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Das Lächeln der Signorina

Über das Buch

Eine Reihe von Diebstählen versetzt die Bewohner des sizilianischen Küstenstädtchens Vigàta in Aufregung. Die Einbrüche folgen stets demselben Muster, doch den gewieften Tätern ist nicht beizukommen. Zum Glück weiß Commissario Montalbano, wie er am besten an zuverlässige Informationen aus der Unterwelt gelangt: über Pasquale, den Sohn seiner Haushälterin, der das Gefängnis selbst bestens von innen kennt. Dieser hat keine Zweifel, dass die Diebstähle nicht von den üblichen Verdächtigen aus Vigàta verübt wurden. Es muss eine Bande von außerhalb sein, die im Auftrag eines unbekannten Drahtziehers ihr Unwesen treibt.

Commissario Montalbano scheint dennoch in einer Sackgasse angelangt zu sein. Bis er im Rahmen der Zeugenbefragungen Angelica begegnet. Mit ihrem wallenden Blondhaar und der wohlportionierten Figur versetzt sie ihn schlagartig in seine Jugendzeit, als die überirdisch schöne Heldin selben Namens aus Ariosts Epos DER RASENDE ROLAND ihm viele Nächte lang heiße Träume bescherte. Auch Angelica, die ihm ein ums andere Mal ihr bezauberndes Lächeln schenkt, zieht ihn in den Bann. Allerdings hütet sie ein Geheimnis, das mehrere Menschen in Gefahr bringen wird. Doch als Commissario Montalbano den Auftraggeber der Einbrüche dingfest machen kann und von dem tragischen Motiv für die Taten erfährt, ist es Angelica, deren Leben am seidenen Faden hängt …

Über den Autor

Andrea Camilleri ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Italiens und begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme der Welt Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

Andrea Camilleri

Das Lächeln der Signorina

Commissario Montalbano
lässt sich blenden

Aus dem Italienischen von
Rita Seuß und Walter Kögler

BASTEI ENTERTAINMENT

Eins

Er fuhr aus dem Schlaf hoch und starrte mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. Jemand hatte gesprochen, hier in seinem Schlafzimmer, das hatte er ganz deutlich gehört. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn. Er war doch allein zu Hause.

Aber dann musste er lachen, denn es fiel ihm ein, dass Livia am Abend zuvor plötzlich in Marinella aufgetaucht war, eine zumindest anfangs sehr erfreuliche Überraschung, und jetzt neben ihm lag und tief und fest schlief.

Durch das Fenster drang ein schwacher violetter Schimmer des anbrechenden Tages herein, und ohne auf die Uhr zu schauen, legte er sich wieder hin und hoffte, noch ein paar Stündchen Schlaf zu finden.

Aber schon im nächsten Moment schlug er erneut die Augen auf. Ein Gedanke war ihm durch den Kopf geschossen.

Wenn er in seinem Zimmer eine Stimme gehört hatte, konnte es nur die von Livia gewesen sein. Und sie hatte im Schlaf gesprochen.

Das war bisher noch nie vorgekommen. Oder falls doch, dann so leise, dass er nicht davon geweckt worden war.

Vielleicht befindet sie sich in einer Schlafphase, in der sie noch mehr redet, überlegte er.

Diese Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen.

Wenn ein Mensch im Schlaf spricht, kann er gar nicht anders, als die Wahrheit zu sagen: das, was er wirklich denkt und fühlt. Montalbano erinnerte sich nicht, je gelesen zu haben, dass man im Traum lügt oder die Dinge verdreht, denn im Schlaf fehlen sämtliche Schutzmechanismen, man ist wehrlos und unschuldig wie ein Kind.

Es interessierte ihn brennend, was Livia sagte, und dafür gab es zwei Gründe: einen allgemeinen, weil ein Mann eine Frau nie wirklich kennt, und wenn er hundert Jahre mit ihr zusammengelebt, dieselbe Luft geatmet, mit ihr geschlafen und Kinder gezeugt hat und sich einbildet, er könne in die Tiefen ihrer Seele blicken.

Und dann gab es noch einen ganz konkreten, speziellen Grund.

Leise stand er auf und spähte durch die Jalousie hinaus. Es würde ein schöner Tag werden, ohne Wolken oder Wind.

Er schlich auf Zehenspitzen zu Livias Seite, nahm einen Stuhl und setzte sich ans Kopfende des Bettes, als hielte er Nachtwache im Krankenhaus.

Am Abend hatte ihm Livia, und das war der spezielle Grund, eine fürchterliche Eifersuchtsszene gemacht, die ihm die Freude über ihr Kommen gründlich verdorben hatte.

