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Das Imperium Maga

Für Patrick, Emmanuel, Luca und Stella Marie

Der Wert d es Lebens ergibt sich
aus der Summe glücklicher Momente,
die man mit seinen Kindern
verbringen durfte.

Prolog

Es war Mitternacht und das ganze Dorf lag in tiefem Schlaf. Eine weibliche Silhouette bewegte sich langsam in Richtung der kleinen Kapelle. Dann bog sie um das niedliche Bauwerk und schlich an dessen Wand vorbei zum Friedhof hin. Sie ging an den Gräbern entlang und durchquerte beinahe den ganzen Friedhof, als sie schliesslich vor einem Grabstein stehen blieb. Dieser war in der Form eines Kreuzes gemeisselt, auf dem geschrieben stand: André Chollet.

Die Silhouette kniete nieder und beugte sich über die trockene Erde vor dem Kreuz, auf der kleine, bunte Primeln blühten. Eine einsame Träne lief ihr über die Wange, als sie zum Kreuz aufblickte. „André, du fehlst mir so sehr“, sprach sie leise, wie wenn er vor ihr stehen und sie sich mit ihm unterhalten würde, wie früher, als er noch da war. Sie vertraute ihm all ihre Sorgen an und klagte über ihre Einsamkeit, ihr leidvolles Leben. Beim Sprechen wischte sie immer wieder die Tränen aus ihrem Gesicht. Ihr Schluchzen zerriss die Stille, die auf dem kleinen Friedhof herrschte, und die Tränen, die ununterbrochen über ihre Wangen flossen, fielen auf den Boden vor ihr und benetzten die vielen, mit viel Liebe eingepflanzten Blümchen. Der Anblick dieser leidenden Seele war herzzerreissend.

An die zwei Stunden des Selbstgesprächs wischte sie sich ein letztes Mal die Tränen aus den Augen und richtete sich schliesslich auf. „Nun, mein Lieber, muss ich gehen, meine Untertanen warten auf mich. Ich werde morgen wieder kommen, so wie immer, um die gleiche Zeit!“

Nach dem Abschied begab sie sich wieder heimwärts an den Gräbern vorbei, die im Mondschein der Nacht recht unheimlich wirkten. Die Schatten, die der Mond auf die bescheidenen Grabstätten warf, glichen denen jener verlassenen Seelen, die selbst nach ihrem Verscheiden keine Ruhe fanden und in ihrem rastlosen Zustand, nach Frieden suchend, weiterhin umherwandelten.

Die trauernde Frau schritt weiter voran. Im Vorbeigehen warf sie immer wieder Blicke auf die Grabstätten, unter welchen die sterblichen Hüllen ihrer Dorfbewohnern begraben lagen, während sie sie, wie es Sitte war, mit Weihwasser besprang. Jedes der Gräber war mit einem kleinen aus Holz geschnitzten Kreuz, versehen. Nur das Grab ihres Mannes sah anders aus. Das Kreuz war aus Stein gemeisselt, was seinem Stand entsprechend üblich war. Dadurch, hob er sich von den einfachen Bauern des kleinen Weilers ab. Und obwohl André zu Beginn, als er die Müllerstochter zur Frau nahm, von seinen neuen Nachbarn liebevoll angenommen wurde, kam mit der Zeit unter manchen von ihnen Neid auf. Hinzu kam, dass er im Haus seiner Frau lebte. Es gehörte sich eben nicht, dass ein Mann seine Eltern verlässt und in das Haus seiner Frau einzieht. So einen Mann nannte man Pantoffelheld und gewöhnlich wurde ein solcher von oben herab angesehen. Man respektierte André nur seines Schwiegervaters wegen, weil dieser von allen geschätzt wurde, seines Fleisses wegen und der Tatsache, wie vorbildlich und liebevoll er sich um seine Tochter nach dem Tod seiner Frau kümmerte. Die Menschen empfanden Mitleid und zugleich Bewunderung für den alleinstehenden Witwer. Denn nach dem frühen Verlust seiner Frau war er auf sich allein gestellt und musste sein dazumal erst zwölf Jahre altes Kind alleine grossziehen und nebenher seiner schweren Tätigkeit in der Mühle nachgehen. Ebenso gerne öffnete er sein ärmliches Bauernhäuschen allen Unglücklichen, die an seine Tür pochten. Der gute Ruf dieser gastlichen Güte war so weit verbreitet, dass sich Wanderer von überall her in sein Heim trauten. Die Dankbarkeit der Menschen, denen er Gutes getan, zeigte sich auch am immer wieder frischen Blumengesteck, das über seinem Grab lag. Auch beim kleinen Kreuz ihres Vaters hielt sie an und sprach einige liebe Worte, bevor sie dann, wie fast jede Nacht, nach Maga, ihrer zweiten Heimat, aufbrach. Vor Morgendämmerung kehrte sie stets wieder zurück und lebte während des Tages ein ganz gewöhnliches Leben. Sie bemühte sich so gut es ging, sich von ihrer besonderen Gabe nichts anmerken zu lassen.

Das neue Jahrhundert brach an und brachte somit einige Veränderungen mit sich, in verschiedenen Dingen, so auch in der Mode. Der Umbruch der Belle Epoque begann und das Ende des eingeschnürten Frauenkörpers schien besiegelt. Die Kleider wurden immer schlichter und strenger. Zwar wurde die weibliche Silhouette noch durch das enge Korsett bestimmt und es wurden immer noch Kleider mit Rüschen und Schleppen getragen, jedoch kam zuweilen ein in langen, losen Falten den Körper hinab gleitendes, korsettfreies Kleid hinzu. Da dieses aber nur von sehr schlanken Frauen getragen werden konnte, würde es nicht sofort die vorherrschende Mode verdrängen.

Nicht nur in den Städten, auch in den Dörfern hatten die modernen Bräuche Einzug gehalten. So gaben sich die Leute, ob bürgerlich oder Bauernfamilien, der neuen Mode hin, feierten auf den Strassen und stolzierten so in ihren figurbetonten Kleidern in die kleine Dorfkirche, weshalb sie vom alten Greis, dem Dorfpfarrer, stets gerügt wurden. Jedoch trug sein ernster Tadel bei den modernisierten Frauen keine Früchte, sie hielten weiterhin an dem neuen Trend fest und verzichteten lieber auf den Gottesdienst, als der Weisung des Pfarrers Folge zu leisten.

Es gab aber auch solche, die sich nicht um die anderen scherten und ihre eigene Meinung vertraten. Eine von diesen Frauen war die Müllersfrau Jeanne Chollet, die keine Werte auf die weltlichen Dinge legte. Sie war eben keine Mitläuferin, ging schon immer ihren eigenen Weg und somit beneidete sie auch diejenigen Frauen nicht, die sich mit Stolz der neuen Mode hingaben. Jeanne blieb ihrem Stil treu und trug weiterhin ihre alten Kleider, was ihren bisherigen guten Ruf stark beeinflusste. Dieses trug dazu bei, dass sie fast keine Kundschaft mehr bekam und die vornehmen Damen sich eine andere, ihren Ansprüchen gerechte Schneiderin suchten. Die inzwischen Fünfzigjährige nahm dies auf die leichte Schulter, denn sie konnte, noch wollte sie etwas daran ändern. Sie war eben eine Einzelgängerin. Denn die Frauen, die zu ihr kamen, waren keine ihr vertrauten Menschen, an deren Schulter sie sich anlehnen und ihnen ihre Sorgen anvertrauen hätte können. Sie waren nur ihre Kunden, deren Aufträge sie pünktlich erledigen musste. Sie kamen und gingen wieder und sie blieb dann alleine zurück, denn seit dem Tod ihrer beiden Männer, den einzigen zwei Menschen, die sie auf dieser Welt noch hatte und über alles liebte, lebte sie mutterseelenallein in ihrem kleinen Häuschen.

