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Das Horror-Land Sammelband 2: 12 Gruselromane in einem Paket

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Inhaltsverzeichnis

  • Das Horror-Land Sammelband 2: 12 Gruselromane in einem Paket
  • Copyright
  • Die Bronzemänner
  • Der Henker des Satans
  • Im Bann der Blutblume
  • DAS GOLD DER DÄMONEN
  • TOCHTER DES DÄMONS
  • Die Nacht der Verdammung
  • Die Stunde der Heuschrecken
  • Rache aus dem Reich der Toten
  • Die Herren der Welt
  • Die Raupen greifen an
  • Der Moorteufel
  • Die Plüschbestien

Das Horror-Land Sammelband 2: 12 Gruselromane in einem Paket

Dieses Buch enthält folgende Gruselromane:


Cedric Balmore: Die Bronzemänner

Cedric Balmore: Der Henker des Satans

Cedric Balmore: Im Bann der Blutblume

Cedric Balmore: Das Gold der Dämonen

Cedric Balmore: Tochter des Dämons

Cedric Balmore: Die Nacht der Verdammung

Cedric Balmore: Die Stunde der Heuschrecken

Cedric Balmore: Rache aus dem Reich der Toten

Cedric Balmore: Die Herren der Welt

Cedric Balmore: Die Raupen greifen an

Cedric Balmore: Der Moorteufel

Cedric Balmore: Die Plüschbestien



Als die schöne Mara bei Rocco Crampton vor der Tür steht, beginnt eine grausige Mordserie, deren Spuren immer wieder zu Mara führen. Rocco weiß, dass Mara ein düsteres Geheimnis umgibt, und geht den Dingen auf den Grund. Maras Herr ist der grausame Moorteufel; und der ist nicht bereit, seine Dienerin an Rocco zu verlieren ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

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Die Bronzemänner


Unheimlicher Roman von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.


Ray Guthrie wird von seiner reichen und schönen Klientin Gloria Aldington nach Gloster House bestellt. Bei einem unwetterartigen Regen macht er sich dorthin auf den Weg. Als er dort ankommt, stellt er zu seiner Verwunderung fest, dass die mannshohe Bronzefigur nicht mehr auf ihrem Sockel steht. Doch noch denkt sich Ray nichts dabei. Als er jedoch an der Haustür nach dem schweren Messingklopfer greift, trifft ihn etwas an der Schläfe, knallhart und brutal, und schickt ihn in die Bewusstlosigkeit ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekkerde

postmaster@alfredbekkerde



Die Hauptpersonen des Romans:

Helen Gregg — Studiert die Chronik von Gloster House und entdeckt dabei ein furchtbares Geheimnis.

Ray Guthrie — Stolpert ahnungslos in ein tödliches Verhängnis und wird mit den Werkzeugen des Satans konfrontiert.

Gloria Aldington — Heiratet einen Mann, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat, und muss erleben, wie er ein Opfer der Bronzemänner wird.

Inspektor Pritcher — Gelangt zu der erschütternden Feststellung, dass sich nicht jeder Mord vor einem ordentlichen Gericht sühnen lässt.



1

Es regnete in Strömen. Ray Guthrie hatte in der Dunkelheit Mühe, den Weg zu erkennen. Er tappte immer wieder in tiefe Pfützen. Ihm schien es so, als hätte sich etwas an der Umgebung verändert. Er blieb stehen und wandte den Kopf. Das Wasser, das sich auf seiner Hutkrempe angesammelt hatte, wurde durch die jähe Bewegung in seinen Kragen gelenkt. Ray spürte kaum, dass es ihm in den Hals lief. Er war sowieso klatschnass. Eine Wagenpanne kurz vor dem Erreichen seines Zieles hatte ihn zu diesem Fußmarsch genötigt.

Er war nur noch wenige hundert Meter von Gloster House entfernt. Das Denkmal, das die Zufahrt zu dem alten Herrensitz flankierte, hatte sich verändert. Die mannshohe Bronzefigur war von ihrem Sockel verschwunden. Ray Guthrie hielt sich nicht lange mit der erstaunlichen Entdeckung auf; vermutlich hatte man das Standbild abmontieren lassen und zur Restauration von Altersschäden in eine Spezialwerkstatt geschickt.

Er hastete weiter. Eine Windböe peitschte ihm den Regen ins Gesicht.

Ray Guthrie war mit zweiunddreißig Jahren ein durchtrainierter, sehr sportlicher Typ, aber das bedeutete keineswegs, dass er Trimmübungen dieser Art schätzte. Er zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen und ließ sich von der Vorstellung trösten, dass ihn nur noch wenige Minuten von dem Zusammentreffen mit Gloria Aldington trennten. Er hielt sie für die schönste Frau, die er kannte.

Ray Guthrie war nicht so vermessen, zu glauben, dass er bei ihr eine Chance hatte. Gloria Aldington war eine Millionenerbin und gehörte zum Jetset, zum Exklusivzirkel der Superreichen. Schon deshalb schien festzustehen, dass Gloria für ihn, den Kleinstadtanwalt, kaum ein echtes Interesse aufbringen konnte.

Trotzdem oder gerade deshalb machte es Ray Spaß, mit diesem Mädchen zu sprechen. Es genügte ihm eigentlich schon, ihre strahlende Schönheit gelegentlich mit seinen Blicken verschlingen zu dürfen.

Er lebte seit einem Jahr in der Grafschaft. Nach ein paar Betriebsunfällen und persönlichem Ärger hielt er es für angeraten, seine Praxis in London aufzugeben. Anfangs hatte er die landschaftliche Schönheit und den gemächlicheren Lebensrhythmus der Provinz als wohltuend empfunden, aber seit geraumer Zeit machte ihn seine Umgebung nervös. Sie gab seiner Vitalität und seiner Intelligenz keine Chancen zur Entfaltung.

Ray Guthrie stoppte erneut. Ihm schien es so, als hörte er Schritte hinter sich. Obwohl die jagenden Wolkenfetzen am Himmel einigermaßen deutlich zu erkennen waren, ließ sich das am Boden klebende, mit Büschen und Bäumen zu einer Einheit verwachsene Dunkel nicht mit den Blicken durchdringen.

Die Schritte waren verstummt. Sie hallten in Ray nach. Sie waren schwer und klatschend gewesen und konnten nur von einer Person mit besonderem Körpergewicht und einiger Unbeweglichkeit erzeugt worden sein.

Ray schritt weiter, eher langsam als schnell. Seine Sinne waren geschärft. Er hatte keine Angst, er war nur verwundert.

Angst wäre in dieser Gegend auch fehl am Platz gewesen. Im letzten Jahr hatte es in der Grafschaft keine nennenswerten Fälle von Kriminalität gegeben, einen Mord aus Eifersucht ausgenommen. Aber natürlich war nicht auszuschließen, dass Landfahrer oder reisende Diebe beabsichtigten, die Regennacht als Deckmantel für einen Raubzug zu nutzen. Gloster House war randvoll mit wertvollen Möbeln, Bildern und Teppichen gefüllt. Allerdings musste derjenige, der an diese Schätze herankommen wollte, eine aufwendige Alarmanlage überwinden.

Ray stoppte zum dritten Mal. Mit ihm verstummten die Schritte, die er zu hören meinte.

Ein Echo?

Er ging weiter, er hatte genug von diesen absurden Unterbrechungen. Möglicherweise hatte man ihn bereits abgeschrieben und rechnete nicht länger damit, dass er der telefonisch erfolgten Besuchsaufforderung Folge leistete.

Es war fast dreiundzwanzig Uhr. Die Notiz, die seine Sekretärin ihm auf dem Schreibtisch hinterlassen hatte, hatte nur wenige Worte enthalten.

„Bitte noch heute Abend Gloster House in dringender Angelegenheit aufsuchen. Rückruf nicht erforderlich. Helen.“

Helen war eine Perle. Mit 43 Jahren war sie alles andere als attraktiv und rein äußerlich einer verstaubten Jungfrau nicht unähnlich, aber sie besaß eine brillante Auffassungsgabe und war ebenso loyal wie tüchtig.

Ray stieg die breite Freitreppe zum Eingangsportal hinauf und legte sich in Gedanken einige passende Worte zurecht. Zum einen musste er sein spätes Kommen erklären, und zum anderen musste er sich dafür entschuldigen, dass er seinen Klienten wie ein durchnässter Pudel gegenübertrat.

Er hatte keine Ahnung, was man von ihm wollte. Er betreute nur einen Teil der Familieninteressen, und zwar diejenigen, die sich mit Gloster House und den damit verbundenen Liegenschaften befassten. Testaments und Vermögensfragen wurden von dem Familienanwalt in London erledigt.

Ehe Ray nach dem schweren Messingklopfer griff, drehte er sich nochmals um. Der Regen klatschte ihm ins Gesicht und machte es ihm unmöglich, auch nur die Hand vor seinen Augen zu sehen. Ihm war, als bedrohe ihn etwas, oder als flöge etwas auf ihn zu. In einem Reflex riss er den linken Arm hoch, winkelte ihn vor das Gesicht, aber die Bewegung kam zu spät. Ihn traf etwas an der Schläfe, knallhart und brutal. Sein Bewusstsein wurde von einer schmerzhaften Explosion erhellt, dann stürzte es ebenso plötzlich in den scheinbar endlos tiefen Schacht der Bewusstlosigkeit.

Gloria Aldington hatte das untere Ende der Treppe erreicht, die die große, düstere Halle mit dem Obergeschoss verband. An einem Schränkchen unweit der Tür stand James, der Butler. Er war damit beschäftigt, einen Strauß künstlicher Blumen zu ordnen.

„Was war das?“, fragte Gloria und blieb stehen. Sie trug ein schulterfreies Kleid mit knöchellangem Rock. Der dunkle Samt hob die makellose Glätte ihrer gebräunten Haut deutlich hervor und sorgte für einen reizvollen Kontrast.

Der Butler wandte sich mit fragend hochgezogenen Brauen um.

„Da ist jemand an der Tür“, sagte Gloria. Sie war weizenblond und trug das Haar ziemlich kurz. Ihr klares Gesichtsoval wurde von den riesigen, blaugrauen Augen und einem üppig schwellenden Mund beherrscht.

„Ich habe nichts gehört“, sagte James und fummelte unwillkürlich an dem winzigen Hörgerät herum, das in seinem linken Ohr steckte. „Der Türklopfer war es jedenfalls nicht.“

„Sehen Sie nach, bitte“, sagte Gloria und zog wie fröstelnd die Schultern hoch. Die Angst, die sie schon seit Wochen begleitete, verdichtete sich immer mehr. Gloria glaubte zu wissen, dass ihr in dieser Nacht und in diesem Haus ein neuer Höhepunkt beschieden sein würde.

James, ein Mann von knapp sechzig Jahren, der wie der Prototyp aller Butler wirkte und mit seinem weißen Haar, seinem hohen Wuchs und seinem würdevollen Gehabe zuweilen bis hart an die Grenze des Lächerlichen geriet, öffnete die Tür. Der Lichtkeil, der aus der Halle auf die Freitreppe fiel, beleuchtete ein klatschnasses Menschenbündel.

„Das ist ja Guthrie!“, rief Gloria aus und zerrte den Ohnmächtigen mit James’ Hilfe ins Trockene. Der Butler schloss die Tür.

„Bitte beschmutzen Sie sich nicht“, bat er die Zweiundzwanzigjährige. „Ich trage ihn in eines der Gästezimmer.“

„Ich rufe Dr. Cellar an“, meinte Gloria und hastete in den Salon.

Als Ray Guthrie wieder zu sich kam, lag er in einem hohen, mit gelber Seidentapete ausgeschlagenen Raum auf einer mit Chintz bespannten Liege. James stand am Fußende des Lagers und musterte den Besucher aus nussbraunen, besorgt dreinblickenden Augen.

Gloria betrat den Raum.

„Bleiben Sie liegen!“, sagte sie rasch, als Ray Anstalten traf, sich zu erheben. Ray fiel gehorsam zurück. Er hatte einen dumpfen Druck hinter der Stirn und konnte nur mit Schwierigkeiten seine Erinnerung auf Trab bringen. Dann fiel es ihm wieder ein. Die klatschenden, schweren Schritte, die Bewegung, die aus dem Dunkel kam, und dann der brutale, schmerzhafte Schlag ...

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte Gloria. Sie zog sich einen Stuhl heran und nahm neben der Liege Platz.

„Es geht, danke“, sagte Ray Guthrie. Er setzte sich auf. Zwar strafte ihn ein schmerzhaftes Schädelhämmern für die abrupte Bewegung, aber er brachte es einfach nicht fertig, wie ein Geschlagener vor der Frau zu liegen, der seine Bewunderung galt.

„Warum bleiben Sie nicht liegen?“, ereiferte sich Gloria. „Ich habe Doktor Cellar informiert, er hat sich bereits auf den Weg nach hier gemacht.“

Ray tastete seine Schläfenpartie ab und erfühlte die Stelle, wo sich die Beulenbildung abzeichnete.

„Ich bin niedergeschlagen worden“, sagte er.

„Niedergeschlagen?“, wiederholte Gloria fassungslos. „Vor der Tür?“

„Ich habe schon vorher Schritte gehört“, erinnerte sich Ray. „Der Bursche ...“ Er unterbrach sich und griff ins Innere des nassen Sakkos. Gott sei Dank! Die Brieftasche befand sich noch an ihrem Platz. Sie enthielt zwar keinen nennenswerten Bargeldbetrag, aber Scheckbuch mitsamt Karte und seine Ausweispapiere.

„Was kann er bloß von mir gewollt haben?“, fragte Ray Guthrie stirnrunzelnd.

„Sie sind völlig durchnässt“, sagte Gloria und stand auf. Sie wandte sich an James. „Bitten Sie Mr. Price um ein paar trockene Sachen. Keith und Mr. Guthrie haben die gleiche Figur.“

Der Butler verließ den Raum.

„Mr. Price?“, fragte Ray. „Wer ist das? Ich höre den Namen zum ersten Mal.“

„Mein Verlobter“, sagte Gloria. „Er wird Ihnen gefallen.“

Das wird er mit Sicherheit nicht, schoss es Ray durch den Kopf. Es war nicht überraschend, dass die schöne Millionenerbin einen Partner gefunden hatte. Schließlich hatten sich Dutzende um ihre Gunst bemüht. Leider endete mit dieser neuen Sachlage für Ray Guthrie der Traum, den er sich im Zusammenhang mit Gloria Aldington zuweilen gestattet hatte. Gloria gehörte endgültig einem anderen.

Ray Guthrie war froh, dass er Gloria niemals gezeigt hatte, wie hinreißend er sie fand. Er hatte es vermieden, sich lächerlich zu machen und konnte es sich nunmehr leisten, ihr zu der Verlobung seine spröden Glückwünsche auszusprechen.

„Oh, vielen Dank“, meinte sie. „Ich lasse Sie jetzt allein. Ich erwarte Sie in einer halben Stunde im Salon.“ Sie verließ das Zimmer. Wenige Minuten später klopfte es. Der Butler brachte Wäsche, ein Hemd und eine Sportkombination. Er hatte sogar an Socken und Schuhe gedacht. Die Sachen passten wie angegossen.



2

Ray musterte sich prüfend im Spiegel. Die Beule nahm langsam Form an. Wenn man ihre verunzierende Wirkung außer Acht ließ, durfte er mit seinem Gesichtsschnitt zufrieden sein. Er hatte eine hohe Stirn und sehr markante, männliche Züge. Das kräftige, kantige Kinn verriet Willensstärke. Ray machte sich gern darüber lustig, denn er war keineswegs so knallhart, wie er auf andere wirkte. Seine Flucht aus London jedenfalls bewies, dass er durchaus nachgeben konnte, wenn die Umstände es erforderten.

Ray verließ das Zimmer und stoppte abrupt, als er einen Schrei hörte. Ray schaute sich um. Der Korridor, in dem er sich befand, gehörte zum Obergeschoss. Auf dem dunklen Läufer zeichneten sich die dunklen Tropfen ab, die aus seinen, Ray Guthries, Sachen zu Boden gefallen waren, als James ihn in das Zimmer getragen hatte. An den dunkel tapezierten Wänden hingen alte Waffen, Kupferstiche und Porzellanteller. Sie waren ebenso ausgewogen wie dekorativ verteilt und ließen erkennen, dass sie von geschmackssicheren Händen platziert worden waren.

Ray Guthrie nahm diese Nebensächlichkeiten so beiläufig wahr, wie er das Verschwinden des bronzenen Standbildes registriert hatte. Was ihn wirklich beschäftigte und seinen Puls beschleunigte, war der Schrei. Er hatte unterdrückt geklungen, ungefähr so, als sei er von einer würgenden Hand an seiner vollen Entfaltung gehindert worden.

Ray konnte nicht sagen, hinter welcher der vielen Türen, die von dem langen Korridor abzweigten, der Schrei laut geworden war. Ray wartete mit klopfendem Herzen auf eine Wiederholung des Signals, aber es blieb aus.

Irgendwo tickte eine alte Uhr. Sonst war nichts zu hören außer seinem Atmen.

Ray klopfte an eine Tür, dann an die nächste. Er öffnete sie, knipste Licht an, machte es wieder aus. Er wiederholte das Manöver und arbeitete sich langsam auf die Galerie zu, in die der Korridor mündete. Ray konnte jetzt nicht nach unten gehen und so tun, als sei nichts passiert. Er hielt es für seine Pflicht, die Ursache des Schreies zu ergründen und, falls es notwendig werden sollte, seinem Erzeuger beizustehen.

Er fand keine Erklärung für den Schrei, ging unbefriedigt nach unten und betrat den großen Salon, der so aussah, als sei er seit seiner Erstmöblierung Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr verändert worden. Gloria saß in ihrem Samtkleid auf einem zierlichen Zweiersofa und hielt einen runden Stickrahmen in der Hand. Die Art, wie sie die Nadel führte und vom Lichtschein eines Kerzenständers umschmeichelt wurde, hätte einen Maler zu einem Bild „Dame im Salon“ inspirieren können.

Bei Rays Eintreten legte Gloria den Stickrahmen aus der Hand. Der Wind rüttelte an den geschlossenen Fensterläden und peitschte den Regen dagegen.

„Mein Gott, wie Sie ihm ähneln“, hauchte Gloria.

Ray zog die Tür hinter sich zu.

„Wem?“, fragte er.

„Keith. Sie haben seine Größe, sein Alter und seinen Habitus, sich zu bewegen. Und jetzt noch seine Sachen ...“ Sie führte den Satz nicht zu Ende, schüttelte den Kopf und meinte: „Es ist wirklich verblüffend.“

„Vielleicht“, mutmaßte Ray und trat näher, „war die Attacke auf mich für Keith Price bestimmt? In der Dunkelheit war eine Verwechslung leicht möglich.“

Glorias große Augen mit den langen Wimpern wurden groß und rund. In ihnen zeigte sich ein Ausdruck wachsender Furcht.

„Warum sagen Sie das?“

Ray hatte das Zweiersofa erreicht und blieb stehen. Er zuckte mit den Schultern.

„Es gibt keinen besonderen Grund für meinen Gedankengang außer den, dass ich keine Erklärung für den Angriff habe und bemüht bin, einen zu finden.“

„Warum sollte man Keith attackieren?“

„Und warum mich?“, fragte Ray. Gloria zwang sich zu einem Lächeln.

„Sie haben recht. Setzen Sie sich doch, bitte!“

Ray ließ sich in einem Armlehnstuhl nieder. Er war außerstande, seine Blicke von Gloria zu lösen. Er fand die Frau noch schöner, als er sie in der Erinnerung behalten hatte.

„Mein Besuch“, sagte Ray, „steht wahrhaftig unter keinem guten Stern. Es begann damit, dass ich vor dem Portal zusammengeschlagen wurde, und er hat sich fortgesetzt mit einem Schrei, den ich im Obergeschoss hörte und dessen Ursache ich nicht herausfinden konnte.“ Er berichtete mit wenigen Worten von seinem Erlebnis. Gloria setzte sich steil auf. Sie begann kaum merklich zu zittern.

„Das kann nur Keith gewesen sein“, stieß sie hervor, sprang auf und eilte aus dem Raum. Ray folgte dem Mädchen. Sie hasteten nach oben. Gloria bewegte sich zielstrebig auf eine Tür zu und riss sie auf. Sie knipste das Licht im Innern des Zimmers an. Es war, im Gegensatz zu den anderen Räumen, die Ray kennengelernt hatte, modern möbliert.

„Hier war ich schon“, stellte Ray fest. Zwei Koffer auf dem Schrank und ein paar Bücher und Zeitschriften auf dem Nachtschränkchen demonstrierten, dass das Zimmer bewohnt wurde.

„Hier habe ich Keith untergebracht“, sagte Gloria und starrte auf die Badezimmertür. Sie war nur angelehnt. Ray folgte Glorias Blick.

Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ins Bad zu schauen und sah ein, dass er dies jetzt nachholen musste. Er ging an Gloria vorbei. Als er sich der Badezimmertür näherte, verspürte er ein seltsames Kribbeln auf der Haut.

„Keith!“, rief Gloria.

Niemand antwortete.

Ray überwand einen Anflug von angstvoller Nervosität. Er öffnete entschlossen die Tür und trat über die Schwelle.

Sein Fuß stockte, seine Augen weiteten sich. Vor ihm, auf den weißen Bodenkacheln, leuchteten drei mehr als faustgroße Blutlachen. Sie reflektierten das blauweiße Licht der beiden Neonröhren, die den Badezimmerspiegel einfassten.

Gloria trat hinter Ray, dann schob sie sich an ihm vorbei und blieb stehen. Sie fuhr zusammen und hauchte: „Oh, mein Gott!“

Ray riss den Duschvorhang zur Seite und merkte, wie das schrille Geräusch, das er dabei verursachte, an seinen Nerven zerrte. Der Raum hinter dem Vorhang war leer.

„Keine Menschenseele“, stellte Ray fest. „Haben Sie eine Erklärung für das Ganze?“

Die Windböen ließen plötzlich nach. In die relative Stille hinein dröhnte das Hämmern des Türklopfers.

„Das wird Dr. Cellar sein“, vermutete Gloria mit bebender Stimme. Ihr fiel es schwer, den entsetzten Blick von den leuchtend roten Blutlachen zu nehmen. „Würden Sie ihm bitte die Tür öffnen?“

„Sie kommen mit“, entschied Ray. „Ich möchte Sie hier oben nicht allein lassen.“

Gloria schaute ihm angstvoll ins Gesicht.

„Glauben Sie ...“ Sie führte den Satz nicht zu Ende. Ray schob seine rechte Hand unter ihren linken Ellenbogen und dirigierte das Mädchen behutsam aus dem Zimmer. Er spürte, wie sie zitterte. In Gloria arbeitete es, aber sie stellte keine Fragen. Möglicherweise war ihr klar, dass Ray keine Antworten haben konnte auf das, was sie ängstigte und bewegte.

Als sie die Halle erreicht hatten, öffnete Ray die Tür. Dr. Cellar kam in die Halle gefegt, als sei er von einem Katapult abgeschossen worden. Er klappte seinen Regenschirm zusammen und sagte prustend: „Was für ein Mistwetter!“

Nach diesem spontanen Ausbruch seines Unwillens war er gleich wieder die personifizierte Höflichkeit. Er nahm den Hut ab und beugte sich tief über Gloria Aldingtons Hand. Dann wandte er sich mit leicht verkniffenem, regennassem Gesicht an Ray Guthrie.

