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Das Jesus-Testament

KATHLEEN MCGOWAN

Das Jesus-Testament

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Rainer Schumacher und Barbara Först

BASTEI ENTERTAINMENT

Nie war die Welt Gottes würdiger

als an dem Tag, da den Menschen

das Lied der Lieder gegeben ward,

denn so heilig die Schriften sind,

übertrifft das Hohelied

sie alle an Heiligkeit.

RABBI AKIVA, 1. JAHRHUNDERT N. CHR.

Für Isa

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Doch Gott war kein einzelnes Wesen und herrschte nicht allein über das Universum, sondern mit seiner Gefährtin, die seine Geliebte war.

Und so sagt Gott im Ersten Buch Mose, das Genesis genannt wird: »Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei …« Dabei spricht er mit seiner anderen Hälfte, seinem Weib. Denn die Schöpfung ist ein Wunder, das nur perfekt gelingt, wenn das männliche und weibliche Prinzip sich vereinen. Und der Herr, unser Gott, sagt: »Siehe, der Mensch ist Teil von uns geworden.«

Und im Ersten Buch Mose steht: »Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde … und schuf ihn als Mann und Weib.«

Wie kann es da sein, dass Gott das Weib nach seinem eigenen Bilde erschaffen hat, wenn er kein weibliches Bild hatte? Das aber tat er, und das Weib wurde zuerst Athiret genannt, was so viel heißt wie »Sie, die auf dem Meer wandelt«. Und das meint nicht nur die Ozeane dieser Erde, sondern auch das Meer der Sterne, das Band aus Licht, das wir Milchstraße nennen.

Sie wandelt auf den Sternen, denn das ist ihr Reich als Königin des Himmels.

Und sie wurde unter vielen Namen bekannt. Einer davon ist Stella maris: Stern des Meeres oder Meerstern. Sie ist die Mer-Jungfrau, denn Mer bedeutet Liebe und See zugleich, und deshalb wird das Wasser oft als Symbol ihrer mitfühlenden Weisheit gesehen.

Ein weiteres Symbol für sie ist ein Kreis von Sternen, die um eine Sonne tanzen. Das Weibliche umschließt das Männliche mit seiner Liebe. Wo dieses Symbol ist, da ist auch der Geist all dessen anwesend, was das Göttliche im Weib ausmacht.

Später war Athiret des Meeres und der Sterne den Hebräern als Ashera bekannt, als unsere Göttliche Mutter, und den Herrn nannten sie El, unseren Himmlischen Vater.

Und so geschah es, dass es El und Ashera danach verlangte, ihrer heiligen Liebe einen körperlichen Ausdruck zu verleihen und diesen Segen mit den Kindern zu teilen, die sie hervorzubringen gedachten. Jede Seele, die sie erschufen, bekam einen Zwilling, entsprungen derselben Essenz. Im Buch Genesis wird dies als Allegorie erzählt: Adams Zwilling wird aus seiner Rippe erschaffen, aus seinem Stoff also, denn sie ist Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein, Geist von seinem Geist.

Dann sagte Gott, wie Moses uns berichtet: »… und sie werden sein ein Fleisch.«

So entstand der Hieros gamos, die heilige Hochzeit, die die Liebenden eins werden lässt. Dies ist das heiligste Geschenk, das wir von unserem Vater und unserer Mutter im Himmel empfangen haben. Denn wenn wir im Brautgemach zusammenkommen, finden wir die göttliche Vereinigung, die El und Ashera sich für ihre irdischen Kinder gewünscht haben, im Licht reiner Freude und wahrer Liebe.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

El und Ashera und die Heiligen Ursprünge des Hieros gamos, aus dem Buch der Liebe, wie es im Libro Rosso bewahrt worden ist

PROLOG

La Beauce, Frankreich

340 n. Chr.

Dicke Bienenwachskerzen tropften am Rand der Höhle und erhellten den beengten Versammlungsraum. Die kleine Gemeinde betete in stiller Demut, geleitet von der ätherischen Frau, die vor ihnen an dem steinernen Altar stand. Nun beendete die Frau das Gebet und hielt den Schatz ihres Volkes vor sich: ein uraltes Manuskript, gebunden in Leder.

»Das Buch der Liebe, die einzig wahren Worte unseres Herrn.«

Kerzenlicht ließ das kupferfarbene Haar der Domina Modesta glitzern, als sie das Buch küsste. Die Gläubigen sprachen im Chor:

»Wer Ohren hat zu hören, der höre.«

Nach Ende des Rituals setzte ehrfürchtiges Schweigen ein, als dürfe auf die Worte des Buches kein Gespräch folgen, das sich um alltägliche Dinge drehte. Es war ein junger Mann mit Namen Severin, der schließlich in die Stille des heiligen Ortes hinein fragte:

»Wie geht es unserem Bruder Potentian?«

»Ich habe ihn heute im Gefängnis besucht und ihm Brot gebracht«, antwortete Modesta. »Es geht ihm gut, denn sein Glaube ist unerschütterlich – wie es auch der unsere sein muss.«

Severin konnte nicht verbergen, dass sich in seinem Innern Furcht ausbreitete. »Du sagst, dass es ihm gut gehe, aber wie lange noch? Jeden Tag beschuldigt Rom mehr von unseren Leuten der Ketzerei und tötet sie. Als Nächstes werden sie uns holen.«

Ein zögerliches, zustimmendes Raunen ging durch die Gemeinde. Modesta jedoch, weise und geduldig, ließ sich keine Gelegenheit entgehen, die Wahrheit in die Herzen der anderen zu säen.

»Ja, es ist eine traurige Zeit, wenn aus den Verfolgten Verfolger werden. Die Christen haben viele Jahre der Qualen ertragen, und nun richten sie die schlimmste Gewalt gegeneinander. Wir müssen ihnen verzeihen, denn sie wissen nicht, was sie tun …«

Ein scharfer Pfiff vom Höhleneingang unterbrach Modesta. Zu spät erkannte die Gemeinde, dass sie von ebenjenen Männern entdeckt worden waren, vor denen sie sich versteckt hielten.

Augenblicke später wurde der Friede der religiösen Versammlung von einem Trupp Bewaffneter zerstört. Sie strömten durch die einzige Öffnung in die Höhle, sodass eine Flucht unmöglich war. Die Soldaten trugen dunkle Gewänder und Kapuzen, die ihre Köpfe vollständig verhüllten; wo die Augen waren, sah man nur schwarze Schlitze. Ihr Anführer trat vor und nahm die Kapuze ab. Eine Mönchstonsur kam zum Vorschein sowie ein schweres Holzkreuz, das der Mann um den Hals trug. Den Blick auf Modesta gerichtet, spie er der Domina seine Verachtung entgegen, während er aus dem Römerbrief zitierte:

»Das Weib schweige in der Gemeinde. Domina Modesta, ich verhafte dich wegen Ketzerei!«

Modesta musterte den Mann mit ruhigem Blick. »Bruder Timotheus, du kommst, um mich zu holen, und ich werde mit dir gehen. Aber lass diese Menschen in Frieden.«

Die Aussicht, ihre Anführerin zu verlieren, erfüllte den jungen Severin mit Entsetzen, und er sprang vor Modesta hin, um Timotheus den Weg zu versperren. »Ihr werdet sie nicht mitnehmen!«

Vermummte Männer stapften nach vorn. Modesta nutzte die Ablenkung, um das heilige Buch hinter ihrem Rücken zu verbergen, damit ihr Ankläger es nicht sehen konnte.

Die Soldaten zogen ihre Waffen und griffen an. Ein doppelschneidiges Schwert drang in Severins Herz. Ein roter Schwall schoss aus der Wunde und taufte die Gemeinde mit seinem warmen Blut.

Chaos breitete sich in der kleinen Kammer aus, als die Überlebenden versuchten, die Flucht zu ergreifen. Doch der einzige Fluchtweg wurde ihnen von der erbarmungslosen Truppe versperrt, die keine Gnade kannte.

»Magdalena!«

Modesta suchte in dem Getümmel nach ihrem Kind, doch das kleine Mädchen lief bereits zu seiner Mutter am Altar. Für eine Achtjährige war Magdalena ungewöhnlich klein und wirkte wesentlich jünger; Modesta betete, dass ihr dies nun zum Vorteil gereichen würde.

Sie musste ihr Kind retten. Sie musste das Buch retten.

Modesta drückte das Mädchen an sich und verbarg das Buch im Mantel des Kindes. Über den Lärm und die Schreie hinweg rief sie Bruder Timotheus zu:

»Aufhören! Hört auf! Ich werde mit euch gehen. Bitte, kein Blutvergießen mehr!«

Doch die vermummten Soldaten hatten bereits sämtliche Gemeindemitglieder erschlagen. Der Höhlenboden war rot vom Blut der Unschuldigen. Bruder Timotheus schnaubte angewidert, als er über eine blutige Leiche hinwegtrat, um zu seiner Beute zu gelangen.

»Verschone wenigstens das Leben dieses kleinen Kindes«, flehte Modesta ihn an. »Du bist ein Mann Gottes! Du kannst die Kinder doch nicht für die Sünden der Väter bestrafen!«

»Ist sie deine Tochter?«

»Nein, ein Bauernmädchen.«

Bruder Timotheus trat vor und zwirbelte eine dunkelbraune Locke des Mädchens zwischen den Fingern.

»Sie hat nicht das unheilige Haar, das Zeichen deiner Art. Hätte sie’s, würde ich sie erschlagen, aber ein Bauernmädchen ist der Mühe nicht wert.« Seinen Männern rief er zu: »Lasst sie gehen!«

Timotheus gab dem Kind einen Wink, dass es verschwinden solle; dann kehrte er Modesta und ihrer Tochter den Rücken zu und ließ den Blick über das Blutbad schweifen.

Modesta drückte Magdalena an sich, während das Mädchen das versteckte Buch an ihren kleinen Körper presste. Domina Modesta wusste, dass es die letzten Augenblicke waren, die sie mit ihrer Tochter auf Erden verbrachte, und so flüsterte sie ihr ins Ohr: »Hab keine Angst, Magdalena. Ich werde dich wieder lieben. Die Zeit kehrt wieder.«

Rasch küsste sie ihre Tochter; dann eilte das Kind aus der Höhle. Modesta schaute ihr hinterher, erfüllt von mütterlichem Stolz und unendlicher Trauer.

»Ich würde alles dafür geben, Geliebte, würdest nicht du in dieser Zelle sitzen.«

Potentian klammerte sich an die Gitterstäbe, die ihn von seiner Frau trennten. Die Zeit im Gefängnis hatte ihren Tribut von ihm gefordert. Potentian war nur noch Haut und Knochen, sein Haar verfilzt, doch für Modesta war er noch immer der schönste Mann auf Erden. Sie wünschte, sie könnte ihn berühren, doch beide waren angekettet, und die Entfernung in dem feuchten Loch war zu groß.

»Und doch sind wir zusammen. Hab keine Angst. Wir wissen, dass es nicht das Ende ist.« Trotz seiner Worte klang Potentian verzweifelt. »Gib nicht auf. Du bist eine Verwandte des Bischofs Martin von Turonum. Wir können ihn bitten, sich für uns zu verwenden. Er kann dem hier Einhalt gebieten.«

Modesta seufzte. »So sehr mein Vetter sich auch bemüht, bis jetzt hat er noch keinen Häretiker retten können. Die Kirche ist entschlossen, uns zu beseitigen. Bruder Timotheus will uns noch vor Ende des morgigen Tages tot sehen.«

»Was wird aus unserer Magdalena?«

»Sie wurde bei dem Massaker verschont. Ich musste sie verleugnen … ich musste sagen, dass sie nicht unsere Tochter sei. Sie hat deine Haarfarbe, und die Farbe deiner Haut, das hat sie wohl gerettet. Sie wird zu meinem Bruder gehen. Du weißt, er wird sie beschützen.«

»Und das Buch? Ist es in Sicherheit?«

»Magdalena hat es in ihrem Mantel verborgen. Sie war sehr tapfer.«

Trotz des schwachen Lichts war Potentian seine Bewunderung anzusehen. »Sie kommt nach ihrer Mutter. Dass sie das Buch rettet, ist unser aller Erlösung. Der Weg wird weiter gelehrt!«

Modesta nickte, ehe sie ihre Gedanken in Worte fasste: »Und wieder wird die Wahrheit von einem kleinen Mädchen gerettet. So war es immer, und so wird es immer sein.«

Eine ernste, bedrückte Menschenmenge hatte sich auf dem alten Hügel versammelt, wo ein bedrohlich wirkender Richtblock für die Hinrichtung auf einem Gerüst stand. Zwei Äxte lehnten über Kreuz an dem Block.

Nebeneinander, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, schleppten Modesta und Potentian sich den Hang hinauf, umringt von schwer bewaffneten, vermummten Männern, die sie unerbittlich antrieben. Modestas einst prachtvolles Haar war mit stumpfer Schere abgeschnitten worden, sodass man ihren zarten Nacken sehen konnte, wo die Axt den Kopf vom Rumpf trennen würde.

Potentian schaute sie an, und sein Herz füllte sich mit Liebe und Trauer. »Wir werden sterben, wie wir gelebt und gelehrt haben – gemeinsam.«

»Und wir werden zurückkehren, um erneut gemeinsam zu lehren«, erwiderte Modesta. »So Gott will und die Zeit gekommen ist.«

Potentian verlangsamte seine schleppenden Schritte, um ihre gemeinsame Zeit auf Erden noch ein klein wenig zu verlängern. Modesta hielt sich an seiner Seite, um ihm in diesen Minuten so nah wie möglich zu sein. Potentian flüsterte seine allerletzte Bitte.

»Wirst du für mich singen? Ein letztes Mal?«

Modesta lächelte ihn an. Es war das letzte irdische Geschenk für ihren Geliebten, und so sang sie mit lieblicher Stimme:

»Ich liebe dich seit langer Zeit,

Ich werde dich nie vergessen.

Ich habe dich ewig geliebt,

Gott hat uns füreinander geschaffen.«

Als Modesta ihr Lied beendete, löste sich ein kräftiger Mann mit rötlichem Haar aus der Menge und trat auf sie zu. Er hielt Magdalena in den Armen. Beim Anblick ihrer Tochter erstarrte Modesta. Potentian folgte dem Blick seiner Frau und blieb voller Entsetzen neben ihr stehen. Beide wagten es nicht, dem Mädchen eine Geste des Erkennens zu zeigen; dennoch fand in diesem Augenblick ein stummer Austausch von Liebe und Trauer in der kleinen Familie statt.

