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Das Knochenhaus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. WICHTIGE FIGUREN AUS DEM ERSTEN BAND DES ROMANZYKLUS
  8. WAS BISHER GESCHAH
  9. DAS KNOCHENHAUS
  10. ERSTES KAPITEL
  11. ZWEITES KAPITEL
  12. DRITTES KAPITEL
  13. VIERTES KAPITEL
  14. FÜNFTES KAPITEL
  15. SECHSTES KAPITEL
  16. SIEBTES KAPITEL
  17. ZWEITER TEIL
  18. ACHTES KAPITEL
  19. NEUNTES KAPITEL
  20. ZEHNTES KAPITEL
  21. ELFTES KAPITEL
  22. ZWÖLFTES KAPITEL
  23. DREIZEHNTES KAPITEL
  24. VIERZEHNTES KAPITEL
  25. DRITTER TEIL
  26. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  27. SECHZEHNTES KAPITEL
  28. SIEBZEHNTES KAPITEL
  29. ACHTZEHNTES KAPITEL
  30. NEUNZEHNTES KAPITEL
  31. ZWANZIGSTES KAPITEL
  32. VIERTER TEIL
  33. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  34. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  35. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  36. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  37. FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  38. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  39. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  40. FÜNFTER TEIL
  41. ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  42. NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  43. DREISSIGSTES KAPITEL
  44. EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  45. ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  46. DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  47. VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  48. FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  49. EPILOG
  50. NACHWORT
  51. DANKSAGUNGEN

Über den Autor

Stephen Lawheads Romane sind angesiedelt in jenem Zwischenreich, wo sich Historie, Mythos und Fantasie begegnen. Auch der Autor selbst ist ein Wanderer zwischen den Welten. Den gebürtigen Amerikaner zog es vor vielen Jahren nach England. Nach einem längeren Aufenthalt in Österreich wohnt er heute wieder in einem Vorort von Oxford.

Besuchen Sie den Autor auf seiner Webseite:
www.stephenlawhead.com

Stephen R. Lawhead

Die schimmernden Reiche
Zweiter Band

DAS
KNOCHEN-
HAUS

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Arno Hoven

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch sehr hartnäckige

Albert Einstein, Physiker

WICHTIGE FIGUREN AUS DEM ERSTEN BAND DES ROMANZYKLUS

Die schimmernden Reiche

Anen – Freund von Arthur Flinders-Petrie, Hoher Priester und Zweiter Prophet des Amun in Ägypten; lebte während der 18. Dynastie

Archelaeus Burleigh, Earl of Sutherland – Erzfeind von Flinders-Petrie, Cosimo, Kit und allen rechtschaffenen Menschen

Arthur Flinders-Petrie – auch bekannt als Der Mann, der eine Karte ist, Stammvater seines Geschlechts; zeugte Benedict, der einen Sohn namens Charles hatte, der wiederum Douglas zeugte

Balthasar Bazalgette – Erster Oberalchemist am Hof des Kaisers Rudolf II. in Prag; Freund und Vertrauter von Wilhelmina

Burley-Männer – Handlanger von Lord Burleigh: Con, Dex, Mal und Tav; halten sich eine steinzeitliche Höhlenlöwin namens Baby

Cosimo Christopher Livingstone der Ältere, wird oft nur Cosimo genannt – ein Gentleman aus dem Viktorianischen Zeitalter, der sich darum bemüht, die Einzelteile der Meisterkarte wieder miteinander zu vereinigen, und der den Schlüssel zur Zukunft begreift

Cosimo Christopher Livingstone der Jüngere, wird oft nur Kit genannt – Cosimos Urenkel

Engelbert Stiglmaier, wird oft liebevoll Etzel genannt – Bäcker, der aus der deutschen Stadt Rosenheim kommt

Giles Standfast – Sir Henry Fayths Kutscher und Kits Verbündeter

Gustavus Rosenkreuz – Assistent des Ersten Oberalchemisten des Kaisers und Wilhelminas Verbündeter

Lady Haven Fayth – Sir Henrys eigensinnige und wechselhafte Nichte

Sir Henry Fayth, Lord Castlemain – Mitglied der Königlichen Gesellschaft zur Förderung der Naturkunde; treuer Freund und Verbündeter von Cosimo sowie Onkel von Haven

Jakub Arnostovi – Vermieter und Geschäftspartner von Wilhelmina

Kaiser Rudolf II. – König von Böhmen und Ungarn, Erzherzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs; ist ziemlich verrückt

Snipe – wildes Kind und heimtückische Hilfskraft von Douglas Flinders-Petrie

Wilhelmina Klug, auch Mina genannt – in einem anderen Leben eine Londoner Bäckerin und Kits Freundin; in ihrem jetzigen Leben besitzt sie zusammen mit Etzel das Große Kaiserliche Kaffeehaus in Prag

Xian-Li – Ehefrau von Arthur Flinders-Petrie und Mutter von Benedict; Tochter des Tätowierers Wu Chen Hu aus Macao

WAS BISHER GESCHAH

Im Mittelpunkt unserer bisherigen Geschichte steht ein unterbeschäftigter, jedoch liebenswürdiger junger Bursche namens Cosimo Christopher Livingstone. Ihm ist es allerdings sehr viel lieber, wenn ihn alle nur Kit nennen. Durch seine Herkunft ist er mit einem altmodischen alten Herrn verbunden, der ebenfalls Cosimo heißt. Wie sich herausgestellt hat, ist Cosimo tatsächlich Kits seit Langem verloren geglaubter Urgroßvater: Lange verschollen galt er insofern, als er vor mehr als hundert Jahren zu einem alltäglichen Ladenbesuch aufbrach und dann verschwand – aufgrund von Umständen, die durch ein Phänomen hervorgerufen wurden, das als Ley-Reise bekannt ist. (Was es damit auf sich hat, werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, gleich noch erfahren.)

Cosimos Rückkehr wurde von Kit mit Unglauben, Verblüffung und Verdruss aufgenommen. Die beharrliche Forderung des älteren Verwandten, dass sein Urenkel ihn bei einer Suche von großer Bedeutung begleiten sollte, wies Kit entschieden zurück. Und nach der flüchtigen »Kostprobe« einer Ley-Reise – von so etwas hatte Kit bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört – zog er sich in die Arme von Wilhelmina Klug zurück, seiner ziemlich unwirschen Freundin. Infolge der mit Ley-Reisen verbundenen Zeitverschiebung kam er jedoch viel zu spät bei seiner Freundin an, um sie, wie vor langer Zeit versprochen, bei einem Shopping-Trip zu begleiten.

Als die Erklärung für seine Verspätung die junge Frau nicht zu überzeugen vermochte, überredete Kit sie dazu, an der praktischen Demonstration einer Ley-Reise teilzunehmen. Aufgrund seiner Unerfahrenheit schlug dies jedoch auf entsetzliche Weise fehl, und die unglückliche Wilhelmina ging dabei verloren. Kit jedoch wurde abermals von Cosimo gefunden, der ihn einem treuen Kollegen namens Sir Henry Fayth vorstellte. Gemeinsam brachen die drei auf, um Wilhelmina zu finden und sie in die richtige Zeit und an den rechten Ort zurückzubringen.

So lobenswert dieses Unternehmen auch sein mochte, es war doch vollkommen unangemessen. Wilhelmina landete im Böhmen des siebzehnten Jahrhunderts, wo sie sich mit einem gütigen, hilfsbereiten jungen Mann namens Engelbert Stiglmaier anfreundete. Etzel, wie er auch genannt wurde, war ein Bäcker aus Rosenheim, der gerade nach Prag reiste, um dort sein Glück zu suchen. Die beiden entschieden sich, gemeinsam etwas aufzubauen, und eröffneten eine Bäckerei. Der Geschäftserfolg blieb jedoch aus – bis sie ein zuvor völlig unbekanntes Verbrauchsgut in der Hauptstadt einführten: Kaffee. Sofort wurde ihr Kaffeehaus ein riesiger Erfolg, und bald waren die Menschen im alten Prag hellauf begeistert von dieser jüngsten Sensation.

Durch ihr Geschäft kam Wilhelmina in Kontakt mit Mitgliedern des kaiserlichen Hofes von Rudolf II. Unter ihnen befand sich auch eine Gruppe von Alchemisten, die sich pflichtbewusst den Untersuchungen verborgener Phänomene hingaben und so gewissermaßen eine Forschergemeinschaft bildeten, welche später als »magischer Hof«, bekannt wurde. Dank dieser Verbindung bekamen Wilhelmina und Etzel eine Audienz beim Kaiser und erhielten die Erlaubnis, ihr Geschäft als das Große Kaiserliche Kaffeehaus bezeichnen zu dürfen.

Kommen wir nun zum Konzept des Ley-Reisens oder des Ley-Springens, wie Lady Fayth – Sir Henrys launenhafte Nichte – dieses Phänomen zu nennen pflegt. Ley-Reisen beruhen auf dem Gebrauch oder der Manipulation von elektromagnetischen Kraftlinien, die man eingebettet in der Erde vorfindet. Dabei werden diese Kraftlinien mithilfe von Methoden, deren wissenschaftliche Darstellung noch aussteht, in der Weise eingesetzt, dass große Sprünge durchgeführt werden können – und zwar nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Dimensionen und infolgedessen ebenfalls durch die Zeit. Die Leser mögen sich jedoch immer vor Augen halten, dass Ley-Reisen, genau genommen, nicht dasselbe wie Zeitreisen sind. Gleichwohl muss eines eingeräumt werden: Aufgrund der Tatsache, dass Zeit relativ zur aufgesuchten Wirklichkeit ist, lösen sich Ley-Reisende von ihrer bisherigen Zeit, und es kommt zu einer Art chronologischer Verschiebung – ein unvermeidbarer Nebeneffekt des Ley-Springens. Es wäre schön, berichten zu können, dass alle Zeiten im gesamten Universum gleich sind und sich jede Dimension der Wirklichkeit perfekt an die anderen anschließt; aber das ist nicht der Fall. Aus Gründen, die weiter unten beschrieben werden, hat jede einzelne Wirklichkeit ihre eigene Geschichte und schreitet in ihrer eigenen Zeit fort. Deshalb schließt die Reise in eine andere Dimension ein seitliches Weggleiten sowohl in der Zeit als auch im Raum ein; aber dies ist nicht dasselbe, als würde man in einer bestimmten Wirklichkeit entlang einer einzigen Zeitlinie rückwärts oder vorwärts reisen.

Niemand weiß, wie viele Ley-Linien es gibt und wohin sie alle führen. Auch ist unbekannt, wie oder warum sie entstanden sind. Doch ein Mann wusste hierüber mehr als die meisten: der Forschungsreisende Arthur Flinders-Petrie, der ein furchtloses Herz besaß und zahllose Reisen zu anderen Welten unternahm. Seine Entdeckungen hat er peinlich genau auf einer Karte festgehalten. Damit er stets den Weg nach Hause wiederfinden und er niemals von seiner Karte getrennt werden konnte, ließ er sie auf seinen Oberkörper in Form von verschlüsselten Symbolen tätowieren: Das war natürlich nicht der originellste Plan, aber dafür ein sehr effektiver – und auch ein höchst fruchtbarer, da er Arthur die Möglichkeit eröffnete, Xian-Li, die bezaubernde Tochter seines chinesischen Tätowierers, zu treffen und zu heiraten. Arthur teilte seine Forscherleidenschaft mit der jungen Gattin und führte sie in die verborgenen Geheimnisse des Ley-Reisens ein. Doch schon bald schlug bei einer dieser Reisen – sie führte nach Ägypten – das Schicksal in Form von Nil-Fieber erbarmungslos zu: Die geschwächte Xian-Li erlag dieser Krankheit und verstarb.

