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Das Herz eines Millionärs

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Allison Leigh

Das Herz eines Millionärs

Seit drei Jahren arbeitet die hübsche Nikki für Alex Reed, und jeden Tag träumt sie heimlich von seinen Küssen! Vergeblich: Er sieht in ihr nur die tüchtige Assistentin und nicht die begehrenswerte Frau, die sich nach seiner Liebe sehnt. Als er sich scheinbar mit seiner Exfrau aussöhnt, reicht es Nikki: Fristlos kündigt sie. In einem kleinen Ort weit weg will sie Alex vergessen! Doch dann hat sie einen Unfall, und als sie im Krankenhaus erwacht, traut sie ihren Augen nicht: An ihrem Bett sitzt ihr Traummann ...

1. KAPITEL

Nikki Day wollte die Augen nicht öffnen. Ein kurzer Blick würde ihr bestätigen, dass sie in einem Krankenhaus lag und offensichtlich den Verstand verloren hatte. Denn es war einfach unmöglich, dass er wirklich an ihrem Bett saß, noch dazu mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre er genau dorthin.

Demnach litt sie an Halluzinationen. Als ob sie nicht schon genug andere Sorgen hätte!

Beschützend schlang sie einen Arm um ihren Bauch, als sie einen Tritt spürte. Das bewies ihr zumindest, dass ihr Baby sich immer noch anstrengte, Fußballer des Jahres zu werden – was auch immer geschehen sein mochte und aus welchem Grund auch immer sie im Krankenhaus lag.

Nikki war jetzt im sechsten Monat, und sie nahm an, dass ihr Baby bis zum neunten bleibende Fußabdrücke hinterlassen haben würde.

Vorsichtig drehte sie sich auf die Seite, legte sich ein Kissen unter den Bauch und versuchte, eine bequemere Position zu finden. Als sie die Augen doch kurz öffnete, bereute sie es sofort.

Er war immer noch da.

Bestürzt schloss sie die Augen wieder. Ganz fest.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen“, sagte die Erscheinung leise.

Offensichtlich konnte sie ebenso akkurat und präzise halluzinieren, wie sie die meisten Dinge in ihrem Leben bewältigte. Diese Erkenntnis weckte den unbändigen Wunsch in ihr, laut zu lachen. Wurde sie nun auch noch hysterisch?

Sie veränderte erneut ihre Lage und verfluchte den Schmerz im Rücken.

„Vorsicht. Sonst reißt du dir die Infusionsnadel heraus.“

Sie zuckte zusammen, als sich seine langen, warmen Finger um ihre Hand schlossen.

Eindeutig keine Halluzination.

Sie wich zurück und setzte sich so abrupt auf, dass ihr die hellblaue Decke bis zur Taille runterrutschte und ein blaues Krankenhaushemd enthüllte. Das Kissen fiel zu Boden.

Er hielt immer noch ihre Hand. Anscheinend machte er sich Gedanken wegen des dünnen Schlauchs, der sich unter einem Pflaster auf ihrem Handrücken hervorschlängelte, denn es gab keinen anderen Grund, ihre Hand zu halten.

Er. Alex. Alexander Reed. Der Mann, der – unbeabsichtigt und völlig unwissend – für das Baby verantwortlich war, das wie wild strampelte.

Er war drei Jahre lang ihr Boss gewesen, bis sie im vergangenen Sommer gekündigt hatte.

Nikkis Herz pochte so schnell, dass ihr schwindelig wurde.

„Ganz ruhig“, murmelte er und drückte auf die Klingel, die an einer Schnur nahe ihrer Schulter hing. „Reg dich nicht auf. Es geht dir gut. Dem Baby geht es gut.“

Seine Worte milderten die Panik. Sanft entzog sie ihm die Hand. „Wie bin ich zurück nach Cheyenne gekommen?“

Er schüttelte den Kopf. „Du bist immer noch in Montana. Im Lucius Community Hospital.“

„Allerdings“, bestätigte die Krankenschwester, die gerade den Raum betrat. „Und wir sind sehr froh, dass Sie aufgewacht sind.“ Sie lächelte aufmunternd, während sie die Geräte prüfte und Notizen machte. „Der Doktor wird gleich da sein“, teilte sie Alex mit, während sie Nikki die Manschette eines Blutdruckmessgeräts anlegte. „Wir sind heute ziemlich beschäftigt. Zwei Babys sind unterwegs. Wie fühlen Sie sich, Honey?“

Nikki konnte keine schlüssige Antwort geben.