Magdalena schaute zu ihrer Mutter. In ihren Augen spiegelte sich eine Weisheit, die ihre acht Lebensjahre weit überstieg, und sie nickte. Dann spielte der Hauch eines Lächelns um ihre Lippen. Trotz all der Schrecken war Modesta stolz und erleichtert. Auch sie brachte ein Lächeln zustande, ehe eine der vermummten Wachen sie grob zum Schafott stieß. Modesta beugte sich zu ihrem Mann hinüber und flüsterte:

»Unsere beiden Schätze sind in Sicherheit.«

Oben angelangt, trat von rechts und links je eine Wache heran, um die Gefangenen auf den Richtblock zu drücken. Rasch stellte Modesta ihre Frage – laut genug, dass auch die Menge sie hören konnte.

»Gute Herren, gestattet ihr uns noch einen Augenblick, um gemeinsam zu beten?«

Die beiden Soldaten schauten zu dem hasserfüllt dreinblickenden Bruder Timotheus hinüber, der das Spektakel kaum noch erwarten konnte. Doch nun saß er in der Falle. Als Kirchenmann durfte er niemandem ein Gebet verweigern.

»Die Kirche ist voller Gnade und wird den Häretikern ein kurzes Gebet gewähren, wenn sie zu widerrufen wünschen.«

Modesta trat zu ihrem Ehemann und schaute zum letzten Mal zu ihm hinauf. In diesem Augenblick gab es kein Schafott, keine Axt, keine schreckliche Ungerechtigkeit. Es gab nur die Liebe, während sie das heiligste Gebet ihres Volkes sprachen.

»Ich habe dich zuvor geliebt,

Ich liebe dich heute.

Ich werde dich wieder lieben,

Die Zeit kehrt wieder.«

Modesta hauchte ihrem Geliebten einen letzten Kuss auf die Lippen.

»Das reicht jetzt!«

Bruder Timotheus’ Zorn zerstörte den Zauber des Augenblicks. Wütend rissen die Wachen das Paar auseinander und drückten beide neben dem Richtblock auf die Knie.

Mit tiefer Ruhe, wie sie nur jemand empfinden kann, der weiß, dass Gott ihn erwartet, legten Modesta und Potentian die Köpfe auf den Block. Leise beteten sie gemeinsam weiter, bis die erste Axt mit einem Übelkeit erregenden Krachen niedersauste. Die zweite folgte nur einen Augenblick später.

Die Menge rührte sich nicht. Tiefe Trauer ob dieser Tragödie lag in der Luft. Zornig ließ Bruder Timotheus den Blick in die Runde schweifen. Das war nicht die bejubelte Bestrafung schändlicher Ketzer, auf die er gehofft hatte! Mit schallender Stimme verkündete er: »Nehmt dies als Warnung, dass Häresie im Römischen Reich nicht geduldet wird!«

Die Menschen zerstreuten sich rasch. Sie waren verängstigt und verunsichert. Doch Bruder Timotheus beachtete sie gar nicht mehr. Er trat an den Richtblock und sagte zum Henker:

»Hinterlasse mir ja nichts, das die Häretiker als Reliquien anbeten könnten! Wirf die Leichen in einen Brunnen! Näher zur Hölle kann ich sie nicht schicken.«

Bruder Timotheus warf einen langen, zufriedenen Blick auf Modestas verstümmelte Leiche, während der Henker und dessen Folterknechte sich an ihr grausiges Werk machten. Besessenheit spiegelte sich auf Timotheus’ Gesicht, als er nun unauffällig etwas aus der Manteltasche zog: eine Locke von Modestas leuchtend rotem Haar.

Nun, da die Hirtin tot war, würden die Schafe sich leicht beherrschen lassen.

Bruder Timotheus ließ die Haarlocke wieder in der Tasche verschwinden und stapfte durch eine Pfütze aus Modestas Blut davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

KAPITEL EINS

New York City

Gegenwart

Ruhelos wälzte Maureen Paschal sich in ihrem Hotelzimmer in Manhattan in dem überbreiten, luxuriösen Bett hin und her. Sie fand keinen Frieden, weder im Schlaf noch im Wachen. Während der letzten zwei Jahre hatte Maureen keine Nacht mehr durchgeschlafen. Seit jener Aufeinanderfolge übernatürlicher Ereignisse, die zur Entdeckung des geheimen Evangeliums nach Maria Magdalena geführt hatten, fühlte sie sich ständig verfolgt.

Und wenn sie tatsächlich ein paar Stunden Schlaf fand, wurde sie von stets wiederkehrenden Träumen heimgesucht, die manchmal unwirklich und symbolisch, bisweilen aber auch sehr plastisch waren. In den aufwühlendsten dieser Träume begegnete sie Jesus Christus, der in dunklen Worten von ihrem Versprechen erzählte, ein geheimes Buch zu suchen, das er mit seiner eigenen göttlichen Hand niedergeschrieben hatte und das er Das Buch der Liebe nannte. Doch auch in ihren wachen Stunden wurde Maureen von diesen Träumen gequält, hatte das Buch der Liebe sich bislang doch als schwer fassbarer Gegenstand erwiesen. Außer einer Hand voll uralter Legenden, die im Frankreich des Mittelalters aufgetaucht und wieder verschwunden waren, gab es keine geschichtlichen Spuren. Maureen hatte keinen Anhaltspunkt, wo sie mit der Suche nach diesem Buch beginnen sollte, um ihr Versprechen zu erfüllen. Sie war sich nicht einmal sicher, um was es sich bei dem rätselhaften Buch überhaupt handelte. Und bislang hatte Gott ihr keinen Hinweis gegeben, der ihr bei der Suche hätte helfen können.

Jede Nacht betete Maureen, in ihrer Mission nicht zu versagen. Inständig hoffte sie auf einen Beistand, der sie zum Ausgangspunkt einer solch seltsamen Reise führte. Die übernatürlichen Ereignisse der letzten Jahre waren für Maureen Beweis genug, dass es eine göttlich inspirierte Magie gab. Sie musste nur Geduld und Glauben aufbringen – und warten.

In dieser Nacht endlich wurden ihre Gebete erhört. In der surrealen Welt ihrer Träume erschien der erste Hinweis.

Grau und schwer senkte sich der Abendnebel auf die alten Ruinen. Langsam bahnte Maureen sich ihren Weg. Sie war in einem uralten Kloster, oder vielmehr in dem, was nach Jahrhunderten der Verlassenheit davon übrig geblieben war. Eine verfallene Mauer zu ihrer Rechten mochte einst ein Meisterwerk der Baukunst gewesen sein, doch nun barg sie nur noch den leeren Rahmen dessen, was einst ein gotisches Buntglasfenster gewesen war, mit einer in Stein gehauenen, sechsblättrigen Rose. Das letzte Licht des Tages drang durch die Bäume und fiel durch das Gerippe des verfallenen Fensters auf die Stelle, an der Maureen stand. Sie schritt weiter auf zwei einsame gotische Torbögen zu; die Mauern zu beiden Seiten waren schon vor langer Zeit zu Schutt zerfallen. Die Bögen bildeten die Überreste einer verblassten, längst vergangenen Pracht. Einst Stützen des majestätischen Kirchenschiffs, standen sie nun in gespenstischer Einsamkeit da, wie geisterhafte Tore in die Vergangenheit.

Die letzten Strahlen der Sonne schienen Maureen zu verfolgen, als sie unter den Torbögen über eine Schwelle trat und vor sich die Trümmer eines alten Innenhofs erblickte. Die goldenen Strahlen fielen auf eine poröse steinerne Statue der Jungfrau mit dem Kind, die in einer Nische der Feldsteinwand stand.

Maureen trat auf das Standbild zu. Sanft strich sie über das kühle, steinerne Gesicht der lieblichen Madonna, die in dieser Darstellung kaum älter wirkte als ein Kind. Wie es hieß, war die Jungfrau zum Zeitpunkt ihrer Heirat noch blutjung gewesen; deshalb war diese kindhafte Darstellung gar nicht so unüblich. Und doch wirkte diese Statue mit ihrem rätselhaften Lächeln eher wie eine Zehnjährige mit einem kleinen Bruder auf dem Arm. Auch das Kleinkind war auf unübliche Weise dargestellt. Es wirkte fast so, als wolle der kleine Junge sich aus den Armen des Mädchens herauswinden. Dabei lächelte er schelmisch und voller Übermut. Wie gebannt betrachtete Maureen die seltsame Skulptur, als diese plötzlich mit der Stimme eines jungen Mädchens zu ihr sprach.

»Ich bin nicht die, für die du mich hältst.«

In der sinnverwirrenden, imaginären Welt des Traums mutete es keinesfalls seltsam an, dass Statuen sprechen können – oder sogar kichern, wie diese Statue es nun tat.

»Wer bist du dann?«, fragte Maureen.

Wieder kicherte das Mädchen. Oder war es der kleine Junge? Maureen vermochte es nicht zu sagen, denn nun vermischte sich das Lachen mit dem tiefen Klang der Kirchenglocken, die vernehmlich durch die Abtei dröhnten.

»Du wirst schon bald erfahren, wer ich bin«, erwiderte das Kind. »Ich habe dich viel zu lehren.«

Maureen betrachtete die Statue fasziniert; dann ließ sie den Blick über die steinerne Wand der Nische und den verfallenen Mauerbogen schweifen. Sie versuchte, sich Einzelheiten einzuprägen. »Wo sind wir hier?«

Das Kind gab keine Antwort, und Maureen setzte ihren Weg fort. Vorsichtig stapfte sie durch das Gestrüpp, das den Boden überwucherte, und wich großen, geborstenen Mauerbrocken aus. Der Mond ging auf. Voll und strahlend erhob er sich am dunkelnden Himmel. Ein Stück voraus funkelte sein Licht auf einer Oberfläche. War es Wasser? Neugierig schritt Maureen darauf zu, kletterte durch eine Maueröffnung und überquerte eine zerborstene steinerne Schwelle. Das Wasser war ein Brunnen, eine Zisterne, groß genug, dass mehrere Menschen gleichzeitig darin baden konnten. Als Maureen sich darüberbeugte und ihr schimmerndes Spiegelbild betrachtete, traf es sie wie ein Blitz: Dieser Brunnen musste unendlich tief sein. Er war heilig und reichte bis ins Innere der Erde.

Nun sprach das kleine Mädchen wieder: »In deinem Spiegelbild wirst du das Gesuchte finden.«

Maureen, die noch immer in den Brunnen schaute, gewahrte für einen Moment ein anderes Bild. Sie streckte die Hand aus, um das Wasser zu berühren. Bei dieser Bewegung glitt ihr der Kupferring an der rechten Hand vom Finger und fiel in den Brunnen.

Maureen schrie entsetzt auf.

Der Ring war ihr kostbarster Besitz, eine uralte Reliquie aus Jerusalem, die sie bei ihrer Suche nach Maria Magdalena geschenkt bekommen hatte. Auf dem Ring, der nicht größer war als ein Penny, war ein antikes Muster aus neun Sternen eingraviert, die auf ihren ewigen Bahnen die Sonne umkreisten. Diesen Ring hatten die ersten Christen getragen, als Erinnerung daran, dass sie nicht von Gott getrennt waren, und um an eine Zeile aus dem Vaterunser zu gemahnen: »Wie im Himmel, so auch auf Erden.« Der Ring war ein Symbol von Maureens neu gewonnenem Glauben. Der Gedanke, er könnte nun unwiederbringlich in der schwarzen Tiefe des Brunnens versunken sein, war entsetzlich.

Maureen kniete verzweifelt an der steinernen Brunneneinfassung nieder und hielt in dem schwarzen Wasser nach einem Schimmer ihres Rings Ausschau, doch vergeblich. Der Brunnen schien tatsächlich bodenlos zu sein. Weinend erhob sie sich … und sah plötzlich einen Schimmer im Wasser. Ein großer Fisch, eine Forelle mit glitzernden goldenen Schuppen, sprang in die Höhe, tauchte wieder ins Wasser und schnellte dann erneut empor, diesmal so bedächtig, als würde die Zeit langsamer ablaufen. Aus dem Maul des Fisches ragte der kupferne Ring.

Maureen schnappte nach Luft, als der Fisch erneut in die Höhe sprang. Er öffnete das Maul, sodass der Ring in Maureens Richtung flog. Sie streckte die Hand aus, und der Ring fiel in ihre geöffnete Handfläche. Fest schloss sie die Finger um das Kleinod und drückte es sich ans Herz. Dankbar schaute sie auf den magischen Fisch, der nun wieder in die Tiefen des Brunnens tauchte. Das Wasser glättete sich, der Zauber war vorüber.

Würden sich in dieser seltsamen Abtei noch mehr solche Wunder ereignen?

Maureen steckte sich den Ring an den Finger und blickte ein letztes Mal in die Tiefen des Brunnens. Mit einem Mal bildeten sich winzige Wellen an der Wasseroberfläche. Goldenes Licht strömte aus der Tiefe und ergoss sich über die Umgebung. Während Maureen fasziniert beobachtete, nahm ein Bild Gestalt an; es war ein atemberaubend schönes Tal voller Bäume und duftender Blumen. Ein Regen aus goldenen Tropfen fiel vom Himmel und verzauberte alles. Bald war das Tal in Ströme von Gold gebadet. Alles schimmerte in warmem Licht wie von flüssigem Erz.

In der Ferne hörte Maureen wieder die Mädchenstimme der Madonna.

»Suchst du das Buch der Liebe? Dann sei willkommen im Goldenen Tal. Hier wirst du finden, was du suchst.«

Erneut war das fröhliche Kichern zu hören. Dann verblasste die Vision, und Maureen war zurück in den mondbeschienenen Ruinen der geheimnisvollen Abtei. Sie hörte nur noch das leise Kichern der Madonna, ehe der Wecker schrillte und sie zurück ins New York des einundzwanzigsten Jahrhunderts riss.

Auftritte im Frühstücksfernsehen großer amerikanischer Sender sind nichts für Leute mit schwachen Nerven.

Pünktlich um vier Uhr morgens klopfte die Haar- und Makeup-Stylistin an Maureens Tür, um sie für ihren Auftritt in einer der beliebtesten landesweiten Talkshows zurechtzumachen. Zum Glück hatte die Frau Verständnis für Maureens Schlafprobleme, und so hatte sie den Zimmerservice gebeten, Maureen Kaffee zu bringen, ehe sie nach oben gegangen war.

Maureen Paschal war als Autorin des internationalen Bestsellers Die Wahrheit gegen die Welt: Das geheime Evangelium nach Maria Magdalena nach New York gekommen. Basierend auf eigenen Erfahrungen vermischte der Roman Maureens persönliche Entdeckungsreise mit den oftmals schockierenden Enthüllungen über Maria Magdalenas Leben als Lieblingsjüngerin Jesu.

