität dieser Männer und Halbwüchsigen, die vergaßen, was sie zu Menschen machte, sobald sie Schulter an Schulter mit ihren Kumpels standen.

Oh ja, sie kannte diese Jungen und wusste, wie gefährlich sie sein konnten.

Der Junge mit dem Hammer war schmal, eine hellbraune Haarsträhne fiel ihm über die Stirn. Er hatte noch die weichen Gesichtszüge eines jungen Teenagers und einen winzigen Schnitt an seinem Kinn, vielleicht weil er sich noch nicht richtig rasieren konnte. Einen Moment lang sah er sie unsicher an, als überlege er, ob er entwischen könne, solange die anderen nur für einen Augenblick ihre Augen schließen würden.

Dann wurden seine Gesichtszüge hart. „Hey, chica, was glaubst du, wer du bist?“

Sie fragte sich, aus welchem zweitklassigen Film er diesen Brocken Spanisch hatte.

„Geh weg da, bevor dir etwas passiert“, sagte er, als sie stehen blieb.

„Du würdest eher mich als ein Schild verletzen? Ein Schild vor einem Gotteshaus? Hast du nicht Angst, dass Er dir dabei zusieht, wenn du eine Entscheidung zwischen mir und dem Schild triffst?“

Einen Moment lang flackerte Angst in seinen Augen auf. Ihr Blick wanderte zu den Jungs hinter ihm und dann zu ihm zurück. „Sie sind es nicht wert“, sagte sie mit leiser Stimme. „Sie wollen, dass du das Risiko trägst, während sie zusehen. Was sind das für Freunde?“

„Geh zurück nach Mexiko!“, rief einer der Jungen. „Solche wie dich können wir hier nicht gebrauchen.“

„Vielleicht doch“, antwortete sie, ohne den Blick von dem Jungen mit dem Vorschlaghammer abzuwenden. Sie war froh, dass es sich dabei nicht um eine Axt handelte, wie sie zunächst gefürchtet hatte. „Vielleicht solltest du dich daran erinnern, dass dies hier ein gastfreundliches Land ist und dass deine eigenen Großeltern oder Urgroßeltern auch woanders hergekommen sind.“

„Mach doch endlich!“, rief einer der Jungs dem Anführer zu. „Hau einfach drauf und dann nichts wie weg.“

„Das werde ich nicht zulassen“, sagte Elisa so ruhig wie möglich. „Und ich habe euch gesehen, ich habe jedes einzelne Gesicht gesehen. Wenn ihr dieses Schild kaputt macht, werde ich mich an euch erinnern und euch beschreiben, einen nach dem anderen.“

Der Anführer sah hin- und hergerissen aus. Seine Gedanken waren leicht zu erraten. Wenn er verhaftet würde, würde er von seinen Eltern viel Ärger bekommen.

Sie senkte die Stimme und hoffte, niemand außer ihm würde hören, was sie nun sagte.

„Ich habe einen Bruder. Ich weiß, dass es schwer ist, für sich selbst geradezustehen, aber ich bin mir sicher, dass du es besser weißt, als das Schild zu zerstören. Ich weiß, dass du klüger bist.“

„Ja, Leon“, sagte einer der Teenager, der nahe bei ihnen stand. „Du weißt es besser, das ist deine weibliche Seite, die kann sogar die Mexikanerin sehen.“

Als sei er von diesen Worten vorwärts getrieben worden, ging Leon spontan auf sie zu, als habe er vor, sie direkt über den Haufen zu laufen. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und hielt ihn auf. Er ging ein paar Schritte zurück, offensichtlich überrascht. Sie nutzte diesen kurzen Moment und bewegte sich rückwärts auf das Schild zu, bis sie sich dagegen lehnen konnte. „Du wirst mich schlagen müssen“, sagte sie. „Bist du dazu bereit?“

„Das reicht! Was geht hier vor?“

Niemand hatte den Mann kommen sehen, der ein blaues Polohemd und Bundfaltenhosen trug. Die Jungen drehten sich um, als er auf sie zueilte, und wichen gleichzeitig ein Stück zurück. Leon bewegte sich so schnell, dass Elisa einen Luftzug wahrnehmen konnte.

„Leon Jenkins.“ Der Mann ging direkt auf den Jungen zu und hielt ihn an einer Schulter fest. „Auf die Erklärung bin ich gespannt.“

„Nehmen Sie Ihre Hand weg.“

„Das mache ich, wenn ich es für richtig halte.“ Der Mann streckte seine Hand aus, nahm dem Jungen den Hammer aus der Hand und warf ihn auf den Rasen hinter sich.

Elisa hörte Stimmen und sah eine kleine Gruppe Frauen über den Parkplatz auf sich zukommen, als sie sich umdrehte. Sie ließ sich gegen das Schild sinken. Nun würde ihr nichts mehr passieren.

„Was ist hier eigentlich los?“, fragte eine der ältesten Frauen.

„Einige Mitglieder unserer Dorfjugend waren gerade dabei, unser neues Schild zu renovieren“, sagte der Mann. Seine Stimme war leise und kontrolliert. Dennoch klang er wütend.

Die anderen Jungs sahen einander an, drehten sich auf dem Absatz um und gingen zurück zu den Lieferwagen.

„Bleibt von ihnen weg“, riet der Mann den Frauen. Dabei ließ er Leon nicht aus den Augen, der sich vor ihm wand und die Hände rang. Erst als die anderen weggefahren waren, ließ der Mann den Jungen los.

„Warum?“, wollte er wissen.

Der Junge trat einen Schritt zurück, aber er lief nicht weg. Wo hätte er auch hingehen sollen? Sie würden ihn sowieder erwischen und noch weiter erniedrigen.

Elisa sah die Angst in seinen Augen. Er schien begriffen zu haben, dass die geplante Tat nichts Gutes hervorgebracht hätte. Unerklärlicherweise war sie gerührt. Nun sah sie nichts als einen Jungen, der keine Gefahr mehr darstellte. Sie ging einen Schritt auf den Mann zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Er hat mich nicht verletzt“, sagte sie, „noch nicht mal, als ich ihn wegstieß.“

„Aber er hätte es tun können.“

„Nein, er wollte auf das Schild losgehen.“ Sie drehte sich um und las laut vor, was dort stand. Es war ein ganz normales Schild, das die Gottesdienste ankündigte und den Namen des Pastors bekannt gab. Nur der allerletzte Satz war auf Spanisch, und das war sehr ungewöhnlich. „Todo el Público es Bienvenido a los Servicios de La Iglesia Comunitaria de Shenandoah.“ Die Shenandoah Community Church heißt alle zu ihren Gottesdiensten willkommen.

Sie schüttelte den Kopf. „Sie heißen alle willkommen? Auch die lateinamerikanische Bevölkerung? In ihrer Sprache? Das ist eine großartige Geste, aber sie ist sicher sehr umstritten. Hier gibt es bestimmt Menschen, denen es lieber wäre, wenn wir woanders hingingen?“

„Jesus hatte das gleiche Problem“, antwortete der Mann.

Elisa drehte sich wieder zu dem Jungen um: „Aber es tut dir leid, oder? Weil ich nicht glaube, dass du das wirklich denkst, oder doch? Du hast heute einen Fehler gemacht.“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe und neigte den Kopf.

Der Junge schob seine Hände in die Hosentaschen und streckte seine Schultern zurück. Er wirkte, als wolle er dagegen argumentieren, aber dann sank er wieder in sich zusammen. „Ja, stimmt schon.“

„Stimmt schon?“, forderte ihn der Mann heraus. „Dein Vater ist hier Diakon, Leon.“

„Ach ja? Er hasst das Schild noch mehr als ich.“

„Aber du bist alt genug, um dir selbst eine Meinung zu bilden.“ Wie die des Jungen wurde die Haltung des Mannes entspannter. „Soll ich das deinem Vater erzählen oder tust du es?“

„Er kann Sie nicht ausstehen.“

Am Kinn des Mannes zuckte ein Muskel. „Falls irgendetwas mit diesem Schild geschieht, gehe ich zur Polizei. Du kannst deinen Freunden sagen, dass sie von der Kirche wegbleiben sollen, es sei denn, sie möchten hier an unseren Aktivitäten teilnehmen. Dann sind sie willkommen. Wenn ich sie beim ersten Anzeichen von Vandalismus hier auf dem Grundstück erwische, unterhalte ich mich ein bisschen mit ihren Eltern und mit deinen auch. Verstanden?“

Der Junge nickte kurz.

Der Mann machte eine Bewegung in Richtung der Frauen, die die Szene aus der Nähe beobachtet hatten. „Du hast einen weiten Weg. Ich schlage vor, du gehst schon mal los. Keine der Ladies hier hat vor, dich nach Hause zu fahren.“

Der Junge machte sich schnell auf den Weg, den Elisa gerade erst zurückgelegt hatte.

Erst dann sah der Mann sie an, und Elisa hatte zum ersten Mal die Gelegenheit, ihn in Augenschein zu nehmen. Er war groß und breitschultrig und hatte dunkle Haare, die aussahen wie gerösteter Kaffee. Das fesselndste Merkmal seines wirklich attraktiven Gesichts waren seine Augen, die immer noch vor Wut blitzten. Sie waren von einem intensiven Blau.

„Danke.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen. „Sam Kinkade. Ich bin der Pastor.“

Das hatte sie bereits erraten. Sie streckte die Hand aus. „Elisa Martinez. Ich hoffe, ich bin Ihre neue Küsterin.“

Sie sahen einander ein wenig länger in die Augen als üblich. In diesen überraschend aufregenden Sekunden warnte sie sich vor hundert verschiedenen Dingen. Der Vorfall mit den Jungs hatte sie richtig durchgeschüttelt und sie fühlte sich sehr verletzlich. Dieser Mann könnte ihr neuer Arbeitgeber sein. Sie war einsam und machte sich Sorgen, ob sie den Job bekommen würde. Dass er von der Polizei gesprochen hatte, ängstigte sie. Durch ihren Körper strömte Adrenalin.

Und dennoch, wenn sie all diese Dinge ausblendete und ihre in langen Jahren antrainierte Vorsicht berücksichtigte, war sie von Sam Kinkade sehr beeindruckt. Ebenso kam ihr die Tatsache in den Sinn, dass sie sich nicht den kleinsten amourösen Streifzug leisten konnte.