Zu einem späteren Zeitpunkt starb auch Arthur. Damit seine Entdeckungen nicht mit ihm erloschen, wurde die Meisterkarte entfernt und sorgsam konserviert; denn unter den vielen Wundern, denen er während seiner Reisen begegnet war, gab es eines, das so erstaunlich und so unglaublich wichtig war, dass Arthur es als ein hautnah geschütztes Geheimnis aufbewahrte. Er hielt es vor allen verborgen, nur nicht vor seiner nächsten und liebsten Verwandtschaft. Durch Umstände, die noch aufzuklären sind, kam es zu einer Teilung der Karte in mehrere einzelne Stücke, die im ganzen Multiversum verstreut wurden. Glücklicherweise blieben die Meisterkarte und ihr verlockendes Geheimnis bestehen.

Flinders-Petrie hatte einen Erzfeind: Archelaeus Burleigh, Earl of Sutherland. Dieser gewissenlose, hinterhältige Feigling ist völlig besessen davon, die Karte in seinen Besitz zu bringen und ihre Geheimnisse zu erfahren. Er und seine ruchlose Bande machen vor nichts halt, um den Schatz zu entdecken.

Am Ende des ersten Bandes dieses Romanzyklus sehen Kit und sein Gefährte Giles ihrem drohenden Ableben durch die Hand von Lord Burleigh im Grabmal des Anen entgegen – in demselben Grab, in dem bereits der liebenswerte alte Cosimo und Sir Henry gestorben sind. Wilhelmina, deren Rolle in dieser Verfolgungsjagd bis zu diesem Zeitpunkt unterbewertet worden ist, tritt plötzlich und höchst willkommen in Erscheinung – umso mehr, als Lady Fayth sich als zu wankelmütig erwiesen hat. Wie es scheint, ist Loyalität ein seltenes und kostbares Gut, in welcher Realität man auch immer lebt.

Nachdem wir uns nun an diese Geschehnisse erinnert haben, kehren wir zu unserer Geschichte zurück, worin ein paar Dinge am besten vergessen werden.

DAS KNOCHENHAUS

ERSTER TEIL

Das Buch der verbotenen Geheimnisse

ERSTES KAPITEL

Worin ein Paar Dinge am besten vergessen weden

Douglas Flinders-Petrie saß in einer Ecke der Museumsschenke und tunkte einen Bissen Brot in die Soße seines Rindfleisch-Nieren-Puddings. Von dem kleinen Nebenraum aus beobachtete er über die Straße hinweg den Eingang des Britischen Museums. Das große Gebäude war dunkel und seit mehr als drei Stunden für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Angestellten waren nach Hause gegangen, die Putzfrauen mit dem Saubermachen fertig geworden, und die hohen Eisentore hatte man hinter ihnen verschlossen. Der Vorplatz war leer, und auf der Straße außerhalb der Tore gab es nun weniger Menschen als noch vor einer Stunde. Er verspürte kein Gefühl von Dringlichkeit – nur gespannte Erwartung, die er genoss, während er einen weiteren Schluck London Pride trank. Er hatte den Nachmittag größtenteils im Museum verbracht. Noch ein weiteres Mal hatte er die Türen und Ausgänge in Augenschein genommen, sich die toten Winkel und die Räume gemerkt, in denen eine Person sich verstecken konnte und von den Nachtwächtern ungesehen blieb – von denen es lediglich drei gab, um die gesamte Fläche der ausgedehnten Einrichtung zu kontrollieren.

Aufgrund seiner Nachforschungen wusste Douglas, dass jede Nacht um elf Uhr der leitende Wachmann sich in sein Büro im Erdgeschoss zurückzog, um Tee aufzusetzen. Seine beiden untergebenen Wächter würden sich dann pflichtgemäß zu ihm gesellen. Die drei würden ihre Beobachtungen in das Logbuch eintragen und anschließend unterhaltsame dreißig Minuten miteinander verbringen, indem sie ihren Tee tranken, Törtchen aßen und den jüngsten Tratsch austauschten.

Und während sie sich auf diese Weise beschäftigten, würde er zuschlagen.

Heute Abend war es ziemlich ruhig im Pub, sogar für einen feuchtkalten Donnerstag im späten November. Es gab hier nur fünf andere Gäste: drei waren an der Theke, und zwei saßen an Tischen. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sich mehr Leute im Pub aufgehalten hätten, schon weil er selbst dann nicht so aufgefallen wäre. Doch er glaubte nicht, dass es einen großen Unterschied ausmachen würde. In jedem Fall gab es nichts, was er dagegen unternehmen konnte.

»Alles in Ordnung, Sir?«

Douglas wandte sich vom Fenster ab und schaute hoch. Der Gastwirt, der an diesem Abend wenig zu tun hatte, drehte gerade seine Runde durch den Pub, um sich mit seinen Gästen zu unterhalten.

»Ging mir niemals besser«, antwortete Douglas in einem Tonfall, von dem er hoffte, dass er jeden weiteren Störungsversuch schon im Keim ersticken würde. Doch der Mann blieb mit vorgebeugtem Oberkörper am Tisch stehen.

»Mr. Flinders-Petrie, nicht wahr, Sir?«

»In der Tat.« Er zeigte ein nichtssagendes Lächeln, um seine Verärgerung zu überspielen, dass er in dieser wichtigsten Nacht aller Nächte erkannt worden war. »Ich fürchte, dass Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt haben. Mir war gar nicht bewusst, dass mein Name eine allgemein bekannte Tatsache ist.«

Der Wirt kicherte. »Nein, ich nehme nicht an, dass Ihr Name überall bekannt ist. Aber erkennen Sie mich nicht wieder, Sir?«

Douglas sah sich den Mann genauer an. Das Gesicht kam ihm vage bekannt vor, doch … Nein, er konnte es niemandem zuordnen, den er kannte.

»Cumberbatch, Sir«, sagte der Gastwirt schließlich. »Ich habe für Ihren Vater gearbeitet … ja, wirklich. Und zwar vor ziemlich vielen Jahren.« Als er Douglas’ skeptischen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hinzu: »Ich war sein Diener … Silas.«

»Silas! Sicher, ich erinnere mich an Sie«, log Douglas. »Vergeben Sie mir. Ja, natürlich, jetzt, wo ich mich Ihrer entsinne …«

»’türlich. Ich war damals noch viel jünger, und Sie waren immer fort – zur Schule und zur Universität und was weiß ich nicht alles, wohin.« Der Gastwirt wischte sich die Hände am Handtuch ab, das er sich um die Hüfte gebunden hatte, und strich es glatt, als ob er auf diese Weise die Angelegenheit zum Abschluss bringen könnte. »Das waren schöne Zeiten.«

»Ja, ja«, stimmte Douglas ihm zu; er bemühte sich dabei um einen liebenswürdigen Tonfall. Ihm wurde bewusst, dass die anderen Gäste sie beide beobachteten. Und daher empfand er nun tatsächlich Erleichterung, dass der Pub nicht besser besucht war. »Wirklich schöne Zeiten.«

»Entschuldigen Sie bitte meine Neugier, Sir«, sagte Cumberbatch und beugte sich noch weiter über den Tisch. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht – es gibt da etwas, das ich schon immer habe wissen wollen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich Ihnen eine Frage stellen dürfte.«

»Ich würde mich freuen, wenn ich helfen könnte, Silas. Worum geht es?«

»Hat man jemals den Menschen gefunden, der Ihren Vater ermordet hat?«

Um sich selbst eine kurze Zeitspanne zum Nachdenken zu verschaffen, trank Douglas einen Schluck von seinem Ale und stellte das Glas bedächtig auf den Tisch zurück. Dann erst antwortete er: »Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass sie den Täter niemals gefunden haben.«

»Oje, oje.« Cumberbatch schüttelte seinen Kopf. »Das ist wirklich schade. Hatten sie denn niemals zumindest einen Verdächtigen?«

»Verdächtige – das ja«, erwiderte Douglas. »Doch es gab niemals mehr als bloße Verdachtsmomente. Das Urteil des Untersuchungsrichters zum Zeitpunkt der Nachforschungen lautete: ›Ungesetzliche Tötung durch eine oder mehrere unbekannte Personen.‹ Ich befürchte, dass es wahrscheinlich ein unaufgeklärtes Geheimnis bleiben wird, nachdem nun so viel Zeit verstrichen ist.«

»Ach du meine Güte«, seufzte Cumberbatch. »Das ist eine Schande – ja, das ist es. Er war so ein guter Mann, Euer Vater: ein sehr netter Bursche, wenn ich das so sagen darf. Ein verlässlicher und ehrenwerter Mann. Er hat mich stets gut behandelt; und das ist eine Tatsache … ja wirklich.«

»Ja, nun … Wie Sie sagen, es ist alles vor langer Zeit passiert. Vielleicht vergisst man es am besten.«

»Kein Zweifel, Sir. Ich stimme Ihnen darin zu.« Cumberbatchs Miene hellte sich ein weiteres Mal auf. »Aber es ist gut, Sie zu sehen, Mr. Flinders-Petrie. Darf ich Ihnen jetzt ein weiteres Glas bringen?«

»Danke schön. Aber nein, ich –«

»Das geht aufs Haus, Sir. Um der alten Zeiten willen. Es würde mich ungemein freuen.«

»Also gut dann. Danke schön, Silas. Das würde mich auch freuen.«

»Kommt sofort, Sir.«

Der Gastwirt schwirrte ab, um das Bier zu zapfen. Douglas zog aus seiner Weste die Taschenuhr hervor und klappte sie auf. Es war halb zehn. Noch eine Stunde, und er würde sich auf den Weg machen. Bis dahin hatte er einen warmen Platz, um zu warten und zu beobachten. Der Gastwirt kehrte mit einem Bierglas zurück und ließ Douglas nach einer weiteren, diesmal kurzen Unterhaltung allein, sodass er nun in Ruhe das Ale trinken und sein Essen verzehren konnte.

Es war schon nach halb elf, als er sich schließlich erhob. Dem Wirt versprach er, wieder hierherzukommen, wenn er das nächste Mal in der Gegend sein würde, bevor er seinen schwarzen Umhang vom Garderobenständer nahm und in den Nebel und Nieselregen hinausging. Das schlechte Wetter war perfekt für seine Absichten: Eine trübe Nacht bedeutete, dass weniger Leute umhergingen, die irgendein besonderes Kommen und Gehen bemerken konnten. Die Gaslampen zischten und flackerten – die bleichen Kugeln waren kaum in der Lage, Lichtschneisen in den alles durchdringenden Nebel zu schneiden. Perfekt.

