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Das Imperium Maga

Für Pero

(Das Ende ist erst der Anfang)

Gina Peter

Dieses Buch ist meinen über alles geliebten Kindern, Patrick, Emmanuel, Luca und Stella gewidmet, die es mir ermöglicht haben, meinen Weg zu gehen und mich so lieben wie ich bin. Was ich für sie empfinde, kann man mit Worten nicht beschreiben.

Sowie meinem geliebten Mann Marcel, der meine grosse Stütze und mein Ratgeber in allen Lebensphasen war und ist. Er ist nicht nur mein Lebensgefährte, sondern auch mein bester Freund und die Liebe meines Lebens.

Prolog

Vor vielen Jahren, zur Zeit, als der grosse und mächtige Napoleon III. über das Land herrschte und der Krieg, den die Franzosen mit dem Deutschen Reich führen würden, noch in weiter Ferne war, lag unweit der Grossstadt Orléans, auf einer Hochebene, ein kleiner, idyllischer Weiler, ein von Sagen und Mythen umwobener Ort.

Das Gelände erhob sich an den Hängen eines kleinen Tales, durch das ein schmaler Fluss entlang den braunen Kieselsteinen floss. Kaum betretbare Wege führten zu dem kleinen, verborgenen Dörfchen, in dem an die vierzig niedrigen Backsteinhütten in den Obstgärten verstreut lagen.

Die Bewohner des Dorfes, die von Natur aus Stubenhocker waren, kamen kaum einmal über die Bannmeile hinaus, hinter welcher die Nachbarsdörfer lagen. Und weil die Zufahrtswege zum Dorf in schlechtem Zustand waren und man nur mit Mühe dahin gelangten konnte, schien der kleine, unbekannte Weiler in unzugänglicher Einsamkeit verloren. Wahrlich, es war ein kleines Nest.

Genau da, inmitten der französischen Einöde, im kleinen, versteckten Weiler, wohnte Müller Clémens Bonnet mit seiner Frau Clara, einer schlichten, pflichtbewussten und überaus liebenswerten Person. Wie die meisten Leute im Dorf, so führten auch die Bonnets ein überaus bescheidenes Leben. Sie wohnten in einer einfachen, niedrigen Backsteinhütte mit drei Zimmern. Diese stand abseits des Dorfes und grenzte an einen Teil des Waldes, welcher zum Haus gehörte. Am Rande des Waldes floss ein grösserer Bach, an dem eine Getreidemühle lag. Diese war seit langem im Besitz der Familie Bonnet. Sie verarbeiteten verschiedene Getreidesorten zu Mehl und das Geschäft lief nicht schlecht. Die Einnahmen reichten zumindest für ihre bescheidenen Ansprüche.

Clémens und seine Frau Clara waren im Dorf sehr angesehen. Sie wurden für ihre einfache, liebevolle Art und ihren Eifer sehr geschätzt, denn Clara war nicht nur in der Mühle beschäftigt, sie war auch eine überaus geschickte, flinke Schneiderin. Sie hatte das Nähen von ihrer Mutter erlernt und ihre Nähkünste wurden mit der Zeit im ganzen Dorf und der ganzen Umgebung so bekannt, dass immer mehr Kundschaft zu ihr kam.

Obwohl die beiden sehr glücklich und zufrieden miteinander lebten, sehnten sie sich nach einem Nachkommen. Sie waren sich einig, dass ein Kind ihr Leben noch schöner machen würde.

Eines Tages, als sie die Hoffnung auf einen Nachkommen schon fast aufgegeben hatten, eröffnete Clara ihrem Mann, dass er Grund zur Freude habe, denn sie erwarte ein Kind, welches nach ihrer Berechnung und wenn alles gut ging, im Winter zur Welt kommen werde.

Clémens freute sich sehr über die freudige Botschaft. Er unterstützte Clara wo er nur konnte und verbot ihr die schwere Arbeit in der Mühle. So war sie gezwungen, sich auszuruhen und sich auf die bevorstehende Geburt vorzubereiten.

Die Zeit verstrich und endlich war der langersehnte Augenblick gekommen. In einer frostkalten Winternacht, als die ersten Schneeflocken fielen, ein Schneesturm wild durch die Gegend tobte und man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte, lag Clara in Geburtswehen.

Als nach einer langen, schmerzhaften Geburt ein kleines Mädchen das Licht der Welt erblickte, waren die Eheleute ausser sich vor Freude. Kaum geboren, verzauberte die Kleine schon ihre Eltern samt Hebamme mit ihren grossen, himmelblauen Augen und ihren dunklen Locken. Es war nicht zu übersehen, dass sie einmal eine hübsche Frau sein würde.

Schon einige Tage nach der Geburt wurde das Mädchen in der kleinen Dorfkirche aus dem 17. Jahrhundert mit den schönen Malereien an den Aussen- und Innenwänden auf den Namen Jeanne getauft. Sie trug fortan denselben Namen wie die französische Nationalheldin Jeanne d'Arc, die Jungfrau, wie sie sich selbst genannt hatte, welche England in die Knie zwang. Genauso viel Mut und Stärke wünschten sich die Eltern für ihre kleine Tochter, wenn sie später zu einer jungen Frau herangewachsen sein würde.

Die kleine Jeanne war in ihren ersten Lebensjahren sehr schwach und kränklich. Sie bekam immer wieder Hustenanfälle, die so stark waren, dass sie einige Tage, manchmal auch Wochen brauchte, um sich zu erholen. Weil die Schule in einem anderen Dorf, weit weg von ihrem Haus war und ihr die Kraft zum Gehen fehlte, konnte das Mädchen nicht am Schulunterricht teilnehmen. Sie war gezwungen, zu Hause zu bleiben. Damit sie aber zumindest das Lesen und Schreiben erlernte, kam regelmässig Schwester Bernarda, eine Ordensfrau, die in der Kapelle die Orgel spielte und die Sorgen der Familie sehr gut kannte, vorbei, um die Kleine zu unterrichten.

Weil die Familie am Dorfrand wohnte und das nächste Haus mindestens eine halbe Meile entfernt lag, hatte das Mädchen kaum Spielkameraden, ausgenommen dann, wenn Madame Chollet zu Besuch kam. Denn die wohlhabende Dame, die in einem Schloss im Talgrund wohnte und Clara Nähaufträge stets persönlich gab, brachte fast immer, wenn sie kam, ihren Sohn André mit. Der Junge, der zwei Jahre älter war als Jeanne, hatte kurze, blonde Haare, blaue Augen und eine überaus schüchterne Art, sodass das Mädchen einige Zeit brauchte, André aus seinem Schneckenhaus herauszulocken.