„Nun machen Sie schon, Pastor, und stellen Sie sie gleich ein“, forderte eine der Frauen, die älteste, als sie näher kam. „Was brauchen Sie noch, um zu glauben, dass sie den Job machen wird? Ein Zeugnis, das der Allmächtige unterschrieben hat?“

2. KAPITEL

Sam drehte sich zu der alten Frau um und zwang sich zu einem Lächeln. Seine Wut verflog allmählich. Er ließ er sich zwar nicht leicht provozieren, aber auch er musste sich erst wieder beruhigen. „Danke, Helen. Ich werde Ihre Empfehlung bei meiner Entscheidung berücksichtigen.“

„Machen Sie das, und versuchen Sie nicht, mich hinters Licht zu führen. Ich habe alles gesehen. Wir könnten hier jemanden gebrauchen, der die Dinge in die Hand nimmt. Wenn sie mit dieser Bande Halbstarker fertig wird, dann wird sie sich wohl kaum vor ein bisschen Schmutz fürchten.“

Sam ging hinüber, legte seinen Arm um Helen Henrys Schultern und lenkte sie zurück in Richtung Kirche, was kein leichtes Unterfangen war. Sie war eine große Frau in den Achtzigern, aber trotz ihres hohen Alters war sie noch rüstig genug, allein zu leben und sich selbst zu versorgen. In der Gemeinde war es sehr viel langweiliger gewesen, bevor sie angefangen hatte, regelmäßig zur Kirche zu kommen. Sie organisierte die Quiltgruppe und stand dem „Bienenstock“ vor.

Manchmal aber sehnte sich Sam nach etwas Langeweile zurück.

„Wie läuft es mit Ihrem Quilt?“ Er wusste, dass sie auf dieses Thema ansprang. Auch die anderen Frauen bewegten sich zurück in das Gemeindehaus. Er ging zu Kate Brogan, die zwanzig Meter von den anderen entfernt stand. Dann nahm er ihr den um sich schlagenden Rory ab und stemmte den Jungen auf eine Hüfte, damit Kate sich wieder um die schüchterne Bridget kümmern konnte.

Sam hielt einen Moment lang inne und wandte sich dann wieder Elisa Martinez zu, die noch genau dort stand, wo er sie hatte stehen lassen. Er war, wie auch schon auf den ersten Blick, plötzlich davon erschüttert, wie grazil und anziehend sie war. Sie war nicht besonders groß, schlank und trug eine einfache weiße Bluse und eine schwarze Hose. Ihre glänzenden schwarzen Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihr bis über die Schultern reichte. Ihre Haut war karamellbraun und ihre Augen so dunkel und ausdrucksvoll, dass er jedes Mal, wenn er Elisa ansah, glaubte, in sie hineinfallen zu müssen.

Er bemühte sich um Haltung. „Macht es Ihnen etwas aus, hineinzugehen? Wir setzen uns für das Vorstellungsgespräch in mein Arbeitszimmer.“

Cathy Adams, eine der Quilterinnen, wartete darauf, Elisa folgen zu können. Als er sah, dass sie hinter ihnen herkam, überquerte er den Parkplatz und den Spielplatz, um dann in das Nähzimmer zu gehen. Er setzte Rory auf einen Stuhl in der Ecke, nachdem er mit ihm ein Gespräch unter Männern über Ninjas und Vorschlaghämmer geführt hatte. Sam sprach kurz ein paar Worte mit jeder der Frauen, bewunderte aufrichtig den Quilt, der immer noch auf dem Rahmen aufgezogen war, und bedeutete Elisa dann endlich, ihm nach oben ins Büro zu folgen.

Sam bekam ein wenig bessere Laune, nachdem er die Tür des Nähzimmers geschlossen hatte und die Treppe hinaufging. Elisa folgte ihm schweigend.

Auf der Treppe zum Arbeitszimmer fing Sam an zu sprechen. „Kein Schild der Welt ist es wert, seine Gesundheit zu riskieren.“

„Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“

Er fragte sich, ob das stimmte oder sie es sehr wohl wusste und nur nicht wahrhaben wollte. Er schloss auf und bat sie herein. Wie üblich ließ er die Tür offen stehen. Sam mochte keine abgeschlossenen Räume, und heute war die Gemeindesekretärin, die normalerweise nebenan arbeitete, verreist.

„Es tut mir leid, dass Ihr erster Besuch unserer Kirche einen so unschönen Auftakt hatte.“ Sam deutete auf das Ledersofa, das vor den beiden großen Fenstern stand. Von dort aus hatte man einen schönen Blick auf den Rosengarten. Während er sich setzte, bemerkte er, dass er die Schubkarre, die er gestern benutzt hatte, um Kompost auszubringen, im Garten stehen gelassen hatte. Er nahm sich vor, sie später wegzuräumen, und fragte sich, warum er vermied, Elisa anzusehen. Es war ihm nicht unangenehm, mit Frauen in einem Raum zu sein. Seine Verlobte Christine, die vor Sexappeal und Weiblichkeit nur so strotzte, hatte in ihm nie diese Befangenheit ausgelöst.

„Mir sind schon öfter Vorurteile begegnet“, begann Elisa das Gespräch.

„Das tut mir leid.“ Er zwang sich, sie anzusehen. „Unter normalen Umständen hätte es wohl Widerstände gegeben, aber wie Sie vielleicht wissen, scheinen lateinamerikanische Gangs auch hier in der Gegend ihr Unwesen zu treiben. Im friedlichen, verschlafenen Shenandoah County.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das hat Reaktionen ausgelöst.“

Sie lächelte sanft. „Lassen Sie uns über etwas sprechen, das Sie nicht traurig macht – oder Sie sich schuldig fühlen lässt.“

Er entspannte sich ein wenig. „Eistee.“

„Eistee als Gesprächsthema?“

„Möchten Sie ein Glas?“

„Ja, sehr gern, wenn es nicht zu viele Umstände macht.“

Sam war dankbar, etwas tun zu können. Er ging in die Küche und kam einige Minuten später mit zwei Gläsern zurück. „Die Angestellten schütten ihn literweise in sich hinein. Wer das letzte Glas trinkt, muss einen neuen Krug machen.“

Sie nahm das Glas und trank. „Das könnte ich machen.“

Er hatte sich bereits Gedanken darüber gemacht, wo er sich hinsetzen sollte. Sie hatte ihm mehr als die Hälfte des breiten Sofas überlassen. Außerdem stand ein Tisch genau davor, wo er sein Glas abstellen könnte. Er hatte keine andere Wahl.

Er machte es sich auf seiner Hälfte bequem. „Also …“ Sam überlegte, wie er das Gespräch beginnen sollte.

Sie nahm ihm diese Aufgabe ab: „Elisa Martinez, dreiunddreißig. Wie alle Spanisch sprechenden Freunde, die ich hier habe, gehöre ich keiner Gang an. Ich kenne mich aus mit Putzmitteln, Wischmops, Besen und der Notwendigkeit, dass die Urinale in den Herrentoiletten häufiger gereinigt werden müssen als die Damentoiletten. Ich arbeite als Nachtschwester im Alters- und Pflegeheim ‚Shadyside‘ in Woodstock. Aber letzte Woche wurden meine Schichten auf zwei reduziert, weil die Schwester, die ich ersetzt habe, aus dem Mutterschutz zurückgekommen ist. Wenn Sie mich einstellen, verspreche ich Ihnen, dass diese Tätigkeit nicht mit meiner Arbeit hier in der Kirche kollidieren wird. An einigen Tagen kann ich hier sofort nach meiner Nachtschicht anfangen.“

Er sagte nichts, und sie sprach einfach weiter: „Meine Vorgesetzte schreibt gern ein Zeugnis oder spricht mit Ihnen persönlich.“

Sam hatte schon festgestellt, dass sie genauso gut Englisch sprach wie er, obwohl sie einen kaum wahrnehmbaren Akzent hatte. Sie zog die Vokale ein wenig in die Länge, was ihnen etwas Melodiöses gab, das „R“ kippte ein wenig und sie sprach ein wenig förmlicher, was er charmant fand. Als Arbeitgeber musste er ihr die nächste Frage stellen. „Sind Sie hier geboren?“

Sie schüttelte den Kopf. „In Mexiko. Ein kleines Dorf im Süden.“

„Haben Sie die amerikanische Staatsbürgerschaft?“

Elisa griff in ihre Hosentasche und förderte einen Personalausweis mit ihrem Namen und ihrem Foto zutage. „Eine Aufenthaltsgenehmigung. Meine Fast-Greencard.“

Er überflog den Ausweis und nickte dann. Sie nahm ihn wieder an sich und schob ihn zurück in die Tasche. Dann wartete sie.

„Es ist schwere Arbeit.“ Er setzte sich auf und griff nach dem Teeglas. „Man muss viel heben. Sie müssten für Sitzungen und Veranstaltungen die Tische und Stühle aufstellen und wieder abbauen. Und es finden hier in der Kirche viele Veranstaltungen statt. Das kommt noch zusätzlich zum Putzen und zu kleineren Reparaturen dazu. Es ist anstrengend, es sind viele Arbeitsstunden und die Bezahlung ist nicht besonders.“

„Das ist schon in Ordnung. Ich hebe die Patienten ins oder aus dem Bett, ich schiebe die Krankenbetten, manövriere Rollstühle Hügel hinauf. Ich bin an körperliches Arbeiten gewöhnt.“

Sam ließ seinen Blick unauffällig über Elisas schlanken Körper gleiten. Bis auf die sanften Kurven ihrer Brüste und Hüften schien sie nur aus Muskeln zu bestehen.

„Haben Sie ein Auto, Elisa?“

Sie setzte sich ein wenig aufrechter hin, und er wusste, dass sie auf diese Frage gewartet hatte. „Ich besitze kein Auto, nein. Aber ich habe zwei gesunde Beine und im Park Freunde, die ein Auto haben.“

„Im Park?“

„Ich wohne im ‚Ella Lane Mobile Home Park‘, dem Trailer Park in der Nähe des Pflegeheims. Ich wohne bei einer Freundin und ihren beiden Kindern. Adoncia hat einen Wagen und die anderen dort auch. Meistens kann ich eine Mitfahrgelegenheit organisieren.“

Sam überschlug die Entfernung. Es waren mindestens zwei Kilometer bis zur Kirche, wahrscheinlich sogar mehr. Er wollte gerade den Kopf schütteln, als sie ihn mit einer Handbewegung bremste.

„Heute bin ich gelaufen, obwohl es nach einem Wolkenbruch aussah. Ich bin nicht zu spät gekommen, und ich war auch nicht zu müde, um den Sohn Ihres Diakons zur Rede zu stellen. Wäre Ihnen ein Küster mit Auto und ohne Arbeitsmoral lieber als ein entschlossener Küster ohne Auto?“

Er lehnte sich zurück. Er trank seinen Tee und betrachtete sie.

