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Inhalt

1Wie es dazu kam: Die Entstehungsgeschichte der Methode

2Wie es weiterging: Ein erstes Anwendungsbeispiel

3Was auf dem Weg lag: Zur theoretischen Begründung der Existenz von Teilpersönlichkeiten

4Weshalb es wirkt, wie es wirkt: Zur theoretischen Begründung der identitäts(ab)bildenden Funktion von Tiersymbolen

5Wie es sich verortet und wo man es ansiedeln kann: Theoretische Grundlegung des therapeutischen Modells

6Wie man es nutzen kann: Darstellung unterschiedlicher therapeutischer Anwendungen

7Welche Tiere man braucht – Die Top 50: Das identitäts(ab)bildende Spektrum der Tiersymbole

8Wie man es deuten kann und darf: Auseinandersetzung mit dem Symbolcharakter des einzelnen Tieres

9Was noch zu sagen wäre: Resümee und Ausblick

Anhang

Assoziations- und Identifikationsvorschläge zur Arbeit mit den inneren Tieren

Kurzanleitung zur Arbeit mit dem Inneren Team mit Tieren

Literatur

Sachregister

1Wie es dazu kam: Die Entstehungsgeschichte der Methode

Dieses Buch ist mir „zugefallen“. Ich habe es innerhalb von wenigen Monaten geschrieben. In meinem Inneren arbeite ich aber schon viele Jahre daran und kann den Anfang auch nicht mehr genau benennen. Einige Stationen in meinem Leben sind Wegbereiter gewesen – so zum Beispiel meine Gestalttherapie-Ausbildung in den Jahren 1982 bis 1987. Die Gestalttherapie gehört gemeinsam mit anderen psychotherapeutischen Ansätzen, wie z. B. dem Psychodrama oder der Gesprächspsychotherapie, zu den Methoden der Humanistischen Psychologie. Ausgehend von einem Menschenbild, welches nicht von einer Expertenposition auf den psychisch kranken oder „funktionsuntüchtigen“ Patienten blickt, wollen diese Ansätze auf einer Basis von Gleichberechtigung und authentischer menschlicher Begegnung heilend wirken. Das Ziel, den therapeutischen Prozess so zu gestalten, dass er Eigenverantwortung und Selbsthilfekräfte der Klienten stärkt, hat mich deshalb stets geleitet und ist auch Anliegen dieses Buches.

Weil ich noch mehr Fröhlichkeit und spielerische Elemente in meine Gruppen- und Einzelarbeit einbeziehen wollte, absolvierte ich von 1989 bis 1992 eine Psychodrama-Ausbildung. Bei dieser Methode handelt der Therapeut ähnlich wie ein Regisseur, der dem Protagonisten hilft, seine Lebensthemen und inneren Konflikte auf der „Psychodramabühne“ zu inszenieren. Die anderen Gruppenmitglieder sind die Schauspieler, die in der Funktion eines „Hilfs-Ichs“ entsprechende Rollen übernehmen. Jacob Levy Moreno, der Begründer des Psychodramas, entwickelte seine Methode in den 1920er Jahren aus der Beobachtung kindlichen Rollenspiels (Moreno 2007). Dieses erschafft durch spontanes und kreatives Ausagieren von Alltagssituationen (z. B. Mutter und Kind) oder Phantasiegeschichten (z. B. Räuber und Gendarm) eine Zunahme sozialer und persönlicher Kompetenz. So wie Kinder mit Freude und spielerischer Leichtigkeit immer wieder neue Rollen erproben und dadurch ihr Handlungsspektrum erweitern, ermöglicht auch das Psychodrama, die Bearbeitung von Problemen mit Experimentier- und Lebensfreude zu verbinden.

