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Das Horst Bieber Krimi-Paket: Fünf Thriller in einem Band

Horst Bieber

Das Horst Bieber Krimi-Paket: Fünf Thriller in einem Band

Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

VERLORENE SICHERHEIT

Der Unternehmer Uwe Lenzer wird ermordet in seinem Wagen aufgefunden. Ausgerechnet Nicole Jansen, ein bekanntes Model ist die Letzte, in deren Begleitung der Firmenchef noch lebend gesehen wurde. So berichten es jedenfalls die Geschäftspartner des Unternehmers.

Obwohl das Model behauptet niemals mit dem skrupellosen Geschäftsmann ausgegangen zu sein, zieht sich die Schlinge um ihren Hals immer enger zusammen.

Haftbefehl wird erlassen.

Nur der Anwalt des Models ist von der Unschuld seiner Mandantin überzeugt und engagiert den Privatdetektiv Rolf Kramer die Wahrheit herauszufinden.

Auch Deutschland hat seinen eigenen urbanen Großstadtdschungel. Und die Menschen, die nur um die Ecke wohnen, sind manchmal Scharlatane und Angeber, vom Leben Gezeichnete, Gewinner und Verlierer. Auf jeden Fall bleibt immer wieder jemand „auf der Strecke“.

Horst Bieber, mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneter Autor, legt hier seinen ersten neuen Roman VERLORENE SICHERHEIT vor.


Personen:

Nicole Jansen: ein international erfolgreiches Model, das seinen Vater hasst und seine Mutter

vermisst.

Uwe Lenzer: Unternehmer, Schürzenjäger und Nicoles Nachbar, wird tot aufgefunden.

Arno Osterkamp: Lenzers Partner in der Firma Hohbarg Druckmaschinen KG, möchte ihn aus

mehreren Gründen gerne loswerden.

Tamara Schmitz: Lenzers Sekretärin, wird verprügelt, weil sie die Wahrheit sagt.

Jap de Cheulen: lebt auf Mallorca, treibt Schulden ein

Rolf Kramer: Privatdetektiv, liebt attraktive Frauen, klassische Musik, Weißweinschorle und

verzwickte Fälle, wenn nur das Honorar stimmt.

Dr. Christian Bülow: Rechtsanwalt mit einem großen Herzen für Privatdetektive und schöne Mandantinnen.

Anja Belitz: mit Künstlername die weiße Hexe Jana zaubert und bezaubert, was einen

grausamen Tod nicht verhindert.


Alle Namen und Personen, Orte und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.


1.Teil

Ihr Auftritt war ein voller Erfolg gewesen, das Publikum hatte minutenlang geklatscht und rhythmisch "Zugabe, Zugabe" verlangt, die Jana auch bieten konnte. Nach ihrer Vorstellung unterhielt sie sich angeregt mit dem Weißhaarigen, dessen Firmenjubiläum von einem großen Kreis gut gelaunter Männer und Frauen in dunklen Anzügen und festlichen Kleidern gefeiert wurde. Nur Uwe Lenzer, Jans Begleiter, stand in der Ecke und schnitt finstere Grimassen.

Der Jubilar hatte Jana eingeladen, noch zu bleiben und bei der Plünderung des Büffets zu helfen. Sie hatte höflich abgelehnt, hauptsächlich, weil sie da schon Lenzers Gesicht bemerkt hatte; er wollte endlich gehen. Der Weißhaarige hatte geschmunzelt. "Das ist nicht die volle Wahrheit. Sie müssen nur auf Ihre Kleidergröße von dreiunddreißigeinhalb achten!"

Sie blinzelte ihm zu: "Verstehen Sie denn was von Konfektionsgrößen?"

"Das will ich meinen, meine Firma baut seit Jahren Textil-Zuschneidemaschinen."

"Dann bedanke ich mich für das Kompliment. Wegen meines nächsten Arbeitskostüms komme ich dann zu Ihnen."

Sie lächelten sich zu, und er bettelte: "Bitte! Tun sie mir doch einen Gefallen."

"Welchen Gefallen meinen Sie?"

"Liebe schöne Zauberin, die Organisatorin dieses Festes hat mir verraten, dass Sie noch einen verblüffenden Trick beherrschen, den Sie heute nicht vorgeführt haben. Würden Sie mir bitte einmal Ihre Schreibkünste zeigen?"

Sie zögerte: "Na schön, ausnahmsweise zum Jubiläum. Dann schreibe Sie bitte auf ein Blatt Papier in Ihrer unverstellten Handschrift einen x-beliebigen Satz mit mehr als vier Wörtern."

Nach kurzer Bedenkzeit kritzelte er mit seinem Füllhalter: "Ich liebe trotz meines Alters alle schönen Hexen, wenn sie mich bezaubern."

Sie studierte ein paar Minuten die zwölf Wörter, nahm dann das Blatt und schrieb flüssig darunter: "Mein Geständnis, ich liebe alle Hexen, möchte ich gerne modifizieren. Es müssen nette Hexen sein, die nur an meinem Geburtstag oder zu einem Jubiläum erscheinen."

Dann gab sie dem Weißhaarigen das Blatt, der nach einem Blick laut ausrief: "Das ist ja unglaublich."

"Was ist los, Walter?"

Eine weißhaarige Frau und ein jüngerer Mann drängten sich heran und nahmen ihm das Blatt aus der Hand. Die Frau keuchte: "Das ist nicht wahr." Der jüngere Mann sagte laut: "Vater, das ist doch deine Handschrift."

"Nein, sie hat es geschrieben, bestimmt, ich habe daneben gestanden. Und als Vorlage hatte sie nur den dummen Satz, den ich oben auf das Blatt geschmiert habe.

"Jana, die schöne weiße Hexe, nahm das Blatt und zerriss es in Fetzen, die sie in einen Papierkorb warf. Dann ging sie zu Lenzer, der sie böse anfunkelte.

"Du wolltest doch diesen Kujauschen Trick nicht mehr vorführen."

"Er hat mich sehr nett darum gebeten."

"Der hat dir doch die ganze Zeit nur auf den Busen gestarrt", zischte Lenzer sie an, und Jana lachte. "Ich weiß. Erstens stört es mich nicht, zweitens sollen die Leute, wenn ich zaubere, ruhig auf meine Figur schauen und dafür nicht auf meine Hände achten und drittens hat du es nicht anders gemacht, wenn ich dich daran erinnern darf."

"Musst du immer so durchsichtige Klamotten und kaum was drunter tragen?"

"Auf der Bühne, ja."

"Das gefällt mir nicht."

"Lieber Uwe, was dir gefällt oder nicht, lässt mich ziemlich kalt. Ich habe mich schon durchgeschlagen, bevor ich dich kennen gelernt habe und ich werde es auch weiter auf meine Art tun. Da redet mir niemand rein."

Sein Gesicht verzerrte sich hässlich vor Wut, Widerspruch vertrug er schlecht. Und in ihrem Zorn ließ Jana sich dazu hinreißen, doch mehr zu sagen, als sie sich vorgenommen hatte. "Hör mal, Uwe, wir müssen wohl etwas klarstellen: Wenn du glaubst, du könntest mich auf der Insel da einsperren und wie deinen Hund herumkommandieren, bist du gewaltig schief gewickelt. Ich weiß zwar nicht, was du mit deinem famosen Bruder planst; ich will es auch gar nicht wissen."

Sie wusste nur, dass Uwe Lenzer auf Bitten seines Bruders Bodo viel Bargeld zusammengerafft hatte, das er mit auf die Insel nehmen wollte; außerdem vermutete sie nach einigen Bemerkungen Uwes, dass Bodo Lenzer so geldgierig wie leichtsinnig sich mit der Insel-Mafia eingelassen oder angelegt hatte, die auf Mallorca unter den Touristen Tabletten und synthetische Drogen vertrieb. "Aber erstens kenne ich die Insel, zweitens habe ich dort einheimische und einflussreiche Freunde, die mir jederzeit helfen werden, und drittens spreche ich, anders als du, Katalanisch und Spanisch, kann mich also auf Mallorca frei bewegen. Ich bin ein unabhängiger Mensch und ich bleibe es. Kapiert?"

"Was soll das, Jana?"

"Jana heiße ich auf der Bühne, privat im bin und bleibe ich Anja. Stören dich meine deutlichen Worte?"

"Ja, sie stören mich."

"Dann, denke ich, brauchen wir jetzt unbedingt eine Art Beziehungspause. Du weisst ja, wo ich wohne, und du hast meine Telefonnummer. Rufe mich erst wieder an, wenn du bereit bist, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, verstanden?"

Sie raffte ihr knöchellanges weißes Schleiergewand zusammen und ging in ihre Garderobe, ohne ihn weiter zu beachten. Wenn sie mit langen, energischen Schritten lief, schwang ihr hüftlanger, goldblonder Haarschopf, den sie mit einem bunten Seidentuch zusammengebunden hatte, wie ein Uhrpendel regelmäßig hin und her.

Die Auseinandersetzung hatte schon lange in der Luft gelegen. Sie mochte ihn, sie war bereit, für ihn viel aufzugeben, was sie sich mühsam aufgebaut hatte, aber sie vertrug es nicht, wenn man sie herumkommandieren wollte.

Lenzer sah ihr beunruhigt nach. So hatten sie nicht geplant, und deshalb nahm er sein Handy heraus und suchte sich eine ruhige Ecke, um seinen Bruder Bodo auf Mallorca anzurufen.

Die junge Frau kam eilig in das Zimmer gehuscht und flüsterte Oberkommissar Achim Horn etwas zu. Alle schauten unwillkürlich zu ihnen hin. Der schmale Raum, nur mit einem wackeligen Tisch und zwei altersschwachen Stühlen möbliert, war düster und unangenehm kühl.

Ein heftiger Regenguss prasselte gegen das Fenster und ließ alle Anwesenden frösteln. Schnee hatte es im Winter kaum gegeben, aber dafür Regen satt, der auch jetzt im April anzudauern schien.

Horn reckte sich: "So, wir sind so weit. Meine Kollegin Schell wird Sie einzeln abholen. Schauen Sie sich die Frauen auf der Bühne genau an, und wenn Sie jemanden wieder erkennen, nennen Sie mir bitte die Nummer. Anschließend müssen Sie in einem anderen Raum noch einmal warten, bis Sie das Protokoll unterschreiben können."

Ein leiser Seufzer klang auf. Immer wieder warten!

"Kommen Sie, Herr Dr. Bülow."

Auch Bülow hätte am liebsten geseufzt. Oberkommissar Achim Horn war drahtig und klein und ersetzte die fehlenden Zentimeter durch stramme Haltung und forsche Unfreundlichkeit. Im Präsidium war er als scharfer Hund verschrien, hinter seinem Rücken wurde er Bello Horn genannt. Bülow hatte mehr als einmal vor Gericht die Klingen mit ihm gekreuzt und wusste, dass Bello Horn ihm jede einzelne Niederlage auf ewig nachtrug. Aber heute benahm sich Horn, als triumphiere er heimlich. Selbst die Aufforderung klang halb energisch und halb unverschämt.

Auf der anderen Seite des Flurs war ein lang gestrecktes Zimmer für Identifizierungsparaden hergerichtet. An einer Längsseite gab es ein niedriges Podest, von mehreren Strahlern so ausgeleuchtet, dass der Rest des Raumes im Halbdunkel lag. Als sie eintraten, stellten sich schon sieben Frauen unter den Nummernschildern auf, die von der Decke herabhingen.

"Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber sechs junge große Blondinen im Präsidium aufzutreiben, war um diese Zeit nicht so einfach."

Nach einer Bedenkpause nickte Bülow knapp. Bello Horn ging auf Nummer Sicher, er hatte tatsächlich sechs Polizistinnen zusammengebracht, die alle groß und schlank waren und helle lange

Haare hatten, die sie offen oder in einem Zopf trugen. Alle waren mit Jeans und T-Shirt bekleidet, wie Bülows Mandantin Nicole Jansen, die unter der Nummer Drei stand und verzweifelt in das Halbdunkel starrte, als bete sie darum, dass jemand sie aus diesem Alptraum aufwecke und erlöse.

"Keine Bedenken, Herr Horn", murmelte der Anwalt.

"Gut, dann können wir anfangen." Er drückte auf eine Taste der Gegensprechanlage. "Esther, Herrn Schöne bitte."

"Okay", quäkte das Gerät. Eine halbe Minute danach öffnete Esther Schell die Tür und begleitete Dieter Schöne herein, der sich unbehaglich umsah.

"Lassen Sie sich Zeit", sagte Horn laut, und Bülow wusste, dass die Aufforderung zur Hälfte an seine Bülows Adresse gerichtet war.

Dieter Schöne, 44 Jahre alt, gelernter Betriebswirt, Mitinhaber der Firma Hohbarg Druckmaschinen GmbH. Mittelgroß und nicht sehr kräftig, mit einem rundlichen, sympathischen Gesicht. Ein ruhiger, besonnener Mann, der im Moment bedrückt und sorgenvoll aussah. In seiner Haut fühlte er sich sichtlich nicht wohl, und Bülow überlegte, dass Schöne vor Gericht einen gefährlichen Zeugen abgeben würde, gerade weil er wegen seiner pedantischen Korrektheit sehr glaubwürdig wirkte. Während er an den Frauen vorbei stakste und ihnen ins Gesicht und auf den Körper schaute, krümmte er sich vor Verlegenheit und richtete sich erst wieder auf, als er zu Horn und Bülow trat und einen letzten Blick auf die sieben unbeweglichen Frauen warf.

"Nun, Herr Schöne, befindet sich Chérie unter den Frauen?"

"Ja." Er musste sich räuspern. "Nummer Drei."

"Kein Zweifel?"

"Nein." Er schüttelte den Kopf, und Horn schoss Bülow einen triumphierenden Blick zu.

"Fein. Dann warten Sie bitte im Nebenzimmer." Er deutete auf die andere Tür, und Schöne ging rasch fort.

"Esther, Frau Schöne bitte." Er hatte auf den Knopf gedrückt, als sei ihm nun der Jackpot sicher.

Doris Schöne, 42 Jahre alt, drei oder vier Zentimeter kleiner als ihr Mann. Eine zierliche Frau mit einem runden Koboldgesicht und weißblonden Haaren, die Ponyfrisur bedeckte ihre Stirn und erinnerte an einen eng anliegenden Helm. Ein hübsches Gesicht, was man freilich nur bei einem zweiten Blick entdeckte. Die riesige Brille stand ihr nicht. Als wolle sie sich vor jedermann und sich selber verbergen, nur nicht auffallen, dachte Bülow. Sie schien merkwürdig unsicher, vielleicht, weil sie sich selbst für unansehnlich hielt, und versteckte sich in einem viel zu weiten Kleid. Als Zeugin musste er sie nicht fürchten, drei, vier Fangfragen, und sie verhedderte sich in ihrer Nervosität total. Auch Horn runzelte die Stirn, als sie vor jeder Frau lange stehen blieb und den Kopf in den Nacken legte.

Verlegen zog sie die Schultern hoch, als Horn sie endlich heranwinkte.

"Nun, Frau Schöne, haben Sie jemanden erkannt?"

"Ich weiß nicht", antwortete sie mit dünner Stimme. "Ich bin mir nicht völlig sicher."

"Das macht nichts", tröstete Horn, und Bülow ärgerte sich einen Moment über diese Scheinheiligkeit.

"Es könnte Nummer Drei sein, aber ich Sie wissen doch, am Samstag hatte ich keine Brille, und ohne Brille also, ich meine, es ist Nummer Drei ..."

"Aber ganz sicher sind Sie nicht?"

"Nein", gestand sie und rieb vor Verlegenheit die Handflächen an ihrem Kleid.

"Alles in Ordnung, Frau Schöne. Warten Sie jetzt bitte nebenan bei Ihrem Mann?"

Als nächster stürmte Arno Osterkamp herein. 43 Jahre alt, Diplom-Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau, ebenfalls Mitinhaber der Hohbarg Druckmaschinen GmbH, ein großer, energischer und lebhafter Mann, der leicht sehr laut wurde und auftrat, als könne er auch handgreiflich werden. In dem Zimmer auf der anderen Seite des Flures hatte Bülow ihn unauffällig beobachtet. Bei ungeduldigen Männern im Zeugenstand empfahl sich Vorsicht, und Osterkamp platzte vor Tatendrang. Ganz anders als sein Kompagnon Schöne. Wenn Osterkamp sich vor Gericht beherrschte, beeindruckte er bestimmt die Richterbank, und bei einem Mann seiner Intelligenz durfte der Verteidiger nicht damit rechnen, ihn in Wut zu versetzen.

Osterkamp zögerte nicht, für Sekunden verharrte er vor Nummer Drei, schaute sich die restlichen Frauen nur flüchtig an und marschierte auf Horn und Bülow zu.

"Nummer Drei", trompetete er. "Nummer Drei ist Chérie."

"Kein Zweifel möglich?"

"Keiner."

"Danke, dann warten Sie bitte ..." Osterkamp war schon unterwegs. Die letzte Zeugin war Jutta Osterkamp, 41 Jahre alt, eine humorvolle, patente Frau, mit lockigen, kastanienbraunen Haaren, die in Größe und Beweglichkeit zu ihrem Mann passte. Als sie nebenan herumstanden, war Bülow aufgefallen, dass sie ihr ungeduldiges Ehegespons problemlos zu bändigen verstand; sie ließ sich von niemandem herumschubsen, auch von ihrem Mann nicht, und er versuchte es auch nicht mehr. Wahrscheinlich führten sie eine abwechslungsreiche Ehe mit Blitz, Donner, Sturm und Hagelschlag, aber eben auch mit viel Sonnenschein.

Auch Jutta Osterkamp brauchte nicht lange. "Lassen sie sich ruhig Zeit, Frau Osterkamp", mahnte Horn scheinbar besorgt.

"Nicht nötig. Nummer Drei", sagte sie entschieden.

"Nummer Drei ist Chérie? Kein Zweifel, Frau Osterkamp?"

"Nein. Keiner." Sie hatte eine helle Stimme, mit der sie sich mühelos gegen jeden Lärm durchsetzte.

"Danke, würden Sie bitte nebenan noch einen Moment warten?"

Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, trat Horn vor.

"Vielen Dank, Kolleginnen, wird sind fertig."

"Endlich. Gottseidank. Es wurde aber auch Zeit."

Die Frauen drängten schwatzend und schimpfend durch eine kleine Tür von der Bühne, zwei uniformierte Polizistinnen waren hereingekommen und blieben neben Nicole Jansen stehen, die sich immer noch nicht rührte. Horn erklärte scharf: "Ich muss Ihre Mandantin vorläufig festnehmen, Herr Dr. Bülow."

Bülow schaute ihn nachdenklich an. Drei sichere, eine etwas zweifelhafte Identifizierung, nein, Horn genoss aus Gründen, die Bülow nicht kannte, seinen Erfolg und er würde dem Kriminalbeamten den Triumph nicht gönnen, sich auf eine lange Diskussion einzulassen, die er mit Sicherheit verlor.

"Ich möchte mich gern mit meiner Mandantin unter vier Augen unterhalten."

"Kein Problem." Esther Schell war hereingekommen und streckte die Hand zu Nicole Jansen aus, die aus ihrer Erstarrung aufwachte und von der Bühne herunter stolperte. Dabei blinzelte sie verwirrt, als habe sie noch nie im Scheinwerferlicht gestanden.

Im Besprechungszimmer brannte nur eine schwache Birne, das kleine Fenster hoch unter der Decke war geklappt, der Regen rauschte gleichmäßig. Irgendwo lief eine Regenrinne über, das Wasser

klatschte und pladderte in heftigen Güssen auf ein flaches Dach.

Bülow wartete, ob Nicole sich fassen würde. Ihr bleiches Gesicht hatte jeden Ausdruck verloren, Strähnen ihrer langen Haare fielen ihr ins Gesicht und sekundenlang schien sie sogar ihren Anwalt nicht zu erkennen.

Einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag war sie in seine Kanzlei gekommen und hatte als Erstes gefragt: "Vertreten Sie meinen Vater?"

Er war aufgestanden und musterte sie, mehr erstaunt als aufgebracht. Für eine Frau war sie groß, sehr schlank, mit einem eigenwilligen Gesicht, das wie er bald lernte alles ausdrücken konnte, Zorn und Demut, Sanftheit und Härte, Liebe und Hass. Anders als viele ihrer Kolleginnen war sie nicht mager oder spindeldürr, sondern hatte eine wohlproportionierte Figur.

"Warum wollen Sie das wissen?", erkundigte er sich endlich gelassen. "Wie heißt denn Ihr Vater?"

"Ludwig Jansen. Mein Vater ist mein Feind. Wenn Sie für ihn arbeiten, gehe ich sofort."

„Ein Ludwig Jansen gehört nicht zu meinen Mandanten", lächelte er.

Sie hatte sich als Nicole Jansen angemeldet, mit einer Adresse in Lausanne, und sich am Telefon geweigert, einen Grund für den Termin zu nennen. An Selbstbewusstsein fehlte es ihr nicht, aber ihr

Auftreten und ihr äußeres täuschten, wie er bald bemerkte, sie benahm sich oft noch wie ein Kind. Natürlich hatte Bülow Kleid, Handtasche und Schmuck taxiert, ohne Zweifel besaß sie Geld und wusste wohl, dass man sich vieles kaufen konnte, auch Menschen, wenn man Hilfe brauchte; aber sie verblüffte ihn doch, als sie sich setzte und kühl erklärte, sie werde das Internat in Lausanne verlassen und als Model arbeiten. Bis gestern habe es der Vater verboten und darauf bestanden, dass sie ihr Abitur mache, diese Sklavenzeit sei nun vorbei, und deshalb brauche sie einen Anwalt ihres Vertrauens.

"Nicole!"

Mühsam hob sie den Kopf und strich die Haare zurück.

"Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie."

Sie zuckte zusammen, und Bülow betrachtete sie besorgt. Schon heute Mittag, als er im Präsidium eintraf, wo Bello Horn ungeduldig hin- und hertigerte, hatte er registriert, dass es ihr schwer fiel, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Mit einem Teil ihrer Gedanken war sie sehr weit weg und deshalb schien sie gar nicht zu begreifen, was mit ihr geschah. Bülow vertraute ihrem Wort, dass sie weder trank noch Rauschgift nahm noch irgendwelche Tabletten schluckte, aber alle ihre Reaktionen erfolgten so verzögert, als stecke sie fest in dicker Watte. Worte, Fragen, Vorwürfe erreichten sie kaum, auf Bello Horn wirkte sie sicherlich arrogant oder hochnäsig, wenn sie glatt durch ihn hindurchschaute und schwieg.

Bülow kannte sie besser und hatte Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Das war nicht die Mandantin, die er schätzte und vertrat.

"Drei Zeugen haben Sie ohne jeden Zweifel als Chérie identifiziert."

Endlich kehrte Leben in ihre Augen zurück, und er sah, dass sie Angst bekam.

"Oberkommissar Achim Horn wird Sie vorläufig festnehmen und morgen einen Haftbefehl beantragen."

"Haftbefehl ...? Aber ich habe diesen diesen Lenzer nicht erschossen. Ich habe ihn nicht zu dieser Familie wie hießen sie noch? zu diesen Osterkamps begleitet."

"Vier Zeugen behaupten das Gegenteil."

"Die irren sich. Die müssen mich verwechseln."

"Vielleicht", antwortete er bedrückt.

"Ganz sicher, Herr Bülow. Natürlich habe ich diesen Lenzer gekannt, schließlich wohnte er ja auf derselben Etage, aber ich bin dem Stinktier immer aus dem Weg gegangen und habe mich nie von ihm einladen lassen, und am Samstagabend habe ich geschlafen, das habe ich der Polizei doch schon erzählt."

Er nickte und wich ihrem Blick aus. Vor der Kamera oder auf dem Laufsteg besaß sie viele Gesichter, süß und naiv, kühl und hochmütig, abweisend und unerreichbar, sie verkörperte die patente Frau von nebenan, die intellektuelle Freundin oder die verruchte Liebhaberin, doch hinter allen Fassaden und Gesichtern verbarg sich eine junge Frau, die nur perfekt in verschiedene Rollen schlüpfte und mit sich selbst noch lange nicht im Reinen war.

"Die Kripo glaubt Ihnen nicht, Nicole."

"Aber warum denn nicht?" Es erstaunte sie wirklich, sie log doch nie, und wenn sie die Wahrheit nicht sagen oder nicht antworten wollte, schwieg sie einfach. Mehr als einmal hatte Bülow gebohrt, weil er herausfinden wollte, warum sie ihren Vater als Feind bezeichnete, doch sie hatte ihn nur direkt angeschaut und nichts erwidert. Man musste sie schon gut kennen, um es nicht als bewusst provozierende Unhöflichkeit auszulegen, und Bello Horn scherte sich schon immer einen Dreck um die Psyche seiner Verdächtigten.

"Nicole, gegen drei Zeugenaussagen kann ich im Moment nichts tun. Oberkommisar Horn ist überzeugt, dass Sie es waren."

"Er kann mich nicht leiden. Ein selten dummer Mensch, nachtragend und kleinkariert", platzte sie zornig heraus. "Ist Ihnen aufgefallen, dass er sich immer reckt, als müsse er unbedingt größer erscheinen?"

"Ja. Kennen Sie eine Frau, der Ihnen so ähnlich sieht, dass man sie bei flüchtigem Hinsehen mit Ihnen verwechseln kann?"

Sie überlegte eine Weile, bevor sie, wieder mutlos, den Kopf schüttelte: "Nein."

"Haben Sie Oberkommissar Horn gesagt, dass Sie ihn für dumm halten? Haben Sie auf seine Größe angespielt? Hat es zwischen Ihnen, als ich noch nicht im Präsidium war, eine Auseinandersetzung gegeben oder einen heftigen Wortwechsel?"