Sie spielte mit ihrem Glas – es war noch fast ganz voll –, dann lehnte sie sich vor. „Mir macht es nichts aus, bis spät abends zu arbeiten, und genauso wenig stört mich schwere Arbeit. Ich tratsche nicht und ich jammere nicht.“ Sie setzte sich wieder auf. „Außerdem weiß ich, wann ich meinen Mund halten soll. Ich bin umgänglich.“

Sam dachte sich, dass der letzte Teil der schwierigste sein würde. Er war sich der Anwesenheit dieser Frau bereits beunruhigend bewusst, und er hatte sie doch erst kennengelernt. Er befand sich in dem Dilemma, zu tun, was das Gesetz vorschrieb – in diesem Fall die am besten geeignete Person für die freie Stelle auszuwählen – oder seinem Instinkt zu folgen und der Versuchung aus dem Weg zu gehen. Es spielte dabei überhaupt keine Rolle, wie sicher er sich war, ihr widerstehen zu können.

„Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt“, teilte er ihr mit, um Zeit zu gewinnen. „Wir haben hier ein neues Angebot, was wahrscheinlich auch der Grund war, dass die Jungs sich aufgeregt haben, denn das Schild steht dafür. Es bedeutet Mehrarbeit für den Küster.“

Erst jetzt trank sie einen großen Schluck Tee. Ihre Selbstbeherrschung war ihm schon aufgefallen. Sie musste nach dem langen Marsch in der Hitze schrecklich durstig gewesen sein. „Erzählen Sie mir davon“, sagte sie, nachdem sie getrunken hatte.

„Ich zeige es Ihnen.“ Er drehte sich zum Fenster und spähte hinaus. „Normalerweise würde ich Ihnen zuerst die Kirche zeigen, aber die ist recht schlicht. Ein Altarraum und der Gemeindesaal, Kursräume und Versammlungssäle. Lassen Sie uns gleich losgehen, bevor der Regen anfängt. Dann sorge ich dafür, dass Sie jemand nach Hause fährt.“

„Ich …“

Er ließ sie den Satz nicht zu Ende sprechen. „Die Quilterinnen werden wohl fertig sein, wenn ich Ihnen alles gezeigt habe. Jemand wird Sie sicher gern fahren.“

„Reverend Kinkade, es wird nicht Ihre Aufgabe sein, für mich eine Fahrgelegenheit zu organisieren. Das ist zwar vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber es ist meine Kleinigkeit.“

Er stand auf. „Nennen Sie mich Sam. Trinken Sie Ihren Tee aus oder nehmen Sie ihn mit. Es ist nicht weit.“

Elisa spürte die ersten Regentropfen, als sie aus dem Gebäude durch den Rosengarten gingen.

„Diese Rosen mögen die Feuchtigkeit gar nicht“, sagte Sam. „Ich verwende natürliche Pflanzenschutzmittel, damit sie nicht von Parasiten befallen werden, aber es regnet immer, wenn ich sie damit besprühen will. Und wenn ich sprühe, dann regnet es am nächsten Tag wieder und wäscht alles ab.“

„Sie kümmern sich um die Rosen?“

Er lächelte sie an. Es war ein freundlicheres Lächeln, als sie es bisher von ihm kennengelernt hatte, aber er wahrte dennoch eine gewisse Distanz. Wenn er jetzt Grenzen setzte – und so interpretierte sie sein Verhalten –, dann überlegte er vielleicht tatsächlich, sie einzustellen.

„Es gehört nicht zu meiner Stellenbeschreibung, aber ich habe dem Gebäude- und Grundstückskomitee versprochen, dass ich mich um die Rosen kümmere, wenn es mir beim Bau und der Bepflanzung des Parkplatzes hilft. Im Garten finden Hochzeiten statt. Im Juni und September ist hier sehr viel los, aber meistens erfreue nur ich mich an den Rosen. Sagen Sie es keinem weiter …“

Sie war erleichtert zu hören, dass der Küster sich nicht um die Rosen kümmern musste, aber dabei fiel ihr etwas anderes ein. „Wird vom Küster erwartet, im Freien zu arbeiten?“

„Unser derzeitiger Küster Marvin beginnt jeden Morgen damit, draußen Ordnung zu schaffen, den Müll und solche Dinge einzusammeln. Für den Rasen und das Laub im Herbst haben wir eine Gartenbaufirma engagiert. Einer unserer Diakone …“ Er lachte ironisch. „Sie erinnern sich an Leon Jenkins, den Jungen mit dem Vorschlaghammer? Seinem Vater gehört ein Gartenbaubetrieb. Er macht uns einen Sondertarif, was wahrscheinlich bedeutet, dass seine Männer weniger verdienen, wenn sie hier arbeiten, sodass er selbst keine Einbußen hat. Seine Truppe wechselt von Woche zu Woche. Wahrscheinlich engagiert er jeden, den er kriegen kann, und bezahlt die Leute unter der Hand.“

„Schwarzarbeiter?“

„Nehme ich an. Unser Vorstand findet, dass das seine Sache ist, und George beteuert immer wieder, dass mit den Papieren seiner Arbeiter alles in Ordnung sei.“

Das hörte sich nicht so an, als sei er der gleichen Meinung. Bewusst wechselte Elisa das Thema. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu sagen, warum Marvin Sie verlässt? Natürlich nur, wenn es nichts mit der Stelle zu tun hat.“

„Es ist ganz einfach: Er hat einen besser bezahlten Job. Im Moment macht er beides, aber seine Arbeit hier in der Kirche leidet darunter. Wir suchen jemanden, der sich sofort einarbeitet.“ Er sah sie an. „Könnten Sie sofort anfangen?“

„Das würde gehen.“

Bisher hatte sie ihm bereitwillig zugehört, jetzt aber merkte sie, wie ihre Aufmerksamkeit schwand, je näher sie ihrem Ziel kamen. Sie war aufgeregt, als sie das alte Farmhaus sah, das zitronengelb gestrichen war. Es lag einige hundert Meter nordöstlich der Kirche. Ein schmaler Kiesweg schlängelte sich von der vorderen Veranda durch einen kleinen Eichen- und Ahornhain zur Straße, sodass es sich dem Betrachter erst zeigte, wenn er direkt davor stand. Das Haus selbst stand auf einer Wiese, auf der Schleierkraut, leuchtend blaue Wegwarten, Dahlien und Löwenzahn farbenfroh um die Wette blühten. Es sah wunderhübsch aus.

Elisa war das Haus schon vorher aufgefallen. Sie hatte einmal am späten Abend davorgestanden und versucht, sich seine Geschichte und seine Bewohner vorzustellen. An diesem Abend vor einigen Monaten, war das Haus noch grau gewesen und hatte sehr verfallen ausgesehen. Nun war eine stolze Butterblume aus ihm geworden. Direkt davor stand ein Schild.

La Casa Amarilla“, las sie laut, „das ist ein guter Name. Auf alle Fälle für ein gelbes Haus.“

„Was meinen Sie? Haben wir es vielleicht mit der Farbe übertrieben?“

Sie starrte das Haus an und fand es sehr einladend. „Es wirkt wie ein glückliches Haus. Haben Sie das bezweckt?“

„Genau.“ Er stand neben ihr und sah zum Dach hinauf. „Früher war es das Pfarrhaus. Erzählen Sie es nicht weiter, aber es gefällt mir besser als das, in dem ich lebe. In den Fünfzigern, als die Kirche mein Haus baute, wollte jeder ein modernes Haus mit drei Schlafzimmern haben. Farmhäuser mit Geschichte und Charakter entsprachen nicht mehr dem allgemeinen Geschmack und mussten kleinen Backsteinkästen mit winzigen Fenstern und Klimaanlagen Platz machen.“

„Ich bin mir sicher, dass jemand Ihre Klimaanlage ausbauen würde, wenn sie Sie stört.“

Er lachte kurz auf. „Das würde ich nie tun.“

Die Regentropfen, die zunächst nur zaghaft getröpfelt waren, fielen nun heftiger. Er legte seine Hand auf ihren Arm und stupste sie vorwärts. „Lassen Sie uns hineingehen.“

Das Haus war schmal, aber die vordere Veranda war tief genug, um einigen Schaukelstühlen Platz zu bieten. Sie stellte sich vor, wie man hier früher in der Abenddämmerung zusammengesessen hatte. „Sie haben mir noch nicht gesagt, wofür Sie dieses Haus jetzt nutzen.“

„Abgesehen davon, dass wir mit unterschiedlichen Gelbtönen experimentieren?“

„Ja, abgesehen davon.“

Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche, der die Größe eines Tennisballs hatte. Dann öffnete Sam die Tür und ging etwas zurück, um sie eintreten zu lassen. „Sehen Sie selbst.“

Sie trat ein und wartete. Er ließ die Tür offen stehen – um frische Luft hineinzulassen, wie sie annahm – und schaltete einige Lichtschalter an, die die Räume erleuchteten. Der vordere Raum, der sich hinter der winzigen Haustür verbarg, war klein, aber sehr gemütlich mit Sofas und Sesseln eingerichtet, die alle leuchtend rote Überwürfe hatten.

An einer Wand standen drei Tische mit Computern darauf, die noch sehr neu aussahen. Auf dem alten Dielenboden lag ein runder Flickenteppich. An den Wänden hingen Poster, auf denen Vokabeln witzig illustriert waren.

„Das Wetter, Flaggen aus Europa, die Uhr …“ Sie ging die Wand entlang und betrachtete jedes Poster. „Farben … Jahreszeiten, Gegensätze. Ich mag dieses Bild hier.“ Sie deutete auf eine Illustration von Tieren auf dem Bauernhof, die alle lustige Hüte trugen. „Aber denken die Kinder dann nicht, dass Kühe immer Baseballkappen tragen?“

„Ich hoffe nicht.“

Sie lächelte zurück. „La Casa Amarilla. Sie unterrichten Spanisch sprechende Kinder in Ihrer Sprache?“

„Wir machen noch mehr. Aber das erzähle ich Ihnen gleich.“

Sie folgte ihm in die Küche. Der Raum war groß und in der Mitte befand sich ein großer runder Kieferntisch, um den sechs unterschiedliche Stühle herumstanden. Alle hatten sie ein grünes Sitzkissen. Auf dem Tisch stand ein Plastikbehälter mit Farben, Stiften und Pinseln. Elisa nahm einen Filzstift in die Hand – einer von Dutzenden in verschiedenen Farben. „Der Kunstraum?“

„Auch der Raum für Pausen und das Klassenzimmer, in dem wir Ernährungskunde unterrichten. Kommen Sie, schauen Sie sich das Esszimmer an.“

Hier wurde nun nicht mehr gegessen. Vier kleine Tische füllten den Raum aus, an jedem hatten vier Stühle Platz. An den Wänden und unter den Fenstern befanden sich Regale voller Bücher. Manche sahen neu aus, andere, als seien sie vom Flohmarkt.

