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Das Jahrhundert der Manns

Informationen zum Buch

»Ich glaube, dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.« Marcel Reich-Ranicki

Das Buch des ausgewiesenen Biographen Manfred Flügge entwickelt ein mehr als hundert Jahre umspannendes Panorama der legendären Literatenfamilie.

Diese erste Familienbiographie der Manns ermöglicht ein neues Verständnis der geistigen, politischen und kulturellen Entwicklung Deutschlands bis heute.

»Es ist doch eine wirklich erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder.« Thomas Mann an Klaus Mann, 1942

»Die Manns«, das ist eine Glücksgeschichte, die aus lauter kleinen Tragödien besteht. Von Lübeck bis Venedig, von München bis Los Angeles, von Capri bis Halifax, von Nidden bis Paraty reichen die Schicksalswege der Mitglieder dieser besonderen Familie, deren Erlebnisse ein Jahrhundert beleuchten und deren Texte alle Themen ihrer Zeit berührt haben.

Manfred Flügge schildert die Familiengeschichte der Manns, wobei er auch auf die Familienzweige der Dohms und der Pringsheims eingeht. Das politische Denken und Handeln sowie die wichtigsten literarischen Werke der Manns stellt er in engem Zusammenhang mit Zeit- und Lebensgeschichte dar. Indem Thomas Mann an einer Humanisierung des Mythos arbeitete, wurden er und die Seinen selber zu einem Monument der deutschen Kulturgeschichte.

Über Konflikte und Missverständnisse hinweg hat Deutschland aus dem Wirken der Manns vielfachen Nutzen gezogen. Wie zwischen dem Erscheinen der ersten Romane der Brüder Mann im Jahr 1901 bis zur Ausstrahlung der Fernsehserie »Die Manns« im Jahr 2001 mit dieser produktiven und provozierenden Familie umgegangen wurde, das besagte stets auch etwas über den Zustand des Landes.

Manfred Flügge

Das Jahrhundert der Manns

Aufbau

Will es denn das Schicksal, daß unsere Existenz symbolisch wird, so haben wir uns diesem Schicksal zu stellen.

Thomas Mann, Paulskirche 1949

Man kennt meine Herkunft aus dem Roman meines Bruders.

Heinrich Mann, 1944

Wir alle waren bestimmt, Weltkinder zu sein.

Monika Mann

Es ist doch eine wirklich erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder.

Thomas Mann an Klaus Mann, 1942

Widmung.tif

Für Mahmud Haddadi (Teheran),

der die Werke von Heinrich Mann und Thomas Mann

ins Persische übersetzt

Manns

Vorsicht ist geboten bei allen Personen namens Mann.

Ordnungsamt Lübeck, Dezember 1936

Im Sommer 1997 reiste Frido Mann zum ersten Mal nach Nidden, einem kleinen Ort auf der Kurischen Nehrung. Oberhalb des Ostseestrandes stand noch immer das geräumige Sommerhaus seiner Großeltern. Bei einem Abstecher von Königsberg aus hatten sie den Ort im Jahr 1929 entdeckt und beschlossen, dort ein Feriendomizil zu errichten. Als das braungestrichene Holzhaus mit Strohdach und blauen Fensterläden im Sommer 1930 bezogen wurde, kam es zu einem Auflauf wie bei einem Volksfest. Die Einheimischen feierten den zum Nobelpreisträger avancierten Autor und seine Angehörigen. Auch in den beiden folgenden Jahren verbrachten die Manns hier ausgedehnte Ferien, dann beendete das Exil diese Phase. In wechselndem Besitz überdauerte das Gebäude die Jahrzehnte und Regime, ehe es im souveränen Litauen restauriert und als Thomas-Mann-Kulturzentrum eingeweiht werden konnte.

Frido Mann ist mehrmals wiedergekommen und konnte erleben, wie sich an diesem Ort auf der schmalen Landzunge zwischen Meer und Haff die Epochen überlagern und alle noch spürbar sind. 1997 reiste er auch in den brasilianischen Küstenort Paraty, wo seine Urgroßmutter Julia da Silva-Bruhns geboren wurde, die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Von Nidden bis Paraty, von Lübeck bis Venedig, von München bis Los Angeles, von Capri bis Halifax reichen die Schicksalswege der Mitglieder dieser besonderen Familie, deren Erlebnisse ein Jahrhundert beleuchtet und deren Werke alle Themen ihrer Zeit berührt haben.

»Die Manns kommen!« Dieser Schreckensruf tönte Thomas Mann entgegen, als er eines Tages in der Nähe seines Münchner Hauses mit seinem Hund spazieren ging. Ein paar Kinder flüchteten … vor seinem eigenen Nachwuchs. »Die Mannkinder«, wie man auch sagte, ärgerten ihre Nachbarschaft mit Telefonterror, Ladendiebstählen und anderen bösen Streichen (vielleicht weil im Haus des Vaters immer Ruhe herrschen musste). Kadidja Wedekind erinnerte sich: »Zuweilen, wenn wir so am Isarufer hinpilgerten, begegneten wir vor einer eleganten Villa einigen finster blickenden, etwas verwahrlosten Kindern, und wir erfuhren, daß dies ›Thomas Manns‹ seien.«

Der Roman, der den Grundstein für den Mythos der Familie Mann bildete, trägt in seinem Titel keinen bestimmten Artikel: Buddenbrooks. Im Deutschen werden Personennamen ohne Artikel gebraucht. Für Vornamen gelten regional geprägte Eigenheiten, mal mit, mal ohne Artikel. Wer die Sippschaft meint, sollte also sagen: Bei Manns wurde Weihnachten seit Generationen groß gefeiert. Und doch heißt es längst überall Die Manns, als handle es sich um eine Firma, ein Unternehmen, ein Markenzeichen. Dabei schwingt etwas Abschätziges mit, im Sinne von »diese Manns«, mit denen es, wie man ja wisse, etwas Besonderes auf sich habe.

Auf ihrer Weltreise von 1927 traten Klaus und Erika Mann als »die literarischen Mann-Zwillinge« auf, als Angehörige eines Kollektivs wie Kinder aus einer berühmten Zirkusfamilie. Vielleicht hatte sie Rudolf Grossmanns bebilderter Artikel »Die Romanzwillinge. Thomas und Heinrich Mann« auf diese Idee gebracht, der am 9. Februar 1926 im Berliner Tageblatt erschienen war. Die Pluralform bezog sich ursprünglich auf das schreibende Brüderpaar mit seinen Unterschieden in Schreib- und Lebensstil, im Denken und öffentlichen Auftreten. Im November 1918 wurden in München Postkarten mit den beiden Türmen der Frauenkirche gedruckt, deren Kuppeln jeweils die Köpfe der beiden Romanciers darstellten: »Feindliche Brüder?« Links der schmunzelnde Heinrich über einer roten Fahne, rechts Thomas, missmutig hinüberschielend und von lästigen Krähen umschwärmt.

Schon als junger Autor war Klaus Mann Gegenstand von Karikaturen. Th. Th. Heine zeichnete ihn 1925 im Simplicissimus mit einem Manuskript in der Hand, hinter seinem Vater stehend: »Du weißt doch, Papa, Genies haben niemals geniale Söhne, also bist du kein Genie.« Egon Friedrich Maria Aders illustrierte seinen Artikel »Die Dichterdynastie Mann«, der 1927 in der Essener Wochenschau erschien, mit eigenen Zeichnungen: »Heinrich: Aristokrat und Grandseigneur in Gang und Haltung, Manieren und Kleidung, nicht aber im Zuschnitt der Lebensführung, der Behausung und der Repräsentation«. Thomas skizzierte er flau, glatt, konturlos; im Text hieß es, man würde ihn nie für einen Dichter halten, gleichwohl umgebe ihn ein besonderer Glanz im Gegensatz zu Heinrich. »Klaus Mann, der älteste Sohn von Thomas, auch bereits als Dichter bekannt, ist ein sehr begabter Junge, jedenfalls besser als seine allzu scharfen Kritiker.« Klaus wurde im Halbprofil gezeichnet, mit stark betonter Nase.

Im Mai 1929 veröffentlichten die Leipziger Neuesten Nachrichten folgende Karikatur: »Die Familie Mann, Heinrich, Thomas, Klaus und Erika, marschieren unter dem Ruf ›Selbst ist der Mann‹ geschlossen in Weimar ein, um dort ihren eigenen Dichtertag abzuhalten.« Auf der Zeichnung paradieren sie etwas unpassend im Stechschritt, Klaus trägt kurze Hosen. Als Kollektiv tauchten die schreibenden Manns 1930 in Ottomar Starkes Kleinem Literaturbilderbogen auf, einer gezeichneten Kolumne, die regelmäßig in der Zeitschrift Literarische Welt erschien. Die Porträts von Heinrich und Thomas Mann wurden mit Lorbeerkränzen verziert, der ovale Bilderrahmen für Klaus Mann blieb leer (»Klaus noch nicht«).

Ganz beiläufig erhielt der Begriff den bestimmten Artikel in einer kleinen Parodie mit dem Titel »Literatur = Conference. The Th. & H. Mann Family« im Berliner Tageblatt vom 1. Januar 1931. Paul Nikolaus, damals der bekannteste Conférencier der Hauptstadt, ließ für die Neujahrsausgabe der Zeitung einige Dichter wie auf einer Kabarettbühne auftreten. Zu dieser Konferenz erschienen »vier Mann«, nämlich Heinrich, Thomas, Erika und Klaus. Hier ist die Rede davon, »dass die Manns Lübecker sind« und dass die Kinder Klaus und Erika »literarisch erblich belastet« seien. In der NS-Presse wurden die Manns kollektiv verhöhnt, wobei Heinrich Mann der Lieblingsfeind war und mit antisemitischen Klischees verunziert wurde. Nach dem Januar 1933 nahmen die bösartigen Karikaturen zu. Auch auf ihre Exilorte am Mittelmeer wurde dabei angespielt.

Nach 1945 dauerte es lange, ehe die Manns öffentlich wieder als Kollektiv wahrgenommen wurden. Walter Arthur Berendsohn publizierte 1973 eine Sammlung von Aufsätzen und Besprechungen unter dem Titel Thomas Mann und die Seinen; Marcel Reich-Ranicki brachte 1987 eine Essay-Sammlung unter demselben Titel heraus. Schon lange vor Heinrich Breloers TV-Dokumentarspiel aus dem Jahr 2001 finden sich viele Belege für die Formel Die Manns.