"Nein, bestimmt nicht. Fragen Sie dieses Frau Schell, die war fast die ganze Zeit mit im Zimmer. Mir ist nur aufgefallen, dass er immer so tat, als würde er mich schon lange kennen. Aber ich bin ihm nie zuvor begegnet. Und mit wem man mich verwechseln könnte, weiß ich nicht."

"Ich werde mich darum kümmern. Aber Sie müssen heute Nacht leider hier bleiben, im Moment kann ich nichts für Sie tun."

"Sie verteidigen mich doch, Herr Bülow?"

"Natürlich, aber so weit ist es noch lange nicht." Unwillkürlich lächelte er. "Ich muss jetzt gehen. Morgen früh besuche ich Sie … nein, ich lasse Sie nicht allein. Brauchen Sie noch etwas aus Ihrer Wohnung?"

Sie zuckte die Achseln. "Etwas für morgen zum Anziehen, ja, aber dieser Horn hat mir die Schlüssel abgenommen."

"Ich sehe ihn gleich noch. Nicole, wen soll ich benachrichtigen?"

"Wieso benachrichtigen? Wovon?"

"Dass Sie hier festgehalten werden."

"Niemand", sagte sie ehrlich erstaunt. "Oder doch würden Sie bitte in der Agentur Bescheid geben?"

"Was ist mit Ihrem Vater?"

"Nein." Ihr Gesicht versteinerte zu einer Maske wütender Ablehnung. "Auf keinen Fall."

"Ihre Tante Merle weiß Bescheid?"

"Ja. Sie hat mich heute vom Flughafen abgeholt und war dabei, als die Polizisten mich vor meiner Wohnung erwartet haben. Sie war ziemlich erschrocken und hat mir versprochen, Sie sofort anzurufen und diesen Rolf Kramer zu alarmieren."

Merle Brandenbusch, die unverheiratete Schwester von Nicoles verstorbener Mutter Hilke, war eine sehr energische und beruflich erfolgreiche Frau, mit der sich Nicole gut verstand.

"Ja, ich war leider in einer langen Verhandlung und hatte mein Handy abgeschaltet. Ihre Tante hat mich erst erreicht, als Sie schon mit Kommissar Horn gesprochen hatten. Und was ist mit Ihrem Onkel Eduard?"

"Der widerliche Schleimer kann mir auch nicht helfen. Der braucht selber Hilfe, um heil über eine Straße zu gehen. Außerdem würde er sofort meinen Vater anrufen." Sie verachtete den Bruder ihres Vaters, das hatte sie Bülow schon einmal erzählt, aber die Gründe für ihre Abneigung verschwiegen.

"Na ja, eine Nacht werde ich hier drin wohl überstehen."

Horn lächelte dünn, als Bülow Nicoles letzte Sätze wiederholte. In diesem Punkt würde die junge Dame wohl ihr blaues Wunder erleben, was er ihr zu gönnen schien, aber darauf sollte Bülow selber kommen, mit dem Anwalt standen noch einige Rechnungen offen, und gegen dreieinhalb Identifizierungen einwandfreie und korrekte Identifizierungen, wie Bülow bestätigte sollte er erst einmal anstinken. Bülow wunderte sich, dass Horn so heftig wurde. Nein, diesmal bewegte sich die Kripo auf der sicheren Seite. Bülow stutzte bei dem Ausdruck "diesmal", aber verspürte keine Lust, mit Bello Horn ein längeres Gespräch anzufangen. Der Oberkommissar hatte die Hände gefaltet und glänzte vor Selbstzufriedenheit. Diesmal? Gab es da ein früheres Mal? Auch Nicole war aufgefallen, dass Bello so getan hatte, als kenne er sie schon.

"Ein Motiv für die Tötung haben Sie auch nicht vorgetragen."

"Noch nicht", pflichtete Horn höflich bei. "Wir sind schließlich erst seit heute Mittag dran."

"Können Sie mir denn schon sagen, ob Sie etwas in der Lenzer-Wohnung gefunden haben, was ihn mit meiner Mandantin in Verbindung bringt?"

"Noch nicht, Herr Dr. Bülow. Spusi und KTU sind noch nicht fertig."

"Was vergleichen Sie denn?"

"Wir haben in Lenzers Wohnung lange blonde Haare gefunden. Außerdem im Bad jede Menge Fingerabdrücke und so ein Papierchen mit Lippenstiftspuren, wissen Sie, wenn sich Frauen die Lippen zu reichlich angemalt haben, beißen sie darauf. Und im Wäschekorb gebrauchte Bettwäsche mit Spuren von Sperma und Vaginalsekret."

"Nicole Jansen ist nie in der Lenzer-Wohnung gewesen.

"Behauptet Ihre Mandantin. Morgen früh weiß ich, ob ich ihr das Gegenteil nachweisen kann."

"Müssen Sie sie unbedingt einbuchten?"

"Sie spricht Englisch und Französisch, sie fliegt oft und viel, sie besitzt gültige Kreditkarten, nein, da ist mir zu viel Fluchtgefahr angehäuft."

Der Kaffee schmeckte scheußlich, dünn und wässrig, Bülow hasste Pappbecher, aber das gefärbte Wasser wärmte wenigstens. Der Regen hatte etwas nachgelassen, und bei einem anderen Kriminalbeamten hätte Bülow offen gezeigt, dass er müde war.

"Wie steht's mit der Waffe, Herr Horn?"

"Die suchen wir noch am Niedenstein."

"Die Todeszeit steht noch nicht fest?"

"Genau erst nach der Obduktion. Im Moment meint unser Arzt, Lenzer müsse am vergangenen Samstag zwischen 21 und 23 Uhr gestorben sein."

"Ein schlechter Aprilscherz."

"Wie bitte?"

"Samstag war der 1. April."

"Ach so, ja, richtig."

"Lenzer und Chérie haben das Haus Osterkamp zusammen um 21 Uhr verlassen?"

"21 Uhr 00 oder 21 Uhr 05. Ja."

"Wie lange fährt man vom Haus Osterkamp bis zum Niedenstein?"

"Zwanzig bis dreißig Minuten."

"So lange?"

"Es hat am Samstag in Strömen gegossen. Im Wald standen alle Wege unter Wasser. Da konnte man nur langsam fahren."

Mehr fiel Bülow im Moment nicht ein, er zerknüllte den Becher und warf ihn zielsicher in den Papierkorb. "Ich fahre dann mal in Nicoles Wohnung. Sie braucht ein paar Sachen für die Nacht und für morgen."

"Selbstverständlich." Horn verzog keine Miene. "Meine Leute haben vor zehn Minuten angerufen, eine gute halbe Stunde brauchten sie noch."

Im Auto rieb Bülow seinen steifen Nacken und döste dann vor sich hin. Jetzt nieselte es nur noch, die Scheiben beschlugen im Nu. Dass Bello Horn ihn regelrecht hasste, wusste Bülow, und deshalb hatte er sich auf kein längeres Gespräch eingelassen. Ob er den Forschen mit seiner äußerlichen Ruhe beeindruckt oder gar verunsichert hatte, wagte er nicht zu beurteilen. Merle Brandenbusch hatte ihn mit ihrem Anruf regelrecht überrumpelt, und als er im Präsidium erschien, strahlte Horn schon triumphierend über alle Backen. So sicher war er seiner Sache bereits, dass er Bülow anbot, ihm das Tonband mit Nicoles Aussagen vorzuspielen, entweder sofort oder nach seinem Gespräch mit der versteinerten Nicole. Es wäre Bülow lieber gewesen, Nicole hätte zuerst mit ihm gesprochen, bevor sie überhaupt etwas aussagte, aber das war nun nicht mehr zu ändern, das Kind lag im Brunnen, weil sie freiwillig berichtet hatte, dass sie für die Tatzeit am vergangenen Samstagabend zwischen 21 und 23 Uhr kein Alibi besaß.

No use crying over spilt milk, hatte Bülows Vater ihm eingeschärft. Du holst besser sofort eine hungrige Katze, die sie aufleckt. Das musste Gina erledigen. Sie ging auch sofort ans Telefon.

Die Brentanostraße lag im Südosten der Stadt, in einem der besseren Viertel mit ruhigen, breiten, baumbestandenen Wohnstraßen ohne Durchgangsverkehr. Die Häuser besaßen tiefe Vorgärten und noch größere Gärten auf der Rückseite. Wer hier wohnte, zahlte viel Miete und durfte auf seriöse Nachbarn rechnen. Skandale waren so unerwünscht wie Hausierer und Autowaschen auf der Straße. Das Buckelsteinpflaster glänzte nass, und als Bülow bremste, spürte er, dass die Reifen rutschten. An den Gullys gluckerte es laut.

Vor dem dreistöckigen Haus Nummer 26 parkten zwei unauffällige Kastentransporter. Er winkte dem einen Fahrer flüchtig zu und ging rasch zum Eingang. Nicole Jansen wohnte im ersten Stock links, er kannte die Wohnung, weil sie ihn zur Besichtigung mitgeschleift hatte.

"Ich will sie kaufen, aber ich möchte nicht über's Ohr gehauen werden." Plötzlich kicherte sie wie ein Backfisch. "Außerdem glaubt mir der Eigentümer nicht, dass ich so viel Geld habe."

Das war dem guten Mann nicht zu verargen; in verwaschenen Jeans und kurzem Hemdchen mit geflickten Löchern sah Nicole keinen Tag älter aus als vierzehn, und welche Vierzehnjährige konnte fast eine dreiviertel Million für eine riesige Eigentumswohnung hinblättern?

Der Eigentümer lächelte sehr süßsauer, von Nicole wohl beeindruckt, aber auch um sein Geld besorgt, und entspannte sich erst, als Bülow ihn unbewegt fragte, ob er die Summe sofort in bar haben möchte oder mit einer Überweisung auf ein Notar-Anderkonto einverstanden sei.

Später hatte er sie getadelt: "Nicole, was wollen Sie mit diesem Palast? Für eine einzelne Person ist sie doch viel zu groß, und Sie sind dauernd auf Achse." Außerdem verstand er nicht, warum sie sich hier niederließ und nicht in Hamburg, München oder Düsseldorf, wo es Agenturen en masse gab, Fotografen, Modehäuser, Produzenten und Auftraggeber. Mit ihrem Vater, der hier in der Stadt wohnte und eine Firma für Elektroteile besaß, wünschte sie keinen Kontakt, und ebenso wenig mit ihrem Onkel Eduard, den sie als Schmierlappen hoch drei bezeichnete. Nur mit ihrer Tante Merle traf sie sich häufiger, aber Bülow hatte nie den Eindruck gewonnen, dass sie ihre Tante Merle Brandenbusch, die ledige Schwester ihrer verstorbenen Mutter, tief und innig liebte. Vor allem schien Nicole ihrer Tante Merle zu verübeln, dass die sich seit Jahren regelmäßig am Wochenende mit dem "feindlichen" Vater zum Essen traf. Die recht spröde Nicole kannte viele Menschen und hatte nur wenige Freunde.

Sie hatte nur fröhlich gelächelt und nicht geantwortet. Daran musste man sich gewöhnen. Unhöflich war es nur gemeint, wenn sie schwieg und an ihrem Gegenüber demonstrativ vorbeischaute.

Der Polizist vor der Wohnungstür erkannte ihn: "Herr Dr. Bülow, natürlich. Frau März ist noch drin."

"Danke."

Von den sechs großen Zimmern waren nur drei halbwegs eingerichtet, die Mitarbeiter der Kriminaltechnik hatten bereits die wenigen Schränke durchsucht und räumten nun zusammen. Auf dem Esstisch hatten sie aufgestapelt, was sie mitnehmen wollten, und Gina März verglich die Teile mit einer Liste. Die große Brünette saß auf der anderen Seite und betrachtete sie geduldig, Steiniger hieß sie doch, genau, Petra Steiniger. Hauptmeisterin, wenn er sich richtig erinnerte. Sie war eine auffällige, schöne Frau.

"Hallo, Chef." Gina schnaufte, und er winkte der Polizistin zu.

"Guten Abend, Frau Steiniger."

"Guten Abend, Herr Dr. Bülow."

Das große Esszimmer war leer bis auf den Tisch mit acht unbequemen Stühlen und einem Sideboard, keine Bilder, keine Teppiche, und vor den Fenstern mit Reißzwecken befestigte Gazetücher. Als ob sie gestern eingezogen wäre, eine Studentin ohne Geld. Die anderen Zimmer sahen nicht viel besser aus, Nicole wollte es so, und eine Erklärung oder gar Rechtfertigung gab sie nicht.

"Nicole braucht etwas für die Nacht und für morgen früh, Gina."

"Schon eingepackt. Wir sind gleich fertig."

Er nahm ihr die Liste ab und überflog die zwei Blätter. In erster Linie Fotografien, dazu ein paar Briefe und Kontoauszüge. Ein dickes, in braunes Leder gebundenes Adressbuch, ein Terminkalender, ein Drehgestell für alphabetisch eingeordnete Visitenkarten. Ein Jeansanzug, zwei T-Shirts mit Aufdrucken: "Hate is Hell and Hell is Hate" und "Faith is Hope and Hope is Faith", ein Paar braune Lederschnürschuhe, eine braune Lederhandtasche mit einem langen, breiten Schulterriemen.

"Okay, Frau Steiniger." Gina faltete die Blätter zusammen und steckte sie in ihre Handtasche. Neben ihr auf dem Boden stand eine kleine Reisetasche.

Für alle Fälle machte Bülow einen Kontrollgang durch die Wohnung.

Im Bad hatte die Spurensicherung gewaltig zugeschlagen, überall weiße und auch schwarze Puderflecken hinterlassen, doch im Schlafzimmer waren die Schränke tadellos eingeräumt. Die vier Männer in weißen Overalls grüßten höflich und packten ihre Gerätekoffer.

"Wir können gehen."

Vor der Wohnungstür unterzeichnete er die Quittung für die Schlüssel, bevor die Wohnungstür versiegelt wurde. Von den Nachbarn war nichts zu hören und nichts zu sehen. Die Tür auf der anderen Seite des Vorraums war ebenfalls versiegelt. Als unten die Haustür ins Schloss fiel, murmelte Gina: "Chef, ein Scheißspiel."

"Das dürfen Sie ruhig laut sagen."

"Und was machen wir jetzt?"

"Sie bringen bitte die Tasche ins Präsidium zu Nicole, ich muss noch mit Wehling sprechen."

"Der wird im Kreuz springen."

"Wahrscheinlich." Wieder rieb er seinen Nacken, weil er die stechenden Kopfschmerzen heraufziehen spürte.

Herbert Wehling wartete noch in der Agentur. Bülow hatte ihn häufiger getroffen, weil Nicole ihrem Anwalt alle Verträge vorlegte und er mit dem Inhaber der Model-Agentur lange und zäh über Konditionen und Honorare gefeilscht hatte. Freunde waren sie darüber nicht geworden, aber seitdem respektierten sie einander, und der dicke, immer etwas verwahrlost aussehende Wehling akzeptierte, dass dieser schweigsame, verschlossene Rechtsanwalt so etwas wie eine väterliche Verantwortung für das beste Pferd im Stalle Wehling entwickelt hatte, so wie Wehling alles daransetzte, seine Entdeckung optimal zu vermarkten. In den vier Jahren nach dem Internat hatte

Nicole eine steile, atemberaubende Karriere gemacht und Summen verdient, bei denen es selbst Bülow manchmal schwindelte. Sie nahm es gelassen hin, Geld interessierte sie nicht sonderlich, und bis auf die Summe für die Wohnung hatte sie alles gespart oder vorteilhaft angelegt; dass sie mit 22 Jahren bereits eine reiche Frau war und für ihr Leben ausgesorgt hatte, berührte sie nicht. Vieles perlte an ihr ab.

"Sie sehen aus, als könnten Sie einen Cognac gebrauchen."

"Ja, kann ich."

Sie waren allein in der kleinen Agentur. Wehling goss reichlich ein, seine Hände zitterten, als er seinen Schwenker hob: "Auf Ihre Fähigkeiten, Herr Bülow."

"Hoffentlich reichen sie aus."

"Was meinen Sie damit?"

"Der Oberkommissar wird morgen einen Haftbefehl beantragen. Und höchstwahrscheinlich bekommen."

"Das ist nicht Ihr Ernst!"

"Doch."

"Herr Bülow, das geht nicht, Nicole hat Termine, und zwar eine Menge wichtiger Termine im In- wie im Ausland. Sie müssen sie raushauen."

"Das verspreche ich lieber nicht. Kann ich nicht zusagen."

Wehling knetete seine Hände und zwang sich zur Ruhe: "Herr Bülow, wenn Nicole jetzt ausfällt, heißt das klipp und klar aus, vorbei, Ende einer verheißungsvollen Karriere."

"Darauf nimmt Madame Justitia keine Rücksicht."

"Aber sie nimmt Kautionen an oder?"

"Manchmal, ja, aber hier geht es um Mord."

Weil er Wehlings entsetztes Gesicht sah, fügte Bülow seufzend hinzu: "Und was nutzt Ihnen eine Nicole auf freiem Fuß, wenn zu den Auflagen gehört, dass sie nicht verreisen darf und ihren Pass abgeben muss?"

"Können Sie da gar nichts machen?"

"Ich will's natürlich versuchen, aber bei Flucht- und Verdunkelungsgefahr ..." Er brachte den Satz nicht zu Ende, und wie auf Kommando griffen sie beide zu ihren Gläsern. Ob Horn ahnte, welchen Schaden er Nicole zufügte, wenn er seinen Haftbefehl bekam?

Der Anwalt unterschätzte die Intelligenz seines Gegners so wenig wie seine Rachsucht.

Durch Nicole hatte Bülow viel von diesem eigenartigen Geschäft gelernt. Nach außen wurden Träume modelliert und verkauft, hinter den Kulissen flossen Schweiß und viele echte Tränen, diktierten knallharte Kalkulationen Ton und Tempo. In der Presse mochten sich die Models als kapriziöse, verwöhnte und umschwärmte Weibchen darstellen, im Studio zählten Pünktlichkeit, Ausdauer und Zuverlässigkeit. Nicole hatte eine phantastische Figur und ein Gesicht, das man nicht vergaß, wenn sie wollte, dass man sich an sie erinnerte, aber darüber verfügten andere Mädchen auch, und einige besaßen sogar jenes undefinierbare Flair, das aus attraktiven Frauen echte Schönheiten macht, "dauerhafte und waschfeste Schönheiten mit Sex-Appeal", wie Wehling lästerte. Doch ohne Disziplin und eisernen Willen ging es nicht, und ausgerechnet die schweigsame, verschlossene Nicole brachte beides in einem Maße mit, dass alle Fotografen und Agenturen gerne mit ihr arbeiteten. In zwei Jahren, so schätzte Wehling, hätte sie es bis ganz nach oben geschafft, und dort könnte sie sich, anders als viele, auch halten. Sie war intelligent und klug genug, den Mund zu halten, wenn sie von einer Sache nichts verstand, und dank ihrer scheinbar schwermütigen Unnahbarkeit war sie bis jetzt von Skandälchen und Klatsch verschont geblieben. Bis jetzt ...

"Wer ist oder war dieser Lenzer eigentlich?"

"Nach allem, was ich bisher weiß, ein halbseidener und rücksichtsloser Schürzenjäger. Aber in diesem Metier wohl sehr erfolgreich, seine Frau hat sich vor zweieinhalb Jahren von ihm scheiden lassen."

"Womit hat er denn das nötige Kleingeld für sein Hobby verdient?"

"Als Drittel-Teilhaber in einer Firma für Spezialdruckmaschinen, der Hohbarg Druckmaschinen GmbH."

"Hat Nicole ihn gekannt?"

"Ja, leider. Lenzer besaß eine Eigentumswohnung auf demselben Stockwerk wie Nicole. Sie mochte ihn nicht leiden, nannte ihn immer das Stinktier, weil er sie jedes Mal mit Blicken auszog, wenn sie sich im Haus oder im Aufzug begegneten. Er hat wohl nie versucht, sie einzuladen oder mit ihr auszugehen."

Wehling deutete auf die Cognacflasche, doch Bülow schüttelte den Kopf. "Lieber nicht, ich muss noch Auto fahren. Unter uns Wermut-Brüdern: Wie viel Kaution würden Sie denn stellen? Sie hat eine Menge eigenes Geld, aber das meiste liegt fest."

"Kann ich Sie wegen einer Summe morgen früh anrufen?"

"Aber sicher." Danach verstummte Wehling und drehte gedankenverloren seinen Schwenker. Der Glastür schrammte leise auf der Holzplatte. Sein burschikoser Ton und die flapsige Ausdrucksweise täuschten leicht darüber hinweg, dass er ein scharfsinniger und auch harter Mann war, dem viele etwas vorzumachen versuchten und glaubten, sie hätten es auch geschafft, nur weil er aus Bequemlichkeit nicht protestierte.

Seine recht vage persönliche Sympathie für Nicole Jansen beruhte zum großen Teil darauf, dass auch sie lieber schwieg als zu schwindeln oder zu schwadronieren.

"Sie verbirgt etwas", urteilte er endlich schwerfällig.

"Ganz meine Meinung, Herr Wehling."

"Aber welche Nicole hat heutzutage kein Geheimnis? Sie wissen ja, es gibt schließlich vier Nicoles."

"Wie meinen Sie das?"

"Die nette Nachbarin, die intelligente Freundin, der geile Betthase, das harmlose junge Mädchen nebenan."

Unwillkürlich schnitt Bülow eine Grimasse, und Wehling kollerte: "Stellen Sie sich nicht so an! Nicole kann alle vier darstellen, und zwar so, dass Sie einen Frauentyp kaufen und die drei anderen als Zugabe, als eine Art Rabatt, erhalten."

Darüber grübelte Bülow nach, während Wehling in den Tüten wühlte und die besten Aufnahmen heraussuchte. Dezente und manierliche Höflichkeit war in diesem Gewerbe selten gefragt, und Wehling formulierte so grob wie präzise. Mehr als einmal hatte auch Bülow gestaunt, wenn ihm Nicole vergnügt oder stolz Aufnahmen zeigte, auf denen er nur mit Mühe seine Mandantin wieder erkannte. Was Maske, Schminke, Frisur, Kleidung und Beleuchtung ausmachten konnte, hatte er mühsam gelernt und ihr zu ihrer großen Erheiterung auch gestanden. Dass sie außerdem die Fähigkeit besaß, vor der Kamera eine völlig andere Frau nicht nur darzustellen, sondern für die Dauer der Aufnahmen auch zu sein, begriff er viel später erst und behielt diese Erkenntnis für sich. Wie ein Chamäleon; die normale, die schweigsame und verschlossene Nicole bekamen nur wenige Menschen zu sehen, und wahrscheinlich wusste sie, dass sie ihr wahres Gesicht genau so sorgfältig verbergen musste wie ihre jugendliche Unsicherheit.

"Viermal Nicole", schnaufte Wehling und legte vier kleine Stapel vor ihn. "Nett, sexy, intellektuell, harmlos."

"Danke", sagte Bülow zerstreut. "Herr Wehling, was passiert, wenn sie längere Zeit in U-Haft sitzen muss?"

"Wenn die U-Haft und der Grund bekannt werden, wird die Presse sie gnadenlos in der Luft zerfetzen, die meisten Aufträge werden storniert, und nach sechs Monaten ist sie so total weg vom Fenster, als habe es nie ein Model namens Nicole Jansen gegeben."

"Und danach?"

"Wenn sie dann noch die Kraft aufbringt, fängt sie ganz unten an, Versandhaus-Kataloge und Zeitungs-Beilagen für Unterwäsche und billige Mode."

"Aufträge, die Sie ihr vermitteln?"

"Nein, Herr Dr. Bülow, ich makele nicht mit toten Pferden, die schaffe ich umgehend zum Abdecker."

"Sind Sie so hart oder tun Sie jetzt nur so?"

"Ich bin realistisch, mein Bester, und sobald Nicole schnallt, was ihr passiert ist, wird sie sich nicht anders ausdrücken." Ärgerlich griff er nach der Flasche. "Trotzdem wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Und zwar schnell alles andere kommt zu spät."

Es nieselte immer noch, die grauen Wolken verhüllten die Kirchturmspitzen, ein Wetter, das zu Bülows Stimmung passte. Vor dem Eingang des Geschäftshauses gähnte er, der Cognac hatte ihn nicht aufgemuntert. Zwei Frauen hasteten über den düsteren Platz und kämpften mit ihren Regenschirmen, die eine Windböe umklappen wollte.

Von Wehling hatte Bülow sich mehr Hilfe erhofft. Gina März wartete schon auf ihn. "Ich habe Rolf Kramer erreicht. Merle Brandenbusch hat ihn schon engagiert. Wenn Sie wollen, kommt er sofort in die Kanzlei."

"Dann zitieren Sie ihn mal herbei. Sie können ihm ja versprechen, dass Sie hinterher mit ihm ein Glas trinken gehen."

Gina schaute ihren Chef lange und fest an. "Sie schrecken auch vor nichts zurück, wie?"

"Er ist doch bis über beide Ohren in Sie verknallt."

"Aber ich nicht in ihn."

"Das bereitet ihm ja so großen Kummer."

"Chef! Er wird fast jeden Auftrag für Sie erledigen, wenn das Honorar stimmt. Sie brauchen mich nicht als Draufgabe oder Bonus anzubieten."

"Okay, dann gehen wir vielleicht zu dritt ein Glas trinken. Ich muss nur meine Frau anrufen, dass es heute wieder spät wird; sie wird wild begeistert sein."

Jetzt lachte Gina kurz. Zum Glück verstand sie sich gut mit der Frau ihres Brötchengebers. "Chef, ich würde Nicoles Tante Merle anrufen. Sie sollte alles gutheißen, was Sie für Nicole unternehmen, schließlich wird sie Rolf Kramer bezahlen müssen."

