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Das Kloster der toten Seelen

Peter Tremayne

Das Kloster der toten Seelen

 

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Susanne Olivia Zylla

 

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

IN PORTH CLAIS

IN DER ABTEI DEWI SANT, MENEVIA

IN DER ABTEI DEWI SANT, MENEVIA

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

EPILOG

 

Für David R. Wooton aus Arkansas, USA –

Webmaster der Kriminalromane um Schwester Fidelma,

Offizielle Webseite: www.sisterfidelma.com –,

in Dankbarkeit für seine Unterstützung und Ermunterung

 

Gott steht auf; so werden seine Feinde zerstreut, und die ihn hassen, fliehen vor ihm. Wie Rauch verweht, so verwehen sie.

Psalm 68

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen in der Mitte des siebenten Jahrhunderts und sind hauptsächlich in Irland angesiedelt.

Fidelma und ihr Begleiter, der angelsächsische Bruder Eadulf, mit dem sie gewöhnlich ihre abenteuerlichen Reisen antritt, sind unterwegs nach Canterbury, dem Sitz der obersten Gerichtsbarkeit aller angelsächsischen Königreiche. Auf der Überfahrt werden sie von einem Sturm mit ihrem Schiff an Land gezwungen und kommen so an die Küste des Königreiches Dyfed, im Südwesten des heutigen Wales.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die einst der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dálaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll dieses Vorwort einige wesentliche Dinge erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Vorgänge beitragen.

Das damalige Irland bestand aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cúige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige – von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) – erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Rí oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche war die Macht noch einmal unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten aufgeteilt.

In der vorliegenden Geschichte werden wir auch mit den sich noch herausbildenden und ständig verändernden walisischen Königreichen bekannt gemacht. Die ursprünglichen Britannier, von den Angelsachsen Welisc (Ausländer) genannt, wurden aus ihren Gebieten, die sie fast fünfhundert Jahre hindurch besiedelt hatten, von den einfallenden Jüten, Angeln und Sachsen nach Westen verdrängt. Zu Fidelmas Zeiten befanden sich Devon (Dumnonia) und Cornwall (Curnow) und auch Cumberland (Rheged) noch in den Händen der Kelten. Nordwales bestand aus zwei Königreichen, Gwynedd und Powys; Südwales hingegen gliederte sich in acht kleinere Königreiche auf, darunter auch Dyfed und Ceredigion, die ständig kriegerisch um die Vorherrschaft rangen.

Dyfed, Sitz der berühmten Abtei des Schutzheiligen von Wales, St. David (Dewi Sant), war einst von den Iren aus Dési besiedelt worden. Die ersten Könige trugen irische Namen. In der Reihe der walisischen Könige stoßen wir auf den berühmten Hywel Dda (905 – 950), der von König Eochaid von Dyfed abstammt, welcher um 400 Herrscher war. Hywel Dda war unbestreitbar der herausragendste der walisischen Könige; seine Macht erstreckte sich über das ganze Gebiet von Wales. Eben jener Hywel Dda berief die große, sechswöchige Versammlung von Dyfed ein, zu der die Repräsentanten aller walisischer Reiche anreisten und unter der Leitung des Rechtsgelehrten Blegywryd die Gesetze des Landes in der ersten bekannten Kodifizierung festhielten. Diese Texte wurden allgemein die »Gesetze von Hywel Dda« genannt. Sie stehen in der althergebrachten Rechtstradition der Kelten, und so stoßen wir bei den altirischen Rechten und den Gesetzen von Hywel Dda auf einige Gemeinsamkeiten.

Genau auf jene gemeinsame Tradition der Rechtsprechung richtet Fidelma in der vorliegenden Geschichte ihr Augenmerk.

Wir sollten uns dennoch Fidelmas eigene Kultur vor Augen führen, vor deren Hintergrund sie das Königreich von Dyfed sieht, und erfahren, wie es dazu kam, daß sie Anwältin im Rechtssystem ihres Heimatlandes sein konnte.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Diente ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irland mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fénechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Der Überlieferung nach wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fódhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Ihr gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Man muß feststellen, daß das walisische Recht, soweit berichtet wird, weitere fünfhundert Jahre lang nicht schriftlich zusammengefaßt wurde. Dennoch war es das Resultat einer hochentwickelten mündlichen Tradition oder aber darüber hinaus einer handschriftlich festgehaltenen Kodifizierung, die jedoch schon früh verschollen ist. Sicher haben sowohl die Besetzung durch die Römer und als auch die Nähe zur römischen Kirche Einflüsse auf das walisische Recht ausgeübt. Dessenungeachtet verleugnet dieses Rechtssystem seinen eigentlichen keltischen Ursprung nicht.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert wieder, das heute in der Royal Irish Academy in Dublin aufbewahrt wird. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland letztendlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz des Gesetzbuches wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

Das walisische Recht existierte bis zur schrittweisen Einverleibung von Wales durch die Engländer im Jahre 1536 und schließlich 1542, mit der auch die englische Sprache, englisches Recht und englische Bräuche übernommen wurden. Heute sind noch ungefähr achtzig Rechtstexte in walisischer und lateinischer Sprache erhalten, die meisten stammen aus der Zeit zwischen dem zwölften und dem sechzehnten Jahrhundert.

Das irische Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Féis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und deren Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Sie gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder späterer Jahrhunderte. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten ihr Volk als Krieger in Schlachten befehligen, politische Führer sein, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Ärzte, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Bríg Briugaid, Áine Inguine Iugaire, Darí und viele andere. Darí zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern die Verfasserin eines berühmten Gesetzestextes, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld, ob sie nun zu Hause lagen oder im Hospital. Im alten Irland gab es die ersten Krankenhäuser, die in Europa bekannt sind. Aus heutiger Sicht beschrieben die Gesetze der Brehons eine beinahe ideale Gesellschaft.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in dem hier Erzählten zu verstehen.

Fidelma studierte an der weltlichen Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte sie den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irland zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mór als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Deshalb wurde sie dálaigh, Anwältin bei Gericht.

Ihre Hauptaufgabe bestand ähnlich der eines heutigen schottischen Richters darin, unabhängig von den Befugnissen der Ordnungshüter Beweismittel aufzunehmen, einzuordnen und festzustellen, ob sich in einem Rechtsfall weitere Ermittlungen lohnen oder ob er eingestellt werden sollte. Der französische juge d’instruction hat heute noch entsprechende Aufgaben. Fidelma darf darüber hinaus auch vor Gericht als Vertreterin der Anklage oder als Verteidigerin auftreten oder muß sogar in weniger schwerwiegenden Fällen das Urteil sprechen, wenn ein Brehon dafür nicht abkömmlich war.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter des Gelehrtenstandes den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft von Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war. Zu der Zeit jedoch, in der die vorliegende Geschichte spielt, hatte Fidelma ernüchtert die Gemeinschaft verlassen. Den Gründen dafür kann der geneigte Leser in der Geschichte Hemlock at Vespers nachspüren.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne der angelsächsischen Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow findet man zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien. Irland galt als Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfestes und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxen Ostkirchen bis heute von Rom unabhängig geblieben sind. Zu Fidelmas Zeit brach dieser Konflikt offen aus. Es ist unmöglich, über Kirchenfragen jener Zeit zu schreiben, ohne sich auf die damals vorherrschenden philosophischen Fehden zu beziehen.