Die beiden ältesten Söhne eines Lübecker Kaufmanns und dessen musisch begabter Frau wenden sich zu Beginn der 1890er Jahre vom Getreidehandel ab, dem ihre Vorfahren Ansehen und Wohlstand verdankten. Nach einer familiären Katastrophe – Tod des Vaters, Untergang der Firma – und nach zehn Jahren des Suchens, Irrens, Reifens verleihen beide Brüder ab etwa 1900 ihrem Namen Glanz und Klang auf dem Feld der Literatur. Sie selbst wie auch die folgende Generation sind von einer besonderen Aura umgeben, doch ist ihr Prestige mit menschlichen Dramen und massiven Anfeindungen erkauft. Die Lebensgeschichten der einzelnen Mitglieder der literarischen Dynastie beschäftigen die Öffentlichkeit noch Jahrzehnte nach dem Tod der Gründerfiguren, machen sie als Familienverband zu einem »Monument« der deutschen, ja der europäischen Kulturgeschichte, mitsamt einer amerikanischen Phase.

»[…] es ist ja alles schon so oft erzählt worden, Süßes und Herbes, von Hoffnung und Resignation, Stolz und Ehrgeiz, Neid, Liebe und Wollust, Spott und Verzweiflung«, diese Worte aus einer Erzählung des jungen Golo Mann gelten längst für »die Manns« insgesamt. Es fehlt nur noch ein Gesellschaftsspiel: Nenne mir deinen Lieblings-Mann! Gemeint ist: Wer aus der Generationenfolge der Manns und ihrem Umfeld ist deine Lieblingsgestalt? Dabei sollten die Pringsheims, die Vorfahren von Katia Mann, einbezogen werden, denn durch sie wird die Familiengeschichte um einen jüdischen Schicksalskomplex erweitert. Dieses Ranking-Spiel könnte Anlass zu ernsten und heiteren Vergleichen sein und dabei helfen, uns bewusst zu machen, was wir an den Manns haben: eine große Saga voller Glanz und Glorie, voller Widersprüche und Leid, voller Irrtümer und Sonderwege, voller Errungenschaften und Gedächtnisorte, kurzum: einen Königsweg zum Verstehen von Gesellschaft und Geschichte in Deutschland, von Deutschlands Position in der Welt und einen Spiegel, in dem wir manche Züge und Neigungen der Deutschen besser erkennen können.

Der Aufstieg zum Mythos eines Landes wurde durch die Magie der Literatur bewirkt, aber auch durch nachhaltige Engagements in öffentlichen Angelegenheiten zwischen dem Kaiserreich und der Zeit der deutschen Teilung, über die NS-Zeit, das Exil und beide Weltkriege hinweg. Begründer der neuen Dynastie war Heinrich Mann, der als erster eine literarische Existenz wählte. Der jüngere Bruder Thomas folgte seinem Beispiel und erlangte höchsten Ruhm. Doch erst durch das eigenständige künstlerische und politische Auftreten der »Kinder der Manns« wurde der kulturelle Clan zu einem generationenübergreifenden Gebilde, das an die griechische Mythologie erinnert.

Schon als Kind hatte Thomas Mann gerne »Zeus« gespielt. Zu einer Art Göttervater geworden, versammelte er um sich und seine Gattin eine muntere Schar von Nebengöttinnen und -göttern, Halbgöttern, zu Göttern geadelten Helden und Heldinnen, Gefährtinnen und Gefährten, Geliebten, Hausfreunden und Haustieren und natürlich auch von hartnäckigen Gegenspielern und Todfeinden. Zu allen gehören ihre Kose- und Spitznamen, ihre bezeichnenden Anekdoten, fröhlich gemischt aus Dichtung und Halbwahrheit, von Forschern humorlos entwirrt. Was immer sie taten oder was ihnen zustieß – es war nur eine Spielart der Kernidentität, eines geschlossenen Seelenkosmos, der von den beiden Zentralgestalten zusammengehalten wurde. Manns also, oder »in Gottes Namen denn«: Die Manns.

Herkunft

Dies ist eine kleine, alte Handelsstadt, mancher verlässt sie nie.

Heinrich Mann, Eine Liebesgeschichte, 1936

Lübeck war einst die mächtigste Hansestadt und nach Köln die zweitgrößte Stadt im Alten Reich. Im 12. Jahrhundert zwischen zwei Flussarmen auf einer länglichen Anhöhe gegründet, erhielt die Stadt 1226 die Reichsfreiheit, die bis in die Neuzeit verteidigt wurde. Ihre Selbstverwaltung bestand auch nach 1866 innerhalb des Norddeutschen Bundes; 1871 trat sie dem geeinten Reich als eigenständiges Land bei. Erst unter dem NS-Regime verlor Lübeck im Jahr 1937 seinen Status. Damit entfiel die bis dahin erhaltene lübecksche Staatsangehörigkeit, die auch in den Pässen der Manns vermerkt gewesen war. Nach 1945 wurde die Stadt dem Land Schleswig-Holstein zugeordnet.

Lübeck war ein in sich geschlossenes Kunstwerk mit seiner Insellage, seinen Stadttoren, seinen bedeutenden Kirchen, seinem Rathaus, den engen, langen Straßen, den Gassen, Hinterhöfen und Gängen. Etwa 100 große Familien bestimmten das politische Leben. Als Stoff und Schauplatz der Literatur war die Stadt erst noch zu entdecken. Ehrgeizige Kaufleute hatte sie immer schon angezogen.

Im Jahr 1775 war ein Johann Siegmund Mann als vierzehnjähriger Kaufmannslehrling von Rostock nach Lübeck gekommen. Schon von dessen mecklenburgischen Vorfahren hatte es geheißen, sie hätten »sich sehr gut gestanden«.1790 wurde in Lübeck die Firma »Johann Siegmund Mann, Commissions- und Speditionsgeschäfte« gegründet. Der Patron heiratete eine gebürtige Hamburgerin, war als Kaufmann erfolgreich und starb 1848 nach einem Schlaganfall. Er hinterließ nicht nur eine angesehene Firma, sondern auch die Tradition, auf den letzten leeren Seiten einer Bibel in knapper Form die Fakten der Familiengeschichte schriftlich festzuhalten oder sie in Broschüren zu erzählen.

Sein Sohn, ebenfalls Johann Siegmund Mann mit Namen, geboren 1797, führte die Firma zu hoher Blüte und konnte das Firmenvermögen verzwanzigfachen. Aus seiner ersten Ehe mit Emilie Wunderlich hatte Johann Siegmund der Jüngere fünf Kinder. Fünf Jahre nach dem Tod von Emilie heiratete er 1837 in zweiter Ehe Elisabeth Marty, eine wesentlich jüngere Frau, deren Vorfahren aus der Schweiz zugewandert waren; auch aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor. Von seinem Schwiegervater Marty übernahm Johann Siegmund Titel und Amt des »Königlich Niederländischen Konsuls«. Im November 1841 erwarb er von Verwandten seiner Frau das Haus in der Mengstraße 4, das nachmalige »Buddenbrookhaus«. Im Frühjahr 1842 wurde es zum Firmensitz und zur Familienresidenz. Seit 1848 saß er in der Bürgerschaft von Lübeck. Johann Siegmund starb 1863 an Lungentuberkulose.

Der älteste Sohn aus der zweiten Ehe, Thomas Johann Heinrich, Rufname Heinrich, wurde 1840 geboren und begann 1855 eine Lehre in der väterlichen Firma. Die erwünschte Auslandserfahrung sammelte er in London und in Amsterdam. Als sein Vater dem Tode nahe war, kehrte der Junior nach Lübeck zurück und übernahm mit 23 Jahren die Leitung der Firma »Johann Siegmund Mann, Getreidehandlung, Kommissions- und Speditionsgeschäfte«, wie sie inzwischen hieß. Zudem erbte er den Titel eines niederländischen Konsuls.

1869 heiratete der neue Firmenchef. Seine elf Jahre jüngere Braut, die ihn an Körpergröße deutlich überragte, hieß Julia da Silva-Bruhns. Ihr Vater, der Kaufmann Johann Ludwig Hermann Bruhns, stammte aus einer Lübecker Familie, war aber nach Brasilien ausgewandert, wo er die Tochter einer einheimischen Kreolin und eines Portugiesen heiratete, der in vierter Generation in Brasilien lebte. Julia wurde 1851 als viertes von fünf Kindern geboren und erhielt den Rufnamen Dodo. Ihre Mutter starb mit 28 Jahren bei der Geburt des sechsten Kindes. Die achtjährige Julia wurde von ihrem Vater nach Lübeck gebracht und dem Mädchenpensionat von Therese Bousset vor den Toren der Stadt anvertraut. Der Vater kehrte zunächst nach Brasilien zurück, lebte aber später bis zu seinem Tod im Jahr 1893 mit einer neuen Gefährtin bei Kassel. Als Julia siebzehn war, lernte sie auf einem Ball ihren künftigen Mann kennen. Nach der Heirat zog das junge Ehepaar nicht in das Haus Mengstraße 4; dort blieb jedoch vorerst der Firmensitz. Im Februar 1877 wurde Thomas Johann Heinrich Mann zum Senator auf Lebenszeit gewählt, ein Höhepunkt in der Familiengeschichte. Unter den 14 Mitgliedern der Stadtregierung war er ab 1885 für Steuerwesen und Wirtschaft zuständig.

Das junge Ehepaar Mann wohnte zunächst zur Miete in einer Etagenwohnung im Haus Breite Straße 54, in dem am 27. März 1871 der erste Sohn geboren wurde, Luiz Heinrich Mann. 1872 erwarb die Familie ein eigenes Haus, Breite Straße 38, an der Ecke zur Beckergrube. Dort kamen Heinrich Manns Geschwister zur Welt: am 6. Juni 1875 der Bruder Paul Thomas; am 23. August 1877 die erste Schwester Julia Elisabeth Therese, Rufname Lula; am 23. September 1881 die zweite Schwester, Carla Augusta Olga Maria, Rufname Carla.

Als am 12. April 1890 ein weiterer Sohn geboren wurde, Carl Viktor, bewohnten die Manns das repräsentative Gebäude, das Senator Mann 1883 auf dem Grundstück Beckergrube 52 hatte errichten lassen. Von stabilen Wohnverhältnissen, wie sie die Bezugnahme auf den imaginären Fixpunkt des »Buddenbrookhauses« suggeriert, konnte kaum die Rede sein.

Auf den 21. Mai 1890 fiel das einhundertjährige Jubiläum der Firma Mann. Wenige Wochen später wurde beim Senator Blasenkrebs festgestellt, eine Operation war unvermeidlich. Am 30. Juni 1891 setzte der Firmenchef sein Testament auf. Und er verkaufte das Haus seiner Eltern in der Mengstraße. Der Senator starb am 13. Oktober 1891 mit 51 Jahren; mit einem langen Trauerzug zum Friedhof vor dem Burgtor im Norden der Stadt erwies Lübeck ihm die letzte Ehre. Alsbald kursierten Gerüchte über den fragwürdigen Lebenswandel der Witwe; der Hauptpastor der Marienkirche brachte das Schmähwort von der »verrotteten Familie« in Umlauf. Aber was den einen als Niedergang vorkommt, ist für andere der Ausgangspunkt eines neuen Lebens.

