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Das Kreuz mit dem C

Inhalt

Vorwort

Worum es geht

Das C will mehr

Feigheit vor dem Freund

Das C und sein Wert

Grundsätzliches Placebo?

Das C in den Programmen

Denn sie wissen nicht, wer sie sind

Konservativ – was ist das eigentlich?

Exklusivität für alle!

Das C und das Lebensrecht

Wir sind mehr wert

Das C und der Mensch

Zukunft? Nein danke!

Das C und die Familie

Süßes Gift mit Todesfolge

Das C und Gender

Das Phänomen Merkel

Das C und die beste Ich-AG

Worauf es ankommt

Im C ist Zukunft

Der Tod gehört mir?

Spätabtreibung und Patientenverfügung

Der Marsch durch die Union

Das C braucht Christen!

Keine Angst vor Profil!

Thesen, Fragen, Anregungen

Anhang

Das neue CDU-Grundsatzprogramm:
Zehn zentrale Forderungen
Fakten und Namen zur CDU
Parteivorsitzende der CDU
Fakten und Namen zur CSU
Parteivorsitzende der CSU
Interessante Internetadressen

Dank

Vorwort

Die Frage nach der Christlichkeit der Union ist keineswegs mehr eine theoretische. Spätestens seit der von vielen Christen als ebenso plump wie populistisch empfundenen Kritik der CDU-Chefin an Papst Benedikt XVI. ist das Verhältnis zwischen vielen katholischen Wählern und der Union gespannt. Die aus christlicher Sicht höchst problematische und für viele Christen verbotene Forschung mit embryonalen Stammzellen, die nur aus getöteten, noch nicht geborenen, ganz jungen Menschen „gewonnen“ werden könne, sowie die fahrlässige Bemerkung Merkels zum Papst, mit der sie dem Eindruck Raum bot, dieser sei in Fragen des Holocaust nicht ganz eindeutig, haben offengelegt, wie sehr die Nähe der Christen zur Union gelitten hat. Es gibt eine größere Unzufriedenheit und wahltechnisch gesehen auch Heimatlosigkeit unter Christen, als dies der Unionsspitze lieb sein kann.

Noch scheint das Argument zu ziehen, die Union sei halt das kleinste aller Übel. Noch scheinen sich viele kleine C-Parteien, die in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen werden, nicht als Alternative anzubieten. Doch die Wahlverweigerung und die Flucht weg von der Merkel-Union werden zunehmen. Und immer wieder spielt dabei die Frage eine Rolle: Wie christlich ist eigentlich die Union? Ist sie noch christlich? Christlicher als andere? Worin unterscheidet sie sich? Kann man als überzeugter Christ diese Union noch wählen? Dabei machen nicht wenige keinen besonders großen Unterschied mehr zwischen der von einer ostdeutschen Pastorentochter geführten einstigen Adenauer-Partei und der bayerischen Schwester, in der allerdings manch imposante barocke Kulisse über eine ebenfalls wachsende inhaltliche Dünnheit und den Verlust von christlichem Profil leichter hinwegtäuschen kann.

Also: Wie christlich ist die Union? Die Frage klingt für manche vielleicht etwas böse, für andere ist sie seit Jahren etwas, auf dessen Beantwortung sie mehr als gespannt sind. Jedenfalls diejenigen, die noch einen Funken Hoffnung haben und sich nicht frustriert abwenden. Aber: Kann man so fragen? Kann man überhaupt eine belastbare Antwort finden? Die einen haben sie längst gefunden, andere spielen mit ihr. Und die, die eine Antwort gefunden haben, geben sich entschieden enttäuscht – oder aber gelassen zuversichtlich. Ein Thema ist das, was mit dieser Frage verbunden ist, allemal. Erst recht in einem Superwahljahr. „Mutig, dass du das überhaupt noch fragst, dass du diese Frage noch zu stellen wagst“, sagt mir ein Journalistenkollege, als er von meinem Vorhaben dieses Buches erfährt. Für ihn sei die Antwort doch längst klar – und leider negativ. Jedenfalls, wenn man nach dem C bei den C-Parteien frage, meint er. „Na dann viel Spaß auf der Suche nach einer Antwort“, meint ein anderer eher spöttisch. „Was willst du da schon erwarten!“ – schiebt er hinterher.