Die Einzige, die ihr immer wieder Gesellschaft leistete und ihr treu blieb, war das Samtpfötchen Fila. Es verging kein Tag, an dem Fila nicht an ihrer Tür kratzte und nach Liebkosungen schnurrte. Die überaus anhängliche Katze, mit einem flauschigen, schwarzen Fell, gehörte ihrer Nachbarin, welche aber durch eine hartnäckige Grippe dazu gezwungen war, über mehrere Wochen das Bett zu hüten und sie deshalb ihren Liebling vorerst in Jeannes Obhut gab. So kümmerte sich die gutmütige Witwe fortwährend um Fila und mit jedem Tag waren die beiden immer vertrauter miteinander. Fila suchte Jeanne mittlerweile nicht nur zu Hause auf: Auch wenn die junge Witwe zum Markt aufbrach, um ihre Einkäufe zu erledigen, hüpfte sie ihr stets hinterher und streifte von Zeit zu Zeit um ihre Beine.

Ihr Vater war bereits ein Jahr nach dem schrecklichen Vorfall, als ihr Mann André wegen ihrer Unachtsamkeit in die Krallen des Teufels geraten war und sie damals selbst in die Unterwelt hinabsteigen musste, um ihn aus seinem Kerker zu befreien, von ihr gegangen. Kaum hatte sie den Tod ihres Vaters halbwegs überwunden, als auch schon das nächste Unheil folgte.

Nur einige Monate darauf wurde nämlich ihr geliebter Mann krank. Er wurde von einer heimtückischen Krankheit heimgesucht und litt tagelang an hohem Fieber. Kein Arzt konnte die Ursache des Leidens feststellen und so konnten sie ihm auch keine entsprechende Arznei verabreichen, die zur Genesung geführt hätte. Dieser harte Schicksalsschlag traf sie noch mehr, als sie einsehen musste, dass auch die Heilpflanzen aus Maga keine vollständige Heilung brachten. Mit welchen Mitteln sie es auch versuchte, um ihn wieder auf die Beine zu bringen, nichts änderte sich und ihr geliebter Gemahl hauchte seinen Geist aus, nach nur sechs Jahren gemeinsamen Lebens. Sie hoffte nur, dass sein Schutzengel sein Wort gehalten hatte, das er André noch in der Unterwelt gab: An dem Tag, an dem er seinen Geist aushaucht, da zu sein, um seine Seele in den himmlischen Garten zu geleiten. Keiner von ihnen hätte in jenem Augenblick auch nur geahnt, ausser vielleicht der Engel selbst, dass er sein Versprechen nach nicht einmal zwei Jahren bereits einlösen werden muss. Jeanne war so froh, dass sie André wenigstens noch in der kurzen Lebenszeit ihre zweite Heimat zeigen durfte und sie währenddessen nicht alleine mit ihrer Bürde da stehen musste – das verborgene geistige Reich geheim zu halten. Mons hatte André zwar erlaubt in Maga mit Jeanne gemeinsam eingehen zu dürfen, doch er musste sich ebenso dazu verpflichten, das Geheimnis zu bewahren. Keiner, der Maga einmal gesehen hat, kann davon befreit werden.

Obwohl sie wusste, dass jedes Leben vom Schöpfer bestimmt war und nur er allein es in seinen Händen trägt und darüber verfügt, begriff sie nicht, weshalb André so jung sterben musste. Sein Tod war die Erklärung dafür, dass es für ihn bestimmt war zu gehen, denn wenn es anders gewesen sein sollte, hätten die Heilmittel aus Pomarium ihn wieder gesund gemacht. Das war der Beweis, dass die Macht des Menschenschöpfers grösser als alle anderen Mächte war.

Auch wenn sich die junge Witwe in ihrem stillen Leiden mit der Zeit dem Willen Gottes fügte, vermisste sie ihren Mann so sehr, dass sie ihn fast täglich am Grab besuchte und ihm dort stundenlang von den Ereignissen des Tages in ihrer Welt und auch denen in Maga berichtete, was ihr immer grosse Linderung verschaffte. Dabei schwor sie ihrem verstorbenen Mann und sich selbst, dass sie nie mehr heiraten würde. Sie wollte für immer alleine bleiben und zu ihrer grossen Freude wurde sie auch nicht von Verehrern überhäuft, obwohl sie als – ewig schön und jung – bekannt war.

Es schien, als ob sich kein Mann in ihre Nähe trauen würde, denn die schöne Witwe war eben eine eigenständige Frau, die wusste, was sie wollte. Dazu noch führte sie ein eigenartiges Leben, trieb sich in den Wäldern herum und pflegte nächtliche Wanderungen. Was aber am ärgsten von all den ungewöhnlichen Dingen, die sich keiner erklären konnte, war, wie sich die Einsiedlerin am Leben erhielt. Denn seit dem Tod ihres Mannes war die Mühle ausser Betrieb. Alle wussten ebenso, dass kaum noch Kundschaft in ihrer kleinen Nähstube ein- und ausging. Doch wie durch ein Wunder lag auf ihrem Tisch sogar im Winter stets frisches Obst und Gemüse, wie es die Dorfweiber, welche ihr die Nähaufträge brachten, behaupteten. Es war so, als würde die einsame Witwe ihre Speisen aus den Ärmeln zaubern. Und so kam die ganze Angelegenheit ins Gerede und die seltsamen Gerüchte von der ungewöhnlichen Frau breiteten sich in dem kleinen Weiler immer mehr aus, so dass sie mit der Zeit im Mittelpunkt des Gesprächs stand. Alle redeten nur noch über Jeanne Chollet und ihre bösartigen Lästerungen waren nicht mehr aufzuhalten. Böse Zungen kannten kein Mitleid und gingen soweit, dass sie eigene Geschichten dazu dichteten und durch ihre Feindseligkeit noch mehr Schaden anrichteten, als sie es sonst schon getan hatten.

Die Lage der armen Frau war beinahe nicht mehr zu ertragen, denn nicht nur die Leute im Dorf hatten sich gegen sie verschworen, auch den Dorfpfarrer hatten die bösen Gerüchte erreicht. So war sie auch in der Kirche nicht mehr erwünscht. Selbst ihre Lehrerin, die gute Schwester Bernarda, schenkte dem Geschwätz Gehör und glaubte zuweilen, was man sich so im Dorf erzählte.

Diejenige aber, die ihr am meisten Schaden zufügte, war ihre Schwiegermutter Madame Chollet, welche furchtbar gemeine Dinge behauptete. Sie machte Jeanne für den Tod ihres Sohnes verantwortlich und gab ihr die Schuld daran, ihn mit Absicht krank gemacht zu haben, damit sie ihr Teufelswerk weiter verrichten kann, ohne dabei von jemandem gehindert zu werden. Solche und viele andere Dinge erzählte sie, wo sie auch hinging und verbreitete diese in der ganzen Umgebung, sodass die junge Frau sich kaum mehr aus dem Haus traute. Erst als diese böswillige Frau vor genau zehn Jahren starb, war Jeanne einige Zeit lang die wohl verdiente Ruhe gegönnt.

So lebte sie friedlich in ihrer Hütte am Rande des Dorfes, wo nur noch die alte Mühle an das schöne, unbeschwerte Leben erinnerte, als die alten Geschichten erneut aufkamen und das Gerede von neuem ihren Lauf nahm. Doch dies allein war nicht das einzige Übel, welches der Bäuerin zu schaffen machte: Sie wurde auch noch der Zauberei beschuldigt. Die Leute warfen ihr vor, sich mit der schwarzen Magie zu befassen und die dunklen Mächte zu beherrschen. Man behauptete, sie hätte sich eine Hexenküche eingerichtet, in der sie allerlei Kräuter bei mächtigem Feuer zu Gifttränke sieden würde. Auch der unschuldigen Katze stellten die Leute aus dem Dorf aufgrund ihrer schwarzen Fellfarbe nach. Das arme Tier wurde stets gejagt und misshandelt, so dass Jeanne jeden Tag um sie fürchtete. Sie wusste bald nicht mehr, wie sie Fila vor diesen Unmenschen schützen sollte, dessen Erdenleben ihretwegen gefährdet war.

