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Das Lächeln der Fortuna

Über das Buch

EIN FASZINIERENDES RITTEREPOS VOR DEM HINTERGRUND GROSSER GESCHICHTE

England 1360: Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earls, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft.

Aber Robin geht seinen Weg, der ihn schließlich zurück in die Welt von Hof, Adel und Ritterschaft führt. An der Seite des charismatischen Duke of Lancaster erlebt er Feldzüge, Aufstände und politische Triumphe – und begegnet Frauen, die ebenso schön wie gefährlich sind.

Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber …

Über die Autorin

Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin und lebt mit ihrem Mann am Niederrhein und auf Mallorca. Ihre historischen Romane und ihr Buch zur Geschichte des englischen Mittelalters wurden allesamt Bestseller und in viele Sprachen übersetzt.

Besonders ihre Romane um das Schicksal der Familie Waringham genießen bei Historienfans mittlerweile Kultstatus.

www.gable.de

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für

MJM

I am derely to yow biholde

Bicause of your sembelaunt

And euer in hot and colde

To be your trwe seruaunt.

 

Der jammervollen Welten Wandlungen

Zum Guten wie zum Üblen, bald Elend, bald Ehre

Ohne alle Ordnung oder weisen Ratschluß

Sind sie bestimmt von Fortunas Wankelmut.

Und dennoch, ihr Mangel an Gnade

Wird mich nicht hindern zu singen, müßt ich auch sterben

All meine Zeit und mein Schaffen sind verloren

Doch letztlich, Fortuna, werde ich Dir trotzen

Noch ist mir das Licht meines Geistes geblieben

Freund und Feind zu erkennen in Deinem Spiegel

Das hat Dein Drehen und Winden,

Dein Auf und Ab mich gelehrt.

Doch wahrlich, keine Macht hat Deine Arglist

Über den, der sich selbst beherrscht

Meine Duldsamkeit soll mein Trost sein

Denn letztlich, Fortuna, werde ich Dir trotzen

Geoffrey Chaucer

DRAMATIS PERSONAE

Es folgt eine Aufstellung der wichtigsten Figuren in möglichst sinnvoller Anordnung, wobei die historischen Personen mit einem * gekennzeichnet sind. Stammbäume der Häuser Plantagenet und Lancaster sowie eine Übersicht über die historischen Ereignisse finden sich im Anhang.

Waringham

Robert of Waringham, genannt Robin

Agnes, seine Schwester

Isaac, sein Freund, möglicherweise sein Bruder

Conrad, Stallmeister von Waringham

Maria, seine Frau

Elinor, ihre Tochter

Stephen, Conrads rechte Hand

Geoffrey Dermond, Earl of Waringham

Matilda, seine Frau

Mortimer, ihr Sohn

Blanche Greenley, Mortimers Frau

Mortimer, ihr Sohn

Alice Perrers*, Matildas Nichte

Leofric, der Findling

Plantagenet

Edward III.*, König von England

Edward of Woodstock, der Schwarze Prinz*, sein ältester Sohn

John of Gaunt*, Duke of Lancaster, sein mächtigster Sohn

Edmund of Langley*, später Duke of York, sein dümmster Sohn

Thomas of Woodstock*, später Duke of Gloucester, sein gefährlichster Sohn

Joan of Kent*, Gemahlin des Schwarzen Prinzen

Richard of Bordeaux*, ihr Sohn, später Richard II.

Blanche of Lancaster*, Lancasters erste Gemahlin

Henry Bolingbroke*, ihr Sohn

Constancia von Kastilien*, Lancasters zweite Gemahlin

Katherine Swynford*, Lancasters Geliebte und dritte Gemahlin

John Beaufort*, ihr Sohn

Henry Beaufort*, später Bischof von Lincoln, ihr Sohn

Henry of Monmouth*, genannt ›Harry‹ of Lancaster,

Sohn Bolingbrokes und seiner Gemahlin Mary Bohun*

Fernbrook und Burton

Oswin, der Taugenichts

Gisbert Finley, Robins Cousin

Thomas, Joseph und Albert, seine Brüder

Giles, Earl of Burton

Giles, sein Sohn

Joanna, seine Tochter, Robins Gemahlin

Anne, Edward und Raymond, ihre Kinder

Christine und Isabella, Joannas Schwestern

Luke, der Schmied

Hal, der Stallknecht

Francis Aimhurst, Robins Knappe

Tristan Fitzalan, jüngster Sohn des Earls of Arundel*,

ebenfalls Robins Knappe

London, Ritterschaft und Adel

Henry Fitzroy, ein walisischer Ritter

Peter de Gray, ein verrückter Ritter

Geoffrey Chaucer*, Dichter, Diplomat und Hofbeamter

Roger Mortimer*, Earl of March

Peter de la Mare*, seine rechte Hand

Henry Percy*, Marschall von England und

Earl of Northumberland

Henry ›Hotspur‹ Percy*, sein Sohn

Thomas Beauchamp*, Earl of Warwick, Appellant

William Montagu*, Earl of Salisbury

Thomas Holland*, Earl of Kent, König Richards Halbbruder

John Holland*, sein Bruder

Robert de Vere*, Earl of Oxford, später Marquess of Dublin und Duke of Ireland

Sir William Walworth*, Bürgermeister von London

Sir Robert Knolles*, Glücksritter

Sir Patrick Austin, sein unehelicher Sohn, Befehlshaber der königlichen Leibwache

Wat Tyler*, Bauernführer

Richard Fitzalan*, Earl of Arundel, Appellant

Thomas Mowbray*, Earl of Northampton, später Duke of Norfolk, Appellant

Thomas Hoccleve*, Dichter, Hofbeamter und zumindest in jungen Jahren ein Taugenichts

Kirchenmänner

Jerome of Berkley, Abt von St. Thomas

Bruder Anthony, der Zorn Gottes

Vater Gernot, Dorfpfarrer von Waringham

Vater Horace, Dorfpfarrer von Fernbrook

William Wykeham*, Bischof von Winchester

Dr. John Wycliffe*, Kirchenreformer, Professor in Oxford, vielleicht ein Ketzer

Lionel, sein Schüler, Robins Schulfreund

Simon Sudbury*, Erzbischof von Canterbury und Kanzler von England

William Courtenay*, Bischof von London, später Erzbischof von Canterbury

William Appleton*, Franziskaner, Lancasters Leibarzt und Ratgeber

John Ball*, vox populi

Thomas Fitzalan*, Bischof von Ely, später Erzbischof von York

Image

1360–1361

»Wenn sie uns erwischen, wird es sein, als sei das Jüngste Gericht über uns hereingebrochen«, prophezeite Lionel düster. Sein rundes Jungengesicht wirkte besorgt, und er schien leicht zu frösteln. Eine schwache Brise bauschte seine Novizenkutte auf.

»Du kannst immer noch umkehren«, erwiderte Robin kühl. Er war beinah einen Kopf größer als sein gleichaltriger Schulkamerad, und er nutzte diesen Größenunterschied, um verächtlich auf ihn hinabzublicken.

Lionel war oft der verzagtere und immer der vernünftigere von beiden. Doch seine Furcht, vor seinem Freund an Gesicht zu verlieren, war größer als die vor den möglichen Folgen ihres Unterfangens. »Wofür hältst du mich?«

»Das kommt darauf an …«

Sie grinsten sich zu. Robin konnte das Gesicht seines Freundes schwach erkennen, und er sah seine Zähne aufblitzen. Die Nacht war nicht dunkel, denn in zwei Tagen war Vollmond. Zu ihrer Rechten erahnten sie die Umrisse des Kapitelsaals, wo die Mönche ihre täglichen Versammlungen abhielten. Er bildete die nördliche Begrenzungsmauer des Kreuzganges. Genau vor ihnen lag der schnurgerade Weg zum Haupttor. Die alten Linden, die ihn säumten, standen reglos in der Finsternis, wie eine Reihe Soldaten vor einem Nachtangriff. Robin und Lionel nahmen diesen Weg jedoch nicht. Lautlos überquerten sie den grasbewachsenen Innenhof, umrundeten den Fischteich und glitten schließlich in den schwarzen Schatten der Klostermauer, die sich zu beiden Seiten erstreckte und nach ein paar Ellen mit der Dunkelheit verschmolz.

Lionel ging drei Schritte nach rechts und blieb dann stehen. »Hier ist es am besten«, wisperte er. »Auf der anderen Seite steht ein Baum, an dem wir hinunterklettern können.«

Robin sah an der Mauer hinauf und nickte. »Du zuerst.«

Er machte eine Räuberleiter, und Lionel legte eine Hand auf seine Schulter, stellte den rechten Fuß in Robins ineinander verschränkte Hände und stieg hoch. Er bekam die Mauerkante zu fassen und zog sich mit seinen kräftigen Armen hinauf. Dann brachte er sich in eine sitzende Haltung, ließ die Beine baumeln und spähte hinunter. »Und jetzt?«

»Leg dich auf den Bauch, laß die Beine zur anderen Seite hinunterhängen und zieh mich hoch. Ganz einfach.«

»O ja. Wirklich ganz einfach. Warum lasse ich mich nur immer auf deine Torheiten ein, Waringham, kannst du mir das sagen?«

Robin streckte ihm die Hand entgegen. »Wer ist der größere Tor? Der Tor oder der Tor, der ihm folgt?«

Lionel wußte wie so oft keine Antwort. Er packte zu, und schließlich saßen sie beide keuchend oben auf der Mauer. Sie spürten nicht mehr, daß die Septembernacht kühl war, sie waren sogar ein bißchen ins Schwitzen gekommen. Also verschnauften sie einen Augenblick.

Der Baum war eine uralte Weide. Sie überragte die Klostermauer ein gutes Stück, und ihre zahlreichen knorrigen Äste reichten fast bis zum Boden. Man konnte daran hinabklettern wie an einer Leiter. Die Äste ächzten leise, und das Laub raschelte, als die beiden Ausreißer sich an den Abstieg begaben. Ein paar lange, schmale Blätter schwebten lautlos zu Boden.

»Ich hoffe nur, Oswin hat unsere Verabredung nicht verschlafen«, raunte Robin. »Dann war die ganze Mühe umsonst.«

»Wehe«, schnaubte Lionel. »Ich schlag’ ihm seine Pferdezähne ein, wenn er uns versetzt!«

»Ho, Mönchlein, große Worte für eine halbe Portion wie dich«, ertönte plötzlich eine leise Stimme hinter ihnen. »Hier bin ich schon.« Aus dem Schatten löste sich eine dunkle Gestalt und kam auf sie zu.

»Ich wünschte, du würdest mich nicht immer so nennen.« Lionel seufzte unglücklich.

»Wie? Mönchlein? Aber das bist du doch, oder etwa nicht?« Er beachtete Lionel nicht weiter und schlug Robin freundschaftlich auf die Schulter. »Waringham, alter Galgenvogel. Laß uns zuerst das Geschäft erledigen, wenn’s dir recht ist.«

Sein Ton hatte sich leicht verändert. Seit Oswin in den Stimmbruch gekommen war und seine Schultern so breit wie die seines Vaters geworden waren, war er für die Klosterschüler ein gottähnliches Idol, das sie mit unerschütterlicher Hingabe verehrten. Oswin behandelte sie dementsprechend mit gebotener Herablassung. Sein Vater war Stallknecht und kümmerte sich um die kleine Schar Pferde und Maultiere, die die Abtei von St. Thomas besaß. Seit er im Krieg gewesen war, trank er, und es war Oswin, der den Großteil der Arbeit erledigte. Er schuftete von früh bis spät, bereitete für sie beide die Mahlzeiten, wurde nicht selten am Abend ins Wirtshaus gerufen, um seinen betrunkenen Vater abzuholen, und erntete gelegentlich zum Dank ein blaues Auge. Niemand dachte im Traum daran, ihn zur Schule zu schicken, ihn lesen zu lehren und all die anderen Dinge, die die Schüler des klösterlichen Internats lernten. Oswin würde immer bleiben, was er war. Und trotzdem beneideten sie ihn, die Söhne von Landadeligen und reichen Kaufleuten. Um seine Freiheit und seine prahlerische Männlichkeit.

Nur auf Robin hatte er weder mit Großspurigkeit noch mit seinen meist gutmütigen Einschüchterungen Eindruck machen können. Vielleicht war das der Grund, warum er den jungen Waringham von all diesen kleinen Bücherwürmern am liebsten mochte und ihm allein Zugang zum Pferdestall gestattete.

Robin legte einen Farthing in Oswins ausgestreckte Hand. Sein Gegenüber ließ die kleine Münze mit einem zufriedenen Grinsen verschwinden. »Ziemlich knauserig für einen reichen Mann.«

Robin schüttelte kurz den Kopf. »Bringst du uns dafür hin oder nicht?«

Oswin tat, als zögere er. Als er feststellte, daß Robin nicht noch einmal in die kleine Tasche am Ärmel seiner Kutte greifen würde, brummte er mit gespielter Verstimmtheit: »Meinetwegen. Dann kommt.«

Er wandte ihnen seinen breiten Rücken zu, und die beiden Jungen folgten ihm eilig. Sie liefen etwa eine Meile über die feuchten Wiesen, die das Kloster umgaben. Dann gelangten sie an ein kleines Flüßchen, das sie auf einem Holzsteg überquerten. Dahinter erhoben sich die ersten Häuser von Curn, einem kleinen Dorf, kaum mehr als ein Weiler, wo die Bauern lebten, die die klösterlichen Felder bewirtschafteten. Oswin führte sie auf einem staubigen Weg an der armseligen Holzkirche vorbei, am Haus des Dorfpfarrers und dem Wirtshaus. Damit ließen sie den Dorfplatz hinter sich, und die Häuser wurden wieder spärlicher.

Sie sprachen nicht, und es gab auch nichts zu bereden. Das Geschäft mit Oswin war über mehrere Wochen verhandelt worden und vor zwei Tagen zum Abschluß gekommen. Er hatte seinen Lohn, und er wußte, was sie dafür wollten. Weder Robin noch Lionel verspürten Neigung, dem anderen einzugestehen, daß sie weiche Knie hatten und kaum genug Spucke im Mund, um zu schlucken.

Plötzlich hielt Oswin an. »Hier ist es«, raunte er. »Wartet hier. Und seid um Himmels willen leise!«

Er hatte sie zu einem kleinen Holzhaus gebracht, das noch armseliger schien als die anderen. Das Dach neigte sich in einem verwegenen Winkel, als wolle es jeden Moment abstürzen. Es gab keinen Kamin. Nur ein einziges Fenster neben der Tür gähnte sie schief an wie das Maul eines Ungeheuers. Ein wenig Rauch und zuckendes Licht drangen heraus.

Oswin näherte sich weder Fenster noch Tür. Er trat statt dessen an die Rückwand des Häuschens, beugte sich ein wenig vor und stand dann still. So verharrte er so lange, bis die beiden Jungen ungeduldig wurden. Magisch angezogen traten sie näher.

»Was ist?« flüsterte Robin, heiser vor Aufregung.

Oswin wandte sich zu ihm um und legte einen Finger an die Lippen. »Jungs, ihr kriegt wirklich was geboten für euer Geld«, versprach er tonlos. Dann winkte er sie näher und wies mit den Zeigefingern auf zwei Astlöcher in der Wand, nahe nebeneinander, eins höher, das andere niedriger. Ermutigend klopfte er Robin die Schulter und schlenderte anschließend Richtung Wirtshaus davon, zweifellos, um festzustellen, wie betrunken sein Vater inzwischen war.

Robin überließ Lionel das niedrigere Loch, lehnte behutsam die Stirn an die rohe Holzwand und spähte durch die höhere Öffnung hinein. Zuerst konnte er nicht viel erkennen. Drinnen schien es dunkler zu sein als hier draußen. Er war enttäuscht und erleichtert zugleich. Gerade, als er sich abwenden und von Oswin sein Geld zurückfordern wollte, erhaschte er eine Bewegung. Und dann erkannte er mit einemmal Formen und hielt den Atem an.

Das Häuschen bestand nur aus einem einzigen Raum. Nahe der Tür befand sich eine kleine Kochstelle. Das Holz war fast heruntergebrannt, nur hier und da züngelten noch Flammen aus der Glut. An der Wand zur Linken war ein Bett, ein üppiges Strohlager mit einer Wolldecke darauf. Und auf dem Bett saß Emma, die Witwe des Kuhhirten, der diese jämmerliche Hütte gehörte. Es hieß, sie sei siebzehn gewesen, als ihr Mann vor zwei Jahren von einem wilden Stier aufgespießt worden war, und es hieß weiter, daß Emma sich ihre Witwenschaft nicht sonderlich zu Herzen nahm. Sie war eine lebenslustige junge Frau, und sie war wunderschön. Die Schüler von St. Thomas ließen sich keine Gelegenheit entgehen, einen Blick auf sie zu werfen, wenn sie gelegentlich sonntags das Hochamt in der Klosterkirche besuchte, und tagelang schwärmten sie heimlich oder offen von dem, was sie gesehen hatten.

»Was betet ihr sie aus der Ferne an?« hatte Oswin halb verächtlich, halb belustigt gefragt. »Für einen halben Penny könnt ihr sie haben.«

Sie hatten nicht so recht verstanden, was er meinte, und Bruder Anthony hatte ihre Unterhaltung unterbrochen und Oswin vom Schulgelände gejagt, ehe sie ihn um eine Erklärung bitten konnten. Doch Oswin hatte offenbar recht gehabt. Denn Emma war nicht allein. Und sie war nackt.

Fassungslos starrte Robin auf ihre großen Brüste, die ihm riesig vorkamen, wie Euter. Er dachte an den verstorbenen Kuhhirten und unterdrückte ein nervöses Kichern. Ihre Haut erschien im schwachen Feuerschein kupferfarben, die Höfe und Warzen ihrer großzügigen Brüste schwarz. Nicht zum erstenmal spürte Robin dieses unerklärliche, herrliche und gleichzeitig schreckliche Gefühl irgendwo tief unten in seinem Körper. Aber es war noch nie so heftig gewesen. Er glaubte, das Gefühl wolle ihn in die Knie zwingen, es war, als müsse er sich zusammenkrümmen.

Der Mann, der neben dem Bett stand, war Cuthbert der Schmied. In der schwachen Glut zeichneten sich die mächtigen Muskeln seiner Arme und Schultern deutlich ab, und Robin glaubte zu erkennen, daß Emmas Blick bewundernd darüberstreifte. Cuthbert sah auf sie hinunter, offenbar ebenso gebannt wie Robin. Dann erwachte er zum Leben. Er legte die Hände auf ihre Brüste, und Emma ließ sich zurückfallen, bis sie ausgestreckt auf dem Rücken lag, ihre kastanienfarbenen Locken umgaben ihr Gesicht wie ein dunkler Schleier. Sie schloß die Augen, und ihr wunderbarer, kirschroter Mund lächelte zufrieden, während die rauhen Hände des Schmieds sanft über ihre Haut glitten. Dann ließ er sie plötzlich los, legte die Hände auf ihre angewinkelten Knie und schob sie auseinander. Robin stockte beinah der Atem. Gleich darauf verdeckte der breite Körper des Mannes dem Jungen die Sicht. Der Schmied legte sich zwischen Emmas Beine, und sofort begannen die beiden Körper, sich in einem langsamen, wunderbar harmonischen Rhythmus zu bewegen. Robin wußte, was sie taten. Der Unterschied zu Kühen oder Schafen oder Pferden war nicht so groß, daß er es nicht verstanden hätte, trotzdem war es völlig anders. Ihm wurde ungeheuer heiß. Der Rhythmus der beiden Körper wurde schneller und schneller, bis sie zuckten und sich wanden und ein bißchen grotesk wirkten. Und dann hörte er einen seltsamen Laut. Er verstand nicht gleich, was es war. Aber dann erklang der Laut wieder, diesmal lauter. Sie stöhnte. Und dann stöhnte er auch. Aber es war nicht, als hätten sie Schmerzen. Es war, als ob … als ob … Er fand kein Wort dafür.

Seine Handflächen, die er links und rechts neben den Kopf an die Wand gelegt hatte, waren feucht. Seine Augen brannten. Er wußte nicht, wie lange er schon starrte, ohne zu blinzeln. Und dann lag plötzlich eine energische Hand auf seiner Schulter und riß ihn von dem Astloch weg.

Robin fuhr entsetzt zusammen und unterdrückte im letzten Moment einen Laut. Erwischt! dachte er wütend. Sie haben uns erwischt!

Aber es war nur Lionel. Er starrte ihn mit riesigen Augen an, und sein Gesicht schien im fahlen Mondlicht kalkweiß. Wortlos zerrte er Robin von der Hauswand weg, bis sie außer Hörweite waren.

»O mein Gott, ist mir schlecht«, keuchte Lionel gepreßt.

»Was? Warum?« fragte Robin verständnislos. Er war immer noch benommen, halb dankbar, daß er dem beunruhigenden Schauspiel nicht länger folgen mußte, halb enttäuscht.

Lionel schüttelte sich unwillkürlich. »In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts so Abscheuliches gesehen!«

Robin schwieg betroffen. Er hatte es nicht abscheulich gefunden. Keineswegs.

»Jetzt verstehe ich, was die Brüder meinen, wenn sie von der Sünde des Fleisches reden. Wer das tut, muß einfach in die Hölle kommen!«

»Blödsinn. Was, glaubst du, haben deine Eltern gemacht, bevor du geboren wurdest?«

Lionel war schockiert. »Bestimmt nicht das

Robin grinste vor sich hin. »Also ehrlich, manchmal bist du wirklich zu dämlich.«

»Was soll das heißen? Was willst du über meine Eltern sagen?«

Robin hörte deutlich den drohenden Unterton. »Gar nichts.« Er hob begütigend die Hände. »Nur, daß es natürlich ist. Alles Leben entsteht so. Es ist nicht schmutzig. Das reden sie uns nur ein. Und der Teu… ich meine, ich wüßte zu gerne, warum.«

»Es ist nicht natürlich«, widersprach Lionel heftig. »Es ist falsch und sündig. Die Frauen sind daran schuld. Sie tragen immer noch die Sünde Evas mit sich. Das sagt Bruder Philippus. Und jetzt glaube ich das auch. Wie sie ihn angesehen hat! So voller … Gier! Und wie kalt sie gelächelt hat. Was für eine Hexe sie doch ist. Ich weiß nicht, wie sie mir je gefallen konnte. Nein, ich glaube, jede Frau ist mit Satan im Bunde.«

Was Lionel sagte, hörte Robin nicht zum erstenmal. Bruder Philippus hatte ihnen aus vielen Büchern gelehrter Männer vorgelesen, die alle das gleiche sagten. Aber er konnte es einfach nicht glauben. Er dachte immer an seine Mutter, wenn er hörte, daß alle Frauen sündig seien, daß sie von Natur aus größere Sünder seien als Männer, daß sie überhaupt die Sünde in die Welt gebracht hatten und daß eigentlich nur Jungfrauen in den Himmel kommen konnten. Dazu zählte seine Mutter eindeutig nicht, denn sie war verheiratet gewesen und hatte fünf Kinder geboren. Aber sie war ihm trotzdem immer als das vollkommenste aller Wesen erschienen, klug und schön und liebevoll. So hatte er sie jedenfalls in Erinnerung. Und als Bruder Philippus ihnen zum erstenmal von der Sünde aller Frauen vorgelesen hatte, hatte er die ganze Nacht wachgelegen und gebetet, Gott möge bei seiner Mutter eine Ausnahme machen. Die Vorstellung, daß sie im ewigen Feuer der Hölle brennen könnte, jetzt und bis in alle Ewigkeit, hatte ihn ganz krank gemacht.

Das war schon über vier Jahre her. Damals war er noch ein kleiner, leichtgläubiger Bengel gewesen, und seine Mutter war erst kurz zuvor gestorben. Heute glaubte er längst nicht mehr alles, was die Brüder ihnen auftischten. Trotzdem verspürte er ein leichtes Unbehagen. Er hatte den Anblick von Emma und Cuthbert nicht als abstoßend empfunden, im Gegenteil. Er hatte sich ein bißchen geschämt, weil er spionierte, weil er etwas ansah, das ganz gewiß nicht für fremde Augen bestimmt war. Aber was sie taten, erschien ihm nicht sündig. Lag es am Ende daran, daß er selbst sündig war? Sollte Bruder Anthony etwa doch recht haben, der jeden Tag wenigstens einmal behauptete, daß ihm, Robin, ein warmer Platz in der Hölle sicher sei?

Er zog unbehaglich die Schultern hoch. »Und ich denke, Bruder Philippus und seine Gelehrten haben nicht recht. Es kann nicht Sünde sein. Warum sollte Gott es so eingerichtet haben, daß die Menschen in Sünde gezeugt werden? Heißt es nicht, er hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen?«

Lionel schüttelte entschieden den Kopf. »Du solltest die Bibelauslegung lieber denen überlassen, die sie verstehen und die das Wort Gottes nicht für ihre Zwecke verdrehen.«

Sie waren wieder an der Mauer des Klosters angelangt. Robin kletterte auf den untersten Ast der Weide. »Schön, denk, was du willst. Aber wenn man dich hört, könnte man meinen, Oswin hat recht. Aus dir wird tatsächlich noch ein echter Klosterbruder.«

Lionel sah ihn ärgerlich an. »Man muß kein Mönch sein, um gottesfürchtig zu leben und sich von der Sünde fernzuhalten.«

Robin seufzte. »Vielleicht nicht. Aber wenn du glaubst, diese Geschichte hier beichten zu müssen, dann laß mich dabei aus dem Spiel, hörst du. Bring mich nicht in Schwierigkeiten mit deiner unbefleckten Heiligkeit.«

Lionel preßte die Lippen zusammen. »Manchmal fürchte ich um deine Seele, Robin.«

Robin schwang sich über die Mauer. »Dann bete für mich, Mönchlein.«

Als Bruder Bernhard am nächsten Morgen das Dormitorium betrat, seine mißtönende Handglocke schwang und mit seiner rauhen Baßstimme donnerte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, sprangen dreißig Jungen im Alter zwischen sieben und vierzehn Jahren von ihren Lagern auf und erwiderten im Chor: »In Ewigkeit, Amen!«

Nur Robin rührte sich nicht. Bruder Bernhard sah stirnrunzelnd zu ihm hinüber, aber ehe er herbeihinken konnte, um ihn mit einem gezielten Tritt auf die Beine zu bringen, hatte Lionel ihn am Ellenbogen gepackt und halb hochgezerrt. »Aufstehen«, zischte er eindringlich.

Robin fuhr aus dem Schlaf auf, strampelte seine leichte Wolldecke zurück und kam stolpernd hoch. »In … Ewigkeit, Amen.«

Bruder Bernhard brummte übellaunig und ging ohne Eile davon.

Robin rieb sich die Augen und gähnte herzhaft. »Ich wünschte, ich könnte nur ein einziges Mal so lange schlafen, bis ich von selbst aufwache.«

»Müßiggang …«, begann Lionel, und Robin winkte eilig ab.

»Ich weiß, ich weiß. Aber die Sache hat auch eine andere Seite. Wer schläft, sündigt nicht, oder?«

Lionel fiel keine überzeugende Erwiderung ein, und kurze Zeit später gingen sie nebeneinander in einem schweigenden, ordentlichen Zug mit den anderen Schülern zur Frühmesse.

Nach dem Frühstück, das wie jeden Morgen aus einem Stück hartem, dunklem Brot und einem Becher verdünntem Bier bestand, begaben sie sich zum Schulhaus. In der ersten Stunde hatten sie Rechenunterricht bei Bruder Bernhard. Robin vergaß für eine Weile, wie unausgeschlafen er war, obwohl er gerade diese Stunde auch im Halbschlaf mühelos hätte bewältigen können. Der Umgang mit dem Abakus barg für ihn schon lange keine Tücken mehr. Manchmal, wenn Bruder Bernhard guter Laune war, erzählte er Robin ein wenig über die Grundbegriffe der Geometrie, und dann hatte er einen ungewöhnlich aufmerksamen Zuhörer. An diesem Morgen allerdings ließ er sie nur Kopfrechnen üben. Robin war ein bißchen gelangweilt, aber es hielt ihn zumindest wach. In der anschließenden Lateinstunde dagegen kämpfte er fortwährend mit dem Schlaf. Auf der Suche nach Ablenkung sah er wieder und wieder aus dem Fenster in den Obstgarten. Der Spätsommermorgen war heiß und dunstig geworden. Der Tau auf dem Gras und den Blättern der Apfelbäume war längst getrocknet. Still standen sie im warmen, fast messingfarbenen Sonnenlicht, und ihre Äste bogen sich unter ihrer rotgoldenen Last. Der süße Duft der Früchte lockte Wespen in Scharen an. Schon ein bißchen träge tummelten sie sich um das Fallobst im hohen Gras.

Robin war dankbar für den wenig spektakulären Ausblick. Wenn der Herbstregen einsetzte, würden die Fenster mit Holzläden verschlossen, damit die Feuchtigkeit nicht ungehemmt in den Schulraum eindringen konnte, und sie würden wieder im trüben Halbdunkel bei eisiger Kälte sitzen. Aber noch war es nicht soweit, noch konnte er hinaussehen in den blauen Himmel und über die Felder hinter dem Obstgarten, die größtenteils schon abgeerntet waren. Erntezeit. Zu Hause brachten sie jetzt auch das Korn ein. Von früh bis spät würden die Bauern und ihre Familien auf den Feldern sein. Dann kam die Dreschzeit, und wenn das Stroh gebündelt war, kamen die Erntefeste, mit großen Feuern und Tanz und Ausgelassenheit, und das frischgebraute Bier würde in den Krügen schäumen, und niemand schickte die Kinder ins Bett …

»Waringham, du gottloser Schwachkopf, was gibt es da draußen so Erbauliches zu sehen?«

Robin fuhr leicht zusammen. »Nichts, Bruder Anthony.«

»Nichts?« Der kleine Mönch durchschritt die Gasse zwischen den Schulbänken, und sein schwarzes Habit flatterte dabei um seinen hageren Körper. Robin saß ganz hinten, weil er zu den Größten gehörte. Ein bevorzugter Platz, aber Bruder Anthony hatte gerade die letzten Bänke immer besonders im Auge. Er warf einen kurzen Blick durch das Fenster. »Warum starrst du dann immerzu hinaus?«

»Es tut mir leid«, murmelte Robin ohne die geringsten Anzeichen echter Reue und unterdrückte ein Gähnen.

Bruder Anthonys Lippen waren schmal und weiß, ein sicheres Anzeichen seines Mißfallens. »Also, was haben wir denn da draußen? Ich sehe Apfel- und Birnbäume und vier Brüder bei der Obsternte. Ist es das, was dich so fasziniert?«

Die anderen Jungen lachten leise, ein bißchen nervös vielleicht.

Robin sagte nichts.

Bruder Anthony schüttelte verächtlich den Kopf. »Ich versuche, dir ein paar elementare Regeln der Stillehre beizubringen, und du siehst aus dem Fenster. Du glaubst, ein Obstgarten sei interessanter als Vergilius. Du bist ein Taugenichts!«

Robin sah auf seine Hände. »Ja, Bruder Anthony.«

»Voll sündiger Gedanken!«

»Ja, Bruder Anthony.« Lionel ist da ganz deiner Meinung, dachte er halb grimmig, halb belustigt. Er bemühte sich um eine ausdruckslose Miene.

»… nach dem Unterricht hierbleiben und die nächsten dreißig Zeilen auswendig lernen. Ich werde dich heute abend abhören. Besser, du lernst sie gut, Waringham!«

Robin hatte nur mit halbem Ohr hingehört. Bruder Anthonys wüste Beschimpfungen hatten sich schon lange abgenutzt. Er hörte sie viel zu oft, um ihnen noch besondere Beachtung zu schenken. Doch als die letzten Worte zu ihm vordrangen, sah er entsetzt in das kantige Gesicht mit den scharfen, hellblauen Augen auf. »Aber …«

»Ja? Was wolltest du sagen, Schwachkopf?«

Er biß sich auf die Unterlippe. Heute nachmittag wäre er an der Reihe gewesen, mit Bruder Cornelius nach Posset zu fahren. Es war nur ein Marktflecken, etwa drei Meilen westlich des Klosters, aber im Vergleich zu Curn war Posset eine Stadt. Auf dem Markt wurde das wenige eingekauft, was die Brüder nicht selber herstellten, wie Wolle zum Beispiel. Jede Woche durfte einer der älteren Schüler Bruder Cornelius begleiten. Es gehörte zu den wenigen Abwechslungen in ihrem tristen, streng geregelten Internatsleben, und sie fieberten dem Ausflug schon Wochen im voraus entgegen. Bruder Cornelius, der Cellarius, war ein gutmütiger, fettleibiger Mönch, dessen Tonsur mit den Jahren zu einer großen, glänzenden Glatze geworden war, umgeben von einem schmalen Kranz grauer Zotteln. Er war so ganz anders als Bruder Anthony und die übrigen Lehrer, denn er ließ die Jungen den Wagen lenken, ließ sie unbeaufsichtigt und länger als nötig in dem bunten Treiben auf dem Markt herumstreunen, schwatzte einem Bäcker ein paar Honigkuchen für seine ewig ausgehungerten Begleiter ab, und er erzählte ihnen Geschichten aus der Zeit vor dem Krieg. Als der König nicht viel älter gewesen war als die Schüler von St. Thomas jetzt, bevor der Schwarze Tod gekommen war, und man konnte glauben, England sei damals ein dichtbevölkertes Land voll unbeschwerter Fröhlichkeit gewesen. Sie liebten Bruder Cornelius. Die Ausflüge mit ihm waren wie ein Hauch von Freiheit.

Robin spürte seine Enttäuschung wie einen großen, grauen Ozean, der sich vor ihm auftun wollte. Es würden mehr als drei Monate vergehen, bevor er wieder an der Reihe war. Für einen Augenblick fürchtete er, er werde in Tränen ausbrechen. Statt dessen wurde er zornig. »Ihr seid ungerecht, Bruder Anthony.«

Betroffenes Schweigen legte sich über die Klasse.

»Was sagtest du?« erkundigte der Lehrer sich leise.

Robin rang um seinen Mut. »Ich … habe überhaupt nichts getan. Ich habe meine Aufgaben gelernt, alles, was Ihr uns aufgetragen habt. Aber Ihr fragt mich nicht einmal danach. Warum?« Er hätte wirklich gerne den Grund gekannt, warum Bruder Anthony ihn so verabscheute.