Das Telefon hatte geklingelt, und sie war rangegangen.

Aber kaum hatte sie »Pronto« gerufen, hatte die Frau am anderen Ende der Leitung gesagt:

»Verzeihung, ich habe mich verwählt.«

Und aufgelegt.

Livia bildete sich natürlich ein, dass diese Frau ein Verhältnis mit ihm hatte, an dem Abend mit ihm verabredet war und aufgelegt hatte, als sie Livias Stimme hörte.

»Ich habe euch einen Strich durch die Rechnung gemacht, stimmt’s?«

»Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch!«

»Aus den Augen, aus dem Sinn!«

Er hatte sie einfach nicht von dieser Idee abbringen können, und der Abend endete mit einem Eklat, weil Montalbano der Kragen geplatzt und er ausfällig geworden war. Dabei hatten ihn weniger ihre Verdächtigungen genervt als vielmehr ihr scheinbar unerschöpflicher Fundus an abgedroschenen Phrasen.

Und jetzt hoffte er, dass Livia irgendetwas sagte, was ihm die Möglichkeit gab, es ihr gründlich heimzuzahlen.

Er hatte Lust, eine Zigarette zu rauchen, wusste sich aber zu beherrschen. Wenn Livia aufwachte und ihn im Schlafzimmer rauchen sah, würde sie ihm die Hölle heißmachen. Außerdem wollte er ja, dass sie weiterschlief und nicht etwa von dem Rauch geweckt wurde.

Nach zwei Stunden bekam er einen entsetzlichen Krampf in der linken Wade.

Um den Muskel zu entspannen, fing er an, das Bein hin und her zu schlenkern, und stieß dabei mit dem nackten Fuß gegen die Bettkante.

Ein heftiger Schmerz durchzuckte ihn, und er musste die Lippen aufeinanderpressen, um einen Schwall von Flüchen zurückzuhalten.

Der Stoß gegen die Bettkante blieb jedoch nicht ohne Wirkung, denn Livia seufzte, räkelte sich ein wenig und sagte etwas.

Sie sprach klar und deutlich, als wäre sie hellwach. Zuerst kicherte sie kurz, dann war deutlich zu vernehmen:

»Nein, Carlo, nicht von hinten.«

Montalbano wäre fast vom Stuhl gefallen. Heiliger Antonius, das war aber nun wirklich des Guten zu viel!

Ein paar wirre Worte hätten ihm schon gereicht, um sich nach Art der Jesuiten ein haltloses Konstrukt aus Vorwürfen zusammenzubasteln.

Aber Livia hatte klar und deutlich einen vollständigen Satz gesprochen! Donnerwetter!

Als wäre sie hellwach.

Einen Satz, bei dem man sich alles Mögliche vorstellen konnte, auch das Schlimmste.

Dabei hatte sie ihm gegenüber den Namen Carlo noch nie erwähnt. Warum wohl?

Und wenn sie ihn nicht erwähnt hatte, musste es dafür einen triftigen Grund geben.

Aber was war das denn überhaupt, von dem sie nicht wollte, dass Carlo es von hinten machte?

Folglich: von vorne schon, von hinten aber nicht?

Ihm brach der Schweiß aus.

Er hatte große Lust, Livia wachzurütteln, sie böse anzufunkeln und im gebieterischen Tonfall eines Bullen zu fragen:

»Wer ist Carlo? Dein Liebhaber?«

Aber sie war eine Frau. Und damit imstande, alles abzustreiten, selbst wenn sie schlaftrunken war.

Nein, das würde nichts bringen.

Er musste die Kraft finden, den geeigneten Moment abzuwarten, um ihr die Sache unter die Nase zu reiben.

Aber welcher war der geeignete Moment?

Außerdem brauchte er eine gewisse Vorlaufzeit. Das Thema direkt anzuschneiden wäre ein Fehler, Livia würde sofort in die Defensive gehen. Nein, er musste die Sache sozusagen von hinten aufzäumen, ohne dass sie Verdacht schöpfte.

Er beschloss zu duschen.

An Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken.

Er trank gerade seinen ersten morgendlichen Espresso, als das Telefon klingelte.

Inzwischen war es acht Uhr, aber er fühlte sich nicht in der Stimmung, sich Geschichten von Mord und Totschlag anzuhören. Eher würde er selbst jemanden umbringen, wenn sich die Gelegenheit ergab.

Insbesondere, wenn derjenige Carlo hieß.

Er hatte richtig geraten: Catarella war am Apparat.