Bei keinem anderen Buchprojekt habe ich so viele Kommentare, mitleidsvolle Hinweise und aufmunternde Tipps bekommen wie in diesem Fall. Die Frage nach dem C im Namen einer oder gar zweier Parteien scheint also wirklich zu interessieren. Sie ist aktuell. Sie findet ihre Antwort. So oder so.

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich vielleicht auch schon einmal gefragt, warum man eine der Unionsparteien eigentlich wählen sollte? Haben auch Sie im Bekanntenkreis schon einmal eine hitzige Debatte miterlebt, in der es um das C und unsere Politik geht? Wollen auch Sie wissen, wofür eigentlich diese Union im Unterschied zu anderen Parteien in Deutschland steht – oder nicht steht?

Dann lade ich Sie herzlich ein zu dieser Diskussion. Denn eines ist sicher: Es ist immer wieder ein Kreuz mit diesem einen Buchstaben, der für so viel Anspruch steht. Immer wieder wenden sich bisher Treue enttäuscht ab von einer Partei, die wie keine andere für etwas Besonderes steht. Eigentlich. Doch: Wofür aber steht dieses C heute noch? Wofür kann und darf es stehen? Ist es ein Hindernis auf dem Weg in die Moderne? Ist es nur schmückendes Beiwerk für nette Festtagsreden oder ist und wird es mehr und mehr zu einer echten Herausforderung für seine Politiker und die Bürger? Gibt es neue Interpretationen des hohen C, das für manche zum hohlen C geworden ist? Verkörpert das C im Parteinamen eher rückwärtsgewandte Tradition oder zukunftsorientierte Avantgarde?

Dieses Buch will aufrütteln und ermuntern. Es will Mut machen, aus der Mittelmäßigkeit des Unverbindlichen auszubrechen. Erst recht in diesen schwieriger gewordenen Zeiten, in denen deutlicher als sonst erkennbar zu werden scheint, dass vieles als Wert gesehen wurde, was in Wirklichkeit kein Wert war und ist. Ohnehin zeigt sich schon seit Längerem, dass die Menschen sich mehr Qualität und – um eine gerne benutzte Metapher zu nehmen – mentales Schwarzbrot zutrauen, als manche Politiker sich selbst zutrauen. Das C ist moderner und aktueller, als es viele wahrhaben wollen. In ihm steckt mehr Zukunft als vielfach geahnt. Und die Wähler fragen danach. Nicht alle. Aber viele. Nicht laut. Aber leise. Nicht in geschlossenen Gruppen. Aber eben doch insgesamt mehr, als vielfach erkannt.

Dieses Buch lädt ein, etwas vermeintlich Altes und allzu häufig Vergessenes als Neues zu entdecken. Nicht als Rückschau, sondern als Blick nach vorn. Die Zukunft will es so! Denn es ist Zeit für einen freien und mutigen Blick auf das, was wirklich morgen trägt. Ja, es geht auch darum, einen vergrabenen Schatz wenigstens einmal zu orten – um ihn heben zu können. Und es geht darum, im Kreuz mit dem C eine Chance zu entdecken, Politik aus christlicher Verantwortung zu wagen. Nicht eine christliche Politik! Keine evangelische oder katholische Politik! Keinen Fundamentalismus! Das wäre wahrlich alles andere als christlich.

Wozu wir auffordern müssen, ist, sich nicht mehr zu verstecken als Christ mitten in der Welt, in Europa und Deutschland. Nichts birgt so viel Dynamik und Humanität wie das C! Ohne das C verlieren wir nicht nur unsere Kultur, sondern letztlich das Leben. Die Zeit der Minderwertigkeitskomplexe ist vorbei. Schluss mit jeder Ängstlichkeit! Allen, die sich über das mangelnde Profil in der Union beklagen, kann nur geraten werden: mitmachen, einmischen, einmischen und abermals einmischen! Und allen in der Politik, die noch oder wieder ahnen oder sich wenigstens sagen lassen, wie wichtig und kraftvoll das C sein kann, wissen nur zu gut: Gerade in schwierigen Zeiten sind klare christliche Antworten gefragt. Krisenzeiten verlangen nach Profil. Wir brauchen einen Kompass, aber gewiss nicht noch mehr Weichspülmittel. Es ist Zeit für das C!