Ihre Lage war mehr als nur unerträglich und je mehr sie sich zu wehren versuchte, umso heftiger wurde sie beschimpft und wie eine Aussätzige behandelt. Was sie auch tat oder sagte, um ihre Unschuld zu beweisen, hielten die Leute an ihren Aussagen fest und grenzten sich völlig von ihr ab. Nirgendwo mehr war sie erwünscht, weder auf der Strasse noch in der Kirche. Überall wurde sie abgewiesen. Die bösen Zungen verfolgten sie, wo sie auch hinging. Selbst die, die sich einmal bei ihr Rat und die entsprechenden Heilmittel holten, wenn es um die Krankheiten ging, die von den Ärzten als unheilbar befunden wurden, wollten nichts mehr von ihrer Weisheit über die Heilkräuter wissen. Es gab Zeiten, da hatten die Leute sie „Kräuterfrau“ genannt. Viele von ihnen wurden geheilt und ihre Zungen lobten und priesen die weise Witwe. Doch leider gab es auch jene, die sich von ihrer erstaunlichen Weisheit fürchteten, weil sie eben nicht wussten, von wem sie diese geheimnisvollen Gaben vermittelt bekommen hatte. Jeanne sprach nie darüber, und wenn sie danach gefragt wurde, war ihre Antwort stets eine und dieselbe: „Das hat mir Maman beigebracht!“

Und doch, trotz des Neides und des Hasses der einzelnen Dorfbewohner, hinterliess die schöne Witwe aufgrund ihrer Demut und Geduld, ihrem Eifer und ihrer Klugheit, bei jedem von ihnen einen bleibenden Eindruck. Entweder waren die Leute über ihre Art voller Bewunderung oder aber sie wurde verspottet und von manchen gar verstossen. So oder so erreichte sie durch ihre Tugenden eine hohe Vollkommenheit. Diejenigen, die sie näher kannten, bemerkten den Fortschritt in ihrem Seelenleben und suchten mit grossem Vertrauen weiterhin Hilfe bei ihr, obschon sie dadurch riskierten, von anderen, die Jeanne nicht mochten, gesehen und im schlimmsten Fall aus ihren Kreisen ausgeschlossen zu werden. Unter anderem besass Jeanne den Einblick in die Herzen der Menschen und sprach ihnen Trost und Mut zu.

Der Herbst nahte und Jeanne wurde immer einsamer und nachdenklicher mit jedem Tag, der verging. Ein ungutes Gefühl verfolgte sie wo sie auch hinging. Auch Fila spürte, dass sich etwas Schlimmes anbahnte und wich kaum mehr von Jeannes Seite. Der einst gute Ruf der Familie Bonnet war für immer dahin. Die Leute im Dorf dachten nicht mehr an die guten Taten, die Jeannes Eltern einmal vollbracht hatten und die sie sehr zu schätzen wussten. So war Jeanne wenig überrascht, als sie an jenem Tag, der über ihre Zukunft entschied, bei Abenddämmerung, gemeinsam mit Fila von ihrem täglichen Spaziergang heimwärts unterwegs war und dabei ein altes Dorfweib traf, das ihren Weg kreuzte. „Gestehe endlich, dass du eine Hexe bist!“, rief die Alte ihr zu und fuhr gleich fort mit Beschuldigungen, ohne die Antwort abzuwarten: „Genauso eine, wie deine Mutter es auch war. Du denkst, wir wissen nicht, was du treibst!“

Bei diesen vorwurfsvollen Worten sprang Fila ganz ungeahnt auf die Alte und zerkratzte ihr dabei das ganze Bein vom Oberschenkel bis zur Wade. Dies geschah so schnell, dass Jeanne keine Zeit hatte, das Tier in seinem Tun aufzuhalten.

Das völlig verkrümmte Weib schrie auf und hob das Bein, um das wütende Tier wegzustossen, als Jeanne sich ihr in den Weg stellte. „Fassen Sie Fila nicht an!“, sagte sie in einem scharfen Ton. „Ich werde das mit ihr regeln.“ Dann kniete sie nieder und nahm das verängstigte Tier in den Arm, welches sich zitternd und schnurrend an ihren Körper schmiegte.

Während sie Fila erklärte, dass das, was sie der Frau gerade angetan hatte, nicht in Ordnung sei und sie es nie mehr tun dürfe, stemmte das aufgebrachte Weib ihre Hände in die Hüfte und starrte die in Trauer aufgelöste Frau an, wobei ihre Augen vor Zorn sprühten. „Sieh nur, wie weit du es schon gebracht hast: Du sprichst mit einem Tier, das kein Wort davon versteht und bildest dir auch noch ein, es würde deine Anweisungen befolgen…“

„Das stimmt nicht“, rief Jeanne widersprechend. „Tiere verstehen mehr, als Sie glauben. Irgendwann werden Sie sich noch an meine Worte erinnern…“

„Ach, hör auf so einen Unsinn zu behaupten“, rief die Alte völlig erbittert. „Ich sage dir: Keine vernünftige Frau glaubt so einen Schmarren, noch treibt sie sich um Mitternacht in den Wäldern rum. Diese verrückten Dinge ist nur so eine wie du, von dunklen Mächten besessene Person, im Stande zu tun!“

Dann deutete sie auf Jeanne und beschimpfte sie weiter: „Sieh dich nur an. Deine Haut ist kaum älter als dreissig und du bist im gleichen Jahr geboren wie meine Therese. Im Sommer hatte sie ihren fünfzigsten erreicht. Keine Frau kann in dem Alter solch jugendliche Züge von Natur aus haben. Du musst dem nachgeholfen haben, weiss der Teufel womit!“

Das Weib räusperte sich. „Du bewegst dich wie ein junges Rehlein. Aber scheinbar hältst du uns alle zum Narren!“

Jeannes Augen füllten sich mit Tränen und die Wut stieg in ihr hoch. Sie drohte, die Fassung zu verlieren und der Alten die Meinung zu sagen, doch am Ende entschied sie Ruhe zu bewahren und ihren Zorn zu verbergen. Sie warf stolz ihren Kopf zurück. „Nein, Madame“, widersprach sie erneut, „ich halte euch alle weder zum Narren, noch bin ich eine Hexe!“

Sie überlegte kurz, dann fuhr sie weiter fort: „Übrigens… Diese Hexen, wie ihr sie nennt, gibt es nicht und böse sind sie erst recht nicht… Nur wegen solchen Menschen wie Ihnen müssen die armen Frauen sich verstecken!“

Erst, wie sie den Satz beendet hatte, merkte sie, dass sie eindeutig zu weit gegangen war und es besser nicht ausgesprochen hätte. Trotz der Furcht, von der Alten verraten zu werden, getraute sie sich nun noch weiter zu sprechen: „Und ich möchte Sie bitten, die Seele meiner Mutter in Frieden ruhen zu lassen. Es ist unverschämt und grausam, die Toten in ihrer Ruhe zu stören, indem Sie über sie lästern. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Zügeln Sie besser Ihre Zunge und urteilen Sie nicht über jemanden, den Sie nicht kennen. Das ist nicht ehrenhaft und eine Frau in Ihrem Alter sollte sich eher Gedanken darüber machen, wie vergänglich alles ist und der Mensch im Grunde nur eine Handvoll Asche ist. Denken Sie vielmehr an das ewige Leben, das Leben danach, jenes, das einzig und allein zählt!“

Das Weib schien völlig überfordert mit der Situation und diesen weisen Worten. „Ach!“, rief sie schliesslich, ihre faltige Stirn runzelnd. „Was weisst du schon über das ewige Leben… Ich muss mich nicht von dir belehren lassen… Jetzt hab ich endlich den Beweis, dass du mit dem Teufel im Bunde stehst… Du Hexe, du… Deine gute Schwiegermutter…“, dabei blickte sie zum Himmel hoch und die Hände faltend fuhr sie fort: „Gott sei ihr gnädig… Sie hatte dich von Anfang an durchschaut… Wer weiss, was du mit ihrem armen Sohn angestellt hast… Sie wusste schon, von was sie sprach… Leider hatte man ihre Warnungen viel zu spät ernst genommen. Du Schwindlerin, sorg besser dafür, dass man dich nicht mehr in der Nacht antrifft, denn das könnte dir einmal zum Verhängnis werden!“

Die Alte ging dann ihres Weges, nur ihre letzten Worte bohrten sich ganz tief in Jeannes Gedächtnis. „Was meinte sie wohl damit: Es könnte mir einmal zum Verhängnis werden?“, sagte sie zu Fila. „Ich hoffe nur, dass sie nichts Böses im Schilde führt. Bestimmt sprach sie die drohenden Worte, nur um mich einzuschüchtern.“

Ratlos und betrübt begab sie sich mit der Katze im Arm wieder heimwärts, als etwas Seltsames geschah: Es war mitten im Sommer, die Nacht war klar, der Himmel hing voller Sterne und eine warme Luftbrise blies ihr ins Gesicht. Nichts deutete auf einen Wetterumschwung, als plötzlich dunkle Wolken am Himmel aufzogen und es zu donnern begann. Es kündigte sich ein heftiges Gewitter an.

