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Das Kabul-Komplott

Inhaltsübersicht

Erster Teil

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Zweiter Teil

18

19

20

Epilog

Danksagung und Bibliographie

Anhang

Glossar

Zeittafel

Land und Leute – Krisenregion Afghanistan

Demokratiebewegungen

Lage der Frau und der Menschenrechte

Opiumanbau und Terror

1

»Woran dachtest du, als du abgedrückt hast?«

»Daran, abzudrücken.«

»War dir bewusst, dass die Gefahr bestand, nicht nur den Mann zu töten, den du ins Visier genommen hattest, sondern gleich eine ganze Familie? Die zwei Frauen von Abdul starben zusammen mit ihm. Seine acht Kinder mussten ins Krankenhaus, zwei schweben in Lebensgefahr.«

»Abdul, dieser Dreckskerl, er wollte mir meinen gesamten Bestand an Stoffen stehlen«, versuchte sich der Gefangene zu rechtfertigen. »Achttausend Afghanis!«

Von plötzlicher Wut erfasst, sprang Osama Kandar, Leiter der Kriminalbehörde von Kabul, auf. Der Gefangene, der mit Handschellen an den Stuhl gefesselt war, zuckte zusammen und wäre beinahe umgefallen. Osama schenkte dem keine Beachtung. Seit langem schon achtete er nicht mehr auf die Reaktionen, die seine außergewöhnliche Körpergröße hervorrief. Osama war etwas über fünfzig und maß zwei Meter. Er war mager (er wog gerade einmal neunzig Kilo) und beeindruckte mit seinem graumelierten, kurzgeschorenen Bart und dem raspelkurzen Haar. Seine metallisch grünen Augen hypnotisierten jeden Widersacher.

»Du bist ein Vollidiot und ein Mörder! Du hast mit deiner Kalaschnikow auf eine Familie gezielt, die gerade beim Essen saß. Und das nur für ein paar Stoffballen. Ist dir wenigstens bewusst, was du angerichtet hast? Einfach nur so!«

»Nicht einfach nur so! Wegen achttausend Afghanis!«

Osama schüttelte angewidert den Kopf. Die meisten Morde, die in der Hauptstadt begangen wurden, geschahen mit der Kalaschnikow, oft infolge nicht beglichener Schulden oder Diebstähle, sofern es sich nicht um Ehrenmorde handelte. Die Schuldigen wollten nicht wahrhaben, dass sie am Ende der Galgen erwartete. Osama weigerte sich, noch länger mit einem derart idiotischen Gefangenen zu verhandeln, und rief einen seiner Assistenten, damit dieser das Verhör weiterführte, als plötzlich ein Polizist sein Büro betrat. Jung, mit den typischen Schlitzaugen eines Hazara. Eine große Narbe zog sich über seine linke Wange.

»Qoumaandaan, wir haben Nachricht erhalten, dass der Innenminister gerade am Ort eines Selbstmordes eingetroffen ist.«

»Ein Selbstmordattentat, meinst du?«

»Na, ein echter Selbstmord.«

Überrascht blickte Osama den Polizisten an. Die Sterberate war weltweit eine der höchsten, ständig gab es neue Todesfälle, aber Selbstmorde waren rar. Wer permanent von Attentaten bedroht war, von Gangs, von Auseinandersetzungen wegen nicht beglichener Rechnungen, Verbrechen im Familienkreis und Fatwas, die die Taliban verhängten – der verspürte keine große Neigung, sich selbst umzubringen. In Afghanistan war jeder Tag, an dem man mit heiler Haut davonkam, ein Geschenk Gottes.

»Was macht denn der Minister dort? Weißt du, wer der Tote ist?«

»Na

»Weißt du, wo das passiert ist?«

»Bei einem Geschäftsmann, nicht weit vom Busbahnhof in Serai Shomali. Anscheinend hat er seinen Leibwächter umgebracht, bevor er sich selbst tötete. Seine Bediensteten haben ihn heute Morgen aufgefunden.«

»Hast du seinen Namen?«

»Na, Qoumaandaan

Von plötzlicher Neugier angestachelt, zog Osama eine Schublade seines bescheidenen wackeligen Schreibtischs auf und nahm ein Mobiltelefon heraus, ein Geschenk der Internationalen Schutztruppe. Wie viele seiner Landsleute ertrug er die Anwesenheit der Schutztruppe mit ihren die Lokalbevölkerung einschränkenden Vorschriften immer weniger. Doch sie war rechtmäßig hier, und die NATO-Truppen waren aufgrund eines UN-Mandats in seinem Land, mit Billigung von offizieller Seite also. Ihnen hatte er es zu verdanken, dass er über bis dahin unbekannte technische Utensilien verfügte, vor allem aber über Mittel, mit denen er seine Leute bezahlen konnte, die nicht mehr auf Bakschisch angewiesen waren, um zu überleben.

Er steckte das Gerät in eine Tasche seines Jacketts, zog seinen Chakman aus grober Wolle an und setzte sein Barrett auf, denn es war für Anfang März noch ziemlich kalt. Osama kleidete sich immer auf traditionell afghanische Art, mit einem bauschigen braunen Shalwar, der an den Knöcheln zusammengebunden war, und der weiten Kurta, die über den Hosenbund herabhing.

»Ich fahre hin«, erklärte er dem jungen Polizisten beim Hinausgehen.

Auf dem Flur rief er Babrak Khan Wardak zu sich, seinen Assistenten, einen jungen Uniabsolventen mit mehreren Diplomen, der weiß der Himmel durch welchen Zufall bei der Polizei gelandet war. Wie so viele junge Afghanen. Babrak hatte ein glattrasiertes Gesicht, trug Jeans und hatte die Kurta auf westliche Art in den Hosenbund gestopft, was ihm während der Talibanherrschaft eine Gefängnisstrafe eingebracht hätte. Dass die Islamisten inzwischen erneut an Boden gewannen, bewies die Tatsache, dass seit einiger Zeit viele das Gewand wieder locker herabhängen ließen …

Osamas Geländewagen wartete bereits auf ihn, ein Polizist saß am Steuer. Ein dunkelgrüner amerikanischer Pick-up stand dahinter, auf der Rückbank saßen drei Männer in makelloser Uniform, mit Tarnhut, das Sturmgewehr in der Hand. Beide Wagen waren neu. Ein Geschenk der UNO, wie fast alle offiziellen Fahrzeuge, die auf den Straßen Kabuls unterwegs waren. Osama hatte von verschiedenster Seite Gerüchte gehört, wonach das Verkehrsministerium mindestens dreißig Prozent des Wertes dieser Wagen an Schmiergeldern erhalten hatte, aber er wusste nicht, ob das wirklich stimmte. In Kabul konnte man alles kaufen, angefangen bei der Familie und den Vertrauten Präsident Karzais, die ein Millionenvermögen in Dollars angehäuft hatten: Als wären der Krieg, das Elend, die Millionen von Toten und Vermissten in Afghanistan noch nicht genug, kam die Korruption in allen Bereichen als weitere Plage hinzu.

Der Fahrer brauste los. Osama ließ sich auf den Rücksitz sinken, um nachzudenken. Als Chef der Kriminalbehörde Kabuls wurde er bei allen Todesfällen in der Stadt hinzugerufen. Jedes Jahr starben Hunderte eines unnatürlichen Todes, mehr als drei Viertel der Todesfälle waren jedoch auf Terrorismus zurückzuführen und tauchten somit in der Polizeistatistik nicht auf. In diesen Fällen hielt Osama sich vorsichtig im Hintergrund und ließ den ISAF-Leuten den Vortritt. Obwohl sie sich nach außen hin freundlich gaben, misstrauten die Amerikaner ihm, wie allen Afghanen, und sein Vorname verstärkte dieses Misstrauen noch. Wie sollte er ihnen auch klarmachen, dass damals, als sein Vater Mohammed Kandar, der Dritte dieses Namens, ein Hirte und seinerseits Sohn eines belutschischen Schäfers, ihn so genannt hatte, Scheich Osama Bin Laden noch ein völlig unbekannter saudischer kleiner Junge gewesen war, allein dafür bekannt, dass er mit einem silbernen Löffel im Mund aufwuchs? Doch so war es nun einmal, und die Tatsache, dass er Osama und gleichzeitig Polizeichef in einem von NATO-Truppen besetzten Land war, machte die Dinge nicht leichter …

Von der Rückbank aus beugte Babrak sich grinsend zu ihm vor.

»Wenn ein Minister sich dorthin bemüht, muss es sich ja um etwas wirklich Wichtiges handeln. Jedenfalls ist das der erste Selbstmord eines Mannes, mit dem ich zu tun bekomme. Bislang waren es immer nur Frauen, die sich einer arrangierten Heirat widersetzten.«

»Vielleicht war es ja ein Familienmitglied von ihm. Ich frage mich, warum er es vor uns wusste. Aber zur Vorwarnung, du wirst enttäuscht sein.«

»Weshalb?«

»Aus Sicht der Polizei sind solche Fälle ziemlich uninteressant. Dahinter stehen immer irgendwelche banalen und traurigen Familiengeschichten, zerstörte Existenzen. Und die Familien kommen nur schwer damit zurecht.«

»Ich wusste gar nicht, dass du schon mit so was zu tun hattest.«

»Während meines Aufenthalts in Moskau habe ich mehrere Selbstmorde gehabt.«

Osama war sehr sprachbegabt. Außer Dari sprach er fließend Englisch und ein wenig Türkisch. Während einer Fortbildung in Moskau, kurz vor dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, hatte er auch Russisch gelernt. Gleich nach seiner Rückkehr in die Heimat war er zum Leiter der neugegründeten Kriminalbehörde ernannt worden.

Der Fahrer bremste scharf, Osama riss es abrupt nach vorn, und er wurde in seinen Gedankengängen unterbrochen.

»Bok soyun!«

Der turkmenische Fahrer ließ eine Serie von Flüchen auf den Minibus niederprasseln, der ihm die Vorfahrt genommen hatte. Unwillkürlich hatte sich Osama innerlich angespannt. Nicht selten endete ein Schicksal auf diese Weise: Ein Wagen schnitt einem den Weg ab, Männer sprangen heraus und ballerten mit der Kalaschnikow drauflos, oder, schlimmer noch, der Fahrer ließ seinen Gürtel mit Sprengkörpern explodieren und gönnte sich eine Fahrkarte ins Paradies, zusammen mit seinem Zielobjekt. Als Beamter der Regierung war Osama eine Zielscheibe für die Taliban, auch wenn er für seine entgegenkommende Art bekannt war. An jedem Tag, der verging, bei jedem Fauxpas, jeder neuen Erniedrigung, wuchs der Hass der afghanischen Bevölkerung auf die Schutztruppe. Treue Beamte wurden gern in die Nähe der »Kollaborateure« gerückt, und die Gefahr für sie, Opfer eines Selbstmordattentats zu werden, war hoch. Osama blieb jedoch keine andere Wahl: Er hasste die Taliban zutiefst, seit er gesehen hatte, was sie seinem Land in den fünf Jahren ihrer Herrschaft angetan hatten.

Eine halbe Stunde später blieb der Geländewagen an der Einmündung zu einer schmalen Straße stehen.

»Wir müssen zu Fuß weiter«, bemerkte der Fahrer trocken.

Er stieg sogleich aus, die Kalaschnikow in der Hand, gefolgt von Osama und seinem Assistenten. Aus dem Pick-up waren zwei weitere Männer herausgesprungen und schlossen sich ihnen an. Sie hatten deutsche Waffen bei sich, ein »Geschenk« der Schutztruppen an die Polizei in Kabul.

Frauen drängten sich an ihnen vorbei, etliche in dunkelblauer Burka, andere mit bunten Schleiern, einen Korb mit Vorräten in der Hand. Schüler strömten aus dem Unterricht auf die Straße, die Mädchen in schwarzer Uniform mit weißem Schleier, die Jungen ganz in Blau gekleidet. Einige Kinder in Lumpen verkauften Billigprodukte in der Hoffnung, damit ein paar Afghanis zu verdienen.