Er lächelte vor sich hin, während er bis zur nächsten Straßenecke spazierte. Dort bog er in die Montague Street ein und schritt weiter das Museum entlang auf die Stelle zu, wo der Weg für die Bediensteten und Lieferanten in die Straße an der Hinterseite des Gebäudes mündete. Als er diese Stelle erreicht hatte, verweilte er kurz, um ein letztes Mal die Straße zu beobachten. Eine einsame, nach vorne hin offene Kutsche, ein sogenanntes Hansom-Taxi, entfernte sich klappernd in die entgegengesetzte Richtung; und zwei Männer mit Zylinderhüten schwankten vorüber – der eine im Rinnstein, der andere auf dem Fußgängerweg. Ihre Umgebung nahmen sie überhaupt nicht wahr, während sie singend nach Hause torkelten; offenbar kamen sie von einer Abendfeier.

Zufrieden schlich er in eine Gasse hinein und hastete zielsicher durch die Dunkelheit zur Rückseite eines Stadthauses, das sich hinter dem Museum befand. Dort, auf dem Weg neben dem Haus, lag die Holzleiter. Er packte sie, lehnte sie gegen das hohe Eisengeländer, stieg auf die Spitze der Umzäunung, balancierte kurz auf der obersten Gitterstange, während er die Leiter auf die andere Seite hievte, und kletterte auf den Sprossen nach unten: All das führte er mit großer Schnelligkeit und Geschicklichkeit aus. Sobald er wieder Boden unter den Füßen hatte, eilte er zum Fenster, das der Ecke des riesigen Gebäudes am nächsten war. Selbst die niedrigsten Fenster lagen hier acht Fuß über dem Erdboden, und so musste er auch hier die Leiter anlehnen. Er kletterte hoch und klopfte gegen das Glas. Nachdem er bis zehn gezählt hatte, pochte er erneut dagegen.

Nach dem zweiten Klopfer wurde das Fenster von innen geöffnet. Ein ernstes, bleiches Gesicht, das so rund wie ein kleiner Mond war, tauchte in der finsteren Öffnung auf.

»Gut gemacht, Snipe«, lobte Douglas. »Hilf mir mit deinen Händen hinein!«

Der stämmige Junge streckte seine Hände aus und zog mit den starken Armen seinen Dienstherrn durch das offene Fenster.

»Wohlan«, sagte Douglas und zog eine kleine Dose aus der Tasche. Er klappte den Deckel auf und schüttelte ein paar Tunkzündhölzer heraus. Nachdem er eines davon ausgewählt hatte, zog er den Kopf des Hölzchens über die geraute Oberseite der Dose. Der schmale Stab aus weichem Kiefernholz entlud sich mit einem Knall und einer zischenden roten Flamme. »Die Laterne, Snipe.«

Der halbwüchsige Junge hielt eine Petroleumlampe hoch. Douglas hob das Glas nach oben und berührte mit dem Tunkzündholz den Docht. Dann senkte er das Glas und fuchtelte mit dem benutzten Stäbchen durch die Luft, damit es abkühlte, bevor er es wieder in die Dose zurücklegte. »Und jetzt lass uns mit unserer Arbeit beginnen.«

Im Schein der Laterne gingen sie zwischen den düsteren Bibliotheksregalen des Smirke Bequest hindurch – eines kleinen Raums, der von der höhlenartigen Halle des Lesesaals abzweigte. Diese gemütliche Kammer war bestimmt für besondere, außergewöhnliche Bände aus den Bibliotheken reicher Mäzene, die ihre Sammlungen zum allgemeinen Wohle ihrer Mitmenschen dem Nationalarchiv gespendet oder hinterlassen hatten. Diese ständig wachsende Büchersammlung beherbergte einen ganz besonderen Band, der seit Langem Douglas Flinders-Petrie versagt geblieben war. Wegen dieses Buches war er hergekommen – um es sich anzueignen.

Diese Kammer, die unter der Bezeichnung »Raum der seltenen Bücher« allgemein bekannter war, durfte mit Ausnahme der angesehensten Gelehrten niemand betreten. Und der Zugang wurde diesem kleinen Kreis auch nur dann gewährt, wenn der Leiter der Antikenabteilung oder einer seiner Assistenten den Besucher begleitete. In einem solchen Fall schloss der Museumsmitarbeiter die Kette am Eingang auf – es gab keine Tür, sodass die Bücher aus der Distanz betrachtet werden konnten, auch wenn man sie nicht studieren durfte – und führte dann den Auserwählten in das Innere des Allerheiligsten. Die ganze Zeit über mussten in diesem Raum weiße Baumwollhandschuhe getragen werden, und niemandem war es erlaubt, zu irgendeiner Zeit sich alleine zwischen den Bibliotheksregalen aufzuhalten. Douglas, der dieses peinlich genau eingehaltene Protokoll bei seinen Erkundungstouren beobachtet hatte, war zu dem Entschluss gelangt, auf diese Formalitäten zu verzichten und den Raum außerhalb der allgemeinen Öffnungszeiten aufzusuchen.

Es hatte sich dann die Aufgabe gestellt, einen geeigneten Ort zu finden, wo Snipe sich eine ganze Zeit nach Schließung des Museums würde verstecken können. Für diesen Zweck hatte sich ein Archivschrank im Raum 55 auf der oberen Etage als passend erwiesen. Und so hatte Douglas spätnachmittags, während einer Besichtigung von Alabaster-Exponaten aus Ninive, seinen begabten Diener mit einer kalten Pastete und einem Apfel in dem Wandschrank untergebracht und ihm aufgetragen zu warten, bis die Turmuhr von Saint Bartholomew elf Mal schlagen würde. Zur vereinbarten Stunde war Snipe aus seinem Versteck gekrochen und nach unten in den Raum der seltenen Bücher geschlichen, um Douglas durch das Fenster hereinzulassen.

So weit, so gut.

»Geh zur Tür und halte Wache!«, befahl Douglas und richtete den Schein der Lampe auf die nächsten Bibliotheksregale. Während sich der Diener zum Eingang begab, begann Douglas, die Regale abzusuchen. Wie er bald bemerkte, waren die Bücher in lockerer chronologischer Reihenfolge eingeordnet worden: Der Grund hierfür bestand zweifellos darin, dass man sie hauptsächlich als Artefakte schätzte und der Wert ihres Inhalts von zweitrangiger Bedeutung war. Als er den passenden historischen Zeitraum gefunden hatte, begann er, die Reihe Buch für Buch durchzuarbeiten. Was eigentlich eine Aufgabe von einigen Momenten hätte sein sollen, dauerte jedoch viel länger als geplant, denn bei vielen der älteren Bände gab es weder auf den Buchrücken noch auf den Deckeln einen Titel. Douglas musste sie daher einzeln herausziehen, sie öffnen und bis zu den Titelseiten durchblättern, bevor er sie wieder in das Regal zurückstellen konnte.

Er hatte sich erst teilweise durch das sechzehnte Jahrhundert gearbeitet, als er ein scharfes Zischen vernahm – wie das von Gas, wenn es aus einer undichten Röhre entwich. Er hörte zu suchen auf, hielt den Atem an … und wartete. Das Geräusch war erneut zu hören und wurde dann ein weiteres Mal wiederholt. Rasch blendete er den Docht ab, stellte die Lampe auf den Boden und eilte zum Eingang. Dort stand Snipe hinter dem Torpfosten und spähte hinaus in den großen Lesesaal.

»Kommt jemand?«, flüsterte Douglas.

Snipe nickte und hielt zwei Finger nach oben.

»Zwei. Richtig.« Douglas drehte sich um und zog sich zwischen die Bibliotheksregale zurück. »Folge mir.«

Sie krochen zur hintersten Ecke des Raums, sodass sich der Hauptteil der Regale zwischen ihnen beiden und dem Eingang befand.

»Runter!«, befahl Douglas mit leiser Stimme.

Die beiden pressten sich flach auf den Boden und warteten. Stimmen wehten durch den Raum; dann waren Schritte zu hören, als die Wächter ihre Runde durch den Lesesaal machten. Schatten sprangen zwischen den Bibliotheksregalen hin und her, als einer der Wachmänner am Eingang des kleinen Raums stehen blieb und mit einer Lampe hineinleuchtete, die er mit geübten Handbewegungen durch die Luft schwenkte. Anschließend entfernten sich die Schritte; und erneut waren Stimmen zu vernehmen. Die Wächter bewegten sich von ihnen fort.

»Schon besser«, seufzte Douglas erleichtert. »Zurück an die Arbeit.«

Die beiden kehrten an ihre jeweiligen Plätze zurück und widmeten sich wieder ihren Aufgaben. Mitten im sechzehnten Jahrhundert fand Douglas schließlich das Buch, nach dem er suchte – und es war genau so, wie er es sich auf der Grundlage seiner Untersuchungen vorgestellt hatte. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf die seltsame Chiffren-Schrift und wusste sogleich, dass er es in Händen hielt.

»Komm zu mir, meine Hübsche«, flüsterte er und stellte vorsichtig das Licht auf das Regal neben ihm. Mit zitternden Händen öffnete Douglas das Buch und deckte eine Seite nach der anderen eines dicht geschriebenen Manuskripts auf, das aus den fantastisch aussehendsten Buchstaben bestand, die er je erblickt hatte. »Du kleine Schönheit«, murmelte er nachdenklich und fuhr mit seinen Fingerspitzen behutsam über die Schrift. Ihm fuhr durch den Kopf, dass er eine wundervolle Stunde oder noch länger damit zubringen könnte, durch dieses alte, kuriose Werk zu blättern – und er hätte dies auch wirklich getan, wenn ihm nicht dafür jetzt die Zeit fehlen würde. Er steckte den dünnen Band in eine Innentasche seines Umhangs, nahm die Lampe wieder an sich und beeilte sich, um Snipe abzuholen.

»Ich hab’s. Lass uns weggehen – es ist Zeit für einen guten Abgang.«

Sie kletterten aus dem Fenster, durch das er eingestiegen war. Dann schlossen sie es vorsichtig hinter sich zu und gingen den selben Weg zurück, auf dem Douglas ins Gebäude hineingelangt war. An der Rückseite des Stadthauses hinter dem Museum legten sie die Leiter an ihren ursprünglichen Platz zurück, bevor sie durch die Gasse zur Montague Street spazierten. Douglas war in Gedanken so sehr mit dem Buch beschäftigt und den Schätzen, die es sicherlich hergeben würde, dass er den Polizisten übersah, der im Lichtkreis unter einer Straßenlaterne stand. Aus der dunklen Gasse tauchten die zwei wie schuldbewusste Diebe auf, was sie ja auch waren, und so zogen sie natürlich das Interesse des Gesetzeshüters auf sich.

Er hob seinen Knüppel und rief: »Na, so was! Wen haben wir denn da?«

»Oh!«, keuchte Douglas, wirbelte herum und stand sogleich dem Beamten gegenüber. »Guten Abend, Constable. Sie haben mich ganz schön erschreckt.«

»Hab ich das!« Er betrachtete das Paar von oben nach unten und von unten nach oben. Sein Gesichtsausdruck legte nahe, dass er seinen Augen nicht traute. »Darf ich fragen, warum Sie zu dieser nächtlichen Zeit in der Gasse da herumgeschlichen sind?«

Douglas’ Hand fuhr zu der Pistole in seiner Tasche. »Ist es denn schon so spät?«, fragte er leutselig. »Das habe ich gar nicht bemerkt … Aber ja, ich nehme an, dass es bereits recht spät ist.« Er blickte kurz zu Snipe, der neben ihm stand. Die Lippen des Jungen hatten sich so verzerrt, dass sein Gesichtsausdruck bösartig und mürrisch wirkte. »Es ist wegen des Burschen hier«, log Douglas. »Er ist früh am Abend weggelaufen, und ich habe ihn seitdem gesucht. Hab ihn gerade erst vor wenigen Minuten gefunden.«

Der Polizist runzelte die Stirn und trat näher heran. »Das ist also Ihr Sohn?«

»Um Himmels willen, nein«, antwortete Douglas. »Er ist ein Diener. Ich bringe ihn jetzt nach Hause.« Als ob er diesen Sachverhalt unterstreichen wollte, legte er seine Hand auf Snipes Kragen.