„Na sowas!“, wunderte sie sich und beschleunigte gleich darauf ihre Schritte. Sie liess Fila auf den Boden gleiten und rannte so schnell sie konnte, weil sie nicht nass werden wollte. Die Katze folgte ihr flink hinterher.

Wie sie dann in die Nähe ihrer Hütte ankam, blieb sie wie vom Blitz getroffen stehen. Erschrocken stiess sie hervor: „Um Gottes Willen…Nein…“

Ihr kleines Häuschen stand mitten in Flammen und die unbarmherzige Feuersbrunst breitete sich immer weiter aus, nahm einen Teil nach dem anderen in ihre brennende Gewalt und drohte bald alles zu zerstören. Jeannes Knie zitterten derart vor Hilflosigkeit, denn sie konnte nichts anderes tun als zusehen, wie ihr Heim vor ihren Augen abbrannte. „Die Drohung des alten Weibes hatte sich also erfüllt, gleich nachdem sie es mir angekündigt hatte!“, dachte sie völlig am Boden zerstört, als Fila ihr um das Bein strich, wie um sie zu trösten.

Sie trat langsam in den Hof und verbarg ihre tränenfeuchten Augen in den Händen. Schluchzend klagte sie vor sich hin. „Mein schönes Heim… Wo soll ich jetzt nur hin?… Es gibt doch niemanden mehr, der sich meiner annehmen würde… Und meine Schmuckschatulle, der einzige Schatz, der mir geblieben ist… Meine Makra… Jetzt kann ich nicht einmal mehr nach Maga flüchten!“

Wie benommen stand sie da, als sie plötzlich Nässe an ihren Armen fühlte. Sie zuckte zusammen und fuhr herum, dann blickte sie zum Himmel auf und stiess beinahe einen Freudenschrei aus, als die Regentropfen auf ihr Gesicht fielen. Die Tropfen, die erst kaum spürbar waren, wurden immer grösser und auf einmal begann es so heftig zu regnen, dass das Wasser, welches der Himmel gerade rechtzeitig schickte, wie aus Eimern auf die trockene Erde herabfiel. In einem Augenblick erloschen die wilden Flammen und als Jeanne wieder zum Haus hinschaute, stand dieses, wie durch ein Wunder, genauso da wie immer. Keine Spur vom Feuer war an ihm sichtbar und so starrte sie – die Augen ganz weit offen – derart irritiert nach vorne und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie glaubte, mindestens die Hälfte des Hauses in Asche zu erblicken, doch was sie gerade vor sich sah, konnte sie sich einfach nicht erklären.

Der Regen liess nach und sie trat langsam in den Hof. Ihre Knie zitterten immer noch vor Aufregung, als sie vor ihrer Haustür stand. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, öffnete ganz vorsichtig die Tür und trat dann in die kleine Stube, in der sie glaubte, nie mehr stehen zu können. Fila flitzte an ihr vorbei und hüpfte gleich in den Lehnstuhl hinein. Jeanne sah sich um und ihr blieb fast der Atem stehen, als sie auch noch das Feuer im Kamin brennen sah. Dann blickte sie zum Tisch hinüber und ihr starrer Blick blieb an demselben haften. All ihre Lieblingsspeisen lagen auf dem Tisch, zusammen mit einer angezündeten Kerze. Es war ein richtiger Festschmaus. „Das muss ein Zeichen sein“, dachte sie und sagte dann leise: „Danke, Maman!“

Jetzt wusste sie es bestimmt: Den plötzlichen Wetterumschlag, wie auch ihr ganzes Hab und Gut vollständig unbeschädigt – das alles hatte sie nur ihren lieben Freunden aus Maga, „den guten Larvas“, zu verdanken. Dieses grosse Wunder hätten nur sie vollbringen können. Der kleine, runde Tisch war reichlich gedeckt, mit allem, wonach auch ihr Gaumen lechzte und so setzte sie sich gleich auf einen der vier Stühle. „Komm, Fila!“, lud sie auch die Katze ein, die Hand auf den Stuhl neben sich legend. „Du hast bestimmt auch Hunger“, lächelte sie das Tier mit dem strahlenden Gesicht an.

Sofort sprang Fila vom Sessel auf den Boden und schlich sich an ihr Frauchen heran. Diese hob sie hoch und stellte sie auf den Stuhl neben ihrem. Nachdem sie Fila etwas Milch in ihre Schale hineingeleert hatte, machte sie sich an das lecker aussehende, wohlgereifte Obst, das sie schon mit den Augen verzehrte, heran. Ihr Hunger war so gross, dass sie von allem etwas kosten musste: Vom Käse – der ihre Leibspeise war –, vom Brot, vom Zwetschgenkuchen und noch vielen anderen süssen und herzhaften Gerichten, die es nur in Maga gab. Zwar wurde sie seit dem Tod ihres Mannes von den freundlichen Wesen aus ihrer zweiten Heimat stets mit Speisen versorgt, doch diese bestanden meist nur aus der nötigen Nahrung; aus verschiedenem Getreide, wie Mais oder Weizen, und aus Milch. Alles andere erntete sie aus ihrem kleinen Garten. Nur in den Wintermonaten genoss sie die Ehre, das Obst aus Maga verzehren zu dürfen.

Das alles geschah auf ihren ausdrücklichen Wunsch, denn sie wollte auf keinen Fall anders als die anderen Menschen behandelt werden. Sie führte eben ein stilles, der Welt verborgenes Leben und gab sich mit wenig zufrieden. Und trotzdem stellten die Leute ihr nach, beneideten sie und verurteilten sie für etwas, wofür sie nichts konnte. Denn seit dem Tag, an dem sie dem Ruf des Schöpfers gefolgt war und den Fuss in die verborgene Welt der geisterhaften Wesen gesetzt hatte, wusste sie, dass es für sie kein Zurück mehr gab. Ihr wurde zu verstehen gegeben, dass Maga für die Menschen geheim bleiben musste. Keiner dürfte je etwas davon erfahren.

Diese Bürde zu tragen, würde ihr viel leichter fallen, wenn diese seltsamen Dinge nicht wären, die an ihr sichtbar waren und sie verdächtigten. Obschon ihr bereits zu Beginn beigebracht wurde, dass sie anders ist, weil sie von der Quelle des Lebens gekostet hatte und sie seither die Eigenschaften der Larvas in sich trug, die sie eben, solange sie unter den Menschen lebte, ewig jung erscheinen liessen, tat sie sich sehr schwer mit dieser Tatsache. Am liebsten hätte sie allen die Wahrheit gesagt, damit man sie endlich in Frieden liess. Doch sie wusste, dass das nicht möglich und sie verpflichtet war, für immer zu schweigen.

Es gab etwas, das sie gerne vom Schöpfer Mons erfahren hätte, obwohl sie wusste, dass dies nicht möglich war: Nämlich, wie und wann sie aus diesem Leben verscheiden werde. Für die einfachen Sterblichen war dieses Erdenleben viel zu kurz, das wusste sie, doch ihr reichte es schon: Sie wünschte sich so sehr, bald mit ihrem geliebten Mann vereint zu sein, auch wenn sie nicht genau wusste, ob sie dann ihre Maman weiterhin sehen würde. Denn Menschenseelen war es im Grunde nicht erlaubt, in die Welten der Naturgeister einzugehen. Und je nach Ebene, auf welcher sie gerade weilten, waren sie auch auf der materiellen Seite der Erde weniger zugegen. So spürte sie immer weniger die Gegenwart ihres Mannes, je weiter er ins Jenseits ging. Die Sehnsucht nach ihrem André war so gross, dass sie alles hinnehmen wollte, sogar die mögliche Trennung von ihrer geliebten Mutter.

