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Das Imperium der Prinzen

Über den Autor

Garth Nix wurde 1963 in Melbourne geboren. Nach seinem Abschluss an der Universität arbeitete er in der Buch- und Marketingbranche, u.a. als Lektor, Buchhändler, Buchhandelsvertreter, Agent, Publizist und Berater. Seit 2001 widmet er sich vor allem der Schriftstellerei. Seine Bücher haben sich weltweit mehr als fünf Millionen Mal verkauft, erschienen auf den Bestsellerlisten der New York Times, des Guardian und des Australian und wurden in 38 Sprachen übersetzt. Er lebt heute gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Sydney.

GARTH NIX

Das Imperium der Prinzen

ROMAN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Barbara Imgrund

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Anna, Thomas und Edward
sowie meine Familie und meine Freunde

und

für Phil Wallach, Spieldesigner und Softwareentwickler, und Les Petersen, Illustrator und Grafikdesigner, die mit mir an dem Onlinespiel Imperial Galaxy gearbeitet haben, das auf Grundlage dieses Buchs entstand, lange bevor ich mit dem Schreiben fertig war,

sowie

für Robert A. Heinlein und Andre Norton

1

Ich bin dreimal gestorben und wurde dreimal wiedergeboren, auch wenn ich noch keine zwanzig Jahre nach den alten Erdenjahren zähle, in denen man immer noch die Zeit bemisst.

Dies ist die Geschichte meiner drei Tode und meiner Leben dazwischen.

Ich heiße Khemri, auch wenn das nicht der Name ist, den mir meine Eltern gegeben haben. Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind, und ich werde es nie wissen, denn ich wurde ihnen schon als Säugling weggenommen.

Dies ist eines der Geheimnisse, die das Imperium hütet. Kein Prinz darf jemals von seinen oder ihren Eltern noch von der Welt erfahren, in die er oder sie ursprünglich hineingeboren wurde. Schon der Versuch, das herauszufinden, ist verboten, was das Paradoxon, Prinz zu sein, bereits zusammenfasst. Wir haben unermessliche Macht und scheinbar grenzenlose Befugnisse – außer wenn wir versuchen, diese Macht oder Befugnisse über die Grenzen hinaus auszuüben, die uns auferlegt wurden.

Es ist allerdings immer noch eine Million Mal besser, als ein gewöhnlicher Imperialer Untertan zu sein. Es ist eben einfach nur nicht alles, was ich mir erträumte, als ich ein Kind war, ein Prinzenkandidat, der sorgfältig und in erheblicher Unwissenheit in seinem abgelegenen Tempel großgezogen wurde.

Ich bin also einer der zehn Millionen Prinzen, die das Imperium regieren, die größte politische Körperschaft in unserer bisherigen Geschichte und nach derzeitigem Wissensstand. Das Imperium erstreckt sich über einen breiten Streifen der Galaxie und umfasst über siebzehn Millionen Systeme, Zigmillionen bewohnte Welten und Billionen von fühlenden Untertanen, von denen die meisten Menschen vom alten Erdenstandard sind.

Es ist die Politik des Imperiums, dass all diese planetengebundenen Bauerntrampel so wenig wie möglich über die augenscheinlich gottähnlichen Wesen wissen, die über sie herrschen. Selbst unsere Feinde – die außerirdischen Triefaugen, die rätselhaften Töder und die Naknuk-Rebellen – wissen mehr über uns als unser eigenes Volk.

Die gewöhnlichen Leute halten uns für unsterblich. Was nur natürlich ist, wenn sie beispielsweise als hübsches Erinnerungsstück eines Urahns eine Stereoskulptur von einem gutaussehenden jungen Prinzen auf dem Kaminsims stehen haben und dann erleben, wie derselbe Prinz auf dem alljährlichen Erntefest den Bauern des Monats auszeichnet.

Es wäre auch derselbe Prinz, denn obwohl wir eigentlich gar nicht unsterblich sind, werden wir, nachdem wir getötet wurden, meistens in einem identischen Erwachsenenkörper wiedergeboren. Ich schätze, das ist nur ein technischer Unterschied.

Und ich sage nur »meistens«. Unsere Feinde wissen, dass wir nicht immer von den Toten zurückkehren. Dreimal gestorben zu sein wie ich ist keine große Sache für einen Prinzen des Imperiums. Es gibt andere, die neun, zwölf-, zwanzigmal gestorben sind und noch immer unter uns herumspazieren. Es gibt sogar Prinzenverbände, in die man nur aufgenommen wird, wenn man soundso oft gestorben ist. Etwa die Neuntod-Lebenslänglichen. Ein Haufen Trottel, wenn du mich fragst. Chronische Selbstmordkandidaten acht Tode lang und dann plötzlich übervorsichtig? Wer würde bei denen schon mitmachen wollen?

Vor allem, weil man ja nie weiß, ob man wirklich wiedergeboren wird. Das liegt beim Imperator, und von Zeit zu Zeit verschwindet immer mal wieder der Name eines toten Prinzen einfach so und ohne Erklärung von den Listen; und wenn man dumm genug ist, dem nachzugehen, stößt man auf eine Menge dumpfbackige Priester, die gar nichts wissen, und eine seltsame Vergesslichkeit in Bezug auf alles, was diesen toten Prinzen betrifft, wenn man direkt den Imperialen Geist befragt.

Aber bevor ich meine Lebensgeschichte und alles andere ausbreite, lass mich dir die nackten Fakten meiner Kindheit aufzählen. Ich gehe davon aus, dass du kein Imperialer Prinz bist, was du auch besser nicht sein solltest, sonst hätte ich all die umsichtigen Vorbereitungen umsonst getroffen, diese Aufzeichnung in einer lächerlich großen Antimaterieexplosion detonieren zu lassen, sobald sie die Anwesenheit eines wie auch immer gearteten prinzlichen Sensoriums registriert.

Ich schätze, all das gar nicht erst aufzuzeichnen wäre das Sicherste. Aber ich habe meine Gründe, es doch zu tun.

Also gut. Ich muss annähernd ein Jahr alt gewesen sein, als man mich meinen Eltern wegnahm. Obwohl ich keinerlei Erinnerung an diese frühe Zeit habe, ist es doch wahrscheinlich, dass ich in eine typische Imperiale Welt der äußeren Quadranten hineingeboren wurde – einen Planeten, der einst für menschliches Leben kaum geeignet war, aber schon vor langer Zeit mit Hilfe der Dreieinigkeit Imperialer Technologien instand gesetzt wurde: den Mechtech-Maschinen, den biologischen Bitech-Wirkstoffen und -Lebensformen und den weitreichenden und mächtigen Psitech-Geisteskräften.

Das ist wichtig, denn wenn es etwas gibt, das das Imperium zu dem macht, was es geworden ist, dann sind es diese drei Techs. Sicher, die Psitech der Triefaugen ist besser, aber wir treten ihnen mit Mechtech und Bitech kräftig in ihre kleinen Parasitenhintern. Die Naknuks haben Bitech weiter entwickelt als wir, also schlagen wir sie mit Psitech und Mechtech. Die Töder … es ist ein bisschen schwierig herauszufinden, welche ihre Haupttech ist, weil sie sich immer selbst sprengen, sobald sie besiegt sind, aber natürlich wirkt die geballte Dreieinigkeit der Techs ganz gut gegen sie.

Alle Imperialen Techs werden verwaltet und kontrolliert von Priestern, die in Orden aufgeteilt sind und verschiedene Aspekte des Imperators verehren. Sie dienen Prinzen in allen technischen Belangen, aber man sollte stets daran denken, dass sie auch direkt vom Imperialen Geist Anweisungen erhalten. Manche Prinzen vergessen das zuweilen, üblicherweise zu ihrem eigenen Schaden.

Okay, wo war ich? Wie ich meinen Eltern weggenommen wurde. Weiter geht’s.

Es war ein Tag wie jeder andere, und meine Eltern hatten keine Ahnung, dass bei Einbruch der Dunkelheit ihr kleiner Sohn für immer fort sein würde.

Das erste Zeichen muss eine schnell hereinbrechende Dunkelheit gewesen sein, ein großer Schatten, zu scharf umrissen, um eine Wolke zu sein. Als sie nach oben schauten, sahen sie vermutlich ein Imperiales Kampfschiff am Himmel, einen gewaltigen, gezackten, fliegenden Berg aus Stein, übersät mit Strukturen, die ganz nach Lust und Laune des befehlshabenden Prinzen konstruiert waren.

Unter dem Schatten des Schiffs leuchteten plötzlich Lichtpunkte auf, Tausende und Abertausende, und einen Augenblick später fielen sie herab wie funkelnder Regen.