Der kleine Mönch betrachtete ihn ungläubig. »Du willst mit mir disputieren?«

Robin nickte kurz. »Warum nicht? Es kann so verwerflich nicht sein, denn das ist es doch, was wir in der Rhetorik lernen sollen, oder nicht? Bruder Jonathan sagt, sie sei der Schlüssel zu allen weiteren Freien Künsten. Und Latein«, fügte er in einer plötzlichen Anwandlung bitteren Hohns hinzu, »hat er nicht erwähnt.«

Noch während er sprach, dachte er: Meine Güte, habe ich das wirklich gesagt? Ich muß wahnsinnig sein.

Die anderen Schüler starrten ihn an wie einen grotesken Krüppel auf dem Jahrmarkt. Bruder Anthony war noch ein bißchen blasser geworden. Steif ging er zu seinem Pult zurück und nahm seinen Stock auf. »Komm her, Waringham.«

Robin erhob sich langsam; seine Knochen erschienen ihm bleischwer. Er ließ den dürren Mönch nicht aus den Augen. Als er vor ihm anhielt, standen sie Auge in Auge.

»Beug dich vor, du Höllenbrut. Hochmut und Ungehorsam sind eine Eingebung Satans. Wir wollen doch sehen, ob wir ihn dir nicht austreiben können.«

Robin glaubte nicht, daß der Teufel irgend etwas mit dieser Sache zu tun hatte, und er glaubte auch nicht, daß Bruder Anthony das glaubte. Er biß die Zähne zusammen.

Ein schüchternes Klopfen gewährte ihm Aufschub. Zögerlich öffnete sich die Tür, und ein Laienbruder steckte den Kopf in den Raum. »Entschuldigt, Bruder Anthony.«

»Was gibt es?« fragte der Lehrer barsch.

Der Bruder ließ seinen Blick über die Klasse schweifen. »Robert of Waringham?«

Robin wandte sich um. »Das bin ich.«

»Vater Jerome will dich sprechen. Jetzt gleich. Komm mit mir.«

Robin rührte sich nicht und starrte ihn verblüfft an. Was in aller Welt mochte das zu bedeuten haben? Dann ging ihm auf, daß vermutlich alles besser war, als jetzt hierzubleiben. Er sah fragend zu Bruder Anthony.

Der Mönch scheuchte ihn mit einer ungehaltenen Geste weg. »Geh schon. Ich werde es nicht vergessen.«

Robin lächelte dünn. »Nein. Da bin ich sicher, Bruder Anthony.«

Der Laienbruder führte ihn schweigend aus dem Schulhaus, durch den Kreuzgang, am Refektorium vorbei zu dem bescheidenen Häuschen, das der Abt von St. Thomas bewohnte. Mochte er auch der Vorstand eines der mächtigsten Klöster Südenglands sein, Jerome folgte dennoch der Benediktinerregel wortgetreu. In seinem Haus gab es nicht mehr Komfort als im Dormitorium seiner Mitbrüder. Er hielt jeglichen weltlichen Prunk für Teufelswerk. Er war ein Asket, und seine Contemptus-Mundi-Schriften hatten einige Beachtung gefunden. Von den Mönchen und den Schülern seines Klosters wurde er gleichermaßen gefürchtet und geachtet, und Robin überlegte unbehaglich, was diese unerwartete Audienz zu bedeuten hatte. Nervös überdachte er die Bilanz seiner Verfehlungen der letzten Wochen. Nichts davon war schlimm genug gewesen, um diese Unterredung zu erklären. Und wenn ihre Abwesenheit während der vergangenen Nacht entdeckt worden war, warum wurde er dann alleine zu Vater Jerome zitiert?

Der Laienbruder wies auf das kleine Holzhaus des Abtes und entfernte sich eilig. Schüchtern klopfte Robin an, und auf eine gemurmelte Aufforderung von drinnen trat er ein.

Jerome of Berkley saß auf einem Holzschemel an einem niedrigen Tisch. Eine Pergamentrolle lag ausgebreitet vor ihm. Der Raum war recht dunkel, aber der Kerzenstummel auf dem Tisch brannte nicht. Im Kamin lag kalte Asche. Robin schauderte in der plötzlichen Kühle. Die Sonne war nicht bis hierher gedrungen.

Der Abt ließ die Schriftrolle los; die Enden rollten sich langsam ein, und das Pergament raschelte leise. »Du bist Waringham?«

Robin hielt den Blick gesenkt und versteckte die Hände in den Ärmeln seiner Kutte. »Ja, Vater.«

»Robert, nicht wahr?«

»Ja, Vater.«

»Setz dich, mein Sohn.«

Robin sah sich verstohlen um und entdeckte einen weiteren Schemel unter dem Tisch. Er trat näher, zog ihn hervor und setzte sich auf die Kante.

»Wie alt bist du, Robert?«

»Zwölf, Vater.«

»Und wie lange bist du schon hier?«

»Fünf Jahre, Vater.«

»Und bist du glücklich in St. Thomas?«

»Natürlich, Vater.«

Der alte Mönch schüttelte fast unmerklich den Kopf. »Sei ehrlich, Junge. Es ist eine wichtige Frage.«

Robin sah verwundert auf und betrachtete den ungebeugten, weißhaarigen Mann zum erstenmal offen. Er kannte ihn kaum. Der Abt des Klosters hatte zu viele Pflichten, um sich regelmäßig um die Schüler und damit den Nachwuchs seines Hauses kümmern zu können. Diese Aufgabe mußte er anderen überlassen. Er wies lächelnd auf den Korb Äpfel vor sich. »Bist du hungrig?«

Robin nickte wahrheitsgemäß. Seit er nach St. Thomas gekommen war, war kein Tag vergangen, da er nicht hungrig aufgewacht und hungrig zu Bett gegangen war. Die Rationen im Kloster waren mager. Seine unablässige Gier nach Essen hatte ihn oft beschämt, denn keiner seiner Lehrer hatte ihm erklärt, daß ein Junge, der viel wächst, auch viel essen muß.

Jerome schob ihm den Korb hin. »Dann greif zu.«

Er wählte einen Apfel aus und biß hinein. Er war reif und süß; der Saft tropfte auf seine Hand.

Nach einem kurzen Schweigen nahm der Abt das Gespräch wieder auf. »Fünf Jahre sind eine lange Zeit, Waringham. Glaubst du, du würdest gerne für immer hierbleiben?«

Robin hörte auf zu kauen. Das blanke Entsetzen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, und er schwieg beharrlich. Ihm fiel keine höfliche Antwort ein.

Jerome lächelte milde. »Sei ganz offen, mein Sohn.«

»Nein, Vater.«

»Und was willst du tun, wenn du uns verläßt?«

»Ein Ritter des Königs werden. Wie mein Vater.«

Jerome hörte auf zu lächeln, und sein Gesicht wurde seltsam still. »Glaubst du, das ist die beste Weise, auf die du Gott dienen kannst?«

Robin biß noch einmal in seinen Apfel, um Zeit zu gewinnen, kaute langsam und schluckte. »Vor allem will ich meinem König dienen.«

»Wie kommt es, daß du den König mehr liebst als Gott?«

Der Junge überlegte seine Antwort genau. Er fürchtete eine Falle. »Das tue ich nicht. Nur in anderer Weise. Es ist so viel leichter, den König zu lieben. Er ist ein Mann, ein mächtiger Kriegsherr, er hat die Schotten aus dem Norden vertrieben, und er wird auch die Franzosen besiegen. Er ist …« Leibhaftig, hatte er sagen wollen und besann sich im letzten Moment.

Der Abt drängte ihn nicht. Er faltete die Hände vor der Pergamentrolle. »Wieso bist du so sicher, daß der König den Krieg gewinnt?«

»Weil er bisher jede Schlacht gewonnen hat. Weil er tapfer und klug ist und viele tapfere und kluge Männer an seiner Seite hat, wie den Schwarzen Prinzen und meinen Vater.«

Jerome nickte langsam, als habe er solch schlagkräftigen Argumenten nichts entgegenzusetzen.

Robin hielt seinen abgenagten Apfel am Stiel und ließ ihn kreisen. Er wußte nicht, wohin damit.

»Du bist also stolz auf deinen Vater?«

»O ja, Vater.«

Jerome beugte sich leicht vor. »Und was ist Stolz?«

Robin preßte die Lippen zusammen und ärgerte sich über sein unbedachtes Eingeständnis. »Sünde«, murmelte er und zweifelte insgeheim, daß es auch Sünde war, auf jemand anderen und nicht für sich selbst stolz zu sein.

»So ist es«, erwiderte der Abt leise, seine Stimme klang wie ein Seufzen. »Und du weißt, daß Gott uns Prüfungen schickt, um uns demütig zu machen, nicht wahr?«

Ein unheimliches Gefühl beschlich Robin. Er hatte den Verdacht, daß sie sich dem eigentlichen Gegenstand der Unterhaltung näherten und daß es sich um eine viel ernstere Sache als um Verstöße gegen die Klosterregel handelte. Er nickte argwöhnisch.

Der alte Mönch betrachtete den blonden Jungen ihm gegenüber, dessen dunkelblaue Augen ihn so durchdringend ansahen. Er war mager und groß, von Gestalt fast schon ein Mann, aber das Gesicht mit dem vollen Mund, der schmalen Nase und den Sommersprossen war das eines echten Lausebengels. Er empfand tiefes Mitleid für dieses verlorene Lamm und bat Gott, er möge ihm die richtigen Worte schicken, um dem Jungen die furchtbaren Nachrichten so schonend wie möglich beizubringen.

Der Abt stand auf und trat an das kleine Fenster neben der Tür, wandte Robin wieder das Gesicht zu und ließ sich von der Sonne seinen schmerzenden Rücken wärmen. »Du bist ein guter Schüler, Waringham. Ich weiß, daß du dich nur mühsam in unsere harte Disziplin einfügst, aber du hast einen wachen Verstand. In Latein hast du Bruder Anthony bald übertroffen – sehr zu dessen Verdruß –, und wie ich höre, machst du in allen Fächern des Trivium gute Fortschritte und schreibst sogar recht ordentlich. Unser Orden braucht Leute wie dich. Ich bin sicher, du könntest mit der Zeit dein Wesen zügeln, aus deinen Wildheiten wirst du herauswachsen. Du könntest lernen, daß ein Leben für Gott das einzige wahre Glück bedeutet.«

Robin hörte höflich, wenn auch ein bißchen ungeduldig zu. Er teilte Vater Jeromes Zuversicht hinsichtlich seiner Läuterung nicht.

Der Abt unterbrach sich, als er spürte, daß er die Aufmerksamkeit des Jungen verlor. »Mein Sohn, ich habe schlechte Neuigkeiten. Aber bevor ich dir sage, was geschehen ist, will ich, daß du weißt, daß du hierbleiben kannst. Ich würde dafür sorgen, daß du hier aufgenommen wirst. Ich meine kostenlos, Robert, verstehst du?«

Robin sah ihn mit bangen Augen an. »Danke, Vater. Aber selbst wenn ich wollte, mein Vater würde es niemals erlauben …«

Sein Mund wurde mit einemmal staubtrocken, als er den Abt ansah, und er wußte plötzlich genau, was kommen würde.

Jerome faltete die Hände und nickte betrübt. »Dein Vater ist tot, Robert.«

Er blinzelte und versuchte zu schlucken. Es ging nicht. Er schluckte nur Luft, und sein Adamsapfel klickte trocken. Er hielt den Kopf gesenkt und starrte blind auf seine Hände.

Es war eine lange Zeit still. Schließlich spürte er eine Hand auf seinem Kopf, und der Abt murmelte: »Es tut mir leid, mein Sohn.«

Robin rührte sich nicht. Du hast immer gewußt, daß es jederzeit passieren kann, dachte er dumpf. Jetzt ist es passiert. Dir selbst wird es eines Tages vielleicht genauso ergehen. So war das eben; er war ein Ritter seines Königs, und der König befand sich im Krieg. Der Krieg forderte Opfer, und er, Robin, hatte das immer verstanden. Und er hatte seinen Vater nie wirklich gekannt. Es war nicht so, als risse der Verlust eine Lücke in sein Leben. Als Robin geboren wurde, war der Krieg schon über zehn Jahre alt. Sein Vater war kaum je daheim gewesen; es war immer seine Mutter gewesen, die das Gut verwaltete und an Stelle ihres Mannes die Entscheidungen traf. Aber Robin trauerte trotzdem um die stattliche Erscheinung in der schweren, teuer erkauften Rüstung. Er erinnerte sich gut an die wenigen Mußestunden, die sie zusammen verbracht hatten. Er war es gewohnt, sich daran zu erinnern, denn diese Erinnerung war alles, was er von seinem Vater hatte. Er hatte die Erinnerungen gepflegt wie kostbare Kleinodien. An den Abend, zum Beispiel, als sein Vater ihm und seinen beiden Brüdern von der Belagerung von Calais erzählt hatte. Am nächsten Tag waren sie zusammen auf die Jagd geritten, und sein Vater und sein großer Bruder Guillaume hatten einen riesigen, wirklich furchteinflößenden Keiler erlegt im Wald von Waringham. Und seine Mutter hatte geschimpft, als sie abends heimkamen, weil sie eine Jagd für einen kleinen Jungen wie Robin zu gefährlich fand. Er und sein Vater und sein Bruder hatten mit betretenen Gesichtern ihren Vorhaltungen gelauscht und sich hinter ihrem Rücken verstohlen angegrinst …

Die Erinnerung erschien ihm auf einmal fahl und lückenhaft, und er hatte einen dicken Kloß in der Kehle. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, und dann riß er plötzlich erstaunt die Augen auf. Gütiger Jesus … »Ich bin der Earl of Waringham!«

Vater Jerome runzelte die Stirn. »Nein, mein Sohn. Das bist du nicht.«

»Aber ich bin jetzt der Älteste. Und wenn mein Vater gefallen ist …«

»Das ist er nicht.«

Robin sah ihn verständnislos an.

Jerome hob hilflos die Schultern. »Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Nur, daß es irgendwo in der Normandie ein unbedeutendes Scharmützel gegeben hat. Dein Vater wurde am Tag nach der Schlacht verhaftet und des Hochverrats beschuldigt. Ich weiß nicht, was genau man ihm vorwarf. Er sollte hier in England vor ein Gericht kommen, aber … er hat sich erhängt.« Er hielt kurz inne und sah in das Gesicht des Jungen, das schneeweiß geworden war.

»Aufgehängt«, hauchte Robin ausdruckslos.

Jerome nickte traurig. »Ja, mein Junge. Offenbar wertete der königliche Gerichtshof seinen Selbstmord als Schuldanerkenntnis. Sein Lehen und alle Ämter sind ihm aberkannt worden. Und damit auch dir. Du bist kein Lord mehr. Du bist ein Niemand. Aber wenn du bei uns bleibst, kannst du immer noch alles erreichen.«

Robin hörte nicht zu. Ein dumpfes Dröhnen hatte in seinem Kopf eingesetzt, das viel lauter war als die brüchige Stimme des alten Mannes. Das konnte einfach nicht wahr sein. Völlig ausgeschlossen. Sein Vater war kein Verräter. Das Wort schien in seinen Ohren zu gellen. Es war ein entsetzliches Wort. Verräter. Und ein Selbstmörder obendrein, verdammt für immer und ewig …

Er erhob sich mühsam. »Darf ich gehen?«

Der Abt schüttelte den Kopf. »Einen Augenblick noch. Was hast du vor?«

»Ich will nach Hause.«

»Zu deiner Familie? Willst du uns deswegen verlassen?«

Warum kannst du mich nicht zufriedenlassen, dachte Robin. Er spürte einen kraftlosen Zorn auf den alten Mönch. Er kam ihm vor wie eine gierige Krähe, die ihn nicht aus ihren Krallen lassen wollte. »Ich …« Er schüttelte den Kopf, um das Dröhnen zu vertreiben. »Ich habe zu Hause keine Familie.«

»Deine Mutter …?«

»Sie ist an der Pest gestorben. Meine Schwester Isabella und meine beiden Brüder auch. Meine andere Schwester, Agnes, ist in einem Kloster in Chester. Mein Vater hat sie hingebracht, weil es da angeblich mit der Pest nicht so schlimm war …« Mein Vater hat sie hingebracht. Mein Vater ist tot. Aufgehängt. Ein Verräter.

Er schloß für einen Moment die Augen.

Jerome legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dann wollen wir es dabei belassen. Deine Schwester wird sicherlich in ihrem Kloster bleiben können, wenn ich der Mutter Oberin einen Brief schreibe. Und du wirst vorerst bei uns bleiben.«

»Nein, Vater.«

Der Abt sah ihm ernst in die Augen. »Ich befehle es, Robert.«

Der Junge machte einen Schritt zurück und befreite sich von der großen, knöchrigen Hand. »Ich werde nicht Mönch werden. Ich werde niemals die Gelübde ablegen. Ihr könnt mich nicht zwingen!«

»Ich will dich zu nichts zwingen. Ich befehle dir nur, hierzubleiben und nicht nach Waringham zurückzukehren. Du hast dort keinen Menschen und kein Zuhause mehr. Und du bist noch zu jung, um auf dich gestellt zu sein.«

Lächerlich, dachte Robin wutentbrannt. Der König war kaum älter als ich, als er den Thron bestieg!

»Hast du mich verstanden, Junge?«

Robin hörte deutlich die leise Drohung aus dem trockenen Krächzen der alten Krähe. Er senkte den Blick, um seine Auflehnung zu verbergen, und täuschte Gehorsam vor. »Ja, Vater.«

Er folgte Jeromes Befehl und blieb in St. Thomas. Bis kurz nach Mitternacht. So lange hatte er gebraucht, um Abschied von Oswin und Lionel zu nehmen und seine Pläne zu machen, und er wollte den Schutz der Dunkelheit nutzen, ebenso wie den Vorsprung, den die Nacht ihm gewährleisten würde.

Im Dormitorium herrschte fast vollkommene Stille. Robin hörte nur die gleichmäßigen Atemzüge der anderen, und ab und zu raschelte es leise, wenn einer sich auf seinem Strohlager regte. Robin lag als einziger wach und lauschte. Irgendwann würde ein leises Füßescharren und Kuttenrascheln ihm anzeigen, daß die Brüder sich zur Mette begaben. Es würden nur leise Geräusche sein; er mußte aufpassen, damit er sie nicht versäumte. Mit brennenden Augen starrte er auf das Fenster in der gegenüberliegenden Wand, durch das der Mond ins Dormitorium schien. Robin mußte nicht befürchten, daß er einschlafen würde. Wenn er auch in der vergangenen Nacht wenig geschlafen hatte, war er doch so hellwach, daß er beinah zweifelte, ob er überhaupt je wieder würde schlafen können.

Mit einemmal war er ganz allein auf der Welt. Der Tod seiner Mutter und seiner Geschwister bei der zweiten, furchtbaren Pestwelle vor vier Jahren hatte ihn hart getroffen. Aber sie waren immer noch eine Familie gewesen. Sein Vater und seine Schwester waren noch dagewesen. Sie hatten einen schweren Verlust erlitten, wie fast jede Familie, die Robin kannte, aber sie waren immer noch das Geschlecht von Waringham, und er hatte nie daran gezweifelt, daß sein Vater eine neue Frau finden und daß er neue Geschwister bekommen würde. Jetzt hatte sich alles geändert. Sein Vater war dahin, ebenso wie der Name. Ein Niemand, hatte Vater Jerome gesagt. Und es stimmte. Robin von Nirgendwo. Die Welt war aus den Fugen. Er schien überhaupt nicht mehr zu wissen, wer sein Vater eigentlich gewesen war. Er lag auf dem Rücken, starrte in die Dunkelheit, und seine Gedanken drehten sich immerzu im Kreis.

Dann hörte er endlich, worauf er gewartet hatte. Das leise Flüstern der Sandalen auf dem gepflasterten Weg zur Kirche. Schwere Schritte und leichte. Gleichmäßige und hinkende. Er richtete sich vorsichtig auf und wartete. Als er nichts mehr hörte, zählte er mit geschlossenen Augen langsam bis hundert. Dann schlug er die Decke zurück und stand auf. Er zog die verhaßte Kutte eilig über den Kopf, und zum Vorschein kamen ein fadenscheiniger, knielanger Kittel und ausgefranste, fleckige Hosen aus grauem Tuch, Oswins Sonntagsstaat, den Robin ihm für seine letzten paar Münzen abgekauft hatte. Lautlos schlich er zur Tür.

Die Nacht war wieder kühl. Er spürte Feuchtigkeit unter seinen nackten Füßen. Er zog die Tür behutsam zu und sah sich um. Kein Mensch weit und breit. Hastig überquerte er den Platz und glitt in den Schatten des Schulhauses. Er schlich an der Wand entlang auf die andere Seite in den Obstgarten. Der Mond gab ausreichend Licht, um die Reihen knorriger Apfelbäume auszumachen. Robin griff mit beiden Händen in die niedrigen Äste und erntete. Er würde wenigstens einen, vielleicht auch zwei Tage brauchen, bis er nach Waringham kam. Und er wollte nicht auf die Mildtätigkeit Fremder angewiesen sein. Die Zeiten waren schlecht, und nur die Klöster konnten es sich leisten, hungrige Wanderer zu beköstigen. Aber gerade um die Klöster gedachte er einen weiten Bogen zu machen.

Er zog seinen Gürtel fest und stopfte die Äpfel in den weiten Kittel, bis er glaubte, sein Vorrat sei groß genug. Als er an das kleinen Törchen des Obstgartens kam, trat plötzlich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten.

»Was hast du hier verloren, Höllenbrut?« zischte eine gepreßte Stimme.

Robin blieb stehen. Für einen Augenblick war er erschrocken, aber dann grinste er verwegen. »Nicht in der Mette, Bruder Anthony?«

Der Mönch stellte sich ihm in den Weg. »Halt deinen vorlauten Mund, Waringham. Ach, so heißt du ja gar nicht mehr, nicht wahr? Wie soll ich dich wohl in Zukunft nennen, he?«

»Das könnt Ihr halten, wie Ihr wollt. Ich werde nicht hier sein, um es zu hören.«

»Bist du sicher? Denkst du, ich weiß nicht, was Vater Jerome entschieden hat?«

Robin betrachtete ihn kühl. Der gehässige, bittere kleine Lateinlehrer barg plötzlich keinen Schrecken mehr für ihn. Er schien schon der Vergangenheit anzugehören, ebenso wie sein Vater und sein Name. »Das kümmert mich nicht. Laßt mich vorbei.«

Der Mönch machte statt dessen einen Schritt auf ihn zu. »Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!«

Robin ließ ihn nicht aus den Augen. Zum ersten Mal ging ihm auf, daß er ebenso groß war wie Bruder Anthony. Wer weiß, dachte er erstaunt, vielleicht könnte ich ihn mit einem unerwarteten Stoß aus dem Weg schaffen. Aber man kam in die Hölle, wenn man Hand an einen Mönch legte …

»Seid Ihr gekommen, um mich in lateinischen Versen abzufragen, Bruder Anthony? Versäumt Ihr dafür die Mette?«

»O nein. Ich bin gekommen, um zu verhindern, daß du gegen Vater Jeromes Anweisung verstößt und dich bei Nacht und Nebel davonschleichst. Was ja wohl deine Absicht war. Über die Verse, die du lernen solltest, werden wir morgen reden. Verlaß dich darauf. Und jetzt scher dich zurück ins Dormitorium. Na los!«

Robin riß die Augen auf und zeigte auf einen Punkt über der Schulter des Mönches. »Seht doch nur, Bruder Anthony …«

Der Bruder wandte den Kopf, und ehe ihm aufging, daß er auf einen billigen Trick hereingefallen war, hatte Robin einen Apfel hervorgeholt und warf ihn dem Mönch zielsicher an die Schläfe. Bruder Anthony fiel benommen zu Boden.

Robin machte zwei Schritte auf ihn zu. Bevor Anthony noch wußte, wie ihm geschah, hatte er ihm die Kordel abgenommen, die dem Mönch als Gürtel diente, ihm die Hände zusammengebunden und das lose Ende an einem Baum festgemacht.

Als er fertig war, war Bruder Anthony wieder Herr seiner Sinne. »Robert! Mach mich wieder los, du Teufel! Auf der Stelle, oder ich werde dich …«

Robin blieb nicht dort, um sich die schrecklichen Drohungen anzuhören, die Bruder Anthony immer speziell für ihn reservierte. Er setzte über den niedrigen Zaun des Obstgartens, lief zur Mauer und sprang daran hoch. Seine Eile und sein großes Verlangen nach Freiheit verliehen ihm Kraft. Es gelang ihm, mit einem gewaltigen Sprung die Mauerkante zu erfassen, und er merkte kaum, daß er sich die Knie dabei aufschlug. Ohne große Mühe hangelte er sich hoch. Er hielt sich nicht mit dem Weidenbaum auf, der kaum zehn Ellen entfernt rechts von ihm aufragte. Statt dessen sprang er von der Mauer. Er landete gut auf weichem Gras und lief etwa in östlicher Richtung über ein Stoppelfeld. Er hoffte inständig, daß niemand Bruder Anthony vor dem Laudes-Gebet vermissen würde. Und er hoffte, daß ein geworfener Apfel nicht das gleiche war wie ›Hand anlegen‹.

Als der Morgen graute, kam er an den Rand eines Waldes. Ein schmaler Weg führte hindurch. Robin folgte ihm, bis er an einen kleinen Bach gelangte. Er kniete sich am Ufer ins Gras, beugte sich vor, steckte den Kopf ins Wasser und trank. Der Junge war müde und schrecklich durstig; das Wasser tat ihm gut. Es war kalt und kribbelte in den Ohren. Er legte sich auf den Rücken, sah in den heller werdenden Himmel und hörte den Vögeln zu. Dann schlief er ein.

Ein Regenguß riß ihn unsanft aus dem Schlaf. Robin fuhr erschrocken auf und sah verwirrt um sich. Wo in aller Welt bin ich? dachte er verwundert, und dann fiel ihm alles wieder ein. Die Erinnerung kam wie ein Schock. Er blieb einfach sitzen, wo er war, mit dem Rücken zu dem kleinen Flüßchen, und sah auf den nassen Waldboden. Der Regen fiel in dicken, klatschenden Tropfen, und bald war Robin bis auf die Haut durchnäßt. Aber er spürte es kaum. Er versuchte, für die verdammte, verräterische, selbstmörderische Seele seines Vaters zu beten. Doch er fand sein eigenes Gebet wenig überzeugend. Nicht einmal sich selbst konnte er glaubhaft einreden, daß es sich bei der Sache um ein fatales Mißverständnis, eine Verknüpfung unseliger Umstände handeln mußte. Wie sollte er da Gott überzeugen? Sein Unvermögen, eine plausible Erklärung zu finden, und das beklemmende Bewußtsein seiner eigenen Verlorenheit trieben ihm heiße Tränen in die Augen.

Endlich stand er auf und sah sich suchend nach etwas um, das ihm den Weg weisen konnte. Der Himmel hing voll tiefer Wolken, und er konnte den Stand der Sonne nicht ausmachen. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren und schätzte vage, daß es bald Mittag sein mußte. Er befand sich in einem Eichenwald. Die Bäume waren sehr alt und standen nicht besonders dicht. Die ersten Blätter färbten sich schon gelb, hingen naß und glänzend herunter und zitterten leicht, wenn ein Tropfen sie traf. Robin begutachtete die mächtigen Stämme und stellte fest, daß die ihm zugewandte Seite moosbewachsen war. Das brachte ihm seine Orientierung zurück. Er wußte, daß sein Weg nicht schwer zu finden war, er mußte nur ein paar Meilen in nördlicher Richtung gehen, dann würde er irgendwann auf die Straße nach Canterbury stoßen. Und diese Straße führte an Waringham vorbei.

Er drehte der unbemoosten Seite der Stämme den Rücken zu und ging los, bahnte sich einen möglichst geraden Weg durch dichten Farn und struppiges Gebüsch, bis er auf einen Pfad stieß. Er schien genau in die richtige Richtung zu führen.

Bald ließ der Regen nach. Eine Zeitlang fiel er noch in dünnen, lautlosen Fäden, dann kam die Sonne zwischen den Wolken hervor, und kurz darauf war der Himmel wieder blau.

Als die Sonne schräg stand, veränderte sich der Wald. Die alten, hohen Bäume wurden spärlicher. Statt dessen erhoben sich auf beiden Seiten des Pfades Birken. Sie standen so dicht zusammen, daß man kaum hindurchsehen konnte, und ihre Äste bildeten über dem schmalen Pfad ein schattenspendendes Dach. Dagegen hatte Robin keinerlei Einwände. Seine Kleidung war längst getrocknet, und ihm war heiß. Ohne zu zögern, betrat er den dunklen Hohlweg – und lief buchstäblich ins offene Messer.

Der Mann stand so plötzlich vor ihm, daß Robin glaubte, er habe eine Vision. Es war, als sei er einfach aus der klaren, blauen Abendluft entstanden. Ein Dämon. Aber das war natürlich nur eine Täuschung. Er mußte zwischen den Birken auf der Lauer gelegen haben, um sich auf den ersten Wanderer zu stürzen, der unvorsichtig genug war, allein und unbewaffnet in sein Revier einzudringen. Er war ein furchterregender Geselle: In der Hand hielt er einen langen Dolch, sein Haar und sein langer Bart waren wild und struppig wie die Birkenzweige um sie herum. Er war klein und untersetzt, und auf der linken Wange hatte er eine wulstige Narbe. Sie war alt und schien von einem breitgezackten Messer herzurühren, das ihm nicht nur das Gesicht aufgeschlitzt, sondern auch das linke Auge ausgestochen hatte.

Robin hatte genug gesehen. In einer einzigen Bewegung machte er eine Kehrtwendung und einen gewaltigen Satz in die Richtung, aus der er gekommen war. Und damit war seine Flucht beendet. Er war einem zweiten Banditen direkt in die Arme gelaufen. Sie hatten ihm eine Falle gestellt.

Der andere Wegelagerer war dünner und schmächtiger als sein Kumpan, daher brachte ihn der Zusammenstoß aus dem Gleichgewicht. Er fiel, zog Robin mit sich zu Boden und krallte beide Hände in seinen Ärmel. Der Stoff riß mit einem müden, brüchigen Laut. Robin trat und schlug, aber gerade als der Griff sich lockerte, war plötzlich der kräftigere der beiden Diebe über ihm, zog den Kopf des Jungen an den Haaren zurück und setzte ihm die Klinge an die Kehle.

Robin hielt still.

»Was haben wir denn hier, Bürschchen?« krächzte eine Stimme über ihm, die hervorragend zu der Erscheinung paßte.

Robin antwortete nicht. Der zweite Bandit, ein verwahrloster, blonder Junge und kaum älter als er selbst, kam ächzend auf die Füße und wischte sich ein bißchen Blut aus dem Gesicht. »Der kleine Dreckskerl hat mir die Nase eingeschlagen«, verkündete er zornig.

»Und wenn schon«, erwiderte der andere ohne jedes Mitgefühl. »Wenn du dich einfach so über den Haufen rennen läßt …«

Robin schluckte unwillkürlich, und als sein Adamsapfel sich bewegte, spürte er die entsetzliche Schärfe der Klinge. Er schloß für einen Moment die Augen.

Die Hand riß an seinen Haaren. »Also, was hast du für uns, he?«

Robin hielt den Kopf ganz still und versuchte, nur ja nicht wieder zu schlucken. »Nichts. Nur ein paar … Äpfel.«

Etwas wie ein Hammerschlag traf ihn an der Schläfe. Er fiel zur Seite. Das einzige, was er sicher wußte, war, daß das Messer verschwunden war.

»Nichts?« dröhnte die Stimme empört. »Das ist zu wenig!«

Robin richtete sich vorsichtig auf. »Was hast du gedacht? Wonach sehe ich aus? Als würde ich Gold mit mir herumtragen? Ein paar Äpfel, das ist alles. Ihr könnt sie gern haben. Sie sind gut, wirklich.«

Der untersetzte Kerl packte ihn von hinten, drückte ihm mit dem Unterarm die Luft ab und preßte sein Gesicht ganz nah an Robins. Der Junge konnte jede einzelne Krümmung der schlecht verheilten Narbe genau erkennen, ebenso wie die widerliche, leere Augenhöhle. Die Nähe dieser Erscheinung zusammen mit dem Gestank, der von dem Mann ausging, raubten ihm fast die Sinne.

»Äpfel, he? Und das ist alles? Du bist ganz sicher?«

Robin nickte schwach. Schaudernd spürte er Hände, die über seine Brust tasteten und nach und nach seine ganze Wegzehrung ans Licht förderten. Schließlich lagen die rotgelben Früchte auf einem kleinen Hügel neben ihm im Gras.

Der Jüngere sah ernüchtert darauf hinab. »Das ist alles.«

Das runzlige, bärtige Gesicht, das Robins ganzes Blickfeld ausfüllte, verzerrte sich zu einer grotesken Fratze. Es lächelte. Robin sah aus nächster Nähe eine Reihe winziger schwarzer Zahnstümpfe.

»Hm. Vielleicht nicht ganz. Vielleicht kann uns dieser hübsche blonde Engel hier doch noch für unsere lange Wartezeit entschädigen.«

Der andere schien ihm kaum zuzuhören. Er wischte sich abwesend die blutige Nase, wählte einen der Äpfel und biß hinein.

»Hm. Wirklich nicht übel.« Dann warf er dem Alten einen verächtlichen Blick zu. »Also dann mach schon, wenn es das ist, was du willst, du widerlicher alter Hurensohn.«

Das gräßliche Narbengesicht entfernte sich ein wenig, und Robin konnte wieder atmen. Große, ungeheuer kräftige Hände zerrten ihn auf die Füße. Er spürte Schweiß am ganzen Körper, ohne zu wissen, was genau ihn mit so namenlosem Entsetzen erfüllte. Der Dolch konnte es kaum sein, er war vorerst in der Scheide verschwunden, die vom Gürtel des Einäugigen baumelte.