"Jetzt noch?"

"Wenn mich nicht alles täuscht, drängt doch die Zeit, nicht wahr?"

"Sie sind eine kluge Bürovorsteherin. Verbinden Sie mich also bitte mit Merle Brandenbusch!"

Bülow hatte Merle Brandenbusch, die Schwester von Nicoles Mutter, einige Male getroffen und war von der großen, attraktiven Frau sehr angetan. Merle war eine unter Fachleuten bekannte und dazu erfolgreiche Restauratorin und Konservatorin, mit einer großen Werkstatt in Rodenfels, etwa zwanzig Kilometer südöstlich der Stadt.

"Was erzählen Sie da? Nikola sitzt in U-Haft? Nicoles korrekter Vorname lautete Nikola, aber für ihre beachtliche internationale Karriere hatte sie daraus den bekannteren und eindeutig weiblichen Vornamen Nicole gemacht.

"Nein, in Polizeigewahrsam. Kripo und Staatsanwalt werden morgen einen Haftbefehl beantragen und ich fürchte, nach dem momentanen Stand der Dinge erhalten sie ihn auch."

"Ich komme sofort."

"Gina, bitte ein Glas mehr auf den Tisch! Merle Brandenbusch kommt. Und versuchen Sie doch bitte herauszufinden, ob der ermordete Uwe Lenzer noch Verwandtschaft hier in der Stadt hatte Rolf Kramer wird Namen und Adressen brauchen."

"Mach ich!", antwortete sie laut und setzte leise hinzu. "Der Kerl sollte mir bald Honorar zahlen."

Bülow hatte gute Ohren. "Wer sollte löhnen? Rolf Kamer? Das Geld müssten Sie aber versteuern."

"Das wäre mir die Sache beinahe wert, Chef."

Rolf Kramer erschien eine Viertelstunde später. Schuhe und Hosenbeine waren gründlich durchnässt. Seine Haare tropften wie nach einer Dusche. Regina März grinste schadenfroh, was Kramer nicht entging. "Sagen Sie mal, Herr Rechtsanwalt, kann ich eigentlich eine Schlechtwetterzulage fordern?"

"Die müssten Sie vorher in den Vertrag aufnehmen, Herr Privatdetektiv."

"Hab' ich leider nicht. Pech. Geschlagene zwei Stunden bin ich hinter der Frau hergelaufen. Sie hatte wasserfeste Schuhe und eines dieser durchsichtigen Plastikcapes angezogen."

"Tja, lieber Rolf, Frauen sind doch praktischer und klüger als Männer!", platzte Gina heraus. Kramer drehte sich rasch um. "Dich gibt's ja auch noch. Und sogar trocken."

"Vor allem hinter den Ohren. Setz dich. Wir warten noch auf Merle Brandenbusch. Der Chef will nicht alles zweimal erzählen."

"Mach ich nur, wenn es einen Kaffee gibt."

"So spät am Abend noch? Du wirst nicht schlafen können."

"Das kann ich doch vor Aufregung nie, wenn ich dich am Tag zuvor gesehen habe."

"Ich dachte, dann träumst du von mir."

"Schönste Gina, ich bin doch kein Masochist, nicht mal im Schlaf."

Bülow hört halb erheitert, halb skeptisch zu. Ab und zu benötigte er einen zuverlässigen Ermittler, und Rolf Kramer arbeitete gerne für den Rechtsanwalt Dr. Christian Bülow. Der betrachtete den erfolglosen Dauerflirt zwischen dem Privatdetektiv Rolf Kramer und seiner tüchtigen Bürovorsteherin Regina März mit gemischten Gefühlen. Regina war schnell, umsichtig, zuverlässig und verschwiegen. Und so sollte es, bitteschön, auch bleiben. Ein Mann, der sie von ihrer Arbeit ablenkte, störte da nur, auch wenn der Anwalt bisher nur das Beste von Kramer sagen konnte. Kramer ahnte Bülows Ängste und erzählte deshalb so gut wie nie von Ursula Kohlmann, die unter dem Künstlernamen "Anielda" in einem Studio genau gegenüber von Kramers Detektei Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis beantwortete, was für Bülow wahrscheinlich den Gipfel der Unseriosität darstellte. Deshalb verschwieg Kramer auch, dass er Anielda gelegentlich gegen Honorar, das sie immer gebrauchen konnte, zu Beschattungen und Überwachungen einsetzte, dass Anielda Schlüssel zu Kramers Wohnung und Büro besaß. Gina ahnte etwas von dieser recht engen Büro-Liaison, aber Anielda war Ginas Cousine, und angeblich hatten sich die Mädchen schon im Sandkasten nicht ausstehen können und sie vertrugen sich auch heute nicht sonderlich.

Gina bewies ihr weiches Herz und brachte Kaffee. Bülow trank ihn literweise und Kramer lobte Gina überschwänglich, als die Wärme in seine Knochen zurückkehrte. Merle Brandenbusch erschien eine halbe Stunde später, fluchte ausgiebig und nicht sehr damenhaft über das Mistwetter und verkündete mit ihrer tiefen Altstimme, dass sie am liebsten in Kaffee baden würde. Sie hatte brünette Naturlocken, die jeder Feuchtigkeit trotzten, und große, graue Augen, die jetzt sehr böse funkelten.

"Hei, Rolf, so sieht man sich wieder."

"Wie geht es dem ungläubigen Thomas?"

"Gut, seine Hand ist wieder dran."

Das verstand Bülow nun gar nicht, und deshalb musste Kramer von dem Einbruchdiebstahl in Merles Werkstatt und dem billigen Rückkauf der Beute, einer beschädigten Schnitzerei des ungläubigen Thomas erzählen. Merle lachte schadenfroh, als Kramer schilderte, wie der Dieb seine Beute verlor und dabei noch einen gewaltigen Hieb auf seine eh schon schiefe Nase kassierte.

Nach diesem Intermezzo begann Bülow zu berichten. Am vergangenen Sonntag, am 2. April, hatten zwei Botanik-Freunde bei einer verregneten Waldwanderung auf dem Parkplatz am Niedenstein gegen Mittag einen abgestellten Wagen entdeckt, in dem ein Mann vorne auf dem rechten Sitz hockte, bei heruntergelassenen Scheiben und zurückgeschobenem Sonnendach, obwohl es seit Stunden heftig schüttete. Sie riefen über Handy die Polizei, und die Leiche wurde an Hand der Personalpapiere und Visitenkarten in der Brieftasche als Uwe Lenzer identifiziert, Mitinhaber der Firma Hohbarg Druckmaschinen GmbH, wohnhaft Brentanostraße 26. Lenzer war durch zwei Schüsse in die Brust getötet worden, ein Kugel hatte das Herz durchschlagen. Todeszeit wahrscheinlich Samstag, der 1. April, zwischen 21 und 23 Uhr. Die Nässe in dem Auto das Wasser stand kniehoch, als die Polizei die Türen öffnete und die Kälte machte eine genauere Bestimmung schwierig. Lenzer war mit Sicherheit nicht am Niedenstein ermordet worden, sondern vom Täter tot dorthin gebracht worden. Auf dem matschigen, von tiefen Pfützen übersäten Parkplatz ließen sich allerdings keine eindeutigen Spuren von anderen Autos sichern, und da der Regen die Autositze vollständig durchgefeuchtet hatte, war es fraglich, ob sich später noch Faserspuren abkleben ließen. In der Brieftasche fand die Kripo Firmen-Visitenkarten und rief einen der beiden anderen Mitinhaber an, der ganz entsetzt reagierte, Lenzer sei doch noch am Samstagabend, also tags zuvor, mit einer ihnen unbekannten Freundin, die er nur als "Chérie" vorstellte, beim anderen Partner Osterkamp gewesen und habe zusammen mit "Chérie" gegen 21 Uhr das Haus Osterkamp verlassen. Jutta Osterkamp hatte Chérie erkannt, und zwar als das Model Nicole Jansen, das wie Lenzer eine Eigentumswohnung im ersten Stock der Brentanostraße Nr. 26 besaß. Jutta Osterkamp hatte Nicole Jansen von Illustrierten-Titelbildern und Zeitungsaufnahmen wiedererkannt. Nicole Jansen kam erst am Mittwoch, 5. April, also heute, gegen Mittag in ihre Wohnung zurück; sie war am frühen Sonntagabend, 2. April, zu Aufnahmen und zu einer Schmuck-Präsentation nach Paris geflogen. Heute holte ihre Tante Merle Brandenbusch sie vom Flughafen Berla ab und versuchte anschließend sofort, Nicoles Anwalt Christian Bülow zu informieren, der sich aber nicht meldete, und hatte dann den Privatdetektiv Rolf Kramer aufgescheucht, der schon ein paar Mal erfolgreich für Merle Brandenbusch gearbeitet hatte. Nicole Jansen war vorläufig festgenommen und bei einer Gegenüberstellung von den Zeugen Arno und Jutta Osterkamp sowie Doris und Dieter Schöne als "Chérie" identifiziert worden, also als die Frau, die am Samstag gegen 21 Uhr in Begleitung von Uwe Lenzer das Haus Osterkamp mit unbekanntem Ziel verlassen hatte. Morgen würde der ermittelnde Oberkommissar Achim Horn einen Haftbefehl beantragen; und wenn nicht ein Wunder geschehe, werde er ihn auch bekommen.

Merle Brandenbusch wollte etwas einwerfen, aber Bülow hob rasch die Hand. "Ich habe schon mit Nicoles Agenten Wehling gesprochen, der mir ohne Umschweife, sehr drastisch-deutlich verklickert hat, was es für Nicoles Karriere bedeutet, wenn sie vereinbarte Termine wegen einer U-Haft und wegen Mordverdachts nicht einhalten kann."

"So, dann will ich mal." Merle Brandenbusch holte tief Luft. "Das ist doch alles gequirlter Blödsinn, was die Kripo da behauptet. Warum sollte Nicole dieses Stinktier umbringen?"

"Wen?", fragte Kramer erstaunt.

"Diesen Uwe Lenzer. Sie nannte ihn im Gespräch nur das Stinktier und konnte ihn nicht ausstehen. So, jetzt erzähle ich mal, was Nicole mir berichtet hat."

Nicole war am frühen Samstag - Nachmittag aus Mailand zurückgekommen und in einem Taxi vom Flughafen nach Hause gefahren. Weil es schon ziemlich heftig regnete der kalte Regen hatte bis zum Sonntagabend angedauert konnte sie nicht joggen und ging deshalb in das Schwimmbad im Souterrain des Hauses. Dort erzählte ihr eine Nachbarin, dass es in Nicoles Abwesenheit eine kurzfristig einberufene Eigentümerversammlung gegeben habe, auf der Lenzer erklärte, er habe seine Wohnung an eine Ärztin verkauft und werde spätestens Mitte des nächsten Monats das Haus verlassen. Im Aufzug von der Schwimmhalle in den ersten Stock begegnete Nicole dann diesem Lenzer, der in Begleitung einer Frau von draußen hereinkam, und sie wie üblich so musterte, als wolle er sie auf der Stelle ausziehen, und einen seiner dummen Sprüche abließ. Nicole hatte dann mit ihrer Tante Merle telefoniert und sich auf Sonntag um 11 Uhr zu einem Brunch in Rodenfels angesagt. Sie war von der Arbeit in Mailand völlig erschlagen, wollte anschließend das Telefon leise stellen und zwei Baldrian-Tabletten schlucken, um durchzuschlafen.

Am Sonntag kam sie dann gegen 11 Uhr nach Rodenfels: kein Wörtchen davon, dass sie am Abend zuvor mit dem Stinktier ausgegangen sei.

Warum sollte sie Lenzer umbringen? Womit? Und wo? Warum sollte sie das Stinktier zu ihr unbekannten Leuten begleiten? Aus den Augenwinkeln bemerkte Kramer, dass Gina manche Passagen mitstenografierte. Vermutlich lief auch das Tonband mit, das in einem Fach des Schreibtisches verborgen wurde, auf der Schreibtischplatte stand nur ein Mikrofon, daneben lag das Steuergerät. Bülow seufzte. "Alles gut und schön, Frau Brandenbusch. Nur Zeugen für die Tatzeit haben Sie leider auch nicht."

"Glauben sie etwa den Quatsch, dass Nicole diesen Lenzer erschossen hat?"

"Nein, tue ich nicht. Aber wie verhindere ich, dass Bello Horn - so heißt der ermittelnde Beamte morgen einen Haftbefehl erhält?"

"Kaution", brummte Kramer laut.

Bülow winkte ab. "Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Es nutzt uns gar nichts, wenn Nicole morgen bedingt auf freien Fuß gesetzt wird, aber die Stadt nicht verlassen darf."

"Für die Presse allemal besser als eine Nicole Jansen hinter Gittern in U-Haft."

"Stimmt. Bleiben immer noch vier Aussagen."

"Die Leute haben sich halt geirrt. Chérie schaute nur so aus wie Nicole. Was meinen Sie, wie viele junge Mädchen meine Nichte imitieren. Lange blonde Haare, schlank bis kurz vor dem Hungertod, Jeans, eng wie eine Wurstpelle, hochhackige Sandalen und nabelfreie Tops mit witzigen oder auch weniger geschmackvollen Aufdrucken."

"Richtig, das ist eine Möglichkeit. Aber wo und wie finde ich morgen bis zehn Uhr eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die ich dem Haftrichter vorstellen kann: Diese Frau ist wahrscheinlich Chérie?"

"Hatte Lenzer überhaupt eine Vorliebe für Blond? Oder stand er auf Rot oder meinetwegen auf Schwarz?", mischte sich Kramer ein.

"Das werden Sie morgen in aller Herrgottfrühe seine geschiedene Frau fragen."

"Ach, wirklich?"

"Sie heißt Sabine Lenzer und wohnt in der Lerchenstraße 77. Telefonnummer anbei."

Kramer verzog den Mund. "Hast du mich auch schon bei ihr angemeldet?"

"Sie hat um 7 Uhr 30 frischen Kaffe aufgebrüht. Hat sie mir versprochen."

"Hast du auch frische Brötchen für mich bestellt?"

"Nein. Kaffee reicht, du bist fett genug, wegen frischer Brötchen ruf' sie selber an!"

Gina schob ihm einen Zettel mit Anschrift und Telefonnummer herüber. Kramer grinste sie an. Gina aß leidenschaftlich gern frische, noch warme Brötchen mit viel Butter und frischer, hausgemachter Marmelade, verkniff sich aber meistens dieses Vergnügen, um ihre ansehnliche Figur nicht zu gefährden.

"Für mich alten Mann war immer das Auffälligste an Nicole dieser lange blonde Haarschopf", murmelte Bülow, und Merle Brandenbusch nickte eifrig. "Richtig. Vielleicht hatte Lenzer eine junge Frau mitgebracht, die ihr blondes Haar ebenfalls in einem langen Schopf trug."

"Schon verstanden", knurrte Kramer und stand auf. "Nur zwei Fragen hätte ich noch: Wer ist eigentlich mein Auftraggeber und wer zahlt am Schluss meine Rechnung?"

"Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Dr. Bülow, würde ich das gerne sein, nachdem ich Rolf schon engagiert habe", sagte Merle Brandenbusch rasch und Bülow nickte zufrieden. "Es wäre schön, wenn Sie morgen um 10 Uhr am Amtsgericht in der Pappelallee sein würden.

Vielleicht können wir Ihre persönliche Aussage gebrauchen."

"Rolf, du hattest zwei Fragen", erinnerte die unbezahlbare Gina.

"Richtig. Gab es einen Grund, warum sich die drei Partner an einem Samstagabend in einem Privathaus trafen, statt das, was sie besprechen wollten, unter der Woche in der Firma zu erledigen?"

"Ja, es gab einen Grund. Die Polizei hat in Lenzers Brieftasche eine Quittung, eigentlich mehr schon einen Vertrag plus Empfangsquittung für einen Verrechnungsscheck gefunden, den Osterkamp und Schöne schon unterschrieben hatten, aber Lenzer noch nicht. Die Quittung bezog sich auf einen Verrechnungsscheck über zigtausende Euro. Die vollständige Summe war nicht zu erkennen. Eine Kugel hatte die Brieftasche durchschlagen und aus der zusammengefalteten Quittung ein rundes Stück so präzise herausgeschnitten, dass die beiden Ziffern vor den drei Nullen verschwunden sind. Aber welche Summe auch immer: Mit der Annahme des Schecks wäre Lenzer freiwillig aus dem Eigentümer-Trio ausgeschieden und hätte alle Ansprüche an die Firma aufgegeben ..."

"Mit anderen Worten: Osterkamp und Schöne wollten Lenzer loswerden?"

"So kann man es abgekürzt darstellen, ja." Bülow blinzelte in Richtung der anderen Gäste, und Kramer verzichtete auf weitere Fragen.

Die Runde löste sich rasch auf. Niemand wünschte, noch in Gesellschaft der anderen ein Glas zu trinken. Der Anwalt unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen, Gina drohte jeden Moment am Schreibtisch einzuschlafen, wurde aber rechtzeitig wach, um Kramer die vier Päckchen Fotos von Nicole auszuhändigen. Kramer und Merle Brandenbusch verabredeten sich auf den nächsten Abend.


Sabine Lenzer wohnte in der Lerchenstraße 77 im ersten Stock. Das Haus sah ordentlich aus, älter zwar, aber gepflegt, nur im Treppenhaus hätten die Bewohner häufiger lüften sollen, es roch nach Parfüm und erstaunlich stark nach Medikamenten, wie in einer Apotheke. Sabine Lenzer stand unter der Wohnungstür und schaute Kramer unruhig entgegen. Sie hatte pechschwarze, kurz geschnittene glatte Haare, schwarze, glänzende Augen und eine, wie Kramer fand, passable Figur, die sie in einer Art Berufstätigen-Uniform versteckte, Jeans, Halbschuhe und ein weites, langärmeliges T-Shirt.

Trotz reichlich Lippenstift und MakeUp wirkte sie auf ihn merkwürdig langweilig-reizlos. Die Nase war etwas zu breit, der Mund etwas zu schmal geraten. Keine Frau, die ihn reizte oder Männer beeindruckte.

"Herr Kramer?"

"Ja, der bin ich. Guten Morgen, Frau Lenzer."

"Guten Morgen. Ich habe Wort gehalten, der Kaffee läuft schon durch."

"Prima, danke."

Die kleine Dreizimmerwohnung war sehr konventionell eingerichtet, soweit er das nach raschen Blicken durch die offen stehenden Türen beurteilen konnte. Die Fenster standen zum Lüften noch offen, einige der Platanen waren so hoch gewachsen, dass sie vom Küchenfenster aus aufs Grüne schaute. Dass sie ihn schnell in die Essnische in der Küche verschob, war ihm nicht entgangen. Die ganz große Herzlichkeit schlug ihm hier nicht entgegen. "Hat es ihn also erwischt", begann sie unvermittelt. "Eine Chérie zuviel."

"Wie meinen Sie das?", erkundigte Kramer sich verblüfft.

"Der gute Uwe war ein Meister im Aufreißen und Seitenspringen. Vor allem mit jungen Frauen, die nach Möglichkeit blond sein sollten."

"Aufreißen?"

"Sagen Sie bloß, Sie wissen nicht, was das ist?"

"Doch, doch. Dann war Chérie nicht der erste Fall?"

"Um Himmels willen, nein. Was meinen Sie, warum ich mich hab' scheiden lassen." Sie schluckte und kramte ein Päckchen Zigaretten aus der Tischschublade. Kramer gab ihr Feuer und registrierte unbehaglich, dass sie dabei seine Hand mit dem Feuerzeug festhielt.

"Uwe war das, was man einen notorischen Schürzenjäger und Frauenhelden nennt."

"Wissen Sie, wer Chérie ist respektive war?"

"Nein, ein Oberkommissar Horn hat mit mir gesprochen und behauptet, es sei ein Model namens Nicole Jansen, das in der Brentanostraße 26 gegenüber dem Arschloch von Uwe eine Wohnung besitzt."

"Haben Sie diese Nicole Jansen einmal persönlich gesehen?"

"Nein. Im Fernsehen, in Illustrierten oder Zeitungen, ja. Aber nicht in natura. Wie und wann sollte ich sie getroffen haben?"

"Na ja, zufällig, wenn Sie einmal ihren Ex-Ehemann besucht haben."

"Ich und Uwe besuchen?! Wer behauptet denn das?"

"Niemand. Ich dachte nur, das wäre doch möglich."

"Hören Sie, Herr Kramer, ich bin heilsfroh, dass ich diesen Schweinehund nicht mehr sehen oder sprechen muss. Ich bin dem Saukerl vor zweieinhalb Jahren beim Scheidungstermin das letzte Mal begegnet und habe nie wieder ein Bedürfnis verspürt, ihm nahe zu kommen oder seine unsere ehemalige Wohnung zu betreten … Deswegen nix mit Besuch in seiner Wohnung. Ab und zu Telefon oder Brief, wenn er wieder mal den Unterhalt nicht gezahlt hatte, doch auch das erledigt jetzt mein Rechtsanwalt. Chérie kenne ich nicht, aber würde ihr gerne meine herzliche Anerkennung ausdrücken, dass sie dieses Miststück beseitigt hat."

"Was Nicole Jansen bestreitet."

"Täte ich auch, warum sollte sie für eine gute Tat auch noch bestraft werden."

Seltsamerweise glaubte Kramer ihr den unbändigen Hass auf den Ex-Ehemann nicht. Ihre Beschimpfungen klangen wie einstudiert. Ihre dunklen Augen blieben kühl abweisend. Immerhin konnte sie Kaffee kochen.

"Frau Lenzer, ich habe zwei Bitten."

"Und die wären?"

"Haben Sie ein neueres Bild von Ihrem Ex-Ehemann?"

"Ein neues nicht. Drei Jahre ist es bestimmt alt."

"Das macht nichts, das reicht vollständig."

"Und Ihre zweite Bitte?"

"Wenn Uwe Lenzer loszog, um eine Frau aufzugabeln, hatte er dann bestimmte Lokale bevorzugt? Oder feste Orte? Galerien, Museen oder ähnliches? Meinetwegen auch Discos?"

"Nein, am liebsten hat er sich dann in der Altstadt herumgetrieben."

"Okay, aber die ist ziemlich groß."

"An Ihrer Stelle würde ich es mal Bei Alfred oder Bei Otto

versuchen."

"Fein, danke. Hatte er ein Lieblingsrestaurant?"

"Nein, früher ging er häufiger in den Alten Meister. Das ist das Lokal neben der Schlachterei und Hausbrauerei Tillmann."

"In der Wiehenbergstraße, das kenne ich."

"Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen."

"Das reicht erst mal für den Anfang. Wenn gar nichts klappt, melde ich mich noch einmal zum Kaffee an."

"Einverstanden."

"Gibt es Verwandte Ihres Ex-Ehemannes, bei denen ich mich erkundigen könnte? Haben sie eine Ahnung, wer Uwe beerbt? Kennen Sie seinen Rechtsanwalt?"

Sie sah ihn erstaunt an. "Warum denn das?"

Jetzt musste er lügen. "Er war doch mit dieser Chérie bei einem Mitinhaber erschienen."

"Ja, bei den Osterkamps."

"Sie kennen die Osterkamps und die Schönes?"

"Natürlich. Mit Jutta Osterkamp bin ich ganz gut bekannt, und bevor der ärger mit Uwe losging, würde ich sagen, waren wir sogar befreundet. Wir sehen uns immer noch, nicht regelmäßig, aber doch drei-, viermal im Jahr."

"Jutta Osterkamp hatte nun den Eindruck, als kenne Uwe Lenzer diese Chérie schon etwas länger, vielleicht über einen Verwandten."

"Ach so." Sie hatte den dürftigen Köder geschluckt. "Nein. Uwe hat noch einen Bruder Bodo, aber der lebt seit Ewigkeiten in Spanien - nein, eine Adresse habe ich nicht. Die Eltern sind schon lange verstorben. Wer als Erbe in Frage kommt, weiß ich nicht. Bei der Scheidung hat ihn ein Rechtsanwalt Hellbich vertreten. Vielleicht kann Ihnen Tamara Schmitz weiterhelfen."

"Wer ist das?"

"Uwes Sekretärin. Sehr nett und fleißig und hilfsbereit, aber ziemlich naiv, ich hatte immer den Eindruck, dass sie ein wenig für Uwe schwärmt, und das tut keine erwachsene ...", sie verbesserte sich rasch "... keine erfahrene Frau."

Ihr verächtliches Lächeln gefiel Kramer gar nicht. Der Kaffee war jetzt fast kalt. Er schüttete den Rest aus der Tasse hinunter und stand auf. "Wo kann ich Sie tagsüber erreichen, Frau Lenzer?"

"Die nächsten Tage noch hier. Einer muss sich ja um die Beerdigung und diesen ganzen Kram kümmern."

"Und danach?"

"Warten Sie, ich gebe Ihnen eine Karte." Sabine Lenzer, Holterer Kies und Sand. Wendenbruch 29. Das lag ziemlich weit draußen zwischen Syden und Kerresheim.

"Rolf Kramer, Privatdetektiv. Ruhlandhaus ML, 1R-001, Ringstraße 6", las sie laut vor. "Verraten sie mir gleich noch, was ML heißt?"

"Gerne. Wenn Sie an das Bild Ihres Ex-Ehemannes denken." Leise stöhnend erhob sie sich und holte aus einem Zimmer eine Studioaufnahme von Uwe Lenzer.

"Vielen Dank. Ich bringe das Bild so rasch wie möglich zurück."

"Lassen Sie sich ruhig Zeit!"