Ein Kennzeichen der keltischen wie der römischen Kirche im siebenten Jahrhundert war die Tatsache, daß der Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen der westlichen Kirche verurteilt, aber nicht verboten. Der Zölibat in der römischen Kirche leitete sich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049 –1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder den allgemeinen Zölibat aufzuzwingen. Die keltische Kirche gab erst nach jahrhundertelangem Ringen ihre antizölibatäre Haltung auf und schloß sich den Richtlinien Roms an, wohingegen in der östlichen orthodoxen Kirche die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Eheschließung haben.

Das Wissen um die freie Einstellung der keltischen Kirche zu geschlechtlichen Beziehungen ist wesentlich für das Verständnis des Hintergrunds dieses Romans.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill Dara = Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste überlieferte Biographie wurde 650, fünfzig Jahre nach ihrem Tode, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch weiterhin eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Im Gegensatz zur römischen Kirche gab es in der keltischen kein System von »Beichtvätern«, denen man seine »Sünden« beichten mußte und die dann die Vollmacht hatten, jemandem im Namen Christi diese Sünden zu vergeben. Statt dessen suchte man sich unter den Geistlichen oder Laien einen sogenannten »Seelenfreund« (anam chara) aus und erörterte mit diesem Fragen der Seele, des Geistes und des Glaubens.

Dem Vorwurf einiger Leser, ich würde anachronistischerweise auf die damals üblichen Maßangaben verzichten und das heutige metrische Meßsystem anführen, muß ich entgegenhalten, daß der Historiker an dieser Stelle dem Erzähler den Vorrang läßt und für ein besseres Verständnis der Maßangaben unter der Leserschaft bewußt auf moderne Entsprechungen für die irischen Maßeinheiten zu Fidelmas Zeiten zurückgreift. Es wäre viel zu mühselig, im einzelnen zu erklären, was die Bedeutungen von ordlach, bas, troighid, céim, dies-céim, fertach und forrach sind.

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin an den Gerichten im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

IN PORTH CLAIS

Bruder Rhodri

IN DER ABTEI DEWI SANT, MENEVIA

Abt Tryffin

Gwlyddien, König von Dyfed

Cathen, Sohn von Gwlyddien

Bruder Meurig, ein barnwr oder Richter aus Dyfed

Bruder Cyngar aus Menevia

Cadell, ein Krieger

IN PEN CAER UND UMGEBUNG

Mair, Tochter von Iorwerth, ein Opfer

Iorwerth, ein Schmied, Vater von Mair

Iestyn, sein Freund, ein Bauer

Idwal, ein junger umherziehender Schäfer

Gwnda, Fürst von Pen Caer

Elen, Gwndas Tochter

Buddog, eine Dienerin an Gwndas Sitz

Clydog Cacynen, genannt »die Wespe«, ein Geächteter

Corryn, genannt »die Spinne«, aus Clydogs Bande

Sualda, aus Clydogs Bande

Goff, ein Schmied

Rhonwen, seine Frau

Dewi, sein Sohn

Elisse, der Apotheker

 

Osric, Gefolgsadliger der Hwicce

KAPITEL 1

Das Mädchen sah aus, als würde sie sich einfach nur mitten im Farnkraut ausruhen. Ein Arm lag locker hinter ihrem Kopf, der andere ausgestreckt an ihrer Seite. Das blasse, zarte Gesicht wirkte entspannt. Die Augen mit den dunklen Wimpern waren geschlossen. Zwischen den leicht geöffneten Lippen leuchteten schöne weiße Zähne. Ihr dunkles Haar bildete einen starken Kontrast zu der bläßlich schimmernden Haut.

Allein das dünne Rinnsal Blut aus dem Mundwinkel, das inzwischen getrocknet war, und ihre scheinbar so durchscheinende Haut, die rot bis bläulich gesprenkelt war, verrieten, daß sie sich nicht einfach nur ausruhte. Ein scharfsichtiger Beobachter hätte außerdem an ihren zerrissenen und blutverschmierten Kleidern erkennen können, daß etwas nicht stimmte.

Der Junge stand vor dem Mädchen, blickte ausdruckslos zu ihm hinunter. Er war schmal, drahtig gebaut, hatte rötlichbraune Haare und sommersprossige, gebräunte Haut, die verriet, daß er sich die meiste Zeit bei Wind und Wetter draußen aufhielt. Seine Lippen waren übermäßig rot und voll, was ihm einen leichten Zug ins Häßliche gab. Seine wäßrigen Augen hafteten auf dem Körper des Mädchens. Er trug eine ärmellose Schaflederjacke, die von einem Ledergürtel zusammengehalten wurde. Überdies mutete sein Äußeres durch die dicken Hosen und die Ledergamaschen wie das eines Schäfers an.

Ein tiefer Seufzer drang aus seiner Kehle.

»Ach Mair, warum nur? Warum, Mair?«

Er schien nun zu schluchzen, doch sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Mit starrem Blick stand er noch eine Weile so da, bis er die Rufe in der Ferne vernahm. Ruckartig schaute er auf, hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt, als lauschte er. Seine Miene wirkte auf einmal gehetzt. Die schreiende Meute näherte sich ihm rasch. Jetzt konnte er ihre Rufe deutlich verstehen.

Der Junge blickte noch einmal auf das tote Mädchen und rannte los.

Er war kaum zehn oder zwanzig Meter weit gekommen, als ihn ein heftiger Schlag auf die Schultern zu Boden riß. Er stürzte nach vorn auf Hände und Knie. Mühsam rang er nach Luft.

Hinter einem Baum war ein stämmiger Mann hervorgetreten, der eine dicke Holzkeule in Händen hielt. Er war dunkel, untersetzt und trug einen Vollbart. Nun stand er breitbeinig über dem Jungen, die Keule erhoben, gewaltbereit und bedrohlich.

»Steh auf, Idwal«, brummte der Mann finster. »Sonst schlage ich noch einmal zu.«

Der Junge blickte auf, seine Schulter schmerzte. »Was willst du von mir, Fürst Gwnda?« jammerte er. »Ich habe dir nichts getan.«

Der Mann runzelte böse die Stirn. »Keine Widerrede, Bursche!«

Er zeigte auf den Weg hinter sich, auf die Leiche des Mädchens. Da tauchte unter den Bäumen hervor eine Gruppe von Männern auf und lief nun den Waldweg entlang.

»Hierher!« rief der dunkelhaarige Mann. »Hierher, Leute! Ich habe ihn. Ich habe den Mörder.«

Die Meute rannte auf den knienden Jungen zu, der vor Angst zu weinen anfing.

»Bei der Heiligen Jungfrau, ich schwöre, ich habe sie nicht …«

Einer der Männer, die ihn zuerst erreichten, schlug ihm seitlich auf den Kopf. Nun völlig zu Boden gestreckt, wurde der Junge glücklicherweise bewußtlos, denn jetzt prügelten auch die anderen auf ihn ein.