Zu diesem Zeitpunkt müssen sie es gewusst haben, meine Eltern von damals. Imperiale Kampfschiffe spucken nicht ohne Grund Tausende von Mechbi-Soldaten über einfachen Bauerndörfern aus.

Manchmal frage ich mich, was meine Eltern taten, als die erste Welle von Soldaten über sie kam und auch die Wespenjäger starteten; als sie sich in Spiralen nach unten schraubten, um einen Bannkreis zu ziehen – damit nur ja niemand versuchen würde, sich der einmaligen Gelegenheit zu entziehen, seine Kinder dem Imperium zu schenken.

Ich nehme an, dass sie nichts taten, denn man konnte nichts tun. Aber anders als die meisten anderen Prinzen weiß ich etwas über normale Kinder. Ich habe Eltern und ihre Kinder zusammen gesehen, wenn sie mal nicht angesichts der Gegenwart eines Prinzen vor Ehrfurcht oder Schreck wie gelähmt waren. Daher weiß ich, dass das Band zwischen ihnen stärker ist, als Prinzen – die keine Eltern haben und keine Kinder bekommen dürfen – sich vorstellen können. Vielleicht versuchten sie also doch zu entkommen, und die Verzweiflung trieb sie dazu, zu fliehen oder sich zu verstecken.

Aber wenn einmal der Bannkreis abgesteckt war und die Sucheinheiten mit moderner Scantech ausgerüstet waren, gab es keine Hoffnung auf Entkommen. Meine Eltern müssen sich am Ende doch in die Schlange der Leute eingereiht haben, die auf die Jäger warteten, um sich anhand der vorliegenden Listen überprüfen zu lassen, während die Priester des Aspekts der Forschenden Intelligenz mental nach Auffälligkeiten suchten. Vielleicht lauerte ja ein Triefaugen-Eindringling in einem Wirtskörper oder ein Naknuk-Spion oder ein kleiner einheimischer Krimineller oder Terrorist, aber derlei Aufregungen kamen eher selten vor. Meistens war das Verfahren nur Routine.

Dann müssen meine Eltern schließlich, als die Reihe an ihnen war, den Priestern des Aspekts des Bedeutsamen Entscheidungsträgers gegenübergetreten sein – Priestern mit glitzernden Augen und einem wirbelnden blauen Fluidum hinter der durchsichtigen Stirnplatte ihrer rasierten Köpfe, die ihre Aufmerksamkeit ganz auf dieses nächste Paar und das Kind richteten.

Die genetischen Tests mittels viraler Bitech-Analysen und ultraskopischer Psitech-Scans können nur ein paar Minuten gedauert haben. Dann die schreckliche Nachricht, die meinen Eltern als Anlass zu Freude und Entzücken darüber verkauft wurde, dass sie dem Imperium dienen durften.

»Euer Kind ist als Prinzenkandidat angenommen.«

Manchmal denke ich daran, wie es für meine Eltern gewesen sein muss, diese Worte zu hören. Ich überlege auch, welche Wahl sie wohl als Nächstes getroffen haben, denn das Imperium in seiner großen Barmherzigkeit stellt solchen Eltern einen Wunsch frei.

Natürlich nicht den, das Kind zu behalten. Das Imperium braucht Prinzen und muss daher Kandidaten rekrutieren. Aber es gewährt den Eltern eine kleine Gnade. Man kann sie vergessen machen, dass sie jemals dieses Kind hatten, indem die Priester des Aspekts des Liebenden Imperialen Herzens ihr Gedächtnis sorgfältig umprogrammieren, bevor diese Eltern in eine andere Welt umgesiedelt werden, um dort neu zu beginnen.

Sie können auch den Tod wählen. Wie in allem, was die Imperiale Justiz betrifft, wird auf der Stelle vollstreckt. Es geht schnell – schneller, als sie vielleicht erwarten. Mechbi-Soldaten stehen hinter den Eltern, wenn sie ihre Entscheidung treffen. Beschleunigte Muskelkraft und Monofilklingen reagieren auf den mentalen Befehl des vorsitzenden Prinzen, und alles ist innerhalb eines Wimpernschlags vorüber.

Ich denke nicht oft über meine Eltern nach, denn es hat keinen Sinn. Aber ich habe einigen Grund zu hoffen, dass sie sich für eine Gedächtnislöschung und einen Neubeginn entschieden haben und dass sie irgendwo zwischen den weit verstreuten Sternen noch leben und wieder Kinder haben. Kinder, die ihnen nicht weggenommen wurden, um Prinzen aus ihnen zu machen.

So wurde ich zum Prinzenkandidaten des Imperiums und trat meine Anwärterschaft an, in deren Verlauf ich von Tempel zu Tempel gereicht wurde, sobald ein Abschnitt meiner Prinzwerdung erfolgreich beendet war.

Denn Prinzen werden gemacht, nicht geboren. Die genetischen Tests sollen lediglich zeigen, ob wir über das Potenzial für die ganze Wichtigtuerei verfügen, die auf uns zukommt, und ob wir es aller Wahrscheinlichkeit nach überleben werden.

Ich erinnere mich nicht wirklich an die ersten zehn Jahre meiner Kandidatenschaft. Ich weiß nur, was man mir später darüber erzählt hat. Viele Jahre lang hielt man mich in einem Traumzustand in einem Bad aus Bitech-Glibber gefangen und stimulierte meinen Geist mit erzieherischen und entwicklungsfördernden Programmen, während Viren meine DNA überschrieben und jeden Teil meines Körpers veränderten und optimierten.

Und auch, nachdem man mich wieder zu Bewusstsein gebracht hatte, führte man mich oft zurück in den Traumzustand, um die Erholung von jenen Operationen zu beschleunigen, die Mechtech-Verbesserungen in meinem Fleisch und meinen Knochen verankerten.

Sobald mein organischer Körper den Anforderungen entsprach und die Mechtech-Verbesserung abgeschlossen war, verbrachte ich die meiste Zeit in dem zuweilen albtraumhaften Mentalraum, in dem ich die besonderen Psitech-Fähigkeiten erlernte, die Prinzen vorbehalten sind: die Künste des Herrschens und Befehlens und die gewöhnlicheren Techniken der mentalen Kommunikation, des Abschirmens und so weiter.

Ich bin mir nicht sicher, ob man das Kindheit nennen kann, nun, da ich darüber nachdenke.

Zwischen zehn und siebzehn Jahren war ich bei vollem Bewusstsein; mir wurden von verschiedenen Priestern eher profane Dinge beigebracht, und ich spielte mit holografischen Freunden und den programmierten Kindern der Bediensteten. Es waren immer meine Spiele, die wir spielten. Schon sehr früh wusste ich, dass ich ein Prinz und etwas ganz Besonderes war, und in meiner eigenen Vorstellung war ich mir absolut sicher, dass ich noch weiter kommen und zu gegebener Zeit Imperator werden würde. Alles bestärkte mich darin, und tatsächlich glaubte ich eine Weile, der einzige Prinz in der gesamten Galaxie zu sein – eine absichtliche Verkennung der Tatsachen, die selbst dann noch in gewissem Maße anhielt, nachdem man mir beigebracht hatte, dass ich nur einer von Millionen war.

Denn obwohl man mir von der Existenz anderer Prinzen erzählt hatte, traf ich nie welche. Ebenso wenig wusste ich, wann das der Fall sein würde, bis ich eines Tages zum Flüstern der vertrauten mentalen Stimme meines Tutors Onkel Coleport im Hinterkopf aufwachte. (Ich nannte ihn »Onkel«, weil dies die Anrede für Priester ist. Priesterinnen ruft man »Tante«, aber selbstverständlich besteht auch zu ihnen keinerlei Verwandtschaftsbeziehung.)

:Prinz Khemri. Heute ist der Tag Eurer Amtseinsetzung, der sechzehnte Jahrestag Eurer Erwählung. Euer Assassinenmeister wartet auf eine Audienz:

Ich öffnete die Augen und lächelte. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht als »Kandidat« angesprochen worden, sondern als »Prinz«. Meine Ausbildung und mein Training waren vollendet. Ich würde ein schnittiges, todbringendes Kriegsschiff befehligen, vermutlich eine Verrent-Korvette oder etwas Vergleichbares, und hinaus ins Imperium reisen und mir sofort einen Namen machen.

Dachte ich jedenfalls.

Während ich von meinem Diener angekleidet wurde, einem programmierten Leibeigenen, rekapitulierte ich noch einmal, was ich über die Einsetzung eines Prinzen wusste. Es war überraschend wenig. Der erste Schritt bestand darin, einen persönlichen Hofstaat zugewiesen zu bekommen, dessen wichtigstes Mitglied der Assassinenmeister war. Er oder sie wurde direkt vom Imperialen Geist abgestellt und war daher voll vertrauenswürdig. Mein Assassinenmeister würde mir helfen, den Rest meines Personals auszuwählen und zu prüfen – ein unverzichtbarer Vorgang. Wenn ein Prinz sich nicht auf seinen Hofstaat verlassen konnte, würde er nicht lange überleben.