Die Stirn des Polizisten legte sich in Falten, als der Junge mit den fahlen Gesichtszügen ihm einen Blick entgegenschleuderte, der beinahe puren Hass ausdrückte. Es war etwas Sonderbares an diesem Heranwachsenden, sodass er sicherlich niemals irrtümlich für den geliebten Sohn irgendeines Mannes gehalten werden könnte. »Ich verstehe«, erklärte der Polizeibeamte. »Läuft er denn häufiger weg?«

»Nein, nein, noch nie zuvor«, versicherte Douglas hastig. »Es gab ein wenig Theater mit der Haushälterin, wissen Sie, und der Bursche war deswegen verärgert. Bloß ein dummes Missverständnis. Ich denke, ich habe es wieder in Ordnung gebracht.«

»Nun, ich nehme an, solche Dinge passieren eben manchmal«, meinte der Polizist und befestigte seinen Knüppel am Gürtelhaken. »Am besten, Sie sehen zu, dass Sie beide nun nach Hause kommen. Für alle anständigen Leute wird es höchste Zeit, ins Bett zu gehen.«

»Genau dasselbe habe ich auch gedacht, Constable. Und ein Plätzchen mit einer Tasse Kakao wäre auch nicht verkehrt, könnte ich mir denken.« Douglas löste die Finger von seiner Pistole, hielt jedoch den Kragen des Jungen weiterhin fest gepackt. »Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.« Douglas machte sich auf den Weg und zog den finster dreinblickenden Snipe mit sich.

»Gute Nacht, Sir.« Der Polizist beobachtete die beiden, während sie fortgingen. »Passen Sie unterwegs auf!«, rief er ihnen hinterher. »Hier gibt es Diebe und ähnliches Gesindel. Es ist ein Wetter wie das hier, das sie dazu bringt, draußen ihr Unwesen zu treiben.«

»Damit liegst du keineswegs falsch, Kumpel«, murmelte Douglas leise vor sich hin. »Lass uns fortgehen, Snipe. Heute Nacht lassen wir ihn am Leben.«

ZWEITES KAPITEL

Worin eine Wanderung durch die Wüste gut für die Seele ist

Kit stand einfach nur da, starrte die von Sphinxen gesäumte Allee hinunter und fühlte sich sehr allein. Es war noch früh, und kein anderer befand sich in seiner Nähe. Die saubere, trockene Luft sog er tief in seine Lungen hinein. Er fühlte sich unendlich erleichtert, dass er – den Tod vor Augen – durch Wilhelminas unerwartetes, zum Glück noch rechtzeitiges Eingreifen gerettet worden war. Dennoch war es ihm unmöglich, sich durch ihre schroffe Art nicht ein wenig verletzt zu fühlen. Direkt nach ihrer Flucht aus dem Wadi und dem Grabmal, wo er und sein Gefährte gefangen und den Launen von Lord Burleigh ausgeliefert waren, hatte Mina ihn doch tatsächlich auf den Arm geschlagen.

»Au!«, jammerte Kit, der den Klaps nicht hatte kommen sehen. »Wofür war das denn?«

»Das war dafür, dass du mich damals in jener Londoner Gasse im Stich gelassen hast«, erwiderte sie. »In jener dunklen, stinkenden Gasse bei Sturm und Regen – erinnerst du dich?«

»Ich erinnere mich; es war jedoch nicht ganz meine Schuld.«

Sie gab ihm erneut einen Klaps. »Das war nicht sehr nett.«

»Tut mir leid!« Kit rieb sich den Oberarm.

»Ich vergebe dir.« Sie lächelte – und schlug ihn abermals.

Damit hatte sie das Maß vollgemacht! »Ach du Schande! Was ist denn jetzt?«

»Das ist, damit du dich daran erinnerst, so etwas nicht noch einmal zu machen.«

»Richtig. Okay, ich hab ’s begriffen. Es tut mir leid, und ich werde dich niemals wieder im Stich lassen. Das verspreche ich dir.«

»Gut. Und jetzt pass genau auf! Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und wir haben dafür nicht viel Zeit.« Anschließend hatte sie ihm von Luxor erzählt und was er dort tun sollte.

Kit war angewiesen worden, zum Winter Palace Hotel zu gehen und an der Rezeption nach einem Mr. Suleyman zu fragen. Er sollte sich selbst vorstellen, und anschließend würde er ein Paket und einen Brief mit weiteren Anweisungen erhalten. Wilhelmina war sehr präzise gewesen: Er dürfe nicht aufhören, stets geistig präsent zu sein und sich umzusehen; er müsse sofort voll einsatzfähig sein, die angegebene Örtlichkeit aufsuchen und das Paket in Sicherheit bringen. »Es ist unbedingt erforderlich, dass du das Paket zurückholst und die Instruktionen buchstabengetreu befolgst.«

»Warum kann ich nicht mit dir gehen?«, hatte Kit gefragt.

»Wir müssen uns aufteilen«, erklärte sie ihm. »Die Burley-Männer werden uns bald auf der Spur sein, und sie werden mich verfolgen. Wenn du jetzt verschwindest, werden sie das nicht wissen; sie werden glauben, wir wären immer noch zusammen.«

»Was ist mit Giles?«

»Er geht mit mir. Wenn sie uns einholen, brauche ich jemanden, der mir hilft, sie abzuwehren.«

»Ich könnte dir doch helfen«, beharrte Kit. »Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, sich zu trennen. Wohin gehst du überhaupt?«

»Es ist am besten, wenn du es nicht weißt.«

»Aber wenn ich –«

Sie legte ihre Hand an sein Gesicht. »Vertraust du mir, Kit?«

»Natürlich vertraue ich dir, Mina. Es ist nur, dass … Ich meine, wir haben uns gerade erst getroffen. Ich verstehe nicht, warum –«

»Wenn du mir vertraust, dann glaube mir, wenn ich sage …« – sie kniff ihn mit Daumen und Zeigefinger in die Wange – »… dass wir keine Zeit für eine solche Diskussion haben. Jetzt ist der Ley aktiv, und jede Minute können Burleigh und seine Schläger herausfinden, dass wir geflohen sind. Wenn das geschieht, müssen wir so weit wie möglich von hier fort sein.«

»Aber ich werde doch gar nicht weit fortgehen«, hob Kit hervor. »Du hast gesagt, ich soll bloß nach Luxor gehen. Und das ist nur wenige Meilen entfernt.«

»Wenn du meine Anweisungen exakt befolgst, dann wirst du bald in einer anderen Zeitzone sein«, entgegnete sie und zwickte ihn noch fester in die Backe. »Jetzt hör auf, so einen Wirbel zu machen, und tu einfach das, was ich dir sage.«

»Au! Okay, okay! Ich mach’s ja.« Er rieb sich die Wange. »Es gefällt mir nicht, aber ich werde es tun.«

»Gut.« Sie ließ ihn los und gab ihm noch einen Klaps. »Wir können über all das sprechen, sobald ich sie abgeschüttelt und das erledigt habe, was ich tun muss.« Sie lächelte. »Entspann dich; alles wird gut werden.«

Sie machte kehrt und schritt über das zerbrochene Pflaster auf Giles zu, der ein ganzes Stück entfernt auf der Sphinx-Allee stand und Wache hielt. »Hol einfach das Paket ab und tu, was dir gesagt wird!«, rief sie mit leicht nach hinten gewandtem Kopf, während sie weiterging. »Wenn alles gut läuft, wird es nur ein paar Tage dauern – nach deiner Zeit. Du wirst genug zu tun haben; mach dir da keine Sorgen.«

»Ein paar Tage«, wiederholte Kit. »Richtig?«

»Nicht mehr als eine Woche – oder zwei«, erklärte sie ausweichend.

»Was? Wochen!«, protestierte Kit. »Warte eine Minute.«

»Allerhöchstens einen Monat.« Wilhelmina wandte den Kopf wieder nach vorn und eilte auf Giles zu. »Ich muss gehen. Wir sehen uns.«

Kit hatte ihrer schwindenden Gestalt hinterhergeschaut und sich wie ein Kind gefühlt, das auf einem Parkplatz ausgesetzt worden war. Auf dem gepflasterten Gang, der zum zerstörten Tempel führte, traf sie sich mit Giles und packte ihn am Arm. Sir Henrys einstiger Diener wandte den Kopf, warf rasch einen Blick zu Kit und hob die Hand zu einer Abschiedsgeste, bevor er sich im Gleichschritt mit Wilhelmina entfernte. Die beiden gingen in der Mitte der Allee weiter, wobei sie in einem ordentlichen Tempo an der Doppelreihe von Statuen vorbeimarschierten. Dann gab es einen Windstoß, und Staub wirbelte auf. Die beiden Gestalten waren auf einmal nur noch undeutlich und verschwommen sichtbar – als würde man sie durch einen Schleier aus Hitze und Staub betrachten. Und dann waren sie gänzlich verschwunden.

Jetzt atmete Kit noch einmal tief ein und hielt die Luft an: Er lauschte nach möglichen Geräuschen der Verfolger, doch er vernahm nur das leise Zwitschern eines einzelnen Vogels, der oben auf einer entfernten Klippe sitzen musste. Zufrieden darüber, dass er für einen Moment alleine war, ließ er die Luft aus den Lungen herausströmen. Immer noch war er erschüttert und fühlte sich innerlich wund wegen des Verlustes von Cosimo und Sir Henry; immer noch erinnerte er sich an das Gefühl, dem eigenen Ableben entgegensehen zu müssen, das jedoch gerade noch hatte abgewendet werden können. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf stand Kit da und sann über den nächsten Sprung nach. Auch dachte er, dass alles viel zu schnell geschah. Er bemerkte, dass die Sonne im Osten gerade die zackige Linie der Hügelspitzen durchbrach. Wenn er nicht bald gehen würde, müsste er bis zum Abend warten, und das bedeutete höchstwahrscheinlich, der Katastrophe Tür und Tor zu öffnen. »Du kannst genauso gut damit weitermachen«, murmelte er vor sich hin.

Mina hatte ihm gesagt, seinen Marsch bei der fünften Sphinx – vom Ende der Reihe aus betrachtet – zu beginnen und ihn bei der achten widderköpfigen Statue zu beenden, was eine Distanz von etwa dreißig Schritten bedeutete. Dabei sollte er kurz vor dem Erreichen des Ziels so rasch wie möglich gehen. Falls ihm beim Erreichen der achten Widder-Sphinx der Übergang in die andere Dimension nicht gelänge, müsste er jäh stehen bleiben, vorsichtig in seinen Fußspuren zurückgehen und es noch einmal versuchen. Wilhelmina hatte dies auf das Nachdrücklichste betont. Wenn er den Sprung präzise an dieser bestimmten Stelle der Allee durchführte, würde ihn das zu der vorher festgelegten Zeitperiode bringen – plus/minus einiger weniger Stunden, Tage oder vielleicht Wochen. Führte er den Sprung an irgendeiner späteren Stelle durch, würde er beim Übergang durch die Zeit weit vom Kurs abkommen – und vielleicht auch, was den Ort beträfe.

