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Das Land der weißen Wolke

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Impressum
  4. Im Land der weißen Wolke
  5. Karten
  6. AUFBRUCH
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
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  1. SO ETWAS WIE LIEBE …
  2. 1
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  1. SO ETWAS WIE HASS …
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  1. ANKUNFT
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  13. 12
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  16. 15
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  1. Danksagungen
  1. Das Lied der Maori
  2. Karten
  3. DIE ERBIN
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  10. 7
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  1. DES MENSCHEN WILLE …
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  3. 2
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  1. FLUCHT
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  1. HEILUNG
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  1. DIE STIMMEN DER GEISTER
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  12. 11
  1. NACHWORT
  1. Der Ruf des Kiwis
  2. Widmung
  3. Stammbaum
  4. Karten
  5. ERZIEHUNG
  6. 1
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  8. 3
  9. 4
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  11. 6
  12. 7
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  1. VERLORENE PARADIESE
  2. 1
  3. 2
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  1. KRIEG
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  1. WEITE WEGE
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  1. FRIEDEN
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  1. Nachwort und Danksagung

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, studierte Psychologie und promovierte über das Thema »Tagträume«. Nebenbei arbeitete sie lange Jahre als Reiseleiterin. Schon immer war sie fasziniert von den Sehnsuchtsorten dieser Erde. Ihre fesselnden Neuseelandromane fanden sofort ein großes Lesepublikum und wurden allesamt Bestseller. Auch ihre Karibikschmöker Die Insel der tausend Quellen und Die Insel der roten Mangroven kamen direkt auf die Bestsellerliste.

Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie lebt in Spanien und arbeitet zurzeit an ihrem nächsten Roman. Unter dem Autorennamen Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser auch ins farbenprächtige Mittelalter.

Sarah Lark

Karte

Karte

1

Die anglikanische Kirche in Christchurch, Neuseeland, sucht ehrbare, in Haushalt und Kindererziehung bewanderte junge Frauen, die interessiert sind, eine christliche Ehe mit wohl beleumundeten, gut situierten Mitgliedern unserer Gemeinde einzugehen.

Helens Blick blieb kurz an der unscheinbaren Anzeige auf der letzten Seite des Kirchenblättchens haften. Die Lehrerin hatte das Heftchen kurz überflogen, während ihre Schüler sich still mit einer Grammatikübung beschäftigten. Lieber hätte Helen ein Buch gelesen, doch Williams ständige Fragen rissen sie ständig aus der Konzentration. Auch jetzt wieder hob sich der braune Wuschelkopf des Elfjährigen von seiner Arbeit.

»Im dritten Absatz, Miss Davenport, heißt es da das oder dass?«

Helen schob ihre Lektüre seufzend beiseite und erklärte dem Jungen zum x-ten Mal in dieser Woche den Unterschied zwischen Relativ- und Konsekutivsatz. William, der jüngere Sohn ihres Arbeitgebers Robert Greenwood, war ein niedliches Kind, aber nicht gerade mit Geistesgaben gesegnet. Er brauchte bei jeder Aufgabe Hilfe, vergaß Helens Erklärungen schneller, als diese sie geben konnte, und verstand sich eigentlich nur darauf, rührend hilflos dreinzuschauen und Erwachsene mit süßer Knabensopranstimme zu umgarnen. Lucinda, Williams Mutter, fiel immer wieder darauf herein. Wenn der Junge sich an sie schmiegte und irgendeine kleine gemeinsame Unternehmung vorschlug, strich Lucinda regelmäßig alle Nachhilfestunden, die Helen ansetzte. Deshalb konnte William bis jetzt nicht flüssig lesen, und schon einfachste Rechtschreibübungen überforderten ihn hoffnungslos. Daran, dass der Junge ein College wie Eaton oder Oxford besuchte, wie sein Vater es sich erträumte, war nicht zu denken.

Der sechzehnjährige George, Williams älterer Bruder, machte sich gar nicht erst die Mühe, Verständnis zu heucheln. Er verdrehte vielsagend die Augen und wies auf eine Stelle im Lehrbuch, in der genau der Satz als Beispiel stand, an dem William jetzt schon seit einer halben Stunde herumtüftelte. George, ein schlaksiger, hoch aufgeschossener Junge, war mit seiner Übersetzungsaufgabe aus dem Lateinischen bereits fertig. Er arbeitete stets schnell, wenn auch nicht immer fehlerfrei; die klassischen Fächer langweilten ihn. George konnte es gar nicht erwarten, eines Tages in die Import-Export-Firma seines Vaters einzusteigen. Er träumte von Reisen in ferne Länder und Expeditionen zu den neuen Märkten in den Kolonien, die sich unter der Herrschaft der Königin Viktoria beinahe stündlich erschlossen. George war zweifellos zum Kaufmann geboren. Er bewies schon jetzt Verhandlungsgeschick und wusste seinen beträchtlichen Charme gezielt einzusetzen. Mitunter gelang es ihm, damit sogar Helen einzuwickeln und die Schulstunden zu verkürzen. Einen solchen Versuch machte er auch heute, nachdem William endlich verstanden hatte, worum es ging – oder wenigstens, wo er die Lösung abschreiben konnte. Helen griff daraufhin nach Georges Heft, um seine Arbeit zu kontrollieren, doch der Junge schob es provozierend beiseite.

»Oooch, Miss Davenport, wollen Sie das jetzt wirklich noch mal durchkauen? Der Tag ist doch viel zu schön zum Lernen! Spielen wir lieber eine Runde Krocket … Sie sollten an Ihrer Technik arbeiten. Sonst stehen Sie beim Gartenfest wieder nur herum, und keiner der jungen Herren bemerkt Sie. Dann machen Sie niemals Ihr Glück durch eine Heirat mit einem Grafen und müssen bis ans Ende Ihrer Tage hoffnungslose Fälle wie Willy unterrichten!«

Helen verdrehte die Augen, warf einen Blick aus dem Fenster und runzelte beim Anblick der dunklen Wolken die Stirn.

»Netter Einfall, George, aber es ziehen Regenwolken auf. Bis wir hier aufgeräumt haben und im Garten sind, werden sie sich genau über unseren Köpfen entleeren, und das dürfte mich kaum anziehender für adelige Herren machen. Wie kommst du eigentlich auf den Gedanken, ich hätte diesbezügliche Absichten?«

Helen versuchte, eine betont desinteressierte Miene aufzusetzen. Das konnte sie sehr gut: Wenn man als Gouvernante in Londoner Familien der Oberschicht arbeitete, lernte man als Erstes, das eigene Mienenspiel zu beherrschen. Helens Rolle bei den Greenwoods war weder die eines Familienmitglieds noch einer gewöhnlichen Angestellten. Sie nahm an den gemeinsamen Mahlzeiten und oft auch an der Freizeitgestaltung der Familie teil, hütete sich aber davor, ungefragt eigene Meinungen zu äußern oder sich anderweitig auffällig zu verhalten. Deshalb konnte auch keine Rede davon sein, dass Helen sich bei Gartenfesten unbeschwert unter die jüngeren Gäste mischte. Stattdessen hielt sie sich abseits, plauderte höflich mit den Damen und beaufsichtigte unauffällig ihre Zöglinge. Natürlich streiften ihre Blicke dabei gelegentlich die Gesichter der jüngeren männlichen Gäste, und manchmal gab sie sich einem kurzen, romantischen Tagtraum hin, in dem sie mit einem gut aussehenden Viscount oder Baronet durch den Park seines Herrenhauses spazierte. Aber das konnte George doch unmöglich bemerkt haben!

George zuckte die Schultern. »Na, immerhin lesen Sie Heiratsanzeigen!«, sagte er frech und wies mit versöhnlichem Grinsen auf das Kirchenblättchen. Helen schalt sich selbst, weil sie es offen neben ihrem Pult hatte liegen lassen. Natürlich hatte der gelangweilte George hineingesehen, während sie William auf die Sprünge geholfen hatte.

»Und Sie sind doch sehr hübsch«, schmeichelte George. »Warum sollten Sie keinen Baronet heiraten?«

Helen verdrehte die Augen. Sie wusste, dass sie George tadeln sollte, doch sie war eher belustigt. Wenn der Knabe so weitermachte, würde er es zumindest bei den Damen weit bringen, und auch in der Geschäftswelt würde man seine geschickten Schmeicheleien zu schätzen wissen. Doch ob es ihm in Eaton weiterhalf? Außerdem hielt Helen sich für immun gegen solch plumpe Komplimente. Sie wusste, dass sie nicht im klassischen Sinne schön war. Ihre Züge waren ebenmäßig, aber wenig auffällig; ihr Mund war ein bisschen zu schmal, ihre Nase zu spitz, und ihre ruhigen grauen Augen blickten ein wenig zu skeptisch und entschieden zu gelehrt in die Welt, um das Interesse eines reichen, jungen Lebemanns zu wecken. Helens schönstes Attribut war ihr hüftlanges, glattes und seidiges Haar, dessen sattes Braun leicht ins Rötliche spielte. Vielleicht hätte sie damit Aufsehen erregen können, hätte sie es offen im Wind wehen lassen, wie manche Mädchen es bei den Picknicks und Gartenfesten taten, die Helen im Gefolge der Greenwoods besuchte. Die mutigeren der jungen Ladys erklärten beim Spaziergang mit ihren Bewunderern schon mal, ihnen sei zu heiß, und nahmen den Hut ab, oder sie taten so, als wehte der Wind ihr Hütchen weg, wenn sie sich von einem jungen Mann über den See im Hydepark rudern ließen. Dann schüttelten sie ihr Haar, befreiten es wie zufällig von Bändern und Spangen und ließen die Männer die Pracht ihrer Locken bewundern.

Helen hätte sich nie dazu überwinden können. Als Tochter eines Pfarrers war sie streng erzogen und trug ihr Haar geflochten und aufgesteckt, seit sie ein kleines Mädchen war. Hinzu kam, dass sie früh hatte erwachsen werden müssen: Ihre Mutter war gestorben, als Helen zwölf war, worauf der Vater seine älteste Tochter kurzerhand mit der Führung des Haushalts und der Erziehung der drei jüngeren Geschwister beauftragt hatte. Reverend Davenport interessierte sich nicht für Probleme zwischen Küche und Kinderzimmer, ihm lagen allein die Arbeit für seine Gemeinde und die Übersetzung und Auslegung religiöser Schriften am Herzen. Helen hatte er immer nur dann mit seiner Aufmerksamkeit bedacht, wenn sie ihm dabei Gesellschaft leistete – und nur durch die Flucht in Vaters Studierzimmer unter dem Dach konnte sie dem lautstarken Treiben in der Wohnung der Familie entgehen. So hatte es sich fast von selbst ergeben, dass Helen die Bibel schon auf Griechisch las, als ihre Brüder gerade die erste Fibel durchackerten. In ihrer gestochen schönen Handschrift schrieb sie die Predigten ihres Vaters ab und kopierte seine Artikelentwürfe für das Mitteilungsblatt seiner großen Gemeinde in Liverpool. Viel Zeit für sonstige Zerstreuungen fand sich da nicht. Während Susan, Helens jüngere Schwester, Wohltätigkeitsbasare und Kirchenpicknicks hauptsächlich dazu nutzte, junge Honoratioren der Gemeinde kennen zu lernen, half Helen beim Verkauf der Waren, buk Torten und schenkte Tee aus. Das Ergebnis war vorauszusehen: Susan heiratete gleich mit siebzehn den Sohn eines bekannten Arztes, während Helen nach dem Tod ihres Vaters gezwungen war, eine Stelle als Hauslehrerin anzunehmen. Von ihrem Gehalt unterstützte sie zudem das Jura- und Medizinstudium ihrer zwei Brüder. Das Erbe ihres Vaters reichte nicht aus, den Jungen eine angemessene Ausbildung zu finanzieren, zumal beide sich keine allzu große Mühe gaben, das Studium zu einem raschen Abschluss zu bringen. Mit einem Anflug von Zorn dachte Helen daran, dass ihr Bruder Simon erst letzte Woche wieder durch eine Prüfung gerasselt war.

»Baronets heiraten normalerweise Baronessen«, antwortete sie jetzt ein wenig ungehalten auf Georges Frage. »Und was das hier angeht …«, sie wies auf das Kirchenblatt, »habe ich den Artikel gelesen, nicht die Anzeige.«

George enthielt sich einer Antwort, grinste aber vielsagend. Der Artikel handelte von Wärmeanwendung bei Arthritis. Sicher hochinteressant für die älteren Mitglieder der Gemeinde, aber Miss Davenport litt bestimmt noch nicht unter Gelenkschmerzen.

Immerhin schaute seine Lehrerin jetzt auf die Uhr und kam dabei zu dem Schluss, den Nachmittagsunterricht doch schon zu beenden. In einer knappen Stunde würde das Abendessen aufgetragen. Und wenn George auch höchstens fünf Minuten brauchte, sich fürs Essen zu kämmen und umzuziehen, und Helen kaum länger benötigte, war es bei William stets eine längere Prozedur, ihn aus dem tintenverschmierten Schulkittel in einen vorzeigbaren Anzug zu stecken. Helen dankte dem Himmel, dass sie wenigstens nicht damit gestraft war, sich um Williams Erscheinungsbild kümmern zu müssen. Das übernahm eine Kinderfrau.

Die junge Gouvernante schloss die Stunde mit allgemeinen Bemerkungen über die Wichtigkeit der Grammatik, denen beide Jungen nur mit halbem Ohr lauschten. Gleich darauf sprang William begeistert auf, ohne seine Hefte und Schulbücher eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Ich muss schnell noch Mummy zeigen, was ich gemalt habe!«, verkündete er, womit die Arbeit des Aufräumens erfolgreich auf Helen abgewälzt war. Die konnte schließlich nicht riskieren, dass William in Tränen aufgelöst zu seiner Mutter floh und ihr von irgendwelchen himmelschreienden Ungerechtigkeiten der Lehrerin berichtete. George warf einen Blick auf Williams ungelenke Zeichnung, die seine Mutter gleich sicher mit Begeisterungsausbrüchen quittieren würde, und zuckte resigniert die Schultern. Dann packte er rasch seine Sachen zusammen, bevor auch er hinausging. Helen bemerkte, dass er ihr dabei einen fast mitleidigen Blick zuwarf. Sie ertappte sich dabei, an Georges Bemerkung von eben zu denken: »Wenn Sie keinen Mann finden, müssen Sie sich für den Rest Ihres Lebens mit hoffnungslosen Fällen wie Willy herumärgern.«

Helen griff nach dem Kirchenblättchen. Eigentlich wollte sie es wegwerfen, überlegte es sich dann aber anders. Beinahe verstohlen steckte sie es in die Tasche und nahm es mit auf ihr Zimmer.

Robert Greenwood hatte nicht viel Zeit für seine Familie, doch die gemeinsamen Abendessen mit Frau und Kindern waren ihm heilig. Die Anwesenheit der jungen Gouvernante störte ihn dabei nicht. Im Gegenteil, er fand es oft anregend, Miss Davenport ins Gespräch mit einzubeziehen und ihre Ansichten zu Fragen des Weltgeschehens, der Literatur und der Musik zu erfahren. Miss Davenport verstand deutlich mehr von diesen Dingen als seine Gattin, deren klassische Bildung zu wünschen übrig ließ. Lucindas Interessen beschränkten sich auf den Haushalt, die Vergötterung ihres jüngeren Sohnes und die Mitarbeit in den Damenkomitees diverser Wohltätigkeitsorganisationen.

Auch an diesem Abend lächelte Robert Greenwood freundlich, als Helen eintrat, und schob ihr den Stuhl zurecht, nachdem er die junge Lehrerin förmlich begrüßt hatte. Helen erwiderte das Lächeln, achtete aber darauf, Mrs. Greenwood dabei mit einzuschließen. Auf keinen Fall durfte sie den Verdacht erregen, mit ihrem Arbeitgeber zu flirten, auch wenn Robert Greenwood ein unzweifelhaft attraktiver Mann war. Er war groß und schlank, hatte ein schmales, intelligentes Gesicht und forschende braune Augen. Der braune Dreiteiler mit der goldenen Uhrkette kleidete ihn hervorragend, und seine Manieren standen denen der Gentlemen aus den Adelsfamilien, mit denen die Greenwoods gesellschaftlichen Umgang pflegten, in nichts nach. Ganz anerkannt waren sie in diesen Kreisen allerdings nicht; sie galten als Emporkömmlinge. Robert Greenwoods Vater hatte sein florierendes Unternehmen praktisch aus dem Nichts aufgebaut, und sein Sohn mehrte den Wohlstand und bemühte sich um gesellschaftliches Ansehen. Dazu hatte auch seine Heirat mit Lucinda Raiford beigetragen, die aus einer verarmten Adelsfamilie stammte – was vor allem auf die Vorliebe ihres Vaters für Glücksspiel und Pferderennen zurückzuführen war, wie man in der feinen Gesellschaft munkelte. Mit dem bürgerlichen Stand fand Lucinda sich nur widerwillig ab und neigte als Reaktion auf den gesellschaftlichen Abstieg ein wenig zum Protzen. So fielen die Empfänge und Gartenfeste der Greenwoods immer ein wenig üppiger aus als vergleichbare Ereignisse bei anderen Honoratioren der Londoner Gesellschaft. Die anderen Damen genossen das, zerrissen sich aber nichtsdestotrotz die Mäuler darüber.

Auch heute wieder, zu dem schlichten Abendessen mit der Familie, hatte Lucinda sich ein wenig zu festlich herausgeputzt. Sie trug ein elegantes Kleid aus fliederfarbener Seide, und mit ihrer Frisur musste ihre Zofe stundenlang beschäftigt gewesen sein. Lucinda plauderte über ein Treffen des Damenkomitees für das örtliche Waisenhaus, an dem sie an diesem Nachmittag teilgenommen hatte, doch viel Resonanz erhielt sie nicht; weder Helen noch Mr. Greenwood waren sonderlich interessiert.

»Und, was habt ihr mit diesem schönen Tag angefangen?«, wandte Mrs. Greenwood sich schließlich an ihre Familie. »Dich brauche ich wohl gar nicht erst zu fragen, Robert, vermutlich waren es wieder nur Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte.« Sie bedachte ihren Mann mit einem Blick, der wohl liebevoll nachsichtig wirken sollte.

Mrs. Greenwood war der Meinung, dass ihr und ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen seitens ihres Gatten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Nun verzog er unwillig das Gesicht. Wahrscheinlich lag Robert eine unfreundliche Antwort auf der Zunge, denn seine Geschäfte ernährten nicht nur die Familie, sondern machten auch Lucindas Mitarbeit in den diversen Damenkomitees erst möglich. Helen bezweifelte jedenfalls, dass Mrs. Greenwoods überragende organisatorische Fähigkeiten für ihre Wahl gesorgt hatten – eher die Spendenfreudigkeit ihres Gatten.

»Ich hatte ein sehr interessantes Gespräch mit einem Wollproduzenten aus Neuseeland, und …«, begann Robert mit Blick auf seinen ältesten Sohn, doch Lucinda sprach einfach weiter, wobei sie diesmal vor allem William mit ihrem nachsichtigen Lächeln bedachte.

»Und ihr, meine lieben Söhne? Sicher habt ihr im Garten gespielt, nicht wahr? Hast du George und Miss Davenport wieder beim Krocket geschlagen, William, mein Liebling?«

Helen starrte angestrengt auf ihren Teller, bemerkte aber aus dem Augenwinkel, wie George in seiner typischen Art gen Himmel zwinkerte, als riefe er einen verständnisvollen Engel um Beistand an. Tatsächlich war es William nur ein einziges Mal gelungen, mehr Punkte zu machen als sein älterer Bruder, und damals war George schwer erkältet gewesen. Gewöhnlich brachte sogar Helen den Ball geschickter durch die Tore als William, obwohl sie sich meist unbeholfener anstellte, als sie war, um den Kleinen gewinnen zu lassen. Mrs. Greenwood wusste das zu schätzen, während Mr. Greenwood sie tadelte, wenn er die Täuschung bemerkte.

»Der Junge muss sich daran gewöhnen, dass das Leben hart mit Versagern umspringt!«, sagte er streng. »Er muss verlieren lernen, nur dann wird er letztendlich siegen!«

Helen bezweifelte, dass William jemals siegen würde, auf welchem Gebiet auch immer, doch ihr flüchtiger Anflug von Mitleid mit dem unglücklichen Kind wurde gleich von dessen nächster Bemerkung zunichte gemacht.

»Ach, Mummy, Miss Davenport hat uns gar nicht spielen lassen!«, sagte William mit kummervoller Miene. »Wir haben den ganzen Tag im Haus gesessen und gelernt, gelernt, gelernt.«

Natürlich warf Mrs. Greenwood Helen sofort einen missbilligenden Blick zu. »Ist das wahr, Miss Davenport? Sie wissen doch, dass die Kinder frische Luft brauchen! In diesem Alter können sie noch nicht den ganzen Tag über den Büchern sitzen!«

In Helen kochte es, doch sie durfte William nicht der Lüge bezichtigen. Zu ihrer Erleichterung mischte George sich ein.

»Das stimmt doch gar nicht. William hatte wie jeden Tag seinen Spaziergang nach dem Mittagessen. Aber da hat es gerade ein bisschen geregnet, und er mochte nicht rausgehen. Die Nanny hat ihn zwar einmal um den Park gezerrt, aber zum Krocketspielen sind wir vor dem Unterricht nicht mehr gekommen.«

»Dafür hat William gemalt«, versuchte Helen abzulenken. Vielleicht kam Mrs. Greenwood ja auf seine museumsreife Zeichnung zu sprechen und vergaß den Ausgang. Doch die Rechnung ging leider nicht auf.

»Trotzdem, Miss Davenport: Wenn das Wetter mittags nicht mitspielt, müssen Sie eben nachmittags eine Pause einlegen. In den Kreisen, in denen William sich einmal bewegen wird, ist Körperertüchtigung fast ebenso wichtig wie geistige Förderung!«

William schien den Tadel für seine Lehrerin zu genießen, und Helen dachte wieder einmal an besagte Anzeige …

George schien Helens Gedanken zu lesen. Als hätte es das Gespräch mit William und seiner Mutter nicht gegeben, griff er die letzte Bemerkung seines Vaters wieder auf. Helen hatte diesen Kunstgriff schon mehrmals bei Vater und Sohn bemerkt und bewunderte zumeist die elegante Überleitung. Diesmal jedoch trieb ihr Georges Bemerkung die Röte ins Gesicht.

»Miss Davenport interessiert sich für Neuseeland, Vater.«

Helen schluckte krampfhaft, als sich alle Blicke auf sie richteten.

»Ach, wirklich?«, fragte Robert Greenwood gelassen. »Denken Sie an Auswanderung?« Er lächelte. »Dann ist Neuseeland eine gute Wahl. Keine übermäßige Hitze und keine malariaträchtigen Sümpfe wie in Indien. Keine blutrünstigen Eingeborenen wie in Amerika. Keine Sprösslinge krimineller Siedler wie in Australien …«

»Tatsächlich?«, fragte Helen und freute sich, das Gespräch wieder auf neutraleren Boden bringen zu können. »Wurde Neuseeland nicht auch durch Sträflinge besiedelt?«

Mr. Greenwood schüttelte den Kopf. »Aber nein. Die dortigen Gemeinden wurden fast durchweg von braven britischen Christenmenschen gegründet, und so ist es noch heute. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass es dort keine zweifelhaften Subjekte gibt. Vor allem in die Walfängerlager an der Westküste dürfte es so manchen Gauner verschlagen haben, und die Schafschererkolonnen werden auch nicht gerade aus lauter Ehrenmännern bestehen. Aber Neuseeland ist ganz gewiss kein Sammelbecken des gesellschaftlichen Abschaums. Die Kolonie ist auch noch jung. Sie wurde erst vor wenigen Jahren eigenständig …«

»Aber die Eingeborenen sind gefährlich!«, warf George ein. Offensichtlich wollte jetzt auch er mit seinem Wissen glänzen – und für kriegerische Auseinandersetzungen, das wusste Helen aus dem Unterricht, hatte er ein Faible und ein ausgezeichnetes Gedächtnis. »Es gab noch vor einiger Zeit Kämpfe, nicht wahr, Dad? Hast du nicht davon erzählt, dass einem deiner Handelspartner die gesamte Wolle abgebrannt wurde?«

Mr. Greenwood nickte seinem Sohn wohlgefällig zu. »Richtig, George. Aber das ist vorbei – im Grunde seit zehn Jahren, auch wenn gelegentlich noch Scharmützel aufflackern. Es ging auch nicht um die grundsätzliche Anwesenheit der Siedler. Was das angeht, waren die Eingeborenen immer fügsam. Eher wurden Landverkäufe angezweifelt – und wer will ausschließen, dass unsere Landnehmer da nicht tatsächlich den einen oder anderen Stammeshäuptling übervorteilt haben? Doch seit die Queen unseren guten Captain Hobson als Generalleutnant herübergeschickt hat, werden diese Streitigkeiten behoben. Der Mann ist ein genialer Stratege. 1840 hat er sechsundvierzig Häuptlinge einen Vertrag unterschreiben lassen, in dem sie sich zu Untertanen der Königin erklären. Die Krone hat seitdem bei sämtlichen Landverkäufen Vorkaufsrecht. Leider haben nicht alle mitgespielt, und es halten ja wohl auch nicht alle Siedler Frieden. Deshalb kommt es schon mal zu kleinen Unruhen. Aber im Grunde ist das Land sicher – also keine Angst, Miss Davenport!« Mr. Greenwood zwinkerte Helen zu.

Mrs. Greenwood runzelte die Stirn. »Sie erwägen doch nicht wirklich, England zu verlassen, Miss Davenport?«, fragte sie verdrießlich. »Sie denken wohl nicht ernstlich daran, diese unsägliche Anzeige zu beantworten, die der Pfarrer im Gemeindeblatt veröffentlicht hat? Gegen die ausdrückliche Empfehlung unseres Damenkomitees, wie ich betonen möchte!«

Helen kämpfte schon wieder mit dem Erröten.

»Was für eine Anzeige?«, erkundigte sich Robert und wandte sich dabei direkt an Helen. Die aber druckste nur herum.

»Ich … ich weiß gar nicht so richtig, worum es geht. Da war nur eine Notiz …«

»Eine Gemeinde in Neuseeland sucht heiratswillige Mädchen«, klärte George seinen Vater auf. »Wie es aussieht, herrscht in diesem Südseeparadies Frauenmangel.«

»George!«, tadelte Mrs. Greenwood entsetzt.

Mr. Greenwood lachte. »Südseeparadies? Na, das Klima ist eher dem in England vergleichbar«, verbesserte er seinen Sohn. »Aber es ist doch kein Geheimnis, dass es in Übersee mehr Männer als Frauen gibt. Abgesehen vielleicht von Australien, wo der weibliche Abschaum der Gesellschaft gelandet ist: Betrügerinnen, Diebinnen, Hur … äh, leichte Mädchen. Aber wenn es um freiwillige Auswanderung geht, sind unsere Damen weniger abenteuerlustig als die Herren der Schöpfung. Entweder sie gehen mit ihren Ehemännern oder gar nicht. Ein typischer Charakterzug des schwachen Geschlechts.«

»Eben!«, stimmte Mrs. Greenwood ihrem Gatten zu, während Helen sich auf die Zunge biss. Sie war gar nicht so sehr von der männlichen Überlegenheit überzeugt. Da brauchte sie nur William anzuschauen oder an das sich endlos hinschleppende Studium ihrer Brüder zu denken. Gut versteckt in ihrem Zimmer verwahrte Helen sogar ein Buch der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, aber das musste sie unbedingt für sich behalten – Mrs. Greenwood hätte sie sofort entlassen. »Es ist wider die weibliche Natur, sich ohne männlichen Schutz auf schmutzige Auswandererschiffe zu begeben, in feindlichen Landen Quartier zu nehmen und womöglich noch Tätigkeiten auszuüben, die Gott den Männern vorbehalten hat. Und christliche Frauen nach Übersee zu schicken, um sie dort zu verheiraten, grenzt ja wohl an Mädchenhandel!«

»Nun, man schickt die Frauen ja nicht unvorbereitet«, warf Helen ein. »Die Anzeige sieht gewiss vorherige briefliche Kontakte vor. Und es war ausdrücklich von wohl beleumundeten, gut situierten Herren die Rede.«

»Ich dachte, Sie hätten die Anzeige gar nicht bemerkt«, spottete Mr. Greenwood, doch sein nachsichtiges Lächeln nahm den Worten die Schärfe.

Helen errötete erneut. »Ich … äh, könnte sein, dass ich sie kurz überflogen habe …«

George grinste.

Mrs. Greenwood schien den kurzen Wortwechsel gar nicht mitbekommen zu haben. Sie war längst bei einem anderen Aspekt der Neuseelandproblematik.

»Viel ärger als der so genannte Frauenmangel in den Kolonien erscheint mir das Dienstbotenproblem«, erklärte sie. »Wir haben heute im Waisenhauskomitee ausführlich darüber debattiert. Offensichtlich finden die besseren Familien in … wie heißt dieser Ort noch? Christchurch? Jedenfalls, sie finden dort kein ordentliches Personal. Vor allem Dienstmädchen sind rar.«

»Was durchaus als Begleiterscheinung des allgemeinen Frauenmangels zu deuten sein kann«, bemerkte Mr. Greenwood. Helen verkniff sich ein Lächeln.

»Auf jeden Fall wird unser Komitee ein paar unserer Waisenmädchen hinüberschicken«, fuhr Lucinda fort. »Wir haben vier oder fünf brave kleine Dinger um die zwölf Jahre, die alt genug sind, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Hierzulande finden wir kaum eine Anstellung für sie. Die Leute hier nehmen lieber etwas ältere Mädchen. Aber da drüben sollte man sich die Finger danach schlecken …«

»Das hat mir jetzt aber deutlich mehr den Anschein von Mädchenhandel als die Ehevermittlung«, wandte ihr Gatte ein.

Lucinda warf ihm einen giftigen Blick zu.

»Wir handeln nur im Interesse der Mädchen!«, behauptete sie und faltete geziert ihre Serviette zusammen.

Helen hatte da so ihre Zweifel. Wahrscheinlich hatte man sich kaum die Mühe gemacht, diesen Kindern auch nur ein Mindestmaß jener Fertigkeiten zu vermitteln, die man von Dienstmädchen in guten Häusern erwartete. Insofern konnte man die armen kleinen Dinger allenfalls als Küchenhilfen gebrauchen, und da bevorzugten die Köchinnen natürlich kräftige Bauernmädchen statt schlecht ernährte Zwölfjährige aus dem Armenhaus.

»In Christchurch haben die Mädchen Aussichten auf eine gute Anstellung. Und wir schicken sie natürlich nur in wohl beleumundete Familien …«

»Natürlich«, bemerkte Robert spöttisch. »Ich bin sicher, ihr werdet mit den künftigen Dienstherren der Mädchen eine mindestens ebenso umfangreiche Korrespondenz führen wie die heiratswilligen jungen Damen mit ihren künftigen Gatten.«

Mrs. Greenwood runzelte indigniert die Stirn. »Du nimmst mich nicht erst, Robert!«, tadelte sie ihren Mann.

»Selbstverständlich nehme ich dich ernst, meine Liebe.« Mr. Greenwood lächelte. »Wie könnte ich dem ehrenwerten Waisenhauskomitee etwas anderes unterstellen als die besten und lautersten Absichten. Außerdem werdet ihr eure kleinen Zöglinge ja wohl nicht ohne jede Aufsicht nach Übersee schicken. Vielleicht findet sich unter den heiratswilligen jungen Damen eine vertrauenswürdige Person, die sich für einen kleinen Zuschuss des Komitees an den Kosten für die Überfahrt um die Mädchen kümmert …«

Mrs. Greenwood äußerte sich nicht dazu, und Helen schaute wieder krampfhaft auf ihren Teller. Sie hatte den schmackhaften Braten kaum angerührt, mit dessen Zubereitung die Köchin vermutlich den halben Tag verbracht hatte. Doch den forschenden, amüsierten Seitenblick Mr. Greenwoods bei dessen letzter Bemerkung hatte Helen sehr wohl bemerkt. Das Ganze warf völlig neue Fragen auf. Beispielsweise hatte Helen sich bisher gar nicht vor Augen geführt, dass eine Überfahrt nach Neuseeland natürlich auch bezahlt werden wollte. Konnte man ohne schlechtes Gewissen seinen künftigen Gatten dafür aufkommen lassen? Oder erwarb er damit schon Rechte an einer Frau, die ihm eigentlich erst zustanden, wenn von Angesicht zu Angesicht das Jawort gesprochen war?

Nein, diese ganze Neuseeland-Geschichte war verrückt. Helen musste sie sich aus dem Kopf schlagen. Es war ihr nicht bestimmt, eine eigene Familie zu haben. Oder doch?

Nein, sie durfte nicht mehr daran denken!

Doch in Wahrheit dachte Helen Davenport in den nächsten Tagen an nichts anderes mehr …

2

»Wollen Sie die Herde gleich sehen, oder nehmen wir erst mal einen Drink?«

Lord Terence Silkham begrüßte seinen Besucher mit einem kräftigen Händedruck, den Gerald Warden nicht minder fest erwiderte. Lord Silkham hatte nicht so recht gewusst, wie er sich einen Mann vorstellen sollte, der ihm von der Züchtervereinigung in Cardiff als »Schaf-Baron« aus Übersee avisiert worden war. Doch was er nun sah, gefiel ihm nicht schlecht. Der Mann war für das Wetter in Wales zweckmäßig, aber durchaus modisch gekleidet. Seine Breeches waren von elegantem Schnitt und aus gutem Stoff, der Regenmantel aus englischer Produktion. Klare blaue Augen blickten aus einem großflächigen, ein wenig kantigen Gesicht, das zum Teil von einem breitkrempigen, für die Gegend typischen Hut verdeckt wurde. Darunter lugte volles braunes Haar hervor, nicht kürzer und nicht länger getragen, als es in England üblich war. Kurz und gut, nichts an der Erscheinung Gerald Wardens erinnerte auch nur im Entferntesten an die »Cowboys« aus den Groschenheftchen, in denen einige Dienstboten seiner Lordschaft – und zum Entsetzen seiner Gattin auch seine ungeratene Tochter Gwyneira! – gelegentlich schmökerten. Die Verfasser dieser Schundliteratur schilderten blutrünstige Kämpfe amerikanischer Siedler mit hasserfüllten Eingeborenen, und die ungelenken Zeichnungen zeigten verwegene Jünglinge mit langem, ungezähmtem Haarschopf, Stetson, Lederhosen und seltsam geformten Stiefeln, an denen angeberisch lange Sporen befestigt waren. Obendrein waren die Viehtreiber schnell mit ihrer Waffe bei der Hand, die man »Colt« nannte und die in Halftern an lockeren Gürteln getragen wurden.

Lord Silkhams heutiger Gast jedoch trug keine Waffe am Gürtel, sondern eine Taschenflasche Whiskey, die er jetzt aufschraubte und seinem Gastgeber anbot.

»Ich würde sagen, das hier reicht fürs Erste zur Stärkung«, sagte Gerald Warden mit tiefer, angenehmer, befehlsgewohnter Stimme. »Heben wir uns weitere Drinks für die Verhandlungen auf, wenn ich die Schafe gesehen habe. Und was das angeht, machen wir uns besser rasch auf den Weg, bevor es wieder regnet. Hier, bitte.«

Silkham nickte und nahm einen kräftigen Zug aus der Flasche. Erstklassiger Scotch! Kein billiger Fusel. Auch das nahm den hochgewachsenen, rothaarigen Lord für seinen Besucher ein. Er nickte Gerald zu, griff nach seinem Hut und seiner Reitpeitsche und stieß einen leisen Pfiff aus. Als hätten sie darauf gewartet, stoben drei lebhafte, schwarz- und braun-weiße Hütehunde aus den Ecken des Stalles, in denen sie Schutz vor dem unbeständigen Wetter gesucht hatten. Offensichtlich brannten sie darauf, sich den Reitern anzuschließen.

»Sind Sie den Regen nicht gewohnt?«, erkundigte sich Lord Terence, während er auf sein Pferd stieg. Ein Bediensteter hatte ihm seinen kräftigen Hunter vorgeführt, als er Gerald Warden begrüßt hatte. Geralds Pferd wirkte noch frisch, obwohl er an diesem Morgen bereits die weite Strecke von Cardiff nach Powys geritten war. Sicher ein Mietpferd, aber unzweifelhaft aus einem der besten Ställe der Stadt. Ein weiterer Hinweis darauf, wie der Ausdruck »Schaf-Baron« zustande kam. Warden war sicher nicht adelig, schien aber reich zu sein.

Jetzt lachte er und glitt ebenfalls in den Sattel seines eleganten Braunen. »Im Gegenteil, Silkham, im Gegenteil …«

Lord Terence schluckte, beschloss dann aber, dem anderen die respektlose Anrede nicht übel zu nehmen. Woher der Mann auch kommen mochte, waren »Mylords« und »Myladys« anscheinend eine unbekannte Gattung.

»Wir haben ungefähr dreihundert Regentage im Jahr. Genau genommen ist das Wetter in den Canterbury Plains ganz ähnlich wie hier, zumindest im Sommer. Die Winter sind milder, aber es reicht für erstklassige Wollqualität. Und das gute Gras macht die Schafe fett. Wir haben Gras im Überfluss, Silkham! Hektar um Hektar! Die Plains sind ein Paradies für Viehzüchter.«

Zu dieser Jahreszeit konnte man auch in Wales nicht über Mangel an Gras klagen. Wie ein Samtteppich bedeckte das üppige Grün die Hügel bis weit in die Berge hinein. Auch die wilden Ponys konnten sich jetzt daran erfreuen und brauchten nicht herunter in die Täler zu kommen, um auf Silkhams Grasland zu naschen. Seine Schafe, noch nicht geschoren, fraßen sich kugelrund. Wohlgefällig betrachteten die Männer eine Herde von Mutterschafen, die zum Ablammen in der Nähe des Herrenhauses untergebracht waren.

»Prächtige Tiere!«, lobte Gerald Warden. »Robuster als Romneys und Cheviots. Dabei sollen sie eine mindestens gleich gute Wollqualität liefern!«

Silkham nickte. »Welsh-Mountain-Schafe. Im Winter laufen sie zum Teil frei in den Bergen. Die bringt so leicht nichts um. Und wo liegt nun Ihr Wiederkäuer-Paradies? Sie müssen entschuldigen, aber Lord Bayliff sprach nur von ›Übersee‹.«

Lord Bayliff war Vorsitzender der Schafzüchtervereinigung und hatte Warden den Kontakt mit Silkham vermittelt. Der Schaf-Baron, so hatte in seinem Brief gestanden, gedenke ein paar Herdbuchschafe zu erwerben, um damit seine eigene Zucht in Übersee zu veredeln.

Warden lachte dröhnend. »Und das ist ein weiter Begriff! Lassen Sie mich raten … wahrscheinlich sahen Sie Ihre Schäfchen schon irgendwo im Wilden Westen von Indianerpfeilen durchbohrt! Aber da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Die Tiere bleiben sicher auf dem Boden des Britischen Empire. Mein Anwesen liegt in Neuseeland, in den Canterbury Plains auf der Südinsel. Grasland, wohin das Auge reicht! Sieht ganz ähnlich aus wie hier, nur größer, Silkham, ungleich größer!«

»Nun, dies hier ist auch nicht gerade ein Kleinbauernhof«, bemerkte Lord Terence indigniert. Was bildete dieser Kerl sich ein, Silkham Farms wie eine Klitsche darzustellen! »Ich habe um die dreißig Hektar Weideland.«

Gerald Warden grinste wieder. »Kiward Station hat um die vierhundert«, trumpfte er auf. »Allerdings ist noch nicht alles gerodet, da liegt noch einiges an Arbeit vor uns. Dennoch ist es ein prächtiges Anwesen. Und wenn dazu noch ein Zuchtstock der besten Schafe kommt, sollte es sich eines Tages als Goldgrube erweisen. Romney und Cheviot, gekreuzt mit Welsh Mountain – da liegt die Zukunft, glauben Sie mir!«

Silkham wollte ihm da nicht widersprechen. Er gehörte zu den besten Schafzüchtern von Wales, wenn nicht ganz Britanniens. Unzweifelhaft würden Tiere aus seiner Zucht jede Population verbessern. Inzwischen sah er auch die ersten Exemplare der Herde, die er Warden zugedacht hatte. Es waren alles junge Mutterschafe, die bislang noch nicht gelammt hatten. Dazu zwei junge Widder bester Abstammung.

Lord Terence pfiff den Hunden, die sofort darangingen, die verstreut auf einer riesigen Weide grasenden Schafe einzutreiben. Dazu umrundeten sie die Tiere in relativ großem Abstand und sorgten fast unmerklich dafür, dass die Schafe sich in direkter Linie auf die Männer zubewegten. Dabei ließen sie die Herde jedoch nie ins Rennen kommen – sobald sie sich in die gewünschte Richtung in Bewegung setzte, ließen die Hunde sich zu Boden fallen und warteten in einer Art Lauerstellung ab, ob ein Tier aus der Reihe tanzte. Geschah das, griff der zuständige Hütehund sofort ein.

Gerald Warden beobachtete fasziniert, wie selbstständig die Hunde vorgingen.

»Unglaublich. Was ist das für eine Rasse? ›Sheepdogs‹?«

Silkham nickte. »Border Collies. Sie haben das Treiben im Blut und brauchen kaum Ausbildung. Und die hier sind noch gar nichts. Da müssten Sie mal Cleo sehen – eine Spitzenhündin, die einen Trial nach dem anderen gewinnt!« Silkham sah sich suchend um. »Wo steckt sie überhaupt? Ich wollte sie eigentlich mitnehmen. Jedenfalls habe ich das meiner Lady versprochen. Damit Gwyneira nicht wieder … oh nein!« Der Lord hatte sich suchend nach der Hündin umgesehen, nun aber verweilte sein Blick auf einem Pferd und seinem Reiter, die aus Richtung des Wohnhauses rasch näher kamen. Dabei machten sie sich nicht die Mühe, die Wege zwischen den Schafkoppeln zu benutzen oder die Tore zu öffnen und hindurchzureiten. Stattdessen setzte das kräftige braune Pferd ohne zu zögern über alle Zäune und Mauern hinweg, die Silkhams Koppeln begrenzten. Als es näher kam, bemerkte Warden auch den kleinen schwarzen Schatten, der sich nach Kräften mühte, mit Pferd und Reiter Schritt zu halten. Teilweise sprang der Hund über die Hindernisse, teilweise hüpfte er die Mauern wie Treppen hinauf oder tauchte einfach unter der untersten Zaunlatte durch. Jedenfalls war das schwanzwedelnde, eifrige Etwas schließlich vor dem Reiter auf der Schafkoppel und übernahm gleich die Führung des Trios. Dabei schienen die Schafe fast Gedanken zu lesen. Wie auf ein einziges Kommando der Hündin formierten sie sich zu einer geschlossenen Gruppe und stoppten brav vor den Männern, ohne sich dabei auch nur eine Minute zu erregen. Unaufgeregt senkten die Schafe die Köpfe erneut ins Gras, bewacht von Silkhams drei Hütehunden. Der kleine Neuankömmling kam derweil Beifall heischend zu Silkham und schien über das ganze freundliche Colliegesicht zu strahlen. Allerdings sah die Hündin die Männer nicht direkt an. Ihr Blick richtete sich eher auf den Reiter des braunen Pferdes, der eben hinter den Männern zum Schritt durchparierte und anhielt.

»Guten Morgen, Vater!«, sagte eine helle Stimme. »Ich wollte dir Cleo bringen. Ich dachte, du brauchst sie.«

Gerald Warden blickte ebenfalls zu dem Jungen auf und wollte ihm gerade ein paar lobende Worte zu seinem eleganten Parforceritt sagen. Dann aber stockte er, als er den Damensattel bemerkte, dazu ein verschlissenes, dunkelgraues Reitkleid sowie die Fülle des nachlässig im Nacken zusammengebundenen, flammendroten Haares. Möglicherweise hatte das Mädchen die Locken vor dem Ritt züchtig aufgesteckt, wie es Brauch war, aber sehr viel Mühe konnte sie sich damit nicht gemacht haben. Andererseits hätte sich bei diesem wilden Ritt wohl fast jeder Knoten gelöst.