Im Verlaufe der 1990er Jahre geriet ich in den Besitz einer größeren Anzahl von Miniatur-Tieren der Firma Schleich (wahrscheinlich aus dem Fundus meiner Kinder), die ich innerhalb meiner therapeutischen Arbeit zu unterschiedlichen Zwecken einzusetzen begann. Manchmal bat ich die Teilnehmer einer Gruppe sich zu Anfang einer Sitzung ein Tierchen auszusuchen, das ihre Stimmungslage verkörperte. Ein anderes Mal sollte jemand, der sich entmutigt fühlte, ein Tier wählen, das ihm tröstliche oder stärkende Impulse geben konnte und sich vorstellen, dass dessen Kraft auf ihn überginge. In der Einzeltherapie ließ ich Klienten ihre Ursprungsfamilie anhand der Tiere zusammenstellen und bekam so auf spielerische Art und Weise einen Eindruck dessen, wie sich die Person früher mit Eltern und Geschwistern gefühlt haben mochte. Motiviert von der Begeisterung, die mir in der Gruppen- und Einzelarbeit regelmäßig beim Einsatz der Miniaturtiere begegnete, ging ich in Spielzeuggeschäften immer wieder auf die Suche nach neuen Exemplaren zur Ergänzung meiner Sammlung und kam im Laufe der Zeit auf über 130 verschiedene Tiere.

Ein entscheidender Schritt in der Entstehungsgeschichte dieses Buches ergab sich im Jahr 2004 im Rahmen meiner Tätigkeit als Supervisorin für Beraterinnen des Kinder- und Jugendtelefons des Deutschen Kinderschutzbundes. Für die aus ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen unterschiedlicher beruflicher Herkunft bestehende Gruppe sollte ich ein Tagesseminar anbieten. Als Themenwunsch kam auf, etwas über den kommunikationspsychologischen Ansatz des „Inneren Teams“ zu erfahren. Dieser Begriff wurde 1998 von Friedemann Schulz von Thun geprägt und bezeichnet eine Technik, mit der man eigene Persönlichkeitsanteile, die sich als innere Stimmen bemerkbar machen, identifizieren und miteinander in Austausch bringen kann. Ausgehend von dem Ziel, Kommunikation so zu gestalten, dass sie sowohl in Übereinstimmung mit sich selbst als auch mit den Erfordernissen der Situation erfolgt, entwickelt der Autor den Gedanken einer „inneren Mannschaftsaufstellung“, die sich in verschiedenen Lebenssituationen gleichzeitig und häufig widerstreitend zu Wort meldet (Schulz von Thun 2007).

Die Grundidee, die innerpsychischen gedanklichen und emotionalen Strebungen zu einem kooperationsfähigen Team zu integrieren, war beeindruckend. Schwierig allerdings erschien mir der Schritt, diese Persönlichkeitsanteile einzelnen inneren Figuren zuzuordnen; denn dieser war ja Voraussetzung, um hinterher Einigkeit erzielen zu können. Schulz von Thun empfahl dafür das Hinzuziehen eines professionellen „Klärungshelfers“. In dieser Form empfand ich das dargestellte Konzept als zu wenig praktikabel zum Einsatz für meine Zielgruppe von ehrenamtlich tätigen Laien. Diese brauchten eine Methode, die sie in Selbstanwendung nutzen konnten, um sich in effektiver Weise selbst zu regulieren und die teilweise extrem belastenden Telefonate besser seelisch verarbeiten zu können.

Das Modell erinnerte mich an eine auf Virginia Satir zurückgehende Psychodrama-Technik, die ich bereits einmal in der Supervisionsgruppe vorgestellt hatte. Sie nennt sich „Sechs Figuren für eine Persönlichkeit“ (Leveton 2004). Die Gruppenmitglieder erhalten die Aufforderung, sechs Gestalten (drei männliche und drei weibliche) aus Märchen, Literatur, Film oder auch dem realen Leben zu benennen, von denen sie sich im Laufe des Lebens (je früher, desto besser) beeindruckt gefühlt haben. Wer seine „sechs Figuren für eine Persönlichkeit“ näher kennen lernen möchte, verteilt die Rollen auf sechs Gruppenmitglieder, die die Aufgabe erhalten, eine Stehparty zu improvisieren. Um diese Aufgabe zu erleichtern – denn manchmal ist dem Spieler die Figur, die er darstellen soll, gar nicht bekannt – muss der Protagonist jede Rolle mit drei Eigenschaften charakterisieren.