Als er wieder stand, trat er nach hinten aus, traf das Schienbein seines Peinigers und entlockte dem Mann einen entrüsteten Schrei. Der Griff des Wegelagerers lockerte sich ein wenig. Ein neuerlicher Faustschlag streifte Robins Kopf, aber er riß ihn schnell genug zurück, um der eigentlichen Wucht zu entgehen. Er spürte einen heißen Zorn, der ihm Schnelligkeit und Kraft verlieh. Blitzschnell fuhr er herum, kniff die Augen zu und zielte genau, ehe er wieder zutrat. Er traf gut. Das gesunde Auge des Banditen klappte zu, er sank wimmernd auf die Knie und verschränkte die Hände vor dem Schritt. Keuchend wandte Robin sich zur Flucht. Er schaute gehetzt in Richtung des jüngeren Wegelagerers, aber der winkte lächelnd ab und warf ihm einen seiner Äpfel zu.

Robin fing ihn geschickt auf, ohne anzuhalten. »Klug von dir!« brüllte er über die Schulter zurück. »Denn ich bin der gefürchtete Robin von Nirgendwo!«

Mit größerer Vorsicht ging er in nördlicher Richtung weiter, bis er auf die Watling Street stieß, die Canterbury und London verband und die angeblich schon die Römer angelegt hatten. Er wandte sich nach Osten, und ein freundlicher Bauer nahm ihn ein Stück auf seinem Ochsenkarren mit und setzte ihn schließlich an der Abzweigung nach Waringham ab. Der Weg zum Dorf führte durch den Wald, und mit dem Schatten der Bäume betrat Robin das Land, das einmal seinem Vater gehört hatte.

Als er aus dem Wald kam, schien ihm die tiefstehende, rote Sonne direkt ins Gesicht. Langsam ging er den abschüssigen Pfad zwischen den Weiden entlang und sah auf den Ort im Tal hinunter. Was für ein schönes Dorf Waringham doch ist, dachte er voll unerwartetem Stolz, so ganz anders als Curn. In seiner Mitte befand sich die bescheidene, aber ordentlich gebaute Holzkirche, die, wie er anerkennend feststellte, seit seinem letzten Besuch nicht abgebrannt war. Neben der Kirche lag der baumbestandene Dorfplatz mit dem alten Pranger mitten darauf, glücklicherweise unbesetzt, und ringsherum erhoben sich die strohgedeckten Häuser der Bauern, mit ihren Schuppen und Ställen und Gemüsegärten, größere Häuser in großzügigen Gärten und kleine Häuser in winzigen Gärten, je nach Wohlstand der Bauernfamilien. Kinder spielten unter den Obstbäumen, Frauen hängten Wäsche auf. Am Dorfrand, ein bißchen außerhalb, standen noch zwei weitere Gebäude: die Schmiede und die Mühle. Beide lagen direkt am Tain, der jetzt still und gemächlich durch sein schmales Bett floß. Die Sonne spiegelte sich fast golden auf seiner Oberfläche. Rings um das Dorf erhoben sich Hügel, seicht und wellig, über die sich die Felder erstreckten. Mit Furchen waren sie in schmale Streifen unterteilt, von denen die meisten Bauern drei, manche auch mehr und wieder andere nur einen bewirtschafteten. Jetzt, nach der Ernte, hatten die Schäfer die Herden auf die Stoppelfelder getrieben, nicht so sehr, weil sie besonders gutes Futter boten, sondern damit die Felder gedüngt wurden. Etwas abgelegen auf der rechten Seite, auf der höchsten Anhöhe, stand Waringham Castle.

Robin ließ das Dorf linkerhand liegen und stieg den Hügel zur Burg hinauf. Er betrachtete sie aufmerksam, als sehe er sie zum erstenmal. Es war eine alte Burg aus kriegerischen Tagen, umgeben von einem tiefen Graben und einer schwarzen, moosbewachsenen Steinmauer. Höher und breiter als die Mauer des Klosters, gestand er sich ein, bedrohlicher. Mit ihrer hohen Brustwehr und dem breiten Turm über dem Tor, von dessen Luken aus man siedendes Öl oder Pech oder Pferdepisse auf die Angreifer heruntergießen konnte, wirkte sie abweisend und ehern. Aber so hatte er sie nie empfunden. Er hatte nie das Gefühl gehabt, daß sie ihn einsperrte, sondern sie beschützte ihn. Hinter dieser Mauer konnte man beruhigt schlafen. Während des Bürgerkrieges zwischen König Steven und seiner Rivalin Maude, vor vielen, vielen Jahren, Hunderten von Jahren, als Waringham Castle noch neu gewesen war, hatte es sich als uneinnehmbar erwiesen. Die Waringhams hatten auf der Seite König Stevens gestanden, zu ihrem Glück, wie sich herausstellte, denn Steven hatte diesen fast vergessenen Krieg gewonnen. Maudes Truppen hatten sich an der Mauer von Waringham Castle ihre Dickschädel eingerannt …

Seine Mutter hatte ihm die Geschichte erzählt, die in der Familienbibel aufgeschrieben war. Die Familienbibel, die jetzt jemand anderem gehören würde. Der Gedanke hatte etwas Erschütterndes, und Robin betrachtete ihn mit einiger Verstörtheit. Den Verlust des Titels, des Landes, der Privilegien, das hatte er sich ohne viel Mühe klarmachen können. Aber die Bibel? Er hatte sie genau vor Augen, ein dickes, in Leder eingebundenes Buch voll gelber Pergamentseiten, die eng in einer kleinen, säuberlichen Handschrift beschrieben waren, zwei Spalten auf jeder Seite. Hin und wieder war am Beginn eines Absatzes eine große, verzierte Initiale mit kleinen Bildern geschmückt. Es war ein kostbares Buch. Robin hatte oft daran gedacht in seinen Schreibstunden. Als er herausgefunden hatte, was für eine schwierige, kreuzbrechende Kunst das Schreiben war, war ihm die Familienbibel in neuem Licht erschienen. Er hatte sich vorgenommen, sie in Ruhe zu studieren, wenn er endlich wieder zu Hause war, und sich an den ordentlichen, akkuraten Buchstaben zu erfreuen. Aber das würde jetzt wohl nie geschehen, obwohl die Geschichte, die auf den letzten, freien Seiten in dem dicken Buch verzeichnet war, die seiner Familie war. Geburt, Hochzeit und Tod, jedes denkwürdige Ereignis war darin aufgeschrieben. Und jetzt würde es einen großen Absatz geben, und danach würde eine fremde Handschrift fremde Namen hineinschreiben. Das war schwer zu begreifen, aber Robin vermutete, daß das Buch deswegen nicht zu Staub zerfallen und die Mauern von Waringham Castle nicht einstürzen würden. Sie sahen so aus, als wollten sie ewig stehen. Auf den Zinnen rührte sich nichts.

Als er näher kam, stellte er fest, daß die Zugbrücke heruntergelassen und das eisenbeschlagene Tor unbewacht war. Er spürte für einen Augenblick Empörung über diese Nachlässigkeit, und dann besann er sich. Es geht mich nichts an, dachte er verwirrt. Es gehört mir nicht mehr. Der Gedanke schien eine zweite, unsichtbare Mauer diesseits des Grabens aufzutürmen. Robin stand wie angewurzelt, seine Fußspitzen einen Spann von der Zugbrücke entfernt, und spähte durch das breite Tor auf den wuchtigen Burgturm, in dem er zur Welt gekommen war. Es war ein häßlicher, grauschwarzer Kasten, befand er nicht zum erstenmal, ein dreistöckiges Ungetüm mit zu großen Ecktürmen und kleinen Fenstern, neben dem die umherstehenden Wirtschaftsgebäude und die Kapelle winzig wie Spielzeuge wirkten. Der große, quadratische Innenhof der Burg war jetzt, nach der langen Trockenheit, eine Wüstenei aus Staub. Hühner pickten zwischen den spärlichen Grasbüscheln nach Futter, vor der Tür zu der kleinen, steinernen Kapelle rauften zwei Jagdhunde. Kein Mensch war zu sehen. Robins Blick wanderte wieder zu dem schwarzen Wohnturm und hinauf zu einem der Fenster im oberen Geschoß. Es war das zweite von links. Dahinter lag der Raum, den er mit seinem kleinen Bruder Raymond bewohnt hatte, nachdem sie endlich den Klauen ihrer Amme entkommen waren. Raymond war nur ein Jahr jünger gewesen als er, und sie hatten sowohl die Kammer als auch das breite Bett darin bereitwillig geteilt. Sie waren unzertrennlich gewesen. Aber die kostbare gemeinsame Freiheit nach der lähmenden Fürsorge in der Kinderstube war nur von kurzer Dauer gewesen. Robin war trotz seines lautstarken Protestes ins Kloster gesteckt worden. Sein einziger Trost war gewesen, daß Raymond ihm ein Jahr später folgen sollte. Aber dazu war es nicht gekommen. Raymonds Einschulung hatte sich verzögert, und dann war der Schwarze Tod gekommen und hatte Raymond mitsamt ihrem älteren Bruder Guillaume, ihrer Mutter und der kleinen Isabella geholt.

Das Eingangstor des Burgturms flog plötzlich auf, und ein großer Mann in leichter Rüstung trat heraus. Seine Hände machten sich an seinem Schwertgürtel zu schaffen. Mit langsamen, unsicheren Schritten torkelte er die hölzernen Eingangsstufen hinab, vorbei am Backhaus und der Schmiede und quer über den Hof zum Pferdestall, der links vom Tor im Schatten der Mauer stand. Als er aufblickte, entdeckte er Robin. Er blinzelte, und dann rief er: »Was stehst du da und glotzt, Rotznase? Was hast du hier verloren? He, komm mal her, Bürschchen …!«

Robin ergriff die Flucht. Wer immer die Leute waren, die jetzt in Waringham Castle wohnten, er hatte keine Eile, ihre Bekanntschaft zu machen. Er wandte sich nach links und lief die Mauer entlang. Damit folgte er einer alten Gewohnheit.

Das Gestüt lag etwas abseits, ungefähr gleich weit vom Dorf und der Burg entfernt, am äußeren Rand der Weiden, da, wo schon fast der Wald anfing. Robins Vater war ein großartiger Reiter gewesen und hatte Pferde geliebt, genau wie Robin es tat. Schon in frühester Jugend, bevor er der Earl of Waringham geworden war, hatte er eine bescheidene Zucht begonnen und die Ställe ausgebaut. Mit den Jahren hatte die Zucht sich in dieser Gegend einen Namen gemacht, und der Verkauf von Vollblutpferden war eine willkommene Einnahmequelle für die kleine Baronie geworden.

Robin eilte in Richtung der Stallungen, als seien sie ein sicherer Hafen, und in gewisser Weise waren sie das auch. Sie waren ihm ebenso vertraut wie die Burg. Aber anders als die Burg waren sie kein verbotenes Territorium. Das hoffte er jedenfalls.

Er lief ein Stück hügelabwärts. Dann wandte er sich nach rechts und wanderte über einen weiteren Hügel, den die Leute den ›Mönchskopf‹ nannten, weil seine kugelrunde Kuppe aus kahlem Kalkstein war, auf dem nichts wachsen wollte. Hinter dem Mönchskopf kam er schon an den ersten Zaun. Er öffnete das Gatter, trat ohne zu zögern hindurch und stand auf einer der kleinen, eingezäunten Weiden, auf denen im späten Frühjahr und im Sommer die Stuten mit den Fohlen grasten. Links lag das Haus des Stallmeisters, ein schlichtes, aber solides Haus, mit frischen Schindeln gedeckt. Robin sah sich um. Es war seltsam still für diese Stunde. Dies war eigentlich die Zeit der Abendfütterung, und es hätte geschäftige Betriebsamkeit herrschen sollen. Aber er konnte niemanden entdecken. Ein gräßlicher Verdacht beschlich ihn. Die Zucht war aufgelöst. Der neue Lord Waringham hatte nichts für Pferde übrig. Sie waren alle verkauft.

Dann hörte er ein Wiehern. Mit einem erleichterten Stoßseufzer ging er auf die lange Reihe von Ställen zu. Die Stuten waren in zwei gegenüberliegenden niedrigen Gebäuden untergebracht, zwischen denen eine breite Gasse hindurchführte. Dahinter war wieder ein kleiner, grasbewachsener Hof, und erst dann kamen die Hengste. Das mußte so sein. Wenn sie zu nahe beieinander untergebracht waren, gab es nie Ruhe.

Die rohen Holzwände der Ställe waren grau von der Sonne und dem Regen vieler Jahre. Robin spähte durch die erste Stalltür zu seiner Rechten. Nur die untere Hälfte der zweigeteilten Tür war fest verschlossen, der Riegel sicher in den Boden gerammt. Drinnen war es dämmrig, und es dauerte einen Augenblick, bis er die zierliche Stute entdeckte. Sie war fast eins mit den Schatten, ihr Fell nahezu schwarz. Als sie Robin wahrnahm, kam sie näher, das dick aufgehäufte, frische Stroh raschelte unter ihren Hufen. Sie streckte neugierig den Kopf vor und sah ihn hoffnungsvoll an.

Er strich über ihre Nüstern und schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mir leid. Ich hab’ nichts, was ich dir anbieten könnte.«

Sie blieb trotzdem und ließ sich gnädig von ihm streicheln. Sie hatte einen edlen Kopf, und ihre Schultern waren kompakt und muskulös. Robin betrachtete sie bewundernd. »Du hast die richtige Statur, was? Ich wette, all deine Söhne sind mächtige Schlachtrösser.«

Sie schnaubte und nickte. Robin lachte leise. Manchmal kam es ihm vor, als würden sie ihn tatsächlich verstehen. Der heilige Franziskus von Assisi fiel ihm ein. Hieß es nicht, daß er mit den Tieren hatte sprechen können? Dann dachte er schuldbewußt an seinen langen Sündenkatalog und kam seufzend zu dem Schluß, daß es nicht viel gab, das der heilige Franziskus und er gemeinsam hatten. Außer der Sache mit den Tieren, natürlich, flüsterte eine verwegene Stimme in seinem Kopf, und er grinste.

Dann endlich erwachten die Stallungen zu Leben. Aus einiger Entfernung hörte Robin Stimmen, wenigstens zwei Männerstimmen, die aufgeregt zu rufen schienen. Anfangs konnte er nichts verstehen, und dann hörte er noch ein zweites Geräusch, den rasenden Hufschlag eines durchgegangenen Pferdes: wild, ungleichmäßig und ganz und gar halsbrecherisch.

Die Stute witterte Unheil und zog sich an die entlegene Wand ihrer Box zurück. Robin sah in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Jetzt konnte er verstehen, was die Männer riefen. Er war nicht sonderlich überrascht.

»Bleib stehen, du hinterhältige Mißgeburt!«

»Du wirst dir die Knochen brechen, du nichtsnutziges Stück Schweinefutter!!«

Robin schüttelte mißbilligend den Kopf. Wenn sie so brüllten, würden sie ihren Flüchtling nur immer weiter treiben. Und wenn er an eines der Gatter kam und in Panik versuchte überzusetzen, würde er sich tatsächlich die Knochen brechen. Er konnte den Hufschlag jetzt besser hören. Er klang dumpf, unbeschlagen. Dann kam das Pferd in Sicht, ein dunkler Jährling, fast noch ein Fohlen. Seine Ohren waren flach an den Kopf angelegt, in seinen Augen war nur das Weiße zu sehen. Er trug ein Halfter, von dem ein kurzes Seil herabflatterte. Am entlegenen Ende der Boxenreihe machte er ein paar bockige Sprünge, wandte sich der Gasse zu und raste hindurch. Robin stieß sich langsam von der Stalltür ab und stellte sich ihm in den Weg.

Die Verfolger kamen an der Öffnung zur Gasse an und bogen ein. Sie brüllten immer noch. Als sie Robin entdeckten, hielten sie abrupt an. Robin warf ihnen nur einen einzigen Blick zu. Es waren drei Männer. Der älteste war dick und hatte einen gewaltigen Bart. Robin hielt sich nicht mit ihnen auf, sondern richtete seinen Blick wieder auf den Jährling, der den halben Weg zu ihm bereits zurückgelegt hatte. Sein Tempo hatte sich nicht verringert, schien im Gegenteil mit seinem Herannahen noch zuzunehmen.

»Geh aus dem Weg, Junge«, rief der mit dem Bart. »Sei nicht verrückt, er wird dich einfach umrennen!«

Nein, dachte Robin ruhig, das wirst du nicht. Du wirst stehenbleiben. Hier bei mir. Wenn ich es will. Er streckte die linke Hand aus.

»Junge, um Himmels willen, verschwinde da!« Die Stimme des Mannes klang hoch und alarmiert.

Robin hörte ihn nicht. Er konzentrierte sich nur auf das Pferd, das kaum mehr dreißig Ellen entfernt war und immer noch nicht langsamer wurde, lenkte all seine Gedanken darauf. Es ist gut. Du brauchst keine Angst zu haben. Etwas hat dich erschreckt, aber alles ist wieder in Ordnung. Bleib stehen. Bleib stehen.

»Junge!!!« jammerte die Stimme verzweifelt. »Spring zur Seite!«

Dazu war es jetzt zu spät. Das Pferd war bei ihm. Robin streckte ihm die Hand entgegen und blinzelte nicht. Der Jährling kam schlitternd zum Stehen, aber es reichte nicht. Die Wucht seiner Geschwindigkeit katapultierte seinen kräftigen Körper weiter vorwärts, und er stieg und wandte seine schlagenden Vorderhufe nach rechts, weg von Robins Kopf, als habe ihn jemand am Zügel herumgerissen. Dann stand er endlich still, am ganzen Leibe zitternd, und ließ erschöpft den Kopf hängen.

Robin nahm eilig das lose Seilende in die rechte Hand und streichelte mit der linken den schweißnassen, muskulösen Hals des Tieres. Sein Herz schlug heftig in seiner Kehle.

»Das war wirklich knapp«, flüsterte er ein bißchen atemlos. Bis zu diesem Moment hatte er nichts von seiner eigenen Angst gespürt, jetzt machte sie seine Knie weich. »Wirklich verdammt knapp.« Er strich weiter über den zitternden Hals. »Ganz ruhig. Keine Angst. Alles ist in Ordnung, ich hab’s dir doch versprochen.«

Die drei Männer kamen näher und starrten ihn mit offenen Mündern an. Männer war nicht ganz richtig, mußte Robin feststellen, die beiden ohne Bart schienen kaum älter als er selbst. Sie blinzelten, als könnten sie kaum begreifen, warum er noch heil und lebendig vor ihnen stand.

Der Bärtige strich sich mit einer seiner mächtigen Pranken über die Stirn. »Bei den Zähnen Gottes, wenn mir einer erzählt hätte, was ich gerade gesehen hab’, hätt’ ich den Kerl einen verdammten Lügner genannt!«

Robin lächelte verlegen.

Einer der beiden Stallburschen kratzte sich verwundert die Nase. »Wie hast du das gemacht, he? Das war wie Zauberei.« Er schien Robin argwöhnisch zu beäugen.

Robin schüttelte inbrünstig den Kopf, auch wenn diese Erklärung so gut war wie jede andere. »Damit hat es nichts zu tun.«

»Womit dann?«

Eine Antwort blieb ihm erspart. Der Bärtige fragte: »Wer bist du, Junge? Hab’ ich dich hier nicht schon mal gesehen?«

»Schon möglich. Ich heiße Robin. Bist du der Stallmeister?«

Der Mann lachte dröhnend. »Gott bewahre! Ich bin Matthew der Schmied. Diese bockige Mißgeburt hier sollte heute das erste Paar Schuhe kriegen, und das hat ihm nicht gefallen. Und diese beiden Helden hier haben ihn einfach laufenlassen.«

Die beiden sahen verlegen auf ihre Stiefelspitzen.

Matthew zwinkerte Robin zu. »Conrad ist der Stallmeister. Er ist oben auf der Burg und sieht sich die Gäule der neuen Lords an. Sag mal, Junge, du bist nicht von hier, oder?«

Robin antwortete nicht. »Ob ich hier Arbeit bekommen könnte?«

Matthew gab wieder sein volltönendes, dröhnendes Lachen von sich. Der Jährling zuckte erschrocken zusammen. »Das würde mich weiß Gott nicht wundern, Bürschchen. Ich weiß nicht, wie du es angestellt hast, diesen Satansbraten hier aufzuhalten, aber ich denke, Conrad wäre ein Narr, wenn er dich laufenließe. Mit ihm mußt du reden, wenn du hier arbeiten willst … Und was soll ich dir sagen, da kommt er!«

Die beiden Stallburschen scharrten unruhig mit den Füßen, und Robin wandte sich um.

Beim Anblick des Stallmeisters sank sein Herz. Conrad war ein verhältnismäßig kleiner, drahtiger Mann um die Dreißig mit schwarzen Haaren und heller Haut, ein sicheres Zeichen für keltische Ahnen. Seine Stirn war hoch und glatt, aber unterhalb der schmalen Brauen und der schwarzen Augen war das Gesicht narbig, als habe er die Pocken gehabt. Seine Nase war fast zierlich und seine Lippen dünn. Er sah nicht so aus, als lächele er oft. Jetzt jedenfalls war sein Ausdruck eher sturmumwölkt. Seine Kleidung war einfach, aber sauber, Hosen und Übergewand aus einem leichten, braunen Wollstoff, besser als das Tuch, das die Bauern trugen. Seine polierten Stiefel verursachten keinen Laut, als er zu ihnen trat.

Er nickte dem Schmied zu. »Matthew.« Seine Stimme war rauh und leise.

Matthew erwiderte das Nicken. »Gott zum Gruße, Meister Conrad.«

Conrad sah die beiden Stallburschen an. »Schon fertig mit dem Füttern?«

Die beiden glücklosen Burschen senkten die Köpfe und murmelten Unverständliches.

Conrads Stirn zog sich unwillig zusammen. »Also?«

Der Schmied schien der einzige zu sein, der nicht vor Ehrfurcht den Kopf verloren hatte. »Wir hatten ein kleines Mißgeschick, Conrad.« Er wies mit einer komischen Geste auf den Jährling.

Conrad warf einen kurzen Blick auf das verschwitzte Tier, sein Blick streifte Robin dabei für einen Moment, und der Junge wünschte, es gäbe irgendwo ein Loch, in das er sich verkriechen könnte.

Conrad bedurfte keiner weiteren Erklärung. »Großartig. John, Cedric, ich würde an eurer Stelle mit dem Füttern anfangen. Wir sprechen uns später.« Das Versprechen klang unheilschwanger. Einer der beiden Burschen nahm Robin das Seil aus der Hand, und sie schlurften mit dem Ausreißer davon.

Der Schmied sah ihnen grinsend nach. Dann deutete er auf Robin. »Dieser Junge hier hat das Verrückteste getan, was ich je gesehen habe. Er hat sich dem Gaul einfach in den Weg gestellt und ihn aufgehalten. Es war unglaublich.«

Conrad sah ohne großes Interesse zu Robin. Der Junge erwiderte seinen Blick, obwohl die Worte des Schmieds ihm die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatten. Es war nicht seine Absicht gewesen aufzuschneiden. Er räusperte sich und sammelte seinen Mut. »Mein Name ist …«

»Ich weiß, wer du bist«, schnitt Conrad ihm barsch das Wort ab.

Robin schluckte mühsam. »Ich suche Arbeit.« Es klang tonlos, und er ärgerte sich darüber.

Der Stallmeister schüttelte den Kopf. »Ich brauche niemanden vor dem Frühjahr«, sagte er bestimmt.

Robin war bitterlich enttäuscht. Bis zu diesem Augenblick war ihm nicht bewußt gewesen, wie sehr er darauf gebaut hatte, hier unterzukommen. Daß es dieser Ort war, zu dem er hatte zurückkehren wollen, daß die Aussicht, hier bleiben zu können, den Schock über den Verlust seiner Identität gemildert hatte. Erst jetzt stürzte er wirklich in den bodenlosen Abgrund, der sich eigentlich schon vor zwei Tagen hätte auftun müssen. Er sah hoffnungslos von Conrad zu Matthew und wieder zurück. »Aber ich … weiß nicht, wohin ich sonst gehen soll.«

Er spürte, daß dieses beschämende Eingeständnis den Mann vor ihm nicht im geringsten rührte.

Matthew strich sich nachdenklich den Bart. »Wenn ich dir etwas erzähle, Conrad, mein Junge, wirst du mir zuhören?« erkundigte er sich schließlich.

Bei der respektlosen Anrede verfinsterte sich das narbige Gesicht noch weiter, aber Conrad nickte, ohne zu zögern. Das Wort des Schmieds hatte bei jedermann Gewicht. »Nur zu.«

»Dann komm mit hinüber zum Gatter.«

Die beiden Männer entfernten sich ungefähr zwanzig Schritte. Robin sah ihnen mit banger Hoffnung und unbehaglich zugleich nach.

Die Unterhaltung wurde hitzig. Die Stimme des Schmieds blieb ein eindringliches, tiefes Murmeln, Robin konnte keine Worte verstehen. Aber Conrads Stimme erhob sich zu einem leisen Donnergrollen, und einige Wortfetzen wie »Bücherwurm« und »verwöhntes Herrensöhnchen« wehten zu ihm herüber. Er wandte sich mutlos ab und schlenderte an den Ställen entlang, sah hier und da durch eine der Türen und bewunderte die Stuten. Am anderen Ende der Gasse tauchten John und Cedric und zwei weitere Burschen auf, beladen mit Heubüscheln und Eimern. Stalltüren klapperten, Hufe stampften. Verspätet kam das abendliche Ritual in Gang. Das Tageslicht schwand jetzt schnell, die Sonne war untergegangen. Sie mußten sich beeilen, wenn sie vor Einbruch der Dunkelheit fertig sein wollten. Robin sah ihnen neiderfüllt zu.

»Also sag mir, warum ich dich nehmen sollte, Robin«, verlangte die leise Stimme plötzlich hinter ihm.

Er zuckte zusammen und fuhr herum. Conrad stand vor ihm, die Hände auf die schmalen Hüften gestützt, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der Schmied war nirgends zu entdecken.

Robin räusperte sich und dachte, verdammt, räuspere dich nicht andauernd, Tölpel. »Ich … ich liebe Pferde.«

»Das reicht nicht.«

»Und manchmal, ich glaube, manchmal versteh’ ich sie auch.«

»Pah.«

»Ich …« Robin ballte die Fäuste, ohne es zu merken. »Ich weiß, daß ich hier von Nutzen sein könnte. Ich kann einen Stall ausmisten und ein Pferd versorgen ebensogut wie jeder von diesen Jungen hier. Niemand hat mich gefragt, ob ich ein Bücherwurm werden will, weißt du, und ob ich ein verwöhntes Herrensöhnchen bin oder nicht, kannst du überhaupt nicht wissen! Jetzt bin ich jedenfalls niemandes Sohn mehr, und ich brauche Arbeit. Und … ich werde nicht darum betteln.« Jedenfalls nicht, wenn es sich vermeiden läßt, dachte er nervös.

Conrad sah ihn unverwandt an. Nichts regte sich in seinem blassen Gesicht, nur seine Augen schienen für einen Moment belustigt aufzuleuchten. Aber Robin war nicht sicher. Es war nur ganz kurz. Vielleicht hatte er sich auch geirrt.

»Ich denke, was du zuerst brauchst, sind ein Paar Stiefel. Und Kleidung. Ich erlaube nicht, daß meine Leute in Lumpen herumlaufen.«

Robin lächelte befreit, war aber gleich wieder von neuen Sorgen geplagt. »Stiefel, ja, ähm … Ich bin abgebrannt.«

»Ich habe nichts anderes erwartet. Ich werd’ es dir vom Lohn abziehen.«

»Gut.«

»Willst du nicht wissen, wieviel du verdienst?«

»Doch. Wieviel?«

»Zwölf Pence die Woche. Davon geht Essen- und Kleidergeld ab.«

»Oh.«

Conrad hob kurz die Schultern. »Die Löhne sind schlecht und festgeschrieben. König Edward will es so. Damit die Last für seine geplagten Earls nicht zu groß wird.«

Sein Sarkasmus bereitete Robin Unbehagen, und er räusperte sich schon wieder. »Dann glaube ich kaum, daß ich mir ein Paar Stiefel leisten kann.«

Conrad nickte. »Doch. Frederic der Sattler wird sie dir machen. Gut und vor allem preiswert. Die anderen Sachen bekommst du von meiner Frau. Du wirst sie sorgfältig behandeln, denn sie hat sie mit Sorgfalt gemacht, verstanden?«

»Ja.«

»Wie gut reitest du?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was du gut oder schlecht nennst. Und in letzter Zeit hatte ich wenig Gelegenheit. Aber ich …«

»Wir werden ja sehen«, unterbrach der Stallmeister ungeduldig. »Du wirst mit den anderen Jungen in dem Raum über der Sattelkammer schlafen. Ich denke, es wird sich ein Platz für dich finden. Vielleicht nicht das, was du gewöhnt bist.«

Robin ignorierte seinen Spott. Wie immer die Behausung über der Sattelkammer aussah, sie konnte nicht bescheidener sein als das Dormitorium in St. Thomas. »Ja.«

»Also schön. Das wäre vorerst alles. Geh ins Dorf, und hinter der Kirche rechts findest du Frederic. Richte ihm aus, daß du die Stiefel spätestens übermorgen haben mußt. Trödel nicht im Dorf herum, und komm anschließend zu meinem Haus.«

Robin nickte und wandte sich ab.

»Ach ja, und Robin …«

Er drehte sich noch einmal um. »Ja?«

»Ich verlange ordentliche, gewissenhafte Arbeit, aber keine irrsinnigen Heldentaten. Ich will nicht, daß du je wieder tust, was du heute getan hast. Das nächste Mal wirst du nicht so viel Glück haben.«

Das hatte nichts mit Glück zu tun, dachte er ungehalten, aber er nickte nur.

Conrad betrachtete ihn kritisch. »Vergiß nicht, was ich sage, Junge. Ich warne dich.«

Robin schüttelte den Kopf. »Ich vergesse es nicht.«

Sattlerei und Schustern hatten in Robins Vorstellung wenig miteinander zu tun, denn Sättel waren aus Holz und Stiefel aus Leder. Doch Frederic, so fand er heraus, stellte neben den Sätteln auch die ledernen Zaumzeuge für das Gestüt und die Pferde auf der Burg und die wenigen im Dorf her, darum verfügte er über das Material ebenso wie über das nötige Werkzeug und hatte das Stiefelmachen erlernt, weil jeder Nebenerwerb ihm willkommen war. Er hatte nur ein einziges Feld, viel zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Er war ein freundlicher alter Mann, der Robin ebenso auf den ersten Blick erkannte, wie Conrad es getan hatte.

Er betrachtete ihn mit nostalgischer Wehmut. »Ihr seid Eurer lieben Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, Sir Robin.«

Robin errötete heftig. »Das … darfst du nicht zu mir sagen, Frederic. Das bin ich nicht mehr.«

Der alte Mann seufzte schwer. »Ja, es sind schlechte Zeiten. Schlechte Zeiten, mein Junge. Ein Krieg, den niemand gewinnt und der den letzten Tropfen Blut aus dem Land preßt, und ein guter Mann verliert sein Hab und Gut. Es ist schrecklich. Ihr solltet wissen, daß alle hier zu Eurem Vater standen, Sir Robin.«

Robin verdrehte verzweifelt die Augen. »Kannst du mir ein Paar Stiefel machen? Conrad sagt, wenn möglich, bis übermorgen.«

»Aber natürlich, mein Junge. Für Euch auch bis morgen.«

»O um Himmels willen, Mann! Du machst einen Bückling vor einem Stallburschen. Alles hat sich geändert, verstehst du nicht? Du machst es nur schwerer für mich. Du mußt einfach vergessen, wer ich war.«

»Wie kann ich das? Wenn ich Euch … dich sehe, sehe ich deine Mutter vor mir.«

»Ja, aber sie ist tot.«

Der alte Mann betrachtete ihn nachdenklich. Dann maß er Robins Fuß und murmelte das Ergebnis unablässig vor sich hin, viele Male, damit er es nicht vergaß. »Morgen abend, Sir Robin.«

Robin machte sich schleunigst davon.

Auf dem Rückweg begegnete er mehreren Leuten aus dem Dorf, ein paar jungen Mädchen auf dem Weg zum Brunnen und ein paar Bauern, aber niemand erkannte ihn. Die Leute waren auch ihm zum Teil fremd, als seien sie erst in den letzten Jahren hierhergekommen. Und das war durchaus möglich. Seit der Pest hatte es viel Bewegung unter der Landbevölkerung gegeben, Familien verließen ihre angestammten Dörfer und begaben sich auf die Suche nach besserem Land zu günstigeren Pachtbedingungen. Jetzt gab es mehr Land als Leute, um es zu bebauen. Für eine Weile hatten die Bauern die Trumpfkarten in der Hand gehalten. Bis der König die neuen Gesetze erließ, die jeden Bauern, frei oder unfrei, an seinen Dienstherrn banden. Robin verstand, warum er es getan hatte, als er all die fremden Gesichter in Waringham sah. Aber er war froh über die fremden Gesichter. Je weniger Leuten wie Frederic er begegnete, um so leichter für ihn. Natürlich sah er auch halb vertraute Gesichter, und ein paar Leute blieben stehen und erwiderten seinen Gruß mit Verwirrung. Er würde wohl noch herausfinden, ob sie sich erinnerten und ihn dann als das annehmen würden, was er jetzt war. Aber das war im Augenblick nicht seine größte Sorge.

Er ging über den Mönchskopf zurück zu den Ställen. Inzwischen war es ganz und gar dunkel geworden. Die kleine Weide und die Ställe der Stuten lagen im Schatten. Aber im Haus des Stallmeisters brannte Licht, es leuchtete einladend durch die beiden Fenster links und rechts der Tür. Robin ging darauf zu und klopfte zaghaft.

»Nur herein«, erhob sich eine energische Frauenstimme über das Plärren eines Kindes hinweg.