Sam stand mit verschränkten Armen im Türrahmen, als Elisa sich die Titel anschaute. Sie nahm ein Buch aus dem Regal und blätterte es durch, als er wieder zu sprechen begann.

„Eines unserer Gemeindemitglieder arbeitet in der lokalen Schulverwaltung. Es erzählte mir eines Tages, wie benachteiligt Spanisch sprechende Kinder sind, wenn sie hier in die Schule kommen, und dass es jedes Jahr mehr werden. Die Schulen tun, was sie können, aber das reicht nicht. Diese Schüler, so klug sie auch sein mögen, können nicht mit den anderen mithalten, wenn sie nicht unterstützt werden. Was die Sprache und die Kultur angeht, müssen sie besonders gefördert werden.“

„Also haben Sie sich entschlossen, das zu tun?“

„Wir haben in der Gemeinde darüber diskutiert, was wir mit diesem Gebäude machen sollen. Unsere alte Gemeindesekretärin hat hier bis vor wenigen Jahren gelebt, und seitdem stand das Haus leer. Einige Leute wollten es abreißen lassen und darauf ein Mietshaus für vier Parteien bauen, um der Kirche eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Andere wollten Haus und Grundstück verkaufen. Und natürlich waren wiederum andere Leute der Meinung, es müsse bewahrt werden, schon wegen der historischen Bedeutung.“

„Historische Bedeutung?“, fragte sie neugierig und war erstaunt, wie viel er wusste.

„Es ist ein sehr altes Haus. Es stand schon vor dem Bürgerkrieg und wurde bis in die Dreißigerjahre von seinen ursprünglichen Besitzern und ihren Nachkommen bewohnt. Dann verkauften sie ihre Farm, und auf ihrem Kornfeld wurde die Kirche gebaut.“

Sie war froh, sehr froh, dass die bauwütigen Gemeindemitglieder nicht gewonnen hatten. „Und Sie gehörten zu denen, die das Haus nicht abreißen lassen wollten?“

„Ich konnte den Gemeinderat davon überzeugen, dass das Haus am besten genutzt wird, wenn wir es den Schülern hier im Ort zur Verfügung stellen.“

Elisa dachte kurz an den Vorfall mit den Teenagern und nahm an, dass das kein leichter Kampf gewesen war, der sicherlich einige Opfer gefordert hatte. Aber Sam wirkte wie ein Mann, der stark und entschlossen genug war, um derartigen Konflikten standzuhalten. „Und? Waren Sie bisher erfolgreich?“

„Wir eröffnen das Haus erst, wenn die Schule wieder beginnt. Wir haben mit der Stadtverwaltung gesprochen und die Verantwortlichen haben uns versprochen, den Kontakt zu den Familien herzustellen, die unsere Hilfe brauchen könnten. Die Schulen werden dafür sorgen, dass die Kinder in Schulbussen hergefahren werden, wenn die Eltern dafür Einverständniserklärungen unterzeichnet haben. Wir haben zwei Kleinbusse als Spenden erhalten, um die Kinder am Nachmittag wieder nach Hause fahren zu können. Außerdem haben wir ungefähr ein Dutzend Kursleiter und Lehrer, die sich in der Betreuung abwechseln. Eine katholische Nonne hat sich bereit erklärt, sich um die Organisation zu kümmern. Ein presbyterianischer Pastor, der in Rente ist, wird die Fahrdienste koordinieren und für die Kommunikation mit den Eltern sorgen.

Sie war beeindruckt. „So viele verschiedene Glaubensrichtungen?“

„Es ist zwar unser Gebäude, aber es ist ein Projekt der gesamten Gemeinde. Sie hätten mal sehen sollen, wie viele Menschen hier waren, als es darum ging, das Haus zu streichen. Leute standen auf dem Dach, andere rissen die alten Büsche aus dem Garten, Menschen schrubbten die Böden.“ Ihm schien sein plötzlicher Enthusiasmus bewusst zu werden. „Entschuldigen Sie bitte, mir liegt dieses Projekt sehr am Herzen.“

„Sprechen die Kursleiter Spanisch?“

„Leider spricht kaum jemand wirklich gut. Wir hoffen, dass sich das ändert, je mehr die Gemeinde involviert ist. Ich selbst lerne fleißig Spanisch, und wenn ein Kind mich fragt, wo die Toilette ist, kann ich es ihm bereits in seiner Sprache sagen. Mehr ist leider noch nicht drin, aber eigentlich geht es ja sowieso eher darum, den Kindern Englisch beizubringen.“

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, sagte sie: „Puedo ayudar cuántas veces me necésiten.“ Sie lehnte sich vor, um das Buch wieder an seinen Platz zurückzustellen.

„Mein Spanisch scheint doch besser zu sein, als ich dachte. Sie haben doch gerade gesagt, dass sie mein Haar grün färben möchten und mich dann als Bauchtänzer engagieren wollen, nicht wahr?“

Sie lachte. „Ich habe gerade gesagt, dass ich jederzeit helfen könnte, wenn Hilfe gebraucht wird. Ich glaube, Ihr Projekt ist beispielhaft. Aber es wird Zeiten geben, wo bruchstückhaftes Spanisch und ein guter Wille nicht ausreichen. Es würde mir Spaß machen, zu übersetzen.“

„Seien Sie vorsichtig, was Sie da sagen. Wir nehmen solche Angebote alarmierend häufig an.“

Sie richtete sich auf. „Gehört es zur Aufgabe des Küsters, La Casa zu putzen?“

„Nur das Gröbste, mehr können wir uns nicht leisten. Die Ehrenamtlichen werden ihren Teil beitragen und auch ich werde ein wenig helfen. Selbst das bisschen, das der Küster bisher gemacht hat, geht über seine eigentliche Aufgabe hinaus, und Sie haben den Rest noch nicht gesehen … Es gibt hier viel zu tun, Elisa.“

Sie hatte noch keine Zusage für den Job, das wusste sie, und sie fragte sich, wie sie ihn überzeugen könnte. „Wenn ich ein Mann wäre, würden Sie mich dann auch so häufig auf die Schwierigkeiten hinweisen, Sam?“

„Nein.“

„Dann sollten Sie es auch jetzt lassen. Ich will den Job, und ich bin belastbar. Und ich habe sehr gute Zeugnisse. Ich hoffe, das werden Sie berücksichtigen, wenn Sie Ihre Entscheidung treffen.“

Er warf einen Blick auf die Uhr. „Ich sehe mal, ob ich jemanden finde, der Sie nach Hause fahren kann. In einigen Stunden werden der Partyservice und Horden von Freiwilligen ankommen. Heute Abend gibt es hier eine mexikanische Fiesta, um Spenden für La Casa zu sammeln. Der Zeitpunkt ist ein bisschen unglücklich, weil heute ein Wochentag ist, und wenn es weiter so regnet, könnte es ganz schön chaotisch werden … Seien Sie froh, dass Sie sich vor den Vorbereitungen drücken können – ich wünschte, ich könnte das auch.“

Sie folgte ihm hinaus, und er schloss hinter ihnen ab. Sie hatte behauptet, sie wisse, wann sie den Mund halten müsse, und das tat sie nun. Sie sagte nichts, und auch er schwieg. Sie hoffte, er würde die Stille nutzen, um sich noch einmal die Vorzüge klarzumachen, die sie für die Stelle mitbrachte.

Als sie sich wieder dem Gemeindehaus näherten, kamen gerade die Quilterinnen auf den Parkplatz hinaus. Sam hielt kurz vor dem asphaltierten Gelände an.

„Müssen Sie heute Abend im Altersheim arbeiten? Oder haben Sie frei und könnten gegen halb sieben wiederkommen, um mit Marvin zu sprechen und ihm ein wenig über die Schulter zu sehen?“

„Heute Abend arbeite ich nicht. Ich werde da sein.“

„Wir sprechen noch einmal, wenn Sie sich alles in Ruhe angesehen haben und ich Zeit hatte, mit anderen Bewerbern zu sprechen.“

Zum ersten Mal spürte Elisa Hoffnung, sie würde die Stelle bekommen. Nur eine kleine Stimme in ihrem Inneren reagierte ironisch: der Teil von ihr, der nicht sofort zusammenzuckte, wenn Elisa Martinez gezwungen war, eine Entscheidung zu treffen.

Einige Meter vor ihnen stieg eine Frau in einem blauen Sommerkleid aus dem Wagen. Sam erkannte sie und winkte. „Das ist Tessa MacRae, die Enkelin von Helen. Helen ist die ältere Frau, die darauf bestanden hat, dass ich Sie einstelle. Ich werde Tessa fragen, ob sie Sie nach Hause fährt. Sie macht es sicherlich gern.“

Elisa hatte bereits gesagt, was sie von dieser Idee hielt. Er versuchte sich um sie zu kümmern, und sie würde irgendwann mit ihm darüber sprechen müssen. Aber ihm Moment war sie nicht gerade unglücklich darüber, nach Hause gefahren zu werden. Der Regen hatte zwar inzwischen aufgehört, aber sie befürchtete, dass sei nur die Ruhe vor dem Sturm.

Sam ging über den Parkplatz. Elisa folgte ihm und versuchte, einen großen Bogen um die Pfützen zu machen, bis sie neben Helen und ihrer Enkeltochter stehen blieben. Tessa bewunderte den Quilt, den Elisa zuvor schon auf dem Rahmen im Nähzimmer gesehen hatte.

Sam begrüßte beide Frauen und küsste Tessa auf die Wange, bevor er ihnen Elisa vorstellte. „Elisa ist von ‚Ella Lane‘ hierher gelaufen, und sie besteht darauf, nicht nach Hause gefahren zu werden. Ich bin da anderer Meinung. Würde es dir etwas ausmachen, sie mitzunehmen?“

Elisa unterbrach ihn: „Nur wenn es wirklich keine Umstände macht. Ich möchte niemandem zur Last fallen.“

„Ich fahre Gram nach Woodstock zum Einkaufen. Ich bin sicher, wir kommen direkt bei Ihnen vorbei“, sagte Tessa.