Obwohl Maureen eine versierte Journalistin und erfolgreiche Sachbuchautorin war, hatte Maureen den Stoff als Roman angelegt, und dieser Umstand war zum Gegenstand heftiger Kontroversen geworden. Die Presse reagierte skeptisch, wenn nicht sogar spöttisch – zum Beispiel, wenn Maureen berichtete, dass während der Suche nach diesem antiken Schatz ihr Leben bedroht gewesen sei. Man bezichtigte sie der Übertreibung, sogar der Lüge aus Gründen der Publicity und des Marketings. Und warum, wurde sie immer wieder gefragt, ließ sie ihre Geschichte im Reich der Fiktion spielen, wo sie doch angeblich auf Tatsachen beruhte?

Maureens Erwiderung auf diese stets gleiche Frage war zwar ehrlich, doch für die gefräßige internationale Presse kaum befriedigend. Wo immer sie in Talkshows auftrat, erklärte sie so geduldig, wie ihre strapazierten Nerven es erlaubten, dass sie aus Sicherheitsgründen gezwungen sei, ihre Quellen zu schützen. In dem medialen Wirbelsturm, den Maureens Roman entfachte, hatte sich jeglicher Anschein eines friedlichen Privatlebens verflüchtigt. Maureen war nun öffentlicher Aufmerksamkeit ausgesetzt – in ihrer guten, ihrer bösen und ihrer schrecklichen Gestalt. Sie erhielt Lob für ihren Mut wie auch Todesdrohungen wegen Blasphemie.

Dennoch hatte Die Wahrheit gegen die Welt die Einbildungskraft der Menschen gefesselt. Während Kritiker und Presse einen Gewinn verbuchen konnten, indem sie Maureen niedermachten, fühlte sich eine weltweit wachsende Leserschaft von der menschlichen Lebensgeschichte Jesu angesprochen, wie sie aus der Sicht Maria Magdalenas erzählt wurde. Kompromisslos vertrat Maureen ihre These, dass Jesus und Magdalena rechtmäßig verheiratet gewesen waren, dass sie Kinder gehabt und gemeinsam den Gottesdienst gehalten hatten – und dass Jesu Göttlichkeit dadurch in keinster Weise gemindert wurde. Während ihrer Nachforschungen wäre Maureen beinahe von Fanatikern getötet worden, die die Botschaft des Evangeliums geheim halten wollten – Grund genug, an dessen Echtheit eben nicht zu zweifeln. Liebe und Glaube, Vergebung und Gemeinschaft waren die Grundpfeiler von Jesu Lehren, doch bei den Angriffen, die im Namen des Glaubens gegen Maureens Buch geführt wurden, ging es weniger um die Botschaft als um die umstrittene Botin. Auf der anderen Seite freute es Maureen, wie gut ihr Roman bei Lesern auf der ganzen Welt ankam. Die Menschen hatten das Gefühl, von den herkömmlichen Glaubenshütern im Stich gelassen zu werden, für die Politik, Macht, Wirtschaft und sogar Krieg wichtiger wogen als wahre Spiritualität. Sie schätzten Maureens Buch und dessen Geschichte und lohnten es ihr mit einer Flut von Unterstützerbriefen aus aller Welt. Jeder Brief, in dem es hieß, »Maria Magdalena hat mich zu Jesus zurückgebracht«, bedeutete eine Stärkung für Maureen, ihren Glauben und ihre Überzeugung, die wahre Geschichte der Maria Magdalena in einer Weise vermitteln zu müssen, die dem Stoff gerecht wurde. Und sie wollte weitere Skeptiker erreichen. Das war der Grund für ihren Fernsehauftritt an diesem Morgen.

Während der Presserummel um das Buch bisweilen einer Zirkusvorstellung ähnelte, hatte Maureen größere Erwartungen, was das heutige Interview anging. Die Produzenten hatten gebührenden Fleiß an den Tag gelegt und vorher ausgiebig recherchiert. Sie hatten ein kluges Vorinterview geführt und ein Kamerateam nach Los Angeles geschickt, um die Hintergrundstory in Maureens Heim zu drehen. So war zu hoffen, dass sachliche und informierte Fragen gestellt wurden.

Maureen wurde nicht enttäuscht. Das Interview wurde von einer Nachrichtenmoderatorin geführt, die für ihre intelligente und ausgewogene Berichterstattung bekannt war. Sie konnte unerbittlich sein, blieb aber stets fair. Und sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht, was Maureen sehr beeindruckte.

Als Aufmacher wurden Bilder von Maureens Reisen auf den Spuren der Magdalena rund um die Welt gezeigt. Hier war sie in der Via Dolorosa in Jerusalem zu sehen, dort beim Erklimmen des Montségur in Südfrankreich. Dies bildete den Aufhänger für die erste Frage.

»Maureen, in Ihrem Buch berichten Sie von einem angeblich verloren gegangenem Magdalena-Evangelium, das in Südfrankreich entdeckt wurde, und von bestimmten Kulturen in Frankreich, die der Überzeugung anhingen, Maria Magdalena sei nach der Kreuzigung Jesu nach Frankreich gekommen. Doch Sie wurden von hochrangigen Bibelgelehrten hier in den USA angegriffen, die darauf beharren, dass es keinerlei Belege für Ihr Thesen gibt. Außerdem gebe es keine Beweise dafür, dass Maria Magdalena jemals in Frankreich gewesen sei. Was sagen Sie dazu?«

Dankbar nahm Maureen die Frage auf. In Presseveröffentlichungen hatten stets Gelehrte das letzte Wort. Nahezu jeder Artikel über Maureen schloss mit dem Zitat irgendeines Wissenschaftlers, der mit dem Dünkel des Gelehrten erklärte, dass es für ihre Ausführungen keine Beweise gebe und dass die Legenden um Maria Magdalena weniger Substanz besäßen als die meisten Märchen. Da Maureen nun endlich Gelegenheit bekam, ihren Kritikern in einer überregionalen Fernsehsendung Paroli zu bieten, wollte sie mit gleicher Münze zurückzahlen:

»Wenn diese Stubengelehrten nach Beweisen suchen, die passenderweise in Englisch geschrieben und obendrein in ihren klimatisierten Bibliotheken zu finden sind, werden sie bestimmt nicht fündig. Ich hingegen suche lebendige Beweise. Sie stammen von den Menschen und von Kulturen, die diese Geschichte geschrieben haben und noch immer täglich in ihr Leben einbetten. Zu behaupten, es gebe diese Traditionen nicht oder dass sie keine Rolle spielten, ist gefährlich, wenn nicht sogar rassistisch.«

Die Moderatorin beugte sich vor. »Finden Sie das nicht ein bisschen hart?«

»Nein, ich finde es notwendig. Es gab ganze Kulturen in Südfrankreich und Teilen Italiens, die ausgelöscht wurden, weil sie das glaubten, was in meinem Buch steht. Sie glaubten daran, Abkömmlinge von Jesus und Maria Magdalena zu sein, und sie lebten eine wundervoll reine Form des Christentums, das ihrer Auffassung nach von Jesus selbst stammte und das ihnen nach Jesu Kreuzigung von Maria Magdalena überbracht wurde.«

»Sie sprechen von den Katharern.«

»Ja. Das Wort ›Katharer‹ leitet sich vom griechischen Wort für Reinheit ab, und tatsächlich waren diese Menschen die reinsten Christen, die es gab. In dem einzigen Kreuzzug, der jemals von Christen gegen Christen geführt wurde, massakrierte die katholische Kirche im dreizehnten Jahrhundert die Katharer. Die Inquisition wurde ins Leben gerufen, um sie endgültig zu vernichten, denn sie kannten nicht nur die Wahrheit, sie waren die Wahrheit. Es war eine ethnische Säuberung, ein Genozid. Harte Worte? Natürlich sind das harte Worte. Aber ein ganzes Volk abzuschlachten ist auch hart, und wir dürfen uns zur Rechtfertigung dieses Massakers nicht mehr hinter Worten verstecken. ›Kreuzzug‹ suggeriert, dass es irgendwie akzeptabel ist, im Namen Gottes Menschen zu töten. Deshalb sollten wir diesen Begriff nicht mehr benutzen und das Geschehen stattdessen als das bezeichnen, was es wirklich war. Ein Massenmord. Holocaust.«

»Wenn nun moderne Gelehrte behaupten, diese Leute hätte es nie gegeben, oder ihre Überlieferungen hätten keine Rolle gespielt …«

»Es ist schrecklich, wenn solche bösen Stimmen das letzte Wort haben. Selbstredend gibt es kaum noch materielle Beweise, die Maria Magdalenas Anwesenheit in Südfrankreich belegen. Mehr als achthunderttausend Menschen wurden abgeschlachtet, um sicher zu stellen, dass keine Beweise überdauerten. Nichts sollte mehr zu finden sein – niemals. Die schrecklichsten Massaker ereigneten sich in den Jahren 1209 und 1210, jeweils am 22. Juli. Das ist kein Zufall, denn dieser Tag ist der Magdalena geweiht. Dokumente der Inquisition aus dieser Zeit besagen, es sei eine ›gerechte Strafe für diese Menschen‹ gewesen, die daran glaubten, dass ›die Hure mit Jesus verheiratet war‹.«

»Was mich zu der Frage bringt, die uns allen auf den Lippen brennt. Sie behaupten, dass die Geschichte, die Sie über die Ehe Jesu und Maria Magdalenas erzählen, aus einem verschollenen Evangelium stammt, das Sie vor einiger Zeit in Südfrankreich entdeckt haben. Dennoch weigern Sie sich, Ihre Quellen zu enthüllen oder weitere Informationen über dieses geheimnisvolle Dokument preiszugeben. Was sollen wir nun davon halten? Ihre schärfsten Kritiker werfen Ihnen vor, Sie hätten die ganze Geschichte erfunden. Warum sollten wir Ihnen glauben, wenn Sie uns keine Beweise liefern, dass dieses Evangelium überhaupt existiert?«

Die Frage war von entwaffnender Direktheit, aber sie war wichtig, und Maureen musste sie mit Umsicht beantworten. Was sie der Welt jedoch nicht enthüllen durfte, war der Rest der Geschichte: Das Arques-Evangelium war von Maureens Cousin, Father Peter Healy, nach Rom gebracht worden. Zurzeit arbeitete Peter in einem Komitee des Vatikans, das sich mit der Frage der Echtheit des Evangeliums beschäftigte. Bis die Kirche das unschätzbar wertvolle Manuskript zu einem authentischen Text erklärte, konnten Jahre vergehen. Und da sein Inhalt brisant war und Auswirkungen auf die gesamte Kirche haben konnte, hatte Maureen eingewilligt, keine Fakten über seine Entdeckung preiszugeben. Im Gegenzug war ihr gestattet worden, ihre Version der Magdalena-Geschichte zu verbreiten, ohne Repressalien befürchten zu müssen – doch nur, wenn sie ihre Version vorläufig als Roman formulierte. Diesen Kompromiss hatte Maureen eingehen müssen, doch er kam sie teuer zu stehen. Sie fühlte sich wie die antike Prophetin Kassandra: Dazu verdammt, die Wahrheit zu sagen, ohne dass jemand ihr Glauben schenkte.

»Ich muss die Menschen schützen, die mir bei der Entdeckung geholfen haben«, sagte Maureen. »Es gibt noch sehr viel mehr zu enthüllen, und ich darf meine Quellen auf keinen Fall preisgeben, will ich weiterhin Zugang zu ihnen haben. Und da ich die Quellen nicht nennen kann, musste ich meinen Bericht als Roman verfassen. Ich hoffe, die Story spricht für sich selbst. Meine Aufgabe als Erzählerin besteht darin, dem Publikum alternative Versionen zu einer der bewegendsten Geschichten der Menschheit aufzuzeigen. Deshalb nenne ich sie ›Die größte Geschichte, die niemals erzählt worden ist‹. Und ich glaube von ganzem Herzen an deren Wahrheit. Aber lassen wir das Publikum meine Geschichte lesen und beurteilen. Soll der Leser entscheiden, ob es sich wie die Wahrheit anfühlt.«

»Belassen wir es dabei. Die Leser werden entscheiden.« Die hübsche blonde Moderatorin hielt ein Exemplar des Romans in die Höhe. »›Die Wahrheit gegen die Welt‹, in der Tat. Danke, Maureen, dass Sie zu uns gekommen sind. Ein faszinierendes Thema, doch leider ist unsere Sendezeit um.«

Es ist einer der seltsamen Eigenheiten beim Fernsehen, dass man Stunden braucht, um einen Bericht zu drehen, der am Ende nur drei oder vier Minuten dauert. Doch Maureen war überzeugt, ihre Argumente präzise und mit Nachdruck vertreten zu haben. Außerdem hatten sowohl die Produzenten als auch die Moderatorin das Thema fair und sachlich behandelt.

Inzwischen war es Viertel vor sieben. Maureen war perfekt aufgemacht, gekleidet, geschminkt und frisiert – und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder ins Bett fallen zu können.

Marie de Nègre soll bestimmen, wann die Zeit für die Verheißene gekommen ist. Sie, die aus dem Passahlamm geboren ist, da Tag und Nacht gleich sind; sie, die sie ein Kind der Wiederauferstehung ist. Ihr, die sie das Sangre-El trägt, wird der Schlüssel zuteil werden, wenn sie den Schwarzen Tag des Schädels sieht. Sie wird die neue Hirtin werden und uns den Rechten Weg weisen.

Die erste Prophezeiung über die Verheißene,aus den Prophezeiungen von Sarah-Tamar, wie sie im Libro Rosso bewahrt worden sind

Château des Pommes Bleues

Arques, Frankreich

Gegenwart

Berenger Sinclair stand vor dem kostbaren Artefakt, das den Mittelpunkt seiner riesigen Bibliothek bildete. Der schützende Glaskasten befand sich über einem massiven Steinkamin, in dem das Feuer erloschen war, da die späte Frühlingswärme endlich doch die felsigen Ausläufer des Languedoc erreicht hatte. Lord Sinclair war ein Sammler von internationalem Rang. Er besaß ausreichend politische Macht und genug finanzielle Mittel, um fast alles zu erwerben, was man mit Geld kaufen konnte. Doch das Objekt im Glaskasten besaß sogar für ihn einen ungeheuren Wert, nicht nur als historisches Stück, sondern als ein Symbol für seinen innersten Glauben.

Der uninteressierte Betrachter mochte bloß ein mittelalterliches Banner erblicken, zerfetzt und vergilbt, sodass es kaum noch zu erkennen war. Die Blutflecken an den Rändern waren zu einem hässlichen Schlammbraun verblasst; schließlich waren mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte vergangen, seit der Soldat, der dieses Banner getragen hatte, hingerichtet worden war. Seit sie hingerichtet worden war.