„Was ist passiert?“, fragte er. „Du siehst nicht aus wie jemand, der ärztliche Hilfe braucht.“

Larry Cellar und Ray Guthrie waren befreundet. Sie spielten gelegentlich zusammen Tennis oder Golf. Da sie ungefähr im gleichen Alter waren, verfolgten sie viele gemeinsame Interessen. Einer sah im anderen eine wertvolle Bereicherung der ländlichen Geselligkeit; beide waren mit etwas beißendem Humor ausgestattet und hatten Mühe, sich nicht über jene lustig zu machen, denen sie ihre Existenz verdankten.

Ray schloss die Tür.

„Du befindest dich in einem Spukhaus“, stellte er fest.

Larry Cellar schüttelte den Schirm aus und stellte ihn in einen Ständer.

„Das weiß ich“, sagte er. „Die ganze Gegend spricht darüber.“

Gloria sah verdutzt aus.

„Sie machen Witze“, meinte sie. „Ich kenne Gloster House seit frühester Jugend. Wenn es hier spukte oder jemals gespukt haben würde, müsste ich es doch wissen.“ Sie erwartete offenbar keine Antwort, denn sie fuhr ohne Pause fort: „Bitte entschuldigen Sie mich jetzt. Ich muss herausfinden, wo Keith steckt.“ Sie verschwand in dem dunklen Korridor, der zu den Wirtschaftsräumen führte. Larry Cellar blickte ihr hinterher. Er war strohblond und hochgewachsen. Seine blasse Haut war sommersprossig.

„Um sie zu kriegen, wäre ich sogar bereit, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen“, sagte er leise.

„Hoffentlich hat er das nicht gehört“, spottete Ray. „In einem Spukhaus wie diesem fühlt sich der Satan wohl, hier findet er ein reiches Betätigungsfeld.“

Larry Cellar schlüpfte aus den Gummigaloschen, die er sich vorsorglich übergezogen hatte, dann begab er sich mit Ray in den Salon.

„Kerzenlicht, wie stimmungsvoll!“, meinte der Arzt. „Ich glaube dem Mädchen, dass sie noch nie etwas von diesen absurden Geistergeschichten gehört hat. Sie wäre vermutlich die Letzte, die man damit ängstigen möchte.“ Er erinnerte sich an den Grund seines Kommens und fragte: „Du bist verletzt?“

„Eine Lappalie“, erwiderte Ray und wies auf seine Beule. „Ich bin vor der Tür des Hauses von einem Unbekannten niedergeschlagen worden.“

„Vielleicht war es ein herabfallender Dachziegel“, meinte Larry Cellar und untersuchte behutsam die wachsende Beule.

„Darauf bin ich noch gar nicht gekommen“, sagte Ray verblüfft. Larry Cellars einfache Deutung des Geschehens lag nahe. Der heftige Wind konnte leicht einen Dachziegel aus der Verankerung gerissen haben. Aber da waren die schweren, klatschenden Schritte gewesen, und die großen Blutlachen im Bad ...

Ray ließ die Schritte unerwähnt. Sie konnten das Ergebnis einer Täuschung gewesen sein, verursacht vom Wind und von losen Baumästen, aber Ray schilderte dem Freund, was Gloria und er im Bad des Gästezimmers entdeckt hatten.

„Keith Price - wer ist das?“, fragte Larry Cellar. „Ich höre den Namen zum ersten Mal.“

„Glorias Verlobter“, erwiderte Ray und zog eine Grimasse. „Er soll mir ähnlich sehen. Was du an mir siehst, sind seine Klamotten.“ Er grinste matt. „Ich wusste nicht, dass ich Glorias Typ verkörpere. Warum, zum Teufel, hat sie nicht mich statt Price genommen?“

„Price ist für sie das Original, nehme ich an“, meinte Dr. Cellar augenzwinkernd. „In dir sieht sie nur eine Kopie. Du kannst es ja mal darauf ankommen lassen. Warum schleichst du dich nachts nicht zu ihr und spielst den leidenschaftlichen Verlobten?“

„Darüber muss ich nachdenken“, sagte Ray und lachte kurz. Er wurde sofort wieder ernst. Die Nacht war von zu vielen rätselhaften Zwischenfällen überschattet, als dass es möglich gewesen wäre, mehr als ein paar Sätze in der von ihnen gepflegten Lässigkeit zu äußern.

Gloria kehrte zurück. Sie war sehr blass.

„Ich finde Keith nicht. Ich habe James aus dem Bett geklingelt und ihn darum gebeten, meinen Verlobten aufzuspüren. Keith kann doch nicht spurlos verschwunden sein!“

„Hat James noch mit ihm gesprochen, als er die Sachen für mich besorgte?“, fragte Ray.

Larry Cellar murmelte eine Entschuldigung und verließ den Raum.

„Selbstverständlich“, sagte Gloria, „er hätte doch nicht ohne Mr. Prices Einwilligung die Sachen aus dem Zimmer holen können.“ Sie setzte sich zitternd. „Ich werde Gloster House verlassen“, fuhr sie fort. „Ich kehre nicht mehr hierher zurück. Ich hoffe, Papa dazu überreden zu können, dass er den Besitz verkauft.“ Sie blickte Ray an. „Wüssten Sie einen Kaufinteressenten?“

„Nein“, erwiderte Ray kopfschüttelnd.

Er gab sich keine Mühe, sein Erstaunen zu unterdrücken. Soviel er wusste, befand sich Gloster House seit Glorias Kindheitstagen im Besitz der Aldingtons.

Roger Aldington hatte das Anwesen gekauft und selbst dann nicht an eine Wiederveräußerung gedacht, als es seiner Frau zum Verhängnis wurde. Adele Aldington verunglückte mit einem Reitpferd der mit erworbenen Zucht tödlich.

„Über Gloster House liegt ein teuflischer Fluch, ich spüre es“, sagte Gloria.

„Wie denkt Ihr Vater darüber?“

„Papa ist für Gefühle dieser Art nicht zugänglich. Er hat es gut. Er weiß nicht einmal, was Angst ist“, meinte die junge Frau.

Roger Aldington war ein bekannter Mann. Er vertrat als Abgeordneter der konservativen Partei die Interessen seines Wahlkreises im Parlament und dirigierte mit viel Geschick ein kleines Imperium von Fabriken, die zum großen Teil ihm gehörten oder deren Aktienmehrheit er erworben hatte.

Gloria erhob sich.

„Ich habe keine Ruhe“, sagte sie. „Ich muss Keith finden.“

Ray verließ den Salon wenig später. Er trat vor die Tür des Hauses. Es regnete immer noch. Er schaute sich nach einem Dachziegel um, um eine Erklärung für die Attacke zu finden, die ihn hatte ohnmächtig werden lassen, aber er entdeckte keinerlei Anhaltspunkte für Larry Cellars Theorie. Als er in die Halle zurückkehrte, strebte Gloria auf die Treppe zu.

„Was ist eigentlich mit dem Denkmal?“, fragte Ray.

Gloria blieb stehen. Sie musterte ihn fragend.

„Mit welchem Denkmal?“

„Es steht an der Zufahrt, eingangs des Parkes“, erinnerte Ray das Mädchen. „Eine mannshohe Bronzefigur auf Granit. Oder ist es Marmor? Ich könnte nicht einmal genau sagen, wen die Figur darstellen soll.“

„Einen Edelmann aus dem sechzehnten Jahrhundert, glaube ich“, meinte Gloria. „Die Inschrift auf dem Granitsockel ist nicht zu entziffern. Was ist mit dem Denkmal?“

„Das fragen Sie mich? Es ist nicht mehr da!“

„Wie bitte?“

„Als ich vorhin vorbeikam, fiel mir auf, dass nur noch der Sockel vorhanden war.“

„Das ist unglaublich“, murmelte Gloria. „Ein weiteres Rätsel. Ich muss mir das ansehen. Sie müssen sich geirrt haben.“

Sie eilte in die Garderobe, legte sich einen Regenmantel um die Schultern und griff nach ihrem Regenschirm.

„Sie würden Ihre Schuhe ruinieren“, sagte Ray, „und Ihre hübsche Frisur. Die Zufahrt ist von Pfützen buchstäblich übersät ...“

„Wir verlassen das Haus durch den Seiteneingang. Mein Wagen steht direkt davor. Kommen Sie!“

Wenige Minuten darauf waren sie mit einem amerikanischen Pacer, einer Kreuzung zwischen Limousine und Kombiwagen, zu dem Denkmal unterwegs. Die Wagenscheinwerfer erfassten den soliden Granitsockel. Auf ihm stand wie eh und je die Bronzefigur. Gloria stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Sie haben mir Angst gemacht“, sagte sie.

„Lassen Sie mich aussteigen, bitte“, sagte Ray und stellte den Kragen seines Sakkos hoch.

„Es regnet! Wollen Sie noch mal patschnass werden?“, fragte Gloria ihn.

Ray zuckte mit den Schultern und kletterte aus dem Wagen. Er hastete auf das Denkmal zu. Um die Füße der Figur zu erreichen, musste er sich auf die Zehenspitzen heben. Er versuchte das schwere Standbild zu bewegen. Es war, als wollte er an einer hundertjährigen Eiche rütteln. Es ging nicht. Er stand hinter dem Denkmal, im Licht der Wagenscheinwerfer. Obwohl die Vorderseite der Statue im Schatten lag, interessierte es Ray, festzustellen, wen sie darstellte.

Er ging um das Denkmal herum. Als sein Blick auf den Kopf der Bronzefigur fiel, war ihm, als erhielte er einen Schlag. Der Rhythmus seines Herzens drohte auszusetzen.

Die Bronzefigur schaute ihn an. Ihre Augen waren nicht tot. Sie glühten, als seien sie illuminiert.

Das Glühen, das in ihnen war, erschreckte Ray nicht nur durch seine Intensität, sondern vor allem durch seinen teuflischen Hass.

Er zuckte zusammen, als Gloria auf die Hupe drückte. Sie begriff nicht, warum er wie erstarrt vor dem Denkmal stand und zu ihm emporblickte. Ray wischte sich über die Augen, dann blickte er erneut zu dem Denkmal empor. Jetzt waren die Augen tot und leer, vom Regen blank gewaschene Metallovale.

Ray gab sich einen Ruck. Er eilte zurück zu dem Wagen und setzte sich hinein.

„Ich verstehe es nicht“, murmelte er.

Gloria fuhr los.

„Sehen Sie sich die Wolken an!“, meinte sie. „Gelegentlich bricht das Mondlicht hindurch. Dabei entstehen die merkwürdigsten Bilder. Man wird leicht das Opfer optischer Täuschungen.“

Ray gab keine Antwort. Er war kein Mann, der an Halluzinationen litt. Er versuchte sich darüber klar zu werden, was es mit dem vorübergehenden Abhandengekommensein der Bronzefigur und ihren unheimlich glühenden Augen für eine Bewandtnis hatte, aber er fand dafür keine Erklärung.

„Was ist los mit Ihnen?“, fragte Gloria, als sie an Rays Seite das Gebäude betrat. Sie benutzten auch diesmal den Seiteneingang. Gloria spürte die Veränderung, die mit ihrem Besucher vorgegangen war. Sie wollte eine Erklärung dafür haben. Ray blieb stehen, er wies auf den schweren Türriegel und fragte: „Wollen Sie ihn nicht schließen?“

„Ach ja, richtig, das hätte ich beinahe vergessen“, meinte sie und wuchtete den mehr als daumenstarken Riegel in seine Halterung. Dann wandte Gloria sich Ray zu.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, sagte sie.

„Ich habe Kopfschmerzen, das ist alles“, meinte er ausweichend. Es war klar, dass er seine Beobachtung dem Mädchen nicht mitteilen konnte. Gloria war schon aufgeregt genug, sie hatte einen Punkt erreicht, wo jeder weitere Schrecken sie leicht in einen Zustand von Hysterie treiben konnte.

„Was sagt Dr. Cellar zu Ihrer Verletzung?“, fragte sie. „Er wird sich wundern, wo wir geblieben sind.“ Sie setzten sich in Bewegung und strebten in die Halle.

„Larry glaubt, mir sei ein vom Sturm losgerissener Dachziegel auf den Schädel gefallen“, meinte Ray.

„Eine sehr vernünftige Erklärung.“

Sie betraten den Salon. Larry Cellar erhob sich aus einem Sessel.

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht“, sagte er.

„Sorgen?“, wiederholte Gloria. „Warum?“

„Ich weiß nicht. Als ich in den Salon zurückkehrte, war niemand da. Mir war zumute, als befände ich mich ganz allein im Haus. Ich hörte plötzlich Dinge ...“ Er führte den Satz nicht zu Ende.

„Was für Dinge?“, drängte Gloria.

„Nichts“, sagte Larry Cellar.

Gloria knetete die Hände. „Hat James sich in der Zwischenzeit sehen lassen? Hat er Keith gefunden?“

„Hier ist niemand gewesen“, sagte Larry Cellar.

Gloria eilte aus dem Raum. Ray setzte sich.

„Warum bist du vorhin rausgegangen, mitten in dem Gespräch, das Gloria mit mir führte?“, wollte er wissen.

„Ich verspürte das Bedürfnis, mich mit den sanitären Einrichtungen des Hauses vertraut zu machen“, spottete Larry Cellar. „So wie ich jetzt das Bedürfnis habe, ins Bett zu kriechen. Immerhin ist Mitternacht vorbei, und morgen muss ich fit sein, um meine Patienten betreuen zu können. Soll ich dich mitnehmen?“

Ray überlegte.

„Ich weiß nicht recht. Nein, ich glaube nicht. Ich habe noch nicht mal erfahren, warum ich hergebeten wurde. Was hast du gehört, als du allein im Salon warst?“

„Ich kann das schwer beschreiben, aber es machte mir Angst. Ich bin kein furchtsamer Mensch, deshalb erstaunte mich meine Reaktion. Es muss an der Umgebung liegen, an ihrem Alter, an ihrem unheimlichen Ruf. Dazu der Regen, der gegen die Läden trommelt - da meint man Stimmen und Geräusche zu hören. Man wird ein Opfer seiner überreizten Fantasie.“

Die Tür wurde aufgerissen. James trat über die Schwelle. Er sah aus wie betrunken. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte aber keinen Laut hervor. Er griff mit beiden Armen in die Luft, dann brach er abrupt zusammen und blieb liegen, ohne sich zu rühren.

Dr. Cellar ließ sich neben den Butler auf die Knie fallen. Er drehte den hochgewachsenen, hageren Mann auf die Seite, zog sein rechtes Lid hoch und überzeugte sich davon, dass der Puls noch schlug.

„Keine äußerlich erkennbaren Verletzungen“, sagte Larry Cellar und blickte zu Ray hoch. „Seine Reaktion lässt darauf schließen, dass er unter Schockeinwirkung ohnmächtig geworden ist.“

Ray betrat die Halle.

„Miss Aldington!“, brüllte er laut. Seine Stimme brach sich in dem hohen Raum und kam in höhnischen Wellen zurück.

„Hilf mir, ihn auf das Sofa zu legen!“, bat der Arzt. Ray machte kehrt und war seinem Freund behilflich, James vom Boden aufzuheben und ihm einen bequemen Liegeplatz zu verschaffen.

„Der ist schwerer, als ich dachte“, ächzte Larry Cellar.

Gloria tauchte auf. Sie blieb an der Tür stehen und gab einen leisen Schreckensruf von sich. Sie presste eine Hand vor ihre Lippen und brauchte volle fünf Sekunden, ehe sie sich zu der Frage aufraffen konnte: „Ist er tot?“

„Um Himmels willen, nein, bloß bewusstlos“, beruhigte Larry Cellar die junge Frau. Gloria ließ die Hand fallen. Sie kam näher.

„Wie konnte das geschehen?“, fragte sie. „Erst Mr. Guthrie und jetzt James ...“

„Wir werden es erfahren, sobald er wieder zu sich kommt“, sagte der junge Arzt. „Wie Sie sehen, beginnen seine Lider zu zucken. Gleich ist es soweit.“

James öffnete die Augen. Er schaute zunächst Larry Cellar an, der über ihn gebeugt war, dann Ray. Schließlich entdeckte er Gloria. Bei ihrem Anblick versuchte er sich aufzusetzen, aber Dr. Cellar drückte ihn behutsam auf das Lager zurück.

„Bleiben Sie liegen, mein Bester!“, sagte er. „Sie haben einen kleinen Ohnmachtsanfall erlitten. Nichts von Bedeutung. Können und wollen Sie uns bitte sagen, was den Anfall ausgelöst hat?“

James schluckte. Sein spitzer Adamsapfel arbeitete sich klar erkennbar unter der dünnen, faltigen Haut des Halses auf und ab. James hatte sichtlich Mühe, sich zu artikulieren. In seinen Augen bebte ein Ausdruck von heilloser Verwirrung und tiefer Furcht.

„Im Keller“, würgte er hervor. „Eine Leiche ...“

Gloria stieß einen Schrei aus.

„Keith!“, hauchte sie und sank im nächsten Moment ohnmächtig zusammen.

„Ich kümmere mich um sie“, entschied James und stand auf. Die Art, wie er schwankte, machte jedoch deutlich, dass ihm die Kraft fehlte, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen.

Larry Cellar und Ray legten die Bewusstlose auf das frei gewordene Lager. James eilte aus dem Raum und kehrte kurz darauf mit einem Riechfläschchen zurück.

„Das hat sie zum ersten Mal“, murmelte er und hielt Gloria das offene Fläschchen unter die Nase.

„Was ist mit der Leiche?“, fragte Ray voll nervöser Ungeduld. „Handelt es sich tatsächlich um den Verlobten von Miss Aldington?“

„Aber nein“, erwiderte der Butler und fuhr dort, das Fläschchen unter Glorias Nase hin und her zu schwenken. „Es ist eine Frau.“

„Eine Frau?“, echoten Larry Cellar und Ray wie aus einem Mund. Sie blickten sich an.

„Sie kommt zu sich“, meinte der Butler zufrieden. Er war ganz auf Gloria konzentriert.

„Wer ist die Tote?“, wollte Ray wissen. „Wo liegt sie?“

James richtete sich auf. Er drehte den Verschluss auf das Fläschchen, hörte aber nicht auf, Gloria anzusehen. Ihr Gesicht war von marmorner Blässe. Die überlangen Augenwimpern zeichneten zarte Schatten auf die glatte.Haut. Glorias transparente Schönheit wirkte auf Ray wie ein körperlicher Schmerz.

„Im Keller“, erwiderte James seufzend. Er schloss die Augen. Die Erinnerung übermannte ihn. „Mir wurde ganz übel, als ich sie sah. Eine Fremde! Ihre Schläfe ist zertrümmert ...“

„Wir müssen die Polizei verständigen“, sagte Ray und fragte sich, ob Keith Price in das Verbrechen verstrickt sein mochte. Jedenfalls fiel auf, dass er sich nicht im Haus befand.

Gloria hob mit einiger Mühe die Lider.

„Polizei?“, fragte sie verständnislos. „Wer spricht hier von der Polizei?“ Ihr erging es wie James. Sie versuchte sich aufzusetzen, aber Dr. Cellar hinderte sie daran.

„Bleiben Sie noch ein paar Minuten ruhig liegen!“, bat er. „Ray und ich sehen nach dem Rechten. James kümmert sich um Sie.“

Ray wandte sich an den Butler.

„Wo liegt die Frau?“, fragte er.

„Sie müssen die Küche passieren und zum Seiteneingang gehen“, erwiderte James. „Dort befindet sich die Tür zum Keller. Sie ist unverschlossen.“

Die beiden Männer verließen den Salon.

„Was für eine Nacht!“, meinte Larry Cellar grimmig.

„Du wirst dein Bett so schnell nicht zu sehen kriegen“, prophezeite Ray. „Wenn es wirklich eine Tote gibt und wenn sich ein Verbrechen dahinter verbirgt, garantiert uns Inspektor Pritchers pedantische Kleinkariertheit eine lange Nacht.“

Sie erreichten den Seiteneingang. Ray stoppte und stieß einen Pfiff aus.

„Hier ist der Keller“, sagte Larry. „Was hast du?“

„Der Riegel“, erwiderte Ray und wies auf die Tür des Seiteneingangs. „Gloria hat ihn in meinem Beisein geschlossen. Jetzt ist er zurückgeschoben.“

„Was kümmert uns der verdammte Riegel?“, fragte Larry Cellar irritiert.

„Er ist von großer Bedeutung. Der Mörder kann durch diese Tür aus dem Haus gehuscht sein. Vielleicht befindet er sich noch in der Nähe.“

„Das ist nicht unsere Sache“, meinte der Arzt. „Darum soll sich die Polizei kümmern.“

Er öffnete die Kellertür. Im Keller brannte Licht. Die nach unten führenden Stufen waren breit und ausgetreten. Ein muffig modriger Geruch schlug ihnen entgegen.

„Das riecht wie nach Friedhof“, meinte Larry Cellar und verzog das Gesicht. Die beiden Männer stiegen die Treppe hinab. Von ihrem unteren Ende zweigten drei Gänge ab. Die Männer wandten sich nach rechts und folgten dem brennenden Licht. Es signalisierte ihnen, dass James hier gewesen war. Die schweren grauen Quadersteine, aus denen die Kellermauern gefügt waren, hatten erkennbar viele Jahrhunderte auf dem Buckel. Einige waren vermoost.

Der Gang machte einen scharfen Knick nach rechts. Von ihm zweigten auf beiden Seiten schwere eichene Holztüren ab.

Die beiden Männer blieben stehen. Der Gang, in den sie eingebogen waren, führte zu einer in ein tieferes Gelass mündenden Treppe. Vor dieser Treppe lag eine Frau auf dem Boden, mit angezogenen Beinen, fast so, als sei ihr kalt. Die Frau trug einen glänzenden Plastikregenmantel, auf dem noch unzählige Regentropfen blitzten. Ray spürte, wie sein Herz einen schmerzhaften Sprung machte. Er bewegte sich mit trockenem Mund auf die Tote zu.

Ihr Kopf, von dem die Regenkapuze des Mantels geglitten war, lag in einer Blutlache. Die Augen der Frau standen weit offen. In ihnen war der kalte, starre Glanz des Todes.

„Die hat’s erwischt“, sagte Larry Cellar und wandte den Kopf, als er einen seltsamen Laut wahrnahm. Er kam von Rays Lippen.

„Kennst du sie?“, fragte Larry Cellar den Freund. Er sprach sehr leise, als zollte er dem Tod seinen selbstverständlichen Respekt.

In Rays Knien machte sich eine wabernde Schwäche breit. Er lehnte sich gegen die Wand und spürte durch die Stofflagen hindurch deren feuchte Kühle.

„Es ist Helen“, erwiderte er mit tonlos klingender Stimme. „Es ist meine Sekretärin.“

Das Licht ging aus. Larry Cellar gab einen Fluch von sich. Er kramte in seinen Taschen herum und holte ein Feuerzeug daraus hervor. Er knipste es an und drehte die Flamme hoch. Ihr Widerschein fing sich in Helens Blut.