Lord Silkham blickte wenig begeistert. Immerhin erinnerte er sich jetzt daran, das Mädchen vorzustellen.

»Mr. Warden – meine Tochter Gwyneira. Und ihre Hündin Cleopatra, der vorgeschobene Grund ihres Kommens. Was machst du hier, Gwyneira? Wenn ich mich recht erinnere, sprach deine Mutter von einer Französisch-Lektion heute Nachmittag …«

Gewöhnlich hatte Lord Terence den Stundenplan seiner Tochter nicht im Kopf, doch Madame Fabian, Gwyneiras französische Hauslehrerin, litt an einer ausgeprägten Hundeallergie. Lady Silkham pflegte ihren Gatten deshalb stets zu erinnern, Cleo vor dem Unterricht aus dem Umkreis seiner Tochter zu entfernen, was nicht einfach war. Die Hündin klebte an ihrer Herrin wie Pech und Schwefel und war nur durch besonders interessante Hüte-Aufgaben von ihr wegzulocken.

Gwyneira zuckte anmutig die Schultern. Sie saß tadellos gerade, aber locker und völlig sicher zu Pferde und hielt ihre kleine, kräftige Stute gelassen am Zügel.

»Das war vorgesehen, ja. Aber die arme Madame hatte einen schlimmen Asthma-Anfall. Wir mussten sie zu Bett bringen, sie konnte kein Wort sprechen. Woher sie das nur immer hat! Mutter achtet doch so gewissenhaft darauf, dass kein Tier in ihre Nähe kommt …«

Gwyneira versuchte, gleichmütig dreinzublicken und Bedauern zu heucheln, doch ihr ausdrucksvolles Gesicht spiegelte eher einen gewissen Triumph. Warden hatte jetzt Zeit, sich das Mädchen näher anzusehen: Es hatte einen sehr hellen Teint mit leichter Neigung zu Sommersprossen, ein herzförmiges Gesicht, das unschuldig süß gewirkt hätte, wäre der ein wenig volle und breite Mund nicht gewesen, der Gwyneiras Zügen etwas Sinnliches verlieh. Vor allem wurde ihr Gesicht von großen, ungewöhnlich blauen Augen beherrscht. Indigoblau, erinnerte sich Gerald Warden. So hieß das in den Farbkästen, mit denen sein Sohn einen Großteil seiner Zeit vertrödelte.

»Und Cleo ist nicht zufällig noch mal durch den Salon gelaufen, nachdem die Hausmädchen dort jedes Hundehaar einzeln entfernt hatten, bevor Madame sich aus ihren Räumen traute?«, fragte Silkham streng.

»Ach, das glaube ich nicht«, meinte Gwyneira mit sanftem Lächeln, das ihrer Augenfarbe einen wärmeren Ton verlieh. »Ich habe sie vor der Stunde persönlich in den Stall gebracht und ihr eingeschärft, dass sie dort auf dich zu warten hat. Aber sie saß noch vor Igraines Box, als ich zurückkam. Ob sie wohl etwas geahnt hat? Hunde sind manchmal sehr einfühlsam …«

Lord Silkham erinnerte sich an das dunkelblaue Samtkleid, das Gwyneira beim Lunch getragen hatte. Wenn sie Cleo in diesem Aufzug in die Ställe gebracht und sich vor ihr niedergehockt hatte, um ihr Anweisungen zu geben, dürften ausreichend Hundehaare daran haften geblieben sein, um die arme Madame für drei Wochen außer Gefecht zu setzen.

»Wir reden später noch darüber«, bemerkte Silkham in der Hoffnung, dass seine Frau dann die Aufgabe des Anklägers und Richters übernehmen würde. Jetzt, vor seinem Besucher, wollte er Gwyneira nicht weiter zusammenstauchen. »Wie finden Sie die Schafe, Warden? Ist es das, was Sie sich vorgestellt haben?«

Gerald Warden wusste, dass er jetzt zumindest der Form halber von einem Tier zum anderen gehen und Wollqualität, Bau und Futterzustand begutachten sollte. Tatsächlich hegte er allerdings keinen Zweifel an der erstklassigen Qualität der Mutterschafe. Alle waren groß und wirkten gesund und wohlgenährt, und ihre Wolle wuchs gleich nach der Schur wieder nach. Vor allem würde es die Ehre eines Lord Silkham unter keinen Umständen zulassen, einen Käufer aus Übersee zu betrügen. Eher würde er ihm die besten Tiere überlassen, um seinen Ruf als Züchter auch in Neuseeland zu wahren. Insofern blieb Geralds Blick zunächst auf Silkhams außergewöhnlicher Tochter haften. Sie erschien ihm sehr viel interessanter als die Zuchttiere.

Gwyneira hatte sich jetzt ohne Hilfe aus dem Sattel gleiten lassen. Eine schneidige Reiterin wie sie konnte wahrscheinlich auch ohne Hilfestellung in den Sattel steigen. Im Grunde wunderte sich Gerald, dass sie überhaupt den Seitsattel gewählt hatte; wahrscheinlich bevorzugte sie das Reiten im Herrensitz. Aber vielleicht hätte dies ja das Fass zum Überlaufen gebracht. Lord Silkham schien ohnehin nicht begeistert, das Mädchen zu sehen, und auch ihr Verhalten gegenüber der französischen Gouvernante schien alles andere als ladylike.

Gerald dagegen gefiel das Mädchen. Wohlgefällig betrachtete er Gwyneiras zierliche, an den richtigen Stellen jedoch ausreichend gerundete Figur. Das Mädchen war zweifellos voll entwickelt, obwohl es sehr jung war, sicher kaum älter als siebzehn. Überhaupt schien Gwyn noch recht kindlich zu sein; erwachsene Ladys brachten meist nicht so viel Interesse für Pferde und Hunde auf. Allerdings war Gwyneiras Umgang mit den Tieren weit entfernt von weiblichem Herumtändeln. Jetzt wehrte sie lachend das Pferd ab, das eben versuchte, seinen ausdrucksvollen Kopf an ihrer Schulter zu scheuern. Die Stute war deutlich kleiner als Lord Silkhams Hunter, äußerst stämmig, aber doch elegant. Ihr geschwungener Hals und ihr kurzer Rücken erinnerten Gerald an die spanischen und neapolitanischen Pferde, die ihm auf seinen Reisen auf dem Kontinent mitunter angeboten wurden. Für Kiward Station jedoch befand er sie allesamt als zu groß und vielleicht auch zu sensibel. Schon den Bridle Path vom Schiffsanleger nach Christchurch hätte er ihnen nicht zumuten wollen. Dieses Pferd jedoch …

»Sie haben ein hübsches Pony, Mylady«, bemerkte Gerald Warden. »Ich habe eben seine Springmanier bewundert. Reiten Sie mit dem Pferd auch Jagden?«

Gwyneira nickte. Bei der Erwähnung ihrer Stute strahlten ihre Augen ähnlich auf wie eben, als es um die Hündin ging.

»Das ist Igraine«, sagte sie ungezwungen. »Sie ist ein Cob. Die typischen Pferde für diese Gegend, sehr trittsicher und ebenso gute Kutsch- wie Reitpferde. Sie wachsen frei im Bergland auf.« Gwyneira zeigte auf die zerklüfteten Berge, die im Hintergrund der Weiden aufragten – eine raue Umwelt, die zweifellos ein robustes Naturell verlangte.

»Aber nicht gerade das typische Damenpferd, oder?«, sagte Gerald lächelnd. Er hatte schon andere junge Ladys in England reiten sehen. Die meisten bevorzugten leichte Vollblutpferde.

»Kommt darauf an, ob die Dame reiten kann«, beschied ihn Gwyneira. »Ich kann nicht klagen … Cleo, nun bleib doch mal von meinen Füßen weg!«, rief sie der kleinen Hündin zu, nachdem sie fast über das Tier gestolpert wäre. »Du hast es ja gut gemacht, alle Schafe sind da! Aber das war nun wirklich keine schwierige Aufgabe.« Sie wandte sich Silkham zu. »Soll Cleo die Widder eintreiben, Vater? Sie langweilt sich.«

Doch Lord Silkham wollte zunächst seine Mutterschafe vorführen. Und auch Gerald zwang sich nun, die Tiere genauer in Augenschein zu nehmen. Gwyneira ließ ihr Pferd währenddessen grasen und kraulte die Hündin. Schließlich nickte ihr Vater ihr zu.

»Also gut, Gwyneira, dann zeig Mr. Warden den Hund. Du brennst doch nur darauf, ein bisschen anzugeben. Kommen Sie, Warden, wir müssen ein Stück reiten. Die jungen Widder sind in den Hügeln.«

Wie Gerald erwartet hatte, machte Silkham keine Anstalten, seiner Tochter in den Sattel zu helfen. Gwyneira bewältigte die schwierige Aufgabe, zunächst den linken Fuß in den Bügel zu stellen und dann das rechte Bein elegant übers Sattelhorn zu schwingen, voller Anmut und ganz selbstverständlich, wobei ihre Stute so regungslos stand wie eine Statue. Als sie dann antrat, fielen Gerald ihre hohen, eleganten Bewegungen auf. Das Mädchen und das Pferd gefielen ihm gleichermaßen, und auch die kleine, dreifarbige Hündin faszinierte ihn. Während des Rittes zu den Widdern erfuhr er, dass Gwyneira die Hündin selbst trainiert und schon diverse Hütewettbewerbe mit ihr gewonnen hatte.

»Die Schäfer können mich schon nicht mehr leiden«, erklärte Gwyneira mit unschuldigem Lächeln. »Und die Frauenvereinigung hat die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt schicklich sei, dass ein Mädchen einen Hund vorführt. Aber was soll daran unschicklich sein? Ich stehe doch nur herum und mache vielleicht mal ein Tor auf und zu.«

Tatsächlich genügten ein paar Handbewegungen und ein geflüsterter Befehl, um die gut geschulten Hütehunde des Lords auszuschicken. Gerald Warden sah zunächst gar keine Schafe auf dem großen Areal, dessen Zauntor Gwyneira diesmal lässig vom Sattel aus geöffnet hatte, statt einfach darüberzuspringen. Auch dabei bewährte sich das kleinere Pferd; Silkham und Warden wäre es schwer gefallen, sich von ihren großen Tieren herunterzubeugen.

Cleo und die anderen Hunde brauchten nur wenige Minuten, um die Herde zu sammeln, obwohl die jungen Schafböcke sich viel aufmüpfiger gebärdeten als die ruhigen Mutterschafe. Einige brachen während des Treibens aus oder stellten sich den Hunden sogar kämpferisch entgegen, was die Sheepdogs aber nicht aus dem Konzept brachte. Cleo wedelte begeistert mit dem Schwanz, als sie sich auf einen knappen Ruf hin wieder zu ihrer Besitzerin gesellte. Die Schafböcke standen nun alle in relativ geringer Entfernung. Silkham wies Gwyneira zwei davon an, die Cleo sofort in atemberaubender Geschwindigkeit von den anderen trennte.

»Die hier habe ich für Sie vorgesehen«, erklärte Lord Silkham seinem Besucher. »Beste Herdbuchtiere, erstklassige Abstammung. Ich kann Ihnen nachher auch die Vatertiere zeigen. Sie wären sonst bei mir in die Zucht gegangen und hätten sicher eine Menge Preise geholt. Aber so … Ich denke, Sie werden meinen Namen als Züchter in den Kolonien erwähnen. Und das ist mir wichtiger als die nächste Auszeichnung in Cardiff.«

Gerald Warden nickte ernst. »Worauf Sie sich verlassen können. Prächtige Tiere! Ich kann die Nachzucht mit meinen Cheviots kaum erwarten! Aber wir sollten auch über die Hunde sprechen! Nicht, dass wir in Neuseeland keine Sheepdogs hätten. Aber ein Tier wie diese Hündin und dazu ein passender Rüde wären mir einiges Geld wert.«

Gwyneira, die ihre Hündin anerkennend gestreichelt hatte, hörte diese Bemerkung. Sogleich warf sie sich zornig herum und funkelte den Neuseeländer an. »Wenn Sie meinen Hund kaufen wollen, verhandeln Sie besser mit mir, Mr. Warden! Aber ich sag es Ihnen gleich: Nicht für all Ihr Geld können Sie Cleo bekommen. Die gehört zu mir! Ohne mich geht sie nirgendwohin. Sie könnten sie auch gar nicht führen, denn sie hört nicht auf jeden.«

Lord Silkham schüttelte missbilligend den Kopf. »Gwyneira, wie benimmst du dich?«, fragte er streng. »Selbstverständlich können wir Mr. Warden ein paar Hunde verkaufen. Es muss ja nicht dein Liebling sein.« Er blickte Warden an. »Ich würde Ihnen ohnehin zu ein paar Jungtieren aus dem letzten Wurf raten, Mr. Warden. Cleo ist nicht der einzige Hund, mit dem wir Trials gewinnen.«

Aber der beste, dachte Gerald. Und für Kiward Station war das Beste gerade gut genug. In den Ställen und im Haus. Wenn blaublütige Mädchen doch genauso einfach zu erwerben wären wie Herdbuchschafe! Als die drei zurück zum Haus ritten, schmiedete Warden bereits Pläne.

Gwyneira zog sich zum Abendessen sorgfältig um. Nach der Sache mit Madame wollte sie nicht noch einmal auffallen. Ihre Mutter hatte ihr eben schon die Hölle heiß gemacht. Dabei kannte sie die Vorträge der Lady längst auswendig: Wenn sie sich weiterhin so wild gebärdete und mehr Zeit in den Ställen und auf dem Pferderücken verbrachte als in den Schulstunden, fände sie nie einen Mann. Nun war es nicht zu leugnen, dass Gwyneiras Französischkenntnisse zu wünschen übrig ließen. Und das galt auch für ihre hausfraulichen Fähigkeiten. Gwyneiras Handarbeiten sahen nie so aus, als könnte man sein Heim damit schmücken – tatsächlich ließ der Pfarrer sie vor den Kirchenbasaren sogar unauffällig verschwinden, statt sie zum Verkauf anzubieten. Für die Planung großer Festessen und ausführliche Besprechungen mit der Köchin zu Fragen wie »Lachs oder Zander?« hatte das Mädchen ebenfalls wenig Sinn. Gwyneira aß, was auf den Tisch kam; welche Gabeln und Löffel sie zu welchem Gericht benutzen sollte, wusste sie zwar, hielt das Ganze aber im Grunde für Unsinn. Wozu die Tafel stundenlang schmücken, wenn dann in wenigen Minuten alles aufgegessen war? Und dann die Sache mit den Blumenarrangements! Seit einigen Monaten gehörte der Blumenschmuck im Salon und im Esszimmer zu Gwyneiras Obliegenheiten. Aber leider genügte ihr Geschmack meist nicht den Ansprüchen – etwa, wenn sie Feldblumen pflückte und auf die Vasen verteilte, wie es ihr gefiel. Sie fand das hübsch, doch ihre Mutter wäre bei dem Anblick fast in Ohnmacht gefallen. Erst recht, als sie auf den Gräsern auch noch eine versehentlich mit eingeschleppte Spinne entdeckte. Seitdem schnitt Gwyneira die Blumen unter Aufsicht des Gärtners im Rosengarten von Silkham Manor und arrangierte sie mit Hilfe von Madame. Um diese lästige Pflicht war das Mädchen heute allerdings herumgekommen. Die Silkhams hatten nicht nur Gerald Warden zu Gast, sondern auch Gwyneiras älteste Schwester Diana und deren Ehemann. Diana liebte Blumen und beschäftigte sich seit ihrer Heirat fast ausschließlich mit dem Anlegen des ausgefallensten und gepflegtesten Rosengartens in ganz England. Heute hatte sie eine Auswahl der schönsten Blüten für ihre Mutter mitgebracht und auch gleich geschickt in Vasen und auf Körbe verteilt. Gwyneira seufzte. So gut würde ihr das nie gelingen. Falls Männer sich bei der Auswahl ihrer Gattin wirklich davon leiten ließen, müsste sie wohl als alte Jungfer sterben. Gwyneira hatte allerdings das Gefühl, als wäre der Blumenschmuck sowohl ihrem Vater als auch Dianas Ehemann Jeffrey herzlich egal. Auch Gwyneiras Stickereien hatte bislang noch kein männliches Wesen – außer dem wenig begeisterten Pfarrer – einen Blick gegönnt. Warum also konnte sie die jungen Herren nicht lieber mit ihren wahren Begabungen beeindrucken? Auf der Jagd zum Beispiel würde sie Bewunderung erregen: Gwyneira verfolgte den Fuchs meist schneller und erfolgreicher als die restliche Jagdgesellschaft. Das aber schien die Männer ebenso wenig für sie einzunehmen wie ihr geschickter Umgang mit den Hütehunden. Zwar äußerten die Herren sich anerkennend, doch ihr Blick war oft ein wenig missbilligend, und beim abendlichen Ball tanzten sie mit anderen Mädchen. Aber das konnte ebenso gut mit Gwyneiras dürftiger Mitgift zusammenhängen. Das Mädchen machte sich da keine Illusionen – als letzte von drei Töchtern hatte sie nicht viel zu erwarten. Zumal auch ihr Bruder dem Vater auf der Tasche lag. John Henry »studierte« in London. Gwyneira fragte sich nur, welches Fach. Solange er noch auf Silkham Manor lebte, hatte er den Wissenschaften nicht mehr abgewinnen können als seine jüngere Schwester, und die Rechnungen, die er aus London schickte, waren viel zu hoch, als dass es sich allein um die Anschaffung von Büchern handeln konnte. Ihr Vater bezahlte stets widerspruchslos und murmelte höchstens etwas von »Hörner abstoßen«, doch Gwyneira war sich klar darüber, dass das viele Geld von ihrer Mitgift abging.

Trotz dieser Widrigkeiten machte sie sich keine allzu großen Sorgen um ihre Zukunft. Vorerst ging es ihr gut, und irgendwann würde ihre rührige Mutter auch einen Gatten für sie auftreiben. Schon jetzt beschränkten die Abendeinladungen ihrer Eltern sich fast ausschließlich auf befreundete Ehepaare, die rein zufällig Söhne im passenden Alter hatten. Manchmal brachten sie die jungen Männer gleich mit, häufiger erschienen allerdings die Eltern allein, und noch öfter kamen nur die Mütter zum Tee. Das hasste Gwyneira besonders, denn dabei wurden alle Fähigkeiten abgeprüft, die Mädchen angeblich dringend brauchten, um einem hochherrschaftlichen Haushalt vorzustehen. Man erwartete, dass Gwyneira kunstvoll den Tee servierte – wobei sie einmal leider Lady Bronsworth verbrüht hatte. Sie war erschrocken, als ihre Mutter ausgerechnet während dieser schwierigen Transaktion die faustdicke Lüge auftischte, Gwyneira hätte die Teekuchen selbst gebacken.

Nach dem Tee griff man zum Stickrahmen, wobei Lady Silkham Gwyneira sicherheitshalber ihren eigenen zusteckte, auf dem das Petit-Point-Kunstwerk fast vollendet war, und unterhielt sich dabei über das letzte Buch von Mr. Bulwer-Lytton. Für Gwyneira war diese Lektüre eher ein Schlafmittel; sie hatte es noch nie geschafft, auch nur einen dieser Schinken zu Ende zu lesen. Immerhin kannte sie ein paar Wörter wie »erbaulich« und »erhabene Ausdruckskraft«, die man in diesem Zusammenhang immer wieder anbringen konnte. Außerdem sprachen die Damen natürlich über Gwyneiras Schwestern und ihre wundervollen Ehemänner, wobei sie angelegentlich die Hoffnung äußerten, dass bald auch Gwyneira mit einer ähnlich guten Partie gesegnet würde. Gwyneira selbst wusste nicht, ob sie sich das wünschte. Sie fand ihre Schwäger langweilig, und Dianas Gatte war fast alt genug, um ihr Vater zu sein. Man munkelte, dass die Ehe vielleicht deshalb noch nicht mit Kindern gesegnet war, wobei Gwyneira die Zusammenhänge hier nicht ganz klar waren. Allerdings musterte man ja auch ältere Zuchtschafe aus … Sie kicherte, als sie Dianas gestrengen Gatten Jeffrey mit dem Widder Cesar verglich, den ihr Vater gerade widerwillig aus der Zucht genommen hatte.

Und dann Larissas Ehemann Julius! Der stammte zwar aus einer der besten Adelsfamilien, war aber schrecklich farblos und blutleer. Gwyneira erinnerte sich, dass ihr Vater nach dem ersten Kennenlernen verstohlen etwas von »Inzucht« gemurmelt hatte. Immerhin hatten Julius und Larissa bereits einen Sohn – der aber auch schon wie ein Gespenst aussah. Nein, das alles waren nicht die Männer, von denen Gwyneira träumte. Ob das Angebot in Übersee wohl besser war? Dieser Gerald Warden machte einen ganz lebhaften Eindruck, obwohl er natürlich zu alt für sie war. Aber er kannte sich immerhin mit Pferden aus, und er hatte ihr nicht das Angebot gemacht, ihr in den Sattel zu helfen. Ritten Frauen in Neuseeland vielleicht ungestraft im Herrensitz? Gwyneira ertappte sich manchmal beim Träumen über den Romanheftchen der Dienstboten. Wie es wohl sein mochte, mit einem der schneidigen amerikanischen Cowboys um die Wette zur reiten? Ihm herzklopfend bei einem Pistolenduell zuzusehen? Und die Pionierfrauen dort im Westen griffen auch durchaus selbst mal zur Waffe! Gwyneira hätte ein von Indianern umzingeltes Fort jederzeit Dianas Rosengarten vorgezogen.

Jetzt zwängte sie sich aber erst mal in ein Korsett, das sie noch enger einschnürte als das alte Ding, das sie beim Reiten trug. Sie hasste diese Quälerei, aber wenn sie in den Spiegel sah, gefiel ihr die extrem schlanke Taille. Keine ihrer Schwestern war so zierlich. Und das himmelblaue Seidenkleid stand ihr auch ganz hervorragend. Es ließ ihre Augen noch mehr strahlen und betonte das leuchtende Rot ihres Haars. Wie schade, dass sie es aufstecken musste. Und wie mühsam für die Zofe, die schon mit Kämmen und Haarspangen bereitstand! Gwyneiras Haar war von Natur aus lockig; wenn Feuchtigkeit in der Luft lag, wie fast immer in Wales, kräuselte es sich besonders und war schwer zu zähmen. Gwyneira musste oft stundenlang still sitzen, bis die Zofe es vollständig gebändigt hatte. Und dabei fiel ihr Stillsitzen schwerer als alles andere.

Seufzend ließ Gwyneira sich auf dem Frisierstuhl nieder und machte sich auf eine langweilige halbe Stunde gefasst. Doch dann fiel ihr Blick auf das unscheinbare Heftchen, das neben den Frisierutensilien auf dem Tisch lag. In den Händen der Rothaut lautete der reißerische Titel.

»Ich hab mir gedacht, Mylady wünscht ein wenig Kurzweil«, bemerkte die junge Zofe und lächelte Gwyneira im Spiegel an. »Aber es ist sehr gruselig! Sophie und ich konnten die ganze Nacht nicht schlafen, nachdem wir es einander vorgelesen hatten!«

Gwyneira hatte schon nach dem Heftchen gegriffen. Sie gruselte sich nicht so schnell.

Gerald Warden langweilte sich derweil im Salon. Die Herren nahmen einen Drink vor dem Essen. Eben hatte Lord Silkham ihm seinen Schwiegersohn Jeffrey Riddleworth vorgestellt. Lord Riddleworth, erklärte er Warden, habe in der Indischen Kronkolonie gedient und sei erst vor zwei Jahren hochdekoriert nach England heimgekehrt. Diana Silkham war seine zweite Frau, die erste war in Indien verstorben. Warden wagte nicht zu fragen, woran, aber mit ziemlicher Sicherheit war die Dame weder an Malaria noch an einem Schlangenbiss verschieden – es sei denn, sie hätte erheblich mehr Schneid und Bewegungsfreude besessen als ihr Gatte. Riddleworth jedenfalls schien die Regimentsunterkünfte während seiner ganzen Zeit in Indien nicht verlassen zu haben. Über das Land konnte er nicht mehr erzählen, als dass es außerhalb der englischen Refugien laut und schmutzig war. Die Einheimischen hielt er durchweg für Lumpenpack, allen voran die Maharadschas, und außerhalb der Städte war sowieso alles tiger- und schlangenverseucht.

»Einmal hatten wir so eine Natter sogar in unserer Unterkunft«, erklärte Riddleworth angewidert und zwirbelte seinen gepflegten Schnauzbart. »Ich habe das Biest natürlich sofort erschossen, obwohl der Kuli meinte, es sei nicht giftig. Aber kann man diesen Leuten trauen? Wie ist das bei Ihnen, Warden? Haben Ihre Dienstboten dieses widerliche Gezücht unter Kontrolle?«

Gerald dachte belustigt daran, dass Riddleworth’ Schüsse im Haus vermutlich mehr Schaden angerichtet hatten, als selbst ein Tiger jemals hätte zustande bringen können. Er traute dem kleinen, wohlgenährten Oberst kaum zu, einen Schlangenkopf mit einem Schuss zu treffen. Auf jeden Fall hatte der Mann sich eindeutig das falsche Land als Wirkungsbereich ausgesucht.

»Unsere Dienstboten sind mitunter ein wenig … äh, gewöhnungsbedürftig«, sagte Gerald. »Wir setzen meist Eingeborene ein, denen die englische Lebensart doch sehr fremd ist. Aber mit Schlangen und Tigern haben wir nichts zu tun. In ganz Neuseeland gibt es keine Schlangen. Und ursprünglich gab es auch kaum Säugetiere. Erst die Missionare und Siedler brachten Nutzvieh, Hunde und Pferde auf die Inseln.«

»Keine wilden Tiere?«, fragte Riddleworth stirnrunzelnd. »Kommen Sie, Warden, Sie wollen uns doch nicht weismachen, dass es dort vor der Besiedlung wie am vierten Tag der Schöpfung ausgesehen hat.«

»Es gibt Vögel«, berichtete Gerald Warden. »Große, kleine, dicke, dünne, fliegende, laufende … ach ja, und ein paar Fledermäuse. Ansonsten natürlich Insekten, aber die sind auch nicht sehr gefährlich. Sie müssen sich also anstrengen, wollen Sie auf Neuseeland umgebracht werden, Mylord. Es sei denn, Sie greifen auf zweibeinige Räuber mit Feuerwaffen zurück.«

»Vermutlich auch auf solche mit Macheten, Dolchen und Krummschwertern, was?«, fragte Riddleworth lachend. »Also, mir ist es ein Rätsel, wie jemand sich freiwillig in eine solche Wildnis begeben kann! Ich war froh, als ich die Kolonien verlassen konnte.«

»Unsere Maoris sind meist friedlich«, meinte Warden gelassen. »Ein seltsames Volk … fatalistisch und leicht zufrieden zu stellen. Sie singen, tanzen, schnitzen Holz und kennen kein nennenswertes Waffenhandwerk. Nein, Mylord, ich bin sicher, auf Neuseeland hätten Sie sich eher gelangweilt als gefürchtet …«

Riddleworth wollte eben aufbrausend erklären, dass er während seines Aufenthalts in Indien selbstverständlich keinen Tropfen Angstschweiß verloren hatte. Aber dann wurden die Herren durch Gwyneiras Eintreffen unterbrochen. Das Mädchen betrat den Salon – und schaute verwirrt, als es Mutter und Schwester nicht unter den Anwesenden entdeckte.

»Bin ich zu früh?«, fragte Gwyneira, statt ihren Schwager zunächst angemessen zu begrüßen.

Der guckte denn auch entsprechend beleidigt, während Gerald Warden kaum den Blick von Gwyneiras Erscheinung wenden konnte. Das Mädchen war ihm vorhin schon hübsch erschienen, aber jetzt, in dem festlichen Staat, erkannte er sie als wahre Schönheit. Die blaue Seide betonte ihren hellen Teint und ihr kräftiges rotes Haar. Die strengere Frisur betonte den edlen Schnitt ihres Gesichts. Und dazu diese verwegenen Lippen und die leuchtend blauen Augen mit ihrem wachen, fast herausfordernd wirkenden Ausdruck! Gerald war hingerissen.

Aber dieses Mädchen passte nicht hierher. Er konnte sie sich unmöglich an der Seite eines Mannes wie Jeffrey Riddleworth vorstellen. Gwyneira war eher der Typ, der sich Schlangen um den Hals legte und Tiger zähmte.

»Nein, nein, du bist pünktlich, Kind«, meinte Lord Terence mit einem Blick auf die Uhr. »Deine Mutter und deine Schwester verspäten sich. Wahrscheinlich waren sie wieder zu lange im Garten …«

»Waren Sie denn nicht im Garten?«, wandte Gerald Warden sich an Gwyneira. Eigentlich hätte er eher sie im Freien vermutet als ihre Mutter, die er vorhin als etwas steif und gelangweilt kennen gelernt hatte.

Gwyneira zuckte die Schultern. »Ich mache mir nicht viel aus Rosen«, bekannte sie, obwohl sie damit nochmals Jeffreys Unwillen und sicher auch den ihres Vaters erregte. »Wenn es Gemüse wäre, oder sonst etwas, das nicht sticht …«

Gerald Warden lachte, wobei er die säuerlichen Mienen Silkhams und Riddleworth’ ignorierte. Der Schaf-Baron fand das Mädchen entzückend. Sie war natürlich nicht die Erste, die er auf dieser Reise in die alte Heimat einer unauffälligen Musterung unterzog, aber bislang hatte sich keine der jungen englischen Ladys so natürlich und ungezwungen gegeben.

»Na, na, Mylady!«, neckte er sie. »Konfrontieren Sie mich da wirklich mit den Schattenseiten der Englischen Rosen? Sollte sich hinter milchweißer Haut und rotgoldenem Haar Stacheligkeit verbergen?«

Der Ausdruck »Englische Rose« für den auf den britischen Inseln verbreiteten, hellhäutigen und rothaarigen Mädchentyp war auch auf Neuseeland bekannt.

Gwyneira hätte eigentlich erröten müssen, lächelte aber nur. »Es ist auf jeden Fall sicherer, Handschuhe zu tragen«, bemerkte sie und sah aus dem Augenwinkel, wie ihre Mutter nach Luft schnappte.

Lady Silkham und ihre älteste Tochter, Lady Riddleworth, waren eben eingetreten und hatten Wardens und Gwyneiras kurzen Wortwechsel gehört. Beide wussten offensichtlich nicht, was sie mehr schockieren sollte: Wardens Unverschämtheit oder Gwyneiras schlagfertige Antwort.

»Mr. Warden, meine Tochter Diana, Lady Riddleworth.« Lady Silkham beschloss schließlich, die Angelegenheit einfach zu übergehen. Der Mann besaß zwar keinen gesellschaftlichen Schliff, doch er hatte ihrem Gatten eben die Zahlung eines kleinen Vermögens für eine Schafherde und einen Wurf junger Hunde zugesagt. Das würde Gwyneiras Mitgift sichern – und Lady Silkham freie Hand geben, das Mädchen schleunigst unter die Haube zu bringen, bevor die Kunde über ihr freches Mundwerk sich womöglich herumsprach.

Diana begrüßte den Besucher aus Übersee würdevoll. Sie war Gerald Warden als Tischdame zugewiesen, was dieser schnell bedauerte. Das Essen mit den Riddleworths verlief mehr als langweilig. Während Gerald kurze Stichworte gab und so tat, als lausche er Dianas Ausführungen über Rosenzucht und Gartenausstellungen, beobachtete er weiterhin Gwyneira. Abgesehen von ihrem losen Mundwerk war ihr Benehmen untadelig. Sie wusste, wie man sich in Gesellschaft verhielt und plauderte artig, wenn auch offensichtlich gelangweilt mit ihrem Tischherrn Jeffrey. Brav antwortete sie auf die Fragen ihrer Schwester, die ihre Fortschritte in französischer Konversation und das Befinden der werten Madame Fabian betrafen. Letztere bedauerte zutiefst, dem heutigen Abendessen aus Krankheitsgründen fernbleiben zu müssen. Sie hätte sonst zu gern mit ihrer früheren Lieblingsschülerin Diana geplaudert.

Erst als das Dessert serviert war, kam Lord Riddleworth auf seine Frage von vorhin zurück. Offensichtlich ging das Tischgespräch inzwischen selbst ihm auf die Nerven. Diana und ihre Mutter waren mittlerweile dazu übergegangen, sich über gemeinsame Bekannte auszutauschen, die sie durchweg »reizend« fanden und deren »wohlgeratene« Söhne sie offensichtlich für eine Verbindung mit Gwyneira in Betracht zogen.

»Sie haben immer noch nicht erzählt, wie es Sie einst nach Übersee verschlagen hat, Mr. Warden. Sind Sie im Auftrag der Krone gegangen? Womöglich im Gefolge des fabelhaften Captain Hobson?«

Gerald Warden schüttelte lächelnd den Kopf und ließ zu, dass der Diener sein Weinglas noch einmal füllte. Er hatte dem hervorragenden Tropfen bisher nur zurückhaltend zugesprochen. Später würde es noch ausreichend von Lord Silkhams hervorragendem Scotch geben, und wenn er auch nur den Schatten einer Chance haben wollte, seine Pläne zu verwirklichen, brauchte er einen klaren Kopf. Ein leeres Glas würde allerdings Aufmerksamkeit erregen. Also nickte er dem Diener zu, griff zunächst aber nach seinem Wasserglas.

»Ich bin wohl zwanzig Jahre vor Hobson gesegelt«, gab er dann zur Antwort. »Zu einer Zeit, als es auf den Inseln noch rauer zuging. Besonders in den Walfangstationen und bei den Robbenjägern …«

»Aber Sie sind doch Schafzüchter!«, warf Gwyneira eifrig ein. Endlich ein interessantes Thema! »Sie haben nicht wirklich Wale gejagt?«

Gerald lachte grimmig. »Und ob ich auf Walfang war, Mylady. Drei Jahre lang auf der Molly Malone …«

Mehr wollte er darüber wohl nicht erzählen, aber jetzt runzelte Lord Silkham die Stirn.

»Ach, kommen Sie, Warden, Sie verstehen zu viel von Schafen, als dass ich Ihnen die Räubergeschichten abkaufe! Das haben Sie doch nicht auf einem Walfänger gelernt!«

»Natürlich nicht«, antwortete Gerald gelassen. Die Schmeichelei prallte völlig von ihm ab. »Tatsächlich stamme ich aus den Yorkshire Dales, und mein Vater war Schäfer …«

»Aber Sie haben das Abenteuer gesucht!« Das war Gwyneira. Ihre Augen blitzten vor Aufregung. »Sie sind bei Nacht und Nebel aufgebrochen und haben das Land verlassen, und …«

Wieder war Gerald Warden belustigt und begeistert zugleich. Dieses Mädchen war eindeutig die Richtige, auch wenn es verwöhnt war und völlig falsche Vorstellungen hegte.

»Ich war vor allem das zehnte von elf Kindern«, stellte er richtig. »Und ich mochte nicht mein Leben damit verbringen, anderer Leute Schafe zu hüten. Mein Vater wollte mich mit dreizehn in Lohn geben. Aber ich heuerte stattdessen als Schiffsjunge an. Hab die halbe Welt gesehen. Die Küsten Afrikas, Amerika, das Kap … bis ins Nordmeer sind wir gesegelt. Und schließlich nach Neuseeland. Und das gefiel mir am besten. Keine Tiger, keine Schlangen …« Er zwinkerte Lord Riddleworth zu. »Das Land noch weitgehend unerschlossen und ein Klima wie in meiner Heimat. Letztlich sucht man wohl doch seine Wurzeln.«

»Und dann haben Sie Wale und Robben gejagt?«, fragte Gwyneira nochmals ungläubig. »Nicht gleich mit Schafen angefangen?«

»Schafe bekommt man nicht umsonst, kleine Lady«, sagte Gerald Warden lächelnd. »Wie ich heute wieder einmal erfahren durfte. Um die Herde Ihres Vaters zu erwerben, müsste man mehr als einen Wal ausschlachten! Und das Land war zwar billig, aber ganz umsonst gaben die Maori-Häuptlinge es auch nicht her …«

»Maoris sind die Eingeborenen?«, fragte Gwyneira begierig.

Gerald Warden nickte. »Das heißt so viel wie ›Moa-Jäger‹. Die Moas waren riesige Vögel, aber die Jäger waren offenbar zu eifrig. Auf jeden Fall sind die Biester ausgestorben. Wir Einwanderer nennen uns übrigens ›Kiwis‹. Der Kiwi ist auch ein Vogel. Ein neugieriges, aufdringliches und höchst lebendiges Tier. Man kann dem Kiwi nicht entkommen. Auf Neuseeland ist er überall. Aber fragen Sie mich jetzt nicht, wer auf die Idee gekommen ist, uns ausgerechnet nach dem Kiwi zu benennen.«

Ein Teil der Tischgesellschaft lachte, allen voran Lord Silkham und Gwyneira. Lady Silkham und die Riddleworths waren wohl eher indigniert, dass sie hier mit einem ehemaligen Hütejungen und Walfänger tafelten, auch wenn er es inzwischen zu einem Schaf-Baron gebracht hatte.

Lady Silkham hob denn auch bald die Tafel auf und zog sich mit ihren Töchtern in den Salon zurück, wobei Gwyneira sich nur widerwillig von der Herrenrunde trennte. Endlich hatte sich das Gespräch einmal um interessantere Themen gedreht als die immer gleiche Gesellschaft und Dianas unsäglich langweilige Rosen. Jetzt sehnte sie sich danach, sich in ihre Räume zurückziehen zu dürfen, wo In den Händen der Rothaut, halb gelesen auf sie wartete. Die Indianer hatten die Heldin, die Tochter eines Kavallerieoffiziers, gerade entführt. Vor Gwyneira lagen jedoch noch mindestens zwei Tassen Tee in Gesellschaft ihrer weiblichen Verwandtschaft. Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal.

Im Herrenzimmer bot Lord Terence inzwischen Zigarren an. Gerald Warden überzeugte auch dabei durch Kennerschaft, indem er die beste kubanische Sorte auswählte. Lord Riddleworth griff eher wahllos in die Schachtel. Dann verbrachten sie eine endlos lange halbe Stunde damit, die letzten Entscheidungen der Königin in Bezug auf die britische Landwirtschaft zu diskutieren. Sowohl Silkham als auch Riddleworth hielten es für bedauernswert, dass die Queen deutlich auf Industrialisierung und Außenhandel setzte, statt die traditionelle Wirtschaft zu stärken. Gerald Warden äußerte sich nur vage dazu. Erstens hatte er wenig Ahnung, und zweitens war es ihm ziemlich egal. Der Neuseeländer lebte erst wieder auf, als Riddleworth einen bedauernden Blick auf das Schachspiel warf, das aufgebaut auf einem Beistelltischchen wartete.

»Schade, dass wir heute nicht zu unserer Partie kommen, aber wir wollen unseren Gast natürlich nicht langweilen«, bemerkte der Lord.

Gerald Warden verstand die Untertöne. Wäre er ein wirklicher Gentleman, so versuchte Riddleworth ihm zu vermitteln, würde er sich jetzt unter vorgeschobenen Gründen in seine Räume zurückziehen. Doch Gerald war kein Gentleman. Diese Rolle hatte er jetzt zur Genüge gespielt; so langsam musste er zur Sache kommen.

»Warum wagen wir stattdessen nicht ein kleines Kartenspiel?«, schlug er mit unschuldigem Lächeln vor. »Man spielt doch sicher auch Black Jack in den Salons der Kolonien, nicht wahr, Riddleworth? Oder bevorzugen Sie ein anderes Spiel? Poker?«

Riddleworth sah ihn entsetzt an. »Ich bitte Sie! Black Jack … Poker … So etwas mag man in den Spelunken der Hafenstädte spielen, aber doch nicht unter Gentlemen.«

»Also, ich spiele gern mal eine Partie«, erklärte Silkham. Dabei schien er nicht nur aus Höflichkeit Wardens Partei zu ergreifen; er blickte tatsächlich begehrlich auf den Kartentisch. »Während meiner Militärzeit habe ich es oft gespielt, aber hier findet sich ja kaum eine gesellige Runde, in der nicht nur über Schafe und Pferde gefachsimpelt wird. Auf, Jeffrey! Du kannst als Erster geben. Und sei nur nicht geizig. Ich weiß, du hast ein reiches Salär. Wollen doch mal sehen, ob ich mir heute etwas von Dianas Mitgift zurückholen kann!«

Der Lord sprach ziemlich unverblümt. Er hatte während des Essens dem Wein gut zugesprochen und anschließend den ersten Scotch rasch heruntergeschüttet. Nun wies er die anderen Männer eifrig an, Platz zu nehmen. Gerald Warden setzte sich zufrieden, Riddleworth noch immer zögernd. Widerwillig griff er nach den Karten und mischte eher ungeschickt.

Gerald stellte sein Glas beiseite. Er musste jetzt hellwach sein. Erfreut bemerkte er, dass der leicht angetrunkene Lord Terence gleich mit recht hohem Einsatz eröffnete. Gerald ließ ihn bereitwillig gewinnen. Eine halbe Stunde später lag ein kleines Vermögen in Münzen und Scheinen vor Lord Terence und Jeffrey Riddleworth. Letzterer war darüber leicht aufgetaut, auch wenn er immer noch nicht begeistert wirkte. Silkham schenkte vergnügt Whiskey nach.

»Verlieren Sie nicht das Geld für meine Schafe!«, warnte er Gerald. »Eben haben Sie schon einen weiteren Wurf Hunde verspielt!«

Gerald Warden lächelte. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, sagte er und erhöhte noch einmal den Einsatz. »Was ist, Riddleworth, ziehen Sie mit?«

Auch der Oberst war zwar nicht mehr nüchtern, aber von Natur aus misstrauisch. Gerald Warden wusste, dass er ihn auf Dauer loswerden musste – möglichst ohne dabei allzu viel Geld zu verlieren. Als Riddleworth seinen Gewinn jetzt wirklich noch einmal auf eine Karte setzte, schlug Gerald zu.

»Black Jack, mein Freund!«, sagte er fast bedauernd, als er das zweite Ass auf den Tisch legte. »Einmal musste meine Pechsträhne ja enden! Auf ein Neues! Kommen Sie, Riddleworth, holen Sie sich Ihr Geld doppelt zurück!«

Riddleworth stand verärgert auf. »Nein, ich steige aus. Hätte ich eben schon tun sollen. Tja, wie gewonnen, so zerronnen. Noch mehr werfe ich Ihnen jedenfalls nicht in den Rachen. Und du solltest auch aufhören, Schwiegervater. Dann hast du zumindest noch einen kleinen Gewinn gemacht.«

»Du redest wie meine Frau«, bemerkte Silkham, wobei seine Stimme schon unsicher klang. »Und was heißt ›kleiner Gewinn‹? Ich hab vorhin nicht mitgezogen. Ich hab noch all mein Geld. Und mein Glück hält an! Heute ist überhaupt mein Glückstag, nicht, Warden? Heute hab ich mal richtig Glück!«

»Dann wünsche ich weiterhin viel Spaß«, sagte Riddleworth eisig.

Gerald Warden atmete auf, als er aus dem Zimmer ging. Jetzt hatte er freie Bahn.

»Dann verdoppeln Sie doch mal Ihren Gewinn, Silkham!«, ermunterte er den Lord. »Wie viel sind das jetzt? Fünfzehntausend insgesamt? Donnerwetter, Sie haben mich bislang um mehr als zehntausend Pfund erleichtert! Wenn Sie das mal zwei nehmen, haben Sie glatt noch mal den Preis für Ihre Schafe!«

»Aber … aber wenn ich verliere, ist alles weg«, kamen dem Lord nun doch Bedenken.

Gerald Warden zuckte die Schultern. »Das ist das Risiko. Aber wir können es ja klein halten. Sehen Sie, ich gebe Ihnen jetzt eine Karte und mir ebenfalls. Sie schauen drunter, ich decke auf – und dann entscheiden Sie. Wenn Sie das Spiel nicht machen wollen, gut. Aber ich kann natürlich auch ablehnen, nachdem ich meine erste Karte gesehen habe!« Er lächelte.

