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Das Komitee

Über den Autor

Neal Asher wurde in Essex geboren, wo er noch heute lebt. Mit 16 begann er, Science Fiction zu schreiben. Seine Kurzgeschichten erschienen in zahlreichen Magazinen. Mit den Polity-Romanen gelang ihm der internationale Durchbruch. Seitdem begeistert er die Fachpresse sowie unzählige treue Leser. Das Komitee ist der erste Roman der Owner-Trilogie.

NEAL ASHER

DAS

KOMITEE

ROMAN

Aus dem Englischen von
Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

Für all die Leser da draußen –
die Stillen,
diejenigen, die im Internet Hallo sagen,
und jene, die verlangen,
ich solle schneller schreiben!

KAPITEL EINS

Das Volk regiert

In den frühen Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts ersetzten Internet-Blogs und Newsgroups die langsamen, dem Untergang geweihten und politisch einseitig ausgerichteten Zeitungen. Während die Internettechnik benutzerfreundlicher wurde, fügten sich Fernsehnachrichten in sie ein, um zu überleben, und entzogen sich damit ebenfalls der politischen Kontrolle. Die Politiker arbeiteten jedoch fleißig daran, die führenden Blöcke der Nationen zu einem kohärenten und repressiven Ganzen zu fügen. Ihr Zugriff auf das alltägliche Leben der Menschen verstärkte sich zusehends, da die Staaten das Internet immer mehr überwachten, zensierten und erstickten. Somit schweiften die Meldungen der führenden Nachrichtenkanäle nur selten von den zugestandenen Bahnen ab. Die Nachrichtensendungen dienten aufs Neue den Verlautbarungen der führenden Parteien oder übermittelten zu hundert Prozent die Inhalte der Boulevardpresse. Die fünfundzwanzigste Marsmission erhielt im Jahr 2124 natürlich eine Menge Sendezeit, als der damals schon leicht antiquierte Mars Traveller VI am Mars vorbeischoss, um innerhalb des Asteroidengürtels ausgeschlachtet zu werden. Das Fusionstriebwerk wurde ausgebaut und an einem Asteroiden montiert, der fast gänzlich aus Metall bestand, um ihn auf eine erdnahe Umlaufbahn zu feuern. Zu jener Zeit vergeudeten die Nationen der beiden führenden politischen Blöcke zunehmend individuelle Befähigung an eine riesige, korrupte und enorm verschwenderische Zentralregierung. Was also keine Erwähnung zu den Hauptsendezeiten fand, das war der Umstand, dass die Finanzierung weiterer Marsmissionen gestoppt worden war, da die immer mehr ausufernde Bürokratie dessen, was sich zum Komitee entwickelte – einer totalitären Weltregierung – immer mehr Ressourcen der Welt verschlang.

Die Genbank hockte neben der Leuven-Einschienenbahn: ein fetter, einen halben Kilometer hoher Zylinder am Rand der von der Regierung beanspruchten Subcity, die 90 Prozent des Großraums Brüssel umfasste. Bedingt durch ihren vorgeblich unpolitischen Zweck wurde der Bank kein Wachpersonal der Aufsichtsbehörde zugestanden – und ihr Sicherheitssystem bestand aus altmodischen Handflächen- und Netzhautscannern. Sollte hier jedoch ein Problem auftreten, konnte die Aufsichtsbehörde innerhalb von Minuten eine Einheit Vollstrecker zu der Einrichtung schicken. Während Alan Saul in seinem gestohlenen Fahrzeug an stark bevölkerten Gehwegen entlangglitt, bemerkte er, dass außerdem noch andere, furchterregendere Sicherheitskräfte die Umgebung patrouillierten.

Die drei gewaltigen Hirten schritten hinter der Genbank hervor, als er gerade auf eine Gleitbahn bog, die zum Parkplatz des Personals hinaufführte. Die bedrohlichen Maschinen bestanden aus glänzendem Metall und weißem Plastik. Jede von ihnen ruhte auf vier Spinnenbeinen, deren Kniegelenke einen Meter weit über die an Zecken und umgedrehte Tränentropfen erinnernden Rümpfe aufragten. Saul sah, dass zwei der Maschinen ihre Aufruhr-Bekämpfungswaffen unter den glatten Bäuchen ordentlich zusammengefaltet hatten, während eine einen Mann mit den Hafttentakeln gefesselt hielt, dessen Arme und Beine schlaff herabhingen. Offenkundig waren die Roboter auf dem Rückweg von einem Hungeraufstand, und die betreffende Maschine hatte den gefangenen Umstürzler noch nicht an die Aufsichtsbehörde übergeben. Die Roboter schritten weiter und verschwanden aus Sauls Blickfeld, wobei sie behutsam durch die Menschenmenge staksten.

Saul lenkte seinen Wagen an die Zufahrt zum Parkplatz und hielt dabei das Lenkrad fest umklammert. Die Frau, der der beschissene alte Ford Hydrovane zugeteilt war – so etwas wie Privatbesitz existierte in der Neuen Weltordnung nicht –, war krankgeschrieben und lag sterbend in einem All-Health-Hospital, nachdem sie sich beim Einsatz eines Verhütungsimplantats mit einem multiresistenten Staphylokokkus Typ 6 infiziert hatte. Saul rechnete also vorläufig nicht mit Schwierigkeiten, aber der Anblick der Hirten hatte ein Loch in seine Gelassenheit gebrannt. Die Zufahrtskamera las den Strichcode im unteren Winkel der Windschutzscheibe ab, ehe sie das Signal sendete, das Messermaschentor zu öffnen. Er fuhr hindurch, schaltete die Turbine ab, packte seine Sporttasche und legte eine kurze Pause ein, um einfach nur zu atmen und die Anspannung im Bauch zu lockern.

Nachdem er wieder ein wenig Mut gefasst hatte, stieg er aus dem Wagen und ging in lässigem Tempo zur Eingangstür, wobei er seine Umgebung im Auge behielt. Die Messermaschenzäune, die die Einrichtung umgaben, schienen kaum nötig, denn nur wenige Menschen waren davor versammelt. Sie zeigten keine Neigung, hier eindringen zu wollen; vielmehr hatten sie einfach nur ihr Lager auf einer verlassenen Baustelle aufgeschlagen. Sie schienen erpicht, eine Art Feldfrucht auf einem Stück Erdboden zu züchten, wo der Textilbeton aufgerissen und der Erdboden darunter zum Vorschein gekommen war. Kein ungewöhnlicher Anblick, denn viele mittellose Bürger waren stets auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich die Bäuche zu füllen.

Auf dem Parkplatz kündeten gedrungene Nadelbäume, die aus kleinen Inseln freien Erdbodens zwischen den Fahrzeugreihen wuchsen, von einem der vielen Erfolge der Genbank. Sie gehörten einer vor zehntausend Jahren ausgestorbenen Art an, wiederbelebt durch DNA aus den mumifizierten Eingeweiden eines Riesenfaultiers aus den La-Brea-Teergruben. Das war ein Erfolg, der sich unter der Regierung des Komitees niemals wiederholen würde. Nachdem inzwischen eine der zahlreichen Fokus- oder Bewertungsgruppen des Komitees sie anscheinend als Ressourcenverschwendung eingestuft hatte, schwärzten die Führer der Erde die Genbank öffentlich an. Da die Verlautbarung jedoch vor allem für die Öffentlichkeit gedacht war, fand Saul, dass der wahre Grund etwas Komplizierteres sein musste.

An der Eingangstür zum Gebäude trat er vor den Netzhautscanner und hielt einen Augenblick lang still, während der rote Laser flackernd sein rechtes Auge abtastete. Der Bildschirm des Handflächenlesers leuchtete als Nächstes auf, also legte er die rechte Hand darauf und wartete auf zustimmendes Piepen. Die Prozedur schien ein bisschen zu lange zu dauern, und er spürte, wie ihm allmählich Schweiß auf dem Rücken kribbelte. Vielleicht war Janus noch nicht durchgedrungen, das Komlebewesen, das er von außen ins Sicherheitssystem überspielt hatte, oder seine künstliche Iris litt an einer Störung, oder vielleicht hatte er versehentlich etwas von der multirefraktiven Nanohaut über der Handfläche abgeschabt – jener Beschichtung, die jeweils die Werte in den Scanner reflektierte, nach denen dieser suchte. Oder vielleicht hatte ein Röntgenscanner, von dem er nichts wusste, den Inhalt der Sporttasche identifiziert. Aber nein, mit einem Klicklaut öffneten sich die Schlösser. Die grüne Lampe ging an, und er schob sich durch die Drehtür. In der Eingangshalle kühlte die Klimaanlage den Schweiß in seinem Gesicht, und er wusste jetzt ganz genau, was geschehen war: Selten benutzte Sicherheitsverfahren waren erneut aktiviert worden, weil jemand Wichtiges seinen Besuch angekündigt hatte. Das hatte die Dinge ein klein wenig verzögert.

Während er kurz stehen blieb, um sich ein Namensschild mit Strichcode anzuheften, sah er sich um. Zahlreiche Topfpflanzen reihten sich entlang der Wände, verbunden mit einem Leitungssystem zur Versorgung mit Wasser und Nährstoffen. An einer davon stand aufgerichtet der eiserne Tausendfüßler eines Agrobots, der mit den Vordergliedmaßen totes Material wegschnippelte, um es sich ins Maul zu stopfen, im Körperinneren zu mulchen und in der Folge zu fermentieren, ehe er es wieder in die Töpfe schiss. Da Saul notwendigerweise ein großes Interesse an der sich ausbreitenden Roboterbevölkerung des Planeten entwickelt hatte, wusste er, dass mikroskopische Manipulatoren an den Spitzen der Gliedmaßen des zweiten Sets selbst die kleinsten Schädlinge von der Pflanze pflückten, dass Pin-Laser Pilzbefall herunterbrannten und mikroskopische Sprühköpfe an der Körperunterseite des Agrobots mit sehr spezialisierten Fungiziden und Insektiziden alles aufs Korn nahmen, was noch zurückgeblieben war. Aber selbst eine solche Technik hatte es auf den noch brauchbaren Nutzflächen seit dreißig Jahren nicht mehr geschafft, ausreichend Nahrung zu produzieren.

Türen öffneten sich hinter Saul.

Saul drehte sich um und sah eine Frau eintreten, die stehen blieb und abwartete, bis ihr männlicher Begleiter die Sicherheitskontrolle durchlaufen hatte und ihr folgen konnte. Beide wirkten gedrückt und wie alle Menschen, von den obersten Regierungsbeamten mal abgesehen, zerlumpt und erschöpft, mit schmalen Gesichtern und dunklen Schatten unter den Augen. Sie ignorierten Saul, während sie eilig Kurs auf die Büros nahmen – Empfangspersonal, das sehr gut wusste: Ein Besuch stand bevor, durch den die Einrichtung vermutlich geschlossen und das Personal auf die Straße gesetzt werden würde. Ein Schicksal, das die Menschen vielleicht nicht überlebten.

Sobald die beiden außer Sicht waren, drückte sich Saul eine Fingerspitze an die Schläfe und rief ein Menu in seiner Iris auf. Es erschien als kleines Bildschirmfenster, das scheinbar seitlich vor ihm schwebte. Er fuhr mit dem Finger daran herab, traf mit einem weiteren Druck der Fingerspitze seine Auswahl und suchte weiter. Die Hautnerven an der Schläfe waren mit dem im Knochen darunter implantierten Prozessor verbunden und funktionierten wie eine präzise abgestimmte Computermaus. Endlich fand er die Baupläne für das Gebäude; das Schaubild erschien in einem großen, eckigen virtuellen Fenster, das scheinbar wenige Schritte vor ihm aus dem Boden emporwuchs. Nachdem er sich den Grundriss noch einmal angesehen hatte, schaltete er das Ding ab und ging rasch zu einer nahen Fahrstuhlreihe hinüber, wo er eine Kabine hinab ins Untergeschoss nahm.

Als er den Fahrstuhl verließ, jagte ihm ein unmittelbarer Temperatursturz einen Schauer über den Rücken. Vor ihm erstreckte sich ein langer Flur, dessen Türen sich zu Mapping-Räumen öffneten, von denen man wiederum Zugriff auf den Hauptvorrat aus tiefgefrorenen Zylindern mit den DNA-Proben erhielt, die auf die Kartografierung warteten. Rechts von Saul endete ein kurzer Flur an einer Tür, durch die man Zutritt zur Kombination aus Bibliothek und Kontrollzentrale erhielt. Saul öffnete seine Sporttasche, nahm einen bestimmten Gegenstand heraus, schritt hinüber, öffnete die Tür und trat ein.

Aiden King saß an einer Konsolenbank. Auf einem großen Display darüber liefen Grafiken, die den Fortgang des Mappings wiedergaben. Ein Fenster zeigte etwas, woran er vermutlich gerade arbeitete – eindeutig eine Art Präsentation. Hinter ihm befand sich die Tür zu einer Personaltoilette, daneben ein Automat mit den von der Lebensmittelagentur genehmigten Getränken, zuckerarmer Schokolade und in Plastik gewickelten Sandwiches.

Saul blickte zu einer Überwachungskamera weit oben an der Wand hinauf, aber falls Janus sich noch nicht darum gekümmert hatte, war es jetzt zu spät. King machte gerade Pause und aß ein grau aussehendes Sandwich, wobei er die Füße auf der Konsole liegen hatte. Abrupt senkte er sie auf den Fußboden, warf das Sandwich auf den Teller zurück und setzte sich aufrecht hin.

»Bürger Avram Coran?«, fragte er, offensichtlich überrascht. Der Assessor der Aufsichtsbehörde wurde erst in einer halben Stunde erwartet, aber es kam vor, dass Vertreter des Staates frühzeitig erschienen und damit loslegten, ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen.

»Er ist noch nicht da«, entgegnete Saul sanft und ging auf den Mann zu.

King traf Anstalten, sich zu erheben. Er wirkte immer noch leicht verwirrt, dann sogar völlig perplex, als er den eigenen Namen auf Sauls Namensschild erkannte. Zu spät. In der Luft zwischen den beiden Männern wogte und knisterte Energie. King fuhr hoch, starr wie ein Flaggenmast. Miniaturlichter jagten über seinen Laborkittel und fuhren durch die Schuhe in den Fußboden. King verdrehte die Augen, kippte wie ein stürzender Baum und krachte auf den Rücken, wobei noch Rauchfahnen aus seiner Kleidung aufstiegen und der Geruch von verbrannten Kabeln in der Luft hing.