Bonn-Bad Godesberg, 31. März 2009

Martin Lohmann

Worum es geht

Das C will mehr

Früher war doch irgendwie alles einfacher. Als Konrad Adenauer noch Kanzler war, als die Menschen in Deutschland noch sonntags zur Kirche gingen, als die Bundesrepublik noch ein christliches Land war – da war doch alles klar. Über das „C“ hat man damals nicht diskutiert. Meint man. Und heute? Ein Konrad Adenauer könnte wohl kaum mehr Bundeskanzler werden. Wirklich? Jetzt sind wir doch längst eine Republik der Gottlosen geworden. Wirklich? Mit Kirche kann uns doch keiner mehr kommen. Wirklich? Multikulti statt christlich. Wirklich? Es geht doch gar nicht anders: Angela Merkel kann keinen Adenauer geben. Man kann und darf sie nicht vergleichen mit ihm. Wirklich? Eine wiederverheiratete geschiedene protestantische Frau ist halt auch im Blick auf das „C“ nicht mit Ansprüchen zu konfrontieren, die für einen Konrad Adenauer noch selbstverständlich waren. Wirklich? Heute muss man das „C“ eher verstecken oder allenfalls zu einer netten Beiwerksfloskel verkümmern. Alles andere wäre utopisch und keineswegs zeitgemäß. Wirklich? Die Kanzlerin kann halt nicht so viel C bieten wie andere. Wirklich? Es wäre auch unzeitgemäß. Tatsächlich?

Wir brauchen Politiker, die sich einen zuverlässigen Kompass leisten, Menschen mit Mut zur Wahrheit und Profil. Nicht nur, weil sich so viele überlegen, wen sie denn noch wählen können. Nicht nur durch neue politische Gruppierungen, die mit Engagement Protest üben gegen die sogenannten etablierten Parteien. Sondern grundsätzlich. Es wird gefragt, was denn ein C im Parteinamen noch wert ist – in der Debatte zum Lebensschutz, bei den Fragen zur Stammzellgewinnung, im Wirtschaftsleben, bei Überlegungen zum Recht auf Arbeit, im Blick auf den gerechten Lohn, in der Frage nach dem, was Familienpolitik eigentlich sein sollte, im Streit um die Patientenverfügung, im Datenschutz. Und überhaupt überall dort, wo die Sehnsucht nach Freiheit mit der Kultur der Verantwortung kollidiert beziehungsweise erst richtig ins Miteinander zu kommen beginnt. Freiheit, die ich meine – was ist das? Steckt im C ein verstaubter und womöglich verklemmter kirchlicher Anspruch? Oder nicht doch wesentlich mehr? Sind die persönlichen Lebensbiografien der Maßstab oder nicht doch mehr? Woran haben sich Politiker zu orientieren?

Alte Fragen neuer Menschen

Einerseits verlieren die Kirchen an Einfluss. Andererseits wächst das Bedürfnis nach Orientierung, nach Halt und nach belastbaren Hinweisen für ein gelingendes Leben. Während die Kirchlichkeit abnimmt, bleibt oder wächst sogar die Religiosität. Der Mensch im postindustriellen Zeitalter hat auch Züge eines Menschen im postkirchlichen Zeitalter. Aber in einem postreligiösen Zeitalter befindet er sich nicht. Seine Fragen sind und bleiben als die alten modern: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wie kann ich ein sinnvolles Leben finden? Was ist Freiheit wirklich?

Während die Individualisierung des Lebens zunimmt, entsteht andererseits ein wachsendes Bedürfnis nach mentalen und gefühlten Kuschelecken gemeinschaftlichen Erlebens. Wenigstens das. Nicht nur an den Kassen der Vergnügungsparks bilden sich allmorgendlich lange Schlangen am Einlass. Auch die Zugehörigkeit zu sogenannten Communities im Internet hat Konjunktur. Soziale Kontakte im Netz ersetzen mit ihrer „erlebbaren“ Wärme die Kälte der im wirklichen Leben erfahrenen Vereinzelung. Second Life oder First Life? Second Life als First Life? Und überall lugt die Frage hervor: Was ist der Mensch? Was trägt? Was macht Sinn? Wo kann ich leben?