Ich begegnete meinem Assassinenmeister in einem der Empfangsräume des Tempels, einem Gemach mit schönen Wasserfällen, die einem verflossenen Imperator mit einer besonderen Vorliebe für Wasserspiele Tribut zollten. Es war ein bevorzugter Ort für Bestrafungskommandos, und – was oft der Fall war – das Geräusch des Wassers wurde durch Novizen unterdrückt, die bis zu den Hüften im Wasser standen, die Schläfen blau pulsierend, während sie ihre Psitech-Kräfte spielen ließen. Ich war einmal dort, als das Rauschen eines Wasserfalls plötzlich die Stille durchbrach, und ich sah, wie ein bewusstloser Novize vorbeitrieb und unter Wasser gezogen wurde, wo der fließende Strom auf einen Dammbalken traf. Auch die Priester müssen sich einem harten Training unterziehen, manchmal mit tödlichem Ausgang.

:Ich heiße Haddad «Kennung». Ich wurde geschickt vom «Siegel des Imperialen Geistes», um Euch zu dienen, Prinz Khemri:

Haddad war ebenfalls Priester. Alle Assassinen sind Priester des Imperators in Seinihrem Ererbten Aspekt der Schattenklinge. Anders als in den anderen Aspekten sind die Priester nicht auf eine der Dreieinigkeiten der Imperialen Techs spezialisiert. Sie sind Generalisten, die im Dienste ihres Prinzen alle Techs anwenden.

:Ich grüße Euch, Onkel Haddad. Ich heiße Euch willkommen und verpflichte Euch, mir zu dienen:

»Gut, Hoheit«, sagte Haddad. »Sprecht. Welche Waffen tragt Ihr?«

»Keine«, antwortete ich. Ich war überrascht. »Wir sind in einem Tempel …«

»Wir sind im Empfangsraum eines Tempels, Hoheit«, sagte Haddad. »Die allgemeine Waffenruhe gilt hier nicht. Haben Euch die Priester hier mit Bitech-Waffen trainieren lassen?«

»Nein …«

»Irgendwelchen anderen Waffen?«

»Schwert und Dolch, Handzünder, Nervenpeitsche, den Basiswaffen im Duell«, sagte ich. Haddad sah sich um und begann, sich um mich herum zu bewegen; dabei hielt er ein eiförmiges Instrument, das ich nicht kannte, in der Hand. Ich nahm an, dass es eine Art Waffe war.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich nervös, und schon schwand die Euphorie darüber, Prinz geworden zu sein, und an ihre Stelle trat ein Gefühl, das ich noch nie zuvor gespürt hatte und erst langsam begriff.

Angst.

»Langsam nach hinten, auf die innere Tür zu, Hoheit«, sagte Haddad. Er hatte aufgehört, mich zu umkreisen, und konzentrierte sich jetzt auf einen der Wasserfälle. Er beobachtete den Novizen, der dort stand und für uns das Wasserrauschen ausschalten sollte.

Ich zögerte einen Moment. Nun, da ich endlich Prinz war, widerstrebte es mir, weiter Befehle von einem Priester entgegenzunehmen. Aber es war da etwas in Haddads Stimme, und außerdem war er mein Assassinenmeister … Ich begann, mich auf die innere Tür zu zu bewegen, die in den eigentlichen Tempel führte.

Der Novize in dem mir nächsten Wasserfall bewegte sich. Seine Hand kam unter einer durchweichten Robe hervor, um ein silbernes Kästchen auf uns zu schleudern. Doch bevor es seine Hand verließ, feuerte Haddad seine Waffe ab. Ein blendend heller Blitz schoss quer durch das Gemach und zerteilte den Novizen in der Mitte.

»Zurück!«, rief Haddad, während ich – noch immer einige Schritte von der Tür entfernt – einfach nur dastand und ungläubig zusah. Seine Stimme übertönte selbst das plötzliche Aufbrüllen des Wasserfalls. »Zurück!«

Das silberne Kästchen erhob sich aus dem blutrot verfärbten Wasser, um in der Luft hängen zu bleiben; dann öffnete es sich wie eine Blume und enthüllte in der Mitte rot pulsierende Staubblätter, die direkt auf mich zeigten. Haddad feuerte wieder, aber das Kästchen wich aus, und der Energiestoß verfehlte es nur um ein Haar.

Ich fuhr herum und hechtete auf die Tür zu – eine Tür, die vor mir explodierte, als das Silberkästchen seinen Sonnenblitz direkt über meinem Kopf entlud. Ich rollte mich weg von den rauchenden, geschmolzenen Trümmern der Tür und drehte mich in der Annahme, das Silberkästchen würde sich für einen neuerlichen Angriff rüsten.

Stattdessen sah ich, wie es von Haddads drittem Schuss getroffen wurde; ich aktivierte automatisch meine Zusatzlider und meinen visuellen Filter, um nicht für immer durch die Helligkeit der Nanofusionsimplosion zu erblinden, mit der die Kraftpflanze des Kästchens sich entlud.

Haddad schloss zu mir auf, und zusammen liefen wir auf eine der anderen Türen zu und in den Tempel. Ein Priester des Aspekts der Heilenden Hand, der aus der anderen Richtung kam, neigte den Kopf vor mir, bevor er seine Schar Altardiener hinüberführte, um den Schaden zu reparieren, den der Attentäter angerichtet hatte.

»Wie ist das … wer würde denn …«, stammelte ich. Doch die Wörter, die ich im Sinn hatte, wollten nicht auf meine Zunge kommen, obwohl meine inneren autonomen Systeme alles daransetzten, meinen Herzschlag zu regulieren und mich ruhig werden zu lassen.

»Wir unterhalten uns in Eurem Quartier, Hoheit«, erwiderte Haddad. »Dort sind wir sicher. Vorläufig.«

Ich freute mich, meine Gemächer im Tempel verlassen zu können. Ich stellte mir bereits viel kostspieligere und luxuriösere Unterkünfte vor. Ich wusste, dass ich sie als Prinz einfach requirieren konnte, vorausgesetzt, die Räumlichkeiten waren nicht schon Eigentum eines anderen Prinzen oder standen unter dem Schutz eines Prinzen, eines Tempels oder gar des Imperators selbst.

Aber an diesem Tag war ich schon froh, mein einfaches Wohngemach betreten zu können. Ich ließ mich auf dem einzigen Sessel nieder, während Haddad vor mir stehen blieb, und wir sahen einander an, auch wenn Haddad natürlich die Augen gesenkt hielt, wie es sich gehörte.

Ich hatte noch nie einen Assassinen gesehen, oder zumindest hatte ich keinen als solchen erkannt, denn Haddad sah keinen Deut anders als andere Priester aus. Die Priester jedes Aspekts besaßen unterschiedliche offizielle Roben, doch sie legten sie selten an; normalerweise trugen sie einfache hellbraune Roben oder Raumanzüge – Overalls aus einem Stück wie der, den Haddad anhatte.

Er war groß und von schlankem Körperbau und sah wie vierzig oder fünfzig aus. Seine Haut war heller als meine und eher gelb denn braun. Sein Schädel war rasiert und offenbarte die durchsichtigen Platten, die von seinen Schläfen bis hinters Ohr liefen, das Kennzeichen eines vollwertigen Priesters. Ich konnte den Schimmer des blauen Kühlfluidums sehen, das um sein Gehirn pulste und zeigte, dass er gerade Psitech anwandte, obwohl ich mit meinen eigenen Psitech-Fähigkeiten nichts feststellen konnte. Er hatte ein natürliches Auge, dessen Iris dunkelbraun war, und einen grünen, offensichtlich hochspezialisierten Bitech-Ersatz ohne Pupille, doch ich kannte dieses Fabrikat nicht und ebenso wenig seinen Zweck.

Ich fragte mich, was er von mir hielt und ob ich dem gerecht wurde. Er musste schon vor mir einigen Prinzen gedient haben, denn Assassinen wurden vom Imperator alle zehn Jahre versetzt. Haddad mochte schon einmal der Meister frischgebackener Prinzen gewesen sein, die ganz am Anfang ihrer Laufbahn standen.