Die Schwester wirkte verständnisvoll. „Bleiben Sie ganz ruhig. Der Doktor kommt gleich.“

Als sie wieder gegangen war, wandte Nikki sich an Alex. „Und was tust du hier?“

Seine dunkelbraunen Augen waren so undeutbar wie immer. „Sie haben mich gerufen, als du eingeliefert wurdest.“

„Sie?“

Er bewegte die Schultern, als wäre er ungehalten über die Frage. Es wunderte sie nicht. Als sie für ihn gearbeitet hatte, war sie für die Handhabung jeglicher Details zuständig gewesen. Er hätte sich nicht einmal an seinen eigenen Geburtstag erinnert.

„Die Frau, der das Gasthaus gehört, in dem du abgestiegen warst. Sie hatte nur die Telefonnummern von dir zu Hause und von deinem Arbeitsplatz. Und das Krankenhaus hat mich auch angerufen.“

Von meinem ehemaligen Arbeitsplatz, korrigierte sie in Gedanken. „Hadley Golightly? Das ‚Tiff’s‘ ist eine Pension, kein Gasthaus.“

„Dann eben eine Pension.“ Alex blickte zum Fenster. Eine Jalousie hing davor. Die Lamellen waren so geneigt, dass keine direkte Sonne in das Zimmer fiel. Nicht, dass die Sonne geschienen hätte. Der Himmel war grau, mit Schneewolken verhangen – typisches Januarwetter, ob nun zu Hause in Wyoming oder auf Urlaub in Montana.

Ihre Schläfen pochten. „Bist du sicher, was das Baby angeht?“, flüsterte sie.

„Ganz sicher.“ Er schaute sie wieder an, und sein fester Blick beruhigte sie ebenso wie seine Worte.

„Ich verstehe aber immer noch nicht, was du hier tust.“ Warum hatte Alex nicht ihre Familie angerufen? Schließlich kannte er sie. Ihre Zwillingsschwester Belle hatte auch mal für ihn in der Sportklinik Huffington gearbeitet, wenn auch nur für kurze Zeit.

Vor ihrem geistigen Auge tauchten unvermittelt die verschwommenen Umrisse eines märchenhaften blauen Pferdeschlittens auf und verflüchtigten sich sogleich wieder wie Rauchkringel.

Cody hat mir eine Schlittenfahrt in den Flitterwochen versprochen.

Aber das lag Jahre zurück.

Nikki hatte diese Schlittenfahrt allein angetreten. Es war das Letzte, an das sie sich erinnerte. Sie hatte auf der dick gepolsterten Bank gesessen, mit der frischen, kalten Morgenluft im Gesicht.

Oder war das nur ein Traum?

Sie konnte sich nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren. War es einfacher, sich mit Alex zu befassen als mit ihrer nebulösen Erinnerung? Wahrscheinlich nicht. „Wie läuft es im Geschäft?“

„Ich musste letzte Woche wieder eine Assistentin entlassen.“

Natürlich hatte sie die Gerüchte über seine Schwierigkeiten gehört, einen dauerhaften Ersatz für sie zu finden. „Die wievielte war es?“

„Die sechste.“

Er richtete den Blick vom Fenster auf Nikki. Obwohl er sie nie wirklich zu bemerken schien, wühlte es sie stets auf, wenn er sie ansah. Deshalb hätte sie damals die Stelle als seine Verwaltungsassistentin beinahe abgelehnt. Sie wollte von niemandem aufgewühlt werden, denn ihr Herz gehörte immer noch Cody.

Über dreieinhalb Jahre war es her, dass sie den Job angenommen hatte, und ihre Reaktion auf Alex war so schlimm wie eh und je – oder sogar schlimmer.

„Wie läuft es denn sonst so in der Klinik?“ Ihre Stimme klang ein wenig atemlos. Sie hoffte, dass er es auf den Grund ihres Krankenhausaufenthalts schob, über den er vermutlich mehr wusste als sie.