Elisa mochte Tessas tiefe, gedämpfte Stimme. Sie war eine attraktive Frau mit braunem Haar, das ungefähr so lang war wie Elisas, und einem schmalen Gesicht mit hohen Wangenknochen. Tessa sah müde aus und während sie auf dem Parkplatz standen, legte sie die Hände ins Kreuz, als wolle sie entspannen. Da erst sah Elisa, dass sie schwanger war. Ihr weites Kleid, das von ihren Schultern herabfiel, hatte ihren Bauch verborgen.

Bevor noch jemand etwas sagen konnte, brauste ein Wagen auf den Parkplatz und parkte in einer Lücke etwas weiter entfernt. Elisa hatte sich nie für Autos interessiert, sie konnte kaum eine Marke von der anderen unterscheiden. Aber sogar ihr fiel auf, dass dies ein Sportwagen war: tiefer gelegt und elegant. Die Tür ging auf und ein schlankes Bein wurde sichtbar, danach folgte ein dazu passender Körper.

Die Frau, die aus dem Wagen stieg, war fast so groß wie Sam. Ihre dunkelroten Locken fielen ihr über die Schultern, ihr strahlendes Lächeln war sorgfältig geschminkt und sie trug weiße Shorts, die ein wenig zu knapp waren. Schon bevor sie das Grüppchen erreicht hatte, nahm Elisa den Duft ihres Parfums wahr, das sehr teuer gewesen sein musste. Nichts an dieser Frau war billig, auch wenn sie ein wenig mit diesem Flair spielte.

„Sam.“ Die Frau ging zu ihm hinüber und küsste ihn. Der Kuss war nicht lang genug, um für die Umstehenden peinlich zu sein, aber eindeutig genug, um deutlich zu machen, dass die beiden ein Paar waren. „Ich habe ein Taxi bis Chevy Chase genommen und mir Jennys Schlitten geliehen, damit ich mir keine alte Schüssel am Flughafen mieten musste. Du erinnerst dich doch an Jenny O’Donnell? Die Tochter von Senator O’Donnell?“

Sie ließ ihm keine Zeit, darauf zu antworten, sondern drehte sich zu den anderen um. „Ich bin Chris-tine Flet-cher.“ Sie gab Tessa und danach Helen die Hand. „Ich bin Sams Verlobte.“

„Ja, wir haben uns schon kennengelernt“, sagte Helen trocken. „Ich weiß gar nicht, wie oft schon.“

„Ach, ich kann mir Gesichter und Namen einfach gar nicht merken“ säuselte Christine. Sie drehte sich zu Elisa um und streckte die Hand aus. „Aber ich bin sicher, dass wir uns noch nicht kennen. Ich hätte mich sonst an ihre wunderschönen Haare erinnert. Ich habe mir mein ganzes Leben lang gewünscht, ich hätte solche Haare.“

„Elisa Martinez.“ Elisa schüttelte Christine die Hand und spürte ihren festen Griff. Außerdem fühlte sie etwas Hartes auf ihre Finger drücken. Als Christine ihre Hand wieder zurückzog, bemerkte Elisa, dass Sams Verlobte einen schweren Ring an jedem Finger bis auf den kleinen trug. Jeder Ring war mit einem anderen glänzenden Edelstein besetzt. Elisas Blick glitt auf Christines linke Hand, wo nur ein bescheidener Brillantring auf dem Ringfinger steckte.

Elisa fragte sich, ob die Ringe etwas zu bedeuten hatten. Wie seltsam, dass sie so viele verschiedene Ringe an der Rechten, an der Linken aber nur den einen trug! Auf der einen Seite war Chris-tine Flet-cher offensichtlich reich. Auf der anderen Seite war sie mit einem Mann verlobt, dessen Einkommen relativ normal war.

„Ich bin wegen der Fiesta gekommen.“ Christine legte eine Hand auf ihre Brust, wedelte mit der anderen in der Luft herum und schwang dazu theatralisch die Hüften. „Lasst das Fest beginnen!“

„Ich werde nach Hause gehen und diesen Quilt zu Ende nähen“, sagte Helen. „Lass uns fahren, Tessa.“

Tessa wandte sich an Elisa. „Wollen wir los?“

Elisa sah zu Sam hinüber und bemerkte einerseits, dass er sie beobachtete, und andererseits, dass Christine ihn nicht aus den Augen ließ.

Tessa verabschiedete sich auch im Namen ihrer Großmutter, nahm Helens Arm und ging in Richtung Auto.

„Elisa, wenn Sie heute Abend irgendetwas wissen wollen, wen den Sie sich an mich“, sagte Sam. „Fragen Sie ein fach drauflos.“

„Das werde ich. Danke.“ Elisa folgte Tessa und Helen und war froh, entkommen zu können.

3. KAPITEL

„Also, wer ist diese Maya-Göttin, Sam?“

Sams Blick schweifte über Christines Dodge Viper. Ein solcher Wagen hatte noch nie vor seinem Pfarrhaus geparkt. „Elisa hat sich als Küsterin beworben.“

„Küsterin? Ist sie dafür nicht viel zu attraktiv?“ Sie hob eine gezupfte Augenbraue. „Da steckt doch mehr dahinter, Honey.“

Er zog sie an sich und küsste ihr Haar. Sie lehnte sich warm und weich gegen seinen Körper, der prompt auf sie reagierte. „Nicht, dass du gehässig wärst …“

„Hey, ich markiere nur mein Revier, wie sich das für eine anständige Katze gehört. Sie verdreht den Männern den Kopf. Das ist sogar dem Diener Gottes aufgefallen.“

„Der Diener Gottes ist nicht immun gegen schöne Frauen, aber er ist bereits versprochen.“

Christine streckte ihm ihr Gesicht entgegen und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Sie legte den Arm um seine Hüfte und ging mit ihm den gepflasterten Weg zum Haus hinauf. „Sie ist hübsch, aber ich mache mir keine Sorgen. Sie ist nicht dein Typ.“

„Fast wäre ich auf dich hereingefallen.“ Sam ließ es wie einen Spaß klingen, aber er musste sich eingestehen, dass er sich zu Elisa hingezogen fühlte. Das ärgerte ihn und ließ ihn seine Entscheidung, sie anzustellen, in Frage stellen.

Christine boxte ihn leicht in die Seite. „Du magst es doch, wenn eine Frau Bildung und jede Menge Stil hat.“

„Und du glaubst, das sind die Dinge, die mir zuerst an dir aufgefallen sind?“

„Was kann ich dir bieten außer Sex? Und selbst das könnte jemand anderes erledigen. Ich bin wohl keine typische Pastorengattin. Du weißt, dass Gott und ich ein Abkommen haben. Ich beschäftige mich nicht zu sehr mit ihm, wenn er mir denselben Gefallen tut. Wir kommen miteinander klar, aber wir sind keine Busenfreunde.“

„Du bist ein besserer Mensch, als du glaubst.“

„Und deswegen willst du mich heiraten? Weil ich solch einen starken Charakter habe?“

Er brauchte nicht zu antworten. Sie waren schon seit fast vier Jahren verlobt, in guten wie in schlechten Tagen. Und die schlechten Tage sprachen Bände über ihren Charakter, was ihn beeindruckte. Das wusste sie.

Er kam wieder auf Elisa zu sprechen und hoffte, dadurch zu einer Entscheidung zu gelangen. „Es waren bisher vier Bewerber für die Küsterstelle hier, und allmählich wird es knapp. Zwei Männer haben eine fragwürdige Karriere hinter sich, ein anderer nimmt die Stelle nur an, wenn wir das Gehalt deutlich erhöhen – und dann ist da Elisa, die gute Referenzen hat und bereit ist, hart zu arbeiten. Sie ist für das Vorstellungsgespräch zu Fuß aus dem Trailer Park gekommen, das sind zwei oder mehr Kilometer. Sie scheint ein entschlossener Mensch zu sein.“

„Sie wohnt wirklich in einem dieser riesigen Wohnwagen? Ständig?“

Sam überschlug, dass Elisas Zuhause ungefähr so viel gekostet haben mochte wie der Dodge Viper, den Christine sich so unbefangen geliehen hatte, doch er schluckte seinen aufkeimenden Ärger gleich wieder hinunter. „Sie ist arm. Na und? Das heißt nicht viel, Christine.“

Sie rümpfte die Nase und atmete ein. „Ich spüre, dass eine Predigt droht.“

Sie waren an der Gartenpforte angekommen. Sam hatte einen Jägerzaun um das Haus errichten lassen, damit Shadrach, Meshach und Abednego nicht auf die Straße laufen konnten. Zwei von ihnen waren Promenadenmischungen, die wahrscheinlich auch das Blut von Bernhardinern und Irischen Wolfshunden in sich hatten. Sie überschlugen sich fast, als sie den Garten betraten. Bed, ein kleiner Zwergterrier, stand einfach am Tor und kläffte unentwegt. Hinter dem Haus, in dem Sam wohnte, gab es einen großen Zwinger, in den er die Hunde einsperren konnte, wenn er nicht zu Hause war.

„Keine Predigt, das verspreche ich“, sagte Sam. „Und lass uns das Thema wechseln.“

„Ich nehme nicht an, dass du die Hunde durch etwas anderes, Feineres ersetzt hast?“

„Zum Beispiel durch einen Cockerspaniel aus weißem Porzellan?“

„Du kennst mich so gut.“

„Nicht mehr so gut, wie ich gerne würde.“

Sie stupste ihn mit ihrer Hüfte in die Seite.

Er schloss die Haustür auf. Ihr Liebesleben oder dessen Nichtvorhandensein war schon lange kein ernstes Thema mehr zwischen den beiden. Er war ein heterosexueller Mann mit ganz normalen Bedürfnissen. Sie waren ein normales Liebespaar gewesen, als sie den Hochzeitstermin festgelegt und die Einladungskarten in die Druckerei gegeben hatten. Aber der Termin war schon lange verstrichen, und seit die Einladungen auf einer Mülldeponie vor sich hin kompostierten, schliefen sie nicht mehr miteinander.