Senator Mann war in dem Bewusstsein gestorben, dass mit ihm eine Tradition erlosch und seiner Witwe sowie den fünf Kindern schwere Zeiten bevorstünden. Der eingesetzte Testamentsvollstrecker erwies sich als unfähig und unzuverlässig. Die Liquidation der Firma ergab lediglich 400000 Mark, die Hälfte der erhofften Summe. Die monatlichen Zinsen für die Mutter betrugen 600 Mark, für die beiden ältesten Söhne je 180 Mark – aber erst nach deren Volljährigkeit auszuzahlen. Der zuständige Vormundschaftsrichter hieß übrigens Leverkuehn.

Nach dem Tod ihres Gatten war Julia Manns Leben von einem zwanghaften Umzugstrieb geprägt. Ihr Sohn Viktor sprach von »krankhafter Unstetheit«. Zunächst zog sie mit den Kindern aus dem großen Stadthaus in eine Villa vor dem Burgtor (Roeckstraße 7). Im Sommer 1893 verließ sie Lübeck, wo sie nie recht heimisch geworden war, und zog von der Trave an die Isar; aber auch in Bayern fand sie keine Ruhe. Ihren Kindern jedoch bot die Kunststadt München neue Perspektiven.

Kaisers neue Bühne

In Heinrich Manns Geburtsjahr 1871 hatte für Deutschland eine neue Epoche begonnen. Bismarck und der greise Kaiser Wilhelm I. hatten mit dem geeinten Deutschland einen neuen politischen Akteur auf dem europäischen Kontinent platziert, dessen Gleichgewicht dadurch aus der Balance kam. Auch dank der Reparationszahlungen aus dem unterlegenen Frankreich setzte in den Gründerjahren ein Aufschwung ohnegleichen ein, eine gewaltige Modernisierung von Infrastruktur, Bildungswesen, Technik.

In Frankreich war mit dem Krieg von 1870/71 das zweite Kaiserreich zu Ende gegangen; in einem Prozess, der sich über mehrere Jahre hinzog, setzte sich danach die Republik als Staatsform durch. Sie war das Neue in der französischen Geschichte, aber sie nannte sich »die Dritte Republik«, wodurch eine Bezugnahme auf das Jahr 1792 sowie auf das Jahr 1848 gegeben war. Durch ein republikanisches Bildungswesen wurde sie tief im allgemeinen Bewusstsein verankert.

Die Bilanz des deutschen Kaiserreichs war auf den ersten Blick positiv. Unbestreitbar waren der wirtschaftliche Aufschwung und der langsam wachsende Wohlstand; hinzu kamen Formen sozialer Absicherung wie in keinem vergleichbaren Land der Welt. Vor 1914 gehörte Deutschland zu den drei führenden Industrienationen, nach den USA und Großbritannien, aber vor Frankreich. Es vollzogen sich ein kolossaler Bevölkerungszuwachs sowie eine enorme Binnenwanderung in die neuen Zentren der Industrie. Die autoritäre Regierungsform stieß sich an den Gegebenheiten, die für die moderne Gesellschaft unabdingbar waren: freie Wirtschaft, offene Gesellschaft, Universalismus der Werte. Der Reichstag symbolisierte ein uneingelöstes Versprechen, eine künftige Gegenmacht, deren Bedeutung im Laufe der Jahre allerdings zunahm.

Das Bismarck-Reich schien die historisch endgültige Form Deutschlands geworden zu sein und war dann doch nur eine relativ kurze Etappe in der langen und konfliktreichen Nationenbildung. Es war mächtig: industriell, wissenschaftlich, technisch, militärisch. Doch es konnte seinen Frieden nicht finden, nach innen nicht und nicht nach außen. Und es schuf auch keine wirkliche Einheit im Innern: Es wurden stets »Reichsfeinde« ausgemacht oder notfalls erfunden. Die halbabsolutistische Struktur war ein Anachronismus, das feudalaristokratische Machtzentrum stand in krassem Widerspruch zur stürmischen Entwicklung von Industrie und Technik; das Wachstum von Arbeiterschaft, Städten und Massengesellschaft trieb die alten Mächte in die Enge. Es war ein reiner Machtstaat ohne übergreifende Idee und ohne grundlegende Werte, mit der Obsession von Sicherheit und Stabilität, in Wahrheit stets virtuell im Krieg mit allen liegend, sich auf den nächsten Waffengang vorbereitend. Die innere Leere wurde mit Getöse und Getue überdeckt, mit dem stillosen Schauspiel hohler Macht.

Ab 1888 begann eine neue Ära, deren Beginn mit der Thronbesteigung Wilhelms II. zusammenfiel. Die archaischen Formen und Ideologien, die aus dem Alten Reich überlebt hatten, stießen auf die Gegebenheiten der entfesselten Moderne. Die Deutschen wie ihr Kaiser schwankten zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühl.

Kaiser Wilhelm II. war der Hauptdarsteller dieses Reiches. Niemand verkörperte Ansprüche und Schwächen, Triumphgeheul und Jammer des Zweiten Deutschen Kaiserreichs umfassender und überzeugender als dieser Staatsschauspieler. Er interpretierte eine Vielzahl von Rollen in immer neuen Kostümen, vom Heerführer bis zum Familienpatriarchen, vom Kunstdiktator bis zum Herrenreiter, vom Edelmann bis zum Arbeiterversteher, vom Judenfreund bis zum Antisemiten. Er beherrschte das Genre der Hetzrede ebenso wie die huldvolle Hinwendung zu seinen Untertanen. Und doch hatte dieser Reisekaiser einen heimlichen Makel, ein brüchiges Selbstbewusstsein, und vieles an seinem Imponiergehabe war nur Kompensation.

Die Binnenseite der politischen Widersprüche war die allgemeine Nervosität. Sie war eine Signatur der modernen Zeiten schlechthin, fand aber im Wilhelminischen Deutschland ihren greifbarsten Ausdruck. Leben und Werk des jungen Heinrich Mann ergäben schönes Anschauungsmaterial für das »Zeitalter der Nervosität«. Dies meinte die Reizbarkeit im »ruhelosen Reich« als eine der Wurzeln der Katastrophe von 1914, wobei es unwichtig ist, ob es sich um ein Phantasma oder um medizinische Realität handelte.

»Raste nie, doch haste nie, sonst haste die Neurasthenie«, reimte der Volksmund. Den Begriff Neurasthenie hatte der New Yorker Nervenarzt George M. Beard 1880 eingeführt. Diese Nervenschwäche, ein Grenzzustand zwischen Krankheit und Gesundheit, wurde als charakteristisches Leiden verstanden und galt als Grund, sich in spezielle Kuren zu begeben. Die Rede davon verbarg allerlei Unaussprechliches, nicht zuletzt Probleme mit der Sexualität. Aus solchen zeittypischen Vorstellungen von Nervenschwäche und neu zu gewinnender Energie wird verständlich, warum beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs so viele Kur-Begriffe benutzt wurden bis hin zu Formulierungen wie »Stahlbad«.

Im Neuen Reich kam der Stadt Lübeck nur noch eine marginale Bedeutung zu; sie verkörperte eher die Vergangenheit, gemessen an der rasanten Entwicklung des geeinten Landes; Hamburg hatte der Stadt endgültig den Rang abgelaufen. Eine Sonderstellung nahm Berlin ein als stetig wachsende Hauptstadt und als zweitwichtigste Industrieregion nach dem Ruhrgebiet. München bildete den maximalen Kontrast dazu, auch wenn es hier einiges an Industrie gab. Unter dem Prinzregenten Luitpold wurde es zur Stadt der künstlerischen Freiheit (wozu es seine intolerante katholische Vorgeschichte nicht prädestiniert hatte). Jenseits von München gab es nur noch Paris, das viele Münchner Künstler anzog.

Denn die Intelligentia des neuen Reiches begab sich gerne an die Seine. Das besiegte Frankreich hatte das siegreiche Deutschland übertrumpft – in künstlerischer Hinsicht. Vorreiter einer Hinwendung nach Frankreich, ohne dass die Tradition der Italienreise verloren ging, war Friedrich Nietzsche, der befand, dass man den deutschen Geist zugunsten der deutschen Einheit geopfert hatte. Alle großen Namen in Malerei, Journalismus, Literatur, Theater, von Max Liebermann und Rainer Maria Rilke, Stefan George, Frank Wedekind bis Franz Hessel, Erich Mühsam, Wilhelm Herzog, Paula Modersohn-Becker, Annette Kolb und viele andere, verbrachten Lehrjahre in Paris. In dieser beeindruckenden Liste fehlen nur die Brüder Mann. Gleichwohl spielte das Bild von Frankreich zwischen ihnen eine wesentliche Rolle.

In seinem erfolgreichen Roman Prinz Kuckuck (1907) hat Otto Julius Bierbaum alle gesellschaftlichen, menschlichen und moralischen Widersprüche des Wilhelminischen Reiches veranschaulicht, das er als »Hurrasien« verspottete. Dieses sprachmächtige und erotisch freizügige Kunstwerk war auch eine wichtige Anregung für die Schriftstellerbrüder Mann. Deren Laufbahn begann zu einer Zeit, als Kunst und Künstler in Deutschland ideologisch überhöht wurden und sich die materiellen Voraussetzungen durch einen Aufschwung im Verlagswesen erheblich verbesserten.

Der Bereich der Kunst hatte im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine erstaunliche Ausweitung erfahren. Maler, Dichter, Komponisten gewannen einerseits an kreativer Freiheit und an technischen Möglichkeiten, sahen sich andererseits politischen Kontrollen und ökonomischem Druck ausgesetzt. Die Kunstszene wurde vielfältiger und internationaler; europäische Musiker reisten durch alle Länder des Kontinents und gelegentlich in die Neue Welt; Romane wurden übersetzt, Gemälde wurden international gehandelt; ästhetische Entwicklungen in einem Land hatten Auswirkungen auf andere Länder. Museen, Galerien, Salons, Akademien, Kultusministerien stützten die Geltung der Künste. Die rapiden Fortschritte der Drucktechnik und anderer Verfahren zur Vervielfältigung bewirkten Neugründungen von Presseorganen und Verlagen und steigerten die Nachfrage nach Texten.