Robin trat ein. Unter der Tür blieb er stehen und sah sich verstohlen um. Er befand sich in der Küche, dem Hauptraum des Hauses. Die Balken der niedrigen Decke waren vom Ruß des Herdes fast schwarz. Die Rückwand des Raumes lag im Dunkeln, aber Robin erahnte rechts eine Tür, die vermutlich in eine Schlafkammer führte, links eine schmale Stiege zur Dachkammer. Der Dielenboden war mit Stroh ausgelegt. Der große Tisch zur Rechten, an dem Conrad saß und aß, war blankgescheuert. An der linken Wand war ein Herd unter einem tiefen Rauchabzug. Am Herd stand eine junge Frau über einen dampfenden Topf gebeugt, und überall um sie herum waren Kinder. Robin zählte verstohlen. Es waren nur vier, stellte er verwundert fest, auf den ersten Blick hätte er eher ein halbes Dutzend geschätzt. Drei vergnügten sich mit ein paar Holzspielzeugen am Boden. Das älteste war vielleicht sechs, ein rotgelocktes Mädchen, das neben seiner Mutter stand und auf ihr Zeichen einen dickflüssigen Sirup aus einem irdenen Krug in den Topf goß. Die Küche war warm und erfüllt von einem herrlichen Duft nach Kirschen und Zucker.

Als die Frau sich umwandte, sah Robin ohne große Überraschung, daß sie schwanger war. »Was stehst du da, Robin. Komm schon herein.«

Sie hatte ein feingeschnittenes Gesicht mit seltsamen, graugrünen Augen. Ihr Haar war in ein weißes Tuch eingeschlagen, das auch ihren Hals und den Ansatz des Kinns bedeckte, aber der Haaransatz über der Stirn war so rot wie die Locken des kleinen Mädchens. Die Schwangerschaft war noch nicht sehr weit fortgeschritten, doch ihr gewölbter Bauch zeichnete sich schon deutlich unter dem rotbraunen Wollkleid ab. Sie betrachtete ihn ebenso unverhohlen wie er sie.

Er trat näher und schloß die Tür.

Conrad wies auf einen freien Platz auf der Bank neben sich. »Setz dich. Maria …«

»Ja, ja, ich komme.«

Sie nahm eine Schale von einem Bord an der Wand neben dem Herd, füllte sie aus einem zweiten Topf und brachte sie zum Tisch. »Na komm schon, Junge, du mußt hungrig sein. Die anderen hatten ihr Abendessen bereits. Das hier ist die letzte Gelegenheit.«

Robin rutschte eilig auf die Bank. Er war tatsächlich sehr hungrig. »Danke«, murmelte er und begann, gierig zu essen. Es war ein einfaches Gericht aus Hammelfleisch und Weizengrütze, aber schmackhaft gewürzt, und das dunkle Brot, das sie ihm dazu gab, war frisch. Er aß, ohne aufzusehen. Die Anwesenheit des Stallmeisters machte ihn befangen, und wäre er nicht so ausgehungert gewesen, hätte er wohl nichts heruntergebracht. So schaufelte er Löffel um Löffel in sich hinein und betrachtete dabei aus dem Augenwinkel Conrads Familie. Die Kinder, drei Jungs und das größere Mädchen, wirkten sauber und ordentlich wie das Haus. Die Kleinen spielten ungehemmt und ziemlich geräuschvoll am Boden, ihr Vater schien nicht die einschüchternde Wirkung auf sie zu haben, die er auf seine Stallburschen, alte wie neue, ausübte. Der mittlere, vielleicht drei Jahre alt, krabbelte auf seinen Schoß und schmiegte sich vertrauensvoll an die Brust seines Vaters.

Conrad legte abwesend die Arme um ihn und wartete, bis Robin aufgegessen hatte. Schließlich fragte er: »Hast du keine Verwandten, die dich aufnehmen können?«

Robin rieb seine Schale und den Löffel sorgfältig mit seinem letzten Stück Brot sauber. »Nein. Mein Vater hatte keine Brüder, nur ein paar Vettern. Sie sind alle im Krieg. Arme Ritter ohne Land. Meine Mutter war nicht von hier. Sie stammte aus Yorkshire. Ich weiß nichts über ihre Leute.«

»Stimmt es, daß du im Kloster warst?«

»Ja.«

»Und sie wollten dich nicht behalten, nachdem …« Er ließ den Satz unvollendet.

Robin aß den Rest des Brotes, während er seine Antwort überdachte. Dann entschloß er sich kurzerhand, bei der Wahrheit zu bleiben. »Ich wollte nicht bleiben.«

»Und sie haben dich einfach so gehen lassen?«

Robin sah auf seine Hände und merkte zu spät, daß er mit seinen nackten Füßen unruhig im Stroh raschelte.

»Du bist ausgerissen«, schloß Conrad mit einigem Erstaunen.

Robin nickte und sah dann alarmiert auf. »Du wirst mich nicht zurückschicken, oder? Oh, bitte, sag, daß du mich nicht zurückschickst!«

Conrad schüttelte kurz den Kopf. »Nein. Es ist nicht meine Sache, das zu entscheiden. Der neue Lord wird es vielleicht tun. Aber ich nicht.«

Maria kam herüber und setzte sich zu ihnen. »Warum sollte der neue Earl so etwas tun? Oder meinst du, daß das Lehen an eines der umliegenden Klöster geht?«

Conrad hob leicht die Schultern. »Wie soll ich das wissen?«

Maria verschränkte die Hände auf ihrem runden Bauch und nickte Robin aufmunternd zu. »Mach dir keine Gedanken, Junge. Es wird sich schon alles fügen.«

Conrad schien nicht so zuversichtlich. »Warum bist du ausgerechnet hierher gekommen?«

»Ich bin hier zu Hause. Wohin sonst sollte ich gehen?«

»Wann warst du zuletzt hier?«

»Zur Beerdigung meiner Mutter und meiner Geschwister. Im Winter vor vier Jahren.«

»Eine lange Zeit für einen Bengel in deinem Alter.«

Robin nickte wortlos.

»Glaubst du wirklich, dein Vater hätte gewollt, daß du dich hier als Pferdeknecht verdingst? Weißt du denn überhaupt, was du tust?«

Robin antwortete nicht sofort. Er erinnerte sich gut an das, was sein Vater zu ihm gesagt hatte damals, am Tag der Beerdigung. Jetzt bist du der Älteste, Robin. Es besteht kein Grund mehr, daß du Mönch wirst. Das Land und der Titel werden irgendwann auf dich übergehen, Robin. Ich werde dich aus diesem Kloster holen, sobald ich zurück bin, ich verspreche es dir, Robin. Du mußt lernen, was es bedeutet, ein Ritter des Königs zu sein. Das ist es, was zählt, Robin. Tapferkeit, Ehre, Großmut, Loyalität. Diese Eigenschaften haben England groß gemacht, und du mußt dir zum Ziel machen, sie zu erlangen. Und wenn du zurück zur Schule gehst und lesen und schreiben und all die gelehrten Dinge lernst, vergiß nie, worauf es wirklich ankommt …

Das hatte er gesagt. Und jetzt thronte sein Kopf am Ende einer langen Stange irgendwo über einer französischen Burgmauer, zur Abschreckung für alle, die ihn sahen. Den Mann, der seinen König verraten hatte.

»Die Dinge haben sich geändert, und mein Vater ist tot. Hätte er gewünscht, daß ich seine Nachfolge antrete, hätte er seinen Titel nicht verwirken sollen.«

Conrad legte leicht den Kopf zur Seite. »Denkst du nicht, du gehst ein wenig hart mit ihm ins Gericht? Kannst du wissen, was passiert ist da drüben in Frankreich?«

Robin senkte den Kopf. Alles, was er wußte, war, daß sein Vater ein Verräter war. Ein Verräter, ein Selbstmörder, ein Feigling. Ganz sicher nicht der Mann, für den Robin ihn sein Leben lang gehalten hatte.

»Nein. Ich weiß nicht, was in Frankreich passiert ist. Und ich weiß auch nicht, welche Bedeutung das noch für mich haben sollte. Jetzt ist jetzt.«

»Zweifellos.« Conrad betrachtete ihn einen Moment, schien noch etwas sagen zu wollen und tat es dann doch nicht.

Maria stand auf und nahm seinen Teller. »Dort am Herd liegen ein paar Sachen für dich.«

Robin erhob sich und nahm seine neuen Kleider an sich. Ein Paar Hosen – formlose Beinlinge, die in der Hüfte mehrmals um einen Stoffgürtel gekrempelt wurden, damit sie hielten – und ein Kittel, alles aus dem gleichen, grauverwaschenen Tuch. Bauernkleidung, dachte er ein wenig erschüttert. Nur gut, daß seine Mutter ihn darin nicht sehen würde. Sie hatte immer so großen Wert auf vornehme Kleidung gelegt, sie hatte gesagt, daß man an der Kleidung den Stand erkenne. Und wenn schon. Er fühlte das feste, rauhe Gewebe unter seinen Fingern und war froh. Oswins Sonntagsstaat trug die Spuren seiner ereignisreichen Reise und war fadenscheinig und verschlissen. Zu dünn für den herannahenden Herbst. In der letzten Nacht hatte er immerzu gefroren. Es mochte nur Bauernkleidung sein, die er tragen würde, aber es waren keine Lumpen.

Conrad verfrachtete seinen Sohn auf sein anderes Knie und sah Robin ernst an. »Die Sattelkammer ist direkt an der Scheune im Hof hinter den Stuten. Weißt du, wo das ist?«

Robin erinnerte sich vage. »Ich denke schon.«

»Also dann. Leg dich schlafen. Unser Tag beginnt immer sehr früh. Morgen abend wirst du wünschen, du wärest in deinem Kloster geblieben.«

Robin lächelte. Das konnte er wirklich nicht glauben. »Gute Nacht. Danke für das Essen und die Sachen, Maria.«

Sie runzelte überrascht die Stirn, offenbar nicht daran gewöhnt, daß ihr jemand für ihre Mühen dankte. Sie lächelte ein bißchen verlegen. »Gute Nacht, Robin.«

Nach dem hellerleuchteten Haus kam ihm die Nacht schwarz und undurchdringlich vor. Vor der Tür blieb er einen Moment stehen, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Als er die Formen um sich herum erkennen konnte, machte er sich auf den kurzen Weg. Er dachte über Conrad und seine Familie nach und fragte sich, wie es sein mochte, ein solches Leben zu führen, in einer strohgedeckten Bauernkate voller Kinder. Maria war eine hübsche junge Frau. Sie war freundlich und zeigte keine Furcht vor ihrem Mann, ebensowenig wie seine Kinder ihn fürchteten. Das machte Robin Hoffnung. Vielleicht war der Stallmeister doch nicht so furchterregend, wie es den Anschein hatte.

Er fand die Sattelkammer mühelos. Die Tür zu dem kleinen Raum voller Sättel und Zaumzeug stand offen. Drinnen roch es nach Stroh, feuchtem Leder und Pferden. Neben der eigentlichen Kammer führte eine steile Holzleiter nach oben. Robin klemmte seine neuen Sachen unter einen Arm und stieg hinauf.

Der Raum oben war ebenso klein wie die Sattelkammer und beherbergte außer Robin acht weitere Stallburschen. Für jeden gab es ein Strohlager mit einer Decke und eine kleine Holzkiste am Kopfende für persönliche Habseligkeiten. In der schrägen Wand war eine kleine Fensteröffnung, und im Dachstuhl entdeckte Robin zwei verlassene Schwalbennester. Der Holzboden war sauber gefegt.

An der Stirnwand des kleinen Raumes, gegenüber der Öffnung für die Leiter, stand ein Tisch mit einer Öllampe darauf, um den herum die anderen Stallburschen auf Strohballen saßen und würfelten. Als Robin eintrat, sahen sie auf, und es wurde still.

»Das ist der Kerl, von dem wir euch erzählt haben«, sagte schließlich einer der beiden, die bei seiner Ankunft mit dem Schmied zusammen dem Jährling nachgejagt waren. Cedric, erinnerte sich Robin.

Er spürte sein Herz schlagen, bemühte sich um ein unbeschwertes Lächeln und grüßte höflich.

Sie nickten und murmelten und starrten ihn unverwandt an.

Er deutete auf die Strohbetten. »Welches ist meins?«

Einer erhob sich, ein breitschultriger Junge in Robins Alter mit hellbraunen Haaren und einer häßlichen, rötlichen Narbe auf der Stirn. »Direkt neben dem Fenster. Da, wo’s reinregnet und am schlimmsten zieht, Euer Lordschaft.«

Robins Mut sank. Sie wußten, wer er war. Wer er gewesen war. Wie hatte er nur glauben können, es würde nicht herauskommen? Er versuchte, keine Regung zu zeigen, und ging zu dem ihm zugewiesenen Bett. »Danke.«

»Oh, keine Ursache, Euer Lordschaft.« Der Junge grinste.

Robin legte seine neuen Sachen auf die Decke und setzte sich auf sein Lager. »Mein Name ist Robin.«

»Und mein Name ist Isaac, Mylord, Euer demütiger Diener.« Er verbeugte sich tief, und die anderen lachten.

Robin sagte nichts.

»Wie ich höre, hat Euer Vater mitten in der Schlacht die Seiten gewechselt und einen Bückling vor dem französischen König gemacht?«

»Dann weißt du mehr als ich«, stieß Robin zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Isaac verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn abschätzend an. »Warum sonst hat er sich wohl aufgehängt, wenn es nicht stimmt?«

»Isaac …«, begann einer der anderen unsicher.

Robin stand auf und machte einen wütenden Schritt auf ihn zu. »Na schön. Und wer ist dein Vater, Großmaul? Na komm schon, sag es mir, damit ich mich über ihn lustig machen kann.«

Isaac starrte ihn verdutzt an, öffnete den Mund und schloß ihn wieder.

»Keiner weiß, wer Isaacs Vater ist«, sagte Cedric in die plötzliche Stille. »Seine Mutter wußte es vielleicht, aber wetten würde ich darauf auch nicht.«

In das allgemeine Gelächter stimmte Isaac großmütig mit ein. »So ist es, Junge. Nach allem, was ich weiß, könnten wir Brüder sein.«

Durchaus möglich, dachte Robin. Es war allgemein bekannt, daß sein Vater nie die Hände von seinen Mägden hatte lassen können. Er nickte Isaac ernst zu. »Gegen einen Bruder hab’ ich nichts einzuwenden.«

Isaac grinste breit. Er war eigentlich eher gutmütig als bösartig; seine grausamen Worte waren nichts als unbedachter Übermut gewesen. Er wies zu der Runde am Tisch hinüber. »Also kommt, Euer Lordschaft. Ich denke, wir haben noch einen Schluck Bier übrig. Wenn das fein genug für dich ist.«

Robin folgte ihm willig. Alles in allem waren sie nette Burschen. Einer nach dem anderen stellte sich vor, und Robin lernte schnell, welches Gesicht zu welchem Namen gehörte. Cedric und John, die er am Nachmittag schon gesehen hatte, waren zwei Brüder aus Camberfield, einem kleinen Dorf etwa fünf Meilen östlich von Waringham. Ihre ganze Familie war an der Pest gestorben, und sie waren hierhergekommen, um Arbeit zu finden. Die anderen waren aus Waringham, der Bastard Isaac ebenso wie Crispin und Alfred, Bertram, Dick und Pete. Sie waren jüngere Söhne aus großen Bauernfamilien, die keine Hoffnung hatten, den väterlichen Hof zu übernehmen, und die sich hier Arbeit gesucht hatten, damit zu Hause ein Maul weniger zu stopfen war.

Sie machten ihm Platz auf den Strohballen, und Alfred schenkte ihm einen Becher Bier aus einem tönernen Krug ein. »Da. Dünn und warm. Gewöhn dich dran.«

Robin trank ihm dankbar zu. Er würde keine Schwierigkeiten haben, sich daran zu gewöhnen. Wen in St. Thomas außerhalb der Mahlzeiten dürstete, der konnte aus dem Mühlbach, dem Fischteich oder, was wesentlich häufiger geschah, heimlich aus den Weihwasserbecken trinken. Er wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. »Hm. Gar nicht so übel.«

Sie beäugten ihn neugierig und schienen nicht so recht zu wissen, was sie von der ganzen Sache halten sollten. Robin spürte ihre Befangenheit, und um es für sich selbst und für sie ein wenig einfacher zu machen, verwickelte er sie in ein Gespräch über die Zucht.

»Wie viele Pferde sind hier im Moment?«

»Vierundzwanzig Stuten, alle trächtig«, antwortete Crispin. »Drei Deckhengste. Zwölf Jährlinge und vierzehn Zweijährige. Die werden im Frühjahr verkauft, dann sind sie fertig ausgebildet.«

»Und die Jährlings-Stuten?«

»Verkauft. Letzten Monat schon. Die Stuten werden hier nicht zugeritten. Lohnt sich nicht, sagt Seine Lordschaft immer … ich meine, sagte er, dein alter Herr, und er hatte recht. Wir bilden nur noch Kriegspferde aus. Alles Hengste, versteht sich.«

»Wer macht das? Wer bildet sie aus?«

»Conrad reitet sie zu. Er und Stephen. Das ist seine rechte Hand, du wirst ihn morgen kennenlernen«, prophezeite Isaac.

»Und mich vor ihm hüten?« erkundigte sich Robin.

Isaac grinste düster. »Ja. Kann nicht schaden. Aber wird auch nicht viel nützen. Conrad ist schon schlimm. Aber Stephen ist … wie alle sieben Plagen Ägyptens auf einmal.«

»Zehn«, verbesserte Cedric.

»Von mir aus.«

»Und Conrad?«

Er bekam nicht gleich eine Antwort. Alle schienen zu zögern.

»Ist er schon lange hier?« fragte Robin. »Ich hab’ ihn früher nie gesehen. Aber er kannte mich. Was ist aus Ethelwold geworden, dem alten Stallmeister?«

»Ethelwold ist verunglückt«, erzählte Dick, ein stiller Junge mit dunklen Haaren und fast schwarzen Augen. »Das muß, warte mal, ungefähr drei Jahre her sein. Es war eine Höllenbrut von einem Zweijährigen. Bösartig. Alle hatten eine Heidenangst vor ihm. Aber Ethelwold wollte ihn einfach nicht aufgeben, er hatte einen richtigen Narren an ihm gefressen. Er ist mit ihm in den Wald geritten, und nach einer Stunde kam der Gaul allein zurück. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Irgendwie hat er Ethelwold abgeworfen und, na ja, wie soll ich sagen … Junge, es war grauenhaft.«

Robin sah ihn gebannt an. »Was?«

»Tja, scheint, er hat ihn abgeworfen und ist dann auf ihm rumgetrampelt. Ich hab’s nicht gesehen, aber es heißt, er war kaum noch zu erkennen. Conrad war damals der Vormann hier. Er und Stephen haben Ethelwold gefunden. Und als sie wiederkamen, haben sie dem Gaul die Kehle durchgeschnitten. Und Conrad hat den ganzen Tag mit niemandem ein Wort gesprochen. Er hatte viel übrig für den alten Ethelwold. Sie waren wie Vater und Sohn, heißt es.«

Robin unterdrückte ein Schaudern. Für gewöhnlich mochte er haarsträubende Geschichten, aber nicht, mußte er feststellen, wenn es um Leute ging, die er gekannt hatte. »Wo kommt er her? Conrad, meine ich. Und was ist mit seinem Gesicht?«

»Keiner weiß so genau, wo er her ist«, meinte John kopfschüttelnd. »Die einen sagen, aus dem Norden, manche behaupten sogar, aus Schottland. Wieder andere sagen, er sei aus Wales. Er spricht nicht wie die Leute hier. Und sein Gesicht …« Er hob ratlos die Schultern. »In dieser Gegend hat es seit Ewigkeiten keine Pocken gegeben.«

Alfred verteilte den Rest aus dem Krug auf die neun Becher. »Und wer wird unser neuer Lord, was meinst du, Robin? Du solltest es doch wissen.«

Robin schüttelte verwirrt den Kopf. »Nein. Als ich heute nachmittag ankam, dachte ich, die neuen Herren seien schon hier.«

Cedric schob die Unterlippe vor. »Nur ein paar Raufbolde. Ritter. Als die Neuigkeiten über … Seine Lordschaft hier ankamen, sind die meisten, die die Burg bewachten, einfach verschwunden, aber nicht alle. Gestern kamen die neuen, ein Dutzend vielleicht. Rauhe Gesellen. Wir glauben, daß sie Männer des Königs sind, die hierbleiben, bis feststeht, wer der neue Earl ist.«

Robin schüttelte wieder den Kopf. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer Earl werden wird.«

Isaac sah ihn ernst an und hob langsam die Schultern. »Tja, du jedenfalls nicht, Junge. Soviel steht wohl fest.«

Als Cedric ihn am nächsten Morgen weckte, war der Tag kaum angebrochen. Nur wenig Licht drang durch das Fenster über seinem Bett. Trotzdem sprangen die anderen sogleich auf, und er folgte ihrem Beispiel. In einer Ecke des Raumes standen zwei große Kannen mit Wasser am Boden und eine Waschschüssel auf einem wackeligen Tisch. Die Jungen machten nacheinander mehr oder weniger gründlichen Gebrauch von dieser Einrichtung. Das Wasser wanderte in einem schimmernden Bogen aus dem Fenster über Robins Bett.

Die Sattelkammer befand sich etwa in der Mitte des Gebäudekomplexes. Direkt gegenüber stand die Futterscheune, und dazwischen lag ein kleiner, grasbewachsener Platz. Ein Mann lehnte am Gatter und sah ihnen mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln entgegen. Er war ein dürrer Kerl mit dem flachsblonden Haar und den meergrauen Augen eines wahren Angelsachsen. Seine Nase war schmal und ein wenig krumm, seine Stirn hoch und sein Kinn kantig und glattrasiert. Er mochte um die Vierzig sein. Spöttisch grinsend verschränkte er die langen Arme vor der Brust. »Wieder mal ein Gelage gehalten gestern abend, ja? Ihr seht aus wie ein Haufen Saufbolde direkt aus dem Wirtshaus. Also dann. Cedric, John, Crispin, Isaac, so wie gestern. Pete und Alfred, ihr bringt die Stuten raus. Bertram nimmt Brutus und Dick Philemon. Und du bist der Neue?«

Robin erwiderte seinen eisigen, graublauen Blick, und etwas gefiel ihm nicht an diesen Augen. Sie standen zu eng zusammen, und sie wirkten bedrohlich, beinahe feindselig. »Ja. Robin.«

Der Mann nickte kurz. »Stephen. Was kannst du reiten, he?«

Robin hob die Schultern. Alles, hätte er sagen können, es gab kein Pferd, das ihm angst machte. Aber er dachte, es sei klüger, vorsichtig zu sein. »Ich weiß es nicht. Ich muß es ausprobieren.«

Stephen zog ironisch die Brauen hoch. »Aber du kannst reiten, ja?«

»Ja.«

»Na schön. Wir werden es versuchen. Mit Argos. Mit dem dürfte jede Klosterfrau fertig werden.«

Robin wußte nicht, ob die Bemerkung willkürlich war oder eine Beleidigung sein sollte. Er nickte wortlos.

Stephen machte eine ungeduldige Geste. »Isaac, nimm ihn mit. Zeig ihm alles.«

Isaac seufzte ergeben. »Also schön. Komm schon, Robin, trödel nicht herum.«

Alle außer Pete und Alfred, die in Richtung der Stuten verschwanden, gingen zurück in die Sattelkammer. Auf Holzpflöcken entlang der Wand ruhten zahllose Sättel, und Zaumzeuge hingen dazwischen von hölzernen Haken herab. Isaac wies auf einen der Sättel. »Da, der ist genau richtig für Argos. Nimm ihn mit und komm. Los, beeil dich mal ein bißchen!«

Robin nahm wie jeder andere einen Sattel und eine Trense an sich und folgte ihnen zu den Ställen. Die jungen, zukünftigen Schlachtrösser waren in zwei Reihen gegenüberliegender Ställe untergebracht, genau wie die Stuten, aber ein gutes Stück von ihnen entfernt. Junge, neugierige Pferdeköpfe sahen ihnen über die unteren Türhälften hinweg entgegen. Isaac hievte seinen Sattel auf den linken Arm und wies mit der Rechten auf die äußere rechte Tür. »Da, das ist Argos. Sattel ihn und bring ihn raus.«

Robin entriegelte die Stalltür und trat ein. Argos war ein knochiger Apfelschimmel mit ausladenden, mächtigen Schultern und einem kleinen Kopf. Der Gegensatz wirkte komisch. Aber Robin wußte, daß Zweijährige noch wuchsen, es würde sich vermutlich noch ausgleichen. Die klaren, dunklen Augen des Tieres blickten ihn vertrauensvoll an, und er sattelte seinen Gefährten voller Zuversicht. Er hatte keinerlei Bedenken, daß sie gut miteinander zurechtkommen würden.

Gleichzeitig mit den anderen führte er sein Pferd aus dem Stall und saß auf. Stephen gesellte sich zu ihnen; er ritt einen mächtigen, schrecklich häßlichen Wallach mit langen Beinen. Auf Stephens Zeichen setzte die Abteilung sich in Bewegung und folgte ihm zu einem der Übungsplätze.

Die jungen Hengste gingen unruhig und schreckten vor ihren eigenen Schatten zurück. Robin merkte schnell, daß er nie in seiner Aufmerksamkeit nachlassen durfte, auch wenn Argos angeblich das Lamm unter ihnen war. Stephen teilte sie in Gruppen zu zweit auf, gab ihnen kurze, präzise Anweisungen und ließ sie verschiedene Manöver in unterschiedlichen Gangarten exerzieren. Er war mit keiner der Darbietungen zufrieden, und seine Kritik ertönte schneidend und gnadenlos. Die Reiter waren konzentriert und angespannt, jeder hörte Stephen aufmerksam zu und nahm seinen Tadel widerspruchslos hin. Die jungen Pferde hingegen schienen keinerlei Furcht vor ihm zu haben; wann immer er sich einem näherte, stießen sie ihn vertrauensvoll an die Schulter. Seltsame Kreaturen, dachte Robin wohl zum tausendstenmal. Was sie nur an ihm finden. Ihn erfüllte Stephens brüllende Kommandostimme jedenfalls mit Unbehagen und schließlich auch mit Ärger, denn er hatte das Gefühl, daß er in besonders großzügiger Weise mit Beschimpfungen bedacht wurde. Trotzdem ging die Stunde irgendwie vorbei, und nachdem sie ihre Pferde abgerieben, gefüttert und ihre Ställe ausgemistet hatten, gab es Frühstück.

Dankbar folgte Robin den anderen zum Küchenhaus, das wegen der Brandgefahr etwas abseits von allen Scheunen und Ställen unweit von Conrads Haus auf einer Wiese stand. Es war eine einstöckige, niedrige Baracke, offenbar mit mehr Eile als Sorgfalt zusammengezimmert. Drinnen gab es einen langen Tisch und Bänke, an der rechten Stirnwand einen großen Herd und ein paar Regale mit Schalen und Tellern. Maria stand am Herd und schöpfte Grütze aus einem großen Topf. Die kleine Elinor reichte ihr die Schalen an.

Als die Jungen eintraten, erwiderten Mutter und Tochter ihren Gruß. Neben der Tür stand ein Eimer Wasser auf einem Hocker, daneben lag ein graues Stück Seife. Unter Marias kritischen Blicken wuschen sie sich die Hände, und bald darauf kamen die anderen. Conrad folgte als letzter, strich Elinor freundlich über den Kopf und setzte sich an die Stirnseite des Tisches nahe am Herd; im Winter zweifellos der beste Platz, dachte Robin flüchtig.

Nach einem kurzen Tischgebet begannen alle, hungrig zu essen. Das Frühstück war gut und reichhaltig. Es gab eine große Schale Porridge für jeden, Käse, frisches, dunkles Brot, Äpfel und mit Honig gesüßtes Bier. Robin aß mit Hingabe, sah nicht nach links und rechts und sandte einen mitleidigen Gedanken an Lionel und die anderen, die vielleicht gerade jetzt über einem Stück hartem Brot und einem Becher dünnem Bier hockten, die erste Lateinstunde in Aussicht. Gott sei Dank, dachte er selig. Heute ohne mich. Heute und hoffentlich für immer und ewig ohne mich.

»Robin«, riß Conrads leise Stimme ihn aus seinen Gedanken. »Wie ist es gegangen?«

Er sah auf. »Ganz gut, denke ich.« Er sah zu Stephen hinüber, obwohl er eigentlich nicht wollte.

Stephen grinste hämisch und zeigte dabei große gelbe Zähne. »Sagen wir, er ist kein hoffnungsloser Fall.«

Conrad nickte. Beide Antworten schienen ihn zufriedenzustellen. »Nach dem Frühstück gehst du wieder mit Stephen und den anderen zu den Zweijährigen. In ein paar Tagen, wenn wir wissen, was du kannst, wirst du drei von ihnen fest übernehmen. Du wirst sie reiten und versorgen und ganz für sie verantwortlich sein. Wir behalten sie noch über den Winter. Im Frühjahr, wenn die neuen Fohlen kommen und die Zweijährigen Dreijährige sind, werden sie verkauft. Dann sind die nächsten soweit.«

Robin nickte eifrig.

»Bis dahin sind sie in deiner Obhut, und es wird von dir abhängen, wie gut sie sein werden und welche Preise sie erzielen. Also nimm deine Arbeit nicht auf die leichte Schulter.«

»Nein, Conrad.«

Nach dem Frühstück ging Robin mit Isaac, Dick und Bertram zu den Zweijährigen zurück. Cedric und John folgten Conrad in den Hof, wo die Jährlinge untergebracht waren. Pete, zum Reiten zu dick, aber unvergleichlich im Umgang mit den schwerfälligen, empfindsamen Stuten, wie Robin gehört hatte, ging mit Crispin in den ersten Hof.

Sie ritten wieder eine Stunde lang mit einer Abteilung Zweijähriger, versorgten sie, ritten wieder. Am späten Vormittag war Robin erschöpft. Er hätte nie geglaubt, daß eine Mistgabel so schwer werden konnte, wie die in seinen Händen sich anfühlte. Aber er arbeitete im selben Tempo weiter wie am frühen Morgen und ignorierte seine müden Knochen. Er wollte Conrad beweisen, daß er kein verwöhntes Herrensöhnchen war, daß er, wie er behauptet hatte, ebensogut arbeiten konnte wie jeder andere hier. Und hätte er doppelt soviel arbeiten müssen, er würde sich dennoch nicht wünschen, er wäre in St. Thomas geblieben. In diesem Punkte irrte sich Conrad. Waringham mochte ihm nicht mehr gehören, aber es blieb trotzdem sein Zuhause. Er hatte nie irgendwo anders sein wollen. Und selbst wenn der Gedanke an seinen Vater ihm die Luft abschnürte, daran hatte sich nichts geändert.

Als endlich alle Zweijährigen ihr Futter und frisches Stroh hatten, war der Vormittag schon weit fortgeschritten, doch das Training war noch nicht vorbei. Isaac führte Robin auf einen der Übungsplätze, wo zwei beachtliche Scheiterhaufen errichtet waren, und machte Feuer. Pferde, erklärte er Robin, fürchteten sich vor nichts so sehr wie vor Feuer und Lärm. Doch in einer Schlacht gab es oft Feuer und lauten Schlachtenlärm. Sie gewöhnten die jungen Hengste hier daran. Robin, Isaac, Bertram und Dick rüsteten sich jeder mit zwei Eisenstangen aus, nahmen hinter den Feuern Aufstellung und stimmten ein schauerliches Geschepper an, begleitet von beachtlichem Kriegsgebrüll. Stephen ritt die zukünftigen Schlachtrösser zwischen den Feuern hindurch und einmal um die Gruppe der lärmenden Jungen herum. Sie gingen nur unwillig, mit rollenden Augen und zurückgelegten Ohren. Stephen hielt die Zügel kurz und ließ ihnen keine Gelegenheit, Reißaus zu nehmen. Über den Winter würden sie ihre Angst nach und nach verlieren, erklärte Isaac, so daß sie ihre Reiter später einmal furchtlos in jede Schlacht tragen würden, statt sie abzuwerfen und zu fliehen. Robin war fasziniert.

Der frühe Nachmittag war die ruhigste Zeit des Tages. Wer nicht gerade von Stephen oder Conrad mit irgendeinem unbeliebten Sonderauftrag bedacht wurde, hatte Gelegenheit zum Ausruhen. Robin ging auf Cedrics Bitte mit einer der Kannen aus ihrer Schlafkammer zum Brunnen, um sie aufzufüllen. Neben dem Brunnen stand eine hohe Kastanie, in deren Schatten er ein Nickerchen hielt. Er schlief vielleicht eine Stunde, und als er aufwachte, war es schon Zeit für die Abendrunde. Wieder mußte er ausmisten, Mist wegtragen, ein bißchen frisches Stroh ausbreiten und füttern. Und das dreimal. Während Robin zum drittenmal zur Futterscheune ging, um die vorgeschriebene Menge Heu und Hafer für Argos in Empfang zu nehmen, überlegte er, daß er sehr dankbar wäre, wenn seine Stiefel tatsächlich heute schon fertig würden. Es war nicht die angenehmste Sache der Welt, mit nackten Füßen einen Pferdestall auszumisten. Es ließ sich einfach nicht vermeiden, daß man hin und wieder in ein paar Äpfel trat. Er hatte sich heute bereits fünfmal die Füße gewaschen, sehr zur Belustigung der anderen.

Als er seine Arbeit getan hatte, lief er ins Dorf, um zu sehen, wie es mit seinem Schuhwerk stand. Frederic hatte Wort gehalten.

»Hier, mein Junge. Sie sind fertig. Und sind sie nicht prächtig geworden!« Die Augen in dem faltigen Gesicht leuchteten vor Stolz über die gute Arbeit.

Robin betrachtete seine neuen Stiefel ebenfalls mit Stolz. »Das sind sie in der Tat.«

»Probier sie an!«

Robin nahm den linken in die Hände, befühlte das feine Leder und zog ihn an. Dann folgte der rechte. Er ging ein paar Schritte hin und her, der alte Sattler folgte ihm mit erwartungsvollen Blicken.

Robin wackelte mit den Zehen. »Sie sind perfekt, Frederic. Wie eine zweite Haut.«

Frederic lachte. »Danke, Sir Robin. Für Euch war auch nur das Beste gut genug.«

Robin bedankte und verabschiedete sich eilig. Auf dem ganzen Rückweg sah er immerzu nur auf seine Füße. Nach fünf Jahren in den gräßlichen Mönchssandalen war es ein erhebendes Gefühl, wieder vernünftiges Schuhwerk zu tragen. Immer noch hingerissen, kam er zurück in die Stallungen und ging pfeifend zu den Zweijährigen, um den Apfel, den Frederic ihm zum Abschied geschenkt hatte, an Argos zu verfüttern. Er lehnte sich an die Stalltür, und sofort wandte Argos ihm den Kopf zu und schnupperte erwartungsvoll an seinen Händen.