»Genug!« rief der dunkelhaarige Mann. »Ich weiß, ihr seid voller Zorn. Wir werden ihn in unser Dorf mitnehmen und vor einen barnwr bringen.«

»Wozu brauchen wir einen Richter, Gwnda?« rief einer der Männer. »Haben wir es nicht mit eigenen Augen gesehen? Habe ich nicht beobachtet, wie sich Idwal und die arme Mair erst vor kurzem lauthals gestritten haben? Idwal war so außer sich, wie ich ihn noch nie erlebt habe.«

Der schwarzbärtige Mann schüttelte den Kopf. »Wir müssen die Gesetze einhalten, Iestyn. Wir werden nach dem barnwr schicken, einem erfahrenen Richter aus der Abtei Dewi Sant.«

 

Der Mönch war jung und lief mit dem zuversichtlich raschen Schritt der Jugend den Weg durch den Wald. Er hatte den Winterumhang eng um seinen Körper geschlungen, um sich vor der frühmorgendlichen Kälte zu schützen. Seinen dicken Wanderstab aus Schlehdorn trug er weniger als Gehhilfe, sondern vielmehr als Waffe bei sich – jederzeit zu seiner Verteidigung einsatzbereit. Der Wald von Ffynnon Druidion, der Druidenquelle, war berüchtigt für Straßenräuber, die in düsteren Verstecken lauerten und hier ihr Unwesen trieben.

Bruder Cyngar hatte keine Angst, er war nur vorsichtig. In der ersten Morgendämmerung dieses Herbsttages, der strahlend schön zu werden versprach, würden, so meinte Cyngar, alle Räuber noch ihren Alkoholrausch ausschlafen. So früh würde kein einziger Schurke nach Opfern Ausschau halten. Nicht einmal der gefürchtete Clydog Cacynen, der hier in den Wäldern hauste. Clydog, die Wespe, wurde er genannt, denn er stach zu, wenn man es am wenigsten erwartete. Ein berüchtigter Geächteter. Die Angst vor ebenjenem Clydog Cacynen hatte Bruder Cyngar dazu gebracht, bereits in aller Frühe aufzubrechen, nachdem er die Nacht in der Hütte eines Holzfällers bei dem alten aufrecht stehenden Stein Unterschlupf gefunden hatte.

Der Rauhreif hatte sich wie ein weißer Teppich über den Waldboden gelegt. Die schwache winterliche Sonne versuchte, ihre Strahlen durch die weichen weißen Wolken zu bohren. Der Wald wirkte farblos. Die Bäume hatten größtenteils bereits ihr Laub verloren, hatte es doch schon mehrere kalte Nächte gegeben, obwohl der Spätherbst erst noch bevorstand. Hier und da waren ein paar immergrüne Stechpalmen zu sehen, an deren weiblichen Exemplaren rote Beeren leuchteten. Kleine braune Zapfen schmückten die Erlen, dazwischen sah man Birken. Aber alles wurde überragt von hohen, ausladenden Eichen.

Ab und zu entdeckte Bruder Cyngar an Eschenstämmen Holzkohlenpilze. Sie waren ungenießbar, vertrieben aber angeblich Krämpfe, wenn man sie vor dem Schlafengehen ins Bett legte, wie er gehört hatte. Aber eigentlich verachtete er solchen Aberglauben.

Es regte sich im Wald. Cyngar bemerkte eine Spitzmaus, ein winziges braunes Etwas, das aus dem Gebüsch vor ihm heraushuschte. Er sah, wie die kleine Maus kurz innehielt und herumschnüffelte. Ihr schlechtes Sehvermögen wurde durch ihren einzigartigen Geruchssinn wettgemacht, denn kaum witterte sie den Fremden, piepste sie und war im Bruchteil einer Sekunde wieder verschwunden.

Über Bruder Cyngar stieß ein am Himmel kreisender Rotmilan einen wehmütigen Schrei aus, er hatte wohl die kleine, davonhuschende Maus im kahlen Strauchwerk entdeckt, und wäre nicht Bruder Cyngar gewesen, hätte er sie sich zum Frühstück geholt.

Nur einmal hob der Mönch seinen Stock zur Verteidigung, als er in der Nähe ein unheimliches Rascheln vernahm. Doch er entspannte sich wieder, als er ein bräunliches weiß gesprenkeltes Fell und ein breites Geweih erkannte, das zu einem Damhirsch gehörte, der sofort im sicheren Unterholz verschwand.

Der Waldpfad führte nun auf einen offenen, mit Farnkraut überzogenen Hang. Bruder Cyngar verspürte eine gewisse Erleichterung, weil er jetzt den Wald hinter sich hatte. Er machte sogar eine Pause, legte seinen Stock beiseite und holte, als er etwas kleines Orangefarbenes am Wegrand entdeckte, sein Messer heraus. Er kniete nieder und untersuchte die weiße Unterseite der Pilze. Viele aßen diese roh oder in Honigmet getaucht. Bruder Cyngar legte sie in das kleine marsupium, das er am Gürtel trug.

Er erhob sich, nahm seinen Stock und schritt mit neuer Kraft voran, denn er wußte, daß sein Ziel nun nicht mehr fern war.

Hinter dem nächsten Höhenzug lag die Gemeinschaft von Llanpadern, das heilige Kloster der Gesegneten Brüder, in der etwa dreißig Glaubensbrüder im Dienste Gottes wirkten. Dort wollte Bruder Cyngar um die Gastfreundschaft der Mönche ersuchen und frühstücken, ehe er zur berühmten Abtei Dewi Sant auf der Halbinsel Moniu, die manche auch auf lateinisch Menevia nannten, aufbrach. Die Abtei war allen religiösen Gemeinschaften des Königreiches von Dyfed übergeordnet. Sein eigener Klostervorsteher hatte Bruder Cyngar Botschaften an den dortigen Abt Tryffin anvertraut. Bruder Cyngar war am Vortag gegen Mittag aufgebrochen und hatte nach einer längeren Wegstrecke in der Holzfällerhütte übernachtet, um dann von dort zu recht früher Stunde und ohne etwas im Magen, den berüchtigten Wald von Ffynnon Druidion zu durchqueren. Ihm war wie allen anderen Pilgern, die Richtung Süden nach Moniu unterwegs waren, die sprichwörtliche Gastfreundschaft von Llanpadern bekannt.

Gelassen schritt Bruder Cyngar nun voran. Die Sonne, die noch nicht ganz durch die Wolken gebrochen war, schien bereits so warm, daß sie den Morgenfrost vertrieb.

Nun hatte er den Sattel des nackten felsigen Berges erreicht, den man Carn Gelli nannte. An seinem höchsten Punkt war ein kleiner Steinhügel kunstvoll aufgeschichtet. Darunter befand sich ein altes Grab, das dem Berg seinen Namen verlieh. Bruder Cyngar blieb stehen und schaute ins Tal hinunter. Dort lag das Kloster, ein Komplex aus grauen Steingebäuden. Aus einem großen Schornstein stieg Rauch auf. Bruder Cyngar lief den Pfad weiter, immer schneller, getrieben von dem Wunsch, rasch das Kloster zu erreichen.

Als er sich dem Tor näherte, mußte er zu seiner Verwunderung feststellen, daß es offenstand und weit und breit niemand zu sehen war. Unwillkürlich lief ihm ein Schauer über den Rücken. Das war ungewöhnlich, selbst zu dieser frühen Stunde, denn sonst traf man die Brüder von Llanpadern auf den umliegenden Feldern an, machten sie sich doch schon beim ersten Tageslicht an die Arbeit, auch an einem kalten Herbstmorgen wie diesem. Gewöhnlich herrschte an den Toren und auf den Feldern reges Treiben.