Er schritt zu der von Mina genannten Sphinx an dem Ende der Allee, das weit vom Tempel entfernt war, drehte sich um und hielt kurz inne, um die achte Statue in der langen Doppelreihe genau ins Auge zu fassen. »Bereit oder nicht – hier komme ich«, sagte er und begann, rasch zu marschieren.

Er spürte, wie die Luft um ihn herum bebte, und fühlte ein Prickeln auf seiner Haut. Heftige Windböen kamen auf, als er sich der von Mina bezeichneten Statue näherte. Er beschleunigte seine Schritte, als er fast auf gleicher Höhe mit der achten widderköpfigen Statue war, und machte sich auf den Übergang gefasst.

Doch nichts geschah.

Gegen jede natürliche Neigung zwang er sich, abrupt anzuhalten, so wie ihn Wilhelmina angewiesen hatte.

»Schrecklich.« Er drehte sich um, schritt von der Ley-Linie weg und ging schnell zu seinem Ausgangspunkt zurück. »Aller guten Dinge sind zwei«, murmelte er und schritt aufs Neue los. Abermals fühlte er das inzwischen vertraute Kribbeln auf seiner Haut, als ob die Luft, wie kurz vor einem Blitzeinschlag, elektrisch aufgeladen wäre. Der Wind wehte böig und trieb ihm feine Sandkörner in die Augen, die sofort zu tränen begannen. Dadurch hatte er Schwierigkeiten zu sehen, wohin er ging. Er musste unbewusst den Schritt verlangsamt haben, denn er erreichte die achte Sphinx und hatte den Sprung noch immer nicht geschafft.

»Scheiße!«, fluchte er leise vor sich hin. Hatte er etwa die Fertigkeit verloren?

Der Gedanke, dass er womöglich in den Zwanzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Ägypten festsaß und ihm die Burley-Männer im Nacken saßen, war ihm schier unerträglich. Daher flitzte er zum Ausgangspunkt zurück und nahm dort seinen Platz ein, wobei er diesmal seine Fußspitzen an eine imaginäre Startlinie stellte. Er senkte den Kopf wie ein Sprinter, der auf den Startschuss wartete, murmelte: »Aller guten Dinge sind drei!«, und raste los.

Diesmal hatte er den unbedingten Willen zu springen; er wurde getragen von einer Zielstrebigkeit, die bei den ersten beiden Versuchen fehlte. Vielleicht war es diese Entschlossenheit, die den Unterschied ausmachte: Als er sich der achten Sphinx näherte, spürte er, wie die Luft bebte; der Boden unter seinen Füßen zitterte, und die Welt um ihn herum wurde trübe und verschwommen – doch nur für den kürzesten aller Momente, den kleinsten aller Augenblicke. Er taumelte nach vorne, und wie ein Betrunkener, der seine Standfestigkeit falsch einschätzte, schwankte er benommen ein paar Schritte, bevor er sein Gleichgewicht wiederfand und stehen blieb.

Als er wieder klar im Kopf wurde, bemerkte er, dass er sich beinahe genau an derselben Stelle befand, wo er zuvor gewesen war – in der Mitte der Allee bei der achten Sphinx. Der Tempel am Ende der einstigen Prunkstraße war immer noch eine Ruine und leer; die zerklüfteten Hügel waren genauso trocken und staubig wie zuvor. Doch die Sonne stand nun hoch am Himmel und brannte auf ihn herab mit einer Grausamkeit, die ihm das Wasser in die Augen trieb.

Die durch den Übertritt in eine andere Welt verursachten Unannehmlichkeiten gingen rasch vorüber. Zufrieden stellte er fest, dass bei jedem weiteren Sprung das Übelkeitsgefühl und die Desorientierung etwas weniger schlimm ausfielen. Nach dem ersten Mal hatte er sich noch völlig benommen und verwirrt gefühlt und auf seine Schuhe erbrochen; der Schwindelanfall, den er soeben erlebt hatte, war nichts im Vergleich dazu.

Nun musste er zusehen, dass er nach Luxor kam, nachdem er davon ausgehen konnte, dass sein Sprung erfolgreich gewesen war und er sich in der von Wilhelmina erwarteten Zeitzone befand. Er wusste ganz allgemein, was er nun tun musste: zum Fluss gehen und ihm stromabwärts folgen, bis er in die Stadt kam. Wenn er in direkter Linie marschierte, bedeutete dies eine Strecke von etwa zehn Meilen – was natürlich davon abhing, wie gerade er tatsächlich gehen würde. Anschließend musste er sich zum Hotel begeben und das Paket abholen. Das war einfach. Aus Minas Brief würde er dann erfahren, was er als Nächstes zu tun hatte.

Er brach auf. Zum Fluss zu gelangen bedeutete, sich die Hügel rauf und runter zu quälen – keine leichte Aufgabe, wie er bald bemerkte. Er folgte einem Ziegenpfad, und obwohl er die öden Hänge langsam hochkletterte, keuchte er bald vor Anstrengung. Die heißen Sonnenstrahlen wurden von dem bleichen Felsgestein reflektiert, das überall herumlag, und brannten durch seine Kleidung. Der Schweiß rann ihm vom Gesicht und vom Nacken herab; bei jedem Schritt fielen dicke Tropfen zu Boden, die dort winzige Staubexplosionen verursachten. Mina hatte ihm für die Reise einen Wasserschlauch mitgegeben, doch als die Hitze ihm immer stärker zusetzte, überkam ihn die Sorge, dass dieser Vorrat nicht ausreichen würde. Daher ging er sehr behutsam damit um und trank stets nur winzige Schlucke von der inzwischen warmen, leicht brackig schmeckenden Flüssigkeit.

Um sich von der mühseligen Wanderung abzulenken, dachte er darüber nach, wohin er gerade ging und was er wohl vorfinden würde, wenn er dort ankam. Er fragte sich, in welchem Jahr er sich befand und warum er in Ägypten geblieben war; denn wenn zuvor ein Ley-Übergang benutzt worden war, hatte es den Reisenden stets – soweit er wusste – an einen aufsehenerregend anderen Ort verschlagen. Wahrscheinlich hing das von der Länge der Distanz ab, die man entlang eines Leys gereist war, schlussfolgerte Kit, dem ansonsten keine bessere Erklärung einfiel. Vielleicht war das der Grund, weshalb Mina so hartnäckig darauf hingewiesen hatte, den Sprung zwischen der fünften und achten Sphinx durchzuführen. Wo wäre er wohl gelandet, wenn er diese Markierung verfehlt hätte? Wichtiger noch: Wie hätte er ohne irgendeine Art von Karte den Weg zurück gefunden?

Das war die entscheidende Frage! Endlich begann er – wenn auch etwas verspätet –, eine gebührende Wertschätzung für den einzigartigen Mut von Arthur Flinders-Petrie und für die geradezu Ehrfurcht gebietende Bedeutung der Meisterkarte zu empfinden. »Geh niemals ohne sie von zu Hause weg!«, sinnierte er laut.

Andere Fragen sprudelten an die Oberfläche seines Bewusstseins: In welchem Zeitraum war er nun gelandet? Aus der trostlosen Umgebung ließ sich in keiner Weise eine Antwort auf diese Frage ableiten. Die Wüste hatte sich im Verlauf einiger tausend Jahre nicht geändert, soweit er das feststellen konnte. In welcher Epoche befand er sich also? Eine weitere knifflige Frage tauchte auf: Wie hatte Wilhelmina einen Weg gefunden, ihn und Giles vor dem nahen sicheren Tod durch die Hände von Burleigh und dessen Schlägern zu retten? Sie schien weder eine Karte – nicht einmal eine aus Papier – noch irgendeine andere Art von Wegweiser zu haben. Wie nur hatte sie dieses Kunststück vollbracht? Wichtiger noch: Wie war sie zu solch einer Expertin in Ley-Reisen geworden? Als Kit seine einstige Freundin das letzte Mal gesehen hatte, war sie in einer Londoner Gasse gewesen und hatte geheult, während ein außergewöhnlicher Sturm sie von Kopf bis Fuß durchnässte. Dann waren sie beide getrennt worden: Er gelangte zu dem einen Ort, und sie verschlug es … wohin auch immer? Kit wusste es bis jetzt noch nicht, weil sie behauptet hatte, nicht genügend Zeit zu haben, um es ihm zu erzählen.

Diese und andere Fragen beschäftigten ihn in einem solchen Ausmaß, dass er ganz überrascht war, als er aufschaute und in naher Entfernung den wie eine Fata Morgana schimmernden Nil erblickte: ein sich sanft wellendes silbernes Band, das zwischen zwei Grünstreifen eingebettet lag und auf beiden Seiten von knochenfarbenen Hügeln und Wüstenhochland umgeben wurde. Der Anblick war so fesselnd, dass Kit eine Rast einlegte und sich einen großen Schluck Wasser gönnte, bevor er mit dem Abstieg begann. Im Schatten eines Felsvorsprungs setzte er sich nieder und schloss seine von der Sonne geblendeten Augen.

Augenblicklich tauchte vor seinem inneren Auge wieder das Bild von den Leichen im Grabmal des Hohen Priesters Anen auf: die Körper seines armen toten Urgroßvaters und von Sir Henry Fayth, die der Länge nach in dem Sarkophag ohne Deckel lagen. Entsetzt über den Tod der beiden – und eingedenk des drohenden eigenen Ablebens –, fühlte er sich immer noch ein wenig wie betäubt. Aufgrund ihrer hastigen Flucht hatte er immer noch nicht Zeit gefunden, um über den Verlust der beiden Verstorbenen angemessen zu trauern. Was er derzeit empfand, war im Prinzip nicht Trauer, sondern ähnelte mehr einer aufgewühlten Feindseligkeit gegenüber Burleigh angesichts der bösartigen Vergeudung des Lebens jener guten Menschen. Aus Kits Sicht waren der Earl und seine Männer niederträchtiger, degenerierter Abschaum – durch und durch böse. In seinen aufkeimenden Rachefantasien dachte Kit sich originelle, qualvolle Bestrafungen für sie alle aus.

Dies war das erste Anzeichen einer neuen Einstellung, die sich schnell in Kits Charakter ausbilden sollte: einer Grundhaltung, die man als unerschütterliche Entschlossenheit bezeichnen konnte. Vielleicht wurden ja auch endlich Spuren eines kräftigeren, robusteren Rückgrats bei ihm erkennbar. Zwar nahm es nur wenig mehr als die Form eines sich rasch verfestigenden Entschlusses an, das Geheimnis der Meisterkarte aufzuspüren, aber es war immerhin ein Anfang. Diese Suche mit vollem Ernst in Angriff zu nehmen, würde die beste Art der Anerkennung sein, die er Cosimo und Sir Henry bezeugen konnte. Wenigstens so viel hatten die beiden verdient.