Ich war größer, schneller und stärker als die Priester, die Novizen und die programmierten Diener, mit denen ich gelebt hatte, aber mich beschlich der Schatten eines Zweifels, nun, da Haddad vor mir stand. Vielleicht war ich gar kein würdiger Prinz. Vielleicht war ich nicht so schnell oder stark oder groß wie die anderen. Ich war vielleicht auch hässlicher, da ich das Gesicht behalten hatte, mit dem ich geboren war. Prinzen war es verboten, ihr Äußeres zu verändern, einmal abgesehen von technischen Verbesserungen oder notwendigen Reparaturen. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, denn ich war noch nie in Gesellschaft Gleichgestellter gewesen, ja nicht einmal in Gesellschaft von Leuten, die ihre Meinung unverblümt zu sagen wagten.

:Was hat es mit diesem Silberkästchen auf sich …:

Haddad unterbrach mich.

:Geistsprache nicht zu empfehlen:

»Es sind zu viele Leute im Tempel und im Außenbezirk, die aus der Nähe Eure Gedanken mitlesen könnten«, sagte Haddad. »Ich blende die akustischen Rezeptoren und anderen Vorrichtungen hier im Raum aus, deshalb ist es am besten, laut zu sprechen.«

»Gut«, sagte ich in dem Bemühen, so zu tun, als wäre ich derjenige, der den Ton angab, und Haddad würde meinen Anweisungen Folge leisten. Aber es klang nicht danach, nicht einmal für mich.

»Ihr habt gut auf den Feuerstrahl der Blüte reagiert, Hoheit«, sagte Haddad. »Nehmt es als Warnung vor alldem, was kommen wird. Ein Prinz oder eine Reihe von Prinzen haben Kenntnis davon, dass Ihr aufgestiegen seid, und sie trachten danach, Euch zu beseitigen, bevor Ihr zur Bedrohung werden könnt.«

»Was? Jetzt schon?«, fragte ich. Ich wusste von der Rivalität unter den Prinzen, doch in diesem Stadium hielt ich sie noch für harmlos und hatte keine Ahnung, dass sie so … na ja … tödlich werden könnte. »Ich habe doch noch gar nichts getan! Ich habe nicht einmal Verbindung zum Imperialen Geist aufgenommen!«

»Es ist geschehen, weil Ihr noch keine Verbindung zum Imperialen Geist aufgenommen habt«, sagte Haddad. »Wenn Ihr jetzt umgebracht werdet, seid Ihr für immer aus dem Weg, ohne eine Chance auf Wiedergeburt. Ein Prinz weniger, mit dem man sich anlegen muss, und bis zur Abdankung des Imperators dauert es nur noch zwei Jahre.«

»Das macht ihr Verhalten nur noch dümmer«, sagte ich. »Wenn ich Imperator bin, werde ich diese Anschläge auf mein Leben weder vergessen noch vergeben!«

Haddad zuckte bei diesem außerordentlich naiven Satz nicht einmal mit der Wimper.

»Ich vermute, sie erkennen Euer wahres Potenzial noch nicht, Hoheit«, sagte Haddad. »Es ist eine allgemein übliche und anerkannte Strategie, jeden neu aufgestiegenen Prinzenkandidaten bei günstiger Gelegenheit beiseite zu schaffen.«

»Das ist eine armselige Strategie«, murmelte ich. »Ich würde so etwas nicht tun. Wo ist das Ehrenwerte daran, einen neuen Prinzen auszuschalten?«

Haddad schwieg; zweifellos dachte er, dass ich entweder ein verweichlichter Idiot war oder bald einen anderen Ton anschlagen würde.

Plötzlich wallte in mir Zorn auf die Priester auf, die mir nicht gesagt hatten, dass ich sofort umgebracht werden könnte, und es auch versäumt hatten, mich darüber zu informieren, dass die Abdankung des Imperators so nahe war. Ich wusste, dass der Imperator nach zwanzig Jahren abdankte und dann einer der zehn Millionen Prinzen des Imperiums den Thron bestieg. Aber ich wusste nicht, wie das vonstatten ging; ich nahm lediglich an, dass der amtierende Imperator seinen Nachfolger selbst bestimmte. Ebenso wenig wusste ich, dass die nächste Abdankung schon in zwei Jahren anstand. Ich würde schnell sein müssen, um ein paar ruhmreiche Taten zu vollbringen und auf mich aufmerksam zu machen, so dass der Imperator mich auserwählen würde. Was ärgerlich war, da ich mich am liebsten in meinem eigenen Schiff erst ein wenig im Imperium umgesehen hätte. Auch wenn ich vermutete, dass ich in jedem Fall einige Abenteuer zu bestehen hätte.

»Die Priester hätten mich auf all das vorbereiten müssen«, sagte ich nach einigen Augenblicken der Stille.

»Das ist Absicht und Teil Eurer Ausbildung oder vielmehr Nichtausbildung, Hoheit«, sagte Haddad. »Die Prüfungen beginnen, sobald Ihr Prinz seid. Annähernd zweiunddreißig Prozent der aufsteigenden Prinzenanwärter überstehen die erste Stunde nach ihrem Auszug aus dem Tempel ihrer Kindheit nicht.«

Mein innerer Zeitmesser sagte mir, dass ich schon seit ganzen fünfunddreißig Minuten Prinz war. Wenn ich es weitere fünfundzwanzig Minuten schaffte, war ich der Statistik bereits voraus …

»Unsere erste Priorität muss sein, Euch mit dem Imperialen Geist zu verbinden«, sagte Haddad. »Das wird drei positive Folgen haben. Erstens könnt Ihr dann nicht mehr einen dauerhaften Tod erleiden, so dass der Nutzen, Euch umzubringen, schwindet – möglicherweise so weit, dass bereits geschmiedete Ränke auf Eis gelegt werden. Zweitens werdet Ihr so Zugang zu Ressourcen und Informationen erlangen, die für Euren Schutz und Eure künftigen Pläne notwendig sind. Und drittens werdet Ihr den Geist zum Zeugen berufen können, was radikale Gesetzesbrüche Euch gegenüber unwahrscheinlicher macht.«

»Was?«, explodierte ich. Das wurde ja immer schlimmer. »Radikale Gesetzesbrüche? Du meinst, ein Prinz könnte gegen das Imperiale Recht handeln?«

»Es ist eine Frage der Abwägung des potenziellen Nutzens gegen die potenzielle Bestrafung«, antwortete Haddad. »Es gibt auch Mittel und Wege, zu manipulieren, was der Imperiale Geist sieht und welche Informationen er empfängt, so dass nicht vollkommen klar wird, ob ein Gesetzesbruch begangen wurde oder nicht …«

»Ich werde Onkel Coleport einige ernste Fragen stellen müssen«, unterbrach ich ihn. »Und zwar mit einem Messer.«

»Dazu ist keine Zeit, Hoheit«, fuhr Haddad fort. »Habt Ihr Besitztümer, die Ihr zusammenpacken müsst?«

»Was?«

Ich war in Gedanken noch bei dem, was Haddad eben gesagt hatte. Mir war beigebracht worden, dass der Imperiale Geist über alles wachte, dass er alles wusste und dass das Imperiale Recht stets buchstabengetreu befolgt wurde. Obwohl das Imperiale Recht natürlich nicht für die gewöhnlichen Bürger des Imperiums gedacht war. Sie hatten zu tun, was auch immer der über sie herrschende Prinz verfügte. Das Imperiale Recht war für Prinzen gemacht, und es legte die Autorität eines Prinzen anderen Prinzen gegenüber fest, die Priorität prinzlicher Befehle und so fort.

»Besitztümer …«, wiederholte ich langsam. Obwohl mein Verstand ebenso beschleunigt wie mein Körper sein sollte, fand ich nicht, dass ich besonders schnell dachte.

Ich sah mich in meinem Wohnraum um und blickte durch die Tür in mein Schlafgemach. All meine Kleidungsstücke wurden mir jeden Morgen frisch und neu gebracht. Information gelangte direkt in meinen Geist, manchmal aber auch über sichere Behälter, die ebenfalls in meine Räume gebracht wurden. Übungswaffen kamen aus der Rüstkammer und wanderten nach dem Ende einer Sitzung wieder dorthin zurück.

»Nein. Ich habe nichts. Äh … wohin gehen wir und … warum überhaupt gehen wir fort? Sicher wäre es besser, hier zu bleiben und … äh … Pläne zu schmieden …«

Ich verstummte. Obwohl ich mir seit langem den Tag ausgemalt hatte, an dem ich vollwertiger Prinz sein würde, war in keinem meiner Tagträume vorgekommen, fast umgebracht zu werden und fliehen zu müssen. Meistens war es darin um die technischen Details extrem schneller und tödlicher Sternenschiffe gegangen.