Jeanne hoffte sehr, diese Welt, bevor man sie unter Umständen dazu zwingen würde, Maga zu verraten, verlassen zu können. Sie war sich bewusst, dass sie sich nicht ewig vor den Leuten verstecken würde können. Irgendwann würden sie ihr sowieso auflauern und sie womöglich noch auf frischer Tat ertappen. Diese Vorstellung war für sie das Allerschlimmste. Hingegen, wenn so etwas wirklich geschehen würde, dachte sie, träfe sie zumindest keine Schuld und Maga würde dann nicht bestraft werden. Allein sie selbst träfe dann die Strafe, weil man sie danach in ihrem Dorf nicht mehr dulden und sie dazu noch grausam misshandeln würde, seelisch wie körperlich. Die Leute würden sie sicher noch mehr hassen und sie für immer aus ihren Kreisen vertreiben.

Zwei Stunden waren ungefähr vergangen, seit sie sich an den Tisch gesetzt hatte. Sie schaute auf die reichlich angerichtete Tafel, die aussah, als ob sie nicht angerührt worden sei, obwohl sie bereits einiges davon verspeist hatte. Auch der Milchkrug, wie oft sie auch daraus trank, war immer gleich voll. Stets wurde er, gleich nachdem sie getrunken hatte, auf eine magische Weise bis oben hin wieder aufgefüllt. Dieses Phänomen war für sie nichts Besonderes, weil sie es eben nicht anders kannte, denn schon bei ihrem ersten Aufenthalt in Maga wurde sie in das Geheimnis der Speisen eingeweiht. Auch der Geschmack der Nahrung aus diesem geistigen Reich unterschied sich von der aus der Welt der Sterblichen; das Obst hatte einen viel süsslicheren Nachgeschmack und die Sättigung hielt auch viel länger an, als bei jenem Obst, das auf der Erde gedeiht. Genauso war es mit all den anderen Speisen, die sie aus Maga mitbrachte.

Irgendwann fühlte sich ihr Magen so voll an, dass sie keinen Bissen mehr hinunter brachte. Sie schob den Stuhl nach hinten, richtete sich auf und ging, von Fila begleitet, in ihre Kammer, ohne die Speisen abzuräumen, da die Nahrung aus Maga, gleichgültig ob Brot, Butter, Käse oder Obst – wie lange sie auch auf dem Tisch stand, stets frisch und geniessbar blieb.

Es war der erste Abend seit Andrés Tod, an dem sie nicht an sein Grab ging und schon begannen sie die Gewissensbisse zu plagen. Sie wusste genau, dass es dort, wo er war, keine Zeit oder begrenzten Raum gab und er sie somit auch so hörte und mit ihr im Geiste stets verbunden war. Dennoch gehörte der Gang zum Friedhof für sie zum täglichen Ritual, den sie eigentlich nie vor hatte zu unterbrechen. Aber an diesem Abend war sie gezwungen zu Hause zu bleiben, denn während des Mahls hatte sie bereits einen Plan geschmiedet, in den sie ihre ganze Hoffnung gelegt hatte und sich daher wünschte, dass er aufgeht.

Kapitel I

Die Rettung

Der kleine Raum kam ihr seltsam leer vor. All die Jahre des Alleinseins erschienen ihr wie eine Ewigkeit, denn immer, wenn sie in Maga weilte, sobald sie den Fuss in die verborgene Welt setzte, blieb die Zeit auf der Erde für sie stehen, sodass es, wenn sie wieder heimkehrte, stets ein- und derselbe Tag war – lediglich einige Stunden waren verstrichen. Sie sah auf die Anrichte, auf der die Schmuckschatulle lag, ging hin und öffnete sie. Der blaue Topas schaute ihr entgegen und sie lächelte ihn zufrieden an.

Sie nahm ihn aus der Schachtel und betrachtete ihn eine Weile. „Welches Glück ihn wieder in den Händen zu halten“, dachte sie. Wer weiss, was mit ihm geschehen wäre, wenn von diesem Haus nur noch ein Haufen Asche geblieben wäre. Sie glaubte zwar ganz fest, dass das machtvolle Amulett auch in ihrer Welt unzerstörbar war, obwohl sie Mons nie danach gefragt hatte, und trotzdem wollte sie es nicht darauf ankommen lassen. Denn nachdem die Menschen sie verstossen hatten, stand sie mit nur zwei Dingen dieser Welt in Verbindung: mit dem Grab ihres Mannes und mit dem Amulett aus Maga. Daher war für sie ihre Makra heilig und sie fürchtete mehr denn je um sie, wie auch um ihre eigene Sicherheit. „Wenn die Leute im Stande waren, sie derart zu bedrängen und dazu auch noch das Einzige, das sie noch hatte – nämlich ihr Elternhaus – vernichten zu wollen, indem sie das Feuer in ihm legten. Dann wären sie bestimmt zu allem bereit“, sagte sie sich und beschloss noch in dieser Nacht ihre Welt zu verlassen, bevor es noch zu spät sein könnte.

Mit diesen Gedanken bekräftigt nahm sie die kleine Uhr vom Nachttisch, die gerade neun schlug und stellte den Wecker auf halb zwölf, da sie erst um Mitternacht in Maga eingehen konnte und legte sich in ihrem Tageskleid zum Schlafen hin. Fila sprang zu ihr aufs Bett und kuschelte sich an ihren warmen Körper. „Meine Kleine“, sagte Jeanne mit trauriger Stimme, „ich würde dich so gerne mitnehmen, aber du weisst ja, dass das nicht möglich ist!“

Fila schnurrte auf ihre Bemerkung hin, so als wollte sie damit andeuten, sie zu verstehen. So aneinander angeschmiegt, sang sie ihren Schützling in den Schlaf.

Kaum hatte sie die Augen zu, als das Gesicht ihres Mannes vor ihr erschien. Er schaute sie an, dessen Züge etwas Wehmütiges enthielten. Sie konnte seinen Blick nicht genau deuten, weil er mal traurig, dann wieder voller Freude auf seiner Geliebten ruhte. „Wir sind füreinander bestimmt und wir werden bald für immer zusammen sein“, sagte er und ohne eine Erklärung, wie und wann dies eintreffen werde, fügte er hinzu: „Ich warte auf dich!“

Ein lautes Klopfen an der Haustür weckte sie aus ihrem schönen Traum. Wie im Rausch schlug sie langsam die Augen auf und richtete sich widerwillig in ihrem Bett auf. Sie fühlte sich so schwach, dass sie sich am liebsten wieder hingelegt hätte, als es von neuem ganz heftig zu klopfen begann, diesmal jedoch von lauten Stimmen begleitet.

„Was ist hier nur los?“, rief sie brummig und stand ganz vorsichtig vom Bett auf, in der Hoffnung Fila nicht aufzuwecken. Ein Gedanke war ihr gekommen, während sie in die Hausschuhe schlüpfte, aber sie wies ihn schleunigst von sich; jedoch kam er wieder und sie fragte sich, ob sie nicht besser im Bett bleiben solle.

Schliesslich sagte sie sich: „Was soll`s! Es mag kommen, wie es wolle. Ich bin bereit!“

Dann warf sie sich eilig ihre Strickjacke über die Schultern und machte die Tür zur Stube auf. So gereizt schleppte sie sich langsam zu der Haustür hin, an der sie immer lauter werdende Stimmen vernahm. „Was kann so dringend sein, dass es nicht bis zum Tagesanbruch warten kann?“, sprach sie unterwegs zu sich. Nun stand sie endlich da und ohne lange nachzudenken, öffnete sie die Tür. Wie hätte sie nur ahnen können, diese Tat bald bereut zu haben.