Beklommen blieb Bruder Cyngar am Tor stehen. Heute versah dort niemand seinen Dienst. Nach kurzem Zögern trat er zu dem hölzernen Pfosten, um an der Bronzeglocke zu ziehen, die dort hing. Ein schauriger Klang hallte nach. Nichts rührte sich daraufhin, kein Laut war zu vernehmen. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, daß sich überhaupt jemand im Kloster aufhielt.

Bruder Cyngar wartete einige Augenblicke und zog dann noch einmal die Glocke mit ihrem fordernden Läuten, diesmal länger und beharrlicher. Doch wieder regte sich nichts.

Langsam schritt er in den ausgestorbenen Innenhof und blickte sich um.

Überall herrschte Totenstille.

Mitten auf dem Hof war eine mindestens vier Meter hohe Pyramide aus Ästen und Holzscheiten aufgeschichtet, die aussah, als sollte sie in nächster Zeit angezündet werden und als ein riesiges Freudenfeuer in Flammen aufgehen. Der junge Mann betrachtete sie genauer und rieb sich dabei nachdenklich die Wange.

Er unterdrückte den Schauer, der ihm erneut über den Rücken fahren wollte, und lief über den viereckigen Hof auf die Tür der Kapelle zu und stieß sie auf. Die Kapelle wirkte düster, obwohl es heller Vormittag war. Nicht einmal die Altarkerzen waren angezündet. In dem Dunkel konnte er kaum etwas erkennen.

Da Bruder Cyngar das Kloster schon mehrere Male besucht hatte, kannte er sich hier gut aus und trat nun durch eine kleine Tür, die zum Wohntrakt führte, wie er wußte. Die Mönche verbrachten die Nacht in einem großen Schlafsaal, der jetzt vor ihm lag. Die Betten wirkten unberührt. Sie schienen entweder sehr früh aufgestanden zu sein und hatten sie gerichtet, oder sie waren in der letzten Nacht überhaupt nicht schlafen gegangen.

Während Bruder Cyngar zwischen den leeren Bettreihen umherwandelte, wurden seine Lippen immer trockener, und seine Unruhe nahm zu. Irgend etwas riet ihm, sich ganz leise über den Steinfußboden zu bewegen.

Hinter dem Schlafsaal befand sich das Refektorium, der Speisesaal des Klosters.

Auch der wirkte wie ausgestorben, das hatte er schon vermutet. Doch auf welche Weise leer und verlassen er ihn vorfinden würde, das hatte er nicht geahnt. Ein paar rußig flackernde Kerzen erleuchteten den Saal, und zu seiner Überraschung sah Bruder Cyngar, daß die Tische alle gedeckt waren und sich auf jedem Holzteller noch die halb verzehrten Speisen befanden. Messer und Löffel lagen so herum, als wären die Mönche bei ihrer Mahlzeit gestört worden. Neben den Gedecken standen Becher mit Wasser oder Wein.

Plötzlich schreckte Cyngar nervös auf und ließ seinen Schlehdornstock mit lautem Gepolter zu Boden fallen. Auf einem Tisch unweit von ihm zog eine schwarze Ratte etwas von einem Teller herunter und huschte mit ihrer Beute davon. Bruder Cyngar preßte die Lippen fest aufeinander, dann beugte er sich nach unten, um seinen Stock aufzuheben.

Nirgendwo sah er ein Anzeichen, das erklärt hätte, warum die Mönche die Tafel so überstürzt verlassen hatten. Es gab keine Unordnung, Stühle und Bänke waren zurückgeschoben, als hätten sich alle ganz normal erhoben, nichts deutete darauf hin, daß sie das Refektorium hektisch oder in Panik verlassen hätten. Bruder Cyngar ging zwischen den Tischen auf und ab und suchte nach Hinweisen, die den Anblick, der sich seinen ungläubigen Augen bot, hätten erhellen können.

Ihm fiel auf, daß die Kerzen fast heruntergebrannt waren, also hatte man sie lange vor seinem Eintreffen angezündet, an ein oder zwei Stellen war das Kerzenwachs auf den Tisch gelaufen. Es muß sich um das Abendessen handeln, dachte Bruder Cyngar, also müssen die Mönche vor Beendigung ihrer Mahlzeit einfach aufgestanden sein, alles ordentlich hinterlassen haben und … und einfach verschwunden sein! Bruder Cyngar begann vor Angst zu zittern.

Dann nahm er all seinen Mut zusammen und machte sich daran, die restlichen Gebäude des Klosters abzusuchen, eines nach dem anderen. Die Räume des Klostervorstehers waren ordentlich und sauber, sein Bett war unberührt, und auch hier gab es keine Anzeichen für einen Tumult oder einen plötzlichen Aufbruch. Das kleine Skriptorium wirkte ebenfalls aufgeräumt, die Bücher standen in Reih und Glied in den Regalen. Draußen, auf der anderen Seite des Innenhofs, in den Lagerräumen, befand sich ebenfalls alles an seinem Platz, und als der junge Mönch die Stallungen betrat, hatte auch dort alles seine Ordnung.

Erst als er wieder über den Hof zur Kapelle zurückeilte, wurde ihm bewußt, was das zu bedeuten hatte. In den Ställen fehlten die Tiere, weder Hühner, Schweine noch Kühe oder Schafe, selbst die beiden Maulesel, die im Kloster gehalten wurden, waren da. Sie waren wie die Mönche allesamt wie vom Erdboden verschluckt.

Bruder Cyngar hielt sich für einen logisch denkenden jungen Mann. Er war der Sohn eines Bauern, so schnell ließ er sich nicht in Angst und Schrecken versetzen. Ehe die Furcht die Oberhand gewann, müßten erst einmal alle Fakten und möglichen Deutungen untersucht und genauer in Augenschein genommen werden. Vorsichtig näherte er sich dem Haupttor und suchte dabei mit den Augen den Boden ab, als würde er dort auf Hinweise stoßen, die die Flucht der Mönche und der Tiere erklärten. Die Kühe und Maulesel würden vor dem Tor sicher Spuren hinterlassen haben. Doch im weichen Boden war nichts zu sehen. Er entdeckte ein paar tiefe Wagenspuren, aber das war nicht ungewöhnlich. Viele Bauern der Umgebung trieben regelmäßig mit dem Kloster Handel. Die Wege nach Norden und Westen waren steinig, also würden dort die Fährten rasch verschwinden. Er konnte ein paar Abdrücke von flachen Sandalen, wie sie die Mönche trugen, erkennen, aber sonst so gut wie nichts. So blieb ihm nur der Schluß, daß die Gemeinde wie Rauch im Wind zerstoben sein mußte.

Bruder Cyngar verspürte den Drang, auf die Knie zu fallen und ein Gebet zu sprechen, um das Böse von sich fernzuhalten, denn was man nicht auf natürliche Weise erklären konnte, mußte das Werk des Übernatürlichen sein. Für das ausgestorbene Kloster gab es im Augenblick keine Erklärung. Zumindest keine, die ihm in den Sinn kam.

Könnte es sein, daß Pater Clidro, der Klostervorsteher von Llanpadern, und seine Mitbrüder sich mitten beim Abendessen von den Tischen erhoben hatten, die Kerzen hatten brennen lassen, alle Tiere um sich geschart hatten und dann … Was dann? Wie von Geisterhand vertrieben worden waren?

Als ein von der Vernunft bestimmter junger Mann zwang sich Bruder Cyngar, noch einmal ins Refektorium zurückzukehren und die Kerzen auszulöschen, ehe er wieder zum Haupttor ging. Wieder ließ er die Augen umherschweifen, dann schloß er die Tore. Unschlüssig stand er da. Was sollte er nun tun?