Silkham nahm die Karte unsicher in Empfang. Verstieß diese Möglichkeit nicht gegen die Regeln? Ein Gentleman sollte keine Auswege suchen und keine Risiken scheuen. Fast verstohlen warf er dann aber trotzdem einen Blick auf die Karte.

Eine Zehn! Abgesehen von einem Ass hätte es nicht besser sein können.

Gerald, der die Bank hielt, deckte seine Karte auf. Eine Dame. Die zählte drei Punkte. Ein eher ungünstiger Start. Der Neuseeländer runzelte die Stirn und schien zu zweifeln.

»Mein Glück scheint wirklich nicht anzuhalten«, seufzte er. »Und wie ist es bei Ihnen? Spielen wir, oder lassen wir es?«

Silkham war plötzlich äußerst begierig, weiterzuspielen.

»Ich hätte gern noch eine Karte!«, erklärte er.

Gerald Warden schaute resigniert auf seine Dame. Er schien mit sich zu ringen, gab dann aber doch eine weitere Karte aus.

Die Pik-Acht. Insgesamt 18 Punkte. Ob das reichte? Silkham brach der Schweiß aus. Aber wenn er jetzt noch eine Karte nahm, bestand die Gefahr, dass er sich überkaufte. Also Bluff. Der Lord bemühte sich um ein ausdrucksloses Gesicht.

»Ich bin fertig«, erklärte er kurz.

Gerald deckte eine weitere Karte auf. Eine Acht. Bislang also elf Zähler. Der Neuseeländer griff erneut zu den Karten.

Silkham hoffte inständig auf ein Ass. Dann hätte Gerald sich überkauft. Aber auch sonst standen die Chancen nicht schlecht. Nur eine Acht oder eine Zehn konnten den Schaf-Baron retten.

Gerald zog – einen weiteren König.

Er stieß scharf die Luft aus.

»Wenn ich jetzt hellsehen könnte …«, seufzte er. »Aber egal, weniger als fünfzehn werden Sie nicht haben, das kann ich mir nicht vorstellen. Also Risiko!«

Silkham zitterte, als Gerald die letzte Karte nahm. Die Gefahr, sich zu überkaufen, war riesig. Aber dann fiel Herz-Vier.

»Neunzehn«, zählte Gerald. »Und ich passe. Karten auf den Tisch, Mylord!«

Silkham deckte resigniert sein Blatt auf. Ein Zähler Rückstand. Er war so nahe dran gewesen!

Gerald Warden schien das genauso zu sehen. »Haarscharf, Mylord, haarscharf! Das schreit nach Revanche. Ich weiß, ich bin verrückt, aber das können wir so nicht stehen lassen. Noch ein Spiel.«

Silkham schüttelte den Kopf. »Ich hab kein Geld mehr. Das war ja nicht nur mein Gewinn, das war mein gesamter Einsatz. Wenn ich noch mehr verspiele, bringe ich mich ernstlich in Schwierigkeiten. Kommt nicht in Frage, ich höre auf.«

»Aber ich bitte Sie, Mylord!« Gerald mischte die Karten. »Mit steigendem Risiko macht es doch erst richtig Spaß! Und der Einsatz … warten Sie, wir spielen um die Schafe! Ja, die Schafe, die Sie mir verkaufen wollen! Selbst wenn es dann schief geht, verlieren Sie nichts. Denn wenn ich jetzt nicht aufgetaucht wäre, um die Schafe zu kaufen, hätten Sie das Geld schließlich auch nicht gehabt!« Gerald Warden zeigte sein gewinnendes Lächeln und ließ die Karten geschmeidig durch die Hände gleiten.

Lord Silkham leerte sein Glas und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei schwankte er leicht, doch die Worte kamen ihm noch klar von den Lippen: »Das könnte Ihnen so passen, Warden! Zwanzig der besten Zuchtschafe dieser Insel für ein paar Kartentricks? Nein, ich höre auf. Ich habe genug verloren. Bei Ihnen in der Wildnis sind solche Spiele vielleicht gang und gäbe, aber hier behalten wir einen kühlen Kopf!«

Gerald Warden hob die Whiskeyflasche und füllte noch einmal die Gläser.

»Ich hätte Sie für mutiger gehalten«, meinte er bedauernd. »Oder besser, für draufgängerischer. Aber das ist vielleicht typisch für uns Kiwis – auf Neuseeland gilt nur der als Mann, der etwas wagt.«

Lord Silkham runzelte die Stirn. »Sie können den Silkhams kaum Feigheit vorwerfen. Wir haben immer tapfer gekämpft, der Krone gedient und …« Dem Lord fiel es sichtlich schwer, gleichzeitig die rechten Worte zu finden und aufrecht zu stehen. Er ließ sich erneut in seinen Sessel sinken. Betrunken aber war er noch nicht. Bislang konnte er diesem Glücksritter Paroli bieten!

Gerald Warden lachte. »Auch wir in Neuseeland dienen der Krone. Die Kolonie entwickelt sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Auf die Dauer werden wir England alles zurückgeben, was die Krone bislang in uns investiert hat. Die Königin ist da nämlich mutiger als Sie, Mylord. Sie spielt ihr Spiel, und sie gewinnt. Kommen Sie, Silkham! Sie wollen doch jetzt nicht aufgeben? Ein paar gute Karten, und Sie bekommen die Schafe doppelt bezahlt!«

Mit diesen Worten warf er zwei verdeckte Karten vor Silkham auf den Tisch. Der Lord wusste selbst nicht recht, warum er zugriff. Das Risiko war zu groß, aber der Gewinn verlockend. Wenn er wirklich gewann, wäre Gwyneiras Mitgift nicht nur gesichert, sondern hoch genug, auch die besten Familien des Landes zufrieden zu stellen. Während er die Karten langsam aufnahm, sah er seine Tochter als Baronin … wer weiß, vielleicht sogar als Hofdame der Königin …

Eine Zehn. Das war gut. Wenn die andere nun … Silkhams Herz klopfte heftig, als er nach der Karo-­Zehn auch noch die Pik-Zehn aufdeckte. 20 Punkte. Das war kaum zu schlagen.

Triumphierend sah er Gerald an.

Gerald Warden hob seine erste Karte vom Stapel. Pik-Ass. Silkham stöhnte. Aber das hieß nichts. Die nächste Karte konnte eine Zwei oder eine Drei sein, und dann war die Wahrscheinlichkeit groß, dass Warden sich überkaufte.

»Sie können noch aussteigen«, meinte Gerald.

Silkham lachte. »Oh nein, mein Freund, so haben wir nicht gewettet. Jetzt machen Sie Ihr Spiel! Ein Silkham steht zu seinem Wort.«

Gerald nahm langsam eine weitere Karte.

Silkham wünschte sich plötzlich, den Stapel selbst gemischt zu haben. Andererseits … er hatte Gerald beim Mischen beobachtet, da war nichts falsch gelaufen. Was immer jetzt geschah, Betrug konnte man Warden nicht vorwerfen.

Gerald Warden drehte die Karte um.

»Tut mir Leid, Mylord.«

Silkham starrte wie hypnotisiert auf die Herz-Zehn, die vor ihm auf dem Tisch lag. Das Ass zählte elf, die Zehn machte die Einundzwanzig voll.

»Dann kann ich Sie nur beglückwünschen«, sagte der Lord steif. In seinem Glas war noch Whiskey, und er kippte ihn rasch hinunter. Als Gerald nachfüllen wollte, hielt er die Hand über sein Glas.

»Ich hatte schon zu viel, danke. Es ist Zeit, dass ich aufhöre … mit dem Trinken und dem Spielen, bevor ich meine Tochter nicht nur um ihre Mitgift, sondern meinen Sohn auch noch um Haus und Hof bringe.« Silkhams Stimme klang erstickt. Wieder versuchte er aufzustehen.

»Ich dachte mir so etwas …«, bemerkte Gerald im Plauderton und füllte zumindest sein eigenes Glas. »Das Mädchen ist Ihre Jüngste, nicht wahr?«

Silkham nickte bitter. »Ja. Und vorher habe ich bereits zwei ältere Töchter unter die Haube gebracht. Haben Sie eine Ahnung, was das kostet? Diese letzte Hochzeit wird mich ruinieren. Zumal jetzt, da ich die Hälfte meines Kapitals verspielt habe.«

Der Lord wollte gehen, doch Gerald schüttelte den Kopf und hob die Whiskeyflasche. Langsam floss die goldgelbe Versuchung in Silkhams Glas.

»Nein, Mylord«, sagte Gerald, »so können wir das nicht stehen lassen. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu ruinieren oder gar die kleine Gwyneira um ihre Mitgift zu bringen. Wagen wir ein letztes Spiel, Mylord. Ich setze die Schafe noch einmal ein. Wenn Sie diesmal gewinnen, ist alles wie gehabt.«

Silkham lachte spöttisch. »Und was setze ich dagegen? Den Rest meiner Herde? Vergessen Sie’s!«

»Wie wäre es mit … mit der Hand Ihrer Tochter?«

Gerald Warden sprach ruhig und gelassen, doch Silkham fuhr auf, als hätte Warden ihn geschlagen.

»Sie sind nicht bei Trost! Sie wollen doch nicht ernstlich um Gwyneira werben? Das Mädchen könnte Ihre Tochter sein.«

»Eben das würde ich mir von ganzem Herzen wünschen!« Gerald versuchte, so viel Aufrichtigkeit und Wärme in seine Stimme und seinen Blick zu legen, wie er konnte. »Denn meine Werbung gilt selbstverständlich nicht für mich, sondern für meinen Sohn Lucas. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt, mein einziger Erbe, wohlerzogen, gut gewachsen und gewandt. Ich könnte mir Gwyneira hervorragend an seiner Seite vorstellen.«

»Aber ich nicht!«, gab Silkham rüde zurück, stolperte und suchte Halt in seinem Sessel. »Gwyneira ist von hohem Adel. Sie könnte einen Baron heiraten!«

Gerald Warden lachte. »Fast ohne Mitgift? Und machen Sie sich nichts vor, ich habe das Mädchen gesehen. Sie ist nicht gerade das, wonach sich die Mütter von Baronets die Finger lecken.«

Lord Silkham fuhr auf. »Gwyneira ist eine Schönheit!«

»Stimmt«, beschwichtigte Gerald. »Und sicher ist sie die Zierde einer jeden Fuchsjagd. Ob sie sich aber im Palast genauso gut machen würde? Sie ist ein wildes junges Ding, Mylord. Es wird Sie den doppelten Preis kosten, das Mädchen an den Mann zu bringen.«

»Ich sollte Sie fordern!«, stieß Silkham wütend hervor.

»Ich fordere Sie doch schon.« Gerald Warden hob die Karten. »Los, diesmal mischen Sie.«

Silkham griff nach seinem Glas. Seine Gedanken rasten. Das hier widersprach allen guten Sitten. Er konnte seine Tochter nicht im Kartenspiel einsetzen. Dieser Warden hatte den Verstand verloren! Andererseits … ein solcher Handel konnte nicht gelten. Spielschulden waren Ehrenschulden, aber ein Mädchen war kein zulässiger Wetteinsatz. Wenn Gwyneira Nein sagte, konnte niemand sie zwingen, auf ein Schiff nach Übersee zu steigen. Und es musste ja auch gar nicht so weit kommen. Diesmal würde er gewinnen. Einmal musste das Glück sich ja wenden.

Silkham mischte die Karten – nicht bedächtig wie sonst, sondern schnell, wie im Rausch, als wollte er dieses entwürdigende Spiel rasch hinter sich bringen.

Fast wütend warf er Gerald eine Karte hin. Den Rest des Stapels umklammerte er mit zitternden Händen.

Der Neuseeländer deckte sein Blatt auf, ohne eine Regung zu zeigen. Herz-Ass.

»Das ist …« Silkham sprach nicht weiter. Stattdessen zog er selbst. Pik-Zehn. Gar nicht so schlecht. Der Lord versuchte, mit ruhiger Hand zu geben, zitterte dann aber so, dass die Karte vor Gerald auf den Tisch fiel, ehe der Neuseeländer danach greifen konnte.

Gerald Warden machte gar nicht erst den Versuch, die Karte zunächst verdeckt zu halten. Gelassen legte er den Herz-Buben neben das Ass.

»Black Jack«, sagte er ruhig. »Werden Sie Wort halten, Mylord?«

3

Helen hatte mehr als nur leichtes Herzklopfen, als sie jetzt vor dem Büro des Gemeindepfarrers von St. Clement stand. Dabei war sie nicht zum ersten Mal hier, und eigentlich fühlte sie sich meist sogar sehr wohl in diesen Räumen, die so sehr den Amtsstuben ihres Vater glichen. Reverend Thorne war zudem ein alter Freund des verstorbenen Reverend Davenport. Er hatte Helen vor einem Jahr zu der Stellung bei den Greenwoods verholfen und ihre Brüder sogar einige Wochen in seiner Familie beherbergt, bevor zuerst Simon und dann John ein Zimmer in ihrer Studentenverbindung fanden. Die Jungen waren triumphierend ausgezogen, doch Helen war darüber nicht so begeistert gewesen. Während Thorne und seine Gattin ihre Brüder nicht nur kostenlos bei sich wohnen ließen, sondern auch ein wenig beaufsichtigten, kostete die Unterkunft in den Verbindungshäusern Geld und ermöglichte den Studenten mancherlei Kurzweil, die ihrem wissenschaftlichen Fortkommen nicht unbedingt zuträglich war.

Helen klagte dem Reverend oft ihr Leid darüber. Fast jeden ihrer freien Nachmittage verbrachte sie im Hause der Thornes.

Bei ihrem heutigen Besuch erwartete sie jedoch kein entspanntes Teetrinken mit dem Reverend und seiner Familie, und aus seinem Amtszimmer klang auch nicht das dröhnende, fröhliche »Herein mit Gott!«, mit dem der Geistliche seine Schäfchen sonst begrüßte. Stattdessen erklang eine befehlsgewohnte Frauenstimme aus dem Büro, nachdem Helen sich endlich überwunden hatte zu klopfen. In den Räumen des Reverends residierte an diesem Nachmittag Lady Juliana Brennan, Gattin eines pensionierten Leutnants aus dem Stab des William Hobson, ehemals Gründungsmitglied der anglikanischen Gemeinde Christchurch und neuerdings wieder Stütze der Londoner Gesellschaft. Die Dame hatte auf Helens Schreiben geantwortet und diesen Termin im Gemeindeamt mit ihr vereinbart. Sie wollte die »ehrbaren, in Haushalt und Kindererziehung bewanderten« Frauen, die sich auf ihre Anzeige hin beworben hatten, unbedingt selbst in Augenschein nehmen, bevor sie ihnen den Weg zu den »wohl beleumundeten und gut situierten Mitgliedern« der Siedlung Christchurch ebnete. Zum Glück war sie dabei flexibel. Helen hatte nur alle zwei Wochen einen Nachmittag frei, und sie hätte Mrs. Greenwood nur ungern um zusätzlichen Ausgang gebeten. Lady Brennan aber hatte gleich zugestimmt, als Helen ihr diesen Freitagnachmittag für das Treffen vorschlug.

Jetzt rief sie die junge Frau herein und betrachtete wohlgefällig, dass Helen gleich beim Eintreten einen ehrfurchtsvollen Knicks machte.

»Lassen Sie das, Kindchen, ich bin nicht die Queen«, bemerkte sie dann allerdings kühl, woraufhin Helen rot anlief.

Dabei fielen ihr die Ähnlichkeiten zwischen der gestrengen Queen Viktoria und der ebenfalls eher rundlichen und dunkel gewandeten Lady Brennan auf. Beide schienen nur in Ausnahmesituationen zu lächeln und das Leben sonst vor allem als gottgesandte Bürde anzunehmen, unter der man möglichst offensichtlich zu leiden hatte. Helen bemühte sich, ebenso streng und ausdruckslos zu erscheinen. Sie hatte noch einmal im Spiegel überprüft, ob sich auf ihrem Weg durch den Wind und den Regen auf den Straßen Londons keine noch so winzige Strähne aus ihrem straff zum Knoten gewundenen Haar gelöst hatte. Der größte Teil der strengen Frisur wurde ohnehin von ihrem schlichten, dunkelblauen Hut verdeckt, der Helen notdürftig vor dem Regen geschützt hatte und jetzt vollständig durchnässt war. Den ebenso nassen Mantel hatte sie immerhin im Vorzimmer abgeben können. Darunter trug sie einen blauen Tuchrock und eine sorgfältig gestärkte, helle Rüschenbluse. Helen wollte unbedingt einen guten, möglichst distinguierten Eindruck erwecken. Lady Brennan dürfte sie auf keinen Fall für eine leichtsinnige Glücksritterin halten.

»Sie wollen also auswandern?«, fragte die Lady geradeheraus. »Eine Pfarrerstochter, obendrein in guter Stellung, wie ich sehe. Was lockt Sie nach Übersee?«

Helen überlegte ihre Antwort sorgfältig. »Mich lockt nicht das Abenteuer, Mylady«, bemerkte sie. »Ich bin zufrieden in meiner Stellung, und meine Herrschaft behandelt mich gut. Aber ich sehe jeden Tag das Glück in ihrer Familie, und mein Herz brennt vor Sehnsucht, selbst einmal im Mittelpunkt einer solch liebenden Gemeinschaft zu stehen.«

Hoffentlich empfand die Dame das nicht als übertrieben. Helen selbst hatte fast lachen müssen, als sie sich diese Sätze zurechtgelegt hatte. Schließlich waren die Greenwoods nicht gerade ein Musterbeispiel für Harmonie – und das Allerletzte, was Helen sich wünschte, wäre ein Sprössling wie William.

Doch Mrs. Brennan wirkte recht angetan von Helens Antwort. »Und hier in der Heimat sehen Sie keine Möglichkeiten dafür?«, erkundigte sie sich. »Sie glauben, keinen Gatten finden zu können, der Ihren Ansprüchen genügt?«

»Ich weiß nicht, ob meine Ansprüche zu groß sind«, meinte Helen vorsichtig. Tatsächlich hatte sie vor, später noch einige Fragen zu den »wohl beleumundeten, gut situierten Mitgliedern« der Gemeinde Christchurch zu stellen. »Aber meine Mitgift ist sicher klein. Ich kann wenig sparen, Mylady. Bislang habe ich meine Brüder bei ihren Studien unterstützt, da blieb nichts übrig. Und ich bin siebenundzwanzig. Viel Zeit für die Suche nach einem Gatten bleibt mir da nicht mehr.«

»Und Ihre Brüder benötigen Ihre Unterstützung nun nicht mehr?«, wollte Lady Brennan wissen. Offensichtlich unterstellte sie Helen, sich durch die Auswanderung ihren familiären Pflichten entziehen zu wollen. Ganz Unrecht hatte sie damit nicht. Helen hatte es gründlich satt, ihre Brüder zu finanzieren.

»Meine Brüder stehen kurz vor dem Abschluss ihrer Studien«, behauptete sie. Das war nicht einmal gelogen: Wenn Simon noch einmal durchfiel, würde man ihn der Universität verweisen, und um John stand es nicht viel besser. »Aber ich sehe keine Chancen, dass sie danach ihrerseits für meine Mitgift aufkommen. Weder ein Rechtsreferendar noch ein Assistenzarzt verdienen viel Geld.«

Lady Brennan nickte. »Werden Sie Ihre Familie denn nicht vermissen?«, erkundigte sie sich dann griesgrämig.

»Meine Familie wird aus meinem Ehemann und – so Gott will – unseren Kindern bestehen«, erklärte Helen fest. »Ich will meinem Gatten beim Aufbau seines Heims in der Fremde zur Seite stehen. Da werde ich kaum Zeit haben, der alten Heimat nachzutrauern.«

»Sie scheinen fest entschlossen«, bemerkte die Lady.

»Ich hoffe, dass Gott mich leitet«, meinte Helen demütig und senkte den Kopf. Die Fragen zu den Männern würden warten müssen. Hauptsache, dieser Drache in schwarzer Spitze half ihr weiter! Und wenn die Herren in Christchurch ebenso auf Herz und Nieren geprüft wurden wie die Frauen hier, konnte eigentlich nichts schief gehen. Immerhin zeigte Lady Brennan sich jetzt aufgeschlossener. Sie verriet sogar ein wenig über die Gemeinde Christchurch: »Eine aufstrebende Siedlung, gegründet von ausgesuchten Siedlern, handverlesen durch die Church of England. In absehbarer Zeit wird die Stadt Bischofssitz. Der Bau einer Kathedrale ist geplant, desgleichen eine Universität. Sie werden nichts vermissen, Kindchen. Selbst die Straßen wurden nach englischen Bistümern benannt.«

»Und der Fluss, der durch die Stadt führt, heißt Avon, wie der in Shakespeares Heimatstadt«, fügte Helen hinzu. Sie hatte sich in den letzten Tagen intensiv mit jeder ihr zugänglichen Literatur über Neuseeland beschäftigt und sich dafür sogar den Zorn von Mrs. Greenwood zugezogen: William hatte sich in der London Library zu Tode gelangweilt, als Helen den Jungen erklärt hatte, wie man sich in dieser riesigen Bibliothek zurechtfand. George musste mitbekommen haben, dass der Grund für den Besuch der Bücherei nur vorgeschoben war, doch er hatte Helen nicht verraten und sich gestern sogar erboten, die von ihr ausgeliehenen Bücher in seiner Freizeit zurückzubringen.

»Ganz recht«, bestätigte Lady Brennan zufrieden. »Sie sollten den Avon einmal an Sommernachmittagen sehen, Kindchen, wenn die Menschen am Ufer stehen und den Ruderregatten zuschauen. Man fühlt sich dann wie im guten alten England …«

Helen beruhigten diese Erzählungen. Zwar war sie fest entschlossen, das Abenteuer zu wagen, was aber nicht hieß, dass sich echter Pioniergeist in ihr regte. Sie hoffte auf einen freundlichen, städtischen Haushalt, einen gepflegten Freundeskreis – alles vielleicht etwas kleiner und weniger prächtig als bei den Greenwoods, aber doch vertraut. Vielleicht war der »wohl beleumundete Mann« ja ein Beamter der Krone oder ein kleiner Kaufmann. Helen war bereit, jedem eine Chance zu geben.

Doch als sie das Büro dann mit dem Brief und der Adresse eines gewissen Howard O’Keefe verließ, Farmer in Haldon, Canterbury, Christchurch, war sie doch ein wenig verunsichert. Sie hatte nie auf dem Lande gelebt; ihre Erfahrungen beschränkten sich auf einen Ferienaufenthalt mit den Greenwoods in Cornwall. Man hatte dort eine befreundete Familie besucht, und dabei war es höchst zivilisiert zugegangen. Allerdings hatte bei Mr. Mortimers Landhaus auch niemand von »Bauernhof« gesprochen, und Mr. Mortimer hatte sich auch nicht einfach »Landwirt« genannt, sondern …

»Gentlemanfarmer«, fiel es Helen endlich ein, woraufhin sie sich gleich besser fühlte. Ja, so hatte der Bekannte der Greenwoods von sich gesprochen. Und das passte sicher auch auf Howard O’Keefe. Helen konnte sich einen schlichten Bauern kaum als gut situiertes Mitglied der besseren Gesellschaft in Christchurch vorstellen.

Helen hätte O’Keefes Brief am liebsten auf der Stelle gelesen, zwang sich aber zur Geduld. Auf keinen Fall konnte sie das Schreiben gleich im Vorzimmer des Reverends aufreißen, und auf der Straße wäre es nass geworden. Also trug sie ihren Schatz ungeöffnet nach Hause und freute sich nur über die gestochen klare Schrift auf dem Umschlag. Nein, so schrieb sicher kein ungebildeter Bauer! Helen überlegte kurz, ob sie sich für den Heimweg zu den Greenwoods eine Droschke leisten sollte, fand dann aber keine und sagte sich schließlich, dass es nun auch nicht mehr lohne. So wurde es spät, und sie hatte gerade noch Zeit, Hut und Mantel abzulegen, bevor das Abendessen serviert wurde. Den wertvollen Brief in der Tasche eilte Helen zu Tisch – und versuchte, Georges neugierige Blicke zu übersehen. Der Junge konnte eins und eins zusammenzählen! Bestimmt ahnte er, wo Helen den Nachmittag verbracht hatte.

Mrs. Greenwood hingegen hegte sicher keinen Verdacht und fragte nicht nach, als Helen von ihrem Besuch beim Pfarrer berichtete.

»Ach ja, ich muss den Reverend auch in der nächsten Woche aufsuchen«, sagte Mrs. Greenwood zerstreut. »Wegen der Waisenkinder für Christchurch. Unser Komitee hat sechs Mädchen ausgewählt, aber der Reverend hält die Hälfte für zu jung, um sie allein auf Reisen zu schicken. Nichts gegen den Reverend, aber er ist manchmal ein bisschen weltfremd! Rechnet sich einfach nicht aus, was die Kinder hier kosten, während sie drüben ihr Glück machen könnten …«

Helen ließ Mrs. Greenwoods Gerede unkommentiert, und auch Mr. Greenwood schien heute nicht zum Streiten aufgelegt. Wahrscheinlich genoss er die friedliche Stimmung am Tisch, die sicher vor allem darauf zurückzuführen war, dass William rechtschaffen müde wirkte. Da die Schulstunden ausfielen und die Nanny sich auf andere Aufgaben herausredete, hatte man das jüngste Dienstmädchen damit betraut, im Garten mit ihm zu spielen. Das bewegliche kleine Ding hatte ihn beim Ballspiel ordentlich ins Schwitzen gebracht, zum Schluss aber wohlweislich gewinnen lassen. Jetzt war er folglich ruhig und zufrieden.

Auch Helen redete sich auf Müdigkeit heraus, um sich um weiteres Geplauder nach dem Essen herumzudrücken. Meist verbrachte sie aus Höflichkeitsgründen noch eine halbe Stunde mit den Greenwoods vor dem Kamin und arbeitete an irgendeiner Stickerei, während Mrs. Greenwood von ihren endlosen Komitee-Sitzungen berichtete. Heute zog sie sich jedoch gleich zurück und nestelte schon auf dem Weg in ihre Unterkunft den Brief aus der Tasche. Schließlich nahm sie feierlich in ihrem Schaukelstuhl Platz, dem einzigen Möbel, das sie aus ihrem Vaterhaus mit nach London gebracht hatte, und entfaltete das Schreiben.

Schon als Helen die ersten Worte las, wurde ihr warm ums Herz.

Überaus verehrte Lady,

ich wage kaum, das Wort an Sie zu richten, so unfassbar ist es für mich, dass ich Ihre geschätzte Aufmerksamkeit erwecken darf. Der Weg, den ich dazu wähle, ist sicher unkonventionell, aber ich lebe in einem noch jungen Land, in dem wir die alten Bräuche zwar hochhalten, mitunter aber neue und außergewöhnliche Lösungen finden müssen, wenn ein Problem an unseren Herzen zerrt. In meinem Fall ist es eine tief empfundene Einsamkeit und eine Sehnsucht, die mich oft nicht schlafen lässt. Zwar bewohne ich ein behagliches Haus, doch was ihm fehlt, ist die Wärme, die nur von einer weiblichen Hand geschaffen werden kann. Das Land um mich herum ist von unendlicher Schönheit und Weite, doch all dieser Pracht scheint der Mittelpunkt zu fehlen, der Licht und Liebe in mein Leben bringt. Kurz und gut, ich träume von einem Menschen, der mein Dasein mit mir teilen möchte, der an meinen Erfolgen beim Aufbau meiner Farm teilhat, der aber auch bereit ist, mir zu helfen, Rückschläge zu ertragen. Ja, ich sehne mich nach einer Frau, die bereit wäre, ihr Schicksal mit dem meinen zu verbinden. Ob Sie diese Frau sein könnten? Ich bete zu Gott um ein liebendes weibliches Wesen, dessen Herz meine Worte erweichen können. Doch Sie möchten sicher mehr von mir wissen, als bloß einen Einblick in meine Gedanken und Sehnsüchte zu bekommen. Nun, mein Name ist Howard O’Keefe, und wie Sie dem Namen schon entnehmen, habe ich irische Wurzeln. Aber das ist lange her. Ich kann die Jahre kaum noch zählen, die ich fern der Heimat durch eine oft feindliche Welt treibe. Ich bin kein unerfahrener Jüngling mehr, meine Liebe. Ich habe viel erlebt und auch erlitten. Aber nun habe ich hier auf den Canterbury Plains, in den Ausläufern der Neuseeländischen Alpen, eine Heimat gefunden. Meine Farm ist klein, aber die Schafzucht in diesem Land hat Zukunft, und ich bin sicher, dass ich eine Familie ernähren kann. Die Frau an meiner Seite wünsche ich mir lebensklug und herzlich, geschickt in allen Dingen des Haushalts und willig, unsere Kinder nach christlichen Grundsätzen zu erziehen. Ich werde sie dabei nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen, mit der ganzen Kraft eines liebenden Gatten.

Könnte es sein, meine verehrte Leserin, dass Sie einen Teil dieser Wünsche und Sehnsüchte teilen? Dann schreiben Sie mir! Ich werde jedes Ihrer Worte aufsaugen wie Wasser in der Wüste, und schon für das Entgegenkommen, diese meine Worte zu lesen, behalten Sie auf ewig einen Platz in meinem Herzen.

Ihr untertänigst ergebener

Howard O’Keefe

Nach der Lektüre hatte Helen Tränen in den Augen. Wie wundervoll dieser Mann schreiben konnte! Wie genau er das ausdrückte, was auch Helen so oft bewegte! Auch ihr fehlte ja dieser Mittelpunkt des Lebens. Auch sie wollte sich irgendwo wirklich zu Hause fühlen, eine eigene Familie besitzen und ein Heim, das sie nicht nur für andere verwaltete, sondern dem sie selbst Gestalt und Gesicht verlieh. Gut, sie hatte dabei nicht unbedingt an eine Farm gedacht, eher an einen Stadthaushalt. Doch kleine Kompromisse musste man immer eingehen, gerade wenn man sich auf ein solches Abenteuer einließ. Und in Mortimers Landhaus hatte sie sich ja durchaus wohl gefühlt. Es war sogar nett gewesen, wenn Mrs. Mortimer morgens lachend in den Salon kam, ein Körbchen mit frischen Eiern und einen Strauß bunter Gartenblumen in der Hand. Helen, die meist früh aufstand, hatte ihr dann geholfen, den Frühstückstisch zu decken und die frische Butter und rahmige Milch von Mortimers eigenen Kühen genossen. Auch Mr. Mortimer hatte einen guten Eindruck erweckt, wenn er dann von seinem Morgenritt über die Felder zurückkam, frisch und hungrig von der kühlen Luft, gebräunt von der Sonne. So lebhaft und attraktiv stellte Helen sich auch ihren Howard vor. Ihren Howard! Wie das klang! Wie sich das anfühlte! Helen tanzte fast durch ihre winzige Stube. Ob sie den Schaukelstuhl mit in die neue Heimat nehmen dürfte? Es wäre aufregend, eines Tages ihren Kindern von diesem Augenblick zu erzählen, in dem die Worte ihres Vaters Helen zum ersten Mal erreicht und gleich an ihr Innerstes gerührt hatten …

Sehr verehrter Mr. O’Keefe,

voller Freude und Herzenswärme habe ich heute Ihre Zeilen gelesen. Auch ich habe den Weg zu unserer Bekanntschaft nur zögernd eingeschlagen, doch Gott wird wissen, weshalb er zwei Menschen zueinander führt, die Welten voneinander entfernt leben. Beim Lesen Ihres Briefes schienen mir die Meilen, die uns trennen, allerdings immer schneller zusammenzuschmelzen. Kann es sein, dass wir uns in unseren Träumen schon unendlich oft begegnet sind? Oder sind es nur gemeinsame Erfahrungen und Sehnsüchte, die uns einander nahe scheinen lassen? Auch ich bin kein kleines Mädchen mehr, wurde ich durch den Tod meiner Mutter doch früh gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. So bin ich mit der Führung eines großen Haushalts durchaus vertraut. Ich habe meine Geschwister aufgezogen und bin heute in einem Londoner Herrenhaus als Erzieherin in Stellung. Das alles beschäftigt mich viele Stunden am Tag, aber des Nachts spüre ich doch die Leere in meinem Herzen. Ich lebe in einem geschäftigen Haushalt, einer lauten und bevölkerten Stadt, fühlte mich trotz allem aber zur Einsamkeit verdammt, bis mich Ihr Ruf nach Übersee ereilte. Noch bin ich mir unsicher, ob ich es wagen soll, ihm zu folgen. Noch möchte ich mehr wissen über das Land und Ihre Farm, vor allem aber über Sie, Howard O’Keefe! Ich wäre glücklich, wenn wir unsere Korrespondenz fortführen könnten. Wenn auch Sie das Gefühl hätten, in mir eine verwandte Seele erkannt zu haben. Wenn auch Sie beim Lesen meiner Zeilen einen Anflug jener Wärme und Geborgenheit spürten, die ich spenden möchte – einem liebenden Gatten und, so Gott will, einer Schar prächtiger Kinder in Ihrem jungen neuen Land!

Vorerst verbleibe ich voller Zuversicht

Ihre Helen Davenport

Helen hatte ihren Brief gleich am nächsten Morgen zur Post gegeben, und wider allen besseren Wissens klopfte ihr Herz schon Tage danach schneller, wann immer sie den Postboten vor dem Haus sah. Sie konnte es dann kaum erwarten, den morgendlichen Unterricht zu beenden und in den Salon zu eilen, wo die Hausdame jeden Morgen die Post für die Familie und auch für Helen auslegte.

»Sie brauchen sich nicht so abzuhetzen, er kann noch nicht geschrieben haben«, bemerkte George eines Morgens, drei Wochen später, als Helen wieder einmal mit rotem Gesicht und fahrigen Bewegungen die Bücher zuschlug, kaum dass sie den Briefträger durch das Fenster des Studierzimmers erspähte. »Ein Schiff nach Neuseeland ist bis zu drei Monaten unterwegs. Das bedeutet für den Postverkehr: drei Monate hin, drei Monate zurück. Falls der Empfänger sofort antwortet und das Schiff direkt zurücksegelt. Sie sehen, es kann ein halbes Jahr dauern, bis Sie von ihm hören.«

Sechs Monate? Helen hätte es selbst ausrechnen können; jetzt aber war sie doch erschrocken. Wie lange würde es angesichts dieser Zeitspannen dauern, bis sie mit Mr. O’Keefe zu irgendeiner Einigung gelangte? Und woher wusste George …?

»Wie kommst du auf Neuseeland, George? Und wer ist ›er‹?«, erkundigte sie sich streng. »Manchmal bist du impertinent! Ich werde dir eine Strafarbeit geben, die dich ausreichend beschäftigt.«

George lachte spitzbübisch. »Vielleicht lese ich ja Ihre Gedanken!«, meinte er frech. »Zumindest bemühe ich mich darum. Aber manches bleibt mir doch verborgen. Oh, ich wüsste zu gern, wer ›er‹ ist! Ein Offizier Ihrer Majestät in der Division von Wellington? Oder ein Schaf-Baron auf der Südinsel? Am besten wäre ein Kaufmann in Christchurch oder Dunedin. Dann könnte mein Vater Sie im Auge behalten, und ich würde immer wissen, wie es Ihnen geht. Aber ich sollte natürlich nicht neugierig sein, schon gar nicht bei so romantischen Dingen. Also geben Sie mir schon die Strafarbeit. Ich werde sie in Demut angehen und obendrein die Peitsche schwingen, damit auch William weiterschreibt. Dann haben Sie Zeit, hinauszugehen und nach der Post zu schauen.«

Helen war knallrot geworden. Aber sie musste ruhig bleiben.

»Deine Fantasie ist überreizt«, bemerkte sie. »Ich erwarte bloß einen Brief aus Liverpool. Eine Tante ist erkrankt …«

George grinste. »Übermitteln Sie ihr meine besten Genesungswünsche«, sagte er steif.

Tatsächlich ließ O’Keefes Antwort auch fast drei Monate nach dem Treffen mit Lady Brennan auf sich warten, und Helen war schon nahe daran, die Hoffnung aufzugeben. Stattdessen erreichte sie eine Nachricht von Reverend Thorne. Er bat Helen an ihrem nächsten freien Nachmittag zum Tee. Er habe, so ließ er ihr übermitteln, wichtige Dinge mit ihr zu besprechen.

Helen ahnte nichts Gutes. Wahrscheinlich ging es um John oder Simon. Wer wusste, was die wieder angestellt hatten! Womöglich war die Geduld ihres Dekans nun wirklich am Ende. Helen fragte sich, was aus ihren Brüdern werden sollte, falls man sie tatsächlich der Universität verwies. Beide hatten niemals körperlich gearbeitet. Es kam also nur eine Anstellung als Büroangestellter in Frage, anfangs wohl nur als Bürodiener. Und das würden beide ganz bestimmt als unter ihrer Würde betrachten. Helen wünschte sich wieder einmal weit fort. Warum schrieb dieser Howard nicht endlich? Und warum waren Schiffe so langsam, wo es doch schon Dampfer gab und man nicht mehr auf günstige Winde angewiesen war!

Der Reverend und seine Gattin empfingen Helen herzlich wie immer. Es war ein wunderschöner warmer Frühlingstag, und Mrs. Thorne hatte den Teetisch im Garten gedeckt. Helen atmete tief die Blumendüfte ein und genoss die Stille. Der Park der Greenwoods war zwar viel weiträumiger und stilvoller angelegt als der winzige Garten des Reverends, doch hatte sie dort kaum eine ruhige Minute.

Mit den Thornes dagegen konnte man auch gut einmal schweigen. Gelassen genossen die drei ihren Tee und Mrs. Thornes Gurkensandwiches sowie die selbst gebackenen Törtchen. Dann aber kam der Reverend zur Sache.

»Helen, ich will ganz offen sprechen. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel. Natürlich wird hier alles vertraulich behandelt, besonders die Gespräche zwischen Lady Brennan und ihren jungen … Besucherinnen. Aber Linda und ich wissen natürlich, worum es geht. Und wir hätten schon blind sein müssen, wenn Ihr Besuch bei Lady Brennan uns entgangen wäre.«

Helens Gesicht wurde abwechselnd rot und blass. Darüber also wollte der Reverend reden. Sicher war er der Meinung, dass sie Schande über das Andenken ihres Vaters brächte, wenn sie ihre Familie verließ und ihre Existenz aufgab, um sich auf ein Abenteuer mit einem Unbekannten einzulassen.

»Ich …«

»Helen, wir sind nicht die Wächter über Ihr Gewissen«, sagte Mrs. Thorne freundlich und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Ich kann sogar sehr gut verstehen, was eine junge Frau zu diesem Schritt treibt, und wir lehnen Lady Brennans Engagement ja auch keineswegs ab. Der Reverend würde ihr sonst kaum seine Amtsräume zur Verfügung stellen.«

Helen fasste sich ein wenig. Also keine Standpauke? Aber was wollten die Thornes dann von ihr?

Beinahe widerstrebend ergriff der Reverend jetzt wieder das Wort. »Ich weiß, dass meine nächste Frage beschämend indiskret ist, und ich wage es kaum, sie zu stellen. Nun, Helen, hat Ihre … äh, Bewerbung bei Lady Brennan schon etwas ergeben?«

Helen biss sich auf die Lippen. Warum, um Himmels willen, wollte der Reverend das wissen? War ihm irgendetwas über Howard O’Keefe bekannt, das sie wissen musste? War sie – Gott helfe ihr! – einem Betrüger aufgesessen? Über eine solche Schande würde sie niemals hinwegkommen!

»Ich habe auf einen Brief geantwortet«, sagte sie steif. »Ansonsten hat sich weiter nichts getan.«

Der Reverend überschlug kurz die Zeit zwischen der Anzeige und dem heutigen Datum. »Natürlich nicht, Helen, das wäre auch so gut wie unmöglich. Zum einen hätten sich mehr als günstige Winde für die Überfahrt ergeben müssen, zum anderen hätte der junge Mann praktisch am Pier aufs Schiff warten und seinen Brief gleich dem nächsten Kapitän mitgeben müssen. Der normale Postweg geht viel langsamer, glauben Sie mir. Ich stehe in regelmäßigem Briefwechsel mit einem Amtsbruder in Dunedin.«

»Aber … aber wenn Sie das wissen, was wollen Sie dann?«, brach es aus Helen heraus. »Falls sich zwischen mir und Mr. O’Keefe wirklich etwas ergibt, kann es ein Jahr und länger dauern. Vorerst …«

»Wir dachten daran, die Sache vielleicht ein wenig zu beschleunigen«, brachte Mrs. Thorne, die deutlich praktischer veranlagte Hälfte des Ehepaares, die Sache auf den Punkt. »Was der Reverend eigentlich fragen wollte … konnte der Brief dieses Mr. O’Keefe Ihr Herz rühren? Könnten Sie sich wirklich vorstellen, um dieses Mannes willen eine solche Reise zu machen und alle Brücken hinter sich abzubrechen?«

Helen zuckte die Achseln. »Der Brief war wunderschön«, bekannte sie und konnte nicht verhindern, dass ein Lächeln um ihre Lippen spielte. »Ich lese ihn immer wieder, jede Nacht. Und ja, ich könnte mir vorstellen, in Übersee ein neues Leben anzufangen. Es ist meine einzige Chance auf eine Familie. Und ich hoffe inständig, dass Gott mich leitet … dass er es war, der mich diese Anzeige lesen ließ … dass er mich gerade diesen Brief empfangen ließ und nicht irgendeinen anderen.«

Mrs. Thorne nickte. »Vielleicht steuert Gott die Dinge wirklich in Ihrem Sinne, Kind«, sagte sie sanft. »Mein Gatte hätte Ihnen nämlich einen Vorschlag zu machen.«

Helen wusste nicht, ob sie vor Freude tanzen oder aus Angst vor der eigenen Courage die Schultern einziehen sollte, als sie die Thornes eine Stunde später verließ und den Weg zu den Greenwoods einschlug. Tief in ihrem Innern brodelte es vor Aufregung, denn eins stand nun fest: Zurück konnte sie nicht mehr. In ungefähr acht Wochen ging ihr Schiff nach Neuseeland.

»Es geht um die Waisenmädchen, die Mrs. Greenwood und ihr Komitee unbedingt nach Übersee schicken wollen.« Helen hatte Reverend Thornes Erklärung noch wörtlich im Sinn. »Es sind halbe Kinder – das älteste dreizehn, das jüngste gerade mal elf. Die Mädchen fürchten sich schon halb zu Tode, wenn sie nur daran denken, hier in London eine Stelle anzutreten. Und nun sollen sie gar nach Neuseeland verschickt werden, zu wildfremden Leuten! Außerdem haben die Jungs im Waisenhaus natürlich nichts Besseres zu tun, als die armen Mädchen zu necken. Sie reden den ganzen Tag von Schiffsuntergängen und Piraten, die Kinder verschleppen. Die Kleinste ist fest davon überzeugt, demnächst im Magen irgendwelcher Kannibalen zu landen, und die Größte spinnt davon, dass man sie als Gespielin eines Sultans in den Orient verkaufen könnte.«

Helen lachte, aber die Thornes blieben ernst.

