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Das Kupferversprechen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. ERSTER TEIL
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. ZWEITER TEIL
  21. 13
  22. 14
  23. 15
  24. 16
  25. 17
  26. 18
  27. 19
  28. 20
  29. 21
  30. 22
  31. 23
  32. 24
  33. 25
  34. 26
  35. 27
  36. 28
  37. 29
  38. 30
  39. 31
  40. 32
  41. 33
  42. 34
  43. 35
  44. 36
  45. 37
  46. 38
  47. 39
  48. DRITTER TEIL
  49. 40
  50. 41
  51. 42
  52. 43
  53. 44
  54. 45
  55. 46
  56. 47
  57. 48
  58. 49
  59. 50
  60. 51
  61. 52
  62. 53
  63. 54
  64. 55
  65. 56
  66. 57
  67. 58
  68. VIERTER TEIL
  69. 59
  70. 60
  71. 61
  72. 62
  73. 63
  74. 64
  75. 65
  76. 66
  77. 67
  78. 68
  79. 69
  80. 70
  81. 71
  82. 72
  83. 73
  84. 74
  85. 75
  86. 76
  87. 77
  88. 78
  89. 79
  90. 80
  91. 81
  92. 82
  93. 83
  94. 84
  95. Danksagung

Über dieses Buch

Wydrin von Kreuzhafen ist berühmt als findige Diebin und berüchtigt für ein Mundwerk, dass so spitz ist wie die Klingen ihrer Schwerter. Außerdem kennt sie sämtliche Gerüchte über die Katakomben unterhalb der Zitadelle im Herzen von Creos. All das Gerede über hinterhältige Magie, verschollene Zauberer, uralte Götter und unermesslichen Reichtum.

Wydrins Neugierde ist sofort geweckt, als ein ungewöhnlicher Mann erscheint, der Söldner sucht, um in die Zitadelle einzudringen und ihr ihre Geheimnisse zu entlocken. Wydrin und ihr Kumpane Sebastian hoffen als Lohn nicht nur auf jede Menge Gold, sondern auch auf Geschichten, mit denen sie in den Tavernen der Stadt prahlen können.

Aber wonach ihr mysteriöser Auftraggeber in den unterirdischen Tunneln tatsächlich sucht, verschweigt er den beiden. Wydrin und Sebastian erkennen die Gefahr erst, als sie unmittelbar vor ihnen steht. Und sie haben bereits etwas erweckt, das besser niemals das Licht der Sonne erblickt hätte.

Über die Autorin

Jen Williams lebt mit ihrem Partner und ihrer Katze in London. Sie war schon immer von Piraten und Drachen fasziniert und schreibt über sie, seit sie denken kann. Mittlerweile lebt sie ihre Leidenschaft in rasanten Fantasy- und Sword-and-Sorcery-Romanen aus, in denen es nicht nur die bereits erwähnten Piraten und Drachen gibt, sondern auch jede Menge Magie und stets ein kleines Augenzwinkern. Bei den British Fantasy Awards war sie 2015 als Best Newcomer nominiert. »Von Göttern und Drachen« ist ihr Debüt.

JEN WILLIAMS

DAS
KUPFER-
VERSPRECHEN

VON GÖTTERN UND DRACHEN

Aus dem Englischen von
Falko Löffler

 

Mit Liebe für
Sidney und Phyllis Fulker

ERSTER TEIL

Der Geist der Zitadelle

1

Alle anderen Zellen im Kerker stanken nach Angst, diese aber nicht. Der letzte noch lebende Sohn von Lord Frith war einfach zu stolz, um Angst zu empfinden. Selbst jetzt noch, da der Gelbäugige Rin seine Werkzeuge auf der blutbefleckten Bank ausbreitete und nacheinander jede Klinge im Licht der Fackel drehte, lag in den Augen des jungen Mannes, der auf dem Steinboden kniete, nichts als Wut.

Das Blut auf der Bank ist das seines Vaters. Wie auch das seines Bruders, dachte Lady Bethan. Und bald vermischt es sich mit seinem, aber er wird sich uns bis zum Ende widersetzen. Sturer Bastard.

Die Kerker der Feste von Dunkelforst waren eng und voller Schatten, weswegen Bethan näher bei dem Gelbäugigen Rin stehen musste, als ihr lieb war. Er war eine schmierige Warze von einem Mann. Glänzende Fleischbeulen ragten aus seiner Lederkluft, und glatte graue Haarsträhnen hingen von seinem knolligen Kopf. Den Namen hatte er von seinen immerzu wässrigen Augen, in denen kein Mitleid mit seinen Opfern stand. Rin mochte ein widerwärtiger Anblick sein, doch für Bethan war seine Fähigkeit, mit wenigen präzisen Schnitten für unerträglichen Schmerz zu sorgen, unerlässlich.

Mit dem jungen Aaron Frith sah es anders aus, trotz der rauen Behandlung, die sie ihm hatten zuteilwerden lassen. Mit dem markanten Kiefer und den grauen Augen, die alle Friths hatten, seiner gebräunten Haut und dem modisch geschnittenen, langen dunklen Haar sah er wirklich gut aus. Bethan wusste schöne Dinge zu schätzen. Sie hatte angeordnet, dass die besten Gemälde der Burg von den Wänden genommen und in Kisten gepackt werden sollten, damit sie diese später durchsehen konnte. Es schmerzte sie gewaltig, dass sie diese warme Haut verletzen musste – diese hübschen Augen. Im ersten Handgemenge hatte Frith einen Schlag auf die Schläfe abbekommen, und das getrocknete Blut ließ sein Haar an einer Kopfseite seltsam abstehen. Und der Gelbäugige Rin würde natürlich alles noch schlimmer machen. Was für eine Verschwendung. Aber er musste bald reden. Noch ein weiterer Tag ohne Antworten, und Fane käme vielleicht persönlich nach Dunkelforst – und darauf war niemand erpicht.

»Möchtet Ihr noch etwas sagen, Aaron, bevor es blutig wird? Oder soll ich Euch nun lieber Lord Frith nennen? Schließlich ist Euer Vater gestern hier gestorben.«

Aaron Frith sackte ein wenig tiefer in die Knie und wandte den Blick von ihr ab. Einen Wimpernschlag lang empfand sie Mitleid mit ihm, doch das Gefühl hielt nicht an. Der schwarze Samt und die Seide, die er bei der Eroberung der Feste getragen hatte, waren nun zwar verdreckt und zerrissen, aber dieser Mann hier war in ein privilegiertes Leben hineingeboren worden. Eine Silberbrosche in der Form eines Baums war immer noch an seine Brust geheftet. Kleine Saphirstücke in den Zweigen konnten Blätter oder Sterne darstellen. Es war eine gute Arbeit, und Bethan nahm sich vor, die Brosche in ihrer Tasche landen zu lassen, wenn sich dieses dreckige Geschäft dem Ende zuneigte.

Er sah zu ihr auf, und seine Augen waren trocken.

»Ich habe Abschaum aus Istria nichts zu sagen.«

Bethan seufzte und blickte sich in der kümmerlichen Zelle um. Die Fackeln ließen die Ecken nur noch dunkler erscheinen.

»Möchtet Ihr hier sterben, Lord Frith? Wofür? Ein paar Juwelen, ein wenig Gold? Reichtum, den Ihr wahrscheinlich sowieso niemals ausgeben können werdet?«

Frith schwieg. Bethan fühlte, wie sie ungeduldig wurde.

»Wir wissen, dass sich die Schatzkammer irgendwo im Wald befindet, Frith. Alle wissen das. Irgendwann entdecken wir sie, aber es wäre mir lieber, wenn Ihr es mir erzählt. So ist alles schneller vorbei.«

Zu ihrer Überraschung lächelte Frith. »Glaubt Ihr etwa, Ihr findet auf einem Pergament notiert, wie die Schatzkammer zu finden ist, vielleicht als Fußnote im Vermächtnis meines Vaters? Ihr scheint nicht zu verstehen, was ein Geheimnis ist.«

»Dann sagt Ihr es mir. Ihr seid der Letzte. Vielleicht lasse ich Euch sogar am Leben. Die Istrianer waren schon immer vom Adelsstand ihrer Nachbarn fasziniert und würden gut zahlen, um dich angaffen zu können.« Sie versuchte, vernünftig zu klingen. »Nun sage es mir, Aaron Frith, und ich schwöre, dass es für dich besser ausgeht. Du hast nichts davon, die gleiche Sturheit an den Tag zu legen, die schon den Rest deiner Familie in den Tod getrieben hat.«

»Tristan war neun Jahre alt. Er war nicht stur, er hatte Todesangst.«

Bethan näherte sich dem Gefangenen einen Schritt. Sie fühlte, wie sie errötete, und das verärgerte sie.

»Ihr wollt Euer Leben hier beenden, im Kerker Eurer eigenen Burg? Die Familiengeschichte der Frith umspannt Hunderte von Jahren, und nun wollt Ihr, dass alle in namenlosen Gräbern in Eurem eigenen verfluchten Wald enden?«

Zur Antwort spuckte Aaron Frith auf ihren Stiefel.

»Genug geredet«, sagte Rin mit einem Rachen voller Schleim. Er nahm eine bösartig funkelnde Klinge, kaum länger als Bethans kleiner Finger. »Wollen wir mal sehen, welche Farbe das Blut des jungen Lords hat. Ich habe gehört, es ist schwarz wie ihre Bäume, aber bei allen anderen war es bislang rot. Sehr enttäuschend …«

Bethan schüttelte die Spucke von ihrem Stiefel.

»Fang an.«

Bethan überließ Rin seiner Arbeit – letztlich konnte sie das alles auch nur bis zu einem gewissen Maß ertragen – und strich durch die Burg, um nach ihren Leuten zu sehen und sich zu erkundigen, ob sie etwas in den Dokumenten des alten Lord Frith gefunden hatten. Die Bediensteten waren im Hauptsaal versammelt worden, und Carlson, ihr Offizier, hatte versucht, die Information aus ihnen rauszuprügeln, doch niemand von ihnen wusste etwas.

Die Sache mit der Schatzkammer war verzwickt. Die Familie Frith war nicht nur für ihren Reichtum bekannt, sondern auch für ihren Verfolgungswahn. Vor vielen Generationen hatte der damalige Lord, ein gewisser Erasmus Frith, den Bau einer großen Schatzkammer mitten in Dunkelforst befohlen. Jeden Tag waren die Arbeiter mit verbundenen Augen zur Baustelle geführt worden, und jederzeit war ein Mitglied der Frith-Familie anwesend, um die Umsetzung zu überwachen. Hunderte von Jahren später war nur noch sicher, dass sich die Kammer irgendwo im Dunkelforst befand, diesem weitläufigen und labyrinthischen Wald. Dort lag das gesamte Vermögen der Frith-Familie und wartete auf jemanden, der es sich unter den Nagel riss …

Viele Stunden später kehrte Bethan in den Kerker zurück. Als sie sich der Zelle näherte, lauschte sie, ob sie die Geräusche hörte, die Männer am Ende ihrer Kraft von sich gaben, doch die Steinwände waren still.

»Bitte sag mir, dass du Antworten hast, Rin.«

Der Folterer wischte seine Hände an einem blutigen Tuch ab und zog eine Grimasse.

»Dieser Junge ist ein so großer Idiot, wie es die anderen waren.«

Aaron Frith war an die Bank gefesselt. Seine Hände steckten in Eisenmanschetten. Die teuren Kleider aus Samt und Seide hatte Rin schon lange entfernt, sodass er dort zitternd in Unterwäsche hing. Eine Seite seines Gesichts war blutverschmiert, und auch eine Hand war bis zum Gelenk voller Rot. Auf seiner Brust prangten Brandspuren, und Bethan roch den süßlichen Geruch von versengtem Fleisch in der Luft.

»Ich habe die üblichen Dinge ausprobiert. Glühender Schürhaken, Nadeln unter die Fingernägel – als das nicht funktioniert hat, habe ich sie einfach ausgerissen –, dazu noch ein paar Schnitte hier und da. Hab ihm eins seiner Ohren abgenommen und dachte, dann gibt er auf, aber jetzt scheint er mich zu ignorieren. Soll ich eins seiner Augen rausholen?«

Bethan sah den jungen Lord genau an. Seine Augen waren geschlossen, er atmete flach und schnell. Er wirkte, als würde ihn hohes Fieber plagen, aber sie war sicher, dass er sie trotzdem hören konnte.

»Einen Augenblick.«

Sie trat an die Bank und griff nach Friths Kinn, drehte seinen Kopf zu ihr. Eines seiner Augenlider flatterte, das andere war mit Blut verkrustet.

»Vergiss deinen Stolz, Lord Frith. Sag mir, wo die Schatzkammer liegt.«

Kurz war der Blick in dem offenen Auge verwirrt, als wüsste er nicht, wo er sich befand. Dann nahm er sie wahr, und sie sah den Hass.

»Der Dunkelforst wird dein Blut trinken, Gewöhnliche

Bethan nahm ihre Hand zurück.

»In deinem wertvollen Wald liegt irgendwo ein Grab, und es wird nicht für mich sein.« Sie wandte sich an den Folterer. »Der Hammer scheint mir angemessen. Ich will, dass ihm die Beine gebrochen werden.«

2

»Wir schreiten hier vorsichtig aus, Meister.«

Gallo blickte von der Karte auf. Sein Führer strich mit den Fingerspitzen über die roten Granitwände, schnupperte und schaute finster drein, als wäre er in etwas Unschönes getreten.