»Ah, Dottori, Dottori! Was machen Sie, haben Sie noch geschlafen?«

»Nein Catarè, ich war schon wach. Was gibt’s?«

»Es gibt, dass es einen Bruch gegeben hat, bei dem sie eingebrochen haben.«

»Einen Einbruch? Und du wagst es, mir damit auf die Eier zu gehen?«

»Ich bitte um Vergebnis und Entschulligung, Dottori, aber …«

»Nix aber! Keine Vergebnis und keine Entschulligung! Du rufst sofort Augello an!«

Catarella war den Tränen nah.

»Aber das ist es ja gerade, was ich Ihnen sagen wollte, und ich bitte viermals um Vergebens, Dottori, aber der nämliche Dottori Augello ist seit heute früh entlassen.«

Montalbano stutzte. Nicht einmal eine Haushälterin konnte einfach so von heute auf morgen entlassen werden.

»Entlassen? Von wem denn?«

»Von Ihnen persönlich selber, Dottori. Sie haben ihn doch gestern Nachmittag entlassen!«

Da fiel es Montalbano wieder ein.

»Ich habe ihn in Urlaub gehen lassen, Catarè!«

»Was hab ich denn gesagt? Hab ich was anderes gesagt?«

»Sag mal, ist Fazio etwa auch entlassen worden?«

»Das wollte ich Ihnen gerade auch noch sagen. Auf dem Markt hat es eine Schlägerei gegeben, der Nämliche ist nämlich dort am Tatort.«

Es half alles nichts, Montalbano musste los.

»Also gut, und der Anzeigenerstatter ist da?«

Catarella antwortete nicht sofort.

»Da soll wo sein, Dottori?«, fragte er nach einer Weile.

»Im Kommissariat natürlich, wo sonst?«

»Dottori, woher soll ich wissen, wer da ist.«

»Ist er nun da oder nicht?«

»Wer?«

»Der Anzeigenerstatter.«

Catarella hüllte sich erneut in Schweigen.

»Pronto?«

Keine Antwort.

Offenbar war die Leitung tot.

Wie immer in solchen Momenten überkam den Commissario die irrationale kosmische Angst, der einzige Überlebende im gesamten Universum zu sein.

Er begann wie ein Verrückter in den Hörer zu brüllen.

»Pronto? Pronto?«

»Hier bin ich, Dottori.«

»Warum sagst du denn nichts?«

»Dottori, Sie nehmen’s mir doch nicht übel, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht weiß, wo ich mit diesem Stadtanzeiger hin soll?«

Ganz ruhig, Montalbano.

»Anzeigenerstatter, Catarè! Das ist derjenige, bei dem eingebrochen wurde.«

»Ah, der! Aber der heißt nicht Stadtanzeiger, sondern Piritone.«

Ein Name, der auf Sizilianisch so viel bedeutete wie »Furzkanone«. Konnte das sein?

»Bist du sicher, dass er Piritone heißt?«

»Dafür leg ich meine Hand ins Feuer, Dottori. Piritone Carlo.«

Fast hätte Montalbano laut aufgeschrien. Zwei Carlos am selben Morgen waren mehr, als er ertragen konnte.

In diesem Augenblick verspürte er eine tiefe Abneigung gegen alle Carlos dieser Erde.

»Und dieser Signor Piritone ist hier im Kommissariat?«

»Nein, Dottori, er hat angerufen. Er wohnt in der Via Cavurro dreizehn.«

»Ruf ihn an und sag ihm, dass ich komme.«

Livia war weder vom Klingeln des Telefons noch von seinem Geschrei aufgewacht.

Im Schlaf lag ein zartes Lächeln auf ihren Lippen.

Wahrscheinlich träumte die dumme Gans immer noch von ihrem Carlo.

Eine unbezähmbare Wut überfiel ihn.

Er nahm einen Stuhl, hob ihn an und ließ ihn auf den Boden krachen.

Livia fuhr erschrocken auf.

»Was war das?«

»Nichts, Entschuldigung. Ich muss gehen. Zum Mittagessen bin ich wieder da. Ciao.«

Fluchtartig verließ er das Zimmer, um keinen Streit vom Zaun zu brechen.

Die Via Cavour lag in dem Viertel von Vigàta, in dem die reichen Leute wohnten.

Der Architekt, der die Häuser entworfen hatte, hätte mindestens lebenslänglich verdient. Eines sah aus wie eine spanische Galeone aus der Zeit der Seeräuber, dem daneben hatte unverkennbar das Pantheon in Rom Modell gestanden …

Der Commissario parkte vor dem Haus Nummer dreizehn, das Ähnlichkeit mit der ägyptischen Mykerinos-Pyramide hatte, stieg aus und ging hinein. Linkerhand war die Pförtnerloge, eine Kabine aus Holz und Glas.