Was das mit unserer Frage nach dem C zu tun hat? Auch die Politik und ihre Politiker leben in dieser Verunsicherung, sind Teil einer Gesellschaft, die auf der Suche ist. Das kann ihnen nicht vorgeworfen werden. Aber: Sie haben einen Anspruch – und der Souverän, also das Volk, an sie. Erst recht, wenn sie sich mit einem Buchstaben „schmücken“, dem viele sehr vertrauen. Einem Buchstaben, der für eine bestimmte Vertrauenswürdigkeit steht, für eine Qualität, die über die „ganz normale“ Oberflächlichkeit hinausweist.

In den jeweiligen Programmen der Parteien steht zu diesem C manches. Aber Papier ist geduldig. Und Grundsätze werden formuliert. Mehr aber auch nicht. Vor allem, wenn es um das alte C geht. Das „alte“ C? Ist es vielleicht deshalb ein Kreuz mit ihm, weil es sich letztlich dem gestalterischen Zugriff entzieht? Weil es mit Konsequenzen verbunden ist, die fordernd sind – und herausfordernd?

C oder nicht C?

All dem soll hier nachgespürt werden. Wir wollen wissen, was mit dem C möglich ist und was nicht. Wir wollen wissen, ob und welche Chancen und Risiken in ihm stecken. Und wir wollen wissen, ob es für die Handelnden in den C-Parteien eine Überforderung ist oder gar sein muss. Es geht um das Menschenbild, um Freiheit und Würde, um Verantwortung und Zukunft. Es geht darum, welchen Stellenwert all dies in der Union hat oder haben müsste.

Seit Jahren ist nicht zuletzt die Beantwortung der Frage nach dem Recht auf Leben ein Ärgernis für viele. Und als in den Jahren nach der Wende die Union eine neue, gemeinsame gesetzliche Regelung zur Abtreibung suchte, orientierte man sich an dem, was im Unrechtsstaat DDR Recht war. Seither gilt bundeseinheitlich, also deutschlandweit: Abtreibung, sprich die Tötung noch nicht geborener Menschen, ist und bleibt Unrecht, wird aber – unter bestimmten, sehr großzügig gehandhabten Bedingungen – grundsätzlich nicht bestraft. Straffreies Unrecht. Damals wurde diese Regelung als Kompromiss gefeiert. Damals aber wandten sich auch viele von den Unionsparteien ab, weil sie eine auf Tötung hin erlaubte Kompromissregelung für nicht vereinbar hielten mit dem hohen C, das die Parteien nach wie vor im Namen tragen.

Zu ähnlichem Entsetzen führte bei vielen Christen eine Debatte zur Nutzung von embryonalen Stammzellen im Herbst 2007. Genauer gesagt: Manche Befürworter einer schon damals für begrenzte Zeit erlaubten „Nutzung“ von getöteten Embryonen erregten Ärgernis. Vor allem die Bundesforschungsministerin, ihres Zeichens auch noch gelernte Theologin, erzeugte nicht nur bei Bischöfen Verärgerung, sondern auch bei in der Politik engagierten und für die Politik interessierten Christen.

Annette Schavan ordnete eine ziemlich vage Aussicht auf – man muss es so sagen – ziemlich unwahrscheinlichen Forschungserfolg grundsätzlichen Regeln des Lebensrechtes unter. Sie war diejenige, die auf einem Parteitag so redete, dass anschließend eine – wenn auch nicht überwältigende – Mehrheit für die weitere Verschiebung eines Stichtages entstehen konnte. Das beim ersten Mal geschaffene Unrecht, zu Forschungszwecken die bis zu einem bestimmten Stichtag im Rahmen der künstlichen Befruchtung entstandenen „überzähligen“ Embryonen zu „nutzen“, wurde mit Hilfe der katholischen Theologin und stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Schavan verlängert.

Kann man eine solche Partei noch wählen? Ist das noch christlich? Ist eine solche Haltung vereinbar mit den christlichen Grundsätzen? Verabschiedet sich gar die Partei mit dem C still und heimlich vom C? Ist es nicht so, dass die Wähler sich längst mehr Profil und Glaubwürdigkeit zutrauen als viele Politiker ihnen – und sich selbst? Wo sind die echten Köpfe, die echten Persönlichkeiten? Wer oder was ist heute die Christlich Demokratische Union?