"Ja, diese Hieroglyphen! ML bedeutet Mitte-links. Der Kaninchenbau Ruhlandhaus hat entsetzlich viele Treppenhäuser, Gänge und Seiten- und Stummelflügel. 1 R ist der erste Stock rechter Flur, 001 die Zimmernummer. Aber wenn Sie das erste Mal zu mir kommen, nehmen Sie am besten eine Wasserflasche und ein voll geladenes Handy mit. Es sind schon Leute auf dem Weg zu mir verschollen."

Sie lachte, und es klang nicht erheitert, sondern eher hämisch. Als er ging, fiel ihm in der Diele neben der Wohnungstür ein Bild auf, eine gerahmte Buntfotografie eines vielleicht dreijährigen Jungen,

"Ihr Sohn?", fragte Kramer.

"Das war mein Sohn Timo", antwortete sie hart und scharf, "er ist im Alter von drei Jahren von einem Autobus überfahren worden."

"Das tut mir leid", sagte Kramer ernsthaft, und sie erwiderte genau so ernst: "Danke." Es hörte sich an, als ginge ihr der Verlust immer noch sehr nahe. Aber warum sie ein Bild, das die Mutter an einen so schmerzhaften Verlust erinnerte, ausgerechnet neben die Wohnungstür hängen musste, begriff er nicht.

Auf den Straßen stand noch das Wasser, obwohl der Regen schon vor Mitternacht aufgehört hatte. Direkt vor der Haustür stieg ein vielleicht vierzigjähriger, breitschultriger Mann aus einem gelben Toyota. Kramer schaute automatisch auf das Kennzeichen und grinste: HRO KR 444. Das hieß natürlich Herr Rolf Kramer 444. Der Fahrer war auffallend tief gebräunt, und Kramer dachte wieder einmal daran, dass er sich in diesem Jahr rechtzeitig um seinen Urlaub kümmern sollte.

Die beiden Kneipen Bei Alfred und Bei Otto kannte Kramer. Sie zählten zu den gehobeneren Lokalitäten mit ebenfalls gehobenen Bierpreisen. Viele kleine, gemütliche Kneipen der Altstadt hatten nach dem ärger mit dem Rauchverbot geschlossen, viele waren durch Pizzerien, griechische Lokale oder chinesische Restaurants verdrängt worden, die sich auch nur über Wasser hielten, weil die ganze Familie mithelfen musste. Bei Alfred öffnete erst um 12 Uhr mittags, Bei Otto hatte schon geöffnet, war aber noch völlig leer, als Kramer eintrat und von einem dicken Mann hinter dem Tresen sehr erstaunt, fast argwöhnisch gemustert wurde.

"Guten Tag, sind Sie der Wirt?"

"Ja, bin ich."

Kramer beschloss, mit offenen Karten zu spielen. "Ich heiße Rolf Kramer, bin Privatdetektiv und arbeite zurzeit im Auftrag eines Rechtsanwalts."

Otto betrachtete ihn kurz und fuhr fort, volle Schnapsflaschen in das Regal einzuordnen. Beeindruckt war Otto nicht.

"Kennen Sie diesen Mann?"

Otto erkannte Lenzer auf dem Fotos sofort, das verriet das Zucken seiner Augen. Nach einer Weile brummte er widerwillig: "Ja, kenne ich."

"Wissen Sie zufällig, wie er heißt?"

"Moment, Frühling oder Fröhling oder so ähnlich."

Kramer schnaufte anerkennend. Otto war nicht dumm. Er mauerte nicht, aber er würde mit der vollen Wahrheit, wenn überhaupt, nur bröckchenweise herausrücken. Deswegen murmelte Kramer: "Lenzer heißt er, Uwe Lenzer."

"Richtig", sagte Otto schnell. "Warum fragen Sie nach ihm?"

"Können Sie sich noch erinnern, wann er das letzte Mal hier war?"

Otto erkannte, je schneller er antwortete, desto eher wurde er den lästigen Frager los.

"Jau, kann ich. Heute ist Donnerstag, nicht wahr? dann war das vor ziemlich genau einer Woche. Am Freitag voriger Woche, richtig, so gegen 17 Uhr." Kramer schwieg geduldig, Ottos Gedächtnismotor lief langsam warm und noch langsamer lösten sich die Bremsen seiner Schweigsamkeit. "Er war hier mit einer Frau verabredet. So einer Kleinen, Zierlichen, mit weißblonden Haaren, die ihr bis auf die Nase herabhingen und einer riesigen randlosen Brille. Die beiden haben hier am Tresen gestanden und sich gezankt."

"Gezankt?"

"Jau, wie ein altes Ehepaar, ganz leise, damit ja keiner etwas hörte oder mitbekam, aber zwischen beiden herrschte mächtig dicke Luft."

"Haben Sie eine Ahnung, warum? Um was es ging?"

"Nein. Ich habe keinen Satz verstanden."

"Kannten Sie die Frau?"

"Nein, die hatte ich hier im Lokal noch nie gesehen. Aber sie kannte diesen Lenzer, und am liebsten hätte sie ihm die Ohren langgezogen oder stückchenweise abgeschnitten." Für sich anbahnenden Streit besaß Otto berufsbedingt einen Riecher. "Das endete noch richtig dramatisch. Denn die Frau wurde immer nervöser und hat dann ständig ihre Brille ab und aufgesetzt, bis das unvermeidliche Unglück passierte. Ilka stand neben der Weißblonden und hat die Brille aus Versehen vom Tresen hinuntergestoßen, und ist dann einen Schritt zur Seite getreten, als die Frau aufschrie. Es hat prompt geknirscht und geknackt. Und dann war das schöne Stück perdu. Ich dachte, die Weißblonde explodiert vor Zorn. Ilka hat versucht, sich zu entschuldigen, aber ihre Nachbarin hat überhaupt nicht zugehört, ließ sie gar nicht zu Wort kommen, sondern hat nur pausenlos gezetert, bis es dem Mann, diesem Lenzer, zu dumm wurde. Er hat sie angefaucht: 'Reiß dich zusammen!' oder so ähnlich, und die Weißblonde ist daraufhin ohne Piep und Kommentar abgerauscht, hat ihren Mantel so heftig vom Haken heruntergezogen, dass der Aufhänger abriss. Na ja. Ich habe noch geholfen, die Glasteile aufzufegen und dabei schon gemerkt, dass der Lenzer sich an Ilka heranmachte. Oder umgekehrt. Ilka hatte gar nichts dagegen, und dann haben sie ein paar Glas getrunken und sind nicht viel später zusammen abgezogen, nachdem Lenzer Ilkas uralte Bierfilze ausgelöst hatte, was mir sehr recht war; denn die Gute hatte eine Menge Schulden."

"Großartig", freute sich Kramer. "Wenn sie mir jetzt noch verraten, wie diese Ilka mit Familiennamen heißt und wo ich sie finden kann, dann war das für mich ein rundum erfolgreicher Besuch."

"Heißen tut sie Weyrich Whisky Emil Ypsilon", murrte Otto, dessen gute Laune sicht- und hörbar verflog. "Wo man sie findet, weiß ich nicht. Sie ist eine Halbprofessionelle mit einem beachtlichen Kundenstamm, will sagen, sie ist ständig von Bett zu Bett unterwegs."

"Aber sie wohnt hier in der Stadt?"

"Doch ja, tut sie."

"Lieber Herr Wirt, würden Sie bitte noch einen Blick auf diese Fotos werfen und mir sagen, ob diese junge Schönheit schon einmal in Ihrem Lokal gewesen ist?"

Ottos Miene hellte sich auf, für schöne Frauen hatte er viel übrig und er besaß ein gutes Gedächtnis. Aber er musste passen. Nicole Jansen hatte seiner Erinnerung nach seinem Etablissement noch nie die Ehre gegeben. Leider noch nicht.

Dann fiel Kramer noch was ein: "Bevor Ilka und Lenzer sich einig wurden, hat die Ilka doch bestimmt mit einem anderen Mann am Tresen gestanden."

"Hat sie", schnaufte Otto. "Mit dem Brummbrumm."

"Mit wem, bitte?", fragte Kramer entgeistert.

"Mit dem Brummbrumm. Er heißt Anton Hummel und wird der Brummbrumm genannt. Ein sehr unangenehmer Zeitgenosse, vor allem schrecklich leicht aufgeregt und dann gewalttätig."

Vor der Tür holte Kramer tief Luft. Das war besser gelaufen, als er zu hoffen gewagt hatte; erleichtert bediente er sein Handy. Auch Gina jubelte vor Begeisterung. "Geschafft, Rolf. Gegen Kaution auf freiem Fuß. Allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler. Sie muss sich alle zwei Tage auf einem Revier melden. Also keine Reisen."

"Und ihre Termine?"

"Durch höhere Gewalt verhindert."

"Wie muss ich das verstehen?"

"Ihr linker Fuß wird gerade geschient und verbunden und eingegipst. Schwer umgeknickt und wahrscheinlich ein leichter Muskelfaserriss. Genaueres nach dem Röntgen. Arbeitsunfähig."

"Wie sich das so trifft."

"Nicht wahr? Morgen steht im Tageblatt, wie's passiert ist."

"Gina, suche dir bald einen neuen Job."

"Ach nee."

"Dein Chef hat sich in seine Mandantin verguckt und opfert der Liebe alle seine bisherigen Prinzipien."

"Bei dir pfeift doch der Wind durch den Kopf. Glaubst du im Ernst, Bülow weiß was davon? Und wenn du deine vorlaute Klappe nicht halten kannst, pfeift nicht nur der Wind, sondern strahlt auch die Sonne ungehindert von deiner Stirn bis auf deinen Nacken." Wenn Gina richtig wütend wurde, wusste man nie, ob sie nur übertrieb.

"Natürlich sind meine Lippen vernäht und verklebt. Sag bloß, du bist auf diese glorreiche Idee des Versicherungsbetruges gekommen."

"Nein, wo denkst du hin. Tante Merle war sofort mit der Idee, einer hilfsbereiten Ärztin und einer Krankschreibung zur Hand. Du, Tante Merle ist eine sehr attraktive, intelligente und energische Frau. Willst du sie nicht mal zum Essen einladen? Ich habe doch nie Hunger, wie du weißt."

"Und wer verklickert das deiner eifersüchtigen Cousine Anielda?"

"Ach du meine Güte, nicht verheiratet, kein Verhältnis, und schon unter dem Pantoffel. Rolf, ich hatte mehr von dir erwartet."

"Und wer pflegt unsere eingegipste Schönheit?"

"Bietest du dich an?"

"Nein."

"Faulpelz. Sie zieht zu Tante Merle nach Rodenfels. Ich soll dir ausrichten, dass beide Frauen trotz der brutalen Schmerzen und der ungeheuren Gehbehinderung dich heute gegen 19 Uhr in deinem Büro aufsuchen werden."

"Ich bin begeistert. Sag mal, läuft dein Computer?"

"Aber sicher."

"Dann suche mir doch mal die Adresse einer Ilka Weyrich, mit Whisky Emil Ypsilon, heraus."

"Was ist mit ihr?"

"Ich war mit ihr heute Abend um 19 Uhr verabredet und möchte persönlich absagen."

"Du alter Gauner", flötete Gina plötzlich süß, und Kramer spürte regelrecht, wie der geschmolzene Zucker aus dem Hörer rann. "Wie hast du das eben mit dem Versicherungsbetrug gemeint?"

"Die liebe und schöne Nicole hat doch sicherlich Aufträge, die sie jetzt, wegen des Gipses, nicht erfüllen kann. Und für solche Fälle wird sie wohl eine Ausfallversicherung abgeschlossen haben."

"Ich verstehe", murmelte Gina bedrückt. "Alles klar, Rolf, ich werde schweigen wie das Grab."

"Aber vorher bitte die Adresse meiner schönen Ilka."

"Kornbrennergasse 7."

"Danke, meine Liebe."

Die alten Häuser in der schmalen Altstadtgasse sahen aus, als hätten die Kornbrenner sie nach reichlichem Genuss ihrer Kunst in dunklen Nächten ohne Bauplan auf gut Glück errichtet. Und irgendein voreiliger, abstinenter Denkmalschützer hatte die ganze Gasse unter Denkmal- oder Ensembleschutz gestellt. Hier half freilich kein Renovieren mehr, hier war die trockene Abrissbirne gefordert. Das Haus Nr.7 neigte sich nach hinten, und Kramer stieß mehrere Stoßgebete aus, als er die knarrende, schräge Teppe in ungewöhnlicher Körperlage zum dritten Stock hochkletterte. Vor der Wohnungstür stand eine auffallend kleine Frau mit großen Augen, einer schiefen Nase und verwuselten kurzen Haaren in einer undefinierbaren, irgendwie missglückten brünetten Farbe.

"Guten Tag", grüßte Kramer vorsichtig. "Ich hätte gerne mit Ilka Weyrich gesprochen."

"Ilka ist nicht da", piepste die Kleine und rückte ungeniert ihren BH zurecht. "Wer bist du denn?"

"Ich heiße Rolf Kramer und habe Ilka einmal bei Otto getroffen."

Der Name des dicken Wirtes wirkte Wunder. "Und wann war das?"

"Am Freitag voriger Woche. Sie ist dann leider mit einem anderen abgezogen, und der Uwe kennt ihre Adresse nicht."

"Ja, wenn das so ist, dann komm mal rein."

"Wer bist du eigentlich?"

"Ich heiße Martina und bin die jüngere Schwester. Ich arbeite auch im Tricolore."

Vorsichtshalber erkundigte Kramer sich nicht, wer oder was das Tricolore sei. Die Kleine tat so, als müsse es jeder ordentliche Mann kennen. "Ilka!", rief Martina, "ein Freund!"

Daraufhin öffnete sich eine Zimmertür und eine große, schlanke Frau mit hüftlangen blonden Haaren, die sie mit einem blauen Tuch zu einem glatten Schopf zusammengefasst hatte, trat auf den Korridor. Die Jeans saßen etwas zu stramm, das T-Shirt war etwas zu knapp und der unechte Stein im Bauchnabel funkelte etwas zu gewaltig. Kramer hielt sie auf den ersten Blick für eine mäßig erfolgreiche Nutte, die hundert verlangte und einwilligte, wenn man ihr vierzig zahlte.

"Wer bist du?", wollte sie wissen und schob ihre Schwester ungeduldig zur Seite, worauf die Kleine wie eine erboste Katze fauchte.

"Sag bloß, du hast mich vergessen?", beschwerte sich Kramer.

"Wir haben uns vorige Woche bei Otto kennen gelernt weißt du nicht mehr, wie du auf die Brille getreten bist und diese Weißblonde einen gewaltigen Zirkus veranstaltet hat? Sie ist dann abgezischt und du hast dich an ihren Begleiter rangemacht, an Uwe Lenzer, so hieß der, und mit ihm bist du dann fortgegangen."

Doch, daran erinnerte sie sich, aber an Kramer nicht, was ihm zeigte, dass sie bis zu ihrem Aufbruch mit Uwe Lenzer nur mäßig angetrunken gewesen war. "Hast du Uwe danach noch einmal gesehen?"

"Nein, dieser blöde Hund wollte mich noch am Samstag anrufen, hat er aber nicht mehr getan." Ihr Zorn schien echt zu sein.

"Ihr habt euch nicht am Samstagabend getroffen?"

"Nein, wie kommst du darauf?"

"Weil der Eberhard, du weißt schon, der mit der dicken schwarzen Brille, euch in der Stadt gesehen hat."

"So, hat er? Da hätt' er besser mal seine Brille putzen sollen. Aber warum fragst du das alles, du stehst hier rum und klaust mir meine Zeit."

"Tut mir leid, was willst du denn für eine halbe Stunde?"

"Fünfzig Euro, aber nur mit Gummi, klar?"

"Kapiert." Sie klinkte eine Tür auf und eine dichte Wolke schwülen Parfüms quoll heraus. Von Lüften hielt sie nichts. Kramer fummelte fünfzig Euro aus seiner Brieftasche, während sie im Eiltempo Jeans, Shirt und Höschen auszog.

Als er sich umdrehte, knurrte sie ihn an: "Los, lass deine Hosen ruhig runter. Ich hab' nicht den ganzen Tag Zeit."

Kramer musterte sie kühl. "Daran bin ich nicht interessiert."

"Sondern?"

"Wo ist Uwe Lenzer?"

"Warum willst du das wissen?"

"Er schuldet mir zwanzig Riesen, und es war ausgemacht, dass er spätestens am vorigen Sonntag zahlt. Jetzt ist er wie vom Erdboden verschluckt."

Ihre Augen flackerten. "Und woher soll ich wissen, wo er sich rumtreibt?"

"Weil du die letzte bist, mit der er zusammen war. Da hatte er meine zwanzig Riesen vielleicht schon in der Tasche."

Es dauerte eine Weile, bis sie die versteckte Drohung kapierte. Dann sprang sie auf, zog sich in Windeseile an und zeigte mit dem Finger zur Tür. "Raus!"

"Das nutzt dir gar nichts, ich komme so lange wieder, bis ich mein Geld habe."

"Du bist ein Arschloch."

"Richtig, ein sehr großes sogar. Erzähl mir nur genau, was am Freitag und am Samstag mit Lenzer los war, und du bist mich los."

"Was soll schon los gewesen sein? Wir sind von Otto zu ihm gefahren, in die Brentanostraße, wenn du's genau wissen willst. Toller Bau, aber typisch für den Kerl: außen hui und innen pfui."

"Was soll das heißen?"

"Bis auf eine Matratze im Schlafzimmer auf dem Boden und zwei Stühle in der Küche war die ganze Wohnung leer. Völlig ausgeräumt, kein Teppich mehr auf dem Boden, keine Gardine an den Fenstern, kein Bild an der Wand. Schränke, Sessel, Couch, Tische alles Fehlanzeige. Nur im Schlafzimmer standen noch zwei große Reisekoffer und so eine Pilotentasche herum."

"Mehr nicht?"

"Doch, natürlich", höhnte sie plötzlich "im Bad noch ein halb voller Wäschekorb, eine Zahnbürste und ein Handtuch."

"Na prima. Und in der Küche noch ein eingebauter Kühlschrank, wie?"

"Woher weißt du?"

"Lenzer schluckt gern und viel", tippte Kramer auf gut Glück.

"Stimmt. Eine volle und eine leere Flasche Champagner und zwei Gläser auf der Spüle."

"Die Flasche aus dem Kühlschrank habt ihr Hübschen brav ausgetrunken."

"Na sicher doch. Soll ich dir ganz genau beschreiben, was wir dann gemacht haben?"

"Nein, danke, ich kann es mir so in etwa vorstellen."

"Hätte ich nicht gedacht."

"An deiner Stelle würde ich nicht übermütig werden. Lenzer hat sich auch Geld bei anderen gepumpt, und die sind selten so friedfertig gestimmt wie ich." Zum ersten Mal huschte so etwas wie Angst über ihr Gesicht.

"Am Morgen hat er mich früh von der Matratze geschubst; er hätte noch viel zu erledigen. Und prompt klingelte es Sturm ... nein, er hat den Öffner gedrückt und wenig später die Wohnungstür geöffnet ... nein, ich war noch im Schlafzimmer, er hatte die Tür einen Spalt offen gelassen und ich hab' eine aufgeregte Frau gehört: 'Guten Morgen, Uwe, ich wollte mich wegen gestern' und dann hörte ich ihn fürchterlich stöhnen: 'Was willst du denn hier?' Das klang so, dass ich dachte, er will sie unbedingt loswerden und deshalb habe ich ihm geholfen, bin vom Schlafzimmer ins Bad gelaufen."

"Nackt?"

"Na klar doch. Es sollte doch sofort helfen. In der Wohnungstür stand die weißblonde Brillenschlange vom Abend vorher, die Hysterische mit der zerstörten Brille und sie kreischte auch gleich los: 'Uwe, ist diese Schlampe über Nacht hier bei dir gewesen?' Und er ganz trocken: 'Aber ja, du wolltest ja nicht.' Mehr habe ich nicht gehört, weil ich die Tür zum Bad hinter mir zugeschmissen hatte. Als er ins Bad kam, habe ich ihn gefragt, wer das war, aber hat nur kurz gesagt: 'Eine aufdringliche Bekannte von früher.' Etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde später klingelte es wieder. Da saß ich in der Küche bei einer Tasse Pulverkaffee und er machte die Küchentür hinter sich zu.

"Hast du verstanden, was er draußen redete?"

"Nein, es wurde zwar laut, aber ich habe kein Wort richtig verstanden. Ich habe nur gehört, dass zweimal eine Zimmertür zugeknallt wurde. Als er nach zehn Minuten oder so in die Küche zurückkam, zog er ein langes Gesicht und knurrte mich an. Erst diese hysterische Ziege und jetzt noch meine Ex, die kann den Hals auch nicht voll kriegen. Wie gut, dass ich die bald für immer los bin und dass es Anwälte gibt. Oder so ähnlich. Dann hatte er es plötzlich furchtbar eilig und wollte mich unbedingt loswerden, ging in das Schlafzimmer und kam mit einem Schein zurück: 'Für das Taxi'. Nein, nein, guck nicht so, er wollte mich unbedingt schnell aus der Wohnung raushaben, hat sich noch meine Telefonnummer notiert und versprochen, er würde am Nachmittag anrufen. Was der Saftarsch natürlich nicht getan hat, und ich hatte zwei guten Kunden seinetwegen abgesagt. Na schön, ich habe mich ins Taxi gesetzt und bin nach Hause gefahren. Als sich Lenzer gegen 18 Uhr immer noch nicht gemeldet hatte, habe ich Benno angerufen und gefragt, ob er für den Abend eine Aushilfe im Tricolore gebrauchen könnte. Konnte er, also bin ich um 20 Uhr zum Tricolore gefahren und hab dort eine Schicht geschoben."

"Bis wie viel Uhr so ungefähr?"

"Bis gegen 2 Uhr nachts, dann war in dem Schuppen so wenig los, dass Benno alle Frauen bis auf seine zwei Lieblinge nach Hause geschickt hat."

"Lenzer ist an dem Abend nicht ins Tricolore gekommen?"

"Nein, wie kommst du darauf?"

"Ein Kumpel hat ihn noch kurz um 21 Uhr in seiner Wohnung angerufen, und danach war Sense. Kein Lebenszeichen mehr von Uwe Lenzer."

"Du bist aber auch nicht ganz klar im Kopf. Wer leiht einem Typen wie dem Lenzer schon zwanzig Riesen."

"Moment mal", verteidigte sich Kramer. "Er war momentan klamm, stimmt, aber er wollte diese Eigentumswohnung in der Brentanostraße verkaufen und dann hätte er zwanzigtausend Eier mit links abdrücken können."

"Hätte, wenn er gewollt hätte und ehrlich wäre."

Damit hatte Kramer alles gehört, was er brauchte, und stand auf.

"Kann ich mal für kleine Jungs?"

"Die letzte Tür links. Deine fünfzig behalte ich aber."

"Nix dagegen."

Das Bad war überfüllt wie ein Kosmetikladen vor dem Ausverkauf. Kramer fand eine Bürste mit langen blonden Haaren, wickelt drei, die mit der Wurzel ausgerissen waren, in ein Stück Toilettenpapier, steckte das Päckchen sorgfältig ein und bediente die Spülung. Das nannte man einen erfolgreichen Morgen.

Jetzt musste er nur noch herausfinden, wer oder was das Tricolore war, aber das hatte Zeit. Wenn Ilka dort eine Schicht geschoben hatte, wie sie das formulierte, würde es dafür Zeugen geben, und er glaubte auch nicht, dass Jutta Osterkamp dieses ordinäre Stück mit Nicole Jansen verwechselt hatte. Sicher, beide waren superschlank, blond mit langen, glatten Haaren, aber damit hatte sich die Ähnlichkeit auch schon. Ilka griente abschätzig, als er sich verabschiedete, und er verpasste ihr einen kleinen Dämpfer: "Verlass dich nicht auf den Brummbrumm. Den erledigen meine Freunde mit der linken Hand im Vorbeigehen."

Auf der Straße rief er über Handy Bülow an, der sich mit ihm vor der Gerichtskantine verabredete.

"Von Ihrem Wunder habe ich schon gehört", gratulierte Kramer und Bülow schnaufte abwehrend. "Kein Motiv, keine Waffe. Horn war etwas zu eifrig, und das schöne Gritli ging auf sein Spiel nicht ein."

"Oha. Dr. Margarete Uhlendorf? Das ist doch diese sanfte Brünette mit den langen Korkenzieher-Locken und dem Schweizer Dialekt, die so gerne mal mit Ihnen zum Essen gehen würde?"

"Wer zum Teufel verbreitet solch einen Blödsinn?", brauste Bülow auf.

"Sie selber, Herr Dr. Bülow. Nachdem Sie mit ihr über die Einstellung des Verfahrens im Fall Melsen verhandelt hatten."

"Ich ... äh ... ahem ...", der eloquente Bülow stotterte gewaltig, was selten vorkam, hustete und krächzte, bis er gestand. "Man soll doch das Gedächtnis seiner Mitarbeiter nie unterschätzen; wenn Sie es noch wissen, wird mir Gina März die Sache noch mehrfach auf's Butterbrot schmieren."

"Das fürchte ich auch. Also bis zum Sturm auf die Kantinn. Nicole soll, wenn möglich, etwas von ihrem Briefpapier mitbringen, ich brauche von ihr die Schlüssel und eine Vollmacht, ihre Wohnung zu betreten und eine Vollmacht für den Hausverwalter oder den Hausmeister."

"Was haben Sie vor?"

"Etwas, was Sie besser nicht wissen, damit Sie es ehrlich leugnen können, Herr Rechtsanwalt."

"Na schön, bis nachher also."

Um diese Zeit hatte auch Alfred geöffnet, Kramer setzte sich an den Tresen, bestellte ein Bier und legte Alfred die Bilder vor. Uwe Lenzer erkannte er auf Anhieb, "kam früher häufig", wollte aber Stein und Bein schwören, dass Lenzer seit Monaten sein Lokal nicht mehr betreten hatte, und bei Nicole winkte er energisch ab. Nie gesehen. Wäre ihm im Kopf geblieben, so ein hübsches Weib, wirklich schade, war nie hier gewesen.