Später, als die beiden sich ein wenig besser kannten und Jeanne das Vertrauen des Jungen gewonnen hatte, spielten sie stundenlang draussen im Wald. Am liebsten hielten sich die beiden in der Burgruine am Ende des Waldweges auf und spielten dort Verstecken.

Die Leute im Dorf erzählten sich eigenartige Geschichten über die Ruine. Sie behaupteten, sie hätten dort Dinge gehört und gesehen, die nicht erklärbar waren – Lichter und Stimmen, die nicht von dieser Welt zu stammen schienen. Solche und noch viele andere Gerüchte rankten sich um den verlassenen Ort. Die Kinder fürchteten sich nicht und hielten die Dorfgerüchte für einen Scherz. Sie spielten weiterhin im Wald und genossen ihre schöne Kinderjahre.

Wie sehr sie auch darauf hoffte und sich dies wünschte, empfing Clara keine Kinder mehr. Die kleine Jeanne blieb ein Einzelkind. Sie half ihren Eltern, wo auch immer sie gebraucht wurde: in der Mühle, in der kleinen Nähecke, die sich Clara in ihrem Schlafraum zurechtgemacht hatte, im Garten und im Wald.

Um heizen zu können, musste einer der drei Familienmitglieder in aller Frühe in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Eines Morgens, als Jeanne wieder einmal an der Reihe war in den Wald zu gehen, hatte sie ein seltsames Erlebnis. Kaum hatte sie den Fuss auf den Waldpfad gesetzt, vernahm sie ein merkwürdiges Geräusch, wie ein leises Knirschen, welches von einem leichten Windstoss begleitet wurde. Sogleich wandte sie sich um, doch ausser Bäumen und Sträuchern sah sie nichts Ungewöhnliches. So ging sie weiter. Als sie etwas tiefer in den Wald kam, vernahm sie einen wunderschönen Gesang, der in ihren Ohren wie eine Zaubermelodie klang. Eine unirdisch zarte Frauenstimme, machte Jeanne neugierig und so hoffte sie, so schnell wie möglich zu erfahren, von wem die weiche, liebliche Stimme stammte.

Jedoch, wie sehr sie sich auch bemühte, herauszufinden, woher der geheimnisvolle Gesang kam, konnte sie niemanden entdecken. Da bekam sie es mit der Angst zu tun und rannte unverrichteter Dinge nach Hause, denn in Eile wie sie war, schaffte sie es nicht mehr, auch nur ein Stück Holz mitzunehmen.

Clara stand in der Küche und bereitete schon fleissig das Mittagessen zu, als sie ihre kleine Tochter auf der Türschwelle erblickte. Das sonst so aufgeweckte Kind wirkte sichtlich verängstigt, als sie ihr entgegenrief: „Maman, Maman!“

Besorgt schaute Clara ihre Tochter an. „Was hast du, Liebes?“, fragte sie, deren Stimme von Unruhe zeugte.

Jeanne holte tief Luft, bevor sie weitersprach. „Im Wald hat jemand ein schönes Lied gesungen. Ich glaube es war eine Frau!“

„Na sowas“, sagte Clara und fragte gleich darauf: „Hast du denn niemanden gesehen?“

„Eben nicht… Ich habe überall nach ihr gesucht, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. Dann bin ich weggelaufen und…, bitte sei mir nicht böse, aber vor lauter Angst habe ich vergessen das Brennholz mitzunehmen!“, berichtete das Mädchen, immer noch ganz aufgebracht.

Obwohl sie angsterfüllt war, machte sie ebenso einen enttäuschten Eindruck. Clara kannte ihr kleines Mädchen. Sie wusste genau, dass Jeanne enttäuscht und verärgert darüber war, dass sie nichts gesehen hatte, selbst wenn sie die Flucht ergriffen hatte. Auch wenn sie zerbrechlich und schwach wirkte, in ihrem Inneren war die Kleine ein überaus neugieriges, furchtloses Wesen.

Sie schloss das zarte, zitternde Mädchen in ihre Arme. „Das macht nichts, Liebes… Wir werden später zusammen welches holen“, flüsterte sie ihr leise ins Ohr und sagte dann um sie zu beruhigen: „Was du im Wald gehört hast, da bin ich mir sicher, waren bestimmt die Stimmen der Dorfbewohner aus den Nachbarsdörfern… Manchmal werden sie eben vom Wind ganz weit weggetragen, sodass man sie ganz deutlich hören kann und meint, sie wären ganz in der Nähe. Doch jetzt denke nicht mehr daran und versprich mir bitte, nicht mehr alleine in den Wald zu gehen!“

Jeanne nickte. „Ja, Maman“, sagte sie fügsam. Doch dann kam ihr ein Gedanke und sie fragte: „Maman, woher sollen wir denn dann das Brennholz nehmen?“

„Lass das meine Sorge sein!“, erwiderte Clara lächelnd, „ich werde André bitten, dich zu begleiten. Er wird mir diese Bitte bestimmt nicht abschlagen.“

So war es dann auch. André willigte ein und begleitete von da an seine Freundin, wann auch immer sie in den Wald musste. Sie verbrachten immer mehr Zeit miteinander und wurden noch unzertrennlicher als zuvor.

Seit sie in Andrés Begleitung war, hatte Jeanne den geheimnisvollen Gesang von damals nie mehr gehört. So sprach sie auch mit niemandem darüber und ihre Maman fragte sie ebenfalls nicht mehr danach. So vergass sie mit der Zeit das seltsame Ereignis.

Die Bonnets lebten weiterhin still und bescheiden in ihren ärmlichen Verhältnissen. Doch dann kam jener Tag, an dem sie die grausame Botschaft traf. Madame Clara erlitt einen Zusammenbruch und konnte ihr Bett nicht mehr verlassen. Von Tag zu Tag wurde sie kränker. Schliesslich sah sich ihr Gatte gezwungen, den Hausarzt zu holen. Nach einer langen Untersuchung stellte der Arzt fest, dass der schmerzhafte und hartnäckige Husten, der Clara seit längerem plagte, sich als unheilbare Krankheit erwies. Als der Arzt Monsieur Clémens geliebter Gattin nur noch wenige Monate zu leben gab, geriet die kleine Familie ins Wanken.