Deshalb erscheint es notwendig, weiterhin darauf hinzuweisen, dass es in Deutschland beispielsweise einen unglaublichen Etikettenschwindel in der Familienpolitik gibt. Vieles von dem, was bereits vor einigen Jahren erkannt wurde, zeigt sich heute eher noch verschärft. Einen Zweifel kann es nicht mehr geben: Auch in der CDU wird vielfach kräftig Etikettenschwindel betrieben. Schwungvoll und zum Teil äußerst charmant. Schon seit geraumer Zeit fragen sich viele ihrer Wähler, was denn die einst christlich geprägte Partei mit ihrem entsprechenden Profil auch heute noch von anderen Parteien unterscheidet. Vieles deutet längst darauf hin, dass die Partei unter der Führung von Angela Merkel nicht mehr die Partei Konrad Adenauers ist. Zum Teil sind das selbst Persönlichkeiten, die ihren Aufstieg der katholischen Kirche und einer entsprechend christlichen Prägung verdanken, von denen vermutet werden muss, dass sie der Diktatur des Relativismus längst verfallen sind. Vor dieser Diktatur hatte Joseph Kardinal Ratzinger in seiner letzten Predigt vor der Wahl zum Papst Benedikt XVI. aus gutem Grunde gewarnt. Doch leider wurde diese Warnung auch einige Jahre nach ihrer Äußerung offensichtlich vor allem in der CDU überhört.

Im Anfang war es nicht so

Kalter Kaffee oder einfach nur Utopisches von vorgestern? Ein erhellender Rückblick mag überraschen. Denn das C hat tatsächlich eine lange und gute Geschichte innerhalb der Union. Es reicht sogar bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bemerkenswert, was man so alles findet, wenn man in den alten Akten stöbert. Zum Beispiel, dass das C stets mehr sein sollte als ein nettes Beiwerk. Und: Dass es den jeweils Verantwortlichen eine echte Verpflichtung sein wollte.

Was sicher einige Zeitgenossen heute verwundert, ist die Tatsache, wie es zu dieser Bedeutung des C für die Politik kommen konnte. Im 19. Jahrhundert hätten nämlich vor allem die Katholiken – wie das leider heute nicht wenige tun – allen Grund gehabt, sich der wachsenden antikatholischen Stimmung zu unterwerfen und lieber stillschweigend geduckt zu erscheinen. Das Gegenteil war der Fall. Dem wachsenden staatlichen Druck setzten sie ein geradezu trotziges, selbstbewusstes Dennoch entgegen. Jetzt erst recht – so schien die Devise zu sein. Einen Mangel an christlichem Selbstbewusstsein gab es damals offenbar nicht. Jedenfalls nicht so stark wie heute.

Es war vor allem der Koblenzer Joseph Görres, der mit seinem „Rheinischen Merkur“ zu einer Art Wortführer gegen staatliche Bevormundung in Glaubensfragen wurde. Die Glaubensfreiheit wurde zur Antriebsfeder für viele katholische und auch evangelische Christen im säkularisierten Staat. Aus dem Katholischen Club in der Paulskirche wurde später das katholische Zentrum als eine politische Partei, in der unter anderem von 1870 an Ludwig Windthorst wirkte. Zusammen mit der nach 1920 abgespaltenen Bayerischen Volkspartei wurde das Zentrum zu einem Gegenspieler für die protestantisch geprägte preußische Regierung.

Hier sind auch die Wurzeln des sozialen Katholizismus zu suchen, der seine Ausprägung in der Katholischen Soziallehre fand. Katholische Namen wie Emmanuel von Ketteler und Adolph Kolping und evangelische Namen wie Johann Heinrich von Wichern mit seiner „Inneren Mission“ stehen noch heute für das sozialpolitische Engagement christlicher Persönlichkeiten. Im Zusammenhang mit diesem Einsatz stehen auch im ausgehenden Kaiserreich und der beginnenden Weimarer Republik Parteigruppierungen wie die „Christlich-Nationale Bauernpartei“, die „Volkskonservativen“ und der „Christlich Soziale Volksdienst“. Übrigens hatte Adam Stegerwald bereits 1920 mit seinem „Essener Plan“ die Idee einer überkonfessionellen Partei. Seine Idee kam wegen der jeweiligen konfessionellen Abneigungen zu früh. Aber bereits in seinen Gedanken finden sich die Begriffe, die später zur Gründung der CDU beitragen sollten: deutsch, christlich, demokratisch, sozial.