Als er darauf nicht reagierte, rieb sie ihre Hüfte stärker an seiner. „Ich bin immer bereit.“

Er schloss die Augen und konnte einen Moment lang an nichts anderes denken als an die Versuchung. Sie hatte gewusst, dass sein Körper so reagieren würde. Von der Notwendigkeit der Abstinenz war sie sowieso nicht so überzeugt wie er. „Wie kann ich den jungen Leuten in der Jugendgruppe erzählen, sie sollen ihre aufkeimende Sexualität kontrollieren, wenn ich es selbst nicht schaffe?“

„Du bist ein altmodischer Mann.“

„Wer braucht schon ein altmodisches Versprechen und einen Hochzeitstermin, um miteinander ins Bett zu gehen?“

Sie machte sich von ihm los, bis sie einander nicht mehr berührten. „Nur ganz offiziell: Ich hatte nicht vor, deiner Jugendgruppe etwas über unser Liebesleben zu erzählen. Oder über die Ermangelung dessen.“

Es war an der Zeit, das Thema zu wechseln. „Sei gewappnet. Mach dich auf was gefasst.“ Er öffnete das Tor und stellte sich in den Rahmen, um seine Hunde zu bändigen. Er glaubte, sie seien relativ gut erzogen für junge, sabbernde Hunde. Alle drei liebte er bedingungslos.

„Nette Hunde hast du.“ Christine verzog ihr Gesicht. „Haben sie draußen auch eine nette Hundehütte?“

Christines Eltern, der ehemalige Gouverneur von Georgia Hiram Fletcher und seine Frau Nola, hatten ebenfalls Hunde. Es waren zwei verwöhnte Shih Tzus, die Christine anbetete. Es war Sam durchaus klar, wie sehr sie sich von seinen unterschieden.

„Ich bin gleich zurück.“ Er pfiff nach den Hunden, die den Weg in die Küche mit riesigen Schritten zurücklegten, nachdem sie verstanden hatten, dass Christine weder Futter noch Zuneigung für sie hatte. Tatsächlich rannten Shad und Shack durch das Haus und Bed, die kaum sieben Kilo wog, folgte ihnen, so schnell sie konnte.

Wenig später kam Sam, begleitet von lautem Gejaule, aus dem Hundezwinger im Garten zurück. Zum Glück waren die Hunde zu gut erzogen, um lange Lärm zu machen.

Christine sah sich in seiner Küche um und war gerade dabei, seine Kaffeemaschine anzuschalten, als Sam hereinkam. Er öffnete alle Fenster. „Hast du schon zu Mittag gegessen?“, fragte sie.

„Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich überhaupt gefrühstückt habe.“

„Ich verhungere. Ich musste schon im Morgengrauen am Flughafen sein. Ich bin seit Ewigkeiten wach.“ Sie machte den Kühlschrank auf. „Möchtest du ein Omelett?“

„Mach dir nicht so viel Mühe. Ich habe noch etwas von gestern. Es gab eine Gemüsepfanne.“

Sie sah ihn über den Rand der Kühlschranktür hinweg an. „Du hast selbst gekocht?“

Er versuchte, nicht zu lächeln. „Hmm.“

Sie sah ihn mit riesengroßen Augen an. „Ich mache uns Omeletts.“

Sam war mit dem, was er kochte, immer zufrieden und hatte noch nie verstanden, was andere daran auszusetzen hatten. Es gab Zeiten in seinem Leben, da hätten ihm die Mahlzeiten, die er jetzt für sich zubereitete, geschmeckt wie ein Fünfsternemenü.

„Ich mache uns Toasts“, sagte er.

Sie sah ihn einen Moment lang zweifelnd an.

„Christine, ich kann Brot toasten, das verspreche ich dir.“ Sie zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder dem Inhalt seines Kühlschranks.

Sam hoffte, sie würde nicht alles wegwerfen. Er wusste aus Erfahrung, dass er alles, was sie herausnahm, würde ersetzen und jeden Teller, jede Tasse und jede Pfanne würde abwaschen und abtrocknen müssen. Christine kochte gern, aber sie räumte hinterher nicht selbst auf. Sie hatte das nie tun müssen und sah nicht ein, warum sie jetzt damit anfangen sollte.

Er dachte an Elisa, die alles wegräumen würde, was irgendjemand liegen gelassen hätte.

Christine schloss die Tür vom Kühlschrank, den Arm voller Eier, Milch und Käse. „Ich habe schon eingecheckt, bevor ich zu dir gefahren bin. Ich mag die Pension, sie ist malerisch und geschmackvoll. Ich nehme an, wenn ich dort übernachte, werden die Leute nicht mehr über uns reden.“

Allerdings, und das wussten beide, würde die Tatsache, dass Christine in einer Pension blieb, Sam außerdem davon abhalten, letztendlich doch den Reizen seiner Verlobten nachzugeben.

„Ich bin froh, dass du doch gekommen bist.“ Er nahm das Brot aus dem Schrank, ein Messer aus einer Schublade und die Butterglocke vom Küchentresen. Dann setzte er sich gemütlich an den Küchentisch und bestricht die Brotscheiben.

„Ich wollte erst nicht kommen.“ Christine zerbrach die Eier über einer Schüssel. „Aber ich habe dich vermisst. Ich habe nicht verstanden, warum du dir nicht freinehmen und nach Hause kommen konntest.“

Er erinnerte sie nicht daran, dass Atlanta nicht sein Zuhause war und nie sein würde. Er erinnerte sie auch nicht daran, dass seine Arbeit seine Anwesenheit an den Wochenenden voraussetzte. Sie wusste beides, aber wenn es ihr in den Kram passte, vergaß sie es.

„Und außerdem komme ich dich nächsten Monat besuchen“, sagte er, „zu Toreys Hochzeit.“ Wider besseres Wissen hatte er sich einverstanden erklärt, bei einer ihrer Freundinnen bei dem Traugottesdienst zu helfen. Das Hochzeitsfest würde in seiner alten Gemeinde stattfinden.

„Na ja, nun bin ich ja hier. Aber beim Packen dachte ich die ganze Zeit über daran, wie der Spendenaufruf der Savior’s Church ablief. Das war im letzten Jahr, als du dort gearbeitet hast, weißt du noch?“

Natürlich wusste er das noch. Sam war damals Vikar an der Savior’s Church gewesen, einer der ältesten und einflussreichsten Kirchen in Atlanta. Durch seine Initiative hatten sich die reichsten Gemeindemitglieder zusammengefunden, um für den Fernsehgottesdienst zu spenden, der nur zwei Monate später auf Sendung ging und fast immer von Sam geleitet wurde. Die Gemeinde war daraufhin zusehends gewachsen.

Nur für den Fall, dass er sich nicht an alle Details der Spendengala erinnerte, führte Christine noch einmal die wichtigsten Punkte auf: „City Grill machte den Partyservice für das Abendessen. Wir hatten Koberind und gebeizte Forelle. Wir flogen die Preservation Hall Jazz Band ein.“

Gerade daran erinnerte sich Sam nur allzu gut. Die afroamerikanischen Mitglieder der Band waren in dieser Nacht deutlich in der Minderheit gewesen.

Christine zündete eine Gas flamme an und griff nach der einzigen Pfanne, die über dem Herd auf einem Regal stand. „Ich trug dieses unglaubliche, rote Kleid von Zac Posen. Damals war er gerade neu auf den Modenschauen, und ich wusste, er würde es schaffen. Die Luft roch schier nach Politik. Beim Nachtisch stellte dich Daddy Sam Nunn vor. Daddy erzählte ihm, dass du der nächste Senator von Georgia sein würdest, der ebenfalls Sam hieße.“

Er wartete, bis sie fertig war, während er das Brot in den Sandwichtoaster schob. „Ich nehme an, du bezweckst mit diesen Erinnerungen, den Kontrast zwischen dem Dinner damals und dem heutigen Abend zu veranschaulichen?“

Sie drehte sich um, um ihn anzusehen und lehnte sich dabei gegen den Herd, auf dem sich langsam die Pfanne erhitzte. „Eine mexikanische Fiesta, Sam? Auf einem Kornfeld im Nirgendwo? Um Spenden zu sammeln? Wofür? Bücher und Stifte für Immigrantenkinder? Das ist ein hehres Ziel. Ich hoffe, dass ihr genug Geld zusammenbekommt, um Stifte in allen Regenbogenfarben zu kaufen. Aber du gehörst nicht hierher, und das weißt du sehr wohl.“

„Meinst du nicht eher, dass du hier nicht hergehörst?“

Sie stritt es nicht ab. „Das auch.“

„Du hättest deswegen nicht hierherfliegen müssen. Ich habe das nicht erwartet.“

„Manchmal möchte ich dich schütteln, bis du begreifst. Oder versuchst du absichtlich, mich misszuverstehen?“

„Chrissy. Vielleicht wäre ich von der Savior’s Church nicht freiwillig fortgegangen, aber ich habe hier einen Job. Und ich bin dankbar für alles, was ich hier tun kann.“

„Ich aber nicht.“ Sie drehte sich zum Herd und goss die Eier in die Pfanne. Aus seiner Perspektive versteckte ihr wildes rotes Haar ihre Schultern, aber Sam wusste, dass sie sie frustriert gezuckt hatte.

Er stand von seinem Stuhl auf, ging zu ihr hinüber, schlang seine Arme um sie und ließ sie direkt unter ihren vollen Brüsten ruhen. Für einen Augenblick wollte er nur, dass alles genauso war wie früher.

Elisa schätzte es, wenn Menschen ehrlich zu ihr waren, auch wenn sie selbst sich nicht daran hielt.

Sie mochte Helen Henry, das wurde ihr schon nach wenigen Minuten klar. Viele Menschen erkannten erst spät im Leben, dass es zu viel Mühe machte, einen gewissen Schein zu wahren. Sie sagten einfach, was sie dachten. Manche Leute waren nur angesichts ihrer noch verbleibenden Jahre ehrlich, aber Elisa war sich sicher, dass das auf Helen Henry bestimmt nicht zutraf. Diese Frau war wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang aufrichtig gewesen und hatte damit bestimmt einige Menschen verschreckt.

Sie waren die Old Miller Road erst einen halben Kilometer hinaufgefahren, als Helen auf Christine losging. „Vielleicht ist diese Chris-tine Flet-cher ja hübsch, zumindest wenn man Frauen mag, die sich ihr Aussehen zur Lebensaufgabe gemacht haben. Wisst ihr, dass sie sich die Haare färbt? Niemand hat von Natur aus so rote Haare.“ Das stellte Helen in einem Ton fest, der keinen Widerspruch duldete.