Was auch immer sonst gesagt werden konnte – die beiden hatten sicherlich nicht verdient, so zu sterben: niedergestreckt durch eine Ansteckung mit tödlichen Krankheitserregern oder etwas Ähnlichem, die durch die Luft im Grabmal übertragen wurden. Waren nicht Howard Carter und jene anderen Archäologen, die das Grabmal von Pharao Tutanchamun geöffnet hatten, auf die gleiche Weise getötet worden? Was auch immer das Grabmal befallen hatte – der liebenswerte alte Cosimo und Sir Henry waren dem erlegen. Und wenn Wilhelmina nicht aufgetaucht wäre, hätten er, Kit, und Giles zweifellos genau das gleiche Schicksal erlitten. Er fragte sich, ob er das Problem bereits richtig durchschaut hatte. Um die Wahrheit zu sagen, er fühlte sich im Moment nicht allzu stark. Was ich brauche, sagte er lautlos zu sich selbst, ist ein gutes Essen und ein erholsamer Nachtschlaf, um wieder durchzublicken. Das ist alles.

War das etwa zu viel verlangt? Kit jedenfalls glaubte das nicht.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf erhob sich Kit, stärkte sich mit einem weiteren Schluck Wasser und begann, den langen mäanderförmigen Pfad ins breite Niltal hinabzugehen. Nachdem er sich wieder auf den von Felsgestein übersäten Weg zurückbegeben hatte, traf ihn erneut die Hitze mit voller Wucht. Er dachte darüber nach, sein Hemd auszuziehen und es sich wie einen Turban um den Kopf zu wickeln. Doch das würde bedeuten, eine gegenwärtige Qual durch eine zukünftige einzutauschen, denn die Sonne würde seine Schultern braten, sobald sie ihr ungeschützt ausgesetzt wären. Daher entschied er, sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit einen guten Hut zu besorgen.

Während er auf dem geborstenen Boden seinen Weg sorgfältig wählte, gelangte er immer tiefer ins Tal hinein. Die Luft wurde ständig ein wenig feuchter, je mehr er sich dem Fluss näherte. Obwohl er stetig vorankam, war er doch nicht so schnell unterwegs, wie er es sich erhofft hatte. Kit wusste zwar, dass man sich in der Wüste bei der Einschätzung von Entfernungen ziemlich täuschen konnte, dennoch schien es ihm, dass er seinem Ziel einfach nicht näher kam, wenngleich er wie ein ausdauernder Esel kontinuierlich voranschritt.

Während sich am westlichen Himmel die Sonne weiter und weiter nach unten senkte, beobachtete Kit, wie sich sein Schatten vor ihm immer mehr über die felsige Einöde ausdehnte. Schließlich war er völlig hypnotisiert von der sich stets verlängernden dunklen Silhouette. Er kam erst wieder zu Verstand, als ein Chor lautstark bellender Hunde seine Ankunft in einem Dorf ankündigte, das am Flussufer lag.

DRITTES KAPITEL

Worin ein Omen sich als wahr erweist

Turms der Unsterbliche öffnete seine Augen am achttausendeinunddreißigsten Tag seiner Herrschaft. Nachdem er sich von seinem vergoldeten Bett erhoben hatte, badete er in dem heiligen Becken neben der Tür. Seine Lippen bewegten sich zu einem lautlosen Gebet, während er parfümiertes Wasser über sein Gesicht und seine Gliedmaßen goss. Als er seine rituellen Waschungen beendet hatte, trocknete er sich mit sauberen Leinentüchern und zog sein purpurfarbenes Gewand an. Ein Hausdiener erschien mit seiner goldenen Schärpe und seinem großen Zeremonienhut. Dem Diener erlaubte Turms, ihm die Schärpe anzulegen. Dann setzte er sich den Hut auf und machte sich auf den Weg nach draußen, um die Menschenmenge zu begrüßen. Sie hatte sich mit Geschenken und Opfergaben versammelt, um sein Urteil und seinen Segen zu empfangen. Er schritt durch die mit Marmor ausgelegten Räume seines Hauses auf die Säulenhalle zu und trat über die Schwelle. Dann ging er an den heiligen blauen Säulen vorbei und stieg rasch die drei sauber gefegten Stufen aus Travertin hinab.

Als er auf den Pfad trat, fiel sein Blick zufällig auf einen kleinen schwarzen Kiesel, der genau in der Mitte des Weges lag: auf einen Stein, der vom vielen Wasser ganz glatt und rund geschliffen worden war – eine fast perfekte Kugel. Neben dem Kieselstein waren drei lange Nadeln. Sie mussten von den in der Nähe stehenden Kiefern auf den Boden gefallen sein; und die drei lagen so, dass sie zusammen einen Pfeil formten.

Der Priesterkönig der Velathri hielt inne, um über dieses kleine Wunder nachzudenken. Er wusste, dass der Kiesel von der wenige Meilen entfernten Meeresküste gekommen war. Ein Vogel – vielleicht eine Möwe – hatte das Steinchen aufgepickt, war dann landeinwärts geflogen und hatte es vor seiner Tür fallen lassen. Der Pfeil aus grünen Nadeln lenkte seine Aufmerksamkeit nach Westen.

Es war ein Omen – ein Zeichen für ihn aus der jenseitigen Welt. Seine Bedeutung wurde ihm deutlich, als er auf die einfache Schönheit des Kieselsteins starrte, denn Turms vermochte alle Arten von Omen zu verstehen. Und die Bedeutung dieses Zeichens war folgende: Er würde bald einen Besucher empfangen – einen Gast, der über das Meer aus dem Westen kam. Es war also ein ausländischer Besucher, und er, Turms, würde gut daran tun, die Freundschaft dieses Gastes anzunehmen.

Turms hob den Kiesel auf, schloss die Faust um ihn und dankte den Göttern, dass sie seine lange Herrschaft fortwährend segneten. Dieser kleine Stein würde zu all den anderen im Gefäß seiner Tage hinzugefügt werden.

Er verstaute den Omen-Stein im weiten Ärmel seines Gewandes und schritt weiter die lange, schräge Rampe des künstlichen Hügels hinab, auf dem das königliche Haus errichtet worden war. Langsam spazierte er den von Zypressen gesäumten Weg entlang und fand Gefallen an dem beißenden Duft der großen Bäume. Das frühmorgendliche Sonnenlicht vertiefte die Farbe des Erdbodens zu einem satten Rostrot, das auf angenehme Weise mit dem leuchtenden Blau des Himmels kontrastierte. Unten am Fuß der Rampe warteten seine Diener und Akolythen: zwei Priesterlehrlinge und vier Tempeldiener. Letztere trugen Stangen, die an den vier Ecken eines orangefarbenen Tuches befestigt waren – des Baldachins, unter dem der Priesterkönig seine getreuen Untertanen empfangen würde. Kurz bevor der König eintraf, streckten die Diener den Baldachin aus; und anschließend nahm Turms seinen Platz vor der kleinen Ansammlung von Menschen ein.

Er drückte die Handflächen gegeneinander, hob seine Arme über die Köpfe der Leute und sprach: »Mögen die Segnungen dieses Tages im Übermaße euer sein!«

Dann grüßte er sie und erklärte: »Es beglückt mich, an diesem äußerst verheißungsvollen Morgen eure Geschenke zu empfangen. Tretet näher zu mir, denn dies ist die geziemende Stunde. Wer wird der Erste sein?« Er senkte seine Hände, schaute sich um und sah in die hoffnungsvollen Gesichter seiner Untertanen. Sein Blick fiel auf ein junges Mädchen, das blaue Kornblumen in seinem Haar trug und einen kleinen Lorbeerzweig in den Händen hielt. »Du da, Kleine – wie lautet dein Wunsch?«

Das Mädchen, das von seinem Vater nach vorne gestupst wurde, trat schüchtern näher. Es wagte nicht, den König anzublicken, und hielt den Kopf gesenkt; seine Augen waren auf den Lorbeer geheftet, den es mit zitternden Händen umklammerte.

»Ist das für mich?«, fragte Turms und beugte sich zu dem Kind herab.

Das Mädchen nickte.

»Ich danke dir«, sagte er und nahm behutsam den kleinen Lorbeerzweig an sich. »Und die Götter danken dir.« Er legte eine Hand auf den Kopf des Kindes und spürte die schwache Hitze dort. »Was wünschst du dir von mir – was soll ich für dich tun?« Als sie zögerte, fuhr er fort: »Sprich, mein Kind. Der ganze Himmel steht bereit, um zu tun, was du willst.«

»Es geht um meine Mutter«, antwortete das Mädchen mit gesenktem Kopf; seine Stimme war so schwach, dass die leisen Worte kaum zu vernehmen waren.

»Ja? Erzähl mir – was liegt dir auf dem Herzen?«

»Sie ist sehr krank.«

»Deine Mutter ist krank, und du würdest sie gerne wieder gesund sehen – ist das dein Wunsch?«

Das kleine Mädchen nickte.

Turms sah wieder auf und wandte sich dem Vater zu, der nun hinter seiner Tochter stand. »Wie lange?«, fragte er.

»Zwei Tage, mein verehrter König«, antwortete der Mann.

Turms nickte. Er straffte sich, hob sein Gesicht dem Himmel entgegen und bedeckte es mit seinen Händen. Einen Augenblick lang stand er schweigend da. Dann ließ er wieder die Hände sinken, lächelte und sagte: »Es gibt nichts zu befürchten.« Er streckte die Hand nach der Kleinen aus, nahm ihr Kinn zwischen Zeigefinger und Daumen und hob ihren Kopf an. »Deine Mutter wird bald wieder gesund sein. Diese Krankheit wird vorübergehen. In drei Tagen wird sie wieder zu Kräften gelangen.«

»Ich danke dir, Herr«, erklärte der Mann, dem die Erleichterung deutlich anzusehen war.

Turms wandte sich einem der Akolythen zu. »Schick einen der Hofärzte zum Haus dieses Mannes mit einem Trank, der den Schlaf fördert und das Fieber senkt.« Dann drehte er sich wieder zu dem Mann und dem kleinen Mädchen und erklärte: »Geht in Frieden. Den Göttern gefällt es, eurer Bitte stattzugeben.«

Tief nach vorne gebeugt schritt der Mann rückwärts durch die Menge, wobei er seine Tochter mit sich zog. Während er fortging, dankte er dem König.

»Wer ist der Nächste?«, fragte Turms.

Ein Mann, der den kurzen Kittel und die Sandalen eines Tagelöhners trug, trat vor und kniete sich nieder. Er streckte seine Hände nach vorne, in denen er ein schweres Büschel reifer blauroter Weintrauben hielt. »Mein Herr und König, hör mich an. Ich bin in Not.«

Während Turms einen der Akolythen mit einer Geste anwies, die dargebotene Gabe zu nehmen, erkundigte er sich: »Worin besteht deine Not, mein Freund?«

»Es geht um Gerechtigkeit, mein König.«

»Ich höre. Sprich frei und offen!«

»Ich habe für einen Mann gearbeitet, der versprochen hat, mich jeden Abend nach Beendigung meiner Arbeit zu bezahlen. Zwei Tage habe ich gearbeitet, ohne meinen Lohn zu erhalten, und gestern Abend hat er mich entlassen. Als ich mich darüber beschwert habe, dass ich nicht bezahlt worden bin, hat er seine Hunde auf mich gehetzt. Sie haben meine Kleidung zerrissen.« Er zeigte auf eine zerfetzte Stelle am Saum seines einfachen Gewandes. »Ich möchte die versprochene Entlohnung bekommen.«

Turms blickte auf den Mann hinab, der immer noch nicht seinen Kopf erhoben hatte. »Welchen Grund für deine Entlassung hat dein Arbeitgeber angegeben«, verlangte er zu wissen.