Bekenntnis zur klaren Orientierung

Erst die Erfahrung des Nationalsozialismus mit seiner antichristlichen Ideologie und seiner Menschenverachtung brachte dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Erkenntnis, dass die Christen der verschiedenen Konfessionen im täglichen und vor allem politischen Leben mehr eint als trennt. Hermann Ehlers beschrieb das auf dem Hamburger Parteitag der CDU 1953 in der Rückschau so: „Wir sind beim Neubeginn unseres politischen Weges 1945 nicht aus theoretischen Erwägungen, sondern aus praktischen, in Not und Tod bewährten Erfahrungen zu der Überzeugung gekommen, dass es für uns keine andere tragfähige Grundlage unseres politischen Handelns geben kann als die Verantwortung vor dem Worte Gottes.“ Also: Es gab eine sehr bewusste Entscheidung für das C. Ohne das C und seine Verpflichtung wäre die Gründung der Union nicht denkbar gewesen. Oder anders, wie es der Bonner CDU-Bundestagsabgeordnete Stephan Eisel formuliert: „So war das C ein bewusstes Bekenntnis gegen die Ausschaltung aller ethischen Prinzipien in der Politik.“

Stimmt. Denn auch der erste CDU-Abgeordnete für die Bundesstadt am Rhein, die damals provisorische Hauptstadt war, hielt in seinen Erinnerungen genau dies fest. Konrad Adenauer beschrieb die damalige Überzeugung, „dass nur eine Partei, wurzelnd in dem weiten christlichen Boden, auf festen ethischen Grundsätzen und gestützt auf alle Schichten des deutschen Volkes, in der Lage sein würde, Deutschland aus seiner Not wieder aufzurichten“. Es mag für manche Ohren heute pathetisch klingen, ist aber genau so gemeint gewesen, was im September 1945 in den Kölner Leitsätzen gleichsam als Grundsatzprogramm so formuliert wurde: „Gott ist der Herr der Geschichte und der Völker, Christen die Kraft und das Gesetz unseres Lebens. Die deutsche Politik unter der Herrschaft des Nationalsozialismus hat diese Wahrheit geleugnet und missachtet. Das deutsche Volk ist deshalb in die Katastrophe getrieben worden. Rettung und Aufstieg hängen ab von der Wirksamkeit der christlichen Lebenskräfte im Volke. Deshalb bekennen wir uns zum demokratischen Staat, der christlich, deutsch und sozial ist.“

Klingt wie von früher. Ist es aber nur eine nette Geschichte aus längst vergangenen Tagen? Oder steckt vielleicht auch heute ein grundsätzlicher Auftrag in dem, was damals grundsätzliche Überzeugung war? Konrad Adenauer jedenfalls war dagegen, dass die CDU nicht mehr sein müsse als eine weltanschaulichneutrale Sammlungspartei. Vorschläge und Debatten hierzu gab es bereits damals. Aber der Alte mischte kräftig mit an dem, was im März 1946 in Neheim-Hüsten programmatisch so festgeschrieben wurde: „Wir betrachten die hohe Auffassung des Christentums von der Menschenwürde, vom Wert jedes einzelnen Menschen als Grundlage und Richtschnur unserer Arbeit im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben unseres Volkes.“ Ein klares Bekenntnis zum C, wie auch bei der Konstituierung der CDU als Gesamtpartei unter dem Vorsitz von Adenauer im Mai 1950 in Königswinter bei Bonn. Damals berief man sich auf die „Gesamtvertretung des politischen Willens aller sich zum christlichen Gedanken bekennenden Kräfte in ganz Deutschland“. Nahtlos schloss sich 1956 im Statut der Partei dazu an: „Die Christlich Demokratische Union Deutschlands will das öffentliche Leben im Dienst des deutschen Volkes und des deutschen Vaterlandes aus christlicher Verantwortung und nach dem christlichen Sittengesetz auf der Grundlage der persönlichen Freiheit demokratisch gestalten.“

Kanzlerin des Diffusen?