»Wirklich? Hier ist nichts eingezeichnet.« Gallo wedelte mit der Karte in seine Richtung. »Und ich würde es wirklich bevorzugen, wenn du mich nicht Meister nennen würdest, Chednit. Ich bin dein Auftraggeber, nicht dein Gebieter. Wir sind sozusagen Partner!«

Chednit blickte ihn mit seinen nicht zusammenpassenden Augen an. Eines war so braun wie eine Nuss und misstrauisch zusammengekniffen, das andere war künstlich – eine grüne Jadekugel mit einer eingeritzten silbernen Pupille, die sich in der Augenhöhle drehte.

»Du vertraust der Karte?«

»Wir haben sonst nichts, an das wir uns halten könnten. Außerdem habe ich sie ja nicht einem der grinsenden Scharlatane abgekauft, die wir in der Stadt gesehen haben. Sicher steht irgendwo in Krete ein kleines Haus, in dem Hunderte ausgehungerter Kinder Karten der Zitadelle fälschen. Die hier stammt aus den Ruinen eines Tempels in Relios und wurde direkt unter den Augen der Plappernden Männer gestohlen.« Gallo schwieg, um seine Worte wirken zu lassen, denn auf diese Leistung war er immer noch stolz.

»Wie Ihr meint, Meister.«

Gallo warf einen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er konnte noch die letzten Sonnenstrahlen über der Wüste sehen, die den entfernten Durchgang wie ein Fenster voll Gold erscheinen ließen. Sie waren vorsichtig eine Steintreppe heruntergekommen, hatten jeden Schritt in ängstlicher Erwartung von Fallen, Schlangen und Skorpionen gemacht. Es hieß, dass die verwünschte Zitadelle tausend Möglichkeiten beherbergte, wie man zu Tode kommen konnte, eine schrecklicher als die andere. Vor ihnen befand sich eine Kammer aus grauem Stein. Es war etwas kälter, als sie erwartet hatten, aber bislang war ihnen nichts Schlimmes widerfahren. Weiter vorne befanden sich drei in Dunkelheit gehüllte Durchgänge.

»Wovor hast du Angst?«

Sein Führer schaute zu ihm und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich höre was. Immer wieder ertönt ein Rumpeln, ein Seufzen.«

»Wirklich?« Gallo verharrte reglos und lauschte, hörte aber nur das Rauschen des Winds, der weit über ihnen durch das Tor blies, und das Geräusch seines eigenen Atems. So hoch über Krete war es nicht einmal möglich, etwas aus der Stadt zu hören, denn die alten Steine ließen kein Geräusch durchdringen. Unvermittelt lachte er auf und schlug Chednit herzlich auf den Rücken. Der Führer zuckte zusammen.

»Schau uns an! Wir sind gerade mal ins erste Geschoss der Zitadelle gekommen und erschrecken uns jetzt schon bei jedem Geräusch, sind nervös wie Mäuse. Gehen wir weiter.« Gallo sah auf die Karte und nickte zu dem Durchgang hinten rechts. »Wir nehmen den.«

»Wie Ihr meint, Meister.«

In der nächsten Kammer stießen sie auf eine schmale Treppe, die nach unten führte. Das Licht von Chednits Fackel erleuchtete nur die ersten Stufen, die weiteren wurden von der Dunkelheit verschlungen.

»Wir sollten noch eine Fackel entzünden, Meister.«

»Ich habe lieber die Hände frei.« Gallo tätschelte die Schwertscheide an seiner Hüfte.

»Mir gefällt das nicht.« Chednit sah in die Dunkelheit, und sein ledriges altes Gesicht lag in tausend kleinen Falten. Das Licht der Fackel tanzte auf seinem Jadeauge, und es glühte in der Dunkelheit, als wäre es das einer Katze. »Wir hätten auf Euren Freund warten sollen. Noch ein Schwert, ja, das wäre weise gewesen. Wir können noch zurückgehen und in Krete auf ihn warten.«

Ungeduldig schüttelte Gallo den Kopf.

»Ich könnte mein ganzes Leben damit verschwenden, auf Sebastian zu warten, während die Zitadelle hier mit all ihren unentdeckten Geheimnissen steht. Außerdem haben wir die Wachen längst bestochen.« Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da wäre sein Freund der Erste gewesen, der die Stufen in die Zitadelle hinabstieg, mit einem wilden Glühen in den Augen und seinem Schwert in der Hand, aber inzwischen wartete er lieber ab und, schlimmer noch, redete von Ehre. Einem echten Abenteurer drehte sich da der Magen um. »Schau, wenn du dich dann besser fühlst, schreitet meine Klinge voran.« Er zog sein Schwert und schenkte Chednit ein besonders beruhigendes Lächeln. »Bleib dicht hinter mir. Wir brauchen alles Licht, das deine Fackel verströmt.«

Sie stiegen die Treppe hinab. Gallo ging voraus, Chednit folgte ihm, hielt dabei die Fackel hoch über dem Kopf. Der Durchgang war schmal, die Stufen uneben. Gallo strich mit der freien Hand über die Steine, und an seinen Fingerspitzen blieb etwas grüner Schleim zurück. Vor ihnen erstreckte sich Dunkelheit, so tief und allumfassend, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Als wäre sie ein festes Gebilde, und er müsste fürchten, gegen sie zu prallen, wenn er zu schnell lief. Ihre Schritte wurden als seltsame Echos zurückgeworfen, als würden sie sich erst entfernen und dann erst schneller, dann langsamer zurückzukehren. Nach ein paar weiteren Schritten knackten seine Ohren.

»Dies ist fürwahr ein dunkler Ort«, sagte Gallo. Er wollte sprechen, um diese beunruhigenden Echos zu übertönen, aber seine Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren angestrengt und schwächlich. »Sebastian würde das überhaupt nicht gefallen. Er hat lieber endlosen Himmel und seine Berge um sich.«

»Wie Ihr meint, Meister.« Chednit klang, als wären Sebastians Berge für ihn so spannend wie der Hintern eines Esels, und Gallo konnte es ihm nicht übel nehmen. Aber er konnte auch nicht mit dem Reden aufhören.

»Kennst du Ynnsmouth, Chednit? Ein seltsamer Ort. Dort verehren sie ihre Berge als Götter, und es gibt geheime Schreine, die nur die Ritter von Ynnsmouth finden können. Sebastian hat mir versprochen, mich zu einem zu bringen, obwohl das verboten ist.«

Plötzlich war Gallo von der Gewissheit erfüllt, dass er niemals den Schrein in den Bergen sehen würde – ja sogar, dass er niemals wieder Tageslicht erblicken würde. Dieser Gedanke lähmte seine Zunge und zog seinen ganzen Brustkorb auf nie erlebte Weise zusammen. Er räusperte sich, sagte aber nichts weiter. Schweigend gingen sie weiter.

Immer tiefer stiegen sie hinab, ohne dass sich die Beschaffenheit der Treppe oder der Wände änderten. Sie gingen so lange, dass Gallo sich zu fragen begann, ob das eine der sagenumwobenen Fallen der Zitadelle sein könnte … eine, die so raffiniert und einfach war, dass man jahrelang immer weiterlief, bis man irgendwann alt und tattrig war. Gallo war stolz auf den Zustand seines Körpers – als er die Karte von den Plappernden Männern gestohlen hatte, war er von ihnen fortgelaufen und dabei kaum ins Schwitzen geraten –, aber nun sammelte sich der Schweiß an seinen Brauen, und seine Beine schmerzten.

Ein leises Rascheln über ihm ließ ihn stehen bleiben. Es erinnerte ihn an das Geräusch, das die Seile verursachten, wenn am Hafen ein Schiff ablegte – ein Rupfen und Schleifen über gesplittertes Holz. Er schaute hoch, aber Chednits Fackel warf nur einen schwachen Schein an die Decke.

»Was war das?«, fragte er, und kurzzeitig war die Neugier stärker als seine Angst. »Kannst du etwas sehen?«

Eine Bewegung war zu erahnen, gefolgt von einem markerschütternden Schrei hinter ihm. Gallo wirbelte herum und konnte gerade noch sehen, wie Chednits Beine in der Höhe verschwanden, als sein Körper zur dunklen Decke hochgerissen wurde. Wie die meisten Männer, die ihr Schwert gegen Bezahlung schwangen, war Gallo flink wie eine Katze. Seine Hand schoss vor und packte den Stiefel des Führers.

»Helft mir! Helft mir!«, rief Chednit aus. Die Fackel fiel auf die Treppe, und Rauch stob auf. Was auch immer ihn gepackt hatte, war erschreckend stark. Gallo zerrte an Chednits Stiefel, doch der Zug zur Decke wurde nur stärker, sodass er fast mit seinem unglückseligen Führer in die Höhe stieg. Er wollte sein Schwert fallen lassen, um mit beiden Händen zuzupacken, doch seine Hand weigerte sich.

»Chednit!«

Mit einem Mal war der Stiefel verschwunden, und Chednit verschmolz mit einer dunklen Nische in der Decke. Gallo hob sein Schwert, als sein Führer aus der Dunkelheit aufschrie, wieder und wieder. Sanfter, warmer Nieselregen tropfte auf sein nach oben gerichtetes Gesicht, und etwas Kleines, Rundes fiel an seiner Nase vorbei, landete klirrend auf den Steinstufen und verschwand in der Schwärze unter ihm. Im flackernden Licht von Chednits Fackel hatte er es nur kurz sehen können, aber er hatte das Jadeauge mit der silbernen Pupille erkannt, das nun am Boden der endlosen Stufen landen würde.

Das Ganze hatte nicht mehr als ein paar Herzschläge gedauert. Gallo nahm die Fackel und blies sie an, um das Feuer wieder zu entfachen, bemerkte erst jetzt das klebrige Blut daran. Als das Licht wieder heller war, hob er sie über den Kopf, befürchtete halb, Chednits grinsende Leiche flach an der Decke zu sehen, mit Löchern in seinem Gesicht, da, wo die Augen sein sollten … doch da war nichts. Dort waren nur die gleichen grauen Steine mit dem grünen Schleim, und von seinem Führer gab es keine Spur. Gallo schluckte schwer und verstärkte den Griff um das Schwert.

»Dieser Ort ist verflucht«, entfuhr es ihm. Als sein Schreck nachließ, wurde er von schwarzem Zorn erfüllt. Wie konnte es jemand wagen, seinen Führer zu töten? Es war unannehmbar, dass er einen solchen Verlust schon zu Beginn seines Abenteuers erleiden sollte. Sebastian würde unausstehlich sein. »Wie widerwärtig es ist, von oben einen unbewaffneten Mann anzugreifen.«

»Möchtest du mir lieber von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten, junger Krieger?«

Die Stimme war so dicht hinter ihm, dass der warme Atem Gallos Nacken kitzelte. Er wirbelte herum, reckte das Schwert vor, aber was er auf der Treppe der Zitadelle erblickte, benötigte nur ein leises Lächeln, um seine Arme jeder Kraft zu berauben.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte es mit einem Anflug von leidgeprüftem Humor. »Niemand will das jemals.«

3

»Du bist eine dreckige Betrügerin! Alle wissen es! Und es sagt auch jeder!«

Wydrin zog die letzte Karte über den Tisch zu sich und sah sich schnell um, wer in der überfüllten Taverne lauschen könnte. Gute Gerüchte, böse Gerüchte, sie waren ihr alle gleich. Leider herrschte an einem frühen Sommerabend in der Schicksalshand-Taverne immer Hochbetrieb, und leider kümmerte sich kaum jemand um einen Streit beim Kartenspiel. Zumindest nicht, bevor Blut fließt, dachte sie.

»Hast du schon wieder die Regeln vergessen, Sammy?« Sie lächelte ihn an, und war erfreut, dass sein Gesicht dunkelrot anlief. »Ich kann sie dir gern wieder erklären, aber unterm Strich, tja, hast du verloren. Ohne irgendwelche Tricks. Die Kupferkatze spielt sauber. Zumindest bei Kartenspielen.«

»Ich will mein Geld zurück.« Sam Larken schlug mit der Faust auf den Tisch, wodurch die Münzstapel zersprangen. »Du gibst es mir sofort wieder, du lügende kleine Diebin.«

Wydrin lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und strich über die beiden Dolche an ihrem Gürtel.

»Diebin also? Willst du das mit meinen Krallen hier besprechen?«

Nun zögerte Sam Larken kurz, und auch das gefiel Wydrin. Er war also doch kein unverbesserlicher Narr.

»Ich will nur, was mir gehört, mehr nicht, sonst erzähle ich herum –«

Wydrin zog den Dolch schneller, als er folgen konnte, und drehte mit der Spitze sehr langsam eine der Karten um. Es war die Acht der Kelche.

»Was willst du rumerzählen?«

»Äh …«

Auf einmal senkte sich ein Schatten auf sie. Wydrin sah hoch zu einem großen, breitschultrigen Mann, dessen lange schwarze Haare zu einem Zopf geflochten waren und der ein riesiges Breitschwert auf dem Rücken trug. Er hielt in jeder Hand einen Krug und warf Wydrin einen gequälten Blick zu, bevor er sich an Sam wandte.