Mit den neuen Techniken und ihren vielfältigen Möglichkeiten wuchs ein buntes Künstlervölkchen heran: Maler, Zeichner, Romanciers, Liederdichter, Dramatiker, Kabarettisten, Kritiker, Journalisten, Fotografen. Es entstand eine sozial ungesicherte und ungebundene Zwischenschicht: die Boheme. Am anderen Ende der Skala standen Maler- und Dichterfürsten, die zu nationalen Ikonen wurden. Kunst- und Buchhandel sowie das Pressewesen entwickelten sich zu neuen Erwerbszweigen und gesellschaftlichen Instanzen.

Seit 1887 galten für Bücher feste Ladenpreise; der Buchmarkt hatte sich erheblich ausgeweitet. Im Deutschen Reich erschienen im Jahr 1909 insgesamt 31000 Titel, in Frankreich etwa nur 11000. Ausländische Romane wurden in Deutschland billiger verkauft, gefertigt von schlecht bezahlten Feierabend-Übersetzern. Rechtsabkommen über Grenzen hinweg gab es nur selten und wurden nicht immer respektiert.

Eine Serie von Verlagsgründungen sorgte für neue Formen und Dimensionen des literarischen Lebens, so durch Samuel Fischer (Berlin, 1886), Eugen Diederichs (Florenz, 1896), Albert Langen (1893, erst Paris, dann München), Georg Müller (München, 1903), Reinhard Piper (München, 1904). Der Verlag Die Insel, aus der gleichnamigen Zeitschrift hervorgegangen, wurde 1899 in München gegründet und ab 1906 in Leipzig von Anton Kippenberg geleitet; 1910 begann Ernst Rowohlt in Leipzig, zog aber bald nach Berlin; 1913 gründete Kurt Wolff einen Verlag in Leipzig (mit den Lektoren Kurt Pinthus und Franz Werfel). Kleinformatige Bücher (als Reiselektüre in der Eisenbahn) spielten eine besondere Rolle, so Langens »Kleine Bibliothek« (seit 1897) mit dem Einheitspreis 1 Mark (dort erschienen die Novellen von Heinrich Mann). Ähnliches versuchte die »Collection Fischer« (in der Thomas Mann mit Erzählungen debütierte).

In Malerei, Bildhauerei und Literatur, in Musik, Theater und Mode beanspruchten die Frauen ihren Platz, nicht länger als geduldete Ausnahmen, sondern als gleichberechtigte kreative Persönlichkeiten. Ihr Zugang zu den entsprechenden Institutionen wurde von dominanten Männern und gängigen kulturellen Zuschreibungen behindert. Als neue Akteure im kulturellen Feld wirkten seit Beginn des 19. Jahrhunderts jüdische Künstler, ein Zeichen ihrer fortschreitenden gesellschaftlichen Integration.

Alle Tendenzen der Kunstideologie des 19. Jahrhunderts kulminierten in einer Person, einem Werk und an einem Ort: in Richard Wagner und dem Festspielhaus in Bayreuth. In Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk flossen verschiedene ästhetische Formen zusammen; ergänzt und überhöht wurde dies ab 1876 durch einen Ort, an den man pilgern konnte, um weihevollen Aufführungen beizuwohnen. Die Kräfte des Imaginären in neue Mythen und neue integrale Formen eingebunden zu haben, die Aufführung als soziales und beinahe sakrales Ereignis, das eigene Werk zum kulturgeschichtlichen Faktum überhöht zu haben, das war Wagners Leistung. Eben diese Entwicklung führte zum Abfall seines einstigen Bewunderers Friedrich Nietzsche. Nietzsches Wagnerkritik (Der Fall Wagner) wiederum wurde zum ästhetischen Schlüsseltext für Thomas Mann. Durch Nietzsche vermittelt, entwickelte Thomas Mann ein lebenslanges Misstrauen gegen Wagner als »Dichter« und als Effekthascher – und versuchte doch, dessen Selbstbewusstsein und Werkkult nachzuahmen. Richard Wagner vereinte mehrere Künstlermythen: als Dichter, als Musiker, als Politiker, als Held einer abenteuerlichen Lebensgeschichte.

Brennpunkt der Entwicklung von Kunstpraxis und Kunsttheorie um 1900 war München. Hier erschien 1890 das folgenreiche Buch von Julius Langbehn Rembrandt als Erzieher. Darin wurde der Kunst eine erzieherische Aufgabe zugewiesen, jedoch beschränkt auf das eigene Volk. Der Künstler galt als eine Art Führer, welchen man den Spezialisten des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, aber auch demokratischen Politikern entgegensetzte. Diese heroische Auffassung von Künstlertum passte in das Weltbild der Völkischen und ihrer Vorstellung von einer Wiedererstarkung des Deutschtums. Die Künstlerideologie geriet hier zum nationalpädagogischen Projekt, bewusst gegen die Moderne gesetzt.

Symbolismus und Satire

Du träumtest Leben, und du lebtest Mythen.

Heinrich Mann, Jugendgedicht

Apart sein war alles. Er suchte das Abseitige und Marginale, um sich zu unterscheiden, um aufzufallen. Mit 15 Jahren schrieb er eine kleine Erzählung mit dem Titel Apart, die kurzgefasste Lebensgeschichte eines Snobs und Exzentrikers aus Paris. Dieser ist mit dem Leben fertig, bevor er es kennen gelernt hat, schaut gelangweilt und amüsiert auf das Treiben der anderen hinab. Noch seinen Tod inszeniert der blasierte Dandy als theatralische Provokation. In seinem Verhalten, seinen politischen Ansichten, in seinem Liebesleben wie in seinem Schreiben suchte der junge Heinrich Mann das Ausgefallene. Das Lebenswerk des Vaters fortzusetzen war nicht apart genug.

Vergeblich hatte Senator Mann versucht, seinen ältesten Sohn für die Familienfirma und den Kaufmannsberuf zu gewinnen. Auch eine Reise zu Verwandten nach Sankt Petersburg konnte den 13-Jährigen nicht für den Fernhandel begeistern. Schon als Schüler schickte Heinrich Gedichte und Erzählungen an Zeitungen und Zeitschriften. In der Schule, dem Katharineum in der Königstraße, fand er kaum Anregungen. Nach der Obersekunda verließ er die Schule und begann im Oktober 1889 eine Buchhandelslehre in Dresden. Die Arbeit empfand er als stumpfsinnig, genoss aber das kulturelle Leben der sächsischen Hauptstadt. Er las Heine, Fontane und bald auch Nietzsche. Seine Zukunft sah er vage als »Verleger – Redakteur – Schriftsteller«. Als die Zeitschrift Gesellschaft im Herbst 1890 ein Gedicht von ihm abdruckte, nannte er dies seinen ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Im Herbst 1890 entstand die autobiographische Novelle Haltlos über einen jungen Mann aus gutem Hause, der im Buchhandel arbeitet und eine Affäre mit einer Verkäuferin hat. Erlebnisse oder Wünsche verwandelte er in Literatur – das war sein Weg.

Im August 1891 trat er als Volontär in den Verlag von Samuel Fischer in Berlin ein. Um die neue Situation zu begutachten, führte der Vater ein Gespräch mit dem Chef des Hauses. Aus Heinrichs Sicht war das (unbezahlte) Volontariat nur Mittel zum Zweck: »Hauptsache Berlin«. In seinen Erinnerungen schreibt Heinrich Mann, der Vater habe seine literarischen Pläne auf dem Totenbett gebilligt, aber als der Senator starb, hielt sich der älteste Sohn noch in der Hauptstadt auf. Immer wieder hat Heinrich Mann kleine Geschichten erfunden, um das Bild seines Lebens auszuschmücken. Der Vater hatte in seinem Testament vom 30. Juni 1891 ausdrücklich gewünscht, seine Frau möge den »Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer so genannten literarischen Tätigkeit« entgegentreten. Nach dem Tod des Vaters musste Heinrich keine Rücksicht mehr nehmen, er sprach von seiner »Freilassung« und gab sich seinem ungezügelten Bummelantenleben hin. Ein kurzes Zwischenspiel als Gasthörer an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität war eher ein mondäner Zeitvertreib. Sein Wissen bezog er aus den Feuilletons, wie er seinem einstigen Mitschüler Ludwig Ewers gegenüber zugab.

Im Januar 1892 erlitt Heinrich Mann einen Blutsturz, seine Lungen waren stark angegriffen. Er musste sich nach Wiesbaden in ein Sanatorium begeben, und so endete die Berliner Zeit sehr plötzlich. Da die Erkrankung alle Züge einer Krise, ja eines Zusammenbruchs aufwies, muss man darin eine Reaktion auf das Ableben des Vaters und den unerledigten Konflikt mit ihm sehen. Krankheiten, Nervenleiden und Erfahrungen in Sanatorien bestimmten sein Leben in den nächsten Jahren.

Die verwitwete Julia Mann dachte nicht daran, die literarische Tätigkeit ihres Ältesten zu behindern, ja sie begann selbst, Erinnerungen an ihre Jahre in Brasilien aufzuschreiben, und sie konnte herrlich erzählen von ihrem Leben in einem wunderlichen Haus zwischen Ozean und Regenwald unter pittoresken Menschen und Tieren. Sie spielte auch gut Klavier und sang vortrefflich. Die künstlerischen Ambitionen ihrer beiden ältesten Söhne hat sie nachhaltig unterstützt.

Neben der literarischen Neigung entwickelte Heinrich einen starken Drang, seine Meinung öffentlich zur Geltung zu bringen. Seinen ersten publizistischen Auftritt hatte er als Mitarbeiter und Herausgeber der Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert. Deutschnationale Monatshefte für soziales Leben, Politik, Wissenschaft und Literatur. Das Blatt existierte von Oktober 1890 bis Oktober 1896 im Verlag der Deutschsozialen Antisemitischen Partei, die damals im Reichstag vertreten war. Dann wurde es mangels Absatz eingestellt.

Heinrich Mann verfasste insgesamt etwa 50 Beiträge für diese völkische Kulturzeitschrift. Auch seinen Bruder Thomas zog er als Rezensenten heran. Die proklamierten Inhalte standen konträr zu allem, was Heinrich Mann später vertreten hat und was sein Bild prägte. Hier sprach er sich für einen starken Monarchen aus, für eine Ständeverfassung, für deutsche Kolonien, für die gesunde Familie als Basis der Gesellschaft.