Nach ein paar Metern wurde die Gasse noch schmaler, und der kleine Polizeitrupp musste sich seinen Weg mit den Ellbogen bahnen. Im ganzen Viertel herrschte rege Betriebsamkeit, Männer trugen Bündel, Ballen oder Kartons auf den Schultern. Mofas, auf denen bis zu drei Personen fuhren, zwängten sich in einer Wolke aus Auspuffgasen zwischen den Menschen hindurch. Ein Duft von Gegrilltem und von Gewürzen lag in der Luft. Als sie an einer kleinen Moschee vorbeikamen, spuckte ein Mann mit finsterem Gesicht und einem buschigen Vollbart nach Art der Taliban vor Osama aus. Dieser tat, als habe er es nicht bemerkt. In diesem Teil Kabuls waren Funktionäre der Regierung, insbesondere Polizisten, nicht gerne gesehen.

Am Ende der Gasse blieb Osamas Fahrer vor einem großen Holztor stehen. Mehrere bewaffnete Männer bewachten den Eingang – einer von ihnen hatte eine RPG-7 auf seine Schulter gewuchtet. Überrascht stellte Osama fest, dass sich auch zwei bärtige Westler im schwarzen Drillich unter den Wachleuten befanden, die mit Übertragungsgeräten ausgestattet waren und einen Knopf im Ohr trugen. Die üblichen Attribute für die Mitarbeiter von Blackwater, Söldner, die von den Schutztruppen bei heiklen Aufgaben eingesetzt wurden. Nachdem sie mehrmals in Skandale verwickelt war, hatte sich die Organisation in Xe Services umbenannt, ein weniger düsterer Name, doch es waren dieselben Leute, nur unter einer anderen Bezeichnung. Niemand ließ sich allerdings täuschen, und alle Welt sprach nach wie vor von Blackwater. Als einer der Westler ihn aufhalten wollte, zeigte Osama ihm seinen Plastikausweis. Der Mann studierte ihn eingehend, bevor er Osama mit einer lässigen Handbewegung passieren ließ. Der Kommissar unterdrückte eine rebellische Aufwallung. Die Blackwater-Leute hatten theoretisch überhaupt nichts zu sagen in Afghanistan, schon gar nicht dem Chef der Kriminalpolizei von Kabul. Praktisch jedoch herrschten sie über die Stadt, niemand wagte es, sich ihnen zu widersetzen. Osama fragte sich, was sie am Ort eines Selbstmordes zu suchen hatten.

»Stammt der Tote aus dem Westen?«, fragte er Babrak.

»Nein, er war Afghane.«

Hinter den bescheidenen ockerfarbenen Mauern befand sich, wie Osama feststellte, nicht etwa die übliche erbärmliche Behausung, sondern eine prächtige Villa. Zunächst durchquerte er einen Patio mit Marmorwänden, dann einen Raum, der mit lauter kostbaren Teppichen ausgeschmückt war.

Auf einem Sofa lag eine Leiche mit einer Kugel im Kopf. Ein Mann in einer abgewetzten alten Tunika kauerte neben ihm, er machte ein gleichgültiges Gesicht und kaute auf einer Stange Süßholz. Ein Pistolengriff ragte aus seinem Kiyepanak.

»Ist er das?«, fragte Osama.

Der Polizist nahm die Süßholzstange aus dem Mund und antwortete: »Na, der Leibwächter. Der Besitzer hat ihn erschossen, bevor er sich selbst umgebracht hat.«

Sie gingen weiter, angezogen von einer lautstarken Unterhaltung durchschritten sie einen nach westlichem Geschmack eingerichteten Raum. Er hatte Parkettboden, ein für afghanische Verhältnisse unvorstellbarer Luxus, da Holz selten und teuer war. Osama fragte sich, was den Besitzer dazu gebracht haben mochte, ein derartiges Haus in einem so einfachen Viertel zu errichten. Wozu dieses aufwendige Versteckspiel? Verwundert betrachtete er die zahlreichen Bilder, die an den Wänden hingen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er ließ ein weiteres Zimmer hinter sich, bis er schließlich in ein riesiges Büro gelangte. Vier Männer, darunter ein Westler im Anzug, standen um eine ausgestreckte Gestalt am Boden, die in ihrem eigenen Blut lag. Osama erkannte unter den Anwesenden Burhanuddin Khan Durrani, den Innenminister. Er war sein direkter Vorgesetzter, ein korrupter, dummer Paschtune, den Osama verachtete.

Die Miene Khan Durranis verdüsterte sich, als er den Kommissar erblickte, gleich darauf rief er ihm aber zu: »Ah, Kandar! Wir dachten, es käme ein einfacher Bezirksinspektor, Sie hätten sich nicht extra herzubemühen brauchen.«

Weshalb war dann er, ein Regierungsmitglied und Clanchef, anwesend?, fragte sich Osama, der wohlweislich keine Antwort gab. Er trat vor und versuchte, die Szene mit seinem inneren Auge zu bannen. Der auf dem Boden ausgestreckte Leichnam war der eines ungefähr fünfzigjährigen, recht beleibten Mannes, der den traditionellen Pankan trug. Er hielt noch eine Waffe in der Hand, die Osama als automatische Beretta identifizierte. Die Kugel war durch den Mund eingedrungen und hatte den gesamten hinteren Teil des Schädels in die Luft gejagt, das Gesicht war intakt geblieben. Blut war an die Wand und an die Decke gespritzt, vermischt mit einer grauen zähflüssigen Masse. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen. Er wirkte überrascht. Osama bemerkte einen dunklen Fleck auf der Vorderseite seiner Hose – Urin.

»Wer war das?«

Er hatte den Mann erkannt, wollte die Antwort aber von seinem Vorgesetzten selbst hören.

»Wali Wadi«, antwortete dieser mit verächtlichem Lächeln.

Wadi war ein ziemlich durchschnittlicher Unterhändler, den man wegen einiger Transaktionen mit den Besatzern kannte. Er hatte sich vor allem darauf verstanden, Benzin in den Militärlagern zu besorgen und es an die Tankstellen weiterzuverkaufen. Außerdem war er in einige Fälle verwickelt, bei denen es um die Veruntreuung von Lastwagen und Hilfsgütern sowie um den Handel mit Leichtwaffen ging – nichts wirklich Schlimmes also. Osama wusste, was für einen Ruf der Tote hatte. Wadi war Usbeke, mit den blutigen Auseinandersetzungen zwischen paschtunischen und tadschikischen Clans hatte er nichts zu tun. Er war immer vorsichtig gewesen, die Russen, die Westler und die Taliban schätzten ihn gleichermaßen, weil man sich auf ihn unbedingt hatte verlassen können. Ein geschickter Unterhändler, dessen Position jedoch nicht besonders exponiert war und der sich sicherlich nicht gleich umgebracht hätte.

»Gibt es Zeugen?«

»Er hat seinen Bediensteten erschossen, bevor er sich selbst umbrachte. Die anderen Mitglieder des Personals sind nachts nicht da. Und dann … wie heißt es gleich in Russland, wenn man seine Familienmitglieder tötet, bevor man sich selbst umbringt, Kandar?«

Sein kleiner Monolog auf Englisch war zu Ende. Wie immer musste er betonen, dass Osama sich längere Zeit in der UdSSR aufgehalten hatte, nur um ihn in den Augen des Westlers zu diskreditieren, der bei der Erwähnung Russlands unmerklich zusammenzuckte.

»Altruistischer Selbstmord«, erwiderte er. »Aber es handelte sich um seinen Bediensteten, nicht um ein Familienmitglied.«

»Er lebte allein. Anscheinend mochte er lieber Jungs als Mädchen. Vielleicht hat er sich deshalb umgebracht.«

»Vielleicht. Ich würde gern auch die anderen Mitglieder des Personals befragen.«

»Sie verlieren Ihre Zeit, Kandar.«

Osama biss sich auf die Lippen. Er hatte verstanden. Aus einem Grund, der ihm schleierhaft war, wollte die Regierung den Mantel des Schweigens über die Angelegenheit breiten. Khan Durrani war also hier, um seine eigenen Mitarbeiter daran zu hindern, ihre Arbeit zu verrichten.

»Gestatten Sie mir, meine Untersuchung vorschriftsgemäß durchzuführen, Herr Minister«, sagte Osama. »Ich werde aber selbstverständlich darauf achten, die Zeit meiner Mitarbeiter nicht zu verplempern.«

Khan Durrani wurde auf der Stelle umgänglicher.

»Natürlich, tun Sie nur Ihre Arbeit. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Geben Sie mir bitte Bescheid, sobald Sie die Untersuchungen abgeschlossen haben.«

Er verließ den Raum mit raschen Schritten, dicht gefolgt von den anderen Besuchern, so dass Osama allein mit seinen Männern im Raum zurückblieb. Während der kleine Trupp von Khan Durrani an ihm vorüberging, fiel ihm ein unauffälliges Signet auf der Brust des Westlers im Anzug auf. Es war nicht das von Xe Services, sondern von DynCorp, der Organisation, die mit dem Schutz von Präsident Karzai beauftragt war, und zwar ausschließlich.

Einer seiner Mitarbeiter trat vor.

»Was machen wir jetzt, Hajj

Da er gleich zweimal die rituelle Pilgerreise nach Mekka unternommen hatte, die jeder fromme Muslim mindestens einmal im Leben absolvieren muss, hatte Osama Anrecht auf den Titel Hajj, »heiliger Mann«, mit dem ihn die Gläubigsten unter seinen Männern anredeten. Die Laizisten, nur eine Handvoll unter den dreißig Männern seines Stabs, zu denen auch sein Assistent gehörte, nannten ihn einfach »Chef« oder Qoumaandaan.

Ohne zu antworten, zog der Kommissar ein Paar Latexhandschuhe aus seiner Tasche. In Kabul hatten kriminaltechnische Untersuchungen nichts mit dem Vorgehen im Westen gemein: Hier gab es keine Überziehschuhe aus Papier, wurde die Szenerie des Verbrechens nicht festgehalten, es gab keine Entfernungsmessung per Laser, keine Proben, die dann mittels Massenspektrometrie oder unterm Elektronenmikroskop analysiert worden wären. Nein, Osama Kandar arbeitete auf traditionelle Weise, mit seinem Gehirn, mit einem Minimum an moderner Technik und mit der Erinnerung an das, was er während der Ausbildung bei der Kriminalbehörde in Moskau gelernt hatte. Man konnte den Russen manches nachsagen, aber sie waren seriös. Osama hatte viel bei ihnen gelernt, er hielt sich für ebenso kompetent wie seine Kollegen aus welchem westlichen Land auch immer.

Ein Holster ragte aus dem Hosenbein des Toten hervor. Behutsam entnahm Osama ihm die Waffe und betrachtete sie neugierig. Es war eine kompakte, leichte Pistole, aus einem Verbundstoff. So eine hatte er noch nie gesehen.

»Babrak!«, rief er.

Sein Assistent kam herbeigeeilt.

»Was ist das?«

»Eine russische GSH-18«, antwortete der junge Mann, ohne zu zögern. »Eine Automatikwaffe, wie sie nur Spezialeinheiten benutzen.«

Osama bemerkte, dass sie entsichert war. Er ließ den Zylinder einrasten. Eine Kartusche sprang mit einem Klicken heraus.

»Er hatte sich gewappnet, sie war geladen. Zwei Waffen, die eine hier gut versteckt. Er hatte offenbar das Gefühl, in Gefahr zu schweben«, stellte der Kommissar leise fest.

Sein Assistent streifte Handschuhe über, bevor er die Leiche abtastete. Nach einigen Sekunden zog er eine dritte Waffe hervor, die in der Hosentasche gesteckt hatte.

»Was bedeutet das?«, fragte Babrak erstaunt.

»Sieh mal nach, ob du noch mehr Waffen im Haus findest«, erwiderte Osama.

Er setzte sich auf das Sofa. Diese Geschichte begann ihn zu beunruhigen. Eine Viertelstunde später tauchte Babrak wieder auf, er hatte drei weitere Pistolen, zwei Kalaschnikows, ein Jagdgewehr und mehrere Granaten bei sich. Keine ungewöhnlichen Waffen. Osama musterte sie eingehend.