„Vorsicht!“, flüsterte Larry Cellar und atmete schneller. „Vielleicht ist der Mörder noch hier unten.“

Die Männer starrten in die Dunkelheit, die sich jenseits der in die Tiefe führenden Treppe staute. Zu sehen war nichts.

„Lass uns nach oben gehen! Hier können wir nichts tun“, meinte Ray. Seltsamerweise empfand er in diesem Augenblick keine Furcht. Was er fühlte, war neu für ihn. Es unterschied sich kaum von Hass. Es war der geradezu fanatische Wille, Helens Tod zu sühnen. Sie war einer der tüchtigsten und warmherzigsten Menschen gewesen, die ihm jemals begegnet waren. Wer immer ihr Leben auf dem Gewissen hatte, musste für die Untat zur Rechenschaft gezogen werden.

„Ich bringe ihn um“, hörte Ray sich murmeln. Er ballte die Hände. In seinen Augen brannten plötzlich Tränen. Seine Worte klangen wie ein Schwur.

„Ihn ... wieso ihn?“, flüsterte Larry Cellar. „Wer sagt dir, dass es ein Mann war?“

„Liest du keine Kriminalromane?“, gab Ray zischend zurück. „Ein Schlag von dieser Wucht kann nur von einem Mann ausgeführt worden sein.“

„Mit einem Hammer kann auch eine Frau umgehen“, widersprach Larry Cellar, „und wenn sie den notwendigen Schwung hineinlegt, ist ein Ergebnis wie dieses mühelos zu erreichen.“

„Warum?“, murmelte Ray fassungslos. „Warum? Sie war eine Perle. Nein, ein Engel. Sie kann keine Feinde gehabt haben.“

„Einen muss sie gehabt haben.“

„Lass uns gehen und Pritcher benachrichtigen“, meinte Ray.



3

Sie erreichten den Salon ohne Zwischenfälle. Gloria lag nicht mehr auf dem Sofa. Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt und hielt einen Kognakschwenker in der Hand.

„Ich habe die Polizei bereits verständigt“, informierte James die beiden Männer.

In Glorias Augen bebte fiebrige Angst.

„Haben Sie die Frau gefunden?“, wollte sie wissen.

„Es ist Rays Sekretärin“, sagte Larry Cellar. „Kann ich auch einen Kognak haben, bitte?“

James beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Er warf einen fragenden Blick auf Ray. Der schüttelte den Kopf. Er setzte sich.

„Ihre Sekretärin?“, hauchte Gloria. „Ich habe sie einmal kennengelernt. Erinnern Sie sich? Das war, als ich Ihrer Praxis vor drei Wochen einen Besuch abstattete. Ich fand die Frau irgendwie - wie soll ich es ausdrücken - sympathisch. Sie hatte zwar etwas Altjüngferliches an sich, aber sie besaß kluge und intelligente Augen, und ihre Stimme ließ erkennen, dass sie von warmherzigem Naturell war. Wie konnte das passieren, was verbirgt sich hinter dem Entsetzlichen? Haben Sie Ihre Sekretärin mitgebracht, Ray?“

„Nein. Als ich ins Büro kam, fand ich Helens Nachricht auf meinem Schreibtisch vor. Das bringt mich noch einmal zum Grund meines Kommens. Warum haben Sie mich hergebeten, was hat den Besuch so dringend gemacht?“

„Darüber kann ich jetzt nicht sprechen.“

„Soll ich den Raum verlassen?“, bot Larry Cellar sich an.

„Nein, nein, das ist nicht nötig“, sagte Gloria rasch.

„Sie muss mir gefolgt sein“, murmelte Ray und runzelte die Brauen. Er wandte sich an Gloria. „Besitzen Sie eine Waffe?“

„Nein. Das heißt, ja. Ich besitze den Schlüssel zu Papas Gewehrschrank“, meinte das Mädchen. „Warum fragen Sie?“

„Der Mörder muss sich noch in der Nähe befinden“, sagte Ray. „Hatten Sie hier oben einen Lichtausfall?“

„Ja, aber nur für zwei Minuten“, meinte Gloria. „Das ist in so stürmischen Nächten nichts Neues.“

„Ich sehe mich draußen um“, sagte Ray. „Kann ich eines der Gewehre haben, bitte?“

Gloria stand sofort auf.

„Ich protestiere“, meinte Larry Cellar. „Du solltest der Polizei nicht ins Handwerk pfuschen. Das ist nicht deine Aufgabe.“

„Helen stand mir sehr nahe, sie war meine Mitarbeiterin“, erklärte Ray. „Ich werde den Täter finden. Jetzt oder später. Oder glaubst du, ich bin bereit, den Fall Pritchers Inkompetenz zu überlassen?“

„So übel ist er nun auch wieder nicht“, meinte Larry Cellar.

„Kommen Sie!“, sagte Gloria und führte Ray in den angrenzenden Raum, das sogenannte Jagdzimmer. Sie öffnete den Gewehrschrank und sagte: „Bedienen Sie sich!“

Ray holte eine doppelläufige Schrotflinte aus dem Schrank und lud sie. Die Waffe war nicht sehr schwer und ausgesprochen handlich.

„Haben Sie die Tür des Seitenausgangs entriegelt?“, wollte er wissen.

„Nein, wieso?“, fragte Gloria. „Irgendjemand hat den Riegel zurückgeschoben. Vielleicht war es der Mörder“, sagte Ray.

„Wollen Sie in den Garten gehen - bei diesem Wetter?“, fragte Gloria zitternd.

„Ja“, erklärte Ray grimmig. „Alles deutet darauf hin, dass der Mörder das Haus durch den Seiteneingang verlassen hat. Ich muss versuchen, ein paar Spuren zu sichern, ehe der Regen sie wegspült. Besitzen Sie eine Taschenlampe?“

„Sie liegt im Handschuhfach meines Wagens. Warten Sie, ich hole Ihnen noch einen Regenmantel“, sagte Gloria und eilte davon.

Larry stand in der Halle, als Ray mit Gloria aufkreuzte.

„Zieh meine Galoschen über!“, riet der Arzt. „Sonst holst du dir nasse Füße.“

„Keine schlechte Idee“, sagte Ray und schlüpfte in die Gummischuhe. In Verbindung mit der Regenhaut, die Gloria ihm gebracht hatte, konnte das Wetter ihm nicht viel anhaben.

„Soll ich mitkommen?“, fragte Dr. Cellar. „Es macht mir nichts aus.“ Er meinte, was er sagte, aber sein Vorschlag klang keineswegs enthusiastisch.

„Bleib lieber hier und sorge für Miss Aldingtons Sicherheit!“, meinte Ray. Er schaute Gloria an. „Wer ist außer James, Larry und Ihnen noch im Haus?“

„Niemand“, erwiderte Gloria. „Wie Sie wissen, hat Papa die Zahl der Domestiken aus Kostengründen drastisch reduziert. Zusammen mit James beschäftigen wir in Gloster House nur noch drei. Sie schlafen im Nebengebäude. Nur James schläft hier.“

„Und wo“, fragte Ray, „hält sich Mr. Aldington gegenwärtig auf?“

„In London. Er hat vor, morgen herzukommen. Der arme Papa! Ich habe heute mit ihm telefoniert. Er freut sich auf ein paar Tage Erholung. Wie es aussieht, werden sie ihm nicht vergönnt sein.“

Ray nickte.

„Drücken Sie mir die Daumen!“, bat er und entfernte sich. Er verließ das Gebäude durch den Seitenausgang. Er holte Glorias Taschenlampe aus dem Pacer und leuchtete damit die Umgebung des Eingangs ab. Vor ihm lagen Steinplatten, gleich dahinter begann der weiße Kiesweg. Weder auf den Platten noch auf dem Kies waren Spuren zu entdecken. Es regnete immer noch, aber weniger stark als vorher.

Ray knipste die Lampe aus. Da sie seinen Standort und seine Tätigkeit verriet, war ihr Nutzen zweifelhaft. Er hatte das Gewehr über die Schulter gehängt, mit dem Lauf nach unten, und setzte sich in Bewegung, ohne genau zu wissen, wohin er sich wenden sollte.

Er überlegte. Wenn es einen Mörder gab, war ihm nur mit Logik beizukommen. Wohin wandte sich ein Mann, der vor der Polizei floh?

Nach Lakeville führte nur eine einzige Straße. Es war zweifelhaft, ob der Mörder wagen würde, sie zu benutzen. Er musste damit rechnen, dass die Polizei ihm entgegenkam und versuchen würde, ihn zu stoppen.

Ihm fiel das Denkmal ein. Ein Schauer kroch über seinen Rücken. Er blieb mitten im Regen stehen und fragte sich, was er eigentlich von diesem Vorhaben erwartete. Eine Sekunde lang wünschte er sich zurück in die scheinbare Geborgenheit des Hauses, zurück in die Nähe der schönen Gloria, aber dann erinnerte er sich an Helens gebrochene Augen und an das Blut, in dem sie noch immer lag. Plötzlich war auch wieder sein Wille gefestigt. Er spürte einen bitteren Ingrimm und war entschlossen, nicht eher aufzugeben, bis er das Verbrechen gesühnt hatte.

Er ging in den Park hinein und schaffte es, seine Augen der Dunkelheit anzupassen. Er blieb wiederholt stehen, weil ihn die sich bewegenden Äste eines Busches narrten, dann ging er weiter, hellwach und mit geschärften Sinnen.

Es gab ein paar Dinge, die er nicht abschütteln konnte wie Wassertropfen. Dazu gehörte nicht nur der schreckliche Anblick seiner toten Sekretärin, dazu gehörte vor allem die Erinnerung an die unheimlich glühenden Augen der Bronzefigur. Es trieb ihn förmlich zu dem Denkmal, Ray fühlte sich von ihm mit magnetischer Kraft angezogen.

Als er es erreicht hatte, pochte sein Herz hoch oben im Hals. Die Figur stand auf ihrem Sockel. Ray näherte sich ihr von hinten. Er musste sich zwingen, weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er hatte auf einmal Angst, vor das Denkmal hinzutreten. Er fürchtete sich vor einer Wiederholung des Erlebten, ihm graute davor, erneut von dem flammenden Blick getroffen zu werden.

Er überwand seine Furcht und blickte, vor dem Denkmal stehend, zu ihm empor.

Ray sah nur die dunklen Konturen der Bronzefigur. Sie zeichneten sich klar vor den jagenden Wolkenfetzen ab. Plötzlich erstarrte Ray. Er spürte, dass er nicht allein war. Dieses Gefühl hing seltsamerweise nicht mit dem Bronzemann zusammen. Es kam aus einer anderen Richtung.

Ray zuckte auf den Absätzen herum. Er sah etwas auf sich zuspringen, eine dunkle, geduckte Gestalt. Es war zu spät, das Gewehr von der Schulter zu reißen. In einem Abwehrreflex riss Ray die Faust hoch. Der Angreifer stürmte mit voller Wucht hinein. Es krachte, als Rays Faust mit dem Kinn des Unbekannten kollidierte. Ray sah das Gesicht des Mannes nur vage. Es war ein heller Fleck in der Dunkelheit. Ray setzte nach und schoss seine Linke ab.

Er traf erneut. Der Angreifer torkelte zurück. Er hatte gemeint, das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben und musste erstaunt feststellen, dass er einem Irrtum zum Opfer gefallen war.

Ray merkte, dass er auf Touren kam. Seine Angst und sein blinder Zorn hatten plötzlich ein Ventil, aber auch ein konkretes Ziel gefunden. Er kämpfte mir verbissener Wut, er legte die ganze Kraft seines durchtrainierten Körpers in die Schläge und traf fast nach Belieben.

Das Gewehr glitt von seiner Schulter und klatschte in den Dreck. Ray kümmerte sich nicht darum. Er hatte das Gefühl, die Situation zu beherrschen und vertraute voll und ganz der Wirkung seiner Fäuste.

Umso überraschender traf ihn der Konter des Gegners. Ray kassierte einen Treffer auf den Punkt und fiel um. Als er wieder zu sich kam, spürte er, wie Nässe in seine Schuhe sickerte. Er lag auf dem Boden, hörte den Regen und wusste im nächsten Augenblick, was geschehen war. Er hielt die Augen geschlossen und tastete behutsam mit seinen Fingern nach dem Gewehr.

Seine Hand griff ins Leere.

„Aufstehen!“, sagte eine barsche Stimme.

Ray hob die Lider, er richtete sich auf. Er sah den Mann über sich stehen. Der Mann hielt die Schrotflinte in der Hand. Der Doppellauf war auf Rays Brust gerichtet.

Ray kam auf die Beine. Er schwankte leicht und hatte Mühe, mit dem Schwächegefühl fertig zu werden, das ihn gefangen hielt.

„Wer ... wer sind Sie?“, würgte er hervor.

„Ich bin der Mann, der Sie für diesen grässlichen Mord zur Verantwortung ziehen wird“, erwiderte der Mann mit harter, hasserfüllter Stimme. „Ich bin Keith Price.“

Ray atmete mit offenem Mund. Er fuhr sich mit der Hand über das klatschnasse Gesicht.

Du träumst, dachte er. Das alles kann und darf nicht wahr sein. Geht diese Nacht denn niemals zu Ende?

„Verschränken Sie die Arme hinter dem Nacken, los!“, bellte Price. Ray sah, dass der Finger des Mannes am Abzug des Gewehres lag. „Und gehen Sie voran!“

„Wohin?“, fragte Ray.

„Nach Gloster House“, erwiderte Keith Price. „Sie können den Weg nicht verfehlen. Wer sind Sie?“

„Ich bin Ray Guthrie.“

„Guthrie, Guthrie? Stammen Sie aus Lakeville? Sind Sie Anwalt?“

„Erraten.“

„Glorias Rechtsvertreter“, spottete Price. „Wenn das keine Überraschung ist! Warum haben Sie’s getan?“

„Was getan, zum Teufel?“, fragte Ray. Er schüttelte seine Schwäche ab. „Sie attackieren mich wortlos, holen mich mit einem Sonntagstreffer von den Beinen und bewerfen mich anschließend mit absurden Verdächtigungen. Würden Sie mir bitte erklären, was es damit für eine Bewandtnis hat?“

„Ich suche einen Mörder.“

„Den suche ich auch“, sagte Ray.

„Tatsächlich?“, fragte Price.

„Wenn es stimmt, dass Sie Miss Aldingtons Verlobter sind, muss Ihnen bekannt sein, dass ich nach Gloster House gebeten wurde.“

„Das ist richtig, aber wer sagt mir, dass Sie tatsächlich Ray Guthrie sind und nicht der Killer, der mich auf Tauchstation geschickt hat?“

„Ich verstehe kein Wort“, sagte Ray.

„Okay, ich will versuchen, es Ihnen zu erklären“, meinte Price. „In meinem Badezimmer liegt eine Tote. Als ich sie fand, hörte ich ein Geräusch. Das Fenster meines Zimmers stand offen. Ich musste also annehmen, dass der Mörder es benutzt hat, um zu fliehen. Ich sah schemenhaft, wie sich ein Schatten vom Haus entfernte. Ich rannte nach unten ins Freie und versuchte den Schatten einzuholen. Er geisterte vor mir her, bis in die Nähe des Denkmals. Als ich glaubte, ihn greifen zu können, wurde ich niedergeschlagen. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos war. Als ich wieder zu mir kam, sah ich Sie am Denkmal stehen. Sie haben die Größe des Mörders und dürfen sich nicht wundern, wenn ich Sie attackierte. Ich glaubte, den Mörder vor mir zu haben. Ich glaube es immer noch.“

„Sie irren sich.“

„Wer ist die Ärmste, die in meinem Badezimmer liegt?“, fragte Keith Price.

„Lag“, korrigierte Ray. „Es ist meine Sekretärin.“

„Aha“, sagte Price. „Da haben wir das Motiv. Ihre Sekretärin hat etwas über Sie in Erfahrung gebracht, was eine Erpressung lohnend erscheinen ließ. Sie wussten sich keinen anderen Rat, als die Frau aus dem Weg zu räumen. Aber warum haben Sie es ausgerechnet hier getan, in Gloster House?“

„Ich weigere mich, mir diesen Unsinn auch nur eine Minute länger anzuhören“, entgegnete Ray und wandte sich zum Gehen. Er hatte Priems Forderung nach den im Nacken verschränkten Armen ignoriert und stiefelte grimmig durch den Regen auf das alte Herrenhaus zu. Price blieb hinter ihm.

„Wenn Sie versuchen sollten, zu türmen, drücke ich ab“, drohte er.



4

Der Regen hatte fast ganz nachgelassen. Ein Automotor wurde hörbar. Das Geräusch kam rasch näher. Als Ray über seine Schulter blickte, sah er die Scheinwerfer des Wagens in die Zufahrt einbiegen. Wenige Sekunden später stoppte der Wagen dicht hinter ihnen.

„Was ist denn hier los?“, fragte Inspektor Pritcher und steckte seinen Kopf aus dem herabgekurbelten Fenster.

„Hallo, Inspektor“, sagte Ray. „Das ist Keith Price, Miss Aldingtons Verlobter. Er behauptet jedenfalls, dass er es ist. Mr. Price scheint zu glauben, dass ich es war, der Helen Gregg tötete.“

„Helen? Ihre Sekretärin?“, entfuhr es Pritcher. Er stieg aus dem Wagen. Er lispelte leicht und hörte sich selbst dann aufgeregt an, wenn es keinerlei Grund dafür gab, aber jetzt und hier war ein solcher Anlass gewiss geboten.

Derek Pritcher genoss in der kleinen Stadt den Ruf großer Tüchtigkeit. Er war zweifellos ein Polizist mit vielen Tugenden, aber er besaß, wie Ray fürchtete, einfach nicht genug Verstand, um mit einem komplizierten Fall fertig zu werden.

Derek Pritcher war 45 Jahre alt und von kleiner, gedrungener Gestalt. Er hatte eine Halbglatze und runde, hervorquellende Augen. Der Inspektor war stets bemüht, die Mängel seiner äußeren Erscheinung durch die Autorität seines Amtes wettzumachen und verwies gern voller Stolz darauf, dass Lakeville frei von nennenswerter Kriminalität sei.

Pritcher war nicht allein gekommen. Er hatte den Polizeiarzt, Dr. Rubin, und einen Assistenten namens Blaker mitgebracht. Blaker war Sergeant und steuerte den alten Morris.

„Ja“, erwiderte Ray. „Sie ist offenbar erschlagen worden.“

„Ich habe den Mörder gesehen“, sagte Price. „Natürlich nur schemenhaft. Er hatte exakt Mr. Guthries Größe.“

„Ein exaktes Schemen“, spottete Ray. „Ich wusste nicht, dass es so was gibt.“

„Steigen Sie ein, meine Herren!“, sagte Pritcher. „Es wird etwas eng zugehen, aber wir sind ja gleich am Ziel.“

Wenige Minuten später hatte sich die Runde, mit Ausnahme von Dr. Rubin und Blaker, die sich in den Keller begeben hatten, im Salon versammelt. James war der einzige, der stand; er befand sich neben der Tür und wartete auf Anweisungen.

„Wollen Sie uns nicht sagen, was Sie dazu bewog, Mr. Guthrie zu sich zu bestellen - mitten in der Nacht?“, fragte Pritcher Gloria, nachdem er sich ein ungefähres Bild des Geschehens verschafft hatte.

„Wenn ich Ihnen das sagte, würde ich mich einem schlimmen Verdacht aussetzen“, erwiderte Gloria. „Deshalb bedaure ich, den Mund halten zu müssen.

Pritcher runzelte die Brauen.

„Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie sich belasten oder in eine ausweglose Situation manövrieren“, meinte er, „aber Sie werden begreifen, dass ein solches Verhalten Sie verdächtig macht.“

Gloria errötete. Ihre Augen blitzten.

„Wollen Sie mir etwa unterstellen, dass ...“, begann sie empört. Pritcher fiel ihr ins Wort. „Keineswegs, gnädiges Fräulein. Ich unterstelle niemand etwas, schon gar nicht Ihnen, aber es ist kein guter Auftakt, wenn Sie meine Ermittlungsarbeit in dieser Weise blockieren.“

„Ich blockiere sie nicht. Ich möchte lediglich vermeiden, dass Sie durch meine Angaben auf eine falsche Fährte gelockt werden. Ich versichere Ihnen, dass ich weder weiß, was die arme Frau hier wollte, noch sagen kann, wer sie tötete.“

„Wie ist sie überhaupt hergekommen? Etwa zu Fuß?“, fragte sich Pritcher.

Niemand antwortete. Die Tür öffnete sich. Dr. Rubin und Blake kamen zurück. Der Polizeiarzt war ein hagerer Endfünfziger mit schlohweißem Haar und Nickelbrille. Seine rote Nase ließ ihn wie einen heimlichen Säufer erscheinen, aber tatsächlich pflegte er keinen Alkohol anzurühren.

Der Sergeant sah aus wie die meisten Männer seines Ranges. Er war bullig und wirkte sehr verdrossen. Er schien das Gefühl zu haben, dass seine untergeordnete Position keineswegs seiner Begabung entsprach: Blaker war 38 Jahre alt. Er hatte kupferrotes, gewelltes Haar von militärisch kurzem Schnitt.

„Der Tod von Miss Gregg“, sagte der Polizeiarzt und konsultierte seinen Notizblock, „dürfte gegen dreiundzwanzig Uhr dreißig eingetreten sein. Er wurde durch einen ungemein heftigen Schlag herbeigeführt, der ihre Schläfe traf. Fund und Tatort sind nicht miteinander identisch. Es ist anzunehmen, dass Miss Gregg im Bad von Mr. Prices Zimmer ermordet und erst später in den Keller gebracht wurde.“

„Gegen dreiundzwanzig Uhr habe ich im Obergeschoss einen unterdrückten Schrei gehört“, erinnerte sich Ray. „Ich habe versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, aber das ist mir nicht gelungen.“

„Das muss ich fixieren“, meinte Pritcher und machte sich eine Notiz. „Sie haben für die Tatzeit also kein Alibi.“

Ray lächelte spöttisch.

„So ist es. Aber fragen Sie die anderen. Mr. Price zum Beispiel. Ich wüsste gern, wo er sich zur fraglichen Zeit aufgehalten hat.“

„Ich war hier unten“, sagte Price.

„Wo denn? Miss Aldington hat versucht, Sie zu finden. Es war ihr nicht möglich“, sagte Ray.

„Es ist nicht fair von Ihnen, Keith auf diese Weise zu belasten“, nahm Gloria ihren Verlobten in Schutz. „Das Erdgeschoss hat mehr als ein Dutzend Räume. Keith behauptet nicht, sich im Salon aufgehalten zu haben.“

„Es ist zwar eine recht delikate Sache“, sagte Keith Price, „aber im Dienste der Wahrheitsfindung sollte ich sie nicht länger verschweigen. Mir war übel. Vermutlich ist mir der Fisch nicht bekommen, den es zum Abendessen gab. Ich musste mich übergeben. Ehe es soweit war, merkte ich, was mich erwartete. Deshalb ging ich ins Freie. Ich hoffte, die frische Luft würde mir guttun.“

„Bei diesem Regen sind Sie aus dem Haus gegangen?“, fragte Ray zweifelnd.