Wenn man genauer hinschaute, war ein prachtvoll gesticktes Motto zu erkennen, das wie ein Wappen vor dem Hintergrund einer goldenen Lilie prangte. Es war die schlichte und doch machtvolle Vereinigung zweier Namen: Jhesu-Maria. Die kühne Soldatin und Seherin, die dieses Banner getragen hatte, war als Ketzerin hingerichtet worden; man hatte sie im Jahre 1431 auf dem Marktplatz von Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Während der offizielle Bericht über ihren Prozess eine Reihe zweckdienlicher Anklagen nannte, die sich die damaligen Kirchenherren hatten einfallen lassen, drückte dieses Banner ihr wahres Verbrechen aus: Den Glauben, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen war. Den Glauben, dass ihre Nachkommen um jeden Preis auf den Thron Frankreichs gehörten. Den Glauben, dass die ursprünglichen und reinen Bräuche des Christentums unter dem rechtmäßigen König wieder erneuert werden konnten. Das war der Grund für die Verbindung beider Namen: Sie waren Mann und Frau, in Liebe und vor dem Gesetz verbunden.

Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen. Jhesu-Maria.

Es war das Banner, das die heilige Johanna bei der Belagerung von Orléans getragen hatte, die Standarte der »bonne lorraine«, das Emblem der visionären Kämpferin, die der Welt als Jeanne d’Arc bekannt war. Unter dem Glaskasten war in Gold ein berühmtes Zitat der Heiligen eingraviert, die für ein neunzehnjähriges Mädchen erstaunlich eloquent gewesen war. Und sie hatte einzigartigen Mut besessen.

Das zu tun, was Gott mich tun hieß, was er mir befahl oder befehlen wird, davon werde ich um keines noch lebenden Menschen willen ablassen.

Berenger Sinclair fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, dunkles Haar, während er versunken vor dem Artefakt stand. An Tagen wie diesem, wenn er müde und erschöpft war, besuchte er die Bibliothek, um dem mutigen Mädchen zu huldigen, das von einem solch glühenden Glauben erfüllt war, dass es nichts und niemanden fürchtete und alles opferte. Johanna gab ihm Kraft und erfüllte ihn mit Begeisterung.

Berenger fühlte sich ihr auf seltsame Weise nahe – aus Gründen, die tief in die Geschichte seiner Familie und in alte Überlieferungen verwoben waren. Nach der offiziellen Geschichtsschreibung war Johanna am sechsten Januar geboren worden, doch die Eingeweihten jener häretischen Kultur, der auch Berenger angehörte, wussten, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Johannas wahrer Geburtstag zur Frühlings-Tagundnachtgleiche hatte jedoch verschwiegen werden müssen, um sie vor den gefährlichen Blicken des mittelalterlichen Klerus zu schützen. Dieser überwachte unter anderem weibliche Kinder aus bestimmten französischen Familien, die am Äquinoktium oder an einem der Tage unmittelbar vorher oder nachher geboren worden waren. Der sechste Januar war als »sicheres« Geburtsdatum für Johanna ausgewählt worden; im liturgischen Kalender wurde er als Fest der Offenbarung gefeiert – der Tag, an dem das Licht in die Welt kommt. Das wusste Berenger sehr genau: Es war sein Geburtstag.

Leider hatte die Verschleierung ihres Geburtsdatums die Jungfrau von Orléans nicht vor ihrem Schicksal bewahrt. Johanna hatte ihr Vermächtnis als Tochter einer machtvollen Prophezeiung allzu deutlich und öffentlich gelebt. In dieser Prophezeiung spielt L’Attendue eine große Rolle, die Verheißene. Sie ist stets eine bedeutende Frau in der Geschichte, die zu einem gegebenen Zeitpunkt hervortreten und die Wahrheit verkünden wird – die Wahrheit über Jesus und Maria Magdalena und ihrer beider Evangelien, die sie unabhängig voneinander verfasst hatten. Wie es in der Prophezeiung heißt, sollen die Verheißenen stets in einem Zeitraum um das Frühlingsäquinoktium herum geboren werden, aus einer besonderen Blutlinie stammen und Visionen haben, sodass jede von ihnen zur Wahrheit gelangt und ihr Schicksal erfüllt.

Als Verheißene ihrer Zeit hatte die heilige Johanna den höchsten Preis bezahlt – wie viele vor und nach ihr.

Und deshalb stand Berenger heute in seiner Bibliothek, in Betrachtung von Johannas wertvollem Artefakt versunken. Denn er wusste, es war an der Zeit, dass er seine eigene Bestimmung erfüllte. Auch er kämpfte mit einer Prophezeiung; das hatte er mit Johanna gemeinsam. Doch Gott hatte ihm machtvolle Mittel an die Hand gegeben: alle Reichtümer etwa, die er in seinem Leben angehäuft hatte. Sie würden dazu dienen, dass er sein eigenes Versprechen zu seiner Zeit und an seinem Platz in der Geschichte erfüllte. Berenger hatte Maureen unterstützt und eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung der großartigen, bis dato unbekannten Geschichte der Maria Magdalena gespielt. Doch nun war dieses unschätzbar wertvolle Evangelium seinem Einfluss entzogen und befand sich in den Händen der Kirche. Außerdem hatte es ganz den Anschein, als wäre auch Maureen unerreichbar geworden. Berenger hätte ihr bei ihrem neuesten Vorhaben, der Suche nach dem legendären Buch der Liebe, eine große Hilfe sein können, doch Maureen schien diese Hilfe nicht zu wollen.

Doch es war Berengers eigene Schuld, dass Maureen ihn dieses Mal nicht in die Suche einbeziehen wollte. Nachdem die Kirche das Evangelium der Magdalena eingefordert hatte, hatte er sich Maureen gegenüber wie ein Dummkopf benommen. Zurzeit wusste er nicht einmal, welche Rolle er in Maureens Leben eigentlich spielte. Er fühlte sich einsam und allein. Das Schicksal, ging es ihm durch den Kopf, ist ein schwieriger und oft rätselhafter Zuchtmeister.

»Berenger, kann ich dich sprechen?«

Sinclair wandte sich zur Tür und lächelte dem hünenhaften Roland Gelis zu, seinem engsten Freund und Vertrauten. Roland hatte von Kindesbeinen an im Schloss gelebt. Schon sein Vater war Majordomus von Alistair Sinclair gewesen, Berengers Großvater, ein gefürchteter Familienpatriarch, der ein Milliardenvermögen mit Nordseeöl gemacht hatte. Die beiden Jungen, Roland und Berenger, waren in der Tradition der Pommes Bleues aufgewachsen, der Blauen Äpfel. Dies war eine Anspielung auf die großen, runden Trauben, die in der Region wuchsen und seit Jahrhunderten die Blutlinie von Jesus und Maria Magdalena repräsentierten; dieser Bezug gründete sich auf eine Zeile aus dem Johannesevangelium: Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Sämtliche Nachkommen von Jesus und Maria Magdalena, ob fleischlich oder im Geiste, waren Reben des Weinstocks. Das Languedoc war eine Hochburg der Ketzerei.

Obwohl die Gelis den Sinclairs seit Generationen dienten, waren sie selbst von Adel, machten jedoch kein Aufhebens davon. Darin ähnelten sie vielen Familien in den Regionen Languedoc und Midi-Pyrénées, die ihre geheimen Traditionen mit großer Würde und Tapferkeit bewahrten, selbst wenn sie schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt waren. Die Gelis stammten von den Katharern ab und waren von reinstem Blut.

»Natürlich, Roland«, sagte Berenger nun. »Komm herein.«

Roland spürte, dass der Schotte verstört war.

»Was plagt dich, Bruder?«

Berenger schüttelte den Kopf. »Nichts. Und alles.« Er holte tief Luft und bekannte verschämt: »Ich fürchte, ohne meine Schäferin bin ich ein verlorenes Lamm.«

Roland wusste sofort, was sein Freund meinte: Sie alle waren überzeugt gewesen, das Abenteuer, Magdalenas verschollenes Evangelium aufzufinden, werde sie unzertrennlich machen und als Paare aneinander schmieden: Berenger und Maureen, Roland und Tamara Wisdom, Maureens beste Freundin und Rolands Verlobte. Sie waren die »Vier Musketiere«, durch Ehre und gemeinsame Mission verbunden – der Verteidigung der Wahrheit gegen die Welt. Sie hatten sogar eine Holztafel mit D’Artagnans berühmtem Zitat über der Tür zur Bibliothek anbringen lassen:

Einer für alle und alle für einen.

Doch als Maureen nach Kalifornien zurückgekehrt war, um ihren Roman zu schreiben, zerbröckelte die Vertrautheit. Maureen vertiefte sich mit Leib und Seele in die Aufgabe, Magdalenas Geschichte zu erzählen und eine Chronik ihrer Suche aufzuzeichnen, solange sie ihr noch frisch im Gedächtnis war. Das war ihr Auftrag, und Berenger respektierte ihn. Sie alle hatten Maureen in Ruhe gelassen und gehofft, sie werde wieder ins Château kommen, sobald ihr Roman abgeschlossen war. Doch seit dem Erscheinen des Buches war Maureen stärker eingespannt als je zuvor. Sie hatte nur noch Zeit für die Aufgabe, die Maria Magdalena ihr übertragen hatte.

Und dann war da die Sache mit Peter.

Father Peter Healy war Maureens Cousin und engster Vertrauter – und der Grund für den Riss im Fundament der Beziehung, die Berenger zu Maureen aufbauen wollte. Peter war es gewesen, der das Magdalena-Evangelium gestohlen und in den Vatikan gebracht hatte – ein schrecklicher Verrat. Dennoch hatte Maureen ihm vergeben, ja, sie hatte ihn vor den anderen verteidigt: Peter habe doch nur getan, was seiner Ansicht nach das Beste für Maria Magdalenas Botschaft sei. Doch Berenger fand, dass die Ergebenheit des Priesters weit mehr dem Vatikan galt als Maureen und der Wahrheit, die sie ans Licht gebracht hatte.

Die nachfolgenden Ereignisse hatten Berenger dann vollends in Rage gebracht. Die Kirche untersagte Maureen, ihre Rolle bei der Entdeckung des bislang unbekannten Evangeliums preiszugeben, und zeigte sich unfähig, die Bedeutung dessen anzuerkennen, was offiziell als das Arques-Evangelium bezeichnet wurde. Berenger machte Peter bittere Vorwürfe, das Dokument dem Vatikan überlassen zu haben; er habe Maureen dadurch in eine Lage gebracht, in der sie Kompromisse hatte eingehen müssen. Zugleich ärgerte Berenger sich über Maureens »blinde Loyalität« gegenüber Peter, wie er es nannte. In ihrem bisher schlimmsten Streit hatte er Maureen gar »spiritueller Schwäche« beschuldigt: Sie habe Peter und seiner Kirche gestattet, sie zu übergehen und die Wahrheit zu unterdrücken. Daraufhin hatte der Riss in ihrer Beziehung sich zu einem Abgrund erweitert, so erschüttert war Maureen gewesen.

Als Berenger sie kennen gelernt hatte, war er überzeugt gewesen, die Frau gefunden zu haben, die er seit langer Zeit gesucht hatte: eine Frau, die ihm ebenbürtig war; eine Seelengefährtin, die nicht nur seine Vision einer besseren Welt teilen konnte, sondern die auch den Mut und die Leidenschaft besaß, an seiner Seite für die Veränderungen zu kämpfen. In Maureens zierlichem Körper schlummerte gewaltige Kraft; wie Berenger besaß auch sie den Kampfgeist der Kelten, der einer Naturgewalt gleichkam.

Doch dass sie beide in Geist und Genen einander so ähnlich waren, erwies sich bei dem Versuch, eine Beziehung aufzubauen, als Segen und Fluch zugleich. Wenn sie lernen konnten, miteinander zu leben und zu arbeiten und ihre Leidenschaft für ihre Mission und für den jeweils anderen zu vereinbaren, würden sie zu einer unaufhaltsamen Kraft, die auf eine positive Veränderung der Welt hinwirkte. Zugleich aber bestand die Gefahr, dass ihre Leidenschaft sich in eine verheerende Macht der Zerstörung verwandelte.

Immerhin, dachte Berenger mit bitterem Humor, hat Maureen in der Widmung ihres Buches neben Tamaras und Rolands Namen auch meinen erwähnt.

»Könnte sein, dass wir Maureen bald wiedersehen«, sagte Roland in seiner sanften Art. »Gut möglich, dass sie früher erscheint, als wir glauben.«

»Wie kommst du darauf?«

Roland lächelte ihn an. »Tamara hat gerade ein seltsames, an dich adressiertes Paket erhalten. Wir bringen es dir gleich.« Roland deutete auf die hintere Wand der Bibliothek, an der ein großes Wandbild hing, das vom Boden bis zur Decke reichte und auf dem Berengers beeindruckender Stammbaum verzeichnet war, der einen Zeitraum von tausend Jahren umfasste. »Aber erst einmal solltest du einen genauen Blick auf deine Abstammungslinie werfen.«

Und so begab es sich, dass die Königin des Südens als Königin von Saba bekannt wurde, die weise Herrscherin der Sabäer. Ihr Name war Makeda, was in ihrer eigenen Zunge »die Feurige« hieß. Sie war eine Priesterkönigin und diente einer Sonnengöttin, die ihr glückliches Volk mit Schönheit und Wohlstand segnete. Diese Göttin nannte man »Sie, die ihre segensreichen Strahlen aussendet«. Der Mondgott war ihr Gefährte und die Sterne ihre Kinder.

Das Volk der Sabäer war weiser als jedes andere auf Erden. Sie wussten um den Einfluss der Sterne und die Heiligkeit der Zahlen, die von den Göttern kamen. Auch wurden sie das »Volk der Baumeister« genannt, und ihre Gebäude kamen jenen der größten Ägypter gleich, so erstaunlich war ihr Wissen um das Bauen mit Stein. Die Königin gründete große Schulen, um diese Kunst zu lehren, und die Bildhauer, die ihr dienten, vermochten außergewöhnlich schöne Bilder von Göttern und Menschen in Stein zu meißeln. Auch verfügte ihr Volk über die Schrift und fühlte sich somit der hohen Kunst des Schreibens verpflichtet. Dichtkunst und Musik blühten in diesem Reich.

Die Sabäer waren ein tugendhaftes Volk. Ihre Sonnenkönigin herrschte mit Wärme, Licht und Liebe über ihr Reich, und allerorten gab es einen Überfluss an Freude, Fruchtbarkeit und Weisheit, aber auch an Gold und Edelsteinen – schlicht an allem, was das Herz begehrte. Und die Sabäer zweifelten nie an diesem Überfluss. Sie kannten nicht einen Tag der Not. Ihr Land war das goldenste aller Königreiche.

Da geschah es, dass der große König Salomon von der unvergleichlichen Königin Makeda erfuhr. Es war ein Prophet, der ihm riet: »In einem fernen Land im Süden herrscht eine Frau, die dir ebenbürtig ist. Du könntest viel von ihr lernen, so wie auch sie von dir lernen könnte. Sie zu treffen ist dein Schicksal.« Zuerst glaubte Salomon nicht, dass es solch eine Frau gab, doch dann siegte die Neugier, und er sandte ihr eine Einladung, ihn auf dem heiligen Berg Zion zu besuchen.