Besonders das Mädchen, das nicht einmal zwölf Jahre alt war, konnte sich das Leben ohne ihre geliebte Mutter nicht vorstellen. Als die arme Frau gegen Ende ihres Lebens nur noch kraftlos und abgemagert im Bett lag, sass die Kleine fast ununterbrochen an ihrer Seite, wachte über sie und weinte bittere Tränen.

An einem warmen Sommerabend, Vater Bonnet war gerade ausser Haus, war die Stunde gekommen, als Clara ihre geliebte Tochter an ihr Krankenbett rief.

„Meine Liebste“, begann sie, als Jeanne sich zu ihr setzte, „ich möchte, dass du weisst, dass du das Beste, Teuerste und Allerschönste bist, das sich in meinem Leben ereignet hat. Ich bitte dich, mein Kind, sei gut zu deinem Vater und eile ihm zur Hilfe, soweit es in deinen Kräften steht. Ich werde auf euch beide herabschauen und vor allem dir, mein Engel, auf allen deinen Wegen ein Begleiter sein. Versprich mir, immer zu allen gut und hilfsbereit zu sein!“

„Oh, Maman“, schrie das Mädchen verzweifelt, „geh nicht von mir, verlasse mich nicht! Ich kann und will nicht ohne dich leben!“ Tränen traten über den Rand ihrer Wimpern, als Clara ihre Hand auf ihre legte. „Mein Liebling, komm näher“, bat sie leise, worauf ihre geschwächte, heisere Stimme für eine Weile versagte. Jeanne schmiegte sich an den abgemagerten Körper ihrer Mutter. Clara umarmte sie und hielt sie solange fest, bis sie sich halbwegs beruhigt hatte.

„Ich möchte dir etwas geben“, flüsterte ihr Clara ins Ohr. Jeanne hob den Kopf und schaute mit verweinten Augen zu ihr auf, die daraufhin mit der Hand zum Kleiderschrank deutete und sagte: „Unten im Schrank ist eine grosse Schachtel, die du aber noch nicht öffnen sollst. Es ist ein Geschenk für dich zu deinem achtzehnten Geburtstag. Erst an diesem Tag darfst du sie öffnen. Versprichst du mir, so lange zu warten?“

Ein Schluchzen zerriss die darauffolgende Stille. Jeannes Tränen fielen auf das Nachthemd der Mutter, ihr zarter Körper zitterte krampfartig und aus ihrem Mund kam nur noch leises Flüstern, als sie sich schliesslich aufraffte und sagte: „Ich danke dir, liebste Maman, und ja, ich verspreche es dir. Ich werde es genauso machen, wie du es wünschst und es hüten wie den grössten Schatz.“

Sie suchte den Blick der Mutter. Vergebens. Die Augen der von schwerem Leiden gezeichneten Frau waren bereits geschlossen. Das Mädchen zuckte erschrocken zusammen und legte die Hand auf Claras Brust. Sie fühlte keinen Herzschlag mehr. Dann legte sie ihr Ohr auf Claras blasse Lippen und stellte fest, dass ihr Atem bereits erloschen war. Es herrschte eine unheimliche Stille im Raum. Nicht einmal das Ticken der Wanduhr war zu hören. Jeannes Tränen waren versiegt, das Herz blutete. Ihre Maman, die sie über alles liebte, war von ihr gegangen.

Ein leichter Windstoss ging durch den Raum, als ob er dem traurigen, hilflosen Mädchen ein Zeichen geben wollte. „Auf Wiedersehen, Maman“, wisperte Jeanne leise, den leblosen Körper ihrer Mutter betrachtend.

Als Vater Bonnet, der Abend war schon angebrochen, heimkehrte, begab er sich sogleich in die Schlafkammer, um nach seiner Frau zu sehen. An der Türschwelle blieb er wie gebannt stehen. Jeanne lag immer noch an der gleichen Stelle wie Stunden zuvor und blickte abwesend nach vorne. Als Clémens seine geliebte Tochter in dieser Verfassung sah, eilte er zu ihr und rief, bereits ahnend was in seiner Abwesenheit geschehen war: „Jeanne, Kind, wie geht es Maman?“

Erst dann fasste sich die Kleine wieder und blickte auf. „Père, Maman ist von uns gegangen!“, schrie das Mädchen und fiel dem Vater um den Hals. Clemens umarmte seine Tochter und hielt ihren zarten, zitternden Körper ganz fest an den seinen. In dieser innigen Umarmung blieben sie eine ganze Weile. Das Mädchen schien sich von ihrem Vater nicht mehr trennen zu wollen, welcher ihr mit den Fingern durch die Haare strich und gleichzeitig den leblosen Körper seiner über alles geliebten Frau betrachtete. Die Tränen, die ihm unentwegt über die vor Kummer ganz blass und mager gewordenen Wangen liefen, fielen wie Regentropfen auf das Haar des Mädchens. „Mein kleiner Engel, wir müssen jetzt ganz stark sein“, tröstete er seine Tochter. Dann fiel er erschöpft auf den Bettrand, setzte Jeanne auf seine Knie und sagte, während er die schon kühle, blutleere Hand seiner verstorbenen Frau liebkoste: „Wir haben jetzt nur noch uns beide und wir müssen immer füreinander da sein, uns gegenseitig trösten und unterstützen. Der liebe Gott wird Clara die Tür zum Paradies öffnen, damit du für immer, solange du lebst, einen Schutzengel hast.“ Er hob Claras blasse Hand hoch und drückte sie ganz fest an seine Lippen.

Das Mädchen, obwohl erst zwölf Jahre alt, begriff, welche Tragödie über ihr Haus hereingebrochen war und umarmte ihren Vater noch fester. Sie blieben noch lange am Bett der Verstorbenen und trösteten sich gegenseitig.

Kapitel I

Die geheimnisvolle Botin

Jeanne sass in ihrem Lehnstuhl neben dem Kamin und strickte eine Weste für ihren Vater. Nach einer Weile legte sie das Strickzeug beiseite, erhob sich und ging zum Fenster. Der Abend war schon angebrochen, dennoch waren draussen die weissen, vom Schnee bedeckten Felder gut erkennbar. Die ganze Natur glänzte in Weiss.