Immer wenn ich diese Übung in einer Gruppe erstmalig vorstellte, erntete ich zunächst beklommene Blicke, weil sich jeder davor fürchtete, als Winnetou, Schneewittchen oder Pippi Langstrumpf an einer spontanen Stehparty teilzunehmen. Spätestens nach dem ersten Durchlauf und dem Erleben der oft lustigen, manchmal bizarren Dynamik des Miteinanders von sechs meist völlig verschiedenen Gestalten, sprang der Funke auf die „Schauspieler“ über. Für den Protagonisten ergaben sich durch Zuschauen und anschließende Befragung der Rolleninhaber wichtige Informationen über das Zusammenspiel der eigenen Persönlichkeitsanteile und Impulse für zukünftiges Handeln. Leitende Fragen bei der Auswertung der Stehparty waren z. B.: Wer dominiert wen? Wer wird zu wenig gewürdigt? Wer hat welche besonderen Fähigkeiten? Wer ist traurig und braucht Unterstützung? Wer bildet mit wem eine Koalition?

An diese spannende und lehrreiche Übung erinnerte ich mich bei der Vorbereitung des Seminars zum Inneren Team. Waren es hier sechs Märchen- oder Romanfiguren, die als Stellvertreter für innere Anteile miteinander interagierten, so müsste es genauso möglich sein, Tiere als symbolische Vertreter für ein Inneres Team zu wählen, um damit die Grundgedanken Schulz von Thuns zu demonstrieren. Kurzerhand probierte ich das Experiment selbst aus. Ich suchte aus meinen Tieren sechs Exemplare heraus, die mich ansprachen und von denen ich deshalb annahm, dass sie wichtige Seiten von mir symbolisierten:

imageeinen Schwan,

imageein Nashorn,

imageeine Giraffe,

imageeine Eule,

imageeinen Affen,

imageeinen kleinen, etwas hilflos wirkenden Bären.

Im nächsten Schritt war zu überlegen, welche meiner Eigenschaften ich mit den Tieren in Verbindung bringen konnte. Das war nicht ganz so schmeichelhaft für mich. In dem Schwan erkannte ich meine eitle Seite wieder, im Nashorn meine Wut, die manchmal auch vernichtend sein kann, in der Giraffe meine vernünftige Umsicht und Weitsicht, in der Eule meine weise Therapeutenseele. Der Affe stand für meine alberne Seite, die manchmal auch gehässig ist und sich über andere lustig machen möchte. Und der kleine hilflose Bär verkörperte meine kindlichen und schutzbedürftigen Anteile.

Ich war begeistert, wie leicht sich eine Mannschaft zusammenstellen ließ, und probierte spontan Möglichkeiten aus, die Tiere miteinander ins Gespräch kommen zu lassen. Ich stellte in Gedanken eine Frage, die mich zu diesem Zeitpunkt belastete, und versuchte, herauszufinden, wer sich zuerst mit einer Antwort meldete. Das geschah auch prompt. Ich hatte eine klare Vorstellung, wer als erstes etwas sagen würde. Da ich allein im Zimmer war, sprach ich diese Sätze auch leise aus. Dann fragte ich: „Wer meldet sich als nächstes zu Wort?“ Recht schnell ergab sich ein lebendiger Dialog innerhalb der Tiergruppe, indem ich mit verteilten Rollen sprach. Es wurde deutlich, dass die Tiere in Bezug auf die mich belastende Ausgangsfrage miteinander zerstritten waren.

Ähnlich wie von Schulz von Thun beschrieben, waren mir während dieses Dialogs nicht alle Mitglieder meines inneren Teams gleichermaßen sympathisch. Manche hätte ich am liebsten versteckt, weil sie mir peinlich waren. Insbesondere mein hilfloses Bärenkind wollte ich auch gar nicht so gerne mitreden lassen. Die sozialpsychologische Erkenntnis, eine Wandergruppe ist immer nur so schnell wie ihr langsamstes oder schwächstes Mitglied, kam mir in den Sinn. Mein schwächstes Mitglied war wohl dieses Bärenkind, das vor allem vom Schwan und von der Giraffe verachtet wurde und sich deshalb auch für sich selbst schämte. Diesen beiden war es überaus peinlich, einen solch hilflosen Anteil mit sich herumschleppen zu müssen, und sie hätten ihn wohl am liebsten ganz versteckt. Das Nashorn und der eher unangepasste Affe solidarisierten sich jedoch mit dem Bärenkind. Die Eule verhielt sich neutral.