»Keinen einzigen, mein König.«

»Hatte er einen Grund, dich ohne Bezahlung fortzuschicken?«, erkundigte sich der Priesterkönig mit sanfter Stimme. »Wegen Diebstahls vielleicht oder wegen Trunkenheit? Oder wegen Faulheit?«

»Mein König, ich bin ein redlicher Mann«, erwiderte der Bittsteller, der sich trotz der Andeutung, er könnte in irgendeiner Form selbst schuld an seinen Schwierigkeiten sein, in der Gewalt hatte. »Und ich verrichte mein Tagewerk auf redliche Weise. Ich habe meine Entlohnung verdient. Doch nun bin ich hungrig, und auch meine Kinder sind es.«

»Wie viel schuldet man dir?«

»Fünfundzwanzig Denare«, antwortete der Mann rasch. Einen Augenblick lang schaute Turms dem Bittsteller in die Augen, der den Blick standhaft erwiderte.

»Ich bin überzeugt, dass dein Anliegen gerecht ist«, erklärte der König und wandte sich anschließend an einen der Akolythen. »Gib diesem Mann fünfzig Denare aus der Schatzkammer. Dann schick den Meister der Schriftrollen mit zwei Soldaten zum Arbeitgeber dieses Mannes, um von ihm die gleiche Summe einzusammeln.«

Der Akolyth nahm seine Wachstafel zur Hand. Mit einem Griffel aus Rosenholz protokollierte er das Urteil des Königs auf dem weichen Wachs. Danach kamen weitere Bittsteller nach vorne: Einige wollten einen Richterspruch erwirken; andere ersuchten um eine Entscheidung oder um die Kenntnis, wann die günstigste Zeit sei, um irgendein Unterfangen zu beginnen; wieder andere baten um Heilung diverser Leiden. Jeder brachte eine Gabe, die dem stetig wachsenden Haufen an Geschenken hinzugefügt wurde; desgleichen hielt der Akolyth jedes Urteil und jede Entscheidung pflichtbewusst auf der Tafel fest.

Auf einmal – die Reihen der Bittsteller hatten sich bereits gelichtet – kam im hinteren Bereich der Menschenansammlung Unruhe auf. Turms, der sich mitten in der Verkündung eines Bescheides befand, verspürte eine allgemeine Aufgeregtheit, die sich wellenförmig durch die verbliebene Menge fortbewegte. Rasch beendete er seine Erklärung an den Bittsteller, wandte sich von ihm ab und richtete das Wort an alle Anwesenden. »Was geschieht hier? Wieso gib es dieses ungebührliche Gemurmel?«

»Jemand ist gekommen, verehrter König«, antwortete einer der Untertanen in seiner Nähe. »Ein Fremder. Er bittet darum, dich zu sehen.«

»Ein Fremder ist gekommen?«, fragte Turms erstaunt; seine Finger tasteten nach dem Kieselstein, der sich in seinem Ärmel befand. »Macht Platz und lasst ihn vor mir erscheinen!«

Auf den Befehl des Königs hin teilte sich die Versammlung, um den Neuankömmling durchzulassen.

Turms sah, wie ein großer Mann auf ihn zuschritt, der eine seltsame eintönige Bekleidung trug, die seinen langen Körper zu halbieren schien – oben weiß und unten schwarz. Doch das Gesicht war offen und freundlich – und obendrein war es ein Gesicht, das er kannte. »Seht!«, rief König Turms und hob die Hände, um seinen Ausruf zu unterstreichen. »Mein ausländischer Besucher ist angekommen.«

Der Fremde sank auf ein Knie, erhob sich dann wieder und bemerkte sofort, dass er von seinem Freund wiedererkannt wurde.

»Arturos! Bist du es wirklich?«

»Dein Anblick erfreut mein Herz und lässt meinen Geist in die Höhe steigen«, antwortete Arthur Flinders-Petrie und gab damit eine uralte Begrüßungsformel wieder. »Ich habe mich danach gesehnt, dich erneut zu sehen, mein verehrter König.«

Turms wandte sich an die Allgemeinheit. »Mein Volk! Ich stelle euch meinen Freund Arturos vor. Sorgt dafür, dass er sich wohlfühlt unter euch, solange er sich hier bei uns aufhält.«

Ringsum erklang ein zustimmendes Murmeln. Einige riefen Grußworte, die Arthur in gleicher Weise zurückgab.

Turms drehte sich zu einem der Akolythen um. »Geleite meinen geschätzten Gast zum königlichen Haus und weise meine Hausdiener an, es ihm behaglich zu machen und ihm Erfrischungen zu servieren«, befahl er und wandte sich dann wieder Arthur zu. »Die heutige Audienz ist fast zu Ende. Ich werde mich bald zu dir gesellen.«

»Wie es dir geziemt«, erwiderte Arthur. »Ich möchte keineswegs deine heiligen Aufgaben unterbrechen.«

Nach diesen Worten führte der Akolyth den Gast des Königs fort und geleitete ihn die irdene Rampe hinauf zum königlichen Haus, wo seine Ankunft bereits angekündigt worden war.

»Arturos! Du bist zurückgekehrt!«, rief der Verwalter des königlichen Hauses, als er auf den breiten Vorbau hinausstürmte. »Im Namen meines Königs und des ganzen Volkes von Velathri entbiete ich dir Frieden und heiße dich willkommen.«

»Es erfreut mein Herz, dich zu erblicken, Pacha«, erwiderte Arthur, der sich in eine lange nicht mehr benutzte Sprache wieder einzugewöhnen versuchte. »Ich hatte gehofft, früher zurückzukehren, doch …« Er zuckte vielsagend mit den Schultern.

»Das Leben ist ein beständiges Chaos für die Menschen in der Welt«, meinte der Hauswirtschafter des Königs und geleitete den Gast ins königliche Haus. »Aber jetzt bist du hier, und ich hoffe sehr, dass du lange genug bleibst, um Tyrrhenia zu erlauben, dein Gemüt zu besänftigen.« Er legte einen Finger auf seine Lippen und legte eine kleine Pause ein, bevor er fortfuhr: »Ich glaube, ein Trankopfer aus süßem Wein wird sich in dieser Hinsicht als wirksam erweisen.« Er deutete auf ein niedriges Sofa, das mit roten Kissen bedeckt war, und erklärte: »Wenn du es dir hier bitte bequem machen willst … Ich werde in Kürze zurückkehren.«

»Du bist zu freundlich, Pacha«, erwiderte Arthur. »Ich bin glücklich, wenn ich mich um mich selbst kümmern kann.«

Der Hauswirtschafter des Königs verbeugte sich und entfernte sich rückwärts schreitend. Kaum war er verschwunden, konnte man hören, wie er in die Hände klatschte und nach den Küchendienern rief, damit sie dem Gast unverzüglich aufwarteten. Arthur setzte sich auf das Sofa und streckte seine langen Beine vor sich aus. Er hatte nicht das Gefühl, er würde sich entspannen – in Wirklichkeit war das Gegenteil der Fall. Zweifellos würde er Turms dazu überreden können, mit ihm einen Spaziergang durch die Weinberge und Olivenhaine zu machen. Nach Wochen an Bord eines Schiffes wünschte er sich vor allem etwas Bewegung.

Die Schiffsreise von England hierher war nicht einfach gewesen. Beinahe von Beginn an hatte sich das Wetter gegen sie gestellt; und die Bedingungen an Bord waren, gelinde gesagt, primitiv gewesen. Er hatte sicherlich nicht seine bevorzugte Art des Reisens gewählt, doch die andere Form – die mithilfe von Leys – kam im Augenblick nicht infrage. Die Gefahren waren einfach zu groß. Tatsächlich war er so weit gegangen, wie er es wagen konnte, nur um hierher zu gelangen.

»Arturos! Steh auf, und lass mich dich ansehen!«

Arthur schaute auf und sah Turms im Eingang stehen: eine große, imposante Erscheinung. Doch er wirkte beinahe ausgemergelt unter seinem Zeremonialgewand, und auf seinem einst glatten Gesicht zeigten sich Altersfalten. Sein Haar, das an den Schläfen ergraute, hing gerade bis zu seinen Schultern herab; und den Haaransatz auf seiner Stirn hatte man in der Art der Priesterkaste rasiert.

Zunächst ging Turms zur Seite, setzte seinen Zeremonienhut ab und entledigte sich seiner goldenen Schärpe. Dann wandte er sich seinem Freund zu, um ihn angemessen zu empfangen.

Arthur erhob sich, und im nächsten Moment fand er sich in einer festen, freundschaftlichen Umarmung wieder.

»Bei deinem Anblick schwingt sich mein Herz in die Höhe«, sagte der König und küsste ihn auf die Wange.

»Und meines ebenso«, erwiderte Arthur freudig. »Meine Seele hat fürwahr nicht aufgehört zu singen, seitdem ich an diesem Morgen meinen Fuß auf tyrrhenischen Boden gesetzt habe.« Er redete nun mit größerer Leichtigkeit und vermehrtem Zutrauen, da seine früheren, seit vielen Jahren nicht mehr angewandten sprachlichen Fertigkeiten rasch zurückkehrten – wie Vögel, die nach langer Wanderung heimflogen. »Wie viel Zeit ist verstrichen, seit ich hier war?«, überlegte er laut. »Fünf Jahre? Oder gar sechs?«

»Ich fürchte, es waren mehr als zwanzig«, antwortete Turms und schüttelte leicht den Kopf. »Zu lange, mein Freund.«

»Ach je«, seufzte Arthur. »Ich hatte gehofft, viel früher zurückzukehren. Doch gewisse Geschehnisse haben mich überrascht, und es war mir nicht möglich, zu dir zu kommen.«

»Dennoch bist du jetzt hier.« Der König wandte sich unvermittelt ab und rief: »Pacha! Bring Wein und Zuckerwerk! Wir müssen unseren Gast angemessen empfangen.«

Er drehte sich wieder um, nahm Arthur beim Arm und führte ihn zum Sofa. »Dein Kommen wurde mir zur Kenntnis gebracht«, berichtete Turms und nahm neben seinem Gast Platz. »Genau an diesem Morgen erhielt ich ein Omen, das mir deine Ankunft vorhersagte. Natürlich wusste ich nicht, dass es sich um dich handelte – nur, dass ich einen ausländischen Besucher empfangen würde, bevor der Tag zu Ende geht.« Er lächelte. »Und hier bist du nun.«

»Tatsächlich, nun bin ich hier«, sagte Arthur. »Und ich könnte nicht glücklicher sein.«

»Ich werde für dich ein Haus herrichten lassen – diesmal ein neues …«

»Das alte wird mehr als zufriedenstellend sein«, beeilte sich Arthur zu erklären. »Wenn es denn verfügbar sein sollte …«

»Nein, nein. Davon will ich nichts hören. Dieses Haus ist doch viel zu weit entfernt. Ich möchte dich in der Nähe haben, sodass die Entfernung unseren Unterricht nicht behindern wird.«

»Dein Edelmut, o König, ist so groß wie deine Weisheit«, sagte Arthur und beugte zustimmend seinen Kopf. »Aber möglicherweise änderst du deine Haltung, wenn ich dir erzähle, dass ich diesmal nicht alleine gekommen bin.« Er beugte sich vor. »Ich habe eine Ehefrau.«