Als die Boten das Land der Sabäer erreichten, sahen sie, dass die Weisheit ihres Herrn und die Pracht seines Hofstaats in jenem Reich bereits Legende war.

Makedas eigene Prophetinnen hatten ihr geweissagt, sie werde eines Tages weit reisen, um einen König zu treffen, mit dem sie den Hieros gamos vollziehen konnte, die heilige Hochzeit, bei der Körper und Geist zu einer göttlichen Einheit verschmolzen. Der König werde Makedas Seelenzwilling sein, sagten die Seher voraus, und sie würde zu seiner schwesterlichen Braut – beide eine Hälfte des Ganzen, eins nur in ihrer Vereinigung.

Doch die Königin von Saba ließ sich nicht so leicht gewinnen. Niemals hätte sie mit einem Mann diese heilige Vereinigung vollzogen, hätte sie ihn nicht als Teil ihrer eigenen Seele erkannt. Auf der langen Reise zum Berg Zion ersann sie eine Reihe von Prüfungen und Fragen für den König. Seine Antworten sollten ihr erkennen helfen, ob er ihr tatsächlich ebenbürtig und ihr Seelenzwilling war, empfangen als Eins am Anbeginn der Ewigkeit.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Die Legende von Salomon und der Königin von Saba, erster Teil, wie sie im Libro Rosso bewahrt worden ist

Château des Pommes Bleues

Arques, Frankreich

Gegenwart

Berenger, Roland und Tammy saßen am großen Mahagonitisch in einer Ecke der Bibliothek. Gebannt betrachteten sie ein augenscheinlich antikes Dokument, eine lange Schriftrolle aus Pergament, die beträchtlich unter dem Alter gelitten hatte. Um die Rolle zu schützen, war sie zwischen zwei Glasplatten gepresst worden, und so lagen die zerfetzten Fragmente wie Teile eines sinnverwirrenden Puzzles vor ihnen.

Die Kiste, die das fragile Schriftstück enthalten hatte, war am frühen Morgen im Château abgegeben worden, adressiert an »Berenger Sinclair, c/o Gesellschaft der Blauen Äpfel«. Der anonyme Bote hatte nicht warten wollen. Die Haushälterin gab an, sie habe ihn aufgrund seiner Kleidung, seines Wagens und seines Akzents für einen Italiener gehalten, war sich aber nicht sicher. Auf keinen Fall käme er aus der Gegend.

»Es ist ein Stammbaum«, sagte Tammy schließlich in das Schweigen hinein, während sie mit der Hand über den obersten Namen strich. »Hier oben steht etwas auf Latein, und dann fängt er mit diesem Namen an … Guido irgendwer, geboren 1077 in Mantua.«

Berenger, der die klassische Bildung des Aristokraten genossen hatte, studierte mit zusammengekniffenen Augen die verblassten lateinischen Worte am oberen Rand der Schriftrolle. »Das scheint mir Ich, Mathilda zu heißen … Wenigstens glaube ich, dass es Mathilda oder Mathilde heißen soll … ja, ganz sicher. Da steht: ›Ich, Mathilde, von der Gnade Gottes, der ist.‹ Seltsame Formulierung. Und im nächsten Satz heißt es: ›Ich bin einig und unzertrennlich mit Graf Guidone und seinem Sohn, Guido Guerra, und ich gewähre ihnen den Schutz der Toskana in Ewigkeit.‹ Und weiter steht da, dass dieser Sohn, Guido Guerra, in Florenz geboren wurde, im Kloster Santa Trinita. Der Sohn eines Grafen, der im Kloster geboren wurde? Das ist sonderbar.«

»Das ist nicht das einzig Sonderbare«, bemerkte Roland und deutete auf einen Namen im Stammbaum. »Schau dir diese Namen an, Berenger.«

Berenger stutzte, als er mit Blicken der Spur von Rolands Finger folgte. Auf einer vom dreizehnten Jahrhundert ausgehenden Linie standen Namen, die ihm sehr vertraut vorkamen. Ein französischer Edelmann namens Luc Saint Clair hatte eine Adelige aus der Toskana geheiratet. Die gleichen Namen standen als Ahnherren in seinem Stammbaum. Das aber war außerhalb ihres kleinen, abgeschlossenen Kreises niemandem bekannt. Wer immer dieses Paket geschickt hatte, wusste zumindest, dass es für Berenger Sinclair eine Bedeutung hatte. Und irgendwie überkreuzten sich diese Stammbäume.

Tammys Aufmerksamkeit wurde von einem Begleitbrief angezogen, der mit der Schriftrolle gekommen war. Der Brief war an einen winzigen, vergoldeten Handspiegel gebunden. Das Papier war edel – schweres Pergament, in dessen unterer Mitte ein fremdartiges Monogramm zu sehen war. Ein großes A und ein E waren durch eine mit Troddeln verzierte Kordel miteinander verbunden, die zwischen beiden Buchstaben einen Knoten bildete. Die Anordnung an sich war nicht ungewöhnlich, doch bei diesem Monogramm schaute das E in die falsche Richtung, sodass es fast ein Spiegelbild des A bildete. Auf der begleitenden Karte stand ein bedeutsames Gedicht:

Abbildung

Kunst wird die Welt erlösen

Für die, die Augen haben zu sehen.

In deinem Spiegelbild

Wirst du das Gesuchte finden.

Heil Ichthys!

»›Kunst wird die Welt erlösen‹«, las Tammy. »Das haben wir schon einige Male gesehen, nicht wahr?« Auf der Suche nach Maria Magdalenas verschollenem Evangelium hatten die vier Gefährten eine Reihe von Karten und Hinweisen entschlüsselt, die sie in europäischen Gemälden des Mittelalters, der Renaissance und des Barock gefunden hatten. Eine Karte in einem Fresko von Sandro Botticelli hatte Maureen den letzten Hinweis gegeben, wo die wertvollen Dokumente zu finden waren, die Maria Magdalena mit eigener Hand geschrieben hatte. In der komplexen Welt der christlichen Esoterik waren Symbole in Kunstwerken häufig der Ausgangspunkt für eine große Reise, an deren einzelnen Stationen mitunter phantastische Informationen warteten. Wenn die Wahrheit aus Angst vor verhängnisvollen Folgen nicht schriftlich niedergelegt werden konnte, musste sie eben verschlüsselt ausgedrückt werden, beispielsweise in Gemälden.

Berenger nahm den Spiegel zur Hand und betrachtete sich kurz darin, ehe er die dritte Zeile des Gedichts aussprach: »›In deinem Spiegelbild wirst du das Gesuchte finden …‹« Er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzusinnen, denn Roland unterbrach ihn aufgeregt.

»Schaut euch das an!« Er deutete auf das Ende des Dokuments. »Der letzte Name des Stammbaums. Sehe ich das richtig?«

Tammy legte ihren Arm um ihn, während sie sich vorbeugte, um zu sehen, was den sanften Hünen so erregt hatte. Doch es war Berenger, der es für alle bestätigte, indem er den letzten Namen des Stammbaums scharf ins Auge fasste und vorlas – den wohl berühmtesten Namen, den die Kunstgeschichte vorzuweisen hatte.

»Michelangelo Buonarroti.«

KAPITEL ZWEI

New York City

Gegenwart

Maureen! Miss Paschal …«

Maureen trat von der 47. Straße durch die Drehtür in die Hotelhalle, als ihr Blick von Nate, dem Chefportier, angezogen wurde, der heftig gestikulierend ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versuchte. Maureens Verleger und Pressebetreuer pflegten oft am Empfang Päckchen für ihre Autorin zu hinterlassen, und Maureen hielt es ebenso. Folglich hatten sie und Nate sich angefreundet und redeten sich mit Vornamen an. Maureen gab großzügige Trinkgelder, und Nate stand auf Rothaarige – eine gute Basis für eine tragfähige Arbeitsbeziehung in New York City.

»Heute Abend wurde ein Paket für Sie abgegeben. Ich bin gerade erst reingekommen und hab es im Hinterzimmer liegen sehen.«

Nate verschwand im hinteren Zimmer und kam gleich darauf mit einem schmucken, tiefroten Geschenkkarton zurück. Er musste ihn mit beiden Händen tragen, denn der Karton war zwar flach, doch mehr als zwei Fuß lang. Ein großes Bukett aus weißen, duftenden Casablanca-Lilien und langstieligen weißen Rosen war mit breitem, tiefrotem Satinband daran gebunden.

Prüfend betrachtete Maureen den Karton, ehe sie ihn entgegennahm. »Hat keine Karte beigelegen?«

Nate schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid.«

Maureen bedankte sich, begierig darauf, nach oben zu kommen und herauszufinden, was der rote Karton enthielt.

Als sie ihr Zimmer betrat, lächelte sie noch immer, betört vom himmlischen Duft der Lilien. Es gab nur einen Mann, der ihre Lieblingsblumen kannte und wusste, dass Lilien und Rosen ein Symbol der Magdalena waren. Es gab nur einen Mann, der ein so kunstvolles Arrangement schicken konnte.

Berenger Sinclair.

Trotz allem, was geschehen war, spürte Maureen, wie ein wohliger Schauer sie durchlief. Dieser Mann ließ ihr Herz immer noch höher schlagen. Vielleicht war sie sogar verliebt – und wer konnte ihr da einen Vorwurf machen? Berenger war ein charismatischer Mann, einer von diesen dunklen, geheimnisvollen Typen. Er war geistreich, charmant und obendrein wohlhabend und einflussreich. Doch er konnte auch arrogant, schroff und voreingenommen sein. Er hatte Maureen tief verletzt, und so etwas durfte sie in nächster Zeit nicht mehr zulassen.

Dennoch verstand Berenger sie nach allem, was sie durchgemacht hatten, besser als alle anderen. Während ihrer Suche hatte er sie beschützt, hatte ihr Unterkunft gewährt und ihr sogar Unterricht in der Folklore und den Traditionen erteilt, die um die Mysterien der Magdalena in Südfrankreich kreisten. Zweifellos hatte er ihr Leben dramatisch verändert, und ihrer beider Schicksale waren nun unauflöslich miteinander verbunden.

Doch er konnte Maureen gefährlich werden. Berenger Sinclair war ein berüchtigter Lebemann und überzeugter Junggeselle. Mit seinen fünfzig Jahren war er noch nie verheiratet gewesen und hatte, soweit Maureen wusste, auch noch keine ernsthafte Beziehung gehabt. Er begründete sein Junggesellendasein damit, dass er sich nicht mit einer Frau zufriedengeben wollte, die nicht perfekt für ihn sei. Doch bei Maureen sei er sicher gewesen, die Richtige gefunden zu haben, auf die er so lange gewartet habe, was wohl der Grund dafür sei, dass keine andere Frau ihn jemals habe fesseln können.

Eine nette Erklärung. Vielleicht ein wenig zu nett. Bei einem Mann wie Berenger hatte es eine Menge Alarmzeichen gegeben, auch vor ihrem letzten heftigen Streit. Zwar hatte er sich entschuldigt, doch Maureen blieb auf der Hut.

Und doch tat ihr Herz einen Sprung bei dem Gedanken, diese Blumen könnten von Berenger kommen.

Vorsichtig löste Maureen die Satinschleife, schob die Blumen beiseite und hob den Deckel vom Karton. Ein versiegelter Umschlag war an miss paschal adressiert. Seltsam, Berenger würde sie niemals so anreden. Maureen zuckte die Schultern, wandte den Blick wieder dem Karton zu und schob das Seidenpapier beiseite, das den Inhalt verbarg. Sie war nicht sicher, was sie eigentlich erwartet hatte, aber ganz bestimmt nicht das, was sie entdeckte: In dem Karton lag ein sehr alt aussehendes Dokument. Ob es echt war oder eine Kopie, konnte man auf den ersten Blick nicht erkennen, doch es war zum Schutz vor äußeren Einflüssen sorgfältig zwischen Glasplatten gepresst. Behutsam hob Maureen das Schriftstück aus dem Karton. Es war über zwei Fuß lang, vom Alter vergilbt und an den Kanten ausgefranst.

Der lateinische Text füllte eine Dreiviertelseite und war in einer geschwungenen und dennoch exakten Schrift geschrieben. Maureen überflog ihn, erkannte aber rasch, dass sie ihn nicht vollständig entziffern konnte. Ihr Latein war passabel, aber dies hier war eine Herausforderung sogar für einen Gelehrten, der über ganz andere Fähigkeiten verfügte als sie mit ihrem lückenhaften Vokabular.

Abbildung

Die Signatur am Ende der Seite erregte ihr besonderes Interesse. Die Unterschrift war kühn und schwungvoll, mit Tinte geschrieben, und doch glich sie einer Art Siegel, bei dem ein lateinisches Kreuz zwischen den Buchstaben stand.

Maureen kramte ihr Notizbuch aus Englischleder hervor und schrieb die Buchstaben der mittelalterlichen Unterschrift sorgfältig in eine Reihe. Nun las sie:

MATILDA DEI GRACIA QUI EST

Was zu heißen schien: Mathilda, von der Gnade Gottes, der ist.

Unter den Buchstaben befanden sich zwei weitere Symbole. Eines sah aus wie ein stilisiertes großes H mit leicht gewellten Vertikallinien, das andere kam Maureen auf Anhieb bekannt vor. Mit der Hand griff sie an ihre Halskette, ein Geschenk Berengers zu ihrem letzten Geburtstag. Es war ein fein gearbeitetes, mit Brillanten eingelegtes Zeichen, eine Spirale aus Widderhörnern – die astrologische Glyphe für das Sternbild Widder. Maureen war am 22. März geboren, im ersten Grad des ersten Tierkreiszeichens, auf der Schwelle der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche, wenn die Sonne aus dem Zeichen der Fische wandert und in den Widder eintritt. Das Widderhornsymbol war seit der Antike Sinnbild für das Frühlings-Äquinoktium gewesen. Aber was hatte es auf diesem Schriftstück zu bedeuten? Und noch wichtiger: Wer hatte es geschickt? Und warum?

Vorsichtig entfaltete Maureen den Brief. Am unteren Rand des Papiers war ein seltsames Monogramm zu sehen. Ein großes A, das mit einem großen E verbunden war, wobei das E falsch herum stand und wie ein Spiegelbild wirkte. Auf der Karte stand in Handschrift:

Wenn du durch das Land der Blumen reist,

Wirst du auf das Tal des Goldes stoßen.

Bist du auf der Suche nach dem Buch der Liebe?

Dann wirst du hier das Gesuchte finden 

Heil Ichthys!