»Hier, alter Freund.«

»Und wo bist du gewesen, wenn man fragen darf?« ertönte Stephens unmelodische Stimme plötzlich neben ihm.

Er sah auf. »Bei Frederic dem Sattler. Meine Stiefel abholen.«

»Was fällt dir ein, einfach zu verschwinden!« Stephen fauchte fast.

»Aber ich war doch fertig.«

»So, meinst du?«

Robin hob kurz die Hände. »Es tut mir leid, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Daß ich gegangen bin, ohne zu fragen. Ich hab’ mir nichts dabei gedacht.«

Stephen war nicht besänftigt. Er machte einen Schritt auf ihn zu, und Robin mußte sich zusammenreißen, um vor seinem eisigen Blick nicht zurückzuweichen.

»Du wirst in Zukunft so lange in diesem Hof bleiben, bis ich meine Runde gemacht habe und dir sage, daß du fertig bist.«

»Ja, Stephen.«

»Du hast das neue Futter in die Krippen getan, ohne sie vorher sauberzumachen! Und die Ställe sehen aus wie verdammte Schweineställe!«

Das tun sie nicht, dachte Robin ärgerlich. Er sagte nichts.

»Du wirst sie jetzt noch in Ordnung bringen. Vor dem Essen.«

»Ja, Stephen.«

»Und hab’ ich dir nicht gesagt, daß du den Pferden nichts zu fressen geben sollst, was ich dir nicht gegeben habe?«

»Nein.«

»Was?«

»Davon hast du mir nichts gesagt. Und es war nur ein Apfel.«

Ein Faustschlag traf ihn ins Gesicht, und er stürzte zu Boden.

»Werd bloß nicht unverschämt, du kleiner Hurenbengel.«

Robin stand auf und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Ein bißchen Blut aus seinem Mundwinkel blieb daran zurück. »Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Und meine Mutter war keine Hure.«

Stephen holte wieder aus und traf seine linke Gesichtshälfte. Ich halte mal wieder die andere Wange hin, dachte Robin benommen, während er am Boden lag, und warum ist er so wütend auf mich? Was hab’ ich denn getan? Er wollte sich aufrichten, als Stephens Stiefel ihn genau in den Magen traf, und er fiel wieder um, krümmte sich zusammen und rang um Atem.

Er spürte einen weiteren Tritt und noch einen, auf die Brust und in die Seite. Sie waren hart und bösartig plaziert. O Gott, was passiert hier, dachte Robin angsterfüllt. Immer mehr Tritte prasselten auf ihn ein, überall. Einer traf ihn an der Schläfe, und er hob instinktiv die Arme über seinen Kopf, um sich zu schützen, und gab damit seine Brust und seinen Bauch preis. Er hatte die Zähne fest zusammengebissen und weinte stumm. Dicke Tränen quollen unter zugekniffenen Lidern hervor. Und als er dachte, daß er jetzt, im nächsten Moment, anfangen würde zu heulen und zu betteln, hörten die Tritte plötzlich auf.

Robin blieb reglos liegen, wagte nicht, sich zu rühren, und lauschte dem keuchenden Atem über ihm. Dann machte Stephen einen Schritt, und Robin wimmerte beinah vor Angst. Aber die Tritte fingen nicht wieder an.

»Tu, was ich dir gesagt habe, Junge.« Stephens Stimme klang seltsam gepreßt. »Und dann geh zum Essen. Beeil dich.«

Robin blieb reglos liegen.

»Junge?« Eine Hand legte sich plötzlich auf Robins Arm und wollte ihn wegziehen. Die Hand war fast sanft.

Robin riß seinen Arm mit einer heftigen Bewegung los. »Laß mich«, sagte er tonlos. »Ich komm’ schon. Geh weg.«

Die Hand verschwand von seinem Ärmel, und Schritte entfernten sich.

Als er sicher sein konnte, daß er allein war, nahm Robin die Arme von seinem Gesicht und stand langsam auf. Er mußte sich an Argos’ Stalltür hochziehen, und es dauerte eine Weile, bis er gerade stehen konnte. Eine graue Welle von Übelkeit überkam ihn. Er schaffte es bis zur Rückseite des Stalls, fiel auf die Knie und erbrach sich. Wieder geriet er in Atemnot. Als das Würgen endlich nachließ und er aufstand, waren seine Knie weich, und er tastete sich schrittweise die hölzerne Wand entlang.

Eine Weile stand er nur da und atmete. Schließlich wurde ihm besser. Er öffnete die Stalltür, trat ein und begann, die Futterkrippe zu säubern.

Weder beeilte er sich mit seiner Arbeit, noch ging er zum Abendessen. Er hatte keinen Hunger mehr, und er wollte jetzt niemanden sehen. Er war zu verstört, und immer, wenn er glaubte, er habe sich beruhigt, fing er wieder an zu weinen. Er konnte nichts dagegen machen. Sehr sorgfältig glättete er Argos’ Strohbett und füllte das restliche Futter zurück in die jetzt saubere Krippe. Dann ging er hinaus, verriegelte die Tür und ging weiter zu Hectors Box. Seine Hände zitterten ein wenig, und sie bewegten sich langsam, wie im Traum. Er konzentrierte sich auf das, was sie taten. Er wollte nicht auf seine Füße sehen, auf die verdammten Stiefel, die ihn mit solchem Übermut erfüllt hatten. Plötzlich war aus diesem Tag, der so gut und so verheißungsvoll begonnen hatte, ein Desaster geworden. All seine Zuversicht war dahin. Er konnte nicht verstehen, was eigentlich geschehen war, was diesen Ausbruch roher Gewalt gegen ihn ausgelöst hatte. Ärgerlich wischte er sich mit dem Ärmel über die Augen. Das Heulen schmerzte im Bauch. Und es tat seinem Stolz weh.

Von Hector ging er zu Achylles. Wie friedfertig sie nebeneinanderstanden … Robin grinste geisterhaft, machte sich bedächtig an der Krippe zu schaffen, bis sie so blank war, daß er selber bedenkenlos daraus gegessen hätte. Als endlich alles getan war, ging er zu Argos zurück. Mit dem Fuß häufte er ein bißchen sauberes Stroh in der Ecke zwischen Tür- und Seitenwand zusammen und setzte sich. Er stöhnte leise und drückte eine Hand auf seinen Bauch. Argos warf ihm einen neugierigen Blick zu und fraß dann in Ruhe weiter. Er schien nichts gegen Gesellschaft zu haben. Robin stützte das Kinn auf die Faust und sah zu, wie es draußen dunkel wurde.

Als das letzte Tageslicht fast geschwunden war, kam Conrad in den Hof. Er beugte sich über die geschlossene Türhälfte und erspähte Robin in seiner Ecke.

»Ah. Ich dachte mir, daß du hier steckst.« Er öffnete die Tür und trat ein. »Sag mal, findest du, meine Frau kocht nicht gut?«

Robin sah auf seine Hände. »Doch.«

»Es ist ziemlich unhöflich, wenn du nicht zum Essen kommst.«

»Tut mir leid.«

Conrad kam ein paar Schritte näher. »Rück mal ein Stück.«

Robin machte Platz, und Conrad setzte sich neben ihn. »Stephen hat mir gesagt, was passiert ist.«

Robin schüttelte müde den Kopf. »Wirf mich nicht raus, Conrad. Bitte. Ich hab’ nicht gewußt, daß ich was falsch mache.«

»Deswegen bin ich nicht gekommen.«

Er atmete erleichtert auf. »Gut.«

Conrad nahm plötzlich sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und zwang ihn so, den Kopf zu heben. Er spähte in sein Gesicht. »Na ja. Das vergeht.«

Robin riß seinen Kopf wütend weg. »Das ist nichts.«

»Oh, natürlich. Robin, ich will dir etwas erklären.«

»Nicht nötig.«

»Verdammt, halt den Mund und hör mir zu.«

»Ich bin ganz Ohr.«

Conrad sah ihn scharf an und grinste flüchtig. »Du bringst gern die Leute in Rage, ja?«

Robin fuhr sich mit der Hand über die Stirn und nickte unglücklich. »Ja. Ich fürchte, so ist es.«

»Das kann ziemlich gefährlich werden, wenn man die Falschen erwischt.«

»Ich erwische immer die Falschen.«

Conrad nickte nachdenklich. »Vielleicht lernst du irgendwann etwas daraus.«

»Vielleicht.«

»Robin, hast du gesehen, wie er mit Pferden umgehen kann?«

Robin nickte stumm.

»Das ist Stephen. So ist er in Wirklichkeit. So wollte die Natur ihn haben. Aber es hat nicht ganz geklappt.«

»Warum nicht?«

»Hm, schwer zu sagen. Vielleicht ist er ein bißchen wie du. Er hat ein paarmal die falschen Leute in Rage gebracht. Deinen Vater, zum Beispiel.«

»Meinen Vater?«

»Ja. Lange her.«

»Was ist passiert?«

Conrad schüttelte den Kopf. »Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, daß Stephen im Recht war und dein Vater im Unrecht, moralisch gesehen, wenn du so willst.«

Robin verzog den Mund. »Eine Frau.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich kannte meinen Vater kaum, aber sogar ich weiß, daß er in der Hinsicht keine Moral hatte.«

»Wie auch immer. Wenn ein Bauer sich mit einem Lord anlegt, wird er sich unweigerlich eine blutige Nase holen. Und je mehr das Recht auf seiner Seite ist, um so schlimmer ist es für ihn. Weil die Gesetze in diesem Land den Lords die Macht geben, wie ein Gott über die Geschicke der Leute zu entscheiden. Manchmal muß man es trotzdem versuchen – und scheitern. Stephen hat deinen Vater gehaßt. Wirklich gehaßt, Junge, es hat sein ganzes Leben bitter gemacht. Als die Nachricht hierherkam, daß dein Vater tot ist, waren viele Leute traurig. Aber ein paar haben auch ein Freudenfest gefeiert. Er war einer davon, denn er war glücklich, daß er mit deinem Vater und dessen Sippschaft nie wieder etwas zu schaffen haben würde.«

Robin ging ein Licht auf. »Und dann bin ich gekommen.«

Conrad nickte langsam. »Es war ein richtiger Schock für ihn. Aber er hatte gute Vorsätze. Das weiß ich genau. Er verstand, daß du nichts dafür konntest und daß es keine Sache zwischen ihm und dir war. Aber er hat es nicht ganz geschafft. Und ich denke … Na ja, egal, was ich denke. Wenn du dich ein bißchen vorsiehst, wird es nicht wieder passieren.«

»Du kannst wetten, daß ich mich vorsehe«, murmelte Robin bissig.

Conrad lächelte schwach. »Das ist gut, Robin. Stephen wird nicht der einzige sein, der einen Groll gegen dich hegt für Dinge, die nicht das geringste mit dir zu tun haben. Das ist der Preis, den du dafür zahlen mußt, daß du hierher zurückgekommen bist. Es wäre viel leichter für dich gewesen, irgendwohin zu gehen, wo du fremd bist.«

»So wie du es gemacht hast?« fragte Robin.

Conrad sah ihn überrascht an. »Wie kommst du darauf?«

»Ist es nicht so?«

»Ja, schon möglich. Manchmal ist es das beste, irgendwo neu anzufangen.«

»Aber nicht für mich. Ich will hier sein.«

»Ja, ich weiß. Aber du solltest nicht erwarten, daß es immer einfach sein wird.«

»Was ist schon einfach.«

»Du hast recht. Ich hoffe nur, daß es nicht schlimmer für dich wird, wenn der neue Earl hierherkommt.«

»Wirst du ihm sagen, wer ich bin?«

»Nein. Aber irgendwer wird es tun. Sei sicher.«

Robin seufzte. »Und wenn schon. Wenn er mich nur nicht zurück in das verdammte Kloster schickt.«

»Wenn das passiert und du um keinen Preis zurückwillst, bringe ich dich weg von hier. Zu guten Leuten, wo du sicher bist. Nach Schottland.«

Robin sah ihn überrascht an. »Wirklich?«

»Ja.«

»Bist du von dort?«

Conrad nickte. »Meine Familie lebt dort.«

Robin staunte.

Schottland war in seiner Vorstellung ungefähr so weit weg wie Jerusalem. Was konnte einen Mann so weit von zu Hause forttreiben?

»Aber du bist Engländer.« Es war halb Frage, halb Feststellung.

»Als ich ein Junge war, gab es viele Engländer in Schottland. Aber König Edward gewinnt nicht alle Schlachten, auch wenn man uns das immer weismachen will.«

Robin regte sich unruhig. Auf Kritik an König Edward reagierte er immer ein bißchen nervös. »Danke, Conrad.«

»Keine Ursache. Aber ich hoffe, daß das nicht nötig werden wird.«

»Das hoffe ich auch.«

Conrad stand auf und ging zur Tür. »Robin … Stephen wird dich nicht mehr lieben, wenn er das Gefühl hat, daß ich mit dir geredet habe oder daß ich für dich Partei ergreife. Ich werde mich nicht einmischen. Du mußt selbst mit ihm fertig werden. Sei höflich zu ihm und tu, was er sagt. Mach deine Arbeit gut. Dann wird es schon gehen.«

»Ja, Conrad.«

»Gute Nacht, mein Junge.«

»Gute Nacht.«

Mit knappen, unfreundlichen Worten teilte Stephen ihm am nächsten Morgen mit, daß er bis auf weiteres Argos, Palamon und Hector versorgen und reiten sollte.

Robin war selig. »Ja, Stephen.«

»Bild dir nur nichts ein. Es sind die drei Klepper in diesem Jahrgang. Daran kannst selbst du nichts verderben.«

Robin fiel keine höfliche Antwort ein, und er schwieg.

»Und grins mich nicht so dämlich an!«

Robin sah eilig zu Boden. »Nein, Stephen.«

»Oh, Junge, du machst einen ja krank. Los, scher dich weg, geh an die Arbeit.«

Robin stob davon.

Der Tag verlief wie der vorangegangene, und Robin fügte sich schnell in die Routine. Hingebungsvoll widmete er sich seinen drei Schützlingen. Er teilte Stephens Meinung bezüglich ihrer Qualitäten keineswegs. Sicher, Argos war lammfromm und keine Kämpfernatur, aber Robin lernte an diesem Tag, daß Argos bereitwilliger durch Feuer und Lärm ging als alle anderen, und er schlug Isaac auf Antor mühelos im Rennen. Nein, Argos würde ein wackeres Schlachtroß abgeben, Robin war sicher, und er verwandte viel Mühe darauf, seinen ungleichmäßigen Wuchs durch ein leuchtendes Fell und glänzende Hufe zu vertuschen. Palamon und Hector waren erst spät im vorletzten Frühjahr zur Welt gekommen und beide noch recht klein. Deshalb waren sie langsamer als ihre Altersgenossen. Aber niemand konnte wissen, wie sie sich über den Winter entwickeln würden. Robin war voller Hoffnungen und Pläne.

Die Spuren in seinem Gesicht waren an diesem Tag deutlicher zu sehen als am Abend zuvor. Robin war klug genug, sich so selten wie möglich direkt an Stephen zu wenden. Er machte einen Bogen um ihn, wo es nur möglich war, und der Tag endete ohne Konfrontationen.

»Dank sei Gott im Himmel«, bemerkte Isaac abends, während er sich genüßlich reckte. »Morgen ist Sonntag.«

»Und?« fragte Robin. »Da steigen die himmlischen Heerscharen herab und füttern die Pferde?«

Isaac hob grinsend die Schultern. »Jetzt, wo wir einen echten Klosterbruder unter uns haben, halte ich das durchaus für möglich.«

Er wich ohne große Mühe Robins Faust aus. »Nein, nein, vermutlich nicht. Aber der Betrieb hier steht morgen still. Füttern, misten und sonst nichts. Außer Kirche, natürlich«, schloß er düster.

Am nächsten Morgen war der Andrang an der Waschschüssel größer als gewöhnlich. Cedric, Alfred und Dick rasierten sich und machten ein großspuriges Getue um diesen Umstand. Dann umringten sie wie am Morgen zuvor Robin und sahen fasziniert zu, während er sich die Zähne putzte. Es war nicht weiter schwierig gewesen, Maria das dafür nötige Salz abzuschwatzen.

Mit ernsten, konzentrierten Gesichtern verfolgten sie seine Bemühungen.

»Warum tust du das nur?« fragte Bertram stirnrunzelnd. »Es muß eklig schmecken.«

Robin spülte sich den Mund mit Wasser aus und spuckte es aus dem Fenster. »Stimmt. Aber es ist gut für deine Zähne.«

»Wer sagt das? So was kann einfach nicht gut sein. Es sieht schlimm aus, Mann.«

»Bruder Cornelius im Kloster sagt das. Der war in Spanien und hat es von den Heiden gelernt. Und er sagt, die Heiden hätten viel bessere Zähne als wir und seien gesünder, weil sie sich sauberhalten.«

Die anderen lachten über solche Albernheit. Sie fanden Robins übertriebenen Sinn für Reinlichkeit furchtbar komisch.

Unter allgemeiner Heiterkeit verließen sie die Dachkammer und gingen zum Frühstück. Conrads ganze Familie war da, die kleine Elinor und seine drei Söhne ebenso wie Marias Vater Henry, ein freundlicher, zahnloser Gevatter, der nach den Kindern sah, während Maria für die Stallburschen kochte.

Bevor sie ins Dorf zur Kirche gingen, begutachtete Maria argwöhnisch die ganze Gesellschaft. »Crispin, du hast Stroh im Haar.«

Crispin fuhr sich eilig mit den Fingern durch seine langen Locken und förderte ein paar Halme hervor, die er unauffällig zu Boden fallen ließ.

»Isaac, zeig deine Hände.«

Isaac streckte bereitwillig die Hände aus.

Maria lächelte ihn an. »Von oben, meine ich.«

Isaac drehte ergeben die Hände um.

Sie runzelte die Stirn. »Deine Nägel sind schwarz wie die Nacht. So kommst du nicht mit.«

»Dann muß ich hierbleiben, Maria«, erwiderte Isaac ernst. »Es ist Ruß. Ich hab’s versucht, es geht nicht ab.«

»Hm. Vielleicht sollte ich es mal probieren. Kochende Seifenlauge wirkt Wunder, glaub mir.«

Isaac erblaßte. »Äh … ich gehe und versuche mein Glück noch mal.«

Sie nickte. »Beeil dich.«

Er kam nach wenigen Minuten zurück. Seine Finger glänzten rosig, so sehr hatte er sie geschrubbt, und der Ruß unter seinen Nägeln war zumindest verblaßt.

»Na schön«, seufzte Maria. »Laßt uns gehen, wir können nicht jeden Sonntag zu spät kommen. Vater Gernot wird kaum auf uns warten.«

Aber die Messe hatte noch nicht begonnen, als sie die Dorfkirche betraten. Der kleine Raum war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, und es herrschte reges Stimmengewirr. Kleine Kinder krähten, Nachbarn tauschten Neuigkeiten aus, junge Mädchen tuschelten und verdrehten die Hälse, als Conrad mit seiner Gefolgschaft eintrat. Sie stellten sich in eine der hinteren Reihen. Eine alte Frau in der Reihe vor ihnen wandte sich um und erkundigte sich nach dem Verlauf von Marias Schwangerschaft.

Maria lächelte geduldig. »Mühsam und viel zu lange, Cecily. Wie immer.«

»Hast du den Tee getrunken, den ich dir geschickt habe?«

Maria verzog das Gesicht bei der Erinnerung. »Natürlich.«

»Ja, ich weiß, er schmeckt bitter. Das liegt am Löwenzahn. Aber nichts ist besser gegen Morgenübelkeit.«

Maria nickte höflich. »Wenn man ihn bei sich behält«, raunte sie, und Conrad grinste verstohlen.

Vater Gernot kam aus der Sakristei, und das Stimmengewirr ließ etwas nach. Er trat vor den Altar, sein schlichtes Ornat wallte um seine stattliche Erscheinung, und er wartete geduldig, bis Ruhe eingekehrt war.

»Wie ich höre«, begann er mit volltönender Stimme, »hat Gott in seiner Gnade Waringham mit einer reichhaltigen Ernte gesegnet. Wir wollen ihm dafür danken, und wir wollen nicht vergessen, daß Gott für seine Güte ein Anteil dieser Ernte zusteht. Ich weiß, daß einige Brüder in dieser Gemeinde glauben, Gottes Anteil sei der Fünfzehnte oder gar der Zwanzigste. Um diese Brüder von ihrem Irrglauben zu erlösen, möchte ich noch einmal daran erinnern, daß Gottes Anteil in Wahrheit der Zehnte ist. Wenn ich also nach Michaelis komme, um ihn einzufordern, möchte ich nicht, daß meine Kornsäcke zur Hälfte mit Spreu gefüllt sind. Die betreffenden Brüder, die sich angesprochen fühlen, sollten zehn Ave Maria beten und ein großzügiges Almosen an Oswald den Bettler geben, auf daß ihre Sünden vergeben werden, und mich dieses Jahr nicht wieder betrügen, auf daß ich nicht im Zorn über sie kommen muß.«

Es gab einiges verlegenes Geraune und Füßescharren in der Kirche, offenbar hatte Vater Gernot an einen wunden Punkt gerührt.

»Außerdem habe ich gehört, daß unsere Gemeinde diese Woche ein neues Mitglied bekommen hat. Und auch wenn unser neuer Bruder es bisher versäumt hat, sich mir vorzustellen, und selbst wenn es stimmt, daß unser neuer Bruder sich unrechtmäßig aus einer heiligen Bruderschaft davongemacht hat, wollen wir ihn trotzdem herzlich willkommen heißen und ihm Gottes Segen wünschen. Unser neuer Bruder kann nach der Messe zu meinem Haus kommen, mein bescheidenes Sonntagsmahl mit mir teilen und sein Versäumnis so nachholen.«

Robin starrte mit brennenden Ohren auf seine gewienerten Stiefelspitzen, während alle die Hälse verrenkten, um einen Blick auf ihn zu werfen.

Vater Gernot wartete, bis wieder Ruhe einkehrte. »Und nun zur heutigen Heiligengeschichte …«

Wortreich und mit phantasievollen Ausschmückungen erzählte er ihnen die Geschichte der heiligen Eulalia, die eine heidnische Prinzessin in Antiochia gewesen war, aber von einem wandernden Priester zum wahren Glauben bekehrt wurde. Sie verließ ihre Familie und tat, als Mann verkleidet, unter den Armen der Stadt gute Werke und gewann viele Seelen für die Sache Gottes, obwohl der christliche Glaube in Antiochia verboten war. Als man ihr auf die Schliche kam, sollte sie einen heidnischen Prinzen heiraten. Sie aber wollte Jungfrau bleiben und nur Gott gehören, und darum folterte man sie. Vater Gernot schilderte diesen Teil mit grauenhafter Detailtreue und in einiger Länge, bis Robin ein wirklich flaues Gefühl im Magen verspürte. Er warf einen besorgten Blick auf Maria und Elinor. Aber seine Sorge war unbegründet. Elinor lauschte dem Pfarrer mit offenem Mund und einiger Faszination, und Maria hatte sich die Enden ihrer Haubenbänder in die Ohren gestopft. Als die bedauernswerte Eulalia endlich hingerichtet und heim zu ihrem Schöpfer gegangen war und an ihrem Grab eine Unzahl von Wundern geschehen war, drehte Vater Gernot ihnen den Rücken zu und begann mit der Messe.

Der Gottesdienst dauerte alles in allem über eine Stunde. Die anderen in der unordentlichen Reihe zeigten deutliche Ermüdungserscheinungen; es war eng und zu warm, und das lange Stillstehen fiel ihnen schwer. Robin nicht. Nach bewährter Methode, die er über die Jahre in St. Thomas entwickelt hatte, war es ihm gelungen, in einen halbschlafartigen Traumzustand zu sinken und dennoch ein andächtiges Gesicht zu machen. So stand er völlig reglos auf seinem Platz und rührte sich erst wieder, als die anderen Gemeindemitglieder um ihn herum am Ende der Messe zur Tür strömten. Eine allgemeine Kommunion gab es hier nur, wie in vielen Dorfgemeinden, an hohen Feiertagen. Für gewöhnlich waren die Gemeindemitglieder nur unbeteiligte Zuschauer des heiligen Mysteriums.

Fast unbemerkt ging der September über in den Oktober und der Oktober in den November. Robin kam es vor, als sei die Zeit von St. Thomas schon Jahre her. Den Jungen, der einmal der Earl of Waringham hatte werden sollen, gab es nicht mehr. Er war ganz und gar in seiner neuen Welt aufgegangen. Wie alle anderen plagte er sich mit Stephens üblen Launen herum, wie alle anderen fror er morgens bei der Arbeit und fluchte lästerlich, und die Stallburschen schienen vergessen zu haben, wer er einmal gewesen war. Sie nahmen es großmütig hin, daß er in mancher Hinsicht ein wenig anders war als sie, und sie hörten auf, ihn wegen seiner Bücherbildung zu hänseln, als er begann, ihnen die Geschichten zu erzählen, die zu den Namen der Pferde gehörten. Bislang waren es einfach nur Namen gewesen, einige lang und schwer auszusprechen. Robins Vater hatte die Tradition begonnen, und seit er nicht mehr da war, wurden dieselben Namen einfach immer wieder vergeben. Doch Robin gab den Namen Bedeutung und hauchte ihnen damit Leben ein. Abends vor dem Schlafengehen oder sonntags nach dem Essen saßen sie um ihn herum und lauschten ihm gebannt. Robin war ein guter Geschichtenerzähler, und nicht selten gesellte Conrad sich zu ihnen. Im Gegenzug brachten sie dem Jungen bei, was sie über Pferde wußten: daß es die Wikinger gewesen waren, die die guten, ausdauernden Pferde nach England gebracht hatten, die denen der Angelsachsen weit überlegen waren. Daß es auch die Wikinger gewesen waren, die das Pferderennen erfunden und in England populär gemacht hatten. Und daß die Pferde, die sie heute züchteten, immer noch Nachfahren jener mächtigen Wikingerrösser waren, vermischt mit dem feurigen Blut der kleineren Maurenpferde, die Kreuzfahrer und Kaufleute aus dem Morgenland und aus Spanien mit nach England gebracht hatten. Robin sog alles wissensdurstig in sich auf.

Palamon und Hector waren den ganzen Herbst über schnell gewachsen, und Stephen reagierte mit einigem Unverständnis, ja manchmal mit Ärger darauf, wie schnell sie geworden waren. Aber die größte Überraschung versprach Argos zu werden. Er hatte seine knochige Unbeweglichkeit verloren, sein Körper hatte sich gestreckt, und sein Kopf war mächtig gewachsen. Er war eine stattliche Erscheinung geworden, und er war Robins ganzer Stolz.

Conrad hatte ihn sich angesehen und Robin lächelnd den Rücken geklopft. »Scheint, unser häßliches Entlein will ein Schwan werden, Robin. Mach nur so weiter mit ihm.«

Es wurde kälter. Heftige Stürme rissen nachts die letzten Blätter von den Bäumen, und Robin erkannte endlich, warum sie ausgerechnet in dem engen Raum über der Sattelkammer hausten: Die Sattelkammer war neben der Küche der einzige geheizte Raum. Ein kleines Kohlebecken brannte tagsüber und auch die Nacht hindurch, damit das Leder nicht spröde und rissig wurde. Etwas von der Wärme drang nach oben, so daß es in ihrer Kammer nie wirklich eisig wurde. Robin hatte sein Bett vom offenen Fenster weg an die gegenüberliegende Wand verlegt.

Maria verteilte ein Sammelsurium warmer Mäntel an die Stallburschen. Sie waren alle alt und abgetragen. Die Wolle, die für die neuen Mäntel bestimmt gewesen war und die Maria in mühevoller Arbeit den ganzen Sommer über gesponnen hatte, hatten die Männer des Bailiffs mitgenommen. In den Wochen nach der Ernte waren diese Leute, wie jedes Jahr, durch Waringham und die anderen Ortschaften der Baronie gezogen und hatten von den Bauern die Pacht eingetrieben. Schließlich waren sie auch zum Gestüt gekommen.

»Und mit welchem Recht, wenn man fragen darf?« hatte Conrad sich wütend erkundigt. »Solltet Ihr es noch nicht wissen, ich arbeite für Lohn und schulde keine Pacht.«

Der Bailiff, der Eintreiber und Wachhund der Gutsverwaltung, blieb unbeeindruckt. »Tallage«, hatte er knapp erklärt.

Conrad hatte die Arme verschränkt und kalt gelächelt. »Mir ist ganz neu, daß ich Eigentum der Baronie bin.«

Nur unfreie Leute mußten außer der Pacht auch noch Tallage bezahlen, eine Sonderabgabe, deren Höhe jedes Jahr neu festgelegt werden konnte und die oft eine größere Bürde bedeutete als die eigentliche Pacht und der Zehnte für die Kirche.

»Außerdem«, war Conrad fortgefahren, »gehört diese Wolle nicht mir. Ich habe das Geld dafür meinen Leuten vom Lohn abgezogen.«

»Tja, und die Stallknechte sind Leibeigene, nicht wahr?« hatte der Bailiff triumphierend festgestellt. »Also: Tallage.«

Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als würde Conrad die Beherrschung verlieren. Aber er hatte es nicht getan. Der Bailiff kam immer in bewaffneter Begleitung; er brauchte niemals ernsthaften Widerstand zu fürchten.

»Es ist nicht zulässig«, hatte er statt dessen gegrollt.

»Das zu entscheiden solltest du wohl lieber uns überlassen, Stallmeister. Diese Baronie hat hohe Steuern zu entrichten, ein jeder muß seinen Beitrag für die gerechte Sache, den Krieg gegen die Franzosen, leisten.«

Conrad hatte angewidert das Gesicht verzogen. »Schöne Worte. Und Ihr seid dennoch ein Dieb.«

Der Bailiff hatte einen drohenden Schritt auf ihn zugemacht. »Verklag mich doch.«

Conrad hatte grimmig gelächelt. Das konnte er sich ebensogut sparen. Die Wolle der Jungen würde niemals in den Büchern der Gutsverwaltung verzeichnet werden, weil sie dort nichts verloren hatte, das wußte auch der Bailiff. Er würde sie auf eigene Rechnung verkaufen und seine Begleiter am Erlös beteiligen, damit sie dichthielten. So prellten sie auf die eine oder andere Weise jeden, der sich wie Conrad weigerte, den Bailiff zu schmieren. Und es gab nichts, das Conrad dagegen tun konnte, denn er hatte keine Zeugen.

Für ein paar Tage war er reizbar und grimmig geblieben, dann war der Vorfall in Vergessenheit geraten. Und die Jungen trugen ihre schäbigen Mäntel klaglos.

Zu Allerheiligen hatte es ein Festessen gegeben. Maria, inzwischen rund und schwerfällig, hatte sich selbst übertroffen. Sie hatten geschmaust und gelacht, noch einmal nach den Pferden gesehen, und endlich hatten sich alle zur Ruhe begeben. Nur Robin fand keinen Schlaf.

Er wälzte sich unruhig hin und her, warf schließlich seine Decken zurück und stand auf. Es hatte keinen Sinn. Er würde nicht einschlafen, bevor er sich nicht noch einmal versichert hatte, daß es Argos auch wirklich gutging. Er hatte ihm den ganzen Tag nicht gefallen. Am Morgen war er schwerfällig und lustlos gegangen, und heute abend hatte er sein Futter kaum eines Blickes gewürdigt. Robin hatte es Stephen gesagt. Stephen hatte sich das Pferd sorgsam angesehen, sein Maul untersucht, die Beine nach verdächtiger Hitze abgetastet und die Hufe von unten angeschaut. Schließlich hatte er kopfschüttelnd gesagt: »Ich kann nichts finden. Da ist nichts. Er wächst. Zerbrich dir nicht den Kopf. Los, Junge, sieh zu, daß du fertig wirst.«

Zuerst war er beruhigt gewesen, aber jetzt war er wieder unsicher. Etwas war nicht in Ordnung, er hatte es den ganzen Tag gespürt.

Lautlos schlich er zur Luke und tastete nach der Leiter. Er stieg vorsichtig hinab, wartete unten, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und wandte sich nach links. Es war noch nicht spät, höchstens neun. Aber die Stallungen lagen ruhig, im tiefen Nachtschlaf da, nichts rührte sich. Robins Atem bildete weiße Dampfwolken in der kalten Abendluft. Zu spät fiel ihm ein, daß er seinen Mantel vergessen hatte.

Er gelangte in den Hof und öffnete die obere Hälfte von Argos’ Stalltür, die jetzt abends fest gegen die nächtliche Kälte verschlossen wurde.

Robin spähte hinein, aber er konnte nichts erkennen. Er erahnte nur eine Bewegung, öffnete auch die untere Tür und trat ein.

Als er sich dem Pferd näherte, merkte er sofort, daß etwas nicht stimmte. Es strahlte eine zu große Wärme aus, und es war rastlos. Robin tastete nach seinem Hals und war erschrocken, als er den Schweiß darauf fühlte. »Sch, was ist denn, mein Junge? Was hast du denn?«

Argos spitzte die Ohren, als er die vertraute Stimme vernahm, sein Kopf fuhr beunruhigt auf und ab. Robin wünschte, er hätte eine Lampe mitgebracht.

Er legte seinen Arm von unten um Argos’ Hals und lehnte seinen Kopf an den des Tieres. »Was ist es, alter Junge, he? Was fehlt dir?«

Und irgendwie bekam er eine Antwort. Er hörte keine Worte, und er hatte keine Erleuchtung, er wußte nur plötzlich mit Gewißheit, daß das Tier neben ihm grauenhafte Schmerzen litt und daß es ernstlich, wirklich sehr schlimm krank war.

Robin war erschrocken. Er spürte sein Herz bis zum Hals schlagen, rührte sich nicht und strich weiter über die schmalen Nüstern, fest entschlossen, nichts von seiner Angst nach außen dringen zu lassen. Er wußte, wie empfänglich Pferde für menschliche Empfindungen waren, und er wollte Argos’ Aufregung nicht vermehren.