»In welchem Stock wohnt Signor Piritone?«

Der Pförtner, ein etwa fünfzig Jahre alter, großer und kräftiger Mann, machte den Eindruck, als ginge er regelmäßig ins Fitnessstudio. Er legte die Zeitung beiseite, die er gerade las, nahm die Brille ab, stand auf, öffnete die Tür seiner Loge und trat heraus.

»Keine Umstände«, sagte Montalbano. »Ich brauche nur …«

»Du brauchst jemanden, der dir die Fresse poliert«, sagte der Pförtner und hob die geballte Rechte.

Montalbano erschrak und machte einen Schritt rückwärts.

Was fiel dem Kerl eigentlich ein?

»Moment, warten Sie, das muss ein Missverständnis sein. Ich suche Signor Piritone, und ich bin …«

»Verschwinde, aber dalli, sonst mach ich dir Beine.«

Da platzte Montalbano der Kragen.

»Verdammt noch mal, ich bin Commissario Montalbano!«

Dem Portier stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben.

»Wirklich?«

»Willst du meinen Dienstausweis sehen?«

Der Portier errötete.

»Heilige Maria, stimmt! Jetzt erkenne ich Sie! Entschuldigung, aber ich dachte, da erlaubt sich jemand einen Scherz. Sie müssen entschuldigen. Allerdings wohnt hier kein Piritone.«

Natürlich, Catarella hatte ihm mal wieder einen falschen Namen untergejubelt.

»Und jemand, der so ähnlich heißt?«

»Dottor Peritore vielleicht?«

»Das könnte er sein. Welcher Stock?«

»Der zweite.«

Der Pförtner begleitete ihn zum Aufzug und hörte gar nicht mehr auf, sich unter Verbeugungen zu entschuldigen.

Eines Tages, dachte Montalbano, wird Catarella es mit seinen aus der Luft gegriffenen Namen noch schaffen, dass jemand die Nerven verliert und auf mich schießt.

Der elegante, blonde und hagere Brillenträger in den Vierzigern, der ihm öffnete, war ihm gar nicht so unsympathisch, wie er erwartet hatte.

»Buongiorno, ich bin Montalbano.«

»Kommen Sie doch herein, Commissario, bitte folgen Sie mir. Man hat mir Ihren Besuch schon angekündigt. Die Wohnung ist freilich noch unaufgeräumt. Meine Frau und ich wollten alles so lassen, wie wir es vorgefunden haben.«

»Ich würde mich gern umsehen.«

Schlafzimmer, Esszimmer, Gästezimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Küche und zwei Bäder – überall das reinste Chaos.

Die Türen der Schränke und Kommoden standen sperrangelweit offen, der Inhalt war auf dem Boden verstreut. Ein Regal war vollkommen leergefegt, die Bücher lagen überall kreuz und quer, die Schubladen von Schreibtisch und Beistelltischchen waren aufgerissen.

Das hatten Einbrecher und Polizisten beim Durchsuchen einer Wohnung gemeinsam. Ein Erdbeben hätte weniger Schaden angerichtet.

In der Küche empfing ihn eine blonde Dreißigjährige ebenfalls liebenswürdig und freundlich.

»Caterina, meine Frau.«

»Möchten Sie einen Espresso?«, fragte sie.

»Warum nicht?«, erwiderte der Commissario.

In der Küche hatten die Einbrecher nicht ganz so schlimm gewütet.

»Wir sprechen wohl am besten hier«, sagte Montalbano und setzte sich auf einen Stuhl.

Peritore setzte sich ebenfalls.

»Die Wohnungstür scheint nicht aufgebrochen worden zu sein«, sagte der Commissario. »Dann sind die Diebe wohl durchs Fenster gekommen?«

»Nein. Sie haben mit unserem Schlüssel aufgesperrt«, antwortete Peritore.

Er steckte eine Hand in die Hosentasche, zog einen Schlüsselbund heraus und legte ihn auf den Tisch.