»Auch wir finden das komisch, aber die Mädchen glauben daran«, sagte Mrs. Thorne seufzend. »Mal ganz abgesehen davon, dass die Überfahrt alles andere als gefahrlos ist. Die Route nach Neuseeland wird nach wie vor ausschließlich von Segelschiffen befahren, weil die Strecke für Dampfer zu weit ist. Also ist man auf günstigen Wind angewiesen, es kann zu Meutereien kommen, zu Bränden, Epidemien … Ich kann sehr gut verstehen, dass die Kinder sich fürchten. Sie steigern sich mit jedem Tag, den die Abreise näher rückt, mehr in ihre Hysterie hinein. Die Älteste hat schon um die letzte Ölung vor der Abreise gebeten. Die Damen vom Komitee bekommen natürlich nichts davon mit. Die wissen gar nicht, was sie den Kindern antun. Ich hingegen weiß es, und es belastet mein Gewissen.«

Der Reverend nickte. »Meines nicht minder. Deshalb habe ich den Damen ein Ultimatum gestellt. Das Heim gehört de facto der Gemeinde, das heißt, nominell bin ich der Vorsteher. Die Damen brauchen also meine Zustimmung, um die Kinder zu verschicken. Diese Zustimmung habe ich davon abhängig gemacht, eine Aufsichtsperson mitzuschicken. Und da kommen Sie ins Spiel, Helen. Ich habe den Damen vorgeschlagen, eine der heiratswilligen jungen Frauen, die Christchurch ja auch anfordert, auf Gemeindekosten reisen zu lassen. Dafür übernimmt die betreffende junge Dame die Betreuung der Mädchen. Eine entsprechende Spende ist schon eingegangen, der Betrag wäre gesichert.«

Mrs. Thorne und der Reverend blickten Helen Beifall heischend an. Helen dachte an Mr. Greenwood, der schon vor Wochen eine ähnliche Idee gehabt hatte, und fragte sich, wer wohl der Spender war. Aber letztlich war das egal. Andere Fragen erschienen ihr erheblich drängender!

»Und diese Betreuerin soll ich sein?«, meinte sie unschlüssig. »Aber ich … wie gesagt, ich habe noch nichts von Mr. O’Keefe gehört …«

»Das geht den anderen Bewerberinnen nicht anders, Helen«, bemerkte Mrs. Thorne. »Außerdem sind fast alle blutjung, kaum älter als ihre kleinen Zöglinge. Erfahrung mit Kindern hat höchstens eine, die angeblich als Nanny arbeitet. Wobei ich mich frage, welche gute Familie eine kaum Zwanzigjährige als Kinderfrau beschäftigt! Überhaupt erscheinen mir einige dieser Mädchen von … nun, eher zweifelhaftem Ruf. Lady Brennan ist sich auch noch keineswegs schlüssig, ob sie allen Bewerberinnen ihren Segen erteilt. Sie dagegen sind eine gefestigte Persönlichkeit. Ich habe keinerlei Bedenken, Ihnen die Kinder anzuvertrauen. Und das Risiko ist gering. Selbst wenn es zu keiner Eheschließung kommt – eine junge Frau mit Ihren Qualifikationen wird sofort eine neue Stellung finden.«

»Sie würden zunächst bei meinem Amtsbruder in Christchurch Unterkunft finden«, erklärte Reverend Thorne. »Ich bin sicher, er kann Ihnen zu einer Anstellung in gutem Hause verhelfen, fall Mr. O’Keefe sich doch nicht als der … nun, Ehrenmann entpuppt, der er zu sein scheint. Sie müssen sich nur noch entscheiden, Helen. Wollen Sie England wirklich verlassen, oder war die Idee mit der Auswanderung doch nur eine Ausgeburt Ihrer Fantasie? Wenn Sie jetzt Ja sagen, reisen Sie am 18. Juli mit der Dublin von London nach Christchurch. Wenn nicht … nun, dann hat dieses Gespräch nie stattgefunden.«

Helen holte tief Luft.

»Ja«, sagte sie.

4

Gwyneira reagierte nicht halb so entsetzt auf Gerald Wardens ungewöhnliche Brautwerbung, wie ihr Vater befürchtet hatte. Nachdem ihre Mutter und ihre Schwester allein auf eine Andeutung hin, das Mädchen nach Neuseeland zu verheiraten, mit hysterischen Anfällen reagiert hatten – wobei sie sich nicht ganz schlüssig schienen, ob die Mesalliance mit dem bürgerlichen Lucas Warden oder die Verbannung in die Wildnis das schlimmere Schicksal wären –, hatte Lord Silkham auch bei Gwyneira mit Tränen und Jammern gerechnet. Das Mädchen schien allerdings eher belustigt, als Lord Terence ihr die Sache mit dem verhängnisvollen Kartenspiel gestand.

»Du musst natürlich nicht gehen!«, schwächte er denn auch gleich ab. »So etwas ist ja gegen alle guten Sitten. Aber ich habe Mr. Warden versprochen, sein Angebot wenigstens in Erwägung zu ziehen …«

»Na, na, Vater!«, tadelte Gwyneira und drohte ihm lachend mit dem Finger. »Spielschulden sind Ehrenschulden! Da kommst du nicht so einfach raus. Zumindest müsstest du ihm meinen Gegenwert in Gold anbieten – oder noch ein paar Schafe. Die nimmt er vielleicht sogar lieber. Versuch es doch mal!«

»Gwyneira, du musst das Ganze schon ernst nehmen!«, mahnte ihr Vater. »Es versteht sich wohl von selbst, dass ich bereits versucht habe, dem Mann die Sache auszureden …«

»Ja?«, fragte Gwyneira neugierig. »Wie viel hast du geboten?«

Lord Terence knirschte mit den Zähnen. Das war eine hässliche Angewohnheit, er wusste es, doch Gwyneira trieb ihn immer wieder zur Verzweiflung.

»Ich habe natürlich gar nichts geboten. Ich habe an Wardens Verständnis und Ehrgefühl appelliert. Aber diese Eigenschaften scheinen bei ihm nicht allzu stark ausgeprägt zu sein …« Silkham wand sich sichtlich.

»Also willst du mich ohne jeden Skrupel mit dem Sohn eines Gauners verheiraten!«, stellte Gwyneira erheitert fest. »Aber mal ernsthaft, Vater: Was soll ich deiner Meinung nach tun? Den Antrag ablehnen? Oder widerstrebend annehmen? Soll ich würdevoll tun oder demütig? Weinen oder schreien? Vielleicht könnte ich flüchten! Das wäre überhaupt die ehrenhafteste Lösung. Wenn ich bei Nacht und Nebel verschwinde, bist du aus der Sache raus!« Gwyneiras Augen blitzten bei dem Gedanken an so ein Abenteuer. Noch lieber als allein wegzulaufen hätte sie sich allerdings entführen lassen …

Silkham ballte die Fäuste. »Gwyneira, ich weiß es doch auch nicht! Natürlich wäre es mir peinlich, wenn du ablehntest. Aber es ist mir genauso peinlich, wenn du dich nun verpflichtet fühlst. Und ich würde mir nie verzeihen, wenn du dort drüben unglücklich würdest. Deshalb bitte ich dich … na ja, vielleicht kannst du den Antrag … wie soll ich sagen, wohlwollend prüfen?«

Gwyneira zuckte die Schultern. »Na gut. Dann prüfen wir mal. Aber dazu müssen wir meinen möglichen Schwiegervater wohl herholen, nicht wahr? Und Mutter vielleicht auch … oder nein, das halten ihre Nerven nicht aus. Mutter bringen wir es hinterher bei. Also, wo ist Mr. Warden?«

Gerald Warden hatte in einem Nebenzimmer gewartet. Er fand die Ereignisse, die sich an diesem Tag im Hause Silkham abspielten, recht unterhaltsam. Lady Sarah und Lady Diana hatten zusammen schon sechs Mal um ihr Riechfläschchen gebeten; außerdem klagten sie abwechselnd über nervöse Unruhe und Schwächegefühl. Die Zofen kamen aus der Aufregung kaum heraus. Derzeit ruhte Lady Silkham mit einem Eisbeutel auf der Stirn in ihrem Salon, während Lady Riddleworth ihren Gatten im Gästezimmer anflehte, irgendetwas zu Gwyneiras Rettung zu tun, und sei es, Warden zu fordern. Der Oberst zeigte verständlicherweise wenig Neigung dazu. Er strafte den Neuseeländer lediglich mit Verachtung und schien ansonsten nichts inniger zu wünschen, als das Haus seiner Schwiegereltern baldmöglichst zu verlassen.

Gwyneira selbst nahm die Sache offensichtlich gelassen auf. Silkham hatte sich zwar geweigert, Warden gleich beim Gespräch mit ihr hinzuzuziehen, doch einen Temperamentsausbruch des lebhaften Mädchens hätte man wohl auch nebenan kaum überhört. Als Warden nun ins Herrenzimmer gerufen wurde, fand er Gwyneira denn auch tränenlos, aber mit glänzenden Wangen. Genauso etwas hatte er gehofft: Für Gwyneira kam sein Antrag zwar überraschend, aber sie war sicher nicht abgeneigt. Gespannt richtete sie ihre faszinierend blauen Augen auf den Mann, der auf so ungewöhnliche Weise um sie geworben hatte.

»Gibt es vielleicht ein Bild oder so?« Gwyneira hielt sich nicht mit Vorgeplänkel auf, sondern kam gleich zur Sache. Warden fand sie heute genauso entzückend wie gestern. Ihr schlichter blauer Rock betonte ihre schlanke Figur, die Rüschenbluse ließ sie erwachsener wirken, doch mit dem Aufstecken ihrer prachtvollen roten Mähne hatte sie sich diesmal keine Mühe gemacht. Ihre Zofe hatte nur zwei Strähnen mit einem blauen Samtband am Hinterkopf zusammengebunden, um ihrer Herrin das Haar aus dem Gesicht zu halten. Ansonsten fiel es lockig und offen bis tief über Gwyneiras Rücken.

»Ein Bild?«, fragte Gerald Warden verblüfft. »Na ja … Lagepläne … Eine Zeichnung hätte ich da, weil ich einige Details des Hauses noch mit einem englischen Architekten besprechen wollte …«

Gwyneira lachte auf. Sie wirkte kein bisschen erschüttert oder auch nur verängstigt. »Doch nicht von Ihrem Haus, Mr. Warden! Von Ihrem Sohn! Von … äh, Lucas. Haben Sie nicht eine Daguerreotypie oder Fotografie?«

Gerald Warden schüttelte den Kopf. »Bedaure, Mylady. Aber Lucas wird Ihnen gefallen. Meine verstorbene Frau war eine Schönheit, und alle sagen, Lucas sei ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Und er ist groß, größer als ich, aber von schmalerer Gestalt. Er hat aschblondes Haar, graue Augen … und er ist sehr gut erzogen, Lady Gwyneira! Hat mich ein Vermögen gekostet, einen Privatlehrer aus England nach dem anderen … Manchmal meine ich, wir hätten es da ein wenig … äh, übertrieben. Lucas ist … nun, die Gesellschaft ist jedenfalls entzückt von ihm. Und Kiward Station wird Ihnen ebenfalls gefallen, Gwyneira! Das Haus ist nach englischen Vorbildern erbaut. Nicht die üblichen Holzhütten, nein, ein Herrenhaus, errichtet aus grauem Sandstein. Alles vom Feinsten! Und die Möbel lasse ich aus London kommen, von den besten Tischlereien. Ich habe extra einen Dekorateur mit der Auswahl betraut, um ja nichts falsch zu machen. Sie werden nichts vermissen, Mylady! Natürlich ist das Personal nicht so gut geschult wie Ihre hiesigen Zofen, aber unsere Maoris sind willig und lassen sich anlernen. Wir können auch gern einen Rosengarten anlegen, wenn Sie möchten …«

Er hielt inne, als Gwyneira das Gesicht verzog. Der Rosengarten schien sie eher abzuschrecken.

»Könnte ich Cleo mitbringen?«, erkundigte sich das Mädchen. Die kleine Hündin hatte still unter dem Tisch gelegen, hob jetzt aber den Kopf, als sie ihren Namen hörte. Mit dem Gerald nun schon bekannten, anbetenden Collie-Blick sah sie zu Gwyneira auf.

»Und Igraine auch?«

Gerald Warden überlegte kurz, bevor ihm einfiel, dass Gwyneira von ihrer Stute sprach.

»Gwyneira, doch nicht das Pferd!«, mischte Lord Silkham sich grimmig ein. »Du benimmst dich wie ein Kind! Hier geht es um deine Zukunft, und du machst dir nur Gedanken um dein Spielzeug!«

»Du betrachtest meine Tiere als Spielzeuge?«, fuhr Gwyneira auf, sichtlich gekränkt von der Bemerkung ihres Vaters. »Einen Hütehund, der jeden Wettbewerb gewinnt, und das beste Jagdpferd von Powys?«

Gerald Warden sah seine Chance. »Mylady, Sie können alles mitbringen, was Sie sich wünschen!«, begütigte er und ergriff damit Gwyneiras Partei. »Die Stute wird eine Zierde meiner Ställe sein. Allerdings sollten wir darüber nachdenken, dann auch noch einen passenden Hengst zu erwerben. Und die Hündin … nun, Sie wissen ja, dass ich gestern schon Interesse angemeldet habe.«

Gwyneira wirkte immer noch erzürnt, doch sie beherrschte sich jetzt eisern und schaffte es sogar, zu scherzen.

»Das also steckt dahinter«, bemerkte sie mit einem spitzbübischen Lächeln, aber ziemlich kalten Augen. »Diese ganze Brautwerbung zielt nur darauf, meinem Vater den preisgekrönten Hütehund abzuluchsen. Nun verstehe ich. Aber ich werde Ihren Antrag dennoch wohlwollend prüfen. Womöglich bin ich Ihnen ja mehr wert als ihm. Zumindest scheinen Sie, Mr. Warden, ein Reitpferd von einem Spielzeug unterscheiden zu können. Erlauben Sie jetzt bitte, dass ich mich zurückziehe. Und du entschuldigst mich ebenfalls, Vater. Ich muss über das alles nachdenken. Wir sehen uns beim Tee, denke ich.«

Gwyneira rauschte hinaus, immer noch von unbestimmter, aber glühender Wut erfüllt. Ihre Augen füllten sich jetzt auch mit Tränen, aber das würde sie niemanden sehen lassen. Wie immer, wenn sie zornig war und Rachepläne schmiedete, schickte sie ihre Zofe fort, kauerte sich in die hinterste Ecke ihres Himmelbettes und zog die Vorhänge zu. Cleo vergewisserte sich noch, dass die Bedienstete wirklich verschwunden war. Dann schlüpfte sie durch eine Falte und schmiegte sich tröstend an ihre Herrin.

»Jetzt wissen wir jedenfalls, was mein Vater von uns hält«, bemerkte Gwyneira und kraulte Cleos weiches Fell. »Du bist bloß ein Spielzeug, und ich bin ein Einsatz beim Black Jack.«

Vorhin, als ihr Vater damit herausgerückt war, hatte sie die Sache mit dem Spieleinsatz gar nicht als so schlimm empfunden. Eigentlich war es eher erheiternd, dass auch ihr Vater einmal derart über die Stränge schlug, und sicher war diese Brautwerbung nicht allzu ernst gemeint. Andererseits – sehr recht wäre es Lord Silkham wohl auch nicht gewesen, hätte Gwyneira sich jetzt einfach geweigert, Wardens Vorschlag zur Kenntnis zu nehmen! Mal ganz abgesehen davon, dass ihr Vater ohnehin ihre Zukunft verspielt hatte; schließlich hatte Warden die Schafe gewonnen, ob mit oder ohne Gwyneira! Und der Erlös der Herde wäre ihre Mitgift gewesen. Nun hätte Gwyneira nicht auf einer Ehe bestanden. Im Gegenteil, eigentlich gefiel es ihr gut auf Silkham Manor, und am liebsten hätte sie eines Tages die Leitung der Farm übernommen. Sie hätte es mit Sicherheit besser gemacht als ihr Bruder, den am ländlichen Leben eigentlich nur die Jagd und gelegentliche Point-to-Point-Rennen interessierten. Als Kind hatte Gwyneira sich diese Zukunft gern in leuchtenden Farben ausgemalt: Sie wollte mit ihrem Bruder auf der Farm leben und sich um alles kümmern, während John Henry seinen Vergnügungen nachging. Damals hatten beide Kinder das für eine gute Idee gehalten.

»Ich werde Rennreiter!«, hatte John Henry erklärt. »Und züchte Pferde!«

»Und ich kümmere mich um die Schafe und Ponys!«, eröffnete Gwyneira ihrem Vater.

Solange die Kinder klein waren, hatte Lord Silkham darüber gelacht und seine Tochter »meine kleine Verwalterin« genannt. Aber je älter die Kinder wurden, je respektvoller die Farmarbeiter von Gwyneira sprachen und je öfter Cleo John Henrys Hütehund bei Wettbewerben schlug, desto weniger gern sah Silkham seine Tochter in den Ställen.

Und heute hatte er behauptet, dass er ihre Arbeit dort als Spielerei betrachtete! Wütend zerknüllte Gwyneira ihr Kissen. Aber dann kam sie ins Grübeln. Hatte Lord Silkham das wirklich so gemeint? War es nicht eher so, dass er Gwyneira als Konkurrenz für seinen Sohn und Erben ansah? Zumindest als Ärgernis und Hemmnis bei seiner Einarbeitung als künftiger Gutsherr? Wenn das der Fall war, hatte sie auf Silkham Manor ganz sicher keine Zukunft! Ob mit oder ohne Mitgift, spätestens bevor ihr Bruder im nächsten Jahr vom College abging, würde ihr Vater sie verheiraten. Ihre Mutter drängte ohnehin darauf; sie konnte es gar nicht erwarten, ihre wilde Tochter endgültig vor den Kamin und an den Stickrahmen zu verbannen. Und angesichts ihrer finanziellen Lage konnte Gwyneira keine Ansprüche stellen. Ganz sicher fand sich kein junger Lord mit einem vergleichbaren Anwesen wie Silkham Manor! Sie musste froh sein, wenn ein Mann wie Oberst Riddleworth für sie abfiel. Und womöglich lief es sogar auf einen Stadthaushalt hinaus, die Ehe mit irgendeinem zweiten oder dritten Sohn einer Adelsfamilie, der sich in Cardiff als Arzt oder Anwalt durchschlug. Gwyneira dachte an tägliche Teegesellschaften, an Sitzungen der Wohltätigkeitskomitees … und schüttelte sich.

Aber da war ja noch die Brautwerbung des Gerald Warden!

Bislang hatte sie die Reise nach Neuseeland nur als Gedankenspiel gesehen. Ganz reizvoll, aber völlig unmöglich! Allein der Gedanke, sich mit einem Mann auf der anderen Seite der Erde zu verbinden – einem Mann, den zu beschreiben sein eigener Vater nicht mehr als zwanzig Worte fand –, erschien ihr abwegig. Jetzt aber dachte sie ernsthaft an Kiward Station. Eine Farm, auf der sie die Herrin sein würde, eine Pionierfrau wie in den Groschenheftchen! Bestimmt übertrieb Warden mit der Schilderung seiner Salons und der Pracht seines Herrenhauses. Schließlich wollte er bei ihren Eltern einen guten Eindruck machen. Wahrscheinlich war der Farmbetrieb noch im Aufbau. Es musste so sein, sonst brauchte Warden ja keine Schafe zu kaufen! Gwyneira würde Hand in Hand mit ihrem Gatten arbeiten. Sie konnte beim Eintreiben der Schafe helfen und einen Garten anlegen, in dem richtiges Gemüse wuchs statt langweiliger Rosen. Sie sah sich schon schwitzend hinter einem Pflug gehen, den ein starker Cob-Hengst über gerade erst urbar gemachtes Land zog.

Und Lucas … nun, der war zumindest jung und angeblich gut aussehend. Viel mehr konnte sie kaum verlangen. Auch bei einer Verheiratung in England hätte Liebe schließlich kaum eine Rolle gespielt.

»Was hältst du von Neuseeland?«, fragte sie ihre Hündin und kitzelte deren Bauch. Cleo sah sie verzückt an und schenkte ihr ein Collie-Lächeln.

Gwyneira lächelte zurück.

»Na, also! Einstimmig angenommen!«, kicherte sie. »Das heißt … Igraine müssen wir noch fragen. Aber wetten, dass sie Ja sagt, wenn ich ihr von dem Hengst erzähle?«

Die Auswahl von Gwyneiras Aussteuer gestaltete sich zu einem langen, zähen Ringen zwischen dem Mädchen und Lady Silkham. Nachdem die Lady sich von ihren zahlreichen Ohnmachtsanfällen nach Gwyneiras Entscheidung erholt hatte, machte sie sich mit dem üblichen Eifer an die Vorbereitung der Hochzeit. Wobei sie natürlich endlos und wortreich bedauerte, dass dieses Ereignis diesmal nicht auf Silkham Manor stattfinden konnte, sondern irgendwo »in der Wildnis«. Immerhin trafen Gerald Wardens lebhafte Beschreibungen seines Herrenhauses in den Canterbury Plains bei ihr auf deutlich mehr Beifall als bei ihrer Tochter. Außerdem trug es zu ihrer Erleichterung bei, dass Gerald an allen Fragen der Aussteuer lebhaft Anteil nahm.

»Selbstverständlich braucht Ihre Tochter ein prächtiges Hochzeitskleid!«, erklärte er zum Beispiel, nachdem Gwyneira den Traum aus weißen Rüschen und meterlanger Schleppe gerade mit den Worten abgelehnt hatte, sie würde sicher zur Trauung reiten müssen, und da störe dieser Staat doch nur.

»Wir werden die Feier entweder in der Kirche in Christchurch zelebrieren, oder, was mir persönlich lieber wäre, im Rahmen einer häuslichen Zeremonie auf meiner Farm. In ersterem Fall wäre die Trauung als solche natürlich festlicher, für den anschließenden Empfang aber würden angemessene Räume und geschultes Personal nur schwer anzumieten sein. Insofern hoffe ich, Reverend Baldwin zu einem Besuch auf Kiward Station überreden zu können. Da kann ich die Gäste in einem stilvolleren Rahmen bewirten. Illustre Gäste, versteht sich. Der Generalleutnant wird zugegen sein, führende Vertreter der Krone, der Kaufmannschaft … die gesamte bessere Gesellschaft von Canterbury. Gwyneiras Kleid kann deshalb gar nicht kostbar genug sein. Du wirst wunderschön aussehen, mein Kind!«

Gerald klopfte Gwyneira leicht auf die Schulter und verzog sich dann, um mit Lord Silkham die Verschickung der Pferde und Schafe zu besprechen. Die beiden Männer hatten sich gleichermaßen zufrieden darauf geeinigt, das verhängnisvolle Kartenspiel nie wieder zu erwähnen. Lord Silkham sandte die Schafherde und die Hunde als Gwyneiras Mitgift nach Übersee, während Lady Silkham die Verlobung mit Lucas Warden als äußerst passende Verbindung mit einer der ältesten Familien Neuseelands darstellte. Und das stimmte tatsächlich: Die Eltern von Lucas’ Mutter hatten zu den allerersten Siedlern auf der Südinsel gehört. Falls in den Salons trotzdem darüber getuschelt wurde, kam es der Lady und ihren Töchtern zumindest nicht zu Ohren.

Gwyneira wäre es auch egal gewesen. Die schleppte sich ohnehin nur lustlos zu den vielen Teegesellschaften, in denen ihre angeblichen »Freundinnen« ihre Auswanderung doppelzüngig als »aufregend« bejubelten, um dann von ihren eigenen künftigen Gatten in Powys oder gar in der Stadt zu schwärmen. Stand einmal kein Besuch an, beharrte Gwyns Mutter darauf, dass sie Stoffproben begutachtete und anschließend stundenlang Modell für die Schneiderinnen stand. Lady Silkham ließ ihr Fest- und Nachmittagskleider anmessen, sorgte sich um elegante Reisekleidung und konnte kaum glauben, dass Gwyneira in den ersten Monaten in Neuseeland eher leichte Sommersachen benötigen würde als Winterkleidung. Doch auf der anderen Seite der Erdkugel, wurde Gerald nicht müde ihr zu versichern, waren die Jahreszeiten nun einmal vertauscht.

Ansonsten musste er immer wieder vermitteln, wenn der Streit »weiteres Nachmittagskleid oder drittes Reitkleid« erneut eskalierte.

»Es kann doch nicht sein«, erregte sich Gwyneira, »dass ich in Neuseeland von einer Teegesellschaft zur anderen gereicht werde, wie in Cardiff! Sie haben gesagt, es wäre ein neues Land, Mr. Warden! Teilweise unerschlossen! Da brauche ich doch keine Seidenkleider!«

Gerald Warden lächelte beiden Kontrahentinnen zu. »Miss Gwyneira, Sie werden auf Kiward Station den gleichen gesellschaftlichen Rahmen vorfinden wie hier, machen Sie sich keine Sorgen«, begann er, obwohl er natürlich wusste, dass es eher Lady Silkham war, die sich Gedanken darüber machte. »Allerdings sind die Entfernungen viel größer. Unser nächster Nachbar, mit dem wir gesellschaftlichen Verkehr pflegen, wohnt vierzig Meilen weit weg. Da besucht man sich nicht zum Nachmittagstee. Außerdem steckt der Straßenbau noch in den Kinderschuhen. Deshalb ziehen wir es vor, zum Besuch unserer Nachbarn zu reiten, statt eine Kutsche zu nehmen. Das heißt allerdings nicht, dass es bei unseren gesellschaftlichen Kontakten weniger zivilisiert zugeht. Sie müssen sich nur eher auf mehrtägige Besuche einrichten, denn Stippvisiten lohnen nicht, und selbstverständlich brauchen Sie auch dazu die angemessene Garderobe.

Ich habe übrigens unsere Schiffspassage gebucht. Wir reisen am 18. Juli mit der Dublin von London nach Christchurch. Einen Teil der Laderäume wird man für die Tiere vorbereiten. Möchten Sie heute Nachmittag mitreiten und sich den Hengst ansehen, Miss Gwyneira? Ich glaube, Sie sind in den letzten Tagen kaum aus dem Ankleidezimmer herausgekommen.«

Madame Fabian, Gwyneiras französische Gouvernante, machte sich vor allem Sorgen um den kulturellen Notstand in den Kolonien. Sie bedauerte in allen verfügbaren Sprachen, dass Gwyneira ihre musikalische Ausbildung nicht würde fortführen können, obwohl das Klavierspiel doch die einzige gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit war, für die das Mädchen zumindest einen Hauch Talent zeigte. Aber auch hier konnte Gerald die Wogen glätten: Natürlich stand ein Piano in seinem Haus; seine verstorbene Frau hatte exzellent gespielt und auch ihren Sohn in der Kunst unterrichtet. Angeblich war Lucas ein hervorragender Pianist.

Erstaunlicherweise war es auch sonst vor allem Madame Fabian, die dem Neuseeländer weitere Informationen über Gwyneiras künftigen Gatten entlockte. Die kunstbeflissene Lehrerin stellte einfach die richtigen Fragen – wann immer es um Konzerte und Bücher, Theater und Galerien in Christchurch ging, fiel Lucas’ Name. Wie es aussah, war Gwyneiras Verlobter überaus kultiviert und künstlerisch begabt. Er malte, musizierte und unterhielt eine ausführliche Korrespondenz mit britischen Wissenschaftlern, wobei es vor allem um die weitere Erforschung der außergewöhnlichen Tierwelt Neuseelands ging. Dieses Interesse hoffte Gwyneira teilen zu können, während ihr die sonstige Beschreibung von Lucas’ Neigungen fast schon etwas unheimlich war. Vom Erben einer Schaffarm in Übersee erwartete sie eigentlich weniger schöngeistige Aktivitäten. Die Cowboys der Groschenhefte hätten garantiert nie ein Klavier angerührt. Aber vielleicht übertrieb Gerald Warden ja auch hier. Bestimmt versuchte der Schaf-­Baron, seinen Hof und seine Familie im besten Licht darzustellen. Die Wirklichkeit würde rauer und aufregender sein! Gwyneira jedenfalls vergaß ihre Noten, als es endlich Zeit wurde, ihre Aussteuer in Koffer und Kisten zu packen.

Mrs. Greenwood reagierte erstaunlich gelassen auf Helens Kündigung. Doch George sollte nach den Ferien ohnehin ein College besuchen, benötigte also keine Hauslehrerin mehr, und William …

»Was William angeht, werde ich mich vielleicht nach einer etwas nachsichtigeren Kraft umsehen«, überlegte Mrs. Greenwood. »Er ist ja noch sehr kindlich, darauf muss man Rücksicht nehmen!«

Helen nahm sich zusammen und stimmte ihr geflissentlich zu, während sie schon an ihre neuen kleinen Zöglinge an Bord der Dublin dachte. Mrs. Greenwood hatte ihr großzügig gestattet, den sonntäglichen Ausgang zur Messe auszudehnen und die Mädchen in der Sonntagsschule kennen zu lernen. Wie erwartet waren sie zart, unterernährt und eingeschüchtert. Alle trugen saubere, aber mehrfach geflickte graue Kittelkleider, doch selbst bei der Ältesten, Dorothy, zeichneten sich darunter noch keinerlei weibliche Formen ab. Das Mädchen war gerade dreizehn geworden und hatte zehn Jahre ihres kurzen Lebens mit ihrer Mutter im Armenhaus verbracht. Ganz zu Anfang war Dorothys Mutter noch irgendwo angestellt gewesen, aber daran konnte das Mädchen sich nicht mehr erinnern. Sie wusste nur noch, dass ihre Mutter irgendwann krank geworden und schließlich gestorben war. Seitdem lebte sie im Waisenhaus. Vor der Reise nach Neuseeland fürchtete sie sich zu Tode, war andererseits jedoch bereit, alles nur Erdenkliche zu tun, um ihre künftige Herrschaft zufrieden zu stellen. Dorothy hatte erst im Waisenhaus lesen und schreiben gelernt, bemühte sich aber nach Kräften, den Rückstand aufzuholen. Helen beschloss im Stillen, sie auf dem Schiff weiterzuunterrichten. Sie verspürte sofort Sympathie für das zierliche, dunkelhaarige Mädchen, das sicher zu einer Schönheit heranwachsen würde, wenn man es nur ordentlich fütterte und ihm endlich keinen Grund mehr gab, mit gebeugtem Rücken und wie ein geprügeltes Hündchen vor allem und jedem zu kuschen. Daphne, die Zweitälteste, war da schon mutiger. Sie hatte sich lange allein auf der Straße durchgeschlagen, und sicher war es eher Glück als Unschuld gewesen, dass man Daphne letztlich nicht bei irgendeinem Diebstahl erwischte, sondern krank und erschöpft unter einer Brücke fand. Im Waisenhaus behandelte man sie streng. Die Leiterin schien ihr flammend rotes Haar für ein untrügliches Zeichen von Lebenslust, ja Lebensgier zu halten und bestrafte sie für jeden übermütigen Seitenblick. Daphne war das Einzige der sechs Mädchen, das sich freiwillig für die Verschickung nach Übersee gemeldet hatte. Für Laurie und Mary, höchstens zehnjährige Zwillingsschwestern aus Chelsea, galt das sicher nicht. Beide waren nicht die Klügsten, wenn auch brav und halbwegs anstellig, wenn sie erst einmal begriffen hatten, was man von ihnen wollte. Laurie und Mary glaubten jedes Wort, das ihnen die böswilligen kleinen Jungen im Waisenhaus über die schrecklichen Gefahren der Seereise erzählt hatten, und so konnten sie kaum glauben, dass Helen die Überfahrt ohne größere Bedenken antrat. Elizabeth hingegen, eine verträumte Zwölfjährige mit langem, blondem Haar, fand es romantisch, sich auf den Weg zu einem unbekannten Ehemann zu begeben.

»Oh, Miss Helen, es wird sein wie im Märchen!«, flüsterte sie. Elizabeth lispelte ein wenig, wurde deshalb ständig gehänselt und erhob die Stimme nur selten. »Ein Prinz, der auf Sie wartet! Bestimmt verzehrt er sich nach Ihnen und träumt jede Nacht von Ihnen!«

Helen lachte und versuchte, sich aus der Umklammerung ihres jüngsten Zöglings, Rosemary, zu befreien. Rosie war angeblich elf Jahre alt, doch Helen schätzte das völlig eingeschüchterte Kind auf bestenfalls neun. Wer auf den Gedanken gekommen war, dieses verstörte Wesen könnte sich irgendwie selbst seinen Lebensunterhalt verdienen, war ihr schleierhaft. Rosemary hatte sich bisher an Dorothy geklammert. Nun, da sich ein freundlicher Erwachsener anbot, wechselte sie übergangslos zu Helen. Die fand es rührend, Rosies kleine Hand in der ihren zu spüren, wusste aber, dass sie die Anhänglichkeit des Mädchens nicht fördern durfte: Die Kinder waren bereits Dienstherren in Christchurch zugesagt, und so durfte sie in Rosie auf keinen Fall die Hoffnung schüren, sie könnte nach der Reise bei ihr bleiben.

Zumal Helens eigenes Schicksal ja ebenfalls noch völlig ungewiss war. Von Howard O’Keefe hatte sie nach wie vor nichts gehört.

Helen bereitete trotzdem eine Art Aussteuer vor. Sie investierte ihr weniges erspartes Geld in zwei neue Kleider und Unterkleidung und erstand ein wenig Bett- und Tischwäsche für ihr neues Heim. Gegen eine geringe Gebühr durfte sie auch ihren geliebten Schaukelstuhl mit auf die Reise nehmen, und Helen verbrachte Stunden damit, ihn sorgfältig zu verpacken. Schon um ihre Aufregung niederzukämpfen, begann sie früh mit den Reisevorbereitungen und war im Grunde schon vier Wochen vor Antritt der Überfahrt mit allem fertig. Lediglich die unangenehme Pflicht, ihre Familie von der Abreise in Kenntnis zu setzen, verschob sie fast bis zum Schluss. Doch irgendwann ließ es sich nicht länger hinauszögern – und die Reaktion war wie erwartet: Helens Schwester zeigte sich schockiert, ihre Brüder erbost. Wenn Helen nicht mehr gewillt war, für ihren Unterhalt aufzukommen, würden sie wieder bei Reverend Thorne unterschlüpfen müssen. Helen fand, dass es ihnen nur gut täte, und ließ es sie auch ziemlich unverblümt wissen.

Was ihre Schwester anging, nahm Helen deren Tiraden nicht eine Sekunde lang ernst. Susan führte zwar seitenlang aus, wie sehr sie ihre Schwester vermissen würde, und an manchen Stellen zeigte der Brief sogar Spuren von Tränen, die aber wohl eher darauf zurückzuführen waren, dass die Sorge um Johns und Simons Studiengebühren jetzt auf Susans Schultern lasten würde.

Als Susan und ihr Mann schließlich nach London kamen, um »doch noch einmal über die Sache zu reden«, ging Helen gar nicht auf Susans angeblichen Trennungsschmerz ein. Stattdessen erklärte sie, ihre Auswanderung würde an der Beziehung zu Susan kaum etwas ändern. »Viel öfter als zweimal im Jahr haben wir uns bis jetzt doch auch nicht geschrieben«, sagte Helen ein wenig boshaft. »Du hast genug mit deiner Familie zu tun, und mir wird es sicher bald nicht anders gehen.«

Wenn es doch nur endlich einen konkreten Anlass gäbe, daran zu glauben!

Doch Howard hüllte sich nach wie vor in Schweigen. Erst eine Woche vor Helens Abreise, als sie längst aufgegeben hatte, dem Briefträger an jedem Morgen aufzulauern, brachte ihr George einen Briefumschlag mit vielen bunten Marken.

»Hier, Miss Davenport!«, sagte der Junge aufgeregt. »Sie können ihn gleich öffnen. Ich verspreche, ich petze nicht, und ich schaue Ihnen auch nicht über die Schulter. Ich spiele mit William, okay?«

Helen war mit ihren Zöglingen im Garten; die Schulstunden hatte sie bereits beendet. William beschäftigte sich allein damit, den Ball planlos durch die Tore beim Krocket zu schlagen.

»George, du sollst nicht ›okay‹ sagen!«, tadelte Helen gewohnheitsmäßig, während sie mit unziemlicher Hast nach dem Brief griff. »Wo hast du das Wort überhaupt her? Aus diesen Schmuddelheften, die das Personal liest? Lass sie um Himmels willen nicht herumliegen. Wenn William …«

»William kann nicht lesen«, fiel George ihr ins Wort. »Das wissen wir doch beide, Miss Davenport, egal was Mutter glaubt. Und ich werde nie wieder ›okay‹ sagen, ich versprech’s. Lesen Sie jetzt Ihren Brief?« Der Ausdruck auf Georges schmalem Gesicht war unerwartet ernst. Helen hätte eigentlich eher mit seinem üblichen, anzüglichen Grinsen gerechnet.

Aber was sollte es? Selbst wenn er seiner Mutter verriet, dass sie, Helen, während der Arbeit private Briefe las – in einer Woche würde sie auf See sein, wenn nicht …

Helen riss den Brief mit zitternden Händen auf. Wenn Mr. O’Keefe nun kein Interesse mehr an ihr zeigte …

Meine sehr verehrte Miss Davenport!

Worte vermögen nicht zu sagen, wie sehr Ihre Zeilen meine Seele berührt haben. Ich habe Ihren Brief nicht mehr aus den Händen gelassen, seit ich ihn vor wenigen Tagen erhielt. Er begleitet mich überall hin, bei der Arbeit auf der Farm, bei den seltenen Ausflügen in die Stadt – wann immer ich danach taste, empfinde ich Trost und eine überschäumende Freude, dass irgendwo, weit fort von mir, ein Herz für mich schlägt. Und ich muss zugeben, dass ich ihn in den dunkelsten Stunden meiner Einsamkeit mitunter verstohlen an die Lippen führe. Dieses Papier, das Sie berührt haben, über das Ihr Atem streifte, ist mir so heilig wie die wenigen Andenken an meine Familie, die ich heute noch wie Schätze hüte.

Wie aber soll es nun weitergehen mit uns? Verehrteste Miss Davenport, am liebsten würde ich Ihnen jetzt schon zurufen: Komm! Lassen wir beide unsere Einsamkeit hinter uns! Streifen wir unsere alte Haut der Verzweiflung und Dunkelheit ab! Lass uns gemeinsam neu beginnen!

Hier kann man es kaum erwarten, bis sich erste Frühlingsdüfte regen. Das Gras beginnt zu grünen, die Bäume tragen Knospen. Wie gern würde ich diesen Anblick, dieses berauschende Gefühl des erwachenden neuen Lebens mit Ihnen teilen! Dazu jedoch sind schnödere Überlegungen nötig als der Höhenflug aufkeimender Zuneigung. Ich würde Ihnen gern das Geld für die Überfahrt schicken, verehrte Miss Davenport – ach was, liebste Helen! Allerdings wird das warten müssen, bis meine Schafe abgelammt haben und der Ertrag der Farm für dieses Jahr absehbar wird. Schließlich möchte ich unser gemeinsames Leben auf keinen Fall gleich von Anbeginn mit Schulden belasten.

Haben Sie, verehrte Helen, Verständnis für diese Bedenken? Können Sie, wollen Sie warten, bis mein Ruf endgültig an Sie ergehen kann? Es gibt nichts, was ich mir auf Erden sehnlicher wünsche.

Es verbleibt Ihr über die Maßen ergebener

Howard O’Keefe

Helens Herz schlug so schnell, dass sie meinte, zum ersten Mal im Leben ein Riechfläschchen zu benötigen. Howard wollte sie, er liebte sie! Und nun konnte sie ihm die schönste Überraschung bereiten! Anstelle eines Briefes würde sie selbst zu ihm eilen! Sie war Reverend Thorne unendlich dankbar! Sie war Lady Brennan unendlich dankbar! Ja, sogar George, der ihr eben die Nachricht gebracht hatte …

»Sind … sind Sie fertig mit dem Lesen, Miss Davenport?«

In ihrer Versunkenheit hatte Helen nicht bemerkt, dass der Junge immer noch neben ihr stand.

»Haben Sie gute Nachrichten?«

George sah eigentlich nicht so aus, als wollte er sich mit ihr darüber freuen. Im Gegenteil, der Junge wirkte verstört.

Helen betrachtete ihn besorgt, konnte ihr Glück dann aber nicht verhehlen.

»Die besten Nachrichten, die man haben kann!«, sagte sie verzückt.

George erwiderte ihr Lächeln nicht.

»Dann … will er sie also wirklich heiraten? Er … er sagt nicht, Sie sollten bleiben, wo Sie sind?«, fragte er tonlos.

»Aber George! Wieso sollte er?« In ihrer Seligkeit vergaß Helen ganz, dass sie ihre Bewerbung auf besagte Anzeige bislang standhaft vor ihren Schülern geleugnet hatte. »Wir passen wundervoll zusammen! Ein äußerst kultivierter junger Mann, der …«

»Kultivierter als ich, Miss Davenport?«, brach es aus dem Jungen heraus. »Sind Sie sicher, dass er besser ist als ich? Klüger? Belesener? Weil … wenn es nämlich nur die Liebe ist … ich … da kann er Sie nämlich nicht mehr lieben als ich …«

George drehte sich weg, erschrocken über seine eigene Courage. Helen musste ihn an den Schultern fassen und zu sich umdrehen, um ihm wieder in die Augen zu sehen. Er schien unter ihrer Berührung zu erschauern.

»Aber George, was redest du denn da? Was weißt denn du von Liebe? Du bist sechzehn! Du bist mein Schüler!«, stieß Helen bestürzt hervor – und wusste im gleichen Augenblick, dass sie Unsinn sprach. Warum sollte man mit sechzehn nicht tief empfinden?

»Sieh mal, George, ich habe Howard und dich doch nie im Vergleich gesehen!«, setzte sie noch einmal an. »Oder gar als Konkurrenten. Schließlich wusste ich nicht, dass du …«

»Das konnten Sie auch nicht wissen!« In Georges klugen braunen Augen spiegelte sich jetzt fast so etwas wie Hoffnung. »Ich hätte … hätte es Ihnen eher sagen müssen. Schon vor dieser Sache mit Neuseeland. Aber ich hab mich nicht getraut …«

Helen musste beinahe lächeln. Der Junge wirkte so jung und verletzlich, so ernsthaft in seiner kindischen Verliebtheit. Sie hätte es früher bemerken müssen! Im Nachhinein besehen hatte es viele Situationen gegeben, die darauf hindeuteten.

»Das war ganz richtig und normal, George«, sagte sie jetzt beschwichtigend. »Du hast selbst eingesehen, dass du viel zu jung bist für solche Dinge, und normalerweise hättest du sie nie zur Sprache gebracht. Wir wollen das jetzt auch vergessen …«

»Ich bin zehn Jahre jünger als Sie, Miss Davenport«, wurde sie von George unterbrochen. »Und natürlich bin ich Ihr Schüler, aber ich bin kein Kind mehr! Ich fange jetzt mit dem Studium an, und in ein paar Jahren werde ich ein angesehener Kaufmann sein. Niemand wird dann nach meinem Alter und dem meiner Gattin fragen.«

»Aber ich frage danach«, sagte Helen sanft. »Ich wünsche mir einen Mann in meinem Alter, der zu mir passt. Es tut mir Leid, George …«

»Und woher wissen Sie, dass dieser Briefschreiber Ihren Vorstellungen entspricht?«, fragte der Junge gequält. »Warum lieben Sie ihn? Sie haben doch gerade zum ersten Mal einen Brief von ihm erhalten! Hat er sein Alter genannt? Wissen Sie, ob er Sie angemessen ernähren und kleiden kann? Ob es etwas gibt, worüber Sie miteinander reden können? Mit mir und meinem Vater haben Sie sich immer gut unterhalten. Wenn Sie also auf mich warten … nur ein paar Jahre, Miss Davenport, bis ich mein Studium beendet habe! Bitte, Miss Davenport! Bitte geben Sie mir eine Chance!«

Der Junge griff unbeherrscht nach ihrer Hand.

Helen riss sich los.

»Es tut mir Leid, George. Es ist nicht so, als würde ich dich nicht mögen, im Gegenteil. Aber ich bin deine Lehrerin, und du bist mein Schüler. Daraus kann nicht mehr werden … zumal du in ein paar Jahren ganz anders darüber denken wirst.«

Helen stellte sich kurz die Frage, ob Richard Greenwood etwas von der blinden Verliebtheit seines Sohnes geahnt hatte. Verdankte sie ihm die großzügig gespendete Schiffspassage vielleicht auch deshalb, weil er dem Jungen die Hoffnungslosigkeit seiner Vernarrtheit vor Augen führen wollte?