Und heute? Man mag geneigt sein, spätestens an dieser Stelle ein lautes Veto, zumindest aber ein entschiedenes „Aber“ einzuwerfen. Denn so könne und wolle man doch jetzt nicht mehr formulieren. Und so klingt eben vieles auch ganz anders. Im Parteiorgan „Union“ vom Herbst 2008 beispielsweise schreibt die Parteivorsitzende als Bundeskanzlerin auf einer Panoramaseite mit sympathisch lächelndem Portraitbild einen Aufruf zum Superwahljahr 2009 – und erwähnt kein einziges Mal einen Begriff wie „christlich“. Kernaussage ist hingegen: „Wir werden unseren Anspruch, die einzige Volkspartei der Mitte zu sein, einlösen.“ Es gehe darum, „den Bürgerinnen und Bürgern den Weg aufzuzeigen, auf dem die CDU Deutschland in das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts führen will“. Von „Bildungsrepublik“ ist die Rede, und natürlich von Sozialer Marktwirtschaft. Nur in diesem Zusammenhang taucht – freilich etwas diffus – das Wort „Werte“ auf, denn die CDU stehe seit Ludwig Erhard „für geordnete Märkte und gemeinsame Werte auch jenseits von Angebot und Nachfrage“.

Und was ist mit dem C? Es wird gerne verschwiegen oder – wenn überhaupt – eher unverbindlich einmal erwähnt. Weil das aber letztlich nicht geht, weil das C stets eine Verbindlichkeit mit sich bringt, wird es für viele buchstäblich zu einem Kreuz, das nicht mehr zu passen scheint. Den einen tut es weh, den anderen ist es nicht nahe genug an den Kirchen dran. Die einen nehmen es als wohlklingende Floskel, andere verlangen nach klarer und längst überfälliger Profilierung.

Doch seien wir ehrlich. Denn auch diese Forderungen und Fragen sind im Jahr des 60. Geburtstages des Grundgesetzes alles andere als neu. Bereits zum 25. Geburtstag der deutschen Verfassung sah der Nestor der Katholischen Soziallehre und Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning beide „Unionsparteien vor der Wertfrage“. Seine Erkenntnisse und Forderungen in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ von 1974 haben auch 2009 nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. Beide Parteien, die CDU und die CSU, hätten von Anfang an das C in besonderer Weise vor die Wertfrage gestellt – und sich selbst einen hohen Anspruch gegeben. Mehr noch: Sie stellen an sich selbst einen „ebenso strengen Anspruch und unterwerfen sich der Messung an ebendiesem Maßstab“. Es stehe außer Zweifel, dass „man weit über die Kreise hinaus, von denen die Gründung der CDU und CSU ausging oder die sich diesen Parteien zuwandten, aufgrund der gemachten Erfahrungen entschlossen war, den in Weimar unternommenen Versuch eines wertneutralen Staates nicht zu wiederholen“, sondern den Bau der neuen Gesellschaftsordnung auf einem „Consensus über vorgegebene Werte“ zu gründen.

Ohne C keine Identität

60 Jahre und kein bisschen greise – so könnte man der 1949 in Bonn verabschiedeten deutschen Verfassung zurufen. Es liegt auf der Hand, im Zusammenhang mit unserem Thema einen Blick darauf zu werfen, wie sehr dieses Grundgesetz mit dem C verbunden ist, und auch, wie viel Segen aus diesem C möglich war und möglich sein wird. Die Präambel beginnt mit der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ und ist wahrlich mehr als nur ein nettes Vorwort. Schon gar nicht ein unverbindliches. Es ist zumindest, wie einmal formuliert wurde, ein Vorsatz. Es ist eine Grundentscheidung, ein Schlüssel zur Gültigkeit des Vorgegebenen, ein – um das christliche Identifikationsmerkmal des Kreuzes zu bemühen – unersetzbares Pluszeichen der gesamten Gesellschaftsordnung, von der manche richtig sagen, sie sei die freieste und menschengerechteste der Welt. Der in Bonn lebende Karlsruher Verfassungsrichter Udo di Fabio sieht in dieser Präambel gar die „tiefe kulturelle Verknüpfung von Christentum und Rechtskultur des Verfassungsstaates“ und hält eine „Entkoppelung von Politik und Christentum, von Staat und Kirche“ für undenkbar.