Saul steckte den Ionenstunner zurück in die Tasche und setzte sich auf Kings Stuhl, noch während der Mann zitternd in Bewusstlosigkeit versank. Ein schnell eingetippter Code eröffnete Saul eine Verbindung zu Janus. Der Bildschirm fiel eine Sekunde lang aus und öffnete ein Display, das Janus’ Einsatzbereitschaft anzeigte. Saul lehnte sich zurück und atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus, fand langsam zur Ruhe und studierte kalt die Grafik einer langsam rotierenden Ammonitenschale.

»Probleme?«, fragte er, nahm Kings Sandwich zur Hand und biss hinein. Es schmeckte ganz gut und enthielt tatsächlich schmale Speckscheiben, die viel zu salzig waren, um von der Lebensmittelagentur genehmigt worden zu sein. Offenkundig stammte das Sandwich also nicht aus dem Automaten hinter ihm.

»Simple Systeme«, antwortete Janus kategorisch. »Leicht zu übernehmen.«

»Also keine Einmischung der Aufsichtsbehörde?«

»Keine – man erwartet dort nicht, dass hier Probleme auftreten. Lediglich der Verlegungsbefehl ist eingegangen.«

»Schon irgendeine Vorstellung davon, wohin das Zeug von hier kommt?«

»Die Daten gehen derzeit an dezentrale Terabytespeicher, um an mehreren Stellen kopiert und konsolidiert zu werden. Wohin sie von dort aus gehen, das muss ich erst noch herausfinden.«

Die Daten bestanden aus Tausenden Terabyte DNA-Karten, wenngleich komprimiert und durch Hyperlinks vernetzt, wo sich in verschiedenen Proben Codes wiederholten. Um die zwanzig Prozent aller irdischen Arten waren bislang kartiert – vor allem die größere Fauna und Flora. Experten hier und in anderen Banken hatten berechnet, dass sechzig Prozent weiterer Proben noch in Lagern der Kartierung harrten und die abschließenden zwanzig Prozent erst noch gesammelt oder überhaupt entdeckt werden mussten.

Die Bestimmung der Daten herauszufinden, das war jedoch nur ein Nebenschauplatz. Saul hatte die Umleitung der Daten nur entdeckt, indem er Recherchen nach Avram Coran anstellte, der der Hauptgrund dafür war, dass Saul hier eingedrungen war. Coran hatte einen hohen Rang in der Geschäftsführung der Aufsichtsbehörde für Kontinentaleuropa inne, hatte jedoch noch niemals das HQ der Aufsichtsbehörde in London aufgesucht, sodass man ihn dort nicht kannte. Als Saul festgestellt hatte, dass Coran hier in einer Einrichtung mit solch unzulänglichen Sicherheitsvorkehrungen erwartet wurde, gelangte er zu dem Schluss, dass er die Gelegenheit nicht versäumen durfte. Obwohl es sich bei Coran enttäuschenderweise nicht um den Verhörleiter handelte, den Saul am dringlichsten zu treffen bestrebt war, so war er doch für seine Zwecke perfekt geeignet. Wäre er derjenige gewesen, der Saul in seinen Albträumen heimsuchte, hätte das den Einsatz hier aufgewertet, aber auch das wäre wiederum nur ein Nebenkriegsschauplatz gewesen.

»Wie steht es um die physischen Proben?«

»Im Govnet nichts zu finden. Ich habe versucht, das Subnet zu durchstöbern, ob jemand der am physischen Transport Beteiligten die Verlegung erwähnt hat, bin aber bislang nicht fündig geworden.«

»Es dürfte kaum wahrscheinlich sein, dass ein Transvan-Fahrer ein loses Mundwerk entwickelt, denkst du nicht?«, wandte Saul ein. »Zu viel Neugier im Hinblick auf staatliche Aufträge zu zeigen, das führt gewöhnlich zu Induktionen in einer mit weißen Kacheln ausgekleideten Zelle.«

Saul war überzeugt, dass der menschliche Verstand die Auswirkungen des Schmerzinduktors nicht richtig verarbeiten konnte, was der Aufsichtsbehörde zupass kam, da es die sensorische Neuprogrammierung erleichterte. Nach einigen Monaten einer solchen Behandlung wurden Dissidenten entweder als verängstigte und gehorsame Roboter wieder in die Gesellschaft eingegliedert, oder sie waren zu sehr geschädigt, um überhaupt noch zu funktionieren. Wenn Letztgenannte Glück hatten, erhielten sie einen Aufenthalt in einer Klinik zur »sicheren Abreise« spendiert, wonach sie die Schredder durchliefen, welche die Komposttanks der Gemeinde speisten. Wer weniger Glück hatte, landete in der Müllverbrennung und war, wie Saul sehr wohl wusste, oft noch am Leben, wenn man ihn hineinwarf.

»Die weißen Kacheln drücken nur menschliches Gehabe aus«, stellte Janus fest. »Und die Induktoren wird man bald nicht mehr brauchen.«

Saul starrte auf den rotierenden Ammoniten. Tausende Dissidenten waren nach den gescheiterten Experimenten der Euthanasie anheimgefallen, aber inzwischen war die Technik beinahe einsatzbereit. Bald würde die Aufsichtsbehörde in der Lage sein, den Verstand eines Menschen wie eine Computerdatei zu bearbeiten, kopieren und verschieben. Hannah Neumann war der mit all dem verbundene Name – eine weitere Person, der Saul nur zu gern mal begegnen würde. Janus hatte sie ausfindig gemacht, als er eine angeblich gesicherte Datenbank knackte, um herauszufinden, wer am ehesten dafür verantwortlich gewesen war, die Hardware in Sauls Schädel zu installieren – und er hatte herausgefunden, wie die Aufsichtsbehörde Neumanns Arbeit nutzte. Was Saul jetzt jedoch auf dem falschen Fuß erwischt hatte, das waren Janus’ Worte von »menschlichem Gehabe«.

Was ist eine künstliche Intelligenz? Janus, ein Gefüge aus synaptisch formatierter Software, bildete die Beinahe-Kopie eines menschlichen Verstandes, aber mit sensorischen Portalen ausgestattet, die es ihm erlaubten, verstreut und versteckt im Govnet zu existieren. Janus verfügte über nur das an Erinnerungen, was er in den zwei Jahren seit seiner Initialisierung aufgenommen hatte, aber die KI wuchs fortwährend und veränderte dabei ihr Vokabular und ihre Reaktionen. Saul glaubte, dass er selbst Janus geschaffen hatte, denn die Kenntnisse, die er mitbrachte, schienen zum Gebiet der Computersysteme zu gehören. Er vermutete außerdem, dass Janus eine riskante Option darstellte, aber er hatte mit ihm nichtsdestoweniger einen Vorsprung. Die Aufsichtsbehörde arbeitete mit Sicherheit daran, ein Komlebewesen dieser Art zu konstruieren, das Janus letztlich aufspüren würde. Saul blieb so nur begrenzt Zeit zu erfahren, wer er war, seinen Verhörleiter zu finden und Vergeltung am Komitee zu üben.

»Der Assessor der Aufsichtsbehörde trifft gerade ein«, meldete Janus und öffnete ein Fenster auf dem Hauptmonitor, worin der Dachlandeplatz der Genbank zu sehen war.

Coran war mit einem Flugwagen eingetroffen – nur staatliche Dienststellen schickten ihre offiziellen Vertreter mit solchen aerofan-getriebenen Kreationen durch die Gegend, hergestellt aus im Orbit angefertigten stark belastbaren Blasenmetallen und Keramofaktur-Wasserstoffmotoren. Der schwindende Vorrat an Hightech-Werkstoffen machte derlei Fahrzeuge zu einer teuren Wahl. Janus schaltete auf Nahaufnahme, als das Fahrzeug in einer Staubwolke aufsetzte und die Fahrgäste ausstiegen. Eine Vollstreckungsbeamtin der Aufsichtsbehörde, die sowohl Corans Fahrerin als auch seine Leibwächterin war, begleitete ihn.

Saul verfügte nach wie vor über ausreichende Kenntnisse der Weltgeschichte, um zu wissen, dass die Aufsichtsbehörde in der Vergangenheit Gegenstücke gehabt hatte, die ihr nahekamen. Ihren Anfang bildete eine Kombination aus Gestapo und Waffen-SS – Geheimpolizei, Verhörspezialisten, Leute, die die richtige politische Meinung mit allen Mitteln durchsetzten. Zunächst hatte sie sich auf das eigene Heimatterritorium beschränkt – die staatlichen Ämter, Gefängnisse und Anpassungskomplexe –, aber dann weitete sich ihr Zuständigkeitsbereich fortlaufend aus, wie es schon bei Himmlers schwarz uniformierter Truppe gewesen war. Anders jedoch als Himmlers Truppe hatte sie ausreichend Zeit erhalten, die Polizeikräfte, Armeen, Flotten und Luftwaffen der Welt zu übernehmen und zu integrieren, sodass sich ihre Aufgaben jetzt auch auf Sicherheit, Rechtsdurchsetzung und Polizeiaktionen erstreckte, bis hin zum Einsatz taktischer Atomwaffen. Für die meisten Zivilisten war die Aufsichtsbehörde jedoch für immer mit dem plötzlichen Hämmern an der Tür mitten in der Nacht assoziiert und dem sich anschließenden Verschwinden von Verwandten und Freunden.

Coran war in einen der teuer aussehenden grauen Anzüge gekleidet, wie man sie an der Spitze der Aufsichtsbehörde schätzte. Er führte natürlich auch modernste Komware mit: Ohrhörer, die via Optik mit Schläfensteckern verbunden waren, Palmtop an der Hüfte und zweifellos Kameras und Netzhautprojektoren direkt in den Augen. Coran war klein und stämmig. Saul vermutete, dass er nachts Muskeltonusprogramme laufen hatte, ergänzt durch die Art Steroide, die der Öffentlichkeit verwehrt blieben. Er schien um die dreißig zu sein, aber da plastische Chirurgie und die neuen alterungshemmenden Medikamente Leuten seines Standes auch zur Verfügung standen, war er vielleicht älter. Während Saul den Mann betrachtete, spürte er die Enttäuschung wie einen Spannungsknoten im Bauch. Coran war sicher nicht Sauls ehemaliger Verhörleiter. Sein Gesicht gehörte auch nicht zu denen, die in den zurückliegenden zwei Jahren – der Gesamtdauer seines erinnerten Lebens – aus Sauls Unterbewusstsein heraus Gastauftritte hinlegten. Egal, Coran war offenkundig jemand ihres Schlages. Ein solcher Amtsträger war genau das, was Saul brauchte, um Zutritt zu den Zellen des britischen Hauptquartiers der Aufsichtsbehörde drüben in London zu erhalten.

Saul sprang vom Stuhl hoch, bückte sich, hob King an den Schultern an, zog ihm den Laborkittel aus und zog ihn sich selbst über. Danach zerrte er King auf die Toilette. Er hob ihn auf den Toilettenstuhl, lehnte seinen Kopf an die Leitung der Hygienespülung, verschloss die Kabine von innen und kletterte oben aus ihr heraus. Er verließ gerade die Toilette und knöpfte sich dabei den Kittel zu, der glücklicherweise weit genug war, um eine gewisse Bewegungsfreiheit zu gewährleisten, als Janus bekannt gab: »Nachricht von Sharon Thader. Ich überlagere dein Gesicht mit dem Aiden Kings.«

Saul setzte sich schnell wieder auf den Stuhl, als ihm ein Bildschirmfenster auch schon das Videobild aus dem weiter oben gelegenen Büro Thaders zeigte. Sie war die Managerin der Einrichtung – eine dunkelhäutige, müde wirkende Frau mit schlecht aufgetragenem Make-up.

»Aiden«, sagte sie, »Assessor Coran ist auf dem Weg zu dir. Du musst ihn in jeder Weise unterstützen.« Sie blickte argwöhnisch zur Seite. Coran hatte ihr Büro offenkundig gerade verlassen. Sie redete jetzt in verzweifelter Eile weiter. »Tu, was er sagt, oder wir stecken alle in Schwierigkeiten. Margot Le Blancs Bewertungsgruppe prüft gerade meinen Einspruch. Wir können darauf hoffen, dass wir im schlimmsten Fall nur einige Daten und Proben verlieren, ehe der Sache Einhalt geboten wird.«

»Hoffen wir es«, sagte er.

Ihnen blieb hier nur die Hoffnung, eine eitle Hoffnung. Die Delegierte der Französischen Region, Margot Le Blanc, gehörte zu den fünfhundertsechzig Delegierten des Komitees und war eine Karrierepolitikerin, die sich der Gunst des Vorsitzenden Messina erfreute. Sie würde nichts tun, was ihre Position gefährdete.

Thader musterte ihn mit seltsamer Miene, ehe sie die Verbindung trennte. Offenkundig hatte er nicht die erwartete Reaktion gezeigt, aber sie hatte das Gespräch nicht fortgesetzt. Es war immer am besten, wenn man über Videofon nicht zu viel sagte.

Saul kramte in seiner Sporttasche und nahm diverse Objekte heraus, die er am Körper unterbrachte. Die Chirurgensäge ließ er jedoch zurück und beförderte die Tasche mit einem Fußtritt unter die Konsole, als auch schon die Tür geöffnet wurde.

Nach seiner Leibwächterin trat Avram Coran ein. Saul wandte sich ihm zu und zeigte eine höflich-hilfsbereite Miene.

»Bürger Aiden King«, nahm ihn Coran zur Kenntnis, musterte ihn kurz und richtete den Blick auf das große Display. Coran war King nie begegnet, wie Saul wusste, obwohl stets die Gefahr bestand, dass der Mann die Personalakten studiert hatte, ehe Janus damit loslegte, sie zu manipulieren. Corans mangelnde Reaktion verriet jedoch, dass er das nicht getan hatte. »Ist Ihnen bekannt, warum ich hier bin?«

»Um sicherzugehen, dass die Datenverlagerung und die physische Verlagerung der Proben ihren Lauf nehmen, und um eine Einschätzung des Ressourceneinsatzes in der Genbank vorzunehmen und dem Komitee Meldung zu machen«, plapperte Saul die offizielle Erklärung nach. Im Grunde war jedoch nicht ganz klar, warum man jemanden von Corans Rang geschickt hatte. Wie es schien, hatten die Schließung des gesamten Genbank-Unternehmens, von dem die hiesige Einrichtung nur eine Zweigstelle war, sowie die Verlagerung ihrer Ressourcen, Datenbank und Genmaterialvorräte, eine Bedeutung, aus der Saul erst noch schlau werden musste. Coran war hier, um im Untergeschoss zu beginnen und sich nach oben vorzuarbeiten, um alles stillzulegen und den Beschäftigten einzeln neue Befehle zu erteilen. Alle Beschäftigten waren angewiesen, an ihren Arbeitsplätzen zu bleiben; sogar Thader hatte vermutlich den Befehl erhalten, an ihrem Schreibtisch im Penthouse-Büro sitzen zu bleiben.