Kramer stellte sich vor die Tür und rief bei der Hohbarg Druckmaschinen GmbH an. Ja, Uwe Lenzers Sekretärin saß an ihrem Platz, stellte sich mit Tamara Schmitz ein und reagierte sehr verwundert.

"Wer sind Sie? Wieso recherchieren, ich denke, dieses blonde Model hat meinen Chef umgebracht."

Kramer musste eine Menge Süßholz raspeln, bis sie einwilligte, ihn nach ihrem Dienst, der um 16 Uhr 30 endete, in der Waage am Alten Markt zu treffen. Sie wollte ein Exemplar der Zeitschrift Druck & Papier neben sich legen.


2. Teil

Weil Bülow ein notorischer "Spätesser" war, hatte Kramer noch Zeit, ins Büro zu fahren und die Protokolle seiner Unterhaltungen mit Sabine Lenzer, Ilka Weyrich, Otto und Alfred zu tippen. Wie üblich war die Ringstraße erbärmlich voll, von Parklücken keine Rede, und Kramer beglückwünschte sich jedes Mal wieder, dass er, als er sein winziges Büro in diesem Kaninchenbau mietete, sich einen Stellplatz in einem der Innenhöfe gesichert hatte. In den vergangenen drei oder vier Jahren hatte der Verkehr geradezu erschreckend zugenommen, und fast alle Kunden, die ihn besuchten, klagten als erstes über die Parkplatznöte rund um das Ruhlandhaus.

Es gab zwar eine Bushaltestelle keine achtzig Meter vom Eingang Nr.6 entfernt, aber wer fuhr heute noch Bus, wenn er ein Auto besaß? Kramer warnte bei telefonischen Verabredungen regelmäßig vor den zwar recht hübschen und chic in Himmelblau uniformierten, aber gnadenlosen Politessen, die auf dem Ring Knöllchen an Falschparker verteilten. Über Jahre hatte es gegenüber dem Eingang Ringstraße Nr.6 einen wilden Parkplatz gegeben, doch der war vor zwei Jahren zugebaut worden, und das moderne, luxuriöse Bürogebäude mit den astronomischen Mieten stand seitdem leer. Wie viele andere Bürohäuser in der Innenstadt auch. Nur Verrückte und Betrüger, die ohnehin nach wenigen Monaten das Weite suchen mussten, konnten sich noch die Mieten leisten, die trotz des Überangebots und Leerstands einfach nicht sinken wollten. Verglichen damit waren die Mieten im Ruhlandhaus noch erschwinglich. Dafür sah der Backsteinbau aber auch aus, als müsse er endlich einmal von Grund auf renoviert und saniert werden.

Was auch pausenlos, in Etappen, geschah. Keine Woche, in der nicht irgendwo gehämmert, geklopft, gebohrt, gesägt, gestrichen oder verputzt wurde. Doch alle Arbeiten führten nur dazu, dass der Bau aus den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von Mal zu Mal schäbiger und verkommener wirkte. Wer sich hier eingenistet hatte, zählte nicht zu den Erfolgreichen seines Gewerbes. Das traf auch auf die Privatdetektei Rolf Kramer zu. Aufgang Mitte-links (ML), 1. Stock (1), rechter Flur (r), Zimmer 001, ein Raum, gerade mal um die 25 Quadratmeter groß, plus Toilette, plus Abstellkammer, mit einer Art Garderoben-Nische in dem schmalen Flur, und ein Fenster auf den Lichtschacht, den die Hausverwaltung hartnäckig einen "ruhigen Innenhof" nannte, um die Miete zu rechtfertigen.

Anielda hatte einen Kunden, an ihrer Türklinke baumelte das rote Hotelzimmer-Schildchen "Bitte nicht stören". Sie beantwortete in ihrem "Institut" auf der anderen Seite des Flures Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis. Die Wissenschaft bezog sie aus einem Studium der Psychologie, das sie freilich aus für Kramer unerfindlichen Gründen nie mit einem Examen abgeschlossen hatte; er vermutete mittlerweile: aus panischer und sie total lähmender Prüfungsangst. Wenn es gewünscht wurde, veranstaltete sie auch den üblichen Hokuspokus mit Handlinienlesen und Kartenlegen oder stieg in ein unförmiges, schwarz glänzendes Zeltgewand und stierte bei Kerzenlicht verzückt in ihre Kristallkugel. Kramer hatte ihr zu Weihnachten einen ausgestopften Raben geschenkt, der sich ganz leicht auf ihrer Schulter befestigen ließ; doch soweit wollte sie es nicht treiben. Das gute Stück landete auf einem Trödelmarkt. Bei Anielda war weniger Weitblick als Geduld gefragt. Denn die meisten Kunden behaupteten zwar, sie wollten etwas über ihre Zukunft erfahren, hatten in Wahrheit jedoch Last und Probleme mit der Gegenwart.

Weil Anielda gut und geduldig zuhören konnte, auch nicht oder nur halb ausgesprochene Sätze richtig verstand, lief es in den meisten Fällen darauf hinaus, dass die Kunden ihr Herz ausschütteten und für diese Erleichterung zahlten. Seit Anielda Kramers Rat gefolgt war, sich vorher schriftlich bestätigen zu lassen, dass sie keine Garantie für ihre Prognosen übernehme und das Honorar ins Belieben der Kunden stellte, hatte der frühere ärger mit den Unzufriedenen aufgehört; wer zu ihr kam, löhnte in der Regel reichlich, aber es kamen nicht genügend Mühselige und Beladene, weshalb Anielda stets in Geldnöten steckte.

Deswegen setzte Kramer sie gelegentlich auf Honorarbasis zu Beschattungen und Überwachungen ein, wenn ihr uraltes Auto ausnahmsweise einmal lief und nicht in der Werkstatt stand. Manchmal brauchte Kramer auch eine Partnerin, um als Ehemann aufzutreten oder eine Schwester vorzuführen: Auch für solche Aufträge war Anielda immer zu haben. Sie hatte einen Hang zum Abenteuer, zur Schauspielerei und Boshaftigkeit; sie führte andere Menschen gerne an der Nase herum, erst recht, wenn sie dafür auch noch bezahlt wurde. Das Wort "umsonst" liebte sie gar nicht.

Als sie in die beiden Räume gegenüber einzog, hatte Kramer geholfen, das Türschild anzuschrauben. Sie bedankte sich mit Kaffee, Plätzchen und einer Flasche Cognac, der Kaffee wurde kalt, und als die Flasche fast leer war, versuchten sie, auf ihrer großen, breiten Couch miteinander zu schlafen. In letzter Sekunde wehrte sie ihn in wildem Entsetzen ab, er widerstand der fast übermächtigen Anwandlung, ihr den Hals umzudrehen, und hatte seitdem nie versucht, den Grund für ihre panische Weigerung herauszufinden. Sie hatte ihr Verhalten auch nie erklärt. Dass sie nur wenige Freunde und Freundinnen hatte, wusste er inzwischen, aber sie verbat sich jede Anspielung auf "einsam" oder "lesbisch" oder "frigide". Ihn betrachtete und bezeichnete sie mittlerweile als "Freund", wobei sie ausgesprochen boshaft und anzüglich grinsen konnte, und er schätzte sie, als Büronachbarin, gelegentliche Gehilfin bei seinen Aufträgen und geduldige Zuhörerin, wenn er nicht weiterkam oder sich im Gestrüpp seine Ideen verrannt hatte. Außerdem hatten sie Schlüssel getauscht, für Wohnungen und Büros, und auf Anieldas Sorgfalt und Umsicht durfte Kramer sich hundertprozentig verlassen.

Vor einsamen Sonntagen in ihrer scheußlichen Altbauwohnung fürchtete sie sich, und wann immer es das Wetter erlaubte, fuhren sie am Wochenende nach Dreschbach in das Thermalbad. Dort röstete sie in der Sonne oder drinnen im Solarium, belästigte ihn alle halbe Stunde mit einer großen Cremetube oder Cremeflasche und weigerte sich, die Wörter "Hautkrebs" und "Ozonloch" in ihren Wortschatz aufzunehmen.

Sie hatte ein hübsches, lebhaftes Gesicht und eine attraktive Figur, die jeden Mann, auch ihn, in Versuchung führte, doch nach dem verunglückten Sex-Aktion, der ihre Freundschaft begründete, beschränkte er sich darauf, sie und ihre knappen Bikinis allenfalls zu bewundern, was sie nicht störte, und gelegentlich Komplimente über ihr Aussehen zu machen, wonach sie wie eine zufriedene Katze schnurrte.

Auf Kramers seltene Freundinnen reagierte sie mit einer heftigen, fast hysterischen Eifersucht, die er nicht begriff. Anielda musste man hinnehmen wie das Wetter. Man konnte sich dem anpassen, es aber nicht verändern.

Neben Anielda residierte Dr. Harald Posipil, der seine gut belegten Brötchen als "Ahnenforscher" verdiente, im hinteren der beiden Büros auf der linken Seite des kurzen Flügels, erster Stock, Hofseite. Kramer hatte belustigt aufgelacht, als er nach vielen Monaten Posipils Arbeitsraum zum ersten Mal betrat. Entlang der Wände standen acht Ölbilder auf dem Boden, eines prächtiger als das andere, würdevolle Damen und Herren, die eine gewisse Ähnlichkeit aufwiesen, aber gleichwohl so aussahen, als würden sie das lieber verleugnen. Sie rochen alle gewaltig nach frischer Ölfarbe.

"Großartig", lobte Kramer spontan, und Posipil verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

"Findest du?"

"Und die Rahmen erst!"

"Ja, die sind wirklich alt. Soballa heißt die Familie, aus Hinterpommern, bessere Kreise, behauptet der Ururenkel."

"Was macht der?"

"Der macht in Gummi. Handschuhe, Kondome und Flaschendichtungen. Schwimmt in Geld und hat nun entdeckt, dass ihm die reputierliche Vergangenheit fehlt."

"Hast du sie gefunden?"

"Teils teils." Posipil grunzte ärgerlich. "Er hat Abschriften aus Kirchenbüchern mitgebracht. Vom „Ariernachweis“ im Dritten Reich, behauptet er. Nun ja, ich muss ja nicht alles glauben, was man mir so erzählt. Und Photos hatte er auch dabei, weißt du, ich hab' lieber nicht so genau hingeschaut."

Man musste ihn schon längere Zeit kennen, um zu begreifen, dass Posipil kein Scharlatan war, sondern nur ein grenzenloser Zyniker.

In seinem früheren Leben, wie er es selbstironisch abtat, war der promovierte Historiker ein "ordentlicher" Mensch gewesen, Landes-Beamter im Höheren Archivdienst, vielleicht etwas zu sehr in seine Arbeit und seine Akten versponnen. Denn eines Tages verließ ihn ohne Vorankündigung seine Frau wegen eines anderen Mannes, eines "richtigen Mannes", wie sie Posipil in ihrem Abschiedsbrief kränkte, den er eines Morgens auf dem Frühstückstisch fand, stilgerecht an die Kaffeekanne gelehnt. Der Schlag warf Posipil aus der Bahn, er quittierte den Staatsdienst, verkaufte das kleine Häuschen und zahlte für die zurückgelassene Tochter Eva im voraus das Schulgeld bis zum Abitur im Internat Marientor und für den Violinunterricht, gondelte als Späthippie durch die Südsee und tauchte eines Tages so unvermutet wieder auf, wie er aus der Stadt verschwunden war.

Seitdem betrieb er Ahnenforschung, seriös, wenn es gewünscht wurde, phantasievoll, wenn man ihn dafür ausreichend bezahlte. Mit verträumtem Gesicht hockte er vor seinen Computern und recherchierte in Datenbanken rund um die Welt herum, er kannte sich in Archiven, Dokumentationszentren, Bibliotheken und Behörden aus, war bei der Presse geduldet, unter Fachleuten anerkannt und bei Behörden gefürchtet, weil er wusste, wie man Zugangssperren und Sicherungen amtlicher Dateien überlistete und sich dort so heimlich wie gründlich und unbemerkt informierte. Weil er aber verlernt hatte, sich selber ernst zu nehmen, konnte ein Ururenkel Soballa bei ihm Ölbilder längst verstorbener und nie fotografierter Ahnen bestellen, auch das besorgte Posipil unbewegten Gesichts, und der nicht gestorbene Profi in ihm sorgte dafür, dass der Firnis auf den Ölportraits bei jeder Prüfung als alt und echt durchging. Wofür Menschen Geld, sogar viel Geld auszugeben bereit waren, wussten und schätzten sie beide, schließlich lebten sie davon.

Eva Posipil studierte Geige an der Musikhochschule, hatte nach dem Examen ihr erstes Konzert mit Bravour und Erfolg absolviert und versuchte gerade, einen Produzenten zu einer CD-Aufnahme zu überreden. Sie hatte einige heute kaum noch bekannte Zeitgenossen von Louis Spohr entdeckt, deren Konzerte, wie sie behauptete, durchaus eine Renaissance verdienten. Kramer teilte diese Meinung nicht unbedingt, für ihn endete die hörenswerte Musik mit Moscheles und Mendelssohn, aber mit Eva Posipil konnte man so wunderschön über Musik streiten. Wenn es ernst wurde, holte sie ihren Bogen aus dem Kasten und drohte mit Schlägen.

"Was willst du heute von mir?"

"Nur eine Auskunft. Wer oder was ist das Tricolore?"

"Ein Puff der gehobenen Preisklasse. In der Landsbergstraße. Sehr teuer, sehr diskret."

"Danke, das war's schon."

Das Gute an Posipil war, dass er nur neugierig wurde, wenn man ihn dafür bezahlte. Alles andere interessierte ihn einfach nicht, das vergaß er auch postwendend.

Die vierte Mieterin auf dem Flur, Margarete Freifrau von Achenbach, weißhaarig und beträchtlich über 80, gleichwohl noch gesund, lebhaft und beweglich, hielt zu den drei anderen Mietern mit leicht indignierter Miene Abstand. Aber sie besaß eine klitzekleine Schwäche, nämlich für süße Liköre nach alten Rezepten, und nach drei oder vier Gläschen schmolz ihre Abwehr dahin, dann erzählte sie mit unerwartetem Sarkasmus von ihren Kunden, die in ihrem Studio für Mode und Gesellschaft lernen wollten, wie man eine Hummerzange benutzte, mit welchem Besteck man zu essen anfing, welches Glas für welches Getränk bestimmt war, welches Getränk man zu welchem Fisch oder Fleisch servierte, was ein Cocktailkleid von einer Abendrobe unterschied und welche Grenze der optischen Freizügigkeit man bei einem Kleid für die Oper nicht überschreiten sollte, was man zu einer kirchlichen Trauung anzog. Diese Erzählstunden pflegten äußerst vergnüglich zu verlaufen, erst recht, wenn das sonst etwas steife adelige Fräulein von den großen Familiengütern im heute polnischen Schlesien oder dem kleineren, längst enteigneten Gut ihrer Mutter in Thüringen zu schwärmen begann, auf dem sie so gerne ihre letzten Tage verbringen würde. Der Bräutigam war auf der Fahrt zum Standesamt tödlich verunglückt, alle älteren Brüder waren im Krieg gefallen oder durch Bomben umgekommen, der Vater, den sie nie kennen gelernt hatte, war nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet worden, nein, auch sie hatte ihr Päckchen zu tragen. Natürlich hatte sie die Zuverlässigkeit mit Schöpflöffeln gefressen, und deshalb konnte man sie immer, wenn auch mit riesigem Anlauf, um einen Gefallen bitten, der prompt und zuverlässig erledigt wurde. Und ganz tief in ihrer Seele musste ein Gran Anarchismus schlummern: Wenn Kramer eine leidgeprüfte Großmutter oder das ruinierte Opfer eines skrupellosen Betrugs brauchte, um jemanden zu beeindrucken oder einen Verdächtigen weich zu kochen, übernahm sie auch solche Rollen. Doch für fünf Minuten Auftritt benötigte Kramer fünfzig Minuten Überredung, und deshalb beschränkte er solche Ansinnen auf das unerlässliche Minimum.

Posipil verstand sich besser mit ihr, weil er, auch schon grauhaarig, in der Rolle des höflichen "jungen Mannes" auftrat. Anielda schlug dagegen einen großen Bogen um Margarete von Achenbach, die Anieldas in der Tat sehr tiefen Ausschnitte gelegentlich als "unsittlich" rügte und immer gern die Geschichte eines Schweriner Herzogs erzählte, der verbot, bei Bällen und Feiern die Galerie des Festsaals zu betreten: Die Herren sollten nicht von da oben in die üppigen Dekolletes der Damen schauen können. Anielda hatte sich beim ersten Mal sehr über diese Zurechtweisung geärgert und Kramer später gefragt: "Kannst du mir verraten, warum die Damen damals solche Kleider angezogen haben, wenn sie nicht auf männliche Blicke spekulierten?" Der "junge Mann" Posipil hatte dagegen an Anieldas Ausschnitten und weiten, wippenden Miniröcken nicht auszusetzen, im Gegenteil, und die beiden verstanden sich privat immer ausgezeichnet, wobei offen blieb, bis wohin dieses Verstehen reichte.

Trotz aller kleineren Spannungen hielt "der Flur" zusammen. Das tat auch Not; in dem Kaninchenbau von Kontorhaus waren viele und auch zweifelhafte Existenzen untergekrochen. Posipil sagte immer, man müsse den Bau Zeit seines Lebens nie verlassen: von Gynäkologen und Hebammen bis zum Bestattungsunternehmen war in der Tat alles vertreten. Heiratsvermittlung, Schwangerschaftsgymnastik, Ärzte, Apotheke, eine Künstleragentur sehr dubiosen Rufes, Kreditbüro, Restaurant und Schnellimbiss, Copyshop oder Botendienst das Bürohaus war ein perfekter Mikrokosmos, und neben ehrlichen Erfolglosen tummelten sich eben auch skrupellose Betrüger in dem Backsteinbau. Keine Woche ohne Bauarbeiten und Einrespektiven Auszüge.

Vor zwei Jahren hatte Kramer von Posipil einen alten Computer gekauft, weil der Büromaschinenhändler ihn gewarnt hatte, für seine geliebte alte mechanische Schreibmaschine gebe es keinen Ersatzhebel mehr für das defekte, weil häufig gebrauchte "e", und außerdem verkaufe er Kramer gerade die letzten noch erhältlichen Farbbänder.

Notgedrungen stieg Kramer auf einen Computer um, Posipils Maschine war noch völlig intakt, aber der Ahnenforscher war ein eiliger Mensch, obwohl seine Objekte nicht mehr fortlaufen konnten sein seriöses, grauhaariges äußeres täuschte mächtig und kaufte sich immer größere und vor allem schnellere PCs. Der Preis für seinen 486er war vertretbar und Posipil fühlte sich immer noch für das alte Stück verantwortlich; wenn Kramer wieder einmal durch Fehlbedienung und unheilbare Dusseligkeit abgestürzt war, eilte Posipil schräg über den Flur zu Hilfe, entwirrte außerdem Papierstaus im Drucker und trug verbale Kriege mit der Telekom oder dem Provider wegen gestörter DSL- und e-Mail-Verbindungen aus. Alles in allem war es ein sehr günstiger Kauf gewesen, vor allem, wenn man die kostenlose Pannenhilfe und den Tag- und Nacht-Service dazurechnete.

Auch Anielda profitierte von diesen Annehmlichkeiten des Alltags. Sie hatte geschickte Hände und füllte sehr routiniert und vergleichsweise sehr preiswert leere Farbpatronen für Tintenstrahldrucker auf. Das hatte sich mit Kramers und Posipils Hilfe herumgesprochen, der auch elektronische Sperren zu umgehen verstand, so dass Anielda ein bescheidener Nebenverdienst zufloss, wenn mal kein Bedarf nach Antworten auf Zukunftsfragen bestand.

Kramer hatte manchmal den leisen Verdacht, dass Anieldas Neigung zu Posipil nicht nur auf finanzieller, drucktechnischer Basis beruhte, aber er war zu stolz, einen der beiden direkt zu fragen.

Die beiden Protokolle waren rasch getippt. Kramer legte eine Akte an, druckte aus, was er getippt hatte von wegen: papierloses Büro und machte sich auf den Weg zum Amtsgericht. Bülow wartete schon und strahlte über das Gesicht wie ein Honigkuchenpferd. Seine gute Laune überdauerte sogar das fade und fleischarme Kantinenstandardessen "Pichelsteiner Eintopf".

"Nein", bedauerte Kramer nach Bülows fragendem Blick. "Keine neuen Chéries. Aber erzählen Sie erst einmal vom Wunder des nicht erlassenen Haftbefehls."

"Bello Horn hat überzogen. Er hat so getan, als seien ein unbekanntes Motiv und eine fehlende Mordwaffe nur lästige Kleinigkeiten, die man leicht reparieren könne. Und bei meiner Frage, wie Nicole nachts aus dem dunklen Wald bei strömendem Regen vom Niedenstein in die Stadt zurückgekommen sei, rutschte ihm heraus: 'Was geht mich das an?'."

"Oh je."

"Das Gritli wurde fuchsteufelswild. 'Es sollte Sie aber etwas angehen, Herr Oberkommissar.' Und als sie statt des Namens Horn den Dienstrang gebrauchte, wusste ich, dass wir gewonnen hatten. Gritli hat nicht mir zuliebe so entschieden, sondern aus Wut über Horn."

Dr. Margarete Uhlendorf stammte aus Bad Ragaz in der Schweiz, hatte einige Semester in München Jura studiert und dort noch vor ihrem ersten Staatsexamen einen deutschen Kommilitonen geheiratet.

Nicht verloren hatte sie bis heute einen Anflug ihres Dialekts, was im Verein mit ihrem Geburtsort, ihrem Vornamen und dem Thema ihrer Dissertation: "Die Rolle der Frau bei der Rechtsfindung einer direkten Demokratie während des 19. Jahrhunderts" aus Margarete das "Gritli" machte. Kramer hatte bei einer langen und ereignislosen Beschattungsfahrt einen Feuilleton-Essay über Johanna Spyri gehört und sich beim Gritli ewige Bewunderung erworben, als er den Inhalt der Sendung ausführlich wiedergeben konnte. Gritlis Hochachtung nahm ab, als er den Fehler beging, die politische Ausrichtung der Neuen

Zürcher Zeitung als liberal und den Sonderbundskrieg als Theaterveranstaltung zu bezeichnen. Das Gritli war katholisch und fuhr gerne nach Luzern.

"Das Schlimmste haben wir damit offenbar abgewendet. Und diese Fußverletzung mit dem Gips kam natürlich wie gerufen." Bülow vermochte ein unglaublich harmloses Gesicht zu schneiden, er konnte kein Wässerchen trüben, er doch nicht, und Kramer war völlig unsicher, ob Bülow nicht auf die Idee gekommen war, dass Nicole und Tante Merle, unter Umständen mit Ideen und tatkräftiger Hilfe der tüchtigen Bürovorsteherin Gina März erfolgreiches Theater inszeniert hatten oder ob er wirklich davon überzeugt war, dass ein glücklicher Zufall respektive Unfall zu Hilfe gekommen war. Besser nicht daran rühren.

"Ich habe hier Haare dieser Ilka. Ich finde, Bello Horn sollte sie mit den Haaren vergleichen, die seine Leute in Lenzers Wohnung gefunden haben."

"Prima." Bülow rieb sich die Hände. "Und was machen Sie heute Nachmittag?" Gina klagte manchmal bewegt über ihren Sklaventreiber, was Kramer im Moment gut verstand.

"Ich bin vor unserem Treffen heute Abend mit Lenzers Sekretärin verabredet."

"Ich drücke Ihnen und uns die Daumen."

"Warum eigentlich hat im Tageblatt oder in der Landeszeitung und erst recht im Morgenecho keine Zeile über den Mord an Lenzer und den Leichenfund am Niedenstein gestanden?"

"Das würde mich auch interessieren. Ich habe nicht daran gedreht, wenn Sie das meinen."

Als Kramer das Gerichtsgebäude verließ, kam ihm noch eine Idee. Er fuhr in die Brentanostraße und fand tatsächlich eine Klingel für eine Souterrainwohnung, R. Motte, Hausmeister. Motte öffnete nach dem dritten Läuten. Er war groß, breit, unrasiert, schlecht gelaunt und duftete nach Schweiß und noch mehr nach Bier. Als Kramer ihm sagte, dass er ihm ein paar Fragen stellen möchte, lehnte Motte sofort ab: "Nix!"

"Na schön, dann laden wir Sie vor."

"Was soll das heißen?"

"Sie sind ein wichtiger Zeuge in einem Mordfall. Wenn Sie mit mir nicht reden wollen, wird mein Auftraggeber, ein Rechtsanwalt, Sie von der Polizei vorladen lassen."

Das gefiel Motte gar nicht und Kramers recht freie Auslegung der Rechtsvorschriften durchschaute er nicht. Er massierte sich das stachelige Kinn und starrte Kramer tückisch aus kleinen Augen an.

"Was willst du denn wissen?"

"An wen hat Lenzer seine Wohnung verkauft?"

"Sie heißt Irene Stolten, eine Ärztin am Frankenplatz."

"Und wo hat Lenzer seine ganzen Sachen aus der Wohnung abgestellt?"

"Was soll das heißen?"

"Die Wohnung ist doch schon so gut wie leer geräumt." Motte musterte ihn erstaunt.

"Woher weißt du denn das?"

"Von der Kripo", log Kramer dreist. Es konnte nicht schaden, diesem Bierfass etwas Scheu einzuflößen.