»Wir können nicht hier bleiben«, erklärte Haddad. »Dieser Tempel wird Euch nicht erlauben, länger als die erste Stunde zu bleiben, Hoheit. Wir müssen einen Ort finden, an dem Ihr in relativer Sicherheit seid, irgendwo, wo Ihr Euch mit dem Imperialen Geist verbinden könnt. Habt Ihr bereits Pläne, welchem Dienst Ihr zu Beginn Eurer Laufbahn beitreten wollt?«

Die Prinzen stellten die Offiziere aller Schlüsselfunktionen des Imperiums: Flotte, Marineinfanterie, diplomatisches Korps, Erkundung, Imperiale Regierung, Koloniale Regierung … Aber alles klang nach harter Arbeit, und obwohl ich damit gerechnet hatte, irgendwann irgendwo beizutreten, reizte mich der Gedanke an noch mehr Lernen nicht allzu sehr. Außerdem bedeutete es, mich einer prinzlichen Hierarchie zu unterwerfen, in der ich der Niedrigste der Niedrigen wäre. Es hätte mir viel mehr Spaß gemacht, mich an einen interessanten Ort zu begeben und einfach nur Prinz zu sein, vorzugsweise der einzige weit und breit. Dann konnte ich tun und lassen, was immer ich wollte.

»Äh, ich will mich keinem Dienst und all dem Trainingsquatsch verpflichten«, sage ich. »Ich will erst mal das Leben genießen. Ein Schiff führen – du weißt schon, eine Korvette oder vielleicht etwas Kleineres, natürlich mit höchster Automatisierungstechnik, zu ein paar weit entfernten Sternen fliegen, etwas jenseits dieses muffigen alten Tempels sehen, ein paar Naknuk-Schiffe oder Ähnliches pulverisieren …« Ich sah meinen Assassinenmeister an. »Aber das wird nicht passieren, oder?«

»Das wäre jedenfalls nicht ratsam«, sagte Haddad kurz angebunden. »Die nächstliegende Schiffswerft, die ein Schiff haben könnte, das noch nicht für einen Prinzen vorgemerkt ist oder sich nicht bereits in der Obhut eines Prinzen befindet, wäre … Jearan Sechs. Wir müssten von hier aus ein Handelsschiff nehmen, mehrmals umsteigen, die Linie wechseln – das Risiko wäre extrem hoch. Zudem würde es Eure Kontaktaufnahme mit dem Imperialen Geist verzögern.«

»Kann ich nicht hier mit ihm Verbindung aufnehmen, bevor wir gehen?«, fragte ich. Ich kannte das Verfahren. Obwohl ich danach in der Lage sein würde, mit dem Imperialen Geist überall zu kommunizieren, wo es Priester für die Übermittlung gab, musste meine erste Kontaktaufnahme aus dem inneren Allerheiligsten eines Tempels heraus erfolgen.

»Es ist Prinzen verboten, das Allerheiligste eines Tempels zu betreten, es sei denn, es handelt sich um einen Tempel ihres eigenen Dienstes, wenn sie im Einsatz sind oder eine direkte Imperiale Anweisung erhalten haben«, sagte Haddad.

»Aber ich gehe oft ins Allerheiligste hier … äh … ich ging zumindest hin, als ich noch Prinzenkandidat war …«

»Genau, Hoheit. Der geeignetste Datenknoten ist nun der Tempel des Aspekts des Edlen Kriegers auf Kwanantil Neun, der der Nationalen Kwanantil-Flottenakademie der Imperialen Flotte dient.«

»Aber du hast doch gesagt, ein Prinz kann nur das Allerheiligste eines Tempels seines eigenen Dienstes betreten, oder auf direkte Anweisung«, wandte ich ein. Mein höherer und beschleunigter Verstand arbeitete ganz offensichtlich nicht so, wie er sollte.

»Ja, Hoheit«, sagte Haddad.

»Du meinst, ich muss in die Raumflotte eintreten.«

»Ja, Hoheit.«

Mein Traum von einer schnittigen Raumyacht, verschwenderisch ausgestattet und bemannt mit angemessen attraktiven, programmierten Bediensteten, löste sich in Wohlgefallen auf, weggewischt von der frischen, heftigen Erinnerung an den Lichtstrahl der Blumenfalle, der über meinen Kopf hinwegging. Nächstes Mal waren es vielleicht mehrere Mörder, mehrere Energieblitze …

»Abgesehen davon, dass Ihr dort die Verbindung zum Imperialen Geist herstellen könnt, würde Euch die Raumflotte auch ein hohes Maß an Schutz ermöglichen, Hoheit. Außerhalb der Urlaubszeiten dürfen Kadetten an der Raumflottenakademie oder Offiziere im aktiven Dienst nicht getötet werden. Nicht von Gesetzes wegen. Auch wenn sehr wohl Unfälle passieren. Ihr müsst immer auf der Hut sein.«

»Das wird ja immer besser, nicht wahr?«

Haddad nickte. Ich war mir nicht sicher, ob er mir zustimmte oder ob es einfach eine Geste war.

»Was sind die Alternativen, und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs?«, fragte ich, so knapp ich konnte. Diese Zeile stammte aus einer meiner prinzlichen Lieblingsbiografien, einer Psitech-Erfahrung aus neununddreißig Episoden mit dem Titel Die Heldentaten von Prinz Garikm, die ich zahllose Male durchlebt hatte. Garikm bellte immer diesen Satz, so oder abgewandelt, etwa in seiner unsterblichen Kurzform: »Alternativen! Wahrscheinlichkeiten!«

»Ohne einen Priester, der die Wahrscheinlichkeit berechnet, kann ich es nicht genau sagen, Hoheit.«

O ja. Ich hatte vergessen, dass, als Garikm diese Zeile sagte, etwa fünfzig kriecherische Priester zur Stelle waren, um die Wahrscheinlichkeiten festzustellen. Alles, was ich hatte, waren ein einziger Assassinenmeister und eine Menge Probleme. Ich begann zudem zu begreifen, dass »biografische« Psitech-Erfahrungen wahrscheinlich ein Haufen Scheiße waren. Jedenfalls zeigte keine davon jemals Prinzen, die einander einfach umbrachten oder die Ermordung anderer anzettelten. Es ging immer um formvollendete Duelle und cleveres Ausbooten, das am Ende einen Prinzen immer ziemlich dumm dastehen ließ. Aber es ging nicht darum, völlig kopflos auf dem Boden zu liegen, mit einer rauchenden Wunde dort, wo einmal der Hals gewesen war.

»Obwohl uns keine Wahrscheinlichkeitsanalyse vorliegt, glaube ich, dass ein rascher Transit zur Nationalen Kwanantil-Flottenakademie und Eintritt in die Raumflotte der beste Weg ist, Euer Überleben zu sichern.«

»Richtig«, sagte ich. Einen Augenblick lang nahm ich meine Prinz-Garikm-Denkpose ein, aber anders als bei einer Pose in einer Psitech-Simulation fühlte ich mich jetzt einfach nur dumm. Das Kinn auf beide geballten Fäuste zu stützen, ist schon ziemlich unnatürlich. Stattdessen begann ich, rastlos in meinem Zimmer herumzulaufen. Ich bemerkte nicht einmal, dass ich nervös mit den Fingern schnippte, bis ich mein Bein traf und zusammenzuckte.

Was zum Henker sollte ich tun? Haddad wusste viel mehr über meine Situation als ich, und offenbar machte er sich einen weit besseren Begriff von dem, was man tun konnte. Aber konnte ich ihm vertrauen? Vielleicht gab es andere Alternativen, aber wie sollte ich sie herausfinden in den etwas mehr als zwanzig Minuten, bevor wir aus dem Tempel geworfen würden? Aus dem Tempel, der der einzige Ort war, den ich wirklich kannte, auch wenn ich ihn nie ein Zuhause genannt hätte …

»Wir müssen bald fort, Hoheit«, sagte Haddad, als ich nicht aufhörte, hin und her zu laufen.

Ich blieb stehen und sah ihn an. Er hatte mich schon einmal gerettet, vielleicht sogar zweimal.

»Okay, verdammt noch mal«, sagte ich. »Ich gehe zur Raumflotte. Also auf nach Kwanantil Neun.« Ich machte eine Pause, dann fügte ich hinzu: »Äh – und wie kommen wir dorthin?«

»Ich habe eine Idee, Hoheit«, erwiderte Haddad. »Aber ich fürchte, dass es keine bequeme Reise wird.«

Er skizzierte mir rasch seinen Plan, den ich natürlich guthieß, vor allem angesichts der Tatsache, dass ich keine bessere Idee hatte. Dann gab er mir zwei seiner zahlreichen Waffen: einen Dreischuss-Desintegrationsstab, der durch zwei Schlaufen innen in meinem linken Ärmel geschoben wurde, und einen eiförmigen Phagenemitter, den ich aktivieren musste, indem ich mit der Zunge darüber leckte, so dass sich die Bitech-Wirkstoffe darin nicht gegen mich richten konnten. Er wurde von oben in meinen Stiefel gesteckt, in eine Tasche, die ich immer als überflüssigen Firlefanz betrachtet hatte. Meine Kleider hatten viele solcher Schlaufen, Taschen und Einsätze. Vorher hatte ich mich nie gefragt, warum.