Er wußte, daß sich ein paar Meilen nach Norden die größere Gemeinde Llanwnda befand. Gwnda, der Fürst von Pen Caer, war ein Mann der Tat und allseits dafür bekannt. Sollte er sich dorthin aufmachen? Doch da fiel ihm ein, daß es in Llanwnda keinen Priester gab, und was sollten Gwnda und seine Leute gegen die übernatürlichen Mächte des Bösen ausrichten, durch die sich die Bruderschaft von Llanpadern offensichtlich in Luft aufgelöst hatte?

Also blieb ihm nur eines zu tun. Er mußte so rasch wie möglich zur Abtei Dewi Sant weiterwandern. Abt Tryffin wüßte schon Rat, auch sollte er umgehend von dem furchtbaren Geschehen in Kenntnis gesetzt werden. Nur die Mönche der großen Abtei Dewi Sant besaßen die Macht, den bösen Fluch von dem Kloster hier zu nehmen. Welch ein geheimnisvoller Zauber mochte unter der armen klösterlichen Gemeinschaft von Llanpadern gewütet haben? Am ganzen Leibe zitternd, ließ Bruder Cyngar das verlassene Kloster, so schnell er konnte, hinter sich. So gelangte er rasch über den steinigen Weg zu den südlichen Bergen. Der strahlende Herbsttag wirkte nun düster, schwer und bedrohlich. Doch welcher Art war diese Bedrohung?

KAPITEL 2

In den wenigen Sekunden zwischen Bewußtlosigkeit und Erwachen gibt es einen Augenblick lebhaften Träumens. Eadulf kämpfte in dunklem Gewässer, er bekam keine Luft. Er versuchte, an die Oberfläche zu schwimmen, er ruderte mit Armen und Beinen, und ihm war, als würde er in Kürze ersticken. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, er hatte das Gefühl, völlig kraftlos zu sein. Gerade als er alle Hoffnung aufgeben wollte, erlangte er wieder das Bewußtsein: jener Übergang vollzog sich so rasch, daß er einen Moment zitternd dalag; der Schweiß rann ihm von der Stirn, er war nicht sicher, was mit ihm geschah. Doch dann, ganz langsam – so kam es ihm vor – wurde ihm klar, daß er geträumt hatte. Er mühte sich, einen Ton hervorzubringen, irgendeinen Laut, doch seiner Kehle entwich nur ein Rasseln.

Er bemerkte, daß sich ein Schatten über ihn gebeugt hatte, und strengte sich an, die Dinge genauer zu erfassen, doch alles blieb verzerrt.

Eine Stimme sagte etwas. Er verstand nichts. Er bemühte sich erneut, nach oben zu blinzeln. Er fühlte, wie jemand seinen Kopf packte und ihn etwas hochhob. Dann spürte er etwas Festes an seinem Mund. Eine kalte Flüssigkeit wurde über seine Lippen gespült und rann ihm zwischen die Zähne. Gierig schluckte er. Viel zu rasch wurde das Gefäß wieder fortgenommen, und die Hand legte seinen Kopf auf das Kissen zurück.

Ein Weilchen lag er so da, dann öffnete er die Augen und zwinkerte. Eine Gestalt verschwamm vor ihm, nahm aber gleich danach Konturen an.

Es handelte sich um einen Mann, kurz, stämmig und im Gewand eines Mönches.

Eadulf überlegte angestrengt, was ihm wohl widerfahren sei und wo er sich befand. Er konnte es sich nicht erklären.

Wieder sagte die Stimme etwas. Wieder verstand er nichts, doch dieses Mal erkannte er am Tonfall, daß jemand in der Sprache der Britannier auf ihn einredete. Er befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen und versuchte, einen Satz in jener Sprache hervorzubringen, die er nur unzulänglich beherrschte.

»Wo bin ich?« stieß er schließlich hervor, wobei er sofort bemerkte, daß er seine Muttersprache verwendet hatte.

Die Lippen im rundlichen Gesicht des Geistlichen schürzten sich abschätzig.

»Sacsoneg Der Mann schüttete nun einen ganzen Wortschwall über Eadulf aus.

Der versuchte sich zu konzentrieren, denn in seinem Kopf dröhnte es immer noch, um einen Satz in der Sprache der Britannier zu bilden. Es war schon viele Jahre her, daß er sie zum letztenmal benutzt hatte. Es wollte ihm nicht gelingen. Also griff er auf Latein zurück, denn das beherrschte er weitaus besser, wie er sich nun erinnerte.

Als der Mönch seine lateinischen Worte vernahm, blickte er erleichtert. Auf seinem rundlichen Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab.

»Du befindest dich in Porth Clais, angelsächsischer Bruder.«

Der Mann hielt ihm erneut den Becher hin, in dem sich Wasser befand. Eadulf hob den Kopf diesmal ohne Hilfe und trank. Er ließ sich wieder auf das Kissen fallen. Da dämmerte es ihm.

»Porth Clais? Ich war an Bord eines Schiffes, das von Loch Garman abgelegt hatte. Wo liegt Porth Clais und was ist geschehen …? Fidelma? Wo ist meine Gefährtin, Schwester Fidelma? Sind wir Schiffbrüchige? Mein Gott! Was ist geschehen …?«

Eadulf versuchte sich aufzurichten. Der untersetzte Mönch drückte ihn sanft, aber entschlossen wieder auf sein Lager zurück. Er mußte wohl sehr geschwächt sein, wenn er einer einzigen Hand nichts entgegensetzen konnte.

»Alles zu seiner Zeit, angelsächsischer Bruder«, erwiderte der Mann freundlich. »Es war kein Schiffbruch. Alles ist in Ordnung. Du bist, wie ich schon sagte, in Porth Clais im Königreich von Dyfed. Es ist dir nicht so gut ergangen, mein Freund.«

In Eadulfs Kopf pochte es. Er fuhr sich mit der Hand darüber und war überrascht, als er an der Schläfe eine leichte Beule fühlte.

»Ich begreife nicht. Was ist geschehen?«

»Woran erinnerst du dich als letztes, angelsächsischer Bruder?«

Eadulf versuchte, den Wirrwarr in seinem Kopf zu ordnen. »Ich befand mich an Bord eines Schiffs. Wir waren erst eine Tagesreise von Loch Garman entfernt und segelten auf die Küste von Kent zu … Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Es gab einen Sturm.«

Blitzartig wurde ihm alles klar. Sie waren erst eine Tagesreise von Loch Garman entfernt gewesen. Die Küste von Laigin, dem südöstlichen der fünf Königreiche von Éireann, war hinter dem Horizont verschwunden, als ein heftiger Wind aufkam und hohe Wellen über das schwankende Schiff schlugen. Gnadenlos wurden sie hin und her geworfen. Noch ehe der Kapitän und die Mannschaft die Segel einholen konnten, hatte eine heftige Böe sie in Fetzen gerissen, so unerwartet war der Sturm losgebrochen. Eadulf erinnerte sich, daß er Fidelma unter Deck gelassen hatte und hinaufgegangen war, um den Seeleuten seine Hilfe anzubieten.

Der Kapitän hatte sein Angebot schroff abgelehnt.