»Seltsam.«

»Was denn, Chef?«

»Wadi war Kommunist. Er begann mit dem Waffenhandel in den frühen achtziger Jahren, mit Unterstützung der Russen. Ihnen verdankt er alles. Die beiden Pistolen, die er bei sich trug, waren russische Fabrikate. Alle anderen Waffen auch. Sogar das Jagdgewehr. Sogar die Handgranaten. Warum hat er sich dann aber mit einer italienischen Beretta erschossen?«

Babrak zuckte ratlos mit den Schultern.

Mittlerweile war Osama alarmiert, er schnüffelte an den Händen des Toten, nahm jedoch an der linken Hand, welche die Pistole gehalten hatte, keinen Geruch von Schießpulver wahr. An der Lippe des Toten entdeckte er die Spur eines Brandflecks, dort, wo die Automatikwaffe gezündet hatte. Vorsichtig hob der Kommissar das Hemd an und suchte nach Anzeichen für einen Kampf. Der Körper wies keinerlei blaue Flecke auf.

»Hast du etwas Auffälliges im Haus gefunden?«

»Nein, nichts.«

Osama bemerkte, dass er verlegen war und hakte nach.

»Bist du sicher?«

Babrak wurde rot und zog dann umständlich ein Päckchen aus seiner Hosentasche. Es war gepresste Heroinbase, mindestens ein halbes Kilo. Im Wert von schätzungsweise fünfzigtausend Afghanis – dafür musste man durchschnittlich acht Monate arbeiten.

»Er braucht es ja nicht mehr«, rechtfertigte sich Babrak, »außerdem ist mein Fernseher kaputt.«

Osama zuckte mit den Achseln. Egal, was er sagte, einer der anderen Polizisten würde es sowieso stehlen, da konnte ebenso gut sein Assistent davon profitieren, der kleine Kinder hatte.

»Behalte es, aber versuche herauszufinden, ob es guter Stoff ist und wo er herkommt. Meines Wissens hatte Wadi mit dem Drogenhandel nichts zu tun. Hast du andere Rauschmittel im Haus gefunden?«

»Nein, keine. Vielleicht hatte er das hier noch übrig. Es sieht eher wie eine Musterpackung aus.«

Sicherheitshalber inspizierte Osama das Haus selbst noch einmal. Das Schlafzimmer war riesig, es stand ein vergoldetes Himmelbett darin. Neben dem Bett stapelten sich Pornomagazine, es waren Schwulenzeitschriften aus dem Westen. Der Kommissar blätterte eines durch und legte es dann unangenehm berührt zurück. Auch sie würden bald gestohlen und teuer verkauft werden; es hieß, die Taliban seien besonders erpicht auf diese Art von Waren, ungeachtet der moralischen Reden, die sie schwangen.

Im Badezimmer standen zahlreiche Fläschchen mit Schönheitsprodukten französischer Herkunft. Osama fiel ein Deostick auf. Eine Zahnpastatube lag offen da. Die Zahncreme war noch nicht eingetrocknet. Er berührte vorsichtig die Zahnbürste – sie war noch feucht. Osama setzte seine Untersuchung in der Küche fort. Dort fanden sich mehrere Dosen mit Katzenfutter, eine neue Mode in Kabul: Inzwischen gab es in jedem Lebensmittelgeschäft eine entsprechende Abteilung. Ein Haustier, und insbesondere eine Katze zu besitzen war zum Must der neuen afghanischen Bourgeoisie geworden. Auf einem Tablett standen ein benutzter Teller, ein Weinglas und eine angebrochene Flasche Cognac sowie Reste eines Pistazienkuchens. Der Besitz und der Genuss von Alkohol waren den Afghanen offiziell untersagt, doch es war bekannt, dass reiche Geschäftsleute ihn heimlich tranken. Selbst zu Zeiten des Talibanregimes, als bereits der Besitz mit Verstümmelung oder dem Tod bestraft wurde, war es möglich, sich Alkohol in Kabul zu beschaffen.

Osama streifte noch ein wenig durch das leere Haus und ging dann noch einmal zu dem Leichnam hin. Erneut hob er das Hemd an. Unter den Achseln entdeckte er Spuren des Deodorants, und trotz eines leichten Verwesungsgeruchs, nahm er den flüchtigen Duft des französischen Eau de Toilette auf der Haut des Toten wahr. Als er sicher war, dass er kein wichtiges Detail außer Acht gelassen hatte, erhob er sich.

»Wir fahren zurück ins Kommissariat«, sagte er zu seinem Assistenten. »Bestell die anderen Bediensteten von Wali Wadi dorthin, wir werden sie im Untergeschoss befragen.«

Die Verhörräume des Kommissariats, ohne Fenster und mit verdächtigen Spuren an den Wänden, brachten auch den widerspenstigsten Zeugen zum Sprechen.

Beim Hinausgehen fragte Babrak: »Und, was halten Sie von dem Ganzen?«

»Na, und du?«

»Nicht gerade ein Jahrhundertfall. Er hat sich umgebracht. Na ja, ich meine, es ist doch offensichtlich, dass er sich die Kugel allein in den Kopf geschossen hat.«

»Ich bin mir da nicht so sicher.«

»Aber die Waffe, der Ort, es passt doch alles zusammen … Warum zweifeln Sie daran?«

»Wali Wadi hat zu Abend gegessen, hat die Hälfte eines Pistazienkuchens verspeist, hat sich frisch gemacht, Parfum und Deo aufgelegt, die Zähne geputzt, zwei Automatikwaffen eingesteckt und sich dann mit der einzigen nicht russischen Waffe eine Kugel in den Schädel gejagt?«

»Hinter einem Selbstmord verbirgt sich oft eine recht traurige Geschichte, das haben Sie doch selber gesagt!«

»Ja, traurig schon, aber nicht unwahrscheinlich.«

***

Es gab in Bern eine äußerst unauffällig arbeitende Organisation, die in geheimer Mission ausschließlich im Dienst einiger großer multinationaler Konzerne tätig war. Sie verbarg sich hinter zahlreichen Scheinfirmen, mit denen sie sich nach außen präsentierte, Unternehmen, Non-Profit-Organisationen oder Instituten mit klangvollen Namen: Office of Strategic Affairs, Institut d’analyse du risque économique, International Investigation Company … Diese Briefkastenfirmen, allesamt Schweizer Unternehmen, besaßen zahlreiche Filialen im Ausland und konnten so weltweit agieren. Die Organisation selbst hatte keinen Namen. Wer ihre Dienste in Anspruch nahm oder dort arbeitete, sprach schlicht von der »Firma«. Seit mehreren Tagen war die Firma damit beschäftigt, den Geschäftsführer von Willard Consulting ausfindig zu machen, einer einflussreichen Interessensgruppe aus Lausanne. Der Mann war mit Daten verschwunden, die auf keinen Fall in Umlauf kommen durften. Es war zweiundzwanzig Uhr, doch wie die meisten seiner Kollegen der »Firma« arbeitete der junge Analyst Nick Snee noch; er hatte sich in eine Datenbank des schweizerischen Verkehrsministeriums vergraben.

Die Angelegenheit war mit »Dringlichkeitsstufe Rubin« gekennzeichnet, hatte also oberste Priorität. Der Sturm, der Nicks Leben in ein unsagbares Chaos stürzen sollte, kündigte sich auf die banalstmögliche Weise an, nämlich in Form eines Telefonanrufs. Werner, Nicks Geschäftspartner, ein nervöser Dreißigjähriger mit dem Körper eines Bodybuilders und einem unverkennbar teutonischen Akzent, hatte ein paar Minuten zuvor seine Dokumente beiseitegeschoben und surfte nun zur Entspannung im Netz.

»Gehst du für mich ran?«, fragte Werner. »Ich will mir gerade ein Boot kaufen.«

»Seit sechs Monaten willst du dir ein Boot kaufen«, erwiderte Nick, »ich glaube allmählich, das ist ein Geisterschiff!«

»Du hast ganz recht – ich muss endlich mal Nägel mit Köpfen machen. Also, sei so lieb und geh für mich ran!«

Nick griff nach dem Mobiltelefon und stellte auf Mithören.

»Lucas?«, sagte eine unbekannte Stimme.

Üblicherweise gaben Mitarbeiter der Firma niemals ihren wahren Namen preis. Für die Außenwelt war Werner, wenn er tatsächlich so hieß, Lucas.

»Hallo Mickey!«, rief Werner aus dem Hintergrund.

Mickey war ein Dealer, der wegen seiner riesigen Ohren den Spitznamen Mickey hatte. Er war einer der Spitzel, die Werner – er hatte sechs Jahre beim Rauschgiftdezernat der Züricher Polizei verbracht – auf den Fall, an dem sie gerade arbeiteten, angesetzt hatte, da er von der Annahme ausging, dass ein Mann auf der Flucht Leute kontaktiert, die Kontakte zur Unterwelt haben.

»He, heute ist Weihnachten, und Onkel Mickey hat ein schönes Geschenk für euch!«

Nick spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass der Flüchtige, ein zurückhaltender, reicher und respektabler Mann, einem der üblen Typen, die sein Kollege kannte, über den Weg laufen konnte.

»Ich hab ’nen Kerl gefunden, der dem ähnelt, den ihr sucht«, berichtete der Dealer. »Ein Spießer, der auf der Flucht ist, ziemlich viel Geld hat, so ’ne Art Banker. Er hält sich in einem besetzten Haus in der Nähe von Zürich auf. Er hat ’ne Knarre und ’ne Tasche voller Dokumente bei sich. Das könnte der Typ sein, den du beschrieben hast. Interesse?«

»Na, und wie! Mickey, kannst du uns mal genauer beschreiben, in welchem besetzten Gebäude er sich aufhält?«, fragte Werner.

»Klar. In einer alten stillgelegten Fabrik. In einem Industriegebiet, ganz im Norden. Chimic Cystine. Die Junkies sprechen immer nur von der Fabrik.«

Werner streckte Nick den siegreich nach oben zeigenden Daumen hin. Sie tauschten noch ein paar Informationen aus, dann legte Werner auf, nicht ohne Mickey versprochen zu haben, ihm gleich am nächsten Tag seine Prämie zu zahlen.

»Ich geb dem General Bescheid«, sagte Werner aufgeregt.

Der General war der Gründer der Firma. Er sprach Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch ohne Akzent, niemand kannte seine wahre Identität oder wusste, woher er eigentlich kam.

Mit enttäuschter Miene kehrte Werner nur wenige Augenblicke, nachdem er aufgesprungen war, an seinen Platz zurück.

»Er spinnt! Er will eine Spezialeinheit dorthin schicken, eine komplette K-Truppe, um den Flüchtigen einzufangen, aber er hat mich nicht gebeten, sie zu begleiten. Wir sind kaltgestellt, Partner!«

»Was haben wir denn verbrochen?«

»Du kennst doch den General, dieser Sack hat noch nie irgendeine seiner Entscheidungen begründet, oder?«

»Ich finde diese ganze Sache bizarr«, bemerkte Nick. »Es ist mir schleierhaft, weshalb sie so hoch aufgehängt ist. Dringlichkeitsstufe Rubin – als ob es das erste Mal wäre, dass so etwas passiert.«

»Jede Frage hat auch eine Antwort. Komm, wir schauen einfach selbst nach, was da los ist«, schlug Werner vor.

Nick legte die Füße auf den Tisch.

»Also, ich finde, wir sollten uns da raushalten. Mir gefällt die Geschichte nicht. Ich weiß nicht weshalb, irgendetwas ist da faul.«

»Komm schon, Nick, hör auf, dir ’nen Knoten ins Gehirn zu machen! Ich habe den Jungen aufgespürt, also habe ich auch das Recht, herauszufinden, was da vor sich geht. Los, komm mit!«

Ohne ihm Zeit zum Antworten zu geben, zog Werner seine Jacke an. Widerwillig folgte Nick seinem Beispiel, und nur kurz darauf brausten sie schon in Richtung Zürich.

»Nun hör schon auf, so ein Gesicht zu ziehen! Was ist denn los? Hast du Angst?«, fragte Werner.