"Wieso abstellen? Lenzer hat doch alles verkauft. Stück für Stück."

"Na siehste, das war für heute schon alles. Ging doch glatt, was?"

"Mach, dass du vom Acker kommst, du Clown." Das hörte sich sehr selbstsicher an, aber Kramer bezweifelte, dass sich Motte so sicher und so stark fühlte. Dass Kramer sich so gut mit der Kripo stand, missfiel Motte sicht- und hörbar.

Im Wartezimmer fühlte sich Kramer unter den missbilligenden und aufgebrachten Blicken der Frauen äußerst unbehaglich. Zum Glück musste er nicht lange warten und kassierte sofort den unvermeidlichen Spott der jungen, ansehnlichen und sportlichen Ärztin. "Wenn Sie wissen wollen, ob Sie Ihre Freundin geschwängert haben, müssen Sie die junge Dame schon mitbringen."

"Das geht nicht."

"Wieso geht das nicht?"

"Ich habe keine Freundin." Irene Stolten schnitt eine ungläubige Grimasse.

"Was wollen Sie dann bei einer Frauenärztin?"

"Mich erkundigen. Nach der Wohnung, die Sie in der Brentanostraße 26 gekauft haben."

"Sind Sie vom Finanzamt, Herr Kramer?"

"Nein. Ich bin Privatdetektiv und arbeite zur Zeit für einen Anwalt, der die junge Frau vertritt, die den Vorbesitzer Ihrer Wohnung ermordet haben soll."

"Was?! Lenzer ist tot?"

"Zwei Schüsse in die Brust. Am vorigen Samstagabend."

"Mich laust der Affe. Wie gut, dass wir alle Formalitäten beim Notar bereits erledigt haben."

"Warum hat Lenzer verkauft?"

"Er wollte aus der Stadt verduften."

"Und wohin?"

"Das hat er mir nicht gesagt. Ich hatte den Eindruck, er wollte heimlich ins Ausland verschwinden."

"Aus einem bestimmten Grund?"

"Wahrscheinlich. Den hätte ich vielleicht erfahren, wenn er sein Knie ruhig gehalten hätte, als wir nach dem Notartermin ein Glas Wein getrunken haben."

"Er war ein gewaltiger Schürzenjäger."

"Ein geiler Hurenbock war er. De mortuis nil nisi bene."

"Sie meinen, das Wort 'Hurenbock' würde Lenzer als gut und angemessen empfinden."

"Na ja, als lobend-präzise Erwähnung dessen, was ihn in seinem Leben wirklich beschäftigt hat."

"Gut möglich. Frau Dr. Stolten, hat Lenzer mal was von seinen Nachbarn erzählt?"

"Nur pauschal. Im Parterre zwei junge Ehepaare, immer noch voll beschäftigt mit ihrem frischen Elternglück und der Aufzucht von netten, aber lautstarken Jung-Terroristen. Auf seiner Etage gegenüber eine eiserne Jungfrau, sehr hübsch, aber frigide. Das sagte er gerade, als sich sein Bein vorarbeitete. In meinen Ohren klang es genau so, wie der Fuchs von den sauren Trauben spricht."

"Die angeblich Frigide pflegte ihn nur das Stinktier zu nennen."

"Ein hervorragender Name."

"Und von den beiden Parteien im dritten Stock hat er nichts erwähnt?"

"Nein. Der eine ist Mediziner, ein Chirurg an der Unifrauenklinik, den ich beruflich ganz gut kenne. Der andere besitzt mehrere Lokale, die nicht so reputierlich sind wie der OP einer Frauenklinik."

"Aha. Befindet sich zufällig das Tricolore darunter?"

"Woher wissen Sie?"

"Frisch geraten."

"Herr Kramer, es befördert Ihren Ruf nicht, zumindest nicht bei mir, wenn Sie solche Etablissements näher kennen."

"Von näher kann keine Rede sein. Woher kennen Sie es denn?"

"Ich hatte schon einige dreifarbige Mitarbeiterinnen in meiner Praxis."

"Und hier und jetzt beginnt die ärztliche Schweigepflicht?"

"Aber ja! Erzählen Sie mir etwas über die Umstände, unter denen der forsche Uwe verblichen ist?"

"Gerne, aber bitte nicht jetzt. Ich brauche Anschriften und Namen, bin deswegen gleich mit Lenzers früherer Sekretärin verabredet."

"Rufen Sie mich mal an, wenn Sie wieder Zeit haben? Ich bin neugierig und muss ja nicht mehr auf Wohnungssuche."

Sie tauschten ihre Karten.

Tamara Schmitz schien ein nettes, harmloses Wesen zu sein, ganz hübsch, aber etwas farblos und unauffällig, sie trug Jeans, ein hellgraues Shirt und rote Laufschuhe mit rot-weiß geringelten Söckchen, Kramer schätzte sie auf erste Hälfe zwanzig und hielt sie nicht für unbedarft, aber einigermaßen unerfahren, auch noch eine Spur naiv. Sie hatte ein rundliches Gesicht mit blauen Kulleraugen, ihre Haare waren von einer undefinierbaren hellen Farbe und wirkten irgendwie ausgewaschen. Die Frisur erinnerte ihn an die früher einmal beliebte Methode Topf, den die Mutter ihren Jungens aufsetzte; was unter dem Rand hervorschaute, wurde mit der Stoffschere radikal abgeschnitten. Kein Nagellack, nur eine Spur Lippenstift. Aber sie hatte eine angenehme Stimme und machte auf Kramer den Eindruck einer zuverlässigen und aufrichtigen jungen Frau.

"Seine Wohnung ist schon verkauft?" Tamara staunte Kramer an, das hatte sie nicht gewusst. Und dann von diesem tollen Model erschossen, das ihm gegenüber in der Brentanostraße wohnte?! Lenzer hatte ihr mehr als einmal von Nicole Jansen vorgeschwärmt, aber, wenn sie es genau überlegte, nie so getan, als sei sie für ihn erreichbar. Und Uwe Lenzer bevorzugte Frauen, die man rasch erobern und ebenso leicht wieder fortschicken konnte. Ja, auch Nutten oder Callgirls oder Hostessen bestimmter Agenturen. Ex und hopp, das war sein Motto. Verwandte? Tamara legte die Stirn in Falten. Wenn überhaupt, dann gab es einen Bruder Bodo, der seit Jahren auf Mallorca lebte. Nein, eine Anschrift oder eine Telefonnummer hatte sie nicht. Uwe sprach auch nicht gerne über seinen Bruder. Angeblich waren sie seit der Schulzeit miteinander verkracht, was sie Tamara nicht so recht glaubte. Das Zerwürfnis war später eingetreten, als beide längst im Beruf standen. Der Chef hatte sich nämlich gewaltig gewundert, als eines Tages ein dicker Brief von Bodo in der Firma eintraf. Weil unübersehbar privat, persönlich und vertraulich draufstand, hatte sie ihn nicht geöffnet, nein, sich auch den Absender nicht gemerkt. Lenzer hatte den Brief auch behalten und wahrscheinlich mit nach Hause genommen, bei ihr in der Büro-Ablage war er jedenfalls nicht gelandet.

"Was können Sie mir über Freunde und Freundinnen sagen?"

Er sah ihr süßsaures Gesicht und verbesserte rasch: "Gute Bekannte."

"Da gibt es nicht viele. Vielleicht Martin Seydahn." Sie buchstabierte den Familiennamen. "Die beiden kennen sich vom Segelfliegen in Majonda. Wenn ich mich nicht irre, besitzen sie gemeinsam ein Segelflugzeug."

"Fein. Und sonst noch?"

"Albert Höffgen vielleicht. Er hat wie der Chef ein Segelboot in Scholten auf dem Velstersee. Höffgen wohnt in Stadtausa. Und dann noch eine Cordula, nein, einen Familiennamen hat er nie genannt, aber oft gespottet: 'Die große Cordula und die kleine Belinda'."

"Wer ist diese Belinda?"

"Wenn ich das richtig verstanden habe, Cordulas jüngere Schwester. Nein, auch von Belinda weiß ich keinen Nachnamen. Wenn sie im Büro angerufen und nach dem Chef gefragt hat, brauchte sie immer Geld. Der Chef hat sie mal seinen hübschen Blutegel genannt."

"Hat sie oft angerufen?"

"Ich schätze, alle drei, vier Monate. Und dann war es immer sehr dringend, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnte oder ein Besuch der Gerichtsvollziehers drohte."

"Wenn Sie sich an Belindas Stimme erinnern, eine jüngere oder ältere Frau?"

"Ziemlich jung." Sie sah Kramer von der Seite an. "Ich weiß schon, was Sie jetzt denken. Gerade jung genug, um dem Chef zu gefallen? Und gerade alt genug, dass er sich nicht strafbar machteja, das habe ich auch gedacht. Belinda hätte wohl gut in die lange Reihe seiner Eroberungen gepasst."

"Hat Lenzer Ihnen mal was von seinem tödlich verunglückten Sohn Timo erzählt?"

"Nein." Sie schluckte. "Ich wusste gar nicht, dass er mal einen Sohn gehabt hat."

"Gab es unter den vielen kurzfristigen Freundinnen nicht eine, mit der er längere Zeit zusammen war?"

Jetzt lachte sie spöttisch: "Doch, mit der 'weißen Hexe'."

"Wie bitte?"

"Sie ist eine Zauberkünstlerin, die bei Festen und Veranstaltungen und im Varieté auftritt und nennt sich die weiße Hexe Jana. Lenzer hat sie auf einem Betriebsfest der Hobarg kennengelernt, bei dem diese Hexe aufgetreten ist."

"Einen Namen oder eine Anschrift kennen Sie nicht?"

"Nein, leider nicht. Sie war sehr geschickt und hat viel Beifall bekommen. Ich glaube, dass der Chef sofort hinter ihr her war, weil sie so ein weißes, sehr durchsichtiges Schleiergewand trug."

"Und eine gute Figur hatte", zwinkerte Kramer ihr zu.

"Natürlich, darunter hat Lenzer nicht getan. Mir hat er mal so im Spaß gesagt, wenn er auswandern müsste, würde er die Hexe gerne mitnehmen."

Mehr Namen erfuhr Kramer nicht. Ein zweiter Besuch bei Sabine Lenzer war wohl nicht zu vermeiden.

"Wie hat sich Lenzer eigentlich mit seinen Kompagnons vertragen?"

"Sehr schlecht. Osterkamp und Schöne konnten ihn zum Schluss nicht mehr ausstehen. Es gab ewig Krach, um verpatzte Termine, um irrwitzige Reisespesen, verkorkste Aufträge und Beschwerden über Lenzers Benehmen in den Firmen, die er besucht hatte."

Weil Kramer Tamara Schmitz erstaunt musterte, setzte sie rasch hinzu: "Die Tür zwischen meinem und seinem Zimmer ist nicht sehr dick."

"Wie meinen Sie das?"

"Wie ich's gesagt habe." Auf ihren Backenknochen erschienen kleine rosa Flecken. Mehr bekam Kramer nicht aus ihr heraus. Sie hatte Lenzer, für den sie anfangs wohl etwas geschwärmt hatte, zum Schluss, wie sie nachdrücklich sagte, nicht mehr leiden mögen und deswegen schien ihm bei ihren Aussagen Vorsicht geboten.

"Kennen Sie Sabine Lenzer?"

"Ja. Wie die Kolleginnen erzählen, kam sie kam früher häufiger ins Werk, um ihren Mann abzuholen, aber dann wurden sie geschieden und sie hat sich bei mir nicht mehr blicken lassen."

"Haben Sie sich mit Sabine Lenzer gut verstanden?"

"Nein, nicht sonderlich. Sie kann sehr unfreundlich sein und sie lügt ziemlich dreist. Uwe äh, der Chef meinte sogar, sie treibe sich herum."

"Was man von ihm nicht sagen konnte?"

Einen Moment starrte sie ihn völlig perplex an, dann schaltete sie mit einiger Verspätung und lachte verkrampft.

Tamara log sicher nicht bewusst, aber wegen ihrer Abneigung gegen Lenzer neigte sie wohl zu Übertreibungen. Und plötzlich hatte sie es eilig. "Entschuldigung, ich muss gehen. Ich habe noch eine Verabredung, und es ist schon spät."

Kramer glaubte ihr nur knapp die Hälfte, aber er konnte sie nicht zwingen, länger mit ihm zu reden. Deswegen drückte er ihr seine Karte in die Hand, und sie versprach: "Wenn mir noch etwas einfällt, rufe ich Sie an."

Das glaubte er ihr zwar auch nicht, sagte aber nichts. "Ach, bitte noch eine Frage. Hat Ihr Chef eine Waffe besessen?"

"Ja, eine Neun-Millimeter-Bettina."

"Wie bitte?"

"So heißt, glaub' ich, der Hersteller."

"Sind Sie sicher? Hat er nicht gesagt: Ein Neun-Millimeter-Beretta?"

"Richtig, ja, das war der Name."

"Wissen Sie, wo er die Waffe aufbewahrte?"

"Immer im Handy-Verschlussfach seines Wagens."

"Haben sie die Pistole mal in der Hand gehabt?"

"Ich? nein, nie. Ich habe Angst vor Waffen."

"Und Lenzer?"

"Der schoss gerne und auch gut, der hat sogar mit der Beretta oder 'meiner Betty' geprahlt."

"Warum hat er die Waffe immer bei sich gehabt?"

"Er hat behauptet, er sei einmal nachts auf einem Parkplatz überfallen und ausgeraubt worden."

"Das klingt so, als hätten Sie ihm das nicht geglaubt."

"Nein, dass er vermöbelt worden war, konnte man ihm noch ansehen. Aber ich denke, das war ein gehörnter Ehemann oder ein wütender Freund, kein Räuber."

"Und die Waffe war immer geladen?"

"Ja, das hat er gesagt. Und außerdem hatte er sich ein Reservemagazin besorgt. Das lag auch immer geladen in dem Fach. So, Herr Kramer, jetzt muss ich aber wirklich gehen." Sie stand auf und ging rasch zum Ausgang. Kramer, der ihr ungeniert nachstarrte, fand, dass sie eine nette Figur hatte und den eleganten Hüftschwenk gut beherrschte, für einen Uwe Lenzer vielleicht nicht aufregend genug, aber doch für einen netten gleichaltrigen Freund. Lenzer besaß also eine Waffe ... Wo war die geblieben?

Damit waren die Überraschungen des Tages noch nicht beendet. Auf dem Flur vor seinem Büro lauerte ein Mann in zerrissenen Jeans und mit langen, fettigen Haaren, der sich sofort auf ihn stürzte. "Bist du Rolf Kramer?"

"Und wer sind Sie?"

"Ich heiße Anton Hummel."

"Der Brummbrumm", rutschte Kramer heraus.

"Von wegen, du Arsch."

Hummel holte weit aus, etwas zu weit und etwas zu umständlich, was Zeit kostete. Als er zuschlug, konnte Kramer sich in aller Ruhe bücken. Hummel hatte Pech. Seine Faust verfehlte Kramers Kopf und traf mit voller Wucht den Türrahmen, was dem Holz weniger schadete als Brummbrumms Fingerknöcheln. Er brüllte auf und wollte zutreten.

Aber auch dem Tritt konnte Kramer ausweichen. Der Schuh fräste eine Kerbe in den Verputz, und nachdem Hummel ein zweites Mal aufgebrüllt hatte, fragte Kramer ihn spöttisch, ob er seinen Werkzeugkasten holen sollte. Es sei doch äußerst schmerzhaft, mit bloßen Händen das Büro einzureißen. Hummel sah ihn wild an. "Das wirst du mir bezahlen, du Arschgeige. Und lass die Finger von meiner Ilka, sonst knallt's wirklich."

"Ich will nichts von Ilka", versicherte Kramer schnell. "Und wenn, dann löhne ich dafür wie jeder andere Kunde auch." Hummel brummte ungläubig, merkte selbst, dass er hier nichts weiter ausrichten konnte, und verzog sich ohne jeden weiteren Kommentar. Als Zuhälter würde er es nicht weit bringen, aber vielleicht als "Weghalter".

Hatte er auch Lenzer aufgefordert, den üblichen Preis zu zahlen? Was Lenzer, der schon Ilkas Bierfilze ausgelöst hatte, bestimmt nicht gefallen hätte.

Kramer ging ins Büro und macht sich an seine neben dem Warten zweite Lieblingsbeschäftigung Berichte und Protokolle zu schreiben. Der Fliegerkamerad Seydahn war wegen der ungewöhnlichen Schreibweise leicht im Telefonbuch zu finden und Kramer verabredete sich mit ihm für Samstagvormittag auf dem Flughafen Majonda, der leider gut vierzig Kilometer ?östlich lag.

Das Quartett erschien pünktlich auf die Minute. Bülow marschierte vorneweg, gefolgt von Merle Brandenbusch, die ihre bezaubernd humpelnde Nichte Nicole Jansen stützte. Gina schloss die kleine Prozession ab und zwinkerte Kramer so vertraulich zu wie noch nie zuvor. Es half ihr nicht viel. Ihr Dauerverehrer Rolf war heute wie geblendet und verschlang halb verzückt, halb betäubt Nicole mit den Augen. Sie spürte seinen Blick, drehte kurz den Kopf zu ihm und lächelte. Das verschlug ihm fast den Atem, er bekam kein Wort heraus und rang nach Luft, bis sich Bülow endlich räusperte. "Nicole Jansen Rolf Kramer." Nicole hatte ein Paar alte Jeans geopfert und das linke Hosenbein aufgeschnitten, um Platz für einen unförmigen Gipsverband zu schaffen. Kramer war zwar von ihrer Erscheinung geblendet, aber doch immer noch ein Privatdetektiv. Deshalb überlegte er, wer im Zeitalter der orthopädischen Schienen und glasfaserverstärkten Kunststoffe auf die Idee gekommen war, einer jungen Frau mehrere Kilo Gips ans Bein zu hängen. Aus optischen und nicht aus medizinischen Gründen? Tante Merle waren solche Überlegungen ohne weiteres zuzutrauen. Nicole hätte in einem Kleid aus Putzlumpen herumlaufen können und wäre dennoch überall zur schönsten Frau gewählt worden. Trotz ihrer kummervollen Miene. Sie sah aus, als habe sie noch vor kurzer Zeit heftig geweint und könne auch jetzt noch nicht die trüben Gedanken verscheuchen. Dass Kramer sie so unentwegt anstarrte, störte sie zwar nicht direkt, gefiel ihr aber auch nicht sonderlich, man sah förmlich, wie sie sich in ein Schneckenhaus zurückzog.

"Willst du uns keinen Platz anbieten?", brach die praktische Gina endlich das Schweigen, das peinlich zu werden drohte.

"Was ... Platz ... natürlich ... bitte!"

Seine Besucherstühle waren absichtlich nicht arg bequem, wer zu ihm kam, sollte sich kurz fassen, schnell einen Vertrag unterschreiben und dann wieder das Weite suchen.

"Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?" Alle lehnten ab und Kramer stellte das Tonband auf den Schreibtisch. Bülow räusperte sich. "Bis jetzt gehen wir davon aus, dass Lenzer am Samstag eine blonde Freundin, die er bei den Osterkamps nur als 'Chérie' vorstellte, bei sich hatte, eine Blondine, die Nicole wahrscheinlich ziemlich ähnlich sieht. Rolf Kramer versucht, diese Frau zu finden. Bitte, erzählen Sie doch mal!"

Kramer berichtete, wie und wo er Ilka Weyrich aufgetrieben hatte, bis hin zu dem unerfreulichen Auftritt ihres "Beschützers" Anton Hummel, genannt der Brummbrumm.

"Ist eine Verwechslung mit Nicole möglich?", wollte die praktische Merle wissen.

"Nein, ausgeschlossen!" sagte Kramer entschieden. "Und selbst wenn Ilka hat höchstwahrscheinlich für den Samstagabend ein Alibi, das ich allerdings noch nachprüfen muss. Und eine andere passende Chérie ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Frau Jansen, wann haben Sie Lenzer zum letzten Mal gesehen?"

"Sagen Sie doch Nicole zu mir ..."

Das Luder von Gina begann sofort breit, aber auch eine Spur anerkennend zu grinsen. Bülow rieb sich erstaunt das Kinn, bevor er schmunzelte, nur Merle Brandenbusch hustete zustimmend. Schließlich hatte Kramer drei Aufträge zu ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt, schien also in punkto Recherchen der richtige Mann für ihre Nichte zu sein.

"Okay, gerne. Können Sie sich noch erinnern, wann das war?"

"Ja, am Samstag. Kurz nach Mittag. Weil es so stark regnete, konnte ich schlecht joggen, deswegen bin ich in das Schwimmbad im Keller gegangen, um ein Paar Runden zu schwimmen. Als ich mit dem Aufzug zurückfuhr, stiegen Lenzer und eine Frau im Erdgeschoss zu. Sie trugen eine Henkelkorb mit Deckel zwischen sich."

"Wofür denn das?"

"Ich weiß es nicht, der Deckel saß fest auf dem Korb, aber der war nicht leicht, ich habe sie beobachtet, wie sie im ersten Stock ausstiegen und ganz nett tragen mussten."

"Die beiden sind dann in Lenzers Wohnung gegangen?"

"Ja."

"Kannten Sie die Frau?"

"J ein. Ich bin sicher, dass ich sie schon einmal gesehen habe, und bei der Gelegenheit wurde auch ihr Name genannt. Aber im Moment steht jemand auf der Leitung, ich komme einfach nicht darauf, wann und wo und wie."

"Aber Lenzer kannte diese Frau?"

"Ja. Sie haben im Aufzug nur wenige Worte miteinander gesprochen, aber sie haben sich dabei geduzt."

"Können Sie die Frau beschreiben?"

"So in etwa. Um die 1 Meter 75 groß, ich würde schätzen, 68, 69 Kilo, kastanienbraune Haare, so in Naturlocken kurz geschnitten. Sie machte einen kräftigen Eindruck, hübsches Gesicht und eine sehr ordentliche Figur. Jeans, Laufschuhe und eine Art orangenfarbiges Regencape."

"Wussten Sie zu diesem Zeitpunkt schon, dass Lenzer ausziehen wollte?"

"Ja. Monika Ritter hatte es mir im Bad erzählt."

"Entschuldigung, wer ist diese Monika Ritter?"

"Die Ritters haben die Wohnung unter mir und ihr Sohn Thomas ist mein Freund."

"Freund?"

"Tommi ist sieben, fast acht Jahre alt und kann für sein Alter ungewöhnlich gut schwimmen und tauchen. Wenn ich ins Bad komme, versucht er regelmäßig, mich zu überfallen und dabei unterzutunken."

"Auch an dem Samstag?"

"Ja. Bei der Gelegenheit hat mir seine Mutter ja von der Eigentümerversammlung erzählt, dass Lenzer seine Wohnung an ein Ärztin verkauft habe und bis zum Monatsende ausziehen wolle."

"Kann die Frau mit dem Wäschekorb die neue Eigentümerin gewesen sein?"

"Gut möglich, aber Lenzer hat sich wie üblich stoffelig gestellt. Er hätte uns doch im Aufzug miteinander bekannt machen können."

"Haben Sie in den vergangenen Wochen bemerkt, dass Lenzer seine Möbel, fast seine komplette Wohnungseinrichtung, schon verkauft hat?"

"Nein, ich bin zu selten in meiner Wohnung. Und Lenzers Wohnung habe ich nie betreten."

"Bestimmt nicht?"

"Warum fragen Sie?" mischte sich Bülow ein.

"Wie ich Bello Horn kenne, wird er jeden Quadratzentimeter nach Nicoles Fingerabdrücken, Haaren und Hautschuppen unter die Lupe nehmen lassen."

"Nein, ich war nie in Lenzers Wohnung", wiederholte Nicole trotzig.

"Ist Ihnen im Aufzug etwas an Lenzer aufgefallen?"

Sie überlegte und schüttelte dann den Kopf. "Nein, nichts."

"Sie sagten, es hätte an dem Nachmittag geregnet."

"Richtig. Sein Mantel war nass und in der freien Hand trug er einen Regenschirm, der ziemlich tropfte."

"Sind die beiden von der Straße hereingekommen oder mit dem Aufzug aus der Tiefgarage?"

Sie musste einen Moment überlegen, bevor sie energisch den Kopf schüttelte: "Das kann ich nicht sagen."

"Wenn Sie so häufig unterwegs sind wer passt denn dann auf ihre Wohnung auf?"

"Es gibt einen zweiten Satz Schlüssel, den gebe ich den Ritters."

"Nicht dem Hausmeister?"

"Nein, bloß nicht, das ist ein saufender Faulpelz, der kümmert sich um nichts. Dann schon lieber Tommi." Sie lachte kurz auf.

"Früher habe ich Blumentöpfe auf den Fensterbrettern gehabt und Tommi meinte, Blumen lebten lieber unter Wasser als zu verdursten.

Ich musste alle wegwerfen."

"Wir brauchen unbedingt diese Chérie", murmelte Bülow, "Horn wird sonst keine Ruhe geben."

"Woher nehmen und nicht stehlen?"

"Reden Sie doch mal mit den Osterkamps und den Schönes. Vielleicht ist einem etwas aufgefallen, was für Sie eine Spur sein könnte."

"Natürlich", knurrte Kramer. "Aber offen gesagt, mein Block ist ziemlich voll."

"Wenn Sie Hilfe brauchen am Geld soll es nicht scheitern", sagte Merle Brandenbusch fest. Sie hatte wahrscheinlich Kramer vor ihrer Nichte so gelobt, dass sie keinen Fehlschlag riskieren wollte.