»Eine Landratte nützt mir soviel wie ein Eimer mit Loch«, rief er barsch. »Geh wieder runter und bleib da!«

Vor seinen Augen sah er nun, wie er über das schwankende, überspülte Deck zurückgegangen war, gekränkt und verärgert, bis zu den Stufen, die zu den Kajüten hinunterführten. Gerade als er sich hinunterbegeben wollte, schien die mächtige See das Schiff hochzuwerfen und es nach vorn zu schleudern. Er verlor den Halt, und seine letzte Erinnerung war die, daß er nach vorn gerissen wurde und dann … dann nichts, bis zu seinem Erwachen vor ein paar Augenblicken.

Der stämmige Mönch lächelte.

»Und wie ist dein Name?« fragte er.

»Ich bin Eadulf von Seaxmund’s Ham, Abgesandter des Erzbischofs Theodor von Canterbury«, erwiderte Eadulf auf der Stelle und fragte dann verwirrt: »Doch wo ist Schwester Fidelma, meine Begleiterin? Was geschah mit dem Schiff? Wie bin ich hierhergekommen? Wo, sagst du, befinde ich mich?«

Der rundgesichtige Mönch grinste und hob die Hand, um der Flut von Fragen Einhalt zu gebieten. »Es scheint, daß der Stoß gegen den Kopf weder deinen geistigen Fähigkeiten noch deiner Ungeduld geschadet hat, angelsächsischer Bruder.«

»Meine Geduld hängt am seidenen Faden«, entgegnete Eadulf heftig und versuchte wieder, sich im Bett aufzurichten und seine pochende Schläfe zu vergessen. »Antworte mir, denn ich weiß nicht, wie ich meine Ungeduld im Zaum halten soll.«

Der stämmige Mann schüttelte den Kopf mit spöttischem Bedauern, wobei er mit der Zunge ein abschätziges Geräusch von sich gab. »Hast du nie das Sprichwort Vincit qui patitur gehört, angelsächsischer Bruder?«

»Das ist keine meiner Maximen, Bruder. Häufig zeigt die Geduld allein keine Resultate. Manchmal ist sie nur ein Vorwand, nichts zu tun. Erkläre mir, was geschehen ist.«

Der Mönch richtete die Augen zur Decke und hob resignierend die Arme. »Nun gut. Ich bin Bruder Rhodri, und das hier ist, wie ich schon gesagt habe, Porth Clais im Königreich von Dyfed.«

»An der Westküste Britanniens?«

Bruder Rhodri machte eine bestätigende Handbewegung. »Du befindest dich im Land der Kymren, den wahren Britanniern. Dein Schiff ist gestern am späten Nachmittag hier an der Küste vor Anker gegangen, um Schutz zu suchen. Unser Hafen ist nur klein, aber viele Schiffe aus Éireann laufen ihn an, um ihren ersten Halt zu machen. Du warst bewußtlos durch deinen Sturz an Bord. Also trug man dich vom Schiff herunter und brachte dich in das kleine Hospiz, das ich leite. Fast einen Tag hast du gebraucht, um wieder zu dir zu kommen.«

Eadulf lehnte sich auf das Kissen zurück und schluckte. »Einen ganzen Tag?« fragte er erschrocken.

»Wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Doch, iuvenante deo, du bist gesundet«, sagte Bruder Rhodri ernst.

Eadulf richtete sich plöztlich auf, woraufhin ihm schwindlig wurde. Eine seiner Fragen hatte Rhodri noch nicht beantwortet.

»Meine Gefährtin, Schwester Fidelma … Was ist mit ihr?«

»Sie hat sich sehr große Sorgen um dich gemacht, angelsächsischer Bruder. Wir haben dich abwechselnd gepflegt. Heute vormittag allerdings wurde sie in unser Mutterhaus gerufen, um mit Abt Tryffin etwas zu besprechen.«

»Abt Tryffin? Mutterhaus?«

»Auf der Halbinsel, die auf Latein als Menevia bekannt ist, befindet sich die Abtei Dewi Sant.«

Eadulf hatte schon von der großen Abtei Dewi Sant gehört. Er wußte, daß die Britannier, die im Westen dieser Insel lebten, die sie nun mit den Angeln und den Sachsen teilten, die Abtei für beinahe so bedeutend hielten wie die Iren Iona, die Heilige Insel im nördlichen Königreich von Dál Riada. Zwei Pilgerreisen nach Dewi Sant kamen einer Pilgerfahrt nach Rom gleich, und ein Pilger konnte soviel Vergebung seiner Sünden dabei erlangen – das heißt die Vergebung seiner zeitlichen Strafen im Diesseits für von ihm begangene Sünden –, daß es für viele Jahre reichte. Eadulf bemerkte, daß er ganz im Sinne der Lehren Roms dachte, wo der Heilige Vater Vergebung aus dem Thesaurus ecclesiae, dem »Schatz der Kirche« gewährte, das heißt aus dem Schatz von Verdiensten, die von Christus, der Jungfrau Maria und den Heiligen für die Kirche erworben worden waren. Eadulf wußte nur zu gut, daß die Kirchen der Iren und Britannier nicht an diese Art der Sündenvergebung glaubten oder gar daran, daß man sich von der eigenen Verantwortung entbinden lassen konnte, wenn man sie erwarb.

»Sie wurde dorthin gerufen? Schwester Fidelma? Ist die Abtei hier in der Nähe?« erkundigte er sich.

»In der Nähe? Ja, sie ist gut zu Fuß zu erreichen, liegt weniger als zwei Meilen von hier entfernt. Schwester Fidelma wird am Abend wieder zurück sein.«

»Und du sagst, daß wir uns auf der Halbinsel von Dyfed befinden, die als Menevia bekannt ist?«

»In unserer Sprache wird sie Moniu genannt«, bestätigte ihm Bruder Rhodri.

»Warum ist Fidelma … Schwester Fidelma dort hinbestellt worden?«

Bruder Rhodri hob die Schultern. »Keine Ahnung, angelsächsischer Bruder. Wo du jetzt in besserer Verfassung bist, möchtest du vielleicht einen Kräutertee oder Brühe?«

Eadulf bemerkte auf einmal, wie ausgehungert er war. »Ich würde gern etwas essen, Bruder«, sagte er vorsichtig.

Wohlwollend lächelte Bruder Rhodri. »Ah, ein gutes Zeichen für deine Genesung, mein Freund. Dennoch ist es ratsam, daß du dich mit etwas Brühe begnügst. Du solltest dich auch nicht groß bewegen. Bleib hier liegen und erhole dich noch eine Weile.«

Ein paar Stunden später ging es Eadulf deutlich besser. Er hatte eine Fleischbrühe zu sich genommen, und seine Kopfschmerzen waren dank einer Kompresse, die ihm Bruder Rhodri auf die Stirn gelegt hatte, wie weggeblasen. Offenbar war Bruder Rhodri ausgebildeter Apotheker. Eadulf, der selbst an der großen medizinischen Schule von Tuam Brecain studiert hatte, war aufgefallen, daß der Umschlag aus Blättern des Fingerhuts bestand, der bei Kopfschmerzen ganz ausgezeichnete Linderung brachte. Langsam war er in einen Dämmerzustand hinübergeglitten und schließlich eingeschlafen.

Der Klang von Fidelmas Stimme weckte ihn. Als sie den Raum betrat, war er schon vollkommen wach. Eadulf richtete sich in seinem Bett auf, und die sorgenvolle Miene wich von ihrem Gesicht. Mit ausgestreckten Armen eilte sie auf ihn zu und setzte sich an den Rand seines Bettes.