»Den haben sie in der Diele liegen lassen.«

»Dann waren Sie zum Zeitpunkt des Einbruchs also gar nicht zu Hause?«

»Nein. Wir sind gestern Abend nach Punta Piccola gefahren, zu unserem Haus am Meer, und haben dort übernachtet.«

»Aha. Und wie sind Sie hier reingekommen, wenn die Einbrecher Ihre Schlüssel hatten?«

»Ich hinterlege immer einen Ersatzschlüssel beim Pförtner.«

»Verzeihung, ich habe immer noch nicht verstanden. Woher hatten die Einbrecher die Schlüssel?«

»Aus unserem Haus am Meer.«

»Während Sie dort übernachtet haben?«

»Genau.«

»Und dort wurde nichts gestohlen?«

»Doch, natürlich.«

»Dann gab es also zwei Einbrüche?«

»Genau.«

»Entschuldigen Sie bitte, Commissario«, sagte Signora Caterina und stellte den Espresso auf den Tisch. »Vielleicht ist es besser, wenn ich Ihnen alles erzähle, mein Mann kriegt die Dinge nicht so richtig auf die Reihe. Also: Heute Morgen um sechs sind wir beide mit leichten Kopfschmerzen aufgewacht und haben sofort gesehen, dass die Tür unseres Häuschens am Meer aufgebrochen war. Die Diebe haben uns mit Gas betäubt und hatten dann leichtes Spiel.«

»Und Sie haben nichts gehört?«

»Absolut nichts.«

»Merkwürdig. Denn sehen Sie: Bevor die Einbrecher Sie betäubt haben, sind sie gewaltsam in Ihr Haus eingedrungen, das haben Sie mir gerade gesagt. Und irgendein Geräusch …«

»Nun, wir waren …«

Die Signora errötete.

»Sie waren?«

»Sagen wir, ein wenig beschwipst. Wir haben unseren fünften Hochzeitstag gefeiert.«

»Ich verstehe.«

»Wir hätten vermutlich nicht mal einen Kanonenschuss gehört.«

»Fahren Sie fort.«

»Die Einbrecher haben in der Jacke von meinem Mann das Portemonnaie und den Ausweis mit der Adresse unserer Wohnung – dieser Wohnung hier – gefunden, und auch die Schlüssel für die Wohnung und das Auto. Sie sind in aller Ruhe ins Auto gestiegen und hierhergefahren, haben mitgenommen, was sie tragen konnten, und sind wieder abgehauen.«

»Und was haben sie mitgenommen?«

»Nun, von dem Haus am Meer außer dem Wagen relativ wenig. Unsere Eheringe, die Rolex meines Mannes, meine Uhr mit den Brillanten, eine Halskette von größerem Wert, zweitausend Euro in bar, unsere beiden Computer, die Handys und die Kreditkarten, die wir aber inzwischen haben sperren lassen.«

Was man so »relativ wenig« nennt.

»Und ein Seebild von Carrà«, fügte die Signora kühl hinzu.

Montalbano sprang auf.

»Ein Seebild von Carrà? Und das hatten Sie einfach so zu Hause?«

»Tja, wir hatten gehofft, dass niemand erkennt, wie wertvoll es ist.«

Aber die Einbrecher hatten es erkannt.

»Und hier?«

»Hier haben sie größere Beute gemacht. Darunter die Schmuckkassette mit meinem gesamten Schmuck.«

»Wertvolle Sachen?«

»Schmuck im Wert von rund eineinhalb Millionen Euro.«

»Was ist noch weg?«

»Die anderen vier Rolex-Uhren aus der Sammlung meines Mannes.«

»Das ist alles?«

»Fünfzigtausend Euro. Und …«

»Und?«

»Ein Guttuso, ein Morandi, ein Donghi, ein Mafai und ein Pirandello, den mein Schwiegervater seinem Sohn als Erbe hinterlassen hat«, sagte die Frau in einem einzigen Atemzug.

Alles in allem eine Kunstsammlung, die sich sehen lassen konnte.

»Eine Frage noch«, sagte der Commissario. »Wer wusste, dass Sie Ihren fünften Hochzeitstag in Ihrer Villa in Punta Piccola feiern?«

Die beiden sahen sich einen Moment an.

»Nun ja, unsere Freunde«, antwortete die Frau.

»Wie viele sind das?«

»Um die fünfzehn.«

»Haben Sie eine Haushälterin?«

»Ja.«

»Die wusste auch Bescheid.«

»Nein, die Haushälterin nicht.«

»Sind Sie gegen Einbruch versichert?«

»Nein.«

»Hören Sie«, sagte Montalbano und stand auf. »Sie müssen unverzüglich ins Kommissariat kommen und Anzeige erstatten. Ich möchte eine detaillierte Beschreibung des Schmucks, der Rolex-Uhren und der Bilder.«

»In Ordnung.«

»Und ich brauche eine Liste mit den Namen all Ihrer Freunde, die informiert waren, jeweils mit Adresse und Telefonnummer.«

Die Frau lachte kurz auf.

»Sie verdächtigen sie doch nicht etwa?«

Montalbano sah sie an.