Von allen reaktionären Meinungsäußerungen dieser Phase sind die antisemitischen am schwersten erträglich. Kenntnis von jüdischer Religion, jüdischem Leben oder der realen Lage der im Deutschen Reich lebenden Juden besaß er nicht. In einem scharfen Artikel vom September 1895 (Jüdischen Glaubens) heißt es, Juden könnten keine Deutschen sein. Deshalb müsse man auch für die »Unterdrückung der Judenschaft« eintreten. Die jüdische Hochfinanz müsse man wie eine unheilvolle Bestie in Käfige sperren oder ausrotten. Erstaunlicherweise setzte sich Heinrich Mann für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ein, allerdings mit der Begründung, auch in französischen Adern schlage germanisches Blut. Mit dieser Sicht stand er innerhalb der völkischen Rechten allein, für die Frankreich als der Erbfeind galt.

Zwischen 1894 und 1910 lebte Heinrich Mann vor allem in Italien. Er fand jedoch keinen Anschluss an die kulturelle oder soziale Elite des Landes, die in seinen Texten gleichwohl vorkommt. Sein Italienbild war vermittelt über die Reisebücher französischer Autoren wie Chateaubriand, Stendhal, Balzac, Flaubert, Bourget sowie die Brüder Goncourt. In den Süden gereist war Heinrich Mann der Gesundheit wegen. Auf der Suche nach einem Kurort entdeckte er am Nordzipfel des Gardasees den Ort Riva, der damals noch zur Monarchie Österreich-Ungarn gehörte. Der Wiener Homöopath Christoph Hartung von Hartungen leitete dort ein »Physiatrisches Sanatorium (Naturheilanstalt)«. Der »Curarzt« von Hartungen praktizierte eine Art Psychotherapie, die sich als ganzheitliche Methode verstand, den Körper wie die Lebensweise von der Ernährung bis zur Sexualität einbezog. Die Betreuung muss Heinrich Mann zugesagt haben, denn bis 1908 kam er immer wieder nach Riva. Auch Bruder Thomas und Schwester Carla besuchten ihn dort. Als er die Côte d’Azur entdeckte, brauchte er von Hartungens Kuren nicht mehr.

Heinrich Manns frühe Erzählungen tragen Titel wie Beweise, Mondnachtphantasien, Haltlos, Vor einer Photographie, Der Löwe, Auf Reisen. Dieser Erinnerungszauber, diese Eifersuchts- oder Kriminalgeschichten, in denen oft eigene Erlebnisse oder familiäre Reminiszenzen verarbeitet werden, stehen in starkem Kontrast zu den grob-dummen antisemitischen Artikeln, die zur selben Zeit entstanden. Der tiefste Einfluss auf seine frühen Erzählungen ging vom französischen Symbolismus aus, der seiner träumerischen Veranlagung entgegenkam. Diese Spur ging in seinem ganzen Werk nie mehr verloren, kehrte sogar in seinen allerletzten Romanen wieder. Sein Weg führte immer tiefer hinein in das, was er in einem Aufsatz von 1892 »Neue Romantik« nannte. Von dieser Position her lehnte Heinrich Mann den damals im Roman wie auf der Bühne dominierenden Naturalismus ab. Im Jahr 1892 befasste er sich, als einer der Ersten in Deutschland, mit Maurice Maeterlincks Stück Pelléas et Mélisande.

Das literarische Erwachen geschieht Ende 1894 in Contessina: In dieser Erzählung über das Verhältnis von Kunst und Leben wird eine Schwelle überschritten, in den Stil zieht Leichtigkeit ein, man ahnt die elegante Knappheit, zu der Heinrich Mann fähig ist. Der Text war in seiner ersten Novellensammlung zu lesen, Das Wunderbare, die 1897 erschien. Ein Kritiker gebrauchte die Vokabeln »zart, fein, ein Juwel« – mit Recht.

Seit 1891 schrieb Heinrich Mann an einem Roman, der 1894 unter dem Titel In einer Familie als Privatdruck erschien (von der Mutter finanziert). Er widmete ihn dem französischen Romancier Paul Bourget, dessen Werke ihn stark beeinflussten, vor allem Le Disciple und Cosmopolis. Von der behaupteten Korrespondenz mit dem Autor hat sich nie eine Spur gefunden, und wir dürfen dies wohl unter »autobiographische Erfindung« abbuchen. Diese Liebes- und Eifersuchtsgeschichte eines reichen Erben und Dilettanten mit zeitkritischen Ansichten ist handlungsarm, entscheidende Wendungen werden flüchtig, ja sprunghaft erzählt. Noch handelt es sich um das Werk eines talentierten Anfängers, der eine Form andeutenden Erzählens sucht.

Im Mai 1895 nahm Heinrich Mann Quartier in dem Landstädtchen Palestrina in einer Pension mit dem Namen Casa Bernardini. Bald fand sich Thomas ein, der sich im Gästebuch des Hauses als »poeta di Monaco« verewigte. Der junge Dichter aus München blieb bis Oktober und machte mehrere Ausflüge mit dem älteren Bruder. Im Frühjahr 1898 bezogen beide eine Wohnung in Rom, nahe am Pantheon, in der Via Torre Argentina 34. An die kleine Wohnung mit Steinboden und Korbstühlen konnte Heinrich Mann sich noch Jahrzehnte später erinnern, auch daran, dass er und Thomas in Rom einen Hund aufnahmen, den sie in einem Heuhaufen gefunden hatten.

Den Sommer 1898 verbrachten die Brüder wieder in Palestrina. Das Städtchen und die Casa Bernardini sollten bei beiden ein literarisches Nachleben haben. In Doktor Faustus machte Thomas Mann Palestrina zum Schauplatz einer zentralen Szene: Hier wurde Leverkühns Teufelspakt geschlossen. Bei Heinrich Mann wurde der gesamte Ort zum Vorbild der »Kleinen Stadt« seines gleichnamigen Romans von 1909.

Der Roman, an dem Heinrich Mann seit 1897 schrieb, stellte eine wohlhabende jüdische Familie in den Mittelpunkt. Im Schlaraffenland, 1901 erschienen, ist ein erfrischendes Stück Prosa, leicht, spritzig, humorvoll, frivol, mit flotten Dialogen und Pointen. Das »Schlaraffenland« meint das Leben der in der Gründerzeit reich gewordenen Geschäftsleute südlich des Berliner Tiergartens. In dieses Milieu schickt der Autor seine Hauptfigur, einen ehrgeizigen, nicht sonderlich begabten Jüngling aus der Provinz, der sich als Nichtsnutz, Hochstapler und Schnorrer erweist. Er fühlt sich seinen Gönnern moralisch überlegen – weil sie Juden sind. Vom Judentum weiß er nichts, doch das gehässige Repertoire des Antisemitismus ist ihm geläufig, wie er beweist, als seine kurze Karriere durch eigenen Übermut ihr beschämendes Ende findet. So konnte der Romancier seinen eigenen Antisemitismus kreativ überwinden, indem er ihn an eine Figur delegierte.

Zwei Jahre nach dem satirischen Berlin-Roman trat Heinrich Mann mit einer Trilogie hervor, die in ganz anderem Ambiente spielte: Die Göttinnen – Die drei Romane der Herzogin von Assy. Die »Göttinnen« Diana, Minerva und Venus meinen eine einzige Person in drei verschiedenen Lebensstadien, in drei mythologischen und gesellschaftlichen Erscheinungsformen. War Im Schlaraffenland ein Gesellschaftsmärchen, so kann man Die Göttinnen als erotisches Märchen bezeichnen, freilich auch als ein politisches.

Die Hauptgestalt, die Herzogin Violante von Assy, kostet ihre Leidenschaften für Politik, Kunst und Liebe aus – in dieser Reihenfolge. Wir verfolgen auch eine Trilogie der Städte: Rom, Venedig, Neapel. Die Geschichte ist nicht schlecht erfunden, es gibt viele schöne Passagen, aber dem Ganzen mangelt es an Komposition, an Ökonomie der Mittel, an Tempo. Seine Figuren sind Traumgestalten ohne rechte soziale Existenz. Es wird ein Lebensgefühl ausgebreitet, eine Pose geschildert in endlosen Dialogen, die sich ohne jedes Feuer dahinschleppen. Zugleich machen diese Unvollkommenheiten einen gewissen Reiz aus, passen zu der vor Vitalität überbordenden Hauptgestalt.

Der Wunsch nach dem Auskosten der großen Träume und Leidenschaften vergangener Zeiten war mit der Trilogie Die Göttinnen nicht befriedigt. Noch 1903 erschien ein anderer umfangreicher Roman von Heinrich Mann im Verlag von Albert Langen, dessen Titel eine Art Programm zu sein schien: Die Jagd nach Liebe. Erneut ging es um den Widerspruch von Kunst und Leben, aber nicht um die bildende Kunst, sondern um Schauspiel. Der reiche Erbe Claude Marehn, als Geschäftsmann untauglich, ist hoffnungslos verliebt in die Schauspielerin Ute Ende, und die Auseinandersetzung mit der Diva, mit deren Liebhaber, mit anderen Frauen machen den Hauptinhalt des Romans aus. Marehn stirbt, erschöpft vom hektischen Leben und einer rätselhaften Krankheit, die Versöhnung mit der geliebten Aktrice erfolgt erst auf dem Totenbett. Auch dieser Roman gefällt sich in Posen, Ekstasen, Monologen, uferlosen Gesprächen, leidet unter der Unvollkommenheit der Mittel, wahrscheinlich ein Zeichen übergroßer Hast und Selbstgefälligkeit beim Schreiben.

Erst nach dieser barock-exaltierten Phase kam Heinrich Mann zum satirischen Realismus des Schlaraffenlandes zurück mit dem Roman Professor Unrat, der reale Ereignisse ausgestaltete. Glaubt man seinen Erinnerungen, kam die Inspiration zu diesem Roman in Florenz im Dezember 1903. Im Theater schaute er Carlo Goldonis Stück La bottega del caffè an, in dem eine Tänzerin den Männern eines kleinen Ortes den Kopf verdreht. In der Pause fiel ihm das Berliner Tageblatt mit dem Artikel Vom Professor zum Kuppler in die Hände. Ein Berliner Ökonomiedozent namens Meyer hatte mit einer 20-jährigen Sängerin zusammengelebt und sich öffentliches unsittliches Verhalten sowie zahlreiche Betrügereien zu Schulden kommen lassen. Beide Übeltäter büßten mit mehrmonatigen Haftstrafen.