Coran schüttelte über Sauls scheinbare Naivität den Kopf. »Ich denke doch, dass das Komitee mit seiner Zeit Wichtigeres anfangen kann, oder nicht?«

»Gewiss«, pflichtete ihm Saul bei. »Ich wollte sagen, dass Sie der Bewertungsgruppe Meldung machen. Verzeihen Sie.«

»Wenn Sie mir das bitte erklären würden?« Coran deutete auf das Display.

Da er es hier mit einem wichtigen Mann zu tun hatte und in seiner Gegenwart nach wie vor saß, stand Saul auf, aber er musste sich ein bisschen zu abrupt bewegt haben, denn die Leibwächterin baute sich sofort zwischen ihm und ihrem Schützling auf.

Man sah ihr Aufrüstungen noch stärker an als Coran. Sie ragte über ihm auf. Das meiste von dem, was an ihr weiblich war, wurde durch Muskeln und subdermale Panzerung überdeckt. Helle, kurz geschnittene Haare krönten eine hohe Stirn über reptilienhaften Transplantataugen. Die Metallstreben kybernetischer Bewegungsunterstützung zogen sich ihr über die Handrücken. Saul konnte nicht umhin, sich zu fragen, was jemanden bewegte, sich mit einem so hässlichen Ergebnis sichtbar aufzurüsten. Welche Art von Selbstachtung war ihr eigen gewesen, ehe sie zuließ, dass man ihr so etwas antat? Wie sah ihre Selbsteinschätzung heute aus?

Sie trug die übliche Kluft aus blassblauer Uniform, Mütze mit Visier und kugelsicherer Jacke. An ihrem Gürtel hing das übliche Werkzeugarsenal: der Zylinder eines Teleskopschlagstocks, eine Ionentaser-Stunpistole, eine vollautomatische Pistole und eine Auswahl Gasgranaten. Ein weiteres Stück an ihrem Gürtel machte Saul stutzig. Es war ein fünfzehn Zentimeter langes Gerät mit eckigem Querschnitt. Die schlichte Schieberegler- und Druckknopfsteuerung war unter einem kleinen Bildschirm eingebaut, der an ein Apfelsinenstück erinnerte: Das war ein Deaktivator – eine tragbare Version des Schmerzinduktors, wie man ihn in den weiß gekachelten Zellen der Aufsichtsbehörde benutzte oder auch von Lkws aus, wenn Aufstände niederzuschlagen waren. Hätte er noch Vorbehalte gehegt, das umzusetzen, was er jetzt plante, hätte spätestens der Anblick des Deaktivators sie ihm ausgetrieben. Saul hegte nur selten Vorbehalte.

»Das ist okay, Sheila. Der Bürger soll mir ruhig zeigen, was sie hier haben.«

Während die Leibwächterin zurückwich, wandte sich Saul der Konsole zu und bemerkte nebenbei, wie Coran sich aus seiner Reichweite entfernte. Obwohl natürlich in den staatlich kontrollierten Nachrichten im Govnet nichts davon verlautete, hatte sich doch im Subnet – zu den wenigen Gelegenheiten, in denen es funktionierte – eine Menge Klatsch verbreitet, dass Angriffe auf Staatsvertreter wie Coran häufiger wurden, denn die Menschen waren verzweifelt. Seit der unblutigen Annexion Australiens vor vierzig Jahren fand man keinerlei Fluchtpunkt mehr, konnte man nicht mal mehr von einer Flucht träumen, und direkt danach hatten sich die Verhältnisse drastisch verschlechtert. Besonders seit die Erdregierung, das Komitee, das Recht auf Anonymität im elektronischen Wahlsystem abschaffte, hatte die Demokratie ihren letzten asthmatischen Atemzug getan. Das war jedoch nur Politik und wäre mit der üblichen Selbstgefälligkeit des Bürgers ignoriert worden, hätten nicht genau diese Bürger jetzt in großer Anzahl zu hungern begonnen und wäre das Komitee nicht zu glattem Mord übergegangen.

Saul rief die Präsentation auf, an der King gearbeitet hatte, und legte sie auf den kompletten Bildschirm. Man sah einige eingescannte Zeitungsartikel, die bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreichten. Aus dem Stegreif erklärte er: »Die erste Genbank, wie wir sie verstehen, entstand im zwanzigsten Jahrhundert als Reaktion auf das konstante Aussterben der Arten, obwohl natürlich Samenbanken schon viel länger und aus ganz anderen Gründen existierten. Erst in den zurückliegenden hundert Jahren haben wir jedoch gemeinschaftliche Anstrengungen unternommen, Genproben jeder überlebenden Art zu sammeln. Unser festes Ziel ist es, eine komplette Genbank alles Lebens auf der Erde anzulegen.«

Coran hob eine Hand. »Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass ich kein Tourist bin und deshalb auch nicht an einer Fremdenführung teilnehme. Verstehe ich es richtig, dass Sie Museumsstücken ausgestorbener Tiere Proben entnehmen konnten und dass weitere Ausgrabungen finanziert wurden, um Proben der prähistorischen Arten aus den La-Brea-Asphaltgruben zu holen?«

»Ja.« Saul nickte. »Wir schicken außerdem Wurmbots in das Eis der Antarktis und der Arktis, und dann haben wir da noch die chemische und genetische Rekartierung.«

»Rekartierung – das wäre die Methode, um den genetischen Code von … Dinosauriern zu gewinnen?«

»Nicht nur Dinosauriern, sondern allen prähistorischen Lebensformen, die wir finden können.«

Coran nickte langsam. »Was mir als eine Abweichung von Ihrem Aufgabengebiet erscheint, ja?«

Saul unterdrückte zynische Erheiterung, die in ihm züngelnd das Haupt erhob. Hier stand ein Mann vor ihm, der für eine Organisation arbeitete, die Hunderttausende zur Anpassung geschickt hatte. Die Experimente zur Hirnprogrammierung bewilligt hatte, bei denen viele lobotomisiert wurden, und die außerdem die Aufsicht über viele gar nicht so geheime Exekutionen verschiedener »Dissidenten« führte. Trotzdem schien er nach einer Ausrede zu suchen, um die Genbank zu schließen. Aber so arbeiteten nun mal Leute wie Coran: Durch seine Vision eines übergeordneten Wohls wurde alles gerechtfertigt, sogar Mord.

Saul ging der Gedanke durch den Kopf, dass er selbst vielleicht gar nicht so verschieden dachte.

»Es bringt zahlreiche Vorteile mit sich, wenn man die Genome ausgestorbener Arten kartiert. Wir verfügen inzwischen über die Technik, das Aussterben rückgängig zu machen«, stellte er fest und kam damit auf den Kern der Sache zu sprechen. »Derzeit züchtet eine Abteilung der Weltgesundheitsforschung eine Flechte, die vor zwanzigtausend Jahren ausstarb. Sie wiederum produziert chemische Verbindungen, die für neuere Medikamente gegen Alterserscheinungen benutzt werden können.«

Coran zuckte die Achseln. »Möglicherweise ein greifbarer Vorteil, aber was nützt es, die DNA von solchen Kreaturen in Eis zu lagern?« Er deutete auf den Bildschirm.

Saul folgte dem Fingerzeig auf eine Bildschirmdarstellung, die inzwischen neue Inhalte zeigte.

Der letzte Tiger war vor vierzig Jahren im Londoner Zoo gestorben, aber die Genbank bewahrte noch immer Proben von jeder Tigerart auf, in die sie in den fünfzig Jahren zuvor jemals eine Nadel hatte stecken können, und hatte die DNA erfolgreich kartiert. Die Genbank verfügte über digitale Pläne der Essenz des Tigers und konnte unter Einsatz künstlicher Gebärmütter die Art in allen ihren Variationen wieder zum Leben erwecken. Der Tiger war eine fantastische Erfolgsgeschichte für die Einrichtung, was zweifellos der Grund war, warum King ihn für die Präsentation ausgesucht hatte. Sauls zynische Erheiterung nahm weiter zu, da er schon wusste, was nun kam.

»Wie genau«, legte Coran los, »können Sie die Aufwendung von Millionen Euro rechtfertigen, nur um eine solche Art zu retten? An welche Stelle genau passt ein solches Alpharaubtier in die Gesellschaft, die wir heute aufbauen?«

Eine richtig nette Gesellschaft, wie Saul fand. Natürlich führte man keine Kriege mehr, sondern führte Polizeiaktionen aus, obwohl der benutzte Schlagstock manchmal etwa eine Kilotonne wog und die Bestatter Schutzanzüge tragen mussten. Obwohl die Weltbevölkerung die achtzehn Milliarden übersteigt, hungert niemand, weshalb auch ganz gewiss keine Hungeraufstände stattfinden – lediglich ›Aktionen von Dissidenten‹. Aufruhr fand nicht mehr statt oder endete genauer gesagt jedes Mal unvermittelt, sobald die Aufsichtsbehörde anstelle von Wasserwerfern ihre Schmerzinduktoren einsetzte, um die Menge zu einem zappelnden schreienden Chaos zu reduzieren, während die Hirten losgeschickt wurden, um die Rädelsführer in ihre klebrigen Tentakel zu wickeln. Die Ideologie des Komitees war ökologisch solide, und Gerüchte über die Probleme bei den nordafrikanischen Entsalzungsanlagen waren unzutreffend. Fische schwammen im Libyschen Meer und dem südlichen Mittelmeer – was durch Bilder bewiesen wurde. Die Sahara war inzwischen grün – auch dazu fand man Bilder. Und hat nicht vor gerade mal einem Monat der Vorsitzende Alessandro Messina selbst gesagt, dass wir mehr Freiheit genießen als je zuvor? Nachdem Politbeamte der Gemeinschaft erst vergangenes Jahr eine Studie durchgeführt hatten, die das bewiesen hatte. Auch die Presse genoss inzwischen mehr Freiheit, da sie vom Staat betrieben wurde und nicht mehr an finanzieller Not litt. Menschen verschwinden nicht, seht ihr? Sie kommen immer zurück, um ein Loblied auf das Komitee zu singen.

»Wenn die Kolonisierung des Sonnensystems weiter ihren Lauf nimmt, haben wir vielleicht eines Tages hier Platz für Tiger«, deutete Saul an, obwohl er wusste, dass die Wahrscheinlichkeit dafür nicht größer war als die Singapurs, wieder aus dem radioaktiven Salzwassersumpf aufzutauchen, in den es sich vor fünfzig Jahren verwandelt hatte.

Die gigantische und kontinuierlich wachsende Bürokratie des Komitees war ein hungriges Monster. Sein Hunger schien in jüngeren Jahren so heftig geworden zu sein wie die der Bürger, über die es regierte. Obwohl anscheinend immer gute Nachrichten aus dem Weltraum eintrafen, wurden die Mittel für Projekte jenseits einer Erdumlaufbahn kräftig zusammengestrichen. Das war für die Basis Antares auf dem Mars eine besonders schlechte Nachricht. Die Kolonisten würden von dort nicht mehr zurückkehren, sofern sie sich nicht als sehr erfinderisch erwiesen. Innerhalb von fünf Jahren würden sie alles Lebensnotwendige verbraucht haben und sterben.

Coran gestattete sich ein überlegenes spöttisches Lächeln. »Ich würde mir jetzt gern die Kartierungscomputer ansehen.«

»Sicher«, sagte Saul. Sein Bauch verspannte sich aufs Neue, da sie jetzt den Punkt erreicht hatten, wo das Gespräch ein Ende finden würde. »Gestatten Sie mir, Ihnen den Weg zu zeigen.« Er lächelte die Leibwächterin an und breitete die Hände zu den Seiten aus, während er um sie herumging und Coran zur Tür führte.

Er ging auf den Flur hinaus, rief erneut die Baupläne des Hauses auf und überlagerte sie mit den von Janus auf dem Laufenden gehaltenen Echtzeitdaten. Das erste Zimmer links bot direkten Zugang zum Hauptlager der Probenzylinder. Ein automatisches System sammelte sie nacheinander ein und leitete sie zu den Kartierungsmaschinen in ihren separaten Zimmern. Sobald der Inhalt eines Zylinders kartiert war, wanderte der Zylinder zurück ins Lager. Sobald sämtliche Proben in dem Lager kartiert worden waren – was gewöhnlich einen Zeitraum von bis zu einem Jahr beanspruchte –, sammelte ein Kühltransvan sie ein und brachte sie in ein größeres Lager bei Paris, von wo aus die Bestände wieder aufgefrischt wurden. Nur dass das Lagerhaus bei Paris inzwischen leer stand, da solche Einrichtungen geschlossen wurden und die Genprobenzylinder an neue Bestimmungsorte gingen, die niemand kannte.

»Ich nehme gerade die Zylinder aus einer Reinkiste«, informierte ihn Janus über das hinter dem Ohr implantierte Knochenfon und übermittelte ein weiteres Schaubild, diesmal von einem Menschenkörper, dessen Aufrüstung hervorgehoben und beschriftet war. Wie Saul gedacht hatte, verfügte die Leibwächterin Sheila über einige besondere Zutaten, aber das dürfte ihn bei seinem Vorhaben nicht vor Probleme stellen.

Er ging voraus in das erste Zimmer.

»Das läuft vollautomatisch«, erklärte Saul, deutete auf den dicht gedrängt stehenden Maschinenpark und ging hinüber zu einer Glasvitrine am Kartografen. Darin lag ein Zylinder aus gebürstetem Aluminium auf der Seite: einen halben Meter lang und von zehn Zentimetern Durchmesser. Aus einem Ende ragten schichtweise Segmente, getrennt durch dünnere Schichten Isolierschaum, alle entlang einer einzelnen Stange ausgerichtet. Während die drei Personen zusahen, senkte sich ein Arm mit einem Miniaturgreifer am Ende auf eines der Segmente herab, das herumglitt und ihm so eine Probe anbot. Der Greifer schloss sich um ein dünnes Glasröhrchen und holte dieses hervor, schwenkte es zur Seite, deponierte es in einem Kasten, der am eigentlichen Kartografen hing, und gab es dort frei. Der Kasten klappte nach oben in die Kartierungsmaschine und rotierte, bis er außer Sicht war.