Ich erkannte in meinen Tieren auch meine Eltern wieder. Das wilde Nashorn und der eher unangepasste Affe standen für meinen Vater. Die umsichtige Giraffe und der Schwan, der sein Gesicht nicht verlieren darf, standen für meine Mutter. In dem Bärenkind traten meine Kindheitsängste zutage, und die Eule war der Anteil, den ich mir im Laufe meines Lebens zur Heilung für mich selbst und andere angeeignet hatte. Die Art des Umgangs in meiner Ursprungsfamilie spielte sich ebenfalls in meinem Inneren Team ab: Mein jähzorniger, unangepasster Vater, der sich in der Öffentlichkeit leicht mal daneben benahm und deshalb von meiner klugen und sehr vernünftigen Mutter zeitlebens kritisiert und im Geheimen verachtet wurde. Ebenso ging ich mit mir selbst um. Auch ich verachtete mich für meine unangepassten Persönlichkeitsanteile und behielt trotzdem immer so einen „inneren Rocker“ in mir, der mir zwar in der Not beistand, der aber auch manchmal zum Vorschein kommen konnte, wenn weder ich noch irgend jemand anderes damit rechnete.

Dieses für mich persönlich sehr erfolgreiche Experiment ermutigte mich, an dem Seminartag mit den Telefonberaterinnen das Kommunikationsmodell des Inneren Teams wirklich anhand meiner Tiere zu verdeutlichen. Ich berichtete den Frauen zunächst von den Grundgedanken, die Friedemann Schulz von Thun in seinem Buch zusammengetragen hat:

imagedass jeder von uns einen mehr oder weniger ungeordneten Haufen innerer Stimmen in sich trage, die je nach Situation widerstreitend durcheinander redeten und erst zu einem funktionstüchtigen Inneren Team heranwachsen müssten; dass die Mitglieder dieser inneren Versammlung unterschiedliche Aufgaben, Rollen und Positionen hätten, z. B. manche die Außenvertreter seien, die man besonders gern in der Öffentlichkeit präsentiere, manche dagegen nie nach außen dringen dürften;

imagedass die Kräfteverhältnisse in dieser Mannschaft (wie in jeder sozialen Gemeinschaft) oft ungleich verteilt wären und manche mehr, andere weniger und einzelne eher gar nichts zu sagen bzw. zu bestimmen hätten;

imagedass es unterschiedliche Formen der Verbannung gäbe, unter der die ungeliebten Anteile zu leiden hätten (von „So bin ich, aber das zeig ich nicht jedem“ oder „So bin ich, aber dafür schäme ich mich“ zu „So bin ich gar nicht“) und dass verbannte, missachtete Mitglieder als Untergrundkämpfer z. B. in Form von körperlicher oder seelischer Krankheit wieder in Erscheinung treten könnten und sich damit an dem restlichen Team rächten;

imagedass man selber der Teamchef sei, der dafür Sorge zu tragen hätte, dass alle im Team gewürdigt und gewertschätzt würden und Gerechtigkeit untereinander herrschte;

imagedass sich die eigenen Kräfte multiplizierten, wenn alle zusammenhalten und kooperieren würden und dass sie sich bei einem bloßen Nebeneinander lediglich addierten und bei einem Gegeneinander sogar subtrahieren würden.