Maureen stieß einen Seufzer aus, teils erleichtert, teils bewegt. Genau so hatte ihre Suche nach dem Evangelium der Maria Magdalena begonnen: mit einem sonderbaren Geschenk und einem Rätsel, das gelöst werden musste. Sie hatte um Hinweise gebetet, und nun erschienen sie. Wer immer ihr dieses Paket geschickt hatte, kannte ihre persönliche Geschichte zumindest in Ansätzen – ein Umstand, der Maureen ein wenig verwirrte. Dass der Brief darüber hinaus die Worte der kleinen Madonna in ihrem Traum wiedergab, war geradezu bestürzend. Maureen zitterte angesichts der seltsamen Intimität des Schreibens. Zwar war ihr Glaube, dass Gott sie auf ihrem Weg leitete, unerschütterlich; dennoch war die Präsenz eines unbekannten Briefschreibers, der sogar in ihre Träume blicken konnte, beängstigend. Oder war es so, dass jemand ihre Träume beeinflusste? Maureen war nicht sicher, was von beidem bedrohlicher war.

Sie sank auf die Knie und betete um Schutz und Geleit auf der Reise, die nun ihren Anfang nehmen sollte.

Im Geiste ging Maureen die Liste ihrer Freunde durch. Es gab nur drei Menschen, denen sie das verwirrende Rätsel anvertrauen konnte, und alle drei weilten momentan in Europa. Da war erstens ihr Cousin, Peter Healy, Jesuit und Gelehrter, der sich derzeit im Vatikan aufhielt. Peter würde das Dokument übersetzen und vielleicht sogar den Absender identifizieren können. Maureen war sicher, dass dieser mysteriöse Absender wusste, dass sie mit einem Gelehrten verwandt war, sonst hätte er es nicht ihren eigenen Fähigkeiten überlassen, einen so schwierigen Text zu übersetzen. Deshalb musste sie Peter anrufen. Dann aber zögerte sie: Wenn sie sich bei ihm meldete, würde er sich Sorgen um sie machen. Nein, es war besser, sie suchte nach anderen Alternativen, ehe sie Peter die Lösung dieses Rätsels aufbürdete.

Blieben Berenger Sinclair und Tamara »Tammy« Wisdom, die sich beide derzeit in der Zentrale der Pommes Bleues im Languedoc aufhielten. Doch wie Peter, würde auch Berenger sich sofort Sorgen machen und verlangen, dass sie zu ihm nach Frankreich käme, während er bereits Nachforschungen betriebe. Das war nicht die Reaktion, die Maureen im Augenblick wollte oder brauchte.

Blieb Tammy.

Tammy war Maureens beste Freundin, Vertraute und Partnerin. Eine brillante Filmemacherin aus L. A., hatte Tammy ihr Herz verloren, als sie eine Doku über die Magdalenenlegende in Frankreich drehte – sowohl an die grandiose Landschaft als auch an einen sanften Hünen aus dem Languedoc, Roland Gelis, mit dem sie nun verlobt war. Tamara, Roland und Berenger residierten im herrschaftlichen Château des Pommes Bleues, dem französischen Besitz der schottischen Familie Sinclair, der als Zentrale ihrer gleichnamigen Gesellschaft diente.

In New York war es Mitternacht. Also sechs Uhr früh in Frankreich. Früh am Tag, sicher, aber es war wichtig. Maureen wählte Tammys Handynummer und hörte am anderen Ende das Doppelläuten der internationalen Verbindung. Dann wurde mit einem Knacken abgenommen, und eine gar nicht müde Tammy witzelte: »Heil Ichthys!«

»Du hast also auch so ein Paket gekriegt?«

»War an Berenger adressiert. Kam gestern Abend.«

»Ein antikes Dokument über eine Frau namens Matilda?«

»Damit muss die Markgräfin Mathilde von Tuszien gemeint sein.«

»Du kennst diese Matilda?«

»Ja, und du kennst sie auch. Sie taucht in esoterischen Legenden in ganz Europa auf. Eine Art Kriegerkönigin, die halb Italien beherrscht hat. Und was für uns am wichtigsten ist: Sie hat die Abtei Orval gegründet.«

Maureen schnappte nach Luft. Tammys letzter Satz enthielt zwei bedeutende Informationen. »Orval«, sagte Maureen aufgeregt. »Or-Val. Das bedeutet Val d’Or, Goldenes Tal, nicht wahr? Wie in ›Du wirst auf das Tal des Goldes stoßen‹?«

»Genau. Das bedeutet, dass wir die eine Hälfte des Puzzles haben und du die andere. Irgendjemand will, dass wir zusammenarbeiten, das ist offensichtlich. Genauer gesagt, dass du und Berenger zusammenarbeitet, da die Pakete an euch beide adressiert waren. Findest du das nicht bedeutsam?«

Maureen ignorierte Tammys Folgerungen für den Augenblick und wandte ihre Aufmerksamkeit der zweiten Enthüllung zu. »Orval. Wie in der Prophezeiung von Orval?«

Tammy lachte. »Ganz recht, ma petite attendue. Es sieht so aus, als wollte jemand, dass wir nach Belgien fahren, um deine persönliche Prophezeiung in Augenschein zu nehmen. Wie schnell kannst du kommen?«

Maureen seufzte, als ihr klar wurde, dass sie dem Ruf des Abenteuers folgen musste. Es gab kein Zurück. Sie würde Peter in Rom anrufen und ihm von den Ereignissen der letzten vierundzwanzig Stunden berichten, und dann würde sie ihm so rasch wie möglich das Dokument zuschicken. Anschließend würde sie Air France anrufen und einen Flug nach Toulouse buchen.

Nach Frankreich. Zu Berenger.

Wieder war es eine unruhige Nacht, und Maureen träumte. Es war der stets wiederkehrende Traum, der sie bereits seit einiger Zeit verfolgte. Aber heute Nacht war er länger und verworrener als je zuvor.

Eine in Schatten gehüllte Gestalt beugte sich über einen altertümlichen Tisch, und eine Schreibfeder fuhr kratzend über das Papier, schuf Worte und Bilder. Maureen schaute dem Schreibenden über die Schulter und meinte ein blaues Leuchten von den Seiten aufsteigen zu sehen. Sie war so gebannt, dass sie die Bewegung des Schreibenden nicht sofort bemerkte. Doch als die Gestalt sich umdrehte und ins Lampenlicht trat, stockte Maureen der Atem.

Sie hatte dieses Gesicht bereits in früheren Träumen gesehen, doch waren es immer nur flüchtige Momente der Erkenntnis gewesen, die im Nu vorüber waren. Nun wandte er Maureen seine volle Aufmerksamkeit zu. Traumgebannt starrte sie den Mann vor sich an. Er war der schönste Mann, den sie je gesehen hatte.

Isa.

So hatte Maria Magdalena ihn in ihrem Evangelium genannt. Deshalb war dieser Name Maureen der vertrauteste. Nachdem sie Isa durch die Augen Marias gefunden hatte, hatte sie endlich ihren eigenen Glauben entdeckt.

Isa.

Jesus.

Er lächelte sie an. In seinem Gesicht war so viel Göttlichkeit und Wärme, dass Maureen davon durchdrungen wurde, als schiene die Sonne selbst aus seinem Lächeln. Sie rührte sich nicht, konnte nur gebannt seine Schönheit und Anmut betrachten.

»Du bist meine Tochter, an der ich viel Freude habe.«

Seine Stimme war wie eine Melodie, ein Lied von Einheit und Liebe, dessen Klänge die Luft vibrieren ließen. Einen unendlichen Moment schwebte Maureen auf dieser Musik, doch bei seinen nächsten Worten kam sie unsanft zur Erde zurück.

»Aber dein Werk ist noch nicht vollendet.«

Lächelnd wandte sich Isa, der Nazarener, der Menschensohn, wieder dem Tisch zu, auf dem seine Schrift ruhte. Das aus den Seiten schimmernde Licht wurde heller; die Buchstaben leuchteten blau und violett auf dem schweren leinenartigen Papier.

Maureen versuchte zu sprechen, brachte aber kein Wort hervor. Sie konnte nur das göttliche Wesen betrachten, das nun eine Handbewegung zu den Blättern machte und mit sanfter Eindringlichkeit sprach.

»Siehe, das Buch der Liebe. Folge dem Weg, der dir vorgezeichnet ist, und du wirst finden, was du suchst. Und wenn du es gefunden hast, musst du es mit der Welt teilen und dein gegebenes Versprechen erfüllen. Unsere Wahrheit ruht schon zu lange in der Finsternis. Denke stets daran, dass die Worte ›Schicksal‹ und ›Bestimmung‹ derselben Wurzel entspringen.«

Obwohl er sehr bestimmt sprach, blieben ihr seine Worte ein Rätsel.

Isa hielt Maureens Blick einen Moment fest; dann erhob er sich und glitt mühelos auf sie zu. Er blieb direkt vor ihr stehen und bannte sie mit seinem dunklen, intensiven Blick.

»Die Zeit kehrt wieder. Wenn du dich nach dem Aufwachen morgen früh an nichts mehr erinnerst, dann denke an diese vier Worte.«

Maureen kämpfte im Traum darum, etwas von seinen Worten festzuhalten. Sie versuchte, sich die vier Worte zu merken. Und nun fand sie ihre Stimme wieder. Flüsternd brachte sie die Bestätigung hervor: »Die Zeit kehrt wieder.«

Isa lohnte es ihr, indem er sich vorbeugte und einen sanften, väterlichen Kuss auf ihre Stirn drückte.

»Erwache jetzt, mein Kind. Es ist notwendig, in diesem Fleisch aufzuerstehen, da alles in ihm ist. Und ängstige dich nicht, denn ich werde immer bei dir sein. Nun gehe ohne Angst und tue alles in Liebe. Ihr sollt also vollkommen sein.«

Maureen schreckte aus dem Schlaf und rang nach Luft, während sie nach der Nachttischlampe tastete und den Schalter drückte. Mit pochendem Herzen griff sie nach ihrem Notizbuch, das auf dem Nachttisch lag. Dann begann sie Isas Worte in der Reihenfolge zu notieren, wie sie ihr in den Sinn kamen. Sie begann mit seiner Anspielung auf das Buch der Liebe und hoffte, dass sie nichts vergessen würde. Sie unterstrich den Satz: »Schicksal und Bestimmung entstammen derselben Wurzel.« Was konnte das bedeuten? Maureen schüttelte den Kopf, als ihr aufging, wie absurd es war, dass Jesus ihr Unterricht in Etymologie erteilte.

Und wieder hatte er ein Versprechen erwähnt. Ein Versprechen, das sie gegeben hatte? Wann? In diesem Leben? Oder in einem anderen? Maureen glaubte eigentlich nicht an Reinkarnation und meinte zu wissen, dass solch ein Konzept der christlichen Lehre widersprach. Was aber konnte es sonst bedeuten? Ein Versprechen, das sie noch vor ihrer Geburt gegeben hatte?

Einen Augenblick lang sann sie über das blaue Licht nach. Es hatte aus den Seiten geleuchtet, als besäßen Isas Worte ein Eigenleben, das in diesem wundervollen, leuchtenden Indigo-Violett eingefangen war. Irgendetwas drängte in Maureens Erinnerung empor – aus irgendeinem Grund waren dieses Licht und diese Farbe wichtig. Sie musste sich unbedingt erinnern, aber hier und jetzt war ihr die Bedeutung noch ein Rätsel.

Sie schrieb: Ihr sollt also vollkommen sein. Das klang nach einem Bibelzitat. Sie würde den Satz Peter vorlegen; er würde es sicher wissen. Doch die Zeile davor klang gar nicht biblisch: Es ist notwendig, in diesem Fleisch aufzuerstehen, da alles in ihm ist.

Maureen blätterte eine Seite weiter und schrieb in großen Buchstaben:

DIE ZEIT KEHRT WIEDER

Prüfend überflog sie ihre Notizen und merkte, dass sie einen Satz vergessen hatte. Während Isas andere Worte sie lediglich verwirrten, waren diese – die er bereits in einem anderen Traum zu ihr gesprochen hatte – nachgerade beunruhigend. Unheilvoll. Unentrinnbar.

Aber dein Werk ist noch nicht vollendet.

Ihr Werk, so schien es, stand erst am Anfang.

Makeda, die Königin von Saba, traf mit großem Gefolge in Zion ein. Ihre Karawane war so lang, wie noch nie jemand eine erblickt hatte, und sie brachte dem großen König Salomon Gewürze, Gold und Edelsteine, dazu unzählige andere Geschenke. Makeda kam ohne Falsch, denn sie war eine reine und wahrheitsliebende Frau, jeder Täuschung abhold. Lug und Trug kannte sie nicht. So kam es, dass Makeda dem König Salomon alles erzählte, was ihr in den Sinn kam und auf dem Herzen lag, und sie wollte von ihm wissen, ob er die Fragen beantworten werde, die sie für ihn vorbereitet hatte. Dabei handelte es sich nicht, wie manche berichtet haben, um Rätsel, die Salomons Weisheit auf die Probe stellen sollten. Vielmehr waren es Fragen an das Herz und die Seele. Salomons Antworten würden ihr zeigen, ob sie tatsächlich dem gleichen Geist entsprungen waren und ob es ihr Schicksal war, den Hieros gamos zu feiern. Und doch brauchte sie zu guter Letzt diese Fragen gar nicht. Kaum dass sie Salomon sah und ihm in die Augen schaute, wusste Makeda, dass er ein Teil von ihr war, von Anbeginn der Ewigkeit bis zu ihrem Ende.

Salomon wiederum war augenblicklich von Makedas Schönheit verzaubert und entwaffnet von ihrer Ehrlichkeit. Die Weisheit, die er in ihren Augen sah, spiegelte seine eigene wider, und er wusste, dass die Propheten recht gehabt hatten: Hier war die Frau, die ihm ebenbürtig war. Und wie hätte es auch anders sein können, wenn sie die andere Hälfte seiner Seele war?

Und so begab es sich, dass Makeda, die Königin von Saba, nachdem sie all die Pracht des Salomon gesehen hatte, das Glück seiner Untertanen und alles, was er in seinem Reich geschaffen hatte, zum König sagte: »Was ich in meinem Land über deine Größe und Weisheit gehört habe, ist wahr, doch habe ich den Berichten nicht geglaubt, bis ich selbst hierhergekommen bin und es mit eigenen Augen gesehen habe. Deine Umsicht und der Wohlstand deines Volkes übertreffen alles, was ich gehört habe. Ach, wie glücklich sind deine Untertanen, die stets deiner Weisheit gewahr sind! Gesegnet sei der Herr, dein Gott, der Freude an dir und dich auf den Thron Israels gesetzt hat! Er hat dich zum König gemacht, auf dass du Gerechtigkeit an den Menschen übst.