Als er die Meldung vom Skandal in Berlin las, begriff Heinrich Mann sofort, dass sich aus dieser wahren Geschichte ein Roman machen ließe, doch er verlegte die Handlung in das Lübeck seiner Jugend. Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, mitten aus seiner italienischen Sturm- und Drangperiode heraus entstanden, sollte eines der bleibenden Meisterwerke von Heinrich Mann werden. Dieser schlicht und unprätentiös daherkommende Roman hat alle Vorzüge seiner besten Novellen: Tempo, Dichte, Prägnanz. Die Exposition ist gedrängt und rasant, das Erzähltempo bleibt hoch. Ohne vordergründig politisch zu sein, ist der Roman auch eine Parabel auf die wilhelminische Gesellschaft. Er erschien 1905 bei Albert Langen in München und kam mit weniger als 250 Seiten aus. Erzählt wird die Geschichte eines Schultyrannen, der bei dem Versuch, seinen Schülern nachzuspionieren und ihnen unsittliches Verhalten nachzuweisen, selber auf Abwege gerät. Im Bann einer Tingeltangel-Sängerin gefangen, lässt er sich in deren Milieu hineinziehen und macht schließlich das Etablissement, in dem sie auftritt, den »Blauen Engel«, zu einer Stätte der Unmoral, die sich auf das ganze Städtchen auswirkt und dessen Atmosphäre verdirbt.

»Sie sollten versuchen, der deutsche Maupassant zu werden«, riet der wohlmeinende Verleger Albert Langen im Dezember 1900, wies aber darauf hin, dass Heinrich Mann dazu noch einiges fehle. Bei Langen erschienen die deutschen Übersetzungen von Maupassants Romanen, außerdem hatte der Verleger viele Jahre in Paris gelebt, er wusste also genau, warum er sich auf dieses Vorbild bezog. 1893 hatte der Rheinländer Albert Langen einen Verlag gegründet und sich in nur drei Jahren mit französischen und skandinavischen Autoren durchgesetzt, zugleich radikalisierten sich seine politischen Ansichten. Nach 1900 erschienen bei ihm vermehrt deutsche Autoren wie Wedekind, Wassermann, Holitscher und eben Heinrich Mann. Um Anklagen wegen Majestätsbeleidigung zu entgehen – er gab auch die satirische Zeitschrift Simplicissimus heraus –, musste Langen nach 1898 den Verlag von Paris aus führen. Als Geschäftsführer in München agierte derweil Korfiz Holm, den die Brüder Mann aus Lübeck kannten.

Nach einem Gnadengesuch an den Kaiser lebte Langen seit 1903 wieder in München. Am 2. April 1909 zog er sich beim Versuch, dem Zeppelin des gleichnamigen Grafen im offenen Auto hinterherzufahren, eine Mittelohrentzündung zu, die einen tragischen Verlauf nahm. Dies war ein Schicksalsschlag auch für Heinrich Mann; einen so wohlwollenden und an seinem Werk interessierten Verleger sollte er nicht mehr finden. Allerdings war er im Umgang mit Verlegern oft genug sein eigener Feind.

Dem Verlag gefiel der von Heinrich Mann eingeschlagene Weg nicht. Langen wie Holm fanden Die Göttinnen entschieden zu weitschweifig. Nach Langens Tod verhandelte Heinrich Mann mit Korfiz Holm, doch da sich beide nicht über die Tantiemen einigen konnten, wechselte er zunächst zum Insel Verlag, Leipzig, danach zu Paul Cassirer, Galerist und Verleger in Berlin, was aber trotz der Förderung durch dessen Gattin Tilla Durieux, die in mehreren Theaterstücken von Heinrich Mann auftrat, zu keiner dauerhaften Zusammenarbeit führte.

Literarisch blieb Heinrich Mann seiner Linie treu, wobei auffiel, dass seine kritisch-realistischen Erzählungen in Deutschland spielten, während die träumerisch-symbolistischen Geschichten italienische Schauplätze hatten. Heinrich Manns Novellenproduktion dauerte bis in die zwanziger Jahre hinein. In der kurzen Form bewährte sich sein impressionistisch-symbolistischer Stil mit hingetupften Dialogen (etwa in der Erzählung Pippo Spano).

Von hier zu Theaterstücken war es nur ein kleiner Schritt. Von 1910 bis 1928 reichte die Phase des Dramatikers Heinrich Mann, aus der aber nur ein Stück von Bedeutung übrig blieb (Madame Legros, 1913). Immerhin wurden seine Dramen an großen Häusern von den ersten Schauspielern jener Zeit aufgeführt. Bedeutsamer für seine Stellung als Autor waren die Romane, die er bis 1914 schrieb, in denen er vom Symbolismus zur Satire überging. Bei jungen Schriftstellern und bei emanzipierten Frauen war der »Erotiker« Heinrich Mann ein beliebter Autor, doch überschritt kaum ein Werk eine Auflage von 4000 Exemplaren.

Politisch haben wir es seit 1904 mit einem gewandelten Heinrich Mann zu tun. Nun trat er als Aufklärer und Demokrat in Erscheinung, als Vernunftrepublikaner und als Apostel von Freiheit und Kritik. Ihr Deutschen, schrieb Heinrich Mann an seinen Schulfreund Ludwig Ewers, »beugt Euch nicht nur unter die Vergewaltigung der Menschenrechte, die man Euch zumutet: Ihr feiert sie sogar«. Der Anblick des heutigen Deutschlands habe ihn fast zum Revolutionär werden lassen. (10.4.1904)

In der von Maximilian Harden herausgegebenen Wochenzeitung Die Zukunft war ein Pamphlet gegen Frankreich und die »gallische Republik« erschienen, in dem eine Seelenverwandtschaft Frankreichs mit Russland behauptet wurde. Das veranlasste Heinrich Mann zu einem offenen Brief an den Herausgeber, der diesen Text am 8. Oktober 1904 drucken ließ. Darin bezeichnete sich Heinrich Mann, dessen letzte Romane und Erzählungen vor allem in Italien spielten, als »Romancier, der Frankreich sehr viel verdankt«. Frankreich, schrieb er, sei doch etwas anderes als »die Tierseele Rußlands«. Und er verteidigte die republikanische Idee als die für Frankreich angemessene Staatsform. Die Republik sei dort erkämpft worden, während Deutschland die Monarchie erdulde.

Maximilian Harden, ein ehemaliger Schauspieler und getaufter Jude, war ein nonkonformistischer Konservativer und Bismarck-Verehrer, ein Traditionalist mit einem radikalen Flair. Seine Wochenschrift für Politik, öffentliches Leben, Kunst und Literatur war die schärfste journalistische Opposition gegen Kaiser Wilhelm II., bei einer Auflage von über 5000 Exemplaren. Dieser offene Brief markierte den Anfang von Heinrich Manns Laufbahn als kritischer Intellektueller, denn er verteidigte ja nicht nur Frankreich, sondern stellte sich auch gegen die in Deutschland herrschende Monarchie.

Sein Leben lang kam Heinrich Mann nicht ohne Illusionen aus, in politischer wie in literarischer Hinsicht. Die folgenreichste Illusion war sein Bild von Frankreich. Die französische Ausrichtung macht die Einheit und Kontinuität seines Lebens aus, von allem Anfang an bis zu seinen letzten Texten und Zeichnungen. In der Familientradition hatte Frankreich ein positives Image, was vielleicht noch aus der Franzosenzeit vor 1813 herrührte, die der Firma Mann durchaus Gewinn eintrug. Davon zeugen die französischen Sprachbrocken in den ersten Kapiteln von Thomas Manns Roman Buddenbrooks. Julia Mann sprach sehr gut Französisch, und von ihr mag Heinrich einiges gelernt haben. In der Schule hatte er nur wenig Französischunterricht gehabt, gerade mal zwei Stunden pro Woche; zur Lektüre der Klassiker des 17. Jahrhunderts ist er nie gekommen. Sein Frankreich-Bild war aus Büchern und Zeitungen und eigenen Träumen gespeist. Französische Autoren las er intensiv seit etwa 1891. Nach seiner Erkrankung und mehreren Sanatoriumsaufenthalten wagte er eine vorsichtige Annäherung an die französischsprachige Welt. Von Oktober 1892 bis zum März 1893 lebte er in Lausanne, unternahm Ausflüge nach Montreux und Genf, in die große Welt, »wo gespielt und geliebt wird«.

Von der Schweiz aus reiste er am 14. April 1893 endlich für zwei Wochen nach Paris. An Ewers schrieb er, die Stadt habe ihm ausgezeichnet gefallen, und er rühmte in angeberischem Ton des scheinbaren Kenners und Weltmannes die Cafés, Museen und Theater. Man wird das Gefühl nicht los, dass Paris eine Enttäuschung war, dass die Stadt ihn nervlich und finanziell überforderte, er es jedoch nicht zugeben wollte. Da er aber stets seine Prägung durch Frankreich betont hat, sei vermerkt, dass sein nächster Aufenthalt in Paris erst in das Jahr 1923 fiel.

Der französische Traum war mit dem ersten Versuch nicht erledigt, sondern erfuhr jetzt seine ausführlichste Darstellung, allerdings in Florenz, das er im Herbst 1893 entdeckte. Für den jungen Heinrich Mann war entscheidend, dass in Florenz »das Glück nichts kostet und das Leben fast so billig ist wie das Glück«, um eine Formulierung der Brüder Goncourt zu benutzen. Heinrich Mann sprach Italienisch, las Französisch und schrieb auf Deutsch. In einem Lesekabinett fand er die Presse aus Paris und aus Berlin.

Am 11. November 1893 verfasste er einen Text, den er Mein Plan nannte und in dem er ein exquisites, elegantes, leicht theatralisches Leben in der großen Welt imaginierte. Absolut modern sein wollte er und ein bisschen dekadent. Und: »Natürlich müsste Paris der Schauplatz sein.« Er tat aber nichts, um diesen Plan umzusetzen. Sein Bruder Thomas besuchte Paris erstmals im Jahr 1908, gemeinsam mit dem Lübecker Schulkameraden Otto Grautoff. Sie schickten eine Ansichtskarte vom Panthéon an Heinrich Mann nach München.

Die wenigen Übersetzungen aus dem Französischen (Choderlos de Laclos, Anatole France), die Heinrich Mann angefertigt hat, waren so schlecht, dass man sie besser stillschweigend übergeht. Es fehlte ihm nicht nur an Geduld für diese mühselige Arbeit, sondern schlicht an Kenntnis der Umgangssprache. Das reale Frankreich war Heinrich Mann vor 1914 unbekannt, auch das kulturelle Leben in Paris mit seinen Intrigen, Salons und Moden. Erst nach 1923 lernte er Paris und ausgesuchte Gegenden des Landes kennen, dank des Germanisten Félix Bertaux, der ihn eingeladen hatte.