»Meinen Sie, sie wären gekränkt?«

»Ganz bestimmt.«

»Dann sagen Sie ihnen nichts. Ich fahre voraus. Wir sehen uns im Kommissariat.« Er verabschiedete sich und ging.

Zwei

Im Kommissariat fiel ihm sofort auf, dass Catarella angespannt und bedrückt wirkte.

»Was ist denn los?«

»Nichts, Dottori.«

»Du weißt, dass du mir alles sagen kannst. Komm schon, raus mit der Sprache.«

Da platzte es aus Catarella heraus.

»Ach, es ist doch nicht meine Schuldigkeit, Dottori, wenn der Dottori Augello entlassen wurde! Und wenn Fazio zum Markt fahren musste! An wen hätte ich mich denn wenden sollen? Wer ist mir denn noch geblieben? Sie ganz allein! Und Sie haben mich so schlecht behandelt!«

Um seine Tränen vor Montalbano zu verbergen, hatte er den Oberkörper halb abgewandt.

»Entschuldige, Catarè, ich war heute Morgen nervös, aber das hatte nichts mit dir zu tun. Entschuldige nochmals.«

Kaum hatte er hinter seinem Schreibtisch Platz genommen, kam auch schon Fazio herein.

»Dottore, verzeihen Sie bitte, dass ich nicht an Ihrer Stelle hingehen konnte, aber die Schlägerei auf dem Markt …«

»Heute ist offenbar der Tag der Entschuldigungen. Gut, setz dich und lass dir von diesem Einbruch erzählen.«

Als Montalbano fertig war, wog Fazio bedächtig den Kopf.

»Merkwürdig«, sagte er.

»Ja, ein perfekter Einbruch. Etwas derart minutiös Geplantes hat es in Vigàta noch nie gegeben.«

Fazio schüttelte den Kopf.

»Ich meinte nicht die minutiöse Planung, sondern die auffälligen Parallelen.«

»Worauf willst du hinaus?«

»Vor drei Tagen gab es einen Einbruch nach haargenau demselben Muster.«

»Und warum weiß ich davon nichts?«

»Weil Sie gesagt haben, dass man Ihnen mit Einbruchsgeschichten nicht auf die Eier gehen soll. Dottor Augello hat sich mit dem Fall befasst.«

»Erzähl mir davon.«

»Kennen Sie Rechtsanwalt Lojacono?«

»Emilio? Den dicken Fünfzigjährigen mit dem hinkenden Gang?«

»Den meine ich.«

»Und was ist mit ihm?«

»Seine Frau fährt jeden Samstagmorgen zu ihrer Mutter nach Ravanusa.«

»Ein leuchtendes Beispiel für die Liebe eines Kindes zu seinen Eltern, aber was soll der Quatsch? Was hat das mit unserem Fall zu tun?«

»Einiges. Nur Geduld. Sie kennen doch die Dottoressa Vaccaro?«

»Die Apothekerin?«

»Genau die meine ich. Auch ihr Mann fährt jeden Samstagmorgen weg, um seine Mutter zu besuchen, in Favara.«

Montalbano wurde allmählich ungeduldig.

»Kommst du jetzt endlich zum Punkt?«

»Ich bin gleich so weit. Rechtsanwalt Lojacono und die Dottoressa Vaccaro nutzen die Abwesenheit ihrer Partner, um den Samstagabend in trauter Zweisamkeit im Landhaus des Anwalts zu verbringen.«

»Seit wann haben die beiden etwas miteinander?«

»Seit über einem Jahr.«

»Und wer weiß davon?«

»Die ganze Stadt.«

»Na prima. Und wie lief der Einbruch ab?«

»Der Anwalt ist bekannt für seine festen Gewohnheiten, von denen er niemals abweicht. Wenn er mit seiner Geliebten ins Landhaus fährt, legt er beispielsweise den Schlüssel immer auf den Fernseher, und der steht einen Meter von einem Fenster entfernt, das er immer gekippt lässt, Tag und Nacht, Sommer wie Winter. So weit klar?«

»Ja.«

»Die Einbrecher haben eine drei Meter lange Holzstange mit einem Magneten dran durch das Gitter und das Fenster geschoben und sich damit den Schlüsselbund vom Fernseher geangelt.«

»Woher wisst ihr das mit der Stange?«

»Die haben wir am Tatort gefunden.«

»Weiter.«

»Mit dem Schlüssel haben sie das Tor geöffnet, ohne Lärm zu machen, dann sind sie ins Schlafzimmer eingedrungen und haben den Anwalt und die Dottoressa mit Gas betäubt. Sie haben die Wertsachen mitgenommen, sind in die beiden Autos gestiegen – die Dottoressa war mit ihrem eigenen Wagen gekommen – und dann nach Vigàta gefahren, um die beiden Wohnungen auszurauben.«

»Dann waren die Einbrecher also mindestens zu dritt.«

»Warum?«

»Weil es einen dritten gegeben haben muss, der das Auto gefahren hat.«

»Stimmt.«

»Kannst du mir erklären, warum die lokalen Fernsehsender nicht über diesen Fall berichtet haben?«

»Weil wir gute Arbeit geleistet haben. Wir wollten einen Skandal vermeiden.«

In diesem Moment kam Catarella herein.