»An dieser Geschichte stimmt was nicht. Ich sage dir, wir sollten uns da besser raushalten. Wir sind Programmierer, und damit basta, keine K-Truppe.«

Die K-Truppe war die Einsatztruppe der Firma. Sie umfasste etwa zwanzig Mann, die noch stärker im Verborgenen lebten als der Rest der Belegschaft. Nick hatte schon mal den ein oder anderen in der Firma gesehen, er hatte auch zig Geschichten über wahnwitzige Heldentaten gehört, die sie angeblich vollbracht hatten. Waren sie tatsächlich wahr, dann verdienten diese Männer allen Respekt. Ihr Anführer war Joseph, nach dem General die Nummer zwei der Firma, ein schweigsamer Typ, den eine geheimnisvolle, gefährliche Aura umgab.

Nick betrachtete sich im Rückspiegel: Für ein Mitglied der K-Truppe würde man ihn wohl kaum halten, so viel war gewiss. Er war mittelgroß, trieb viel Sport im Freien und wirkte wie ein in die Jahre gekommener Student, nicht wie ein Geheimagent. Seine lockigen kastanienbraunen Haare fielen ihm bis auf den Hemdkragen. Er hatte freundliche blaue Augen, die schalkhaft blitzten. Und seine Mutter hatte ihm die Grübchen vererbt, die sein Gesicht bei jedem Lächeln strahlen ließen.

Als die ersten Häuser am Stadtrand von Zürich auftauchten, veränderte sich die Landschaft allmählich.

»Ich bin aufgeschmissen. Kannst du mal in Google Maps nachschauen?«

»Klar«, erwiderte Werner und beugte sich über das Display auf seinen Knien. »Ich sag dir, wie du fahren musst.«

Mickey hatte ihnen erklärt, dass sich der Flüchtige in der ersten Etage des leerstehenden Komplexes versteckte, im »Liebeszimmer«.

»Im ›Liebeszimmer‹?«, hatte Nick gefragt.

»Ja, so nennen sie es. Das ist der Ort, an dem sich die Drogensüchtigen, die Geld brauchen, mit ihren Kunden treffen. Dort, wo sie ihre Haut für ein bisschen Stoff verkaufen.«

Während sie sich ihrem Ziel näherten, wurde die Umgebung immer schäbiger. Leere Gebäude und Lagerhallen, Autos, die ihres Innenlebens und ihrer Räder beraubt vor sich hin rosteten.

»Man könnte meinen, das hier sei Beirut«, sagte Nick angespannt.

»Die Kehrseite des Schweizer Modells, mein Freund.«

Die Straßenbeleuchtung war defekt, alles war in ein ungemütliches Halbdunkel getaucht. Obwohl die Straßen recht befahren waren, war die Atmosphäre unheimlich.

»Was sind das für Leute?«, fragte Nick.

»Kunden«, sagte Werner, der sich nicht im Geringsten unwohl zu fühlen schien. »Sie sind auf der Suche nach käuflichem Sex. Oder nach Drogen. Manchmal nach beidem.«

Schließlich baute sich eine geisterhafte Silhouette vor ihnen auf. Eine städtische Ruine, vom Regen ausgewaschen. Die Kamine aus Ziegelstein zu beiden Seiten des Gebäudes erinnerten an unnütze Galionsfiguren. Sie fuhren im Schritttempo weiter. Leere Bierdosen und weggeworfene Spritzen knirschten unter den Reifen des Wagens. Neben einem Förderwagen blieb Nick stehen und schaltete den Motor aus.

»Hier kriegt man ja richtig Schiss«, sagte er.

»Der junge Nick Snee entdeckt mit dreißig Jahren, dass die Schweiz nicht nur aus Einfamilienhaussiedlungen besteht, so wie jene, in denen er mit seiner Mama aufgewachsen ist«, spottete Werner. »Mann, das ist ein besetztes Gebäude, sonst nichts! Ein Rattenloch voll verfickter Loser!«

»Die wahrscheinlich gefährlich sind.«

»Von wegen! Sobald sie uns sehen, werden sie die Beine in die Hand nehmen, diese Angsthasen!«

»Was machen wir jetzt? Warten wir auf die Sturmtruppe?«

»Du willst doch auch wissen, weshalb der General zehn K-Leute schickt, um einen einzigen Mann einzufangen?«, erwiderte Werner. »An der Geschichte ist was faul, das hast du doch selbst gesagt!«

Nick setzte das Nachtsichtgerät an die Augen.

»Verrückt«, murmelte er. »Im gesamten Gebäude herrscht Bewegung. Da sind auch einige Lichter.«

»Sie haben ein Kabel angezapft. Das machen sie immer so in besetzten Gebäuden.«

»Nein, für Elektrizität flackert es zu sehr. Das sind Gaslampen oder Kerzen.«

Eine Stunde verging, ohne dass eine Einsatztruppe auf der Bildfläche erschienen wäre. Plötzlich griff Werner hinter sich und zog unter einer Decke eine Pumpgun hervor. Das Geräusch des Verschlusses erfüllte das Wageninnere.

»Was willst du mit dem Ding? Ohne Genehmigung dürfen wir keine Waffe benutzen!«

»Jetzt willst du mich auf den Arm nehmen, oder?«

»Werner, wir dürfen da nicht allein rein. Die Dealer werden uns massakrieren!«

»Wir gehen jetzt da rein, vertrau einem ehemaligen Polizisten. Im Handschuhfach ist eine Knarre, nimm die mit.«

»Ich bin A-na-lyst, merk dir das! Du weißt doch, dass ich total mies im Schießen bin.«

»Wir werden das Auto auf der anderen Seite der Fabrik abstellen. Der Südturm bildet eine tote Ecke, niemand wird uns sehen. Also, hör auf zu flennen, Jammerlappen!«

Gegen seine innere Überzeugung fuhr Nick langsam und mit ausgeschalteten Scheinwerfern auf die andere Seite des Gebäudes. Aus der Nähe wirkte die verlassene Fabrik noch gruseliger.

»Die Drogenkathedrale …« Werner lachte höhnisch auf.

Als sie unter einem der Schlote geparkt hatten, warteten sie noch einige Minuten in völliger Stille ab.

»Los, wir steigen aus!«, bestimmte Werner dann, des Wartens überdrüssig. »Die K-Männer sind ja Profis im Anschleichen, da können wir warten, bis wir schwarz werden, nur um nachher festzustellen, dass sie sich den Flüchtigen längst geschnappt haben!«

Durch ein Loch in der Mauer zwängten sie sich ins Innere des Gebäudes. Nick war etwa fünfzig Meter gegangen, als er plötzlich innehielt – ein ekelerregender Geruch verschlug ihm den Atem. Auch Werner war stehengeblieben, bleich wie ein Leintuch.

»Verdammt, Werner, was ist denn das für ein Gestank?«

Er wandte sich zur Seite und übergab sich, kurz darauf tat Werner es ihm gleich. Der Geruch von Urin war derart stark, dass sie beinahe erstickten, sie schnappten nach Luft wie Fische an Land.

»Oh, Mist! Ich habe irgendwann mal einen Artikel über diese Fabrik gelesen«, erinnerte Werner sich. »Vor zwei Jahren wurde sie geschlossen. Dieses Medikament, Cystin, wird aus dem Urin von Rindern oder Schweinen gewonnen, aus Vogelfedern und anderen ekligen Dingen. Deshalb stinkt es so! Die Stadtverwaltung hat die Fabrik stilllegen lassen, sie wollen das gesamte Viertel in ein Wohngebiet umwandeln.«

»Lass uns abhauen!«, flehte Nick am Rande eines Kreislaufkollapses. »Wir müssen uns Atemschutzmasken besorgen! Komm, wir fahren zurück ins Büro.«

Beinahe hätte er seinen Kollegen überzeugt. Doch dann überlegte Werner, dass es normalerweise Aufgabe der Bundespolizei wäre, flüchtige Personen zu suchen. Wenn die Firma sich diesem Einsatz unter Aufbietung all ihrer Mittel widmete, dann konnte dies nur bedeuten, dass die Angelegenheit ein wirklich heißes Eisen war.

»Ich hab diesen Typen ausfindig gemacht, jetzt werde ich ihn dem General in Geschenkpapier verpackt übergeben«, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

Ein Taschentuch vor Mund und Nase, drangen sie weiter in das Gebäude hinein. Das Erdgeschoss war riesig, mehr als zweihundert Meter lang und mindestens zwanzig Meter hoch. Zahlreiche Destillierkolben, gefüllt mit einer gelblichen, stinkenden Flüssigkeit, standen noch überall herum. Große Tropfen fielen in regelmäßigen Abständen von der Decke herab. Plock. Plock. Plock. Nick und Werner bahnten sich torkelnd ihren Weg, sie hatten das Gefühl, dass sie im Takt der widerlichen Tropfen voranschritten, die mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms auf dem Boden zerplatzten.

Dutzende spindeldürre Halbtote lagerten in diesem Gebäudeteil, zumeist auf Matratzen. Vor jeder Matratze brannten Kerzen. Sie gingen an einer Frau vorbei, die einmal hübsch gewesen sein musste und wahrscheinlich noch keine dreißig Jahre alt war. Sie wandte ihnen ein völlig zerfurchtes Gesicht zu. Jeder zweite Zahn war ihr ausgefallen. Die gelbliche Flüssigkeit tropfte aus einem der Destillierkolben auf sie herab, doch sie reagierte nicht einmal. Es gab Nick einen Stich ins Herz, doch er zwang sich, rasch weiterzugehen. Man konnte nichts für sie tun, zumindest er nicht.

Er folgte Werner durch eine Tür, sie gelangten in einen zweiten Raum, der kleiner war und wo kaum Kerzen flackerten. Diejenigen, die hier hausten, waren dem Tod noch näher und nicht mehr in der Lage, sich Erleuchtung zu verschaffen. Widerliche Abfälle verstopften die Abflüsse im Boden. Nick und Werner wateten durch gelbliche Pfützen, ihr Hosensaum wurde nass. Zwei oder drei Männer schwankten auf sie zu, doch als sie die Waffen sahen, suchten sie rasch das Weite. Plötzlich entdeckte Nick zu seiner Rechten eine Betontreppe, die nach oben führte. Hatte Mickey nicht gesagt, der Gesuchte halte sich in der oberen Etage auf? Eilig nahmen sie die Stufen, oben angekommen, blieben sie erleichtert stehen: Hier konnte man endlich wieder atmen.

»O mein Gott, frische Luft!«, rief Nick.

»Das vergisst man ganz«, ließ sich auf einmal eine Stimme hinter ihnen vernehmen.

Sie drehten sich abrupt um. Die Stimme gehörte einer abgemagerten Frau, deren Schädel mit Blutkrusten übersät war. Ihr Alter ließ sich nicht bestimmen, sie hätte ebenso gut dreißig wie sechzig sein können. Sie trug Radlershorts, die ihren Unterleib wie eine zweite Haut umhüllten, ein dreckiges Spitzenbustier, eine Windjacke und abgetragene Turnschuhe. Eine Erscheinung wie aus einem Horrorfilm.

»Was vergisst man?«, fragte Werner, der sich wieder gefangen hatte.

»Den Gestank. Unten, im Erdgeschoss, ist es nicht auszuhalten. Das ertragen nur die Zombies. Angeblich tropft es noch zwei Jahre lang, bis die Pissebehälter endlich leer sind. Hier vergisst man den Gestank irgendwann. Hier regnet’s keine Pisse, und durchs Dach weht frische Luft. Das hier ist der Erste-Klasse-Bereich.«

Sie meinte das ganz ernst. Selbst in der Hölle gibt es eine erste Klasse.

»Wen suchen Sie?«, fragte sie.

»Jemanden, der sich abgesetzt hat. Einen Bankier mit ziemlich viel Kohle, der nicht nach Junkie aussieht.«

»Ach so«, sagte sie verächtlich. »Der kam gestern hier an, die ganze Zeit mault er nur rum. Er kann sich nicht an den Gestank gewöhnen. Nicht mal vögeln will der. Scheint auf was zu warten, euer Typ. Ziemlicher Spielverderber.«

»Weißt du, wo er ist?«

Die Frau streckte die Hand aus. Sie nahm den Geldschein entgegen, den Werner ihr hinhielt, und steckte ihn in die Windjacke.