Ich sollte Conrad holen, dachte er. Ich weiß nicht, was ihm fehlt. Ich weiß nicht, was ich tun muß. Und während er noch mit sich rang, machte Argos Anstalten, sich hinzulegen.

»O nein«, sagte Robin entschlossen. »Das wirst du nicht tun.«

Er wußte kaum, was ihn an der Vorstellung so erschreckte, aber es schien nicht richtig. Mit feuchten Händen griff er nach dem Halfter, das an einem Nagel an der Wand hing. Dafür brauchte er kein Licht. Er befingerte kurz die Leinen und Riemen, bis er wußte, welchen Teil er in der Hand hielt. Dann streifte er es mit einer geübten Bewegung über den Kopf des Tieres. »Ich denke, du und ich, wir werden jetzt ein Stück spazierengehen«, murmelte er.

Argos hatte kein Interesse. Als Robin sanft an der Leine zog, machte er einen langen Hals und rührte sich nicht. Seine Hinterbeine wollten wieder einknicken.

»Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen«, knurrte Robin und zog entschlossener an der Leine. »Ich weiß, es ist kalt draußen, aber es hilft nichts.«

Er zog und zog, bis die Muskeln in seinen Armen, die über die letzten Monate das Doppelte ihres früheren Umfanges angenommen hatten, deutlich unter seinem dünnen Kittel hervortraten. »Komm schon, du Dickschädel!«

Argos stampfte mit den Vorderhufen und schnaubte leise. Er rührte sich immer noch nicht.

Robin fluchte, dann verlegte er sich aufs Betteln. »Komm schon, Argos. Komm mit nach draußen. Tu’s für mich.«

Und er kam. Ganz plötzlich gab er seinen Widerstand auf und trottete mit hängendem Kopf neben Robin her.

Draußen war es nicht ganz so dunkel wie im Stall, aber es schien kein Mond. Der Himmel hing voll schwerer Wolken, und ein eisiger Wind pfiff zwischen den niedrigen Holzställen hindurch. Robin fröstelte. »Junge, ich hoffe, wir holen uns nicht beide den Tod hier draußen.«

Halb führte, halb zerrte er das unwillige Tier in den grasbewachsenen Hof vor den Ställen und begann, dort mit ihm im Kreis herumzugehen. Es war harte Arbeit. Alle paar Schritte blieb Argos stehen, stampfte ein paarmal kraftlos auf der Stelle und wollte nicht weiter.

Als sie fünf langsame Runden gedreht hatten, war Robin heiß. Und Argos schien ebenfalls zu schwitzen, aber gleichzeitig zitterte er vor Kälte.

»Eine Decke«, murmelte Robin. »Ich müßte dir eine Decke besorgen. Aber wie soll ich das anstellen, ohne daß du dich niederlegst?«

Er beschloß, vorläufig auf die Decke zu verzichten. Es schien ihm wichtiger, das Tier in Bewegung zu halten. Und damit war er vollauf beschäftigt.

Als sie vielleicht zehn mühevolle Runden absolviert hatten, begann es zu regnen. Erst ganz leise und dünn, dann heulte der Wind auf, und der Regen wurde ein dichter, eisiger Vorhang. Er kam waagerecht mit den Böen und traf sie erbarmungslos ins Gesicht oder den Rücken, je nachdem, wo sie sich gerade auf ihrer Reise befanden. Robin zog grimmig die Schultern hoch.

Der Wind drohte ein wahrer Sturm zu werden. Argos zitterte. Er mochte keinen Regen, das hatte Robin schon früher festgestellt, und in seinem momentanen Zustand setzte ihm das Wetter wirklich zu. Er senkte den Kopf und wurde zunehmend störrischer. Aber Robin ließ nicht zu, daß er stehen blieb.

Für einen kurzen Augenblick kam der Mond zwischen den jagenden Wolken hervor und war sogleich wieder verschwunden. Aber Robin hatte genug gesehen. Das Pferd war krank, viel schlimmer als noch vor einer Stunde. Sein inzwischen so wohlgeformter Leib wirkte hager und gebeugt, und es keuchte regelrecht. Sein Fell war naß vom Regen, Robin konnte nicht sagen, ob er noch schwitzte, aber seine Augen waren trüb und milchig. Und dann blieb er endgültig stehen, ein Schaudern durchlief seinen Körper, und er legte sich hin.

»Nein.« Robin gefiel der Klang seiner Stimme nicht. Panik lauerte darin. »Steh auf, du Faulpelz. Los, steh wieder auf!«

Er nahm die Leine in beide Hände, stellte sich breitbeinig vor das Pferd und zog. Aber es nützte nichts. Es schien, Argos würde sich eher den Kopf abreißen lassen, als daß er wieder aufstand. »Steh doch auf, du verdammter Klepper! Los, beweg deinen Arsch!«

»Robin?«

Er fuhr herum. Es war Isaac. Ohne Mantel und barfuß, ganz und gar durchnäßt, genau wie er selbst. Er hielt eine schützende Hand über die kleine Flamme der Öllampe. Im schwachen Licht wirkte sein Gesicht bleich, und seine Augen waren riesig. »Was treibst du hier? Ich wurde wach und mußte pinkeln, und da hab’ ich gesehen, daß du nicht da warst. Ich dachte …«

»Oh, Isaac, halt keine Reden, hol Conrad. Schnell! Ich glaube, der verdammte Gaul will verrecken.« Seine Stimme versagte.

Isaac drehte sich um und rannte.

Robin spürte eine Art Erleichterung, aber keinen Trost. Zu spät, raunte eine dünne, herzlose Stimme in seinem Kopf, jetzt ist es zu spät. Du hättest Conrad gleich holen sollen. Mutlos hockte er sich zu Argos herunter. Das Pferd lag mühsam atmend am Boden, seine mächtige Brust hob und senkte sich viel zu schnell. Robin ahnte mehr, als er sah, daß es sich auf die Seite legen wollte.

»Nein, nicht auch das noch. Kommt nicht in Frage.« Er begann, wieder an der Leine zu zerren. »Los, steh auf! Komm schon, steh wieder auf, du stures Mistvieh! Oh, lieber Gott im Himmel, mach, daß er wieder aufsteht. Bitte, mach, daß er wieder aufsteht …«

Aber seine verzweifelten Gebete blieben unerhört.

Es kam ihm vor wie Stunden, aber in Wirklichkeit waren es nur wenige Minuten, bis Isaac mit Conrad zurückkam. Conrad sprang über das Gatter und hielt neben Robin an. »Was ist passiert?«

»Ich weiß nicht. Er ist krank. Er zitterte und hatte Fieber. Und er wollte sich hinlegen. Da hab’ ich …«

»Isaac, komm her mit dem Licht.«

Isaac trat zu ihnen. »Sind es Koliken?«

Was für ein schreckliches, unheilschwangeres Wort, dachte Robin. Er wußte nicht, was es bedeutete, aber es machte ihm Angst.

Conrad nahm Isaac die Lampe ab, hockte sich neben Argos ins nasse Gras und betrachtete ihn im schwachen Lichtschein. Conrads schwarze Locken klebten an seinen Wangen, sein zernarbtes Gesicht wirkte fahl. Argos wieherte schwach, fast unhörbar. Sein Kopf bewegte sich langsam, als wolle er sich noch einmal aufrichten. Aber es sah nur so aus. Er ließ seinen Kopf kraftlos wieder zurücksinken und atmete flach. Schließlich stand Conrad auf und gab Isaac die Lampe zurück.

»Wir können nichts tun«, sagte er leise.

»Aber … wieso nicht?« Robin hörte selbst, wie schrill seine Stimme klang. »Was ist denn mit ihm?«

»Es ist, wie Isaac sagt. Koliken.«

»Aber …«

Conrad schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. »Du hast genau das Richtige getan, Robin. Aber jetzt, wo er liegt, wird nichts ihn dazu bewegen, wieder aufzustehen.«

Robin öffnete den Mund, um zu protestieren, und schloß ihn wieder. Seine Kehle war eng.

»Es ist nicht deine Schuld, Junge«, versicherte Conrad eindringlich. »Du hast getan, was du konntest. Und jetzt geh. Sieh zu, daß du ins Trockene kommst. Ich bleibe bei ihm.«

»Nein.«

»Tu, was ich dir sage. Isaac, nimm ihn mit.«

Isaac legte Robin wortlos die Hand auf den Arm.

Robin schüttelte ihn mit einer heftigen Bewegung ab. Er hörte ein seltsames Summen in seinem Kopf. Er machte zwei unsichere Schritte auf den großen, am Boden liegenden Körper zu, der außerhalb des Lichtkreises der Lampe im Dunkeln war. Der Regen hatte nachgelassen.

Conrad trat neben ihn. »Es ist mein Ernst, Robin. Du wirst jetzt gehen. Du kannst nichts tun, und ich erlaube nicht, daß du zusiehst.«

Robin hörte ihn kaum. Er antwortete nicht. Langsam kniete er sich wieder neben dem kranken Pferd auf die kalte Erde. Er konnte jetzt nicht so einfach weggehen, und er wollte auch nicht. Ihm war nicht mehr kalt. Die Nacht erschien ihm jetzt keineswegs unwirtlich und feindlich.

Conrad faßte ihn an der Schulter. »Robin, zum letzten Mal …«

Robin riß sich ohne große Mühe los. »Laß mich.« Er knurrte fast. Conrad zögerte.

Robin legte wieder den Arm um Argos’ Hals, genau, wie er es vorhin im Stall getan hatte, und lehnte seine Stirn gegen den großen, warmen Pferdekopf. Er schloß die Augen und dachte gar nichts. Er schluckte nicht und atmete nicht, sein Körper stand still. Sein Herz schlug noch. Er glaubte nachher, er habe es in seinem Kopf pochen hören. Sein Herz oder irgend etwas anderes. Seine Hand griff wie von selbst nach der Leine des Halfters. Seine Finger schlossen sich darum. Dann bewegte er sich.

»O mein Gott, Conrad, sieh dir das an!« Isaacs Stimme war halb erstickt. »Er steht auf! Er steht wieder auf!«

Argos’ Leib zitterte wieder. Sein Kopf hing erschöpft herab, und es war fast, als schwanke er. Aber er stand.

Conrad überwand sein Erstaunen und verlor keine Zeit. »Los, Robin. Bring ihn in Bewegung. Führ ihn im Kreis.«

Robin blinzelte verwirrt. Aber er faßte sich schnell, wechselte die Leine von der linken in die rechte Hand und zog. Argos kam schwerfällig in Gang, und langsam wie zuvor nahmen sie ihre Runden wieder auf. Conrad folgte einen Schritt hinter Robin und ließ das Pferd nicht aus den Augen.

»Isaac, geh, hol eine Decke. Und bring für Robin auch eine mit.«

Isaac gab Conrad die Lampe und eilte davon. Im Nu war er zurück, fiel neben ihnen in Schritt und breitete eine der großen, wollenen Decken über Argos’ Rücken. Dann hängte er eine zweite Robin über die Schultern. »Hier. Aber ich weiß nicht, ob es viel nützen wird. Hier, Conrad, für dich hab’ ich auch eine mitgebracht.«

»Danke. Leg dich wieder schlafen. Zieh die nassen Sachen aus.«

»In Ordnung.« Isaac grinste Robin ein bißchen unsicher zu und ging zum Gatter.

Conrad folgte ihm. »Isaac«, raunte er fast tonlos.

»Ja?«

Conrad warf einen kurzen Blick zum wolkigen Nachthimmel, dann sah er zu Robin und Argos, die am anderen Ende des Hofes den Zaun entlangtrotteten, das Pferd mit ungleichmäßigen, zaudernden Schritten, Robin entschlossen und wachsam.

Er wandte sich wieder an Isaac. »Wenn du ihm wohlgesonnen bist, dann wirst du niemandem erzählen, was du heute abend gesehen hast. Ist das klar?«

Isaac hob verwundert die Schultern. »Sicher, wenn du es so haben willst …«

»Ja. Und ich kenne dein loses Mundwerk. Also reiß dich dieses eine Mal zusammen.«

Isaac runzelte die Stirn. »Warum?«

»Wie erklärst du dir, was er getan hat?«

»Oh, ich hab’ keine Ahnung. Eigentlich war es unmöglich, nicht wahr?«

»Ja.«

»Es war wie diese Sache mit dem Jährling damals, wovon John und Cedric erzählt haben. Das ist wie …« Er beendete den Satz nicht.

Conrad nickte. »Du weißt, was ich meine. Bring ihn nicht in Schwierigkeiten.«

Isaac schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Sei unbesorgt.«

»Gut. Und jetzt lauf, Junge.«

»Ja. Soll ich Maria Bescheid geben, daß sie euch etwas Heißes macht?«

»Nein, nicht nötig. Das hier kann noch Stunden dauern.«

»Na schön.«

Conrad sah Isaac nach, als er im Regen verschwand, und ging zu Robin zurück.

Es dauerte bis zum frühen Morgen, ehe die Krise endgültig vorüber war. Als sie Argos zurück in seine Box brachten, wirkte er müde und niedergeschlagen, aber nicht mehr krank. Seine Augen waren wieder klar, sein Schritt wieder ruhig und gleichmäßig und seine Temperatur normal.

Robin nahm ihm das Halfter und die Decke ab, ergriff eine Handvoll sauberes Stroh und begann, ihn abzureiben. Jetzt war er es, der zitterte. In seinen Händen schien keine Kraft mehr zu sein, und seine Arme waren bleischwer. Aber das machte ihm nichts. Er war froh. Er hatte nicht geglaubt, daß Argos diesen Morgen noch erleben würde. Es war fast wie ein Wunder, daß er hier, wenn auch nicht gerade munter, so doch lebendig auf seinen Hufen stand.

Conrad hängte Robin die Decke wieder über die Schultern und nahm ihm das Stroh ab. »Na, laß mich das mal lieber machen.«

»Ich kann das sehr gut selbst!«

»Oh, da bin ich sicher. Trotzdem.«

Mit geübten, langen Strichen rieb er das Pferd ab, holte eine trockene Decke, hängte sie ihm um und band sie fest. »So, das sollte reichen fürs erste. Und jetzt komm, Robin.«

Robin warf Argos einen ängstlichen Blick zu. »Sollte ich nicht lieber hierbleiben?«

»Nein. Er ist wieder in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.«

Conrad führte ihn über den Hof, an der Scheune und den Stuten vorbei zu seinem Haus. Es war noch stockfinster, aber Robin hatte das Gefühl, als sei schon Morgen. Sie traten leise ein. Robin wartete an der Tür, während Conrad den vertrauten, dunklen Raum durchschritt und die Lampe auf dem Tisch anzündete.

»Setz dich.«

»Soll ich vielleicht …«

»Du sollst dich setzen.«

Robin folgte willig. Fast gaben seine Beine unter ihm nach, als er auf die Bank niedersank.

Im Herd war noch Glut. Conrad legte etwas Zunder nach, wartete einen Moment und legte dann Holz auf. »Kein Grund, Maria zu wecken«, murmelte er.

»Nein«, stimmte Robin zu. »Sie sieht blaß aus in letzter Zeit.«

Conrad antwortete nicht. Er blieb am Herd stehen, bis das Holz brannte. Dann füllte er Wein aus einem Krug am Boden in einen kleinen Topf, hängte ihn über das Feuer, stöberte in Marias Kräutervorräten herum und fand schließlich Zimt und Nelken. Er gab etwas davon in den Wein, holte zwei Becher von dem breiten Bord an der Wand und füllte das dampfende, wohlriechende Getränk hinein. Vorsichtig ergriff er die Becher am Rand und trug sie zum Tisch.

»Hier. Trink, solange es heiß ist.«

Robin legte behutsam seine eiskalten Hände um den Becher. »Danke.«

Conrad setzte sich zu ihm, und Robin mußte an den Tag denken, als er hier angekommen war. Zum Abendessen war er hier gewesen, und dieser Mann hatte ihn mit solcher Ehrfurcht erfüllt, daß es ihm die Kehle zugeschnürt hatte. So war es nicht mehr. Er hegte großen Respekt für Conrad, und es gab immer noch Momente, da er ihm Unbehagen bereitete, aber er hatte keine Angst mehr vor ihm. Sie waren keine Fremden mehr.

»Sie hat eine schwere Schwangerschaft«, sagte Conrad unerwartet. Er hatte ebenfalls die Hände um seinen Becher gelegt, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und sah auf das tiefrote, heiße Gebräu vor sich. »So war es bisher nie. Sie trägt schwer an diesem Kind.«

»Wie lange noch?« erkundigte Robin sich vorsichtig. »Es muß doch bald soweit sein?«

»Nein. Wir denken, noch zwei Monate.«

»Ein Christkind.«

»Junge, du bist doch wirklich ein gottloses Lästermaul.«

Robin sah erschrocken auf. »Entschuldige. So hab’ ich’s nicht gemeint …«

Conrad lächelte träge. »Nein, ich weiß. Gut möglich, daß du recht hast. Daß es zu Weihnachten kommt. Wir werden sehen.«

Es war eine Weile still.

»Wie hast du es gemacht, Robin?« fragte Conrad schließlich. Seine Stimme klang ruhig und leise wie gewöhnlich, nichts lauerte darin.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Junge ehrlich.

»Hast du das gemeint, als du zu mir gesagt hast, du könntest sie manchmal verstehen?«

»Ja, vielleicht. Ich bin nicht sicher. Ich weiß nicht genau, was es ist.«

»Als du zu ihm gingst, wußtest du, daß er wieder aufstehen würde?«

»Nein.«

Conrad sah ihn nachdenklich an. Dann nickte er ihm zu. »Trink deinen Wein aus. Ich hoffe, du wirst nicht krank.«

»Nein, sicher nicht. Mir war nicht kalt. Und ich bin nie krank.« Er hob trotzdem seinen Becher und nahm einen großen Schluck. Ein Gefühl der Wärme durchrieselte ihn wohlig.

Es regnete wieder stärker. Conrad stand auf und schloß die Läden an den Fenstern. »Besser, du bleibst den Rest der Nacht hier. Wir werden Henry zu seinen Brüdern ins Bett legen.«

»Oh, das ist nicht nötig …«

»Verdammt, willst du wohl einmal tun, was ich sage, ohne mir zu widersprechen.«

Robin seufzte. »Ja, Conrad. Stevie ist dein Ältester, nicht wahr?«

»So ist es. Sechs im nächsten Mai.«

»Und Stephen ist sein Pate?«

»Erraten.«

»Wirst du mir erzählen, was zwischen ihm und meinem Vater war?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil es besser in Vergessenheit geraten sollte. Es nützt nichts, wenn du es weißt.«

»Aber …«

»Spar dir die Mühe, Robin.«

Robin nickte. »Na schön.«

In einträchtigem Schweigen leerten sie ihre Becher. Dann führte Conrad ihn die Stiege zur oberen Kammer hinauf, in der drei Holzbetten standen. In einem schlief der alte Henry, das nächste teilten Stevie und William, im dritten lag Elinor mit ihrem jüngsten Bruder. Conrad beugte sich über sie und hob den kleinen Henry behutsam hoch. Keiner der Jungen wachte auf, als er ihn neben seinen Brüdern wieder hinlegte und sorgsam zudeckte.

Er wies auf den schmalen Platz neben Elinor. »Gute Nacht, Robin. Viel ist nicht davon übrig.«

»Egal«, wisperte Robin. »Gute Nacht.«

Im Dunkeln zog er seine nassen Sachen aus und breitete sie zum Trocknen am Fußende aus. Er hörte Conrads leise Schritte auf der Treppe. Dann legte er sich neben dem kleinen Mädchen in das warme Bett, vergewisserte sich, daß er ihr nicht zuviel von der Decke stahl, und schlief fast augenblicklich ein.

Am nächsten Tag kam der neue Earl nach Waringham.

Genauer gesagt, war er schon am Abend zuvor angekommen. Aber niemand im Dorf wußte davon. Nur Oswald der Bettler hatte ihn gesehen, und weil Oswald nicht selten betrunken war und schon öfter behauptet hatte, unerhörte Dinge gesehen zu haben, schenkte ihm niemand besondere Beachtung, als er morgens am Dorfbrunnen verkündete, was er beobachtet hatte. »Mindestens zwanzig, wenn nicht dreißig Ritter. Alle in goldenen Rüstungen. Und an ihrer Spitze ein gewaltiger Recke. Sein Schwert war so lang wie meine beiden Arme zusammen. Das Heft und die Scheide waren mit Edelsteinen besetzt, glaubt mir, sie funkelten so richtig im Regen …«

»Ja, ja.« Winifred, die Frau von Matthew dem Schmied, brummte ungehalten. »Es war der Regen, den du hast funkeln sehen. Und die Ritter sind aus deinem Weinschlauch gekommen.«

»Nein, Winifred, glaub mir, sie sind tatsächlich gekommen. Unser neuer Lord mit einem ganzen Zug Ritter. Wenigstens dreißig, wenn nicht vierzig.«

Winifred nahm ihren Eimer auf und wandte sich ab. »Du schwätzt nur dummes Zeug.«

Oswald öffnete den Mund, um zu protestieren, aber als er sah, daß Winifred wirklich gehen würde, wechselte er eilig das Thema. »Winifred, gibst du mir einen Farthing?«

Sie griff bereitwillig in ihre Schürzentasche, holte eine kleine Münze hervor und warf sie ihm zu. »Da. Versauf es nicht gleich wieder.«

»Gott bewahre, Winifred …«

»Ja, Gott bewahre mich vor deinem Geschwätz.« Sie ging davon.

Aber Oswald hatte nicht gelogen, höchstens ein wenig übertrieben. Geoffrey Dermond, ein verdienter Ritter des Schwarzen Prinzen, der bislang nur ein winziges Lehen in der Nähe von Guinsborough im Norden gehalten hatte, war am späten Abend mit siebzehn seiner besten Leute als der neue Earl of Waringham nach Waringham Castle gekommen, um endlich die Früchte seiner jahrelangen, treuen Dienste zu ernten. Er fand auf seiner Burg einen Haufen ungehobelter Gesellen, die auf Geheiß des Erzbischofs dort seine Ankunft abgewartet hatten. Geoffrey bezahlte sie aus und wies ihnen die Tür. Am Morgen schickte er zwei seiner Männer ins Dorf, um den Reeve und den Bailiff zu finden, die ihn mit den Gegebenheiten seines Lehens vertraut machen sollten. Sie kamen, sobald sie der Ruf des neuen Lords erreichte. Geoffrey Dermond war ein Mann des Schwertes, von Landwirtschaft wußte er nichts. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis er verstand, was die Quelle seines neuen Reichtums war. Und noch vor Mittag begab er sich zu den Stallungen.

Wie jeder Ankömmling kam er zuerst zu den Stuten. Dort herrschte eine friedliche, fast schon winterliche Stille; die Stalltüren waren fest verschlossen, und er entdeckte keine Menschenseele. Langsam ging er weiter, seine langen Beine schritten weit aus, und sein schwerer Schritt hallte zwischen den Boxen. Es schien das einzige Geräusch weit und breit. Er kam an einer großen Scheune vorbei in einen zweiten Hof. Auch hier war es still, auch hier waren alle Stalltüren geschlossen. Bis auf eine. Er hörte Hufestampfen und eine leise, helle Stimme, die etwas murmelte.

Ohne Eile trat er an die offene Tür und spähte hinein. Drinnen entdeckte er einen gutgewachsenen, jungen Apfelschimmel und einen blonden Jungen, der ihn striegelte.

»Jesus, warum mußt du dich immer in deinem eigenen Dreck wälzen, Argos? Wie soll ich das je sauberkriegen, he?«

»Man sollte wirklich meinen, er müßte sehen, wo er sich niederläßt«, meinte Geoffrey.

Der Junge wandte sich zu ihm um, schien einen Moment erstaunt über seine Erscheinung und kam einen Schritt näher. »Sir?«

»Wegen des Namens. In der Geschichte heißt es, er hatte hundert Augen.«

Robin lächelte. Ja, stimmt, dachte er, doch sie haben ihm nichts genützt. Am Ende war er so blind wie dieser Tolpatsch hier. So paßt der Name dann doch. Aber das sagte er nicht. Er legte die Bürste beiseite. »Wollt Ihr zu Conrad, Sir?«

»Ist das der Stallmeister?«

»Ja.«

»In dem Fall, ja.«

Robin schob Argos beiseite, zwängte sich an ihm vorbei und trat nach draußen. »Ich werde ihn holen, wenn Ihr einen Moment warten wollt.« Er schloß und verriegelte die untere Türhälfte.

Geoffrey sah ihm über die Schulter. »Einen kräftigen Kerl hast du da, Junge.«

Robin grinste stolz. »Oh, er wächst noch, Sir.«

»Tatsächlich?«

»Ich denke schon.«

»Wieso glaubst du das?«

»Er ist noch jung. Bis zum Frühjahr kann er noch wachsen. Und seine Eltern sind groß.«

»Sind sie beide hier?«

»Ja. Eine unserer besten Zuchtstuten und ein neuer Deckhengst. Das hier ist sein erster Jahrgang.«

Geoffrey nickte beeindruckt und betrachtete das Pferd.

Robin vergewisserte sich, daß er die Tür fest verschlossen hatte. »Wenn Ihr wünscht, werde ich jetzt Conrad holen, Sir.«

»Ja, geh nur, Junge. Ich werde mich derweil ein wenig umsehen, wenn du nichts dagegen hast.«

»Kaum, Sir. Sie gehören ohnehin alle Euch, nicht wahr?«

Geoffrey verengte die Augen und sah ihn scharf an. »Wie kommst du darauf?«

»Es war nur …«, stammelte Robin. »Wie Ihr Argos angesehen habt, Sir. So, als gefiele er Euch, aber nicht so, als wolltet Ihr ihn kaufen. Wenn ich unhöflich war …«

Geoffrey grinste. »Nein, nein. Du hast ja recht.«

Robin verneigte sich. »Mylord.«

Geoffrey betrachtete ihn wohlwollend. Was für ein höflicher Junge. Er hatte damit gerechnet, auf einen Haufen stotternder, segelohriger Bauerntölpel zu treffen. Kein Wunder, daß diese Zucht eine solche Goldgrube war, wenn die Leute hier so waren. »Wie ist dein Name, Junge?«

»Robin, Mylord.«

»Also dann, Robin. Lauf und bring mir den Stallmeister.«

Robin verbeugte sich wieder, wandte sich ab und rannte davon. Atemlos kam er zum Küchenhaus. Er riß die Tür auf und stürmte hinein. »Conrad …«

Die anderen saßen schon am Tisch.

»Du kommst schon wieder zu spät«, brummte Stephen fast triumphierend.

Robin sah ihn nicht an. »Ich weiß, aber …«

»Erspar uns deine Ausflüchte und wasch dir die Hände, Robin«, forderte Maria ihn auf.

»Laßt ihn doch erst einmal zu Wort kommen«, sagte Conrad leise. »Was ist es, Robin. Argos?«

Robin schüttelte wild den Kopf. »Nein. Aber wir haben Besuch. Der Earl of Waringham.«

Es wurde sehr still im Küchenhaus. Alle starrten ihn an.

Robin trat an den Eimer und steckte die Hände hinein. Über die Schulter sagte er: »Er ist bei den Zweijährigen. Er will dich sprechen.«

Conrad erhob sich ohne Eile.

Robin trocknete sich die Hände ab und wollte sich auf seinen Platz setzen. Aber Conrad klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. »Du wirst mitkommen.«

Robin warf einen sehnsüchtigen Blick auf den dampfenden Topf. »Warum?«

»Weil du ihn aufgelesen hast. Das ist nur höflich. Komm schon.«

Robin brummte. »Wenn’s sein muß.«

»Und du auch, Stephen.«

Stephen stand auf. Sein Gesicht sagte, daß er nicht mehr Lust hatte als Robin, aber er folgte Conrad wortlos hinaus.

»Und?« fragte Conrad. »Wie schlimm ist er, Robin, was meinst du?«

»Oh, ganz in Ordnung. Ein verdienter Ritter und ein gebildeter Mann. Und er mag Pferde.«

»Und woher willst du das alles wissen? Kennst du ihn?«

»Nein. Aber er trägt am Ärmel das Abzeichen eines Ritterordens, dem nur die tapfersten Männer des Schwarzen Prinzen angehören. Darum verdient. Und er kannte die Bedeutung von Argos’ Namen. Darum gebildet. Und er ist hierhergekommen, bevor er ins Dorf gegangen ist, sonst hätten wir schon von seiner Ankunft gehört. Und er hat lauter Fragen über die Pferde gestellt. Also …«

Stephen warf ihm einen erstaunten, halb entsetzten Seitenblick zu, den Robin nicht bemerkte. Der Stallmeister schnitt Stephen eine ironische Grimasse, die soviel bedeutete wie: »Ich hab’ dir doch gesagt, er ist ein Schlaukopf.«

Stephen brummte gallig: »Zu schlaue Köpfe enden in der Schlinge.«

Robin sah entrüstet zu ihm auf, aber ehe er sich nach dem Sinn dieser Worte erkundigen konnte, waren sie schon bei den Ställen angelangt.

Geoffrey Dermond, oder jetzt eigentlich Geoffrey of Waringham, war dabei, einen süßen Winterapfel an Argos zu verfüttern.

Robin senkte den Kopf ganz tief, damit Stephen sein freches Grinsen nicht sehen konnte. Los doch, Stephen, mach ihm Beine …

Stephen tat nichts dergleichen. Ebenso wie Conrad verneigte er sich leicht vor dem neuen Earl, es war kaum mehr als ein Nicken.

Geoffrey sah sie mit demselben eindringlichen Blick an, mit dem er Robin fast aus der Ruhe gebracht hatte. Dann wandte er sich an Stephen, den älteren der beiden Männer, den er daher für den Stallmeister hielt.

Doch bevor er ihn ansprechen konnte, sagte Conrad: »Ich bin Conrad, der Stallmeister. Dies ist Stephen, der Vormann.«

Kein ›zu Euren Diensten‹ oder wenigstens ›Mylord‹. Robin fand diese Vorstellung schrecklich unhöflich und wünschte sich meilenweit weg.

Geoffrey schien das Versäumnis kaum zu bemerken. »Also dann, Conrad. Ich würde gerne alles sehen. Die Pferde, die Ställe und deine Leute. Ich habe großes Interesse an dieser Zucht.«

Conrad deutete wieder ein Nicken an. »Wie Ihr wünscht.«

Es klang wie ›Fahr zur Hölle‹.

Geoffrey lächelte schwach. »Sei unbesorgt, Stallmeister. Ich werde dir nicht ins Handwerk pfuschen. Ich habe einen Blick in die Bücher geworfen und kann mir nicht vorstellen, daß es hier irgend etwas zu verbessern gibt. Und wenn, wüßte ich nicht, was. Ich verstehe nicht halb soviel von Pferdezucht wie dieser Junge hier.«

Conrad sah ihn direkt an und verbarg seine Überraschung ebenso wie seinen Argwohn. Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske, aber seine Haltung entspannte sich ein wenig.

»Wenn Ihr wünscht, zeige ich Euch zuerst die Stuten.«

»Einverstanden.«

Conrad nickte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Hier entlang, Mylord. Robin, ich denke, du kannst zum Essen gehen.«

Die anderen hatten ihm anständigerweise etwas übriggelassen. Während er sich setzte und seinen Teller füllte, bestürmten sie ihn.

»Und? Wie ist er?«

»Wie sieht er aus?«

»Was hat er gesagt?«

»War er sehr hochnäsig?«

»Mach doch endlich das Maul auf, Mann«, drängte Isaac.

Robin lachte. »Ihr laßt mich ja nicht zu Wort kommen. Hm, tja … Also, er ist ein Ritter des Schwarzen Prinzen. Vielleicht an die Vierzig. Groß, ein mächtiger Kerl. Dunkle Haare, normannische Vorfahren, würde ich sagen.«

»Trägt er eine Rüstung?« wollte Crispin wissen.

»Nein. Gute Stiefel und Reithosen. Ein Wams aus dunkelblauem Samt und darüber ein Surkot mit seinem Wappen – schwarzes Pferd und weißer Lorbeer auf rotem Grund. Einen kostbaren Mantel und kein Schwert. Er scheint nicht gekommen zu sein, um dir den Kopf abzuschlagen.«

Sie lachten nicht.

»Und wie ist er … sonst?« fragte Maria leise. Sie wußte, wie Conrad über den Adel im allgemeinen und über Lehnsherrn im besonderen dachte, wie wenig Mühe er sich gab, seinen Mangel an Respekt zu verbergen, und sie war nervös. Robin konnte sie gut verstehen. Er war auch nervös gewesen.

Er machte eine beruhigende Geste. »Umgänglich. Nicht versessen darauf, daß die Leute vor ihm kriechen. Ein Mann vom Lande, schätze ich. Kein hoher Lord aus London. Na ja, die würden sich so ein Lehen hier wohl auch kaum aufschwatzen lassen. Mitten im Nirgendwo.«

Der Earl of Waringham blieb fast den ganzen Nachmittag im Gestüt, und er ging schließlich nur, weil einer seiner Leute kam, um ihm zu sagen, daß seine Familie und sein Gefolge in weniger als einer Stunde eintreffen würden. Ein Bote war gerade gekommen, um ihre Ankunft anzukündigen.

Stephen und Conrad gingen erleichtert zurück an ihre Arbeit. Robin, inzwischen wie alle anderen mit der Abendfütterung beschäftigt, sah sie zusammen in den Hof kommen. An der Scheune blieben sie stehen, anscheinend in eine ernste Unterhaltung vertieft und nicht der gleichen Meinung. Endlich trennten sie sich. Robin war erleichtert zu sehen, daß Stephen in Richtung der Jährlinge davonging und Conrad die Inspektion der Zweijährigen übernahm. Sie sahen beide nicht glücklich aus, aber Stephens Gesicht hatte diesen abwesenden, leicht verstörten Ausdruck, das es immer dann zeigte, wenn man sich vor ihm in acht nehmen mußte.

Conrad ging langsam die beiden Reihen der Ställe entlang, ohne zu zeigen, was er dachte.

Isaac sammelte schließlich seinen Mut und stellte die Frage, die sie alle beschäftigte. »Was denkst du, was auf uns zukommt, Conrad? Gute oder schlechte Zeiten?«

»Wie soll ich das wissen«, knurrte er.