»Es hat damals im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert Jahre gedauert, das menschliche Genom zu entschlüsseln«, erläuterte Saul. »Wir haben seitdem einige Fortschritte gemacht und können den gleichen Vorgang heute in Tagen durchführen.«

»Es ist jedoch noch immer ein teurer Vorgang«, stellte Coran fest. »Ich habe mir die Analysen angesehen. Die Kartierung einer einzelnen Probe kostet über achthundert Euro – entsprechend dem Gemeindekredit, den eine Standardfamilie in einer Woche erhält.«

»Gewiss«, pflichtete ihm Saul bei, konnte sich jedoch den Zusatz nicht verkneifen: »Oder die ungefähren Pro-Kopf-Kosten eines Personaldinners der Aufsichtsbehörde.« Ohne sich umzudrehen und nachzusehen, wie Coran darauf reagierte, ging er zur Tür am anderen Ende des Raums, die in das Hauptlager führte, wuchtete den Hebel nach unten und drückte sie auf. Kalte Luft fuhr heraus. »Das ist unser Hauptlager.«

»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir Ihre Einstellung gefällt«, bemerkte Coran schnippisch, während er Saul auf den eiskalten Gang zwischen den eingelagerten Kisten folgte.

Ladebots, die hier arbeiteten, standen an der diesseitigen Wand aufgereiht wie Reiher aus Stahl und Plastik und beluden oder entluden die Förderbänder, die zu den Kartierungsräumen führten. Ein einzelner weiterer Roboter stand an der Rückwand des Lagers. Er hatte eine der großen Kisten mit abgerundeten Ecken aus dem Regal an der Rückwand genommen, packte in gleichmäßigem Tempo den Inhalt aus und stellte die Probenzylinder ordentlich daneben auf, als wären es Kegel. Ein solch flottes Auspacken stellte hier nicht das übliche Verfahren dar, aber Saul bezweifelte, dass es Coran auffallen würde. Saul ging zu der Kiste hinüber, starrte sie für einen langen Augenblick an und ballte die Fäuste. Denn drehte er sich unvermittelt um. Angesichts der Vertrautheit, die er bei ihrem Anblick empfand, war ihm ein Schauer über den Rücken gelaufen, denn sie ähnelte sehr seiner Kiste.

»Was Ihnen gefällt oder nicht, das ist mir vollkommen gleichgültig«, stellte er ruhig fest.

Die Leibwächterin war vor Coran eingetreten und hatte sich nach rechts bewegt. Ihre Aufmerksamkeit war zu der Reihe der Roboter abgeschweift. Saul wartete, bis sowohl sie als auch Coran ihm näher als zwei Meter gekommen waren, und deutete zur Tür hinter ihnen.

»Das interessiert mich«, ergänzte er.

Was nur ein Ablenkungsmanöver war.

Coran drehte sich um und sah hinter sich, aber nachdem die Leibwächterin die Roboter als potenzielle Gefahrenquelle eliminiert hatte, konzentrierte sie sich wieder ganz auf Saul. Dunst und elektrisches Knistern breiteten sich aus, als Saul seinen Stunner mit voller Ladung abfeuerte. Die Leibwächterin stolperte, ging jedoch nicht zu Boden, da die durch ihre Uniform gefädelten Kupferdrähte die Ladung durch die Stiefel jagten. Als Coran gerade Anstalten traf, sich Saul wieder zuzuwenden, trat der auf ihn zu, und hämmerte ihm die rechte Handkante in die Kehle. Coran krachte in das Regal hinter ihm, konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und klappte würgend zusammen.

Noch während Coran zu Boden ging, hatte sich die Leibwächterin erholt und stürmte vor, den Teleskopschlagstock schon gezückt und ausgefahren. Im Drehen ließ Saul den Stunner fallen und trat ihr ins linke Knie, worauf sie leicht taumelte. Dann setzte er mit dem ersten Karateschlag in ihren Solarplexus nach. Das brachte sie mit Wucht zum Stehen, aber die subdermale Panzerung und das kugelsichere Top absorbierten den größten Teil der Schlagenergie.

Ein grauenhaftes Lächeln erschien in ihrem Gesicht. Saul hatte einen Assessor der Aufsichtsbehörde und sie selbst angegriffen, sodass die Samthandschuhe aus dem Spiel waren und sie eine extreme Reaktion rechtfertigen konnte. Das Grinsen verschwand jedoch wieder, als Sauls zweiter Schlag ihr die Nase flachhämmerte und sie ein Stück weit zurücktrieb. Sie holte mit dem Schlagstock aus, aber er nahm den Kopf gerade ausreichend weit zurück, damit ihr Hieb ins Leere ging. Dann setzte er mit einem Faustschlag an ihren oberen Brustkorb nach, direkt unter der Achselhöhle, wo sie weniger stark geschützt war, packte sie am rechten Handgelenk, zog sie heran und stieß ihr das Knie in die Leiste und einen Ellbogen ins Gesicht, gefolgt von einem wuchtigen Tritt auf den Spann des Fußes. Sie konnte einen linken Haken in seinen Bauch landen, den er einsteckte, ehe er ihr die Stirn direkt an die schon gebrochene und blutende Nase hämmerte. Dann schob er sich von ihr zurück.

Es schien vorbei zu sein, denn solche Verletzungen konnte sie nicht wegstecken und somit keine der weiteren Waffen ziehen, die sie am Gürtel trug. Sie ließ den Schlagstock fallen und griff nach dem Deaktivator, um ihn einzusetzen. Plötzlich weiteten sich ihre Augen, als sich die Zylinderklammern eines Ladebots um ihren Hals schlossen, sich seine zwei Kieferpaare hydraulisch schlossen – eines direkt unter ihrem Unterkiefer und das andere zwei Zentimeter tiefer – und er sie vom Boden hob. Sie trat einen Augenblick lang aus und versuchte, die Klammern zu packen, aber sie gruben sich ihr schon zu tief ins Fleisch hinein.

Mit letzter Kraft versuchte sie, die vollautomatische Pistole zu ziehen. Zu spät. Ein grausiges Knirschen ertönte, als sich die obere Klammer zehn Zentimeter weit seitwärts bewegte und ihr so das Genick brach. Einen Moment lang hing sie zitternd im Griff des Roboters und sackte dann leblos zusammen.

Saul wandte sich erneut Coran zu, der sich inzwischen wieder auf Hände und Knie hochgestemmt hatte und dabei nach wie vor würgte. Der Winkel von Sauls Hieb hatte nicht ausgereicht, um ihm den Kehlkopf zu zertrümmern oder den Hals so stark zu verletzen, dass er durch die Schwellungen entweder bewusstlos wurde oder starb.

»Du hättest deine Schusswaffe benutzen sollen«, tadelte Janus Saul. »Du hast dich unnötig in Gefahr gebracht.«

Saul drückte die Hand auf die Automatik, die er noch immer verdeckt unterm Laborkittel trug. Das Magazin enthielt zehn hülsenlose panzerbrechende Keramikgeschosse, die Sheilas Jacke und subdermale Panzerung glatt durchschlagen hätten.

»Das hätte eine Schweinerei angerichtet«, entgegnete er. »Ich mag keine Schweinerei.«

»Die eiskratzenden Reinigungsbots hätten aufgewischt.«

»Trotzdem«, sagte Saul, dem klar wurde, dass der Anblick der Kiste ihn stärker beeinflusst hatte, als er zugeben wollte, und dass die dadurch geweckten Erinnerungen der Grund waren, warum er die Hände benutzt hatte.

Coran gelang es, den Blick der blutunterlaufenen Augen zu ihm zu heben. Saul überlegte, ob er den Kopf des Mannes auf den Boden hämmern sollte, aber er wollte Corans Gesicht nicht beschädigen. Er trat ihn wieder flach auf den Boden, drückte ihm den Fuß in den Rücken, packte seine beiden Arme und zog sie aufwärts, wodurch er ihm das Rückgrat brach. Als Nächstes drehte er Coran um, das Gesicht nach oben, legte ihm eine Hand auf den Mund und kniff ihm die Nase zu. Wenig später war alles vorüber.

Sein Atem ging in der kalten Luft nur wenig schneller. Er unterbrach sein Tun und starrte die beiden an, deren Leben er so schnell ausgelöscht hatte. Er versuchte, etwas zu empfinden, fand aber nichts, bückte sich, um Corans Leiche aufzuheben, und packte sie in die jetzt leere Kiste. Als Nächstes holte er einen Teil seiner übrigen Ausrüstung aus der Tasche – ein Skalpell und die Art kleiner kombinierter Such-und-Prüf-Apparate, wie sie in Krankenhäusern für ID-Implantate benutzt wurden – und wandte sich der immer noch im Griff des Roboters hängenden Frau zu. Er krempelte ihr den Ärmel hoch, fand alsbald die Stelle am rechten Unterarm, wo das ID-Implantat steckte – eine kleine Kugel Hardware von etwa zwei Millimetern Durchmesser. Nachdem er einen Schnitt rings um eine subdermale Platte unter ihrer Haut ausgeführt hatte, klappte er sie auf, um an das Objekt darunter zu gelangen.

»Wirf sie in die Kiste«, sagte er laut und drückte das Implantat ins Prüfgerät. Das Implantat dürfte nicht beschädigt worden sein, und entsprechend ging es bei der Prüfung nicht um diese Frage. ID-Implantate schalteten sich ab, wenn sie lange genug außerhalb eines menschlichen Körpers blieben, aber das Prüfgerät würde das Exemplar im aktiven Zustand halten.

Auf seinen Gummilaufketten rollte der Ladebot, der die Frau hielt, zur Kiste hinüber und warf die Leiche auf die Corans. Saul verwandte einige Augenblicke darauf, die Gliedmaßen der beiden so zu arrangieren, dass er den Deckel zuschieben und den Verschluss einschalten konnte. Ja, es war eine Kiste gewesen, eine kleinere, wenn das Gedächtnis ihm keinen Streich spielte – aber in genau solch einer Kiste war er zur Welt gekommen.

Der Übergang ins Bewusstsein hatte sich in die Länge gezogen. Saul wurde in Dunkelheit geboren, der Kopf voller Erinnerungen an Schmerzen – eine chaotische Montage aus körperlichen Verletzungen, die ihn zu etwas reduziert hatten, was kaum noch mehr war als blutiges und verbranntes Fleisch an der Schwelle des Todes – und an den, der ihn verhört hatte. Saul sah ihn deutlich vor sich, einen Mann in einem engen, hellen Anzug, der an der von Steroiden aufgemotzten Gestalt beinahe aus den Nähten platzte, einen Mann mit glänzendem Diamantknopf im Ohr, mit feucht zurückgekämmten schwarzen Haaren, das Raubvogelgesicht mit einer Miene tiefer Sorge, die sich nicht auf die glänzenden blauen Augen erstreckte. Saul erwartete, dass der Mann auf seine übliche verschachtelte und politisch korrekte Art über »Verrat« faseln würde, über »den Zweck, dem wir dienen« und das »einfache Volk«. Er rechnete mit der Rückkehr der Schmerzen. Die Erinnerung daran spannte seinen Körper an, bis er hart wie Eisen war.

Und doch weigerten sich die Schmerzen jetzt hartnäckig, spürbar zu werden. Schließlich beugte er die Finger. Sie fühlten sich okay an; er öffnete den Mund, fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und verlagerte den Rest seines Körpers in dem engen Ein-Meter-Kubus, in dem er sich wiederfand. Nach wie vor spürte er keine Schmerzen, obwohl er sich der Bewegung bewusst wurde, eines konstanten Rumpelns unter ihm, und der Gegenstände, die von außen an seinen Kasten stießen oder daran entlangstrichen.

»Wo zum Teufel bin ich?«, fragte er. Worte, die scheinbar unaufgefordert ihn ihm aufstiegen.

Sofort meldete sich eine ausdruckslose, androgyne Stimme zu Wort, was klang, als spräche ihm jemand von der Seite direkt ins Ohr: »Du steckst in einer Transportkiste aus Plastik, die derzeit auf dem Förderband zum Zuführungsmagazin Eins der kommerziellen Müllverbrennungsanlage Calais unterwegs ist.«

Er wusste genau, was das bedeutete, und fing an zu strampeln, drückte an das glatte Plastik ringsherum, hämmerte die Fäuste an den Deckel.

»Hol mich hier raus!«, kreischte er.

»Dazu wird es nötig sein, die Förderanlage stillzulegen und in Gegenrichtung neu zu starten.«

»Dann schalte sie verdammt noch mal ab!«

Sofort stoppte das Rumpeln unter ihm, und Objekte krachten und klapperten überall rings um die Kiste, die in Schräglage endete. Dann fuhr das Förderband in Gegenrichtung wieder an, landete die Kiste in der Aufrechten und drückte Sauls Körpergewicht in vollem Umfang auf Schultern und Nacken. Nach wenigen Minuten, in denen es so weiterging, packte irgendetwas knirschend die Kiste, bog deren Flanken auf allen Seiten ein, hob sie hoch und schwenkte sie rasch zur Seite. Sie fiel unvermittelt, stürzte krachend auf eine Ecke, die sich einbeulte, und kippte flach auf eine Seite.

»Sei nicht beunruhigt«, redete ihm die Stimme zu.

Aufs Neue knirschte etwas an der Kiste, hob sie auf und ließ sie fallen. Risse breiteten sich aus, durch die Licht hereinfiel; der Deckel löste sich ein Stück weit. Als die Kiste erneut herabkrachte, stemmte sich Saul gegen den Deckel und fiel der Länge nach hinaus, und selbst die fahle Beleuchtung der Umgebung schien ihm zu viel für seine Augen.

Überall stank es hier nach Fäulnis und Rauch. Er fuhr ruckartig herum, als das breite, mit Müll beladene Förderband erneut anlief. Er krabbelte hastig zur Seite, als über ihm ein Stahlgreifer an einem mehrgliedrigen Kranausleger zurück in eine Position über dem Förderband schwenkte. Saul betrachtete seine Umgebung und stellte fest, dass er jetzt im Bauch einer Sortiermaschine hockte, an deren einem Ende ein Haufen Metallschrott lag, der zur Wiederverwertung bestimmt war.

»Bist du verletzt?«, fragte ihn die Stimme.

Albtraumhafte Erinnerungen erklärten ihm, dass ihm auch alle Mittel der Welt nicht mehr eingebracht hätten als einen Spaten und einen Müllsack, aber als er sich selbst genauer betrachtete, entdeckte er nur ein paar Schnitte an den Händen, die auf die Glasscherben am Boden ringsherum zurückgingen. Vielleicht verdeckte sein Papieroverall noch weitere Verletzungen, obwohl er nicht mehr spürte als wunde Stellen und eine starre Verkrampfung. Vorsichtig stand er auf; Rückgrat und Knie knackten, und ein plötzlicher Krampf krümmte ihm die Füße. Er blickte für einen langen Augenblick auf die Dinger hinab, in denen seine Füße steckten – Gegenstände aus dem gleichen komprimierten Papier wie der Overall, aber mit dickeren Unterseiten – und konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wie man sie nannte.Er warf erneut einen Blick in die Runde und fragte sich, woher die seltsame Stimme kam.