»Kommt mit!«

Im Vergleich zur unteren Ebene wirkte die obere geradezu wie ein Bienenkorb, wo sich Penner, Junkies und Dealer mischten, eine illegale Gesellschaft im Schatten der anderen. Rasch durchschritten sie einen großen Raum, bis die Frau an einer Abzweigung Nick am Ärmel zog, damit die beiden Fremden ihr in einen dunklen Gang folgten. Leicht identifizierbare Geräusche waren zu hören, ab und zu von einem Schrei unterbrochen.

»Wir müssen da langgehen«, sagte die Frau zu Nick mit einem grauenvollen Lächeln. »Du wirst sehen, dort bekommst du richtig Lust!«

Sie deutete in Richtung eines langgestreckten Raums vor ihnen, der in mehrere Alkoven unterteilt war. Die Türen fehlten, sie waren behelfsweise durch Vorhänge ersetzt worden, von denen einige jedoch nicht zugezogen waren. Ein paar Kerzen auf Mauernischen erhellten den Raum, und in einem Konzert aus obszönem Keuchen und Stöhnen bewegten sich die Schatten der Kunden auf und ab. Nick kam sich vor wie auf einem Bild von Hieronymus Bosch.

»Das Liebeszimmer«, raunte die Frau.

Sie führte Nick und Werner durch einen weiteren Gang, von dem weitere Räume abgingen. Plötzlich standen sie vor einer geschlossenen Tür – die erste, seit sie die Fabrik betreten hatten.

»Dahinter ist es«, sagte die Frau, und auf einmal verschwand sie über eine versteckte Treppe.

»Warte!«, rief Nick ihr nach.

Doch die Frau war nicht mehr zu sehen. Werner öffnete die Tür, eine mehrere Meter hohe Barriere aus Stahl. Er duckte sich und blickte vorsichtig um die Ecke.

»Was siehst du?«, flüsterte Nick.

»Einen riesigen Gang. Zwei bewaffnete Typen in dreißig Metern Entfernung, sie sitzen an einem Tisch in der Mitte des Gangs. Sie bewachen vermutlich das Dope. Da kommt man nicht ungeschoren vorbei!«

Nick schob seinen Kopf nun ebenfalls um die Ecke. Im selben Augenblick zeichneten sich zwei rote Punkte auf den Köpfen der Männer ab.

»Laserpointer! Das ist die K-Truppe«, murmelte Werner.

Ein rascher Kugelhagel, schallgedämpft, und die beiden Dealer sanken tot vornüber.

»Sie haben ohne Vorwarnung losgeballert!«, rief Werner verblüfft und drehte sich zu Nick um.

Schon sprangen mehrere Männer von einer anderen Treppe herab. Sie waren in schwarze Overalls mit Kapuzen gehüllt, jeder hielt im rechten Winkel eine Waffe. Plötzlich drehte sich einer von ihnen zur Seite und sah Nick und Werner. Hastig richtete Werner sich auf und hielt die Hände in die Höhe.

Ein Schuss zerriss die Luft, die Kugel traf Werner in den Brustkorb. Er brach zusammen.

»Werner!«, brüllte Nick.

Wie in einem Alptraum sah er die Waffe ihn ins Visier nehmen, der schwarze Lauf war auf seinen Kopf gerichtet, der Zeigefinger des Mannes krümmte sich auf dem Abzug. Doch dann senkte sich der Lauf auf einmal. Der K-Mann gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass er ihn erkannt hatte und sprach leise ein paar Worte in sein Mikrofon. Nick stürzte zu Werner hin. Sein Kollege lag mit starrem Blick da. Das Blut rann aus einer schrecklichen Wunde auf der Brust. Völlig verzweifelt griff Nick nach seiner Hand.

»Werner, bitte! Komm zu dir! Komm wieder zu dir!«

Das Kommando trat näher.

»Seid ihr völlig übergeschnappt?«, schrie Nick. »Ihr habt ihn einfach abgeknallt!«

»Ihr hättet euch zu erkennen geben müssen«, erwiderte der K-Mann kühl. »Ihr hattet die Anweisung, außerhalb des Gebäudes zu bleiben. Jeder, der sich im Innern des Gebäudes befindet, ist eine potentielle Zielscheibe.«

Hinter der Kapuze mit Sehschlitzen sah Nick nur seine Augen. Dennoch erkannte er den Mann, von dem er nur den Vornamen wusste: Wilfried. In Wilfrieds Augen war nicht die Spur von Scham oder Bedauern zu entdecken. Als hätte er gerade ein Insekt zertreten.

»Handys funktionieren hier drin nicht!«, schrie Nick.

»Ihr hättet überhaupt nicht reinkommen dürfen! Wir haben die klare Anweisung, dass wir den Flüchtigen um jeden Preis kriegen müssen. Es darf keine Mittelspersonen zwischen ihm und uns geben.«

»Verdammt noch mal, weshalb denn? Wer zum Teufel ist der Typ?«

»Die Ergreifung des Gesuchten hat oberste Priorität und damit den Vorrang vor jeder anderen Überlegung«, wiederholte der K-Mann die Anweisungen.

Mit festem Griff packte er Nick am Kragen und zerrte ihn auf den Gang hinaus und stieß ihn unsanft auf den Zementboden. Dann warf er Nick seine Waffe zu.

»Du hast hier nichts zu suchen. Du hast keine Befugnis. Geh wieder ins Büro. Wir kümmern uns um den Flüchtigen und um Werners Leiche.«

Der K-Mann verschwand. Nick blieb auf dem Boden liegen, versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Mühsam rappelte er sich auf die Beine, Tränen in den Augen. Was war da gerade geschehen? Eine Welt war für ihn zusammengebrochen. Taumelnd suchte er den Weg ins Freie. Im Liebeszimmer herrschte Grabesstille. Die meisten Junkies waren offenbar geflüchtet, als die Schüsse fielen, die anderen hatten sich in ihren Zellen verschanzt. Als er an einer Schlafnische aus Gipsplatten vorüberging, bemerkte Nick, dass der Vorhang, der die Nische auf dem Hinweg vor fremden Blicken geschützt hatte, zerrissen war. An der Wand stand eine Reisetasche aus Leder. Fieberhaft öffnete er sie, zum Vorschein kamen Poloshirts, Hemden, Unterwäsche, alles neu, alles teure Marken. Kein Drogensüchtiger hätte sich diese Klamotten je leisten können. Keiner jedenfalls, der hier lebte.

»Die gehört dem Typen, den du suchst.«

Nick wandte sich um – die Frau von vorhin.

»Nimm’s mir nicht übel«, sagte sie. »Aber der Kerl hat mir zweihundert Franken dafür in die Hand gedrückt, dass ich alle, die hinter ihm her sind, in die falsche Richtung schicke. Dein Kumpel hat mir nur fünfzig gegeben.«

»Wo ist er jetzt?«

»Vergiss es, den holst du nie mehr ein! Und deine Kameraden auch nicht.«

Nick ließ sich wie betäubt auf die Matratze sinken.

»Der Typ muss ja wahnsinnig wichtig sein«, meinte die Frau. »deine Kameraden knallen jeden ab, der sich ihnen in den Weg stellt, nur um ihn zu finden.«

Nicks Blick fiel auf eine CD-Hülle neben der Matratze. Der Deckel war an mehreren Stellen abgesplittert, so, als hätte jemand sie hastig aufgerissen. Auf der Rückseite fand sich eine lange Buchstabenfolge: RD. JK. GN. AD. LP. OK. BR. TG. RR. OL. TA. SW. PM. ER. WAJ. GT. JKO. KL. PP. MK. JH. DF. GHJ. KLP.

Er drehte die Hülle um. Auf der Rückseite stand mit Filzstift geschrieben: Akte Mandrake.

2

Osama kehrte ein wenig später als gewöhnlich nach Hause zurück, gegen neun Uhr abends. Er wohnte weit entfernt vom Zentrum Kabuls, im Armenviertel Khirkoma; bei seinem Gehalt konnte er sich nichts Besseres leisten, und das, obwohl seine Frau ja auch etwas verdiente. Freilich, hätte er Bestechungsgelder angenommen oder wäre seine Frau in der Privatwirtschaft tätig gewesen, sie hätten es einfacher gehabt. Andererseits mochte er die Ausgelassenheit und die fröhliche Stimmung in seinem Viertel, wo man sich unter Nachbarn häufig besuchte, Frauen und Männer natürlich streng getrennt. Sein größtes Vergnügen bestand darin, am Samstag zu Fuß zum Panjsad-Familli-Markt ganz in der Nähe zu gehen und dort zwischen den Vogelhändlern umherzuschlendern. Die Händler kannten Osama und führten ihm immer gern und stolz ihre Neuzugänge vor. Ohne dass der Kommissar es sich recht erklären konnte, erfüllte ihn das Gefühl, eine dieser kleinen flauschigen Kugeln in seinen großen Händen zu halten, mit großer Freude.

Er grüßte den Polizisten, der vor seiner Haustür Wache stand, und betrat das Haus. Es war ein bescheidenes Heim aus Ziegelsteinen und Lehm, mit einem Flachdach, wie man es in allen einfachen Vierteln afghanischer Städte findet: nur ein Stockwerk, drei Schlafzimmer, ein großes Wohnzimmer, eine Küche – und überall hingen die Leitungen aus der Wand. Zumindest besaß das Haus fließendes Wasser; nur wenige Hundert Meter weiter, im Elendsviertel Postakacho gab es niemals Wasser. Die Frauen mussten jeden Tag zahlreiche Kilometer zurücklegen, im Winter bei eisiger Kälte, im Sommer bei glühender Hitze, um ihre Familien mit ein oder zwei Kanistern zu versorgen. Wenn Osama den Zug dieser Frauen sah, der jeden Tag ein wenig länger wurde, zog sich sein Herz zusammen.

Er legte seine Aktentasche auf dem Sofa ab und öffnete ein Fenster, um zu lüften. Die Teppiche aus Ziegenwolle auf dem Boden waren einfach, aber in gutem Zustand, er besaß mehrere Möbel, außerdem auch etliche handbemalte Schachteln für seine Wertgegenstände. Das Badezimmer verfügte – ein unerhörter Luxus – über einen alten russischen Boiler, der warmes Wasser lieferte. Allerdings hatte Osama nie genügend Geld zusammenkratzen können, um eine moderne Heizung einbauen zu lassen; sie mussten sich im Winter mit einem alten Ofen begnügen. Aus der Küche kamen Geräusche. Seine Frau war aus der Klinik zurückgekehrt. Sie betrat das Wohnzimmer in einem orangefarbenen Hausgewand, ihre langen roten Haare fielen ihr auf die Schultern; in der Hand hielt sie eine Zeitschrift – aus einem westlichen Land.

Malalai Kandar war Gynäkologin. Sie war unabhängig, emanzipiert und hatte liberale Ansichten. Ihr Medizinstudium hatte sie zum Großteil in Baku absolviert, noch zu Zeiten der Sowjetunion. Die afghanischen Moralvorschriften ertrug sie mehr schlecht als recht, ihre Aufgabe wurde insofern erleichtert, als sie ohnehin nur Frauen behandelte. Für die anderen Ärztinnen war das Leben unmöglich geworden: Sie durften keine Männer mehr behandeln und sich nicht gemeinsam mit männlichen Kollegen, Ärzten, Vorgesetzten oder Krankenpflegern in der Öffentlichkeit zeigen. Seit dem Abzug der Russen schloss sich die fundamentalistische Reuse immer enger um die Afghaninnen und verdammte sie zu einem Leben in absoluter Unterwürfigkeit.

»Wie war dein Tag?«, fragte sie.

»Interessant. Ich hab was ganz schön Seltsames erlebt.«

Obwohl sie schon dreißig Jahre verheiratet waren und zwei mittlerweile erwachsene Kinder hatten – das dritte war im Krieg gegen Russland umgekommen –, hielten sie so fest zusammen wie am ersten Tag. Osama hatte seine Frau niemals betrogen und auch nie daran gedacht, eine Jüngere zu heiraten. Das islamische Gesetz hätte ihm ermöglicht, bis zu vier Frauen zu heiraten, sofern er ihnen denselben Lebensstandard bieten konnte, doch Malalai hatte geschworen, ihm die Eier abzuschneiden, wenn er den Gedanken auch nur im Entferntesten in Erwägung ziehen sollte. Er hatte nicht weiter darauf bestanden. Mehrere seiner polygamen Kollegen machten sich hinter seinem Rücken über ihn und die Pseudoherrschaft lustig, die seine Frau in der Beziehung ausübte. Osama wusste, dass dies sein berufliches Ansehen schmälerte, doch er war glücklich mit seiner Situation, er brauchte keine vier Frauen.