»Ich werde nie anders darüber denken!«, sagte George leidenschaftlich. »Sobald ich volljährig bin, sobald ich eine Familie ernähren kann, werde ich für Sie da sein! Wenn Sie nur warten, Miss Davenport!«

Helen schüttelte den Kopf. Sie musste dieses Gespräch jetzt beenden. »George, selbst wenn ich dich lieben würde, ich kann nicht warten. Wenn ich eine Familie haben will, muss ich die Chance jetzt ergreifen. Howard ist diese Chance. Und ich werde ihm eine gute und treue Gattin sein.«

George blickte sie verzweifelt an. Sein schmales Gesicht spiegelte alle Qualen verschmähter Leidenschaft, und Helen meinte fast, hinter den noch unfertigen Zügen des Jungen das Antlitz jenes Mannes zu erkennen, zu dem George einmal werden würde. Ein liebenswerter, weltkluger Mann, der sich nicht vorschnell verpflichtete – und der seine Versprechen hielt. Helen hätte den Jungen gern tröstend in die Arme genommen, aber das kam natürlich nicht in Frage.

Sie wartete schweigend, bis George sich einen Ruck gab. Helen rechnete damit, dass ihm kindliche Tränen in die Augen stiegen, doch George erwiderte ihren Blick ruhig und fest.

»Ich werde Sie immer lieben!«, erklärte er. »Immer. Egal, wo Sie sein werden und was Sie tun. Egal, wo ich sein werde und was ich tue. Ich liebe Sie, nur Sie allein. Vergessen Sie das nie, Miss Davenport.«

5

Die Dublin war ein imponierendes Schiff, selbst wenn sie noch nicht unter vollen Segeln stand. Helen und den Waisenmädchen erschien sie groß wie ein Haus, und tatsächlich sollte die Dublin in den nächsten drei Monaten deutlich mehr Menschen beherbergen als eine gewöhnliche Mietskaserne. Helen hoffte, dass sie nicht auch ebenso brand- und einsturzgefährdet war, aber zumindest auf Seetüchtigkeit wurden die Schiffe nach Neuseeland vor der Abfahrt überprüft. Die Schiffseigner mussten den Kontrolleuren der Krone nachweisen, dass eine ausreichende Kabinenbelüftung gewährleistet war und dass sie genügend Proviant an Bord hatten. Diese Verpflegung wurde heute zum Teil noch geladen, und Helen ahnte bereits, was ihr blühte, als sie die Fässer voll Pökelfleisch, die Säcke voll Mehl und Kartoffeln und die Pakete voll Schiffszwieback am Anleger stehen sah. Sie hatte schon gehört, dass die Kost an Bord alles andere als abwechslungsreich sei – zumindest für die Passagiere im Zwischendeck. Die Kabinengäste der ersten Klasse wurden da ganz anders verpflegt. Für die, munkelte man, käme sogar ein Koch an Bord.

Das Einsteigen des »gemeinen Volkes« überwachten ein ruppiger Schiffsoffizier und der Bordarzt. Letzterer musterte Helen und die Mädchen kurz, fühlte einmal über die Stirn der Kinder, womit er vermutlich eine fiebrige Erkrankung erkennen wollte, und ließ sich ihre Zungen zeigen. Als dies alles keinen Befund ergab, nickte er dem Offizier zu, der daraufhin die Namen auf einer Liste abstrich.

»Kabine eins im Heckteil«, erklärte er und winkte Helen und die Mädchen schnell weiter. Die sieben tasteten sich durch enge, dunkle Gänge im Bauch des Schiffes, die zudem von aufgeregten Menschen und ihren Habseligkeiten nahezu verstopft waren. Helen hatte nicht viel Gepäck, doch auch die kleine Reisetasche wurde ihr allmählich schwer. Die Mädchen besaßen noch weniger; sie trugen nur ihre Nachtwäsche und je ein Kleid zum Wechseln in einem Bündel bei sich.

Endlich fand sich die Kabine, und die Mädchen purzelten aufatmend hinein. Helen selbst jedoch war alles andere als begeistert von dem winzigen Kämmerchen, das nun für bis zu drei Monate ihre Wohnung sein sollte. Die Einrichtung des extrem niedrigen und dunklen Raums bestand aus einem Tisch, einem Stuhl und sechs Kojen – Etagenbetten, wie Helen entsetzt feststellte, und noch dazu eins zu wenig. Zum Glück waren Mary und Laurie es gewohnt, das Bett zu teilen. Sie nahmen auch gleich eine der mittleren Kojen in Besitz und kuschelten sich dort eng aneinander. Noch immer fürchteten sie sich vor der Reise. Die vielen Menschen und der Lärm an Bord machten ihnen Angst.

Helen störte sich dagegen eher an dem durchdringenden Gestank nach Schafen, Pferden und anderem Getier, der vom Unterdeck zu ihnen hinaufdrang. Ausgerechnet neben und unter Helens Unterkunft hatte man provisorische Pferche für Schafe und Schweine errichtet, sowie Ständer für eine Kuh und zwei Pferde. Helen fand das alles unzumutbar und beschloss, sich zu beschweren. Sie wies ihre Mädchen an, in der Kabine zu warten, und machte sich erneut auf den Weg an Deck. Zum Glück gab es einen kürzeren Weg an die frische Luft als den durchs Zwischendeck, den sie gekommen waren: Direkt vor Helens Kabine führten Stufen hinauf. Inzwischen waren auch provisorische Rampen errichtet worden, um die Tiere einzuladen. Von der Besatzung war am Heck des Schiffes allerdings niemand zu sehen; im Gegensatz zum Eingang am anderen Ende wurde dieser nicht bewacht. Dabei wimmelte es auch hier von Auswandererfamilien, die ihr Gepäck an Bord schleppten und sich weinend und lamentierend von Angehörigen verabschiedeten. Gedränge und Lärm waren unerträglich.

Dann aber teilte sich die Menge an den Stegen, über die Ladung und Vieh an Bord gebracht wurden. Der Grund dafür war leicht zu erkennen: Soeben wurden zwei Pferde verladen, und eines von ihnen war verängstigt. Der kleine, drahtige Mann, dessen blaue Tätowierungen an beiden Armen ihn wohl als Besatzungsmitglied auswiesen, hatte alle Hände voll zu tun, das Tier zu halten. Helen überlegte, ob man den Mann wohl im Rahmen irgendeiner Strafaktion zu dieser berufsfremden Aufgabe verdonnert hatte. Bestimmt besaß er keine Erfahrung mit Pferden, denn er handhabte den kräftigen schwarzen Hengst reichlich ungeschickt.

»Nun komm schon, du schwarzer Teufel, ich hab nicht unendlich Zeit!«, brüllte er das Tier an, das allerdings nicht darauf reagierte. Im Gegenteil, der Rappe zerrte noch entschlossener rückwärts und legte dabei böse die Ohren zurück. Er schien fest entschlossen, keinen Huf auf die gefährlich wackelnde Rampe zu setzen.

Das zweite Pferd, das Helen nur undeutlich hinter ihm erkannte, schien ruhiger zu sein. Vor allem wirkte seine Führerin weit couragierter. Zu ihrer Überraschung erkannte Helen ein zierliches Mädchen in eleganter Reisekleidung. Ungeduldig wartete es mit dem Führstrick einer stämmigen, braunen Stute in der Hand. Als der Hengst noch immer keine Anstalten machte, vorwärts zu gehen, mischte das Mädchen sich ein.

»So wird das nichts, geben Sie ihn mir mal!« Verwundert beobachtete Helen, wie die junge Lady ihre Stute kurzerhand an einen der wartenden Auswanderer übergab und dem Matrosen den Hengst abnahm. Helen rechnete damit, dass das Tier sich losreißen würde; schließlich hatte schon der Mann es kaum halten können. Stattdessen beruhigte der Rappe sich sofort, als das Mädchen geschickt den Führstrick verkürzte und ihn freundlich ansprach.

»So, das machen wir jetzt mal Schritt für Schritt, Madoc! Ich gehe vor, du kommst nach. Und wag es ja nicht, mich umzurennen!«

Helen hielt den Atem an, während der Hengst der jungen Lady tatsächlich folgte – angespannt, aber äußerst manierlich. Das Mädchen lobte und klopfte ihn, als er schließlich sicher an Bord stand. Der Hengst sabberte daraufhin auf ihr dunkelblaues, samtenes Reisekostüm, doch sie schien es gar nicht zu bemerken.

»Wo bleiben Sie denn jetzt mit der Stute!«, rief sie stattdessen wenig damenhaft zu dem Matrosen hinunter. »Igraine tut Ihnen nichts! Gehen Sie einfach vorweg!«

Die braune Stute zeigte sich tatsächlich gelassener als der junge Hengst, obwohl auch sie ein wenig tänzelte. Der Matrose hielt ihren Strick am äußersten Ende. Dabei machte er ein Gesicht, als balanciere er eine Dynamitstange. Immerhin brachte er das Pferd an Bord, und Helen konnte nun auch ihre Beschwerde anbringen. Als das Mädchen und der Mann die Tiere direkt an ihrer Kabine vorbei aufs Unterdeck führten, wandte sie sich an den Matrosen.

»Wahrscheinlich ist es nicht Ihre Schuld, aber jemand muss hier etwas unternehmen. Wir können unmöglich neben den Ställen wohnen. Die Geruchsbelästigung ist kaum zu ertragen! Und was ist, wenn die Biester mal freikommen? Dann sind wir hier unseres Lebens nicht sicher!«

Der Matrose zuckte die Schultern. »Da kann ich nichts machen, Madame. Befehl vom Kapitän. Das Viehzeug muss mit. Und die Kabinenzuteilung ist immer gleich: Alleinreisende Männer vorn, Familien in der Mitte, und alleinreisende Frauen hinten. Da Sie die einzigen alleinreisenden Frauen sind, können Sie mit keinem tauschen. Finden Sie sich damit ab.« Keuchend hastete der Mann hinter der Stute her, die es jetzt offensichtlich eilig hatte, dem Hengst und der jungen Lady zu folgen. Das Mädchen lavierte zunächst den Rappen, dann die Braune in die zwei nebeneinander liegenden Ständer und band sie dort fest. Als sie wieder zum Vorschein kam, war ihr blauer Samtrock mit Heuhalmen und Stroh bedeckt.

»Unpraktisches Zeug!«, schimpfte das Mädchen und versuchte, das Kleid auszuschütteln. Dann gab sie es auf und wandte sich Helen zu.

»Tut mir Leid, wenn die Tiere Sie stören. Aber ausreißen können sie nicht, die Rampen werden abgebaut … was aber nicht ungefährlich ist. Falls das Schiff sinkt, kriege ich Igraine doch nie hier raus! Aber der Kapitän besteht darauf. Wenigstens soll jeden Tag gemistet werden. Und die Schafe riechen auch nicht mehr so streng, wenn sie erst trocken sind. Außerdem gewöhnt man sich …«

»Ich werde mich nie daran gewöhnen, in einem Stall zu wohnen!«, meinte Helen hoheitsvoll.

Das Mädchen lachte. »Wo bleibt Ihr Pioniergeist? Sie wollen doch auch auswandern, nicht wahr? Also, ich würde gern die Kabine mit Ihnen tauschen. Aber ich schlafe ganz oben. Mr. Warden hat die Salon-­Kabine gebucht. Sind das alles Ihre Kinder?«

Sie warf einen Blick auf die Mädchen, die sich zunächst weisungsgemäß in ihrer Kabine verschanzt hatten, jetzt aber vorsichtig und ein bisschen neugierig herauslugten, als sie Helens Stimme hörten. Besonders Daphne beäugte interessiert sowohl die Pferde als auch die elegante Kleidung der jungen Lady.

»Aber nein«, sagte Helen. »Ich kümmere mich nur während der Überfahrt um die Mädchen. Sie sind Waisenkinder. – Sind das alles Ihre Tiere?«

Das Mädchen lachte. »Nein, nur die Pferde … eins von den Pferden, genauer gesagt. Der Hengst gehört Mr. Warden. Die Schafe ebenfalls. Wem das andere Viehzeug gehört, weiß ich nicht, aber vielleicht kann man die Kuh ja melken! Dann hätten wir frische Milch für die Kinder. Die sehen aus, als könnten sie es brauchen.«

Helen nickte unglücklich. »Ja, sie sind stark unterernährt. Hoffentlich überleben sie die lange Fahrt, man spricht so viel von Seuchen und Kindersterblichkeit. Aber wir haben wenigstens einen Arzt an Bord. Hoffentlich versteht er sein Geschäft. Übrigens, mein Name ist Helen Davenport.«

»Gwyneira Silkham«, antwortete das Mädchen. »Und das da sind Madoc und Igraine …« Sie stellte die Pferde so selbstverständlich vor, als handele es sich um Teilnehmer an einer Teegesellschaft. »Und Cleo … wo steckt sie denn schon wieder? Ah, da ist sie ja. Sie schließt schon wieder Freundschaften.«

Helen folgte Gwyneiras Blick und erkannte ein kleines, haariges Wesen, das sie freundlich anzulächeln schien. Allerdings zeigte es dabei imponierend große Zähne, was es Helen sofort unheimlich machte. Sie erschrak, als sie Rosie neben dem Tier erblickte. Das kleine Mädchen kuschelte sich so vertrauensvoll in sein Fell wie sonst in Helens Rockfalten.

»Rosemary!«, rief Helen alarmiert. Das Mädchen fuhr zusammen und ließ den Hund los. Der wandte sich daraufhin verwundert zu ihr um und hob wie bittend die Pfote.

Gwyneira lachte und machte ebenfalls eine beschwichtigende Handbewegung. »Lassen Sie die Kleine ruhig mit ihr spielen«, meinte sie gelassen zu Helen. »Cleo liebt Kinder, sie wird ihr nichts tun. Tja, ich muss jetzt gehen. Mr. Warden wird warten. Und ich sollte eigentlich gar nicht hier sein, sondern noch etwas Zeit mit meiner Familie verbringen. Deshalb sind meine Eltern und Geschwister ja extra nach London gekommen. Auch wieder so ein Unsinn. Ich habe meine Familie jetzt siebzehn Jahre lang jeden Tag gesehen. Da ist alles gesagt. Aber meine Mutter weint die ganze Zeit, und meine Schwestern heulen zur Gesellschaft mit. Mein Vater badet in Selbstvorwürfen, weil er mich nach Neuseeland schickt, und mein Bruder ist so neidisch, dass er mir am liebsten an die Gurgel gehen würde. Ich kann’s gar nicht erwarten, dass wir ablegen. Was ist mit Ihnen? Ist für Sie keiner gekommen?« Gwyneira sah sich um. Überall sonst auf dem Zwischendeck wimmelte es vor weinenden und lamentierenden Menschen. Letzte Geschenke wurden getauscht, letzte Grüße ausgerichtet. Viele dieser Familien wurden durch die Abreise für immer getrennt.

Helen schüttelte den Kopf. Sie war ganz allein mit einer Droschke vom Haus der Greenwoods aus aufgebrochen. Den Schaukelstuhl, das einzige sperrige Stück, hatte sie gestern schon abholen lassen.

»Ich reise zu meinem Gatten nach Christchurch«, erklärte sie, als würde dies das Fehlen ihrer Angehörigen erklären. Doch auf keinen Fall wollte sie von dieser reichen und offensichtlich privilegierten jungen Frau bedauert werden.

»So? Dann ist Ihre Familie schon in Neuseeland?«, fragte Gwyneira aufgeregt. »Sie müssen mir bei Gelegenheit davon erzählen, ich war nämlich noch nie … aber jetzt muss ich wirklich los! Bis morgen, Kinder, werdet nicht seekrank! Komm, Cleo!«

Gwyneira wandte sich zum Gehen, aber die kleine Dorothy hielt sie auf. Schüchtern zupfte sie an ihrem Rock.

»Miss, Verzeihung, Miss, aber Ihr Kleid ist ganz schmutzig. Ihre Mama wird sicher schimpfen.«

Gwyneira lachte, sah dann aber doch besorgt an sich herunter. »Du hast Recht. Sie wird Zustände kriegen! Ich bin unmöglich. Nicht mal beim Abschied kann ich mich ordentlich benehmen.«

»Ich kann das abbürsten, Miss. Ich kenne mich aus mit Samt!« Dorothy blickte beflissen zu Gwyneira auf und wies ihr dann zaghaft den Stuhl in ihrer Kabine an.

Gwyneira setzte sich. »Wo hast du das gelernt, Kleines?«, fragte sie dann überrascht, als Dorothy ihr Jackett geschickt mit Helens Kleiderbürste bearbeitete; offenbar hatte das Mädchen vorhin beobachtet, wie Helen ihre Pflegeutensilien in dem winzigen Spind verstaut hatte, der zu jeder Koje gehörte.

Helen seufzte. Beim Kauf der kostbaren Bürsten hatte sie eigentlich nicht daran gedacht, diese zur Beseitigung von Mistspuren zu verwenden.

»Wir kriegen oft abgelegte Kleidung als Spende ins Waisenhaus. Aber wir behalten sie nicht, sie wird verkauft. Vorher muss sie natürlich sauber gemacht werden, und dabei helfe ich immer. Sehen Sie, Miss, jetzt ist es wieder schön!« Dorothy lächelte schüchtern.

Gwyneira suchte in ihren Taschen nach einem Geldstück, um das Mädchen zu belohnen, fand aber nichts, das Kostüm war noch zu neu.

»Ich bringe euch morgen ein Dankeschön mit, versprochen!«, beschied sie Dorothy, als sie sich zum Gehen wandte. »Und du wirst mal eine gute Hausfrau. Oder Zofe bei ganz feinen Leuten! Wir sehen uns!« Gwyneira winkte Helen und den Mädchen zu, als sie leichtfüßig über die Brücke lief.

»Das glaubt die doch selbst nicht!«, meinte Daphne und spuckte hinter ihr aus. »Solche Leute machen ständig Versprechungen, aber dann sieht man sie nie wieder. Du musst immer schauen, dass sie gleich was abdrücken, Dot! Sonst wird das nie was!«

Helen schlug die Augen gen Himmel. Wie war das mit den »auserwählten, braven und zum demütigen Dienen erzogenen Mädchen«? Auf jeden Fall musste sie jetzt streng durchgreifen.

»Daphne, du wischst das sofort auf! Miss Gwyneira ist euch zu nichts verpflichtet. Dorothy hat sich selbst angeboten, ihr zu Diensten zu sein. Das war Höflichkeit, kein Geschäft. Und junge Ladys spucken nicht!« Helen sah sich nach einem Putzeimer um.

»Wir sind doch keine Ladys!«, kicherten Laurie und Mary.

Helen blickte sie streng an. »Wenn wir in Neuseeland ankommen, seid ihr es«, versprach sie. »Zumindest werdet ihr euch so benehmen!«

Entschlossen begann sie mit der Erziehung.

Gwyneira atmete auf, als endlich die letzten Gangways vom Anleger zur Dublin eingezogen wurden. Die Stunden des Abschieds waren anstrengend gewesen, allein die Tränenströme ihrer Mutter hatten drei Taschentücher durchnässt. Hinzu kamen das Gejammer ihrer Schwestern und die gefasste, aber trübsinnige Haltung ihres Vaters, die besser zu einer Hinrichtung als zu einer Hochzeit gepasst hätte. Und zu allem Überfluss zerrte der offensichtliche Neid ihres Bruders an Gwyneiras Nerven. Der hätte sein Erbe in Wales wohl gern gegen ihr Abenteuer eingetauscht! Gwyn unterdrückte ein hysterisches Kichern. Wie schade, dass John Henry nicht Lucas Warden heiraten konnte!

Jetzt aber würde die Dublin endlich ablegen. Ein Rauschen, laut wie ein Sturmwind, ließ erkennen, dass die Segel gesetzt waren. Noch an diesem Abend würde das Schiff auf den Ärmelkanal hinaus und Richtung Atlantik segeln. Gwyneira wäre gern bei ihren Pferden gewesen, aber das schickte sich natürlich nicht. Also blieb sie brav an Deck und winkte mit ihrem größten Schal zu ihrer Familie hinunter, bis das Ufer fast außer Sicht geriet. Gerald Warden bemerkte, dass sie keine Träne vergoss.

Helens kleine Zöglinge weinten dafür umso bitterlicher, doch die Atmosphäre auf dem Zwischendeck war ohnehin angespannter als bei den reichen Reisenden. Für die ärmeren Auswanderer war die Reise mit ziemlicher Sicherheit ein Abschied für immer; zudem fuhren die meisten in eine viel ungewissere Zukunft als Gwyneira und ihre Reisegefährten vom Oberdeck. Helen tastete nach Howards Briefen in ihrer Tasche, während sie die Mädchen tröstete. Sie wurde immerhin erwartet …

Dennoch schlief sie schlecht in der ersten Nacht an Bord. Die Schafe waren immer noch nicht trocken; ihr Geruch nach Mist und nasser Wolle stieg weiterhin in Helens empfindliche Nase. Bis die Kinder einschlummerten, dauerte es ewig, und auch dann schreckten sie bei jedem Geräusch auf. Als Rosie zum dritten Mal zu Helen ins Bett kroch, hatte diese nicht mehr das Herz und vor allem nicht mehr die Energie, das Kind zurückzuschicken. Auch Laurie und Mary klammerten sich aneinander, und Dorothy und Elizabeth fand Helen am nächsten Morgen eng zusammengekuschelt in einer Ecke von Dorothys Koje. Nur Daphne schlief tief und fest; falls sie träumte, mussten es schöne Träume sein, denn das Mädchen lächelte im Schlaf, als Helen es schließlich weckte.

Der erste Morgen auf See zeigte sich unerwartet freundlich. Mr. Greenwood hatte Helen darauf vorbereitet, dass die ersten Wochen der Reise stürmisch werden könnten, da zwischen dem Ärmelkanal und der Bucht von Biskaya meist raue See herrschte. Heute gewährte das Wetter den Auswanderern aber noch eine Gnadenfrist. Die Sonne schien nach dem Regentag ein wenig blass, und das Meer schimmerte stahlgrau im fahlen Licht. Die Dublin bewegte sich behäbig und gelassen über die glatte Wasserfläche.

»Ich sehe gar kein Ufer mehr«, flüsterte Dorothy verängstigt. »Wenn wir jetzt untergehen, findet uns keiner! Dann müssen wir alle ertrinken!«

»Du wärst auch ertrunken, wenn das Schiff im Londoner Hafen gesunken wäre«, bemerkte Daphne. »Schließlich kannst du nicht schwimmen, und bevor sie alle Leute vom Oberdeck gerettet hätten, wärst du längst abgesoffen.«

»Du kannst auch nicht schwimmen!«, gab Dorothy zurück. »Du wärst genauso ertrunken wie ich!«

Daphne lachte. »Wär ich nicht! Ich bin mal in die Themse gefallen, als ich klein war, bin aber wieder rausgepaddelt. Dreck schwimmt oben, hat mein Alter gesagt …«

Helen beschloss, das Gespräch nicht nur aus erzieherischen Gründen zu unterbrechen.

»Das hat dein Vater gesagt, Daphne!«, stellte sie richtig. »Auch wenn er sich damit nicht gerade vornehm ausgedrückt hat. Und nun hör auf, den anderen Angst zu machen, sonst haben sie gleich keinen Hunger mehr aufs Frühstück. Das können wir uns jetzt nämlich holen. Also, wer geht zur Kombüse? Dorothy und Elizabeth? Sehr schön. Laurie und Mary sorgen für Wasser zum Waschen … oh doch, meine Damen, wir waschen uns! Eine Lady hält auch auf Reisen auf Ordnung und Sauberkeit!«

Als Gwyneira eine Stunde später über das Zwischendeck lief, um nach ihren Pferden zu sehen, bot sich ihr ein seltsames Bild. Der Außenbereich vor den Kabinen war fast menschenleer, die meisten Passagiere waren wohl noch mit dem Frühstück oder ihrem Trennungsschmerz beschäftigt. Doch Helen und die Mädchen hatten ihren Tisch und ihren Stuhl herausgeschleppt. Auf Letzterem thronte Helen, stolz und aufrecht, jeder Zoll eine Lady. Vor ihr auf dem Tisch befand sich ein improvisiertes Gedeck, bestehend aus einem Blechteller, einem verbogenen Löffel, einer Gabel und einem stumpfen Messer. Dorothy war dabei, Helen von imaginären Servierplatten die Speisen aufzutragen, während Elizabeth mit einer alten Flasche hantierte, als wäre edler Wein darin, den sie stilvoll kredenzte.

»Was tut ihr denn da?«, fragte Gwyneira verblüfft.

Dorothy knickste beflissen. »Wir üben, wie man sich bei Tisch aufführt, Miss Gwyn … Gwyn …«

»Gwyneira. Aber ihr könnt gerne Gwyn sagen. Und jetzt sagt mir noch mal – ihr übt was?« Gwyneira schaute Helen argwöhnisch an. Gestern hatte die junge Gouvernante ganz normal auf sie gewirkt, aber womöglich war sie doch nicht recht bei Trost.

Helen errötete leicht unter Gwyneiras Blick, fasste sich aber schnell.

»Ich musste heute Morgen feststellen, dass die Tischmanieren der Mädchen sehr zu wünschen übrig lassen«, sagte sie. »Im Waisenhaus muss es zugegangen sein wie im Raubtierkäfig. Die Kinder essen mit den Fingern und stopfen sich die Backen voll, als wäre es ihre letzte Mahlzeit auf Erden!«

Beschämt schauten Dorothy und Elizabeth zu Boden. Daphne beeindruckte der Tadel weniger.

»Wahrscheinlich hätten sie sonst nichts abbekommen«, meinte Gwyneira. »Wenn ich sehe, wie mager die Mädchen sind … Aber was soll das werden?« Noch einmal wies sie auf den Tisch. Helen korrigierte die Lage des Messers ein wenig.

»Ich zeige den Mädchen, wie man sich bei Tisch wie eine Dame verhält, und vermittle ihnen nebenbei die wichtigsten Fertigkeiten einer geschickten Bedienung«, bemerkte sie dabei. »Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie in größeren Haushalten aufgenommen werden, wo sie die Möglichkeit hätten, sich als Zofe, Köchin oder Stubenmädchen zu spezialisieren. Die Personallage in Neuseeland soll extrem schlecht sein. Also werde ich den Kindern eine möglichst umfassende Ausbildung mit auf den Weg geben, damit sie ihrer Herrschaft in möglichst vieler Hinsicht nützlich sein können.«

Helen nickte Elizabeth freundlich zu, die eben formvollendet Wasser in ihren Kaffeebecher geschüttet hatte. Eventuelle Tropfen fing sie mit einer Serviette auf.

Gwyneira blieb skeptisch. »Nützlich?«, fragte sie. »Diese Kinder? Ich wollte gestern schon fragen, warum man sie nach Übersee schickt, aber jetzt wird mir einiges klar … Vermute ich richtig, dass man sie im Waisenhaus gern loswerden möchte, aber niemand in London kleine, halb verhungerte Dienstmädchen will?«

Helen nickte. »Die rechnen mit jedem Penny. Ein Kind ein Jahr lang im Waisenhaus unterzubringen, es zu ernähren, zu kleiden und zur Schule zu schicken, kostet drei Pfund. Die Überfahrt kostet vier, aber dafür sind sie die Kinder dann ein für alle Mal los. Sonst müssten sie zumindest Rosemary und die Zwillinge noch mindestens zwei Jahre behalten.«

»Aber der halbe Fahrpreis gilt doch nur für Kinder bis zwölf«, wandte Gwyneira ein, was Helen wunderte. Hatte dieses reiche Mädchen sich tatsächlich nach den Preisen im Zwischendeck erkundigt? »Und eine Stelle können die Mädchen frühestens mit dreizehn antreten.«

Helen verdrehte die Augen. »In der Praxis auch schon mit zwölf, wobei ich schwören würde, dass zumindest Rosemary kaum das achte Jahr überschritten hat. Aber Sie haben Recht: Dorothy und Daphne hätten eigentlich schon den vollen Preis zahlen müssen. Doch die ehrenwerten Ladys vom Waisenhauskomitee haben sie für die Reise wahrscheinlich ein bisschen jünger gemacht …«

»Und kaum dass wir ankommen, werden die Kleinen dann wie durch ein Wunder altern, damit man sie als Dreizehnjährige vermitteln kann!« Gwyneira lachte und suchte in den Taschen ihres weiten Hauskleides, über das sie nur einen leichten Umhang geworfen hatte. »Die Welt ist schlecht. Hier, Mädchen, habt ihr erst mal was Richtiges zum Kauen. Ist ja schön, Servieren zu spielen, aber davon kriegt ihr auch nichts auf die Rippen. Hier!«

Vergnügt förderte die junge Frau händeweise Muffins und süße Brötchen zutage. Die Mädchen vergaßen umgehend die eben gelernten Tischmanieren und stürzten sich auf die Leckerbissen.

Helen versuchte, die Ordnung wieder herzustellen und die Süßigkeiten zumindest gerecht zu verteilen. Gwyneira strahlte.

»War doch eine gute Idee, nicht?«, fragte sie Helen, als die sechs Kinder kauend auf dem Rand eines Rettungsbootes hockten, wobei sie weisungsgemäß kleine Bissen nahmen und sich die Küchlein nicht als Ganzes in den Mund stopften. »Auf dem Oberdeck servieren sie ein Essen wie im Grand Hotel, da musste ich an Ihre dürren Mäuse hier denken. Also hab ich den Frühstückstisch ein bisschen abgeräumt. Das ist Ihnen doch recht, oder?«

Helen nickte. »Von unserer Verpflegung hier werden sie jedenfalls nicht zunehmen. Die Portionen sind nicht besonders reichhaltig, und wir müssen das Essen auch selbst aus der Kombüse holen. Da zweigen die älteren Mädchen auf dem Weg schon die Hälfte ab – ganz abgesehen davon, dass zu den Auswandererfamilien mittschiffs ein paar freche Bengel gehören. Noch sind sie eingeschüchtert, aber passen Sie auf – in zwei, drei Tagen werden sie den Mädchen auflauern und Wegezoll verlangen! Aber die paar Wochen werden wir auch noch überstehen. Und ich versuche, den Kindern etwas beizubringen. Das ist mehr, als bisher sonst jemand getan hat.«

Während die Kinder zuerst aßen und dann mit Cleo spielten, schlenderten die jungen Frauen plaudernd an Deck auf und ab. Gwyneira war neugierig und wollte möglichst alles über ihre neue Bekanntschaft erfahren. Schließlich erzählte Helen von ihrer Familie und ihrer Stelle bei den Greenwoods.

»Dann wohnen Sie also nicht wirklich schon in Neuseeland?«, fragte Gwyn ein wenig enttäuscht. »Haben Sie gestern nicht gesagt, Ihr Ehemann würde Sie dort erwarten?«

Helen wurde rot. »Nun … mein zukünftiger Ehemann. Ich … Sie werden das sicher albern finden, aber ich reise nach Übersee, um mich dort zu verheiraten. Mit einem Mann, den ich bisher nur aus Briefen kenne …« Verschämt blickte sie zu Boden. Die Ungeheuerlichkeit ihres Abenteuers wurde ihr jedes Mal erst dann richtig bewusst, wenn sie anderen davon erzählte.

»Dann geht es Ihnen genau wie mir«, meinte Gwyneira leichthin. »Und meiner hat mir noch nicht mal geschrieben!«

»Sie auch?«, wunderte sich Helen. »Sie folgen auch der Brautwerbung eines Unbekannten?«

Gwyn zuckte die Schultern. »Na ja, unbekannt ist er nicht. Er heißt Lucas Warden, und sein Vater hat für ihn formvollendet um meine Hand angehalten …« Sie biss sich auf die Lippen. »Ziemlich formvollendet«, berichtigte sie sich dann. »So gesehen geht das alles in Ordnung. Aber was Lucas betrifft … ich hoffe, er will überhaupt heiraten. Sein Vater hat mir nicht verraten, ob er ihn vorher gefragt hat …«

Helen lachte, doch Gwyneira meinte es beinahe ernst. Sie hatte Gerald Warden in den letzten Wochen nicht als einen Mann kennen gelernt, der allzu viel fragte. Der Schaf-Baron traf seine Entscheidungen schnell und allein, und auf Einmischungen anderer konnte er ziemlich unwirsch reagieren. Auf diese Weise war es ihm gelungen, in den Wochen seines Europaaufenthaltes ein enormes organisatorisches Pensum zu erledigen. Vom Kauf der Schafe über diverse Vereinbarungen mit Wollimporteuren, Besprechungen mit Architekten und Spezialisten für den Brunnenbau bis zur Brautwerbung für seinen Sohn erledigte er alles kühl und mit atemberaubender Geschwindigkeit. Eigentlich gefiel Gwyneira sein entschlossenes Vorgehen, aber manchmal machte es ihr ein wenig Angst. Bei aller Verbindlichkeit hatte Warden eine aufbrausende Ader, und bei geschäftlichen Verhandlungen zeigte er bisweilen eine Art von Verschlagenheit, die vor allem Lord Silkham nicht behagte. Nach Silkhams Meinung hatte der Neuseeländer den Züchter des kleinen Hengstes Madoc nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen – und ob es bei dem Kartenspiel um Gwyneiras Hand so ganz mit rechten Dingen zugegangen war, blieb auch fraglich. Gwyneira fragte sich manchmal, wie Lucas zu all dem stand. War er so tatkräftig wie sein Vater? Verwaltete er die Farm zurzeit genauso effizient und kompromisslos? Oder zielte Geralds mitunter vorschnelles Handeln auch darauf, den Aufenthalt in Europa und damit Lucas’ Alleinherrschaft auf Kiward Station so weit als möglich abzukürzen?

Jetzt erzählte sie Helen jedenfalls eine leicht abgeschwächte Fassung von Geralds geschäftlichen Beziehungen zu ihrer Familie, die dann zu der Brautwerbung geführt hatten. »Ich weiß, dass ich auf eine florierende Farm heirate, mit vierhundert Hektar Land und einem Schafbestand von fünftausend Tieren, der noch weiter anwachsen soll«, endete sie schließlich. »Ich weiß, dass mein Schwiegervater gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen zu den besten Familien Neuseelands unterhält. Er ist offensichtlich reich, sonst könnte er sich diese Reise und das alles nicht leisten. Aber über meinen künftigen Gatten weiß ich nichts!«

Helen hörte aufmerksam zu, doch fiel es ihr schwer, Gwyneira zu bedauern. Tatsächlich wurde Helen eben schmerzhaft bewusst, dass ihre neue Freundin deutlich besser über ihr künftiges Leben informiert war als sie selbst. Ihr hatte Howard nichts über die Größe seiner Farm berichtet, nichts über seinen Viehbestand und seine gesellschaftlichen Kontakte. Über seine finanziellen Verhältnisse wusste sie nur, dass er zwar schuldenfrei war, sich größere Ausgaben wie das Geld für eine Europareise – und sei es nur auf dem Zwischendeck – aber nicht ohne weiteres leisten konnte. Immerhin schrieb er wunderschöne Briefe! Wieder einmal errötend, nestelte Helen die schon völlig zerlesenen Schriftstücke aus der Tasche und schob sie Gwyneira hinüber. Die beiden Frauen hatten inzwischen auf dem Rand des Rettungsbootes Platz genommen. Gwyneira las begierig.

»Tjaaa, schreiben kann er …«, meinte sie schließlich verhalten und faltete die Briefe zusammen.

»Finden Sie daran etwas merkwürdig?«, erkundigte Helen sich ängstlich. »Gefallen Ihnen die Briefe nicht?«

Gwyneira zuckte die Schultern. »Mir müssen sie ja nicht gefallen. Wenn ich ehrlich sein soll, finde ich sie ein bisschen schwülstig. Aber …«

»Aber?«, drängte Helen.

»Also, was ich komisch finde … ich hätte nie gedacht, dass ein Farmer so schöne Briefe schreibt.« Gwyneira wand sich. Sie fand die Briefe mehr als seltsam. Natürlich mochte Howard O’Keefe hochgebildet sein. Auch ihr eigener Vater war schließlich Gentleman und Farmer zugleich; im ländlichen England und in Wales war das nicht ungewöhnlich. Aber bei aller Schulbildung hätte Lord Silkham niemals so übertriebene Formulierungen gebraucht wie dieser Howard. Außerdem pflegte man gerade bei Eheverhandlungen unter Adligen die Karten auf den Tisch zu legen. Die zukünftigen Partner mussten wissen, was sie erwartete, und hier vermisste Gwyneira Angaben zu Howards wirtschaftlichen Verhältnissen. Sie fand es auch seltsam, dass er nicht nach einer Mitgift fragte oder zumindest ausdrücklich darauf verzichtete.

Nun hatte der Mann natürlich nicht damit gerechnet, dass Helen gleich das nächste Schiff nehmen würde, um in seine Arme zu eilen. Vielleicht dienten diese Schmeicheleien nur der ersten Kontaktaufnahme. Aber befremdlich fand sie es schon.

»Er ist eben sehr gefühlvoll«, nahm Helen ihren Zukünftigen in Schutz. »Er schreibt genau so, wie ich es mir gewünscht habe.« Sie lächelte glücklich und in sich versunken.

Gwyneira gab das Lächeln zurück. »Dann ist es gut«, erklärte sie, nahm sich im Stillen aber vor, ihren künftigen Schwiegervater bei nächster Gelegenheit nach Howard O’Keefe zu fragen. Der züchtete schließlich auch Schafe. Gut möglich, dass die Männer einander kannten.

Zunächst allerdings kam sie nicht dazu – schon deshalb, weil die Mahlzeiten, die gewöhnlich den geeigneten Rahmen für solch angelegentliche Erkundigungen bildeten, aufgrund des rauen Seegangs meistens ausfielen. Das schöne Wetter am ersten Reisetag hatte sich als trügerisch erwiesen. Kaum war der Atlantik erreicht, schlug der Wind um, und die Dublin kämpfte sich durch Stürme und Regen. Viele Passagiere waren seekrank und zogen es deshalb vor, auf die Mahlzeiten zu verzichten oder sie zumindest in ihrer Kabine einzunehmen. Gerald Warden und Gwyneira waren zwar beide nicht empfindlich, doch wenn kein offizielles Dinner anberaumt war, aßen sie oft zu unterschiedlichen Zeiten. Gwyneira tat das gezielt; schließlich hätte ihr künftiger Schwiegervater bestimmt nicht gebilligt, dass sie riesige Mengen an Nahrung orderte, um sie Helens kleinen Zöglingen zukommen zu lassen. Gwyn dagegen hätte am liebsten auch noch alle anderen Zwischendeckpassagiere mit Essen versorgt. Zumindest die Kinder brauchten jeden Bissen, den sie bekommen konnten – schon um sich halbwegs warm zu halten. Zwar war Hochsommer und die Außentemperaturen trotz des Regens nicht allzu niedrig. Doch bei schwerer See brach Wasser in die Kabinen auf dem Zwischendeck, und dann war alles feucht; dann gab es kaum einen trockenen Platz, an dem man sich setzen konnte. Helen und die Mädchen froren in ihren klammen Kleidern, aber Helen hielt trotzdem eisern an den täglichen Unterrichtsstunden für ihre Zöglinge fest. Die anderen Kinder auf dem Schiff erhielten zurzeit noch keinen Schulunterricht. Der Schiffsarzt, dem diese Aufgabe obliegen sollte, war seinerseits seekrank und betäubte sich mit reichlich Gin aus der Reiseapotheke.

Auch sonst waren die Zustände auf dem Zwischendeck alles andere als erfreulich. Im Familien- und Männerbereich liefen bei stürmischer See die Toiletten über, dazu wusch sich die Mehrheit der Passagiere selten bis nie. Bei den aktuell herrschenden Temperaturen zeigte Helen ja selbst wenig Lust dazu, bestand aber nach wie vor darauf, dass ihre Mädchen einen Teil der täglichen Wasserration zur Körperhygiene verwendeten.

»Ich würde auch die Kleider gern waschen, aber die trocknen einfach nicht, das ist hoffnungslos«, klagte sie, woraufhin Gwyneira versprach, zumindest Helen mit einem Ersatzkleid auszuhelfen. Ihre eigene Kabine war beheizt und perfekt isoliert. Hier drang auch bei härtestem Seegang kein Wasser ein, das die weichen Teppiche und eleganten Polstermöbel hätte verderben können. Gwyneira hatte ein schlechtes Gewissen, aber sie konnte Helen unmöglich anbieten, mit den Kindern zu ihr zu ziehen. Gerald hätte das niemals gestattet. So nahm sie höchstens mal Dorothy oder Daphne unter dem Vorwand mit hinauf, etwas an ihren Kleidern richten zu müssen.

»Warum hältst du deine Schulstunden eigentlich nicht unten bei den Tieren?«, fragte sie schließlich, nachdem Helen ihr wieder einmal zitternd auf Deck begegnete, wo die Mädchen abwechselnd aus Oliver Twist vorlasen. Es war kalt, aber immerhin trocken, und die frische Luft war angenehmer als der feuchte Dunst auf dem Zwischendeck. »Da wird jeden Tag sauber gemacht, auch wenn die Matrosen fluchen. Mr. Warden prüft nach, ob die Schafe und Pferde gut untergebracht sind. Und der Proviantmeister ist mit den Schlachttieren pingelig. Die schleppt er schließlich nicht mit, damit sie ihm eingehen und er das Fleisch über Bord werfen muss.«

Wie sich herausgestellt hatte, dienten die Schweine und das Geflügel als lebender Proviant für die Passagiere der ersten Klasse, und die Kühe wurden tatsächlich täglich gemolken. Die Reisenden auf dem Zwischendeck bekamen von all diesen guten Dingen allerdings nichts zu sehen – bis Daphne einen Jungen dabei ertappte, dass er nachts heimlich molk. Ohne die geringsten Skrupel verpfiff sie ihn, jedoch nicht, ohne ihn vorher zu beobachten und anschließend die Melkbewegungen nachzuahmen. Seitdem gab es frische Milch für die Mädchen. Und Helen tat so, als merke sie es nicht.

Daphne stimmte Gwyneiras Vorschlag denn auch gleich begeistert zu. Sie hatte beim Melken und Eierstehlen längst bemerkt, um wie viel wärmer es in den improvisierten Ställen unter Deck war. Die großen Körper der Rinder und Pferde spendeten tröstliche Wärme, und das Stroh war weich und oft trockener als die Matratzen ihrer Kojen. Helen wollte sich zunächst dagegen sperren, gab dann aber nach. Insgesamt hielt sie drei Wochen Unterricht im Stall ab – bis der Proviantmeister sie erwischte, des Diebstahls von Lebensmitteln verdächtigte und schimpfend hinauswies. Inzwischen hatte die Dublin den Golf von Biscaya erreicht. Die See wurde ruhiger, das Wetter warm. Die Zwischendeckpassagiere trugen ihre klammen Kleider und das Bettzeug aufatmend hinaus, um es in der Sonne zu trocknen. Sie priesen Gott für die Wärme, doch die Besatzung warnte sie: Schon bald würden sie den Indischen Ozean erreichen und die glühende Hitze verfluchen.

6

Nun, da der erste, beschwerliche Teil der Reise vorbei war, regte sich das gesellschaftliche Leben an Bord der Dublin.

Der Schiffsarzt nahm seine Arbeit als Lehrer endlich auf, sodass die Kinder der Auswanderer etwas anderes zu tun hatten als einander, ihre Eltern und vor allem Helens Mädchen zu ärgern. Letztere konnten im Unterricht glänzen, und Helen war stolz auf sie. Sie hatte zunächst gehofft, durch die Schulstunden etwas Zeit für sich selbst zu gewinnen, aber dann zog sie es doch vor, ihre Zöglinge dabei zu beaufsichtigen. Schließlich kamen die Klatschbasen Mary und Laurie schon am zweiten Tag mit besorgniserregenden Neuigkeiten aus der Klasse zurück.

»Daphne hat Jamie O’Hara geküsst!«, berichtete Mary atemlos.

»Und Tommy Sheridan wollte Elizabeth anfassen, aber sie hat gesagt, dass sie auf einen Prinzen wartet, und dann haben alle gelacht«, fügte Laurie hinzu.

Helen nahm sich daraufhin zunächst Daphne vor, die kein bisschen Schuldbewusstsein zeigte. »Jamie hat mir dafür ein Stück gute Wurst gegeben«, erklärte sie gelassen. »Die haben sie noch von zu Hause mitgebracht. Und es ging auch ganz schnell, richtig küssen kann der gar nicht!«

Helen war entsetzt ob Daphnes offensichtlich tiefer greifender Kenntnisse. Sie rügte sie streng, wusste aber, dass sie damit nichts erreichte. Daphnes Sinn für Moral und Schicklichkeit konnte allenfalls langfristig geschärft werden. Vorerst half nur Kontrolle. Also wohnte Helen dem Unterricht der Mädchen zunächst bei und übernahm dann selbst immer mehr Pflichten in der Schule und bei der Vorbereitung der Sonntagsmesse. Der Schiffsarzt war ihr dankbar dafür; ihm lag weder das Amt des Lehrers noch das des Predigers.