„Wäre Ihnen zumute gewesen wie mir, hätte das bisschen Regen Sie nicht gestört“, erwiderte Keith Price. „Sehen Sie mich an! Meine Kleidung ist ruiniert. Ich bin völlig durchnässt. Ich wüsste wirklich gern, wie lange ich bewusstlos da draußen gelegen habe.“

Pritcher machte sich Notizen, dann fasste er zusammen: „Nach meinem Zeitplan könnte praktisch jeder der Anwesenden Miss Gregg ermordet haben, ausgenommen Dr. Cellar, der erst nach dem Schrei im Haus eintraf. Jeder von Ihnen war einmal allein.“

„Würden Sie uns bitte das Motiv für eine solche schreckliche Tat nennen?“, fragte Ray gereizt.

„Ich muss Sie einzeln vernehmen“, sagte Pritcher und wandte sich an Gloria. „Wo kann das geschehen?“

„Bleiben Sie ruhig hier!“, meinte das Mädchen. „Wir warten in der Bibliothek, bis Sie uns brauchen.“

Pritcher sprach zunächst mit Ray.

„Seit wann beschäftigten Sie Miss Gregg?“, wollte er wissen.

„Seit der Eröffnung meiner Praxis in Lakeville“, sagte Ray. „Helen wurde mir empfohlen, und ich war mit ihr äußerst zufrieden.“

„Was wissen Sie über ihr Leben?“

„Nicht viel“, gab Ray zu. „Jetzt bedaure ich, mich so wenig um sie gekümmert zu haben. Sie muss ein ziemlich einsames Leben geführt haben. Sie war das, was man eine alte Jungfer nennen würde, aber sie war keineswegs schrullig oder gar prüde, sondern sie nahm Anteil an allem, was sie umgab. Sie war intelligent und warmherzig.“

„Keine Liebesgeschichten?“

„Lieber Himmel, Sie kennen Helen Gregg vermutlich länger und besser als ich“, meinte Ray. „Ich habe mich um ihr Privatleben nicht gekümmert, aber mir ist von der Existenz eines Mannes, mit dem sie verkehrt haben könnte, nichts bekannt.“

„Sie hat nur noch einen Onkel im Ort, ist das richtig?“, fragte Pritcher.

„Ja. Luke Warren, der Küster. Helen hat ihre Eltern schon als Kind verloren.“

„Wie ist Helen hergekommen?“

„Ich habe keine Ahnung. Sie besitzt keinen Wagen“, sagte Ray. Er berichtete nochmals, was ihn selbst nach Gloster House geführt hatte. Er unterließ es, das Denkmal zu erwähnen. Er hatte keine Lust, ungläubiges Staunen auszulösen oder sich vorwerfen zu lassen, mit Halluzinationen die Ermittlungen behindern zu wollen. Pritcher stellte noch ein paar Fragen, dann sagte er: „Bitten Sie Miss Aldington herein!“

Ray ging zur Tür.

„Einen Moment, bitte“, meinte der Inspektor. „Haben Sie eine Ahnung, weshalb Miss Aldington Sie mitten in der Nacht zu sprechen wünschte?“

Ray blieb stehen.

„Davon ist niemals die Rede gewesen“, stellte er richtig. „Helen hat lediglich einen Zettel auf meinem Schreibtisch hinterlassen, der aussagte, dass ich in Gloster House dringend benötigt werde. Dass ich so spät hier eintreffen würde, konnten weder die Anruferin noch Helen wissen.“

„Kann es nicht sein, dass Helen Ihnen gefolgt ist, um Sie zu warnen?“

„Sie hätte nur den Zettel zu vernichten brauchen“, sagte Ray.

„Danke, das wär’s fürs Erste“, sagte der Inspektor.

Als Ray die Bibliothek betrat und Gloria ihm entgegenkam, sagte er: „Pritcher möchte sich mit Ihnen unterhalten. Leihen Sie mir Ihren Pacer?“

„Gern, der Schlüssel steckt. Wofür brauchen Sie ihn?“, fragte Gloria.

„Ich muss nach Lakeville und Helens Onkel von dem Mord unterrichten“, sagte er.

Wenige Minuten später war Ray mit Glorias Wagen nach Lakeville unterwegs. Es regnete wieder stärker. Die Scheibenwischer hatten Mühe, gegen das Prasseln der Tropfen anzukommen.

Was hatte Helen nach Gloster House geführt?

Wie war sie in Prices Zimmer gelangt. Wer hatte sie dort getötet und später versucht, das Opfer des Gewaltverbrechens im Keller zu verstecken?

Eigentlich kamen nur zwei Leute dafür in Betracht. Price und James.

Aber James hatte die Leiche ja gefunden, und Price hatte Helen nicht einmal gekannt.

Ein Mord ohne Motiv?

Das gab es nicht. Oder doch?

Seine Gedanken kreisten immer wieder um das Denkmal, um dessen rätselhaftes Verschwinden und Wiederauftauchen, vor allem aber um das unheimliche, drohende Glühen in den vermeintlich toten Metallaugen.

War das Denkmal abmontiert worden? Hatte jemand im Kopf der Bronzefigur Lampen angebracht, um sich damit ein paar makabre Späße erlauben zu können?

Das schien ausgeschlossen zu sein. Die Figur musste viele Zentner wiegen, sie ließ sich nur mit Winden, Hebeln und einem Spezialtransporter bewegen.



5

Ray passierte unterwegs einen am Straßenrand abgestellten Wagen; wenig später erreichte er Lakeville. Helen hatte in dem kleinen, roten Backsteinhaus gewohnt, das ihre Eltern ihr hinterlassen hatten. Es lag am Richtplatz, nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt. Dort wiederum befand sich das Haus des Küsters, eines sehr ernsten, schweigsamen Mannes, den Ray nur vom Sehen kannte.

Ray stellte den Pacer vor der Kirche ab. Als er aussteigen wollte, rieb er sich die Augen. Die noch nicht ausgeschalteten Scheinwerfer seines Wagens trafen einen leeren Denkmalssockel. Die Bronzefigur, die darauf zu stehen pflegte, war verschwunden.

Ray konnte sich nicht erinnern, wen die Figur darstellte, aber er glaubte zu wissen, dass er sie noch vor ein paar Tagen auf dem Sockel gesehen hatte.

Er beschloss, mit Luke Warren darüber zu sprechen und eilte durch den Regen zu dessen Haustür. Erst beim dritten Klingeln wurde im Obergeschoss Licht gemacht. Ein Fensterladen wurde aufgestoßen.

„Wer ist da?“, rief jemand von oben herab.

„Ich bin’s, Ray Guthrie. Würden Sie mich bitte einlassen?“, rief Ray zurück.

Wenige Minuten später saß Ray dem Küster in dessen kleiner Wohnstube gegenüber. Luke Warren war ein mittelgroßer, sehr durchschnittlich aussehender Mann mit rundem, glattrasiertem Gesicht und einer Stirnglatze. Wären seine durchdringenden blauen Augen nicht gewesen, hätte er mit seinen abstehenden Ohren und seinen wulstigen Lippen hässlich gewirkt.

„Ich komme direkt von Gloster House und muss Ihnen eine entsetzliche Mitteilung machen“, sagte Ray, nachdem sie sich gesetzt hatten. „Helen ist tot. Sie wurde in einem Gästezimmer von Gloster House erschlagen und später im Keller des Gebäudes gefunden. Es gibt bis jetzt weder Hinweise auf den Mörder noch auf das Motiv.“

Luke Warren bewegte die Lippen. Er schloss die Augen. Langsam schüttelte er den Kopf.

„Der Inspektor und alle anderen, mich einbegriffen, stehen vor einem Rätsel“, fuhr Ray fort und berichtete von dem Zettel, den Helen ihm in seinem Büro zurückgelassen hatte. „Sind Sie imstande, Licht in das mysteriöse Dunkel zu bringen?“

Luke Warren hob die Lider.

„Tot“, murmelte er. „Das ist entsetzlich. Sie war ein so gutes Mädchen.“

„Ja, sie war wundervoll“, bestätigte Ray. „Hat sie Feinde gehabt?“

„Helen? Wo denken Sie hin! Die wurde von allen geliebt, die sie kannten“, sagte der Küster. „Was kann sie bloß in Gloster House gewollt haben?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Ray. „Es liegt nahe, anzunehmen, dass Helen mir noch etwas mitteilen wollte. Irgendetwas sehr Dringendes, das sich auf die Aldingtons und meinen Besuch in Gloster House bezogen haben muss. Ich finde keine andere Erklärung für Helens Aufenthalt in dem Schloss. Aber wie ist sie hingekommen, wer hat sie eingelassen, und wie geriet sie in Prices Zimmer?“

„Fragen Sie nicht mich, bitte“, murmelte Luke Warren. „Ich habe keine Ahnung.“

„Wann haben Sie Helen das letzte Mal gesehen?“

„Heute Mittag. Wir wechselten ein paar Worte miteinander. Das Übliche. Sie war ausgeglichen und heiter, wie immer“, erinnerte sich Luke Warren. In seinen Augen glänzten Tränen. „Die arme Helen. Wer kümmert sich jetzt um meine Wäsche?“

Ray stand auf.

„Da fällt mir etwas ein“, sagte er. „Kennen Sie das Denkmal hinter der Kirche?“

„Ja, was ist damit?“

„Es ist verschwunden.“

„Verschwunden?“, wiederholte der Küster mit runden, verblüfften Augen.

„Ja. Kommen Sie! Ich möchte, dass Sie sich davon überzeugen“, sagte Ray.

Luke Warren verließ den Raum. Als er zurückkehrte, hatte er seinen Morgenrock mit einem Regenmantel vertauscht. Die beiden Männer eilten ins Freie. Es regnete nicht mehr.

„Tatsächlich“, hauchte der Küster, als sie den leeren Denkmalssockel erreicht hatten. „Die Figur muss gestohlen worden sein. Es kann sich nur um diese Bande handeln.“

„Um welche Bande?“, fragte Ray.

„Die Burschen haben es auf Buntmetall abgesehen. Offenbar steht Bronze hoch im Kurs. Die Gangster fahren über Land, sie montieren Denkmäler ab und schmelzen sie ein, aber es ist auch denkbar, dass sie die schweren Brocken auf dem Kontinent als wertvolle Antiquitäten verkaufen. Es gibt eine Menge Gartenbesitzer, nehme ich an, die an solchen Schmuckstücken interessiert sind.“ „Was es nicht alles gibt“, meinte Ray kopfschüttelnd. Die Auskunft des Küsters verschaffte ihm eine gewisse Erleichterung, aber sie lichtete nicht das Dunkel um die Vorgänge, die mit dem Denkmal an der Zufahrt zu Gloster House zusammenhingen.

„Ich kann mich nicht mal erinnern, was das für eine Figur war“, sagte Ray.

„Sie stand hier, solange ich denken kann“, erwiderte der Küster. „Sie war ein Geschenk der Mawheads.“

„Waren das nicht die Leute, denen Gloster House gehörte?“, fragte Ray.

„Ja. Ein altes Geschlecht. Es muss ihnen sehr schwergefallen sein, ihren Familiensitz an diese Neureichen abzutreten.“

„Was wissen Sie über die Familie?“, fragte Ray.

„Über die Aldingtons? Da wissen Sie mehr als ich“, meinte der Küster.

„Ich spreche von den Mawheads“, sagte Ray ungeduldig.

„Oh, da hätten Sie besser Helen fragen sollen“, meinte der Küster. „Die hat sich mit der Geschichte der Mawheads gefasst. Fragen Sie mich nicht warum - aber seit Wochen hat sie alles verschlungen, was sie in unserer Bibliothek und in alten Chroniken darüber finden konnte.“

„Das ist seltsam“, sagte Ray.

„Brauchen Sie mich noch, Sir? Ich möchte mit meinem Schmerz jetzt allein sein“, sagte der Küster. Ray nickte nur. Der Küster ging davon. Ray blieb mit gesenktem Kopf stehen, dann strebte er auf das Haus von Helen Gregg zu. Es war einstöckig und lag direkt an der Straße.

Ray zögerte ein wenig, dann legte er seine Hand auf die Klinke der Haustür. Sie gab nach. Die Tür war unverschlossen.

Ray öffnete sie. Er betrat das Haus zum ersten Mal und zögerte ein wenig, weiterzugehen.

Es war das Haus einer Toten. Er hatte kein Recht, sich darin umzusehen. Jeder Raum, jeder Quadratzentimeter Boden, ja selbst die Luft, die er atmete, gehörten zu Helens Intimsphäre.

Er lauschte. Ihm schien es so, als hörte er Helens Stimme. Ihr seltenes, warmes Lachen. Im nächsten Moment hörte er etwas anderes und durchaus Reales.

Das Knacken eines Dielenbrettes.

Das Geräusch kam aus dem oberen Stockwerk.

Ray hielt die Luft an. Er wusste, dass Holz in alten Häusern arbeitet und zuweilen seltsame Laute erzeugt, aber das Knacken, das er vernommen hatte, war, wie er meinte, unter der Verlagerung eines Gewichts zustande gekommen.

Er spannte die Muskeln und hielt den Atem an. Er rührte sich nicht vom Fleck und wartete auf eine Wiederholung des Geräuschs, aber sie blieb aus. Er zog die Tür behutsam hinter sich ins Schloss und suchte in Prices Sachen, die er trug, nach Streichhölzern. Stattdessen fand er ein Feuerzeug. Er knipste es an, drehte die Flamme hoch und bewegte sich auf die schmale Holztreppe zu, die steil nach oben führte.

Er hätte Licht machen können, zog es aber vor, sich weniger spektakulär zu verhalten. Wenn jemand im Haus war, konnte er vom Knacken des Lichtschalters und dem Aufflammen der Flurbeleuchtung gewarnt werden.

Ray erreichte die kleine Galerie des Obergeschosses. Von ihr zweigten vier Türen ab. Es war deutlich zu sehen, welche Tür ins Wohnzimmer führte ihre Klinke war stark abgegriffen.

Ray knipste das Feuerzeug aus und steckte es ein. Auf Zehenspitzen näherte er sich der Tür. Er legte sein Ohr dagegen. Alles, was er vernehmen konnte, war das gleichmäßige Rauschen des Regens, der wieder stärker eingesetzt hatte. Ray drückte die Türklinke herab, Millimeter um Millimeter. Die Tür gab nach. Er schob sie nach innen auf und schaffte es, sie zu öffnen, ohne einen Laut zu verursachen.

Das Zimmer hatte zwei Fenster, die zur Straße wiesen und nicht sehr groß waren. Durch sie fiel das Licht der Lampen in den Raum, die den Richtplatz erhellten. Ray sah einen Schreibtisch zwischen den beiden Fenstern stehen, davor einen hochlehnigen Stuhl. Er sah einen Tisch in der Mitte des Zimmers, und ein paar verglaste Bilder an den Wänden, der Rest des Raumes lag im Dunkel.

Ray machte einen Schritt nach vorn. Er wusste im gleichen Moment, dass er einen Schritt zu viel gemacht hatte.

Von der Seite her traf etwas seine Schläfe. Der Treffer war von der gleichen brutalen Wucht, die ihn vor dem Eingang von Gloster House ins Reich der Träume geschickt hatte.

Ray brach zusammen und verlor das Bewusstsein.



6

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Rücken und hatte Mühe, sich daran zu erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. Er ruhte auf den harten Dielenbrettern eines dunklen Zimmers. Als er sich aufrichtete und die beiden Fenster, den Schreibtisch und den Stuhl sah, wusste er, wo er sich befand. Mit schmerzendem Schädel kam er auf die Beine. Er torkelte mit ausgestreckten Armen zur Tür, tastete nach dem Schalter und knipste das Licht an.

Er schaute sich blinzelnd um. Hier hatte Helen offenbar gearbeitet. Es gab ein paar Buchregale in dem Zimmer, die dicht gefüllt bis unter die Decke reichten. Auch der Schreibtisch machte den Eindruck, als ob er nicht bloß zur Zierde im Raum stünde; auf ihm stapelten sich Bücher und Papiere.

Womit hatte Helen sich beschäftigt?

Ray massierte sich die Schläfe. Er hatte es allmählich satt, auf diese Weise zu Boden geschickt zu werden und war entschlossen, es seinen Gegnern in Zukunft schwerer zu machen.

Aber wer waren diese Gegner, und was trieben sie in Helens Haus?

Er stand vor einem Rätsel.

Ray setzte sich an den Schreibtisch. Links von ihm türmten sich ein paar Folianten, denen anzusehen war, dass sie in längst vergangenen Jahrhunderten entstanden waren. Er zog sich eines heran und öffnete es. Es war ein Kirchenbuch, dicht gefüllt mit Eintragungen. Ray klappte es wieder zu. Er stand auf.

Der Schreibtisch war, wie sich herausstellte, das einzige Möbelstück im Haus, das eine gewisse Unordnung erkennen ließ. Überall sonst im Haus herrschte peinliche, fast pedantische Sauberkeit. Nichts deutete darauf hin, dass ein Eindringling versucht hatte, sich nach Wertsachen umzusehen.

Ray verließ das Haus sehr nachdenklich. Er kletterte in den Pacer und fuhr zurück nach Gloster House.

Als er dort eintraf, kamen ihm Pritcher, Blaker und der Polizeiarzt entgegen. Die Vernehmungen waren offenbar fürs Erste abgeschlossen.

„Wo kommen Sie denn her?“, fragte Pritcher.

„Ich war in Lakeville, um Helens Onkel von dem Geschehen zu unterrichten“, erwiderte Ray. „Es gibt einiges darüber zu berichten. Am Kirchplatz ist das Denkmal verschwunden, und in Helen Greggs Haus wurde ich von einem Unbekannten niedergeschlagen. Ich habe keine Ahnung, wer es war und was er in dem Haus wollte.“

„Sagen Sie mir lieber, was Sie in dem Haus wollten!“, knurrte Pritcher übelgelaunt.

„Ich habe es zum ersten Mal betreten und wäre gar nicht auf die Idee gekommen, mich dafür zu interessieren, wenn Helen nicht auf so schreckliche Weise zu Tode gekommen wäre“, erwiderte Ray. „Ich habe mir geschworen, den Mord zu sühnen.“

„Überlassen Sie das lieber uns, der Polizei!“, sagte Pritcher. „Und was sagen Sie da von dem Denkmal?“

„Es ist verschwunden. Sie werden nur noch den Sockel vorfinden“, erklärte Ray.

„Was hat das mit Helen Greggs Tod zu schaffen?“, fragte der Inspektor.

„Darauf“, meinte Ray grimmig, „wüsste ich gern die Antwort. Ich komme nicht davon los, dass es da Zusammenhänge gibt.“

„Was für Zusammenhänge, um Himmels willen?“

„Es ist noch zu früh, darüber zu sprechen“, sagte Ray.

Die Männer verabschiedeten sich und gingen. Ray ging, von James geleitet, in den großen Salon und erfuhr auf dem Weg dorthin, dass Dr. Cellar inzwischen nach Hause gefahren war.

Im Salon saßen Gloria und Keith. Keith Price hatte sich umgezogen. Er trug eine Sportkombination aus grauem Tweed.

„Werde ich jetzt erfahren, warum Sie mich nach Gloster House gebeten haben?“, wandte Ray sich an Gloria. Sie hatte sich offenbar gefangen, jedenfalls zeigte sie jetzt eine gesunde Gesichtsfarbe und ließ nichts mehr von den Schocks erkennen, die die Nacht für sie bereitgehalten hatte.

Gloria schaute Keith Price an.

„Lass uns allein, bitte“, sagte sie.

Keith Price machte keinen Hehl daraus, dass Glorias Misstrauen ihn schmerzte. Er zog ein beleidigtes Gesicht, stand jedoch auf und verließ ohne ein weiteres Wort mit James den Raum.

„Ich höre“, sagte Ray und war überrascht von der inneren Spannung, die ihn gefangen hielt. Seine Hände waren feucht geworden.

„Ich ließ Sie rufen, um mit Ihnen über Helen Gregg zu sprechen“, sagte Gloria.

Ray blinzelte. Er legte den Kopf zur Seite wie einer, der sicher ist, nicht richtig verstanden zu haben.

„Sie haben mich wegen Helen ...“, begann er fassungslos. Der Blick seiner Augen bohrte sich in den seines schönen Gegenübers. „Und?“, fragte er.

Gloria holte tief Luft.

„Ist Ihnen bekannt, dass Miss Gregg wiederholt in Gloster House gewesen ist, mit meiner Einwilligung versteht sich?“

„Nein. Was wollte sie hier?“

„Sie interessierte sich für die Geschichte des Besitzes - das hat Miss Gregg mir gegenüber jedenfalls wiederholt zum Ausdruck gebracht.“

„Mir hat sie davon nichts gesagt“, murmelte Ray.

Helen hatte also Geheimnisse vor ihm gehabt. Wie viele waren es gewesen, und warum hatte sie sie gepflegt?

„Wann war sie das erste Mal bei Ihnen?“, fragte er.

„Vor sechs Wochen, glaube ich. Sie interessierte sich offenbar für die Geschichte der Mawheads. Ich habe ihr erlaubt, in der Bibliothek herumzustöbern. Hin und wieder hat sie sich ein paar Folianten mitgenommen.“

„Wann haben Sie Helen das letzte Mal gesehen?“, wollte Ray wissen.

„Das war vorgestern. Heute vermisste ich meine Brillantbrosche. Sie ist sehr wertvoll und enthält unter anderem einen Siebenkaräter. Ich erinnerte mich, die Brosche zuletzt in der Bibliothek gesehen zu haben - und dort war auch Helen.“

„Sie glauben, dass Helen die Brosche gestohlen haben könnte?“, murmelte Ray.

„Ich habe James nach der Brosche gefragt. Selbstverständlich auch die anderen Angestellten. Ich habe mit Keith gesprochen. Niemand hat die Brosche gesehen. Nach meinen ersten Recherchen blieb mir nur eines übrig - ich musste Helen des Diebstahls verdächtigen. Da es dabei um eine Sache von beträchtlichem Wert ging, bat ich Sie zu mir - dringend.“

„Warum haben Sie dem Inspektor nichts von der Geschichte erzählt?“, fragte Ray verwundert.