Nach meinem ca. einstündigen Vortrag kam von den Zuhörerinnen genau die Frage, die ich mir vorher auch schon gestellt hatte: „Wie sollen wir denn herausfinden, wer zu unserem Inneren Team gehört?“ Ich berichtete, dass Schulz von Thun seine Methode entwickelt hatte als Technik des Krisenmanagements. In seinem Buch schlug er vor, sich in einer Konfliktsituation die widerstreitenden inneren Stimmen als konkrete Personen vorzustellen, die sich durch ganz bestimmte Eigenschaften charakterisieren und entsprechend benennen ließen. Den einzelnen Stimmen sollte dann Raum gegeben werden, indem man sie z. B. auf verschiedene Stühle verteilte, auf die man sich setzen konnte, um dann aus dieser Position heraus seine Meinung zu vertreten. Und wieder kam der Kommentar: „Aber das nützt uns doch nichts in einer schwierigen Situation am Telefon. Da haben wir doch gar keine Zeit, verschiedene innere Stimmen auf Stühle zu verteilen.“

Mit dem Versprechen, dass wir gleich gemeinsam eine Lösung für diese Frage ausprobieren würden, entließ ich die Teilnehmerinnen in die Kaffeepause und kippte in der Zwischenzeit meine über 130 Tiere auf einen Tisch. Dann empfing ich die Frauen mit der Aufgabe, jede möge aus dieser großen Zahl eines bestimmen, von dem sie sich besonders angesprochen fühle, mit dem sie sich vielleicht sogar identifizieren könne. Anschließend machten wir eine Runde, in der jede Frau berichtete, welche Beweggründe zu ihrer Wahl beigetragen hatten. Bei dieser Runde gab es bereits viele, die sagten, es wäre ihnen so schwer gefallen, sich für ein Tier zu entscheiden. Manche hatten sich einfach gleich zwei oder sogar drei herausgesucht und wollten unbedingt zu allen Dreien etwas berichten, weil sie sich in dem einen Tier zu wenig abgebildet sahen. So gelangte ich genau an den Punkt, den ich hatte erreichen wollen: Ich teilte den Frauen mit, dass wir nun aus dieser Not eine Tugend machen würden. Jede Frau sei aufgefordert, nicht nur ein Tier für sich zu wählen sondern sogar insgesamt sechs, von denen sie sich in irgendeiner Form beeindruckt fühlte bzw. in denen sie eigene Persönlichkeitsanteile entdecken konnte.

Nachdem dieser Prozess abgeschlossen war, wählten wir eine Freiwillige (die sich als erste gemeldet hatte) aus, deren Inneres Team ich vor allen Anwesenden demonstrieren wollte. Bei dieser Demonstration ging ich so vor, wie ich es auch bei mir selbst als günstig herausgefunden hatte. Ich setzte die sechs Tiere in einen Kreis und sagte: „Das ist deine innere Mannschaft; alle sechs Tiere haben etwas mit dir zu tun. Deshalb berichte bitte zunächst einmal, durch welche Eigenschaften du sie charakterisiert siehst. Gehe in der Reihenfolge vor, in der dir spontan etwas zu den Tieren einfällt.“ Anschließend fragte ich jedes Mal: „Und was von dir selbst verbindest du mit diesem Tier?“ In dieser Situation ging es zunächst darum, den Frauen die allgemeine Dynamik des Inneren Teams zu verdeutlichen. Also stellte ich weitere Fragen, die auch die Zuschauerinnen anregten, sich mit ihrem eigenen Inneren Team auseinander zu setzen.

imageWen zeigst du gerne in der Öffentlichkeit?

imageWen magst du nicht so gerne?

imageWer ist dir jetzt im Moment besonders nahe?

imageWen brauchst du für die Gruppenarbeit in diesem Seminar?

imageWer nützt dir für die Beratung am Kinder- und Jugendtelefon?

imageWer fühlt sich unwohl, wenn es dort schwierig wird?

imageWer muss beschützt werden?

imageWer kann beschützen?

Es ergaben sich so viele weiter reichende Aspekte, dass der Rahmen des Seminars gesprengt worden wäre, wenn wir allen Einzelfragen nachgegangen wären. Da dafür an diesem Tag keine Gelegenheit mehr war, vereinbarten die Teilnehmerinnen, sich in Viergruppen zusammen zu tun, um in den folgenden Wochen für jeweils zwei bis drei Stunden zu einer Extra-Sitzung in meine Praxis zu kommen. Das Ziel bestand darin, das eigene Innere Team so gut kennen zu lernen, dass man in der Lage war, in belastenden Situationen die eigenen verletzlichen Anteile zu schützen – also nicht erst aus der Not heraus eine Analyse widerstreitender innerer Stimmen vorzunehmen, sondern gleich schon mit mehr innerer Einigkeit, in eine Situation hineingehen zu können. Aus einer Metapher zur Verdeutlichung des Ansatzes von Schulz von Thun war die Idee des „Inneren Teams mit Tieren“ als eigenständige therapeutische Technik entstanden.