Nachts erklang nun fast täglich Musik auf dem Zwischendeck. Die Menschen hatten sich mit dem Verlust der alten Heimat abgefunden – oder fanden zumindest Trost im Singen altenglischer, irischer und schottischer Lieder. Mancher hatte auch ein Instrument mit an Bord gebracht; man hörte Fiedeln, Flöten und Harmonikas. Freitags und samstags wurde getanzt, und wieder musste Helen vor allem Daphne im Zaum halten. Sie erlaubte den älteren Mädchen ja gern, der Musik zu lauschen und auch eine Stunde beim Tanz zuzusehen. Aber dann sollten sie ins Bett, wozu Dorothy sich auch brav bereit fand – während Daphne Ausflüchte fand oder sogar versuchte, sich später noch mal wegzuschleichen, wenn sie Helen schlafend wähnte.

Auf dem Oberdeck verliefen die gesellschaftlichen Aktivitäten kultivierter. Man veranstaltete Konzerte und Deckspiele, und natürlich wurden die Abendmahlzeiten im Speisesaal festlich zelebriert. Gerald Warden und Gwyneira teilten die Tafel mit einem Londoner Ehepaar, dessen jüngerer Sohn in einer Garnison in Christchurch stationiert war und sich nun mit dem Gedanken trug, sich dort endgültig anzusiedeln. Der junge Mann hatte die Absicht, zu heiraten und dann in den Wollhandel einzusteigen. Er hatte seinen Vater gebeten, ihm dazu einen Vorschuss auf sein Erbe zu gewähren. Mr. und Mrs. Brewster – agile, entschlusskräftige Leute in den Fünfzigern – buchten daraufhin umgehend die Reise nach Neuseeland. Bevor er Geld locker mache, so dröhnte Mr. Brewster, wolle er sich die Gegend und vor allem die zukünftige Schwiegertochter einmal ansehen.

»Sie ist zur Hälfte Maori, schreibt Peter«, meinte Mrs. Brewster zweifelnd. »Und sie wäre so schön wie eines dieser Südseemädchen, deren Bilder man manchmal sieht. Aber ich weiß nicht, eine Eingeborene …«

»Für den Landerwerb kann das ganz günstig sein«, meinte Gerald. »Ein Bekannter von mir erhielt mal eine Häuptlingstochter zum Geschenk – und daran hingen zehn Hektar bestes Weideland. Mein Freund hat sich sofort verliebt.« Gerald zwinkerte vielsagend.

Mr. Brewster lachte dröhnend und aus voller Brust über seinen Scherz, Gwyn und Mrs. Brewster eher gezwungen.

»Könnte übrigens seine Tochter sein, die kleine Freundin Ihres Sohnes«, überlegte Gerald weiter. »Die müsste jetzt so fünfzehn sein, ein durchaus heiratsfähiges Alter bei den Eingeborenen. Und die Mischlinge sind zum Teil wunderschön. Die reinblütigen Maoris dagegen … also, mein Geschmack wären die nicht. Zu klein, zu gedrungen, und dann die Tätowierungen … aber jedem das seine. Über Geschmack lässt sich nicht streiten.«

Aus den Fragen der Brewsters und Geralds Antworten erfuhr Gwyneira nun auch einiges mehr über ihr künftiges Heimatland. Bislang hatte der Schaf-Baron hauptsächlich über die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Viehzucht und das Weideland in den Canterbury Plains gesprochen, aber jetzt hörte sie zum ersten Mal, dass Neuseeland als Ganzes aus zwei großen Inseln bestand, wobei Christchurch und Canterbury auf der Südinsel gelegen waren. Sie hörte von Gebirgen und Fjorden, aber auch von einem dschungelähnlichen Regenwald, von Walfangstationen und Goldsuche. Gwyneira erinnerte sich, dass Lucas angeblich über die Flora und Fauna des Landes forschte, und ersetzte ihren Tagtraum vom Pflügen und Säen an der Seite ihres Gatten sogleich durch eine fast noch aufregendere Fantasie von Expeditionen in unerschlossene Gebiete der Inseln.

Irgendwann erschöpfte sich aber sowohl die Neugier der Brewsters als auch Geralds Erzählfreude. Warden kannte Neuseeland zwar offensichtlich gut, aber Tiere und Landschaften interessierten ihn nur unter ökonomischen Vorzeichen. Familie Brewster schien es ähnlich zu gehen. Ihnen war vor allem wichtig, ob die Gegend sicher war und eine mögliche Geschäftsgründung Gewinn abwarf. Bei der Erörterung dieser Fragen fielen die Namen diverser Kaufleute und Farmer, und Gwyneira nutzte die Gelegenheit, ihren lang gehegten Plan zu verwirklichen und unverfänglich nach einem »Gentlemanfarmer« namens O’Keefe zu fragen.

»Vielleicht kennen Sie ihn ja. Er soll auch irgendwo in den Canterbury Plains wohnen.«

Gerald Wardens Reaktion überraschte sie. Ihr künftiger Schwiegervater lief umgehend rot an, und seine Augen schienen vor Erregung aus den Höhlen zu treten.

»O’Keefe? Gentlemanfarmer?« Gerald spie diese Worte aus und schnaubte empört. »Ich kenne einen Halunken und Halsabschneider namens O’Keefe!«, polterte er weiter. »Abschaum, den man schleunigst nach Irland zurückschicken sollte. Oder nach Australien, in die Sträflingskolonien, da kommt er nämlich her! Gentlemanfarmer! Dass ich nicht lache! Raus damit, Gwyneira, wie kommen Sie auf den Namen?«

Gwyneira hob beschwichtigend die Hand, und Mr. Brewster beeilte sich, Geralds Glas noch einmal mit Whiskey zu füllen. Anscheinend erhoffte er sich davon eine beruhigende Wirkung. Mrs. Brewster war regelrecht zusammengezuckt, als Warden losbrüllte.

»Ich meine bestimmt einen anderen O’Keefe«, sagte Gwyneira rasch. »Eine junge Frau aus dem Zwischendeck, eine englische Gouvernante, ist mit ihm verlobt. Sie sagt, er gehöre zu den Honoratioren von Christchurch.«

»So?«, fragte Gerald misstrauisch. »Seltsam, dass mir der entgangen sein soll. Ein Gentlemanfarmer aus der Gegend um Christchurch, der mit diesem verfluchten Hundesohn … oh, Verzeihung, Ladys … der das Pech hat, mit diesem zweifelhaften Subjekt O’Keefe den Namen zu teilen, sollte mir eigentlich bekannt sein.«

»O’Keefe ist ein sehr häufiger Name«, begütigte Mr. Brewster. »Es kann durchaus sein, dass es in Christchurch zwei O’Keefes gibt.«

»Und Helens Mr. O’Keefe schreibt sehr schöne Briefe«, fügte Gwyneira hinzu. »Er muss sehr gebildet sein.«

Gerald lachte dröhnend. »Na, dann ist es sicher ein anderer. Der alte Howie bringt kaum seinen Namen ohne Fehler zu Papier! Aber es passt mir nicht, Gwyn, dass du dich auf dem Zwischendeck herumtreibst! Halte Abstand von den Leuten da, auch von dieser angeblichen Gouvernante. Die Geschichte ist mir suspekt, also sprich nicht mehr mit ihr!«

Gwyneira runzelte die Stirn. Den Rest des Abends schwieg sie verärgert. Später, in ihrer Kabine, steigerte sie sich regelrecht in ihren Zorn hinein.

Was bildete Warden sich ein? Das war ja ziemlich schnell gegangen mit der Entwicklung von »Mylady« zur »Lady Gwyneira« und jetzt zur kleinen »Gwyn«, die man ungeniert duzte und herumkommandierte! Den Teufel würde sie tun und den Kontakt mit Helen abbrechen! Die junge Frau war auf dem ganzen Schiff die Einzige, mit der sie offen und ohne Scheu plaudern konnte. Die beiden wurden trotz ihrer verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründe und Interessen immer engere Freundinnen.

Außerdem hatte Gwyn Gefallen an den sechs kleinen Mädchen gefunden. Besonders die ernsthafte Dorothy hatte es ihr angetan, aber auch die verträumte Elizabeth, die kleine Rosie und die mitunter etwas zwielichtige, aber zweifellos kluge und lebenstüchtige Daphne. Am liebsten hätte sie gleich alle sechs mit nach Kiward Station genommen, und eigentlich hatte sie vorgehabt, mit Gerald zumindest über ein neues Dienstmädchen zu sprechen. Dafür sah es jetzt zwar nicht mehr allzu gut aus, aber die Reise war noch lang, und Warden würde sich zweifellos beruhigen. Viel mehr Kopfschmerzen machten Gwyneira die Dinge, die sie eben über Howard O’Keefe erfahren hatte. Gut, der Name war häufig, und zwei O’Keefes in einer Region waren sicher nicht ungewöhnlich. Aber zwei Howard O’Keefes?

Was hatte Gerald wohl gegen Helens künftigen Ehemann?

Gwyn hätte ihre Überlegungen gern mit Helen geteilt, hielt sich dann aber doch zurück. Was hätte es geholfen, Helens Seelenfrieden zu torpedieren und ihre Ängste zu schüren? Alle Spekulationen waren letztlich nichtig.

Inzwischen war es warm, fast schon heiß an Bord der Dublin. Die Sonne brannte oft gnadenlos vom Himmel. Die Auswanderer hatten dies zunächst genossen, aber jetzt, nach fast acht Wochen an Bord, schlug die Stimmung um. Während die Kälte der ersten Wochen die Menschen eher apathisch gemacht hatte, stimmten die Hitze und die stickige Luft in den Kabinen sie zunehmend gereizt.

Im Zwischendeck rieb man sich aneinander und ärgerte sich über die Fliege an der Wand. Es kam zu ersten Schlägereien unter den Männern, mitunter auch zwischen Reisenden und Besatzungsmitgliedern, wenn jemand sich bei der Essens- oder Wasserverteilung übervorteilt fühlte. Der Schiffsarzt setzte reichlich Gin ein, um die Blessuren zu reinigen und die Gemüter zu beruhigen. Dazu gab es in fast allen Familien Streit; die erzwungene Untätigkeit zerrte an den Nerven. Lediglich Helen hielt auf Ruhe und Ordnung in ihrer Kabine. Sie beschäftigte die Mädchen nach wie vor mit dem unendlichen Lernpensum rund um die Arbeiten in einem hochherrschaftlichen Haushalt. Gwyneira schwirrte oft selbst der Kopf, wenn sie zuhörte.

»Oh Gott, habe ich ein Glück, dem entkommen zu sein!«, dankte sie lachend ihrem Schicksal. »Zur Herrin eines solchen Haushalts hätte ich mich nicht geeignet. Ich hätte ständig die Hälfte vergessen. Und ich brächte es gar nicht über mich, die Hausmädchen täglich das Silber polieren zu lassen! Die Arbeit ist doch völlig überflüssig! Und warum muss man die Servietten so umständlich falten? Die werden doch sowieso jeden Tag gebraucht …«

»Das ist eine Frage der Schönheit und Schicklichkeit!«, beschied Helen sie streng. »Außerdem wirst du sehr wohl auf das alles achten müssen. Nach dem, was ich so höre, erwartet dich auf Kiward Station ein Herrenhaus. Du hast selbst gesagt, Mr. Warden hätte die Architektur seines Heims an englischen Landhäusern orientiert und die Wohnräume von einem Londoner Innenarchitekten ausstaffieren lassen. Glaubst du, der hat auf Tafelsilber, Leuchter, Tabletts und Obstschalen verzichtet? Und Tischwäsche gehört doch wohl zu deiner Aussteuer!«

Gwyneira seufzte. »Ich hätte nach Texas heiraten sollen. Aber im Ernst, ich glaube … hoffe … Mr. Warden übertreibt. Er will zwar ein Gentleman sein, aber unter all dem vornehmen Gehabe steckt ein ziemlich rauer Kerl. Gestern hat er Mr. Brewster beim Black Jack geschlagen. Was heißt geschlagen – er hat ihn ausgenommen wie eine Weihnachtsgans! Und zum Schluss haben die anderen Herren ihm vorgeworfen, er würde betrügen. Daraufhin wollte er Lord Barrington fordern! Ich sage dir, es ging zu wie in einer Hafenkaschemme! Schließlich hat der Kapitän selbst um Mäßigung bitten lassen. In Wirklichkeit ist Kiward Station wahrscheinlich ein Blockhaus, und ich muss die Kühe selber melken.«

»Das könnte dir so passen!«, lachte Helen, die ihre Freundin inzwischen recht gut kennen gelernt hatte. »Aber mach dir nichts vor. Du bist und bleibst eine Lady, im Zweifelsfall sogar im Kuhstall – und das gilt auch für dich, Daphne! Nicht liederlich herumhängen und dabei auch noch die Beine spreizen, nur weil ich gerade mal nicht hinschaue. Stattdessen kannst du Miss Gwyneira frisieren. Der merkt man an, dass die Zofe fehlt. Im Ernst, Gwyn, dein Haar kräuselt sich, als hätte man es mit der Brennschere bearbeitet. Kämmst du es eigentlich nie?«

Unter Helens Fuchtel und mit ein paar zusätzlichen Hinweisen von Gwyneira zur neuesten Mode hatten sich sowohl Dorothy als auch Daphne zu recht geschickten Kammerzofen entwickelt. Beide waren höflich und hatten gelernt, wie man einer Lady beim Ankleiden half und ihr Haar frisierte. Manchmal hatte Helen allerdings Bedenken, Daphne allein in Gwyneiras Räume zu schicken, da sie dem Mädchen nicht traute. Sie hielt es durchaus für möglich, dass Daphne jede Gelegenheit zum Diebstahl nutzen würde. Doch Gwyneira beruhigte sie.

»Ich weiß nicht, ob sie ehrlich ist, aber sie ist bestimmt nicht dumm. Wenn sie hier stiehlt, kommt es heraus. Wer sonst sollte es gewesen sein, und wo sollte sie das Diebesgut verstecken? Solange sie hier auf dem Schiff ist, wird sie sich benehmen. Da habe ich keine Zweifel.«

Das dritte ältere Mädchen, Elizabeth, zeigte sich ebenfalls gutwillig und war untadelig ehrlich und liebenswert. Als übermäßig geschickt erwies sie sich allerdings nicht. Sie las und schrieb lieber, als mit den Händen zu arbeiten. Für Helen wurde sie dadurch zum Sorgenkind.

»Im Grunde sollte sie weiter zur Schule gehen und später vielleicht in ein Lehrerseminar«, bemerkte sie gegenüber Gwyneira. »Das würde ihr auch gefallen. Sie mag Kinder und hat viel Geduld. Aber wer sollte die Kosten übernehmen? Und gibt es in Neuseeland überhaupt ein entsprechendes Institut? Als Hausmädchen ist sie jedenfalls ein hoffnungsloser Fall. Wenn sie einen Boden schrubben soll, überschwemmt sie die Hälfte, und den Rest vergisst sie.«

»Vielleicht wäre sie ein gutes Kindermädchen«, überlegte die praktische Gwyn. »Ich werde wahrscheinlich bald eins brauchen …«

Helen wurde bei dieser Bemerkung sofort rot. An das Kinderkriegen und vor allem an die Zeugung dachte sie im Zusammenhang mit ihrer bevorstehenden Ehe nur sehr ungern. Es war eine Sache, Howards geschliffenen Briefstil zu bewundern und sich in seiner Anbetung zu sonnen. Aber der Gedanke, sich von diesem wildfremden Mann berühren zu lassen … Helen hatte nur unbestimmte Vorstellungen, was des Nachts zwischen Mann und Frau vorging, aber sie erwartete eher Schmerzen als Freuden. Und nun sprach Gwyneira ganz unbeschwert vom Kinderkriegen! Ob sie darüber reden wollte? Und ob sie darüber vielleicht mehr wusste als Helen? Helen fragte sich, wie sie das Thema anschneiden konnte, ohne die Grenzen der Schicklichkeit gleich mit dem ersten Wort peinlich zu verletzen. Und natürlich ging das nur, wenn keins der Mädchen in der Nähe war. Aufatmend stellte sie fest, dass Rosie unmittelbar neben ihnen mit Cleo spielte.

Gwyneira hätte die drängenden Fragen aber auch gar nicht beantworten können. Sie sprach zwar offen vom Kinderkriegen, verschwendete vorerst allerdings keinen Gedanken an die Nächte mit Lucas. Sie hatte keine Ahnung, was sie dabei erwartete – ihre Mutter hatte nur verschämt angedeutet, dass es nun mal zum Schicksal einer Frau gehörte, diese Dinge demütig zu erdulden. Dafür werde sie dann, so Gott wollte, mit einem Kind belohnt. Gwyn fragte sich zwar manchmal, ob sie so ein schreiendes, rotgesichtiges Baby wirklich als Glück betrachten würde, gab sich aber keinen Illusionen hin. Gerald Warden erwartete von ihr, ihm so schnell wie möglich einen Enkel zu gebären. Dem würde sie sich nicht verweigern – nicht einmal, wenn sie wüsste, wie man es anstellte.

Die Seereise zog sich hin. In der ersten Klasse kämpfte man mit der Langeweile; schließlich waren längst alle Höflichkeiten ausgetauscht, alle Geschichten erzählt. Die Passagiere auf dem Zwischendeck schlugen sich eher mit den zunehmenden Widrigkeiten des Daseins herum. Die karge, einseitige Ernährung führte zu Krankheiten und Mangelerscheinungen, die Enge der Kabinen und das jetzt beständig warme Wetter begünstigten Ungezieferbefall. Inzwischen begleiteten Delphine das Schiff, und oft waren auch große Fische wie Haie zu sehen. Die Männer im Zwischendeck schmiedeten Pläne, sie mittels Angeln oder Harpunen zu erlegen, waren dabei aber nur selten erfolgreich. Die Frauen sehnten sich nach einem Mindestmaß an Hygiene und fingen bei Regen Wasser auf, um ihre Kinder und ihre Kleider zu waschen. Helen fand das Ergebnis allerdings unbefriedigend.

»In der Brühe werden die Sachen eher noch schmutziger!«, schimpfte sie mit Blick auf das in einem der Rettungsboote gesammelte Wasser.

Gwyneira zuckte die Achseln. »Immerhin müssen wir es nicht trinken. Und wir haben Glück mit dem Wetter, sagt der Kapitän. Bisher keine Flaute, obwohl wir langsam in der … in der … Kalmenzone sind. Da weht der Wind oft nicht so, wie er soll, und manchmal geht den Schiffen das Wasser aus.«

Helen nickte. »Die Matrosen erzählen, man nenne die Gegend auch ›Rossbreiten‹. Weil man früher oft die Pferde geschlachtet hat, die an Bord waren, um nicht zu verhungern.«

Gwyneira schnaubte. »Bevor ich Igraine schlachte, esse ich die Matrosen!«, erklärte sie. »Aber wie gesagt, wir scheinen Glück zu haben.«

Leider sollte das Glück der Dublin bald ausgehen. Zwar wehte der Wind weiterhin, dafür aber bedrohte eine tückische Krankheit das Leben der Passagiere. Zunächst klagte nur ein Matrose über Fieber, was niemand sehr ernst nahm. Der Schiffsarzt erkannte die Gefahr erst, als ihm die ersten Kinder mit Fieber und Ausschlag vorgestellt wurden. Dann aber breitete sich die Krankheit wie ein Lauffeuer auf dem Zwischendeck aus.

Helen hoffte anfangs, ihre Mädchen würden verschont bleiben, da sie außerhalb der täglichen Schulstunden wenig mit den anderen Kindern in Berührung kamen. Dank Gwyneiras Zuwendungen und Daphnes regelmäßiger Beutezüge in Kuh- und Hühnerställe waren sie zudem in einem erheblich besseren Allgemeinzustand als die anderen Auswandererkinder. Dann aber bekam Elizabeth Fieber, kurz darauf auch Laurie und Rosemary. Daphne und Dorothy erkankten nur leicht, und Mary steckte sich erstaunlicherweise nicht an, obwohl sie die ganze Zeit mit ihrem Zwilling die Koje teilte, Laurie eng umschlungen hielt und sie schon mal im Vorfeld beweinte. Dabei verlief das Fieber bei Laurie glimpflich, während Elizabeth und Rosemary mehrere Tage zwischen Leben und Tod schwebten. Der Schiffsarzt behandelte sie wie alle anderen Erkrankten mit Gin, wobei die jeweiligen Erziehungsberechtigten selbst entscheiden konnten, ob das Mittel innerlich oder äußerlich verabreicht werden sollte. Helen entschied sich für Waschungen und Umschläge und erreichte damit immerhin, dass die kranken Mädchen ein wenig Kühlung erfuhren. In den meisten Familien wanderte der Schnaps dagegen in die Mägen der Väter, und die ohnehin schon gereizte Stimmung wurde noch explosiver.

Schließlich starben zwölf Kinder an der Seuche, und wieder einmal beherrschten Weinen und Klagen das Zwischendeck. Immerhin hielt der Kapitän eine sehr ergreifende Totenmesse auf dem Hauptdeck, zu der ausnahmslos alle Passagiere erschienen. Gwyneira, der die Tränen übers Gesicht strömten, spielte Piano, wobei ihr guter Wille ihre Fähigkeiten deutlich überstieg. Ohne Noten war sie hilflos. Schließlich übernahm Helen das Spielen, und einige der Zwischendeckpassagiere holten ebenfalls ihre Instrumente. Der Gesang und das Weinen der Menschen klangen weit übers Meer, und zum ersten Mal vereinten sich die reichen und armen Auswanderer zu einer Gemeinschaft. Man trauerte zusammen, und noch Tage nach der Messe war die Stimmung allgemein gedämpfter und friedfertiger. Der Kapitän, ein ruhiger und lebenskluger Mann, setzte die Sonntagsgottesdienste daraufhin grundsätzlich für alle auf dem Hauptdeck an. Das Wetter stellte dabei kein Problem mehr da. Es war eher zu heiß als zu kalt und regnerisch. Nur bei der Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung kam es noch einmal zu einem Sturm und schwerer See; danach verlief die Reise wieder ruhig.

Helen übte inzwischen Kirchenlieder mit ihren Schulkindern ein. Als der Vortrag eines Chorals eines Sonntagmorgens besonders gut gelungen war, zog das Ehepaar Brewster sie in ihre Unterhaltung mit Gerald und Gwyneira ein. Sie gratulierten der jungen Frau wortreich zu ihren Schülern, und schließlich nutzte Gwyneira die Gelegenheit, ihre Freundin und ihren zukünftigen Schwiegervater förmlich einander vorzustellen.

Sie hoffte nur, dass Warden dabei nicht wieder lospolterte, aber diesmal verlor er nicht die Fassung, sondern zeigte sich ziemlich charmant. Gelassen tauschte er die üblichen Höflichkeiten mit der jungen Frau und fand lobende Worte für den Gesang der Schulkinder.

»So, und Sie wollen also heiraten …«, brummte er dann, als weiter nichts zu sagen war.

Helen nickte eifrig. »Ja, Sir, so Gott will. Ich vertraue darauf, dass der Herr mir den Weg in eine glückliche Ehe weist … Vielleicht ist Ihnen mein Zukünftiger ja auch nicht unbekannt? Howard O’Keefe aus Haldon, Canterbury. Er besitzt eine Farm.«

Gwyneira hielt den Atem an. Vielleicht hätte sie Helen doch von Geralds letztem Ausbruch bei der Erwähnung ihres Verlobten erzählen sollen! Doch die Sorge erwies sich als unbegründet. Gerald hielt sich heute eisern unter Kontrolle.

»Ich hoffe, Sie bewahren sich da Ihren Glauben«, bemerkte er nur mit schiefem Grinsen. »Der Herr treibt nämlich manchmal die seltsamsten Scherze mit seinen unschuldigsten Schäfchen. Und was Ihre Frage angeht … nein. Ein ›Gentleman‹ namens Howard O’Keefe ist mir gänzlich unbekannt.«

Die Dublin durchsegelte jetzt den Indischen Ozean, der vorletzte, längste und gefährlichste Abschnitt der Reise. Zwar war die See selten rau, aber die Route führte weit übers Meer. Seit Wochen hatten die Passagiere kein Land mehr gesehen, und Gerald Warden zufolge waren die nächsten Ufer Hunderte von Meilen weit entfernt.

Das Leben an Bord hatte sich inzwischen eingespielt, und dank des tropischen Wetters hielten sich alle mehr an Deck auf statt in der drangvollen Enge der Kabinen. Dabei lockerte sich die strenge Unterteilung in erste Klasse und Zwischendeck immer auffälliger. Neben den Gottesdiensten fanden jetzt auch gemeinsame Konzerte und Tanzveranstaltungen statt. Die Männer auf dem Zwischendeck arbeiteten weiter an ihrer Technik des Fischfangs und waren schließlich erfolgreich. Sie harpunierten Haie und Barrakudas und fingen Albatrosse, indem sie Leinen mit einer Art Angelhaken und Fischen als Köder hinter dem Schiff herzogen. Der Duft nach gegrilltem Fisch oder Geflügel zog dann übers ganze Deck, und den nicht beteiligten Familien lief das Wasser im Munde zusammen. Helen erhielt mitunter Zuwendungen. Als Lehrerin war sie hoch geachtet, und inzwischen konnten fast alle Zwischendeck­Kinder besser lesen und schreiben als ihre Eltern. Außerdem erschmeichelte Daphne sich fast jedes Mal eine Portion Fisch oder Fleisch. Wenn Helen nicht aufpasste wie ein Luchs, schlich sie schon während der Angelaktion um die Fischer herum, bewunderte ihre Kunst und schaffte es mit Wimpernklimpern und Schmollmund, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Besonders die jungen Männer buhlten um ihre Gunst und ließen sich dabei zum Teil zu gefährlichen Mutproben hinreißen. Daphne applaudierte scheinbar entzückt, wenn sie ihre Hemden, Schuhe und Strümpfe ablegten, um sich von der johlenden Mannschaft ins Wasser abseilen zu lassen. Dabei hatten weder Helen noch Gwyneira das Gefühl, als machte Daphne sich wirklich etwas aus einem der Jungen.

»Sie hofft, dass ein Hai anbeißt«, bemerkte Gwyneira, als ein junger Schotte sich beherzt kopfüber in die Fluten stürzte und sich dann von der Dublin mitziehen ließ wie ein Köder am Angelhaken. »Wetten, dass sie keinerlei Skrupel hätte, das Tier dann trotzdem zu verspeisen?«

»Es wird Zeit, dass die Reise zu Ende geht«, seufzte Helen. »Sonst werde ich noch von der Lehrerin zum Gefängniswärter. Diese Sonnenuntergänge zum Beispiel … ja, sie sind wunderschön und romantisch, aber das finden die Jungen und Mädchen natürlich auch. Elizabeth schwärmt von Jamie O’Hara, den Daphne längst hat fallen lassen, nachdem alle Würste gegessen waren. Und Dorothy wird täglich von ungefähr drei jungen Männern bedrängt, nachts mit ihnen das phosphoreszierende Meer zu betrachten.«

Gwyneira lachte und spielte mit ihrem Sonnenhut. »Daphne dagegen sucht ihren Traumprinzen nicht auf dem Zwischendeck. Gestern hat sie mich gefragt, ob sie nicht vom Oberdeck aus dem Sonnenuntergang zusehen könnte, da wäre die Aussicht doch viel besser. Wobei sie den jungen Viscount Barrington beäugt hat wie der Hai den Köder.«

Helen verdrehte die Augen. »Man sollte sie bald verheiraten! Oh, Gwyn, mir wird himmelangst, wenn ich bedenke, dass ich die Mädchen in nur zwei oder drei Wochen irgendwelchen fremden Leuten ausliefern muss und dann vielleicht nie wieder sehe!«

»Eben wolltest du sie noch loswerden!«, rief Gwyneira lachend. »Und immerhin können sie lesen und schreiben. Ihr könntet Briefe tauschen. Und wir auch! Wenn ich nur wüsste, wie weit Haldon und Kiward Station voneinander entfernt sind! Beides ist in den Canterbury Plains, aber wo liegt was? Ich will dich nämlich nicht verlieren, Helen! Wäre es nicht schön, wenn wir einander besuchen könnten?«

»Das können wir bestimmt!«, sagte Helen zuversichtlich. »Howard muss nahe bei Christchurch leben, sonst würde er ja nicht zur dortigen Gemeinde gehören. Und Mr. Warden hat sicher viel in der Stadt zu tun. Wir sehen uns, Gwyn, bestimmt!«

7

Die Reise neigte sich nun wirklich ihrem Ende zu. Die Dublin durchsegelte die Tasmanische See zwischen Australien und Neuseeland, und die Passagiere im Zwischendeck überboten sich mit Gerüchten darüber, wie nahe man dem neuen Land bereits sei. Manche kampierten schon morgens vor Sonnenaufgang an Deck, um als Erste einen Blick auf ihre neue Heimat zu werfen.

Elizabeth war hingerissen, als Jamie O’Hara sie deshalb einmal weckte, doch Helen befahl ihr streng, im Bett zu bleiben. Sie wusste von Gwyneira, dass es noch zwei oder drei Tage dauern würde, bis das Land in Sicht kam, und dann würde der Kapitän sie rechtzeitig informieren.

Schließlich geschah es dann sogar am helllichten Vormittag: Der Kapitän ließ die Schiffssirene jaulen, und in Sekundenschnelle versammelten sich sämtliche Passagiere auf dem Hauptdeck. Gwyneira und Gerald standen natürlich in der ersten Reihe, sahen aber vorerst nichts als Wolken. Eine lang gezogene weiße Watteschicht verdeckte den Blick auf das Land. Hätte die Mannschaft den Einwanderern nicht versichert, dass sich die Südinsel dahinter verbarg, hätten sie dem Wolkenphänomen kaum besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Erst als sie sich dem Ufer näherten, zeichneten sich Berge im Nebel ab, schroffe Felskonturen, hinter denen sich wiederum Wolken auftürmten. Es sah seltsam aus, so, als schwebe das Gebirge in dem leuchtenden, wattigen Weiß.

»Ob es wohl immer so neblig ist?«, fragte Gwyneira wenig begeistert. So schön der Anblick war – sie konnte sich gut vorstellen, wie feucht und kühl der Ritt über den Pass werden würde, der Christchurch von der Anlegestelle der Hochseeschiffe trennte. Der Hafen, so hatte Gerald ihr erklärt, werde Lyttelton genannt. Der Ort sei aber noch im Aufbau, und selbst zu den ersten Häusern führe ein mühsamer Aufstieg. Nach Christchurch selbst müsse man laufen oder reiten – wobei der Weg teilweise so steil und schwierig sei, dass die Pferde von Ortskundigen am Zaumzeug geführt werden müssten. Daher hatte der Weg seinen Namen: Bridle Pass.

Gerald schüttelte den Kopf. »Nein. Es ist eher ungewöhnlich, dass sich dem Reisenden ein solcher Anblick bietet. Und sicher bringt es Glück …« Er lächelte, offensichtlich zufrieden, seine Heimat wiederzusehen. »Schließlich heißt es, dass sich das Land den Reisenden im allerersten Kanu, das Menschen aus Polynesien nach Neuseeland brachte, genauso darbot. Daher hat Neuseeland auch seinen Maori-Namen – aotearoa, Land der großen weißen Wolke.«

Helen und ihre Mädchen blickten fasziniert auf das Naturschauspiel.

Daphne allerdings schien beunruhigt. »Es gibt gar keine Häuser«, sagte sie verblüfft. »Wo sind die Docks und die Hafenanlagen? Wo sind die Kirchtürme? Ich sehe nur Wolken und Berge! Es ist ganz anders als London.«

Helen versuchte, ermutigend zu lachen, obwohl sie Daphnes Erschrecken im Grunde teilte. Auch sie war ein Stadtkind, und dieses Übermaß an Natur erschien ihr befremdlich. Immerhin hatte sie aber schon verschiedene englische Landschaften gesehen, während die Mädchen nur die Straßen der Großstadt kannten.

»Es ist natürlich nicht London, Daphne«, erklärte sie. »Die Städte hier sind viel kleiner. Aber einen Kirchturm hat Christchurch auch, es wird sogar eine große Kathedrale bekommen wie Westminster Abbey! Du kannst die Häuser bloß noch nicht sehen, weil wir nicht direkt in der Stadt anlegen. Wir müssen … äh, müssen wohl ein bisschen laufen, bis …«

»Ein bisschen laufen?« Gerald Warden hatte ihre Worte gehört und lachte dröhnend. »Ich kann nur für Sie hoffen, Miss Davenport, dass Ihr großartiger Verlobter Ihnen ein Maultier schickt. Sonst laufen Sie sich die Sohlen Ihrer Stadtschühchen heute noch ab. Der Bridle Path ist ein gebirgiger Pattweg, glitschig und feucht vom Nebel. Und wenn die Nebel steigen, wird es verflixt warm. Aber sieh doch, Gwyneira, da ist Lyttelton Harbour!«

Die Menschen auf der Dublin teilten Geralds Aufregung, als die Nebel jetzt die Sicht auf eine beschauliche, birnenförmige Bucht freigaben. Gerald zufolge war dieses natürliche Hafenbecken vulkanischen Ursprungs. Die Bucht war von Bergen umgeben, und auch ein paar Häuser und Landungsstege wurden jetzt sichtbar.

»Lassen Sie sich keine Angst machen«, meinte der Schiffsarzt inzwischen launig zu Helen. »Neuerdings gibt es einen Pendelverkehr von Lyttelton nach Christchurch, der einmal täglich geht. Da können Sie ein Maultier mieten. Sie brauchen den Weg nicht mehr hinaufzusteigen wie die ersten Siedler.«

Helen zögerte. Sie konnte vielleicht ein Maultier mieten, aber was machte sie mit den Mädchen?

»Wie … wie weit ist es denn?«, fragte sie unschlüssig, während die Dublin sich jetzt rasch der Küste näherte. »Und müssen wir das ganze Gepäck tragen?«

»Wie Sie wollen«, bemerkte Gerald. »Sie können es auch per Boot befördern lassen, den Avon River hinauf. Aber das kostet natürlich Geld. Die meisten Neusiedler schleppen ihr Zeug über den Bridle Path. Das sind zwölf Meilen.«

Helen beschloss umgehend, nur ihren geliebten Schaukelstuhl transportieren zu lassen. Das sonstige Gepäck würde sie tragen wie alle anderen Einwanderer auch. Zwölf Meilen konnte sie laufen – sicher konnte sie das! Obwohl sie es natürlich vorher noch nie versucht hatte …

Inzwischen hatte sich das Hauptdeck geleert; die Passagiere eilten in ihre Kabinen, um ihre Habseligkeiten zu packen. Jetzt, da sie endlich am Ziel waren, wollten sie so schnell wie möglich von Bord. Auf dem Zwischendeck herrschte ein ähnliches Gedränge wie am Tag der Abfahrt.

In der ersten Klasse ging man es gelassener an. Hier wurde das Gepäck in der Regel übernommen; die Herrschaften würden die Dienste des Transportunternehmens in Anspruch nehmen, das mittels Maultieren Personen und Waren ins Binnenland beförderte. Mrs. Brewster und Lady Barrington zitterten allerdings schon vor dem Ritt über den Pass. Beide waren es nicht gewöhnt, sich zu Pferd oder zu Maultier fortzubewegen, und hatten obendrein Schauergeschichten über die Gefahren des Weges gehört. Gwyneira hingegen konnte es kaum erwarten, ihre Igraine zu besteigen – und geriet darüber gleich in einen heftigen Disput mit Gerald.

»Noch eine Nacht hier bleiben?«, fragte sie verwundert, als er andeutete, man werde das bescheidene, aber neuerdings vorhandene Gästehaus in Lyttelton nutzen. »Warum das denn?«

»Weil wir die Tiere kaum vor dem späten Nachmittag ausladen können«, erklärte Gerald. »Und weil ich Treiber anfordern muss, um die Schafe über den Pass zu bringen.«

Gwyneira schüttelte verständnislos den Kopf. »Wozu brauchen Sie da Hilfe? Schafe treiben kann ich allein. Und zwei Pferde haben wir auch. Wir brauchen nicht mal auf die Maultiere zu warten.«

Gerald lachte dröhnend, und Lord Barrington fiel umgehend ein.

»Sie wollen die Schafe über den Pass treiben, kleine Lady? Zu Pferde, wie ein amerikanischer Cowboy?« Dem Lord erschien das offenbar als der beste Witz, den er seit langem gehört hatte.

Gwyneira verdrehte die Augen. »Ich selbst treibe die Schafe natürlich nicht«, bemerkte sie. »Das machen Cleo und die anderen Hunde, die Mr. Warden von meinem Vater gekauft hat. Sicher, die Jungtiere sind noch klein und nicht ausreichend geschult. Aber es sind ja auch nur dreißig Schafe. Das schafft Cleo ganz ohne Hilfe, wenn’s sein muss.«

Die kleine Hündin hatte ihren Namen gehört und kam umgehend aus ihrer Ecke. Schwanzwedelnd und mit leuchtenden, vor Begeisterung und Hingabe strahlenden Augen verharrte sie vor ihrer Herrin. Gwyn streichelte sie und kündigte ihr an, dass die Langeweile auf dem Schiff heute noch ein Ende finden würde.

»Gwyneira«, sagte Gerald verärgert, »ich habe diese Schafe und Hunde nicht gekauft und um die halbe Welt befördern lassen, damit sie hier in den nächsten Abgrund stürzen!« Er hasste es, wenn ein Mitglied seiner Familie sich lächerlich machte. Und noch mehr brachte es ihn auf, wenn jemand seine Anweisungen in Frage stellte oder gar ignorierte! »Du kennst den Bridle Path nicht. Das ist ein tückischer und gefährlicher Weg! Kein Hund kann da allein Schafe hinübertreiben, noch kannst du da einfach so reiten. Für heute Nacht habe ich Pferche für die Schafe vorbereiten lassen. Morgen lasse ich die Pferde hinüberführen, und du nimmst ein Maultier.«

Gwyneira warf herrisch den Kopf zurück. Sie hasste es, wenn man ihre Fähigkeiten und die ihrer Tiere unterschätzte.

»Igraine geht über jeden Weg und ist trittsicherer als jedes Maultier«, versicherte sie mit fester Stimme. »Und Cleo hat noch nie ein Schaf verloren, das wird ihr auch jetzt nicht passieren. Warten Sie ab, heute Abend sind wir in Christchurch!«

Die Männer lachten immer noch, aber Gwyneira war fest entschlossen. Wozu hatte sie den besten Hütehund von Powys, wenn nicht von ganz Wales? Und wozu züchtete man seit Jahrhunderten Cobs auf Geschick und Trittsicherheit? Gwyneira brannte darauf, es den Männern zu zeigen. Dies war eine neue Welt! Hier würde sie sich nicht auf die Rolle des wohlerzogenen kleinen Frauchens festlegen lassen, das den Befehlen der Männer widerspruchslos folgte!

Helen fühlte sich ganz schwindelig, als sie endlich, gegen drei Uhr nachmittags, die Füße auf Neuseelands Boden setzte. Der schwankende Landungssteg erschien ihr dabei nicht viel sicherer als die Planken der Dublin, doch sie balancierte beherzt hinüber, und dann stand sie endlich auf festem Land! Sie war so erleichtert, dass sie am liebsten niedergekniet wäre und den Boden geküsst hätte, wie Mrs. O’Hara und ein paar andere Siedler es ungeniert taten. Helens Mädchen und die anderen Kinder vom Zwischendeck tanzten ausgelassen herum und waren nur mit Mühe zu bändigen, sodass sie gemeinsam mit den anderen Überlebenden der Reise ein Dankgebet sprechen konnten. Doch Daphne wirkte immer noch enttäuscht. Die wenigen Häuser, die die Bucht von Lyttelton säumten, entsprachen nicht ihrer Vorstellung von einer Stadt.

Helen hatte den Transport des Schaukelstuhls schon auf dem Schiff in Auftrag gegeben. Jetzt schlenderte sie, ihre Reisetasche in der Hand und den Sonnenschirm über der Schulter, einen breiten Zufahrtsweg zu den ersten Häusern hinauf. Die Mädchen folgten ihr brav mit ihren Bündeln. Bis hierhin fand sie den Aufstieg zwar anstrengend, aber nicht gefährlich oder gar unzumutbar. Wenn es nicht schlimmer wurde, würde sie den Weg nach Christchurch schon meistern. Nun befanden sie sich allerdings erst einmal im Zentrum der Ansiedlung Lyttelton. Es gab einen Pub, einen Laden und ein wenig vertrauenswürdig wirkendes Hotel. Das kam aber ohnehin nur den Reichen zugute. Wer von den Zwischendeck-Passagieren nicht gleich nach Christchurch weiterwollte, konnte in primitiven Baracken und Zelten unterkommen. Viele Neusiedler nutzten diese Möglichkeit. Einige Auswanderer hatten Verwandte in Christchurch und mit diesen vereinbart, dass sie ihnen Lasttiere schickten, sobald die Dublin eingetroffen war.

Helen hegte ebenfalls leise Hoffnungen, als sie die Maultiere des Transportunternehmens vor dem Pub warten sah. Zwar konnte Howard noch nichts von ihrer Ankunft wissen, aber dem Pfarrer von Christchurch, Reverend Baldwin, war mitgeteilt worden, dass die sechs Waisenmädchen mit der Dublin eintreffen würden. Vielleicht hatte er ja Vorkehrungen für ihre Weiterreise getroffen. Helen erkundigte sich bei den Maultiertreibern, aber diese hatten keine entsprechenden Anweisungen erhalten. Sie sollten zwar Waren für Reverend Baldwin in Empfang nehmen, und auch die Brewsters waren ihnen avisiert worden, die Mädchen aber hatte der Pfarrer nicht erwähnt.

»Also, Kinder, uns bleibt nichts anderes übrig, als zu laufen«, ergab Helen sich schließlich in ihr Schicksal. »Und zwar am besten gleich, dann haben wir es hinter uns.«

Die Zelte und Baracken, die zu nutzen ihre Alternative gewesen wäre, erschienen Helen nicht geheuer. Natürlich schliefen Männer und Frauen auch hier getrennt, aber es gab keine Türen, die man abschließen konnte, und sicher herrschte in Lyttelton ebenso Frauenmangel wie in Christchurch. Wer wusste, was den Männern einfiel, wenn sich ihnen hier sieben alleinstehende Frauen und Mädchen auf dem Silbertablett servierten?

Helen brach also auf, gemeinsam mit etlichen Einwandererfamilien, die ebenfalls sofort nach Christchurch weiterwollten. Die O’Haras waren dabei, und Jamie bot sich ritterlich an, Elizabeth’ Habe zusätzlich zu der seinen zu schultern. Seine Mutter untersagte ihm das allerdings streng – die O’Haras transportierten ihren gesamten Hausrat über die Berge, und jeder hatte schon mehr als genug zu schleppen. In einem solchen Fall, so befand die resolute Frau, war Höflichkeit überflüssiger Luxus.

Nach den ersten Meilen in der Sonne mochte Jamie das wohl ähnlich sehen. Die Nebel hatten sich verzogen, wie Gerald es vorausgesagt hatte, und nun lag der Bridle Path in warmer Frühlingssonne. Für die Einwanderer war das nach wie vor schwer fassbar. Zu Hause in England hätte man jetzt mit den ersten Herbststürmen rechnen müssen, aber hier in Neuseeland begann eben das Gras zu sprießen und die Sonne höher zu steigen. Eigentlich waren die Temperaturen sehr angenehm, doch der weite Aufstieg in den warmen Reisekleidern war schweißtreibend, denn die Auswanderer hatten oft mehrere Kleidungsstücke übereinander gezogen, um weniger schleppen zu müssen. Selbst die Männer kamen schnell aus der Puste. Drei untätige Monate auf See hatten auch den stärksten Arbeitern die Kondition geraubt. Dabei wurde der Weg nicht nur zunehmend steiler, sondern auch gefährlicher. Die Mädchen weinten vor Angst, als sie an einem Kraterrand entlangsteigen mussten. Mary und Laurie klammerten sich dabei so verzweifelt aneinander, dass sie gerade dadurch absturzgefährdet waren. Rosemary hing an Helens Rockzipfel und versteckte den Kopf in den Falten ihres Reisekostüms, wenn sich der Abgrund allzu gefährlich auftat. Helen selbst hatte den Sonnenschirm längst zusammengeklappt. Sie brauchte ihn als Wanderstock – und sie hatte auch keine Energie mehr, ihn artig und damenhaft über der Schulter zu tragen. Ihr Teint war ihr heute egal.