Kramer schaltete das Bandgerät ab. Merle Brandenbusch unterschrieb den Vertrag und einen vorbereiteten Brief, mit dem Kramer notfalls hausieren gehen sollte die besorgte Tante bat, dem Privatdetektiv Rolf Kramer im Fall ihrer Nichte Nicole Jansen so gut wie möglich zu helfen Nicole unterzeichnete für Kramer die Vollmacht, die Wohnung ohne ihre Begleitung zu betreten, und Gina erzählte von der überglücklichen Mannschaft des Tageblatts, die als einzige Journalisten das Model Nicole Jansen fotografieren und zu dem "albernen Unfall" interviewen durften. Wehling hatte eine gute Wahl getroffen, eine positiv gestimmte Lokalzeitung konnte man immer gebrauchen. Nicole humpelte auch sehr dekorativ, obwohl, wie Kramer kritisch urteilte, der Gips anscheinend nach der alten Bauernregel für Kunstdünger und Pestizide dimensioniert schien: "Viel hilft viel". Er war froh, als das Quartett endlich abzog. An der Tür blieb Merle Brandenbusch etwas zurück und wartete auf Kramer: "Sie nimmt das Ganze schwerer als sie es hier erkennen lässt."

"Wie meinen Sie das?"

"Dr. Bülow hat erfahren, dass Nicole die ganze Nacht in der Polizeizelle nicht geschlafen, sondern nur stillgelegen und an die Decke gestarrt hat."

"Eine schlechte Nachricht habe ich noch", flüsterte Kramer an der Tür Bülow zu, "Lenzer besaß eine Neun-Millimeter-Beretta, die er immer geladen im Handyfach seines Wagens mit sich führte. Plus einem stets gefüllten Reservemagazin. Bello Horn wird behaupten, dass Nicole die Waffe zufällig gefunden hat."

Bülow fauchte gereizt. "Das kann auch jede andere Beifahrerin oder jeder Beifahrer getan haben. Bis jetzt wissen wir nicht, wo Lenzer seine Chérie nach der Abfahrt von den Osterkamps abgesetzt hat."

Kramers Magen knurrte mittlerweile im Akkord und im Gehirn machten sich die ersten Austrocknungserscheinungen bemerkbar. Sein Arbeitstag war lang genug gewesen, jetzt durfte und wollte er abschalten.

In der Handschelle lief der Abendbetrieb langsam an. Das Lokal mit dem sinnigen Namen lag strategisch günstig: Es belegte eine Schmalseite eines langgestrecken Rechtecks, das von den Gebäuden des Amtsgerichts links und des Landgerichts recht gebildet wurde. Von der andern Schmalseite des Rechtecks grüßten die vergitterten Fenster der U-Haftanstalt herüber. Zum Polizeipräsidium spazierte man keine drei Minuten durch eine kleine Grünanlage. Die Kneipe war jahrelang von den Juristen boykottiert worden, vielleicht wegen des Namens Zum fröhlichen Meineid.

Gertrud zapfte eifrig und winkte Kramer flüchtig zu. Vor einiger Zeit hatte sie ihr Germanistikstudium hingeworfen und sich mit einem Freund zusammengetan, der den Fröhlichen Meineid pachtete, in Handschelle umtaufte und mit viel Eigenarbeit renovierte. Während die fröhliche Gertrud fremde Menschen und neue Bekanntschaften liebte, neigte Freund Gerulf zum Grübeln und verkroch sich in der Küche oder im Keller. Zu werkeln gab es immer was, und das Stammpublikum schätzte beide, die lebhafte Gertrud am Zapfhahn und den schweigsamen Gerulf in der Küche, wo er traumhafte Bratkartoffeln zauberte, mit Speck oder Schinken, Zwiebeln, Rührei oder Spiegeleiern.

Holger Weisbart hockte auf seinem Stammplatz am Tresen. Seine zerknitterte Leinenjacke war ursprünglich einmal weiß gewesen und hatte jetzt einen undefinierbar grauen Farbton angenommen. Von Form konnte schon lange keine Rede mehr sein, Holger schleppte Unmengen von Bleistiften, Kugelschreibern, Notizblöcken und Zetteln mit sich herum, dazu Bonbons, Kaugummis, zwei Taschenbuchausgaben der Zivil- und der Strafprozessordnung und ein kleines Diktiergerät; die Minikassetten bewahrte er in der Brusttasche auf. Wer ihm zum ersten Mal begegnete, hielt ihn für ausgestopft. Die immer zu langen Haare flatterten wild um seinen Kopf, und wenn er mit hängenden Schultern durch das Amtsoder Landgericht schlurfte, was er seit fast zwanzig Jahren für das Tageblatt tat, drehten sich viele Besucher mitleidig nach ihm um: Der arme Angeklagte. "Verlottert" beschrieb sein äußeres äußerst schmeichelhaft.

Dagegen grüßten Richter, Staatsanwälte und Verteidiger ihn zwar nicht gerade freundlich, aber mit höflicher Vorsicht. Denn Weisbart kannte keine Freunde und Verwandten, wenn er im Tageblatt zuschlug.

Seit zwei Jahrzehnten trieb er sich in Gerichten herum, ihm spielte keiner mehr etwas vor, und wenn er auf einen zu forschen, weil karrierebedachten Staatsanwalt, einen parteiischen Vorsitzenden oder einen nicht genügend vorbereiteten Verteidiger traf, griff er über Mittag in die Tasten seines Redaktionscomputers, dass es nur so rauchte. Wegen der ehedem weißen Jacke, aber auch wegen seines phänomenalen Gedächtnisses hieß er in Justizkreisen allgemein der "weiße Elefant" und mit elefantenhafter Kraft konnte er auch zutreten. Den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit musste ihm keiner mehr erklären, aber wer das eine fahrlässig handhabte und das andere nicht anstrebte, wurde erbarmungslos angeprangert. Dass der mürrische Holger sich für Menschen und ihre Schicksale ehrlich interessierte, verstanden viele der in seinen Artikeln Kritisierten nicht, und er tat auch nichts, sie davon zu überzeugen. Kramer trank gelegentlich Bier mit ihm, bis Gertrud sie rauswarf, weil sie schließen wollte.

"Na, du Zierde deines Standes, was gibt es Neues?", moserte Kramer ihn an und Weisbart brummte abwehrend. "Nichts Neues, die Gerechtigkeit liegt noch im Winterschlaf und Justitia lässt gerade

ihre Waage reparieren und Ölen."

"Was ist mit deiner Gehaltserhöhung und der Hartleibigkeit deines Chefredakteurs?"

"Unverändert. Duhmen glaubt nach wie vor, ich würde nur noch mehr Geld versaufen und er will meine Leber schonen, weil er mich angeblich schätzt und so schnell nicht auf meine Mitarbeit verzichten will."

"Sagt dir der Name Ilka Weyrich etwas?"

Weisbart nickte: "Zuletzt Diebstahl, Betrug und uneidliche Falschaussage. Zwei Jahre drei Monate, aber ich weiß nicht, ob sie ihre Haftstrafe schon angetreten hat."

"Und das Tricolore?"

"Richtig, da arbeitete sie manchmal. Wenn man das Arbeit nennen darf. Ein schlimmer Schuppen, teuer, aber früher diskret. Wenn du heute prominent und gut betucht bist, wirst du hinterher erpresst, angeblich gibt es über allen Türen Kameras. Wie kommst du darauf?"

"Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit dem Brummbrumm."

"Der ist harmlos."

"Kann sein, aber lästig."

"Du solltest dir deine Kunden besser aussuchen!"

"Das geht nicht immer." Kramer wurde vorsichtig, diese harmlosen Eröffnungen kannte er nur zu gut. Weisbart wünschte Informationen, und eben die konnte und wollte Kramer ihm noch nicht geben. Deswegen aß er schweigend seine Bratkartoffeln und verabschiedete sich schnell. Vor der Tür stieß er mit einem großen, kräftigen Mann zusammen, der nicht daran dachte, sich zu entschuldigen, sondern nur unfreundlich raunzte: "Pass doch auf, du Arsch!"

An Stimme und Diktion erkannte Kramer ihn. Es war der Brummbrumm, der sich noch einmal nach Kramer umdrehte und ihm mit der Faust drohte. Was hatte der Kerl hier verloren?

In der Kornbrennergasse hatte sich wenig verändert. Ein Gerüst war ab- und ein neues aufgebaut worden, und die Stufen in Nummer sieben neigten sich immer noch schwindelerregend nach hinten. Doch im zweiten Stock saß ein schluchzender Mann auf der Treppe und schaute Kramer kreuzunglücklich entgegen. während ihm die Tränen von der Kinnlade tropften. Brummbrumm hatte alle Lust zu Aggressivität verloren und brauchte sichtlich Trost und Zuspruch.

"Was ist denn los?", fragte Kramer sanft und setzte sich neben ihn.

"Man hat sie geschnappt."

"Wer ist sie und wer ist man?"

"Sie" war natürlich Ilka, die geliebte Einzigartige, und "man" waren die gefühl- und rücksichtslosen Bullen.

"Wurde sie denn gesucht?"

"Ja, mit Haftbefehl."

"Und warum das?"

Brummbrumm redete viele Schleifen, und Kramer brauchte mehrere Minuten, um aus ihm herauszubekommen, dass Ilka eine Ladung zum Haftantritt erhalten und nicht befolgt hatte. Und nun war die Teure für mehr als zwei Jahre hinter Gittern weggesperrt. Zu deprimierend.

"Und was ist mit Martina?"

"Was soll mit der kleinen Giftkröte sein?"

"Wer kümmert sich jetzt um die Kleine?"

"Niemand. Die ist groß genug, um selbst auf sich aufzupassen. Martina ist ein richtiges Luder, glaub' mir."

Was sie umgehend auch bewies. Die Wohnungstür wurde aufgerissen, ein kleiner, laut kreischender Irrwisch tobte ins Treppenhaus und stürzte sich auf den überrumpelten Brummbrumm. Der konnte den Stoß in seinen Rücken nicht abfangen, neigte sich nach vorne über die Knie und begann eine artistische Rolle vorwärts-abwärts. Martina, außer Rand und Band, stieß noch einmal zu, Brummbrumm überwand den toten Punkt, beschleunigte und vollführte tatsächlich eine perfekte Rolle vorwärts, es polterte und dröhnte, als sein Holzkopf gegen die Holzstufen knallte. Dann krachten seine Schuhe auf die Stufen, und wenn die in waagerechter Lage gewesen wären, hätte er seine Abwärtsbewegung vielleicht stoppen können. Doch so verlängerten der Schwung der Drehbewegung und die schiefe Ebene der Stufen die einmal unfreiwillig eingeschlagene Bewegung. Brummbrumm rollte weiter, nicht mehr so elegant und zielstrebig auf einer Linie wie bei der ersten Rolle und auch nicht mehr so leise, er brüllte vielmehr wie am Spieß, was ihm nicht viel nutzte, niemand hielt ihn auf, es ging weiter abwärts, wie eine Lawine am Hang, und weil in diesem Altbau die Stockwerke noch beträchtliche Höhen hatten, war Brummbrumm lange genug unterwegs, dass eine Frau im Stockwerk darunter die Wohnungstür öffnen konnte, neugierig auf die Quelle und den Anlass dieses tierischen Gebrülls. Dummerweise blieb sie unter der Tür stehen, Brummbrumm knallte mit Wucht auf den Treppenabsatz, wurde abgebremst und wich deshalb endgültig aus seiner bisher annähernd geraden Ideallinie ab und wurde endlich gestoppt. Und zwar von den Beinen der neugierig zuschauenden Frau, die Schuhe mit abenteuerlich hohen Absätzen trug. Natürlich verlor sie durch den Aufprall ihr Gleichgewicht und kippte mit flatterndem Morgenrock nach hinten in den Wohnungsflur. Dabei geriet sie außer Sicht und Kramer hörte nur noch einen schrillen Schrei, sofort gefolgt von dem Gebrüll einer Männerstimme: "Pass doch auf, du schusselige Kuh!" Das Schicksal rächte diese Beleidigung offenbar umgehend, auch der empörte Mann schien sein Gleichgewicht zu verlieren und nach hinten zu stürzen.

Was diese unfreiwillige Bewegung bremste, war außer Sicht, aber noch in akustischer Reichweite. Der Schrank oder das Regal musste auf jeden Fall Glas enthalten, es klirrte und splitterte gewaltig, wie beim Besuch eines erzürnten Elefanten im Porzellanladen und jetzt schrie die noch am Boden liegende Frau. "Hast du den Arsch offen? Das war das Hochzeitsgeschenk meiner Mutter."

Neben Kramer flüsterte eine junge Frau vergnügt. "Da habe ich ja ausnahmsweise mal was Gutes angerichtet." Martina setzte sich neben Kramer und presste sich an ihn. Sie duftete überwältigend stark nach diversen Parfüms, steckte in einem engen, durchsichtigen Body wie die Wurst in der Pelle und kicherte erbarmungslos. "Das mit dem Brummbrumm war wieder mal zirkusreif, nicht wahr?"

"Hast du keine Angst, dass er dich jetzt vermöbelt?"

"Dazu kommt er gar nicht."

"Woher willst du das wissen?"

"Der Mann in der Wohnung da unten verdächtigt ihn schon lange, dass er was mit seiner Frau hat. Wenn der Brummbrumm das man überlebt ..."

Ihre Sorgen schienen berechtigt. Der Bewohner hatte sich aus den Resten des Hochzeitsgeschenks aufgerappelt und wohl zum ersten Mal Zeit gefunden, sich den merkwürdigen Gast auf der Fußmatte an der Wohnungstür näher anzusehen. "Karla", brüllte er los. "Beeil' dich! Dein Liebhaber ist eingetroffen."

"Du bist ja noch blöder, als die Polizei erlaubt!", schrillte Karla zurück. Brummbrumm schien nicht dieser Meinung zu sein, er hatte sich aufgerappelt und floh von der Wohnungstür weg. Doch er kam nicht weit, der Zornige erwischte ihn noch auf dem Treppenabsatz und versetzte ihm einen mächtigen Schlag zwischen die Schulterblätter. Brummbrumm stand ungünstig, er kehrte seinem Angreifer den Rücken zu und er hatte die nächste Treppe vor sich. Es kam, wie es an diesem Tag kommen musste. Brummbrumm fiel auch diese Treppe hinunter und brüllte erneut wie am Spieß. Was einmal das hämische Wiehern seines Gegners übertönte und zum andern Martinas Schritte auf den Stufen.

Auf nackten Füßen huschte sie leise und geschickt hinunter und warf sich mit voller Wucht gegen den Mann, der daraufhin Brummbrumms Schicksal teilte und mit solchem Gepolter die Treppe hinunterrollte, dass Kramer für die Stabilität des Hauses und der Knochen des Mannes ernsthaft fürchtete. Doch alles schien zu halten, das Gebrüll der beiden Männer verstummte und schließlich stiegen sie fast friedlich nebeneinander hoch. Dabei humpelten sie im Gleichtakt und bewegten sich ausgesprochen steif, so dass die Lust zu irgendwelchen Schlägereien oder Racheakten zumindest momentan vergangen schien.

Der Hochzeitsgeschenkzerstörer warf Martina einen langen Blick zu: "Dich lausige Kröte erwische ich auch noch mal, und dann geht's dir dreckig."

Das forderte Brummbrumms Beschützerinstinkt heraus. "Tu das lieber nicht, Pelle, sonst besuche ich mal ernsthaft deine Frau, wenn du wieder in der Ausnüchterungszelle steckst."

Anschließend seufzte Brummbrumm tief. Das Wort Zelle hatte ihn an das Schicksal seiner geliebten Ilka erinnert. Er legte Martina einen Arm um die Schultern: "Wir werden deine Schwester nicht vergessen, was?"

"Nein, einer muss ja auf dich Tollpatsch aufpassen, wenn Ilka nicht da ist."

"Ist sie nicht süß? Du kannst sie ruhig besuchen, wenn du magst. Alter Tarif, fünfzig Euro, aber nur mit Gummi."

Kramer verriet dem Pärchen nicht, dass er gar nicht böse war, Ilka hinter Gittern zu wissen, so war eine Ladung als Zeugin problemlos zuzustellen. Zwar hätte er gerne eine Unterschrift unter ihre gestrige Aussage von ihr bekommen, aber auch das konnte warten. Er lud Brummbrumm zu einem oder mehreren Schnäpsen ein, aber Brummbrumm, seelisch und körperlich erschüttert, lehnte dankend ab.

Martina grunzte erstaunt. Sie musste fast alle Parfümflaschen aus dem überfüllten Bad über sich ausgeschüttet haben; ihre Person fiel momentan unter das Betäubungsmittelgesetz.

Kramer verließ die Kornbrennergasse mit den besten Wünschen des Brummbrumm und Martinas und fuhr, voller Heiterkeit, ins Büro.

Immerhin hatte er jetzt Zeit genug, sich um die weiße Hexe zu kümmern. Wozu gab es eine Künstleragentur im Ruhlandhaus?

Schon lange bezweifelte er, dass es bei Madame Brüchi, Modell- und Schauspieler-Agentur immer ganz korrekt zuging, aber das beschäftigte ihn nicht wirklich. Das Generalmotto im Ruhlandhaus hieß: "Was schert mich mein Nachbar?" Allein dieser Name Chantal Brüchi. So echt wie ein dreiunddreißig-Euroschein. Doch Chantel, eine verblühte und mit zuviel Alkohol nachbehandelte Schönheit, hatte den großen Vorteil, dass sie fast immer in ihrem kleinen Büro hockte.

Vielleicht besaß sie gar keine Wohnung. Sie begrüßte Kramer mit dem üblichen Hohn: "Guten Tag, Sherlock Holmes. Ist deine Geige kaputt?"

"Die auch. Große Meisterin der Bühnen und Filmwelt, ich brauche einen Namen und eine Adresse."

Statt einer Antwort streckte sie die offene Hand aus. Ihr Normal-Tarif betrug fünfzig Euro. Also löhnte er schweren Herzens, verzichtete wie üblich auf eine Quittung: "Die weiße Hexe Jana."

Madame Brüchi kicherte enttäuscht. Sie hatte sich eine kompliziertere Recherche in ihren Bilderund Karteikästen erhofft, die ein Zusatzhonorar rechtfertigte. So war es nur die Sache von einer Minute, bis sie aus einem Kasten ein kleines Päckchen Fotos und Adress-und Werbekarten herauszog. "Bitte sehr. Sie ist sehr hübsch und immer ansehnlich, aber nicht für Kinder unter sechzehn Jahren geeignet." Madame Brüche hatte die Entwicklung der modernen Jugend verpasst.

Anja Belitz, Künstlername Jana, Hafenrand 33/2. Eine Telefon-, eine Faxnummer und eine Mail-Adresse. Er steckte die Werbekarte und mehrere Bilder ein.

"Wenn sie dort wohnt, kann es ihr nicht so schlecht gehen."

"Nein", bestätigte Chantal Brüchi neidisch. "Sie hat im Moment gut zu tun."

"Ich muss eine Feier für einen Kollegen organisieren. Warum haben Sie gesagt, sie sei nichts für Jugendliche unter sechzehn?"

"Sie trägt auf der Bühne immer ein weißes, aber sehr durchsichtiges Schleiergewand und nicht viel darunter."

"Das lenkt natürlich von ihren Hände ab."

"Sie haben es auf Anhieb erfasst, Sherlock Holmes. Der Kandidat bekommt hundert Punkte und ein Stück Kolophonium."

Dr. Christian Bülow saß am Schreibtisch und schien über eine Unterbrechung ganz froh, ganz anders als Gina: "Halt den Chef bloß nicht von der Arbeit ab, der Schriftsatz muss morgen mittag beim Oberlandesgericht sein." Bülow wollte sich dagegen eine Pause gönnen: "Ja, die Haare habe ich an Bello Horn weitergegeben. Er war gar nicht erfreut. Aber er weiß, dass er sie zum DNA-Vergleich weitergeben muss. Und was treiben Sie heute sonst noch so?"

"Eigentlich wollte ich von Ilka eine Unterschrift unter diese Aussage holen. Doch die Dame war bereits von der Polizei geschnappt worden."

Bülow las Ilkas Geschichte sehr aufmerksam. "Na ja, wenn wir eine Unterschrift oder eine persönliche Aussage brauchen, wissen wir, wo wir die Dame antreffen."

Kramer erzählte von den Treppenkunststücken Pelles und des Brummbrumm. Bülow wurde neidisch, "warum passiert mir nicht mal so was? Ich sitze stattdessen über trockenen Akten und versuche im Moment herauszufinden, in welchem Umfang Urteile des Reichsgerichts aus der Zeit vor 1939 heute noch Gültigkeit haben."

"Wie aufregend", bedauerte Kramer ihn aufrichtig. "Ich fahre jetzt mal nach Rodenfels und werde ein ernstes Gespräch mit meiner Auftraggeberin und ihrer hübschen Nichte führen."

"Ach, Herr Kramer", warf Bülow schnell ein. "Noch auf ein Wort. Man hat ja so manchmal seine Quellen und Beziehungen!"

"In der Tat."

"Zu den etwas reiferen Damen, mit denen ich manchmal eine Tasse Kaffee trinken gehe, gehört auch eine ältere Hauptmeisterin aus dem Frauenflügel des Polizeigewahrsams im Präsidiums ..."

"Sie wollen für Gina prophylaktisch gut Wetter machen?"

"Das werde ich Gina erzählen, Sie Lästerer." Kramer zuckte die Achseln.

"Ludovica so heißt sie tatsächlich hat mir am Telefon verraten, dass meine Mandantin in der Nacht, die sie im Polizeigewahrsamverbringen musste, kein Auge zugetan hat, sondern die ganze Nacht regungslos da gelegen ist und zur Decke gestarrt hat."

"Sie hat es also nicht so einfach weggesteckt, wie sie behauptet hat."

"Richtig. Und ich dachte immer, Nicole sei hart im Nehmen."

"Sehr gut, ich werde vorsichtig sein."

"Haben Sie meine Mandantin schon im Tageblatt bewundert?

"Nein." Es war ein riesiges Buntfoto, auf dem Nicole mit Gips und Krücken ihr "Bin ich nicht ein nettes und armes Mädchen?"-Gesicht machte. Zu blöd, um eine Treppe hinunterzugehen so beschrieb sie den "Unfall" auf den drei Stufen von der Veranda in den Garten ihre Tante Merle hinunter. Und der Verfasser der Bildunterzeilen hatte es nicht nur geschluckt, sondern mit Mitleidstränen in der Schreibe auch neben das Bild gesetzt, das die Aufschlagseite des Lokalteils zierte. "Eine wirklich hübsche Mandantin haben Sie da", lobte Kramer versonnen.

"Nicht wahr? Und wenn Sie schon einmal vorsichtig von Fettnapf zu Fettnapf wandern, erkundigen Sie sich doch bitte mal, ob die beiden Damen Nicole und Merle früher schon mit Bello Horn zusammengestoßen sind. Er hat da zwei Bemerkungen gemacht, die mich ziemlich irritieren."

"Auch das ist im Honorar enthalten."

"Tschüss, Herr Kramer."

Gina nahm kein Blatt vor den Mund: "Gut, dass du endlich verschwindest. Andere Leute müssen arbeiten."

"Du hast doch nicht vergessen, dass ich dich unendlich liebe?"

"Nein, nein, aber nicht hier und nicht jetzt."

Auf der Fahrt nach Rodenfels machte Kramer einen Umweg, fuhr am Haus der Osterkamps im Schellingweg vorbei und drückte auf die Stoppuhr, um herauszufinden, wie lange "Chérie" und Lenzer von dort zum Niedenstein unterwegs gewesen wären. Jetzt, bei Tageslicht und trockenen Straßen, brauchte Kramer 23 Minuten. Der Niedenstein war ein von Regen, Wind und Wasser rund geschliffener Buckelfelsen, der recht unvermutet mitten auf einer freien lehmigen Fläche lag, die als Parkplatz genutzt wurde. Wer hier bei Dunkelheit und strömendem Regen einen Wagen mit einer Leiche abstellte, durfte eigentlich hoffen, dass Auto und Toter erst in der Woche darauf entdeckt

wurden. Wer rechnete schon mit Botanik-Freaks, die am Sonntagmorgen durch kalte, nasse Wälder stapften!? Die Frage, wie Chérie von hier in die Stadt zurückgekommen sein sollte, war nur zu berechtigt, und wenn Bello in seiner Überheblichkeit einen Gedanken an dieses Thema verschwendet hätte, wäre ihm aufgefallen, dass er sich eine vernünftige Antwort hätte ausdenken müssen.

Rodenfels lag im Südosten, ein kleines Nest, in dem früher ein Fronhof und ein Zehnthaus der städtischen Bischöfe gestanden hatten, die Merle Brandenbusch gekauft und zu einer Werkstatt, einem Lager und einem Wohnhaus umgebaut hatte. Kramer hatte bei seinem ersten Besuch die Gebäude ausgiebig und auch neidisch besichtigt.

Hinter dem Wohnhaus und dem langgestreckten Wintergarten an der Veranda, von der die "Unglücksstufen" in den Garten führten, erstreckte sich eine von Maulwürfen und Wühlmäusen heimgesuchte Wiese, die in ein Feld mit Streuobstbäumen überging. Irgendwo klopfte ein Specht geduldig und lautstark. Als Kramer um die Hausecke bog und den Tisch auf der Veranda ansteuerte, stemmte sich Nicole aus einem Sessel hoch und kam eilig auf ihn zugehumpelt; dabei strahlte sie über das ganze Gesicht: "Du, mir ist was eingefallen, was ich dir unbedingt erzählen muss."

Kramer hatte sich noch nie dagegen gesträubt, von einer hübschen Frau unvermittelt geduzt zu werden. Deswegen sagte er nichts, sondern schaute auf Merle Brandenbusch, der das "Du" nicht entgangen war; sie verschluckte ein Lächeln.

"Und was ist dir wieder eingefallen?"