»Ich hab’s dir schon gesagt, Sam. Wenn du unbedingt weiter mit ihr Karten spielen willst, darfst du dich nicht beschweren, wenn du dein ganzes Geld verlierst. Ratten lernen ja schneller als du.«

Sam trat ungelenk vom Tisch zurück, stieß dabei fast den Stuhl um. Sein Blick war auf das Schwert geheftet. »Na gut.« Er blickte Wydrin mit Augen voller Gift an. »In diesem Drecksloch von einer Stadt kann man nirgendwo ein ehrliches Spiel finden.«

Wydrin verfolgte, wie er in der Menge untertauchte. Sie winkte ihm kurz hinterher.

»Also wirklich, Sebastian«, sagte sie, als der große Mann sich hinsetzte und die Krüge vorsichtig weitab der Karten hinstellte. »Diesmal habe ich nicht mal betrogen. Kaum hatte er einigermaßen brauchbare Karten, stand das quer über sein dämliches Gesicht geschrieben.«

Sebastian drehte seinen Stuhl und sah hinter sich zur Tür. Er war ein großer Mann, muskulös und stark, aber sein Gesicht mit der langen Nase und den blauen Augen, für das Wydrin ihn gern aufzog, war freundlich. Kein furchteinflößender Ritter hätte solch hübsche Augen, sagte sie immer.

»Es wäre hilfreich, wenn du keine Schlägerei beginnst, während wir auf einen möglichen neuen Kunden warten.«

Wydrin verdrehte die Augen und nahm einen Schluck Ale. Es war warm und schmeckte nach Hafer. Für Krete gar nicht schlecht.

»Was ist mit dir los? Du schaust drein, als hätte dir jemand ins Bier gepinkelt.«

Sebastian seufzte und packte seinen Krug. »Dieser Auftrag. Ich bin mir nicht sicher, ob das klug ist. Nach allem, was passiert ist, sollten wir vorsichtiger sein.«

»Du hast das so gewollt, Sebastian.« Wydrin führte ihren Dolch zurück in die Scheide und senkte die Stimme. »Wir können ihn auf diese Weise finden. Gallo war ein Idiot, aber wir sind das nicht. Uns passiert nichts.« Als sie den Ausdruck in seinem Gesicht sah, veränderte sie ihren Ton. »Außerdem wird jeder, der dumm genug ist, die Zitadelle erforschen zu wollen, viel dafür bezahlen. Wir werden den Rest des Jahres ausgesorgt haben. Keine Aufträge mehr von leidigen, kleinen Händlern, die ihre jämmerlichen Wagen beschützt haben wollen.« Sie schnaubte. »Außerdem wollte ich mir neue Lederrüstung anschaffen. Rot vielleicht, damit es zu meinem Haar passt.«

Darüber musste Sebastian lachen, denn ihr Haar war kurz, ungepflegt und grellrot.

Schließlich sagte er: »Das stimmt wohl. Wir müssen ihm folgen, und dieser Weg ist so gut wie jeder andere. Allein können wir nicht mal die Wachen bestechen.«

»Was ist das überhaupt für ein Kunde?«, fragte Wydrin. »Ich bin gespannt, was für ein Narr darauf brennt, eine so berüchtigte Todesfalle zu erkunden.« Sie räusperte sich. »Außer Gallo natürlich.«

»Irgendein Lord.« Sebastian nahm einen Schluck Ale und zuckte mit den Schultern.

»Ein Lord! Dann dürfte er einen gut gefüllten Säckel haben.«

Wydrins Blick blieb an einer dürren Gestalt hängen, die sich durch das Gedränge in der Taverne schob. Der Mann stützte sich auf einen Stock und hatte einen weißen Haarschopf, aber als er näher kam, erkannte sie, dass er erstaunlich jung war, sicher nicht älter als sie. Auf einer Wange zeichnete sich eine fahle Narbe ab, und er sah die anderen Gäste düster an, als habe ihn jeder hier persönlich beleidigt.

Wydrin blickte zu Sebastian und nickte in Richtung des Neuankömmlings. Manchmal würden sie die Augen nach leichten Zielen offenhalten, Männer oder Frauen, die eine Nacht in einer Stadt wie Krete kaum überleben würden und Schutz brauchten. So ließ sich leicht etwas Geld verdienen.

Sebastian sah dorthin und setzte sich auf. »Bei Isu, ich glaube, das ist er.«

Wydrin zog die Augenbrauen hoch. »Hast du nicht gesagt, er sei ein Lord?«

Als der weißhaarige Mann zu ihnen trat, bemühte er sich, nicht zu sehr zu humpeln. Er hatte einen schweren schwarzen Mantel übergeworfen, der kaum verbergen konnte, wie ausgemergelt er war.

»Mein Lord?«

Der Mann beäugte sie, und die Abneigung zog seine Mundwinkel herunter. »Ihr seid Sir Sebastian Carverson, der Ritter von Ynnsmouth? Und … die Kupferkatze von Kreuzhafen?«

»Das sind wir, mein Lord.« Sebastian wies zum Stuhl, und der Mann ließ sich nieder.

»Ich bin die Kupferkatze.« Wydrin streckte die Hand über dem Tisch aus, und als er keine Anstalten machte, sie zu ergreifen, packte sie stattdessen den Krug. »Aber Ihr könnt mich einfach Wydrin nennen. Das mit der Kupferkatze, tja, das ist vielleicht mein Erkennungszeichen, aber es dauert den halben Tag, alles auszusprechen.«

»Uns ist gesagt worden, dass Ihr eine Reise plant, bei der Ihr ein paar starke Schwertarme benötigt.« Sebastian gab dem Wirt das Zeichen, dass sie Nachschub brauchten.

»Es ist eine Reise, ja, aber sie führt nicht weit. Ich muss in die Zitadelle gelangen, um die unteren Stockwerke zu erforschen.« Der weißhaarige Mann lehnte seinen Gehstock an den Tisch. »Es gibt viele Geschichten über die Zitadelle und was sich in ihr befindet. Ich schätze, ihr habt sie gehört?«

Sebastian nickte. »Legenden, ja, jeder kennt sie. Sogar in Ynnsmouth erzählen die alten Frauen die Geschichten von den Magiern der Zitadelle, die vor langer Zeit gelebt haben.«

Neugierig beugte sich Wydrin vor. »Ich habe gehört, dass es einen Raum gibt, der bis zur Decke voller Goldmünzen und Juwelen aus ganz Eda gefüllt ist, und dass sie dort ein Schwert hatten, das in der Nähe von Dämonen gesungen hat, und dass es eine Rüstung gibt, die eine Geisterarmee beschwören kann.«

Sebastian schaute zu seiner Kollegin, bevor er sich wieder an ihren Kunden wandte. »Ich fürchte, dass dies nur Geschichten sind, mein Lord.«

»In jedem Gerücht steckt ein Körnchen Wahrheit. Der Rat von Krete hat eine Wache am einzigen Eingang postiert, aber die habe ich schon bestochen. Ich interessiere mich nur für das Innere der Zitadelle.« Der weißhaarige Mann holte tief Luft. »Es heißt, da drinnen sei es ein Labyrinth.«

»Und da könnten wir Euch vielleicht behilflich sein.« Sebastian griff an seinen Gürtel und zog ein Pergament hervor, auf das Quadrate und Kreise in Tinte eingezeichnet waren. »Mein Freund hatte eine Karte der Zitadelle, und ich habe einen Teil davon als Kopie. Damit können wir zumindest einen Teil des Wegs zurücklegen.«

»Wo ist dein Freund jetzt?«, fragte der weißhaarige Mann.

Sebastian runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht. Er ist … ohne uns losgezogen.«

»Dann vermutest du, dass er tot ist?«

Sebastian sah auf seinen Krug hinab. »Er ist nicht so leicht um die Ecke zu bekommen«, sagte er schließlich. »Vielleicht ist er immer noch da drin unterwegs und erkundet die unteren Stockwerke … oder vielleicht ist er im Schutze der Nacht wieder herausgekommen und ist über sein Scheitern zu beschämt, um mir unter die Augen zu treten. Wenn wir in die Zitadelle gelangen und ihn finden, haben wir die gesamte Karte in den Händen.«

Der weißhaarige Mann beugte sich vor, um einen Blick auf das Pergament zu werfen, und als sein Haar herabfiel, sah Wydrin da, wo das Ohr sein sollte, eine verknotete Narbe. Es war abgeschnitten worden, und nicht gerade mit Sorgfalt.

»Es ist ein Anfang.« Er lehnte sich wieder zurück und sah die beiden an. Wydrin mochte die Abschätzigkeit in seinem Blick nicht. »Wenn ich euch anheuere, möchte ich euch erst ein paar Fragen stellen.«

»Ihr müsst nur wissen, dass wir die Besten sind«, erwiderte Wydrin schulterzuckend.

Der weißhaarige Mann zog die Augenbraue hoch, als wollte er andeuten, dass er davon noch überzeugt werden musste, dann wandte er sich an Sebastian. »Warum hast du die Ritter von Ynnsmouth verlassen?«

»Wer sagt, dass ich sie verlassen habe?« Zorn flackerte in Sebastians Stimme auf. »Ich trage immer noch das Zeichen von Isu.« Er deutete auf ein Wappen, das an der Schulter auf seinen Mantel genäht war. Darauf war mit silbernem Faden der Umriss einer Bergkette vor einem roten, stürmischen Himmel eingestickt. Darunter befanden sich Buchstaben, die Wydrin nicht lesen konnte, aber von denen Sebastian ihr gesagt hatte, dass sie »Isu« bedeuteten. »Mein Schwert ist an der Quelle der Gottesberge gesegnet worden.«

»Jeder Mann, mit dem ich gesprochen habe, hat mir berichtet, dass du für ein nicht näher genanntes Verbrechen verstoßen worden bist. Alle schwören, dass das stimmt, aber niemand weiß, was genau du getan hast. Ich werde nicht mit einem Mann auf diese Reise gehen, dessen Vergehen ich nicht beurteilen kann. Bis zu einem gewissen Grad muss ich euch beiden vertrauen können.« Der weißhaarige Mann warf Wydrin einen Blick zu. »Und soweit ich weiß, erledigen die Ritter von Ynnsmouth eigentlich nicht die Arbeit von Söldnern.«

Sebastian schürzte die Lippen und sah auf sein Ale hinunter, als wäre es sauer geworden. In die Stille trat der Wirt, der drei frische Krüge brachte. Sebastian wartete, bis er gegangen war, um wieder das Wort zu ergreifen.

»Der Orden der Ritter von Ynnsmouth hat weise gehandelt, mich ins Exil zu schicken. Ich werde die Gründe nicht ausführen, Euch aber sagen, dass ich meine Taten nicht für ein Verbrechen halte und dass Ihr ganz sicher nicht in Gefahr seid.«

Wydrin lachte auf. »Sagen wir einfach, dass seine Vorstellung von Bruderschaft nicht der seiner Vorgesetzten entsprochen hat.«

Sebastian warf ihr einen düsteren Blick zu und wandte sich dann wieder an ihren Kunden. »Ihr habt recht, mein Lord, die Plünderung von Tempeln ist nicht gerade ein ritterliches Unterfangen, aber ein Mann, der mit dem Schwert umzugehen weiß, muss auch irgendwie überleben.« Seine Lippen formten die Andeutung eines verbitterten Lächelns.

»Ich habe allerdings auch eine Frage.« Wydrin nahm einen Schluck Ale und rülpste vernehmlich in ihre Hand. »Ihr habt vor, mit uns in die Tiefen der Zitadelle zu steigen?«

»Natürlich. Es ist unabdinglich, dass ich mitkomme. Dort sind bestimmte Objekte … bestimmtes Wissen, dessen ich habhaft werden muss.«

»Die Zitadelle zu erforschen, wird sicher gefährlich und anstrengend, selbst wenn wir in den dunklen Tiefen nicht auf unangenehme Überraschungen stoßen.« Sie drehte ein paar weitere beliebige Karten um: das Ass der Stäbe, die Kristallkugel, den Bären. »Wir müssen schnell und stark sein. Und Ihr scheint nicht schnell zu sein – oder stark.«

Der weißhaarige Mann blickte einen Augenblick lang mit verhärteten Gesichtszügen auf den Tisch.

»Du kennst mich nicht, Wydrin von Kreuzhafen, sonst würdest du nicht solche Aussagen treffen. Ich bin Lord Frith von Dunkelforst, und Friths lassen sich nicht einfach zur Seite schieben.« Wieder war da dieser Blick, als wäre er von einem Zorn erfüllt, den er kaum im Zaum halten konnte. »Ich bin stärker, als ich aussehe.«

Wydrin zuckte mit den Schultern. »Gut. Dann kommen wir zu meinem Lieblingsthema, unserem Lohn.«

Lord Frith sah Sebastian an und dann wieder sie. »Ich habe schon mit eurem Kontakt darüber gesprochen, und wir haben uns auf eine Summe geeinigt. Ich weiß nicht, was weiter zu verhandeln wäre.«

»Oh, ich weiß nicht … ich verhandle am liebsten selbst.« Wydrin zwinkerte Frith zu. »Was fällt an? Ausgaben, Gefahrenzulage, etwas Personenschutz, schätze ich. Gehen wir nur zum Spaß noch mal alle Details durch, ja?«

Dann folgte eine langwierige Diskussion über die Höhe ihres Lohns, die Lord Frith weitere achthundert Goldstücke abrang und Sebastian zwei weitere Runden Ale bestellen ließ. Als sich alle einige waren, lehnte sich Wydrin auf ihrem Stuhl zurück und war zufrieden. Ein interessanter Auftrag für eine gewaltige Menge Münzen, und ein neuer Bekannter, mit dem man feilschen konnte.