„Versetzen Sie sich einmal in meine Lage! Helen ist offenbar in diesem Haus ermordet worden. Niemand weiß, warum. Sollte ich sie unter diesen Umständen eines Diebstahls bezichtigen, den sie möglicherweise gar nicht begangen hat?“

Ray biss sich auf die Unterlippe. Er dachte nach, schaute Gloria an und sagte: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass Helen eine Diebin war. Was hätte sie mit einem solchen Schmuckstück beginnen sollen? Ich habe niemals irgendwelchen Schmuck an ihr gesehen. So was hätte gar nicht zu ihrer Erscheinung gepasst.“

„Tatsache ist, dass die Brosche verschwunden ist und dass der Verdacht sich gegen Helen Gregg richtet“, sagte Gloria. „Ich gebe zu, dass ich mit meinem Schmuck zuweilen recht leichtsinnig umgehe. Ich lasse hier mal was liegen, und dann wieder dort. Bis jetzt ist niemals etwas verschwunden. Das spricht eindeutig für die Ehrlichkeit der Angestellten. Ich weiß, dass ich die Brosche in der Bibliothek abgelegt habe, und ich weiß, dass Helen Gregg dort war ...“

„Eben.“ Ray nickte. „Und das wusste auch der Dieb. Ihm war klar, dass der Verdacht auf Helen fallen würde, und deshalb griff er zu.“

„Das ist eine Theorie.“

„Stimmt, aber auch der Verdacht, den Sie gegen Helen äußern, ist nichts anderes.“

„Ich weiß“, sagte Gloria, der anzumerken war, wie sehr sie das Ganze quälte. „Was soll ich jetzt tun? Was raten Sie mir?“

„Sie müssen mit dem Inspektor sprechen.“

„Er wird sich fragen, warum ich nicht gleich mit der Wahrheit herausgerückt bin.“

„Sie können ihm die Gründe erklären“, sagte Ray und schaute auf seine Uhr. „Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Würden Sie mir bitte nochmals Ihren Pacer ausleihen? Ich bringe ihn morgen zurück.“

„Morgen werden Sie Papa antreffen. Ich werde ihn dazu bringen, Gloster House zu verkaufen. Der Besitz hat uns kein Glück gebracht. Wenn Papa Gloster House behalten will, soll er das meinetwegen tun, dann ziehe ich zurück in die Stadt.“

Ray verabschiedete sich und ging.



7

Er erreichte sein Zuhause ohne Zwischenfälle. Das Haus, das er bewohnte, lag am Marktplatz des kleinen Ortes und hatte eine hübsche, alte Fassade, die unter Denkmalschutz stand. Im Erdgeschoss befanden sich seine Praxisräume, darüber die Wohnung.

Er hatte sich mit den zum Teil ererbten, aus London mitgebrachten Möbeln sehr behaglich eingerichtet und liebte das Flair des alten, gepflegten Hauses. Im Dachgeschoss befand sich noch genügend Platz für eine Erweiterung des Hauses, aber vorerst genügten ihm die vorhandenen Räume, ein Wohn-, ein Schlaf- und ein Arbeitszimmer sowie Küche und Bad.

Als Ray die Haustür hinter sich abgeSchlossen hatte, ging er nochmals in sein Büro, um den Zettel anzusehen, den Helen geschrieben und der ihn nach Gloster House gerufen hatte. Er drehte die Notiz hin und her. Helens letzte Nachricht.

Für ihn ging es nicht nur darum, den Mord zu sühnen, für ihn kam es jetzt auch darauf an, die Ermordete von dem Vorwurf zu befreien, eine gemeine Diebin gewesen zu sein.

„Wir schaffen das schon“, sagte er halblaut in die Stille des Raumes hinein, ging zur Tür, knipste das Licht im Büro aus und begab sich nach oben in seine Wohnräume.

Das Telefon klingelte. Ray blickte auf seine Uhr. Es war kurz vor vier.

„Guthrie“, meldete er sich.

Gloria war am Apparat.

„Kommen Sie“, stammelte sie, „kommen Sie schnell! Es … es ist etwas Entsetzliches geschehen!“

Ray wollte fragen, worum es ging, aber da hatte Gloria bereits aufgelegt. Ray hastete aus dem Haus, sprang in den Pacer und fuhr die gleiche Strecke, die er gerade gekommen war, zurück.

Als er Gloster House erreichte, entdeckte er, dass Pritcher schon vor ihm eingetroffen war. Der Wagen des Inspektors parkte vor dem Eingang.

James öffnete ihm. Er sah aus wie eine Mumie und hatte tiefe Schatten unter den Augen.

„Kommen Sie!“, würgte er hervor und führte Ray in den Salon. Dort saß Gloria. Sie hockte wie ein Häufchen Unglück in einem hochlehnigen Ohrensessel, hatte die nackten Schultern hochgezogen und umspannte mit beiden Händen einen Kognakschwenker. Gloria war allein im Zimmer. Weder Pritcher noch seine Leute waren zu sehen.

In Ray stieg ein seltsamer Verdacht auf. Hatte es Keith Price erwischt? Waren der Inspektor und seine Leute dabei, den Tatort zu inspizieren?

Gloria zitterte kaum merklich. Plötzlich zersprang das Glas zwischen ihren Händen. Sie hatte es zu kräftig gedrückt und starrte nun entsetzt auf das Blut, das aus einer Schnittwunde tröpfelte. Die Glassplitter lagen in ihrem Schoß, und der Kognak färbte den Samt des Kleides dunkel.

Ray, der immer noch Prices Sachen trug, fischte ein sauberes Taschentuch aus der Hose und drückte es der zitternden Frau in die Hand, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Schnittwunde weder tief noch gefährlich war.

„Was ist mit Mr. Price?“, fragte er.

„Keith? Oh, er hat sie entdeckt ...“ Gloria schloss die Augen. „Es muss furchtbar gewesen sein. Angela lag in ihrem Bett, mit zerschmettertem Schädel ...“

„Angela?“, fragte Ray. „Ist das nicht eine der Hausangestellten?“

Gloria nickte. Aus irgendwelchen Gründen fand sie nicht die Kraft, Ray anzusehen. Sie blickte aus seltsam starren Augen ins Leere.,

,Wissen Sie“, versuchte sie zu erklären, „Keith wollte mit ihr sprechen. Mit allen Angestellten. Er wollte herausfinden, ob sie etwas mit Helen Greggs Tod zu tun haben, ob sie etwas gehört oder gesehen hatten. Er ging also hinüber zum Gesindehaus, und da fand er sie ...“

„Was ist mit den anderen Angestellten?“

„Arthur und Mary sind wohlauf. Allerdings pflegen sie bei abgeschlossenen Türen zu schlafen, während Angela offenbar ihr Zimmer nicht verschlossen hatte. Arthur und Mary haben nichts gehört. Sie sind so entsetzt und fassungslos wie ich, oder wie Keith und James ...“

„Was sagt Pritcher dazu?“

„Er ist kurz vor Ihnen gekommen, mit dem Arzt und dem Sergeant. Die drei sind im Gesindehaus. Keith hat sie hingeführt.“

„Haben Sie dem Inspektor mitgeteilt, weshalb Sie mich zu sich gebeten hatten?“

„Dazu bin ich noch nicht gekommen. Was sollen wir tun? Geben Sie mir einen Rat! Wenn das so weitergeht, drehe ich durch“, sagte Gloria.

„Das wäre das Dümmste, was Sie tun könnten“, beruhigte Ray das Mädchen. „Sie müssen die Nerven behalten.“

„Die Nerven behalten! Das ist leicht gesagt. Diese Nacht ist voller Schrecken. Ich werde sie nicht vergessen“, sagte Gloria.

In der Halle wurden Schritte laut. Die Tür öffnete sich. Pritcher und Keith Price betraten den Raum.

„Sie schon wieder?“, fragte der Inspektor und schaute Ray an.

„Ich habe ihn gebeten, herzukommen“, sagte Gloria.

„Warum?“, fragte Pritcher erstaunt.

„Er ist mein Anwalt.“

„Fühlen Sie sich in irgendeiner Weise schuldig?“, wollte Pritcher wissen.

„Natürlich fühle ich mich schuldig“, sagte Gloria erregt. „In diesem Haus bin ich praktisch aufgewachsen. Hier habe ich meine Mutter verloren, hier wurden heute Nacht zwei Morde verübt und ...“ Sie konnte nicht weitersprechen. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht und schluchzte kurz, aber dann riss sie sich zusammen. Sie ließ die Hände fallen und sagte mir tonloser Stimme: „Entschuldigen Sie, bitte. Mit hysterischen Anfällen ist weder Ihnen noch mir geholfen. Ich will versuchen, nicht wieder aus der Rolle zu fallen.“

Pritcher setzte sich. Er starrte auf den Fußboden.

„Sie muss sofort tot gewesen sein“, sagte er. „Der Schlag, den sie erhalten hat, wurde mit brutaler Kraft geführt. Es muss ein gewaltiger Hammer gewesen sein. Oder etwas Ähnliches. Von der Mordwaffe und dem Täter fehlen jede Spur.“

„Wie alt war sie?“, fragte Ray.

Gloria schaute ihn an.

„Spielt das eine Rolle? Vierundzwanzig, glaube ich. Sie war fast noch ein Kind. Naiv, gutgläubig, fleißig. Ich habe sie geschätzt.“

„Hatte sie einen Freund?“, wollte Pritcher wissen.

„Sonnabends hatte sie frei, da ging sie tanzen. Von ihrem Privatleben weiß ich so gut wie nichts“, meinte Gloria, „aber vielleicht können Ihnen Arthur und Mary mehr darüber sagen.“

„Mit denen ist im Augenblick nicht zu reden“, grollte der Inspektor. „Die sind am Boden zerstört.“

„Miss Aldington hat Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen, glaube ich“, sagte Ray.

Gloria nickte und berichtete, was sie dazu gebracht hatte, um Ray Guthiers Besuch zu bitten. Pritcher hörte zu, ohne sie mit Zwischenfragen zu unterbrechen.

„Das hilft uns nicht gerade weiter“, fasste er seine Eindrücke von dem Gesagten zusammen.

„Helen war keine Diebin“, sagte Ray.

„Wenn Sie nicht einmal wussten, dass Miss Gregg wiederholt in Gloster House war und sich Bücher auslieh, sollten Sie mit Ihrem Urteil über Ihre ehemalige Angestellte vorsichtiger sein“, tadelte Pritcher. „Als Jurist sollte Ihnen überdies bekannt sein, wie sehr es sich empfiehlt, in der Beurteilung von Menschen mit der gebotenen Zurückhaltung aufzutreten.“ Er wandte sich an Gloria. „Existiert ein Foto der abhandengekommen Brosche?“

„Ja. Ich habe es vor Jahren für die Versicherung anfertigen lassen“, sagte Gloria und stand auf. Sie löste das Taschentuch von ihrer Hand und betrachtete die Schnittwunde. Da die Wunde immer noch blutete, wickelte sie das Tuch erneut darum. „Ich hole Ihnen das Foto“, sagte sie und ging zur Tür. Auf halbem Weg dorthin blieb sie stehen. „Begleitest du mich?“, fragte sie Price. „Ich habe Angst.“

„Das kann ich verstehen“, meinte Price und verließ mit seiner Verlobten den Raum.

„Ein schönes Paar“, sagte Pritcher.

„Sorgen haben Sie“, knurrte Ray.

Pritcher erhob sich.

„Ja, die habe ich. Zwei Morde in einer Nacht. Und weit und breit ist kein Motiv erkennbar ...“

„Ich hätte eines“, sagte Ray.

Pritcher schaute ihn an. „Lassen Sie hören!“

„Die Brosche“, sagte Ray.

„Das müssen Sie mir schon genauer erklären.“

„Setzen wir einmal den Fall, dass Helen beobachtete, wie Angela die Brosche verschwinden ließ“, sagte Ray. „Wenn ein Mädchen wie Angela zur Diebin wird, ist fast anzunehmen, dass ein Mann dahintersteckt. Nennen wir ihn Angelas Liebhaber. Er hat Angela zum Stehlen verleitet. Helen hat versucht, das Mädchen zur Rückgabe der Brosche zu bewegen, daraufhin wandte Angela sich an ihren Freund, und der lockte Helen nach Gloster House, um sie zu töten. Damit war für den Täter das Problem keineswegs schon gelöst. Er musste die Leiche verschwinden lassen. Das wäre ihm vermutlich auch gelungen, wenn James ihn dabei nicht gestört hätte. Für den Täter ging es nunmehr darum, Angela aus dem Verkehr zu ziehen. Denn sie, befürchtete er, würde nicht die Nerven haben, den Mund zu halten. Möglicherweise hat er die Ärmste mit dem gleichen Tatwerkzeug getötet, das Helen Gregg zum Verhängnis wurde.“

„Eine reichlich makabre Geschichte“, sagte Pritcher spöttisch, „aber sie erhält nur dann einen Sinn, wenn Sie den Nachweis führen können, dass Angela einen solchen Liebhaber hatte.“

„Ich bin kein Polizist“, sagte Ray. „Ich bemühe mich lediglich darum, eine plausible Hypothese zur Diskussion zu stellen. Ich überlasse es Ihnen, sie zu verwerfen oder einer näheren Betrachtung zu unterziehen.“

Die Tür öffnete sich. Gloria kehrte zurück - allein. Sie brachte ein Foto mit.

„Hier ist es“, sagte sie. Das Bild zeigte eine ovale, mit Brillanten besetzte Brosche. Ein untergelegtes Zentimetermaß sorgte für die notwendige Größenangabe.

„Das ist der Siebenkaräter“, erklärte Gloria. „Links und rechts davon befinden sich Zweikaräter, die restlichen Steine sind kleiner. Der Wert der Brosche liegt bei vierzigtausend Pfund.“

„Wo ist Mr. Price?“, erkundigte sich der Inspektor.

„Er kommt gleich zurück. Ihm ist schon wieder übel“, sagte die Frau.

„Mr. Guthrie hat eine interessante Theorie entwickelt“, sagte der Inspektor und legte das Foto in seine Brieftasche. „Er hält es für denkbar und möglich, dass Angela die Brosche an sich genommen hat und dabei von Miss Gregg beobachtet wurde.“

Pritcher wiederholte Rays Hypothese und schloss mit der Frage: „Was halten Sie davon?“

Gloria setzte sich. Sie sah verstört aus.

„Angela war ein ehrliches Mädchen“, sagte sie schließlich, „aber wie ich schon feststellte, war sie gleichzeitig sehr naiv. Ich kann nicht ausschließen, dass ein Mann, ein Verbrecher, auf seine Weise versucht hat, Angelas Schwächen auszubeuten. Mr. Guthries Theorie ist interessant und sogar faszinierend. Sie würde erklären, wie es zu den beiden Morden kommen konnte.“

„Werde ich noch gebraucht?“, fragte Ray.

„Nein“, erwiderte Pritcher.

„Sie sind mir hoffentlich nicht böse, dass ich Sie gerufen habe“, meinte Gloria. „Aber ich musste Ihnen einfach Bescheid geben ...“

Ray fuhr nach Hause. Als er zu Bett ging, graute der Morgen durch die Fenster.

Er stand trotzdem zur gewohnten Zeit auf, gegen acht Uhr. Kurz vor neun überquerte er den Marktplatz, um in Theas Tea-Room sein gewohntes Frühstück einzunehmen. Thea Summerhill, die Besitzerin des Lokals, betreute um diese Zeit mehrere wohlhabende Junggesellen, unter anderem den Apotheker und einen Lehrer namens Jack High. Die Aufgeregtheit, mit der die Wirtin Ray empfing, war verständlich. Die Nachricht von den beiden Morden in Gloster House hatte längst die Runde gemacht.

„Die arme Helen!“, lamentierte die Wirtin. Sie war eine spindeldürre, bebrillte Frau von schwer schätzbarem Alter, berühmt für ihren Tee und einen selbstgebackenen Früchtekuchen, den sie an zufriedene Kunden in alle Welt verschickte. „Was werden Sie nur ohne sie machen?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Ray, nahm an seinem Tisch Platz und kam sich recht schlecht vor, weil er angesichts der erschütternden Vorkommnisse einen ungebrochenen Appetit hatte. Thea brachte ihm das Gewohnte: Kaffee, Ham und Eggs, Butter und Toast.

Der Lehrer setzte sich zu Ray an den Tisch.

„Miss Gregg muss das Geheimnis von Gloster House entdeckt haben“, flüsterte er im Ton eines Verschwörers. „Deshalb musste sie sterben.“

„Welches Geheimnis?“, murmelte Ray. Er konnte den bärtigen High nicht ausstehen. Die Tatsache, dass der Lehrer ihn beim Frühstück belästigte, vermochte Rays Aversionen nicht abzubauen.

„Ich bitte Sie! Auf Gloster House liegt ein Fluch“, sagte der Lehrer. „Das steht in den Büchern. Es heißt darin, dass diejenigen, die Gloster House übernehmen, die es also der Sippe entreißen, eines gewaltsamen Todes sterben werden.“

„Wo steht das geschrieben?“

„Keine Ahnung, aber Helen hat es mir gegenüber erwähnt“, sagte der Lehrer.

Ray war verblüfft.

„Helen? Sie haben mit ihr darüber gesprochen?“

„Sie muss geglaubt haben, dass ich als Lehrer besondere Geschichtskenntnisse der Umgebung besitze“, erklärte Jack High. „Sie ließ durchblicken, dass sie sich für die Geschichte von Gloster House interessiert, für die Familienchronik der Mawheads.“

„Hat Helen Ihnen auch gesagt, warum sie sich für die Mawheads interessiert?“

„Sie tat es Ihretwegen.“

Rays Verblüffung wuchs. „Meinetwegen?“

„Aber ja“, bestätigte der Lehrer. „Sie vertreten die Interessen der Aldingtons, nicht wahr? Miss Helen hielt es wohl für eine gute Idee, möglichst viel Background-Information über den Besitz der Aldingtons zusammenzutragen. Sie wollte Sie damit überraschen.“

„Ja, aber warum?“, fragte Ray. „Können Sie sich das nicht denken? Helen himmelte Sie an. Sie wollte etwas für Sie tun. Da kam ihr die Idee, dass Sie bei den Aldingtons Profil gewinnen könnten, wenn Sie die Besitzer von Gloster House mit einem profunden Wissen über das Werden, über die Geschichte des Besitzes beeindrucken würden. Nur deshalb hat sich Helen Gregg so gründlich in die Thematik vertieft.“

„Sie haben mir sehr geholfen, Mr. High“, sagte Ray und leistete dem Lehrer insgeheim Abbitte. Der Lehrer stand auf.

„Ich hoffe, dass man den Mörder rasch findet und zur Rechenschaft zieht“, sagte er und ging.

Ray kehrte in sein Büro zurück. Er rief das einzige Taxiunternehmen des Ortes an und erfuhr, dass Helen in der vergangenen Nacht von einem Fahrer namens Hank Strutter nach Gloster House gefahren worden war.

„Können Sie Strutter über Autofunk erreichen?“, fragte Ray. „Wenn ja, schicken Sie ihn zu mir, bitte.“

Strutter, ein vierschrötiger, knapp fünfzigjähriger Mann mit tabakbraunen, schadhaften Zähnen kreuzte nur eine halbe Stunde später auf.

„Wann haben Sie Miss Gregg nach Gloster House gebracht?“, wollte Ray wissen.

„Sie hat die Zentrale gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig angerufen“, erinnerte sich der Fahrer. „Ich bin dann zu Miss Gregg gefahren und habe sie abgeholt. Kurz vor oder nach elf habe ich sie vor Gloster House abgesetzt und bin zurückgefahren.“

„Sie sind nicht gebeten worden, auf Miss Gregg zu warten?“

„Nein.“

„Haben Sie unterwegs mit Miss Gregg gesprochen?“

„Nur ein paar Worte. Das Übliche. Wir haben beide über das Wetter gestöhnt.“

„Wie Sie wissen, steht an der Zufahrt zu Gloster House ein Denkmal. Haben Sie es gesehen?“

„Ja, wahrscheinlich - was ist damit?“

„Ist Ihnen daran etwas aufgefallen?“

„Ich kann mich nicht daran erinnern“, sagte der Fahrer.

„Danke, das wär’s“, meinte Ray.

Nachdem der Fahrer gegangen war, bemühte sich Ray darum, Tritt zu fassen. Er vergrub sich in ein paar Akten, merkte aber rasch, dass er unfähig war, sich zu konzentrieren. Der Gedanke, dass Helens im Vorzimmer stehender Schreibtisch leer geblieben war und dass Helen nicht wie gewohnt gegen elf hereinkommen würde, um ihm seinen Tee zu bringen, quälte ihn stark.

Er rief die Werkstatt an und bat den Meister, einen unweit von Gloster House abgestellten Wagen abzuschleppen und in Ordnung zu bringen. Dann telefonierte er mit Gloster House. James war am Apparat.

„Das gnädige Fräulein ist zum Bahnhof gefahren, um Mr. Aldington abzuholen“, sagte er.

„Ich muss den Pacer zurückbringen“, erklärte Ray. „Wird er gebraucht?“

„Ich glaube nicht, Sir. Miss Aldington ist mit dem Jeep unterwegs, außerdem haben wir ja noch Mr. Prices Wagen hier.“

„Danke“, sagte Ray und legte auf.



8

Er fuhr mit dem Pacer zum Bahnhof, aber der aus London kommende Zug war schon durch. Gloria und ihr Vater befanden sich auf dem Weg nach Gloster House. Der Gegenzug lief in wenigen Minuten ein.

Ray gab sich einen Ruck. Er löste eine Fahrkarte, stieg in den Zug nach London und erreichte sein Ziel am frühen Nachmittag. Er durchblätterte das Telefonbuch und stellte fest, dass Keith Price im Haus Hunters Street 62 am Brunswick Square lebte.

Ein Taxi brachte Ray ans Ziel.

Das Haus, dessen obere Etage Keith Price bewohnte, war ein vornehmer, alter Kasten mit einer Menge Erker und steinerner Verschnörkelungen. Man hatte ihn kürzlich modernisiert und kaffeebraun gestrichen. Die Verjüngungskur war ihm nur mäßig gut bekommen.

Im Untergeschoss befand sich eine Arztpraxis. Das Obergeschoss hatte einen separaten Zugang. Er war verschlossen. Während Ray um das Haus herumging und dessen hintere Fassade betrachtete, wurde ihm klar, dass er nicht einmal wusste, welchen Beruf Glorias Verlobter ausübte und wovon er sich ernährte. Zweifellos kostete die Etagenwohnung in diesem Teil der City einen Haufen Geld.

Ray entdeckte in der oberen Etage ein nur angelehntes Fenster und tat etwas, was ihm als Jurist zutiefst widerstrebte, was er jedoch nach Lage der Dinge für unerlässlich hielt. Er kletterte an einem Efeugatter empor, erreichte den Balkon des oberen Stockwerks, schwang sich über dessen Brüstung und kletterte ohne Mühe in die Wohnung von Keith Price. Da das Haus in einem kleinen Garten mit altem Baumbestand lag, waren Rays Chancen, dass niemand sein Tun verfolgt hatte, relativ günstig.

Er schaute sich in der Wohnung um.

Von den acht Zimmern des Stockwerks waren nur fünf möbliert, die allerdings machten klar, dass Keith Price über einen guten Geschmack und das notwendige Kleingeld verfügte. Das Wohnzimmer war teils modern und teils mit alten Möbeln eingerichtet; die Mischung war gelungen und verriet die sichere Hand eines Innenarchitekten.

Auf dem Schreibtisch entdeckte Ray eine größere Zahl von Mahnungen. Daraus ergab sich, dass Keith Price entweder ein träger Zahler war, oder dass er momentan in einer finanziellen Klemme steckte.

Ray öffnete die obere Schublade des Schreibtisches und bekam runde Augen, als er sah, was darin lag. Es war Glorias Brosche. Das Original entsprach exakt der Abbildung auf dem Foto.

Ray nahm die Brosche heraus. Er wog sie in der Hand.

Vierzigtausend Pfund!

Er schrak zusammen, als er hinter sich ein Geräusch vernahm. Ihm war, als ob sich seine Nackenhärchen sträubten. Er drehte sich langsam um und war sich des Umstandes bewusst, dass er die Brosche noch immer in der Rechten hielt.