Nach einer Stunde Marsch waren die Reisenden müde und durstig, hatten aber gerade mal zwei Meilen zurückgelegt.

»Oben auf dem Berg verkaufen sie Erfrischungen«, tröstete Jamie die Mädchen. »Das haben sie in Lyttelton zumindest gesagt. Und im Laufe des Abstiegs soll es Herbergen geben, die sich für eine Verschnaufpause anbieten. Wir müssen nur erst oben sein, dann ist das Schlimmste geschafft.« Damit ging er beherzt das nächste Wegstück an, und die Mädchen folgten ihm über den steinigen Grund.

Helen hatte während des Aufstiegs kaum Zeit, die Landschaft in Augenschein zu nehmen, doch was sie sah, war entmutigend. Die Berge wirkten kahl, grau und wenig bewachsen.

»Vulkangestein«, kommentierte Mr. O’Hara, der schon mal im Bergbau gearbeitet hatte. Aber Helen musste an die »Berge der Hölle« aus einer Ballade denken, die ihre Schwester manchmal gesungen hatte. Genau so – öde, fahl und unendlich – hatte sie sich den Hintergrund für die ewige Verdammnis vorgestellt.

Gerald Warden hatte seine Tiere tatsächlich erst ausladen können, nachdem alle Passagiere von Bord waren. Allerdings machten auch die Männer vom Transportunternehmen eben erst ihre Maultiere zum Abritt bereit.

»Wir schaffen das vor der Dunkelheit!«, versicherten sie den ängstlichen Ladys, die sie gerade auf die Mulis gehievt hatten. »Es sind etwa vier Stunden. Gegen acht Uhr abends werden wir in Christchurch eintreffen. Pünktlich zum Dinner im Hotel.«

»Da hören Sie’s!«, sagte Gwyneira zu Gerald. »Denen können wir uns anschließen. Obwohl wir allein natürlich schneller wären. Igraine wird ungern hinter den Maultieren hertrotten.«

Zu Geralds Verdruss hatte Gwyneira die Pferde bereits gesattelt, während er das Ausladen der Schafe überwachte. Gerald musste sich sehr beherrschen, sie deshalb nicht böse anzufahren. Er war sowieso schlechter Laune. Kein Mensch hier kannte sich mit Schafen aus; Pferche waren nicht vorbereitet, und die Herde verstreute sich nun malerisch über die Hügel von Lyttelton. Die Tiere freuten sich über die Freiheit nach der langen Zeit im Bauch des Schiffes und hüpften ungebärdig wie junge Lämmer auf dem spärlichen Gras vor der Siedlung herum. Gerald schimpfte mit zwei Matrosen, die ihm beim Ausladen geholfen hatten, und befahl ihnen streng, die Tiere zusammenzutreiben und so lange zu bewachen, bis er den Aufbau eines provisorischen Pferchs organisiert hatte. Die Männer betrachteten ihre Aufgabe jedoch als erfüllt. Mit der frechen Bemerkung, sie seien Seeleute und keine Schäfer, strebten sie dem vor kurzem eröffneten Pub zu. Nach der langen Abstinenz an Bord waren sie durstig. Geralds Schafe interessierten sie nicht.

Dafür erklang jetzt ein schriller Pfiff, der nicht nur Lady Barrington und Mrs. Brewster, sondern auch Gerald und die Maultiertreiber erschrocken zusammenfahren ließ. Zumal der Ton nicht von irgendeinem Gassenjungen ausging, sondern von einer blaublütigen jungen Dame, die sie bislang für mädchenhaft und wohlerzogen gehalten hatten. Jetzt aber zeigte sich eine andere Gwyneira. Das Mädchen hatte Geralds Dilemma mit den Schafen erkannt und sorgte umgehend für Abhilfe. Durchdringend pfiff sie nach ihrem Hund, und Cleo folgte begeistert. Wie ein kleiner schwarzer Blitz sauste sie die Hügel hinauf und hinunter und kreiste die Schafe ein, die sich daraufhin sofort zu einer Herde formierten. Wie von unsichtbarer Hand gesteuert wandten die Tiere sich in Reih und Glied Gwyneira zu, die gelassen wartete – im Gegensatz zu Geralds jungen Hunden, die eigentlich in einer Transportkiste per Boot nach Christchurch gebracht werden sollten. Als sie die Witterung der Schafe aufnahmen, gebärdeten sich die kleinen Collies so wild, dass sie die leichte, aus Holzlatten gefertigte Kiste mühelos sprengten. Die sechs Tiere purzelten heraus und schossen sofort auf die Herde zu. Doch bevor die Schafe sich erschrecken konnten, ließen die Hunde sich wie auf Kommando zu Boden fallen. Aufgeregt hechelnd, die klugen Colliegesichter angespannt auf die Herde gerichtet, blieben sie liegen – fertig zum Eingreifen, wenn ein Schaf aus der Reihe tanzen sollte.

»Na also!«, meinte Gwyneira mit Gemütsruhe. »Die Welpen schlagen doch großartig ein. Der große Rüde da, mit dem begründen wir hier eine Linie, nach der die Engländer sich die Finger lecken werden. Wollen wir jetzt los, Mr. Gerald?«

Ohne auf seine Antwort zu warten, stieg sie auch schon auf ihre Stute. Igraine tänzelte dabei aufgeregt. Auch sie brannte darauf, sich endlich bewegen zu dürfen. Der Matrose, der den jungen Hengst gehalten hatte, gab das nervöse Tier aufatmend an Gerald weiter.

Gerald schwankte zwischen Wut und Bewunderung. Gwyneiras Vorstellung war beeindruckend gewesen, aber deshalb hatte sie immer noch nicht das Recht, sich über seine Befehle hinwegzusetzen! Und jetzt konnte Gerald sie kaum noch zurückpfeifen, ohne vor den Brewsters und Barringtons das Gesicht zu verlieren.

Unwillig nahm er die Zügel des kleinen Hengstes. Er hatte den Bridle Path mehr als einmal überwunden und kannte die Gefahren. Den Weg am Spätnachmittag in Angriff zu nehmen war immer ein Risiko. Selbst wenn man keine Schafherde mit sich führte und auf einem braven Maultier saß, statt auf einem gerade angerittenen Junghengst.

Andererseits wusste er hier in Lyttelton nicht, wohin mit den Schafen. Schließlich hatte sein unfähiger Sohn es wieder einmal versäumt, Vorkehrungen für ihre Unterbringung am Hafen zu treffen, und jetzt war garantiert niemand mehr zu finden, der vor dem Dunkelwerden einen Pferch aufstellte! Geralds Finger krampften sich vor Wut um die Zügel. Wann würde Lucas endlich lernen, über die Wände seines Studierzimmers hinaus zu denken!

Zornig setzte Gerald einen Fuß in den Steigbügel. Natürlich hatte er im Laufe seines bewegten Lebens gelernt, ein Pferd annehmbar zu handhaben, doch es war nicht sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Den Bridle Path auf einem jungen Hengst anzugehen, kam für Gerald einer Mutprobe gleich – und er hasste Gwyneira beinahe dafür, dass sie ihn dazu zwang! Ihr rebellischer Geist, der Gerald so sehr gefallen hatte, solange er sich gegen ihren Vater richtete, wurde hier zusehends zum Ärgernis.

Gwyneira, die vor ihm locker und vergnügt auf ihrer Stute saß, ahnte nichts von Geralds Gedanken. Sie freute sich eher darüber, dass ihr künftiger Schwiegervater kein Wort über den Herrensattel verlor, den sie ihrer Igraine aufgelegt hatte. Ihr Vater hätte sicher einen Höllenwirbel gemacht, wenn sie sich in Gesellschaft breitbeinig auf ein Pferd gewagt hätte. Gerald aber schien gar nicht zu merken, wie unschicklich es wirkte, dass dabei der Rock ihres Reitkleides hochrutschte und ihre Fußgelenke enthüllte. Gwyneira versuchte, den Rock tiefer zu ziehen, vergaß die Sache dann aber. Sie hatte genug mit Igraine zu tun, die am liebsten die Maultiere überholt und den Pass im Galopp bewältigt hätte. Die Hunde dagegen brauchten keine Aufsicht. Cleo wusste, worum es ging, und trieb die Schafherde auch dann noch gekonnt über den Pfad, als der Weg sich verengte. Die jungen Hunde folgten ihr dabei wie die Orgelpfeifen und regten Mrs. Brewster sogar zu einem Scherz an: »Sieht ein bisschen so aus wie Miss Davenport und ihre Waisenmädchen.«

Helen war am Ende ihrer Kräfte, als sie zwei Stunden nach dem Aufbruch Hufschlag hinter sich hörte. Noch immer führte der Weg bergauf, und nach wie vor gab es nichts als öde, unwirtliche Berglandschaft. Immerhin sprach ihnen einer der anderen Auswanderer Mut zu. Er war einige Jahre zur See gefahren und dabei 1836 mit einer der ersten Expeditionen in dieser Gegend gewesen. In der Gruppe um Captain Rhodes, einem der ersten Siedler, hatte er die Port Hills erklettert und sich so sehr in den Anblick der Canterbury Ebene verliebt, dass er jetzt mit Frau und Kindern zurückgekommen war, um sich hier niederzulassen. Nun kündigte er seiner erschöpften Familie das Ende des Aufstiegs an. Nur noch einige wenige Wegbiegungen, dann würden sie die Bergkuppe erreichen.

Doch der Weg dorthin war nach wie vor eng und steil, und die Maultierführer konnten die Wanderer nicht überholen. Murrend reihten sie sich hinter ihnen ein. Helen fragte sich, ob Gwyneira unter den Reitern war. Sie hatte die Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und Gerald mitbekommen und war gespannt, wer den Disput für sich entschieden hatte. Ihre feine Nase sagte ihr aber bald, dass Gwyneira sich durchgesetzt haben musste. Es roch deutlich nach Schaf, und als es jetzt langsamer vorwärts ging, hörte man von hinten auch protestierendes Blöken.

Und dann war die höchste Stelle des Passes endlich erreicht. Auf einer Art Plattform wurden die Wanderer von Händlern erwartet, die Stände mit Erfrischungen aufgebaut hatten. Hier rastete man wohl traditionell – schon um den ersten Ausblick auf die neue Heimat in Ruhe zu genießen. Doch Helen hatte vorerst noch keinen Sinn dafür. Sie schleppte sich nur zu einem der Stände und nahm einen großen Humpen Ingwerbier entgegen. Erst als sie getrunken hatte, begab sie sich zum Aussichtspunkt, an dem viele andere bereits andächtig verharrten.

»Ist das schön!«, flüsterte Gwyneira hingerissen. Sie saß noch auf ihrem Pferd und konnte somit über die anderen Einwanderer hinwegsehen. Für Helen dagegen bot sich nur eingeschränkte Sicht aus der dritten Reihe. Die reichte allerdings, um ihrer Begeisterung einen gewaltigen Dämpfer aufzusetzen. Weit unter ihnen wich die Berglandschaft zartgrünem Grasland, durch das sich ein kleiner Fluss wand. Auf dem gegenüberliegenden Ufer lag die Siedlung Christchurch – doch sie war alles andere als die blühende Stadt, die Helen erwartet hatte. Zwar erkannte man tatsächlich einen kleinen Kirchturm, aber war nicht von einer Kathedrale die Rede gewesen? Sollte der Ort nicht Bischofssitz werden? Helen hatte zumindest mit einer Baustelle gerechnet, aber vorerst war nichts davon zu sehen. Christchurch war nicht mehr als eine Ansammlung von bunten Häusern, meist aus Holz erbaut, nur wenige aus dem Sandstein, von dem Mr. Warden gesprochen hatte. Es erinnerte sehr an Lyttelton, die kleine Hafenstadt, die sie eben hinter sich gelassen hatten. Und wahrscheinlich bot es auch kaum mehr an gesellschaftlichem Leben und Komfort.

Gwyneira schenkte dem Ort dagegen kaum einen zweiten Blick. Der war winzig, ja, aber das war sie von den Dörfern in Wales gewöhnt. Was sie faszinierte, war eher das Hinterland: Schier endloses Grasland lag in der Spätnachmittagssonne, und hinter den Ebenen erhoben sich majestätische, teilweise schneebedeckte Berge. Sie waren sicher Meilen und Meilen entfernt, aber die Luft war so klar, dass es aussah, als könne man sie berühren. Ein paar Kinder streckten sogar die Hände danach aus.

Der Anblick erinnerte an die Landschaft in Wales oder in einigen anderen Teilen Englands, wo Weideland an Hügellandschaften grenzte; deshalb erschien Gwyneira und vielen anderen Siedlern die Gegend vage vertraut. Doch alles wirkte klarer, größer, weitläufiger. Keine Pferche, keine Mauern grenzten die Landschaft ein, und nur selten war ein Haus zu sehen. Gwyneira empfand ein Gefühl von Freiheit. Hier würde sie endlos galoppieren können, und die Schafe konnten sich über ein riesiges Gebiet verstreuen. Nie wieder würde man darüber reden müssen, ob das Gras ausreichte oder ob man den Tierbestand verringern musste. Es gab Land im Überfluss!

Geralds Zorn auf das Mädchen verrauchte, als er ihr strahlendes Gesicht sah. Es spiegelte das Glücksgefühl, das auch er beim Anblick seines Landes immer wieder empfand. Gwyneira würde sich hier zu Hause fühlen. Vielleicht würde sie Lucas nicht lieben, aber ganz sicher dieses Land!

Helen kam zu dem Ergebnis, dass sie sich arrangieren musste. Das hier war nicht, was sie sich vorgestellt hatte, andererseits war ihr von allen Seiten versichert worden, Christchurch sei eine aufstrebende Gemeinde. Die Stadt würde wachsen. Irgendwann würde es Schulen geben und Bibliotheken – vielleicht konnte sie sogar ihren Beitrag dazu leisten, das alles aufzubauen. Howard schien ein kulturinteressierter Mann zu sein; bestimmt würde er sie unterstützen. Und überhaupt: Sie musste nicht das Land lieben, sondern ihren Gatten. Entschlossen schluckte sie ihre Enttäuschung herunter und wandte sich den Mädchen zu.

»Auf geht’s, Kinder. Ihr hattet eure Erfrischung, jetzt müssen wir weiter. Aber bergab ist es nicht mehr so schlimm. Und immerhin können wir das Ziel jetzt schon sehen. Kommt, die Kleinen machen einen Wettlauf! Wer zuerst am nächsten Gasthof ist, bekommt eine Extra-Limonade!«

Der nächste Gasthof war nicht weit. Schon in den Ausläufern der Berge fanden sich die ersten Häuser. Der Weg wurde nun auch breiter, und die Reiter konnten die Fußgänger überholen. Cleo trieb die Schafherde gekonnt an den Siedlern vorbei, und Gwyn folgte auf der noch immer tänzelnden Igraine. Vorhin, auf den wirklich gefährlichen Pfaden, hatten die Cobs sich allerdings vorbildlich ruhig verhalten. Auch der kleine Madoc kletterte geschickt über die steinigen Wege, und Gerald hatte sich bald sicherer gefühlt. Er war inzwischen entschlossen, die unerfreuliche Episode mit Gwyneira zu vergessen. Gut, das Mädchen hatte seinen Willen durchgesetzt, aber das durfte nicht wieder vorkommen. Der Wildheit dieser kleinen walisischen Prinzessin mussten Zügel angelegt werden. Was das anging, war Gerald jedoch optimistisch: Lucas würde von seiner Ehefrau ein untadeliges Verhalten fordern, und Gwyneira war für das Leben an der Seite eines Gentlemans erzogen. Jagdreiten und Hundedressur mochten ihr besser gefallen, doch auf Dauer würde sie sich in ihr Schicksal fügen.

Die Reisenden erreichten den Fluss Avon im Licht des ausgehenden Tages, und die Reiter wurden sofort übergesetzt. Es war auch noch Zeit genug, die Schafe auf die Fähre zu verladen, bevor die Fußgänger eintrafen, sodass Helens Begleiter nur über die mit Schafdung verschmutzte Fähre schimpfen konnten, nicht über Verzögerungen.

Die Londoner Mädchen schauten verzückt in das glasklare Wasser des Flusses, kannten sie bislang doch nur die verschmutzte, stinkende Themse. Helen war inzwischen alles egal; sie sehnte sich nur noch nach einem Bett. Hoffentlich würde der Reverend sie wenigstens gastfreundlich aufnehmen. Er musste etwas für die Mädchen vorbereitet haben; es war unmöglich, dass er sie heute schon auf die Häuser ihrer Herrschaft verteilte.

Erschöpft fragte Helen vor dem Hotel und dem Mietstall nach dem Weg zum Pfarrhaus. Dabei sah sie Gwyneira und Mr. Warden, die eben aus den Ställen kamen. Sie hatten die Tiere gut untergebracht, und jetzt erwartete sie ein festliches Dinner. Helen beneidete ihre Freundin glühend. Wie gern hätte sie sich zunächst in einem sauberen Hotelzimmer frisch gemacht und dann an einen gedeckten Tisch gesetzt! Aber vor ihr lagen noch der Marsch durch die Straßen von Christchurch und dann die Verhandlungen mit dem Pfarrer. Die Mädchen hinter ihr murrten, und die Kleinen weinten vor Müdigkeit.

Nun war der Weg zur Kirche zum Glück nicht lang; bisher gab es in ganz Christchurch keine weiten Wege. Helen brauchte ihre Mädchen nur um drei Straßenecken zu führen, dann standen sie vor dem Pfarrhaus. Verglichen mit Helens Vaterhaus und dem Haus der Thornes wirkte das gelb gestrichene Holzgebäude ärmlich, aber die Kirche nebenan war kaum repräsentativer. Immerhin zierte die Haustür ein schöner Messing-Türklopfer in Form eines Löwenkopfes. Daphne betätigte ihn beherzt.

Zunächst geschah nichts. Dann erschien ein breitgesichtiges, mürrisches Mädchen im Türrahmen.

»Was wollt ihr denn?«, fragte sie unfreundlich.

Alle Mädchen außer Daphne wichen erschrocken zurück. Helen schob sich vor.

»Zuerst einmal möchten wir Ihnen einen guten Abend wünschen, Miss!«, erklärte sie resolut. »Und dann würde ich gern Reverend Baldwin sprechen. Mein Name ist Helen Davenport. Lady Brennan muss mich in einem ihrer Briefe erwähnt haben. Und das sind die Mädchen, die der Reverend aus London angefordert hat, um sie hier in Stellung zu geben.«

Die junge Frau nickte und gab sich jetzt etwas freundlicher. Einen Gruß rang sie sich jedoch noch immer nicht ab, sondern warf den Waisenkindern weitere missbilligende Blicke zu. »Ich glaub, meine Mutter hat Sie erst morgen erwartet. Ich sag mal Bescheid.«

Die junge Frau wollte gehen, doch Helen rief sie zurück.

»Miss Baldwin, die Kinder und ich haben eine Reise von achtzehntausend Meilen hinter uns. Meinen Sie nicht, dass es die Höflichkeit gebietet, uns erst einmal hereinzubitten und uns eine Sitzgelegenheit anzuweisen?«

Das Mädchen verzog das Gesicht. »Sie können ja reinkommen«, bemerkte sie. »Aber die Bälger nicht. Wer weiß, was für Ungeziefer die nach der Reise auf dem Zwischendeck einschleppen. Das will meine Mutter bestimmt nicht im Haus haben.«

Helen kochte vor Wut, zügelte sich aber.

»Dann warte ich auch hier draußen. Ich habe mit den Mädchen eine Kabine geteilt. Wenn sie Ungeziefer haben, dann habe ich es auch.«

»Wie Sie wollen«, meinte das Mädchen desinteressiert, schlurfte zurück ins Haus und zog die Tür hinter sich zu.

»Eine richtige Lady!«, sagte Daphne grinsend. »Irgendwas an Ihrem Unterricht, Miss Davenport, muss ich falsch verstanden haben.«

Helen hätte sie eigentlich rügen müssen, doch es fehlte ihr an Energie. Und falls die Mutter sich ähnlich christlich aufführen würde wie die Tochter, brauchte sie noch ein wenig Kampfkraft.

Immerhin erschien Mrs. Baldwin sehr schnell und bemühte sich auch um ein freundliches Auftreten. Sie war kleiner und nicht ganz so füllig wie ihre Tochter. Vor allem besaß sie nicht deren Pfannkuchengesicht. Stattdessen wirkten ihre Züge eher habichthaft, mit kleinen, eng zusammenstehenden Augen und einem Mund, der sich zum Lächeln zwingen musste.

»Das ist ja eine Überraschung, Miss Davenport! Aber Mrs. Brennan hat Sie tatsächlich erwähnt – und sehr positiv, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf. Bitte kommen Sie doch herein, Belinda richtet bereits das Gästezimmer für Sie her. Tja, und die Mädchen werden wir wohl auch eine Nacht unterbringen müssen. Obwohl …« Sie überlegte kurz und schien im Geist eine Namensliste durchzugehen. »Die Lavenders und Mrs. Godewind wohnen in der Nähe. Da kann ich gleich noch jemanden hinschicken. Vielleicht möchten sie ihre Mädchen ja heute noch in Empfang nehmen. Die verbleibenden Kinder können dann im Stall schlafen. Jetzt kommen Sie aber erst mal herein, Miss Davenport. Es wird kalt hier draußen!«

Helen seufzte. Sie wäre der Einladung gern gefolgt, aber so ging es natürlich nicht.

»Mrs. Baldwin, auch den Mädchen ist kalt. Sie haben einen Fußweg von zwölf Meilen hinter sich und brauchen ein Bett und eine warme Mahlzeit. Und bis sie ihren Dienstherren übergeben werden, trage ich die Verantwortung für sie. Das war mit der Leitung des Waisenhauses vereinbart, und dafür wurde ich bezahlt. Also zeigen Sie mir bitte zuerst die Unterkunft der Mädchen, danach will ich Ihre Gastfreundschaft gern auch für mich in Anspruch nehmen.«

Mrs. Baldwin verzog das Gesicht, äußerte sich aber nicht weiter. Stattdessen wühlte sie einen Schlüssel aus den Taschen der weiten Schürze, die sie über einem teuren Hauskleid trug, und führte die Mädchen und Helen um die Hausecke. Hier gab es einen Stall für ein Pferd und eine Kuh. Das Heulager daneben roch würzig und war mit ein paar Decken wohnlich einzurichten. Helen ergab sich in das Unvermeidliche.

»Ihr habt es gehört, Mädchen. Heute Nacht werdet ihr hier schlafen«, wies sie die Kinder an. »Breitet eure Betttücher aus – schön sorgfältig, sonst sind eure Kleider nachher voller Heu. Wasser zum Waschen gibt es sicher in der Küche. Ich sorge dafür, dass es euch zur Verfügung gestellt wird. Und ich komme später nachsehen, ob ihr euch wie ordentliche Christenmädchen auf die Nacht vorbereitet! Erst waschen, dann beten!« Helen wollte streng klingen, doch so ganz schaffte sie das heute nicht. Auch sie selbst hätte keine Lust gehabt, sich in diesem Stall halb zu entkleiden und mit kaltem Wasser zu waschen. Dementsprechend würde ihre heutige Kontrolle nicht allzu streng ausfallen. Die Mädchen schienen die Anweisungen auch nicht übermäßig ernst zu nehmen. Statt sie mit einem braven »Ja, Miss Helen« zu quittieren, bestürmten sie ihre Lehrerin mit weiteren Fragen.

»Kriegen wir nichts zu essen, Miss Helen?«

»Ich kann nicht auf dem Stroh schlafen, Miss Helen, da ekle ich mich!«

»Bestimmt gibt’s hier Flöhe!«

»Können wir nicht mit Ihnen kommen, Miss Helen? Und was ist das mit diesen Leuten, die vielleicht noch kommen? Wollen die uns holen, Miss Helen?«

Helen seufzte. Sie hatte während der ganzen Reise versucht, die Mädchen auf die bevorstehende Trennung am Tag nach der Ankunft vorzubereiten. Aber die Gruppe heute noch auseinander zu reißen, hielt sie nicht für klug. Zugleich wollte sie Mrs. Baldwin nicht noch mehr gegen sich und die Mädchen aufbringen. Also antwortete sie ausweichend.

»Richtet euch erst mal ein, und ruht euch aus, Mädchen. Alles andere wird sich finden, macht euch keine Sorgen.« Tröstend streichelte sie über Lauries und Marys blonden Schopf. Die Kinder waren sichtlich am Ende ihrer Kräfte. Dorothy richtete eben das Bett für Rosemary, die fast schon schlief. Helen nickte ihr anerkennend zu.

»Ich sehe nachher noch mal nach euch«, erklärte sie. »Versprochen!«

8

»Die Mädchen machen einen ziemlich verwöhnten Eindruck«, bemerkte Mrs. Baldwin mit verkniffener Miene. »Ich hoffe, sie werden ihren künftigen Dienstherren wirklich nützlich sein.«

»Es sind Kinder!«, seufzte Helen. Hatte sie dieses Gespräch nicht schon mit Mrs. Greenwood vom Londoner Waisenhauskomitee geführt? »Im Grunde sind erst zwei von ihnen alt genug, um eine Stelle antreten zu können. Aber alle sind brav und anstellig. Ich denke, es wird sich keiner beschweren.«

Mrs. Baldwin schien damit vorerst zufrieden. Sie führte Helen in ihr Gästezimmer, und zum ersten Mal an diesem Tag war die junge Frau angenehm überrascht. Das Zimmer war hell und sauber, mit Blümchentapeten und Gardinen im Landhausstil einladend eingerichtet, und das Bett war breit und bequem. Helen atmete auf. Sie war hier zwar in ländlicher Gegend gestrandet, aber doch nicht fern jeder Zivilisation. Dazu erschien eben das dickliche Mädchen und brachte eine große Kanne warmes Wasser, das sie in Helens Waschgeschirr ausleerte.

»Machen Sie sich zunächst ein wenig frisch, Miss Davenport«, meinte Mrs. Baldwin. »Danach erwarten wir Sie zum Dinner. Es gibt nichts Besonderes, wir waren ja nicht auf Gäste vorbereitet. Aber wenn Sie Huhn und Kartoffelbrei mögen …«

Helen lächelte. »Ich bin so hungrig, dass ich das Huhn und die Erdäpfel roh verspeisen würde. Und die Mädchen …«

Mrs. Baldwin schien nahe daran, die Geduld zu verlieren. »Für die Mädchen wird gesorgt!«, erklärte sie abweisend. »Ich sehe Sie dann gleich, Miss Davenport.«

Helen nahm sich Zeit, sich ausgiebig zu waschen, ihr Haar zu lösen und neu aufzustecken. Sie überlegte, ob es lohnte, sich umzuziehen. Helen besaß nur wenige Kleider, von denen zwei obendrein schmutzig waren. Ihre beste Garderobe hätte sie sich eigentlich gern für die Begegnung mit Howard aufgespart. Andererseits konnte sie auch nicht so abgerissen und verschwitzt, wie sie sich heute fühlte, zum Dinner bei den Baldwins erscheinen. Schließlich entschied sie sich für das dunkelblaue Seidenkleid. Am ersten Abend in ihrem neuen Heimatland war etwas Festliches durchaus angesagt.

Das Essen wurde bereits aufgetragen, als Helen schließlich das Speisezimmer der Baldwins betrat. Auch hier übertraf die Einrichtung ihre Erwartungen. Buffet, Tisch und Stühle waren aus schwerem Teakholz und mit kunstvollen Schnitzereien versehen. Entweder hatten die Baldwins die Möbel aus England mitgebracht, oder Christchurch hatte exzellente Kunsttischler aufzuweisen. Letzterer Gedanke tröstete Helen. Sie würde sich notfalls an ein Holzhaus gewöhnen können, wenn es innen nur wohnlich gestaltet war.

Jetzt bereitete ihr die Verspätung leichtes Unbehagen, doch abgesehen von Baldwins ohnehin ziemlich verzogener Tochter standen alle sofort auf, um sie willkommen zu heißen. Außer Mrs. Baldwin und Belinda gehörten noch der Reverend sowie ein junger Vikar zur Tischgemeinschaft. Reverend Baldwin war ein großer, hagerer Mann, der äußerst streng wirkte. Er war förmlich gekleidet – sein dreiteiliger, dunkelbrauner Tuchanzug schien fast zu edel für die häusliche Tafel –, und er lächelte nicht, als er Helen die Hand reichte. Stattdessen schien er sie prüfend zu mustern.

»Sie sind die Tochter eines Amtsbruders?«, erkundigte er sich mit sonorer Stimme, die sicher einen Kirchenraum zu füllen vermochte.

Helen nickte und erzählte von Liverpool. »Ich weiß, dass die Umstände meines Besuchs in Ihrem Haus ein wenig ungewöhnlich sind«, gab sie errötend zu. »Aber wir alle folgen den Wegen des Herrn, und der weist uns nicht immer die ausgetretenen Pfade.«

Reverend Baldwin nickte. »Das ist wohl wahr, Miss Davenport«, erklärte er gewichtig. »Wer wüsste das besser als wir. Auch ich hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass meine Kirche mich ans Ende der Welt versetzt. Aber dies ist ein vielversprechender Ort. Mit Gottes Hilfe werden wir ihn zu einer christlich geprägten, lebendigen Stadt formen. Sie wissen wahrscheinlich, dass Christchurch Bischofssitz werden soll …«

Helen nickte eifrig. Sie ahnte zudem, warum Reverend Baldwin sich dem Ruf nach Neuseeland nicht widersetzt hatte, obwohl er sich nicht so anhörte, als habe er England bereitwillig den Rücken gekehrt. Der Mann schien Ehrgeiz zu haben – wenn auch nicht die Beziehungen, die man in England zweifellos brauchte, um die Stelle eines Bischofs zu erhalten. Hier dagegen … Baldwin machte sich unzweifelhaft Hoffnungen. Ob er als Seelsorger ebenso viel taugte wie als kluger Stratege der Kirchenpolitik?

Der junge Vikar an Baldwins Seite war Helen jedenfalls deutlich sympathischer. Er lächelte ihr offen zu, als Baldwin ihn als William Chester vorstellte, und sein Händedruck war warm und freundlich. Chester war von zierlicher Gestalt, dünn und blass, mit einem knochigen Allerweltsgesicht, entschieden zu langer Nase und zu breitem Mund. Aber das alles wurde durch lebhafte, kluge braune Augen wettgemacht.

»Mr. O’Keefe hat mir von Ihnen vorgeschwärmt!«, erklärte er eifrig, nachdem er an Helens Seite Platz genommen hatte und ihr freigebig Kartoffelbrei und Hühnchen auf den Teller schaufelte. »Er war so glücklich über Ihren Brief … ich wette, er wird gleich in den nächsten Tagen hier sein, sobald er von der Ankunft der Dublin hört. Er hofft ja auf weitere Post. Und wie überrascht er sein wird, Sie gleich hier vorzufinden!« Vikar Chester wirkte so begeistert, als hätte er das junge Paar höchstselbst zusammengeführt.

»In den nächsten Tagen?«, fragte Helen verblüfft. Sie hatte fest damit gerechnet, Howard morgen kennen zu lernen. Es konnte doch kein Problem sein, eben einen Boten zu seinem Haus zu schicken.

»Nun ja, so schnell verbreiten die Neuigkeiten sich nicht bis nach Haldon«, meinte Chester. »Mit einer Woche Wartezeit müssen Sie schon rechnen. Aber es kann auch schneller gehen! Ist Gerald Warden heute nicht mit der Dublin eingetroffen? Sein Sohn erwähnte, er sei unterwegs. Wenn der wieder da ist, spricht sich das schnell herum. Machen Sie sich keine Gedanken!«

»Und bis Ihr Verlobter eintrifft, sind Sie hier herzlich willkommen!«, versicherte Mrs. Baldwin, auch wenn ihr Gesicht alles andere als Herzlichkeit ausdrückte.

Helen fühlte sich trotzdem unsicher. War Haldon denn kein Vorort von Christchurch? Wie weit würde ihre Reise sie wohl noch führen?

Sie wollte eben fragen, als die Tür aufgerissen wurde. Ohne um Einlass zu bitten oder gar zu grüßen, stürmten Daphne und Rosemary herein. Beide hatten das Haar schon zum Schlafen gelöst, und in Rosies braunen Locken hafteten Heuhalme. Daphnes ungebärdige rote Strähnen umrahmten ihr Gesicht, als wäre es in Flammen gehüllt. Und auch ihre Augen sprühten Funken, als sie die reich gedeckte Tafel des Reverends mit einem Blick erfasste. Helen wurde sofort von Gewissensbissen gequält. Daphnes Ausdruck nach zu urteilen, hatte man den Mädchen noch nichts zu essen gegeben.

Aber jetzt hatten die beiden offensichtlich andere Sorgen. Rosemary rannte auf Helen zu und zerrte an ihrem Rock. »Miss Helen, Miss Helen, sie holen Laurie weg! Bitte, Sie müssen was tun! Mary schreit und weint und Laurie auch!«

»Und Elizabeth wollen sie auch holen!«, jammerte Daphne. »Bitte, Miss Helen, tun Sie was!«

Helen sprang auf. Wenn die sonst so gelassene Daphne derart alarmiert wirkte, musste etwas Schreckliches vorgefallen sein.

Argwöhnisch blickte sie in die Runde.

»Was geht da vor?«, erkundigte sie sich.

Mrs. Baldwin verdrehte die Augen. »Nichts, Miss Davenport. Ich hatte Ihnen doch gesagt, wir könnten zwei der künftigen Dienstherren der Waisenkinder heute noch erreichen. Nun sind sie da, um die Mädchen abzuholen.« Sie zog einen Zettel aus der Tasche. »Hier: Laurie Alliston geht zu den Lavenders und Elizabeth Beans zu Mrs. Godewind. Das ist alles ganz richtig. Ich verstehe gar nicht, warum solch ein Lärm darum gemacht wird.« Strafend blickte sie Daphne und Rosemary an. Die Kleine weinte. Daphne hingegen erwiderte den Blick mit flammenden Augen.

»Laurie und Mary sind Zwillinge«, erklärte Helen. Sie war wütend, zwang sich aber, ruhig zu bleiben. »Sie wurden noch nie getrennt. Ich verstehe nicht, wie man sie in verschiedenen Familien unterbringen kann! Da muss ein Fehler vorliegen. Und Elizabeth möchte sicher auch nicht gehen, ohne sich zu verabschieden. Bitte, kommen Sie mit, Reverend, und klären Sie das!« Helen beschloss, sich nicht länger mit der kaltherzigen Mrs. Baldwin aufzuhalten. Die Kinder fielen in den Aufgabenbereich des Reverends, also sollte er sich jetzt gefälligst darum kümmern.

Der Pfarrer erhob sich schließlich, wenn auch sichtlich unwillig.

»Niemand hat uns das mit den Zwillingen gesagt«, erklärte er, als er bedächtig neben Helen zum Stall schritt. »Natürlich lag es nahe, dass die Mädchen Schwestern sind, aber es ist gänzlich unmöglich, sie im gleichen Haushalt unterzubringen. Hier gibt es kaum englische Dienstboten. Für diese Mädchen gibt es eine Warteliste. Wir können nicht einer Familie zwei Mädchen geben.«

»Aber eine allein wird den Leuten nichts nützen, die Kinder kleben wie die Kletten aneinander!«, gab Helen zu bedenken.

»Sie werden sich voneinander lösen müssen«, erwiderte der Reverend knapp.

Vor dem Stall warteten zwei Fahrzeuge, eines davon ein Lieferwagen, vor dem zwei schwere Braune gelangweilt warteten. Den anderen Wagen, einen eleganten, schwarzen Einspänner, zog ein lebhaftes Pony, das kaum stillstehen mochte. Ein großer, hagerer Mann hielt es mit leichter Hand am Zügel und brummte ihm gelegentlich beruhigende Worte zu. Allerdings wirkte auch er aufgebracht. Kopfschüttelnd blickte er immer wieder zum Stall, in dem das Weinen und Klagen der Mädchen nicht abriss. Helen meinte Mitleid in seinem Blick zu erkennen.

In den Polstern der kleinen Chaise residierte eine zierliche ältere Dame. Sie war schwarz gekleidet, wozu ihr schneeweißes, ordentlich unter einer Haube aufgestecktes Haar einen interessanten Kontrast bildete. Auch ihr Teint war sehr hell, porzellanklar und nur von winzigen Falten durchzogen wie alte Seide. Vor ihr stand Elizabeth und knickste artig. Die alte Dame schien sich freundlich und huldvoll mit dem Mädchen zu unterhalten. Nur ab und zu blickten die beiden irritiert und bedauernd zum Stall hinüber.

»Jones«, sagte die Lady schließlich zu ihrem Fahrer, als Helen und der Reverend vorbeikamen. »Können Sie nicht hineingehen und das Gejammer abstellen? Es stört uns doch sehr. Diese Kinder weinen sich ja die Augen aus! Finden Sie doch bitte heraus, um was es geht, und lösen Sie das Problem.«

Der Fahrer fixierte die Zügel am Bock und stand auf. Allzu begeistert wirkte er nicht. Wahrscheinlich gehörte das Trösten weinender Kinder nicht zu seinen üblichen Aufgaben.

Die alte Lady hatte inzwischen Reverend Baldwin bemerkt und grüßte freundlich.

»Guten Abend, Reverend! Schön, Sie zu sehen. Aber ich will Sie nicht aufhalten, da drin ist offensichtlich Ihre Anwesenheit vonnöten.« Sie wies auf den Stall, woraufhin ihr Fahrer sich aufatmend zurück auf seinen Platz fallen ließ. Wenn der Reverend selbst sich um die Sache kümmerte, wurde er ja wohl nicht mehr gebraucht.

Baldwin schien zu überlegen, ob er Helen und die Lady erst noch förmlich einander vorstellen sollte, bevor er den Stall betrat. Dann aber sah er davon ab und begab sich ins Zentrum des Aufruhrs.

Mary und Laurie, in der Mitte des Heulagers, hielten sich schluchzend umklammert, während eine kräftige Frau versuchte, sie auseinander zu zerren. Ein breitschultriger, offensichtlich aber friedfertiger Mann stand hilflos daneben. Auch Dorothy schien unschlüssig, ob sie tätlich werden oder nur bitten und flehen sollte.

»Warum nehmen Sie denn nicht beide mit?«, fragte sie verzweifelt. »Bitte, Sie sehen doch, dass es so nicht geht.«

Der Mann schien ganz ihrer Meinung zu sein. Mit drängendem Unterton wandte er sich an seine Gattin. »Ja, Anna, zumindest sollten wir den Reverend bitten, uns beide Mädchen zu geben. Die Kleine ist noch so jung und zart. Die kann die schwere Arbeit allein gar nicht leisten. Doch wenn die zwei sich helfen …«

»Wenn die zwei zusammen bleiben, tratschen sie nur und tun nichts!«, sagte die Frau mitleidlos. Helen blickte in kalte blaue Augen in einem klaren, selbstzufriedenen Gesicht. »Wir hatten nur eine angefordert – und nur eine nehmen wir auch mit.«

»Dann nehmen Sie doch mich!«, bot Dorothy sich an. »Ich bin größer und stärker und …«

Anna Lavender schien von dieser Lösung recht angetan. Erfreut betrachtete sie Dorothys deutlich kräftigere Gestalt.

Doch Helen schüttelte den Kopf. »Das ist sehr christlich von dir, Dorothy«, erklärte sie mit einem Seitenblick auf die Lavenders und den Reverend. »Aber es löst das Problem nicht, sondern verschiebt es nur um einen Tag. Schließlich kommen morgen deine neuen Dienstherren, und dann müsste Laurie mit denen gehen. Nein, Reverend, Mr. Lavender – wir müssen eine Möglichkeit finden, die Zwillinge zusammenzulassen. Gibt es nicht zwei Nachbarfamilien, die Dienstmädchen suchen? Dann könnten die beiden sich wenigstens in ihrer freien Zeit sehen.«

»Und tagsüber pausenlos nacheinander greinen!«, warf Mrs. Lavender ein. »Kommt nicht in Frage. Ich nehme dieses Mädchen oder ein anderes. Aber nur eins.«

Helen blickte den Reverend Hilfe suchend an. Der aber machte keine Anstalten, sie zu unterstützen.

»Im Grunde kann ich Mrs. Lavender nur Recht geben«, meinte er stattdessen. »Je früher man die Mädchen trennt, desto besser. Also hört zu, Laurie und Mary. Gott hat euch zusammen in dieses Land geführt, was schon gnädig von ihm war – er hätte auch nur eine erwählen und die andere in England lassen können. Aber nun führt er euch auf verschiedene Pfade. Das bedeutet keine Trennung für immer, sicher werdet ihr euch bei der Sonntagsmesse oder zumindest bei hohen Kirchenfesten wiedersehen. Gott ist euch wohl gesonnen und weiß, was er tut. Uns ist die Pflicht auferlegt, seinen Geboten zu folgen. Du wirst den Lavenders eine gute Magd sein, Laurie. Und Mary geht morgen mit den Willards. Beides sind gute, christliche Familien. Man wird euch angemessen zu essen geben, euch kleiden und zu christlicher Lebensführung anhalten. Es gibt nichts zu befürchten, Laurie, wenn du jetzt brav mit den Lavenders gehst. Wenn es aber gar nicht anders geht, wird Mr. Lavender dich züchtigen.«

Mr. Lavender sah ganz und gar nicht wie ein Mann aus, der kleine Mädchen schlagen würde. Im Gegenteil, er blickte mit ausgesprochenem Mitgefühl auf Mary und Laurie.

»Schau, Kleine, wir wohnen hier in Christchurch«, wandte er sich jetzt beruhigend an das schluchzende Kind. »Und alle Familien aus dem Umkreis kommen ab und zu her, um einzukaufen und die Messe zu hören. Ich kenne die Willards nicht, aber wir können bestimmt mit denen in Verbindung treten. Wenn sie dann herkommen, geben wir dir frei, und du kannst einen ganzen Tag mit deiner Schwester verbringen. Ist dir das nicht ein Trost?«

Laurie nickte, doch Helen fragte sich, ob sie wirklich verstand, um was es hier ging. Wer wusste, wo diese Willards lebten – es war kein gutes Zeichen, dass Mr. Lavender sie nicht einmal kannte! Und würden sie ebenso viel Verständnis für ihr kleines Dienstmädchen aufbringen wie er? Würden sie Mary überhaupt mit in die Stadt bringen, wenn sie nur gelegentlich zum Einkaufen anreisten?

Laurie schien jetzt jedenfalls übermannt von ihrer Erschöpfung und Trauer. Sie ließ sich widerspruchslos von ihrer Schwester wegziehen. Dorothy reichte Mr. Lavender ihr Bündel. Helen küsste sie zum Abschied auf die Stirn.

»Wir schreiben dir alle!«, versprach sie.

Laurie nickte teilnahmslos, und Mary weinte immer noch.

Helen zerriss es das Herz, als die Lavenders die Kleine hinausführten. Und zu allem Überfluss hörte sie dann auch noch, wie Daphne Dorothy etwas zuflüsterte.

»Ich hab dir ja gesagt, dass Miss Helen nichts machen kann!«, raunte das Mädchen. »Die ist nett, aber der geht’s genau wie uns. Morgen kommt ihr Kerl und holt sie ab, und sie muss mit diesem Mr. Howard gehen, so wie Laurie mit ihren Lavenders …«

In Helen wallte Ärger auf, wich aber schnell einem brennenden Gefühl der Unruhe. Daphne hatte nicht Unrecht. Was würde sie tun, wenn Howard sie nicht heiraten wollte? Was geschah, wenn er ihr nicht gefiel? Nach England konnte sie nicht zurück. Und ob es hier tatsächlich Stellen für Gouvernanten oder Lehrerinnen gab?