2Wie es weiterging: Ein erstes Anwendungsbeispiel

Nach der Durchführung des Seminars begann ich, diese Technik auch im Rahmen meiner Einzeltherapien einzusetzen. Beispielhaft sei die Arbeit mit einer meiner Klientinnen geschildert. Doris: Mitte 40, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, abgeschlossenes Hochschulstudium und mehrjährige berufliche Tätigkeit in diesem Bereich, mit der zierlichen, sportlichen Figur und der Ausstrahlung einer sehr viel jüngeren Frau, attraktiv, lebendig, vielseitig interessiert – und gleichwohl mit starken Minderwertigkeitsgefühlen belastet, die es ihr schwermachten, nach einer mehrjährigen Phase des reinen Mutterdaseins einen beruflichen Wiedereinstieg zu wagen, wodurch ihre Selbstzweifel sich noch verstärkten.

Ich hatte schon eine Zeit lang mit Doris gearbeitet. Jedes Mal, wenn ich versuchte, ihr meinen eigenen Eindruck ihrer Ausstrahlung und ihres wahrgenommenen Potenzials zu spiegeln, um ihr dadurch eine andere Sichtweise als die extrem negative, die sie von sich hatte, zu vermitteln, beharrte sie um so hartnäckiger darauf, dass sie in Wirklichkeit gar nichts tauge und dass ich sie eben nicht genug kennen würde, wenn ich so etwas behauptete. Hier bei mir würde es ja um nichts gehen, da könnte sie ja ganz entspannt sein, aber wenn sie irgendwo etwas beweisen müsse, wäre sie eben der totale Versager. Und bei den Jobs, die sie gemäß ihrer Ausbildung machen könnte und auch gern machen würde, müsste man z. B. auch mal einen Vortrag halten, und das wäre die totale Katastrophe. Es wäre ihr unerträglich, sich derart zu blamieren, genauso wäre es ihr unerträglich, irgendeine einfache Arbeit anzunehmen, die eigentlich nach ihrer Ausbildung unter ihrem Niveau wäre. Auch dafür würde sie sich zu sehr schämen. Sie wüsste schließlich, wovon sie spreche, denn in ihrer damaligen Berufstätigkeit habe sie auch vor lauter Ängsten Bluthochdruck gekriegt, und sie habe sich ständig gefürchtet, den Ansprüchen nicht zu genügen.

Doris war aufgrund ihrer Versagensängste immer besonders fleißig und engagiert gewesen und hatte deshalb sowohl ihr Studium als auch die Berufstätigkeit erfolgreich gemeistert. Doch meine Hinweise auf diese Sachverhalte reizten nur noch mehr ihren Widerspruchsgeist. Oftmals war ich über diese Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung erstaunt, erschüttert, manchmal auch belustigt. Wir hatten in Doris’ Kindheitsgeschichte bereits Ursachen für die Versagensängste gefunden: Sie war ein ausgelassenes, unternehmungslustiges, fast wildes Kind gewesen, das die Mutter, die wenig Zeit hatte, sich ihr zu widmen, nur dadurch zu regieren vermochte, indem sie davor warnte, dass etwas Schlimmes geschehen würde oder dass die Jungfrau Maria schon strafen würde, wenn Doris nicht vorsichtiger wäre. Bei Schuleintritt wirkte sich eine Legasthenie, die jedoch nicht als solche erkannt wurde, behindernd aus. Doris galt bei ihren Eltern als dumm, was sie aber akzeptierten, da sie ja ein Mädchen war. Sie konzentrierten sich stattdessen mit Schlägen und extremem Druck auf die schulische Laufbahn der beiden älteren Brüder, die allerdings auch keine besseren Leistungen zu erbringen vermochten (vielleicht aufgrund einer ähnlichen Beeinträchtigung). Doris litt, da sie die Jüngste war, schon als Kleinkind unter der Gewalt, die ihren Brüdern im Zusammenhang mit mangelnder Leistung angetan wurde, aber auch darunter, dass sie, die an Schule und geistiger Anregung sehr interessiert war, nicht bessere Noten erzielen konnte. Die Schule sei ihr aufgrund der vielen Konflikte, denen sie im Elternhaus habe beiwohnen müssen, der liebste Aufenthaltsort gewesen. Dennoch habe sie – von den Eltern schulisch in keiner Weise begleitet und gefördert – mit einem Hauptschulabschluss abgehen und eine Lehre beginnen müssen. Aus eigener Kraft und als einzige aus ihrer Familie schaffte sie es trotzdem, nach Abschluss der Lehre auf einer Abendschule das Abitur und anschließend ein Studium zu absolvieren.