»Also ist alles geregelt. Wir brechen morgen früh auf. Betrachtet unsere Schwerter als in Euren Diensten stehend. Und ein Kupferversprechen sollte immer mit einem Trinkspruch besiegelt werden.« Wydrin hob ihren Krug. »Auf die Plünderung der Zitadelle!«

Sebastian und Frith hoben widerwillig ihre eigenen Krüge, und sie rammte ihren gegen beide, wobei sie einiges auf Lord Friths bestickten Ärmelaufschlag verschütte.

»Wir werden so viele Geschichten erzählen können.«

4

»Krete ist weniger Stadt als vielmehr ein Infekt«, murmelte Frith, als er durch die bevölkerten Gassen humpelte. Die Zitadelle war die Pustel in der Mitte, erhob sich im Herzen der Stadt und jenseits der Mauern hoch über die Wüste. Die Häuser, Tavernen und Märkte, die Bordelle und Lagerhäuser und Spielhöllen, die in der Stadt wucherten, waren Zeichen seiner fiebrigen Seuche. Selbst im Licht des frühen Morgens war es schon zu heiß, und die Sonne hing am blassen Himmel wie eine glühende Scheibe.

»Ein grässlicher Ort.« Er humpelte um einen Marktstand herum, an dem gebratene Vögel auf Stöcken verkauft wurden. Die bunten Schwanzfedern hingen noch an ihnen. »So viele Leute, so wenig Platz. Und alle stinken

»Meint Ihr?« Die Söldnerin namens Wydrin schritt voran. »Es riecht nicht halb so schlimm wie in Kreuzhafen. Wo ich herkomme, würde dies als ein besonders wohlriechender Tag gelten.«

Frith schaute düster drein. »Das kann ich mir vorstellen.«

Er hatte auf seiner langen und schmerzvollen Reise von Litvania viele Geschichten gehört. Die Kupferkatze von Kreuzhafen, so hieß es, war eine furchtlose Schwertkämpferin mit flammend roten Haaren, einem Paar Silberdolchen an den Hüften und einem Wagemut, der fast so groß war wie ihre Liebe zu Männern und Gold. Man sagte, dass man in Kreuzhafen keine gefährlichere Klinge anheuern konnte, und wenn man bedachte, was für einen Ruf die Söldner und Tagediebe dort hatten, klang das recht beeindruckend. Ihr Partner, so hieß es weiter, war eine kaltblütige Tötungsmaschine, erfüllt vom Zorn seiner eiskalten Berggötter, und er besaß so viel Wärme und Gnade wie die gefährlichen Gipfel.

Frith hatte sich eine große, wohlgeformte Frau vorgestellt, mit blutrotem Haar, das bis zur Hüfte hing, einem Paar grüner Augen, so verspielt und verschlagen wie das einer Katze, und einer Rüstung, die wenig verhüllte. In Wirklichkeit war die Kupferkatze eine junge Frau mittlerer Größe mit kurzem, möhrenfarbenem Haar, Sommersprossen auf der Nase und einer Rüstung aus gehärtetem Leder. Während er sie beobachtete, blieb sie stehen, um einen Klumpen von etwas, das man nicht näher benennen sollte, von einem ihrer Stiefel zu treten. Sie wurden dadurch aber auch nicht vorzeigbarer.

Der Ritter von Ynnsmouth machte wenigstens äußerlich was her. Auch an einem so warmen Tag trug er die traditionelle Rüstung seines Ordens, eine Mischung aus gehärtetem schwarzem Leder, einem filigranen Kettenpanzer und einer silbernen Brustplatte. Die anderen Leute schienen ihm unbewusst aus dem Weg zu gehen, wie ein Bach, der einen Stein umfließt. Außer seiner Größe und dem riesigen Breitschwert auf seinem Rücken wies nichts darauf hin, dass es sich bei ihm um einen Barbaren handelte. Seine Gesichtszüge waren scharf, der Bart gestutzt, die Augen klar und blau.

»Habt Ihr schon einmal die Ozeanglasstraße gesehen, mein Lord?«, fragte Sebastian.

»Das habe ich nicht. Ich bin aus dem Norden nach Krete gekommen und habe Creos durchquert.« Er öffnete den Mund, um mehr zu berichten, überlegte es sich dann aber anders. »Es war eine unbequeme Reise.«

»Sie ist wirklich sehenswert. Eines der Wunder von Eda.«

»Ich bin nicht wegen der Sehenswürdigkeiten hier.«

Frith vermutete, dass sie ein schönerer Anblick war als die Straßen von Krete. Beiderseits standen hölzerne Wirtshäuser, aus denen heißer Dunst den Geruch von abgestandenem Bier und kalter Kotze heraustrug. Metzger schleuderten Innereien auf die Straße, sodass ein Rudel wilder Hunde von einem Geschäft zum nächsten zog und nur innehielt, wenn sie um die besten Stücke kämpften, während Dirnen in den Fenstern hingen, mit ihren teigigen Brüsten auf den Fensterbänken, und den Männern in der Gasse etwas zuriefen. Langsam schoben sich Ochsen durch die Straßen, zogen Wagen, auf denen die Erzeugnisse geladen waren, die aus dem fernen Onwai und der Insel Kreuzhafen durch die Wüste hergebracht worden waren, während Händler zwischen ihnen herumliefen und Geschäfte abschlossen. Männer und Frauen riefen sich etwas zu, Kinder brüllten und kreischten, und über allem brannte die Wüstensonne, machte alles glühend heiß und seltsam fiebrig.

Sie näherten sich der Innenstadt. Die Häuser wurden immer baufälliger, die Leute immer ärmer. Die Zitadelle erhob sich auf einem Hügel in der Mitte, und in ihrer Nähe hausten die Verarmten und Verzweifelten. Obwohl sie seit Jahrhunderten still dastand, wollte niemand in ihrer Nähe leben, wenn es sich vermeiden ließ. In stillen Nächten, so hieß es, hörte man den Ruf der Geister.

Frith konnte sich kaum vorstellen, dass man hier eine ruhige Nacht haben konnte.

»Seht, mein Lord.«

Frith blickte in die Richtung, in die der Ritter wies. Zwischen zwei Lagerhäusern, von denen eines vor Kurzem gebrannt haben musste, entdeckte er einen breiten Streifen von etwas Blaugrünem, auf dem das helle Sonnenlicht tanzte. Es war wirklich, als näherte man sich mitten in der Stadt dem Ozean. Bei diesem Anblick beschleunigte sich sein Herzschlag, und er zwang sich, schneller zu gehen. Der Pfad der Götter.

»Gut, beeilen wir uns. Ich habe genug von dieser schwärenden Stadt.«

Als sie am Rand ankamen, musste Frith jedoch eine Pause einlegen. Die Ozeanglasstraße erstreckte sich durch Krete wie ein gefrorener Fluss. Ihre Oberfläche war verzogen und glänzend, und es war ein packender Anblick. Wellenförmig waberte die Hitze darauf, und wenn man es schaffte, lange genug draufzuschauen, konnte man ihrem Verlauf bis zur Zitadelle folgen, deren rote Steine und schwarze Schatten sich unter der gnadenlosen Sonne erhoben.

Frith griff an sich hinab und massierte sein steifes Bein. Es schmerzte von dem langen Marsch durch die Stadt.

Wydrin trat an seine Seite und legte die Hände an die Hüften. Auch sie sah zur verwunschenen Zitadelle hoch und nickte, als wäre alles genau so, wie sie erwartet hatte.

»Wie steht es, Prinzlein? Wettrennen bis zur Spitze?«

Wydrin ging voran. Sebastian und Frith folgten ihr, und Letzterer schritt auf der rutschigen Oberfläche unter seinen Füßen vorsichtig drein. Unbehagen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Nach einigen Augenblicken hielt Wydrin inne und wartete auf die beiden.

Zu Friths Bedauern war die Ozeanglasstraße der einzige Weg zur Zitadelle. Die vier eisernen Tore in den roten Steinwänden waren vor langer Zeit zugeschmiedet worden, um die Schaulustigen und Raffgierigen fernzuhalten, während sich die Ozeanglasstraße vom Creosmeer erhob und über den Strand bis hinauf zu den Mauern der Zitadelle führte, wo ein Teil eingestürzt war. Sie war einzigartig. Zehn große Karren konnten nebeneinander auf ihr fahren, so breit war sie, sofern die Pferde es schafften, auf der buckligen, glänzenden Oberfläche zu laufen. Die meisten mochten es nicht, genauso wenig wie Frith. Außerdem war der Weg steil, sodass selbst Wydrin in ihren festen Lederstiefeln nur langsam vorankam. Das Glas unter ihren Füßen war ein tiefes Grün, wie der Ozean, nach dem die Straße benannt war, und die Morgensonne erzeugte strahlend helle Pfützen weiter vorn.

»Wer hat dieses seltsame Ding hier gebaut?«

»Du meinst, du weißt das nicht?«, fragte Frith.

»Ich habe es ihr erzählt«, sagte Sebastian in überdrüssigem Ton. »Aber sie hört ja nicht zu.«

»Blödsinn«, gab sie fröhlich zurück. Sebastian erzählte immerzu von irgendeinem geschichtlichen Ereignis. Wie sollte sie wissen, was davon wert war, in Erinnerung behalten zu werden? »So eine Straße hast du nie erwähnt. Das schwöre ich bei meinen Krallen.« Sie tätschelte die Dolche an ihren Hüften.

»Dann bleib stehen und hör zu.«

Sie legten eine Pause ein. Krete erhob sich beiderseits der Ozeanglasstraße, wie die Anleger eines Hafens an einem Fluss, und hier und da hatte man versucht, einen Laden direkt an der buckligen Oberfläche zu eröffnen, aber hier lief nicht viel. Ein paar Händler hatten sie schon überholt – Männer, die rotes Fleisch auf Stöcken verkauften oder Gläser mit kalter Würzmilch –, aber die Verkäufer wirkten erschöpft. An den Hängen nah an der Zitadelle versuchte niemand, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dort war man zu nah an den Wachen und den Geistern. Die Straße selbst erstreckte sich viel weiter, führte aus der Stadt heraus und wurde in der Ferne zu einem grünen Faden. Am Horizont war das saphirblaue Band des Creosmeers auszumachen.

»Das ist ein verdammt langes Ding«, sagte sie und hob die Hand über die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen. Sie konnten immer noch den Rauch riechen, der von der Stadt unter ihnen aufstieg, gemischt mit den Gerüchen süßer Gewürze von den Fleischern und einem Hauch Salz, der vom Meer herüberwehte.

»Der Weg wird nicht kürzer, wenn wir hier rumstehen«, sagte Frith. Er trug einen schwarzen Waffenrock aus Wolle, einen schwarzen Umhang, und seine Stiefel waren durch das viele Reisen grau geworden. Schwer stützte er sich auf seinen Stock und wirkte in der Hitze alles andere als zufrieden. Sebastian, der mit Büchern und Erzählungen aufgewachsen war, hatte diesen Blick, der verriet, dass er gleich eine Geschichte erzählen wollte. Er wies zum Anfang der Ozeanglasstraße, der in weiter Ferne lag.

»Vor Tausenden von Jahren war das alles nur Sand. Doch dann erhob sich ein Krieg zwischen den Göttern und den Magiern, der drohte, alles Leben in Eda auszulöschen. In ihrer Verzweiflung versammelten sich die größten Magier ihrer Zeit, brachten ihre mächtigsten Waffen mit, ihre geheimnisvollen und gefährlichen Artefakte, und bauten eine Zitadelle, um sie zu beschützen. Als die Götter davon erfuhren, dass so eine Ansammlung von Macht in einer Zitadelle der Menschen versteckt war, rauschten sie über das Creosmeer heran und zerwühlten dabei das Land unter sich, sodass es schmolz und zu Glas wurde. Aber es war eine Falle. Sobald sie in der Zitadelle waren, gelangten sie nicht mehr heraus, und so fand der Krieg ein Ende.«

»Und alle Artefakte blieben dort. All die alten Siegel der Macht«, vervollständigte Frith. »Ja, das ist eine nette Geschichte.«

Wydrin zuckte mit den Schultern. Die Ozeanglasstraße war sicher eindrucksvoll, vielleicht eine außergewöhnliche Laune der Natur.

»In Kreuzhafen bevorzugen wir Geschichten über Piraten und Meeresnymphen, oder über die Salzgeister und die Grazien. Meistens geht es darum, dass ein Salzgeist für einen Tag zu einem Menschen wird und dann irgendeine Fischfrau schwängert. Solche Geschichten halt. Meistens sind noch ein oder zwei Lieder im Mittelteil.«

Sebastian seufzte.