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich gekommen bin, um übers Geschäft zu reden?“

„Du hast mich am Anfang fünfmal in der Woche angerufen, um darüber zu reden.“

„Das hätte ich nicht tun müssen, wenn die Personalabteilung eine kompetente Kraft eingestellt hätte.“

„Es ist deine eigene Personalabteilung“, entgegnete sie milde. „Du bist also gekommen, um … Warum eigentlich? Um mich zu bitten, in meinen Job zurückzukehren?“

„Du hältst es also immer noch für deinen Job, mir zu assistieren?“

„Nein.“

„Dann bist du jetzt woanders angestellt?“

„Ich trete sehr bald eine Stelle an.“ Sie hoffte es zumindest. Seit Monaten lebte sie nun schon von ihren Ersparnissen, und ihr Stolz ließ es einfach nicht zu, Unterstützung von ihrer Familie anzunehmen.

Sie hatte schon immer auf eigenen Füßen gestanden. Das hatte sie über die Runden gebracht, als sie und Belle mit fünfzehn den Vater verloren und als Cody unerwartet starb.

„Aha, du hast also einen Job.“

„Ja.“

„Wo?“

„Das geht dich nichts an, Alex.“ Sie wäre stolz auf diese Antwort gewesen, hätte ihre Stimme nicht so geschwankt.

Er sah sie ungläubig an, ließ es aber dabei bewenden. Dann blickte er zur Uhr – kaum merklich, aber sie kannte ihn sehr gut, nachdem sie drei Jahre lang fünfzig oder sechzig Stunden in der Woche für ihn gearbeitet hatte.

In ihrem zweiten Jahr bei Huffington hatte sie sich eine Woche Urlaub genommen und war mit Belle nach Florida gefahren. Hätte sie nicht den Fehler gemacht, ihr Handy mitzunehmen, hätte sie sich vielleicht wirklich erholen können. Doch so war ihre Schwester mit einer ansehnlichen Sonnenbräune und einem Album voller Fotos vom Tauchen und Gleitsegeln nach Hause gekommen, während Nikki so selten das Hotel verlassen konnte, dass sie die Speisekarte des Zimmerservices auswendig kannte.

Daraufhin hatte sie keinen Urlaub mehr genommen.

„Lass dich von mir nicht aufhalten“, sagte sie jetzt.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Womit habe ich dich verärgert?“

„Mit nichts.“

„Aha.“ Er blickte zu ihrem Bauch. „Hast du wegen deiner Schwangerschaft gekündigt?“

„Natürlich nicht“, wehrte sie schnell – und wahrheitsgemäß – ab. Zu dem Zeitpunkt hatte sie nichts davon geahnt.

„Du hättest mir sagen sollen, dass du schwanger bist. Ich hätte entsprechende Änderungen vornehmen können.“ Er hob das Kissen vom Fußboden auf und legte es auf das Bett. „Zum Beispiel eine Assistentin einstellen.“

„Das hast du doch getan. Ich habe gekündigt, du hast eine andere Assistentin eingestellt. Ganz einfach.“

„Ich meine eine Assistentin für dich. Dann hättest du weniger Stunden arbeiten müssen.“

Alex hatte sich nie darum geschert, wie viele Stunden sie für ihn arbeitete. Anscheinend halluzinierte sie wieder. Sie rieb sich die Schläfen. Oder vielleicht war das letzte halbe Jahr nur ein unglaublich lebhafter Albtraum, aus dem sie jeden Moment am Computer in seinem Vorzimmer aufwachen würde.

„Du hättest nicht kündigen müssen.“

Genau das hatte sie tun müssen, doch das konnte sie ihm nicht erklären. Matt lehnte sie sich zurück in die Kissen und zog die Decke bis zum Hals hoch. Ihr war nicht kalt, aber sie brauchte einen größeren Abstand zwischen sich und ihm. Sie hatte gute Arbeit für ihn geleistet, doch niemand war unersetzlich. „Ich verstehe immer noch nicht, wieso du hier bist.“

„Deine Schwester ist auf Hochzeitsreise.“

Sie runzelte die Stirn und fragte sich, woher er das wusste. „Ja. Und?“

„Deine Mom und ihr Mann sind auf einer Kreuzfahrt.“

Monatelang hatte ihre Mutter die Reise geplant und Squire nur mit viel Mühe überreden können, seine Cowboystiefel auf ein Schiffsdeck zu setzen. „Ja, aber was hat das mit dir zu tun?“

„Also bin ich nach Montana gekommen.“ Er stand auf und trat an das Fußende des Bettes. „Jemand musste es tun.“

Das erklärte seine Anwesenheit immer noch nicht wirklich. Denn sie hatte eine sehr große Stief-Familie, wie er wusste. Jeder der Clays hätte ihr auf jede erdenkliche Weise geholfen – auch wenn sie es verabscheute, jemanden um Hilfe zu bitten.