»Ich bin so weit«, verkündete ich.

Aber das war ich nicht. Kein bisschen.

2

Wir reisten nach Kwanantil Neun an Bord des weitgehend automatisiert betriebenen Museumsschiffs Jenseits des Zeitschleiers – versteckt in einem Diorama, einem lebenden Gemälde, das eine Szene von der alten Erde zeigte: den sportlichen Wettkampf zweier Faustkämpfer, die von einer Menschenmenge umringt waren. Abgesehen von Haddad und mir waren sämtliche Akteure programmierte Lakaien, die, auch wenn sie im weitläufigen Frachtraum des Schiffs kein Publikum hatten, pünktlich jede Stunde in Aktion traten. Ohne die kleinste Abweichung, abgesehen von der gelegentlichen Auswechslung eines oder beider Faustkämpfer, wenn sie zu viele Blessuren hatten; dann wurden neue aus dem Kühlraum gebracht.

Das Diorama befand sich innerhalb einer Kristallkuppel von einigen hundert Metern Durchmesser. Neben der Arena, in der die Faustkämpfer gegeneinander antraten, gehörte eine Taverne dazu, in der Haddad und ich uns aufhielten, getarnt als betrunkene Gäste. Sollte irgendjemand das Diorama betreten, mussten wir nur in unsere jeweiligen Ecken plumpsen.

Ich war beeindruckt, dass Haddad uns an Bord gebracht hatte, ohne dass jemand es bemerkte. Sehr lehrreich war die Stunde, die wir damit verbrachten, dass wir durch den Tempel schlichen, Haddad diverse Monitore überlistete, Wachen umging und uns dann über eine Müllentladeluke in entgegengesetzter Richtung an Bord des Schiffs schmuggelte. Oder zumindest wusste ich das Lehrreiche daran zu schätzen, als ich wieder sauber war.

Die vielleicht wichtigste Lektion für mich war, nicht kritiklos hinzunehmen, was ich sah oder hörte, und hinter der offiziellen Beschreibung oder Information nach etwas zu suchen, das ich gebrauchen konnte.

Ich hatte mir ein wenig Sorgen gemacht, dass jemand kommen und einen Blick auf das Diorama werfen könnte. Schließlich mochte man doch meinen, dass die Show nur deshalb konstant lief, weil irgendein Prinz kommen und sie sich anschauen könnte.

Aber auch in dieser Hinsicht hatte Haddad eine gute Wahl getroffen. Es war kein Prinz an Bord, und die Besatzung bestand lediglich aus einem Haufen Priester, die sich niemals ihren Befehlen widersetzten noch sich von den Schreinen im Maschinenraum entfernten. Das Exponat wurde nur in Schuss gehalten, um an seinen künftigen Besitzer ausgeliefert zu werden. Es war das Eigentum eines der ranghöchsten Prinzen, Gouverneur Prinz Achmir XII. (die Ordnungszahl bezog sich auf seine elf Tode). Achmir war Gouverneur des Kwanantil-Systems, eines, wie ich erfuhr, Lehens aus vierzehn tech-lastigen Welten und großen Monden.

Das Schiff war also unterwegs ins Kwanantil-System, und da es dort eine Flottenakademie gab, wollte ich auch dorthin. Um anzuheuern und mich von meinen lang gehegten Plänen zu verabschieden, sorglos durch die Galaxie zu gondeln.

Leider war das Diorama für Kwanantil Vier bestimmt, die Hauptwelt des Systems, während die Flottenakademie auf einem Planeten im neunten Orbit lag. Haddad sagte, wir könnten einen Transit über Kwanantil Vier nicht riskieren, daher mussten wir vom Schiff herunter, bevor wir dort ankamen.

Aber ebenso gut, wie Haddad das Schiff ausgesucht hatte, hatte er auch dafür vorgesorgt. Er arrangierte alles für mich, genau wie es Garikms eigener Assassinenmeister zu Beginn jeder Episode in den Heldentaten machte.

Der Wurmlochausstieg für das Kwanantil-System lag jenseits des elften Orbits. Dort würde das Museumsschiff langsamer werden, um Passagiere für die Inspektion aufzunehmen, was reine Formsache war, da es unter Prinz Achmirs Schutz reiste. Nach der administrativen Überprüfung würde es in Richtung der inneren Welten wieder beschleunigen, aber auf einer spiralförmigen Bahn, die uns in die Nähe von Kwanantil Neun bringen würde.

An dem Punkt, der dem neunten Planeten am nächsten lag, würden wir das Schiff verlassen.

Ich hatte diesem Plan im Großen und Ganzen zugestimmt, bis sich die Kleinigkeit ergab, dass wir nicht in einem Rettungs- oder kleineren Schiff von Bord gehen würden – die Wachschiffe der Flottenakademie würden auf jedes Schiff feuern, das keine Ermächtigung vorweisen konnte. Diese Ermächtigung konnte ich nicht erwirken, da ich noch keine Verbindung zum Imperialen Geist eingegangen war und auch keine eigenen Priester hatte, die meine Botschaften übermittelten.

Anstatt in einem Rettungsschiff eine sichere Fahrt anzutreten, würden wir uns also mit Schutzanzügen und Tarnmantas ausrüsten, die von keinem Scanner erkannt werden konnten, bis wir ganz nahe waren. Die Mantas waren Bitech-Organismen für die Personenbeförderung und -wiedereinreise, die Haddad im Keller der Taverne aus molekularen Vorlagen gezüchtet hatte, indem er sie mit dem biologischen Material der toten Faustkämpfer und Sand aus der Arena fütterte. Sie sahen aus wie die im Erdenmeer lebenden Rochen und waren etwa fünf Meter lang und vier Meter breit, wenn sie voll entwickelt waren; sie enthielten unter Druck stehende Gase in ihren Steuerungsdrüsen, mit denen sie sich im Raum bewegten, und ihre Unterseite war aus einem ablativen, hitzebeständigen Material, das einen gleitenden Wiedereintritt in die Atmosphäre erlaubte.

Aber trotz der Mantas konnten wir nicht erfolgreich landen, jedenfalls nicht lebendig. Obwohl der neunte Planet in Teilen so gestaltet worden war, dass er Leben zuließ, besaß er immer noch keine nennenswerte Atmosphäre, und unsere Gleitbahn würde unsere Annäherungsgeschwindigkeit nur auf vier- oder fünfhundert Stundenkilometer drosseln.

Haddad hatte uns für den finalen Ausstieg Kontragravitationsharnische besorgt – die für militärische Zwecke, wie sie eher von Mechbi-Soldaten getragen wurden, und nicht die bessere Variante für Prinzen. Leider verfügten unsere Harnische nicht über die zusätzliche innere Energieversorgung der Jäger und würden nur drei Minuten einsatzfähig sein.

In der Luftschleuse versicherte Haddad mir, dass das viel Zeit war und alles glattlaufen würde. Ich war erneut ein wenig verärgert, dass er mir die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg nicht mitteilen konnte, auch wenn ich wusste, dass wir einen Priester vom Aspekt des Kaltblütigen Kalkulators brauchten, der auf die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten spezialisiert war. Da in der Biosimulation Prinz Garikm wenigstens ein Dutzend Kaltblütige Kalkulatoren hatte, ging ich davon aus, dass jeder Prinz einen ganzen Stall von Wahrscheinlichkeitsratgebern bekam. Natürlich lag ich damit falsch, wie mit so vielen anderen Dingen auch.

»Hast du schon einmal einen Manta geritten?«, fragte ich. Wir hatten lang und breit über die Prinzen gesprochen, denen Haddad in der Vergangenheit gedient hatte. Er sagte, dass sie alle noch am Leben waren, und die jüngsten seien noch nicht ein einziges Mal gestorben – eine höchst bemerkenswerte Statistik. Obwohl Haddad es nicht sagte, begann ich zu begreifen, dass man mir einen sehr erfahrenen und ranghohen Assassinenmeister zugeteilt hatte, der viel fähiger war, als ich eigentlich hätte erwarten dürfen – frisch der Kandidatenschaft entwachsen, wie ich war. Wie ich später noch erfahren sollte, bekamen die meisten neuen Prinzen Lehrassassinen zugeteilt, die zum Meister befördert wurden, wenn sie den Dienst bei ihrem Prinzen antraten – eine Tatsache, die wenig überraschend mit einer hohen Sterblichkeitsrate unter den Prinzenneulingen einherging. Von ihnen traten die meisten wie ich ihre kurze prinzliche Laufbahn in dem Glauben an, dass die Rivalität zwischen den Prinzen einem wohlgeordneten Spiel glich, während sie in Wahrheit, wie Haddad erklärte, ein brutaler Kampf war, in dem Prinzen durchaus alles taten, womit sie ungestraft davonkamen.