»Wie geht es dir? Bist du wohlauf?« fragte sie besorgt. »Die Schwellung an deiner Schläfe scheint zurückzugehen.«

Eadulf antwortete ihr mit einem mühsamen Lächeln. »Ich fühle mich so, wie jemand sich eben fühlt, der durch einen Sturz einen Tag lang bewußtlos war.«

Sie seufzte erleichtert, hielt aber seine Hände nach wie vor in den ihren. Dann besah sie sich seinen Kopf. Sie war zufrieden und entspannte sich sichtlich.

»Ich habe mir solche Sorgen gemacht«, sagte sie lächelnd. Als sie Bruder Rhodri bemerkte, der nun in der Tür stand, ließ sie schnell Eadulfs Hände los und rückte von ihm ab. »Hat dir Bruder Rhodri erklärt, wo du dich befindest und was geschehen ist?«

»Wie ich verstanden habe, hat unser Schiff Porth Clais angelaufen, um Schutz vor dem Sturm zu suchen.«

»An der Küste von Dyfed«, fügte Fidelma hinzu. »Es war wirklich ein fürchterliches Unwetter. Sobald wir den Hafen erreicht hatten, bestand ich darauf, dich in dieses Hospiz zu bringen, denn es war nicht sicher, ob du durch den Sturz nicht noch weitere Verletzungen davongetragen hattest.«

»Man hat sich anscheinend bestens um mich gekümmert.« Eadulf lächelte. »Wir können sofort an Bord des Schiffes zurückkehren und unsere Reise fortsetzen, wenn du es möchtest.«

Zu seiner Überraschung schüttelte Fidelma den Kopf. »Unser Schiff ist heute morgen mit der Flut ausgelaufen. Der Kapitän wollte nach dem Sturm so schnell wie möglich weitersegeln. Die zerfetzten Segel hat er rasch austauschen lassen.«

»Was?« Eadulf hievte sich mühsam hoch und saß nun steif im Bett. »Er hat uns hier im Stich gelassen? Wir haben ihn dafür bezahlt, daß er uns ins Königreich Kent bringt. Willst du etwa sagen, daß er auf und davon ist und uns hier, fern von allem, zurückgelassen hat?«

Fidelma spitzte vorwurfsvoll die Lippen. Ihre Augen wanderten zu Bruder Rhodri hinüber. Sie hatten sich in Fidelmas Muttersprache unterhalten, die Eadulf genausogut beherrschte wie seine eigene und vielleicht noch besser als Latein. Wollte sie ihn warnen?

»Wir sind hier nicht fern von allem. Das Königreich von Dyfed unterhält gute Beziehungen zu anderen Ländern und Königreichen. Und im übrigen hat uns der Kapitän einen Teil unseres Reisegeldes zurückgezahlt.«

Eadulf schaute nun auch zu Bruder Rhodri. Offenbar verstand er ihre Sprache ein wenig, denn er schien der Unterhaltung gefolgt zu sein.

»Ich wollte nur sagen, daß wir von Canterbury noch weit weg sind«, stellte Eadulf klar. »Es ist schon ärgerlich, daß der Kapitän nicht warten konnte.«

»Kommt Zeit, kommt Rat. Es wird sich schon ein Weg finden«, tröstete ihn Fidelma.

Unwillig zuckte Eadulf mit den Schultern. »Wir haben nicht so viel Geld, als daß wir es uns leisten könnten, etwas unnütz auszugeben«, mahnte er sie. »Wir müssen ein neues Schiff finden, und die Reise nach Canterbury wird teurer als erwartet für uns werden.«

Fidelma tat seine Worte mit einer Geste ab. »Wichtig ist, daß du dich ausruhst und wieder ganz zu Kräften kommst, Eadulf«, entgegnete sie mit Nachdruck. »Denk dran, die Gezeiten des Meeres kommen und gehen.« Sie wollte aufstehen.

»Bleib noch ein wenig sitzen«, drängte Eadulf sie. »Ich bin nicht müde.«

Fidelma schaute wieder zu Bruder Rhodri, der gerade eine Lampe anzündete, denn während ihrer Unterhaltung war die Dämmerung langsam hereingebrochen.

»Es ist Zeit für die Abendmahlzeit«, sagte er. »Soll ich dir auf einem Tablett etwas bringen, Schwester?«

»Danke, Bruder. Das wäre sehr freundlich.«

Der Mönch wandte sich an Eadulf. »Du siehst aus, als könntest du noch ein wenig Brühe vertragen, Bruder. Ich kümmere mich darum.«

Als er fort war, lächelte Eadulf Fidelma schüchtern an.

»Es tut mir leid, daß ich dich in diese Situation gebracht habe.«

»Warum? Es ist immer faszinierend, ein neues Land kennenzulernen, auch wenn man es gar nicht beabsichtigt hat.«

Auf einmal wirkte Eadulfs Gesicht düster. »Das Land der Britannier mag vielleicht für dich faszinierend sein, aber für mich ist es das nicht.«

»Was meinst du damit?«

»Die Sachsen sind bei den Britanniern nicht gerade willkommen, auch wenn Bruder Rhodri sich von christlicher Nächstenliebe leiten läßt.«

»Haben die Britannier einen Grund, die Sachsen nicht zu mögen?« fragte Fidelma.

Eadulf blickte sie scharf an. Machte sie sich über ihn lustig? Sie kannte die jüngste Geschichte dieser beiden Inseln nur zu gut.

»Du weißt, daß das seine Gründe hat, Fidelma. Und du kennst die irische Geschichte besser als jeder andere, dem ich begegnet bin. Du wirst dich auch erinnern, daß die Britannier hier einst alles beherrschten. Dann kamen vor zwei Jahrhunderten die Vorfahren meines Volkes aus Gegenden hinter dem östlichen Meer, um das Land hier zu erobern und sich zu unterwerfen. Das waren die Jüten, die Angeln und Sachsen, die man später gemeinhin Angelsachsen nannte. Sie drängten die Britannier immer weiter nach Westen und Norden ab und eigneten sich ihre Gebiete an. Ich verstehe die Gefühle der Vertriebenen. Mein Volk ist ein Kriegsvolk, das die christlichen Werte nur recht oberflächlich angenommen hat. Ich vermute, daß sich die Angelsachsen, auch wenn sie dem neuen Glauben folgen, noch immer vor Wotan fürchten, dem alten Kriegsgott. Und nach wie vor sind sie davon überzeugt, daß der einzige Weg zur Unsterblichkeit darin besteht, mit dem Schwert in der Hand zu sterben und Wotans Namen dabei auf den Lippen zu haben. Nur dieser Weg führt nach Walhall, wo all die Unsterblichen leben.«

Fidelma war erstaunt über die Leidenschaftlichkeit seiner Rede. »Das hört sich an, als würdest du das auch glauben, Eadulf.«

Eadulf warf ihr einen finsteren Blick zu. »Ich war ein junger Mann, als mich Missionare aus Éireann zum Christentum hinführten, Fidelma. Ich studierte erst in deinem Land, dann in Rom. Du weißt, daß ich, bevor ich Christ wurde, nach dem Erbrecht Friedensrichter von Seaxmund’s Ham war. Man kann nicht so leicht die Traditionen vergessen, in denen man aufgewachsen ist. Wir alle erinnern uns noch daran, wie König Eadbald von Kent wieder zum Wotan-Kult zurückkehrte. Es leben heute noch Leute, die persönlich Zeuge wurden, wie die Ost-Sachsen alle christlichen Missionare umbrachten oder ins Exil jagten.«

»Das ist wahr«, stimmte ihm Fidelma zu. »Doch die meisten Königreiche der Sachsen sind inzwischen zum christlichen Glauben übergetreten.«

Eadulf schüttelte den Kopf.