Nur mit einem Ort in Frankreich war Heinrich Mann wirklich vertraut, der zugleich zum heimlichen Fixpunkt seines unsteten Lebens wurde, mit dem mondänen Nizza. Die Stadt und ihr Umland waren erst 1860 zu Frankreich gekommen, als Preis für die französische Unterstützung der italienischen Einheit. An der Schwelle zwischen den Kulturen Italiens und Frankreichs gelegen, galt sie als »Hauptstadt des Winters«. Nizza besaß keinen wichtigen Hafen wie Marseille, keine besondere politische, militärische oder ökonomische Funktion, es war eine Stadt der Feste und des Luxus, der Fremden, der Aristokraten und der Künstler, der Glücksritter wie der Emigranten, der gekrönten Häupter wie der Ganoven. Neben dem Blumenhandel wurde der Tourismus zur ökonomischen Basis der Stadt und die Illusion, der Aufenthalt an der Côte d’Azur (ein Name, der erst 1887 erfunden wurde) sei für Lungenkranke besonders hilfreich. Für die Deutschen war Nizza spätestens seit Nietzsches wiederholten Aufenthalten zwischen 1883 und 1888 eine intellektuelle Adresse.

Es hatte der Anregung des befreundeten Autors Wilhelm Herzog bedurft, damit Heinrich Mann die französische Grenze überschritt. Beide logierten im Herbst 1908 in der Pension von Madame Vaury in einer kurzen Verbindungsstraße unweit der Oper (3, Rue de l’Opéra). Im November 1909 kamen Thomas und Katia Mann zu Besuch und logierten ebenfalls bei Madame Vaury. Bis 1914 fuhr Heinrich Mann nun jeden Winter nach Nizza, außer 1913. In München blieb er ein Besucher, mietete dort ein kleines Zimmer; Möbel und Bücher wurden bei einer Spedition untergestellt. In Nizza interessierten ihn die Oper und die Damen, die er in den Hotels kennen lernte. Allerdings lebte der norddeutsche Gast über seine Verhältnisse und musste seinen Bruder Thomas um finanzielle Hilfe bitten.

Als Mensch und Autor hat sich Heinrich Mann unter französischem Einfluss verändert. Zunächst wechselte er die literarischen Vorbilder; von den politisch reaktionären Symbolisten ging er über zu den realistischen Romanciers wie Anatole France und Émile Zola. Auf diesem Weg entdeckte er die Französische Republik als ideale Staatsform, denn ihm ging auf, dass Literatur und Literaten hier eine andere Rolle spielten als im kaiserlichen Deutschland. Hatte er seine literarische Existenz im Trotz gegen den Vater errungen, so geriet er nun mehr und mehr in Opposition zur deutschen Monarchie.

Heinrich Mann, der unterdessen die zehnbändige Geschichte Frankreichs von Jules Michelet gründlich durchgearbeitet hatte, in deren Zentrum die Bedeutung der Revolution von 1789 stand, glorifizierte in mehreren Essays die Rolle der französischen Schriftsteller als Lehrmeister der Demokratie, die in enger Verbindung mit ihrem Volk standen. Was ihn fortan inspirierte, war Französischer Geist. So lautete der ursprüngliche Titel eines Aufsatzes von 1910 mit Reflexionen über Macht und Geist, in dem er Vorbildfiguren erträumte, um sich selbst zu definieren in seiner Rolle als kritischer Intellektueller, als engagierter Romancier.

In seiner literarischen Produktion spielten französische Themen zunächst kaum eine Rolle. 1907 erschien der Roman Zwischen den Rassen; damit meinte er den erlebten Gegensatz von Norden und Süden, aber auch: männlich und weiblich, empfindsam und handlungsorientiert. Zwar lässt der Roman den Schwulst der Göttinnen hinter sich, doch gleitet er hier und da noch ab in Seelenkitsch und opernhaftes Pathos.

Auf den ersten Blick unpolitisch ist auch Die kleine Stadt, das Resümee seiner italienischen Erfahrungen (1909). In diesem Roman überträgt er die Unrat-Thematik auf eine italienische Kleinstadt nach dem Vorbild von Palestrina. Hier bringt eine ganze Operntruppe Unordnung in die Stadt, Theater- und Liebes-Intrigen vermischen sich mit politischem Händel, Liebe und Rache, Eitelkeit und Gier treiben die Handlung an, die sich etwas zu sehr kompliziert. Die Komödianten entfesseln private und politische Leidenschaften, ja sogar eine organisierte Opposition mit dem Pfarrer an der Spitze. Es entbrennt eine Art Bürgerkrieg, der immer heftigere Formen annimmt. Die aufgeführte Oper wird zur Allegorie für die Lieb- und Feindschaften der Menschen in der kleinen Stadt. Die Liebe zwischen dem Heldentenor und einer geheimnisvollen Schönheit endet mit einer opernhaften Erdolchung, die aber nur angedeutet wird, während sich der Rest der turbulenten Truppe schon in der Ferne verliert.

Die vielen amüsanten Episoden ertrinken in einer allzu komplexen, polyphon erzählten Handlung. Für den Insel Verlag, zu dem Heinrich Mann gewechselt hatte, war der Roman mit seinen scharfen Rededuellen zwischen Advokaten der neuen Freiheit und Verteidigern der alten Ordnung viel zu politisch. Der Autor klagte bald, dass sich die Verbindung mit dem Leipziger Verlag als Irrtum erwiesen habe. Thomas Mann goss noch Öl ins Feuer, als er dem Bruder suggerierte, der Roman sei »das Hohelied der Demokratie«. Daran hatte Heinrich nie gedacht, doch übernahm er diese Formulierung in seinen Waschzettel. Immerhin rufen die Kleinstädter während eines Aufruhrs: »Wir sind das Volk!«

Nach dieser Arbeit nahm sich Heinrich Mann Größeres vor. Die »Geschichte der öffentlichen Seele in Deutschland« wollte er schreiben. In seiner Satire Der Untertan versuchte Heinrich Mann, seelische, politische, ästhetische und sexuelle Einstellungen in eine Geschichte zu binden, in ein soziales Panorama, an deren beiden Enden der Untertan und der Kaiser stehen. Ihm gelang eine scharfe Auseinandersetzung mit den fragwürdigen Grundlagen des Reiches und der dubiosen Moral seiner Untertanen. »Der Nerv der Öffentlichkeit ist Reklamesucht«, erkennt der Fabrikant Diederich Heßling, die Hauptperson des Romans. Das Komödiantische durchdringt die ganze Gesellschaft, von ihrer Spitze her. Der Untertan kann als bleibendes Meisterwerk von Heinrich Mann gelten. Es ist die Abrechnung mit dem Wilhelminischen Deutschland, aber auch mit seinen eigenen Dämonen. So einer wie Diederich Heßling hätte Heinrich Mann werden können, denkt man an seine peinlichen publizistischen Anfänge.

Von der damaligen politischen Brisanz dieses Romans macht man sich heute nur schwer einen Begriff. Der Vorabdruck in einer Zeitschrift wurde nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 eingestellt. Nur in Privatdrucken ist der Text zunächst verbreitet worden. Erst als die Untertanen ihren Monarchen verloren hatten, im revolutionären Jahr 1919, konnte das Werk im Druck erscheinen. Es war nicht etwa überholt, sondern aktueller denn je. Vor allem die eifrige Reklame durch Heinrich Manns neuen Verlag (Kurt Wolff, Leipzig) machte aus dem Untertan den literarischen Bestseller des Jahres.

Damen und Dramen

Aber es ist doch Liebe, das einzige, was das Chaos lichten kann.

Heinrich Mann an Edith Kann, 1911

In dem Roman Die Jagd nach Liebe lässt Heinrich Mann eine Gestalt sagen: »Die Liebe! Dieser Wechselzopf von Selbstbetrug, Einsamkeitsfluch, niedrigen Interessen, Herrschsucht, Suggestion, gemeiner Sinnlichkeit.« Die Heirat sei für einen Schriftsteller ohnehin ausgeschlossen, folgerte er aus dem Leben des großen Vorbilds Flaubert. »Für mich ist ›Liebe‹ Einbildung wie alles übrige«, hatte schon der 20-jährige Heinrich Mann an seinen Freund Ewers geschrieben. Auch seine Gedichte sprechen nur von sachlichen Romanzen. Die Selbstverständlichkeit, mit der in seinen Romanen von Sexualität die Rede ist, machte ihn zum Avantgardisten des Eros, wobei er Kitsch nicht immer vermieden hat. Von einem expliziten Frauenideal, von Heirat, von Familie, geschweige denn von Kindern war bei all dem nie die Rede.

Spuren hat das unstete Liebesleben des Autors kaum hinterlassen. In seiner persönlichen Sammlung finden sich einige Fotokarten im Stil der Zeit um 1900 mit Namen, die exotisch klingen (Erna Denera, Erna Morena, Graziella Pareto). In einem Brief an Thomas vom Dezember 1903 deutet er eine Beinahe-Affäre mit der Malerin und Dichterin Hermione von Preuschen an, eine selbstbewusste Erotikerin, eine furchtlose Weltreisende, deren Temperament der kühle Hanseat nicht gewachsen war. Die Novellen von Heinrich Mann hatten sie in einen »Rausch von Seligkeit« versetzt. In ihren Memoiren Der Roman meines Lebens (1926) hat sie geschildert, wie enttäuschend die Begegnung mit dem Menschen »H. M.« verlief.

Lag es an der allgemeinen Verwandlung, die mit Heinrich Mann vor sich gegangen war, oder lag es am Vorbild des Bruders Thomas, der Anfang 1905 geheiratet hatte? Plötzlich war auch bei Heinrich von Hochzeit die Rede – mit einer Frau, deren Biographie und Wesen an die eigene Mutter erinnerte. Im Frühjahr 1905 machte er in Florenz die Bekanntschaft der Deutsch-Argentinierin Inés Schmied, die Gesangsstunden bei einer Opernsängerin nahm. Vier Jahre währte der Versuch, dieser Beziehung Gestalt zu geben. Nach kurzer Euphorie gab es Mitte Juli 1905 erste Anzeichen einer Krise, ausgelöst durch eine kritische Äußerung von Inés über einige Passagen des Romans Zwischen den Rassen (das eigentliche literarische Dokument dieser Liebe). Im Mai 1908 reisten Heinrich und Inés zu Thomas und Katia nach Venedig, aber hier wie bald darauf bei einem Besuch im Sommerhaus in Bad Tölz fühlte Inés sich unwillkommen und herablassend behandelt. Es folgte eine Phase der langsamen Agonie, die 1908 mit Heinrichs »Flucht« nach Nizza endete. Seine Vorstellung von einer Ehe war genauso ein Suggestivtraum wie Inés’ Hoffnung auf eine Laufbahn als Schauspielerin. Heinrich Mann stürzte sich in einen Wirbel von Affären in Nizza, München und Wien, ehe die überraschende Wende zur Ehe erfolgte.