»Du hast ihn doch den ganzen Nachmittag erlebt. Und … er hat die ganze Zeit geredet. Ich dachte, du …«

Conrad machte eine wegwerfende Geste. »Ja, ein wahrer Schwätzer. Genau wie du.«

Isaac verdrehte die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Wortlos wandte er sich seiner Arbeit zu.

»Vermutlich hätte es schlimmer kommen können«, räumte Conrad unwillig ein. »Er ist keiner von diesen eingebildeten, feinen Hohlköpfen. Und er will, daß hier alles so weitergeht wie bisher. Ich hoffe nur, er wird nicht jeden Tag seine Nase hier zeigen und uns auf die Finger gucken.«

Isaac nickte zufrieden. »Hm, ich schätze, er wird auch noch anderes zu tun haben, oder?«

»Und was sollte das sein? Diese Leute arbeiten nicht.«

»Nein. Aber sie ziehen in den Krieg.«

»Schon. Aber es geht das Gerücht, es gäbe gerade mal wieder einen Waffenstillstand.«

»Und wenn schon. Der hält höchstens bis zum Frühjahr.«

»Da wär’ ich nicht so sicher. Es heißt, die Kriegskassen sind leer.«

Isaac schnitt eine komische Grimasse und nahm die Heugabel wieder auf. »Scheint, unsere Wolle hat keinen guten Preis gebracht.«

Conrad sah ihn verdutzt an und hatte Mühe, nicht in das allgemeine Gelächter einzustimmen. »Mach deinen vorlauten Mund zu und geh an die Arbeit.«

»Tu’ ich, Conrad, tu’ ich.«

Ein paar Tage nach St. Martinus kam Matthew der Schmied, um einige der Zweijährigen neu zu beschlagen. Hector war einer davon, und nach dem Mittagessen brachte Robin ihn hinaus in den etwas abgelegenen Hof, wo die Hufschmiede sich befand. In dem kleinen Schmiedeofen brannte schon ein heißes Feuer. Matthew hatte einen Fuß auf den Amboß gestützt und unterhielt sich mit Conrad.

»… eine wahre Schönheit, Lady Matilda. Eine wirklich feine Dame. Blond, ganz hell, mit herrlichen grauen Augen. Und ein Kleid, Junge, wie in einem Gedicht. Wirklich eine feine Dame.«

Conrad verschränkte die Arme. »Pah.«

»Ja, ich weiß, ich weiß. Für so etwas hast du keinen Sinn. Da fällt mir ein, wie geht es Maria?«

»Gut.«

»Winifred sagt, wenn sie Hilfe braucht, schickt sie euch unsere Martha. Ein tüchtiges Mädchen, Martha.«

»Danke, nicht nötig.«

Robin traute seinen Ohren kaum. Warum nicht, Conrad, dachte er ratlos. Natürlich braucht sie Hilfe. Kopfschüttelnd band er Hector am Zaun an.

»Ah, da ist ja Robin.« Der Schmied strahlte ihn fröhlich an. »Und wie geht es dir, mein Junge?«

Robin konnte nicht anders, als sein breites Grinsen zu erwidern. »Könnte kaum besser sein. Wo fangen wir an? Vorn oder hinten?«

»Immer hinten.« Matthew schob die Eisen mit seiner langen Zange tiefer ins Feuer. »Dauert noch einen Moment. Hast du die Lady Matilda schon gesehen, Robin?«

»Nein.«

»Oh, sie wird dir gefallen. Eine wundervolle Frau. Wundervoll. Ich war heute früh oben, weißt du, das Tor war nicht in Ordnung. Und Lady Matilda kam heraus und sagte guten Tag. Und einen großen Haushalt haben sie. An die zwanzig Ritter, einige mit ihren eigenen Familien, und eine ganze Reihe eigene Dienstboten haben sie mitgebracht. Und einen kleinen Priester, noch ein Grünschnabel, sehr ernster, eifriger junger Mann, möchte ich meinen.«

»Wie steht es, Matthew, wollen wir anfangen?« Conrad gelang es kaum, seine Ungeduld zu verbergen.

Matthew blieb ungerührt. »Gleich, Conrad, mein Junge, die Eisen sind ja noch nicht richtig heiß. Und einen Sohn haben sie auch. Der junge Sir Mortimer. Ungefähr so alt wie du, Robin.«

Robin war nur mäßig interessiert. »Tatsächlich.«

»Ja, ja. Aber nur das eine Kind. Zwei sind an der Pest gestorben, heißt es. Ich sag’s ja immer, der Schwarze Tod holt sie alle, ob Bauer oder Edelmann … Oh, entschuldige, mein Junge. Davon weißt du ja selber genug. Ich hab’s vergessen.«

Robin nickte ergeben. »Schon gut.«

»Hm, ja, hübscher Junge, Sir Mortimer. Kommt auf seinen Vater, ein normannischer Kopf. Nur die Augen, also die Augen hat er von der Lady Matilda. Grau. Und ein junger Heißsporn ist er, möchte ich meinen. Aber das sind sie ja alle in dem Alter.«

Conrad hatte genug gehört. »Ich denke, ihr kommt allein zurecht.«

Matthew nickte überzeugt. »Ja, geh nur, Conrad. Und denk dran, was ich gesagt habe, wegen unserer Martha …«

»Ja, danke. Robin, wo ist Isaac?«

»In der Sattelkammer, schätze ich.«

»Da hab’ ich schon nachgesehen.«

Isaac, erinnerte sich Robin, hatte gesagt, er ginge Bier holen. Er hatte von ihm einen halben Penny kassiert – angeblich war er schon wieder an der Reihe – und war mit dem Krug ins Dorf gezogen. Und wenn Isaac Bier holte, konnte das schon mal etwas länger dauern.

»Dann weiß ich es auch nicht, Conrad.«

Conrad sah ihn scharf an. »Natürlich. Ich könnte ebensogut Hector fragen, nicht wahr?«

Robin machte große, unschuldige Augen. »Aber woher soll ich denn wissen …«

Conrad brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. »Erspar mir den Rest. Ich werd’ ihn schon finden.« Er wandte sich ab. »Lumpenpack«, hörten sie ihn murmeln, während er sich eilig entfernte.

Robin nahm Hectors Hinterhuf in beide Hände und grinste verstohlen.

Der Schmied holte das Eisen aus dem Feuer, schlug eine Weile mit dem Hammer darauf, nahm Maß, bearbeitete es noch einmal, löschte es und brachte es dann herüber. »So, laß mal sehen … Ja, das müßte gehen. Es scheint, du hast dich gut eingelebt, mein Junge.«

Robin nickte. »Ja.«

»Halt seinen Huf ein bißchen höher, ja, so ist gut. Und du bereust nicht, daß du hierhergekommen bist?«

»O nein. Matthew, ich hatte noch keine Gelegenheit, dir zu danken.«

Matthew nahm einen Hufnagel aus seiner ledernen Schürze, setzte ihn ein und schwang den Hammer. »Wofür, in aller Welt?«

»Na ja, damals, als ich angekommen bin. Ich weiß nicht, was du zu ihm gesagt hast … Jedenfalls, vielen Dank für deine Hilfe.«

Der Schmied lachte leise und setzte den nächsten Nagel ein. »Ich mußte nicht viel sagen, Junge. Conrad ist ja kein Dummkopf.«

Er brachte das Eisen fertig an, ging zum Feuer zurück und holte das nächste.

Robin packte Hectors anderen Hinterhuf und hob ihn an. Hector hielt geduldig still.

»Und was meinst du, wie geht es Maria wirklich?«

Robin antwortete nicht sofort.

»Sag, was du denkst, Junge. Ich werde es nicht ausplaudern. Halt den Huf höher.«

Robin packte fest zu. »Nicht gut. Etwas stimmt nicht.«

»Warum sagt dieser Esel dann nichts?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hm, aber ich weiß es. Er ist ein sturer Dickschädel. Zu stolz, um sich helfen zu lassen.«

Gut möglich, dachte Robin. »Und du meinst, dafür riskiert er, daß ihr etwas … zustößt?«

»Ja, das meine ich. Und sie ist genauso. Seltsame Leute. Gute Leute, aber seltsam.«

»Ist sie mit ihm hierhergekommen?«

Matthew hämmerte und schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist von hier. Sie ist Ethelwolds Nichte. Ihr Vater, der alte Henry, war hier früher Vormann. Lange her. Bevor die Zucht so groß wurde.«

Er richtete sich auf, und Robin setzte Hectors Fuß ab. Matthew holte ein drittes Eisen aus dem Feuer, nahm Maß, behämmerte es, nahm noch einmal Maß, hämmerte wieder und löschte es. Dann kam er zu Hector zurück. Robin hielt den linken Vorderhuf.

Matthew pfiff leise vor sich hin. »Ja, ein sturer Bastard, das ist Conrad«, sagte er plötzlich unvermittelt. »Gott allein versteht die Schotten, mein Junge.«

»Er ist kein Schotte«, widersprach Robin überrascht.

»Aber fast. Nein, du hast natürlich recht, kein Schotte. Aber seine Mutter war Schottin.«

»Wirklich?«

»Hm. Und sein Vater war ein englischer Bogenschütze. Er war bei den Truppen, die die Lowlands besetzt hielten, bevor sie von den Schotten vertrieben wurden.«

»Woher weißt du das?«

Das dritte Eisen saß fest. Matthew holte das letzte, paßte es an und tauchte es ins Wasser. Als er zurückkam, antwortete er: »Der alte Ethelwold hat es mir einmal erzählt. Die schottischen Horden kamen, sperrten sie in ihr Haus ein und zündeten es an. Alle außer Conrad verbrannten. Alle. Er hat noch ein paar Verwandte dort oben, von der Seite seiner Mutter, versteht sich, aber seine Eltern, seine Geschwister, alle verbrannt.«

»O Gott.« Robin war erschüttert. »Das ist schrecklich.«

»Ja, mein Junge, das ist schrecklich. Und ich frage mich, warum ich dir diese schreckliche Geschichte erzähle. Ich hab’ es noch nie jemandem erzählt. Du bist schon ein seltsames Kerlchen.«

»Ich? Wieso?«

Matthew setzte einen Nagel ein. »Weiß nicht. Kann ich nicht sagen. Plapper die Geschichte nicht aus, Junge. Er würde das sicher nicht wollen.«

»Nein. Ehrenwort.«

»Conrad war natürlich noch ein Bengel, als es passierte. Ist ja an die zwanzig Jahre her. Er ist aus einem Fenster gesprungen. Das Fenster war mit Pergament bespannt. Das Pergament brannte. So ist die Sache mit seinem Gesicht passiert.«

»Oh.«

»Ja, ja. Sieht aus wie Pocken, nicht wahr?«

Robin nickte stumm.

»So, wir sind fertig. Dein Gaul hat tapfer stillgehalten. Er sieht prächtig aus.«

»Danke.«

Matthew klopfte Hector freundlich auf die stämmige Schulter. »Ab mit dir. Schick mir den nächsten.«

»Ja. Und Matthew …«

»Hm?«

»Rede noch mal mit Conrad. Wegen Maria. Er hört doch auf dich.«

Matthew seufzte und nickte dann. »Ist gut. Ich will’s versuchen.«

Robin führte das Pferd zurück in den Stall und winkte Crispin zu, der wartend an Philemons Tür lehnte. Crispin winkte zurück, öffnete die Tür und führte kurz darauf das Pferd hinaus.

Es war noch früh am Nachmittag, noch wenigstens eine Stunde, bis sie mit dem Füttern beginnen würden. Robin beschloß seufzend, daß es keinen guten Grund gab, länger aufzuschieben, was Conrad ihm und Isaac schon vor zwei Tagen aufgetragen hatte. Ohne große Lust begab er sich in den kleinen Hof, wo die drei Zuchthengste untergebracht waren. Conrad hatte bemängelt, daß sich für diese drei offenbar keiner der Jungen verantwortlich fühlte, und hatte ihn und Isaac kurzerhand dazu verdonnert, sie bei nächster Gelegenheit für einen Nachmittag auf die Wiese zu bringen und eine Grundreinigung ihrer Ställe durchzuführen. Also warum nicht heute.

Als er in den grasbewachsenen, umzäunten Hof trat, stellte er fest, daß Isaac die gleiche Idee gehabt hatte. Eine der Stalltüren war offen, und auf der Wiese stand Narziss, der älteste und berühmteste Hengst der Zucht, dessen Name die Preise in die Höhe trieb. Nur gut, dachte Robin grinsend, daß die kauffreudigen Ritter ihn jetzt nicht sehen konnten: Er stand mit hängendem Kopf direkt am Gatter und fror. Der Hengst wirkte verloren und mager; es war ihm mühelos anzusehen, daß er zurück in seinen Stall wollte.

Isaac stand in der offenen Stalltür, die Mistgabel neben sich wie eine Lanze, und sprach mit einem fremden Jungen in einem pelzbesetzten Mantel, hellroten Seidenstrümpfen und einer weinroten Schecke – einem eng anliegenden Übergewand, das vornehmlich bei jungen Männern von Stand beliebt war und das, so hatte Bruder Philippus einmal mißbilligend bemerkt, immer kürzer und kürzer wurde. Robin erkannte den Jungen nach der Beschreibung des Schmiedes.

»Es tut mir leid, aber Ihr könnt ihn nicht reiten, Lord«, sagte Isaac geduldig.

»Wie willst du das wissen?« verlangte er zu wissen. Seine Stimme klang scharf und ärgerlich.

Isaac wirkte nervös. »Er ist schon so lange keinen Sattel mehr gewöhnt, man kann ihn nicht mehr reiten …«

»Erspar mir deine Belehrungen! Wie ist dein Name?«

»Isaac, Lord.«

»Ah.« Es war ein langgezogener Laut. »Isaac, der Bastard. Ich habe schon von dir gehört.«

Isaac wußte keine Antwort und sah sich hilfesuchend um. Er schien unendlich erleichtert, als er Robin entdeckte. »Oh, Robin. Vielleicht kannst du erklären …«

Der Junge fuhr auf dem Absatz herum. »So, noch einer von der Sorte.«

Robin verneigte sich höflich und trat dann näher. »Sir Mortimer.«

»Ja, völlig richtig. Und wer bist du?«

»Robin, Sir.«

»Also, Robin. Geh und hol mir den Stallmeister. Sofort.«

Robin warf Isaac einen hilflosen Blick zu. »Ja, Sir. Aber ich bin nicht sicher, daß er jetzt hier ist …«

»Tu lieber, was ich sage«, drohte Mortimer leise.

Robin machte kehrt und begab sich auf die Suche. Er hatte Glück. Conrad kam ihm schon bei der Sattelkammer entgegen.

»Oh, gut, daß du da bist, Conrad. Kannst du mitkommen zu den Hengsten? Dieser Mortimer ist da und macht Isaac Schwierigkeiten.«

Conrad runzelte die Stirn. »Was für Schwierigkeiten?«

»Ich weiß auch nicht. Mortimer hat gesagt, ich soll dich holen. Er ist wütend.«

Conrad ging neben ihm her. »Warum?«

»Oh, was weiß ich! Scheint, er hat sich in den Kopf gesetzt, daß er Narziss reiten will …«

»Viel Glück.«

»… und Isaac hat versucht, ihm zu erklären, daß das unmöglich ist.«

»Nur die Ruhe, Robin.«

Sie kamen zurück in den kleinen Hof, und Isaac stand nach wie vor mit seiner Mistgabel in der Stalltür und machte einen verlorenen Eindruck. Mortimer hatte sich vor ihm aufgebaut und die Hände in die Seiten gestemmt. Sein Mantel stand offen, und Conrad verzog spöttisch den Mund, als er seine feinen Kleider sah.

»Ich bin Conrad der Stallmeister. Kann ich Euch helfen, Sir?«

»Ich will keine Hilfe von dir«, versetzte der Junge hochmütig. »Ich will mich beschweren.«

»Worüber?«

»Dieser Flegel hier war unverschämt zu mir!«

Conrad wechselte einen kurzen Blick mit Isaac. Dann sah er Mortimer wieder an. »Unverschämt?«

»In der Tat. Ich wollte dieses Pferd reiten, und er wollte es mir verbieten.«

»Ich bin überzeugt, er wollte Euch abraten. Dieser Hengst ist seit Jahren nicht geritten worden. Er ist verwildert. Er würde jeden Reiter abwerfen.«

»Ja, ja, schon möglich. Das hat der Bastard hier auch gesagt. Aber darum geht es nicht.«

Conrad betrachtete den Sohn des Earls mit mühsam verborgenem Widerwillen. »Was wünscht Ihr, Sir Mortimer?«

»Ich verlange, daß dieser ungehobelte Tölpel bestraft wird!«

Robin spürte einen eisigen Schauer auf dem Rücken. Dieser ausstaffierte, alberne Bengel, der ihm und Isaac kaum bis an die Schulter reichte, strahlte eine solch bösartige Entschlossenheit aus, daß es ihm fast den Atem verschlug. Soviel Willkür, soviel Mutwillen ging von ihm aus, daß Robin sich ganz und gar entkräftet fühlte. Mortimer kam ihm vor wie eine entfesselte Naturgewalt. Und seine Stimme. Seine keifende, fordernde Stimme hatte viel zuviel Ähnlichkeit mit der von Bruder Anthony …

Conrad schien ebenso sprachlos.

Mortimer streckte einen langen, gepflegten Zeigefinger aus. »Ich erlaube nicht, daß man so mit mir spricht! Und wenn du es nicht tust, werde ich einen Ritter meines Vaters anweisen …«

Conrad wandte sich wortlos an Isaac und machte eine langsame, auffordernde Geste.

Isaac war bleich geworden. Die Narbe auf seiner Stirn leuchtete feuerrot. Er stellte endlich die Heugabel beiseite und protestierte. »Conrad, ich hab’ nur …«

»Isaac«, unterbrach Conrad tonlos.

Isaac verstand. Er schüttelte ungläubig den Kopf, schnürte ohne Hast seinen Kittel auf, zog ihn aus und hängte ihn sorgsam über die Stalltür.

Conrad nahm seinen Gürtel ab, und Isaac drehte ihm den Rücken zu. Conrad trat einen Schritt zurück, nahm Maß und schlug zu. Das Leder klatschte auf Isaacs Rücken nieder, aber der Junge hielt still. Conrad holte wieder aus und schlug zu.

»Du gibst dir keine Mühe, Mann«, knurrte Mortimer. Er stand mit verschränkten Armen ein paar Schritte abseits.

Conrad sah ihn schweigend an.

Mortimer runzelte böse die Stirn. »Na los! Leg dich mal ein bißchen ins Zeug!«

Conrad stieß einen lang angehaltenen Atem aus, wandte sich an Robin und nickte ihm zu.

Robin erwiderte seinen Blick verständnislos. Seine Arme fühlten sich bleischwer an. Er wollte nicht hier sein. Er wollte das nicht sehen.

Isaac winkte ihn zu sich herüber, und Robin trat vor ihn. Isaac legte die Hände auf seine Schultern und flüsterte: »Halt mich fest. Halt mich bloß fest, Mann.«

Robin packte seine Arme und hielt ihn fest.

Conrads Gürtel sauste wieder durch die Luft, und ein Schaudern durchlief Isaacs Körper, als er auftraf. Er stieß hörbar die Luft aus. Robin sah über seine Schulter auf seinen gebeugten Rücken, wo mit jedem Schlag ein roter Striemen zurückblieb. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund und umklammerte Isaacs Arme immer fester. Sein Gesicht war dem Isaacs ganz nah, und er sah, wie die Adern in Isaacs Schläfen hervortraten und der Junge sich die Lippen blutig biß. Bei jedem Schlag spürte er mehr Schweiß auf seiner Haut, so, als sei er selbst es, der seinen Rücken darbot. Er hielt den Atem an wie Isaac, er wappnete sich mit ihm gegen jeden neuen Schlag. Und er bekam als erster weiche Knie. Aber sie blieben beide stehen. Bis Conrad schließlich einfach aufhörte.

Er trat zurück und sah Mortimer schweigend an.

Der junge Lord nickte knapp. Robin warf ihm einen kurzen Blick zu. Mortimers Augen waren groß und strahlend, sein Mund lächelte schwach. Robin spürte eine lähmende, fahle Übelkeit tief unten in seinem Bauch und sah schnell wieder zu Isaac, dessen schweißnasses, verzerrtes Gesicht er sehr viel besser ertragen konnte.

Conrad legte seinen Gürtel wieder an. »Ist das alles, Sir?«

Mortimer preßte die Lippen zusammen. »Ich hoffe, wenn ich das nächste Mal komme, wird mir hier niemand Ärger machen.«

»Nein. Sicher nicht.«

Mortimer lächelte dünn. »Er kann immer noch froh sein, daß ich nicht einen unserer Leute geholt habe … Und jetzt zeig mir, wo die Jährlinge sind. Ich will sie mir ansehen.«

Conrad brachte kein Wort heraus. Er nickte nur, wies in die Richtung, in der der Jährlingshof lag, und ging voraus. Mortimer warf noch einen letzten, verzückten Blick auf Isaac, dann folgte er dem Stallmeister. »Warte gefälligst auf mich …«

Robin sah ihnen nach, bis sie hinter der kleinen Scheune verschwunden waren. »Er ist weg, Isaac.«

Isaac nahm langsam die Hände von seinen Schultern und wollte sich aufrichten. Statt dessen gaben seine Knie nach, und er fiel auf den eiskalten Boden. Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. »Jesus … Oh, verdammt.«

Robin verspürte einen wilden, rebellischen Stolz. Er hockte sich zu Isaac herunter. »Du hast es ihm gezeigt! Du hast nicht gejammert und gewinselt, wie er es wollte.«

Isaac hob den Kopf. Sein Gesicht war schneeweiß, und zwei Tränen liefen darüber. Er schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Robin«, sagte er leise. »Er hat es mir gezeigt.«

Robin stand auf und holte Isaacs Sachen. »Hier, zieh dir was über. Es ist kalt.«

»Und wenn schon.« Isaac kämpfte sich mit steifen Bewegungen in seine Kleider. Er atmete ein paarmal tief durch und schlug dann mit der Faust auf den Boden. »Na ja, warum nicht. Es war ja nur Isaac der Bastard. Wen kümmert das schon.«

»Mich. Und Conrad. Du hättest ihn sehen sollen. Er hat es gehaßt.«

»Ja. Und was hätte er schon tun können.« Er richtete sich auf. Robin konnte sehen, daß es ihm weh tat.

»O Isaac. Was für ein Dreckskerl.« Er nahm seine ausgestreckte Hand und zog ihn hoch.

»Ja. Ein Dreckskerl.« Isaac klang erschöpft. »Und das war heute nicht das letztemal, daß er hergekommen ist, um irgendwem Scherereien zu machen. Dafür hat es ihm zuviel Spaß gemacht. Und es gibt nichts, was wir dagegen machen können.«

»Nein«, stimmte Robin düster zu.

Isaac betrachtete ihn. »Dein Bruder Guillaume war auch nicht viel besser.«

Robin riß entsetzt die Augen auf. »Was?«

Isaac nickte und seufzte leise. »Ja, ja. Davon weißt du nichts, he. So ist es immer. Bei ihren Leuten zu Hause sind sie honigsüß. Keiner ahnt, wie sie wirklich sind.«

Robin dachte eine Weile nach. In Wirklichkeit hatte er kaum Erinnerungen an Guillaume. Er war fünf Jahre älter als er gewesen und hatte wenig Interesse an seinen kleinen Brüdern gezeigt. Aber Robin glaubte sich zu entsinnen, daß er und Raymond meistens ganz froh gewesen waren, wenn sie Guillaumes Aufmerksamkeit entgingen. Er schüttelte langsam den Kopf. »Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern.«

»Hm. Du warst ja noch ein kleiner Bengel, als sie dich von hier wegbrachten. Vielleicht ganz gut so. Du bist jedenfalls nicht so geworden wie er.«

Nein, dachte Robin erleichtert. Das bin ich nicht.

Isaac lächelte plötzlich. »Ich weiß noch genau, wie sie dich ins Kloster schickten. Du hast gebrüllt. Du wolltest nicht.«

»Und ich hatte ja so recht. Wieso weißt du das?«

»Ich war dabei. Ich war irgendwie bei allem dabei, was in deiner Familie passierte. Meine Mutter war Küchenmagd.«

Robin sah ihn erstaunt an. »Wieso erinnere ich mich nicht an dich?«

»Weil ich mich immer in irgendwelchen Ecken verkrochen hab’ und versucht habe, unsichtbar zu sein. Aber dein Vater, weißt du … Er war immer gut zu mir.«

Sie sahen sich schweigend an.

Dann regte Robin sich und wies auf Narziss. »Ich denke, es wird Zeit. Ich hol’ ihn rein.«

Er ging zur Wiese hinüber und brachte den Deckhengst zurück in den Stall. Wenigstens er schien zufrieden mit dem Ausgang des Nachmittags.

Isaac stand auf dem Hof und zitterte vor Kälte.

»Geh, Isaac«, sagte Robin. »Wir machen deine drei schon.«

»Kommt nicht in Frage.«

Sie begaben sich an ihre abendliche Arbeit. Robin sah zu, daß er schnell fertig wurde, und ging dann Isaac zur Hand, denn dieser hatte verständlicherweise Mühe, seine Arbeit zu erledigen. Stephen stellte sich blind. Offenbar hatte sich wieder einmal auf geheimnisvolle Weise herumgesprochen, daß irgend etwas vorgefallen war. Die Stimmung während des Abendessens war ein wenig gedrückt. Conrad fehlte, und niemand gab einen Kommentar ab.

Er wartete in der Sattelkammer auf sie. »Isaac, Robin. Die anderen können gehen. Gute Nacht, Jungs.«

Sie murmelten einen Gutenachtgruß und stiegen die Leiter hinauf. Als das letzte Knarren der Holzsprossen verstummt war, stand er von dem Hocker auf, auf dem er gesessen hatte. Er wirkte müde. Robin war erstaunt. Er hatte Conrad noch nie müde gesehen.

Er wandte sich an Isaac. »Es tut mir leid. Aber ich hatte keine Wahl. Wenn er dir seine Leute auf den Hals gehetzt hätte, wäre es viel schlimmer geworden.«

Isaac nickte verlegen. »Ich weiß.«

Conrad lächelte schwach. »Du hast dich gut gehalten. Ich bin sehr stolz auf dich.«

Isaac errötete und strahlte. Zur Abwechslung wußte er einmal nichts zu sagen.

Conrad fuhr ihm kurz mit der Hand über den Kopf. »Nehmt euch vor dem Bengel in acht. Er ist ein Ungeheuer.«

Sie nickten und wollten gehen. Aber Conrad hielt sie zurück. »Das ist noch nicht alles. Robin, du sollst morgen früh auf die Burg hinaufkommen. Nach dem Frühstück kannst du gehen.«

Robin spürte einen heißen Stich im Bauch. »Warum, um Himmels willen? Ich hab’ doch kaum ein Wort an den kleinen Drecksack gerichtet.«

»Darum geht es nicht. Lord Waringham will dich sprechen.«

Robin raufte sich die Haare. »O nein. Warum?«

»Das hat der Kerl mir nicht gesagt, den er geschickt hat.«

»Glaubst du, er hat herausbekommen, wer ich bin?«

»Ja. Ich denke schon.«

Robin nickte unglücklich. »Das fehlte noch.«

»Mach dir keine allzu großen Sorgen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er viel mit Klöstern im Sinn hat. So, und jetzt ab mit euch. Legt euch schlafen.«

Sie stiegen die Leiter hinauf. Cedric nahm ihre Becher aus der Kiste am Boden, und Pete schenkte ihnen ein.

»Na endlich«, brummte Bertram. »Und können wir jetzt vielleicht mal erfahren, was eigentlich passiert ist?«

Isaac wechselte einen Blick mit Robin und grinste plötzlich breit. Er setzte sich auf seinen Platz, nahm einen tiefen Zug und erzählte mit der ihm eigenen Liebe zum Detail.

Niedergeschlagen und besorgt überquerte Robin am nächsten Morgen den Mönchskopf und stieg den steilen Burghügel hinauf. Waringham Castle erhob sich drohend, so schien es ihm, vor einem eisgrauen Winterhimmel. Die Luft roch nach Schnee. Robin zog seinen zu dünnen Mantel fester um sich und überquerte die Zugbrücke.

Ein bewaffneter Mann in Helm und Kettenhemd trat aus der kleinen Wachstube, die innerhalb des breiten Torbogens in der Mauer lag. Er nahm Robin kurz in Augenschein. »Was willst du hier?«

»Mein Name ist Robin. Seine Lordschaft hat nach mir geschickt.«

Der Mann winkte ihn ungeduldig durch.

Robin ging an ihm vorbei und überquerte den weiten Innenhof. Mit sehr gemischten Empfindungen trat er über die Schwelle des großen Turms. Ein Gefühl von Heimkehr verspürte er nicht.

Das mächtige Eingangstor führte in eine kleine, leere Vorhalle. Der steinerne Boden wirkte solide, aber der Eindruck war trügerisch. In Wahrheit lag unter der Vorhalle eine tiefe Grube, voll mit fauligem Wasser, und vermittels einer Falltür konnte man unerwünschte Besucher hineinbefördern. Die Falltür war das letzte Bollwerk gegen eindringende Feinde. Robin hatte nie davon gehört, daß sie je benutzt worden war. Hinter der Vorhalle lagen Vorratsräume, die Waffenkammer und die Küche. Auf der rechten Seite führte eine breite Treppe nach oben in die große Halle. Sie nahm fast das gesamte zweite Stockwerk des Turmes ein, und ihre gewölbte Holzdecke war beinah doppelt so hoch wie die der anderen Geschosse. Ein langer Tisch stand an der Stirnseite gegenüber der Tür, zwei weitere entlang der Seitenwände. Überall saßen Menschen, vornehmlich Ritter, aber auch ein paar Frauen und Kinder in feinen Kleidern waren dazwischen. In den beiden mächtigen Kaminen brannten Feuer. Hunde tollten auf dem strohbedeckten Boden, Mägde trugen Krüge und Platten mit Speisen herum. Unweit der Tür stand ein großer Mann mit grauen Haaren, angetan mit feinen, blauen Strümpfen und einem samtenen Surkot, einem ärmellosen Übergewand, an den Füßen Schnabelschuhe aus weichem Leder und um die Schultern einen pelzbesetzten Umhang mit Kapuze. Er trug keine Waffen, aber der Ritter, zu dem er sprach, lauschte ihm mit Respekt und Ergebenheit. Der Steward, schloß Robin. Er ließ seinen Blick über den großen Saal schweifen, doch er konnte weder den Earl noch seine Familie entdecken. Damit hatte er gerechnet. Solange seine Mutter noch lebte, hatte die Familie die meisten Mahlzeiten auch in einem der Privatgemächer eingenommen. Nur zu Feiertagen und Festen hatten sie mit den Leuten und dem Gesinde in der Halle gegessen. Robin wandte sich ab, ehe er entdeckt wurde, verließ die Halle und stieg die Treppe hinauf ins oberste Stockwerk.

Oben lagen eine Reihe kleinerer Räume, Privatgemächer und Schlafkammern. Robin sah sich unschlüssig um, als eine der massiven Holztüren sich öffnete und ein junger Priester heraustrat.

Robin grüßte höflich. »Mein Name ist Robin, Vater. Könnt Ihr mir sagen, wo ich Lord Waringham finden kann?«

Der junge Mann sah ihn aus dunklen Augen argwöhnisch an. »Was hast du hier verloren?«

»Er hat nach mir geschickt.«

»Wie war doch gleich dein Name?«

»Robin, Vater.«

Das schmale Gesicht hellte sich auf. »Waringham?«

Robin nickte zögernd. »Das war einmal.«

»Komm mit mir. Hier entlang.«

Er führte ihn zu einem hellen Raum auf der Südseite des Turms, dessen Fenster auf einen kleinen Rosengarten zeigten. Es war der wohnlichste Raum der ganzen Burg, fand Robin, und offenbar war Lady Matilda seiner Ansicht. Sie hatte ihn zum privaten Wohngemach ihrer Familie erwählt.

Als Robin eintrat, saßen sie bei einem späten Frühstück. Im Kamin brannte ein lebhaftes Feuer.

Der Priester schob ihn weiter in den Raum und schloß die Tür. »Robin of Waringham, Mylord.«

Geoffrey sah auf und lächelte. »Ah, vielen Dank, Constantin. Komm näher, mein Junge. Bist du hungrig?«

»Nein danke, Mylord.«

»Hier, das ist meine Frau. Matilda.«

Robin wandte sich zu ihr um, und ihm ging auf, wie lange er keine elegante Dame mehr gesehen hatte. Er war den Anblick von lilienweißer Haut nicht mehr gewöhnt. Das ebenmäßige Gesicht schien kaum dunkler als die blütenweiße, mit Spitze abgesetzte Haube. Ihr Unterkleid – die Kotte – war aus grünlich schimmernder Seide, die eng anliegenden Ärmel mit kostbaren Messingknöpfen verziert. Das ärmellose Surkot darüber war aus einem fließenden, dunkelgrünen Samt und an den Seiten so eng geschnürt, daß es ihre perfekten Formen wunderbar hervorhob. Robin verneigte sich galant. Der Schmied hatte nicht übertrieben. Sie war eine wahre Schönheit. »Lady Matilda.«

»Sei willkommen, Robert.«

Und was mag das heißen, dachte er verwirrt. Ich bin doch schon viel länger hier als sie. Er sah ihr einen Moment in die Augen und verstand, daß er ihr keineswegs willkommen war. Ihr schmaler Mund war zusammengepreßt, ihre grauen Augen betrachteten ihn kühl. Sie fürchtet mich, stellte er verwundert fest. Und sie haßt mich. Warum?

»Mein Sohn, Mortimer«, fuhr Geoffrey mit seiner Vorstellung fort.

Robin wandte sich widerwillig dem neuen Erben von Waringham zu und nickte. Er brachte kein Wort heraus.

Mortimer grinste ihn hämisch an, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und führte einen großen Silberbecher an die Lippen.

Geoffrey merkte nichts von Robins Unbehagen. »Setz dich, Robert. Und nun erzähl uns, wie in aller Welt du auf die Idee verfallen bist, dich als Stallknecht auszugeben.«

Robin setzte sich auf den einzigen freien Stuhl, der Mortimer direkt gegenüberstand. Er versuchte, ihn nicht anzusehen. Der kleine Priester war auf den Platz neben Mortimer gehuscht und frühstückte wie ein Vögelchen.