»Es gibt immer noch eine Reihe von Königreichen, in denen der christliche Glaube nur toleriert wird. Zum Beispiel Mercia, das ist nach wie vor nicht völlig christianisiert. Und obwohl mein Volk den neuen Glauben angenommen hat, kommt es immer wieder zu Kriegen mit den Britanniern. Solche Fehden hat es ständig gegeben, seit wir mit dem Schwert unsere Königreiche aufbauten. Christliche Britannier gegen christliche Sachsen. Es ist uns auch noch frisch im Gedächtnis, wie Athelfrith von den Sachsen den Britannierkönig Selyf, Sohn von Cynan, besiegte. Nach jener Schlacht ging Athelfrith nach Bangor in die große Abtei der Britannier, ließ dort Tausende christlicher Mönche abschlachten und feierte so seinen Sieg. Können uns die Britannier dieses Blutbad verzeihen, Fidelma? Ich glaube nicht. Solange ich mich im Königreich der Britannier befinde, werde ich mich unbehaglich fühlen.«

Sie dachte über seine Ängste nach. »Für die bösen Taten deines Volkes kann man dich nicht verantwortlich machen, Eadulf. Ich glaube, die Britannier sind nicht so engstirnig, daß sie allen Sachsen Schuld an Ereignissen geben, die frühere Generationen zu verantworten haben. Die Britannier haben über Jahrhunderte hinweg am christlichen Glauben festgehalten, auch zur Zeit der römischen Besetzung. Ohne einen gerechtfertigten Grund würden sie niemandem Schaden zufügen. Das Massaker an den Mönchen von Bangor fand im Königreich von Gwynedd im Norden statt. Und wir halten uns im Königreich von Dyfed auf, das im Süden liegt. Dyfed unterhält enge Beziehungen zu Éireann. Und nun hat uns Abt Tryffin von Dewi Sant gebeten, morgen gemeinsam mit ihm zu speisen.«

Eadulf blickte sie überrascht an. »Er hat uns beide zu sich gebeten?«

Fidelma lächelte. »Nun, die Einladung galt vor allem mir, doch man versicherte mir nachdrücklich, daß du mich begleiten sollst, wenn es dein Gesundheitszustand erlaubt. Ich habe das Gefühl, daß irgend etwas den Abt beunruhigt. Er scheint eine gute Seele zu sein. Ich glaube, er möchte mich um Hilfe bitten, hat aber bei unserer Begegnung heute nachmittag nicht die rechte Gelegenheit dazu gefunden.«

Eadulf wirkte konsterniert. »Warum sollten dich die Britannier um Hilfe bitten?«

»Wie ich schon sagte, es gibt enge Beziehungen zwischen Dyfed und Éireann.«

»Als da wären?« bohrte Eadulf weiter.

Da kehrte Bruder Rhodri mit einem Tablett zurück, auf dem sich zwei Schalen heiße Brühe und Brot befanden, und stellte es auf den Tisch neben dem Bett.

Eadulf warf einen schiefen Blick auf die Brühe. »Ich könnte einen halben Braten verschlingen«, sagte er seufzend in ihrer gemeinsamen Sprache und schaute zu Fidelma.

Bruder Rhodri sah ihn vorwurfsvoll an. »Morgen kannst du vielleicht ein paar Scheiben kalten Braten und etwas Käse zu dir nehmen, angelsächsischer Bruder. Doch heute würde ich dir empfehlen, deinen Gelüsten noch nicht nachzugeben.«

Ein wenig beschämt verzog Eadulf das Gesicht, denn erst jetzt wurde ihm bewußt, wie gut der Britannier die Sprache von Éireann beherrschte. Vielleicht hätte er in seinen Äußerungen vorsichtiger sein sollen.

»Ich bin dir dankbar, sowohl für die Pflege als auch für deinen Rat, Bruder Rhodri.«

Der Mönch lächelte, das tat er wohl meistens. »Nie hat Gott gesagt, daß ein Mund ohne Speise sein soll«, bemerkte er, als er den Raum verließ. »Also denk daran, daß ein Rat nie Vorschrift ist.«

»Worin bestehen denn nun diese Verbindungen?« nahm Eadulf die Unterhaltung mit Fidelma wieder auf.

»Den alten Schriften nach stieß vor zweihundert Jahren der Stammesfürst der Déisi, Aonghus vom Schrecklichen Speer, in einem Wutausbruch Großkönig Cormac Mac Art ein Auge aus. Weil das eher ungewollt und versehentlich geschah, fiel die Strafe nicht so hart aus, wie sie hätte sein können. Sie bestand darin, daß Aonghus und seine ganze Sippe ihre fruchtbaren Ländereien im Königreich von Midhe für immer verlassen mußten. Ein Teil des Stammes siedelte sich im Königreich meines Bruders an.«

Eadulf nickte. Er erinnerte sich, daß ein Stamm, den man die Déisi nannte, im Süden von Muman ansässig war. »Und die anderen?«

»Andere Teile des Stammes fuhren übers Meer. Einer wurde von Eochaid angeführt, welcher seine Leute in diesem Gebiet siedeln ließ, das war damals das Land der Demetae. Eochaid wurde hier der Herrscher, und es heißt sogar, daß ihm das mit friedlichen Mitteln gelang und nicht durch Krieg. Seit dieser Zeit haben hier zehn weitere Könige aus seiner Linie geherrscht, und viele Adlige der Gegend stammen von den Déisi ab. Deshalb kann sich so mancher in diesem Königreich immer noch in der Sprache von Éireann unterhalten, und deshalb studieren auch eine Menge Geistliche hier.«

Eadulf hatte davon bisher nichts gewußt. Er dachte eine Weile über die alte Geschichte nach und kam dann wieder auf ihr Thema zurück.

»Wenn Abt Tryffin dich um Hilfe bitten will, warum hat er es deiner Meinung nach nicht bei deinem Besuch heute nachmittag getan?«

»Ich weiß es nicht. Er war sehr herzlich und äußerst besorgt darum, daß man dir die beste Pflege angedeihen läßt. Er erkundigte sich nach unserer Reise und fragte mich, ob es dir gut genug ginge, um mich morgen nachmittag zu ihm zu begleiten.«

»Warum braucht er deine Hilfe? Woher weiß er eigentlich, wer du bist? Ich schätze, ihm ist bekannt, daß du eine dálaigh bist?«

»Da hast du gut aufgepaßt, Eadulf«, bemerkte Fidelma ein wenig von oben herab. »Er war genau im Bilde, wer ich bin, und wußte, daß ich als dálaigh bei den Gerichten wirke. Die Britannier verfügen über ein ähnliches Rechtssystem wie wir. Offensichtlich muß er bald nach unserer Ankunft in Dyfed alles über meine Person erfahren haben. Ich habe dir erzählt, daß viele Geistliche aus meinem Land hier zum Studium an die Abtei von Muine kommen.

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