Am 4. Februar 1913 veranstaltete die Zeitschrift Die Aktion einen »Großen Revolutionsball«. Zum Organisationskomitee gehörte auch der mit Heinrich Mann befreundete Maler Max Oppenheimer, der ein rotschwarzes Plakat mit einem expressionistischen Bonaparte-Porträt entwarf. Der Kostümball fand statt in den Johann-Georg-Festsälen in Halensee und hatte so großen Erfolg, dass er am 12. Februar 1913 wiederholt wurde. Auf diesem zweiten Fest machte Heinrich Mann eine Bekanntschaft, die sein Herz näher anging.

Am Tag darauf erhielt Heinrich Mann den ersten Brief des neuen Flirts. Mary Kaanova nannte sich die Dame; in ihrem tschechoslowakischen Heimatschein steht die Namensform Marie Kahnová, geboren am 28. Januar 1886, aus einer tschechisch-jüdischen Familie stammend. In amtlichen Dokumenten wird sie als »dramatische Schauspielerin« bezeichnet, hat aber wohl in Deutschland niemals auf einer Bühne gestanden. Auch Heinrich Mann, dessen Stück Die große Liebe (die Verarbeitung einer Affäre in Wien) gerade aufgeführt wurde, konnte ihr zu keinem Engagement verhelfen. Er gab ihr den Kosenamen »Mimi«, nach der weiblichen Hauptfigur in Puccinis Oper La Bohème. Im Juni 1913 reisten die beiden nach Venedig. Dort grassierte nicht die Cholera, sondern eine Durchfallepidemie, die später im Familienkreis nur noch »venezianische Krankheit« genannt wurde. Krankheiten, Kuren, Ärzte sollten ein Dauerthema werden, vor allem aber Diäten und Programme zum Abnehmen, denn Mimi litt unter Übergewicht.

1913 war Heinrichs Winterreise nach Nizza wegen finanzieller Probleme ausgefallen, im Februar 1914 begab er sich aber wieder an die blaue Küste. Für lange Zeit war es sein letzter Karneval an der Riviera; es war sein Abschied vom Junggesellendasein, aber auch von einer Epoche. Mimi kurte und langweilte sich in Prag, wo es dunkel und trübe war. Heinrich tröstete sie mit lieben Briefen, Geldgeschenken und mit französischer Wäsche.

In München mieteten sie eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Leopoldstraße. Doch vor der Heirat gab es einige bürokratische Hürden zu bewältigen. Mimi besaß die österreichische Staatsangehörigkeit und war jüdischer Konfession, Heinrich war Bürger des Stadtstaates Lübeck und Protestant. Heinrich Mann trat aus der evangelischen Kirche aus, erst danach konnte die Hochzeit am 27. August 1914 stattfinden, also nach Kriegsbeginn. Der Anwalt Maximilian Brantl und Thomas Mann waren die Trauzeugen. Hedwig Pringsheim, die Schwiegermutter von Thomas, hatte ihre Vorbehalte gegen Mimi: »Heinrich Mann erwartet ein Kind. Wird’s nach der Mama – oh weh!« Dem Vater ähnelte es dann recht wenig. Am 10. September 1916 brachte Mimi eine Tochter zur Welt. Sie erhielt die Namen Carla Marie Henriette Leonie Mann, Rufname Leonie; in der Familie wurde sie nur »Goschi« genannt.

Auch in ihrem neuen Status als Mutter musste sich die Frau des Autors Heinrich Mann gehässige Kommentare gefallen lassen. Erich Mühsam notierte bösartig: »Mit Heinrich Mann und seinem Unglück von Eheweib.« Ähnlich abschätzig äußerten sich Tilla Durieux und Thea Sternheim. Positiv fiel hingegen das Urteil von Tilly Wedekind aus, die Mimis Organisationstalent in mageren Zeiten lobte; im Hunger-Herbst 1917 habe sie es immer verstanden, auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel zu besorgen.

In den Jahren nach dem Krieg hat Mimi ihren Mann auf mehreren Reisen begleitet. 1925 waren die beiden zum einzigen Mal gemeinsam in Nizza. Ansonsten hießen die Ziele Biarritz (1927 und 1928), Royan (1928), Usedom (1929). Gelegentlich reiste Heinrich Mann auch allein, so immer öfter nach Bad Gastein, dem österreichischen Treffpunkt der Berliner Kulturprominenz. Dort lernte er die Schauspielerin Trude Hesterberg kennen.

Die Liaison mit Trude Hesterberg fiel in die Jahre 1926 bis 1929. In dieser Zeit hielt sich der Autor meist in Berlin auf. Die Affäre wurde publik, als bei der »roten Trude« eingebrochen wurde und dabei einige Dinge verschwanden, die Heinrich Mann gehört hatten. Die Presse hatte ihre kleine Sensation. Und die erboste Mimi reiste aus München an, soll der Rivalin gegenüber sogar handgreiflich geworden sein.

Trude Hesterberg hat später behauptet, die Idee einer Verfilmung von Professor Unrat stamme von ihr; ihre Hoffnung auf die Hauptrolle, von Heinrich Mann tapfer unterstützt, blieb unerfüllt. Bibi, eine Farce mit Musik, die Heinrich Mann für sie schrieb, fiel durch und verursachte eher peinliche Gefühle bei seinen Bekannten. Der weltweit erfolgreiche Film Der blaue Engel, nach seinem Roman Professor Unrat, dessen Premiere im März 1930 stattfand, nützte Heinrich Manns Ruhm nur indirekt, seinem Konto aber sehr. Auf das Drehbuch und die Besetzung hatte er keinen Einfluss.

Heinrich Manns Ehe mit Mimi wurde 1930 geschieden, bei geteilter Schuld, denn auch sie musste eine außereheliche Affäre zugeben. Sie behielt das Sorgerecht für Leonie; in ihrer Münchner Wohnung verblieben die Bücher und Briefe des Autors. Als Mimi und Leonie 1933 nach Prag flüchteten, konnten die wertvollen Dokumente vom tschechoslowakischen Konsulat außer Landes gebracht werden; dass sie im Kohlenkeller eines Nachbarhauses im Ortsteil Smíchov den Krieg überdauerten, ist ein großes Glück für die Biographen.

1930 gab es schon eine andere Frau in Heinrich Manns Leben. Wenn man die neue Freundin als »Bardame« bezeichnet, ist das nur eine Verschleierung der Tatsache, dass sie von käuflicher Liebe lebte, als ihr der Dichter begegnete. Diese Feststellung ärgert manche Verteidiger des »Moralisten« Heinrich Mann. Dabei hat er diese Beziehung auf seine diskrete Art öffentlich gemacht. 1931 schrieb er einen Essay, in dem er eine weit ausholende Begründung dafür gab, warum er eine Hure zur Gefährtin nahm. Es schien, als könne er nur in dieser Einkleidung von sehr persönlichen Dingen reden. Die Wege des Geschlechts nannte er seinen Text über die Geschichte der Prostitution, der im Oktober 1931 in der Literarischen Welt erschien. Die biographische Pointe dieser Ausführungen war: Der Präsident der Dichterakademie, der international angesehene Autor, bekannte sich indirekt zu seinem Liebchen aus der Bajadere.

Das Sozialgefälle könne auch mit Lust genossen werden, schrieb Heinrich Mann (aus Erfahrung). In der mythischen Figur der Manon Lescaut zeige sich die »Höchstwirkung der Frau auf einen Mann«. Die Frauen vom »Gewerbe« hätten den bürgerlichen Frauen das Verhalten vorgegeben, im Schminken und Auftreten wie in der Mode. Von der »Höchstwirkung« solcher Frauen auf sich selbst sprach er wieder indirekt, mit einem abschließenden Flaubert-Zitat: »Die Dirnen haben für mich die ganze, unvermindert furchtbare Anziehung der barbarischen Gefühle. Sooft ich an einer dunklen Straßenecke eine warten sehe, klopft mir das Herz.«

Die Gestalt, deren Leben Heinrich Mann im Roman Ein ernstes Leben (1932) nachzeichnet, ist begabt fürs Unglück, für das eigene, das sie nicht verhindern kann, wie für das der anderen, das sie vorzeitig ahnt. Die Kindheit einer Dirne wird darin einfühlsam geschildert. Und es wurde eine Art Heimatroman, denn viele Szenen spielen an der Ostseeküste, einige sogar in Lübeck. Wer der Person, die als Vorbild diente, den Rufnamen Nelly gegeben hat, weiß man nicht. Im Taufregister der Kirchengemeinde Ahrensbök ist sie vermerkt als Emmy Johanna, geboren am 15. Februar 1898, getauft am 11. April desselben Jahres. Der Vater ist angegeben mit Nikolaus Wilhelm Heinrich Kröger, die Mutter heißt Bertha Margareta Fließ, geb. Westphal. Nellys Mutter heiratete später jenen Fischer Kröger, der Nelly als seine Tochter anerkannte. Die gelernte Näherin stammte aus ärmlichsten Verhältnissen, kam irgendwann nach Berlin, wo sie ins Nachtleben geriet.

Margot Voss, eine damalige Berufskollegin von Nelly, mit der Heinrich Mann nach 1945 einen längeren Briefwechsel führte, lieferte einige Details zu ihrer gemeinsamen »Arbeit«. Gewohnt hat Nelly in der Marburger Straße 5. Das Lokal Bajadere, in dem Heinrich Mann Nelly kennen lernte, lag in der Kleiststraße, unweit vom Wittenbergplatz. Im Februar 1930 nahm er sie erstmals mit nach Nizza. Dort besuchte sie der Filmproduzent Erich Pommer von der UFA. Gemeinsam sahen sie die Kopie des Blauen Engel in einem Kino an der Promenade des Anglais. Ein Foto zeigt Heinrich und Nelly auf einer Café-Terrasse in Nizza. Nelly hat sich à la Marlene Dietrich zurechtgemacht. Bei der Premiere des Films in Berlin im März war Heinrich Mann nicht anwesend.

Die Tragödie von Carla Mann

Dieser Mensch kann nichts Hässliches tun.

Theodor Lessing über Carla Mann, 1906

Im kurzen und tragischen Leben der Schauspielerin Carla Mann spielten Fragen der Kunst und des Privatlebens eine ganz andere Rolle als bei ihren Brüdern. Carla war ein leicht exzentrisches Wesen mit romantischen Neigungen, mit viel mehr Temperament und größerer Offenheit im Umgang mit anderen Menschen als ihre Geschwister. Das Symbol für ihre Einstellung zum Leben war ein Hamlet-Utensil, ein Totenschädel, den sie in ihrem Gepäck stets mit sich führte. Heinrich Mann hat dieses Detail im Roman Die Jagd nach Liebe verwendet, Thomas Mann im Doktor Faustus. Carlas Porträt zierte 1898 den ersten Novellenband von Thomas Mann.

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