»Vielleicht gehen wir einfach weiter?«

Es war ein harter Anstieg, und oben sahen sie sich den genauso harten Gesichtszügen der Wachen gegenüber. Vier von ihnen patrouillierten auf den Resten der äußeren Mauer, wo die Ozeanglasstraße endete. Hinter ihnen erhoben sich die inneren Mauern der Zitadelle, und darüber thronte das runde Hauptgebäude. Alles bestand aus den dunkelroten Steinen. Die Zitadelle war weitläufig und ziemlich beeindruckend, aber nicht gewaltig genug, um ein Gefängnis von Göttern zu sein, dachte Wydrin. Der erste Wächter trat an sie heran, ein großer schlanker Mann mit einem gepflegten grauen Bart und dunklen Ringen unter den Augen. Er hielt einen Speer in der Hand, richtete ihn aber nicht auf die Neuankömmlinge. Wydrin dachte, dass sich das schnell ändern konnte. Die drei anderen Wächter behielten von ihren Stellungen auf der Mauer aus alles im Blick. Zwei waren Männer mittleren Alters, der andere ein jüngerer Kerl, dessen Augenbrauen unter dem Halbhelm versteckt waren. Wydrin vermutete, dass er den Posten nicht länger als einen Monat innehaben konnte.

»Haben wir uns verlaufen?«, rief Graubart. In seinem Mundwinkel lag ein Lächeln angedeutet. »Die Tavernen und Bordelle liegen in dieser Richtung.«

Sie blieben vor ihm stehen.

»Zweifellos kennt Ihr die besten Bettenhäuser, Großvater«, sagte Wydrin und schenkte ihm ihr fröhlichstes Grinsen. »Sagt mir, geben sie Männern im fortgeschrittenen Alter einen Nachlass?«

Graubarts spöttisches Lächeln verblasste ein wenig. »Sag du es mir. Gibst du Rabatt, kleines Freudenmädchen?«

Sebastian räusperte sich. »Ich möchte mich für meine Kollegin entschuldigen«, sagte er. »Wir sind eigentlich in einer geschäftlichen Angelegenheit hier.«

Die drei anderen Wächter kamen neugierig näher. Wydrin vermutete, dass Eindringlinge normalerweise schnell mit den Speeren verjagt wurden.

»Was für ein Geschäft könnte das wohl sein? Nur die Toten haben etwas in der Zitadelle verloren, und dafür seht ihr mir noch etwas zu lebendig aus.« Er sah Frith an und zuckte mit den Schultern. »Von diesem Krüppel vielleicht abgesehen.«

Der weißhaarige Mann verengte die Augen zu Schlitzen und erwiderte sichtlich gereizt: »Ich bin Lord Aaron Frith von Dunkelforst. Ich habe mit dem Rat von Krete gesprochen und mich auf einen … Preis geeinigt. Ihr solltet darüber in Kenntnis gesetzt worden sein.«

Graubart stützte sich auf seinen Speer und strich sich über das Kinn. Dabei blickte er demonstrativ in die Ferne, als suchte er am Horizont nach etwas, das nur er kannte. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Das kann ich nicht behaupten.«

Innerlich seufzte Wydrin. Sie ertrug keine Leute, die nicht einmal vernünftig lügen konnten.

Frith humpelte nach vorne, wobei sein Gehstock auf dem Glas schlidderte. »Ich sage dir, Wächter« – dieses Wort spuckte er regelrecht aus – »dass wir Bestechungsgeld bezahlt haben. Nun tritt zur Seite.«

Die drei anderen Wächter standen nun direkt hinter Graubart. Wydrin sah dem nervösen jungen Kerl in die Augen und zwinkerte ihm zu. Kurz wirkte er erschrocken und schaute schnell weg.

»Nun, vielleicht wurde Bestechungsgeld bezahlt«, sagte Graubart langsam. »Vielleicht stimmt das, aber vielleicht an jemanden, der nicht ich bin. Vielleicht ist das euer Problem.«

»Was?«

Sebastian drehte die Handflächen zum Himmel. »Ich bin sicher, dass wir zu einer Einigung kommen. Schließlich sind wir Abenteurer und könnten -«

»Ich gebe diesem Kerl keine einzige Münze«, entfuhr Frith. »Er ist ein Geier, der am Kadaver eines anderen Geschäfts reißt.«

»Nun denn.« Wydrin zog ihre Dolche heraus und ließ das Licht der Morgensonne auf den Silberklingen tanzen. Dem jungen Kerl sprangen fast die Augen aus den Höhlen, aber seine beiden Kameraden zogen nun ihre eigenen Waffen, zwei gekerbte Kurzschwerter. Wydrin grinste sie bei diesem Anblick an. »Ich habe doch gleich gesagt, dass wir das so machen, oder? Es ist viel einfacher, sie direkt umzubringen.«

Sebastian seufzte. »Das hast du nicht gesagt. Du hast gesagt, wenn wir das täten -«

»Hab’s mir anders überlegt. Heute Morgen war noch nicht viel los, und ich langweile mich schnell. Du, Frischling. Willst du zuerst sterben?« Sie hob einen ihrer Dolche und zeigte ihn dem jüngsten Wächter. »Der hier heißt Frostling, der andere Asche.«

»Das ist die Kupferkatze«, stieß er aus. »Sie wird uns alle töten und unsere Körper nach Kreuzhafen mitnehmen, um sie an die Grazien zu verfüttern!«

Triumphierend schenkte Wydrin Sebastian ein Lächeln.

»Du hast behauptet, das Gerücht würde keiner glauben.«

»Genug davon.« Frith humpelte nach vorne, stellte sich vor den Wächter. »Ich habe Wegzoll bezahlt, und nicht wenig. Jetzt tritt zur Seite.«

Wydrin wog die Dolche in den Händen und behielt Frith genau im Blick. Er rührte sich nicht, seine Augen strahlten Härte aus, und in seinem Gesicht stand keinerlei Angst. Graubart allerdings war von Friths Aufplustern nicht sonderlich beeindruckt und senkte die Speerspitze, sodass sie auf den Bauch des Lords wies.

»Blutvergießen bringt keinem von uns etwas.« Sebastian schob sich zwischen den Wächter und Frith, und zum ersten Mal schien ihnen die Größe des Mannes bewusst zu werden – und das schimmernde Breitschwert auf seinem Rücken. »Wydrin, bitte. Fahr für den Augenblick deine Krallen ein.«

Wydrin verdrehte die Augen, tat ihm aber den Gefallen. Dann schaute Sebastian zu Graubart, bis der den Speer senkte.

»Dann geht von mir aus vorbei. Ihr haltet nicht einmal bis zum Mittag durch. Niemand kommt dort lebend raus, und das wissen alle. Ihr Abenteurer mit euren großen, strahlenden Schwertern, euren Plattenpanzern und leeren Köpfen – ihr alle sterbt irgendwo da unten im Staub.«

Wydrin ging entspannt an den Wächtern vorbei und blieb nur kurz stehen, um dem jungen Kerl eine Hand auf die Schulter zu legen. »Ich werde mich daran erinnern, wenn ich in meinem eigenen Marmorpalast in die Seidenkissen sinke. Dann werde ich sagen: Dieser hässliche Wächter hat mir gesagt, dass es so kommen würde, und ich habe nicht auf ihn gehört.« Sie zwinkerte ihm noch einmal zu, während er sie anstarrte.

Graubart spuckte in den Staub neben ihrem Stiefel.

»Vor einigen Wochen muss noch ein anderer Mann hier gewesen sein«, sagte Sebastian. »Habt Ihr ihn gesehen?«

»Ja, ich habe ihn gesehen, den jungen Idioten. Blonde Haare und mehr Messer als Verstand. Er ist nicht zurückgekehrt, und ihr werdet das auch nicht tun.« Als sie ihn einfach nur ansahen, winkte er mit dem Speer in ihre Richtung. »Also los, dann geht, lasst euch umbringen. Mir soll es gleich sein.«

5

Im Schatten der inneren Mauern liefen sie um die Ecke und damit aus dem Sichtbereich der Wächter. An einigen Stellen hatte der Wüstenwind Sandhaufen aufgetürmt. Dürre Pflanzen mit spitzen Blättern waren dort gewachsen, wo das Mauerwerk zerfallen war. Sebastian nahm die Wände in Augenschein und erinnerte sich an seinen Vater. Er hätte es als Wunder bezeichnet, dachte er. Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass ich hier und heute vor einem der größten Bauwerke der Geschichte von Eda stehe?

Sein Vater hatte sein ganzes Leben lang mit Stein gearbeitet: Er hatte sie zerbrochen, gemeißelt und geformt, um dem Felsen seinen Willen aufzuzwingen. Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn er dem Wunsch seines Vaters gefolgt und ins Familiengeschäft eingestiegen wäre. Wenn der Berg nicht zu mir gesprochen hätte, wenn die Ritter von Ynnsmouth mich nicht zu einem der ihren gemacht hätten … Er fühlte eine Mischung aus Verbitterung und Bedauern, wenn er an seine Heimat dachte … die grauen Steine seines Knappenhauses, die tückische Trainingsanlage, alles bedeckt mit Schnee. Jetzt lebe ich unabhängig, rief sich Sebastian ins Gedächtnis zurück.

Frith tauchte an seiner Seite auf und sah aus, als stünde er immer noch unter dem Eindruck der Auseinandersetzung mit den Wächtern. »Ich glaube, wir brauchen bald deine Karte«, sagte er und deutete zu den Mauern vor ihnen. »Ich will nicht ziellos rumirren.«

Vor ihnen befand sich ein verzierter Torbogen, der teilweise eingestürzt war. In den roten Stein waren Ornamente eingearbeitet, aber man konnte sie kaum noch erkennen: Helden mit Schwertern, seltsame Wesen mit mehr Zähnen als Beinen, Männer, die zur Hälfte ein Hund waren, Frauen, die zur Hälfte ein Fisch waren. Der Zahn der Zeit hatte ihre Gesichter zu ausdruckslosen Flächen abgenagt, als wollten sie ihre Umgebung nicht mehr ansehen müssen. Hinter dem Torbogen bildeten Mauern eine Art Labyrinth, durch das man zu einem runden Gebäude in der Mitte der Anlage kam. Zwischen den Mauern hatten sich einmal Gärten befunden, doch nun waren dort nur noch Dreck und Unkraut. Hier und da stand eine einsame Statue mit fehlenden Gliedmaßen.

»Das scheint unser Weg zu sein«, sagte Wydrin. Die Wüstensonne verlieh ihrem Haar die Farbe von mattem Gold. »Dann gehen wir rein, oder?«

Frith nickte und zog sich den Mantel enger um die Schultern, und trotz der Wärme des Tages lief Sebastian ein Schauder über den Rücken. An diesem Ort fühlte man sich seltsam, voller Erwartung, erfüllt von Einsamkeit, obwohl man so nah an der Stadt war. Er stellte sich vor, wie Gallo diesen Weg entlanggekommen war, gespannt auf das, was er finden würde.

Sie liefen durch den Torbogen in die Überreste der Gärten. Frith stützte sich weiter auf den Stock und entschied sich für den Weg an den niedrigen Mauern entlang, doch Wydrin kletterte über sie und hielt in einer geraden Linie auf das Herz der Zitadelle zu. Sebastian folgte Frith, denn er hatte es nicht eilig damit, eine Steindecke über seinem Kopf zu haben. Hier draußen konnte er wenigstens das schrille Geschrei der Möwen über sich und das gemächliche Summen der Wüstenbienen um sich herum hören. Als er an einem Salzrosenbusch vorbeikam, hörte er das Zischen und Gleitgeräusch einer Schlange in den unteren Ästen. Er erhaschte einen Blick auf glitzernde rote Schuppen – es war eine rubinrote Natter.

»Hier sind Schlangen, Wydrin. Halt die Augen offen, wenn du dich durchs Unterholz schlägst.«

»Ha!«, rief Wydrin aus und zog einen ihrer Dolche. »Katzen sind schneller als Schlangen.«

»Katzen haben kein Gift in ihren Krallen.«

Er schloss zu Frith auf. An der Braue des jungen Mannes zeichnete sich schon Schweiß ab, und die Mundwinkel hatte er nach unten gezogen, weil es ihm Mühe bereitete, die Geschwindigkeit beizubehalten. So wütend, dachte Sebastian. Er erinnert mich daran, wie ich vor einigen Jahren war. Aus unmittelbarer Nähe wirkte Frith zu Sebastians Erstaunen sehr jung, trotz seines schütteren, knochenweißen Haars. Er verbarg so gut wie möglich, was ihm widerfahren war, aber Sebastian hatte gute Augen, und als auf der Ozeanglasstraße der Wind die Haare des Mannes nach hinten geweht hatten, hatte er einen Blick auf das schreckliche Loch werfen können, wo einmal Lord Friths Ohr gewesen war. Ein wirklich wütender Mann.

Frith bemerkte, dass er angestarrt wurde, und blickte düster drein. Wydrin war weiter vorne und schlug mit den Dolchen aufs Unterholz ein.

»Was gibt es?«

»Nichts, mein Lord. Ich denke nur darüber nach, was uns bevorsteht.«

»Von ihr höre ich wohl kein ›mein Lord‹«, stellte er fest und nickte in Richtung der Kupferkatze.

Sebastian musste lächeln. »Das wird wohl nicht passieren.«

»Du vertraust ihr? Kann man ihr trauen?«

Sebastian sah auf zum Himmel, der immer noch ein helles, unbeflecktes Blau war. In Ynnsmouth war der Himmel oft derart blau, aber die Luft war immer frisch. Hier roch es nach einem schwärenden Misthaufen.