Die Tür öffnete sich. Über ihre Schwelle trat ein Mann, den Ray nicht kannte.

„Hallo“, sagte Ray.

Der Mann zog die Tür hinter sich ins Schloss. Ray schätzte ihn auf 35 Jahre. Er war gut mittelgroß und machte einen sportlich durchtrainierten Eindruck. Das leichte Sportsakko war ihm um eine Nummer zu eng und spannte sich über der breiten Brust und den muskulösen Schultern.

Der Besucher hatte braunes, in Wellen liegendes Haar von mittlerer Länge. Seine Augen waren ebenfalls braun. Die Nase war plattgeschlagen und ließ vermuten, dass ihr Besitzer sich im Boxen auskannte. Trotzdem wirkte sein Gesicht weder plump noch gewöhnlich. Es hatte, wie Ray fand, zweifelsfrei eine gewisse, von Intelligenz und guter Erziehung geprägte Qualität.

„Hallo“, sagte der Mann.

Er war ernst. Rays Anwesenheit schien ihn nicht zu überraschen.

„Wer sind Sie?“, fragte Ray.

„Ein Freund von Keith“, sagte der Mann. „Mein Name ist Brown. Gerry Brown. Und wer sind Sie?“

Brown kam bei diesen Worten näher. Er lächelte leer. Ray empfand das Lächeln als eine offene, kalte Bedrohung.

„Ich bin Ray Guthrie“, sagte er.

„Ein Einbrecher mit guten Manieren“, spottete Gerry Brown und blieb dicht vor Ray stehen. „Wollten Sie mit dem Ding da verschwinden?“

„Oh, die Brosche“, sagte Ray. „Ja, ich wollte sie mitnehmen und der Polizei aushändigen.“

„Ich bewundere Ihre Dreistigkeit“, sagte Gerry Brown.

„Kennen Sie die Brosche?“

„Nein, aber da Sie sie hier in der Wohnung gefunden haben, muss ich annehmen, dass sie Keith gehört“, sagte Brown. „Er hat mich gebeten, während seiner Abwesenheit die Wohnung in Ordnung zu halten. Ich soll ihm außerdem die Post nachschicken.“

„Ein guter Freund ist eine Menge wert“, sagte Ray, der anfing, sich von der Überraschung zu erholen. „Ihre Position ist stark. Sie erlaubt es Ihnen, dem guten Keith ins Gewissen zu reden. Er hat diese Brosche gestohlen.“

„Ist es nicht vielmehr so, dass Sie hergekommen sind, um die Brosche in der Wohnung zu deponieren?“, fragte Gerry Brown lauernd. „Sie wollen, dass sie in der Wohnung gefunden wird. Sie wollen erreichen, dass Keith in den Verdacht gerät, ein Dieb zu sein.“

„Er ist einer“, sagte Ray.

„Können Sie das beweisen?“

„Die Brosche beweist es.“

„Sie können sie in den Schreibtisch gelegt haben. Oder ein anderer.“

„Theoretisch durchaus denkbar“, sagte Ray, „aber Tatsache ist ...“ Er kam nicht weiter. Gerry Brown schlug zu. Sein rechter Schwinger kam praktisch ansatzlos aus der Hüfte. Ray entging dem wuchtigen, auf seine Gürtellinie angesetzten Schlag nur durch eine Reflexdrehung.

Ray konterte.

Gerry Brown hatte beide Fäuste oben. Seine braunen Augen funkelten feindselig. Er griff erneut an. Die Art, wie er seine Fäuste fliegen ließ und sofort wieder auf Distanz ging, verriet den Profi.

Ray warf die Brosche beiseite und zeigte, dass er das Fighten nicht völlig verlernt hatte. Er kam mit zwei Haken durch. Sie zeigten wenig Wirkung. Umgekehrt verdaute er nahezu mühelos eine Serie harter Körpertreffer.

Der Kampf war offen, jeder der Männer lauerte auf eine Chance, die die Entscheidung brachte. Ray erhielt sie durch einen Zufall. Brown rutschte auf dem Teppich aus und wurde förmlich in Rays rechte Gerade katapultiert. Sie landete auf dem Punkt.

Brown ging zu Boden und blieb, stöhnend und einer Ohnmacht nahe, liegen. Ray beugte sich über ihn. Er nahm seinem Gegner die Brieftasche ab und überzeugte sich davon, dass der Mann tatsächlich Gerald Brown hieß. Dann schob er die Brieftasche mitsamt Inhalt in die Innentasche des Sakkos zurück.

Brown kam zu sich. Er quälte sich auf die Beine und ließ sich in einen Sessel fallen. Ray hob die Brosche auf, wickelte sie in sein Taschentuch und steckte beides ein.

„Ich werde Sie anzeigen“, sagte Brown schweratmend.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, komme ich Ihnen zuvor“, erklärte Ray, trat ans Telefon, wählte die Vorwahlnummer von Lakeville und danach die der Polizeistation. Eine Minute später hatte er Pritcher am Apparat.

„Ich rufe aus London an, Inspektor“, sagte Ray. „Ich bin in Mr. Prices Wohnung eingestiegen.“

„Dazu hatten Sie kein Recht. Sie sind Jurist. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was ...“

Ray fiel dem Inspektor ungeduldig ins Wort.

„Mir brauchen Sie keine Belehrungen zu erteilen“, sagte er. „Hören Sie sich lieber an, was ich gefunden habe!“

„Die Brosche?“, fragte der Inspektor.

„Sie sagen es. Wieso kommen Sie darauf? Hatten Sie Price bereits in Verdacht?“

„Verdächtig war jeder, der am fraglichen Tag in Gloster House war.“

„Okay, ich habe die Brosche. Ich nehme den Achtzehnuhrzug und werde gegen dreiundzwanzig Uhr in Lakeville sein. Werden Sie mich vom Bahnhof abholen?“

„Ja“, erwiderte der Inspektor.

Ray legte auf.

„Zufrieden?“, fragte er.

„Ihnen stehen ein paar unangenehme Erlebnisse bevor“, sagte Brown.

„Ist das eine Drohung?“, fragte Ray.

„Sie können meine Worte auslegen, wie es Ihnen beliebt“, meinte Brown.



9

Der Zug erreichte Lakeville mit einer Verspätung von fünfzehn Minuten. Pritcher stand auf dem Bahnsteig. Er war allein gekommen. Die Männer begrüßten sich. Pritcher hielt wie schnüffelnd die Nase in die Luft.

„Es wird bald wieder Regen geben“, meinte er.

„Haben Sie mit Gloria gesprochen?“, erkundigte sich Ray neugierig.

„Wegen der Brosche? Nein. Erst muss ich sie sehen“, sagte Pritcher.

Ray holte das Schmuckstück aus seinem Taschentuch hervor. Sie hatten den Bahnhofsvorplatz erreicht. Pritchers Dienstwagen stand neben dem Pacer, den Ray am Bahnhof zurückgelassen hatte.

„Das ist sie“, meinte Pritcher, „aber es kann sich natürlich auch um eine Kopie handeln.“

„Warum sollte es eine Kopie sein?“, fragte Ray.

Pritcher ließ die Brosche in seiner Jackentasche verschwinden.

„Die Kopie kann dafür bestimmt sein, Diebe zu täuschen“, sagte er. „Sie kann auch dem Zweck dienen, die Besitzerin der Brosche zu bluffen, indem man ihr eine Kopie unterjubelt und die echte Brosche verhökert. Ich lasse die Brosche erst mal untersuchen.“

Die Männer hatten die Wagen erreicht.

„Jedenfalls steht fest, dass Helen keine Diebin war“, sagte Ray. „Mein Ausflug nach London hat sich gelohnt.“

Zehn Minuten später betrat Ray sein Haus. Er ging geradewegs nach oben, in seine Wohnung. Als er im Wohnzimmer das Licht anknipste, klingelte das Telefon. Er nahm den Hörer ab und meldete sich. Gloria war am Apparat.

„Ich versuche Sie schon seit Stunden zu erreichen“, beklagte sie sich. „Wo haben Sie bloß gesteckt?“

Es krachte. Die Fensterscheibe zersplitterte.

Ray hatte das Gefühl, als würde sein Hals von einem glühenden Eisen berührt. Er ließ den Hörer fallen, warf sich zu Boden und starrte fassungslos auf das Loch in der Fensterscheibe.

Auf ihn war geschossen worden!

„Hallo, Mr. Guthrie! Hallo, warum antworten Sie nicht?“, quäkte es aus dem Hörer. Ray zog den Plastikknochen zu sich heran.

„Haben Sie den Schuss gehört?“, fragte er schweratmend.

„Ja, ein Krachen. Das war ein Schuss?“

„Ein Mordversuch, um genau zu sein“, erklärte Ray grimmig. „Ich bin gerade hereingekommen. Ich habe Licht gemacht. Die Vorhänge waren nicht geschlossen. Ich muss dem Schützen ein fabelhaftes Ziel geboten haben.“

„Aber warum ...“, begann Gloria.

„Wo ist Price?“, unterbrach Ray die junge Frau.

„Hier bei mir. Warum fragen Sie?“

„Ich habe Ihnen ein paar sehr wichtige Dinge mitzuteilen“, sagte Ray. „Wäre es Ihnen recht, wenn ich zu so später Stunde nach Gloster House käme?“

„Mir macht das nichts aus“, meinte Gloria. „Ich kann sowieso nicht schlafen. Ich spüre, dass wir erst am Anfang einer großen Tragödie stehen. Ich habe es im Blut!“

„In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen“, sagte Ray.

Gloria hängte ein. Ray warf den Hörer auf die Gabel, ohne sich vom Boden zu erheben. Er robbte zur Tür, griff nach dem Schalter, knipste das Licht aus und kam auf die Beine. Er huschte zum Fenster und spähte hinaus.

Der Marktplatz wirkte wie leergefegt. Er lag im gelblichen Licht der spärlich angeordneten Laternen. Der Schütze musste auf einem Dach der gegenüberliegenden Häuser gestanden oder gelegen haben. Zu sehen war dort niemand.

Ray erwog, Pritcher anzurufen, verzichtete aber schließlich darauf und verließ Minuten später das Haus. Er hastete leicht geduckt zu dem Pacer, sprang hinein und fuhr los. Er atmete auf, als er die Landstraße nach Gloster House erreicht hatte. Dennoch wusste er, dass die Gefahr keineswegs gebannt war.

Er traf um null Uhr zehn in Gloster House ein. Gloria öffnete ihm die Tür. Sie trug an diesem Abend ein weit fallendes, modisches Kleid aus apricotfarbigem Leinen.

„Wir erwarten Sie“, meinte Gloria und durchquerte die Halle. Sie bewegte sich auf den Salon zu.

„Ich möchte Sie allein sprechen“, sagte Ray.

Gloria blieb stehen und schaute ihn an.

„Papa ist bereits zu Bett gegangen“, sagte sie. „Er ist müde von der Reise.“

„Es handelt sich nicht um Ihren Vater, sondern um Keith Price“, sagte Ray.

Die Tür zum Salon öffnete sich. Keith Price trat auf die Schwelle. Er trug einen leichten, hellen Sommeranzug, aber keine Krawatte.

„Habe ich nicht eben meinen Namen gehört?“, fragte er.

„Ich möchte Miss Aldington unter vier Augen sprechen“, sagte Ray.

Keith Price lächelte leer.

„Dem steht nichts im Weg“, sagte er.

„Ich habe vor Keith keine Geheimnisse“, erklärte Gloria.

„Ich schon“, sagte Ray frostig.

„Wenn Sie so weitermachen, zwingen Sie mich dazu, den Anwalt zu wechseln“, drohte Gloria.

Ray wandte sich an Price.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte er. „Ich habe mir erlaubt, in Ihre Londoner Wohnung einzudringen.“

Keith Price hob überrascht die Brauen.

„Sie waren in London?“, murmelte er.

„Ja. Mit dem Zug. Ich bin geradewegs zur Hunters Street gefahren. Ein Fenster Ihrer Wohnung stand offen. Ich bin auf den Balkon geklettert und durch das Fenster in Ihre Wohnung gestiegen.“

Keith Price war buchstäblich sprachlos. In Glorias Gesicht begann sich die Röte der Empörung zu stauen.

„Ich habe in Ihrem Schreibtisch die Brosche gefunden“, sagte Ray. Er wandte sich an Gloria. „Die Brosche, von der Sie glaubten, dass Miss Gregg sie gestohlen habe.“

„Jemand muss sie in meinen Schreibtisch gelegt haben, um mich zu diffamieren“, sagte Keith Price und ballte die Fäuste. „Ich wäre nicht überrascht, wenn Sie sich diesen schmutzigen Trick ausgedacht hätten, Guthrie.“

„Wollen Sie mir bitte verraten, was mich dazu bewogen haben könnte?“, fragte Ray.

„Meinen Sie, mir sei nicht entgangen, dass Sie hinter Gloria her sind?“, fragte Keith Price. „Nicht nur hinter Gloria, nehme ich an, sondern vor allem hinter ihrem Geld. Sie sehen in mir einen Nebenbuhler. Da Sie mich nicht auf normalem Weg ausstechen können, versuchen Sie es mit schmutzigen Tricks.“

„Sehen Sie mich an!“, sagte Gloria zu Ray. „Stimmt es, was Keith behauptet?“

„Ich verehre und bewundere Sie“, sagte Ray, „aber ich verwahre mich gegen die von Mr. Price gemachten Unterstellungen, ich würde mich schmutziger Tricks bedienen, um ihn auszumanövrieren.“

„Er ist in meine Wohnung eingestiegen!“, erregte sich Keith Price. „Ist das nicht Beweis genug für seine skrupellose, kriminelle Aktivität?“

„Sie hatten in der Tat kein Recht, Keiths Intimsphäre auf diese Weise zu verletzen“, stellte Gloria fest.

„Wir reden an der Sache vorbei“, erklärte Ray ärgerlich. „Ich bin gern bereit, für das Getane die Verantwortung zu übernehmen. Aber sagen Sie mir jetzt bitte, wie Sie sich dazu stellen, dass sich die Brosche in Mr. Prices Schreibtisch befunden hat.“

„Sie haben gehört, was Keith dazu sagt“, meinte Gloria nicht weniger erregt.

„Sie glauben ihm?“

„Er ist mein Verlobter. Ich habe keinen Anlass, meine Entscheidung zu bereuen oder Keith zu misstrauen“, sagte Gloria. „Wo ist die Brosche jetzt?“

„Ich habe sie dem Inspektor überlassen“, sagte Ray.

Aus dem Obergeschoss kam ein merkwürdiges Geräusch. Es hörte sich an wie das Stampfen schwerer Füße. Das Trio in der Halle hob die Köpfe.

„Was ist das?“, fragte Gloria. „Was hat das zu bedeuten?“

In ihren Augen flackerte jähe Angst. Keith Price befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze.

„Ich sehe nach, was es ist“, erklärte er, traf aber keine Anstalten, seine Worte in die Tat umzusetzen.

Noch ehe Ray dazu kam, etwas zu sagen, ertönte ein langgezogener, markerschütternder Schrei.

Ray gab sich einen Ruck. Er stürmte auf die Treppe zu und hastete nach oben.

Ray bog in den Korridor ein, der zu den Gäste und Schlafräumen führte. Er stürmte auf eine halb offenstehende Tür zu. Er sah, dass am Ende des Korridors ein Fenster offenstand. Die davorhängende Gardine bauschte sich im Nachtwind.

Noch ehe Ray die Tür erreicht hatte, wurde sie aufgerissen. Der Mann, der aus dem Zimmer jagte, war aus Bronze.

Ray wusste, dass Bronzefiguren sich nicht bewegen können, aber was er sah, stellte dieses Wissen auf den Kopf, es schlug allen bekannten Gesetzen ins Gesicht und ließ ihn für einen Moment glauben, dass er träumte.

Ray erkannte die Bronzefigur sofort wieder. Es war die gleiche, die am Zugang zum Park stand. In den Augenhöhlen war das drohende, rötliche Glühen, das Ray schon einmal darin gesehen hatte.

Er war fassungslos.

Der Bronzemann rannte ihn förmlich um, er stürmte schwerfüßig zum Fenster und schwang sich über dessen Brüstung ins Freie. Im nächsten Moment war er verschwunden wie ein Spukbild.

Ray kam auf die Beine. Er zitterte am ganzen Körper. Gloria und Keith kamen die Treppe herauf. Keith stützte Gloria. Offenbar hatte er Mühe gehabt, sie zum Mitkommen zu bewegen.

„Was ist passiert?“, flüsterte sie.

Ray blickte auf die Tür des Zimmers, das der Bronzemann verlassen hatte. Er glaubte zu wissen, was ihn im Innern des Raumes erwartete, deshalb hatte er keine Eile, ihn zu betreten.

Gloria und Keith Price kamen näher. Gloria löste sich aus Keith Prices stützendem Zugriff.

„Danke, es geht schon“, sagte sie. Sie sah die offene Tür und zuckte zusammen.

„Papa“, rief sie. „Papa!“

Sie wollte das Zimmer betreten, aber Ray trat ihr in den Weg.

„Lassen Sie mich das machen, bitte“, sagte er. Gloria nickte. Er schob sich ins Zimmer.

Roger Aldington lag im Bett. Von seinem Gesicht war nicht mehr viel zu erkennen. Es war von einem gewaltigen Schlag zertrümmert worden.

Ray hatte Mühe, seine plötzlich aufsteigende Übelkeit im Griff zu behalten. Er machte kehrt und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Die Leichenblässe seines Gesichtes signalisierte Gloria, was sie erwartete.

„Nein“, flüsterte sie zitternd. „Nein, nicht Papa ...“

„Er ist tot“, sagte Ray. Er hätte Gloria die schreckliche Nachricht gern schonender beigebracht, aber die Umstände waren dagegen. Sie ließen nur eine ebenso knappe wie brutale Berichterstattung zu.

Ray hatte befürchtet, dass Gloria zusammenbrechen würde, aber sie mobilisierte unerwartete Kräfte, sie hob den Kopf und sagte: „Ich will ihn sehen!“

Ray schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er. „Bitte nicht.“

Gloria blickte ihn an. Sie atmete mit halb offenem Mund. „Sie haben den Mörder gesehen, nicht wahr?“

„Ja. Er hat mich umgerannt.“

„Warum haben Sie nicht versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Gloria.

Ray schwieg.

„Lass uns nach unten gehen!“, bat Keith Price. „Wir müssen die Polizei verständigen.“

Ray ging zum Fenster und blickte hinaus. An dieser Stelle war die Fassade glatt, sie bot keinen nennenswerten Halt. Es war kein Problem, von hier in die Tiefe zu springen, aber es blieb unerfindlich, wie der Bronzemann den Aufstieg geschafft hatte. Möglicherweise war er auf andere Weise ins Haus gelangt.



10

Sie gingen wie betäubt nach unten. Die Atmosphäre hatte etwas Unwirkliches. Sie lastete auf den drei Menschen wie eine Tonnenlast, sie erschwerte ihnen das Atmen.

Ray nahm es auf sich, den Inspektor anzurufen.

„Nein, nicht schon wieder“, sagte Pritcher.

„Wir erwarten Sie“, sagte Ray und legte auf.

Keith Price und Gloria Aldington saßen nebeneinander auf einem Zweiersofa. Sie hielten sich bei den Händen, aber Ray schien es so, als sei dieses Symbol der Gemeinsamkeit nicht wirklich ernst zu nehmen, als sei es seines Sinnes beraubt worden.

Ray wandte sich an Gloria.

„Hat Mr. Price heute Nachmittag einen Anruf aus London erhalten?“, wollte er wissen.

Gloria schwieg. Ihr Blick ging ins Leere. Sie hatte nicht gehört, was Ray sagte. Er musste seine Worte wiederholen, ehe sie von Gloria verstanden wurden.

„Ja, warum?“, murmelte sie und hatte sichtlich Mühe, den Themawechsel zu verkraften.

„Wer hat angerufen?“, fragte er Gloria.

„Ein Freund von ihm. Gerry oder Larry. Ich habe es nicht genau verstanden.“

„Gerry“, sagte Ray. „Gerry Brown.“

Ray nickte grimmig. Für ihn war alles klar. Gerry war ein Komplize von Keith Price. Gerry Brown hatte den Freund von Rays Londoner Besuch und dessen Folgen unterrichtet. Es war anzunehmen, dass Brown daraufhin mit seinem Wagen nach Lakeville gefahren war und mit einem Gewehr versucht hatte, das drohende Unheil aufzuhalten.

„Wovon leben Sie eigentlich?“, wandte Ray sich an Glorias Verlobten.

„Was geht Sie das an?“, raunzte Keith Price.

„Keith ist Börsenmakler“, sagte Gloria. Sie entzog Price ihre Hand und erhob sich. „Ich habe jetzt die Kraft, ihn mir anzusehen“, sagte sie.

„Tun Sie es nicht!“, bat Ray.

Gloria antwortete nicht. Sie verließ den Raum. Ray folgte ihr. Keith Price blieb im Salon zurück. Gloria blieb am unteren Ende der Treppe stehen. Sie blickte über ihre Schulter und sagte mit leiser, scharfer Stimme: „Ich möchte jetzt allein sein.“

„Es ist gefährlich“, sagte Ray.

„Der Mörder ist entkommen, das haben Sie selbst gesehen“, meinte Gloria.

„Er kann zurückkommen“, sagte Ray.

Gloria zuckte mit den Schultern und stieg die Treppe hinauf. Ray folgte ihr. Er blieb im Korridor, als Gloria das Zimmer betrat, in dem der Tote lag. Ray erwartete, den verzweifelten Aufschrei des Mädchens zu hören, vielleicht auch ihr hemmungsloses Schluchzen, aber alles blieb ruhig.

Gloria blieb etwa drei Minuten in dem Zimmer, dann kehrte sie zurück. Sie war leichenblass und schien Mühe zu haben, sich auf den Beinen zu halten. Ray blieb in ihrer Nähe, brauchte aber nicht stützend einzugreifen. Gloria erreichte den Salon aus eigener Kraft.

Keith Price hatte sich einen Kognak eingeschenkt. Er blickte seiner Verlobten fragend entgegen.

„Wir packen“, sagte sie. „Ich bleibe keine Sekunde länger hier. Wir alle müssen verschwinden. Die Angestellten, du, ich - und Mr. Guthrie.“

„Zum Teufel mit Mr. Guthrie“, brach es aus Keith Price hervor. „Mit ihm hat das Unheil begonnen. Er hat es nach Gloster House gebracht.“




11

Ray verließ den Salon. Er ging ins Freie, setzte sich in den Pacer und fuhr los.

Er stoppte am Denkmal. Die Figur stand auf ihrem Sockel. Ray ließ die Scheinwerfer brennen und sorgte dafür, dass ihr grelles Licht die Figur anstrahlte.

Ray stieg aus. Er trat vor das Denkmal hin. In den Augen der Bronzegestalt war kein Leben.

Rays Blick glitt tiefer und traf die rechte Hand der Figur. Sie war blutverschmiert.

Gloria hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt und ein Plaid über sich gebreitet.