»Ich bitte vielmals um Entschulligung, aber soeben gerade in diesem Augenblick sind die Signori Piritone eingetroffen.«

Montalbano sah ihn scharf an, enthielt sich aber einer Bemerkung.

Sonst hätte Catarella womöglich wieder angefangen zu weinen.

»Heißen die wirklich so?«, fragte Fazio verblüfft.

»Ach, woher! Sie heißen Peritore. Du rufst sie in dein Büro, nimmst die Strafanzeige auf, lässt dir die Liste geben und kommst dann gleich wieder zu mir.«

Nachdem Montalbano eine halbe Stunde lang Dokumente unterschrieben hatte, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten, läutete das Telefon.

»Dottori, Ihre Verlobte ist hier.«

»Hier im Kommissariat?«

»Nein, hier in der Leitung.«

»Sag ihr, ich bin nicht da«, platzte es aus ihm heraus.

Catarella wunderte sich bestimmt.

»Dottori, ich bitte um Verständigung und Ergebnis, aber vielleicht haben Sie nicht richtig verstanden, wer in der Leitung ist. Die nämliche Person ist nämlich Ihre Verlobte Livia, ich weiß nicht, ob das jetzt klar geworden ist …«

»Hab schon verstanden, Catarè. Ich bin nicht da.«

»Wie Sie wünschen.«

Doch schon im nächsten Moment bereute Montalbano seine Worte. Was für einen Blödsinn verzapfte er da eigentlich? Er benahm sich wie ein Bengel, der sich mit einer Halbwüchsigen gezankt hatte. Wie sollte er das bloß wieder geradebiegen? Da kam ihm eine Idee.

Er stand auf und ging zu Catarella.

»Gib mir mal kurz dein Handy.«

Catarella reichte es ihm. Montalbano ging damit auf den Parkplatz, stieg in seinen Wagen und fuhr los. Als er mitten im Verkehr steckte, wählte er Livias Nummer.

»Pronto, Livia? Ich bin’s, Salvo. Catarella sagt, du hast … Ich bin gerade im Auto, also fass dich kurz und sag mir, worum es geht.«

»Deine Adelina ist wirklich gut!«, legte Livia los.

»Was hat sie denn gemacht?«

»Erst einmal stand sie plötzlich wie aus heiterem Himmel vor mir, und ich hatte gar nichts an! Sie hat nicht mal geläutet!«

»Entschuldige, aber warum sollte sie? Sie konnte doch nicht wissen, dass du da bist. Und sie hat ja einen Schlüssel …«

»Du verteidigst sie natürlich, wie immer! Und weißt du, was sie gesagt hat, als sie mich gesehen hat?«

»Nein.«

»Sie hat gesagt, oder zumindest glaube ich, das verstanden zu haben, sie redet ja in eurem afrikanischen Dialekt: ›Ach, Sie sind da? Na, dann geh ich wieder. Buongiorno.‹ Damit hat sie sich umgedreht und ist gegangen!«

Montalbano beschloss, über den afrikanischen Dialekt hinwegzusehen.

»Livia, du weißt sehr gut, dass Adelina dich nicht ausstehen kann. Es ist die alte Geschichte! Muss es denn wirklich sein, dass jedes Mal …«

»Ja, muss es. Ich kann sie nämlich auch nicht ausstehen!«

»Siehst du, dann war es doch richtig, dass sie gegangen ist.«

»Lassen wir das, es hat ja doch keinen Sinn. Ich fahre jetzt mit dem Bus nach Vigàta.«

»Wozu?«

»Zum Einkaufen! Du willst doch zu Mittag essen oder?«

»Natürlich will ich zu Mittag essen! Aber du brauchst dir keine solche Mühe zu machen, wirklich nicht. Du bist doch hergekommen, um zwei Tage auszuspannen.«

Elender Heuchler! Die Wahrheit lautete, dass Livia überhaupt nicht kochen konnte und sein Magen nach jedem ihrer Kochversuche rebellierte.