Bilder tauchten in Jeannes Erinnerung auf. Auch damals, in der Nacht ihrer Geburt, war Schnee gefallen. Unzählige Male hatte ihr ihre Maman dieselbe Geschichte von dieser zauberhaften Nacht und der Freude, die sie und ihr Vater damals empfunden hatten, erzählt.

„Morgen ist es wieder soweit“, dachte sie. „Es wird schön sein, nur Maman wird fehlen, wie schon die Jahre zuvor.“

Seit dem Tod der Mutter waren fast sechs Jahre vergangen und das kleine, zerbrechliche Mädchen war zu einer hübschen, jungen Frau herangewachsen. Sie hatte zarte Gesichtszüge, eine schlanke Figur und wunderschöne, lange, ebenholzschwarze Locken, die sie meistens zu einem Zopf geflochten unter ihrem Schutenhut trug. Die junge Frau ahmte ihre Maman nach, indem sie sich ebenfalls an der Kettennähmaschine versuchte. Mit der Zeit gelang es ihr, wunderschöne Kleidungsstücke zu entwerfen und zu nähen. Sie half auch ihrem Vater in der Mühle. Da aber für den Mühlenbetrieb auf Dauer eine Manneskraft unerlässlich schien, war ihr Vater darum besorgt, bald jemanden einzustellen.

Der junge André, Jeannes Freund aus Kindertagen, welchen das Schicksal der Familie sehr getroffen hatte, bot an, Monsieur Bonnet bei der Mehlverarbeitung zu helfen. Da er aber nicht sehr viel vom Mühlenfach verstand, musste Clémens ihm einiges beibringen.

Aus dem kleinen, schüchternen Knaben war ein schöner, kräftiger und grossgewachsener junger Mann geworden. Er verbrachte sehr viel Zeit mit Jeanne. Andrés Mutter war es gar nicht recht, ihn mit der Müllerstochter zu sehen. Zwar schätzte sie das Mädchen sehr und es tat ihr auch leid wegen des Verlusts ihrer Mutter, aber sie sah sie nicht als ihre zukünftige Schwiegertochter an. In ihren Augen war sie seines Sohnes nicht würdig und von Tag zu Tag bereute sie es immer mehr, ihn zu der Familie Bonnet mitgenommen zu haben. Wie hätte sie nur ahnen können, dass sie sich einmal näherkommen würden?

Obwohl André ihr immer wieder zu erklären versuchte, dass seine Gefühle für Jeanne nur freundschaftlich waren und er sie wie eine Schwester liebte und schätzte, konnte er seine Mutter nicht überzeugen. Sie glaubte ganz fest, dass er sie täuschte, weil er genau wusste, wie sehr sie dagegen war. Als sie merkte, dass André immer öfter abwesend war, fast ununterbrochen von der jungen Frau berichtete und am Ende auch noch die Stelle in der Mühle annahm, drohte sie, ihn zu enterben. André aber blieb standhaft und ging weiterhin zu Familie Bonnet.

Auch am Tag vor Jeannes Geburtstag arbeitete er mit Vater Bonnet in der Mühle. Gegen Abend, die Uhr hatte bereits Sieben geschlagen, traten die beiden Männer, von der harten Arbeit erschöpft, durch die Tür in die kleine, warme und gemütliche Stube. Ihre Kleider waren von einer Mischung aus Schnee und Mehl bedeckt.

Jeanne stand am Fenster, tief in Gedanken versunken, als sie die beiden hereinkommen hörte. Sie eilte ihnen entgegen, grüsste sie und griff mit der Hand nach dem schmutzigen Jackett ihres Freundes, als er sie zurückhielt: „Lass nur, sonst wirst du auch noch staubig!“ Er zog es aus und hängte es über die Lehne des Stuhls, auf dem er jeden Abend nach der Arbeit sass und gemeinsam mit Jeanne und ihrem Vater die feinen und mit Liebe zubereiteten Mahlzeiten genoss.

Jeanne ging zu ihrem Vater und gab ihm wie gewöhnlich einen Kuss auf die Wange. Dann nahm sie ihm den schweren, vom Schnee und Regen durchnässten Mantel ab und legte ihn auf die warme Ofenbank.

Clémens scharf geschnittenes Gesicht hatte einen wehmütig sinnenden Ausdruck. Als seine Frau noch gelebt hatte, da hatte er kräftiger gewirkt, doch das stille Leiden mergelte ihn schliesslich derartig aus, dass er sich nun nur noch durch Willenskraft auf den Beinen zu halten schien. Seine fleischlosen, von Äderchen durchzogenen Hände spiegelten deutlich die entsetzliche Hagerkeit des armen, von Verlust und Leiden gezeichneten Körpers. Dennoch hatte sein magerer Körper seinen Gliedern nicht das Geringste von ihrer Geschmeidigkeit und Beweglichkeit genommen. Er nahm seinen breiten, schwarzen Hut ab und fuhr mit seinen hageren Fingern durch das schulterlange, graue, straff zurückgekämmte Haar. Dann liess er sich auf dem Stuhl neben seinem Freund André nieder.

An diesem Abend tischte Jeanne eine Brühe mit Hühnerfleisch, Brot und etwas geräucherter Zunge auf. Dazu servierte sie den roten Wein, den André mitgebracht hatte und stellte Weingläser auf den Tisch. Als alle drei am Tisch sassen, schenkte die junge Frau den Wein ein, worauf Vater Bonnet das Glas erhob.

„Auf euer Wohl, Kinder“, sagte er. Sie hoben die Gläser und nahmen einen Schluck. „Ich hoffe, der Wein schmeckt euch“, sagte André. „Er ist ganz vorzüglich“, lobte Clémens. „Und die Hühnerbrühe, schmeckt sie dir?“, erkundigte er sich. André nickte. „Ja, sie ist ganz ausgezeichnet!“ An seine Tischnachbarin gewandt, sagte er: „Du bist eine hervorragende Köchin, Jeanne!“ Er lobte die junge Frau, worauf diese ihn liebevoll ansah, verlegen die Schultern zuckte und erwiderte: „Danke André. Ich koche gerne für euch beide.“

Zum Nachtisch gab es Kuchen, mit Zwetschgen belegt. Der Abend verlief gemütlich. Sie sprachen über alte Zeiten, als alle noch glücklich und frei von Sorgen waren. Nur Vater Bonnet wirkte in sich gekehrt. Überhaupt schien er an dem weiteren Gespräch nicht mehr richtig teilzunehmen. Er war nachdenklich und sah erschöpft und müde aus. Gleich nachdem er den letzten Schluck Wein getrunken hatte, stand er auf und wandte sich seinem treuen Freund zu: „André, ich muss mich entschuldigen. Ich bin heute etwas erschöpft. Du kannst noch bleiben, wenn du möchtest.“