»In dem zerschlissenen Beutel, den sie auf dem Rücken trägt, befindet sich ein Kartenspiel«, sagte er leise. »Irgendwann wird sie Euch fragen, ob Ihr eine Runde Giftige Sally spielen wollt. Findet eine Ausrede. Sagt nicht, dass ihr die Regeln nicht kennt, denn sie wird anbieten, sie Euch beizubringen, und dann habt Ihr endgültig verloren. Aber von Kartenspielen abgesehen? Da ist sie nicht weniger vertrauenswürdig als jeder andere Söldner.«

»Das beruhigt mich ja sehr«, sagte Frith säuerlich. »Und wie ist es dazu gekommen, dass ein Ritter von Ynnsmouth zum Partner eines Kartenhais wird?«

Sebastian erinnerte sich an die chaotische Zeit, nachdem er den Orden verlassen hatte, und blickte düster drein.
»Das ist eine lange Geschichte, mein Lord, und sehr ermüdend, das kann ich Euch versichern.«

Frith warf ihm einen Blick zu, schwieg aber.

Weiter vorne stand Wydrin nun direkt an der inneren Feste und strich mit den Fingerspitzen über die roten Steine. »Sie sind kalt«, sagte sie und klang verwundert. »Komm her, fühl selbst.«

Sebastian legte die Hand an die Wand. Die Wand war kalt, gerade so, als würde die Zitadelle nicht jeden Tag in der quälenden Sonne schmoren, aber da war noch etwas … ein Zittern? Sebastian runzelte die Stirn und versuchte es einzuordnen, aber Frith trat an ihre Seite und schlug mit dem Stock an die Wand.

»Wir sind nicht hier, um die Zitadelle zu streicheln, sondern um sie zu knacken. Wo ist der nächste Eingang?«

Sebastian nahm seine Hand weg und versuchte zu ignorieren, wie die Steine ihn verwirrt hatten. Er nahm die unfertige Karte aus seinem Gürtel und faltete sie auf.

»Da ist eine Tür«, sagte er und fuhr die Linien mit einem Finger entlang. »Rechts von uns ist eine Tür. Wir müssen noch ein Stück gehen.«

Sie umrundeten die innere Feste, bis sie den Eingang entdeckt hatten. Man konnte ihn kaum verfehlen. Trümmer lagen auf ihrem Pfad, und Teile der Tür ragten wie eine Reihe schiefer Zähne aus dem Boden.

»Das ist Ebenholz«, sagte Frith und nahm die Überreste des Eingangs genau in Augenschein.

Sebastian wollte schon darauf hinweisen, dass sie nicht hier waren, um Türen zu streicheln, aber damit würde er nur Wydrin zu schlimmeren Kommentaren verführen.

»Es wächst nur in Litvania.«

»Also eine teure Tür«, sagte Wydrin. »Aber jemand hat sich nicht lange damit aufgehalten.«

»Das dürfte Gallo gewesen sein«, sagte Sebastian.

Die Tür war einmal drei Schritte hoch gewesen, aus dickem Holz mit Eisenbeschlag. Nun war sie nur noch ein Haufen teures Brennholz und verbogener Schrott. Sebastian war glücklich darüber, ein Zeichen zu finden, dass sein Freund hier durchgekommen war, aber es beunruhigte ihn auch. Jetzt gab es keine Zweifel mehr, dass Gallo hier gewesen war, und zweifellos hatte er die Zitadelle betreten. Wo war er jetzt?

Hinter der zerschmetterten Tür befanden sich ein staubiger Boden und tiefe Schatten.

»Wie ist das möglich?«, fragte Frith. Er fuhr mit seiner behandschuhten Hand über die Splitter.

»Es gibt ein schwarzes Pulver, das man in Kreuzhafen kaufen kann«, sagte Sebastian. »Mischt man es mit anderen Stoffen, wird es -«

»Explosiv, ja.« Frith nickte. »Ich weiß etwas darüber. Aber so eine Menge durch die Wüste zu transportieren … das wäre wirklich eine gefährliche Aufgabe.«

Sebastian nickte.

»Gallo ging ab und an gern ein Risiko ein. Also, geht, meine ich.«

»Also …« Wydrin schlug Frith auf die Schulter und schleuderte ihn damit fast durch den Eingang. »Gehen wir rein? Ich stehe ja gern rum und diskutiere alle möglichen Gründe aus, aber lieber weiß ich erst mal, womit wir es überhaupt zu tun haben.«

Drinnen wurde die Wüstensonne zu einem lange zurückliegenden Traum. Sebastian trug viele Lagen Kleidung: Unterwäsche, Uniformrock, Lederrüstung, Kettenhemd und darüber noch einen schweren schwarzen Mantel. Und trotzdem fühlte er eisige Kälte im Nacken, als sie über die Schwelle traten. Wydrin, die immer ein langes Hemd unter ihrer gehärteten Lederrüstung trug, schien es genauso zu gehen, denn sie schlang die Arme um ihren Körper. Der Raum, den sie betraten, war weitläufig und geräumig. In der hinteren Wand waren drei Durchgänge, jeweils mit einer hinabführenden Treppe. Reliefs waren in die Wände gearbeitet worden, und obwohl sie von Staub und Schatten bedeckt waren, erkannte Sebastian die Umrisse von Tieren und Menschen, dazu Schriftzeichen, die er nicht entziffern konnte. Staub und Sand wirbelten im Tageslicht herum, das durch die Tür hereinfiel.

»Wir könnten den rechten Durchgang nehmen«, sagte er und versuchte überzeugter zu klingen, als er war. »So müssten wir zur untersten Kammer gelangen, zu der es von hier einen Zugang gibt. Die anderen führen nur zum Stockwerk direkt unter diesem, und wenn wir den Geschichten Glauben schenken wollen, haben die Magier ihre stärksten Artefakte in den Tiefen der Zitadelle aufbewahrt.«

Frith holte eine kleine gläserne Öllampe aus seiner Gürteltasche und zündete sie vorsichtig an. Warmes oranges Licht erhellte den Steinboden.

»Die verwunschene Zitadelle erwartet uns.«

6

Sie liefen. Und liefen. Und dann liefen sie noch ein Stück weiter. Die Treppenstufen waren breit genug, dass die drei nebeneinander gehen konnten, aber Frith war meistens ein Stück vorne, gab das Tempo vor und leuchtete ihnen den Weg. Wydrin hielt hin und wieder inne, um mit der Spitze eines ihrer Dolche ein großes Kreuz in eine Wand zu ritzen, damit sie Anhaltspunkte für ihren Rückweg hatten, falls sie eilig fliehen mussten. Manchmal vollführte die Treppe einen Schlenker nach links oder rechts, und manchmal ging es ein Stück flach weiter, aber sie stiegen immer tiefer hinab.

»Also, was hofft Ihr am Fuß dieser Treppe zu finden, Prinzlein?«, fragte Wydrin, nachdem sie eine Stunde lang gelaufen waren. »Ich dachte, als Prinzlein besäße man schon genug.«

Selbst im flackernden Licht war Friths finsterer Blick zu erkennen. »Nenn mich nicht so. Kümmere dich nur darum, dass wir unser Ziel erreichen. Was ich mit dem mache, was wir vorfinden, geht dich nichts an.«

»Oh, ich weiß nicht. Ich denke, es könnte mich was angehen. Jeder weiß, dass dies ein verwunschener Ort ist. Jeder weiß, dass hier niemand lebendig rauskommt. Wir setzen uns für Euch einer beträchtlichen Gefahr aus. Daher geht es mich schon irgendwie etwas an.« Wydrin strich über die Dolche an ihrem Gürtel. »Was ist für Euch so wichtig, dass Ihr uns bezahlt, damit wir den Geistern der Zitadelle trotzen?«

Frith grummelte. »Geister, wie wahr. Das ist alles Blödsinn. Nur Geschichten von Narren, die nicht wissen, womit sie es zu tun haben. Die Magier haben nicht nur ihre Schätze zurückgelassen, und wenn Stimmen aus den Wänden zu vernehmen sind, ist das nur ein Beweis ihrer magischen Kräfte.«

Wydrin stieß ein Schnaufen aus. »Und denen seid Ihr auf der Spur, nicht wahr?«

Frith schwieg.

»Ich bin mir auch nicht ganz sicher, was stimmt«, sagte Sebastian. »Aber wenn irgendwas die Heimat von Geistern sein soll, dann sicher dieser Ort.«

Endlich am Fuß der Treppe angekommen, standen sie vor einer Tür. Als sie sich ihr näherten, bedeutete Sebastian ihnen, dass sie stehen bleiben sollten.

»Da ist ein Licht«, sagte er und kniff die Augen zusammen. »Man sieht es im Türrahmen.«

Schwaches Licht schimmerte an den Rändern der Tür. Frith legte ein Tuch über die Lampe, damit sie mehr erkennen konnten.

»Was ist das?«, fragte Wydrin.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Sebastian. Nach kurzem Zögern nahm er das Schwert von seinem Rücken. »Aber vielleicht sind wir hier nicht allein.«

Hoffentlich ist es Gallo, dachte er. Er muss es einfach sein.

Sie näherten sich der Tür. Sebastian schritt voran. Wydrin spitzte die Ohren und versuchte anhand der Geräusche zu erahnen, was sich im nächsten Raum befand. Sebastian drehte sich zu ihr und nickte. Sie erwiderte das Nicken und legte eine Hand auf den Dolch. Sebastian würde zuerst reingehen. Es war schwierig, ihn bei seiner Größe und mit den breiten Schultern zu übersehen, und während mögliche Angreifer sich auf das Breitschwert in seinen Händen konzentrierten, würde sie hinter ihm reinschlüpfen – klein, dünn, harmlos. Viele Leute bemerkten ihre Dolche erst, wenn sie schon bis zum Griff in ihrem Hals steckten.

Sebastian stieß die Tür auf, trat hindurch und gab einen überraschten Schrei von sich. Wydrin stürmte hinter ihm rein, beide Dolche in der Hand, und blieb abrupt stehen, als sie sah, worauf sie gestoßen waren. Sie bemerkte, dass Frith dicht hinter sie trat.

»Bei allen Göttern … wer sind die?«, fragte Frith voller Verwunderung.

Sie standen in einem Raum, der ganz anders war als die bisherigen. Die Wände bestanden aus braunem Marmor, und an der hohen Decke hingen gelbe Lampen, die weiches Licht auf viele Reihen seltsamer Glasbehälter warfen. Sie waren ein Stück in die Erde abgesenkt, und in jedem befand sich eine kleine, blasse Gestalt, kaum größer als ein Kind. Der Raum war lang gezogen, und darin mussten etwa fünfzig der Glasbehälter stehen. Es roch stark nach unterschiedlichen Substanzen, und das erinnerte Wydrin an die Apotheke, in die ihr Vater sie manchmal geschickt hatte.

»Sind die tot?« Wer auch immer sie waren, Wydrin gefiel das alles nicht.

Sebastian trat an einen der Behälter, kniete sich hin und nahm das Wesen darin genau in Augenschein.

»Ich weiß nicht, was sie sind«, sagte er schließlich. »Sieh dir ihre Gesichter an, sie wirken … irgendwie unfertig. Alle sehen gleich aus.«

Wydrin stellte sich neben ihn. Die Gestalt war so blass, dass sie fast durchsichtig wirkte, und die Haut ihrer glatten Wangen war so dünn und brüchig, dass man das dunkle Fleisch darunter erahnen konnte. Auf dem Kopf war kein Haar, keine Augenbrauen, keinerlei Makel, und statt in Kleider war sie in etwas gehüllt, das aussah wie weiche, weiße Verbände, von den Händen bis hinab zu den Füßen. Wydrin schaute genauer hin. Es sah aus, als wäre etwas auf die Verbände geschrieben gewesen, aber die Tinte war mit der Zeit zu einem blassen, unleserlichen Gelb geworden. Die Gestalt war reglos.

Frith klopfte mit seinem Stock gegen das Glas, und Wydrin zuckte zusammen, als fürchtete sie, dass sie aufwachen könnte.

»Ein Geheimnis«, sagte er. »Wer sind die? Ein Überbleibsel der Magier?«

»Wir sind Soldaten in einem andauernden Krieg.«

Die Stimme hallte von der hinteren Wand herüber. Im Durchgang stand eine Gestalt, die genauso aussah wie die Kreaturen in den Behältern. Sie alle schauten hin, und die Gestalt kam eilig in ihre Richtung, wobei ihre weichen Füße auf dem dreckigen Boden kaum ein Geräusch verursachten.

Wydrin hob ihre Klingen. »Nicht so schnell, kleiner Mann.«

Die Kreatur wurde nicht langsamer und blieb erst an der anderen Seite des Glasbehälters stehen. Die Augen des Mannes waren wie schwarze Seen voll mandelfarbener Tinte. Er schaute zu seinem Bruder in dem Behälter, dann nickte er, als wäre er zufrieden, und sah zu dem Trio der überraschten Abenteurer herüber.

»Geht jetzt. Siegel wurden zerbrochen. Wir können die Grenze nicht mehr halten.«

»Was bist du?«, forderte Frith zu wissen. »Wer glaubst du zu sein, dass du uns bedrohen könntest?«

Ein weiterer der blassen Kindsmänner erschien aus der hinteren Tür, dann noch einer. Auch sie traten zügig und geräuschlos in den Raum.