Aber das wusste Alex nicht, und er tat nie etwas, ohne dabei eigene Ziele im Auge zu haben. Nicht, dass er nicht nett sein konnte, wenn er es wollte. Sie wusste nur zu gut, an wie vielen Wohltätigkeitsveranstaltungen er sich aktiv beteiligte und wie häufig er Schirmherrschaften übernahm – in allen neun Städten von Florida bis Arizona, in denen die Kliniken seines Unternehmens lagen. Aber vor allem lebte er für sein Geschäft. Wäre sie nicht seine Angestellte gewesen, hätte er sie nie wahrgenommen.

„Nun, ich weiß deine Sorge zu schätzen, aber wie du siehst, geht es mir gut.“

In trockenem Ton entgegnete er: „Ist das deine höfliche Art, mir zu sagen, dass ich jetzt verschwinden soll?“

„Alex, es ist einfach … peinlich für mich.“

„Warum?“

„Wie würdest du dich fühlen, wenn ich dich im Krankenhaus aufsuchen würde?“

Er steckte die Hände in die Hosentaschen. „Vielleicht wäre ich froh, ein vertrautes Gesicht zu sehen.“

Ihre Wangen röteten sich. „Jetzt stellst du mich als undankbar hin.“

„Wem der Schuh passt …“

„Bitte, versuch nicht, mich durch Schuldgefühle zur Rückkehr zu bewegen.“

„Das habe ich bereits versucht, und es hat nicht geklappt.“ Er trat ans Fenster, nahm eine Hand aus der Tasche und richtete die Lamellen.

Mehr graues Licht drang in den Raum, und Nikki beobachtete das Spiel seiner Muskeln unter dem hellen Pullover, der zweifellos aus Kaschmir war und seine breiten Schultern umschmiegte.

Seine Haare waren schwarz und an den Schläfen von Silberfäden durchzogen – im Nacken ebenfalls, wenn sie zu lang wurden. Nun waren sie jedoch kurz geschnitten.

Sie schluckte verlegen, als er sich zu ihr umdrehte und merkte, dass sie ihn anstarrte.

„Ich bin gekommen, weil ich besorgt war“, sagte er milde. „Gibt es jemanden, den du lieber hier hättest?“ Sein Blick glitt zu ihrem Bauch. „Vielleicht den Mann, der das zu verantworten hat?“

Sie senkte den Blick auf ihre Hände. Sie waren geschwollen. Vor einem Monat hatte sie sämtliche Ringe abgenommen, sogar den Verlobungsring, den Cody ihr geschenkt hatte. „Er ist weg“, sagte sie. „Ich weiß es zu schätzen, dass du extra aus Cheyenne hergekommen bist. Ich weiß, wie beschäftigt du bist. Aber es geht mir echt gut.“

Er musterte sie stumm.

Nun, sie lag in einem Krankenhaus, und demnach war doch nicht alles eitel Sonnenschein. „Es wird mir bald wieder gut gehen“, berichtigte sie sich.

„Du weißt ja nicht mal, was passiert ist.“

Solange sie das Baby in sich strampeln fühlte, konnte sie alles verkraften, was auch passiert sein mochte. Nicht verkraften konnte sie dagegen, sich Alex längere Zeit auszusetzen. „Weißt du es denn?“

Er war kein Familienmitglied. Er war nicht einmal mehr ihr Vorgesetzter. Das Krankenhaus hätte ihm keine persönlichen Auskünfte erteilen dürfen. Aber sie wusste, dass er zu bekommen pflegte, was er wollte.

„Ich weiß genug.“

„Und was soll das bitte heißen?“, hakte sie ungnädig nach.