Und gesegnet sei der Herr, dein Gott, der dich für mich gemacht hat - und mich für dich.«

Und so kamen die Königin von Saba und Salomon im Hieros gamos zusammen, jener Vereinigung von Mann und Frau, wie man sie nur nach göttlichem Gesetz findet. Makedas Göttin verschmolz mit Salomons Gott zu einer heiligen Einheit, und das Männliche und Weibliche wurden eins. Durch Salomon und Makeda kamen El und Ashera erneut im Fleisch zusammen.

Einen vollen Mondzyklus lang blieben sie im Brautgemach, einem Ort des Vertrauens und des Erkennens. Sie ließen nichts zwischen sich kommen, und es hieß, dass ihnen zu jener Zeit die Geheimnisse des Universums enthüllt worden seien. Gemeinsam fanden sie die Mysterien, die Gott mit der Welt teilen wollte. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Und doch wurden weder Salomon noch Makeda zum Geliebten des jeweils anderen, denn sie waren einander ebenbürtig; beide herrschten sie über ihr eigenes Reich und bestimmten ihr eigenes Schicksal. Und beide wussten sie, dass die Zeit kommen würde, da sie sich wieder ihren Pflichten zuwenden mussten. Erneut würden sie auf sich allein gestellt sein, doch mit neu gefundener Weisheit und Macht, denn das, was sie einander gegeben hatten, verlieh ihnen die Kraft, ihr jeweiliges Schicksal besser zu erfüllen.

Nach Makeda schrieb Salomon mehr als tausend Lieder, doch keines war ihrer Verbindung so würdig wie das Hohelied Salomons, das in sich die Geheimnisse des Hieros gamos trägt und erzählt, wie Gott in dieser Vereinigung gefunden wurde. Es heißt, Salomon habe viele Frauen gehabt, doch nur eine sei Teil seiner Seele gewesen. Auch wenn Makeda nie sein Weib nach den Gesetzen der Menschen war, so war sie doch sein einziges Weib nach den Gesetzen Gottes und der Natur, und das heißt, nach dem Gesetz der Liebe.

Als Makeda vom heiligen Berg Zion aufbrach, war ihr Herz schwer, denn sie musste den geliebten Mann verlassen. Das war das Schicksal vieler Zwillingsseelen in der Geschichte, dass sie zusammenkamen und gemeinsam die tiefsten Geheimnisse der Liebe erkundeten, um letztlich wieder vom Schicksal getrennt zu werden. Dies ist vielleicht die größte Prüfung der Liebe, das größte Mysterium von allen: zu verstehen, dass zwei Menschen, die einander wahrhaft lieben, nie getrennt werden können … weder durch Zeit noch Raum, noch nicht einmal durch den Tod.

Ist der Hieros gamos erst zwischen zwei Seelen vollzogen, so sie vom Schicksal dazu bestimmt sind, sind die Liebenden nie wieder getrennt.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Die Legende von Salomon und der Königin von Saba, zweiter Teil, wie sie im Libro Rosso bewahrt worden ist

Vatikan

Gegenwart

»Danke, Maggie.«

Sorgsam stellte Margaret Cusack das Teetablett auf Father Peter Healys Schreibtisch. Wie eine irische Henne gluckte sie um ihn und das Tablett herum, schenkte Tee ein, maß Zucker ab, gab ein Tröpfchen Sahne dazu. Maggie war das, was Peters Mutter eine alte Jungfer genannt hätte, eine Frau in einem gewissen Alter, die »weder Huhn noch Kind« ihr Eigen nannte. Stattdessen hatte sie als Haushälterin eines irischen Priesters Karriere gemacht, anfänglich als junges Ding in der Grafschaft Mayo. Als ihr Brotherr nach Rom versetzt wurde, war Maggie mitgegangen und geblieben. Sie lebte nun schon seit fünfzig Jahren in der heiligen Stadt.

Als Father Bernard vergangenes Jahr gestorben war, hatte Maggie sich als ein so treuer und unentbehrlicher Teil des Inventars erwiesen, dass man sie behielt, bis ein neuer Job für sie gefunden werden konnte. Ihre Ergebenheit der Kirche gegenüber war grenzenlos.

Margaret Cusack hatte ihrer Familie geschrieben, es sei ein wahrer Segen Gottes, dass dieser wunderbare Mann, Father Peter, gerade zur richtigen Zeit nach Rom gekommen sei. Dass Peter jung und charmant war – und noch dazu Ire –, stellte in Maggies Augen einen noch größeren Segen dar. Sie vermisste Irland schmerzlich und summte oft Balladen vor sich hin, während sie Father Peters Quartier putzte.

Heute summte sie ein Lied, das Peter aufhorchen ließ. Er kannte dieses Lied, hatte es jedoch jahrelang nicht mehr gehört. Es war ein Kirchenlied in gälischer Sprache, das er als Junge auf der Christian Brothers School gelernt hatte. Nun überraschte er Maggie, indem er in das Lied einfiel.

»Cead mile failte romhat a Iosa, a Iosa …«

Hunderttausend Mal willkommen, Jesus. In dem Lied wurde Jesus im Herzen und im Leben willkommen geheißen. Es war ein traditionelles Lied, doch Peter meinte sich zu erinnern, dass es auf uralte Zeilen zurückging, auf ein Lied aus der Morgenröte des Christentums, aus der Zeit von St. Patrick. Die irische Aussprache von Jesu Namen, Iosa, erinnerte ihn an Isa.

»Was für ein schönes Lied, Father, nicht wahr?«

»Das stimmt, Maggie. Und eben erst ist mir aufgefallen, dass ›Jesus‹ auf Gälisch ›Isa‹ heißt. Wussten Sie, dass er in vielen Sprachen Isa oder Issa genannt wird?«

»Kann nicht behaupten, dass ich das wüsste, Father, abgesehen von dem Irischen. Und nur wegen dem Lied. Ich kenn nicht mehr viel Irisch, aber die Lieder und die Gedichte bleiben ja immer.«

»Aye, das ist wahr.«

Er ließ das Thema fallen. Mit Maggie gab es außer ihrem katholischen Glauben nicht viel zu besprechen. Sie war streng orthodox, wie viele irische Frauen ihres Alters und ihrer Herkunft und wie fast alle Menschen, die Peter hier in Rom getroffen hatte. Es würde Maggie kaum interessieren, warum Maria Magdalena in ihrem Evangelium von Jesus als Isa sprach: Es war der familiäre Gebrauch seines griechischen Namens – familiär deshalb, weil Maria mit Jesus verheiratet war. Doch Maggie würde sich zur Buße wahrscheinlich zehntausend Ave-Marias auferlegen, sofern sie solche Blasphemie aus Father Peters Mund vernähme. Ihr früherer Arbeitgeber, Father Bernard, war ebenso ein Traditionalist der alten Schule gewesen wie sie.

Maggie war glücklich, wenn sie Peter bemuttern durfte, wenn sie ihm seine Mahlzeiten und den Tee brachte und seine kleine Wohnung aufräumte, die ihm gleichzeitig als Büro diente. Solange Peter ihre Gespräche auf alltägliche Dinge und Erinnerungen an die Heimat beschränkte, war Maggie unbeschwert und fröhlich wie eine kleine Lerche.

Zusätzlich zu ihren Pflichten als Haushälterin im Vatikan war Maggie ein engagiertes Mitglied der Bruderschaft der Heiligen Erscheinungen, die sich dem Verständnis und der Förderung von Marienerscheinungen auf der ganzen Welt verschrieben hatte. Maggie schleppte ständig Broschüren oder schmale Bändchen mit sich herum, um in ihren Arbeitspausen Berichte über Erscheinungen zu studieren. Auch jetzt ragte ein eselsohriges Bändchen aus ihrer breiten Schürzentasche.

»Was lesen Sie gerade?« Peter war stets neugierig.

»Das Leben der heiligen Schwester Lucia«, erwiderte Maggie und zog den Band aus der Schürze, um ihn Peter zu zeigen: Lucia dos Santos. Ihr Leben und ihre Visionen.

»Oh ja, Fátima. Bereitet ihr euch dieses Jahr auf den Jahrestag vor?«

»So ist es, Father. Es ist jetzt neunzig Jahre her, dass die Gesegnete Jungfrau den Kindern aus Fátima erschienen ist. Deshalb feiern wir einen besonderen Gedenktag.«

Das Telefon im angrenzenden Flur läutete. Maggie nahm den Hörer ab, während Peter einen Schluck Tee nahm. Er brauchte ein wenig Ruhe, weil er nachdenken musste über das, was Maureen ihm erzählt hatte. Peter war nicht nur ihr nächster lebender Verwandter; er war immer schon ihr geistiger Beistand gewesen. Sie hatten schwere Zeiten erlebt, und bei Maureens Suche nach dem Evangelium der Magdalena waren ihnen schmerzhafte Glaubensprüfungen auferlegt worden. Keine Stunde des Tages verging, ohne dass Peter sich fragte, ob er diese Prüfungen denn nun bestanden hatte oder nicht.

Nachdem Maureen ihr Leben riskiert hatte, um das uralte Dokument aus seinem Versteck in einer Höhle in Frankreich zu bergen, hatte Peter Maureen und ihre Freunde im Château getäuscht und das Schriftstück der Kirche zugespielt.

Maureen und die anderen getäuscht? Nein, sagte sich Peter. Nenne das Kind beim Namen. Du hast das Dokument gestohlen wie ein Dieb in der Nacht.

Obwohl Peter seither in Selbstverachtung schwelgte – zum damaligen Zeitpunkt waren seine Motive ehrenhaft gewesen. Vor allem hatte er sich eingeredet, dass er Maureen beschützte, wenn er das Dokument in die Obhut der Kirche gab. Leider hatten sie und ihre Freunde das anders gesehen. Den größeren Teil der vergangenen zwei Jahre hatte Peter mit dem Versuch verbracht, ihre Freundschaft wieder zu kitten, und dabei hatte er sich auf Maria Magdalenas Botschaft stützen können. Da ihr Evangelium besonderen Wert auf die Macht der Vergebung legte, wäre Maureen sich wie eine Heuchlerin vorgekommen, hätte sie Peter unter den besonderen Umständen nicht verziehen.

Sich selbst jedoch hatte Peter noch nicht vergeben. Als er mit der Übersetzung des Evangeliums begonnen hatte, war er von seinen Enthüllungen bis ins Innerste erschüttert worden. Ihm war klar geworden, dass ein so wichtiges Bindeglied zur Geschichte des Christentums in die Hände der Kirche gehörte, wo die besten Experten für eine Analyse zur Verfügung standen und die Echtheit des Dokuments feststellen konnten. Deshalb hielt Peter es damals für das Beste, das Original den vatikanischen Einrichtungen in Rom zu übergeben. Im Gegenzug war ihm gestattet worden, an der laufenden Untersuchung des umstrittenen Evangeliums teilzunehmen.

Doch es war ein klägliches Leben. Peter sah sich täglich mit der Bürokratie und den hierarchischen Strukturen des Vatikans konfrontiert, wo er als Außenseiter betrachtet wurde. Er galt beileibe nicht als Held, weil er ein unschätzbar wertvolles Schriftstück in die Hände der Kirche gegeben hatte, sondern als Mitwirkender bei einer ungeheuren Ketzerei. Da Peter das Evangelium der Magdalena selbst übersetzt hatte, ehe er es den vatikanischen Behörden übergab, waren Zweifel an seiner Loyalität laut geworden. Er wusste, was in dem Text stand, und schlimmer noch – er hatte seine Cousine eingeweiht, die umgehend einen Bestseller darüber geschrieben hatte. Tief in seinem Innern war Peter von der Echtheit des Dokuments überzeugt und fand, es müsse gar nicht weiter geprüft werden. Doch viele Kirchenmänner im Vatikan waren anderer Meinung, und so wurde Peter häufig mundtot gemacht, wenn er sich Gehör verschaffen wollte. Es gab Augenblicke, da er das Gefühl hatte, unter Hausarrest zu stehen, anstatt an der Forschungsarbeit teilzuhaben. In ganz Rom gab es nur einen Verbündeten, auf den Peter sich verlassen konnte. Zum Glück war es ein sehr mächtiger Verbündeter. Peter betete jede Nacht darum, dass die anderen Mitglieder des Komitees endlich das Licht der Wahrheit in ihre Herzen ließen. Er lebte für den Tag, an dem er Maureen würde mitteilen können, dass Magdalena als Verfasserin feststand und mehr noch: Dass sie rehabilitiert war.

Doch inzwischen hatten sich neue Verwicklungen ergeben. Maureen stand erneut vor einem spirituellen Durchbruch, ob es ihr bewusst war oder nicht. Peter hatte das alles schon einmal erlebt: Die Zunahme ihrer visionären Träume, die zu einer raschen Abfolge gleichzeitiger Ereignisse führten, die nur durch göttliches Eingreifen erklärt werden konnten. Diese Ereignisse hatten Maureen vor zwei Jahren zur Entdeckung des Magdalena-Evangeliums geführt. Nun wurde sie erneut von Träumen heimgesucht – und es war Jesus, der in Worten aus der Heiligen Schrift zu ihr sprach.

Ihr sollt also vollkommen sein.

Die Zeile stammte aus dem Matthäus-Evangelium. Es war ein Zitat aus der Bergpredigt, das unmittelbar auf Jesu Appell folgte, seine Feinde zu lieben. Gewiss war dieses Gebot ein Eckpfeiler des Christentums, aber was hatte es im Zusammenhang mit Maureens Traum zu bedeuten?

Noch seltsamer war die Zeile: Es ist notwendig, in diesem Fleisch aufzuerstehen, da alles in ihm ist. Peter erkannte das Zitat auf Anhieb. Es stammte aus den umstrittenen gnostischen Evangelien, die 1945 in Ägypten entdeckt worden waren. Peter erinnerte sich, dass die Zeile aus dem Philippus-Evangelium stammte. Noch besser war ihm eine andere Zeile aus dem antiken Text präsent: Wenn man nicht die Auferstehung zu Lebzeiten empfängt, wird man nichts empfangen, wenn man stirbt. Peter konnte sich so genau erinnern, weil er in Jerusalem, wo er einen Teil seiner Ausbildung zum Jesuiten absolviert hatte, an Debatten über die Bedeutung dieser Zeilen teilgenommen hatte. In den gnostischen Schriften wurde unter anderem die Auffassung vertreten, das Leben auf Erden, mit Betonung auch der körperlichen Existenz, sei von gleicher Wichtigkeit wie das Leben nach dem Tod, vielleicht sogar noch wichtiger. Dieses Konzept passte dem orthodoxen Katholizismus aus offensichtlichen Gründen nicht; manche würden es sogar für Häresie erklären. Dennoch war es ein Schlüsselbegriff der gnostischen Texte. Lange schon war Peter von der gnostischen Sichtweise fasziniert. Er hatte versucht, seinen konservativeren Brüdern nahezubringen, dass diese Texte in den letzten zweitausend Jahren nicht verändert, zergliedert, lektoriert und übersetzt worden waren und deshalb in gewisser Weise unangetastet, was sie einer ernsthaften Betrachtung würdig machte.