»Man kennt mich unter dem Namen Inkberrow. Dies sind meine Brüder Yarrowfoot und Peaseworth.«

»Tja, Peasefoot und Yellowdings, bleibt besser zurück.« Wydrin blickte hinter sich, weil sie unvermittelt das Gefühl hatte, dass weitere blasse Männer hinter ihr aufgetaucht waren, aber der Durchgang war dunkel. »Wir möchten diese Kammer durchqueren und zur anderen Seite. Wir lassen den Rest eurer Familie in Ruhe schlafen.«

»Nein, nein, hier dürft ihr nicht sein«, rief die Kreatur namens Yarrowfoot aus. Seine Stimme war etwas höher als die seines Bruders, aber das war der einzige Unterschied zwischen ihnen. »Dort ist Gefahr, dort ist Tod.«

Wydrin lachte. »Ich liebe es, wenn die Leute so was sagen. Du weißt, dass Abenteurer wie wir von so etwas leben?«

»Wydrin …«, sagte Sebastian, und in seiner Stimme schwang eine Warnung mit.

»Staub und Tod«, sagte Inkberrow. »Dunkelheit und Böses. Die Macht, die tief unten liegt, ist zum ersten Mal seit Jahrhunderten erwacht.«

»Macht?«, fragte Frith. »Welche Macht ist es?«

»Diejenige, die schläft«, antwortete Peaseworth und schüttelte den Kopf. »Ihre Schützlinge durchstreifen die Zitadelle. Wenn sie euch antreffen, werdet ihr zu einer der ihren werden.«

Die drei blassen Männer stießen gleichzeitig vor, als wollten sie die Neuankömmlinge aus dem Raum drängen. Sebastian zog sein Schwert und hielt es nur ein kleines Stück vor Yarrowfoots Hals. »Sagt uns, was ihr seid, und vielleicht gehen wir dann.«

Derjenige namens Inkberrow seufzte, und Wydrin bemerkte, dass dabei eine kleine Staubwolke aus seinem Mund aufstieg.

»Wir sind Culoss. Die Magier haben uns hergestellt, auf dass wir auf ewig in der Dunkelheit warten, die Siegel bewachen und die Grenze beschützen. Um auf die Götter aufzupassen, die sie gefangen genommen haben.«

»Aber die Siegel sind zerbrochen, und die Grenze …« Der Culoss namens Yarrowfoot schüttelte ängstlich den Kopf.

»Wollt ihr sagen, dass da unten Götter sind?« Wydrin konnte den Hohn in ihrer Stimme kaum verbergen.

»Nur einer«, sagte Inkberrow. »Sie hat die anderen gefressen.«

Wieder lachte Wydrin auf.

»Sie sind da unten in der Dunkelheit verrückt geworden.«

»Uns interessieren die Magier«, sagte Frith. Nun stand ein fiebriger Glanz in seinen Augen. »Was ist von ihren Kräften noch hier? Ihre Artefakte? Könnt ihr uns da sagen?«

»Es gibt einen See -«, begann Peaseworth, aber der Culoss namens Inkberrow brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

»Genug«, sagte er. »Ihre Schützlinge sind unterwegs. Ihr werdet jetzt gehen.«

»Augenblick«, sagte Sebastian. »Vor uns war einer meiner Freunde hier. Blondes Haar, lächerlicher kleiner Bart. Und er hatte einen Führer bei sich …«

»Nein, nein, nein«, stieß Yarrowfoot aus. »Genug Gerede. Geht jetzt. Wir müssen die Zitadelle beschützen.«

»Ich werde die Geheimnisse der Magier finden«, sagte Frith. »Ihr werdet uns nicht aufhalten.«

»Genau das werden wir tun.«

Inkberrow streckte ihnen die Arme entgegen, und einen verwirrten Augenblick lang dachte Wydrin, dass er hochgehoben werden wollte, wie ein kleines Kind, das keine Lust mehr hatte, laufen zu müssen, doch aus seinen Handflächen schossen gefährlich aussehende Klingen, die lang wie ein Unterarm waren. Als seine Haut riss, trat kein Blut aus, sondern dunkler Staub.

»Was seid ihr?«, rief Wydrin aus, aber dann traten die beiden anderen vor, und die Waffen schossen auch aus ihren Händen. Als sich die Glasbehälter öffneten, war hinter ihnen das Quietschen alter Scharniere zu hören.

Die folgenden Minuten flogen in einem panischen Rausch an Wydrin vorüber. Die Culoss waren unnatürlich schnell, rasten herum und sprangen sie mit einer Geschwindigkeit eines fliegenden Vogels an. Sie konnte gerade so einem Hieb von Yarrowfoot ausweichen, indem sie nach hinten taumelte, aber sofort war Inkberrow da, und dann verlor sie die Übersicht, wer welcher Culoss war. Gerade so riss sie ihre Klauen hoch, um zu verhindern, dass ihr die Kehle aufgeschlitzt wurde, dann stieß sie den Culoss mit aller Kraft zurück. Er rutschte über den Boden, aber in diesem Moment sah sie, dass weitere der verbundenen Männer aus ihren Glasbehältern stiegen, und bei jedem standen lange, glitzernde Spieße aus den Handflächen, während sie aus ihrem künstlichen Schlummer zu erwachen versuchten.

»Hört damit auf!«, rief Sebastian, während er sich mit seinem schwingenden Schwert einen Weg durch sie bahnte.

Wydrin beobachtete, wie von seiner Klinge ein Culoss in der Mitte geteilt wurde, sah den Staub und die Verbände, die sich in seinem Inneren befanden, und dann griffen sie wieder an, drei auf einmal. Der Streich einer Klinge erwischte sie am Oberarm, aber es wurde nur ihr Hemd eingerissen. Was auch immer die sind, dachte sie, die haben uns angegriffen. Und ich schulde ihnen noch nicht mal Geld.

Sie trat einem von ihnen gegen die Beine, und als er sich krümmte, rammte sie Frostling durch die Verbände in seinen Nacken und grunzte zufrieden, als das seltsame Fleisch gespalten wurde. Der Culoss stürzte erschlafft zu Boden, aber zwei seiner Brüder umkreisten sie.

»Kommt, ihr Kinder von Würmern«, sagte sie fröhlich. Der nächste Culoss stürzte sich auf sie, schlug mit seinen beiden Klingen zu, aber sie wich aus und bekam nur einen Kratzer auf ihrer Lederrüstung ab. Sie schlug ihm hart mit dem Griff ihres Dolchs auf den Kopf, und zu ihrer Überraschung beulte dieser ein, als bestünde er aus Gips. Der Culoss stürzte auf die Knie, und sie nutzte die Gelegenheit, seine papierne Kehle aufzuschlitzen.

»Woraus besteht ihr, Spucke und Lehm?«, fragte sie lachend, aber der dritte Culoss schien sich nicht um ihre Neckerei zu kümmern. Er rannte auf sie zu. Seine Augen waren leere Löcher. Nur die dünne Rüstung über ihrer Lederweste hielt seine erste Klinge ab. Die andere schleuderte er in Richtung ihres Gesichts, und einen grässlichen Augenblick lang dachte Wydrin, sie würde ihre Nase einbüßen, aber Sebastian ging dazwischen und zerrte den Culoss am Nacken weg.

»Dieser Bastard hätte fast mein Gesicht erwischt«, brachte sie gerade noch heraus, bevor fünf weitere sie angriffen. Etwa zu diesem Zeitpunkt begann sich Wydrin zu fragen, wie es Frith erging. Sie entdeckte ihn in einiger Entfernung. Sein weißes Haar war der hellste Fleck im Raum. Er lehnte schief an einer Wand, hielt aber einen Degen in der Hand und konnte die Culoss von sich fernhalten. Seine Klinge bewegte sich fast schneller, als ihr Auge folgen konnte.

Wo hat er den plötzlich her?

Zu seinen Füßen lagen tote Culoss, aber sie konnte in seinem Gesicht erkennen, wie erschöpft er war.

Sie säbelte und schlitzte, parierte und stach, immer wieder, bis ihre Schultern ein Lied des Schmerzes sangen. Gelegentlich warf sie einen Blick zu Sebastian, rief ihm etwas Aufmunterndes zu oder neckte ihn, aber sein Gesicht war verschlossen und ungerührt, wie immer, wenn er kämpfte. Die Culoss rückten weiter vor, drängten sie zurück zur Tür, stiegen über die zerrissenen Körper ihrer Brüder und produzierten seltsame Klingen aus ihren Körpern. Wydrin fühlte, wie der Schweiß ihren Rücken herabfloss. Sie wollten sie durch den Ausgang bugsieren, und sie waren erfolgreich. Es mögen nur kleine und seltsam aussehende Wesen sein, aber sie sind in der Überzahl, und jeder hat ein oder zwei Klingen. Wydrin sog den Atem ein und machte sich bereit, Sebastian zuzurufen, dass sie fliehen mussten, als ein lautes Krachen durch die Kammer hallte und helles, grünliches Licht hereinströmte. Fast hätte sie ihren Stand verloren, aber als sie aufblickte, sah sie fünfzehn weitere tote Culoss und Frith, der in einer Nebelwand stand.

»Was zur Hölle war das?«

Wydrin entdeckte Hoffnung in Sebastians Augen und wusste, dass er an Gallo dachte, doch während sie ihn beobachtete, griff Frith mit der freien Hand in seinen Umhang und holte ein kleines, rundes Objekt heraus. Er schleuderte es zur nächsten Gruppe von Culoss auf den Boden, und es gab noch einen Knall. Diesmal sah Wydrin, wie eine grüne Flamme aufloderte und eine Wolke entstand. Einige der Culoss wurden von der Explosion zurückgeschleudert, und diejenigen, die von der Wolke eingehüllt wurden, krümmten sich und schrien, wobei ihre blasse Haut schwarz wurde. Die Culoss, die gerade angreifen wollten, hielten inne und beobachteten ihre Artgenossen voller Schrecken.

»Was tust du da?«, rief Wydrin aus, aber Frith bedeutete ihnen ungeduldig, Deckung zu suchen, als würde er sich ihrer Anwesenheit jetzt erst bewusst werden. Eilig warf sie sich in eine Ecke, bevor Frith noch eine seiner Granaten mitten in die verwirrten Culoss schleuderte. Diesmal war die Explosion so nah, dass ihre Ohren klingelten und sie vor der Giftwolke wegkroch.

Die Culoss, die noch übrig waren, drehten sich um und flohen durch die Türen, in denen Yarrowfoot und Inkberrow aufgetaucht waren. Erschöpft sank Wydrin an der Wand zu Boden. Frith kam zu den beiden. Sein Degen war voll schwarzem Staub, zerrissene Verbände baumelten daran. Sie sah zu, wie er seinen Gehstock aufhob und die Klinge wieder versteckte. Die Kupferkatze von Kreuzhafen lachte auf. »Warum habt Ihr uns überhaupt angeheuert, Prinzlein?«

7

Sie hatten die Kammer der Culoss verlassen, bewegten sich langsam vorwärts und rechneten immerzu mit einem weiteren Angriff. Nun kamen sie durch mehrere Räume mit niedrig hängenden Decken, in denen leere Glasbehälter standen. Frith sah, dass sich in einigen noch Culoss befanden, die offenbar nicht lange genug gelebt hatten, um ihre wertvolle Zitadelle zu beschützen. Sie waren nur noch vermodernde Haufen aus Verbänden, Staub und kurzen, verrosteten Klingen. Warum sie gestorben waren, konnte er nicht sagen, aber es waren auch so genug von ihnen gewesen, um ihnen Ärger zu bereiten. Er hielt die Augen offen und suchte in jedem Schatten nach versteckten Angreifern, bis sein Kopf zu schmerzen begann.

Jede Faser in Friths Körper tat weh. Sein rechter Arm und die Schulter waren besonders mitgenommen. Er hatte schon lange kein Schwert mehr schwingen müssen, um sich zu verteidigen, und die Söldnerin schien darüber amüsiert zu sein, dass er überhaupt kämpfen konnte.

»Deine Kleidung ist eingerissen«, sagte er.

Wydrin sah auf ihren Unterarm und war überrascht, dass die Klingen der Culoss ihr Hemd erwischt hatten. »Hm. Das haben sie geschafft, mich aber nicht verletzt. Unbrauchbar.« Sie riss den Rest ihres Ärmels ruckartig ab und entblößte eine Tätowierung, die sich bis zu ihrer Schulter erstreckte.

»Haie?«, fragte Frith, als das Motiv zu erkennen war. Drei von ihnen waren in schmalen, schwarzen Linien eingezeichnet und wanden sich über ihren Arm.