Das C, sprich der christliche Gott, spielt übrigens in einigen Landesverfassungen ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle. Von „Ehrfurcht vor Gott“ und „Gottesfurcht“ ist etwa in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz die Rede. „Gott“, „Gewissen“ und „Achtung der Würde des Menschen“ werden eigens in der Bayerischen Verfassung betont. Völlig verstaubt kann also das C und alles, was mit ihm verbunden ist, auch heute nicht sein. Horst Köhler hat – um nur ein Beispiel zu nennen – bei seiner Eidesleistung den angebotenen Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ 2004 ausdrücklich in seiner Antrittsrede als Bundespräsident hervorgehoben. Er verstand seinen Amtseid als „Verpflichtung, zur Erneuerung Deutschlands beizutragen“. Als persönlichen Kompass nannte er dabei sein „christliches Menschenbild und das Bewusstsein, dass menschliches Tun am Ende immer vorläufiges Tun ist“.

Es ist kein Zufall, dass die vielen Väter und die wenigen Mütter des Grundgesetzes an den Anfang der deutschen Freiheitsordnung eine Verpflichtung gestellt haben, die – zum Schutze der Demokratie – dem demokratischen Zugriff entzogen ist und entzogen bleiben wird. Auch dieser § 1 hat etwas mit dem C zu tun. Dort heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das kann man nur verstehen, wenn man die Menschenwürde als etwas Vorgegebenes begreift, also etwas, das nicht geschaffen werden kann, sondern nur respektiert werden muss. Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch – ob reich oder arm, gesund oder krank, angesehen oder nicht, klein oder groß, geboren oder noch nicht, gläubig oder ungläubig, schwarz oder weiß, jung oder alt – ein Abbild Gottes und von ihm erschaffen. Oder, wie es Papst Benedikt XVI. in seiner Antrittspredigt im April 2005 formulierte: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.“ Und deshalb heißt es ohne Ausnahme und ohne Wenn und Aber: Die Würde „des Menschen“ ist unantastbar. Punkt. Nein, eigentlich: Drei Ausrufezeichen!

Fundament, kein Fundamentalismus

Warum das wichtig ist? Wichtig gerade für unser Thema? Weil sich genau an diesen Fragen beziehungsweise deren aktueller Konkretisierung und dem mit dem C im Parteinamen verbundenen Anspruch vielfach jene Diskussion entzündet, die nach der Christlichkeit der Unionsparteien fragen lässt. Wer sich dieser Diskussion aber stellt, sollte – bei aller Kritik an den C-Parteien – sich zunächst einmal vor Augen führen, dass die mit dem besonderen Anspruch gegründeten Parteien niemals vorhatten oder hätten vorhaben können, gleichsam politische Kirchen zu sein oder zu werden. Weder war geplant, kirchliches, also katholisches und evangelisches Gedankengut eins zu eins in die Politik zu übersetzen, noch war und kann geplant sein, losgelöst von kirchlichen Überzeugungen eine Art Kirchenersatz auf politischer Bühne zu sein. Es gibt also letztlich so etwas wie eine abgefederte Unabhängigkeit der Abhängigkeiten. Was zu den keineswegs nur von C-Politikern definierten Grunderkenntnissen des deutschen Staates und seiner Fundamente gehört, ist von Politikern erklärt worden. Im Parlamentarischen Rat saßen politisch Interessierte und Politiker, nicht aber Moraltheologen oder Dogmatiker. In ihrer christlichen Freiheit oder – um Martin Luther zu bemühen – in der Freiheit eines Christenmenschen legten sie das Fundament für die gesellschaftliche Ordnung wie auch das Fundament für die Parteien.

Dieses Fundament ist aber weder eine Einladung zum toleranzfreien Fundamentalismus noch eine von jeder Vorgabe freie losgelöste Neudefinition dessen, was das C bedeutet. Hinzu kommt auch dies, worauf nicht nur Oswald von Nell-Breuning hinwies: Den Gründern, die „ihre Partei als christlich bezeichneten und das C in deren Namen aufnahmen, war es zweifellos darum zu tun, im Gegensatz zum integralistisch überbetonten Konfessionalismus den interkonfessionellen Charakter ihrer Gründungen herauszustellen; insofern brachte das C mehr das Negative, die Absage an die konfessionelle Trennung, zum Ausdruck als ein positives Bekenntnis zu christlichen Normen und Werten, die man ...

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