André schob den Stuhl nach hinten, richtete sich auf und reichte ihm die Hand. „Danke für das hervorragende Abendessen, Monsieur. Ich wünsche ihnen eine gute Nacht… Ich werde mich auch gleich auf den Weg machen. Die Strassen sind eisig und ich muss noch etwas Wichtiges erledigen, bevor ich zu Bett gehe!“

Vater Bonnet wandte sich um und umarmte seine Tochter, die schon vom Tisch aufgestanden war und neben ihm stand. Weil sie ihren Vater heimlich beobachtet hatte und ihr sein geistesabwesendes, nachdenkliches Verhalten aufgefallen war, fragte sie sanft: „Brauchst du noch etwas, Père?“

„Danke Liebes, ich komme schon zurecht“, versicherte Clémens seiner Tochter und begab sich auf sein Zimmer.

Kurz darauf, nachdem sich Monsieur Bonnet in sein Schlafgemach zurückgezogen hatte, stand auch André vom Tisch auf, nahm sein Jackett vom Stuhl und warf es sich über die Schulter. „Nun, liebe Jeanne“, sagte er, „ich möchte dich nicht länger aufhalten. Du hast bestimmt noch einiges zu erledigen!“ Er kam ganz nahe heran, umarmte sie und drückte ihren zarten, zierlichen Körper ganz fest an den seinen. Sie lagen sich in den Armen und hielten sich für einen kurzen Moment ganz fest.

„Es war ein schöner Abend mit dir“, sagte er dann und ging zur Tür. An der Türschwelle hielt er plötzlich inne. „Morgen ist Sonntag und zugleich auch dein Geburtstag. Wenn du keine anderen Pläne hast, würde ich dich gerne zu einem Spaziergang einladen, natürlich nur, wenn du das auch möchtest und es Monsieur Clémens erlaubt.“

Jeannes Gesicht hellte sich auf. Sie strahlte über beide Ohren. Ihr Blick ruhte voller Zärtlichkeit auf ihm. „Gerne, André“, rief sie freudestrahlend, „ich werde Vater gleich morgen früh fragen!“

Er lächelte sie dankbar an. Dann griff er nach ihren Händen und drückte sie ganz fest an seine Lippen. „Ich danke dir“, sagte er leise, trat zur Tür hinaus und verschwand in der Dunkelheit.

Jeanne schloss die Eingangstür und verriegelte sie. Wieder in der Stube, kam ihr der Raum etwas kühler vor. Sie blickte zum Kamin und sah das Feuer nur noch schwach brennen. Rasch räumte sie das Geschirr weg und warf einen flüchtigen Blick auf die alte Kuckucksuhr, die über dem Kamin hing. Verwundert weiteten sich ihre Augen, als sie sah, dass der kleine Uhrzeiger bald die Ziffer Zehn erreichen würde. „So spät schon“, dachte sie laut. Sie konnte es kaum fassen, wie schnell die Zeit verging, wenn sie mit André zusammen war. Im Gedanken immer noch bei ihm, nahm sie den Kerzenständer vom Tisch und ging in ihr Zimmer.

Sie betrat ihre Schlafkammer und stellte den Kerzenständer auf die Kommode. Gleich darauf zog sie ihr Tageskleid aus, schlüpfte in ihr Schlafgewand und legte sich ins Bett. Obwohl sie sehr müde war und einschlafen wollte, konnte sie vor lauter Vorfreude auf den morgigen Spaziergang mit André kaum die Augen schliessen.

In ihre warme, kuschelige Decke eingewickelt, zum Fenster hinüberblickend, betrachtete sie die vielen Schneeflocken, wie sie in der Luft tanzten und ununterbrochen herabfielen. Sie schloss die Augen und versuchte einzuschlafen, als das Antlitz ihrer Maman ganz klar vor ihr erschien. Sogleich öffnete sie die Augen, im Glauben, Clara vor sich zu sehen, doch sie war nicht da. Sie wusste nicht mehr, ob sie geträumt hatte oder sie ihr wirklich erschienen war. In Gedanken bei ihrer Mutter, erinnerte sie sich plötzlich an das letzte Gespräch am Krankenbett. Sie versetzte sich wieder in die Nacht zurück, an die sie sich nicht gerne erinnerte. Die Worte ihrer Maman ertönten leise in ihrem Inneren: „Ich möchte dir etwas geben. Versprich mir bitte, dass du es erst am Tag deines achtzehnten Geburtstags öffnest!“

Und plötzlich hatte sie das Bedürfnis nach dem versprochenen Geschenk zu sehen, welches sie in ihrem Zimmer aufbewahrte. Irgendwann hatte Clémens die Schachtel, die bis dahin in seinem Schlafzimmer gestanden hatte, auf Jeannes ausdrücklichen Wunsch hin in ihre Kammer gebracht und in ihren Kleiderschrank gelegt. Der Gedanke daran liess sie nicht mehr los. So stand sie auf und ging zum Schrank. Ganz vorsichtig öffnete sie die beiden Türen und mit zittrigen Händen hob sie die Schachtel heraus, die sie zwar schon unzählige Male angesehen, sich aber nicht einmal getraut hatte, zu berühren.

Sie setzte sich auf den Boden vor die Schachtel und überlegte, ob sie sie öffnen sollte. Dann erinnerte sie sich erneut an ihr Versprechen, das sie der Mutter am Sterbebett gegeben hatte. Je länger sie so da sass und die Schachtel betrachtete, umso mehr packte sie die Neugier, was wohl darin sein mochte. Ohne weiter nachzudenken, hob sie den Deckel hoch.

Sie blickte hinein und jubelte beinahe laut vor Freude. Ein wunderschönes Kleid war zu sehen, sodass sie nicht anders konnte, als es herauszunehmen. Sie hielt das zauberhafte Stück aus Taft mit dem schwarz-violetten Muster, das eigens für sie geschneidert worden war, an ihren Körper. Der Kragen sowie die Ärmelenden waren von Hand angefertigt und mit weissen Rüschen und Spitzen verziert. Ohne lange nachzudenken, legte sie sogleich ihr Schlafgewand ab und zog das wunderschöne Kleid an, das ihr fast bis an die Fersen reichte.