»Erzählst du’s mir?«

Nach kurzem Zögern berichtete er ihr über den Selbstmord Wali Wadis, seine Zweifel, die Anwesenheit des Ministers und des Amerikaners von DynCorp.

»Khan Durrani ist ein Nichtsnutz«, sagte sie verächtlich, »ein bestechlicher Trottel. Er fraß den Russen aus der Hand, dann den Taliban, jetzt den UNO-Truppen. Wenn morgen die Marsmenschen landen, wird er ihnen Datteln verkaufen. Wegen Menschen wie ihm leben wir wieder wie im Mittelalter!«

»Er ist nicht schlimmer als viele andere!«

»Das glaubst du doch selber nicht!«

»Es wird ja besser. Präsident Karzai wurde trotz des Drucks von Seiten der Taliban wiedergewählt. Die Schulen sind wieder geöffnet, die Wirtschaft erholt sich.«

»Und immer jüngere Mädchen werden gezwungen, die Burka anzulegen …«, brachte Malalai den Satz zu Ende. »Solange die Russen da waren, konnte ich mich normal anziehen, mich in ein Café setzen, mit meinen Freundinnen ins Kino oder ins Restaurant gehen, mir diese idiotischen Zeitschriften kaufen, ohne mich verstecken zu müssen. Jetzt komme ich mir vor wie eine Gefangene. Diese Stadt wird jeden Tag ein wenig mehr zum Gefängnis.«

Seit seiner Wiederwahl spielte Präsident Karzai ein gefährliches Spiel. Er gab vor, die nationale Aussöhnung mit den Ex-Taliban herbeiführen zu wollen, ließ aber zu, dass sie unter der Hand immer größeren Einfluss auf den Staatsapparat erhielten und de facto ihre Rückkehr an die Macht vorbereiteten. Minister, Abgeordnete, überzeugte Gegner der Taliban, mehrere einflussreiche Berater – alle waren sie entmachtet und durch Islamisten ersetzt worden. Der Druck auf die Frauen nahm sogar noch zu. Die Angst brachte viele dazu, die Seite zu wechseln.

»Pass auf!«, erwiderte Osama. »Sonst bist du gleich als Kommunistin verschrien.«

»Mir sind die Kommunisten lieber als die Taliban. Zumindest hatten die Frauen bei ihnen Rechte!«

Osama antwortete nicht, er wusste, dass seine Frau recht hatte. Außerdem war er noch nie besonders gut im Diskutieren gewesen, und mit Malalai hatte es gar keinen Sinn, zu diskutieren, sie fand dann doch immer irgendein Argument, das ihn mundtot machte.

»Wie wirst du verhindern, dass dieser Idiot von Minister dir Probleme schafft?«

»Ich weiß es noch nicht. Auf jeden Fall muss ich sehr vorsichtig sein, die Sache stinkt.«

»Bitte geh kein zu großes Risiko ein.«

»Ich muss meine Ermittlung zu Ende bringen. Wenn dieser Mann eines gewaltsamen Todes starb, dann muss ich den Schuldigen finden.«

»Mein armer Liebling«, sagte Malalai und zog ihn zu sich herab. »Du bist der Einzige, der in diesem Land seine Arbeit macht. Komm, wir essen zu Abend, ich habe Qabali palaw und pikant gewürztes Mantu gemacht, so, wie du es liebst.«

»Ich werde vorsichtig sein, das verspreche ich dir«, sagte Osama mit fester Stimme. »Jetzt gehe ich erst einmal beten. Wir essen später.«

***

Auf dem Rückweg ins Büro gelang es Nick nicht, seinen Chef zu sprechen, obwohl er mehrere Versuche unternahm. Jedes Mal, wenn er anrief, hieß es: »Keine telefonischen Auskünfte zu diesem Thema möglich, auch nicht verschlüsselt. Kommen Sie ins Büro.«

In der Zentrale herrschte hektische Betriebsamkeit. Im Gemeinschaftsraum wimmelte es trotz der späten Uhrzeit von Menschen – Menschen, die Nick dort nie zuvor gesehen hatte. K-Truppen-Mitglieder, die schon bereit waren für das nächste Briefing, obwohl sie gerade erst ihr Gepäck ablegten: kugelsichere Westen, Schutzhelme, Übertragungsgeräte, Sturmgewehre, Schalldämpfer. Als Wilfried, der Anführer, der Werner getötet hatte, Nick erspähte, ging er lässig auf ihn zu.

»Tut mir leid wegen deinem Kumpel«, sagte er beiläufig.

»Was ihr da getan habt, ist absolut unverzeihlich!«

»Nick, ihr habt die Sache vermasselt, du und Werner. Wir hatten euch verboten, das Gebäude zu betreten. Was hattet ihr da drinnen herumzuschnüffeln?«

»Ohne Vorwarnung loszuschießen ist ein Verbrechen! Wenn du vor dem Losballern einfach mal dein Hirn angeschaltet hättest, wäre Werner noch am Leben.«

»Ich habe mich nur an die Vorgabe gehalten. Werner und du, ihr habt euch benommen wie Amateure!«

Nick wollte auf ihn losgehen, als der General eiligen Schrittes auf sie zusteuerte.

»Schluss mit dem Kinderkram!«, zischte er.

Sein zorniger Gesichtsausdruck sprach Bände. Seit ihrer Gründung war dies der erste Fehlschlag der Firma – und zwar ein eklatanter. Er sah abwechselnd Wilfried und Nick an. Da die Zeit drängte, hatte er seine K-Truppe losschicken müssen, obwohl ihr Anführer, Joseph, nicht verfügbar war, weil er in Frankreich zu tun hatte. Er hatte Wilfried, der weniger erfahren war, die Operation durchführen lassen. Dessen Team hatte vor dem Einsatz die Pläne der Fabrik genau studiert, doch sie waren fehlerhaft und verzeichneten einige Abflussrohre nicht, durch die der Gesuchte entkommen sein musste.

Der General wandte sich an Nick. »Snee, in mein Büro. Und zwar sofort!«

Wie betäubt folgte Nick ihm.

Das Büro des Generals war das eines mächtigen Mannes: siebzig Quadratmeter groß, mit sensationeller Aussicht dank dreier riesiger Panzerglasscheiben. Für etwas Abwechslung in dem recht manieriert möblierten Raum sorgten einige Modelle von Propellerflugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein riesiges Ölgemälde, das eine B52 darstellte, wie sie ihre Bombenfracht über einem Reisfeld herabregnen ließ, nahm eine ganze Wandfläche ein. Eine Reminiszenz an die Anfänge seiner militärischen Laufbahn bei den Fallschirmspringern, so mutmaßte man. Nick jedenfalls hatte den deutlichen Eindruck, dass der General Flugzeuge Menschen vorzog.

»Setzen Sie sich«, herrschte der General ihn an. Obwohl er in Zivil gekleidet war, strahlte er Autorität aus. »Sie haben es vergeigt, Snee. Sie sind in diese Fabrik eingedrungen, ohne unsere Männer darüber zu unterrichten. Sie haben im Augenblick des Eingreifens dazwischengefunkt. Ein Anfängerfehler! Ihretwegen ist Werner nun tot!«

»Unsere Männer hätten das Feuer nicht ohne Vorwarnung zu eröffnen brauchen.«

»Ohne Vorwarnung? Sie träumen wohl? Es geht hier nicht um Vorwarnungen, wir sind doch keine Bullen, Snee. Wir sind Soldaten im Krieg, auch wenn wir in Zivil operieren.«

»Aber …«

»Wir werden den Angehörigen Ihres Kollegen mitteilen, dass er während einer Übung umgekommen ist. Werner war geschieden, er hatte keine Kinder. Es wird keine Untersuchung geben, und Sie werden gefälligst die Schnauze halten – das ist ein Befehl. Sollten Sie die geringsten Schwierigkeiten machen, sind Sie erledigt!«

Für den General hatte Werners Tod keine Bedeutung. Er war lediglich ein »Zwischenfall«. Nick versagte sich jeden Widerspruch und nickte stumm.

»Sagen Sie laut: ›Jawohl, Herr General!‹«, befahl sein Gesprächspartner mit fester Stimme.

»Jawohl, Herr General«, gab Nick mechanisch zurück. Großer Gott, weshalb stand er nicht einfach auf und sagte diesem Psychopathen einmal ordentlich seine Meinung? Nick verfluchte sich innerlich.

Plötzlich zeichnete sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Generals ab. »Sie werden sehen, Snee, man lernt, solche Dinge zu vergessen. Im Krieg verliert man nun einmal Menschen. Das ist traurig, aber es ist die Realität. Wir arbeiten für die Zivilisation, wir halten westliche Werte hoch, es lohnt sich, dafür Risiken einzugehen. Und nun nennen Sie mir einen Grund, einen einzigen Grund, weshalb ich Sie nicht augenblicklich wegen Verletzung der Gehorsamspflicht aus der Firma entfernen lassen sollte.«

Nick fühlte sich von dem plötzlichen Richtungswechsel seines Chefs völlig überrumpelt. Der General hatte Werners Tod bereits unter »Gewinne und Verluste« verbucht.

»Ich kann Ihnen keinen Grund nennen. Ich habe getan, was ich für richtig hielt, und trage keinerlei Verantwortung an Werners Tod, auch wenn Sie das anders sehen. Ich hätte aber auch eine Frage. Suchen Sie zufällig ein Dokument mit dem Titel ›Akte Mandrake‹?«

Der General schnappte nach Luft.

»Was ist das für eine Frage? Wovon reden Sie?«

»Von dem hier.« Nick legte die CD-Hülle, die er in der Fabrik eingesteckt hatte, auf den Schreibtisch. Nach kurzem Zögern nahm der General sie in die Hand und sah Nick scharf an.

»Gehen Sie nach Hause, Snee.«

»Weiß man, was diese Akte Mandrake sein soll?«

»Nick, ich untersage Ihnen offiziell, über diese Sache auch nur ein Wort zu verlieren. Auch nicht gegenüber Ihren Kollegen in der Firma.«

Nick ahnte, dass er mehr wohl nicht erfahren würde. Er stand auf. Als er bereits an der Tür war, rief der General ihm nach: »Die Existenz dieses Dokuments steht unter strengster Geheimhaltung. Sogar sein Name ist ein Geheimnis. Haben wir uns verstanden?«

***

Nach einem unspektakulären Vormittag überreichte Gulbudin, der zweite Assistent Kommissar Kandars, seinem Vorgesetzten den ersten Entwurf eines Berichts über Wali Wadis Selbstmord. Der fünfundvierzigjährige Gulbudin war seit zehn Jahren Chefinspektor. Er hatte einen Fuß verloren, als er einige Jahre zuvor in den Bergen von Khawak auf eine russische Mine getreten war, bewegte sich aber sehr gewandt – dank einer Prothese, die er über ein von der UNO finanziertes Hilfsprogramm bekommen hatte. Außerdem hatte er bei der Explosion einer Granate ein Auge eingebüßt, als 1996 Massuds Truppen ein wahres Massaker bei der Bombardierung Kabuls anrichteten, worauf sie sich den Hass der Mehrheit der Bevölkerung zuzogen. Schwer verletzt, war er von Osama aufgelesen worden, der ihn trotz des Granatengewitters um sie herum selbst ins Krankenhaus gebracht hatte. Seither war Gulbudin dem Kommissar treu ergeben. Zumal er Hazara war und kein Paschtune.