»Wer zum Teufel bist du?«, fragte er. »Und wo steckst du?«

»Mein anfänglicher Name lautet Janus«, antwortete die Stimme. »Ich rede über ein Fon mit dir, das in den Knochen direkt hinter deinem rechten Ohr implantiert wurde, aber ich wechsle meinen Standort fortlaufend über die Server des Govnet hinweg.«

Saul verstand sofort. »Du bist eine künstliche Intelligenz.« Er brach ab und dachte nach und stellte dann eine Frage, die ihm erst jetzt einfiel.

»Mein Name lautet Alan Saul, aber …« Obwohl er sich jetzt klar an ihn erinnerte, kam ihm der eigene Name vor wie ein Etikett auf einer leeren Schachtel.

»Du hast erklärt, dass du Alan Saul heißt«, lautete Janus’ Reaktion.

»Das reicht nicht«, erklärte Saul. »Ich erinnere mich nicht … an mich.«

»Mir geht es ähnlich, denn mein Beginn liegt erst sechsundzwanzig Stunden zurück.«

Eine entsetzliche Panik spülte über Saul hinweg. Er kannte die Welt, in der er existierte. Er wusste, wie sie funktionierte, und er wusste, dass er über erhebliche mentale Ressourcen verfügte. Klaffende Löcher hatten sich jedoch in seinem Verstand geöffnet, zum Beispiel die Bezeichnung für die Dinger an seinen Füßen, der Grund, warum man ihn verhört hatte, und die Frage, warum sein Körper keine Spuren der Folter zeigte, die er erlitten hatte. Oder wie es kam, dass er sich in einer Kiste auf dem Weg in die Müllverbrennung wiedergefunden hatte, oder wie sein gesamtes Leben zuvor verlaufen war oder wer er wirklich war, mal von seinem Namen abgesehen. Als er zwei Jahre später eine Chirurgensäge an Avram Corans Hals ansetzte, erinnerte er sich noch immer nicht an den größten Teil seines vorangegangenen Lebens. Inzwischen hatte er jedoch genug über die Aufsichtsbehörde erfahren, um zu wissen, wie er in jener Kiste gelandet war. Er erinnerte sich außerdem an genug, um daraus zu folgern, dass sich sein Weg dorthin von dem anderer Opfer unterschieden hatte.

Sein Verhörleiter hatte in Sauls Kopf installierte Hardware benutzt, um seinen Verstand direkt zu bearbeiten. Wenn anschließend fragmentierte Erinnerungen aufkamen, waren sie von hineingearbeiteten körperlichen Verletzungen begleitet, die gar nicht wirklich eingetreten waren. So erinnerte er sich deutlich daran, wie er in einem Rahmen hing, während er lebendig gehäutet wurde, wie die Vollstrecker der Aufsichtsbehörde Hautlappen aufschnitten und sie dann mit Zangen an den blutigen Kanten zurückschälten; wie er in kochendes Wasser getaucht wurde; oder wie er an einen Stuhl gefesselt saß, wo man einen Lkw-Reifen über ihn gezwängt hatte, und er entsetzt auf den Augenblick wartete, wenn sie das brennende Streichholz auf seinen benzingetränkten Körper warfen.

Und natürlich erinnerte er sich daran, dass der Verhörleiter in einem fort zugesehen hatte, die Arme verschränkt, eine ablehnende, aber aufmerksame Miene im Gesicht, während er Fragen stellte, an die sich Saul nicht erinnerte. Niemand hatte die Absicht gehabt, ihn wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Es war nur darum gegangen, jeden Fetzen Information aus ihm herauszufoltern, ehe sie sich seiner entledigten. Er wusste nicht, um welche Informationen genau es ging, und ebenso wenig, wie er an die Hardware in seinem Schädel gekommen war.

Aber jemand wusste es, dessen war er sicher: Hannah Neumann.

KAPITEL ZWEI

Die Missachtung des Mars

Wie schon im Fall der Mondlandungen vor so langer Zeit im zwanzigsten Jahrhundert wurden die Marsmissionen des mittleren bis späten einundzwanzigsten Jahrhunderts immer in den Hauptnachrichtensendungen behandelt und als erstaunliche Leistungen der Menschheit verkauft. Die der Vorbereitung dienenden Landungen von Robotern, die die ersten Gebäude aus gebundenem Regolith errichteten, nach Materialien bohrten und den Betrieb kleiner automatischer Fabriken ins Werk setzten – all das hielt die öffentliche Aufmerksamkeit gebannt. Als die neuen Fusionstriebwerke die Reisezeiten zum Mars von Jahren auf Monate verkürzten, trug das ebenfalls dazu bei, das Interesse wachzuhalten. Die Begeisterung erreichte einen Spitzenwert, als die ersten Menschen auf dem Mars eintrafen und ausstiegen, um die Flaggen Pan-Europas und der Asiatischen Koalition zu entrollen. Als das Interesse allmählich nachließ, brachten die Marineris-Katastrophe und die folgende Verlagerung der Basis alles wieder in die Nachrichten. Zum Zeitpunkt der dreißigsten Landung wanderten die aktuellen Nachrichten vom Mars allmählich an die zweite Stelle hinter dem jüngsten Skandal eines pädophilen Fußballspielers oder den neuesten religiösen Fanatiker mit dem überwältigenden Bedürfnis, mit Hilfe einer Tafel Hyex-Laminat, eines Kanisters Nervengas oder einer scheußlichen biologischen Waffe aus dem genetischen Heimlabor, Ungläubige in Leichen zu verwandeln.

Basis Antares

Eine Schlange aus rotem Staub hing in der Luft und markierte Varalia Delex’ Weg über die Ebene. Am rosaroten Himmel hing Phobos wie ein Schädel über dem Horizont, und die ferne Sonne zeichnete sich wie ein blutunterlaufenes Auge höher am Himmel ab. Varalia stoppte einen Augenblick lang, um den Orientierungspfeil auf dem Handgelenkmonitor zu prüfen, was jedoch unnötig war. Da nicht der geringste Windhauch den Staub aufrührte und gute Sichtverhältnisse somit Bestand hatten, konnte sie in der dünnen Luft deutlich bis zum Horizont blicken. Dort glänzte, vom Orientierungspfeil auf dem Handgelenkmonitor bestätigt, Sonnenlicht auf Metall, poliert vom Pariser Rot der marsianischen Rumpfebene.

»Bist du schon da, Var?«, fragte Miska über Funk aus der Basis Antares.

»In zehn Minuten«, antwortete sie.

»Beeile dich. Ricard ist auf der Pirsch.«

Miska klang nervös, und das aus gutem Grund, denn der Politische Direktor Ricard hatte befohlen, dass sämtliche Exkursionen hinaus auf die Marsoberfläche von ihm persönlich genehmigt werden mussten. Durch den Anzug hindurch rieb sich Var die Stelle, wo kürzlich ein Eingriff an ihrem Arm erfolgt war. Falls Ricard Verdacht schöpfte und ihren Standort im System zu ermitteln versuchte, würde er sie in der Hydroponik finden, wo ihr ID-Implantat derzeit in einem Prüfgerät steckte. Versuchte er jedoch, ihre physische Position zu bestimmen, fand er rasch heraus, dass sie sich nicht mehr in der Basis aufhielt.

»Hat er irgendeine Erklärung über seine Gründe abgegeben, uns von Earthcom abzuschalten?«

»Nein. Hast du vielleicht etwas anderes erwartet?«

Politische Direktoren brauchten keine Erklärungen abzugeben. Wer trotzdem nach einer fragte, endete gewöhnlich in einer Anpassungszelle, um die richtige Denkweise zu lernen. Menschen auf den Mars zu bringen hatte jedoch mehr als fünfzig Millionen pro Person gekostet. Das einzige nicht absolut nötige Personal in der Basis bildeten genau jene, die man nicht so behandeln konnte, also die fünf Execs der Aufsichtsbehörde und die zwölf bewaffneten Vollstrecker. Einen unverzichtbaren Angehörigen des Personals »anzupassen«, das verwandelte ihn hingegen in eine Belastung, die man sich nur schwer erlauben konnte. Deshalb hatte Var als technische Direktorin der Basis auch die Macht gehabt, ein Vetorecht zu jeder Entscheidung einzufordern, die Ricard traf, und die womöglich zu einer Gefahr für die Basis selbst wurde. Ihre Macht schien jetzt jedoch zu schwinden, nicht zuletzt aufgrund neuer Befehle von der Erde. Ricard hatte Earthcom abgeschaltet und war dazu übergegangen, Befehle zu erteilen – die von seinen Leuten durchgesetzt wurden –, welche sie alle um Kopf und Kragen bringen konnten.

»Immer noch nichts von Gisender?«, fragte sie.

»Überhaupt nichts«, antwortete Miska. »Die Signale vom Crawler weisen tatsächlich auf starke Beschädigungen und einen massiven Luftverlust hin, aber sie hätte ja einen Schutzanzug getragen. Es gibt keinen Grund, warum sie den Crawler nicht hätte zurückfahren können.«

Es sei denn, sie ist tot, dachte Var.

Über hundertsiebzig Menschen waren hier gestorben, vierundfünfzig, als Steinschlag die Marineris-Basis zerstörte, der Rest in der Basis Antares und ihrer Umgebung. Alle Gefahren der Erde fand man auch hier vor, einschließlich übereifriger Ordnungskräfte. Sie wurden von einer ganzen Menge neuer und interessanter Methoden begleitet, den Tod zu finden. Obwohl es nahezu unmöglich war, versehentlich ein Loch in das Maschengewebe eines Schutzanzugs zu stanzen, so wies er doch reichliche Verschlüsse auf, die alle versagen konnten. Im Verlauf der Jahre waren als Ergebnis solchen Versagens dreiundvierzig Personen außerhalb der Basis erstickt. Dann waren da noch die ganzen seltsamen chemischen Verbindungen, die entstanden, wenn Marsmaterial in die heiße, feuchte und mit Sauerstoff angereicherte Umwelt innerhalb der Basis gelangte. Vor Vars Zeit waren vier Menschen gestorben, während sie versuchten, aus dem Marsstaub nutzbaren Erdboden zu gewinnen: verschüttetes Wasser führte zu einer Explosion von Schwefeldioxid. Die Menschen starben innerhalb des Labors, als sich die Notfallschutztüren schlossen – unnötigerweise, vermutete Var, da das Gas nur wenige Menschen außerhalb des Labors beeinflusst hätte. Andererseits waren die Sicherheitsprotokolle nun einmal seit Jahren sehr streng, nachdem ein erster explosiver Druckverlust in einem Teil des Stützpunktkomplexes eingetreten war. Als weitere interessante Möglichkeiten zu sterben mussten Schwermetallvergiftungen, einige abseitige Krebsformen, die nur hier auftraten – woran Vars Vorgänger gestorben war –, sowie Selbstmord erwähnt werden, oft die letzte Entscheidung eines Menschen, der unter Zwang hergekommen war. Ganz wie Var selbst.

Ihre springenden Schritte zehrten die Distanz nur langsam auf, brachten jetzt jedoch den Crawler voll in ihr Blickfeld. Einer der dicken Riesenreifen war platt, wie sie bemerkte, was einen ungewöhnlichen Umstand darstellte, da er sich normalerweise automatisch hätte flicken und wieder aufblasen müssen. Jetzt konnte sie sehen, dass auch die Frontscheibe kaputt war – ein weiterer ungewöhnlicher Umstand, da das Verbundglas allem außer einer Kugel hätte standhalten müssen. Erst beim Näherkommen entdeckte Var die Reihe von Löchern quer über die Scheibe gestreut., Ihr wurde klar, dass Kugeln der Grund für die Schäden waren. Und als sie das große Fahrzeug schließlich erreichte und durch die gesplitterte Scheibe blickte, sah sie, warum Gisender nichts mehr sagen konnte.

»Sie ist tot, Miska. Der Arsch hat sie erschießen lassen.«

Keine Reaktion.

»Miska?«

Var ging um die Flanke des Fahrzeugs herum zur Luftschleuse und hielt dabei im Staub ringsherum Ausschau nach Fußabdrücken, sah aber keine. Sie blieb kurz stehen und blickte Richtung Basis zurück. Wer immer auf das Fahrzeug geschossen hatte, hatte es aus der Ferne getan, wahrscheinlich von Shankils Spitzkuppe aus, die fünf Kilometer entfernt von hier und nur drei Kilometer von der Basis aus der Ebene aufragte. Zweifellos hatte der Killer ein Sturmgewehr mit Zielrohr verwendet, was in der geringen Schwerkraft locker gut genug funktionierte. Fraglos einer von Ricards Vollstreckern.

Die Außenluke der Luftschleuse ließ sich sehr leicht öffnen. Da kein Druckausgleich nötig war, ging auch die Innenluke sofort auf. Var durchquerte den kleinen Laderaum, umging dabei zwei Rollen optischen Kabels und das Schneidwerkzeug, mit dessen Hilfe Gisender die Kabel an sich gebracht hatte, betrat das Cockpit und blickte durch Gisenders Visier. Ihr Bauch spannte sich dabei vor Zorn und Trauer.

Nachdem Ricard Earthcom ausgeschaltet und den Zugriff auf die jüngsten eingegangenen Nachrichten verboten hatte, war Gisender vorgeblich auf die Suche nach Bergungsgut aus der alten Basis in den Valles Marineris gegangen, aber ihre tatsächliche Absicht war es gewesen, eine Kopie der verbotenen Mitteilungen aus der sekundären Funkstation auf den Randbergen der Valles Marineris zu holen. Und hier war das Ergebnis zu sehen. Obwohl Var intellektuell schon akzeptiert hatte, dass ihre Freundin womöglich tot war, konnte sie es erst jetzt, wo sie sie aus unmittelbarer Nähe sah, im Herzen akzeptieren. Sogar im jetzigen Zustand zeigte Gisender noch immer etwas von der marsianischen Erscheinung vorgetäuschter Gesundheit – das Rouge des Marsstaubs in die Haut eingeschliffen, wie bei ihnen allen. Die ausgetrockneten Gesichtszüge erzählten jedoch die Wahrheit. Die Lippen waren vor den Zähnen verschrumpelt. Die Augenhöhlen lagen fast leer, nachdem die Feuchtigkeit aus den Augäpfeln gesaugt worden war. Das Arschloch Ricard musste ihr auf die Schliche gekommen sein und hatte sie ermorden lassen.