»Einmal im Training, dreimal im Einsatz«, antwortete Haddad auf meine Frage. »Der Manta ist ein erprobtes Gerät, und die Umweltbedingungen auf Kwanantil Neun bewegen sich innerhalb vertretbarer Parameter. Ich würde bessere Anzüge bevorzugen, da die Atmosphäre, die in unseren recycelt wird, minderwertig ist und wir nur wenig Zeit haben, falls es eine Verzögerung geben sollte. Aber es könnte noch schlimmer sein. Folgt meinem Beispiel, Hoheit, und bald werden wir Euch mit dem Imperialen Geist verbunden und als Kadett der Flottenakademie eingeführt haben.«

Ich nickte mit steifem Hals und steckte meine Hände in die Nervenbuchsen des Mantas hinter seinem Kopf, um einen Kontakt herzustellen, da Mantas keine Psitech-Steuerung hatten. Er bewegte sich leicht unter meinen Fingern, begierig, in den Raum zu starten und sich zu voller Größe zu entfalten. Ich hielt ihn mittels einer leichten Veränderung meines Fingerdrucks zurück, den Haddad mir zuvor mental als taktile Erinnerung übermittelt hatte.

Um dem Start etwas nachzuhelfen, hatte Haddad die Sicherheitsvorrichtungen überbrückt, so dass der Notabwurf der großen Luftschleuse ausgelöst wurde; dabei würde das äußere Schott abgesprengt und mit der darin enthaltenen Luft unser Initialvektor gelenkt werden.

:Fertigmachen für den Abwurf:, übermittelte Haddad.

:Fertig:

Das äußere Schott wurde abgesprengt, und los ging’s nach draußen in einer Wolke aus Luft und Wasserdampf. Das Sternenfeld wirbelte um mich herum, und einen Augenblick lang verlor ich die Orientierung. Dann sah ich Haddad, dessen Manta bereits wie ein dunkler Schatten um ihn her flatterte. Ich verlor ihn erneut für einen Moment aus den Augen, als mein eigener Manta sich ausrichtete, aber eine Minute später übernahm meine innere Steuerung das Ruder, meine Finger pulsten an den Nervenbuchsen des Mantas, und ich lag auf dem Rücken eines zu voller Länge ausgestreckten Mantas, dessen Gasdrüsen sanft pochten, um sich Haddads Kurs und Geschwindigkeit anzupassen.

Ich warf einen Blick über die Schulter und sah die Jenseits des Zeitschleiers auf Tangentialkurs abdriften, während ihre langsam, aber unaufhaltsam arbeitenden Schubdüsen wieder Fahrt aufnahmen. Noch war sie als düsterer Asteroid aus Nickel und Eisen erkennbar (der sie auch zu einem Großteil war, wiewohl sie innen aus lauter Tunneln und Gängen bestand); doch bald würde sie nicht mehr als ein weiterer verblassender Stern in dem breiten Streifen aus Licht und Dunkelheit um mich her sein.

Wir waren achtundzwanzig Stunden nach Kwanantil Neun unterwegs. Das stellte sich als sehr lange Zeitspanne heraus, wenn man sie in einem Vakuumanzug auf dem Rücken eines Manta und ohne jede Kommunikation verbringen musste. Haddad hatte darauf bestanden, dass wir Geistsprache wie auch Mechtech nur benutzen sollten, wenn es absolut unerlässlich war.

Ich war noch nie so lange mit meinen eigenen Gedanken, soweit vorhanden, allein gewesen. Ich war als Prinz immer noch zu frisch und grün hinter den Ohren, um länger über irgendein Thema nachzudenken, wenn es dabei nicht unmittelbar um meine eigenen Belange ging. Selbst hier und jetzt fehlte mir das Wissen, meine aktuelle Lage und meine Aussichten richtig einzuschätzen. Vielleicht war das aber auch vollkommen egal.

Stattdessen träumte ich, hatte Fantasien über mein künftiges Leben und meine eigenen, zweifellos ruhmreichen Heldentaten, die ich in dieser Galaxie ansiedelte, so, wie ich sie sah, und nicht, wie sie war. Das kommende Jahr, das ich notwendigerweise als Offizierskadett in der Raumflotte würde verbringen müssen, beanspruchte nur wenige Minuten in meinen Träumereien, weil ich rein gar nichts über dieses Leben wusste. Ich übersprang diesen unmittelbar bevorstehenden Teil meiner Zukunft und träumte von etwas, das der ersten Episode von Prinz Garikms Heldentaten sehr ähnelte; darin war ich der heldenhafte Pilot eines Einzelschiffs, der genau im richtigen Augenblick in einer gigantischen Schlacht gegen die Naknuk intervenierte, was diverse Auszeichnungen und die Bewunderung meiner Altersgenossen zur Folge hatte und in Garikms Fall (Episode 39) den Aufstieg zum jüngsten Großadmiral der Imperialen Flotte. Natürlich würde mich das geradewegs auf den Imperialen Thron bringen. Ich würde Imperator werden, Herr über das größte interstellare Imperium aller Zeiten!

Wie so vieles andere gründeten meine Fantasien auf totaler Ahnungslosigkeit. Ich brauchte einige Zeit, um zu lernen, dass Rang und Ehre, denen die Prinzen so emsig nachjagten, einem oft nicht die Bewunderung der Altersgenossen eintrugen, sondern stattdessen Neid, Rachegelüste und viele Verräter, die einem ein Messer in den Rücken jagen wollten.

Solchermaßen in meinen Träumen gefangen, fand ich, dass die Zeit langsam verging. Hin und wieder musste ich mittels angemessener Gasstöße aus den Drüsen und Öffnungen des Mantas Kurs und Geschwindigkeit korrigieren, um mit Haddad, der voranflog, mitzuhalten.

Dann – als wären die achtundzwanzig Stunden nur ein Wimpernschlag gewesen – tauchten wir in die dünne und wolkige Atmosphäre des Planeten ein. Die Mantas wechselten automatisch in den Wiedereintrittsmodus, und ich zog auf Anweisung Arme und Beine ein, um mich in den thermisch am besten geschützten Teil des Mantas in der Mitte seines Rückens zu kauern.

Der Ritt nach unten war schneller und viel schwieriger, als ich erwartet hatte. Der Manta buckelte und brach aus, und mehrere Male wäre ich fast abgeworfen worden; plötzlich drohte eine Schräglage den Manta kippen zu lassen, so dass fast ich die weiß glühenden Lanzen der überhitzten Umgebungsluft abbekommen hätte und nicht sein ableitender Silikon-Unterleib.

Doch der Manta war ordentlich konstruiert, Haddad hatte ihn gut herangezogen, und um meinen Gleichgewichtssinn und meine Kraft war es natürlich viel besser bestellt als bei jedem normalen Menschen. Ich klammerte mich fest, hielt die Trimmung und schoss wie eine Sternschnuppe über den Himmel, bis auf zehntausend Metern Höhe der Manta und ich getrennte Wege gehen mussten – ich im freien Fall und er in einem langen Gleitflug, der in einer nicht sehr spektakulären Explosion irgendwo am Horizont sein Ende finden würde.

Haddad hatte sich in einiger Entfernung von seinem Manta getrennt. Obwohl ich noch nie so geflogen war, wusste mein Körper, was zu tun war – es war eine der vielen Grundfertigkeiten, die in meinen Verstand und mein Muskelgedächtnis einprogrammiert waren. Und wie bei allen derartigen programmierten Fähigkeiten hatte ich – obwohl ich über die Grundkenntnisse verfügte – indes weder Stil noch erkennbares Talent. Dennoch breitete ich Arme und Beine aus, um das Trudeln auszugleichen, und stellte meinen Kontragravitationsharnisch auf Standby, als Haddad auf mich zuschoss und sich meiner Sinkgeschwindigkeit mit wahrem Geschick und Erfahrung anpasste.

:Harnisch aktivieren:

Mein Harnisch brannte sich in mein Fleisch, als sich die Antigravitationsspulen aufwärmten. Aber ich stürzte noch immer weiter – die dünne Luft bremste meinen Fall kaum ab, und die Antigravitation baute sich nur langsam auf. Der dunkle Boden unter mir kam näher und näher … viel schneller und viel näher, als es meiner Meinung nach der Fall sein sollte. Ich wollte gerade in Geistsprache und verbal zu brüllen anfangen, als Haddads ruhige Geiststimme in meinem Kopf ertönte.