Fertig angezogen, warf sie einen Blick in den Spiegel und erschrak, denn sie sah darin eine wunderschöne Frau, anmutig, ja geradezu elegant. Es fehlten nur noch die schönen, eleganten Schuhe und sie wäre vollständig gekleidet. Hätte man nicht gewusst, dass sie eine arme, einfache Müllerstochter war, hätte man sie leicht für eine adelige, junge Mademoiselle halten können.

Die junge Frau betrachtete sich noch lange im Spiegel. Auf einmal wurde sie sehr, sehr müde. Sie vermochte nicht mehr das schöne Kleid auszuziehen und fiel leicht wie eine Feder auf das Bett. Bevor sie noch weiterdenken konnte, schlief sie ganz tief ein.

Kurz darauf, im selben Augenblick, als die kleine Kapellenglocke Mitternacht schlug, fiel ein Funken wie ein Sonnenstrahl durch das Fenster ins Zimmer. Sogleich erhellte sich der ganze Raum, in dem das Mädchen immer noch ganz tief schlief. Es wurde so hell, dass man meinte, der Morgen wäre schon angebrochen. Wie aus dem Nichts erklang eine Stimme: „Jeanne, Jeanne!“, ertönte es im sonst so stillen, kleinen Raum. Das Rufen des unsichtbaren Wesens hörte sich wie der Klang einer Geige an.

Das Mädchen rührte sich nicht. Nur ihre leisen Atemzüge, wenn sie langsam und nichtsahnend ein und ausatmete, waren zu hören. Die Stimme ertönte von neuem, diesmal aber um einiges lauter. Jetzt schien das Mädchen etwas gehört zu haben und wandte sich um. Da sie sich nur noch im Halbschlaf befand, vom Licht und durch das stets wiederkehrende, laute Rufen gestört, begann sie, sich hin und her zu wälzen. Sie spürte eine leichte Berührung an ihrer Hand und erschrocken schlug sie die Augen auf. In der kleinen Kammer war es so hell, dass sie dachte, es wäre schon Morgen und der Vater hätte sie gerufen.

„Du gütiger Himmel“, sprach sie laut und richtete sich auf, bereit zum Aufstehen. „Es ist schon Morgen und mir ist, als wäre ich soeben eingeschlafen“, murmelte sie weiter und stand schon mit beiden Füssen am Boden, als sie einen Blick zum Fenster warf und die Dunkelheit, die draussen immer noch herrschte, erblickte. Das Fensterglas war mit einem Netz von Eiskristallen überzogen. Kraftlos sank sie wieder auf das Bett zurück. Es fröstelte sie und um sich aufzuwärmen, kuschelte sie sich in ihre weiche, flauschige Wolldecke, immer noch in ihrem wunderschönen Rüschenkleid. Nachdenklich verzog sie das Gesicht. „Merkwürdig“, wisperte sie vor sich hin, „draussen ist es dunkel und im Zimmer hell, das muss auf jeden Fall eine Täuschung sein.“

Sie kniff sich ganz fest am Unterarm, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Als sie den Schmerz spürte, bestand kein Zweifel mehr daran, dass sie wach war. Je länger sie so dalag und nach draussen spähte, umso unruhiger wurde sie. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus.

Schweissgebadet und mit zittrigen Knien stand sie vom Bett auf und begab sich zur Tür. Die Unwissenheit, was da wirklich vor sich ging, und die Neugier wegen der seltsamen Dinge, die sie gerade erlebte, konnte sie nicht mehr länger ertragen. Sie war sich mittlerweile bewusst, dass etwas Übernatürliches im Raum war und ihr niemand einen Streich spielte, wie sie ganz zu Beginn geglaubt hatte und es insgeheim noch hoffte.

Sie war gerade im Begriff, die Türklinke anzufassen, als ihr durch das Fensterglas hindurch ein grelles Licht, das aber weit entfernt zu sein schien und sie magisch anzog, auffiel. Um herauszufinden, was das war, näherte sie sich langsam dem Fenster. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie in die Dunkelheit. In der Ferne sah sie etwas Rundes, Helles. Mit ihrer Stupsnase kam sie ganz dicht an das Fensterglas heran und schaute nach draussen. Die merkwürdige Lichtquelle glich einer leuchtenden Kugel, welche mit unzähligen Lichtstrahlen umgeben zu sein schien. Sie hing in der Luft am Rande des Waldes und glich einer grossen Feuerstelle.

„Hm, was kann das wohl sein?“, überlegte Jeanne laut und im nächsten Augenblick vernahm sie eine wunderschöne Frauenstimme, die zu singen begann und ihr plötzlich bekannt vorkam. Die leise Melodie und das Lied, deren Inhalt sie, so sehr sie sich auch bemühte, nicht zu verstehen vermochte, erinnerte Jeanne an den Morgen, an dem sie als kleines Mädchen im Wald das Brennholz sammeln ging. Die Stimme klang genauso geheimnisvoll und wunderschön wie damals. Die junge Frau war sich nicht ganz sicher, ob die zauberhafte Stimme in einer anderen Sprache sang oder einfach viel zu weit entfernt war, um sie zu verstehen. Sie kam aus der Richtung, in der sie die merkwürdige Lichtquelle sehen konnte.

Jetzt packte sie die Angst und sie begann, laut nach ihrem Vater zu rufen: „Pè…,“ ihre Stimme versagte, bevor sie zu Ende sprechen konnte. Es fühlte sich an, als würde eine höhere Macht sie aufhalten wollen. Sie versuchte es noch einmal, doch es kam kein Laut mehr aus ihr heraus. Nur noch lautes Röcheln war zu hören und so gab sie weitere Versuche auf.

Irgendetwas merkwürdiges war im Raum zu spüren, doch sie konnte nichts sehen. Nur ein eigenartiger Duft, so wie der eines Weihrauchstäbchens, lag in der Luft. Ihre Maman hatte solche immer auf dem Dorfmarkt gekauft und am Heiligabend angezündet. Noch bevor sie weiterdenken konnte, hörte sie plötzlich eine zarte, liebliche Stimme eines weiblichen Wesens, das offenbar nicht von dieser Welt stammte, denn sie war für ihre menschlichen Augen unsichtbar. „Jeanne“, hörte sie die Unsichtbare leise durch den hellen Raum rufen und wandte sich um. Als sie dann erneut die Berührung an ihrem Arm spürte, dieselbe die sie aus dem Schlaf riess, blieb sie vor Schreck in der Mitte des Raumes stehen.