Var musste wirklich erfahren, was der Funkspruch enthielt.

Erde

Als Saul sich auf den Weg ins Freie machte, erteilte Janus dem Ladebot, der die Kiste zuvor ausgepackt hatte, den Befehl, sie aufzuheben und zum Lastenaufzug zu tragen. Gewöhnlich fuhren die Kisten nur bis ins Erdgeschoss hinauf, wo sie an einer Verladestation an der Rückseite des Gebäudes von einem Transvan aufgenommen wurden. Diese Kiste sollte jedoch bis ganz nach oben fahren.

»Keine Probleme?«, fragte Saul.

»Sollte irgendein Problem auftreten, setze ich dich davon in Kenntnis«, entgegnete Janus – ein wenig patzig, wie Saul fand.

Sobald er in der Kartierungs-Leitzentrale zurück war, nahm er seine Sporttasche mit der wasserdichten Auskleidung wieder an sich und legte Kings Laborkittel ab, obwohl er das falsche ID-Schild behielt, ehe er erneut zu den Fahrstühlen ging. Dort drückte er die Taste für den Dachlandeplatz und war froh, dass er die Kabine leer vorfand, als sich die Tür geöffnet hatte. Sein Herz schaltete in den Schnellgang, als der Lift nur zwei Stockwerke weiter oben hielt und ein nervös wirkender Mann eintrat und dabei einen Laptopkoffer umklammert hielt. Der allgemeinen Fahrstuhletikette folgend, ignorierte der Mann ihn jedoch einfach, drückte die Taste für das gewünschte Stockwerk und stieg nach zwei Etagen wieder aus. Endlich öffnete sich die Tür auf dem Dach.

Drei Flugwagen parkten hier und merkwürdigerweise auch ein Hubschrauber. Er war vermutlich ein Opfer des angeblich glatten Übergangs von fossilen Treibstoffen zur Fusionsenergie und zu mit Wasserstoff angetriebenen Verkehrsmitteln, wie Saul vermutete. Der glatte Übergang schien, wie so ziemlich alles andere auch, zu scheitern, was zur Folge hatte, dass täglich Menschen zu Hunderttausenden starben. Er ging auf direktem Wege zu Corans Fahrzeug hinüber, das Implantat-Prüfgerät vor sich ausgestreckt, worauf die Schlösser des Fahrzeugs reagierten und sich öffneten. Saul stieg ein, warf die Sporttasche auf den Rücksitz und legte das Prüfgerät neben sich ab. Auch die Konsole hinter dem einsamen Steuerungshebel war entriegelt worden. So drückte Saul den Starterknopf. Sofort nahmen die Aerofans Fahrt auf.

»Jetzt haben wir ein Problem«, informierte ihn Janus.

»Und zwar welches?«

»Corans Boss versucht, per Fon Kontakt zu ihm aufzunehmen.«

»Wie heißt der Boss?«

»Ahkmed Argul – ich vermute jedoch, dass die korrekte Anredeform in dem Fall ›Herr Direktor‹ lautet.«

»Ja, absolut. Lege ihn auf mein Fon und sorge für eine Stimmüberlagerung.«

»Wo haben Sie nur gesteckt, Coran?«, wollte Argul unverzüglich wissen.

»Verzeihung, Herr Direktor«, antwortete Saul. »Der Kartierungskeller der Genbank hat jedoch keinen Telefonempfang.«

»Ich verstehe. Man hat mir gesagt, dass auch zu Ihrer Leibwächterin keine Verbindung mehr besteht. Ich hoffe wirklich, dass Sie dort keine Probleme haben …«

»Aiden King erwies sich als nicht ganz hilfreich, also habe ich Sheila dort zurückgelassen, um mal mit ihm zu plaudern. Abgesehen davon nimmt alles wie geplant seinen Gang.«

Nachdem die Aerofans des Wagens nun volle Geschwindigkeit erreicht hatten, zog Saul den Fahrthebel ein Stück weit an und ging auf etwa einen Meter Flughöhe. Dann setzte er sachte zurück und nahm Kurs auf den Lastenaufzug direkt hinter dem Heckrotor des Hubschraubers.

»Gut. Die Aufsicht hat es eilig, das Projekt abzuschließen, da die verfügbaren Mittel schnell neu eingesetzt werden müssen.«

Interessant. Saul beschloss, mehr Informationen herauszukitzeln. »Was für ein knapper Zeitplan«, stellte er fest, während er den Wagen wieder landete.

Argul hustete gereizt. »Coran, wir werden den Zeitplan nicht übers Telefon diskutieren. Ich denke, Sie wissen, weshalb ich wirklich anrufe.«

»Verzeihung. Ich fühle mich nicht sonderlich gut, seit ich ein Sandwich aus Kings Automaten gegessen habe.«

»Nachlässig von Ihnen«, sagte Argul, »aber ich akzeptiere keinerlei Ausrede. Wo bleibt der Verteilungsbericht für die Straven-Konferenz? Sie haben noch drei Tage, ehe das der wichtigste Gesprächsgegenstand sein wird, also sorgen Sie verdammt noch mal dafür, dass der Bericht vorliegt.«

»Ja, Sir, unverzüglich. Ich bin ein wenig überlastet …« Saul schaltete das Triebwerk ab, stieg aus und ging zum Lastenaufzug hinüber.

»Und, Coran, falls Sie erneut eine Verschwindenummer hinlegen, kostet Sie das weitere zwei Punkte von Ihrem Status. Das ist etwas, was Sie sich derzeit nicht leisten können – Sie wissen ja, wie schwierig es ist, in der engeren Auswahl zu bleiben.«

»Verschwindenummer?«, echote Saul. Wie ausgesprochen interessant. Und was war das für eine engere Auswahl?

Eine lange Unterbrechung trat ein. Obwohl Sauls Stimme für Argul durch die Überlagerung nach Coran klang, wie er zuvor Direktorin Thader gegenüber Stimme und Bild Aiden Kings simuliert hatte, so benutzte Saul wiederum nicht die normalen Sprechmuster der imitierten Person, und vielleicht spürte Argul das. In gewisser Weise konnte sich das alles als nützlich erweisen, denn Corans scheinbar merkwürdiges Verhalten erklärte vielleicht ein Stück weit, was als Nächstes geschehen würde. Allerdings hatte Saul nicht vor zu erlauben, dass noch eine Erklärung nötig sein würde.

»Na ja, sehen Sie zu, dass Sie die Lage in den Griff kriegen, und widmen sich wieder dem Bericht«, verlangte Argul und trennte die Verbindung.

Saul, der inzwischen vor dem Lastenaufzug stand, drückte den Schalter. Die Tür glitt auf und gab den Blick auf die Kiste dahinter frei.

»Ist für uns alles okay, was die Kameras hier oben angeht?«, erkundigte er sich.

»Die Kameras werden Coran zeigen, wie er aus dem Fahrstuhl steigt, dicht gefolgt von der Leibwächterin. Allerdings wird man umfangreiche Ermittlungen anstellen. Man wird sich die Bilder des Argus-Netzes ansehen, die ich nicht verändern kann.«

»Was der Grund dafür ist«, entgegnete Saul, »dass ich nicht aufblicke.«

Da nicht ein Zentimeter der Erdoberfläche den Satellitenkameras entging – es sei denn, Wolken kamen dazwischen –, hätte das Argus-Netz ein Unterdrückungswerkzeug sein müssen, das noch über die Hirten, Spinnenkanonen, Messervögel, stationären Sensorkanonen, Induktoren und die bewaffnete Macht des Militärs der Aufsichtsbehörde hinausging. Selbst heute jedoch waren Computer nicht leistungsfähig genug, um sämtliche Bilderdaten zu verarbeiten. Der Betrieb von Komlebewesen in der Haupt-Argus-Station konnte das Problem für das Komitee vielleicht irgendwann lösen; es wäre dann in der Lage, sämtliche Hochfrequenzlaser online zu nehmen, damit sie mit höchster Präzision durch die Atmosphäre brachen. Sämtliche Opposition würde buchstäblich in den Untergrund getrieben. Wenn Saul über sein Vorhaben nachdachte, verblüffte ihn manchmal die eigene Arroganz, denn sobald er die eigene Identität bestimmt und sich einer sehr persönlichen Begegnung mit seinem Verhörleiter erfreut hatte, plante er nichts weniger, als dem Komitee sein größtes und mächtigstes Spielzeug wegzunehmen.

Er bediente die Steuerung des Lastenaufzugs, um dessen Boden auszufahren und die Kiste somit direkt zur Hecktür des Flugwagens zu befördern, öffnete den Deckel und kippte den Inhalt aus. Sheila kullerte fast ganz ins Fahrzeug hinein. Er verwandte einige Minuten darauf – und geriet dabei gehörig ins Schwitzen –, sie weiter nach vorn und auf den Fahrersitz zu bugsieren. Coran war viel leichter, sodass es Saul auch leichter fiel, ihn auf dem Rücksitz zu platzieren. In beiden Fällen hatte Saul mit dem Gestank zu kämpfen, da seine Opfer im Augenblick des Todes die Därme entleert hatten – nur war ihm in der eiskalten Lagerhalle der Gestank nicht aufgefallen. Er fuhr die Kiste in den Fahrstuhl zurück und schickte sie wieder nach unten, wo ein von Janus gelenktes Ladebot sie frisch mit Probenzylindern vollpacken und zurück ins Regal schieben würde.

Kurz darauf stieg er zu Coran auf den Rücksitz des Wagens und holte die Chirurgensäge aus der wasserdichten Sporttasche. Corans Kopf war mühelos abzutrennen, wenn der Vorgang auch äußerst blutig verlief, und ihm das ID-Implantat aus dem Arm zu graben, das stellte Saul auch nicht vor nennenswerte Probleme. Kopf und Säge wanderten in die Sporttasche, kurz darauf gefolgt von Corans Palmtop und dem Inhalt seiner Taschen, aber Saul behielt das ID-Implantat, als er vom Rücksitz aufstand und die Sporttasche auf dem Dach abstellte, ehe er die hintere Wagentür schloss und vorn neben Sheila einstieg.

Da das ID-Implantat in solcher Nähe lief, blieb die Konsole des Fahrzeugs unverriegelt. Saul programmierte den Autopiloten mit einem Kurs, der das Fahrzeug aus Brüssel hinaus und in Richtung London führte. Er holte einen weiteren Gegenstand aus der Tasche – einen kurzen schwarzen Zylinder mit einem in der Vertiefung an einem Ende untergebrachten Timer. Er legte ihn unterhalb der Konsole auf den Boden, direkt über der vorderen Aerofan-Turbine, und schaltete den Timer ein. Als Nächstes zog er das ID-Implantat aus dem Prüfgerät, ersetzte es durch das Corans und steckte sich das Prüfgerät in die Tasche. Sheilas Chip legte er neben ihr auf dem Sitz ab. Das Ding würde sich alsbald abschalten, aber das hatte keine Wirkung auf den Autopiloten.

Er warf die Aerofans erneut an, riss den Fahrthebel hoch und arretierte ihn. Er hatte gerade noch Zeit genug, um auszusteigen und die Tür zuzuschlagen, da rotierten die Turbinen schon schnell genug, um Auftrieb zu erzeugen. Er wich zurück. Staub peitschte rings um ihn auf, während der Wagen in die Luft stieg. Auf einer Höhe von zwanzig Metern über Saul schaltete sich der Autopilot ein und trug das Fahrzeug über die Stadt hinweg.

Sobald die Hyex-Granate etwa auf halbem Weg über den Kanal explodierte, würden die auseinanderfliegenden Turbinen ihre Wirkung ergänzen. Es war damit zu rechnen, dass der Wagen und die beiden Leichen darin völlig zerfetzt wurden, um in winzigen Fragmenten hinabzuregnen. Die meisten der Fragmente, die aus Blasenmetall bestanden, würden auf dem Meer schwimmen, der Rest hingegen einfach verschwinden. Da Saul Corans Kopf im Wagen abgeschnitten hatte, würde niemand wissen, dass er ihn jetzt bei sich trug, nicht mal nach Auswertung der Satellitenaufnahmen, und man würde nicht genug Überreste für eine richtige forensische Rekonstruktion finden, zumindest nicht schnell genug. Die Aktualisierung von Personaldateien dauerte länger als zwei Wochen, sodass niemand außer den unmittelbar beteiligten Personen herausfinden würde, dass Coran tot war.

Saul ging jetzt zum Personenaufzug hinüber, rief die Kabine und wartete mit gesenktem Kopf, um einzusteigen, sobald der Fahrstuhl eingetroffen war. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, ließ Saul die Sporttasche fallen, zog die Jacke aus und wendete sie, um das blaue Futter nach außen zu kehren, zog dann eine dazu passende Baseballmütze aus der Tasche und klatschte sie sich auf den Kopf. Als Nächstes packte er die Sporttasche, zog die äußere Plastikschicht ab, die er zusammenknüllte und sich in die Tasche steckte, ehe er die Griffe umklappte und die restliche Sporttasche so in einen Rucksack verwandelte, den er sich überzog. Wenig später stieg er im Erdgeschoss aus dem Fahrstuhl und verließ die Genbank, wobei sich seine äußere Erscheinung deutlich von dem unterschied, was die Satelliten auf dem Dach aufgenommen hatten.

»Man wird fast mit Sicherheit Proben deiner DNA finden«, stellte Janus fest.

»Na, das wird bestimmt interessant«, sagte Saul, während er sich nach links wandte, vom Parkplatz entfernte und Kurs auf das Personentor im Messermaschenzaun nahm.

»Vielleicht findet man deine DNA noch in irgendeiner versteckten Datei?«

»In dem Fall solltest du Ausschau halten und mal sehen, was du finden kannst.«

Nur wenige Monate, nachdem er der Müllverbrennungsanlage von Calais entronnen war, war es ihm gelungen, die eigene DNA in Daten umzuwandeln. Er hatte dann Janus angewiesen, in die Datenbank der Aufsichtsbehörde einzudringen und danach zu suchen. Er war dort nicht gespeichert, was komisch wirkte, wenn man bedachte, welches Interesse die Aufsichtsbehörde für ihn aufbrachte.