Osama las den Bericht aufmerksam durch – er war perfekt. Er gab keiner Spur den Vorzug, ließ aber eben auch jede Deutungsmöglichkeit offen. Gulbudin konnte solche Berichte schreiben wie kein Zweiter. Osama, der sich in dem bürokratischen, verschraubten Milieu des Innenministeriums bisweilen nur schwer zurechtfand, war er eine wertvolle Hilfe. Die meisten jungen Polizisten entstammten einer Generation, die nichts als die Koranschule kannte, da die Taliban die weltlichen Universitäten geschlossen hatten – entsprechend beklagenswert war das Niveau ihrer schriftlichen Äußerungen. Dies war einer der Gründe, weshalb Gulbudin und Babrak, abgesehen von ihrer Treue und ihrem Menschenverstand, unverzichtbar für ihn waren: Sie waren blitzgescheit. Osama war stolz darauf, dass seine Assistenten über einen höheren Abschluss verfügten als er selbst, und er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, sie seinen Vorgesetzten gegenüber lobend zu erwähnen.

Er trat auf den Gang hinaus und rief die anderen Mitglieder seines Stabs zu sich: Abdul, einen jungen aufstrebenden Polizisten, der zwei Jahre ein Praktikum bei der deutschen Polizei absolviert hatte, außerdem Dschihad und Rangin, zwei Fahnder um die dreißig, beide ziemlich furchterregend. Dschihad war als Sprengmeister der Nordallianz im Einsatz gewesen und einer der wenigen Paschtunen, die sich den tadschikischen Truppen Massuds angeschlossen hatten. Er stammte aus einer Familie, die Anhänger des Wahabismus war, einer der strengsten Glaubensrichtungen des Islam. Seine vier Brüder hießen Dschihad, seine fünf Schwestern Palästina. Trotzdem schwärmte Dschihad für Amerika, Hardrock und Kino. Er hielt sich an die traditionellen Gebetsvorschriften, wie man es in einem Land, in dem der Islam Staatsreligion war, eben tat – jedoch nur halbherzig. Osama hatte nicht im Geringsten das Gefühl, dass er gläubig war. Außerdem hatte Dschihad den Schädel zumeist kahlgeschoren und kleidete sich wie ein westlicher Student, mit Jeans und Turnschuhen. Rangin dagegen war der Sohn eines Nichtkonfessionellen und obendrein überzeugten Kommunisten, der zur Zeit der russischen Besatzung für den Khad, den Geheimdienst, gearbeitet hatte. Rangins Vater war von den Taliban umgebracht worden, als diese an die Macht kamen. Rangin hatte rote Haare und grüne Augen, wie etliche Afghanen aus dem Norden, aber er wirkte so slawisch, dass sein Auftauchen im Kommissariat Misstrauen erweckte: Viele hielten Rangin, da er wenige Monate nach der sowjetischen Invasion gezeugt worden war, für einen russischen Abkömmling … Im Unterschied zu Dschihad war er sehr religiös, obschon auch er sich westlich kleidete und immer ordentlich rasiert war. Rangin und Dschihad waren unzertrennlich und arbeiteten immer im Duo. Sie waren die einzigen Paschtunen in Osamas Stab, und der Kommissar vertraute ihnen blind.

»Gulbudins Bericht ist hervorragend«, verkündete Osama unvermittelt. »Jetzt können wir noch einige Tage ungestört weiterarbeiten. Bravo!«

Gulbudin senkte bescheiden den Blick.

»Was ist davon zu halten, dass der Minister in Wali Wadis Wohnung zugegen war?«, fragte Dschihad.

»Was soll man von einem Mann halten, der eine Rolex im Wert von einer Million Afghanis am Handgelenk trägt? Misstraut ihm, misstraut allen, die für ihn arbeiten, den Männern aus seinem Clan. Von heute an arbeiten wir im Geheimen, kein Wort zu euren Kollegen, keine Vertraulichkeiten. Diese Untersuchung ist top secret, verstanden?«

»Ja, Qoumaandaan

Osama wandte sich an Babrak.

»Was ist mit der Leiche?«

»Ich habe gleich eine Autopsie beantragt. Daktar Mimuda hat Dienst, aber da ich weiß, was Sie von ihm halten, habe ich Daktar Katun gebeten, sie durchzuführen. Er hat versprochen, sich der Sache anzunehmen – weil Sie es sind. Ich habe ihm versprochen, dass Sie ihm einen Korb mit Erdbeeren mitbringen, von denen er schwärmt, sobald sie auf dem Markt zu haben sind.«

Osama brummte. Das Obst aus dem Panschirtal war in der gesamten Gegend berühmt, vor allem die ersten Erdbeeren im Frühjahr. Das würde ihn mindestens fünfzig Afghanis kosten, aber sie waren ja gut angelegt. Katun war ein renommierter und angesehener Chirurg, der seine Assistenzzeit in Aserbaidschan absolviert hatte, wohingegen Mimuda, der Chefarzt der Universität, wahrscheinlich nicht einmal das Abitur hatte. Mimuda gehörte zu jener Sorte ungebildeter und hinterhältiger Menschen, die während der Talibanherrschaft groß geworden waren und die man nach deren Rückzug nicht zu entfernen gewagt hatte, man wusste ja nie …

»Bitte den Daktar, sich den Hals des Toten anzusehen. Ich habe keine Druckstelle entdecken können, aber wenn man ihn erwürgt hat, ist sein Kehlkopf vielleicht verletzt. Außerdem soll er nach Spuren von Haut unter den Fingernägeln suchen.«

»Du meinst, man hat ihn festgehalten, während er sich umgebracht hat?«

»Irgend so etwas in der Art. Seine Hände müssen einem Schießpulvertest unterzogen werden, ich konnte nichts riechen. Außerdem soll er seine Achseln untersuchen, seine Haut, seinen Mageninhalt, sein Zahnfleisch. Wenn wir nachweisen können, dass er sich vor seinem Tod die Zähne geputzt hat, haben wir ein unschlagbares Beweismittel. Vor allem soll er den Bericht zur selben Zeit ans Justizministerium schicken wie an mich.«

Babrak nickte wissend. Seit 2002 war die vorherige Zustimmung eines Staatsanwalts nötig, um eine kriminalistische Untersuchung durchführen zu können. Trotz ihrer Bemühungen war es den Polizisten nicht gelungen, diese abenteuerliche Vorschrift zu blockieren, die sich am italienischen Rechtssystem orientierte. Glücklicherweise hasste der Justizminister, ein Tadschike, der in Russland studiert hatte, Khan Durrani. Wenn er den Bericht erst einmal hatte, würde es schwierig für den Innenminister werden, durchzusetzen, dass er neu geschrieben würde, oder die Staatsanwaltschaft dahingehend zu beeinflussen, dass sie sich gegen eine offizielle Untersuchung aussprach.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Gulbudin.

»Wir müssen uns mal Wadis Büros ansehen«, erklärte Osama. »Nur Gulbudin und Babrak, ihr anderen arbeitet weiter an den Akten.«

Sein Jeep wartete bereits vor der Tür, der unvermeidliche Pick-up voll finster dreinblickender Polizisten stand dahinter.

Wali Wadis Büros lagen im alten Viertel Murad Khane, unweit des Zentralkommissariats. Die Sicherheitsbestimmungen missachtend, hatte Osama das Fenster heruntergekurbelt und atmete die Gerüche der Stadt ein. Kabul war im Wiederaufbau begriffen, überall gab es Baustellen. Die ISAF ließ haufenweise Dollars auf die Hauptstadt herabregnen, die sogleich von den diversen Clans um Präsident Karzai eingesackt wurden, doch es blieb immer noch reichlich übrig, um einen Bauboom zu finanzieren, wie ihn die Stadt seit dem Einfall der Sowjets nicht mehr erlebt hatte. Außerdem waren da die Milliarden, die der Drogenhandel einbrachte, was wiederum zu einer ungezügelten Bodenspekulation führte. Wenn der Krieg von neuem begann, würden die Raketen der Taliban wieder einmal alles dem Erdboden gleichmachen, und die Stadt würde von vorn anfangen müssen. Das war entmutigend. Dennoch verspürte Osama kein Bedürfnis, woandershin zu ziehen: Kabul war seine Stadt.

Plötzlich hörte man in der Ferne eine Explosion. Mit einer Verzögerung von einem Sekundenbruchteil erzitterten die Fensterscheiben des Autos. Osama tauschte einen Blick mit Gulbudin. Noch ein Selbstmordattentat. Allein in den vergangenen zehn Tagen hatten sich zwei Talibangrüppchen mitten in der Menge in die Luft gesprengt, einmal, als gerade ein Konvoi von Bauunternehmern aus dem Westen vorbeifuhr, ein anderes Mal, um einen hohen Geheimdienstfunktionär aus dem Weg zu räumen. Kabul lebte im Rhythmus dieser zerstörerischen Überraschungsangriffe, die eine immer drückendere Atmosphäre schufen, unter der auch seine fatalistisch gestimmten Einwohner zu leiden begannen.

»Wir werden bald wissen, wer da in die Luft gejagt wurde«, sagte Babrak aufgeregt. »Bestimmt ein hohes Tier.«

Nach einer halben Stunde im dichten Verkehrsgewühl parkte der Fahrer in zweiter Reihe neben einem heruntergekommenen Neubau. In der Eingangshalle saß ein müder Wachmann, er erkundigte sich nicht einmal, wen sie denn zu sprechen wünschten. Allerdings wirkten die drei Polizisten in Zivil, die Osama begleiteten, auch nicht im mindesten abschreckend. Neben der Pförtnerloge hing ein Schild mit der Aufschrift »Wali Wadi Holding, 3. Etage«. Der Fahrstuhl war außer Betrieb, sie nahmen die schmale Treppe bis in den dritten Stock. Eine einzige Tür, daneben dasselbe Schild wie unten. Ohne anzuklopfen, trat Osama ein. Hinter der Tür bot sich ihnen ein völlig anderes Bild: edles Parkett, frisch gestrichene Wände, die moderne Gemälden dekorierten, ähnlich denjenigen, die der Kommissar schon in Wadis Privatwohnung gesehen hatte. Ein junger Mann saß hinter einem Schreibtisch und telefonierte. Als er die bewaffneten Männer hereinkommen sah, wurde er blass und legte hastig auf. Osama zog seinen Dienstausweis hervor.

»Arbeiten Sie für Wali Wadi?«

»Ja, Sahib, ich war sein Privatsekretär«, antwortete der junge Mann leise. »Ich habe Sie erwartet.«

Aus der Nähe sah Osama, dass der Mann seine Augen mit Kajal geschminkt hatte – was aber nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte, auch die jungen Taliban schminkten sich.

»Kann ich mal sein Büro sehen?«

Der Privatsekretär nickte stumm, erhob sich und führte sie in einen riesigen Raum mit doppelten Vorhängen, die ihn in ein angenehmes Halbdunkel tauchten. Auch der Straßenlärm war nicht mehr zu hören. Gepanzerte Fensterscheiben, dachte Osama. Ein Arbeitstisch aus dunklem Holz, mehrere pompöse Sessel, zweifellos libanesischer Herkunft, ein Sofa. Wadi war wohl erfolgreicher gewesen, als er sich vorgestellt hatte.

»Sind bereits Kollegen hier gewesen?«, fragte Osama.

»Nein, niemand«, antwortete der junge Mann. »Ich habe die Nachricht vom Tod des Sahib Wadi heute Morgen im Radio gehört.«

Sie hatten demnach einen kleinen Vorsprung vor den Häschern des Innenministeriums, dachte Osama befriedigt.

»Ist alles in Ordnung? Keine Anzeichen für einen Einbruch?«

»Der Alarm war eingeschaltet, das Büro aufgeräumt. Ich habe nichts Ungewöhnliches bemerkt. Und am Safe hat sich auch niemand zu schaffen gemacht.«

»Es gibt einen Safe?«

»Hinter dem Bild.«

Der Mann hob eine Lithographie an, und es kam die Tür eines Safes von beträchtlichem Ausmaß zum Vorschein, mit einer Tastatur und einem kleinen eingebauten Bildschirm. Osama registrierte das Logo: »Hartmann«. Ein derart modernes Modell sah er zum ersten Mal, meistens fand man nur alte russische Safes in Kabul. Er untersuchte ihn etwas genauer. Ein weit nach innen reichendes Schloss. Es sah neu aus, schien unzerstörbar zu sein.