Versagensängste und Selbstzweifel begleiteten Doris von Beginn der Schulzeit an und durch das Erleben des Leids ihrer Brüder vielleicht auch schon früher. Trotz aller Erfolge etablierte sich im Inneren die Überzeugung, nicht in der Lage und nicht wert zu sein, auf geistigem Gebiet mit anderen konkurrieren zu können. Gleichzeitig existierten aber auch ein ausgeprägter Wissenshunger und ein starker Drang, sich über geistige Tätigkeit innerlich zu stabilisieren, z. B. über das Lesen von Fachbüchern Ausgleich zu finden zu den Herausforderungen des Alltagslebens. All diese Erkenntnisse hatten wir in der therapeutischen

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Abb. 1: Das Innere Team mit Tieren von Doris

Arbeit gemeinsam gewonnen, hatten versucht, in kleinen Schritten ein Umlernen und Umdefinieren anzuregen – doch wie ein innerer Expander schnappte etwas in Doris’ Innerem immer wieder in die Ausgangslage zurück. War auf einem Gebiet eine Lockerung der Ich-Strenge und Versagensangst möglich (z. B. sich mit möglichen Stellenangeboten zu beschäftigen), wurde dieses Ziel, sobald es erreicht war, als unwichtig abgetan und dafür eine neue Etappe als unerreichbar auserkoren.

Ich entschied mich, angesichts dieser Ausweglosigkeit, Doris die Arbeit mit den inneren Tieren anzubieten. Auch später stellte ich immer wieder fest, dass die Technik gerade in therapeutischen Situationen, die verfahren erscheinen, überaus wertvolle Impulse schenkt. Ich ging genauso vor, wie ich es bei mir selbst ausprobiert hatte. Ich kippte alle Tierchen auf ein Tablett und forderte dazu auf, diejenigen sechs auszuwählen, die Doris ansprachen oder mit denen sie innerlich etwas verband.

Doris fiel es leicht, sechs Tiere für sich zu wählen: ein kleiner Hund, ein Löwe, ein grüner Grashüpfer, ein kleiner rosa Flamingo, ein auf den Hinterläufen stehender Hase, eine Maus.

Nachdem dieser Akt vollzogen war, stellte ich die gewählten Tiere im Kreis auf und sagte: „Stell dir vor, das ist dein Inneres Team, deine innere Mannschaft, die ständig in dir vorhanden ist. Jedes Tier steht für eine besondere Seite von dir, für Stärken oder Schwächen. Erzähl mir, was du mit jedem einzelnen verbindest.“ Doris berichtete:

imageder kleine Hund sei kontaktfreudig, neugierig, laufe Schwanz wedelnd zu jedem hin;

imageder Löwe sei sehr stark, aber auch etwas träge und interessiere sich nur für die wirklich wichtigen Dinge, für die er sich dann aber auch kraftvoll und mächtig einsetzen könne,;

imageder Grashüpfer interessiere sich für Reisen in ferne Länder (Doris hatte Völkerkunde studiert) und wolle mit dem langweiligen Mutteralltag nichts zu tun haben; er sei sehr abenteuerlustig und es könne ihm nie genug los sein;