Jetzt wurde es an der Zeit, der Aufspürung durch Satelliten noch mehr Schnippchen zu schlagen. Zwar hatte er sein Aussehen verändert, und Janus vögelte alle Kamerabilder und störte ganz generell sämtliche Überwachungssysteme in der Genbank, die Saul gerade verließ. Aber sobald Ermittler letztlich bemerkten, dass Coran verschwunden war, würden sie die gespeicherten Daten durch Erkennungsprogramme jagen, um jeder Person nachzuspüren, die das Gebäude heute verlassen hatte. Saul musste jetzt einen Ort aufsuchen, wo Gedränge und Chaos herrschten, was so ziemlich für die meisten Orte auf der Erde galt, aber selbst dort würde er ohne gewisse Vorkehrungen mit den zahlreichen Kameras für die »öffentliche Sicherheit« und anderen Überwachungssystemen Probleme haben. Deshalb wartete Janus’ und sein eigener nächster Bestimmungsort eine halbe Meile an der Straße entfernt: der MegaMall SuperPlex.

»Wer hat mich in die Kiste gesteckt?«, hatte Saul Janus gefragt und sich verzweifelt gewünscht, er könnte einen Namen an die raubvogelhaft harten Gesichtszüge seines früheren Verhörleiters heften.

Sein neuer Freund kannte die Antwort nicht, aber er wusste ganz gewiss, wer die Kiste zur Entsorgung angeliefert hatte.

Die Müllverbrennungsanlage war keine Hochsicherheitseinrichtung, denn die Mülllaster fuhren hier fortlaufend an und ab. Zahlreiche Außenstehende wühlten in den Müllhalden, weil sie entweder etwas suchten, was sie verkaufen konnten, oder etwas, was sie essen konnten. Wie überall fand man jedoch auch hier an allen Ecken Kameras, die an schwarze Augäpfel erinnerten, auf schmale Pfähle gespießt.

Er stieg durch die Inspektionstür, hockte sich hin und verfolgte, wie eine große Planierraupe einen kräftigen Bissen aus einem Riesenhaufen Müll nahm. Die üblichen Müllsucher liefen gefährlich dicht heran, um die Ersten zu sein, die etwas Verwertbares fanden. Die Planierraupe schaufelte ihren letzten Bissen, eine Rampe voll komprimierten Mülls, hinauf und zum Schlund der Förderbandanlage – und damit in das Sortierwerk, in dem sich Saul wiedergefunden hatte. Dahinter ragte die eigentliche Verbrennungsanlage wie ein Gastank auf. Saul wusste, dass dahinter wiederum ein stillgelegtes Kraftwerk stand, das früher mit der Abwärme der Verbrennungsöfen betrieben worden war. Die Kenntnisse waren einfach da, wie alles, was in seinem Schädel herumlungerte – ohne dass er eine Ahnung gehabt hätte, wann oder wie er an sie gelangt war.

»Es ist mir gelungen, das Kamerasystem wieder einzuschalten, und ich sehe dich jetzt«, meldete Janus. »Dein gelber Overall hebt sich deutlich ab.«

Saul wartete, bis die Planierraupe aus seinem Blickfeld gerumpelt war, und lief zu der Menschenmenge hinüber, die sich um den Müllhaufen drängte. Es dauerte keinen Augenblick, da entdeckte er einen Müllsack, aus dem Kleider quollen. Er ging hinüber, um ihn an sich zu bringen, als gerade auch eine zahnlose alte Frau danach griff. Mit wortloser Entschlossenheit rang sie mit ihm um den Besitz. Der Müllbeutel zerriss und verschüttete seinen gesamten Inhalt. Saul raffte schnell die Hose eines Marstarnanzugs und eine lange ärmellose Jacke mit zahlreichen Taschen an sich und zog sich zurück. Beide Kleidungsstücke sahen danach aus, als könnten sie ihm passen, aber hier war nichts, um seine schon zerfallenden Fußbedeckungen zu ersetzen – wie immer man sie auch nannte. Er duckte sich hinter einen Haufen Küchenschränke, zog die Sachen an, stand auf und nahm Kurs auf den Ausgang.

Ein Gifthauch hing über der ganzen Anlage, und manchmal trieben Gaswolken darüber hinweg, die einem schier die Luft zum Atmen nahmen. Eine Straße verlief parallel zum Maschendrahtzaun. Dahinter ragten riesige Aschehaufen auf wie die Abraumhalden eines Kohlebergwerks. Früher mal hatte die Müllverbrennungsanlage als Juwel der grünen Revolution gegolten. Der Abfall wurde automatisch sortiert, manchmal zerlegt und der Wiederverwertung zugeführt. Was übrig blieb, wanderte in den Ofen und wurde sauber verbrannt. Der Rauch wurde von all den schädlichen Gasen und dem Kohlendioxid gereinigt. Das Feuer wiederum erhitzte Wasser, das durch Leitungen ins angrenzende Kraftwerk und dort durch die Wärmetauscher floss, um noch das letzte bisschen Energie herauszuholen, und wurde schließlich zurück in die Müllverbrennungsanlage geleitet. Die Leitungen waren inzwischen schon lange durchgerostet; das Sortierwerk arbeitete nur zeitweilig, und die Luftfilter waren verstopft. Der gesamte Müll wanderte jetzt in den Ofen. Die Abgaswolke hing manchmal wie ein gelber Smog über dem nahen Hafen und erinnerte so mehr an das historische London als an die heutige moderne Zeit. Die erzeugte giftige Asche wurde auf früher landwirtschaftlich genutztem Boden gelagert, gleich neben alten Bergen aus Plastikflaschen und Bauwerken aus verfaulender Pappe. Während Saul über die Landschaft hinwegblickte, sah er in der Ferne einen Hirten entlangschreiten wie eine Wellsianische Kriegsmaschine, die die Umformung der Erde überwachte.

Das Gatter stand offen. Saul marschierte hindurch, wandte sich nach rechts und ging zu dem geparkten Transvan. Es war genau das Fahrzeug, das Janus ihm beschrieben hatte, das rückwärts ans Förderband herangefahren war, wonach der Fahrer auf die Ladefläche stieg und die einzelne Kiste hinauswuchtete. Das Fahrzeug parkte neben einem weiteren Transvan, dessen Hecktüren offen standen, aber Saul war noch nicht nahe genug heran, um zu erkennen, was dort vorging.

»Wie viele Personen sind dort?«, fragte er.

»Zwei«, antwortete Janus.

Saul blickte sich um. Er bemerkte, dass die mittellosen Personen vor der Verarbeitungsanlage immer wieder zu den beiden Vans hinüberblickten, aber sich nicht näherten, was seltsam war. Geparkte Vans waren immer Attraktionen, da sie vielleicht Lebensmittel oder sonstige Dinge von Wert an Bord hatten.

»Der zweite Transvan befördert Zigaretten und Alkohol, und eine Art Transaktion wird dort gerade abgewickelt«, ergänzte Janus.

Saul schnaubte erheitert. Das externe Kamerasystem war außer Betrieb gewesen, bis Janus es selbst benötigte und wieder einschaltete. Die Umgebung hatte somit bis zu diesem Augenblick einen toten Winkel gebildet. Zigaretten waren illegal, und Saul zweifelte nicht daran, dass der dort verkaufte Alkohol das All-Health-Limit von fünf Volumenprozent überstieg. Die beiden Personen wickelten also ein Geschäft ab, das in der Gegend seit über tausend Jahren eine Art Tradition darstellte. Der zweite Transvan gehörte eindeutig einem Schmuggler, aber erst beim Näherkommen stellte Saul fest, wem der erste Van gehörte. Das Emblem der Aufsichtsbehörde aus Hammer und Handschuh, umringt von einer bunten Kette, das eine vereinte Welt repräsentierte, war klar zu erkennen, und das erklärte, warum die Müllsucher ein gutes Stück auf Distanz blieben. Der Fahrer trug, wie er feststellte, den grauen Overall und die graue Baseballmütze der Aufsichtsbehörde, denn selbst diese vornehme Organisation brauchte Leute, die Scheiße schippten.

Sein Verhörleiter war, wie er wusste, sicher nicht hier, denn eine solche Arbeit war meilenweit unter seiner Würde.

Als Saul näher kam, gelangten die Verhandlungen offenkundig zum Abschluss, denn die Schmugglerin – eine weiße Frau mit Rastalocken, die über einer engen Lederimitathose eine ärmellose Jacke trug, ganz ähnlich der, die Saul an sich gebracht hatte – steckte ein Bündel Euroscheine ein und wandte sich ab, während der Typ von der Aufsichtsbehörde einen großen Kasten auf die Beifahrerseite seines Vans packte. Saul schritt schneller aus. Als die Frau ihn entdeckte, knallte sie rasch die Hecktüren ihres Fahrzeugs zu und senkte die Hand zu etwas, was sie verdeckt unter der Jacke trug.

»Vous voulez?«, fragte sie und musterte ihn misstrauisch.

»Nix«, sagte er. »Null Euro.«

Sie nickte und ging zu ihrer Fahrertür. Er vermutete, dass sie eine solche Reaktion schon zu oft gehört hatte, während Delegierte und Finanzexperten des Komitees fleißig daran arbeiteten, eine viel leichter zu überwachende bargeldlose Gesellschaft durchzusetzen. Auf dem Weg zur Fahrertür des eigenen Fahrzeugs blickte der Mann Saul scharf an und senkte die Hand zum Ionenstunner am Gürtel.

»Einen Augenblick«, sagte Saul. »Da ist etwas, was Sie wissen sollten.« Er deutete zu einem Kameramast in der Nähe.

Der Mann blickte dort hinauf und wirkte plötzlich besorgt. »Was gibt es, Bürger?«

Also Englisch. Saul hob einen Finger an die Lippen, drehte sich um und verfolgte, wie die Frau in ihren Van stieg und die Tür schloss. Die Turbine des Vans nahm rasch Fahrt auf. Sie setzte rückwärts auf die Straße, begleitet von einem entsetzlichen Getriebeknirschen, ließ die abgefahrenen Reifen auf dem Asphalt rotieren und preschte los. Saul drehte sich wieder zu dem Mann um und ging auf ihn zu.

»Das hiesige Kamerasystem«, sagte er, näherte sich ihm noch mehr und senkte verschwörerisch den Kopf.

Saul spürte, wie ihn gelassene Bereitschaft erfüllte. Er war überzeugt davon, dass man ihn irgendwo ausgebildet haben musste, ehe er in jener Kiste gelandet war. Seltsamerweise hatte er den Eindruck, dass er erst im Zuge der wenigen Minuten seit seiner Wiedergeburt in der Müllverbrennungsanlage eine solche Fähigkeit zur Schonungslosigkeit entwickelt hatte.

Sein bedeckter Fuß knallte dem anderen in die Hoden, sodass sich der Mann krümmte. Saul drang weiter auf ihn ein, setzte ihm einen Haken in den Unterleib, hob die Hand und rammte ihm den Handballen auf die Nase. Der Mann klappte wie ein Sack Fleischabfall zusammen. Saul bückte sich, drehte ihn aufs Gesicht, nahm ihm den Stunner ab, zog ihm einen Arm auf den Rücken und senkte sich mit einem Knie darauf.

»Sie haben gerade eine Kiste zur Müllverbrennung angeliefert«, sagte er. »Woher kam sie?«

Nachdem der Mann einen Augenblick lang Blut gespuckt hatte, brachte er hervor: »Haupt … quartier.«

»Genauer!«

»Auf … sichts … be … hörde … London … Anpassungszellen.«

»Warum den ganzen Weg über den Kanal?«

»So wird es immer gemacht.«

Saul verdaute das und blinzelte. Er wusste einfach, dass die Müllzüge seit fast hundert Jahren ihre Ladung aus London zur Müllverbrennungsanlage Calais fuhren. Er vermutete, dass irgendwo ein Bürokrat denselben Bestimmungsort für das ausgesucht hatte, was aus den Anpassungszellen entsorgt werden musste, vermutlich weil die Vorschriften verlangten, dass sämtlicher staatlicher Abfall nach ökologischen Gesichtspunkten zu entsorgen war. Auf seine Art war das grauenhaft komisch.

»Sie wissen, was in den Kisten steckt, nicht wahr?«, fragte er.

Der Vanfahrer verstummte kurz, dann schrie er: »Nein … scheiße, nein! Ich bin nur ein Fahrer!«

Saul fragte sich, wie viele Kisten der Mann hier angeliefert hatte und wie oft die Personen darin aufgewacht waren, falls sie das überhaupt noch konnten. »Nur ein Fahrer« hatte keine besondere Verwendung für einen Ionenstunner. Er vermutete, dass der Mann ihn nur benutzte, wenn seine Ladung ein wenig zu laut wurde. Saul ließ ihn los und wich zurück. Der Mann drehte sich um und wischte sich Blut und Rotz vom Gesicht.

»Sie sind ein beschissener Lügner«, erklärte Saul kategorisch und zielte mit dem Stunner auf ihn. »Und ich war der Inhalt dieser letzten Kiste.«

»Ich tue nur meine Arbeit!«

»Wer hat den Befehl zur Entsorgung erteilt?«

»Ich weiß nicht!«

Saul schoss. Blitze fuhren rings um den Fahrer in den Boden, während er zuckte und grunzte, bis er bewusstlos war.

Saul starrte ihn lange an, während er darüber nachdachte, was er inzwischen erfahren hatte. Die Aufsichtsbehörde hatte ihn offenkundig in einer ihrer Zellen festgehalten und dann zur Beseitigung geliefert. Er war gebrandmarkt gewesen und jetzt vorgeblich tot. Er trat an den Fahrer heran und durchsuchte ihn. Er fand Bargeld, einen Palmtop und sonst wenig. Keinen Ausweis, aber der Mann brauchte auch keinen, da er sicherlich ein ID-Implantat im Arm trug. Saul zog ihm die Fußbedeckungen aus und streckte sie zum nächsten Kameramast aus.

»Was ist das?«

»Das sind Boots«, erklärte ihm Janus.

»Aber so heißen Kofferräume von Bodenfahrzeugen auf Englisch«, wandte Saul ein.

»Trotzdem sind das, was du da hältst, auch Boots – oder vielleicht Schuhe.«

Die Wörter waren in seinem Kopf einfach nicht auffindbar. Ihr Fehlen machte ihm einerseits Angst, rief andererseits aber auch unvermittelt Entschlossenheit in ihm wach. Er zog das Schuhwerk an, stand auf und stieg in den Transvan.

»Ich muss die Aufsichtsbehörde loswerden«, erklärte er.

»Das ist nicht möglich. Die Aufsichtsbehörde findet man überall auf der Erde.«

Darauf wusste Saul keine Entgegnung.