Plötzlich konnte sie keinen Schritt mehr, weder nach vorne noch nach hinten, tun.

„Wer sind Sie, warum kann ich Sie nicht sehen?“, fragte Jeanne aufgebracht und voller Furcht um sich blickend. „Sie machen mir Angst!“ Sie zitterte am ganzen Körper, als sich die liebliche Stimme erneut meldete. „Mademoiselle Jeanne, fürchtet Euch nicht vor mir. Seid versichert, ich werde Euch nichts tun“, sagte sie, woraufhin Jeannes rasend schnelle Atmung etwas langsamer wurde.

„Ich bitte um Verzeihung, Euch aus dem Schlaf gerissen zu haben. Es war nicht meine Absicht, Euch zu erschrecken“, entschuldigte sich die Fremde höflich. „Mein Name ist Legata. Ich komme im Auftrag meiner Herrin Adela. Seine Hoheit, der mächtige Mons, der höchste Herr und der Schöpfer unseres Reiches, hat angeordnet, nach Euch zu schicken. Er bittet um eine Unterredung unter vier Augen!“

„Welche Unterredung Madame, und warum mit mir?“, fragte Jeanne verwundert. „Seid Ihr Euch gewiss, dass es um mich geht, und nicht um eine andere?“, fragte sie weiter.

Erst als sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, fiel ihr auf, dass sie die Fremde in gleicher Form der Höflichkeit angeredet hatte, wie diese es zutun pflegte. Obwohl sie die überaus höfliche Aussprache kaum kannte und die unter den einfachen Bauersleuten nie gebraucht wurde, machte es ihr keine Mühe. Es gefiel ihr und sie genoss es in vollen Zügen.

„Mademoiselle, habt keinen Zweifel. Seine königliche Hoheit täuscht sich nie“, sagte Legata in einer so selbstsicheren Art, dass das Mädchen gar nicht anders konnte, als ihr zu glauben und zu vertrauen. „Was jedoch die Unterredung mit dem Schöpfer betrifft“, sprach sie weiter, „kann ich Euch, selbst wenn ich es wollte, nichts verraten, denn Geschöpfen in unserem Reich ist es nicht erlaubt, sich in die Angelegenheiten des Königs einzumischen. Einzig und allein meine Herrin Adela, welche ein besonderes Privileg bei unserem Schöpfer geniesst, ist über das Vorhaben seiner Hoheit in Kenntnis gesetzt“, sagte Legata.

Als sie die geheimnisvollen Worte der Unsichtbaren vernahm, kribbelte es in ihr so sehr, dass sie plötzlich die Neugier packte. „Madame, täusche ich mich oder seid Ihr ein Geist?“, fragte sie etwas zurückhaltend.

„Mademoiselle, Ihr täuscht Euch nicht. Ich bin wahrhaft ein geisterhaftes Wesen, welches für die Sterblichen nicht sichtbar ist“, begann Legata vorsichtig, weil sie nicht wusste, wie das Menschenkind ihr Geständnis aufnehmen würde. „Durch das Eingreifen seiner Hoheit und mit einer übernatürlichen Kraft, die nur wir besitzen, war es mir möglich, in die Welt der Sterblichen zu gelangen. Ich möchte Euch bitten, zu begreifen, dass ich Euch nicht mehr verraten darf. Wenn Ihr der Einladung des Schöpfers folgt, werdet Ihr alle Antworten auf Eure Fragen bekommen. Seine Majestät wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr seiner Einladung in das verborgene Reich folgen würdet. Er will Euch in seinem Palast empfangen!“

Jeanne dachte eine Weile über die Worte Legatas nach, als diese sie erneut unterbrach: „Mademoiselle Jeanne, es ist Euer freier Wille. Ihr seid nicht gezwungen, mitzukommen. Allerdings solltet Ihr wissen, dass dies eine grosse Ehre und ein Privileg für Euch bedeutet!“

„Ach Madame“, seufzte Jeanne, „es ist nicht so, dass ich nicht gehen möchte… Ich würde Euch so gerne in Eure Welt folgen, doch heute ist mein Geburtstag. Wisst Ihr…,meine Mutter ist vor einigen Jahren verstorben. Ich lebe mit meinem Vater alleine in diesem Haus. Er wäre untröstlich, wenn er in der Früh feststellt, dass ich nicht mehr hier bin. Ich kann und darf ihm dies nicht antun. Er würde vor Kummer sterben“, gestand sie traurig.

„Der Verlust, den Ihr erlitten habt, tut mir unendlich leid. Ich begreife Eure Sorge“, tröstete sie Legata. „Wenn jedoch dies allein Euch hindert zu gehen, könnt Ihr beruhigt sein. Ihr werdet noch vor Morgendämmerung wieder heil zu Hause sein und Euren Vater wie jeden Morgen in Eurer Stube begrüssen können!“, versprach die Geheimnisvolle und hoffte damit, das traurige und tief in Gedanken versunkene Mädchen aufzuheitern.

Jeanne war hin und hergerissen. Sie war sich nicht sicher, ob sie der Unbekannten trauen sollte. Sie konnte der geheimnisvollen Dame ja nicht einmal in die Augen schauen, um herauszufinden, ob sie die Wahrheit sprach. Nach langem Schweigen sagte sie schliesslich: „In Ordnung, Madame, ich werde mitkommen. Es gehört sich nicht die Einladung des Königs abzuschlagen!“

Als sie die weisen Worte des Mädchens vernahm, vermochte Legata kaum ihr Glück zu fassen. „Mademoiselle“, rief sie beinahe jubelnd, „ich danke Euch! Kommt, wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Jeanne stand bereits an der Türschwelle ihrer Kammer, als ihr auf einmal ein Gedanke kam. Sie fürchtete sich, ihr wiederum eine Frage zu stellen und ihr damit lästig zu fallen. Dennoch drängte ihre Neugier sie und so fragte sie: „Könnt Ihr mir etwas über Eure Welt erzählen? Wie sieht es da aus?“

„Das werdet Ihr gleich selbst erfahren, denn die verborgene, geistige Welt kann man nicht mit Worten beschreiben. Das müsst Ihr schon mit Euren eigenen Augen sehen und erleben!“, antwortete Legata.