Eine Viertelstunde später trafen Pritcher, Rubin und Blaker ein. Das Trio ging zunächst nach oben. Der Arzt blieb bei dem Toten, während Pritcher und Blaker wenig später im Salon aufkreuzten. Pritcher ließ sich den Hergang beschreiben und fragte Ray: „Wie sah der Mann aus?“

„Es war kein Mann“, sagte Ray und bat den Inspektor: „Folgen Sie mir, bitte!“

Sie verließen das Haus. Ray hielt den Beifahrerschlag des Pacer offen.

„Steigen Sie ein!“

„Was haben Sie vor?“

„Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

Sie fuhren zu dem Denkmal. Ray sorgte erneut dafür, dass es von den Wagenscheinwerfern taghell angestrahlt wurde. Die Männer kletterten ins Freie.

„Sehen Sie sich das an!“, sagte Ray und wies auf die blutverschmierte Hand der Bronzefigur. Pritcher bekam runde Augen.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er.

„Lassen Sie das Blut im Labor untersuchen!“, riet Ray. „Ich bin überzeugt davon, dass es von Roger Aldington stammt.“

„Machen Sie Witze?“

„Nein. Sie haben den Mörder vor sich.“

„Denkmäler morden nicht!“

„Dieses schon“, sagte Ray und kehrte auf seinen Platz hinter das Lenkrad zurück. Pritcher setzte sich neben ihn.

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, fragte er gereizt.

„Als ich gestern an dem Denkmal vorbeikam, war es verschwunden. Später stand die Figur wieder auf ihrem Sockel“, sagte Ray. „Ich bin später noch einmal hier gewesen, um nach dem Rechten zu sehen. Zusammen mit Gloria Aldington. Ich war entsetzt, als ich sah, wie die Augen der Bronzefigur plötzlich zu leben begannen - sie schauten mich an, rötlich und drohend.“

„Wissen Sie, was Sie da reden?“, murmelte Pritcher.

„Ja, das weiß ich. Mir ist auch klar, wie meine Worte auf Sie wirken müssen. Aber ich spinne nicht. Ich habe den Bronzemann gesehen. Es war die Denkmalsfigur. Sie hat gemordet. Das Blut an ihrer rechten Hand beweist meine These.“

„Es beweist gar nichts, überhaupt nichts!“, schnappte der Inspektor wütend. „Jemand kann der Figur das Blut an die Hand geschmiert haben. Sie könnten das getan haben, Guthrie!“

„Wenn ich den Mordverdacht auf jemand lenken wollte, würde ich mich dabei eines scheinbar toten Gegenstandes bedienen?“, fragte Ray.

„Fahren Sie zurück!“, knurrte Pritcher.

„Eine Figur aus Bronze kann nicht von ihrem Sockel herabsteigen und töten“, sagte der Inspektor, als Ray losfuhr. „Das wissen Sie so gut wie ich.“

„Ich wusste es, oder glaubte es zu wissen“, sagte Ray, „jetzt bin ich eines anderen belehrt. Das Denkmal ist nicht das Einzige, das zum Leben erweckt wurde. Offenbar ist auch das, das an der Kirche steht, aktiv geworden. Es hat Helens Haus einen Besuch abgestattet.“

„Sie sollten einen Psychiater konsultieren.“

„Vielleicht haben Sie recht“, meinte Ray, der anfing, an seinem Verstand zu zweifeln. „Was ist mit der Brosche?“, fragte er, um das Thema zu wechseln.

„Sie liegt im Polizeisafe“, erwiderte der Inspektor. „Ich kann sie nicht gut heute Nacht untersuchen lassen.“

Sie stoppten vor dem Eingang von Gloster House.

„Lassen Sie das, was ich Ihnen anvertraut habe, am besten unter Ihrem Hut“, riet Ray. „Ich bin nicht sicher, ob Gloria das Ganze verkraften kann. Der Tod ihres Vaters hat sie an den Rand der Verzweiflung getrieben.“

„Sie können ganz beruhigt sein“, spottete Pritcher. „Ich habe nicht vor, mich lächerlich zu machen.“

„Übrigens ist auf mich geschossen worden“, sagte Ray.

Pritcher, der nach dem Türgriff gefasst hatte, zog seine Hand zurück und schaute Ray an.

„Wann und wo?“, fragte er.

Ray sagte es ihm und fügte hinzu: „Es gibt dafür nur eine Erklärung. Price hat seinen Freund Brown aus London nach hier beordert, und der hat versucht, die Notbremse zu ziehen.“

„Wissen Sie, was Sie damit anrühren?“

„Ich weiß nur, dass auf mich geschossen wurde und muss mich an die Fakten halten“, sagte Ray. „Oder haben Sie eine bessere Erklärung für das Geschehen?“

Pritcher fiel in seinem Sitz buchstäblich in sich zusammen. Das Kinn sank ihm auf die Brust.

„Was geht hier bloß vor?“, fragte er halblaut und wohl mehr an sich selbst adressiert. „Was hat das alles zu bedeuten?“ Er straffte sich und schaute Ray an. „Ich habe mir Helen Greggs Schreibtisch vorgeknöpft. Ich habe mir die Bücher angesehen, die sie vom Küster und aus der hiesigen Bibliothek entliehen hat. Zum Glück existiert eine von Miss Gregg angefertigte Liste mit den Titeln der Bücher. Einer davon fehlt.“

„Das erklärt den Besuch des Bronzemannes in Helen Greggs Haus“, sagte Ray. „Das fehlende Buch, vermutlich eine Chronik von Gloster House, enthält Angaben über die Ursachen der verübten Verbrechen. Wir müssen dieses Buch finden. Es wird uns die Antworten auf alle noch offenen Fragen geben. Der Bronzemann hat sich das Buch geholt!“

„Hören Sie auf, von diesen Bronzemännern zu reden!“, erregte sich Pritcher. „Wir befinden uns nicht in der Märchenstunde.“

„Irgendeine Kraft, die wir nicht kennen, irgendein Dämon, von dem wir nichts wissen, haucht diesen Bronzefiguren Leben ein. Er machte die Bronzefiguren zu seinen willigen Sklaven.“

„Erwarten Sie, dass ich Ihnen diesen Unsinn abkaufe?“, fragte Pritcher und stieg aus. „Am Ende behaupten Sie noch, dass es ein Bronzemann war, von dem Sie gestern Abend hier niedergeschlagen wurden.“

„Ich behaupte es nicht, ich weiß es“, sagte Ray.

„Die Invasion der Bronzemänner“, höhnte Pritcher und wartete, bis Ray den Wagen verlassen hatte. „Lassen Sie das bloß niemand hören, sonst enden Sie noch im Irrenhaus.“

„Im Moment“, meinte Ray, „erscheint mir dieser Gedanke keineswegs so reizlos oder abwegig, wie er sich anhört.“




12

„Lass uns heiraten, noch in dieser Nacht“, sagte Keith Price.

Sie waren allein im Haus. Pritcher, Rubin, Blaker und Guthrie hatten Gloster House vor wenigen Minuten verlassen. Der Tote war abtransportiert worden.

Ray Guthrie hatte den Butler mitgenommen. James war, als man ihn vom Tod seines Herrn in Kenntnis gesetzt hatte, das Opfer eines Nervenzusammenbruchs geworden. Ray hatte versprochen, den Butler im Hospital abzuliefern.

„Wie stellst du dir das vor - mitten in der Nacht?“, fragte Gloria, in deren Augen sich ein fiebrig anmutender Glanz zeigte.

„Es gibt in der Nähe ein Pfarramt, dessen Leiter mit ähnlichen Rechten ausgestattet ist wie der Schmied von Gretna Green“, sagte Keith Price. „Lass uns aufbrechen! Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

„Ich bin jetzt nicht in der Stimmung, um mit dir vor einen Altar zu treten“, sagte Gloria.

„Bist du in der Stimmung, hier im Haus zu bleiben - in einem Totenhaus?“, fragte Keith Price.

Gloria schüttelte sich.

„Nein“, sagte sie.

Keith biss sich auf die Unterlippe. Ihm war nicht entgangen, welche Wirkung Ray Guthrie in zunehmendem Maße auf Gloria ausübte. Jetzt, wo Aldington tot war, war Gloria die Alleinerbin des gewaltigen Vermögens, das der Alte hinterließ. Keith Price hatte nicht vor, sich seine Beute in letzter Stunde entgehen zu lassen.

„Es gibt einen guten Grund für die Heirat“, sagte er.

„Du liebst mich“, sagte Gloria.

„Ja, aber es gibt noch andere, mindestens ebenso triftige Gründe“, sagte Keith Price. Er brannte darauf, einen Einfall loszuwerden, der ihm besonders überzeugend und wirkungsvoll erschien. „Alles deutet darauf hin, dass jemand einen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschen führt, denen Gloster House gehört, oder die sich in ihm aufhalten. Wenn du meinen Namen trägst und mit mir nach London gehst, wirst du der tödlichen Gefahr fürs Erste, und wahrscheinlich für immer, entronnen sein. Dann hast du deinen und meinen Feinden ein Schnippchen geschlagen.“

„Das ist wahr“, murmelte Gloria. „Lass uns sofort aufbrechen und deinen Vorschlag in die Tat umsetzen.“ Eine halbe Stunde später kletterten sie in Glorias Jeep und fuhren los.




13

Der Morgen graute herauf. Ray stoppte mit dem Pacer vor Gloster House und kletterte ins Freie.

Er hatte nicht schlafen können. Es hatte ihn buchstäblich nach hier getrieben. Er wollte mit Gloria sprechen, er war entschlossen, ihr klarzumachen, wie er die Situation beurteilte.

Er hämmerte dem schweren messingnen Klopfer gegen die Tür. Im Haus blieb es still. Er wiederholte das Klopfen, dann trat er an den Pacer und drückte auf den Hupknopf, aber seine Versuche, sich bemerkbar zu machen, zeigten keine Wirkung.

Er ging um das Herrenhaus herum. Die Fensterläden im Erdgeschoss waren geschlossen. Auch die Türen des Seiten und Gartenausgangs ließen sich nicht öffnen. Ray hob ein paar Kiesel auf und warf sie gegen die Fenster, hinter denen, wie er wusste, Gloria Aldingtons und Keth Prices Schlafzimmer lagen. Auch diese Aktion brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Ray spürte nach zwei fast schlaflos verbrachten Nächten ein leichtes Spannen und Ziehen um seine Augen, war aber weit davon entfernt, müde zu sein. Im Gegenteil. Er war hellwach.

Auf seiner Haut war ein leichtes Kribbeln, und alles in ihm fieberte einem Ereignis entgegen, von dem er spürte, dass es ihm immer näher kam, ohne dass er beurteilen konnte, was ihn erwartete oder wie das Abenteuer enden würde.

Im Park von Gloster House hockte noch das Dunkel der Nacht, aber es begann sich daraus zu lösen. Der lichte Streifen, der im Osten den heraufziehenden Morgen ankündigte, wurde heller, er spiegelte sich in dem großen Teich hinter dem Herrenhaus.

Ray hörte Schritte.

Er kannte sie. Er wusste jetzt auch, wie sich ihre Schwere und ihre Laute erklärten.

Der Bronzemann bog um die Ecke. Er kam geradewegs auf Ray zu. Ray holte tief Luft. Die Entscheidung war gekommen, er musste sich ihr stellen.



14

Es war halb fünf Uhr morgens.

Über den gepflegten Wiesen des Parkes lagerten dünne Schleier von Morgennebel. Weit in der Ferne war das klagende Heulen einer Lokomotive zu vernehmen. Es wirkte wie der Prolog zu der sich anbahnenden Tragödie.

Ray wusste, oder glaubte zu wissen, dass sich niemand im Herrenhaus befand. Er hatte keine Ahnung, dass Gloria und Keith Price unterwegs waren, um sich in einer kleinen Dorfkirche trauen zu lassen. Schon in der Nacht hatte er zur Kenntnis genommen, dass die beiden Diener, die im Gesindehaus gewohnt hatten, Hals über Kopf abgereist waren, mit unbekanntem Ziel, getrieben von der Furcht, ähnlich wie ihre junge Kollegin enden zu müssen.

Ray war mit dem Bronzemann allein. Bis zum nächsten, von Menschen bewohnten Haus waren es mindestens fünf Meilen.

Der Bronzemann kam auf Ray zu. Er bewegte sich schwerfällig und gelenkig zugleich, fast so, als würde sein enormes Gewicht von besonderen Motoren getrieben, von einer geheimnisvollen, fremden Kraft. Fest stand, dass ein magischer, für Ray nicht durchschaubarer Prozess ein starres, totes Material in Bewegung versetzt hatte.

Mehr noch - in dem Material lebte etwas. Dieses Leben zeigte sich in dem rotglühenden Blick des Monsters. Er enthielt ein Urteil, dem Ray sich wohl oder übel stellen musste. Es war, das unterlag keinem Zweifel, ein Todesurteil.

Ray fragte sich, warum er nicht auf den Absätzen herumwirbelte und zu fliehen versuchte. Es war anzunehmen, dass sein durchtrainierter Körper sich schneller als der des Bronzemannes bewegen konnte, aber diese Erkenntnis bedurfte erstens noch der Überprüfung, und zweitens kam Ray sich nicht viel anders vor wie ein Kaninchen beim Anblick der Schlange.

Er war wie erstarrt.

Ray fragte sich, ob er träumte, und doch wusste er, dass dies schreckliche Realität war. Drei Menschen waren ihr vor ihm zum Opfer gefallen.

Helen, Angela und Aldington.

„Stehenbleiben!“, herrschte Ray das Monster an. Er schrie das Wort förmlich heraus, er spuckte es dem Monster ins Gesicht, aber es prallte wirkungslos ab. Die Spukgestalt bewegte sich weiter auf Ray zu.

Ray fand endlich die Kraft, seinen Schock abzuschütteln. Er rannte davon.

Es war nicht Feigheit, die ihn antrieb, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass er einem von Dämonen gesteuerten Geschöpf, das aus Bronze bestand, nicht mit seinen Fäusten zu Leibe rücken konnte. Ebensogut hätte er versuchen können, mit der Handkante einen Baum zu fällen.

Ray durchzuckte panische Furcht, als er wahrnahm, dass die Schritte hinter ihm schneller wurden und unaufhaltsam näherkamen.

Ray warf im Laufen einen Blick über seine Schulter. Seine Augen weiteten sich, seine Panik verwandelte sich in blanken Terror. Der Bronzemann holte auf, er war schneller als er, Ray Guthrie!

Ray stürmte am Ufer des großen Parkteiches entlang. Der Abstand zwischen seinem Verfolger und ihm wurde hörbar kleiner.

In diesem Moment kam Ray eine Idee. Er hatte keine Ahnung, ob sie praktikabel sein würde, aber er war entschlossen, sie in die Tat umzusetzen.

Er rannte auf den Bootssteg, der weit in den Teich hineinragte. Hinter ihm donnerten die Bronzefüße des Monsters wie Pferdehufe auf den alten Bohlen. Es war ein Wunder, dass die Bretter der doppelten Belastung standhalten konnten.

Ray hatte das Ende des Stegs erreicht.

Der Verfolger donnerte heran.

Ray hechtete voll bekleidet in den Teich. Der Kälteschock war so groß, dass er sekundenlang jedes andere Gefühl ausschaltete. Ray tauchte auf. Er blickte auf den Steg.

Das Monster war verschwunden.

Dort, wo es ins Wasser gesprungen war, verbanden sich die Wellenkreise mit denen, die er selbst erzeugt hatte. Ray schwamm ans Ufer und kletterte an Land. Er atmete keuchend. Er war keineswegs davon überzeugt, dass er außer Gefahr war, aber alles deutete darauf hin, dass seine Rechnung stimmte.

Der Bronzemann konnte laufen, klettern und töten - aber niemand hatte ihn gelehrt, zu schwimmen. Und selbst wenn er diese Technik beherrscht haben würde, war fraglich, ob er durch sein enormes Gewicht nicht doch in die Tiefe gerissen worden wäre.

Ray ging klatschnass und schweratmend auf das Haus zu. Ihm war nicht kalt. Im Gegenteil. Er spürte ein Gefühl von Triumph seine Brust weiten. Er hatte einen der Bronzemänner ausgeschaltet, aber noch gab es einen zweiten, wenn nicht gar mehrere.

Ray überlegte kurz, dann warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür des Gartenausgangs. Nach mehrmaligen Anläufen schaffte er es, sie aufzubrechen. Er eilte in das Haus und rief Glorias Namen.

Sie antwortete ihm nicht.

Er suchte das Zimmer auf, in dem Roger Aldington ermordet worden war. Die Koffer des Toten standen im Raum. Ray öffnete einen davon und entnahm ihm Wäsche, eine Hose und ein Hemd. Die Sachen waren ihm zu weit, aber das spielte keine Rolle. Ehe er sie anzog, duschte er sich, danach verließ er das Haus und fuhr zu dem Denkmal.

Die Bronzefigur war vom Sockel verschwunden. Auf dem Granitblock lag ein ledergebundenes Buch von erkennbar hohem Alter. Der Morgenwind hatte es aufgeklappt und spielte raschelnd mit den handbeschriebenen Seiten.

Ray griff danach. In diesem Moment hörte er das Heulen eines Wagenmotors. Ray wandte den Kopf und sah, wie ein Jeep von der Landstraße auf die Zufahrt einbog. In dem Wagen saßen Gloria Aldington und Keith Price.

Der Wagen kam neben ihm zum Stehen. Am Steuer saß Keith Price. Er hatte eine Nelke im Knopfloch stecken und grinste breit.

„Sie können uns gratulieren, Guthrie“, sagte er. „Wir haben geheiratet.“

Gloria stieg aus. Sie kam um den Wagen herum, blieb vor dem leeren Sockel stehen und fragte: „Was ist passiert? Wo ist das Denkmal?“

„Geheiratet?“, wiederholte Ray. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund.

„Ja, und jetzt packen wir“, meinte Keith Price. Er schlug mit der flachen Hand gutgelaunt auf das Lenkrad. „Ehe wir damit beginnen, möchten wir ein bisschen feiern und mit Ihnen anstoßen. Den Champagner habe ich kaltgelegt. Kommen Sie!“

„Siehst du nicht, dass das Denkmal verschwunden ist?“, fragte Gloria ihren Mann.

Keith Price winkte ab.

„Zum Teufel damit“, sagte er. „Zum Teufel mit Gloster House. Der alte Kasten wird verkauft. Sollen sich doch andere darin umbringen lassen. Wollen Sie ihn haben, Guthrie?“ Er lachte und war erkennbar bester Stimmung. Das war kein Wunder. Er hatte sein Ziel erreicht, er hatte eine millionenschwere Schönheit zu seiner Frau gemacht.

„Was tun Sie hier - um diese Zeit?“, wollte Gloria von Ray wissen.

„Ich hielt’s zu Hause nicht aus“, sagte Ray mit gepresst klingender Stimme.

„Wollen Sie mir nicht gratulieren?“, fragte Gloria leise. Im Gegensatz zu ihrem Mann wirkte sie erschöpft und bedrückt.

„Herzlichen Glückwunsch“, erwiderte Ray spröde. „Und alles Gute.“

Er hatte den Wunsch, nach Hause zu fahren. Sein Engagement für Gloria Aldington, die jetzt Gloria Price hieß, war ziemlich nutzlos gewesen. Gloria hatte sich für Keith entschieden.

„Danke. Kommen Sie mit ins Haus!“, bat Gloria.

Wenige Minuten später betraten sie den Salon von Gloster House.

„Ich hole den Champagner. Er soll in Strömen fließen!“, jubelte Keith.

Gloria setzte sich. Sie rieb sich die Stirn.

„Ich bin müde“, sagte sie.

Keith Price eilte aus dem Raum. Gloria war sehr blass. Sie schaute Ray an.

„Es war Keiths Idee“, sagte sie. „Wir haben den Pfarrer aus dem Bett geholt. Jetzt müssen wir noch die standesamtlichen Formalitäten nachholen.“

„Ohne sie ist die Ehe nicht gültig“, stellte Ray fest. Er war erleichtert, ohne recht zu wissen, worauf sich dieses Gefühl gründete. Was der Ehe fehlte, war leicht nachzuholen, es war eine Formsache.

„Wie ist es so plötzlich dazu gekommen?“, wollte Ray wissen.

„Keith glaubt, dass sein Name mich gegen das Böse, das hier seine Wurzeln hat, abschirmen wird. Ich hoffe, er behält recht.“

Keith Price tauchte auf. Er hielt drei Gläser in der Linken. Eine Champagnerflasche klemmte unter seinem rechten Arm. Er stellte die Gläser auf dem Tisch ab und öffnete die Flasche.

Sie prosteten einander zu. Ray blieb ernst. Gloria brachte gleichfalls kein Lächeln zustande. Nur Keith Price machte keinen Hehl aus seiner glänzenden Laune. Er leerte sein Glas mit einem Zug und füllte es sofort nach.

„Du solltest nicht zu viel trinken“, warnte Gloria ihren Mann.

Er lachte. „Unsinn. Ich kann eine Menge davon vertragen. Es bekommt mir großartig.“ Er blickte Ray herausfordernd an. Seine Haltung bekam etwas Provozierendes. Ray ahnte, dass es Streit geben würde. Keith Price brannte darauf, sich für einiges zu revanchieren. Er war nicht damit zufrieden, Gloria erobert zu haben, er wollte damit prahlen und Ray verletzen.

„Sie sehen reichlich mitgenommen aus“, sagte er spöttisch. „Was haben Sie überhaupt auf dem Leib? Wenn Sie gelernt haben, sich gut und geschmackvoll zu kleiden, werden Sie eines Tages vielleicht eine Frau wie Gloria finden - aber nicht eine Stunde früher.“

„Sind das nicht die Sachen meines Vaters?“, fragte Gloria verwundert.

„Ja, ich bin in den Teich gefallen“, sagte Ray, der keinen Grund sah, Gloria und Keith mit der Wahrheit zu konfrontieren. Price hätte sich vermutlich über sie lustig gemacht. „Ich musste, um ins Haus zu kommen, die Tür des Gartenausgangs aufbrechen.“

Zwischen Prices Augen bildete sich eine steile Falte.

„Sie fangen an, mir den Nerv zu klauen“, sagte er. „Sie hatten kein Recht, sich wie ein Berserker zu verhalten. Wer hat Sie überhaupt gebeten, um diese Zeit nach Gloster House zurückzukehren?“

Ray setzte sein Glas ab.

„Es wird am besten sein, wenn ich jetzt gehe“, sagte er.

„Ja, verschwinden Sie, hauen Sie ab!“, rief Keith Price. „Ich kann Ihre Visage nicht ausstehen. Wegen der Tür schicke ich Ihnen eine Rechnung. Ach ja, und noch eines: Betrachten Sie sich aus Ihren Verpflichtungen als Glorias Rechtsberater entlassen. Ich finde einen besseren für sie.“

„Entscheidungen dieser Art treffe immer noch ich“, sagte Gloria, spürbar verärgert.

Keith Price grinste. „Aber Liebes! Du hast jetzt einen Mann. Er trifft für dich die Entscheidungen. Er nimmt dir alles ab, was dich bedrücken oder verunsichern könnte.“

„Ich kann immer noch für mich entscheiden und habe nicht vor, daran etwas zu ändern“, sagte Gloria.

„Ich hole noch eine Flasche“, meinte Keith Price und eilte aus dem Zimmer.