Er warf die Turbine des Vans an und wurde sich in diesem Augenblick eines bedeutsamen Umstands bewusst. Er hatte dem Fahrer gesagt, dass er in der letzten Kiste gesteckt hatte, die der Mann hier angeliefert hatte. Die Information würde letztlich die Vorgesetzten des Fahrers erreichen, wenn der den Verlust seines Fahrzeugs zu erklären versuchte, und einer der Vorgesetzten, ein Verhörleiter, wusste ganz gewiss, wer Saul war. Er würde dann auch wissen, dass er noch lebte und eine Suche nach ihm einleiten. Beim Zurücksetzen des Vans auf die Straße fuhr Saul über den Brustkorb des Fahrers, hielt den Wagen an und suchte eine Zeit lang unter dem Beifahrersitz, ehe er mit einem schweren Wagenheber ausstieg, um die Arbeit zu Ende zu bringen. Beim Weiterfahren bemerkte er, dass einige der Müllsucher vorsichtig näher kamen. Sie würden die Kleidung des Fahrers an sich bringen, und vielleicht, nur vielleicht verschwand auch die Leiche – um später in versiegelten Plastiktüten am Stand eines schwarzen Marktes wieder aufzutauchen. Dergleichen geschah in der neuen Zeit nicht selten.

Die Mall hatte zwölf Haupteingänge. Von den vier obersten boten zwei Zugang von einem angrenzenden mehrstöckigen Parkhaus und einer von der Einschienenbahn, während der vierte weiter oben die Verbindung zum Parkplatz für Flugwagen herstellte. Vier weitere Eingänge lagen unter der Erde und verbanden die Mall mit dem U-Bahn-Netz und dem unterirdischen Highway, während die restlichen vier auf Erdgeschosshöhe in die vier Himmelsrichtungen wiesen. Saul nahm Kurs auf den Erdgeschosszugang im Süden, wo schon bei seinem Eintreffen die Horden auf ihn eindrangen und ihn rempelten, um die Herrschaft im Einkaufszentrum zu übernehmen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass noch zehn Minuten blieben, bis die Granate explodierte und Coran und Sheila über die verschmutzten Gewässer des englischen Kanals verstreute. Rückblickend wurde ihm klar, dass er vielleicht Pech hatte und Überreste auf einem der riesigen Frachtkähne landeten, die Waren aus China oder dem angeblichen Brotkorb Nordafrika brachten, was bedeutete, dass die Forensiker der Aufsichtsbehörde die Puzzleteile ein wenig schneller würden zusammensetzen können. Als er schließlich die eigentliche Mall betrat, bemerkte er etwas Merkwürdiges an der Menschenmenge und erschnupperte einen Gestank. Es wurde ihm klar, dass er sich mit dringlicheren Problemen konfrontiert sah.

Der Gestank war jener der Verzweiflung.

»Wir haben noch ein Problem«, informierte ihn Janus aufs Stichwort.

»Ja doch, als ob ich das nicht wüsste«, entgegnete er.

Niemand sah ihn komisch an, nur weil er laut mit sich selbst redete; ein solches Verhalten war nicht ungewöhnlich in einer Zeit, in der die meisten Menschen ein Fon mit sich führten und die ihre Gespräche mit Personen führten, die mehrere Kilometer von ihnen entfernt waren. Saul musterte die Menschen seiner Umgebung sorgfältig: die eingefallenen Wangen, die billige Kleidung, die an den Nähten schon ausfranste, die faltbaren Flugtaschen und die Narben an den Unterarmen, die entweder von verpfuschten All-Health-ID-Implantierungen oder deren illegaler Entfernung kündeten. Alles an den Menschen kündete von minimalen Sozialleistungen und Mittellosigkeit. Keinerlei Bargeld, nichts davon. Ein Blick in die Schaufenster zeigte ihm auch nur wenig, was sie mit ihren Triple-Cs – den Community Credit Cards – hätten erwerben können, obwohl natürlich die Tür zur Safe-Departure-Klinik offen stand und so ihre kostenlosen Dienstleistungen feilhielt. Ein zorniges Murmeln hing in der Luft. Noch während Saul tiefer ins Eingangszentrum ging, brach eine Schlägerei an einem Ladeneingang aus, der offenkundig ein bisschen was im Angebot hatte.

»Die Aufsichtsbehörde schließt gerade die oberen Etagen«, stellte Janus fest.

Verdammt, er musste schnell machen, um noch das Parkhaus zu erreichen, ehe die Lage hier richtig ungemütlich wurde. Das drohende Chaos war jedoch vorteilhaft für ihn, denn es würde die Lage sehr unübersichtlich gestalten, sobald die Umgebung von jeder Kommunikation abgeschnitten wurde. Er musste nur aus dem Trubel heraus sein, ehe die Aufruhr-Polizei der Aufsichtsbehörde mit ihren Deaktivatoren, beschwerten Schlagstöcken und Gas auftauchte – eine Szenerie, die er schon allzu oft erlebt hatte. Natürlich würde man innerhalb des Einkaufszentrums aufgrund des Platzmangels keine Hirten einsetzen – sie warteten draußen.

Nachdem er die illegale Lieferung Zigaretten und Alkohol verhökert hatte und anschließend auch den Transvan der Aufsichtsbehörde, der daraufhin sogleich zu Ersatzteilen reduziert wurde, verfügte Saul über genug Bargeld, um ein geschnittenes ID-Implantat zu kaufen und sich im Arm implantieren zu lassen. Die Personen, die das ausführten, waren sehr professionell und hielten sich an Hygienestandards weit über dem Niveau von All Health. Sie fragten ihn nicht, warum sein eigenes Implantat inaktiv war, und er fragte nicht, woher das neue stammte, obwohl er wusste, dass ein ID-Implantat starb, sobald seine Temperatur um zehn Prozent unter die Körpertemperatur eines Menschen sank. Vielleicht ermordeten die Leute andere Menschen, um an deren Implantate zu gelangen? Vielleicht lauerten sie wie Geier vor den Sterbezimmern der Krankenhäuser, wann immer sich die »Sicheres-Hinscheiden«-Schwestern meldeten.

Ehe Saul jedoch die Räume verließ, setzte ihm der Arzt, der ihm das Implantat injiziert hatte, die Fakten auseinander. Bei Euthanasierungen wurden, so erläuterte er, die Implantate abgeschaltet; entsprechend bezog der Chirurg seine Ware von jenen, die ihre Implantate gegen Bares verkauften, um Dinge zu erwerben, die mit einem Triple-C nicht zu erhalten waren. Das gehörte nicht zu Sauls bisherigen Kenntnissen; sie waren ihm also zusammen mit seinen Schuhen und Boots abhandengekommen, oder er hatte zum Kreis jener Personen gehört, die beim Komitee als »wertvolle Bürger« galten – und demzufolge Lebensbedingungen gewährt erhielten, die aufgrund ihrer Fachkenntnisse ein Stück weit über dem Subsistenzniveau lagen, wenngleich diese Personen konstanter politischer Überwachung unterlagen.

»Man schätzt, dass über acht Millionen Menschen bei den Hungeraufständen in ganz Asien umgekommen sind«, informierte ihn Janus. »Die Aufsichtsbehörde setzte zunächst Induktoren ein, aber auf direkte Anweisung des Vorsitzenden Messina schnitt man die am wenigsten beherrschbaren Zonen zehn Tage lang von Strom und Wasser ab und führte zusätzlich Luftangriffe aus, ehe gepanzerte Verbände einrückten, darunter Spinnenkanonen und Hirten.«

Auf der Straße, die sich durch die ländliche Provence schlängelte, blieb Saul vor einem stählernen »Tor« stehen – ein Objekt, dessen Bezeichnung er erst in der zurückliegenden Woche wiederentdeckt hatte – und lehnte sich zitternd darauf, während er einen robotischen Mähdrescher anstarrte, der auf einem von Unkraut überwucherten Feld Rost weinte. Auch Menschen waren auf dem Feld zu sehen; sie scharrten mit Handwerkzeug auf dem Erdboden nach Knollen und wildem Knoblauch oder sammelten essbare Saat, während hinter ihnen die Sonne auf den Horizont herabsank, ein Auge, rot von Erschöpfung. Auch hier wuchs keine richtige Ernte, aber wenigstens war der Ackerboden in besserem Zustand als die Staubschüssel, durch die er sich auf der anderen Seite des Luberon-Ballungsraums geschleppt hatte. Die hiesigen Zustände waren der Grund für die Protestaktionen rings um die staatliche Verwaltungszentrale in der jahrhundertealten Stadt, die den Kern des Ballungsraums bildete – eine friedliche, aber von Anfang an verzweifelte Angelegenheit. Die Verknüpfung der Protestaktionen war gut organisiert gewesen, und die Forderungen der Teilnehmer schienen klar. Sie brauchten Treibstoff für die robotischen Mähdrescher, die wie hier untätig herumstanden, aber wichtiger noch: Sie brauchten mehr als das gerade mal zur Subsistenz ausreichende Rinnsal Wasser aus der Rhone-Durance-Talsperre. Sie brauchten genug für die Bewässerung.

Die meisten Teilnehmer waren jedoch mittellose Bürger, die hungrig waren, durstig und sauer über einen scheinbar niemals endenden Stromausfall, und doppelt sauer, weil in der Verwaltungszentrale nachts Licht brannte, während es im Rest der Stadt dunkel blieb. Und als Tropfen ins übervolle Fass waren am gleichen Morgen zwei Sattelschlepper voller Lebensmittel und mit bewaffneter Eskorte auf das Gelände gefahren. Die Bürokraten des Komitees blieben niemals hungrig oder durstig.

Als die Aufsichtsbehörde erschien und die ersten Verhaftungen vornahm, verschlimmerte sich die Lage rapide.

»Hast du das aus dem Subnet?«, fragte Saul und rieb die Hand am Arm auf und ab, während er sich umdrehte und vereinzelte Gruppen von Bürgern betrachtete, die dieselbe Straße entlangtrotteten. Die Leute waren nicht auf der Flucht vor dem, was sich im Ballungsraum Luberon zugetragen hatte, sondern hatten einfach ihre spärlichen Habseligkeiten aufgesammelt und sich auf die Suche nach etwas Besserem gemacht. Saul war rasch klar geworden, dass man nirgendwo etwas Besseres fand, es sei denn, man stand im Sold des Staates.

»Ja, kurz bevor die Hacker der Aufsichtsbehörde es wieder zum Absturz gebracht haben.«

Er riss die Hand vom Arm zurück. Der Arm war unverletzt, obwohl es sich, als der auf einem Lkw montierte Schmerzinduktor gegen die Menge gerichtet wurde, angefühlt hatte, als würde hier unsichtbares Feuer verspritzt. Saul hatte es nur teilweise abbekommen, ehe er sich in eine Seitengasse werfen konnte, und doch fühlte es sich an, als wäre der Arm bis auf die Knochen verbrannt. Dabei verfolgte er, wie ein Hirte eine jener Personen packte, die zur Menge gesprochen hatten – er griff sich den Mann unter denen heraus, die sich vor Schmerzen brüllend am Boden wälzten und dabei schissen und kotzten. Der Hirte trug den Mann aber auch nicht weg, sondern führte ihn einfach an seine Unterseite, zerfetzte ihn und ließ die Reste fallen. Der Anblick rief in Saul unerträgliche Erinnerungen an sein Verhör wach. Er rannte davon und floh dabei nicht weniger vor den Erinnerungen als vor dem Induktor und dem mörderischen Roboter. Es gelang ihm, die Linie der Vollstrecker zu passieren, die gerade dabei waren, Barrikaden zu errichten. Ein Maschinengewehr ratterte los. Kugeln prasselten direkt hinter ihm in den Textilbeton, sodass er die Deckung einer Reihe rostiger Autos benötigte, um ungefährdet zu entkommen.

»Nichts über das, was dort passiert ist?«

»Das Subnet ist nach wie vor inaktiv.«

»Was konntest du aus dem Govnet erfahren? Den üblichen Quatsch darüber, sie würden die letzten Reste aus dem Schieferton kratzen, und die arktischen Ölquellen wären bis auf die letzten Tropfen ausgequetscht?«

Er ging weiter, trank einen Schluck aus der Wasserflasche und ignorierte den verschrumpelten Apfel, den er nach wie vor in seiner Tasche mitführte. Er hatte keinen Hunger mehr – war über den Zustand, Hunger zu empfinden, längst hinaus.

»Ich bin tiefer in die abhörsichere Kommunikation eingedrungen und entwickle gerade ein allgemeines Bild der Lage. Die Fusionskraftwerke geben zu wenig Energie ab; es wird zu wenig Wasserstoff aufgespalten, um die Flaute zu beenden. Das Kraftwerkbauprogramm stagniert.«

»Warum?«

»Die Mittel reichen nicht.«

»Sie reichen jedoch, um die Aufsichtsbehörde und Projekte wie das Argus-Netz weiter zu betreiben?« Er unterbrach sich für gerade eine Sekunde. »Gib dir keine Mühe, darauf eine Antwort zu finden – erzähle mir einfach mehr von dem allgemeinen Bild der Lage, das du gerade entwickelst.«

Janus skizzierte es präziser und kolorierte es anschließend, vor allem in Kackbraun und Schlachtschiffgrau. Wie die Energieaktien hatten auch die weltweiten Wasservorräte einen Tiefstand erreicht – und manchmal kam es dann wie hier dazu, dass die Verwaltung die Wahl treffen musste zwischen der Versorgung einer durstigen Bevölkerung und der Felderbewässerung. Und nachdem sie es zuwege gebracht hatte, überhaupt keine Entscheidung zu treffen, hatte sie es dann mit einer verdorrenden Ernte und einer durstigen Bevölkerung zu tun. Janus konnte sogar einen Fall vermelden, in dem große Mengen Nahrungsmittel in Lagerhäusern verrotteten, weil es an Energie sowohl für die Kühltechnik als auch für die Fahrzeuge fehlte, die man zum Verteilen der Vorräte gebraucht hätte. Gleichzeitig wurde nur wenige Kilometer entfernt ein Scramjet-Flughafen mit hohem finanziellen Aufwand erweitert, nur damit die Delegierten des Komitees und ihre zahlreichen persönlichen Sekretäre und Leibwächter schnell von Ort zu Ort brausen konnten, während sie ihren wichtigen Regierungsaufgaben nachgingen.

Das Gesamtbild lief darauf hinaus, dass ja, die Ressourcen für die gewöhnliche Bevölkerung knapp waren, aber nur deshalb, weil der gewaltige Regierungsapparat der Erde fast 80 Prozent davon verschlang. Und dabei ging irgendetwas noch immer nicht ganz auf, obwohl Saul das instinktiv der enormen parasitären Bürokratie des Komitees zuschrieb. Gleichzeitig schienen die staatlichen Organisationen stärker beschäftigt denn je, würgten Industrien ab und leiteten Versorgungswege um. Riesige Mengen Material und Ausrüstung wanderten so an unbekannte Zielorte.

»Ich würde gern glauben, dass die Krise zum Zusammenbruch der ...

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