Tessa, die am Steuer saß, widersprach ihr dennoch. „Nein, das ist ihre Naturfarbe, und sie ist bezaubernd. Und du bist nicht sehr nett zu ihr gewesen, Gram. Erwartest du tatsächlich von ihr, dass sie sich den Namen von jedem merkt, den sie einmal hier auf der Durchreise kennengelernt hat?“

„Ich erwarte von ihr, dass sie es zumindest versucht. Sie kann uns nicht leiden, und das ist die Wahrheit. Ich weiß noch nicht genau, ob ich gut mit Sam Kinkade auskomme, aber ich hätte mehr von ihm erwartet.“

„Du betest Sam an, und sie wirkt doch recht nett.“

„Elisa frage ich gar nicht erst, was sie von ihr hält. Das können Sie schlecht sagen, wenn Sie dort arbeiten möchten, was, Mädchen?“

Elisa bemühte sich, nicht aufzulachen. „Ich habe zu nichts eine Meinung.“

Tessa lachte an ihrer Stelle. „Wir lassen die arme Elisa lieber aus dieser Sache heraus.“

Helen schüttelte ihren Finger in Richtung ihrer Enkelin. „Merk dir ruhig meine Worte. Entweder sorgt Christine dafür, dass uns Sam verlässt, oder er jagt sie davon. Aber so bald wird es im Pfarrhaus keine Frau geben. Jedenfalls keine mit roten Haaren.“

Tessa wechselte das Thema. „Elisa, sind Sie schon lange hier? Kommen Sie aus dem Tal?“

„Nein, ich lebe erst seit sechs Monaten hier.“

„Was hat Sie hierher geführt?“, fragte Helen.

Einen Augenblick lang wusste Elisa nicht, was sie sagen sollte. Sicherlich war es nicht ein Arbeitsvertrag, der sie hierher verschlagen hatte. Wenn das der Fall gewesen wäre, müsste sie jetzt nicht nach einer neuen Stelle suchen. Wenn sie vorgab, sie sei wegen ihrer Familie hier, dann würde man vielleicht eines Tages von ihr erwarten, sie kennenzulernen.

„Eine Freundin hat mich zu sich eingeladen, solange ich noch nach Arbeit suche. Und ich hatte genug von … Texas.“

„Das kann ich mir gut vorstellen.“ Helen hörte sich so an, als habe sie keinerlei Verständnis für eine Person, die nicht am liebsten in Virginia leben wollte.

Tessa bremste vor einer Kreuzung, dann beschleunigte sie den Wagen wieder. „Gefällt es Ihnen hier?“

„Ich mag es, bis auf den Regen.“

„Das ist normalerweise nicht so. Im letzten Sommer war es sehr trocken. Dieser Sommer ist zu feucht. Vielleicht wird der nächste Sommer genau richtig sein.“

„Zu trocken, zu feucht, genau richtig … das hört sich an, als hättest du mit Grobi aus der Sesamstraße geübt“, frotzelte Helen. „Stellst du dich schon auf das Baby ein?“

Elisa war froh, nicht mehr im Zentrum des Gespräches zu stehen. Sie lehnte sich vor. „Es war nicht zu übersehen, dass Sie ein Kind erwarten. Ist es bald so weit?“

„Das hoffe ich nicht“, sagte Tessa. Elisa hatte den Eindruck, als schwinge ein wenig Nervosität in Tessas Stimme mit.

„Es soll im Januar kommen“, antwortete Helen. „Und sie weigert sich, das Geschlecht feststellen zu lassen. Und sie hat sich noch keine Namen überlegt, weil das Unglück bringt.“

„Nein, wir haben uns noch nicht für einen Namen ent schieden, weil die Auswahl so groß ist.“

„Weil es Unglück bringt“, wiederholte Helen.

Tessa beschleunigte den Wagen noch einmal, als versuche sie, vom Gesprächsthema abzulenken oder ihre Großmutter möglichst schnell im Einkaufszentrum abzusetzen. „Haben Sie Kinder, Elisa?“

„Ich bin nicht verheiratet. Meine Mitbewohnerin hat zwei. Ich bin gern mit ihnen zusammen.“

„Ich habe ja nie verstanden, warum man Kinder in die Welt setzen soll“, warf Helen ein. „Aber natürlich wird es bei Tessas Kind etwas anderes sein.“ Sie sagte das in einem Ton, als solle Tessa besser dafür Sorge tragen, dass es so sein würde.

Der Regen wurde immer stärker. Es fielen nicht nur einige wenige Tropfen, sondern jetzt setzte der Guss mit voller Stärke ein. Tessa betätigte ihre Scheibenwischer und fuhr sehr langsam. „Ich bin froh, dass Sie nicht versucht haben, bei diesem Wetter zu Fuß nach Hause zu gehen.“

Darüber war Elisa auch froh. Sie hatte vor Unwettern Angst, auch wenn sie sich nicht davon abhalten ließ, hinauszugehen, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Sie konnte sich den Luxus nicht leisten, sich schlimmen Erinnerungen hinzugeben oder zu vergessen, weshalb sie vor Regen Angst hatte.

„Sie haben ja noch nicht einmal einen Regenschirm“, schalt Helen sie.

Elisa sah Helen an, anstatt weiter aus dem Fenster zu schauen. „In einem richtigen Wolkenbruch bringt ein Regenschirm gar nichts. Und ich wollte nichts tragen, was ich nicht unbedingt brauche.“

„Wir sind ja gleich da“, warf Tessa ein. „Kommt da nicht schon die Einfahrt?“

Elisa musste ihr recht geben. Im Auto war die Strecke so kurz, so unkompliziert.

Tessa fuhr die Auffahrt hinauf, die zu dem kleinen Dörfchen führte, das aus weniger als einem Dutzend großer Wohnwagen bestand. Zwischen ihnen befanden sich kleine Parkplätze. Einer der Wohnwagen hatte ein Schild vor der Tür stehen, das ihn als Büro auswies, aber eigentlich wurden hier kaum Geschäfte abgewickelt. Vor einigen Wohnwagen waren Vorzelte angebracht, von denen Blumenampeln hingen, andere hatten kleine Kabuffs angebaut oder Beete mit Rosenbüschen angelegt. Auf einem benachbarten Feld, nur einige Meter entfernt, graste eine kastanienbraune Stute zwischen Löwenzahn und Hahnenfuß.

Elisa deutete auf den vierten Wohnwagen auf der rechten Seite, der eine kleine hölzerne Veranda hatte, über die ein Dach aus Wellblech gespannt war. „Hier ist es.“

Tessa hielt direkt daneben an. „Ob es jemanden stört, wenn ich kurz unter dem Vordach des Büros parke? Ich muss kurz aussteigen und die Windschutzscheibe saubermachen, die Scheibenwischer schaffen das nicht mehr.“

„Du brauchst neue Wischerblätter“, sagte Helen. „So sieht das nämlich aus.“

„Keine Sorge, das stört bestimmt niemanden“, antwortete Elisa. Sie dankte Tessa, die ihr noch einmal versicherte, dass sie keine Umstände verursacht hatte. Dann verabschiedete sich Elisa von Helen. Sie winkte noch von der Veranda zum Abschied, als sie wendeten und langsam in Richtung Büro fuhren, das auf der anderen Seite des Kieswegs lag.

Die Haustür war verschlossen, was Elisa wunderte, denn sie war davon ausgegangen, dass Adoncia zu Hause war. Während der Regen auf das Blechdach prasselte, suchte sie in ihrem Rucksack nach dem Schlüssel.

Kaum hatte sie einen Fuß in die Tür gesetzt, brachte sie irgendetwas dazu, sich noch einmal umzudrehen, vielleicht ein Geräusch, das nicht zum Regen passte, vielleicht ein Instinkt. Tessa lehnte sich gegen den Wagen, der nun unter dem Vordach des Büros geparkt war. Elisa sprang die Stufen der Veranda hinab und eilte über den Kiesweg zu ihr. Als sie ankam, war auch Helen schon ausgestiegen, und sie fingen Tessa auf, bevor sie auf den Boden sank.

Sie nahmen Tessa zwischen sich und schafften es, sie die Stufen zum Büro hinaufzubugsieren. Sie war nicht ganz ohnmächtig, obwohl Elisa den Eindruck hatte, dass sie ihr Bewusstsein zwischenzeitlich vollständig verloren hatte.

Vorsichtig bewegte sie Tessas Kopf. „Atmen Sie tief ein“, sagte sie. „Gleich ist es vorbei. Bleiben Sie sitzen, bis es wieder geht.“

Tessa machte ein Geräusch, das sich wie ein Stöhnen anhörte. Helen hatte vor Schreck die Augen aufgerissen. „Sie ist eigentlich so gesund wie ein Pferd. Isst gut, macht alles richtig. Ich habe keine Ahnung, was mit ihr los sein könnte.“

„Ist sie schon häufiger ohnmächtig geworden?“

„Ich weiß es nicht. Mir hat sie nichts gesagt, und falls sie ihrer Mutter etwas darüber erzählt hätte, dann wüsste ich es, das können Sie mir aber glauben.“

„Geht schon … wieder.“ Tessa hob den Kopf und stützte ihn dann in die Hände. Elisa setzte sich neben sie und rieb ihr über den Rücken. „Ist das schon einmal passiert?“

„Nein.“ Tessa holte tief Atem, aber sie hörte sich immer noch ängstlich an. „Irgendetwas scheint nicht in Ordnung zu sein.“

Elisa wog innerlich ab, ob sie etwas sagen sollte oder nicht, aber sie hatte keine Wahl. „Ich würde mir nicht allzu viele Sorgen machen, bevor Ihnen Ihr Arzt nicht etwas anderes sagt. Es könnten verschiedene Dinge sein, aber es ist sicher nichts Schlimmes.“

Tessa sah sie an. „Woher wissen Sie das?“

„Ich … meine Schwester hatte dasselbe.“ Elisa lächelte sie aufmunternd an. „Sie hat mir genau erzählt, was ihr Arzt ihr damals gesagt hat: In der Schwangerschaft kann Eisenmangel oder eine Entzündung im Innenohr eine Ohnmacht auslösen, aber wahrscheinlich drückt das Kind nur gegen ein Gefäß oder einen Nerv. Nichts davon ist ernst und es droht keine Gefahr für Sie oder das Baby. Aber natürlich müssen Sie, so schnell es geht, zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen.“

Tessa sah sie erleichtert an. „Ich dachte …“

„Sie dachte, dass die Wehen einsetzen und sie das Baby verlieren würde“, platzte Helen heraus. „Das habe ich auch befürchtet.“

Elisa drückte Tessas Hand. „Wahrscheinlich wird Ihr Arzt Ihnen raten, möglichst häufig die Haltung zu ändern, wenn Sie sitzen, und vermutlich wird er Sie darauf hinweisen, dass Sie nach diesem Vorfall nicht länger als nötig fahren oder im Auto sitzen sollten.“

„Es war tatsächlich eine lange Fahrt von Fairfax hier herüber. Ich bin direkt gekommen, um Gram abzuholen.“

„Und du bist nicht länger als fünf Minuten ausgestiegen, als du mich von der Kirche abgeholt hast“, fügte Helen hinzu. „Daran hat es wahrscheinlich gelegen.“

„Sehen Sie?“ Elisa stand auf. Die Sekunden, die sie gebraucht hatte, um zu Tessa über den Hof zu gelangen, hatten ausgereicht, um ihre Kleidung vollständig zu durchnässen. Ihre Bluse klebte an ihrem Leib.