»Die Grazien«, erwiderte Wydrin und streckte ihm den Arm hin. »Die drei Grazien von Kreuzhafen.«

»Eure Götter sind Fische?«

»Nicht Götter, eher … Priesterinnen. Das Meer ist der einzige Gott, den wir anbeten. Wenn Ihr mit mir nach Kreuzhafen kommt, werde ich es Euch zeigen.«

Zu seinem eigenen Entsetzen fühlte Frith, wie seine Wangen warm wurden. »Warum sollte ich mich in dieses Piratenloch begeben?«

»Das wollt Ihr wirklich nicht, glaubt mir«, warf Sebastian ein. »Alle, die nicht in Kreuzhafen leben, finden die Riten der Grazien ein wenig brutal. Genauer gesagt alle, die bei Verstand sind.«

Wydrin wirkte nicht etwa empört, sondern lachte auf. »Man ist dabei wenigstens an der frischen Luft«, sagte sie. »Außerdem hat unser Prinzlein hier einen stärkeren Magen, als du denkst, Sebastian. Gegen Ende war die ganze Kammer voll mit Körperteilen der Zwerge.«

»Ja«, bestätigte Sebastian. Er warf ihr einen abschätzigen Blick zu. »Du hast bemerkt, dass der andere Ärmel hinten auch eingerissen ist?« Sie wandte den Hals, um es genauer anzuschauen, und stieß einen Fluch aus. »Das Hemd ist hinüber.« Dann wandte er sich wieder zu Frith, während die Kupferkatze damit beschäftigt war, das Hemd unter ihrer Lederrüstung rauszuziehen. »Was waren das für Kugeln, die Ihr geworfen habt? Was war in ihnen?«

Schnell schaute Frith von Wydrin weg, als sie die Reste des ruinierten Hemds über den Kopf zog und dabei mehr enthüllte, als es sich für eine Söldnerin ziemte. Er angelte eine der übrigen Säuregranaten aus seinem Mantel und reichte sie dem Ritter.

»Sei vorsichtig damit. Sie müssen ziemlich hart aufprallen, damit sich die Substanzen mischen, aber sie sind immer gefährlich. Zunächst ist da natürlich die Explosion, die schon einigen Schaden anrichtet, und dann breitet sich die Giftwolke aus, die bestimmt die unangenehmere Art zu sterben ist. Zum Glück löst sie sich schnell auf, sonst hätten wir alle jetzt keine Lungen mehr.«

»Woher habt ihr die?« Sebastian drehte den Ball in der Hand.

Die Granaten waren kleine, harmlos aussehende Objekte, rund und grünlich, mit einer leicht klebrigen Außenseite. Wenn man viele davon herstellte, wurden die Finger grün. Friths Vater, der viel Zeit damit verbracht hatte, Substanzen und ihre Einsatzgebiete zu untersuchen, hatte immer leicht grüne Fingerspitzen gehabt, obwohl er ständig mit einer Bürste an ihnen herumgeschrubbt hatte. In seinem Studierzimmer hatte es wegen seiner Experimente immer beißend gerochen, erinnerte sich Frith. Aber das war lange her.

»Ich weiß ein wenig über die alchemistischen Künste.«

»Das ist verdammt praktisch«, sagte Wydrin. Sie hatte ihr Hemd ausgezogen, und nun waren ihre Arme nackt, von den Armschienen aus Leder und den Kupferringen an ihren Handgelenken abgesehen. »Wie auch das versteckte Schwert. Unser Prinzlein hat offenbar viele Geheimnisse.«

Frith umklammerte seinen Gehstock und versuchte den konstanten Schmerz in seiner Schulter zu ignorieren. »Das geht euch immer noch nichts an.«

Sie durchquerten weitere Kammern und hielten ab und an inne, um Sebastians Karte zu entziffern. Ihr Weg führte stetig tiefer, und je weiter sie kamen, desto wärmer wurde es. Friths Umhang schien mit jedem Schritt schwerer zu werden, doch er wollte ihn nicht ablegen, denn dann würde er seinen dürren, ausgemergelten Körper enthüllen. Selbst wenn seine Gefährten schon wussten, dass er schwach war, wollte er noch nicht, dass sie sahen, wie schlimm es um ihn stand.

Wydrin griff unvermittelt nach seinem Arm, ließ ihn aufschrecken und vertrieb seine Rachegedanken. »Ihr wart eben abwesend. Wollt ihr uns verraten, was euch bedrückt, dass euer hübsches Gesicht so angespannt wirkt?«

Frith schüttelte sie unbeholfen ab. »Die Gedanken eines Mannes gehören nur ihm selbst.«

Wydrin seufzte.

»Und Neugier ist der Katze Tod.«

Sie ritzte ein weiteres Kreuz in die Wand und ging dann voran, denn sie wollte gern wissen, was hinter der nächsten Tür lag. Das seltsame, goldene Licht der Kammer der Culoss strahlte bis zu ihnen, daher brauchten sie keine Öllampen mehr.

»Ich glaube, Ihr fasziniert sie«, sagte Sebastian leise. »Sie hat eine Schwäche für Männer mit Geheimnissen.«

Frith zog seinen Mantel enger um sich. »Ich habe keinen Grund, ihr meine Pläne zu enthüllen.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Sebastians Stimme klang fröhlich. »Wir sind mit Euch hier unten, nicht wahr? Kämpfen Seite an Seite. Wäre es so schrecklich, wenn Ihr uns in Eure Pläne einweiht?«

»Ihr beide wisst, was ihr wissen müsst«, erwiderte Frith.

Der große Ritter schwieg einige Augenblicke lang. Als er wieder die Stimme erhob, lag darin eine vorsichtige Mutmaßung. »Wenn die Geschichten nur zum Teil stimmen, was hier verborgen sein soll, wäre das eine bedeutende Entdeckung. Die Reste der Magie an diesem Ort könnten noch viel Macht in sich tragen. Ein Mann könnte mit dieser Macht viel tun.«

Frith blickte düster drein und nicht zu dem Ritter. »Du bist scharfsinnig und weißt mit Worten umzugehen. Mag die Kupferkatze dich deswegen?«

Sebastian kicherte. »Wenn Wydrin wenigstens die Hälfte beachten würde, wenn ich ihr was sage. Sie mag Geheimnisse, keine Erklärungen.«

»Ihr beide seid also kein … Paar?«

Diesmal lachte Sebastian laut auf, und das Geräusch hallte von den flachen Steinwänden wider. Frith drehte sich zu ihm und zog eine Augenbraue hoch. Als Sebastian seinen Gesichtsausdruck bemerkte, zügelte er sein Gelächter und schüttelte entschuldigend den Kopf. »Tut mir leid, mein Lord. Wydrin ist eine gute Freundin, mehr nicht. Aber ich glaube, ich … ich bin nicht ihr Typ.«

Frith atmete vernehmlich ein und aus. »Wo sind wir jetzt?«, fragte er. »Was zeigt die Karte an?«

Sebastian hob das Pergament ins Licht. Er legte die Stirn in Falten. »Wir haben uns verlaufen. Das kommt davon, wenn man Wydrin vorangehen lässt, schätze ich. Wir müssen umkehren und eine andere Abbiegung nehmen.« Er formte mit den Händen einen Trichter vorm Mund und rief seine Gefährtin. »Wydrin! Wir müssen wieder zurücklaufen!«

Sie hörten ihre leichten Schritte, bevor sie durch die Tür trat. »Hast du uns in die Irre geführt, Sebastian?«

»Nun komm schon.«

Während sie zurückgingen, bebte der Boden unter ihnen und ließ Frith taumeln.

»Was ist das?«, rief Wydrin aus.

Das tiefe Rumpeln unter ihnen ging weiter, wurde immer lauter, bis Staub und Schutt herabstürzten und der Boden zu zittern begann.

»Die Tür«, sagte Sebastian. »Schnell!«

Doch bevor sie bei ihr waren, fuhr ein Fallgitter herunter, dessen Spitzen sich in den Boden rammten. Der Rückweg war abgeschnitten.

Frith und Sebastian versuchten verzweifelt, das Fallgitter hochzuheben, doch die Gitterstäbe waren massiv und schwer, trotz ihres Alters.

»Aber die Culoss wollten, dass wir verschwinden«, sagte Sebastian. »Warum sollten sie uns den Rückweg versperren?«

»Vielleicht sind sie nicht die Einzigen in der Zitadelle«, sagte Wydrin. Ihr sonst so fröhliches Gesicht wirkte besorgt. »Sie sagten, dass sie sich in einem Krieg befinden, und es klang nicht so, als hätten sie Aussichten auf den Sieg.«

Frith nickte abwesend.

»Wir müssen weiter«, sagte er. Sie kamen nur langsam voran, viel zu langsam. »Können wir später umkehren und das verwenden, was wir an Kartenmaterial haben?«

Sebastian warf noch einen Blick darauf und zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt wird dieses Pergament nur noch zum Feuermachen brauchbar sein, wenn wir weiter in diese Richtung gehen. Ich hatte nicht genug Zeit, bis zu dieser Stelle abzuzeichnen.«

Frith schüttelte den Kopf. »Dann ist es egal. Wir können sowieso nur weiter.«

Also gingen sie weiter, nun im Bewusstsein, dass in jedem Durchgang ein Fallgitter herabstürzen könnte. Die Flure wurden schmaler, die Wände feuchter, und sie waren mit immer mehr Moos und Schimmel bedeckt. Ein alter, dunkler Geruch erfüllte die Räume, der beredt von vergessenen Jahrhunderten sprach, und je tiefer sie kamen, desto stärker glaubte Frith zu fühlen, wie das Gewicht der Steine über ihm sie niederdrückte. Ab und an vernahm er das ferne, aber unverkennbare Grollen, und ein Zittern lief durch die Steine unter ihren Füßen.

»Glaubt Ihr, dass es uns folgt?«, fragte Wydrin nach einer Weile. Sie hatte innegehalten, um einen Schluck aus dem Wasserbeutel an ihrem Gürtel zu nehmen. Als sie ihn Frith reichte, war er überrascht, dass daraus kein Wasser, sondern saurer Rotwein kam.

»Was soll uns folgen?«

»Der Lärm, dieses Wogen. Wie auch immer Ihr es nennen wollt.« Sie schlug an die Wand zu ihrer Linken. »Es ist, als würde etwas Riesiges uns begleiten und im Auge behalten.«

»Das ist absurd«, sagte Frith, aber seine Stimme zitterte leicht. Er schaute zu den Wänden und fragte sich, was geschehen würde, wenn ein mächtiges Wesen beschloss, sie auf seine hilflose Gruppe einstürzen zu lassen.

»Je früher wir aus diesen Gängen rauskommen, desto glücklicher werde ich sein«, sagte Sebastian. Mit jedem Schritt in die Tiefe wirkte er ungemütlicher. Auf seiner Stirn stand nun Schweiß, und die Mundwinkel waren vor Anspannung verzerrt, so als müsste er versuchen, eine nahende Krankheit niederzuringen. »Es ist überall zu eng. Wenn uns hier jemand gegenübertritt, haben wir keinen Platz zum Kämpfen.«

Zu Sebastians offensichtlicher Erleichterung kamen sie schließlich zu einem Durchgang, hinter dem sich eine breite Treppe in die Tiefe erstreckte. Der nächste Raum war größer als alle, die sie in den letzten Stunden durchquert hatten. Im Boden waren große quadratische Steinplatten eingelassen. An der hinteren Wand befand sich hinter ein paar weiteren Stufen eine hohe Holztür, und im gelben Licht der Lampen, die von der Decke hingen, waren Schnitzereien im dunklen Holz zu erkennen: eine nackte Frau, die aus einem großen See stieg, während aus den Händen, die sie als Schale hielt, Wasser floss. Auf der anderen Seite war ein nackter Mann in der gleichen Pose zu erkennen.

Wydrin johlte amüsiert auf. »Was für schmutzige Lümmel!« Sie trat die Stufen hinab und auf die Steinplatten. »Da hat jemand eine Menge Arbeit reingesteckt. Bisher ist mir so was noch nicht untergekommen, wo jemand es wirklich hinbekommen hat, die Form des -«

»Es heißt, die Magier waren herausragende Künstler«, sagte Frith schnell.

»Künstler mit herausragenden -«

Ohne Vorwarnung wurde Wydrin nach vorne gestoßen. Sebastian versuchte, sie zu fangen, wurde aber zur Seite geschleudert. Frith öffnete den Mund, um ihnen etwas zuzurufen, als die Steinplatte unter seinen Füßen ein Stück absackte. Er knallte auf den Steinboden und schlug sich den Ellenbogen an, aber schlimmer war ein Übelkeit erregendes Gefühl der Bewegung. Die Steine unter ihm hoben und senkten sich, als rührte sich etwas unter ihnen.

»Vorsicht!«, rief Sebastian aus. »Irgendwas schiebt sich durch die Steine nach oben.«

Sie befanden sich alle in der Mitte des Raums, zu weit entfernt von den Treppen an beiden Seiten, um sich schnell in Sicherheit zu bringen. Frith rappelte sich auf und stützte sich auf seinen Krückstock. Jetzt konnte er es sehen. Eine glühende grüne Substanz drängte durch die Ritzen zwischen den Steinen herauf, schob sie auseinander wie ein unheimliches Meer. Die Steinplatte, auf der er stand, kippte zur Seite, und kurz kam sein Stiefel in Kontakt mit der Flüssigkeit. Ein zischendes Geräusch war zu hören, und der Geruch von verbranntem Leder breitete sich aus.

»Berührt es nicht«, sagte er mit panikerfüllter Stimme. »Es ätzt.«

Wydrin stieß einen lauten Fluch aus und versuchte, von einer Steinplatte zur nächsten zu springen, aber viele von ihnen versanken schon in der grünen Lava, und es gab immer weniger Stellen, an ...

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