"An dem Samstag, an dem das alles passiert ist, bin ich doch mit dem Aufzug aus dem Schwimmbad hochgefahren, und im Parterre sind das Stinktier und eine Frau zugestiegen, die zwischen sich einen Henkelkorb trugen.

"Ja, und weiter?"

"Diese Frau war die letzte, die mich bei dieser blödsinnigen Parade als Chérie identifiziert hat. Dieser kleine Angeber hat ihr gesagt: 'Lassen Sie sich Zeit, Frau Osterkamp, und sie hat geantwortet: 'Nicht nötig, Nummer drei'. Das war ohne jeden Zweifel die Frau, die mit dem Stinktier und Henkelkorb in den ersten Stock hochgefahren ist."

"Du bist ganz sicher?"

"Hundertfünfzig pro."

Das musste er erst einmal verdauen. Es setzte sich an den Tisch und ließ sich stumm von Tante Merle Kaffee eingießen. Sie setzte die Kanne ab, schob ihm den Süßstoff hin und murmelte: "Mir ist auch etwas eingefallen, Rolf. Ich hatte es fast vollständig verdrängt. Wir sind diesem Hornochsen schon einmal begegnet. Nicole war erst drei und kann sich natürlich nicht mehr daran erinnern. Aber ich umso besser. Horn leitete damals die Ermittlungen gegen den unbekannten Mörder meiner Schwester Hilke, Nicoles Mutter."

"Was?" Es verschlug Kramer die Sprache. "Nicoles Mutter ist ermordet worden?"

"Ja, von einem Einbrecher, der ein Fenster eingeschlagen hatte und abends eingestiegen war. Hilke war wie fast jeden Abend schwimmen und hatte nichts gehört, als sie aus dem Schwimmbadkeller hochkam, hat sie den Mann überrascht, der hat nach einem Kerzenständer gegriffen und sie erschlagen. Er ist dann mit seiner Beute geflohen, mein Schwager, der sehr spät aus der Firma nach Hause kam, hat Hilke gefunden und die Polizei alarmiert. Dieser Horn hat dann die Ermittlungen geleitet. Dann kannte ich ihn, aber ehrlich gesagt, er war damals ein so unangenehmer Kerl, dass ich sein Gesicht gerne vergessen habe. Er hat mich darauf angesprochen, ob ich nicht die Schwester der ermordeten Hilke Jansen sei."

"Hat man den Mörder später geschnappt?"

"Nein. Man hat einen Verdächtigen festgenommen, aber der besaß ein Alibi, so dass man ihn wieder freigelassen hat. Für den Mord ist noch keiner angeklagt oder verurteilt worden."

Kramer schüttelte ungläubig den Kopf. Es kam etwas dicke heute, fand er. Und eigentlich hatte er keine Lust, mit Merle Brandenbusch darüber zu diskutieren. Er brauchte erst sichere Fakten.

"Nur eine Frage, Merle. Wissen Sie noch, wie der Mann hieß, den man verdächtigt, später aber wieder freigelassen hat?"

"Tut mir leid, ich kann Ihnen nur seinen Spitznamen nennen, der ist haften geblieben. Er wurde nur Pete Pedalo genannt."

Kramer trank noch mehrere Tassen Kaffee, flirtete mit Nicole Jansen und erzählte mit Merles Genehmigung die Fälle, die er für die Tante gelöst hatte. Nicole gab sich schwer beeindruckt. Majonda lag an die vierzig Kilometer im Nordosten und war nur über schmale, kurvenreiche Straßen zu erreichen. Vor dem großen Hangar parkten mehrere Dutzend Autos, Kramer sah allerdings kein Flugzeug am Himmel und hörte auch keine Motorwinde jaulen. Also waren die Besitzer der Segelflugzeuge wohl noch mit dem Frühjahrsputz beschäftigt. Zum Glück war Seydahn allgemein bekannt und man schickte ihn auf Anhieb in die richtige Halle. Als er sich dem Flugzeug näherte, stieg ein Mann aus dem Cockpit und schaute ihm neugierig entgegen.

"Herr Seydahn? Guten Morgen, mein Name ist Rolf Kramer, wir haben wegen Uwe Lenzer miteinander telefoniert."

"Richtig. Guten Morgen, Herr Kramer, ich möchte nur eben mein Werkzeug ablegen.“

Martin Seydahn schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf: "Umgebracht? Von einer seiner Miezen?" Sie standen vor einem schneeweißen Segelflugzeugrumpf. Die abgenommeneme Traflächen lehnten an der Wand der Halle. Seydahn hatte im Cockpit und einem kleinen Stauraum irgendwelche Elektronikgeräte ausgewechselt. Sie genossen die durch das geöffnete Tor hereinfallende fahle Sonne am ausnahmsweise wolkenlosen Himmel. Sogar der kalte Wind hatte sich beruhigt.

"Sieht ganz so aus. Können Sie mir etwas über Lenzers Freundinnen und Verhältnisse sagen?"

"Wenig. Er riss gerne Frauen auf. Im Lokal, hier im Club-Restaurant, auf der Straße, im Kino, im Park, wo auch immer. Und das machte er offenbar sehr geschickt und erfolgreich."

"Ich habe mir sagen lassen, dass er es besonders auf Blondinen abgefahren ist."

Seydahn nickte gelassen. "Je blonder, aber vor allem, je jünger, desto besser. Und je schneller er sie wieder abschieben konnte, desto lieber waren sie ihm. Kennen Sie seine Ex-Frau?"

"Ja."

"Mit der Schwarzhaarigen verstand Uwe sich ausgesprochen schlecht. Zum Schluss war das der reine Hass zwischen den beiden. Fragen Sie mich jetzt aber nicht, warum. Das muss eine uralte Geschichte gewesen sein, die er mir nie erzählt hat."

"Wenn er so fleißig von Bett zu Bett wechselte, hat er nie für die Folgen seiner Verhältnisse zahlen müssen?"

"Er hat immer gesagt, nein."

"Sagt Ihnen die Redensart 'Die große Cordula und die kleine Belinda' etwas?"

"Ja, Cordula verdammt, jetzt hab' ich den Nachnamen vergessen -, ist eine Schauspielerin, von den Theaterkritikern zur besten Schauspielerin des Jahres gewählt worden ..."

"... war der Familienname Marholt?"

"Genau, richtig, ja, Marholt. Belinda ist die jüngere Schwester und lebt hier in der Stadt."

"Was hat oder hatte Lenzer mit Cordula und Belinda Marholt zu

tun?"

"Das wollte er mir nicht erklären. Er hat nur mal gestöhnt, dass er für beide löhnen müsse, ohne was dafür zu bekommen. Später, nach seiner Scheidung, als er mit der wirklich intensiven Jagd auf Blondinen begann, hat er nur mal gewarnt: Martin, hüte dich vor Frauen, die ihre pechschwarzen Haare nachfärben. Und vergiss nie die Wahrheit: Die Brünetten lösen ein, was die Blondinen versprechen."

"Ich will Ihnen mal erzählen, wie er seine Ex auch nach der Scheidung immer noch ärgerte. Er muss eine gewisse Summe Unterhalt zahlen, die genaue Höhe kenne ich nicht. Sagen wir mal, sie beträgt monatlich 333 Euro. Dann hat er manchmal nur 300 Euro überwiesen und Sabine musste wegen der 33 fehlenden Euros mit ihm am Telefon kämpfen. Und dann überwies er nur 30 Euro. Oder es verlief auch umgekehrt. Er überwies 33 Euro und 'vergaß' die 300 Euro. Sabine explodierte jedes Mal. Es muss tolle Szenen am Telefon gegeben haben. Bis sie zum Schluss einen Anwalt einschaltete."

"Kennen Sie zufällig dessen Namen?"

"Nein, tut mir leid."

"Hat er mal was von einem Bruder Bodo erwähnt?"

"Einmal, so weit ich mich erinnere. Da hatte er bei einer harten Landung ziemlich viel Bruch erzeugt und stöhnte mit Blick auf die Reparaturkosten 'Der Bodo hat es doch vernünftiger gemacht.'"

"Was sollte das heißen?"

"Das hat er nicht verraten. Ich habe ihn zwar gefragt, da meinte er nur, Bodo habe mit seinem Immobilienunternehmen auf Mallorca das große Glückslos gezogen. Hätten Sie Lust, ein halbes Segelflugzeug in bester Qualität zu kaufen? Dieser Vogel hier gehörte zur Hälfte Uwe Lenzer und wer weiß, wer das jetzt alles erbt."

Kramer schüttelte den Kopf. "Keine Zeit und auch kein Geld, leider. Und fliegen kann ich auch nicht. Aber danke für das Angebot. Haben sie Sabine Lenzer einmal persönlich kennengelernt?"

"Ja. Hier in Majonda auf dem Platz. Uwe war mit unserer Maschine losgeflogen und wollte einen Dreiecksflug absolvieren. Sie hat mich mal gefragt, ob ich sie einmal auf eine Platzrunde mitnehmen könne. Dem Ehemann traute sie nicht und wenn sie einen Fallschirm sah, am Himmel oder eingepackt, reagierte sie hysterisch. Aber Uwe hatte meinen Namen genannt und gelobt, ich wäre ein ordentlicher, zuverlässiger Pilot. Sie war noch nie mit einem Segelflugzeug geflogen und war ganz erstaunt, dass ich ihr keinen Fallschirm umschnallen wollte. Es wurde eine ganz normale Platzrunde in einem Schuldoppelsitzer ohne Turbulenzen und bei optimaler Sicht, und ich hatte unterwegs den Eindruck, dass es ihr gefiel. Aber als wir landeten, tat sie so, als habe sie sich da oben zu Tode gelangweilt.

Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich geärgert."

"Sie log wohl gerne und oft."

"Ja, das stimmt." Seydahn schwieg und zupfte an einem Ohrläppchen. Jede Wette, dass er sich aus einem ganz persönlichen Grund daran erinnerte.

"Hat Lenzer mal etwas von seinem Sohn Timo erzählt, der sehr jung tödlich verunglückt ist?"

"Nein, er nicht, aber die Pfeifferin."

"Wer ist denn das?"

"Lenzers Ex heißt mit Mädchennamen Pfeiffer." Kramer schaute Seydahn von der Seite an. Der spürte wohl sein Misstrauen und stöhnte auf. "Na, jetzt, wo der gute Uwe diese Runway verlassen hat und im Sturzflug auf die Hölle zurast, kann ich's ja mal einem gestehen."

"Was gestehen, Herr Seydahn?"

"Dass ich mit Sabine einmal im Bett gewesen bin."

"Da lebte Lenzer noch?"

"Ja, sicher, das war kurz nach der Platzrunde, von der ich Ihnen erzählt habe. Sie hatte wohl gemerkt, dass sie mich mit ihrer Reaktion auf den Flug beleidigt hatte, und erschien ohne Ankündigung in meinem Haus, stellte eine Flaschen Whisky auf den Tisch und fragte, wo sie sich ausziehen könnte, wenn ich in der Zeit die Jalousien herunterließe. Ich kann Ihnen sagen, mir ist die Kinnlade auf meine Schuhe gefallen. Na ja, Einzelheiten interessieren wohl nicht, vielleicht nur, dass sie sich nicht unerfahren angestellt hat. Im Gegenteil, sehr geschickt sogar. Am nächsten Morgen war sie seltsam gesprächig. Uwe und sie würden nicht mehr miteinander schlafen, seit er bei einem Spaziergang mit Timo nicht aufgepasst habe. Der Junge hat sich losgerissen, ist vom Bürgersteig über die Bordsteinkante auf die Straße gefallen, direkt vor einen Bus. Der Fahrer hat noch gebremst, aber es reichte nicht mehr."

"Scheußlich."

"Ja. Und Sabine meinte, der teure Gatte habe nicht aufgepasst, weil auf der anderen Straßenseite sein Traum Cordula lief und er ihr unbedingt zuwinken musste."

Kramer knurrte und Seydahn schaute ihn fest an. "Das war die erste und einzige erotische Begegnung mit Sabine Lenzer. Ich bin ihr später noch einmal auf einer Betriebsleiterversammlung des Mehrkaufs begegnet das ist die Firma, bei er ich meine Brötchen verdiene - bin ihr aber bewusst aus dem Weg gegangen. Was sie nicht gestört hat, sie hat sich unverzüglich einen anderen gekapert. Jetzt dürfen Sie mich hauen: Ich bin davon überzeugt, dass sie es absichtlich so getan hat, dass ich es bemerken musste. Wenn Sie mehr über Sabine und Uwe erfahren wollen, sollten Sie mal mit Sabines bester Freundin reden. Sie heißt Corinna Welden und wohnt in der Abeggstraße. Ich hab sie kennengelernt, als sie Sabine nach Majonda gebracht und während der Platzrunde unten gewartet hat. Eine sehr nette und kluge Frau. Ich habe ein paar Mal versucht, sie zu einem Flug zu überreden, aber sie leidet, wie sie sagt, an panischer Flugangst, macht deswegen auch nur Ferien an der deutschen Küste, die sie mit dem Auto oder der Bahn erreicht." Seydahn brummte missvergnügt.

"Außerdem hat sie eine Bemerkung gemacht, die mir ehrlich gesagt - gar nicht gefallen hat. Sie wäre so oft mit Lenzer auf dem Velstersee unterwegs, dass sie dem Wind prinzipiell nicht mehr traue launisch, kalt, böig, unzuverlässig."

"Lenzer hat ein Boot auf dem Velstersee?"

"Ja. Belinda heisst der Kahn. Erstaunlich groß für eine Person."

"Mit Corinna sind es ja schon zwei."

Seydahn brummte gereizt. "Ich weiß nicht, ob er sie herumgekriegt hat. Er bevorzugte die kurvenreichen Dummerchen. Corinna Welden ist kein Dummerchen, im Gegenteil, und weiß ihre Kurven sehr damenhaft zu verbergen."

"Sagt Ihnen der Name Albert Höffgen was?"

"Der segelt auch auf dem Velstersee, wohnt in Stadtausa und ist ein Gauner im Maßanzug."

"Was meinen Sie damit?"

"Genau das, was ich gesagt habe. Tolle Schale, fauler Kern und gefährlich. Er ist an einer Spedition beteiligt, die viel nach Osteuropa fährt und ich würde mich nicht wundern, wenn er gegen hohe Bezahlung illegal Einwanderere nach Deutschland schmuggelt."

"Woher wollen Sie das wissen?" fragte Kramer, hörbar ungläubig.

"Ich habe doch erwähnt, dass ich bei einem Discounter arbeite. Wir beziehen Ware aus Osteuropa und hatten mehr als einmal Zoll und Kripo im Betrieb, auch wegen Höffgen."

Danach drehte er sich weg, und Kramer begriff, dass Seydahn über Albert Höffgen nichts weiter sagen wollte. Er wusste nichts Genaues über den Spediteur, er wollte nur Zweifel und Misstrauen säen. Auf dem Parkplatz vor dem Hangar wollte Kramer sich eine Pause gönnen. An der Ausfahrt hatte ein fahrbarer Schnell-Imbiss den Betrieb aufgenommen, es roch erstaunlich gut. Doch er saß noch nicht richtig hinter dem Steuer, da bimmelte sein Handy und eine schluchzende Tamara Schmitz flehte Kramer um Hilfe an.

Ein Mann hatte sie in ihrer Wohnung überfallen und verprügelt, weil sie auf seine Frage, wo sich Uwe Lenzer herumtreibe, ehrlich geantwortet hatte, Uwe sei doch tot. Für solche schlechten Scherze habe er gar nichts übrig, hatte der Unbekannte losgetobt und sie regelrecht zusammengeschlagen.

"Wann war das denn?"

"Kurz nach acht. Ich lag noch im Bett, es ist doch Samstag. Können Sie nicht vorbeikommen?"

"Wo sind Sie denn jetzt?"

"In meiner Wohnung, Langenbucher Straße 51." Das war kein allzu großer Umweg, wenn er in sein Büro fahren wollte.

"Okay, ich bin gleich da."

Die Langenbucher Straße war lang und gesichtslos, links und rechts Reihen von vierstöckigen Mietshäusern, die sich nur durch die Hausnummern unterschieden. Die wenigen Linden mussten mit massiven Stahlbügeln geschützt werden, sonst wären sie von Parkern längst umgelegt worden. Auf der Straße brauste pausenlos der Verkehr.

Aufzüge gab es nicht, und Kramer kletterte leise fluchend vier Etagen in einem stickigen Treppenhaus hoch. Warum konnten die Leute nicht lüften? Er hielt es mit dem Spruch: "Lieber im kalten Ozon erfrieren als im warmen Mief ersticken."

Tamara rief ängstlich von innen: "Wer ist da?"

"Ich bin's, Rolf Kramer."

Zwei Schlüssel wurden umgedreht, und eine völlig verheulte Tamara stand bebend und schluchzend vor ihm, nachdem sie die Tür endlich geöffnet hatte. Der Unbekannte hatte gewaltig zugeschlagen, ihr ganzes Gesicht war rotfleckig und verquollen, soweit er das unter dem feuchten Handtuch erkennen konnte, das sie mit einer Hand gegen die schmerzenden Stellen presste, die Nase hatte stark geblutet, die Lippen waren aufgeplatzt. Mit der anderen Hand hielt sie vor der Brust einen dünnen Bademantel zusammen und am Schlüsselbein sah er aufgeplatzte Stellen, die sie zum Teil schon mit einer gelblichen Flüssigkeit überpinselt hatte.

"Ich fürchte, Sie brauchen einen Arzt. Oder ich bringe Sie in die Notfall-Ambulanz eines Krankenhauses."

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, danke. Es tut zwar weh, aber es ist nicht so schlimm."

"Ich weiß nicht, das Nasenbein gefällt mir gar nicht. Haben Sie eine Ahnung, wer das gewesen sein kann?"

"Nein, er hat nichts gesagt, er wollte nur wissen, wo er entweder Uwe oder Uwes Sachen finden kann."

"Uwes Sachen?"

"Ja, so hat er sich ausgedrückt. Und als ich ziemlich dumm fragte, was er denn mit Uwes Sachen anstellen wolle, hat er mir eine lange Geschichte erzählt. Vor ein paar Monaten habe er Uwe, also meinem Chef, viel Geld geliehen, und Uwe habe versprochen, spätestens am vergangenen Wochenende zurückzuzahlen." Kramer verkniff sich ein Grinsen, das kam ihm irgendwie bekannt vor, aber Ilka hatte fünfzig Euro und keine Prügel kassiert. "Für Uwe hatte er Schulden gemacht, bei sehr unangenehmen Typen, und die wollten ihr Geld zurückhaben, andernfalls würden sie sehr eklig und gewalttätig. Wo könnte Uwe denn das Geld versteckt haben? Na ja, wo? In seiner Wohnung, im Keller, vielleicht auf seinem Segelboot, der Belinda, die habe den Winter über in der Marina von Scholten am Velstersee gelegen. Sonst vielleicht in der Firma. Dort gebe es große Keller für alte Akten und gebrauchte Möbel, dorthin verirre sich nie jemand. Die Idee gefiel ihm, und er hat mich gefragt, wo ich die Schlüssel für diesen Keller hätte. Und als ich ehrlich geantwortet habe, dass ich keine Schlüssel besitze, hat er wieder zugeschlagen. Ich habe die Engel im Himmel singen hören und laut gebrüllt, aber er hat einfach nicht aufgehört."

"Haben Sie die Stimme nicht erkannt?"

"Nein."

"Also kein Freund oder Bekannter oder Geschäftspartner?"

"Nein, wenn schon, dann ein Mann, dem der Chef Hörner aufgesetzt hatte. Da hat es früher schon mehrere Zwischenfälle gegeben, auch in der Firma. Aber warum verhaut der mich, wenn ich ihm nicht helfen kann, Uwes Sachen zu finden?"

Diese Aussage musste Tamara eines Tages unterschreiben, damit konnte Bülow seinen Gegner Bello Horn mächtig unter Druck setzen.

"Haben Sie dem Fremden etwas davon gesagt, dass Lenzer schon alles aus seiner Wohnung verkauft hat?"

"Ja, habe ich, und ich dachte, jetzt verliert der blöde Kerl völlig den Verstand und rastet total aus."

"Sagen Sie mal, wusste er denn wirklich nicht, dass Uwe tot ist?"

"Nein. Das habe ich ihn zum Schluss auch gefragt, und daraufhin hat er mir in den Magen geboxt, dass ich hingefallen bin."

Sie legte den Kopf schräg und begann wieder zu weinen, vor Schmerzen und aus Demütigung. Kramer redete ihr wie ein Jahrmarktverkäufer zu, bis er sie so weit hatte, dass sie sich anzog, damit er sie ins Krankenhaus bringen konnte. Sie musste geröntgt werden, ob Rippen oder Schlüsselbein heil geblieben waren. Und nach der Art, wie sie ihre Hände gegen den schmerzenden Unterleib presste, waren innere Verletzungen nicht ausgeschlossen.

Dass sie nach diesem Erlebnis nicht mehr die Entschlusskraft aufgebracht hatte, selbst ins Krankenhaus zu fahren, verstand er gut; sie hatte die Verantwortung auf ihn abgeschoben.

Während sie darauf warteten, dass das CT-Gerät frei wurde, hauchte sie: "Danke, dass Sie mitgegangen sind. Ich habe Angst vor Krankenhäusern."

"Haben sie keinen Freund oder eine Freundin, die Sie anrufen könnten?"

"Mein Freund ist mit meiner besten Freundin abgehauen, nur, weil ich ihm von dieser Hostessengeschichte erzählt habe."

Kramer blinzelte ihr zu. Tamara eine Hostess? Sie war nett, freundlich, normalerweise fröhlich und auch anziehend jung, aber eher hüpfte doch ein Kamel durch ein Nadelöhr. Sie bemerkte seinen belustigt-ungläubigen Blick und fuhr rasch fort: "Das verdanke ich Sabine Lenzer. Sie kam eines Tages ins Büro und fragte mich direkt, ob ich abends ein paar Euro nebenbei und steuerfrei verdienen wolle, als Hostess. Ich sei doch sicher knapp bei Kasse. Ich bin rot geworden und wollte sie rausschmeißen, da hat sie mich fast besinnungslos gequasselt. Das wäre nicht so, wie ich jetzt vielleicht dächte, da würde viel Blödsinn gequatscht. Nein, Kunden seien Männer, die hier einen Kongress oder eine Versammlung oder Konferenz hätten und abends mit einer hübschen Frau ausgehen wollten. Mehr nicht; wenn der Mann mir gefiele, könnte ich ja mit ihm aufs Hotelzimmer gehen, wenn nicht, dann sei an der Hotelbar eben Schluss. Mein Geld für den Abend würde ich von ihr bekommen.

Eine feste Summe, unabhängig davon, wie der Abend mit uns beiden aufgehört habe. Also, heute schäme ich mich, aber damals war ich war neugierig und wollte es wenigstens einmal mitgemacht haben. Der Mann war auch sehr nett, hat mich nicht bedrängt und auch nicht in sein Hotelzimmer eingeladen. Wir waren nett essen und dann in einem Konzert im Schlossgarten. Alles ganz harmlos, aber als ich das Oliver erzählte, ist der vor Wut fast geplatzt. 'Hure, Nutte, Bettwärmerin. Na, wie war es denn mit ihm, bist du auf deine Kosten gekommen? Verdufte, mit so was will ich nichts mehr zu tun haben.'

Dabei ist er mit mir nie essen gegangen oder in ein Konzert. Und meine beste Freundin stand auch gleich parat, den armen Oliver zu trösten, erst unter der Dusche und dann im Bett, wie sie mir später voller Schadenfreude verklickert hat." Tamara hätte noch mehr erzählt, aber eine Schwester kam, um sie zum CT abzuholen.

Kramer verabschiedete sich rasch. Bei der Art von Wunden würden die Ärzte schon die richtigen Schlüsse ziehen und die Polizei verständigen. Doch so lange wollte er nicht warten, er hinterließ seine Büro-Karte und fuhr so schnell wie möglich in die Brentanostraße 26. Nie hätte er das vermutet: Die liebenswürdig-brave Tamara ließ sich auf einen Hostessen-Einsatz ein, aus purer Neugier. Kramer hätte nie behauptet, dass er die Frauen verstehen würde, aber so sehr hatte er sich selten in einem weiblichen Menschen getäuscht.

Man lernte halt nie aus, tröstete er sich. Er hätte Tamara gerne noch gefragt, ob sie ihm die Äußerungen des Fliegerkameraden Seydahn erklären oder bestätigen konnte, aber dazu war sie im Moment wohl nicht in der Lage. Hausmeister Motte murrte: "Du schon wieder?"

"Ja, wir müssen etwas kontrollieren."

"Müssen muss ich gar nichts."

"Müssen musst du sicher nicht, aber vielleicht solltest du besser!"

Rein aus Unruhe und Neugier ließ sich die faule, aber um ihren Job besorgte Motte erweichen, mit Kramer in den ersten Stock zu gehen.

Die Tür zu Lenzers Wohnung war vor kurzem gewaltsam aufgebrochen worden, die Bruchstellen waren noch ganz hell hatte denn keiner der Hausbewohner was gehört? und als Kramer erklärte, er werde die Polizei rufen, schien die Motte seltsam erleichtert, dass ihm die Verantwortung für diese Entscheidung abgenommen wurde. Bello Horn war nicht im Präsidium und Kramer musste beim Diensthabenden lange

Reden schwingen, bis der sich dazu bequemte, Horns private Nummer anzurufen und Bello zu informieren, dass Lenzers Wohnung heute Vormittag aufgebrochen worden sei, nachdem Lenzers frühere Sekretärin von einem Unbekannten, der "Lenzers Sachen" suchte, verprügelt worden war.

Die Streife erschien nach einer halben Stunde, und dann mussten sie noch einmal fast zwei Stunden warten, bis ein wutschnaubender Bello Horn aufkreuzte und sich die Bescherung ansah.

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