»Du bist verheiratet!«

»So ist es.«

»Aber wo ist sie?«

»Immer noch auf dem Schiff –«

»Was!«, rief Turms aus. »Du lässt sie wie ein Frachtbündel auf dem Deck eines stinkenden Schiffes warten? Was bist du nur für ein schlechter, gedanken- und gefühlloser Ehemann!«

»Bitte, Turms, ich wollte nicht respektlos sein – weder zu dir noch zu meiner liebwerten Frau. In Wahrheit war ich mir unsicher, wie mein Empfang ausfallen würde.«

»Ich hoffe doch, du weißt, dass du unserer Freundschaft trauen kannst«, entgegnete Turms. »Meine Wertschätzung dir gegenüber hat sich nie geändert.«

»An dir oder deiner Freundschaft habe ich in keiner Weise gezweifelt«, beteuerte Arthur. »Glaub mir – auf einen solchen Gedanken bin ich niemals gekommen.«

»Aber?«

»Ich wollte zunächst sehen, wie die Dinge hier stehen würden.«

»Ah!« Turms nickte anerkennend. »Sehr klug. Ja, jetzt entsinne ich mich: Zu jener Zeit, als du uns zuletzt verlassen hast, bedrohten die Latiner unsere Grenzen. Du hättest zu einem Ort zurückkehren können, der sich sehr von dem unterscheidet, den du zuletzt besucht hast.« Mit seiner Hand vollführte er eine lobende Geste in der Luft. »Ich preise deine Vorsicht.«

Pacha trat nun auf sie zu. In seinem Schlepptau war ein Diener, der ein bronzenes Tablett mit Silberpokalen und einem erlesenen gläsernen Krug hereintrug, in dem sich eine helle bernsteinfarbene Flüssigkeit befand. Außerdem gab es Schalen mit honigsüßen Mandeln. Der Diener stellte das Tablett auf ein dreibeiniges Gestell und ging rückwärts fort, während der Hausverwalter in einen der Pokale Wein einschenkte, einen Schluck davon nahm und anschließend dem König den Kelch überreichte. Dieses Prozedere wiederholte Pacha für den Gast und zog sich dann leise zurück.

»Ich bin froh zu sehen, dass jetzt alles friedlich zu sein scheint. Das Reich wächst und gedeiht unter deiner Herrschaft.«

»Derzeit ja. Die kriegerischen Latiner sind gezähmt oder zumindest entmutigt worden. Die schlimmsten Aufrührer hat man gefangen, vor Gericht gestellt und entweder hingerichtet oder ins Exil geschickt. Die Umbrier – ein alles in allem vernünftigerer Stamm – haben die Verwaltung der Stadt Ruma übernommen. Gegenwärtig brauchst du nicht zu fürchten, in Kämpfe von Krieg führenden Völkern verwickelt zu werden. Der Friede, diese stets leicht zu zerstörende Blume, blüht in Hülle und Fülle im ganzen Land.«

»Da dies der Weg aller Dinge ist«, sagte Arthur und stand wieder auf. »Ich werde meiner Frau Bescheid geben. Sie wird von ganzem Herzen froh sein, die beengten Räumlichkeiten des Schiffes verlassen zu können.« Arthurs Stimme wurde ernst. »Xian-Li ist der Grund, weshalb ich gekommen bin. Mein Frau ist schwanger, weißt du …«

Ein Blick ins Gesicht seines Gastes genügte, und Turms wusste, dass nicht alles in Ordnung war. »Was ein freudiger Anlass sein sollte, hat sich für dich in irgendeiner Weise verdüstert. Ich kann es sehen. Was ist geschehen?«

»Xian-Li hat eine schwierige Zeit durchgemacht«, sagte Arthur bloß. »Ich bin zu dir gekommen, um Rat zu suchen. Ich habe ihr von dem Können etruskischer Ärzte erzählt, und sie ist sehr darauf gespannt, dich zu treffen. Ich gehe sie jetzt holen.«

»Du wirst nichts dergleichen tun, mein Freund«, widersprach ihm der König. »Ich werde Pacha mit meinen Trägern zum Schiff schicken, und sie werden deine Frau in meiner Sänfte herbringen.« Er hob seine Hand und rief seinen Hausverwalter herbei. »Arturos’ Frau wartet an Bord des Schiffes, das im Hafen liegt. Bring sofort meine Sänfte zu ihr und hole sie hierher – aber achte darauf, dass die Träger sie mit äußerster Sorgfalt behandeln. Die Dame ist schwanger.«

»Wird sofort erledigt, mein König.« Pacha verbeugte sich und eilte fort. Bald schon war zu hören, wie seine Rufe, mit denen er die Träger zur Eile antrieb, den Berghang hinabhallten.

Während sie auf die Ankunft von Xian-Li warteten, saßen der König und sein Gast beisammen, sprachen miteinander und tranken Wein. Sie erneuerten die alten Bande der Freundschaft und schwelgten in Erinnerungen: Ihre Gedanken übersprangen die vielen dazwischenliegenden Jahre und schweiften zurück zu jener Zeit, als Turms nichts weiter als ein einfacher Prinz – lediglich der Dritte in der Thronfolge – und Arthur sein Schüler war. Damals hatte König Velnath seinem Sohn die Aufgabe übertragen, den fremdartigen Besucher die Sprache und die Bräuche des tyrrhenischen Volkes zu lehren. Zwischen den beiden jungen Männern entwickelte sich sehr schnell eine innige Freundschaft; und obwohl eine große Zeitspanne vergangen war, seitdem sie sich zuletzt gesehen hatten, war ihr großer gegenseitiger Respekt in keiner Weise geringer geworden.

»Du hast dich überhaupt nicht verändert«, bemerkte Turms, während er Arthur eingehend betrachtete.

»Und du ebenfalls nicht, mein verehrter König.«

»Nimm dich in Acht.« Turms hob den Zeigefinger und bewegte ihn tadelnd hin und her. »Es ist gefährlich, einen König anzulügen. Doch sieh her – für dich lege ich meine Krone ab. Wenn wir beide zusammen sind, bin ich nur noch Turms. Wir werden die Jahre zurückdrehen und das sein, was wir einst waren.«

»Wie du möchtest«, stimmte Arthur ihm freudig zu. »Nichts wäre mir lieber.«

Sie sprachen über die Zeit, als sie beide, als Teil von Arthurs Ausbildung, durch das Land reisten. Turms’ Vater hatte in dem jungen Fremden eine Wissensquelle gesehen, und er war entschlossen gewesen, sie zu nutzen. Doch der alte König starb, noch bevor der Sommer vorbei war: ermordet durch die Klinge eines latinischen Meuchelmörders. Turms’ Bruder bestieg daraufhin den Thron und erklärte den Latinern den Krieg, um Vergeltung zu üben. Dies zwang die beiden jungen Männer, ihre Reisen abzubrechen und nach Velathri zurückzukehren, wo Turms auf Anordnung seines älteren Bruders der Priesterschaft beitrat. Noch während das Land sich intensiv auf den Krieg vorbereitete, verabschiedete sich Arthur und reiste mit dem Versprechen ab, in ein oder zwei Jahren zurückzukehren, wenn der Frieden wiederhergestellt sein würde.

»Und jetzt bist du König«, stellte Arthur fest und grinste voller Freude, dass er seinen alten Freund in einer solch hochrangigen Position wiedergefunden hatte. »Du musst mir unbedingt erzählen, wie es dazu gekommen ist. Ich bin ganz begierig, diese Geschichte zu hören.«

»Das ist nichts«, entgegnete Turms und fuhr mit der Hand durch die Luft, als würde er eine Fliege verscheuchen. Er hob seinen Becher und fragte: »Erinnerst du dich an den letzten Sommer, den wir gemeinsam verbracht haben?«

»Es war in vielerlei Hinsicht der herrlichste Sommer meines Lebens. Wie könnte ich ihn jemals vergessen?«

»Zwei kühne und leidenschaftliche Seelen, die sich nicht um das Geschehen in der Welt sorgten. Die Tage, die wir in Ruma und Reate verbracht haben …« Turms kicherte und schüttelte den Kopf, als er sich den Erinnerungen hingab. »Und die Nächte! Sabinische Mädchen sind die besten in der ganzen Welt, sagen die Weisen. Und vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen – so begrenzt sie auch sein mögen – kann ich ihnen in keiner Weise widersprechen. Ich hätte eine dieser Sabinerinnen heiraten sollen, als die Glücksgöttin mir zugelächelt hat.«

»Dazu ist es nicht zu spät«, hob Arthur hervor. »Es ist niemals zu spät.«

Turms lächelte. »Vielleicht nicht.«

VIERTES KAPITEL

Worin man unvermutet Tee und Sandwiches begegnet

Giles?« Als Wilhelmina spürte, dass ihr Gefährte nicht mehr länger in ihrer Nähe war, wirbelte sie herum. Sogleich entdeckte sie ihn: Er lag auf Händen und Knien und würgte gerade den Inhalt seines Magens auf den weichen Kiefernnadelnbelag des Pfades. Sie kehrte zu ihm zurück und kniete sich neben ihm nieder. »Atmet tief durch und entspannt Euch. Das Schlimmste habt Ihr schon überstanden.« Sie legte eine Hand auf seinen Rücken. »So ist ’s gut – ein langsamer, tiefer Atemzug.«

Er folgte ihren Anweisungen, und Wilhelmina fühlte, wie sich seine Rippen ausdehnten und zusammenzogen, während die Luft in seine Lungen eindrang und dann wieder ausströmte. »Noch einmal«, forderte sie ihn auf, während sie den Weg entlangblickte, auf dem sie hergekommen waren. »Glaubt Ihr, dass Ihr gehen könnt? Wir müssen unseren Weg fortsetzen, denn jeden Moment können Burleighs Männer uns auf die Spur kommen.«

Giles nickte und wischte sich mit einem Ärmel über den Mund.

»Gut.« Sie griff ihm unter den Arm und half ihm auf die Füße. »Es ist wirklich viel einfacher, wenn man Übung darin bekommt.« Sie lächelte. »Es dürfte jedoch jetzt besser sein, wenn Ihr Eure Kräfte sammelt. Wir müssen noch zwei weitere Sprünge durchführen, bevor wir auf der Lichtung sind. Und jetzt müssen wir sofort von diesem Ley fortkommen.« Sie drehte sich um und begann, zwischen die Bäume zu gehen, die den Pfad säumten.

Giles folgte ihr auf wackligen Beinen.

Sie legten eine ziemlich lange Strecke zurück, bevor Wilhelmina anhielt, um zu lauschen. Es gab keinerlei Geräusche, die auf Verfolger hindeuteten, und so schritt sie in einem langsameren Tempo weiter. Auf diese Weise ermöglichte sie es ihrem Gefährten – dem immer noch übel war –, wieder ein bisschen zu Kräften zu kommen. »Der nächste Ley ist im Tal hinter jenem Hügel da«, teilte sie ihm mit. »Es ist ein Marsch von etwa einer Stunde. In dem Tal gibt es einen Bach, aus dem wir trinken können, bevor wir springen.«

Giles nickte erneut.

»Ihr gehört nicht gerade zu denen, die eine lockere Zunge haben, nicht wahr.«

»Mylady?«

»I

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