„Er ist betrunken. Er hat schon unterwegs aus einer Taschenflasche puren Whisky zu sich genommen“, sagte Gloria wie entschuldigend. „Es sind seine Nerven, nehme ich an“, fügte sie mit gesenkten Lidern hinzu. „Die Vorfälle in Gloster House haben ihn mehr mitgenommen, als er sich einzugestehen wagt. Legen Sie seine Worte nicht auf die Goldwaage und vergessen Sie, was er über die Rechnung gesagt hat!“

„Wann verlassen Sie Gloster House?“

„Irgendwann im Laufe des Tages.“

„Das ist gut“, sagte Ray.

„Was haben Sie da für ein Buch unter Ihrem Arm klemmen?“, fragte Gloria. Ray überließ es ihr. „Es stammt aus der Bibliothek“, erinnerte sich Gloria. „Helen Gregg hatte es sich ausgeliehen.“

Rays Augen wurden schmal.

„Es lag auf dem Denkmalssockel“, sagte er.

„Wie ist es dorthin gekommen?“

„Ich kann es nur vermuten“, meinte Ray, hütete sich aber, seine Annahme in Worte zu kleiden.

Er ging davon aus, dass einer der Bronzemänner das Buch aus Helen Greggs Wohnung geholt hatte. Es hatte sich bis zu diesem Morgen im Innern der Bronzefigur befunden. Als die Figur aktiv geworden war, war das Buch auf dem Sockel zurückgeblieben.

Ray hatte keinen Zweifel daran, weshalb die Bronzemänner das Buch gestohlen hatten. Es enthielt ganz offenbar die Lösung des Geheimnisses, das wie ein Fluch über Gloster House lastete.

Zu fragen blieb, warum die Dämonen das Buch nicht schon früher vernichtet hatten, aber vielleicht fand sich auch darauf eine Antwort in dem schweren, ledergebundenen Band.

Gloria gab Ray das Buch zurück.

„Verständigen Sie mich bitte, wenn Sie in dem Buch eine Erklärung für die schrecklichen Morde finden sollten“, sagte sie.

„Das Denkmal“, sagte Ray zögernd, „liegt im Teich.“

„Wie konnte das passieren?“

Ray zuckte mit den Schultern und hatte Mühe, sich verständlich zu machen.

„Wie Sie wissen, gehörte Gloster House über Generationen hinweg den Mawheads. Vor vielen hundert Jahren hat ein Mawhead einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen. Der Teufel verpflichtete sich in dem Pakt dazu, bei einer bestimmten Konstellation der Gestirne alle diejenigen zu vernichten, die in ferner Zukunft die Mawheads aus ihrem Besitz verdrängen und Gloster House für sich vereinnehmen. Der Pakt richtete sich nicht nur gegen die neuen Herren, sondern auch gegen diejenigen, die ihnen dienen, die in Gloster House leben, arbeiten oder auch nur Besuche abstatten. Nicht zuletzt richtet er sich gegen solche, die wie Helen Gregg versuchten, den Pakt zu unterlaufen und das Schlimmste zu verhüten.“

„Papa hat niemand verdrängt. Er hat den Besitz gekauft“, sagte Gloria.

„Ich kann mir vorstellen, dass die Mawheads damals in Not waren und dass Ihr Vater kaufmännischen Prinzipien folgte und die verarmte Familie unter gehörigen Druck setzte“, meinte Ray.

„Das ist nicht auszuschließen“, gab Gloria zögernd zu. „Papa konnte sehr rücksichtslos sein, wenn es um die Wahrung materieller Interessen ging.“

„Da haben wir es“, sagte Ray.

Gloria sah plötzlich besorgt aus.

„Wo bleibt Keith?“, fragte sie.

„Er wird eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank holen“, sagte Ray.

„Nein, wir haben vor der Abfahrt nur eine kaltgelegt“, erinnerte sich Gloria. „Keith wird in den Keller gegangen sein, um Nachschub zu besorgen.“

„In den Keller?“, murmelte Ray erstaunt. „Das ist leichtsinnig. Er muss doch wissen ...“ Er führte den Satz nicht zu Ende.

Gloria atmete rascher, in ihren Augen flackerte jähe Furcht.

„Er ist betrunken“, stieß sie hervor. „Das lähmt seinen Instinkt, es macht ihn taub für Gefahren. Bitte folgen Sie ihm, sorgen Sie dafür, dass ihm nichts zustößt!“

Ray legte das Buch auf den Tisch. Er verließ das Zimmer.

Im Keller brannte Licht.

„Mr. Price!“, rief Ray. Seine Stimme wurde wie ein Echo zurückgeworfen.

„Hier bin ich, Meister“, brüllte es aus den Tiefen des Kellers. „Ich habe mir ein Fläschchen an Ort und Stelle genehmigt. Kommen Sie!“

Ray hastete die Treppe hinab. Er sah die offene Tür des Weinkellers und strebte darauf zu. Keith Price saß im Innern des Kellers auf einem Fass und hielt eine offene Flasche in der Hand. Zu seinen Füßen standen zwei Champagnerflaschen.

„Sehen Sie sich hier um!“, prahlte Price. „Flaschenregale bis unter die Decke! Beste Provenienzen, fabelhafte Jahrgänge!“ Er lachte und grinste Ray verächtlich ins Gesicht. „Diese Reichtümer hätten Sie gern für sich kassiert, was? Zusammen mit Gloria. Sie haben Pech, Guthrie. Ich bin Ihnen zuvorgekommen. Ich war schneller als Sie. Und ein bisschen cleverer.“

„Kommen Sie, wir sollten Gloria nicht so lange allein lassen“, sagte Ray ungeduldig. Price widerte ihn an.

„Die kann warten, sie ist jetzt meine Frau. Sie wird lernen müssen, nach meiner Pfeife zu tanzen“, sagte Price, der gelegentlich mit der Zunge anstieß und Artikulationsschwierigkeiten hatte.

„Kommen Sie!“, wiederholte Ray.

„Wie haben Sie meine Frau genannt? Gloria? Das verbitte ich mir, Guthrie! Für Sie ist und bleibt sie Mrs. Price. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren!“ Er lachte laut, dann fuhr er fort: „Mann, war ich pleite! Völlig abgebrannt! Ich musste Gloria haben, um jeden Preis.“

„Sie haben Brown veranlasst, auf mich zu schießen, nicht wahr?“, fragte Ray.

Price grinste.

„Wundert Sie das? Sie sind in meine Wohnung eingedrungen und haben mich als Dieb entlarvt. Gerry ist mein Freund. Mein Komplize, wenn Sie so wollen. Ich habe ihm die Hälfte des Schmuckerlöses versprochen, wenn er es schafft, Sie aus dem Weg zu räumen.“

„Er wird Sie jetzt erpressen“, meinte Ray.

„Das überlassen Sie ruhig mir. Mit Gerry werde ich fertig. Keith Price meistert jedes Problem! Ich habe es bewiesen, nicht wahr? Gloria ist meine Frau geworden.“

„Solange die Ehe nicht standesamtlich beglaubigt ist, hat sie vor dem Gesetz keine Gültigkeit.“ „Wollen Sie Gloria unterjubeln, dass ich Ihnen Gerry auf den Hals gehetzt habe? Sie wird Ihnen kein Wort glauben, und ich werde bestreiten, was ich Ihnen unter vier Augen anvertraut habe.“

„Lassen Sie uns gehen!“, sagte Ray. „Sie kotzen mich an.“

Keith Price nahm einen letzten Schluck aus der Flasche, dann warf er sie gegen die Wand. Er hob die beiden Champagnerflaschen auf und sagte: „Auf diesen Tag habe ich hingearbeitet. Als Sie aufkreuzten, hatte ich Angst, dass alles schiefgehen könnte. Gloria mag Sie. Es ist ein Glück, dass ein verrückter Killer für ein bisschen Ablenkung sorgte und dass Gloria, vom Furcht geschüttelt, sich noch enger an mich kettete.“



15

Ray verließ den Keller. Keith Price folgte ihm mit den Flaschen.

Als die beiden Männer den Salon betraten, stieß Gloria einen Seufzer der Erleichterung aus. In ihren großen, schönen Augen nistete die Angst.

„Es ist gut, dass ihr da seid“, sagte sie. „Es ist ein Fremder im Haus.“

„Der Mörder?“, entfuhr es Keith Price, der mit einem Schlag sehr ernüchtert wirkte.

„Wer könnte es sonst sein?“, fragte Gloria.

„Sie haben den Mann gesehen?“, erkundigte sich Ray.

„Nein. Gehört. Seine Schritte. Sie kamen aus dem oberen Stockwerk. Sie waren sehr schwer und könnten nur von einem Menschen mit hohem Körpergewicht verursacht worden sein“, sagte Gloria.

„Von einem Bronzemann“, sagte Ray.

Gloria und Keith Price blickten ihn an. Ray holte tief Luft.

„Ich habe Ihnen erklärt, was es mit dem Pakt für eine Bewandtnis hat“, sagte er zu Gloria. „Alles deutet darauf hin, dass der Satan ein paar Werkzeuge besonderer Art eingesetzt hat ... Bronzestatuen aus der Zeit, in der der Pakt geschlossen wurde.“

„Ich verstehe kein Wort“, warf Keith Price ein.

Gloria setzte sich. Sie starrte Keith ins Gesicht.

„Dann sind wir alle verloren ...“

Die Tür öffnete sich. Die drei Menschen, die sich im Salon befanden, fuhren auf dem Absatz herum.

Gloria stieß einen Schrei aus.

Auf der Schwelle stand ein Bronzemann. Ray erkannte auf den ersten Blick, dass es sich um die zum Leben erwachte Figur handelte, die über viele Jahrhunderte auf einem Sockel am Richtplatz von Lakeville gestanden hatte. In ihren Augen glühte es rötlich; das unheimliche Brennen wurde diktiert von düsterer Entschlossenheit und zielstrebiger Mordlust.

Gloria fasste sich zuerst. Sie wirbelte herum, rannte auf die zum Jagdzimmer führende Tür zu, riss sie auf und war im nächsten Moment verschwunden.

Dann packte es auch Keith Price. Er rannte gleichfalls in den Nebenraum. Durch den Bronzemann lief ein Ruck, er stürmte hinter Price her. Das Dröhnen seiner Füße ließ das Porzellan in den Schränken klirren.

Ray folgte den beiden. Er stoppte auf der Türschwelle. Keith Price hatte den Gewehrschrank erreicht. Gloria war nicht zu sehen, sie hatte den Raum verlassen. Die offenstehende, in die Halle führende Tür zeigte, welchen Weg sie genommen hatte.

Price riss die Tür des Gewehrschrankes auf. Er ergriff einen großkalibrigen Revolver und richtete die Waffe auf den Bronzemann. Der hatte seine Schritte verlangsamt. Er bewegte sich geduckt, wie zum Sprung bereit, auf Price zu.

Price hob den Revolver. Er zielte und drückte ab.

Der Schuss weckte in dem Raum ein donnerndes Echo. Ansonsten zeigte er keine Wirkung.

Der Bronzemann strebte weiter auf Price zu.

Price schoss erneut.

Ohne Erfolg.

In Prices Augen breitete sich Terror aus. Er begriff, dass dem Gegner mit einer Handfeuerwaffe nicht beizukommen war.

Price zuckte herum. Er versuchte, an dem Bronzemann vorbeizukommen, aber dessen hochfliegende Rechte stoppte die Aktion. Die Bronzefigur traf Prices Schädel.

Keith Price brach zusammen.

Sein zerschmetterter Schädel machte klar, dass er niemals wieder aufstehen würde.

Der Bronzemann starrte auf sein Opfer, dann drehte er sich langsam um.

Sein Blick kreuzte sich mit dem von Ray.

Ray dachte an Gloria. Er hoffte, dass es ihr gelungen war, sich irgendwo einzuschließen, und er vertraute darauf, dass es ihm gelingen würde, die Mordlust des Bronzemannes auf sich zu ziehen.

Der Bronzemann tappte auf Ray zu.

Ray drehte sich um, er begann zu rennen. Er wusste, was er zu tun hatte, aber damit stand keineswegs fest, ob ihm eine Wiederholung seines Coups gelingen würde.

Der Teufel schlief nicht. Vielleicht hatte er sein Werkzeug, den Bronzemann, gewarnt, vielleicht hatte er ihm aufgetragen, unter keinen Umständen ins Wasser zu springen.

Ray hatte keine Wahl. Er musste es darauf ankommen lassen.

Er stürmte durch die Halle in den Korridor, der zum Gartenausgang führte, sprang über die am Boden liegende Tür und rannte ins Freie.

Es war wie beim ersten Mal. Der Bronzemann verringerte die Distanz, er kam Ray unaufhaltsam näher.

Ray drohte, von Panik übermannt zu werden. Wenn der Bronzemann ihn noch vor dem Erreichen des Teiches einholte, waren die Würfel gefallen, dann würden Gloria und er enden wie die anderen, dann würde der Pakt sich auf grausame Weise erfüllen.

Ray legte einen Zwischenspurt ein. Bis zum Bootssteg waren es nur noch ein paar Dutzend Schritte. Die schweren, klatschenden Schritte schlossen auf, sie waren schneller als seine.

Ein Schlag traf Rays Schulter mit der Wucht einer Kanonenkugel. Ray kam zu Fall, er drehte sich einige Male am Boden um die eigene Achse, fühlte einen stechenden Schmerz im Knöchel und dachte: Aus, aus und vorbei!

Die Bronzefigur kam näher. Ihr Gesicht war starr, ohne Ausdruck, nur in den Augen lebte das, was der Teufel in sie hineinzauberte.

Ray schnellte herum. Er kam nochmals auf die Beine.

Der Schmerz in seinem Knöchel war nahezu unerträglich, aber Ray unterdrückte ihn. Er rannte mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Er lief ein letztes Mal um sein Leben.

Die Bronzefigur zögerte zwei, drei Sekunden, ihm zu folgen. Anscheinend hatte Rays Aufspringen sie überrascht. Sie hatte erwartet, dem Mann den Gnadenstoß versetzen zu können.

Das Zögern gewährte Ray einen winzigen Vorsprung. Er genügte ihm, noch vor seinem Verfolger den Bootssteg zu erreichen. Ray hechtete kopfüber ins Wasser und hoffte, dass sich wiederholen würde, was er an diesem Morgen schon einmal praktiziert hatte.

Hinter ihm klatschte der Bronzemann ins Wasser.

Ray schwamm mit kräftigen Zügen ein paar Meter unter Wasser, dann tauchte er auf.

Sein Gegner war verschwunden.

Ray erreichte das andere Ufer. Er kletterte an Land und blickte hinüber zum Haus.

Gloria stand vor dem Gartenausgang. Sie hielt ein Gewehr in der Hand.

Ray schüttelte sich, dann ging er auf Gloria zu.

„Er ist untergegangen wie ein Klumpen Blei“, murmelte Gloria.

Ray nickte.

„Das war der zweite“, sagte er. „Nummer eins ist bereits vor einer Stunde auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen worden.“

„Der Teufel wird sich rächen wollen, wir haben gegen ihn keine Chance“, murmelte Gloria zitternd.

„Das sehe ich anders. Auch seine Macht ist begrenzt. Jetzt, wo wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, werden wir Mittel und Wege finden, dem Satan Paroli zu bieten“, sagte Ray.

„Mir ist übel. Wenn ich daran denke, dass Keith ...“ begann Gloria. Sie schloss die Augen, ließ das Gewehr fallen und drohte ohnmächtig umzufallen.

Ray fing sie mit beiden Armen auf und trug sie um das Haus herum. Er bettete sie in den Pacer.

Dann fuhr er nach Lakeville. Er brachte Gloria, die inzwischen wieder zu sich gekommen war, in seine Wohnung und ging in die Küche, um einen kräftigen Kaffee zu kochen. Nachdem er das Wasser aufgesetzt hatte, telefonierte er, immer noch in seinen nassen, von Roger Aldington entliehenen Sachen, mit Inspektor Pritcher.

„Fahren Sie nach Gloster House!“, sagte Ray. „Sie finden dort einen Toten. Es handelt sich um Keith Price.“

„Nein, nicht schon wieder“, stöhnte der Inspektor. „Wenn das so weitergeht, sprenge ich das alte Gemäuer eigenhändig in die Luft.“

„Ich wünschte, irgendjemand hätte schon früher den Mut gehabt, das zu tun“, sagte Ray. Er legte auf.

Gloria sagte: „Es tut mir schrecklich leid, dass Sie meinetwegen in diese tödlichen Gefahren geraten mussten. Es tut mir leid um das Blutvergießen. Als eine Aldington bin ich mitschuldig an dem, was da draußen passierte.“

„Sie konnten nicht wissen, was Ihr Vater auf sich lud, als er Gloster House erwarb“, sagte Ray.

„Ich gebe den Nachfahren der Mawheads ihren Besitz zurück“, entschied Gloria. „Würde eine solche Handlung den Pakt null und nichtig machen?“

„Ich weiß es nicht, aber es ist anzunehmen“, sagte Ray.



16

Gloria verließ Rays Wohnung nach dem Frühstück. Sie quartierte sich in dem einzigen Hotel ein, mit dem Lakeville aufwarten konnte. Sie traf sich täglich mit Ray.

Am dritten Tag nach dem Tod von Keith Price betrat Inspektor Pritcher Rays Büro.

Pritcher machte einen übermüdeten, abgearbeiteten Eindruck. Er legte das alte Buch, das aus Gloster House stammte und das Ray auf dem Denkmalsockel gefunden hatte, vor Ray hin.

„Ich habe es gelesen“, sagte er. „Es enthält die wohl fantastischste Geschichte, die man sich denken kann. Ich kann sie niemand verkaufen. Wenn ich es auch nur versuchte, würde man mich ins Irrenhaus sperren.“

„Sie tun mir leid, Inspektor“, sagte Ray. „Sie wissen, wer Helen und die anderen tötete, und trotzdem können Sie es sich nicht leisten, die Öffentlichkeit darüber zu informieren.“

„Ja, Sie und Gloria sind die einzigen, mit denen ich darüber sprechen kann“, sagte Pritcher. „Mordende Denkmäler! Wer würde uns das schon glauben?“

„Lassen Sie die Bronzefiguren aus dem Teich hieven und einschmelzen“, schlug Ray vor.

„Das muss Gloria Aldington anordnen. Oder heißt sie jetzt Price?“

„Aldington. Sie hat die zu nächtlicher Stunde im Pfarramt überhastet geschlossene Verbindung annullieren lassen“, sagte Ray.

„Ich habe überall herumgefragt und herausgefunden, dass es in der ganzen Gegend nur zwei Figuren aus der Zeit gibt oder gab, in der der Pakt geschlossen wurde. Damit scheint für mich festzustehen, dass das Auftauchen weiterer Bronzemänner nicht zu befürchten ist“, erklärte Pritcher.

„Was haben Sie der Chronik von Gloster House im Einzelnen entnommen?“, fragte Ray.

„Das Gleiche, was auch Helen Gregg herausgelesen hat. Der Pakt, der zwischen dem Erbauer von Gloster House und dem Teufel geschlossen wurde, legt genau fest, welcher Mittel sich der Satan bedienen wird und zu welchem Zeitpunkt dies geschieht. Als Helen erkannte, dass sie es war, die Sie zur fraglichen Zeit nach Gloster House und damit in eine tödliche Gefahr geschickt hatte, fuhr sie Ihnen mit dem Taxi hinterher, um das Schlimmste in letzter Minute abzuwenden.“

Ray blickte aus dem Fenster. Er merkte, wie seine Augen brannten und feucht wurden. Er hoffte, dass Pritcher nichts davon bemerkte.

„Helen war auf die Idee verfallen, eine Kurzgeschichte von Gloster House zu schreiben“, fasste er zusammen. „Sie wollte mich damit überraschen und in die Lage versetzen, meinen Klienten gegenüber mit historischem Wissen zu glänzen. Beim Studium der alten Chroniken entdeckte Helen nicht nur einen allgemeinen Hinweis auf den Pakt, sondern auch den exakten Stundenplan der Rache. Sie folgte mir, um mich zu warnen. Vermutlich hat Helen Gloster House durch den Seiteneingang betreten. Auf der Suche nach mir geriet sie in Prices Zimmer an den Bronzemann. Es war ein tödlicher Zusammenstoß. Der Helfer des Satans schleppte Helen in den Keller, wo sie später von James gefunden wurde. Als der Teufel erkannt hatte, wie wichtig und entlarvend das Material war, das sich in Helens Wohnung befand, ließ er es durch einen zweiten Bronzemann rauben.“

„Die Öffentlichkeit erwartet von mir, dass ich den Mörder finde und vor Gericht bringe“, sagte Pritcher ungeduldig. „Die Presse bezichtigt mich der Unfähigkeit. Dabei weiß ich genau, was passierte. Aber ich kann und darf nicht darüber sprechen. Es ist eine Situation, die mich wahnsinnig macht und mit der ich trotzdem irgendwie fertigwerden muss.“

„Sie werden es schaffen“, sagte Ray.

„Stimmt es, dass Miss Aldington beabsichtigt, Gloster House wegzuschenken?“

„Davon habe ich ihr abgeraten“, sagte Ray, „aber die Mawheads können den Besitz für einen Pappenstiel zurückkaufen.“

„Werden sie es tun?“

„Das hängt davon ab, ob sie imstande sind, den geforderten Preis zu zahlen. Er addiert sich aus dem seinerzeit geforderten Betrag plus Zinsen.“

„Man hat mir zugetragen, dass Sie ein neues Denkmal in Auftrag gegeben haben“, sagte Pritcher. „Es soll an der Zufahrt zu Gloster House aufgestellt werden und auf dem Sockel stehen, der einmal den Bronzemann trug.“

„Es war Glorias Idee“, sagte Ray.

„Wen soll das Denkmal darstellen?“

„Helen“, erwiderte Ray.

Pritcher hob die Brauen.

„Das ist nicht Ihr Ernst“, sagte er.

„Warum sollen wir meiner Sekretärin kein Denkmal setzen?“, fragte Ray. „Wäre sie nicht gewesen, hätte es ein viel größeres Blutvergießen gegeben, dann wären auch Gloria, James und die anderen Angestellten längst tot.“

„Ja, das ist richtig“, murmelte der Inspektor und rieb sich die Stirn. „Ich bin müde. Ich möchte schlafen und vergessen, aber im Augenblick gelingt mir weder das eine noch das andere.“

„Sie werden darüber hinwegkommen“, versicherte Ray, obwohl er keineswegs sicher war, ob er selbst die Kraft finden würde, zu seinem gewohnten Lebensrhythmus zurückzufinden. Die Ereignisse um Gloster House hatten seine Perspektiven verändert und ihm gezeigt, wie töricht es ist, sich für aufgeklärt zu halten.

Pritcher stand auf. Er verabschiedete sich und ging zur Tür. Dort blieb er stehen und schaute Ray an.

„Wann reist Miss Aldington zurück nach London?“, erkundigte er sich.

„Brauchen Sie sie noch?“

„Nein, nicht im Augenblick.“

„Sie fährt morgen ab.“

„Werden Sie sie begleiten?“

„Ja“, erwiderte Ray lächelnd. „Nicht nur nach London, sondern durch das ganze Leben.“


ENDE

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