Das alte Weib stand an der Türschwelle und starrte sie böse an. „Na endlich!“, rief sie mit ihrer röchelnden Stimme. In der mondlosen Nacht, in ihre alten Lumpen gehüllt, sah sie noch älter aus, als sie vermutlich war. In ihrer verrunzelten Hand trug sie eine Öllampe, die bei jeder Bewegung erzitterte. Über ihre Schultern hinweg sah Jeanne einige Männer und Frauen, die in ihren Händen Mistgabeln hielten.

„Was wollen Sie schon wieder?“, fragte Jeanne, ohne die Alte zu grüssen, denn sie war gerade überhaupt nicht in der Stimmung, sich die Beschimpfungen und jegliche Anschuldigungen ihrer Dorfleute anzuhören. „Denken Sie nicht, dass es etwas spät ist für einen Besuch?“

Mit dem Kopf wackelnd, den sie mit einem Tuche verhüllt hatte, kreischte das Weib aus ihrem zahnlosen Mund, zugleich auf die Männer und Frauen im Hof deutend: „Wir sind gekommen, um dir einige Fragen zu stellen… Wir alle hier wollen wissen, wie du es geschafft hast, das Feuer zu löschen, in dem das Haus hier vor einigen Stunden stand. Kein gewöhnlicher Mensch hätte so gewaltige Flammen bändigen können… Und am Ende hast du auch noch das halb abgebrannte Haus wieder aufgebaut, sodass an ihm nichts mehr vom Brand zu sehen ist… Verrate uns, wie das geschehen ist!“

Nur mit Mühe vermochte Jeanne der Alten zu folgen, so heftig pochte ihr das Blut in den Schläfen. Sie fasste es nicht, wie sie sich noch vor ihre Haustür traute, um ihr diese frechen Fragen zu stellen, wo sie vermutlich selbst, mit Hilfe ihrer Verbündeten, den Brand in ihrem Heim gelegt hatte.

„Ich glaube nicht, euch etwas erklären zu müssen!“, rief Jeanne erhobenen Hauptes in die Menge und fuhr gleich fort: „Vielmehr hätte ich das Recht zu erfahren, wer von euch mir diesen grossen Schaden zufügen wollte. Sagt, was hab ich euch angetan, dass ihr mir keine Ruhe gönnt und mir ständig nachstellt?“

Hierbei kratzte sich ein Mann hinter dem Ohr. „Ach, zum Teufel!“, rief er. „Lassen wir sie in Frieden. Sie hat uns nichts getan!“ Er war vermutlich einer dieser Menschen, die Jeanne trotz allen Lästerungen gut gesinnt und nur gezwungen war mitzukommen.

„Du Dummkopf“, beschimpfte ihn ein anderer, der neben ihm stand. „Hast du schon vergessen, warum wir hier sind?“, schrie er ihm wutentbrannt ins Gesicht.

Dann wandte er sich an Jeanne: „Wir wollen endlich Gewissheit bekommen, mit wem wir es hier zu tun haben. Bedenke eins: Wir werden den Hof nicht eher verlassen, bevor wir diese Sache geklärt haben. Sprich endlich die Wahrheit und führe uns nicht mehr hinters Licht. Wir sind dir längst auf die Schliche gekommen!“

Bei diesen Worten trat Jeanne über die Türschwelle und ging dann die paar Stufen hinunter in den Hof. Sie wollte den Leuten gegenüber stehen, wenn sie sich mit ihnen unterhielt und weil sie unbedingt einen weiteren Streit vermeiden wollte, sagte sie ganz ruhig: „Ich werde euch alles sagen, was ihr wissen wollt, aber ich flehe euch an, sagt mir, ob hier jemand ist, dem ich etwas Schlimmes gesagt oder angetan habe. Es kränkt mich sehr, dies nicht zu wissen. Vielleicht habe ich ja etwas vergessen, denn soweit ich mich erinnern kann, ist mein Gewissen rein!“

Keiner der Anwesenden rührte sich von der Stelle und starrte nur stillschweigend zu der Rednerin nach vorne. Jeder schien für sich selbst das eigene Gewissen zu befragen, um irgendeine böse Tat oder ein unehrenhaftes Wort, das sie einmal ausgesprochen hatte, zu finden, um die schöne Witwe beschuldigen zu können. Sie sah jeden Einzelnen an und als keiner sich zu Wort meldete, sagte Jeanne erneut: „Nun, dann hat sich die Sache endlich geklärt!“

„Halt!“, rief plötzlich der Mann, der sie vorher aufgefordert hatte, die Wahrheit zu sprechen. Er trat aus der Menge hervor und stellte sich vor Jeanne. „Du willst uns nur wieder irreführen und uns ablenken!“, sagte er spöttisch und lachte laut, wobei sein ungepflegter dunkler Bart vor Aufregung zitterte. „Es ist ganz gleichgültig, ob du uns etwas angetan hast oder nicht… Wir wollen, dass du weisst, dass wir in unserem Dorf keine Zauberei, Hexerei oder andere teuflische Werke dulden. Deshalb, wenn du nicht endlich sprichst, mit wessen Hilfe du das alles hier wieder in Ordnung gebracht hast, wirst du uns dazu zwingen, dich von hier zu vertreiben. Erwäge nun, was dir lieber ist!“

Jeanne sah ihn an und atmete tief durch, um ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Obwohl sie wusste, dass sie mit der folgenden Aussage mit dem Feuer spielte, konnte sie nicht anders, als alles auf eine Karte zu setzen. „Ich habe nichts zu verbergen!“, sagte sie entschieden und fügte gleich hinzu: „Und bin mir keiner Schuld bewusst!“

Sie hielt kurz inne, schaute um sich, dann sagte sie erneut: „Ihr möchtet also wissen, wer das Feuer gelöscht hatte? Der Regen war es! Darauf hättet ihr selbst kommen müssen… Gerade, wie das Haus in den Flammen stand, kündigte sich ein heftiges Gewitter an. Eine dunkle Wolke zog unmittelbar über dem Haus auf und begann sich dann, vom Donner begleitet, zu entladen. Es regnete wolkenbruchartig, sodass das Feuer blitzschnell gelöscht wurde. Dem Himmel sei Dank, im richtigen Augenblick den Regen geschickt zu haben!“

Jeanne sah in die Menge und wartete auf die Reaktion ihrer wütenden Nachbarn. Eine grosse Unruhe lag über der aufgebrachten Versammlung, als sich dann geballte Fäuste zum Protest erhoben und die Rufe erschollen: „Zum Teufel mit dir… Du gehörst an den Pranger!“

Immer wieder hörte Jeanne irgendein Schimpfwort aus der Menge schreien.

„Du hältst uns wohl zum Narren?!“, schnauzte der bärtige Mann sie an. „Und wie willst du uns dein jugendliches Aussehen erklären oder die Art, wie du dich am Leben erhältst? Von wem bekommst du die nötige Nahrung, wenn alle hier wissen, dass du weder Freunde noch Verwandte hast…“

„Das stimmt nicht“, wehrte sich Jeanne gegen die Vorwürfe des Mannes und sagte dann ganz stolz darauf: „Ich habe wohl auch Freunde, die meine Sorgen kennen und mich, wo es geht, unterstützen.“ Wie sie dies sprach, spürte sie den Kloss im Hals und musste sich ziemlich beherrschen, um nicht gleich in Tränen auszubrechen. Sie tat es nur deswegen nicht, weil sie ihre Trauer vor den Leuten nicht zeigen wollte. Um jeden Preis wollte sie den Eindruck vermitteln, dass sie keine Angst vor ihren Drohungen hatte.