„Wie geht es Ihnen jetzt?“

„Gut, glaube ich.“

„Vergiss den Einkauf. Wir fahren direkt nach Hause, und ich fahre“, sagte Helen. „Ich habe immer noch meinen Führerschein.“

„Nein. Mir geht es wieder gut. Wirklich“ beharrte Tessa. Sie stand auf, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Aber ich gehe gleich zum Arzt.“

Elisa nickte. „Gehen Sie ein wenig umher und strecken Sie sich, bevor Sie sich wieder ins Auto setzen. Wenn Sie sich danach auch nur ein wenig unwohl fühlen, lassen Sie ihre Großmutter fahren.“

Tessa drehte sich zu ihr um. „Sie waren sehr freundlich.“ Elisa ließ sich Tessas Worte durch den Kopf gehen, und die Wahrheit war, dass das mehr gewesen war als Freundlichkeit. Sie berührte Tessa am Arm. „Ich bin froh, dass ich Ihnen helfen konnte. Wenigstens ein bisschen.“

4. KAPITEL

Gegen drei Uhr nachmittags hatte der Regen aufgehört. Das Vorbereitungskomitee fing an, den Rasen vor La Casa Amarilla zu mähen und zu feuchten, dampfenden Haufen zusammenzuharken. Eine Gruppe spannte Leinen zwischen die alten Eichen und Ahornbäume, an denen sie bunte Laternen befestigte. Seitdem diese Bäume standen, und sie waren mindestens ein Jahrhundert alt oder älter, hatte es solch ein Fest nicht gegeben. Wiederum andere ehrenamtliche Helfer stellten Tische und Bänke auf und legten rotweiß karierte Plastiktischdecken darüber. Einige Männer bauten eine Bühne auf, auf der später die Mariachi-Gruppe spielen sollte, die die Gemeinde für diesen Anlass zu einem besonders günstigen Honorar engagiert hatte. Im Shenandoah Valley bestand wenig Nachfrage nach einer mexikanischen Folkloreband.

Christine hatte versprochen, gegen Abend zur Gemeinde zu stoßen, wenn das Fest in vollem Gange sein würde. Um vier Uhr rollte Sam seine Ärmel hoch und gegen sechs ging er einen Schritt zur Seite, um zu begutachten, was sie bis dahin geschafft hatten. Er arbeitete gern im Freien und genoss es, die Natur um sich herum zu haben und eine frische Brise auf seiner Haut zu spüren. Er würde sich heute Abend amüsieren.

„Ich bin beeindruckt“, sagte er zu Gayle Fortman, der Vorsitzenden des Gemeinderates. Sie war alleinerziehende Mutter und hatte drei Söhne im Teenageralter. „Wenn jetzt noch der Regen fortbleibt …“

„Nach dem Wetterbericht soll es trocken bleiben.“ Gayles kurzes blondes Haar stand ihr in alle Richtungen vom Kopf ab. Auf der einen Wange entdeckte Sam ein wenig Schmutz. Seit Stunden hatte sie auf einer Leiter gestanden und die Lampions aufgehängt. Zwei ihrer Söhne halfen, das gemähte Gras mit Schubkarren zum Komposthaufen zu schaffen.

„Die Leute werden einen schönen Abend haben“, versprach ihr Sam. „Auch wenn wir keine große Summe an Spenden zusammenbekommen, lernen die Gemeindemitglieder das Haus kennen und können sich anschauen, was wir geschafft haben. Auf lange Sicht zahlen sich auch positive Eindrücke aus.“

„Nicht jeder freut sich über das Projekt.“

Er wusste, dass sie nicht nur über die Spendenveranstaltung dieses Abends sprach. „Haben Sie Anrufe erhalten?“

„Sam, was auch immer Sie tun – irgendjemand kriegt es in den falschen Hals. Ich brauche eine Hotline.“

Er nahm an, dass die drei wilden Jungs ihre Mutter dazu erzogen hatten, nicht lange um den heißen Brei herumzureden.

„Viele der Anrufer sind notorische Nörgler, die von Anfang an nicht damit einverstanden waren, dass Sie eingestellt worden sind“, fuhr sie fort, als er nichts erwiderte. „Ich nehme an, sie würden mich auch dann anrufen, wenn Jesus höchstpersönlich der Pastor wäre.“

„Dann würden sie wahrscheinlich noch öfter anrufen. Wenigstens verwandle ich nicht Wasser in Wein.“

Sie lachte herzlich auf. „Heute Abend werden viele Leute kommen. Der Sommer geht zu Ende. Das ist das letzte gesellschaftliche Ereignis vor dem Labour Day. Dafür, dass es ein Last-Minute-Fest ist und mitten in der Woche liegt, haben wir es recht ordentlich gemacht, oder?“

„Dass wir keinen anderen Termin für einen Spendenaufruf gefunden haben, ist ein Zeichen dafür, dass es der Kirche gut geht.“

„Sie bringen wirklich etwas in Bewegung, das muss ich schon sagen.“

Sam nahm das als Kompliment, obwohl die Aussage doppeldeutig war. „Es haben sich vier Leute auf die Stelle des Küsters beworben. Ich hatte vier Vorstellungsgespräche. Gegen Ende der Woche will ich eine Entscheidung getroffen haben.“

„Gut. Marie Watson hat mich angerufen, um mir zu sagen, dass die Damentoiletten für ihren Geschmack nicht sauber genug waren. Zweimal.“

„Sie war den ganzen Sommer über auch nur zweimal in der Kirche.“

„Na, jedenfalls wissen wir jetzt, wo sie war, wenn sie zur Kirche gegangen ist.“

Einer von Gayles Söhnen rief nach ihr, und sie hob ihre Hand zum Abschied. „Ich gehe kurz nach Hause, um zu duschen. In einer halben Stunde bin ich wieder da. Wenn der Partyservice in einer Viertelstunde noch nicht da ist, rufen Sie mich an, ja?“

Sam sah sie fortgehen und wünschte sich, er hätte noch weitere vier Dutzend Gemeindemitglieder ihres Formats.

Der Partyservice kam rechtzeitig und die Mitarbeiter bauten die Grills und Tresen auf, sodass die Schüsseln mit Soßen, Guacamole und Sauerrahm bereitstanden, bevor die ersten Gäste kamen. Die Lehrerin der Sonntagsschule kam mit der größten piñata, die Sam je gesehen hatte, und hängte den mit Süßigkeiten gefüllten Esel aus Pappmaschee am Rande des Gartens an einen Ast. Später würden die Kinder mit Besenstielen darauf herumschlagen, bis es Bonbons auf sie regnen würde.

Sam ging schnell nach Hause, um zu duschen, zog ein buntes Hemd und eine schwarze Hose an.

Eine Stunde, bevor Christine erschien, war er schon wieder bei dem gelben Haus. Als sie ankam, spielte die Mariachi-Band, stilvoll gekleidet in schwarze Trachten mit Goldlitzen, eine schmissige Version von „La Bamba“. Christine trug ein schulterfreies weißes Kleid mit einem breiten, silbernen Gürtel.

„Das Fest hat begonnen“, sagte sie und wischte Sam die Lippenstiftspuren, die sie ihm aufgedrückt hatte, von der Wange. „Nicht zu glauben, sie spielen es sogar richtig.“

Sie schien wirklich überrascht zu sein, und er konnte sie dafür nicht schelten. Wenn er sich überlegte, was die Gemeinde der Band zahlte, hätte es ihn nicht gewundert, wenn alle Mitglieder des Orchesters sich an einer einzigen Gitarre abgewechselt hätten. Aber stattdessen waren sieben festlich gekleidete Musiker gekommen und hatten ihre teuren Instrumente mitgebracht.

„Sie sind toll“, stellte Sam fest, „du hättest hören sollen, wie sie ‚Malaguena Salerosa‘ gespielt haben.“ Er summte die Melodie.

„Das machen sie bestimmt besser als du.“

Verschiedene Gäste kamen auf die beiden zu und ließen sich mit Christine bekannt machen. Sam erfüllte seine Aufgabe und sah ihr dann dabei zu, wie sie mit den Gemeindemitgliedern plauderte und diejenigen Leute kennenlernte, die zwar zu anderen Gemeinden gehörten, Sam aber mit La Casa halfen. Er hatte Christine schon tausendmal dabei beobachtet, wie sie mit Fremden sprach und wie viel Energie sie dabei verströmte, wenn sie von der Sache überzeugt war. Heute Abend war sie höflich, sogar freundlich, aber er wusste – auch wenn es sonst niemand bemerkte –, dass ihr La Casa gleichgültig war.

„Fajitas, Sam?“, fragte sie, als sie für einen Moment alleine beieinander standen. „Sie servieren tatsächlich Fajitas?“ Sie lachte leise.

„Ich habe schon vier gegessen. Komm schon, ich bringe dir welche.“

„Ach, im Moment nicht, danke. Ich habe schon eine Tortilla gegessen, das sollte an Kalorien für die ganze nächste Woche reichen. Käse, Sauerrahm, Guacamole.“ Sie verdrehte ihre hübschen grünen Augen.

„Es ist eine Party, Chrissy. Die sollte dir ein paar Gramm Fett wert sein.“

„Plastiklaternen und ein Pappesel machen noch keine Party, Sweetie. Es gibt nichts zu trinken, oder?“

„Nicht, wenn Kinder auf dem Fest sind.“ Er spürte Ärger in sich aufsteigen, weil sie diese Bemerkung gemacht hatte. In der Savior’s Church hatte es nie alkoholische Getränke gegeben, wenn Familien mit Kindern eingeladen waren. Christine wusste das, sie war schließlich die Rektorin der Privatschule, die zu dieser Gemeinde gehörte.

Sie verzog das Gesicht. „Ich gehe mal los und gucke, was es denn sonst noch zu trinken gibt. Ich komme gleich wieder.“

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