:Volle Notumkehr auf mein Zeichen hin:, übermittelte er, und dann, einen Augenblick später: :Jetzt:

Mein Harnisch ächzte, die Riemen gruben sich noch tiefer in meine Haut, und plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde ich nicht länger fallen, auch wenn mein inneres Instrumentarium meldete, dass es tatsächlich noch immer abwärts ging, wenn auch langsam. Der Boden war nahe genug, dass ich schon Einzelheiten unterscheiden konnte, wenn auch nur mit meinen erweiterten Augen. Kwanantil Neun lag weit weg von seinem Stern, und keiner seiner zwei Monde war bisher in eine Hilfssonne umgewandelt worden, so dass diffuses Dämmerlicht eine Welt erhellte, die nach dem Vorbild der alten Erde gestaltet worden war.

:Man hat uns entdeckt:, übermittelte Haddad mir in einer knappen Geistdurchsage, um sofort eine ausführlichere, nachdrücklichere folgen zu lassen.

:Prinz Khemri «Kennung» und Assassinenmeister Haddad «Kennung» bei Mantalandung nicht feuern Code Gorgonenhaupt Fünf Sechs «Code» Übermittlung an Imperialen Geist:

Das war an die Einrichtung gerichtet, die ich noch nicht genau unter mir erkennen konnte: ein typischer, oberirdischer Imperialer Kubus von etwa zweihundert Metern Seitenlänge aus einheimischem Boden, der von Bitech-Wirkstoffen zusammengehalten wurde und nach innen mit Mechtech-Wehren und Psitech-Kraftschilden verstärkt wurde. Es war wohl nur ein Eintrittsgebäude, denn die eigentliche Flottenakademie befand sich viele hundert Meter tief unter der Erde. Manchmal erwies sich eine dicke Schicht aus Erde und Steinen als wirksamer Abwehrschutz, selbst wenn die Imperialen Techs versagten.

Das Dach des Kubus starrte von den verschiedensten Automatikwaffen und Abschussgeräten, von denen nun viele auf mich gerichtet waren. Schwach orangefarbene Blitze blinkten in meinen Augenwinkeln, um mich vor Flugraketen zu warnen, die mich ins Visier nahmen, bis ich den Alarm bemerkte und abstellte. Wir waren nun schon so nahe, dass meine inneren Systeme mich ohnehin nur eine Mikrosekunde, bevor ich vaporisiert werden würde, vorwarnen konnten.

Zum Glück erfüllte Haddads Geistdurchsage ihren Zweck, obwohl der Teil mit der Übermittlung an den Imperialen Geist nicht stimmte – es sei denn, die Priester in der Akademie hätten das für uns erledigt. Ich hatte keine eigenen Priester dafür. Meiner Einschätzung nach hatte Haddad das gefunkt, damit anwesende Prinzen, die vielleicht meinten, ich sei ein leichtes Ziel, noch einmal darüber nachdachten, einfach für den Fall, dass ich irgendwo in der Nähe ein Schiff voller Priester geparkt hatte, die alles an den Geist übermittelten.

Wir landeten einen Kilometer von dem Kubus entfernt; auf den letzten fünf Metern verlor mein Antigravitationsharnisch an Energie, so dass meine geplante perfekte Landung etwas weniger würdevoll endete, indem ich der Länge nach auf dem dunkelblauen Boden aufschlug. Ich hatte kaum Zeit aufzustehen, da waren wir auch schon umringt von Mechbi-Soldaten, der Bitech-Infanterie des Imperiums aus Hybriden in Mensch-Insekten-Gestalt. Sie trugen ihre dunkle Mechtech-Rüstung. Ich konnte ihre inneren Systeme und einsatzbereiten Waffen spüren und fast, aber doch nicht ganz deutlich, ihr mentales Geschnatter untereinander wahrnehmen. Es war nur ein fernes Geflüster; ebenso wenig konnte ich ihren Kommandokanal abhören, da er nur für den Flottendienst und ihren unmittelbaren Kommandanten offen war.

Der, wie sich herausstellte, eine ranghohe Kadettin war, die sich darüber ärgerte, dass in ihre letzte Wache noch ein unangemeldeter Zugang fiel. Sie landete vor mir auf dem Boden, als wäre sie nur eine Stufe heruntergestiegen, und ihre Eleganz war nicht nur auf ihre hochklassige Schwerelosigkeitsausstattung zurückzuführen. Ihre Assassinenmeisterin blieb in der Luft, wie mir auffiel, und in meinen Mechtech- und Psitech-Scans tauchten diverse andere Leuchtmarkierungen auf, die auf Lehrassassinen in einer Standardformation über und hinter den Mechbi-Soldaten hinwiesen.

»Prinz Khemri«, sagte sie voller Widerwillen; sie machte sich gar nicht erst die Mühe, ihr golden verspiegeltes Visier zu öffnen, wie es die Höflichkeit geboten hätte. »Erklärt uns, was Euch herführt.«

»Mein Flottenbeitritt«, entgegnete ich. Auch ich öffnete mein Visier nicht. »Wer seid Ihr?«

Ich beantwortete Unhöflichkeit nur mit Unhöflichkeit, zumal ich bereits wusste, wer sie war. Prinzen teilen ihre Identität befreundeten Imperialen Einheiten durch Psitech mit, über zahlreiche Breit- und Schmalband-Mechtech-Verbindungen und auch – sofern die Atmosphäre dazu geeignet ist – über codierte Pheromone.

Daher war mir bekannt, dass sie Prinz Atalin war, drei Jahre älter als ich und fortgeschrittene Kadettin. Und sie war nicht nur Offiziersanwärterin dieser Flottenakademie, sondern tatsächlich auch Chefkadettin, Gewinnerin des Ehrenschwerts im ersten Jahr und Trägerin zahlreicher Auszeichnungen für herausragende Leistungen in verschiedenen Fächern. All das gipfelte darin, dass sie seit Gründung des Imperiums offenbar das Beste war, was sich je dazu herabgelassen hatte, diese Akademie mit seiner Anwesenheit zu beglücken.

Und sie war Mitglied von Haus Jerrazis, einer Prinzengruppe unter Führung von Vizeadmiral Prinz Jerrazis V., über den ich mich kurz hätte informieren können, wenn ich es gewollt hätte, was ich in diesem Augenblick nicht tat. Und was natürlich ein Fehler war.

»Ihr wisst, wer ich bin«, sagte sie und öffnete das Visier, wenn auch nicht aus Höflichkeit. Sie tat es nur, um ihre Nase zu rümpfen und ihre Abneigung gegen ein so niederes Wesen wie mich zu bekunden.

Ich öffnete mein eigenes Visier nicht. Es war in meinen Augen eine bessere Zurechtweisung, als ihr Naserümpfen zu erwidern.

Obwohl ich nur den schmalen Streifen ihres Gesichts sehen konnte, der zwischen der Hälfte ihrer Nase und den Brauen über ihren scharfen braunen Augen lag, traf mich unmittelbar ein Gefühl der Vertrautheit. Aber ich wusste, dass ich sie noch nie getroffen hatte. Ich hatte noch nie einen anderen Prinzen getroffen.

Aber warum wirkte sie dann so vertraut auf mich?

»Ihr seid als Besucher angemeldet«, sagte sie. »Wenn Ihr von der genehmigten Route zum Tempel abweicht, brecht Ihr die Flottenregeln und könnt verhaftet werden.«

Danach übermittelte sie irgendjemandem per Geistsprache etwas, aber ich konnte es nicht verstehen. Ich nahm an, dass es an den Imperialen Geist gerichtet war. Bald würde auch ich mit ihm in Verbindung stehen und müsste nicht mehr im Trüben fischen.

»Äh – und wie sieht die genehmigte Route aus?«, fragte ich.

Atalin machte sich erst gar nicht die Mühe zu antworten. Sie schniefte nur, ihr Visier glitt nach unten, und dann entließ sie die Mechbi-Soldaten mit einer wedelnden Handbewegung, bevor sie unvermittelt startete, um zum Kubus zurückzudüsen. Ihre Assassinenmeisterin blieb noch etwa eine Minute, während der sie auf Haddad herabblickte; erneut schnappte ich ein flüchtiges mentales Flüstern auf. Es musste seltsam für Assassinen sein, gegeneinander zu arbeiten, obwohl sie doch alle Priester desselben Aspekts waren; aber ich nehme an, dass es auch nicht sonderbarer war als die Rivalität zwischen den Prinzen. Schließlich gründete das gesamte Imperium auf dieser Rivalität.

»Ich habe die Route. Wir müssen nach drinnen, bevor uns die Sauerstoffreserven ausgehen«, sagte Haddad, als wir wieder allein waren. »Die Atmosphäre hier reicht nicht für höhere Lebensformen aus.«

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