Das Mädchen machte eine traurige Miene, denn sie hatte gehofft, zumindest eine Kleinigkeit über die geheimnisvolle Welt zu erfahren. Der Fremden war gleich aufgefallen, dass das Menschenkind sehr unglücklich und enttäuscht über ihre Aussage war. Um sie wieder aufzuheitern, sagte sie: „Mademoiselle, etwas kann ich Euch doch verraten, ohne die Gebote seiner Hoheit zu brechen.“ Augenblicklich erhellte sich das Gesicht des Mädchens und sie hörte der Dame aufmerksam zu, als diese zu erzählen begann: „Das verborgene Reich der geisterhaften Wesen, die Larvas genannt werden, ist in verschiedene Völker unterteilt. Jedes Volk hat einen eigenen Herrscher. Ich gehöre zum Volk in Hortus, welches unsere Herrin Adela regiert. Der Herr über alle Völker ist Seine Hoheit Mons. Er hat unsere Welt erschaffen, mit allem, was darin lebt und ist.“

„Ich danke Euch, Madame“, sagte Jeanne. Sie warf ihre dicke Strickjacke über die Schultern und war bereits im Begriff die Tür aufzuschliessen, als Legata sie aufhielt: „Ihr werdet das schwere Gewand in meiner Welt nicht brauchen. Es wird Euch nur im Wege sein und Euch am Gehen hindern. Kommt so, wie Ihr gerade angezogen seid. Mehr wird nicht nötig sein. Folgt meiner Stimme!“, riet sie ihr und in gleichem Augenblick öffnete sich die Tür von selbst.

Jeanne staunte nicht wenig und obwohl sie sich fragte, wie und was gerade geschehen war, wollte sie die Geheimnisvolle nicht mehr mit ihren Fragen belästigen. Stattdessen zog sie rasch ihre warme Strickjacke aus, trat in den Flur hinaus und lauschte einen Augenblick. Als sie die Totenstille im Haus vernahm, schritt sie leise über den Flur und öffnete dann vorsichtig die Tür zur Stube. Ganz langsam trat sie in den kleinen, bereits kühlen Raum und warf einen flüchtigen Blick auf ein Familienportrait, das in der kleinen Stube rechts vom Esstisch an der Wand hing.

Inmitten des dunklen, gemütlichen Zimmers stehend und die zwei, ihr wichtigsten und liebsten Menschen betrachtend, überkam sie plötzlich leise Trauer. Wenn die Stimme der Dame sie nicht unterbrochen hätte, wäre sie bestimmt noch lange dagestanden und hätte vergessen, ihr weiter zu folgen. „Mademoiselle, verzeiht, wir müssen uns beeilen!“, sagte Legata leise. „Der Eingang zu meiner Welt wird sich gleich schliessen!“ Widerwillig raffte sich das Mädchen auf, ging an die Eingangstüre und öffnete sie. Sie trat in die dunkle Nacht hinaus und folgte der Stimme. Sie ging vorbei an ihrem tief verschneiten Garten, durch die zauberhaft weisse Landschaft in Richtung des Waldes.

Am Waldweg angekommen fiel ihr erst auf, dass sie barfuss ist. In Eile wie sie war, hatte sie vergessen ihre Schuhe anzuziehen. Sie blieb stehen und wollte der Dame ihre Ungeschicktheit mitteilen, als sie dann merkte, dass ihr die eisige Kälte nichts ausmachte. Sie erinnerte sich plötzlich an Legatas Worte, die sie aufgefordert hatte, ihre dicke Jacke daheim zu lassen. „Vielleicht war dies der Grund für die Unempfindlichkeit“, dachte sie und um zu erfahren ob sie Recht hatte, fragte sie: „Madame, ich spüre überhaupt keine Kälte an den Füssen! Wisst Ihr warum es so ist?“

„Solange wie Ihr Euch in meiner Nähe aufhaltet, werdet Ihr nicht frieren!“, war Legatas Begründung. Obwohl sie neugierig darauf war zu erfahren weshalb es so war und sich über die eigenartige Aussage wunderte, stellte sie der Unbekannten keine weiteren Fragen.

Die zarte, die bis vor Kurzem laut klingende Stimme, schien unruhiger und unverständlicher zu werden, je tiefer sie in den Wald hineinging. „Beeilt Euch, Jeanne!“, forderte Legata sie auf, deren Stimme allmählich immer leiser wurde.

Bei Nacht und Schnee rannte Jeanne so schnell wie die Beine sie nur tragen konnten, über die spitzen Steine des Weges. Immer wieder blieb sie stehen, um durchzuatmen und gleich danach weiterzueilen. Als sie erneut stehenblieb, schaute sie um sich und erblickte am Waldesrand, nur einige Schritte entfernt, die helle Lichtung, dieselbe, die sie aus ihrem Zimmer durch das Fensterglas sah. Es sah aus, als hätte jemand in der Mitte der Sonne ein Loch gegraben, denn die Strahlen, die um die helle Öffnung leuchteten, waren so stark und so mächtig, dass sie kaum hinsehen konnte.

Erneut hörte sie von der ihr schon bekannten Stimme ihren Namen rufen. Sie war nur noch ganz leise zu vernehmen. „Tretet ein, Mademoiselle.“ So eilte Jeanne zu der strahlenden Öffnung, die in der Luft zu hängen schien und trat, die Hand vor den Augen haltend hinein.

Kapitel II

Die Ankunft

Jeanne war von einer Lichtkette mit unzähligen kleinen und grösseren glänzenden Sternen umgeben. Eine Menge winzig kleiner leuchtender Bällchen, die wie Schneeflocken aussahen, flogen an ihr vorbei. Es kam ihr vor, als habe sie in der Mitte einer Theaterbühne die Hauptrolle übernommen und die verschieden aussehenden, von Glanz umgebenen Leuchtkörper, ihr einen Begrüssungstanz vorführen und sie bei ihrem Auftritt begleiten würden. Sie kam nicht mehr aus dem Staunen über das Lichterspiel heraus und konnte kaum fassen, was sie gerade sah und erlebte.

Hätte sie nicht eine ungeheuer mächtige Kraft nach vorne getrieben, wäre sie in der Verfassung, in der sie gerade war, noch ewig lange geblieben und hätte Zeit und Raum ganz vergessen. Eine unsichtbare Hand zog sie vorwärts, durch einen langen, leuchtenden Tunnel. Die geheimnisvollen Lichter wurden immer kleiner und entschwanden allmählich aus ihrem Blickfeld.

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