Helen wollte nicht länger darüber nachdenken. Sie hätte sich am liebsten in irgendeiner Ecke verkrochen und geweint, wie sie es als kleines Mädchen getan hatte. Aber damit war es vorbei gewesen, als ihre Mutter gestorben war. Von da an hatte sie stark sein müssen. Und das bedeutete jetzt, sich geduldig der alten Dame vorstellen zu lassen, die anscheinend wegen Elizabeth gekommen war.

Der Reverend stellte sich schon mal in Positur. Immerhin schienen sich hier keine weiteren Dramen anzubahnen. Im Gegenteil, Elizabeth wirkte aufgedreht und fröhlich.

»Miss Helen, das ist Mrs. Godewind«, stellte sie vor, noch bevor der Reverend etwas sagen konnte. »Sie kommt aus Schweden! Das ist ganz weit im Norden, noch weiter weg von hier als England. Den ganzen Winter liegt da Schnee, den ganzen Winter! Ihr Mann war Kapitän von einem großen Schiff, und manchmal hat er sie mitgenommen auf die Reise. Sie war in Indien! Und in Amerika! Und in Australien!«

Mrs. Godewind lachte über Elizabeth’ Eifer. Sie hatte ein gütiges Gesicht, dem man sein Alter kaum ansah.

Freundlich streckte sie Helen die Hand entgegen. »Hilda Godewind. Sie sind also Elizabeth’ Lehrerin. Sie schwärmt von Ihnen, wissen Sie das? Und von einem gewissen Jamie O’Hara.« Sie zwinkerte.

Helen erwiderte des Lächeln und Zwinkern und stellte sich erst mal mit vollem Namen vor. »Verstehe ich es richtig, dass Sie Elizabeth in Dienst nehmen wollen?«, erkundigte sie sich dann.

Mrs. Godewind nickte. »Wenn Elizabeth es möchte. Auf keinen Fall will ich sie hier herauszerren wie die Leute eben das kleine Mädchen. Das ist widerwärtig! Ich hätte sowieso gedacht, dass die Mädchen älter sind …«

Helen nickte. Sie hätte dieser sympathischen kleinen Frau am liebsten ihr Herz ausgeschüttet. Sie war jetzt endgültig den Tränen nahe. Mrs. Godewind blickte sie prüfend an.

»Ich sehe schon, dass Ihnen das Ganze nicht gefällt«, bemerkte sie. »Und Sie sind ebenso übermüdet wie die Mädchen – sind Sie zu Fuß über den Bridle Path gekommen? Das ist unzumutbar! Man hätte Ihnen Maultiere schicken müssen! Und ich hätte natürlich auch erst morgen kommen sollen. Die Mädchen wären sicher gern noch eine Nacht zusammengeblieben. Aber als ich hörte, dass sie im Stall schlafen sollen …«

»Ich komme gern mit Ihnen, Mrs. Godewind!«, sagte Elizabeth strahlend. »Und ich kann Ihnen gleich morgen Oliver Twist vorlesen. Stellen Sie sich vor, Miss Helen, Mrs. Godewind kennt Oliver Twist nicht! Ich hab ihr erzählt, dass wir es auf der Reise gelesen haben.«

Mrs. Godewind nickte freundlich. »Dann hol mal deine Sachen, Kind, und verabschiede dich von deinen Freundinnen. Ihnen gefällt sie doch auch, Jones, oder?« Sie wandte sich an ihren Fahrer, der natürlich beflissen nickte.

Kurz darauf, als Elizabeth es sich mit ihrem Bündel neben Mrs. Godewind bequem machte und die beiden schon wieder in angeregte Unterhaltung verfielen, nahm er Helen jedoch kurz zur Seite.

»Miss Helen, dieses Mädchen macht einen guten Eindruck, aber ist es wirklich vertrauenswürdig? Es würde mir das Herz brechen, wenn Mrs. Godewind enttäuscht würde. Sie hat sich so auf die kleine Engländerin gefreut.«

Helen versicherte ihm, sich kein klügeres und angenehmeres Mädchen als Elizabeth vorstellen zu können.

»Braucht sie das Mädchen denn als Gesellschafterin? Ich meine … dafür engagiert man doch ältere und gebildetere junge Frauen«, erkundigte sie sich dann.

Der Diener nickte. »Ja, aber die muss man erst mal finden. Und viel zahlen kann Mrs. Godewind auch nicht, sie hat nur eine kleine Pension. Meine Frau und ich führen ihr den Haushalt, aber meine Frau ist Maori, wissen Sie … die kann ihr das Haar machen, kann für sie kochen und sie umsorgen, aber vorlesen und ihr Geschichten erzählen kann sie nicht. Deshalb dachten wir an ein englisches Mädchen. Es wird bei mir und meiner Frau wohnen und ein bisschen im Haushalt helfen, aber vor allem wird es Mrs. Godewind Gesellschaft leisten. Sie können sicher sein, es wird ihm an nichts fehlen!«

Helen nickte getröstet. Wenigstens Elizabeth würde gut versorgt sein. Ein winziger Lichtblick am Ende eines schrecklichen Tages.

»Kommen Sie doch übermorgen zu uns zum Tee«, lud Mrs. Godewind Helen noch ein, bevor die Chaise abfuhr.

Elizabeth winkte fröhlich.

Helen dagegen fand jetzt nicht mehr die Kraft, zurück in den Stall zu gehen und Mary zu trösten, und sie schaffte es auch nicht, weiter an Reverend Baldwins Tisch Konversation zu machen. Zwar war sie immer noch hungrig, aber sie tröstete sich damit, dass die nicht gegessenen Reste mit etwas Glück den Mädchen zugute kommen würden. Sie entschuldigte sich höflich und fiel dann in ihr Bett. Morgen konnte es kaum schlimmer kommen.

Am nächsten Morgen schien strahlend die Sonne über Christchurch und tauchte alles in warmes, freundliches Licht. Von Helens Zimmer aus bot sich ein atemberaubender Blick auf die Bergkette oberhalb der Canterbury Plains, und die Straßen der kleinen Stadt wirkten im Sonnenlicht sauber und anheimelnd. Aus dem Frühstückszimmer der Baldwins drang der Duft von frischem Gebäck und Tee. Helen lief das Wasser im Munde zusammen. Sie hoffte, dass dieser gute Anfang als Omen zu werten war. Bestimmt hatte sie sich gestern nur eingebildet, dass Mrs. Baldwin unfreundlich und kaltherzig, ihre Tochter boshaft und unerzogen und Reverend Baldwin bigott und gänzlich uninteressiert am Wohl seiner Pfarrkinder war. Im Licht des neuen Morgens würde sie die Pastorenfamilie milder beurteilen, ganz bestimmt. Zuerst aber musste sie nach ihren Mädchen sehen.

Im Stall traf sie Vikar Chester, der tröstend auf die noch immer jammernde Mary einredete, was jedoch ohne Wirkung blieb. Die Kleine weinte und fragte schluchzend nach ihrer Schwester. Sie nahm nicht mal das Teeküchlein, das der junge Priester ihr hinhielt, als könnte ein bisschen Zucker alles Leid der Welt lindern. Das Kind wirkte völlig erschöpft; es hatte offensichtlich kein Auge zugetan. Helen durfte gar nicht daran denken, das Mädchen gleich anderen, wildfremden Leuten auszuhändigen.

»Wenn Laurie genauso viel jammert und nichts isst, schicken die Lavenders sie bestimmt zurück«, meinte Dorothy hoffnungsvoll.

Daphne verdrehte die Augen. »Das glaubst du doch selbst nicht. Die Alte verprügelt sie eher oder sperrt sie in den Besenschrank. Und wenn sie nichts isst, freut sie sich, dass sie ’ne Mahlzeit gespart hat. Die ist kalt wie ’ne Hundeschnauze, das Miststück … oh, guten Morgen, Miss Helen. Ich hoffe, wenigstens Sie haben gut geschlafen!« Daphne funkelte ihre Lehrerin respektlos an und machte keine Anstalten, sich für das »Miststück« zu entschuldigen.

»Wie du gestern selbst angemerkt hast«, meinte Helen eisig, »hatte ich keine Möglichkeit, irgendetwas für Laurie zu tun. Ich werde aber noch heute versuchen, Verbindung mit der Familie aufzunehmen. Davon abgesehen habe ich sehr gut geschlafen, und du sicher auch. Das wäre schließlich das erste Mal gewesen, dass du dich von den Gefühlen deiner Mitmenschen hättest beeinflussen lassen.«

Daphne senkte den Kopf. »Tut mir Leid, Miss Helen.«

Helen wunderte sich. Sollte sie doch so etwas wie einen Erziehungserfolg erzielt haben?

Am späten Vormittag erschienen die künftigen Dienstherren der kleinen Rosemary. Helen hatte sich vor der Übergabe gefürchtet, erlebte diesmal aber eine positive Überraschung. Die McLarens, ein kleiner, rundlicher Mann mit sanftem, pausbäckigem Gesicht und seine nicht minder gut genährte Frau, die mit ihren roten Apfelbäckchen und den runden blauen Augen puppenhaft wirkte, kamen gegen elf Uhr zu Fuß hinüber. Wie sich herausstellte, gehörte ihnen die Bäckerei von Christchurch – die frischen Semmeln und Teeküchlein, deren Duft Helen am Morgen geweckt hatte, stammten aus ihrer Produktion. Da Mr. McLaren vor Tau und Tag mit der Arbeit begann und entsprechend früh zu Bett ging, hatte Mrs. Baldwin die Familie gestern nicht mehr stören wollen, sondern erst heute früh vom Eintreffen der Mädchen unterrichtet. Jetzt hatten sie den Laden geschlossen, um Rosemary abzuholen.

»Gott, sie ist ja noch ein Kind!«, wunderte sich Mrs. McLaren, als Rosemary verängstigt vor ihr knickste. »Und aufpäppeln müssen wir dich auch erst, du kleiner Hungerhaken. Wie heißt du denn?«

Mrs. McLaren wandte sich zunächst ein wenig vorwurfsvoll an Mrs. Baldwin, die den Einwand kommentarlos hinnahm. Als sie dann aber zu Rosemary sprach, hockte sie sich freundlich vor ihr nieder und lächelte ihr zu.

»Rosie …«, flüsterte die Kleine.

Mrs. McLaren fuhr ihr übers Haar. »Das ist aber ein schöner Name. Rosie, wir hatten uns gedacht, du möchtest vielleicht bei uns wohnen und mir ein bisschen im Haushalt und in der Küche helfen. In der Backstube natürlich auch. Magst du Kuchen backen, Rosemary?«

Rosie überlegte. »Ich mag Kuchen essen«, sagte sie.

Die McLarens lachten, wobei es bei ihm wie ein Glucksen, bei ihr wie ein fröhliches Kicksen klang.

»Das sind die besten Voraussetzungen!«, erklärte Mr. McLaren ernst. »Nur wer gern isst, kann auch gut kochen! Was meinst du, Rosie, kommst du mit uns?«

Helen atmete auf, als Rosemary gewichtig nickte. Die McLarens schienen auch gar nicht überrascht zu sein, dass ihnen hier eher ein Pflegekind als ein Dienstmädchen ins Haus kam.

»Ich habe in London schon mal einen Jungen aus dem Waisenhaus angelernt«, klärte Mr. McLaren dieses Rätsel kurz danach auf. Er unterhielt sich noch ein wenig mit Helen, während seine Frau Rosie half, ihre Sachen zusammenzupacken. »Angefordert hatte mein Meister einen Vierzehnjährigen, der gleich richtig mit anfassen sollte. Und geschickt haben sie einen Knirps, der aussah wie zehn. War aber ein anstelliges Bürschchen. Die Meisterin hat ihn gut gefüttert, und inzwischen ist er ein gestandener Bäckergeselle. Wenn unsere Rosie auch so gut einschlägt, wollen wir uns über die Aufzuchtkosten nicht beschweren!« Er lachte Helen zu und drückte Dorothy eine Tüte Gebäck in die Hand, die er extra für die Mädchen mitgebracht hatte.

»Aber gerecht verteilen, Mädel!«, ermahnte er sie. »Ich wusste doch, dass da noch mehr Kinder sein werden, und unsere Frau Pastor ist nicht gerade für ihre Großzügigkeit bekannt.«

Daphne streckte denn auch gleich gierig die Hand nach dem Zuckerzeug aus. Sie hatte sicher noch nicht gefrühstückt, zumindest nicht ausreichend. Mary dagegen war nach wie vor untröstlich und schluchzte noch lauter, als nun auch Rosemary fortging.

Helen beschloss, es mit Ablenkung zu versuchen, und eröffnete den Mädchen, sie würden heute Schule halten wie auf dem Schiff. Solange die Mädchen noch nicht in ihren Familien waren, konnten sie besser lernen als untätig herumsitzen. In Anbetracht der Tatsache, dass man sich in einem Pastorenhaushalt befand, griff Helen diesmal zur Bibel als Lektüre.

Gelangweilt begann Daphne, die Geschichte der Hochzeit zu Kanaa zu lesen, schlug das Buch aber gern zu, als Mrs. Baldwin kurz darauf eintrat. In ihrer Begleitung befand sich ein großer, vierschrötiger Mann.

»Sehr löblich, Miss Davenport, dass Sie sich der Erbauung der Mädchen widmen!«, erklärte die Pfarrersfrau. »Aber inzwischen hätten Sie dieses Kind wirklich zum Schweigen bringen können.«

Missmutig blickte sie auf die wimmernde Mary. »Jetzt ist es aber auch egal. Dies ist Mr. Willard, er wird Mary Alliston mit auf seine Farm nehmen.«

»Sie soll allein mit einem Farmer leben?«, fuhr Helen auf.

Mrs. Baldwin hob den Blick gen Himmel. »Um Gottes willen, nein! Das wäre wider alle Schicklichkeit! Nein, nein, Mr. Willard hat selbstverständlich eine Frau und sieben Kinder.«

Mr. Willard nickte stolz. Er wirkte ganz sympathisch. Sein Gesicht, das von Lachfalten durchzogen war, zeigte zugleich die Spuren schwerer Arbeit im Freien, die bei jedem Wetter verrichtet werden musste. Seine Hände waren schwielige Pranken, und unter seiner Kleidung zeichneten sich Muskelpakete ab.

»Die älteren Jungs arbeiten schon kräftig auf den Feldern mit!«, erklärte der Farmer. »Aber für die Kleinen braucht meine Frau Hilfe. Im Haushalt und im Stall natürlich auch. Und die Maori-Frauen mag sie nicht. Ihre Kinder, sagt sie, sollen nur von anständigen Christenmenschen aufgezogen werden. Welches ist nun unser Mädchen? Es sollte kräftig sein, wenn’s geht, die Arbeit ist hart!«

Mr. Willard wirkte ähnlich entsetzt wie Helen, als Mrs. Baldwin ihm daraufhin Mary vorstellte. »Die Kleine? Das soll wohl ein Witz sein, Frau Pastor! Da holen wir uns doch das achte Kind ins Haus.«

Mrs. Baldwin sah ihn streng an. »Wenn Sie das Mädchen nicht verzärteln, kann es durchaus hart arbeiten. In London hat man uns versichert, dass jedes der Mädchen das dreizehnte Lebensjahr vollendet hat und unbeschränkt einsatzfähig ist. Also, wollen Sie das Mädchen nun oder nicht?«

Mr. Willard schien zu schwanken. »Meine Frau braucht dringend Hilfe«, sagte er fast entschuldigend in Helens Richtung. »Um Weihnachten kommt das nächste Kind zur Welt, da muss ihr einer unter die Arme greifen. Na, dann komm, Kleine, wir kriegen das schon hin. Na los, worauf wartest du? Und warum weinst du? Herrgott, ich hab wirklich keine Lust auf weitere Schwierigkeiten!« Ohne Mary noch einen Blick zu gönnen, ging Mr. Willard aus dem Stall. Mrs. Baldwin drückte der Kleinen ihr Bündel in die Hand.

»Geh mit ihm. Und sei ihm eine gehorsame Magd!«, beschied sie dem Kind. Mary folgte ohne Widerrede. Sie weinte bloß noch. Sie weinte und weinte.

»Hoffen wir, dass wenigstens seine Frau ein bisschen Mitgefühl zeigt«, seufzte Vikar Chester. Er hatte die Szene ebenso hilflos mit angesehen wie Helen.

Daphne schnaubte. »Zeigen Sie mal Mitgefühl, wenn Ihnen acht Bälger am Rock hängen!«, fuhr sie den Priester an. »Und alle Jahre macht Ihr Kerl Ihnen ein neues! Aber Geld ist nicht da, und das letzte bisschen versäuft er. Da bleibt Ihnen das Mitleid im Hals stecken. Sie selbst tun ja auch keinem Leid!«

Vikar Chester schaute sie erschrocken an. Offensichtlich stellte er sich gerade die Frage, wie dieses Mädchen sich als demütige Dienstmagd im Hause eines ehrbaren Honoratioren der Stadt Christchurch machen würde. Helen dagegen konnten Daphnes Ausbrüche nicht mehr überraschen – und sie ertappte sich dabei, dass sie immer mehr Verständnis dafür aufbrachte.

»Aber, aber, Daphne. Mr. Willard macht nicht den Eindruck, als ob er sein Geld vertrinkt«, rief sie das Mädchen zur Mäßigung auf. Darüber hinaus konnte sie Daphne aber nicht tadeln; sie hatte zweifellos Recht. Mrs. Willard würde Mary nicht schonen. Sie hatte genug eigene Kinder, um die sie sich kümmern musste. Die kleine Magd würde für sie nicht mehr sein als eine billige Arbeitskraft. Der Vikar musste das auch so sehen. Jedenfalls äußerte er sich nicht weiter zu Daphnes Frechheiten, sondern machte den Mädchen gegenüber nur eine kurze, segnende Gebärde, bevor er den Stall verließ. Zweifellos hatte er seine Pflichten schon lange genug vernachlässigt, um sich den Tadel des Reverends zuzuziehen.

Helen wollte die Bibel wieder aufschlagen, aber im Grunde hatten jetzt weder sie noch ihre Schülerinnen Sinn für erbauliche Texte.

»Ich bin mal gespannt, was noch auf uns zukommt«, fasste Daphne schließlich die Gedanken der verbleibenden Mädchen in Worte. »Die Leute müssen ja ganz schön weit weg wohnen, wenn sie noch nicht aufgetaucht sind, um ihre Sklaven in Empfang zu nehmen. Üb schon mal Kühe melken, Dorothy!« Sie wies auf die Kuh des Pastors, die sie sicher schon gestern Abend um einige Liter Milch erleichtert hatte. Mrs. Baldwin hatte die Kinder nämlich keinesfalls an den Resten des Abendessens teilhaben lassen, sondern ihnen nur eine dünne Suppe und ein bisschen altes Brot in den Stall geschickt. Das gastliche Haus des Reverends würden die Mädchen bestimmt nicht vermissen.

9

»Wie lange reitet man wohl von Kiward Station bis nach Christchurch?«, erkundigte sich Gwyneira. Sie saß gemeinsam mit Gerald Warden und den Brewsters vor einem reichlich gedeckten Frühstückstisch im White Hart Hotel. Letzteres war nicht elegant, aber ordentlich, und nach dem anstrengenden gestrigen Tag hatte sie in ihrem bequemen Bett wie tot geschlafen.

»Nun ja, das kommt auf den Mann und das Pferd an«, bemerkte Gerald launig. »Es sind um die fünfzig Meilen, mit den Schafen werden wir zwei Tage brauchen. Aber ein Postreiter, der es eilig hat und zwischendurch ein paar Mal die Pferde wechselt, sollte es leicht in ein paar Stunden schaffen. Der Weg ist nicht befestigt, aber ziemlich eben. Ein guter Reiter kann durchgaloppieren.«

Gwyneira fragte sich, ob Lucas Warden wohl ein guter Reiter war – und warum zum Teufel er sich nicht schon gestern aufs Pferd gesetzt hatte, um seine Braut in Christchurch in Augenschein zu nehmen! Natürlich mochte es sein, dass er noch nichts von der Ankunft der Dublin wusste. Aber sein Vater hatte ihm das Abfahrtsdatum doch mitgeteilt, und es war allgemein bekannt, dass die Schiffe zwischen 75 und 120 Tagen für die Überfahrt brauchten. Die Dublin war 104 Tage unterwegs gewesen. Warum also wartete Lucas nicht hier auf sie? War er auf Kiward Station derart unabkömmlich? Oder war er gar nicht so sehr darauf erpicht, seine künftige Frau kennen zu lernen? Gwyneira selbst wäre lieber heute als morgen aufgebrochen, um ihr neues Zuhause zu erreichen und endlich dem Mann gegenüberzustehen, dem man sie blind anverlobt hatte. Lucas musste es doch genauso ergehen!

Gerald lachte, als sie eine entsprechende Bemerkung machte.

»Mein Lucas hat Geduld«, bemerkte er dann. »Und Sinn für Stil und große Auftritte. Wahrscheinlich könnte er es sich in den kühnsten Träumen nicht vorstellen, dir bei der ersten Begegnung in verschwitzten Reitsachen gegenüberzutreten. Da ist er ganz Gentleman …«

»Aber mir würde das nichts ausmachen!«, wandte Gwyneira ein. »Und er würde doch auch hier im Hotel wohnen und könnte sich vorher umziehen, wenn er schon meint, ich hielte so viel auf Förmlichkeiten!«

»Ich denke, dieses Hotel hat nicht seine Klasse«, brummte Gerald. »Warte es ab, Gwyneira, er wird dir schon gefallen.«

Lady Barrington lächelte und legte geziert ihr Besteck beiseite. »Es ist doch eigentlich ganz schön, wenn der junge Mann sich eine gewisse Zurückhaltung auferlegt«, bemerkte sie. »Wir sind schließlich nicht unter Wilden. In England hätten Sie Ihren Zukünftigen ja auch nicht in einem Hotel kennen gelernt, sondern eher beim Tee in Ihrem oder seinem Zuhause.«

Dem musste Gwyneira zwar zustimmen, aber sie konnte sich einfach nicht aufraffen, all ihre Träume vom unternehmungslustigen Pioniergatten, vom erdverbundenen Farmer und Gentleman mit Forscherdrang aufzugeben. Lucas musste anders sein als die blutleeren Viscounts und Baronets in ihrer Heimat!

Dann aber fasste sie wieder Hoffnung. Vielleicht sagte diese Scheu ja gar nichts über Lucas selbst aus, sondern ging nur auf seine übertrieben vornehme Erziehung zurück! Bestimmt hielt er Gwyneira für genauso steif und schwierig wie einstmals seine Gouvernanten und Hauslehrer. Und dazu war sie auch noch adelig. Sicher fürchtete Lucas sich vor dem kleinsten Fauxpas in ihrem Beisein. Vielleicht hatte er sogar ein bisschen Angst vor ihr.

Gwyn versuchte, sich mit diesen Gedanken zu trösten, doch so ganz gelang es ihr nicht. Bei ihr selbst hätte die Neugier schnell über die Furcht triumphiert. Aber vielleicht war Lucas ja wirklich schüchtern und brauchte eine gewisse Anlaufzeit. Gwyneira dachte an ihre Erfahrung mit Hunden und Pferden: Die scheuesten und zurückhaltendsten Tiere waren oft die besten, wenn man erst Zugang zu ihnen fand. Warum sollte das bei Männern anders sein? Wenn Gwyneira Lucas erst kennen lernte, würde er schon aus sich herausgehen!

Vorerst wurde Gwyneiras Geduld jedoch weiter auf die Probe gestellt. Gerald Warden hatte keineswegs vor, gleich an diesem Tag nach Kiward Station aufzubrechen, wie sie im Stillen gehofft hatte. Stattdessen hatte er noch einige Dinge in Christchurch zu erledigen und musste auch den Transport der vielen, in Europa erstandenen Möbel und anderen Haushaltsgegenstände organisieren. Das alles, eröffnete er der enttäuschten Gwyneira, würde sicher ein bis zwei Tage in Anspruch nehmen. Sie sollte sich derweil ausruhen; bestimmt habe die lange Reise sie angestrengt.

Gwyneira hatte die Überfahrt eher gelangweilt. Noch mehr Untätigkeit wünschte sie sich am allerwenigsten. So nutzte sie den Vormittag jetzt auch erst mal für einen Ausritt und geriet darüber gleich wieder mit Gerald aneinander. Dabei fing es eigentlich gut an: Warden verlor zunächst kein Wort über ihre Ankündigung, Igraine satteln zu lassen. Erst als Mrs. Brewster entsetzt anmerkte, man könne eine Dame doch unmöglich ohne Begleitung aufs Pferd lassen, machte der Schaf-Baron eine Kehrtwendung. Auf keinen Fall wollte er seiner künftigen Schwiegertochter irgendetwas erlauben, was in feinen Kreisen als unschicklich galt. Leider gab es hier keine Stallburschen und natürlich erst recht keine Zofen, die das Mädchen auf einem Ausritt begleiten konnten. Schon das Ansinnen schien dem Hotelbesitzer befremdlich: In Christchurch, so machte er Mrs. Brewster ziemlich unmissverständlich klar, ritte man nicht zum Vergnügen, sondern um irgendwohin zu kommen. Gwyneiras Begründung, ihr Pferd nach der langen Zeit des Stehens auf dem Schiff bewegen zu wollen, konnte der Mann zwar nachvollziehen, war aber weder bereit noch fähig, ihr dabei eine Begleitung zu stellen. Schließlich schlug Lady Barrington ihren Sohn vor, und der erklärte sich auch gleich bereit, auf Madoc mitzureiten. Der vierzehnjährige Viscount war zwar nicht der ideale Anstandswauwau, doch Gerald fiel das nicht auf, und Mrs. Brewster hielt den Mund, um Lady Barrington nicht zu verärgern. Gwyneira hatte den jungen Charles auf der Reise immer für ziemlich langweilig gehalten, aber jetzt erwies er sich zum Glück als schneidiger Reiter – und ausreichend verschwiegen. So verriet er seiner entsetzten Mutter nicht, dass Gwyneiras Damensattel längst eingetroffen war, sondern bestätigte dem Mädchen, dass bislang leider nur der Herrensattel zur Verfügung stand. Und dann tat er auch noch so, als könnte er Madoc nicht halten, ließ den Hengst vom Hof des Hotels stürmen und gab Gwyn damit die Chance, ihm ohne weitere Diskussionen über Schicklichkeit zu folgen. Beide lachten, als sie Christchurch im flotten Trab hinter sich ließen.

»Wer zuerst bei dem Haus da hinten ist!«, rief Charles und ließ Madoc angaloppieren. Für Gwyns hochgerutschte Röcke hatte er keinen Blick. Ein Pferderennen über endloses Grasland berauschte ihn bislang noch deutlich mehr als die Formen einer Frau.

Gegen Mittag waren die beiden zurück und hatten sich blendend amüsiert. Die Pferde schnaubten zufrieden, Cleo schien wieder mal übers ganze Gesicht zu lachen, und Gwyn fand sogar Zeit, ihre Röcke zu ordnen, bevor sie die Stadt durchquerten.

»Auf die Dauer muss mir dazu irgendwas einfallen«, murmelte sie und drapierte die rechte Seite des Rocks züchtig über ihr Fußgelenk. Links rutschte das Kleid daraufhin natürlich noch höher. »Vielleicht schneide ich hinten einfach einen Schlitz rein!«

»Das geht aber nur gut, solange kein Wind weht.« Ihr junger Begleiter grinste. »Und solange Sie nicht galoppieren. Sonst fliegt der Rock hoch, und man sieht Ihr … äh … na ja, was Sie eben so daruntertragen. Meine Mutter würde wahrscheinlich in Ohnmacht fallen!«

Gwyneira kicherte. »Stimmt. Ach, ich wünschte, ich könnte einfach Hosen anziehen. Ihr Männer wisst gar nicht, wie gut ihr es habt!«

Am Nachmittag, pünktlich zur Teestunde, machte sie sich auf, um nach Helen zu suchen. Natürlich riskierte sie, dabei Howard O’Keefe über den Weg zu laufen, was Gerald sicher missbilligen würde. Aber erstens brannte sie vor Neugier, und zweitens konnte Gerald eigentlich nichts dabei finden, wenn sie dem Pfarrer des Ortes ihre Aufwartung machte. Der Mann sollte sie schließlich trauen, also war ein Antrittsbesuch sogar ein Gebot der Höflichkeit.

Gwyn fand das Pfarrhaus auch sofort und wurde selbstverständlich gastlich aufgenommen. Tatsächlich scharwenzelte Mrs. Baldwin sogar um ihre Besucherin herum, als gehörte sie mindestens zum Königshaus. Helen glaubte allerdings nicht, dass dies auf ihre adelige Abstammung zurückzuführen war. Die Baldwins hofierten nicht Familie Silkham, für sie war Gerald Warden die gesellschaftliche Größe! Allerdings schienen sie auch Lucas gut zu kennen. Und während sie sich bei Bemerkungen über Howard O’Keefe bislang sehr zurückgehalten hatten, konnten sie über Gwyneiras Zukünftigen gar nicht genug Lobendes sagen.

»Ein äußerst kultivierter junger Mann!«, pries Mrs. Baldwin.

»Hervorragend erzogen und hochgebildet! Ein sehr reifer und ernster Mensch!«, fügte der Reverend hinzu.

»Äußerst kunstinteressiert!«, erklärte Vikar Chester mit strahlenden Augen. »Belesen, intelligent! Als er zum letzten Mal hier war, haben wir die ganze Nacht in so anregendem Gespräch verbracht, dass ich fast die Morgenmesse verpasst hätte!«

Gwyneira wurde bei diesen Beschreibungen immer mulmiger zumute. Wo war ihr Farmer, ihr Cowboy? Ihr Held aus den Groschenheftchen? Allerdings gab es hier keine Frauen aus den Fängen der Rothäute zu befreien. Aber hätte der verwegene Revolverheld stattdessen die Nächte mit dem Pfarrer verplaudert?

Auch Helen war still. Sie fragte sich, warum Chester keine vergleichbaren Loblieder auf Howard sang; außerdem ging ihr Lauries und Marys Weinen nicht aus dem Kopf. Sie sorgte sich um die verbliebenen Mädchen, die immer noch im Stall auf ihre Dienstherren warteten. Da nutzte es auch nichts, dass sie Rosemary bereits wiedergesehen hatte. Die Kleine war am Nachmittag knicksend und im Gefühl allergrößter Wichtigkeit mit einem Korb voll Teegebäck im Pfarrhaus erschienen. Die Besorgung war ihr erster Auftrag von Mrs. McLaren, und sie war überaus stolz, ihn zur allseitigen Zufriedenheit erledigen zu können.

»Rosie macht einen glücklichen Eindruck«, freute sich denn auch Gwyneira, die den Auftritt der Kleinen mitbekommen hatte.

»Wenn die anderen es nur auch so gut getroffen hätten …«

Unter dem Vorwand, ein bisschen frische Luft zu brauchen, hatte Helen ihre Freundin nach dem Tee nach draußen begleitet, und nun schlenderten die beiden Frauen durch die relativ breiten Straßen der Stadt und konnten endlich offen reden. Helen verlor dabei fast die Beherrschung. Mit feuchten Augen berichtete sie Gwyneira von Mary und Laurie.

»Und ich habe nicht das Gefühl, als kämen sie irgendwie darüber hinweg«, endete sie schließlich. »Die Zeit soll zwar alle Wunden heilen, aber in diesem Fall … Ich glaube, es bringt sie um, Gwyn! Sie sind doch noch so klein. Und ich kann diese bigotten Baldwins nicht mehr sehen! Der Reverend hätte sehr wohl etwas für die Mädchen tun können. Sie führen eine Warteliste von Familien, die Dienstmädchen suchen! Bestimmt hätten sich zwei benachbarte Häuser gefunden. Stattdessen schicken sie Mary zu diesen Willards. Das kleine Ding ist da doch völlig überfordert. Sieben Kinder, Gwyneira! Und das achte unterwegs. Da soll Mary dann wohl noch Geburtshilfe leisten.«

Gwyneira seufzte. »Wenn ich bloß dabei gewesen wäre! Vielleicht hätte Mr. Gerald etwas tun können. Kiward Station benötigt doch bestimmt Personal. Und ich brauche eine Zofe! Schau dir mein Haar an – das kommt dabei heraus, wenn ich es allein aufstecke.«

Gwyneira sah tatsächlich ein bisschen wild aus.

Helen lächelte unter Tränen und steuerte erneut das Haus der Baldwins an. »Komm mit«, lud sie Gwyn ein. »Daphne kann die Frisur in Ordnung bringen. Und wenn sich für sie und Dorothy heute niemand mehr findet, solltest du vielleicht wirklich mit Mr. Warden reden. Wetten, dass Baldwins kuschen, wenn er Daphne oder Dorothy anfordert?«

Gwyneira nickte. »Und du könntest die andere nehmen!«, schlug sie vor. »Ein ordentlicher Haushalt braucht ein Dienstmädchen, das sollte dein Howard einsehen. Wir müssten uns nur noch einig werden, wer Dorothy bekommt und wer sich mit Daphnes vorlautem Mundwerk herumschlagen muss …«

Bevor sie zur Klärung dieser Frage eine Partie Black Jack vorschlagen konnte, erreichten die beiden das Pfarrhaus, vor dem ein Fuhrwerk stand. Helen erkannte, dass ihr schöner Plan kaum Wirklichkeit werden würde. Auf dem Hof unterhielt sich Mrs. Baldwin denn auch bereits mit einem älteren Ehepaar, während Daphne brav daneben wartete. Das Mädchen wirkte wie ein Ausbund an Tugend. Ihr Kleid war makellos sauber und ihr Haar so streng und ordentlich aufgesteckt, wie Helen es selten gesehen hatte. Daphne musste sich speziell für das Treffen mit ihren Dienstherren hergerichtet haben; anscheinend hatte sie sich vorher über die Leute erkundigt. Ihr Erscheinungsbild schien besonders die Frau zu beeindrucken, die selbst adrett und schlicht gekleidet war. Unter ihrem kleinen, dezent mit einem winzigen Schleier geschmückten Hut schaute ein klares Gesicht mit ruhigen braunen Augen hervor. Ihr Lächeln wirkte offen und freundlich, und sie konnte sich offensichtlich kaum darüber beruhigen, wie perfekt der Zufall sie mit ihrem neuen Dienstmädchen zusammengeführt hatte. »Erst vorgestern sind wir aus Haldon gekommen, und gestern wollten wir schon wieder abfahren. Aber dann hatte meine Schneiderin doch noch ein paar Änderungen an meiner Bestellung vorzunehmen, und ich sagte zu Richard: Bleiben wir noch und gönnen uns ein Dinner im Hotel! Richard war ganz begeistert, als er von all den interessanten Leuten hörte, die eben mit der Dublin angekommen waren, und wir hatten einen sehr anregenden Abend! Und wie gut, dass Richard auf den Einfall kam, hier gleich nach unserem Mädchen zu fragen!« Während die Dame sprach, zeigte sie ein lebhaftes Mienenspiel und nahm teilweise die Hände zu Hilfe, um ihre Rede zu unterstreichen. Helen fand sie äußerst sympathisch. Richard, der zugehörige Gatte, wirkte gesetzter, aber ebenfalls freundlich und gutmütig.

»Miss Davenport, Miss Silkham – Mr. und Mrs. Candler!«, stellte Mrs. Baldwin vor und unterbrach damit Mrs. Candlers Redestrom, der ihr sichtlich lästig fiel. »Miss Davenport hat die Mädchen während der Überfahrt begleitet. Sie kann Ihnen mehr über Daphne sagen als ich. Also gebe ich Sie jetzt einfach in ihre Obhut und suche meinerseits die nötigen Papiere für Sie heraus. Dann können Sie das Mädchen nachher mitnehmen.«

Mrs. Candler wandte sich gleich ebenso mitteilungsfreudig an Helen wie zuvor an die Frau des Pastors. Helen hatte keine Mühe, dem Ehepaar ein paar Informationen zu Daphnes künftigem Arbeitsplatz zu entlocken. Tatsächlich berichteten die beiden ihr sogar einen ganzen Abriss ihres bisherigen Lebens auf Neuseeland. Dabei erzählte Mr. Candler launig von den ersten Jahren in Lyttelton, das damals noch Port Cooper genannt worden war. Gwyneira, Helen und die Mädchen lauschten fasziniert seinen Erzählungen von Walfang und Seehundjagd. Mr. Candler selbst hatte sich allerdings nicht mutig aufs Meer hinausgewagt.

»Nein, nein, das ist was für Verrückte, die nichts zu verlieren haben! Aber ich hatte damals schon meine Olivia und die Jungs – da schlag ich mich doch nicht mit Riesenfischen rum, die mir nur an den Kragen wollen! Tun mir auch irgendwie Leid, die Viecher. Die Seehunde besonders, die gucken so treu …«

Stattdessen hatte Mr. Candler einen Kramladen geführt, der so viel einbrachte, dass er sich später, als die ersten Siedler in den Canterbury Plains bauten, ein schönes Stück Land für eine Farm leisten konnte.

»Aber ich hab schnell gemerkt, dass ich mit Schafen nichts am Hut hab!«, gab er freimütig zu. »Das ganze Tierzeug liegt mir nicht, und meiner Olivia auch nicht!« Er streifte seine Frau mit einem liebevollen Blick. »Also haben wir alles wieder verkauft und einen Laden in Haldon aufgemacht. Das gefällt uns – da ist Leben, da gibt’s was zu verdienen, und der Ort wächst. Beste Aussichten für unsere Jungs.«

Die »Jungs« – Candlers drei Söhne – waren zwischen sechzehn und dreiundzwanzig. Helen bemerkte, wie Daphnes Augen aufblitzten, als Mr. Candler sie erwähnte. Sofern das Mädchen sich klug verhielt und seine Reize spielen ließ, würde einer von ihnen sicher ihrem Charme erliegen. Und wenn Helen sich ihren eigenwilligen Zögling auch nie als Dienstmädchen hatte vorstellen können – als geachtete und von den männlichen Kunden zweifellos angebetete Händlersfrau wäre sie genau am richtigen Platz.

Helen wollte sich schon von Herzen für Daphne freuen, als Mrs. Baldwin wieder auf den Hof vor den Ställen kam, diesmal begleitet von einem großen, breitschultrigen Mann mit kantigen Gesichtszügen und hellblauen, forschenden Augen. Sie erfassten wieselflink die Szenerie auf dem Hof, streiften kurz die Candlers, wobei der Blick des Mannes deutlich länger auf Mrs. Candler als auf ihrem Gatten hängen blieb; dann schweifte er weiter zu Gwyneira, Helen und den Mädchen. Dabei konnte Helen seine Aufmerksamkeit sichtlich nicht fesseln. Er schien Gwyn, Daphne und Dorothy weitaus interessanter zu finden. Trotzdem genügte sein flüchtiger Blick, um Helen ausgesprochen peinlich zu berühren. Vielleicht lag es daran, dass er ihr nicht wie ein Gentleman ins Gesicht sah, sondern eher ihre Figur einer Prüfung zu unterziehen schien. Aber das konnte auch eine Täuschung sein oder auf Einbildung beruhen … Helen musterte den Mann misstrauisch, konnte ihm sonst aber nichts vorwerfen. Er lächelte sogar durchaus einnehmend, wenn auch etwas maskenhaft.

Helen war allerdings nicht die Einzige, die verstört auf ihn reagierte. Aus dem Augenwinkel sah sie Gwyn instinktiv vor dem Mann zurückweichen, und der lebhaften Mrs. Candler stand ihre Abneigung deutlich im Gesicht geschrieben. Ihr Gatte legte leicht den Arm um sie, als wollte er seine Besitzansprüche klarlegen. Der Mann grinste anzüglich, als er der Geste gewahr wurde.

Als Helen sich zu den Mädchen umwandte, sah sie, dass Daphne alarmiert wirkte. Dorothy blickte ängstlich. Nur Mrs. Baldwin schien nichts von der seltsamen Ausstrahlung ihres Besuchers zu spüren.

»So, und hier haben wir denn auch Mr. Morrison«, stellte sie gelassen vor. »Den künftigen Dienstherrn von Dorothy Carter. Sag guten Tag, Dorothy, Mr. Morrison will dich gleich mitnehmen.«

Dorothy rührte sich nicht. Sie schien vor Schreck zu erstarren. Ihr Gesicht wurde blass, ihre Pupillen weiteten sich.

»Ich …« Das Mädchen setzte erstickt zum Sprechen an, doch Mr. Morrison unterbrach sie mit dröhnendem Lachen.

»Nicht so schnell, Mrs. Baldwin, erst will ich mir das Kätzchen mal anschauen! Ich kann meiner Frau schließlich kein x-beliebiges Mädel ins Haus holen. Du bist also Dorothy …«

Der Mann näherte sich dem Mädchen, das sich nach wie vor nicht rührte – auch dann nicht, als er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und dabei wie unabsichtlich die zarte Haut ihres Halses streifte.

»Ein hübsches Ding. Meine Gattin wird entzückt sein. Bist du denn auch geschickt mit den Händen, kleine Dorothy?« Die Frage schien unverfänglich, aber selbst der in geschlechtlichen Dingen völlig unerfahrenen Helen war klar, dass hier mehr mitschwang als Interesse an Dorothys handwerklichem Können. Gwyneira, die das Wort »Wollust« zumindest schon einmal gelesen hatte, fiel der fast gierige Ausdruck in Morrisons Augen auf.

»Zeig mir doch mal deine Hände, Dorothy …«

Der Mann löste Dorothys ängstlich ineinander verschränkte Finger und fuhr behutsam über ihre rechte Hand. Es war mehr ein Streicheln als ein Prüfen ihrer Schwielen. Er hielt die Hand deutlich zu lange fest, um auch nur halbwegs innerhalb der schicklichen Grenzen zu bleiben. Irgendwann löste das selbst Dorothys Starre. Abrupt zog sie die Hand weg und floh einen Schritt rückwärts.

»Nein!«, sagte sie. »Nein, ich … ich gehe nicht mit Ihnen … ich mag Sie nicht!« Erschrocken über ihre eigene Courage senkte sie den Blick.

»Aber, aber, Dorothy! Du kennst mich doch gar nicht!« Mr. Morrison näherte sich dem Mädchen, das sich unter seinem fordernden Blick zusammenkrümmte – erst recht unter Mrs. Baldwins nachfolgendem Ta d e l :

»Was ist das für ein Benehmen, Dorothy! Du wirst dich sofort entschuldigen!«

Dorothy schüttelte heftig den Kopf. Sie wollte lieber sterben als mit diesem Mann zu gehen; sie konnte die Bilder nicht in Worte fassen, die beim Anblick seiner gierigen Augen in ihrem Kopf aufblitzten. Bilder vom Armenhaus, von ihrer Mutter in den Armen eines Mannes, den sie »Onkel« nennen sollte. Sie erinnerte sich verschwommen an seine sehnigen, harten Hände, die eines Tages auch nach ihr griffen, sich unter ihr Kleid schoben … Dorothy hatte daraufhin geweint und sich wehren wollen. Aber der Mann hatte weitergemacht, hatte sie gestreichelt und sich in Bereiche ihres Körpers vorgetastet, die unaussprechlich waren und die man nicht einmal beim Waschen ganz enthüllte. Dorothy meinte, vor Scham vergehen zu müssen – aber dann war ihre Mutter doch noch gekommen, kurz bevor der Schmerz und die Angst unerträglich wurden. Sie hatte den Mann weggestoßen und ihre Tochter geschützt. Später hielt sie Dorothy in den Armen, wiegte, tröstete und warnte sie.

»Du darfst das niemals zulassen, Dottie! Lass dich nicht anfassen, egal, was man dir dafür verspricht! Lass nicht einmal zu, dass sie dich so ansehen! Das eben war meine Schuld. Ich hätte erkennen müssen, wie er dich anstarrt. Bleib niemals allein mit den Männern hier, Dottie! Nie! Versprichst du’s mir?«

Dorothy hatte es versprochen und sich daran gehalten, bis ihre Mutter kurz darauf gestorben war. Danach hatte man sie ins Waisenhaus gebracht, w