»Sahib Wali Wadi hatte ihn erst letzten Monat erhalten«, erklärte der junge Mann. »Es ist ein europäisches Modell, er hat es extra bestellt. Es ist das einzige Modell dieser Art in Afghanistan«, fügte er stolz hinzu.

Osama fragte sich, ob Wali Wadi einen Schlüsselbund bei sich gehabt hatte, als die Leiche gefunden wurde. Er wandte sich an Gulbudin, der denselben Gedanken gehabt hatte.

»Ich hab nicht drauf geachtet, Chef. Ich überprüfe es sofort, wenn wir zurück sind.«

Osama wandte sich wieder dem jungen Privatsekretär zu.

»Kam dir dein Chef irgendwie anders vor in letzter Zeit? Als ob er Sorgen hätte oder deprimiert wäre?«

»Er hat nicht viel mit mir geredet. Die Geschäfte schienen gut zu laufen. Sogar ausgezeichnet!«

»Weshalb hat er diesen Safe angeschafft?«

»Sahib Wadi sagte mir, jetzt, wo er bei den Großen mitmische, müsse er für größere Sicherheit sorgen.«

»Sagte er tatsächlich, ›bei den Großen mitmischen‹?«

»Ja. Er kaufte auch einen für seine Wohnung.«

Erneut blickte Osama seinen Assistenten an, der den Kopf schüttelte. Der Tresor war ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Osama fluchte innerlich. Wie hatten sie Wadis Wohnung nur so oberflächlich durchsuchen können! Sie mussten noch einmal von vorn anfangen, und zwar gründlich.

»Vor drei Monaten haben wir die Schlösser zum Büro ausgetauscht«, fuhr der junge Mann fort, »und eine Videokamera am Eingang installiert.«

»Die habe ich gar nicht gesehen.«

»Sie ist in die Decke eingelassen, nur das Objektiv ragt ein wenig hervor. Ebenfalls ein europäisches Modell.«

Osama spürte, wie sich sein Puls beschleunigte.

»Weißt du, wo die Aufnahmen gespeichert werden?«

Der junge Mann nickte. Er führte Osama in einen kleinen Raum neben der Küche. Das neueste Computermodell surrte auf einem Tisch.

»Ist alles auf der Festplatte.«

»Prima.«

Osama befahl, die Daten herunterzuladen. Die Durchsuchung des Büros brachte keine nennenswerten Ergebnisse zutage, abgesehen von einigen Flaschen Whiskey, Wodka und französischen Weinen und einem beeindruckenden Stapel aktueller Pornozeitschriften. Mit einem Blick gab Osama Babrak und Gulbudin zu ihrer großen Freude die Erlaubnis, den Alkohol mitzunehmen. Ein Festtag – sie würden ihn zu einem guten Preis an Journalisten oder UNO-Mitarbeiter aus dem Westen verkaufen.

 

Als seine Leute mit der Auswertung des Materials aus der Überwachungskamera kamen, war es Zeit für das Morgengebet. Osama breitete seinen Gebetsteppich mitten im Büro aus und gab sich seinem rituellen Gebet hin; vor den Augen seiner Assistenten erflehte er das Erbarmen Allahs. Gulbudin und Babrak waren, aus unterschiedlichen Gründen, nicht gläubig. Gulbudin, weil er im Grunde ein überzeugter Agnostiker war, der dem kommunistischen Regime nachtrauerte, und Babrak, weil er, wie viele junge Menschen seiner Generation, lieber westliche Musik hörte, mit Freunden wegging und im Internet surfte, anstatt zu einem Gott zu beten, der sein Land schon vor Urzeiten verlassen hatte. Osama nahm keinen Anstoß daran – er selbst aber war tiefgläubig.

3

Der General las die letzten Nachrichten aus Kabul nochmals durch. Er verstand nicht, was Kandar im Schilde führte, und das beunruhigte ihn sehr. Doch das Schlimmste war die Sache hier in Bern. Er holte Nicks Personalakte aus dem Safe und begann sie eingehend zu studieren. Neunundzwanzig Jahre. Die Mutter Schweizerin, Krankenschwester, der Vater Engländer, Strafanwalt in einer der angesehensten Kanzleien Londons, ein vier Jahre älterer Bruder, Banker in Singapur. Die Scheidung der Eltern hatte dauerhafte Spuren hinterlassen, die beiden Brüder sprachen kaum mehr miteinander, die Eltern schon gleich gar nicht. Nicks Mutter hatte wieder geheiratet, einen seltsamen Kauz, seines Zeichens Bienenzüchter, mit dem sie im Osten Frankreichs lebte. Nick hatte eine eher mittelmäßige höhere Schulausbildung durchlaufen, seit seinem vierzehnten Lebensjahr im Internat, dann ein äußerst erfolgreiches Doppelstudium in Mathematik und Orientalistik an der Universität Genf absolviert. Bereits damals war Nick durch seine Vorliebe für Extremsport aufgefallen, die so gar nicht zu seinem zurückhaltenden Wesen und dem schmächtigen Körperbau eines Intellektuellen passte. Vielleicht war dies seine Art, die Scheidung seiner Eltern zu verarbeiten, die ihn mehr oder weniger sich selbst überlassen hatten? Auf Betreiben eines seiner Professoren für seltene Sprachen bewarb Nick sich anschließend beim SND, dem staatlichen Schweizer Nachrichtendienst. Dort wurde er schon bald als »außergewöhnliches Element« wahrgenommen. Jedes Jahr belegte er den Spitzenplatz in der Analystenklasse. Drei Jahre später war er, auf direkte Empfehlung des Leiters des SND, zur »Firma« gestoßen, um dort eine Einheit zur strategischen Analyse aufzubauen. Seit er dort arbeitete, hatte Nick zwei Aktionen durchgeführt, die ihm innerhalb des Unternehmens einen legendären Ruf verschafft hatten. Die erste hieß »Air Kamikaze«, eine im Auftrag der CIA von der Firma durchgeführte Operation. Die Idee stammte ursprünglich von Nick, der sie dann auch von A bis Z umsetzte: Er baute ein Netz von Reisebüros für Dschihad-Kandidaten auf, die vom Westen kontrolliert werden sollten. Eine in der Schweiz stark vertretene Bank aus der Golfregion griff bei der Finanzierung der Filialen mit Krediten und Ratschlägen unter die Arme. Die Leitung übernahmen Hardcore-Islamisten aus dem Mittleren Osten und aus Pakistan, die als gefährlich eingestuft waren. Selbstverständlich ahnten sie nicht, dass die CIA ihre Reisebüros finanzierte und organisierte und dass ihre Aktivitäten bis ins kleinste Detail mittels aller elektronischen Mittel, über die die westlichen Geheimdienste verfügten, kontrolliert wurden. Die auf diese Weise organisierten Reisebüros, insgesamt zweiundvierzig an der Zahl, hatten Flugtickets für etliche Nachwuchsterroristen ausgestellt, die überwacht wurden, sobald sie in das befreundete Land eingereist waren. Mehrere Attentate waren so in Europa und in den USA vereitelt worden, ohne dass irgendjemand Verdacht geschöpft hätte. Noch heute existierten diese Reisebüros.

Die zweite von Nick in die Wege geleitete Aktion trug den Namen »Halal – reines Schwein«. Das Ganze begann damit, dass ein Geistlicher, der Imam Sadar, in einer besonders ausführlichen Fatwa mitgeteilt hatte, dass im Gegensatz zu dem, was die meisten Moslems glaubten, das Schwein an sich nicht unrein sei; man könne es verzehren und sogar als Haustier halten, sofern es einer reinen, am Golf beheimateten Rasse entstammte, die es bereits zu Zeiten des Propheten gegeben hatte und die sich »Halal-Schwein« nannte. Sofort wurde eine »Anti-Halal-Schwein«-Website aus dem Boden gestampft, auf Arabisch, Persisch, Dari, Englisch, Französisch und in einem Dutzend weiterer Sprachen, die zum Widerstand gegen den Imam Sadar aufrief und diesen bezichtigte, ein Ungläubiger und ein Geheimagent Israels zu sein. Die Kontroverse breitete sich im Schneeballsystem aus und führte zu einem riesigen Debattenforum. Die Anti-Hallal-Schwein-Website wurde zu einem Treffpunkt von Millionen Moslems aus aller Welt. In allen Internetcafés des Mittleren Orients und anderswo stürzten die Gläubigen sich auf die Site, um die von eins bis sieben eingestuften Fatwas zu unterstützen, welche vom Tadel bis zur Enthauptung des Imams Sadar reichten. Die Gläubigen konnten außerdem per SMS ihre Brüder unterstützen, welche sich bereit erklärt hatten, den Imam aufzuspüren, über den ganzen Globus hinweg zu verfolgen und dann zu töten. Hunderttausende Moslems sprachen sich für die mörderische Fatwa aus, hinzu kamen die noch zahlreicheren Befürworter, die ihre Zustimmung per SMS gaben. Die ganze Operation, die einer Farce glich, aber mittlerweile Nicks kühnste Erwartungen übertroffen hatte, war seiner fruchtbaren Phantasie entsprungen. Den Imam Sadar gab es gar nicht, und die Website, die zum Widerstand gegen ihn aufgerufen hatte, war von zwei libanesischen Analysten eingerichtet worden, die bei der Firma unter Vertrag standen. Jede Internetverbindung zu den Websites, die die Fatwa unterstützten, führte zur Versendung eines unauffälligen Cookies, das die Zurückverfolgung der jeweiligen IP-Adresse ermöglichte. Außerdem wurden die von den allzu gläubigen Gläubigen versandten SMS registriert. Nach der Aufbereitung der Daten durch die gigantischen Rechner des Echelon-Netzes wurden sie an die verschiedenen westlichen Geheimdienste verschickt und dienten diesen als wunderbare weltweite – selbstverständlich vollkommen illegale – Datenbank für islamistische Sympathisanten. Fast neunhunderttausend Personen, die als gewaltbereite Moslems eingestuft wurden, waren darin ohne ihr Wissen gespeichert. Die wenigen westlichen Führungsmitglieder, die in die Sache eingeweiht waren, sahen darin ein Beispiel für die Spionage des 21. Jahrhunderts – eine Mischung aus Kühnheit, Gewitztheit und Technologie.

Der General setzte seine Lektüre fort: Nick hatte in den vergangenen Jahren mehrere Freundinnen gehabt, soweit der Firma bekannt war. Außerdem hatte er über mehrere Monate hinweg eine heimliche Liaison mit einer etwas älteren Analystin gehabt, mit der zweiunddreißigjährigen Margaret Hoffman. Emotionale Bindungen zwischen Agenten waren zwar offiziell untersagt, doch nach dem Erfolg der Operation »Halal-Schwein« hatten die internen Sicherheitsdienste ein Auge zugedrückt. Der Personalakte zufolge hatten Nick und Margaret sich im September des Vorjahres getrennt, es waren also keinerlei Sanktionen durchgeführt worden. Der ehemalige Leiter des schweizerischen Sicherheitsdienstes hatte Nicks Fähigkeiten folgendermaßen zusammengefasst:

 

Nick Snee: Für den Nahkampf nur bedingt geeignet. Mäßige Leistungen beim Schießen. Mäßige Begabung für den Einsatz im Gelände. Ein sehr intelligenter Junge, ohne Zweifel, aber zu verweichlicht, er hat weder Schwierigkeiten noch Leid erfahren. Er wird sich nie zum Einsatzleiter eignen, seine Emotionalität ist zu ausgeprägt, seine Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, kann nur als ungenügend bezeichnet werden.

 

Der ehemalige Direktor des Nachrichtendienstes hingegen kam zu einem anderen Schluss:

 

Wenn Nicks jugendlich-ungestüme Seite ihm karrieretechnisch auch zum Nachteil gereichen mag, so verfügt er doch über eine außergewöhnliche Intelligenz und bemerkenswerte technische Kompetenzen, außerdem die Phantasie und die nötige Originalität, die alle großen Spione ausmachen. Er ist der beste Analyst, der mir je unterstand. Trotz seiner Jugend gehe ich unbedingt davon aus, dass er sich binnen kürzester Zeit für die Leitung der verantwortungsvollsten Operationen empfehlen wird.

 

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