Doch die Gegner der gnostischen Texte vertraten die Auffassung, dass sie viel zu spät – mehrere Generationen nach Jesus – geschrieben worden seien, als dass man sie noch als gültig einstufen könne. Dabei stützten sie sich darauf, dass manche Apokryphen auf die Mitte des dritten Jahrhunderts datiert wurden.

Peter fand es bedauerlich, ja tragisch, dass die Kirche eine so unbeugsame Haltung einnahm, was die gnostischen Schriften anging. Warum musste es immer Schwarz oder Weiß sein? Warum mussten die gnostischen Evangelien im Widerspruch zu den kanonischen Schriften stehen? Konnte man sie nicht als Ergänzung begreifen, als Zuwachs an Wissen über Jesus und seine Lehren?

Und nun träumte Maureen wieder von Jesus, und der Herr selbst zitierte sowohl aus kanonischen als auch aus den apokryphen Texten! Es war faszinierend. Und da Peter Maureens Geschichte kannte, sah er die Möglichkeit, dass aus ihrem Traum etwas erwuchs, das sich kein Mensch auf Erden auch nur vorstellen konnte.

Im Augenblick jedoch waren die beiden mittelalterlichen Schriftrollen wichtiger.

Viel Zeit blieb ihm nicht. Maggie kam ins Zimmer, wie immer schrecklich aufgeregt, wenn ein hochrangiges Mitglied der Geistlichkeit etwas von Peter wollte.

»Padre Girolamo hat eben angerufen. Er sagt, Sie sollen sofort in sein Büro kommen. Es geht um Kardinal DeCaro und ein altes Dokument.«

Bruderschaft der Heiligen Erscheinungen

Vatikan

Gegenwart

Padre Girolamo de Pazzi war todmüde. Es war die Erschöpfung, die jene Menschen befällt, die Wichtigeres zu tun haben, als an ihre eigene Bequemlichkeit zu denken. Padre Girolamo diente dem Unbefleckten Herzen der Gesegneten Jungfrau Maria, indem er unermüdlich im Dienste der Bruderschaft der Heiligen Erscheinungen tätig war. Seine öffentliche Arbeit konzentrierte sich auf das Verständnis von Visionen und Visionären, die seit fünfhundert Jahren von der Kirche heilig gesprochen worden waren.

Seine private Arbeit konzentrierte sich jedoch auf etwas anderes. Hinter verschlossenen Türen widmete Padre Girolamo sich einem anderen, fesselnderen Typus des Propheten – oder, korrekter ausgedrückt, einer Prophetin. Es gab eine Reihe von Frauen aus einer gemeinsamen Abstammungslinie, die über die Jahrhunderte hinweg mächtige und bedeutsame Visionen erfahren hatten. Im Laufe der Geschichte hatte man ihnen unterschiedliche Namen gegeben: Man kannte sie als Magdalenen, Schäferinnen, Schwarze Madonnen, Päpstinnen und Verheißene. Padre Girolamo hatte ihre Biografien bis ins Detail studiert. Manche, wie die schwer fassbare Sarah-Tamar oder Modesta, waren aufgrund der zeitlichen Kluft nur spärlich dokumentiert, während über Teresa von Ávila vieles zu finden war. Der Padre durchkämmte die Lebensgeschichten dieser Prophetinnen und suchte nach Antworten auf die Fragen, die ihn quälten:

Warum? Warum war gerade diesen Frauen von Gott diese besondere Gabe verliehen worden?

Und was? Woraus bestand ihr Wissen, das selbst für die heiligsten Männer unerreichbar war?

Er betrachtete die alte Handschrift, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Sie beschäftigte ihn Tag und Nacht. Einst hatte sie zur unschätzbar wertvollen Sammlung Papst Urban des VIII. gehört. Sie enthielt eine Reihe Prophezeiungen in Gedichtform, teils französisch, teils italienisch, die über viele Generationen hinweg schriftlich niedergelegt worden waren. Da sämtliche Verse aus Vierzeilern bestanden, so genannten Quatrains, hatten frühere Gelehrte das Werk dem französischen Propheten Nostradamus zugeschrieben. Und so war das Manuskript seit hundert Jahren in der Bibliotheca Apostolica unter »Nostradamus« katalogisiert gewesen, ehe Padre Girolamo es rettete. Er wusste, dass das Dokument potenziell wertvoll war und mit Sicherheit nicht nur von einem Autor stammte – eher schien es Jahrhunderte zu umspannen. Und obwohl die Verse wieder und wieder übersetzt worden waren, fehlte ihm immer noch der Schlüssel zu ihrem Verständnis. Die Quatrains waren in einer Art Code verfasst, in einer prophetischen Sprache, die vermutlich nur der würde begreifen können, der zu ihrem Verständnis geboren war.

Dennoch wagte Padre Girolamo einen neuen Versuch. Er drehte und wendete die Zeilen, nahm sie gleichsam auseinander auf der Suche nach verborgenen Bedeutungen, eine nach der anderen. Wie jedes Mal widmete er dieser Arbeit mehrere Stunden. Von einer der Prophezeiungen war er geradezu besessen; es war ein französischer Vers, der mit den Worten Le temps revient begann. Die Zeit kehrt wieder.

Ratlos starrte der Padre auf die Seite. Er wünschte, mit reiner Willenskraft die Bedeutung des Satzes und der ihm folgenden Prophezeiung herbeizwingen zu können. In einer Hand hielt er einen zierlichen Glasbehälter in Form eines Medaillons, der die Reliquie einer Seherin enthielt. Er betete darum, dass das Reliquiar ihm bei der Übersetzung helfen möge, doch bislang hatten die Worte ihm ihren Sinn noch nicht offenbart.

Der alte Priester lehnte sich seufzend zurück. Zwar war er in Rom zuhause und hatte dort den größten Teil seines Lebens verbracht; die Bruderschaft jedoch, der er angehörte, war im Mittelalter in der Toskana begründet worden. Und heute fühlte Girolamo sich so müde, als hätte er diese Bruderschaft seit dem Mittelalter geleitet.

Doch es war noch mehr Arbeit zu tun, denn es gab noch ein anderes Dokument, das seiner Aufmerksamkeit harrte. Behutsam legte er das Buch der Prophezeiungen in die verschließbare Schublade, das geheime Versteck des Schatzes.

Peter Healy würde gleich kommen. Und Girolamo musste sich überlegen, was er ihm bezüglich der neuen, fesselnden Entwicklung sagen sollte.

Peter stand vor dem gewaltigen Gobelin, der eine ganze Wand im privaten Büro der Bruderschaft bedeckte. Wie die berühmteren Einhorn-Wandteppiche in Museen von Paris und New York war auch dieses Stück im Holland des späten fünfzehnten Jahrhunderts gewebt worden. Es trug den Titel »Der Tod des Einhorns« und zeigte eine kunstvolle Jagdszene. Das mythische Tier war von Speer werfenden Jägern umgeben, und jeder von ihnen stieß seine Waffe in den Körper der eingekesselten Kreatur. Außerdem blutete das Tier aus klaffenden Wunden, die ihm von den Jagdhunden beigebracht wurden. Im Vordergrund kündete ein Trompeter mit großem Zeremoniell vom Tod des Tieres. Der Gobelin war ein Meisterstück flämischer Künstler, das Sujet allerdings mochte Uneingeweihte verwirren.

»Wunderschön, nicht wahr?«, ließ sich nun Padre Girolamo de Pazzis Stimme, in nahezu sieben Jahrzehnten auf der Kanzel rau geworden, in Peters Rücken vernehmen.

Peter nickte und lächelte zur Begrüßung. »Ich liebe die Einhorn-Gobelins. Die Darstellung ist grausam, aber sie ist auch schön.«

»Auch der Tod unseres Herrn war grausam, und ebendaran soll dieses Kunstwerk uns erinnern. Der Erlöser starb auf schreckliche Weise für unsere Sünden.« Der alte Priester winkte. »Kommen Sie in mein Arbeitszimmer, Peter. Ich muss Ihnen etwas zeigen.«

Peter folgte Padre Girolamo in angenehmem Schweigen. Seitdem er in Rom war, hatte der Padre sich als Freund erwiesen. Kennen gelernt hatten sie sich durch Maggie Cusack, die engagierteste Mitarbeiterin in der Bruderschaft des alten Mannes. Peter hatte zwar schon viel Zeit mit Girolamo verbracht, doch in das innere Heiligtum der Arbeitsräume der Bruderschaft war er noch nicht vorgelassen worden. Es war ein sehr abgeschiedener Ort. Als der alte Mann die Tür hinter ihnen schloss, wusste Peter, dass nun ein Geheimnis enthüllt werden würde. Doch das war keine Überraschung: Peter hatte schon seit Längerem begriffen, dass der Vatikan auf Geheimnissen aufgebaut war und von ihnen zehrte.

Mitten auf Padre Girolamos altem Schreibtisch ruhte das Dokument, das Maureen in New York erhalten hatte. Peter hatte keine Ahnung, was hier gespielt wurde, doch eines wusste er: Er hatte dieses Dokument nicht Padre Girolamo gegeben, sondern Tomas Kardinal DeCaro, seinem Mentor.

»Setzen Sie sich«, sagte Girolamo mit sanftem Nachdruck, und Peter nahm auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz. »Sie haben Tomas dieses Dokument gebracht, und er hat es an mich weitergegeben. Er wäre selbst anwesend, musste jedoch in Kirchenangelegenheiten nach Siena reisen. Aber er vertraut mir, deshalb können auch Sie mir vertrauen. Nun denn – ich werde Ihnen sagen, weshalb er mir das Schriftstück gegeben hat. Ich stamme aus der Toskana, und meine Leidenschaft ist seit Jahrzehnten das Studium der toskanischen Geschichte in Verbindung mit der Kirche. Als dieses seltene und wichtige Dokument auftauchte, wusste unser gemeinsamer Freund, dass ich die Bedeutung dieser Urkunde verstehen würde. Und genauso ist es. Dieses Schriftstück erzählt von der Grande Contessa, Mathilde von Tuszien, oder, um eine moderne Bezeichnung zu benutzen, Mathilde von Toskana. Wissen Sie, wer diese Frau war?«

Peter schüttelte den Kopf.

»Dann sollen Sie es hören. Wie viele Male sind Sie schon im Petersdom gewesen?«

Peter zuckte die Achseln. »Hundert Mal bestimmt.«

»Dann sind Sie hundert Mal an der Markgräfin Mathilde vorbeispaziert. Sie liegt an einem Ehrenplatz begraben, unter einem Marmorgrabmal, geschaffen von Gianlorenzo Bernini, einem der großen Meister des Barock, keine fünfzig Meter von dem ersten Apostel entfernt.«

»Sie ist im Petersdom begraben?« Peter mochte es kaum glauben. Er hätte nicht gedacht, dass überhaupt eine Frau im Sankt Peter begraben läge, und noch viel weniger an einem solchen Ehrenplatz. »Warum?«

Padre Girolamo lachte leise. »Das hängt davon ab, wen Sie fragen. Aber da ich es bin, dem Sie die Frage stellen, will ich Ihnen antworten: Weil Mathilde eine sehr fromme Frau war und eine großzügige Spenderin, die ihren gesamten Besitz dem Papst hinterließ.«

»Weshalb sollte jemand Maureen ein Schriftstück über diese Markgräfin Mathilde schicken?«

»Genau das ist die Frage. Ich habe große Sorgen, was die Absichten dieser Person angeht – oder der Personen –, die uns dieses Dokument anonym geschickt haben. Falls wir ihre Identität und ihre Absichten bestimmen können, ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass wir Stillschweigen wahren.«

»Sie glauben, es könnte gefährlich werden?«

Der alte Mann nickte. »Oh ja. Peter, Sie sind einer der besten Linguisten aus der jesuitischen Schule. Sie haben dieses Dokument nicht zur Übersetzung eingereicht. Also wissen Sie bereits, was darin steht. Habe ich recht?«

Peter nickte. »Jetzt hoffe ich nur, dass seine Echtheit festgestellt wurde, damit wir sicher sein können.«

»Es ist echt. Deshalb bereitet es mir ja so große Sorgen. Seien Sie vorsichtig, mein Sohn. Ich weiß, so ein Geschenk mag wohlwollend erscheinen, aber ich bin anderer Meinung. Ich denke, dass jemand Ihre Cousine benutzen will. Tomas ist ebenfalls dieser Ansicht, deshalb ist er damit zu mir gekommen.«

»Was meinen Sie damit, dass jemand Maureen benutzen will?«

»Denken Sie nach, Peter. Unser Freund Tomas ist nicht nur deshalb zu mir gekommen, weil ich Toskaner bin, sondern auch Fachmann für visionäre Erfahrungen. Und wenn es eines gibt, das ich in den langen Jahren meiner Studien gelernt habe, dann dies: Wahre Seher werden geboren. Man kann nicht durch einen bloßen Willensakt Seher werden oder eine Schulung durchlaufen. Entweder man ist Seher oder man ist es nicht, dazwischen gibt es nichts. Deshalb ist ein echter Prophet oder eine Prophetin etwas so Seltenes und Wertvolles. Und Ihre Cousine ist hier eine Art Berühmtheit, wie Sie ja wohl wissen.«

Peter lächelte. Maureen war in den Mauern der Vatikanstadt eher berüchtigt: als Kuriosum, als Ketzerin und Abtrünnige, und schlimmer noch, als Frau – doch gleichzeitig war sie eine Macht, die nicht vollkommen ignoriert werden konnte. Immerhin hatte sie, geleitet von Träumen und Visionen, die bedeutendste christliche Entdeckung ihrer Zeit gemacht.

»Ob nun die konservativeren Kirchenoberen Ihre Cousine gutheißen oder ablehnen, spielt keine Rolle. Unbestreitbar ist, dass ihre Visionen sie zu bisher unerreichten Leistungen gebracht haben. Deshalb versucht meines Erachtens irgendjemand, sie zu benutzen – er will unbedingt das Buch finden, von dem in diesem Dokument die Rede ist. Und hat Ihre Cousine es erst einmal gefunden, wird dieser Jemand ihren Tod wünschen, damit die Geschichte des Buches nicht verbreitet wird. Maureen muss sehr, sehr vorsichtig sein – und das gilt auch für Sie.«

Der alte Priester versank so tief in Gedanken, dass Peter schon fürchtete, er wäre eingeschlafen. Doch als Padre Girolamo schließlich wieder die Augen öffnete, blickten sie klar und voller Tatendrang.

»P

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