„Ach, was du nicht sagst“, entgegnete er griesgrämig und stichelte weiter rum: „Dann wirst du uns sicher verraten können, wer diese Freunde sind? Ich selbst habe seit Ewigkeiten niemanden mehr in der Nähe deines Hauses gesehen, geschweige denn jemanden, der sich in dein Haus hineintraut!“

Seine Augen glänzten im Schein der Öllampe, die er in der linken Hand trug, welche er dann vor Jeannes Gesicht hielt. „Ich bin gerade nicht zu Scherzen aufgelegt!“, brüllte er sie an. „Weisst du, wie spät es ist? Wie lange willst du uns hier noch aufhalten? Sprich endlich!!!“

Die fortwährenden Sticheleien ärgerten Jeanne so sehr, dass sie den Kopf abweisend auf die Seite wandte und den Mann nicht eines Blickes würdigend sagte: „Ich denke nicht einmal dran. Ich hab euch nicht zu mir gerufen… Wenn es euch zu spät ist, könnt ihr auch wieder gehen, denn ich habe euch nichts mehr zu sagen… Ihr habt mir schon genug Leid zugefügt… Somit glaube ich nicht, dass es euch etwas angeht, mit wem ich verkehre!“

Empört über Jeannes Worte und ihre gleichgültige Haltung wütete der Mann um sich und schlug mit der Mistgabel auf den Boden. „Nun gut“, schrie er sie an, „du lässt uns keine andere Wahl… Dann werden wir dich wohl dazu zwingen müssen… Du wirst schon sehen, wie schnell du zur Vernunft kommen wirst!“

Wie er das sagte, gab er seinem Gefolge ein Zeichen, worauf sich der ganze aufgestaute Hass in ein fürchterliches Gebrüll entlud. Sie alle stürzten sich auf das arme, hilflose Ding. Ein Weib griff nach ihrer Haube, zog sie ihr vom Kopf und warf sie auf die feuchte, matschige Erde. Dann stampfte sie mit beiden Füssen darauf, solange, bis nur noch kleine Fetzen von der Haube herum verstreut lagen. Eine andere zog ihr an den Haaren und spuckte ihr ins Gesicht. Wieder eine andere zog so heftig an ihrem Kleid, dass sie es ihr beinahe vom Leibe riss. Sie spürte Schläge von allen Seiten und sah schon ihren leblosen Körper auf der Erde liegen, als sie die kleine Kirchenglocke hörte. „Es ist Mitternacht“, dachte sie. Wenn diese unbarmherzigen Menschen sie nicht in ihrem Vorhaben gestört hätten, wäre sie jetzt auf dem Weg nach Maga und hätte dies alles hier nicht durchmachen müssen. Doch was brachte ihr jetzt das ganze Gejammer, wenn sie kurz vor dem Tod stand. Jetzt war es ohnehin zu spät, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn selbst wenn es ihr durch irgendein Wunder gelingen würde zu entfliehen, hätte sie erst ihre Makra aus dem Haus holen müssen, um überhaupt in Maga eingehen zu können. Bei dem Gedanken vergass sie rasch wieder, was sie vorhatte und fügte sich ihrem Schicksal. In ihrer furchtbaren Qual wünschte sie ganz fest, alles wäre nur ein böser Traum und sie würde jeden Augenblick erwachen. Sie war entsetzt darüber, wie verbittert und neidisch die Menschen sein können und welchen Groll sie gegen sie hegten. Ihren ganzen Zorn liessen sie an ihr ab und der Hass ging so weit, dass sie wirklich im Sinne hatten, sie zu töten. Jedes andere menschliche Geschöpf – wäre es in solch eine Bedrängnis gekommen – hätte bestimmt längst alles gestanden. Doch diese Frau wusste genau, wie wichtig es war zu schweigen und war deshalb bereit, lieber zu sterben, als ihre Freunde zu verraten. Vielleicht wollte André ihr vorher im Traum ihren baldigen Tod ankündigen, überlegte sie so in ihrem Elend und, statt um ihr Leben zu fürchten, jubelte sie dem Tod entgegen. Sie betete nur, es wolle rasch vorübergehen.

So in ihrem hilflosen Zustand auf allen vieren im Matsch herum kriechend hörte sie plötzlich eine ihr gut bekannte Stimme: „Lasset ab von meinem Kind oder aber es wird euch allesamt eine furchtbare Strafe treffen!“

Die gebieterische Frauenstimme gehörte keiner anderen als Jeannes Mutter, nämlich Dominam Augusta in Nemorosa. Ihr Kommen sorgte für grosses Aufsehen, denn alle starrten in die Richtung des Himmels, von wo die furchtbare Drohung kam. Sie trauten ihren Augen kaum, als sie eine unirdisch schöne Frau festlich gekleidet, welche die einsame Witwe ihre Tochter nannte, hoch auf dem Rücken eines riesigen Drachen sitzen sahen. Seine gewaltigen, fledermausähnlichen Flügel schwingend, flog das mystische Geschöpf langsam in die Tiefe und wie er dann auf den Boden mit seinen hinteren, kräftigen Beinen landete, bebte es unter ihren Füssen ähnlich einem Erdbeben. Er grub seine Adlerkrallen in die matschige Erde und stampfte von einem Fuss auf den anderen. Dann schlug er mit seinem langen Schwanz auf den Boden und versetzte die Leute im Hof in grosse Angst. Sie alle kannten die furchteinflössenden Wesen nur aus Märchenerzählungen und jeder von ihnen hatte somit seine eigene Vorstellung von diesen Fabelwesen, von denen sie ganz fest glaubten, sie wären nur ein Abbild menschlicher Fantasie. Niemals, wenn sie nicht gerade selbst Zeugen des eigenartigen Geschehens wären, hätten sie geglaubt, dass diese seltsam aussehenden Geschöpfe wirklich irgendwo ihr Unwesen trieben.

Jeanne lag erschöpft im Dreck und hob langsam ihren Kopf, der ihr von den vielen Schlägen entsetzlich weh tat, als sie die liebliche Stimme ihrer Mutter hörte. Vor lauter Kraftlosigkeit war sie nicht einmal im Stande, von selbst aufzustehen. Wie durch Nebel hindurch sah sie, wie Custos vor ihrem Haus landete und ihre Mutter von seinem Rücken hinunterstieg. Sie schritt erhobenen Hauptes, wie eine wahre Herrin, die sie eben auch war, durch die Menge hindurch und alle traten zurück und liessen sie ohne Widerrede durch. Sie hingegen würdigte ihre einmal sehr liebenswürdigen Nachbarn nicht einmal mehr eines Blickes und ging an ihnen vorbei, als wären sie Luft. Mit nur einigen Schritten erreichte sie ihre Tochter.

Vor Jeanne stehend ging sie in die Knie, beugte sich zu ihr und küsste sie zärtlich auf die Stirn. Dann streichelte sie ihre tränenüberströmten Wangen und liebkoste ihre tapfere Tochter, das leidende Wesen, das sich vor Schmerzen krümmte. Sie strich ihr beruhigend über den Kopf und sprach tröstende Worte.

„Maman“, keuchte Jeanne vor lauter Erschöpfung. „Maman, was tust du hier nur?“

„Was ich hier tue?“, stellte sie neckisch die Gegenfrage. „Ist das denn nicht schon offensichtlich? Ich bin gekommen, um dich zu retten, mein Kind, was denn sonst!“, sagte Augusta stolz erhobenen Hauptes.

„Und die Menschen hier, die können euch beide sehen?“, fragte Jeanne völlig verstört über die Erkenntnis, dann fuhr sie weiter fort: „Wie ist das möglich… Larvas können doch von Sterblichen nicht gesehen werden?“

„So ist es, mein Kind!“, bestätigte Augusta. „Doch für das heutige Ereignis ist dies von grosser Bedeutung. Die Menschen werden davon zeugen müssen. Es ist eine einmalige Ausnahme, die genauso stattfinden musste, sich aber nie mehr wiederholen darf!“

„Aber Maman, wie hast du gewusst, was hier geschieht und weiss Mons, dass du hier bist?“, fragte Jeanne weiter mit schwacher Stimme.