»Was machen wir dann?«

»Ich hol dich gegen eins mit dem Auto ab, und dann gehen wir zu Enzo. Genieß du inzwischen die Sonne.«

»In Boccadasse hab ich Sonne, so viel ich will.«

»Das bezweifle ich nicht. Aber meine Idee war, dass du sie dir hier von vorn draufscheinen lässt, also auf das Gesicht und die Brust, und in Boccadasse dann von hinten, also auf den Rücken.«

Er biss sich auf die Zunge. Er hatte es sich einfach nicht verkneifen können.

»Was redest du denn da für einen Schwachsinn«, sagte Livia.

»Nichts, entschuldige, war nur ein Witz. Bis später.«

Er fuhr ins Büro zurück.

Eine Stunde später kam Fazio.

»Alles erledigt. War allerdings eine zeitraubende Angelegenheit. Die Einbrecher haben fette Beute gemacht, so viel steht fest.«

»Und bei dem anderen Einbruch?«

»Da gab es weniger Wertsachen, aber sie haben ja zwei Wohnungen ausgeraubt, da kam auch einiges zusammen.«

»Sie müssen einen Tippgeber haben, der sich gut auskennt.«

»Aber der Kopf der Bande ist auch nicht ohne.«

»Von denen werden wir bestimmt noch hören. Haben sie dir die Liste mit den Namen ihrer Freunde gegeben?«

»Ja.«

»Heute Nachmittag fängst du mit der Überprüfung an.«

»In Ordnung. Ach ja, Dottore, ich habe Ihnen eine Kopie gemacht.«

Er legte ein Blatt Papier auf den Schreibtisch.

»Wovon?«

»Von der Liste mit den Freunden der Peritores.«

Als Fazio gegangen war, rief er Adelina an.

»Warum haben Sie mir denn nicht gesagt, dass Ihre Verlobte da ist?«, fragte die Haushälterin vorwurfsvoll.

»Weil ich selbst nicht wusste, dass sie kommt. Es sollte eine Überraschung sein.«

»Für mich war es auch eine schöne Überraschung! Sie war splitternackt!«

»Hör zu, Adelina …«

»Wann fährt sie wieder?«

»In zwei, drei Tagen. Ich geb dir Bescheid, keine Sorge. Sag mal, ist dein Sohn im Moment auf freiem Fuß?«

»Welcher?«

»Pasquali.«

Adelina hatte zwei Söhne, Giuseppe und Pasquale, die als Kleinkriminelle immer wieder im Gefängnis landeten.

Pasquale war von Montalbano schon ein paarmal verhaftet worden, trotzdem mochte er den Comissario sehr und hatte ihn – zu Livias Entsetzen – sogar gebeten, der Taufpate seines Sohnes zu werden.

»Ja, der ist gerade draußen. Giuseppe nicht. Er sitzt in Palermo im Gefängnis.«

»Könntest du Pasquali fragen, ob er morgen Nachmittag, sagen wir, gegen vier, ins Kommissariat kommen kann?«

»Was hat er denn angestellt? Wollen Sie ihn verhaften?«

Adelinas Stimme klang besorgt.

»Keine Sorge, Adelì. Ehrenwort. Ich möchte nur mit ihm reden.«

»Wie Sie wünschen.«

Er holte Livia ab, die auf der Veranda saß und ein Buch las. Sie war gereizt und wortkarg.

»Wo wollen wir hin?«

»Keine Ahnung.«

»Wie wär’s mit Enzo?«

»Keine Ahnung.«

»Oder lieber zu Carlo?«

Es gab gar kein Restaurant dieses Namens, aber angesichts des freundlichen Empfangs, den Livia ihm bereitete, beschloss er, den Kampf anzunehmen.

Wie auch immer er ausgehen mochte.

»Keine Ahnung«, sagte Livia zum dritten Mal mit gespielter Gleichgültigkeit.

Bei der Nennung des Namens Carlo hatte sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

»Weißt du was, wir gehen zu Enzo und fertig.«

Aus reiner Boshaftigkeit las Livia noch fünf Minuten in ihrem Buch und ließ Montalbano neben sich stehen, als wäre er Luft.

Enzo, der Wirt, gab alles, um Livia seinen Respekt und seine Bewunderung zu bekunden.

»La billizza! Wie schön! Welche Freude, Sie wiederzusehen!«

»Danke.«

»Ihr Anblick ist die reinste Augenweide! Das pure Entzücken! Verraten Sie mir doch, wie es sein kann, dass Sie mit jedem Mal, das ich die Ehre habe, Sie hier zu sehen, noch schöner geworden sind?«

Ein Lächeln wie ein Sonnenstrahl vertrieb die dunklen Wolken in Livias Gesicht.

W

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