»Ich mußte Arbeit finden, Mylord. Und ich kann nichts außer reiten.«

»Arbeit finden!« Geoffrey schien amüsiert. »Warum bist du nicht zu deinem Onkel George nach Whitfield gegangen?«

»Mein Onkel George ist arm. Er hätte mich nicht aufnehmen können. Außerdem ist er im Krieg.«

»Nein, ist er nicht. Wir sind zusammen aus Calais zurückgekommen.«

Robin war froh. Er mochte seinen kauzigen Onkel gern. Aber an seiner Lage änderte die Rückkehr des Onkels nichts. George, seine Frau und seine sieben Kinder lebten kaum besser als der ärmste Pächter in Waringham. Das wenige Geld, das George als Sold von seinem Dienstherrn bekam, reichte kaum aus, sie alle zu ernähren und seine Rüstung instand zu halten.

»War mein Onkel bei guter Gesundheit?«

»O ja. Er ist ein prächtiger alter Haudegen. Prächtig. Nach Weihnachten geht er zurück in die Normandie, sagte er. Er wird des Krieges nie müde.«

Robin nickte überzeugt. Onkel Georges Soldatenleben war sicher fröhlicher als seine Armut zu Hause.

Er fragte sich, wie lange er wohl hierbleiben mußte. Er wünschte sich zurück zu seiner Arbeit. Er war hier nicht willkommen, und er wollte hier nicht sein. Lady Matilda saß stocksteif auf ihrem Platz, und sie warf ihm ab und zu von oben herab einen feindseligen Blick zu. Und dieser Rotzlümmel Mortimer ließ ihn nicht aus den Augen und grinste ohne Unterlaß.

Endlich wurde Geoffrey gewahr, daß Robin sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Er machte einen Vorschlag. »Was denkst du, wollen wir ausreiten?«

Robin dachte, daß er für solche Vergnügungen eigentlich keine Zeit hatte, aber er nickte dennoch erleichtert. »Sehr gern, Mylord.« Er stand von seinem Platz auf.

»Kann ich mitkommen, Vater?« fragte Mortimer.

Geoffrey schüttelte lächelnd den Kopf. »Das nächste Mal, Junge. Es gibt ein paar Dinge, die ich mit Robert besprechen muß.«

Er erhob sich, wandte sich zur Tür und ging hinaus. Robin verneigte sich vor Matilda und wollte ihm folgen, aber plötzlich stand Mortimer hinter ihm und versperrte ihm den Weg. »Jammer ihm lieber nichts vor«, warnte er leise. »Das würde dir schlecht bekommen.«

Robin erwiderte seinen Blick und gab sich keinerlei Mühe, seinen Abscheu zu verbergen. »Da bin ich sicher. Seid unbesorgt.«

Er ließ Mortimer ohne Gruß stehen und ging in den Burghof hinunter. Will, einer der Stallburschen auf der Burg, führte zwei gesattelte Pferde aus dem Stall. Robin kannte ihn flüchtig. Sie hatten nicht häufig mit den Pferden hier oben zu tun, aber hin und wieder kam einer der Burschen hinüber zum Gestüt und fragte Conrad oder Stephen um einen Rat. Sie nickten sich zu.

Geoffrey wartete schon auf ihn. »Was ist, Robert? Bist du soweit?«

Robin saß auf. »Ja, Mylord.«

Sie ritten durch das große Tor, über die Zugbrücke auf die Hügel hinaus. Geoffrey wies mit dem Arm auf die weiten Wälder im Osten. »Laß uns dorthin reiten. Weißt du, wie das Wild läuft?«

Robin schüttelte den Kopf. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich war lange Zeit fort von hier.«

»In St. Thomas, ich weiß. Als ich hierherkam, fand ich einen sehr höflichen, aber entschiedenen Brief von einem gewissen Jerome of Berkley vor, Abt von St. Thomas. Er erhebt juristische Ansprüche auf deinen Kopf, Robert.«

Robin stockte der Atem. »Mylord, ich …«

Geoffrey lachte fröhlich. »Keine Sorge, Junge. Ich werde ihm nicht antworten. Ich denke, fünf Jahre war lange genug.«

Gott sei Dank, dachte er erleichtert. Seine schlimmste Sorge hatte sich als unbegründet erwiesen.

»Du kannst also lesen?«

»Ja, Sir.«

»Und schreiben?«

»Es geht so.«

»Und Latein?«

»Ja.«

»Hm. Vater Constantin liegt mir in den Ohren, daß er einen Gehilfen braucht, jetzt, wo wir feine Leute sind. Das sagt er nicht, aber das meint er. Er ist der einzige geistliche Beistand für meinen ganzen Haushalt, und er unterrichtet Mortimer. Gleichzeitig ist er aber auch ein emsiger Gelehrter, und die Schreibarbeiten, die er für mich erledigen muß, rauben ihm zuviel Zeit. Wie wär’s?«

Robin war entsetzt. »Mylord, ich bin sehr zufrieden mit meiner jetzigen Arbeit.«

Geoffrey grunzte ungeduldig. »Das geht doch nicht, Junge. Du bist ein Edelmann, kein Knecht.«

»Wäre ich ein Edelmann, Mylord, wäret Ihr nicht hier.«

Geoffrey gluckste vergnügt. »Und du nimmst es mir nicht einmal übel. Sehr nobel von dir.«

»Es war ja nicht Eure Schuld.«

»Nein. Aber zurück zur Sache. Ich kann nicht zulassen, daß du hier ein armseliges Dasein fristest und verwahrlost. Wenn du nicht zu dem alten George gehen kannst, dann muß ich eben dafür sorgen, daß etwas aus dir wird. Das schulde ich deinem Vater.«

Robin lachte verächtlich. »Mein Vater.«

Geoffrey sah überrascht auf. »Du hältst keine großen Stücke auf ihn, nein?«

»Pah.« Robin war sich nicht bewußt, daß der Laut eine getreue Nachahmung Conrads war.

»Warum nicht, mein Junge?«

»Was soll ich von einem Mann halten, der meinen König verraten hat?« stieß er erbost hervor.

»So, deinen König liebst du also, ja?«

»Natürlich!«

Geoffrey hob langsam die Schultern. »Das tat dein Vater auch. Sei versichert.«

»Und deswegen hat er ihn verraten?«

»Nein. Das hat er nicht getan. Komm, laß uns absitzen und ein Stück gehen. Ich will dir erzählen, wie es war. Ich muß es schließlich wissen; ich war dabei.«

Robin war nicht sicher, ob er die Geschichte hören wollte. Aber er saß ab, nahm sein Pferd am Zügel und stapfte neben Geoffrey über raschelndes Laub. Es begann leicht zu schneien.

»Weißt du, daß König Edward einen Vertrag mit dem König von Frankreich geschlossen hat?«

»König Edward ist der König von Frankreich«, erwiderte Robin.

»Nein, mein Junge. Du bist nicht auf dem laufenden. Nicht einmal er selbst erhebt diesen Anspruch noch. Auch das war Gegenstand des Vertrages.«

Robin machte große Augen. »Was für ein verdammter Vertrag ist das?«

»Es gefällt dir nicht, daß der König den Anspruch auf die französische Krone aufgibt?«

»Nein. Warum sollte er? Er war der Neffe des alten Königs, und der hatte keine Söhne.«

»Schon. Aber die Franzosen wollen ihn nun mal nicht haben.«

»Die Flamen aber doch.«

»Ja, ja. Ich werde mich nicht mit dir über Politik streiten. Es ist, wie es ist. In Brétigny wurde ein Vertrag geschlossen. Dein Vater und viele andere unterstützten das Abkommen. Sie sind den Krieg satt, Junge. Viele sind das. Ich auch. Und der König hat kein Geld mehr, um ihn vernünftig weiterzuführen.

Die Burg, in der dein Vater und ich lagen, gehörte zu denen, die wir laut Vertrag den Franzosen zurückgeben sollten. Eine gute Burg bei Poissy, strategisch sehr wichtig. Aber einer unserer Feldherren, ein Earl, den wir nicht näher benennen wollen, hielt nichts von der Idee, die Burg aufzugeben. Und er wies die Ritter in dieser und vielen anderen Burgen an, sich mit dem Abzug nicht zu beeilen und sich die Zeit mit Raubzügen zu vertreiben.«

Robin sah ungläubig zu ihm auf. »Aber das war gegen den Vertrag!«

»Hm, richtig. Aber, wie gesagt, die Kassen sind leer, und Raubzüge sind einträglich. Und die meisten der Ritter hatten keine Bedenken, den Wünschen ihres Feldherrn zu folgen. Viele von ihnen haben zu Hause kein eigenes Land; sie leben im Krieg besser als im Frieden. Doch dein Vater glaubte, an einen Vertrag müsse man sich halten. Er verbot seinen Leuten, an den Raubzügen teilzunehmen, und ersuchte um Erlaubnis, von der Burg abziehen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde ihm verwehrt. Da schrieb dein Vater einen Brief an den König, mit der Absicht, heimlich einen Boten zu schicken. Er konnte nicht glauben, daß all diese Dinge mit dem Einverständnis und dem Wissen des Königs vor sich gingen. Er wollte ihn von dem Vertragsbruch unterrichten. Er vertraute den Brief einem seiner treuesten Männer an, Guy of Gimson. Kennst du ihn?«

Robin nickte und lächelte ein bißchen. »Guy hat mir das Reiten beigebracht.«

»Nun, Guy wird niemandem mehr Reitstunden geben, mein Junge. Am nächsten Tag gab es nahe der Burg ein Scharmützel, und Guy wollte die Gunst der Stunde nutzen und sich davonmachen. Aber ein Pfeil traf ihn in den Rücken. Es war ein englischer Pfeil.«

Robin sog scharf die Luft ein.

»Hm, ja. Sehr merkwürdig. Aber was dann geschah, war noch viel merkwürdiger. Am Abend kamen die Männer des Earls und verhafteten deinen Vater. Als er sich nach dem Grund erkundigte, beschuldigten sie ihn des Hochverrats.

Wie es weiterging, weiß ich nur aus Erzählungen, denn ich wurde in der Nacht in einer anderen Angelegenheit mit meinen Leuten nach Calais geschickt. Man warf deinem Vater vor, er habe eine Botschaft nach Paris senden wollen. Eine Warnung für den französischen König. Über geheime Verhandlungen zwischen unserem besagten Feldherrn und dem König von Navarra. Navarra, falls du es nicht weißt, ist ein kleines Königreich in Spanien, und der König dort steht sich nicht gut mit dem König von Frankreich. Die Botschaft, die dein Vater angeblich schicken wollte, hielten sie in Händen. Sie sagten, sie sei bei Guys Leiche gefunden worden. Der Brief trug auch wirklich die Unterschrift deines Vaters. Aber es war nicht seine Handschrift. Du weißt vermutlich, Robert, daß man Pergament abkratzen und neu beschreiben kann, nicht wahr?«

Robin brachte kein Wort heraus. Er nickte nur.

Geoffrey legte ihm freundlich eine Hand auf die Schulter. »Sie sperrten ihn ein, und am nächsten Tag fand man ihn tot, mit seinem eigenen Gürtel erhängt.«

Robin blinzelte verstört und schüttelte langsam den Kopf. »Warum hat er das getan? Warum hat er nicht seine Gerichtsverhandlung abgewartet? Hätte der König ihm nicht geglaubt?«

»Doch. Durchaus möglich. Und das Risiko wollten sie nicht eingehen. Er hat es nicht selbst getan, Robert, ich bin sicher. Ich kannte deinen Vater wie einen Bruder. Vermutlich besser, als du ihn kanntest. Seit dem Tod deiner Mutter und deiner Geschwister war er ein sehr frommer Mann geworden. Er hätte niemals sein Seelenheil riskiert. Und er war vor allem kein Feigling. Der Selbstmord war ebenso eine Fälschung wie der Brief. Nur nicht ganz so gründlich ausgeführt. Mein Informant sagt, an seinen Handgelenken seien deutliche Fesselspuren gewesen …«

Robin konnte eine Weile nichts sagen. Sein Mund erschien ihm ganz und gar ausgetrocknet, und sein Herz flatterte in seiner Brust. Aber er hatte ein paar brennende Fragen. Also schluckte er energisch und fuhr mit der Zunge seine Zähne entlang, bis wieder genug Speichel in seinem Mund war, um zu sprechen. »Aber … warum? Warum wurde er so hinterhältig hereingelegt?«

»Weil dieser Feldherr nicht sicher sein konnte, daß der König mit seinen Machenschaften einverstanden war. Ich denke, er hat sich unnötige Sorgen gemacht, der König hat ebensowenig Interesse an der Einhaltung des Vertrages wie er. Aber ganz sicher konnte er nicht sein. Andererseits konnte er deinen Vater auch nicht einfach ohne jede Erklärung aus dem Weg räumen lassen, das wäre zu auffällig gewesen. Also spann er eine Intrige.«

Robin nickte wie betäubt.

Geoffrey hielt sein Pferd an und saß wieder auf. »Ich werde ein Stück vorausreiten. Weißt du, wo der Weiße Felsen ist?«

»Ja.«

»Dort werde ich auf dich warten.« Er gab dem Pferd die Sporen und galoppierte davon.

Robin sah ihm nach, bis er hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden war. Dann führte er sein Pferd weg vom Pfad zwischen den dichten Bäumen hindurch zu einem kleinen, mit einer hauchdünnen Eisschicht bedeckten Tümpel. Unter einer Weide hielt er an, lehnte sich an den breiten Stamm und weinte um seinen Vater, zornig und doch unendlich erleichtert, daß er endlich, endlich mit gutem Recht um ihn trauern durfte.

Als er zum Weißen Felsen kam, saß Geoffrey reglos auf seinem Pferd und betrachtete das weite, grüne Tal unter sich. Bruchsteinmauern durchzogen die Wiesen. Hier und da weideten Schafe. Es schneite jetzt etwas heftiger.

Robin hielt neben ihm an. »Wer ist er, dieser Earl?«

Geoffrey wiegte leicht den Kopf hin und her. »Wenn ich die Absicht gehabt hätte, dir seinen Namen zu nennen, ich hätte es schon getan.«

»Ich will es aber wissen. Ich habe ein Recht, es zu wissen.«

»Wozu? Es würde nichts nützen. Laß uns in ein paar Tagen noch einmal darüber reden. Du bist jetzt durcheinander, verstört, und das ist nur verständlich. Vielleicht … wäre es leichter für dich zu glauben, dein Vater sei ein Verräter gewesen, als dich damit abzufinden, daß er selbst so schändlich verraten worden ist. Aber ich war der Ansicht, du solltest die Wahrheit wissen.«

Robin sah ihn direkt an. Seine Augen brannten, es kam ihm vor, als sei dieser Morgen schon tausend Stunden alt. Es stimmte, er war verstört, aber er war nicht durcheinander. Er hatte das Gefühl, außergewöhnlich klar denken zu können. »Ich bin froh, daß ich die Wahrheit kenne. Es ist besser so. Leichter. Aber er hat nicht nur meinen Vater verraten, Sir. Er hat mich ebenso betrogen. Und ich will seinen Namen kennen. Sagt ihn mir. Der Earl von wo?«

Geoffrey erwiderte seinen Blick eindringlich, es war, als wolle er den Jungen vor sich genauestens erforschen. Dann wandte er den Blick mit einemmal ab, sah wieder auf das Tal hinunter und sagte fast tonlos: »Der Earl of Chester.«

Robin machte eine wegfegende Geste. »Macht Euch nicht lustig über mich! Der Schwarze Prinz ist der Earl of Chester.«

Geoffrey nickte schweigend.

»Aber … aber das kann doch nicht …«

»Siehst du, Junge«, seufzte Geoffrey. »Jetzt ist es nur noch schlimmer für dich.«

»Aber mein Vater … war ihm ganz und gar ergeben.«

»Ja. Bis zum Schluß. Als sie ihn verhafteten, war ich bei ihm. Er lächelte, fast nachsichtig, obwohl er ganz genau wußte, was geschehen würde. Und er sagte zu mir: ›Er ist immer noch derselbe hitzköpfige Junge wie damals in Crécy. Er denkt immer nur mit dem Schwert. Du wirst ein bißchen auf ihn achtgeben, nicht wahr.‹ Und als sie ihn rauszerren wollten, sagte er noch etwas Seltsames. Er wandte sich an die Wachen und sagte: ›Warum so eilig, Männer? Der Krieg wird euch schon nicht davonlaufen, seid unbesorgt. Dieser Krieg wird hundert Jahre dauern.‹ Und weißt du, damit könnte er durchaus recht haben. Niemand will diesen Krieg mehr führen, er ist ja schon fast ein Vierteljahrhundert alt. Aber es will ihn auch niemand wirklich beenden.«

Sie ritten schweigend zurück, eingehüllt in ihre Mäntel, und hingen ihren Gedanken nach. Als sie wieder im Wald waren, sagte Geoffrey schließlich: »Und wie sieht es jetzt aus, Robert? Willst du immer noch Stallknecht sein?«

»Daran hat sich nichts geändert, Mylord.«

Geoffrey schüttelte ungeduldig den Kopf. »Aber das kann ich nicht zulassen.«

Robin sah ihn an. »Wenn Ihr es mir verbietet, werde ich davonlaufen und woanders Stallknecht werden.«

»Dann werde ich dich finden und dir die Hammelbeine langziehen«, brummte Geoffrey.

»Dann werde ich wieder weglaufen«, gab Robin ernst zurück.

»Dann leg’ ich dich in Ketten.«

Robin hob leicht die Schultern. »Wenn Ihr es jetzt gleich tut, erspart Ihr uns beiden viel Mühe.«

Geoffrey lachte gegen seinen Willen. »Junge, du mußt doch einsehen, daß es nicht möglich ist.«

»Es ist ganz und gar möglich. Der Schwarze Prinz hat es möglich gemacht.«

»Das solltest du nicht sagen. Man redet sich schnell um Kopf und Kragen.«

»Aber nur Ihr hört mich, Mylord.«

»Ja. Und ich bin Prinz Edwards Mann. Bis auf den letzten Blutstropfen. Vergiß das nicht.«

»Nein.«

»Das verstehst du nicht, oder? Du denkst, ich müßte ihn verabscheuen für das, was er deinem Vater angetan hat?«

»Das könnt nur Ihr entscheiden.«

»Hm. So ist es. Mit mir ist es wie mit deinem Vater. Ich gehöre ihm mit Haut und Haaren. Und das wäre nicht anders, wenn ich an der Stelle deines Vaters gewesen wäre. Der Schwarze Prinz ist ein gefährlicher Mann, weißt du. Er bringt Leute mühelos dazu, ihm zu verfallen, genau wie sein Vater. Das ist ihre große Gabe. Darum ist unser Heer so oft siegreich, auch wenn der Feind viel größer ist. Die Männer geben ihr Letztes für den König und Prinz Edward. Aber es macht sie auch gefährlich.«

Robin dachte darüber nach. »Das verstehe ich nicht.«

»Nein. Vielleicht irgendwann einmal.«

»Hoffentlich nicht. Ich will nicht mehr Ritter werden.«

»Ist das wirklich wahr?«

Robin dachte darüber nach. Solange er denken konnte, war es immer sein einziger Wunsch gewesen, ein Ritter seines Königs zu sein. Nicht einmal wirklich ein Wunsch, sondern eine Selbstverständlichkeit. Er sagte langsam: »Ich würde mein Leben für meinen König geben. Aber nicht meine Seele. Ich will kein Söldner sein. Ich denke, ich kann ihm besser dienen, wenn ich gute Pferde für seinen Krieg züchte.«

»Trotzdem wirst du in Zukunft jeden Tag für zwei Stunden auf die Burg kommen und an Mortimers Unterricht teilnehmen.«

Robin riß entsetzt die Augen auf. »Ich habe keine zwei Stunden freie Zeit am Tag! Und ich kann doch schon lesen.«

»Unsinn, kein Bücherkram. Aber du mußt lernen, wie man ein Schwert und eine Lanze führt. Dann kannst du später immer noch entscheiden, was aus dir werden soll. Wenn du alt genug bist.«

»O ja, ein Ritter ohne Land, großartig. Wie mein Onkel George. Und meine Kinder müssen hungern, damit ich mir ein neues Schlachtroß kaufen kann. Nein, vielen Dank.«

»Ich bin sicher, du wirst deine Meinung ändern. Land kann man sich verdienen, Robert.«

»So wie Ihr, Mylord?«

Geoffrey fuhr wütend auf, und einen Moment glaubte Robin, er habe sich wieder einmal Ohrfeigen eingehandelt. Aber der Earl seufzte nur und betrachtete ihn kopfschüttelnd. »Hätte ich abgelehnt, hätte ich sein Vertrauen verloren. Das kann ich mir nicht leisten. Ich muß auch an Mortimer und Lady Matilda denken.«

Robin verzog sarkastisch den Mund. »Ja. Vielleicht hätte mein Vater auch an seine Familie denken sollen.«

»Er hat getan, was er tun mußte.«

»Ein armseliger Nachruf. Aber immerhin. Besser als ›Er hat seinen König verraten‹.«

»Ja. Sehr viel besser. Also, Junge. Wir sind fast da. Es bleibt dabei. Ab morgen kommst du jeden Tag und lernst mit Mortimer, wie man ein Ritter wird.«

Robin hatte gehofft, er habe es vergessen. Er dachte einen Moment nach und fragte dann: »Ihr laßt ihn hier ausbilden?«

»Ja.«

Sehr merkwürdig, fand Robin. Sein Bruder Guillaume hatte als Knappe an den Hof des Earls of March gehen sollen. Es war nur natürlich, daß ein junger Mann an einem fremden Hof zum Ritter ausgebildet wurde.

Geoffrey seufzte fast unvernehmlich. »Ich kann ihn nicht wegschicken. Er ist … ein schwieriger Junge. Und seine Mutter, weißt du, sie hat furchtbar gelitten, als die anderen beiden starben. Mortimer ist ihr ein und alles. Sie würde es nicht verkraften, wenn er jetzt schon fortginge.«

Ein schwieriger Junge, dachte Robin grimmig. Das kann man wohl sagen. Und ein Muttersöhnchen.

Geoffrey blickte ihn forschend an. »Er war im Gestüt, nicht wahr? Ich hab’ gemerkt, daß ihr euch schon kanntet. Hat er sich schlecht benommen? Ärger gemacht?«

»Nein, Mylord. Keineswegs«, log Robin, ohne zu zögern. Er gedachte nicht, Mortimers Warnung in den Wind zu schlagen.

»Dann ist es ja gut. Ich dachte nur. Er ist manchmal ein bißchen hochfahrend. Na ja, er ist erst zwölf. Wie alt bist du?«

»Zwölf, Mylord. Dreizehn im Januar.«

Geoffrey schüttelte langsam den Kopf. »Er ist nicht wie du. Er ist noch ein Kind. Ich bin sicher, deine Gesellschaft wird ihm guttun. Also dann. Morgen nachmittag, Robert. Zwei Stunden.«

»Oh, das ist unmöglich, Mylord!«

»Es ist meine Bedingung.«

»Eine Stunde.«

»Schön, eine Stunde. Fürs erste. Und du willst wirklich bei diesem Gesindel bleiben?«

»Sie sind kein Gesindel. Ja, ich will dort bleiben.«

Geoffrey zog ratlos die Schultern hoch. »Also bitte. Wenn deine Seligkeit davon abhängt … Du könntest bei uns leben, weißt du.«

»Danke, das ist sehr großzügig. Aber damit stünde mein Weg fest. Dann müßte ich Soldat werden.«

Geoffrey nickte unwillig. »Und gibt es gar nichts, was ich für dich tun kann? Brauchst du warme Kleidung? Irgend etwas?«

Robin zögerte.

»Rede schon, Robert. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich dir einen Wunsch erfüllen könnte. Was ist es? Ein vernünftiger Mantel?«

»O nein, der Mantel ist gut genug. Aber da ist etwas anderes. Nur … Ich weiß nicht, ob es nicht vermessen ist.«

»Laß es mich hören, ich sage dir dann Bescheid«, schlug Geoffrey lächelnd vor.

»Ich müßte einen Brief schreiben. Nach Chester.«

»Was hast du vor? Willst du Prinz Edward schreiben und dich beschweren? Das ist keine kluge Idee. Und er ist jetzt nicht in Chester.«

»Nein, das war nicht meine Absicht.«

»Also, wen hast du in Chester?«

»Eine Schwester. Sie ist im Kloster. Ich würde ihr gern schreiben und fragen, ob sie nach Hause kommen will. Würdet Ihr …«

»Einen Boten mit deinem Brief schicken, der sie gleich mitbringt, wenn sie will?«

Robin senkte den Kopf und nickte.

»Das ist wohl kaum zuviel verlangt. Sie ist schließlich alles, was du noch an Familie hast, nicht wahr? Komm mit zurück zur Burg. Constantin soll dir Pergament und Tinte geben. Du kannst deinen Brief gleich schreiben. Und der Bote wird sich heute noch auf den Weg machen.«

Doch er hörte viele Wochen nichts von Agnes. Der Aufbruch des Boten verzögerte sich, und es war eine weite Reise bis nach Chester an der walisischen Grenze. Anfang Dezember setzten heftige Schneefälle ein, und Robin vermutete, daß die Straßen weiter nördlich nur schwer oder gar nicht passierbar waren. Es blieb ihm nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen.

Unterdessen rückte Weihnachten näher. Das Gestüt mit all seinen Höfen, Wiesen, Scheunen und Ställen lag unter einer weißen Schneedecke. Trotzdem ging die Arbeit weiter wie gewöhnlich. Die Zweijährigen machten gute Fortschritte. Das mochte ein Grund sein oder das nahende Friedensfest, jedenfalls war Stephen besserer Stimmung als gewöhnlich und machte den Jungen das Leben nicht so schwer wie sonst.

Robin war froh. Er hatte auch so genug Ärger. Jeden Tag nach dem Mittagessen machte er sich unter den spöttischen Bemerkungen der anderen auf den Weg zur Burg, und jeden Tag ging er mit Bauchschmerzen dorthin. So auch am Tag vor dem Heiligen Abend.

Wütend über seine Feigheit stapfte er durch den tiefen Schnee, der die Weiden und Felder in ein welliges, weißes Meer verwandelt hatte.

Nicht, daß ihm die Übungen mit dem Schwert nicht gefielen, im Gegenteil. Sie machten ihm eigentlich sogar Freude. Nachdem er sich einmal an das mächtige Gewicht der Waffe gewöhnt hatte, lernte er schnell, damit umzugehen. Er war ja kein völliger Anfänger. Bis er ins Kloster gekommen war, hatte er jeden Tag den Männern seines Vaters bei ihren Waffenübungen zugesehen, und er und Raymond waren mit kleinen, stumpfen Schwertern aufeinander losgegangen und hatten sich heldenhafte Zweikämpfe geliefert. Das war nicht der Grund seiner Bauchschmerzen. Der Grund war Mortimer.

Robin war einen guten Kopf größer als er und wesentlich kräftiger. Seine schwere Arbeit hatte ihm eine nahezu unerschöpfliche Ausdauer beschert. Seine Hände waren groß und hart, er bekam keine Blasen von dem stählernen Schwertgriff. Mortimer dagegen war schmal gebaut und nicht sehr sportlich. Seine Schmächtigkeit und sein kleinerer Wuchs hätten ihm den Vorteil von Schnelligkeit und Wendigkeit geben sollen, aber so war es nicht. Mortimer entwickelte keinerlei Finesse im Zweikampf. Er ermüdete leicht und verlor schnell die Lust. Er war Robin hoffnungslos unterlegen, und er haßte ihn dafür.

Ihr Lehrer war ein alter Veteran, der bei der Schlacht von Poitiers den Schildarm verloren hatte. Sein Name war Philip. Er stand seit über zwanzig Jahren in Geoffreys Diensten und war seinem Hause ganz und gar ergeben. Er vergötterte Mortimer und teilte seine Aversion gegen Robin.

Er und Mortimer kamen zusammen in den großen Innenhof. Robin wartete schon auf sie, wie meistens. Er kam nie zu spät. Er vermied alles, was Philip Grund zu Klagen liefern konnte. Der alte Haudegen trug wie immer eine leichte Rüstung, der Stumpf seines linken Arms ragte grotesk aus seinem Kettenhemd hervor. Er winkte einem Pagen, der ihre Waffen herbeibrachte. Eigentlich die Arbeit eines Knappen, dachte Robin, aber hier gab es keine. Offenbar hatte niemand seinen Sohn hierhergeschickt, um ihn in Geoffreys Haushalt ausbilden zu lassen. Robin hatte so eine Ahnung, woran das lag.

Er nahm dem Diener Schwert und Schild ab und wandte sich wartend zu Mortimer um, der immer erst lange an seinen feinen Kleidern herumzupfte, bis er die Waffen aufnahm.

Robin überließ den ersten Angriff stets Mortimer. Er vermied es, unnötige Aggression zu zeigen. Mortimer holte weit aus und preschte vor. Robin hob seinen Schild an und fing den Hieb ohne jede Mühe ab. Mortimer schlug immer nur mit seinem Arm. Es gelang ihm nie, das Gewicht seines Körpers mit einzubringen. Deshalb waren seine Schwerthiebe in der Regel recht sanft. Robin wartete, bis er sicher war, daß Mortimer seinen Schild in Position hatte, dann erwiderte er den Schlag. Es war wie die Schaukämpfe, die die Ritter bei den Turnieren vor König Edwards Zeit veranstaltet hatten. Wie einstudiert. Robin konzentrierte sich mehr darauf, seine Überlegenheit zu verbergen, als auf den Kampf an sich.

Philip unterbrach sie ungeduldig. »Das ist ja nicht mit anzusehen, Robert! In einer Schlacht wärst du längst tot. Das ist kein Tanz, bei dem man sich langsam im Kreise dreht und sich gegenseitig mit der Schwertspitze auf den Schild klopft. Das ist Kriegshandwerk! Ernst, verstehst du!«

Robin seufzte. »Ja, Sir.«

»Das hoffe ich. Also, noch einmal.«

Robin zeigte mehr Elan. Er parierte Mortimers Schwerthiebe, und ihre Klingen kreuzten sich klirrend. Für einen Moment standen sie ganz nah, Auge in Auge, dann drängte Mortimer ihn mit einem heftigen Stoß zurück und griff an, ehe Robin das Gleichgewicht wiedererlangt hatte. Aber er war bereit. Er hob seinen Schild und holte gleichzeitig wieder aus. Mit einem spröden, klirrenden Laut barst die Klinge, und Robin hielt nur noch das Heft in der Hand.

Für einen Moment betrachtete er es verblüfft und wandte sich dann an Philip. »Das tut mir leid. Ich …«

Im Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr und riß instinktiv den Schild hoch. Mortimers Schwert krachte darauf nieder. Soviel unerwartete Kraft lag in dem Schlag, daß Robins Schildarm erzitterte und er einen Schritt rückwärts taumelte. Ungläubig sah er, daß Mortimer seine Waffe wieder hob. Robin machte einen weiteren Schritt nach hinten, und der Schlag ging ins Leere. Mortimer folgte ihm.

»Sir Mortimer …«, tadelte Philip nachsichtig. »Es ist genug. Er ist unbewaffnet, das ist gegen die Regeln.«

Gott sei Dank, dachte Robin. Ich hatte gedacht, der alte Griesgram würde nur zusehen. Erleichtert ließ er den Schild sinken.

Als er den Schlag kommen sah, war es zu spät, ihn wieder zu heben. Er machte einen Satz zur Seite, und so brachte Mortimer ihm nur eine klaffende Wunde bei, statt seinen Arm oberhalb des Ellenbogens abzutrennen. Dennoch verlor Robin von der Wucht das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. Staunend betrachtete er das Blut, das sich aus der Wunde über seinen Ärmel ergoß.

Und dann setzte Mortimer ihm die Schwertspitze an die Kehle.

Robin sah ungläubig zu ihm hoch. Er rührte sich nicht, denn der kalte Stahl drückte gegen seinen Hals. Mortimer wirkte erstaunlich groß aus dieser Perspektive.

Er lächelte strahlend auf ihn herab. »Was heißt, es ist gegen die Regel, Philip? Im Krieg gibt es keine Regeln, oder?«

Philip stand wie angewurzelt. Robin konnte im Augenwinkel seine Stiefel sehen. »Tretet zurück, Sir Mortimer«, bat er nervös. »Laßt ihn aufstehen. Er ist verwundet. Das muß verbunden werden …«

Mortimer schien ihn nicht zu hören. Er sah Robin unverwandt an. Seine grauen Augen leuchteten schwärmerisch. »Ich könnte dich töten.«

Er wird es nicht tun, dachte Robin atemlos. Das kann er einfach nicht tun. So verrückt ist er nun auch wieder nicht.

»Na los, bitte um dein Leben.«

Robin öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus.

Mortimer stellte einen Fuß auf seine Schulter, nahm das Schwert von seiner Kehle weg und ließ die Spitze einmal kurz kreisen. Über Robins Herz brachte er sie zum Stillstand und setzte sie behutsam auf. »Komm schon. Ich habe dich besiegt, und du mußt um Gnade bitten, wenn du dein Leben behalten willst.«

Robin schloß die Augen. Er betete. Laß es ihn nicht tun, Gott. Ich weiß, ich bin ein sündiger Taugenichts, Bruder Anthony hatte ja so recht, aber laß es ihn trotzdem nicht tun, Gott. Und mach, daß ich mir nicht in die Hosen pinkele …

Mortimer verstärkte den Druck der Schwertspitze leicht. Robin biß die Zähne zusammen und betete inbrünstiger.

Dann spürte er eine Bewegung neben sich, und der Druck verschwand von seiner Brust. Er schlug die Augen auf. Philip stand über ihm. Er hatte Mortimers Schwertarm am Ellenbogen zurückgezogen und hielt ihn fest. »Jetzt ist es aber genug, Sir Mortimer«, sagte er bestimmt. »Das ist unfein.«

Mortimer lächelte spitzbübisch, als sei alles nur ein ausgelassener Jungenstreich gewesen. Er trat einen Schritt beiseite und befreite seinen Arm. »Warum so ernst, Philip?«

Philip sah ihn unsicher an. »Nun ja, Ihr habt es sicher nicht böse gemeint. Aber damit macht man keine Späße.«

Mortimer lächelte immer noch. Seine hellgrauen ...

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