„Schöpfer Mons hat selbst Custos nach mir geschickt und mich gebeten, umgehend zu dir zu kommen, um dich nach Maga zu holen, weil er dich in grosser Gefahr sah!“, verriet Augusta und reichte Jeanne ihre rechte Hand, als diese ihr entgegen rief: „Maman, sag mir, was mit Maga ist. Sie ist jetzt meinetwegen in Gefahr…“

„…Genug jetzt, Kind“, fiel Augusta ihr sanft ins Wort. „Es ist nicht deine Schuld. Du hast genug gelitten… Und jetzt möchte ich, dass du langsam aufstehst und mir keine Fragen mehr stellst, denn unsere Zeit hier ist, wie du selbst weisst, arg begrenzt!“

Dem Befehl der Mutter folgend, stützte sich Jeanne an ihren Arm und richtete sich langsam auf. Sie taumelte wenige Schritte vorwärts und wie sie dann beinahe völlig kraftlos zusammensackte, half Augusta ihr wieder auf die Beine. Dann ging sie mit ihr gemeinsam Hand in Hand an der Menschenmenge vorbei zu Custos hin.

Die Leute schauten wie benommen dem sonderbaren Schauspiel zu, ohne auch nur ein Wort zu erwähnen. Sie glaubten zu träumen, als sie sahen, wie der Drache sich vor Jeanne, die mit zerrissenen Kleidern, das Gesicht nass von Schweiss und Blut, vor ihm stand, verneigte und mit seiner rauen Stimme sagte: „Salve, Dominam Jeanne. Es ist mir eine Ehre, Euch in Eurem Heim zu begrüssen!“

„Salve Custos, mein Guter!“, erwiderte Jeanne den ehrenvollen Gruss, dann ging sie zu ihm hin und fuhr mit der Hand über seinen schuppigen Hals. „Danke, dass du gekommen bist!“, sagte sie voller Freude.

Als sie dann zu Custos aufsah, traf sie ein Blick voller Mitleid. „Was haben sie Euch nur angetan, Dominam?“, sprach er, dessen Stimme nach grausamer Rache sann.

Jeanne atmete tief durch. Seine finsteren Gedanken waren ihr keineswegs entgangen. So sagte sie, um seinen Zorn zu besänftigen: „Mein Guter, lasse ab von ihnen, denn ihr Herz ist so sehr verhärtet, dass sie den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht mehr erkennen können.“

Er nickte fügsam, allerdings kostete es ihn einige Überwindung. „Ich werde ihnen nichts antun“, sagte er nur knapp und streckte gleich darauf seinen linken Flügel aus, um Jeanne beim Aufsteigen zu helfen, als Fila plötzlich ganz verstört, an ihrem kleinen Körper zitternd, vor ihr stand. „Oh, nein, Kleines“, flüsterte sie und beugte sich zu ihr nach unten. „Was machst du denn nur hier, meine arme kleine Freundin? Ich wollte es unbedingt verhindern, dass du das alles hier siehst.“ Sie nahm sie auf den Arm und stellte sie dann Custos vor: „Das ist meine liebe Gefährtin Fila!“

„Sie ist ein niedliches kleines Wesen“, bemerkte Custos und wie Fila seine tiefe Stimme vernahm, erschrak sie so sehr, dass sie knurrend zusammenzuckte.

Custos lachte herzhaft. „Hab keine Angst, du kleines Ding, ich werde dir nichts tun!“, amüsierte er sich und an Jeanne gewandt, fragte er: „Kann sie denn nichts anderes als knurren?“

„Sie kann noch ganz viel anderes“, antwortete Jeanne lächelnd und ergänzte stolz: „Sie kann mich ganz gut vor Feinden verteidigen, mich trösten, mir Gesellschaft leisten, wenn ich einsam bin, mit mir gemeinsam Wanderungen unternehmen, mich zum Markt oder Friedhof begleiten, dazu ist sie eine gute Zuhörerin… Siehst du, was sie alles kann!“

„Ausgezeichnet“, bestätigte Custos und bot ihr an, sich mit Fila auf seinen Rücken zu setzen. Sie dankte ihm, setzte sich dann auf den ausgestreckten Flügel und sprang mit solch einer Leichtigkeit, endlich in Sicherheit zu sein, wie ein junges Rehlein auf seinen Rücken.

Die Dorfbewohner standen immer noch alle an gleicher Stelle wie zuvor, als ihre ehemalige Schneiderin Clara sich zu Wort meldete. Augusta sah in ihre Gesichter, in denen sie keinen Funken Reue erkannte. So war ihre darauffolgende Rede kurz, hart und befehlerisch.

„Ich muss zugeben, ich bin sehr enttäuscht über eure grausame Tat!“

Ihre beschuldigenden Worte versetzten die Menschen im Hof in grosse Furcht. Und weil sie sich ihrer Schuld bewusst waren, glaubten sie ganz fest an eine Vergeltung des fremden Wesens, das sich als Madame Clara ausgab. So staunten sie nicht wenig, als die Fremde ihre Rede fortsetzte.

„Ich werde keine Rache an euch ausüben, obwohl ihr es mehr als verdient hättet. Ich frage mich nur… wo sind eure feine Manieren geblieben? Eure Augen sind so sehr von den vergänglichen, materiellen Dingen dieser Welt geblendet, dass ihr nicht einmal merkt, wie sehr sich euer Geist nach dem unendlichen, immerwährenden Glück sehnt und es kaum erwarten kann, diese sterblichen Hüllen zu verlassen, um endlich frei für andere Sphären zu sein. Ihr könnt unser Haus vernichten, wenn ihr wollt, doch vergesst dabei nicht: Es ist nur ein Haufen Holz. Keiner von euch hat hier auf Erden eine bleibende Stätte. Keiner kann sein Hab und Gut mit auf die andere Seite nehmen, die geistiger Natur ist. Das alles ist vergänglich. Darum sammelt euch viel lieber die Schätze; die Güte, den Respekt, die Liebe zu seinen Mitmenschen, die Grossmut und Hilfsbereitschaft heissen, denn ihr seid Bürger des Himmels und nur Pilger in dieser sichtbaren Welt…“

Sie hielt kurz inne, sah jeden Einzelnen an und wie sie das alte Dorfweib erkannte und ihre Blicke sich kreuzten, sagte sie: „Nun, ich hoffe sehr, dass ihr eure Denkweise ändert, bevor es zu spät ist. Und jetzt verlange ich nur noch eins von euch: Geht mit meiner Tochter künftig genauso um, wie ihr möchtet, dass man mit euch selbst umgeht; mit Achtung und Wertschätzung und richtet bitte über keinen von euch – dafür ist ein anderer zuständig!“

Diese ihre letzten Worte galten nur der Alten. Weil sie sie aber nicht blossstellen wollte, sprach sie so, als würde ihre kurze, doch überaus lehrreiche und tiefsinnige Rede sie alle betreffen. Es war nicht in ihrem Sinne, die Leute zu verletzen. Das Einzige, das sie wollte, war ihnen den Weg aufzuzeigen, wie sie mit ihren Vorurteilen gegenüber anderen, die nicht dem allgemeinen Bild entsprachen, umgehen sollten.

Mit Bewunderung hörten sich die Leute ihren Tadel und zugleich ihre nützlichen Unterweisungen an und keiner von ihnen, weder Männer noch Frauen, trauten sich der vornehmen Dame zu widersprechen oder sie zu fragen, wie sie von den Toten auferstanden sei, um auf einem Drachen vor ihnen zu erscheinen. Sie deuteten es vielmehr als eine Gotteswarnung, ein Zeichen, das sie unbedingt ernst nehmen mussten und dies auch gewillt waren zu tun. Jeder von ihnen schwor sich, die junge Witwe von nun an in Frieden zu lassen und ihr aus dem Weg zu gehen, denn sie wussten jetzt was sie erwartet, wenn sie es anders halten würden.

Vor Scham über ihr eigenes Elend neigte jeder Einzelne von ihnen sein Haupt zu Boden, als Augusta sich von ihnen wegwandte und zu Custos schritt.

„Wenigstens zeigten sie jetzt aufrichtige Reue“, dachte sie, „wenn sie schon nicht den Mut zum Reden aufbrachten.“

Sie setzte sich hinter Jeanne, während sie ihr stolz zulächelte und erst dann sah sie die Katze in ihren Armen. „Bei Mons, was macht diese Katze denn hier? Du willst sie doch nicht mitnehmen? Du weisst doch, dass das nicht möglich ist…“

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