„Du warst wesentlich gefälliger, als du noch für mich gearbeitet hast.“

„Du hast mich dafür bezahlt, gefällig zu sein.“

„Stimmt. Nun, niemand weiß besser als ich, wie fähig du bist, Nikki.“ Er nahm einen schwarzen Mantel von einem Metallhocker in der Ecke. „Zweifellos wirst du die Effektivität hier um etwa dreißig Prozent steigern, bevor du entlassen wirst. Das Personal wird total auf Zack gebracht sein.“ Sein Ton war überhaupt nicht mehr freundlich, sondern vielmehr angespannt. Verärgert.

Und das verblüffte sie über alle Maßen. Welchen Grund hatte er, verärgert zu sein? „Alex. Warte bitte.“ Die Worte sprudelten über ihre Lippen, obwohl ihr Verstand protestierte. Sie wollte, dass er ging. Oder etwa nicht?

So erpicht sie auch darauf war, ihre Haltung wiederzugewinnen, konnte sie den Gedanken nicht ertragen, ihn verärgert zu haben. Aus welchem Grund auch immer, er war gekommen. Sie hatte nie erlebt, dass er sich vom Geschäft frei machte. Für niemanden. Warum also tat er es für sie?

Bevor er auf ihre Bitte reagieren konnte, kam ein schlaksiger Arzt ins Zimmer. Er stellte sich als Dr. Carmichael vor und sagte: „Gut. Sie sind endlich wach. Da Sie gerade beide hier sind, sollten wir über Ihre Alternativen reden, nachdem ich Sie untersucht habe.“

Und somit erfuhr sie nicht, ob Alex auf ihre Bitte hin geblieben wäre oder nicht.

2. KAPITEL

Dr. Carmichael legte eine dicke Akte auf den Rollwagen am Fußende des Bettes, trat an das Kopfende und holte mit einer Hand sein Stethoskop hervor, während er mit der anderen seine runde Brille hochschob.

Bevor Nikki protestieren konnte, öffnete er das Band, das ihr Krankenhaushemd im Nacken zusammenhielt, und beugte ihren Oberkörper nach vorn. Das Metall war kalt auf ihrem Rücken, und sie hielt hastig das Vorderteil des Hemdes fest, bevor es ganz von ihren Schultern rutschen konnte.

Dann drückte er sie wieder zurück in die Kissen und schob das Stethoskop unter den Ausschnitt, um ihrem Herzschlag zu lauschen.

Ihr Gesicht glühte, und das hatte nichts mit dem Arzt zu tun, der das kalte Gerät bereits wieder weggenommen hatte und nun ihren Hals abtastete, wonach auch immer.

Schließlich trat er an das Fußende ihres Bettes, schlug die Akte auf und nahm einige Eintragungen vor. Die Schwester kam erneut ins Zimmer und schickte Alex hinaus, weil Nikkis Unterleib untersucht werden sollte.

Als Dr. Carmichael fertig war, verkündete er: „Es sieht gut aus. Die Blutungen haben aufgehört.“

Die Schwester band das Nachthemd wieder zu, während Nikki den Arzt anstarrte. „Ich hatte Blutungen? Wie lange bin ich schon hier?“

„Vier Tage“, sagte die Schwester. „Sie sind am Sonntag eingeliefert worden. Jetzt ist Donnerstag. Mr. Reed ist seit Dienstag nicht von Ihrem Bett gewichen. Die Hälfte der Schwestern ist grün vor Neid.“

Vier Tage?

Sie hatte eher mit vier Stunden gerechnet.

Dr. Carmichael winkte Alex wieder herein, als die Schwester die Tür öffnete. „Wie ich Nikki gerade gesagt habe, hat die Blutung aufgehört. Es gibt keine Anzeichen für weitere Wehen.“

„Weitere?“, hakte Nikki bestürzt nach. Was war während ihrer Bewusstlosigkeit nur geschehen?

Die Schwester tätschelte ihr den Arm. „Regen Sie sich nicht auf. Ihr Blutdruck war sehr hoch, als Sie eingeliefert wurden. Er hat sich erst in den letzten zwölf Stunden stabilisiert.“

Diese Mitteilung trug nicht gerade zu Nikkis Beruhigung bei. „Das Baby bewegt sich. Was ist also nicht in Ordnung?“

„Nichts, was durch Bettruhe nicht behoben werden kann“, versicherte Dr. Carmichael gelassen. Erneut rückte er sich die Brille zurecht, sodass die Gläser im Licht der Deckenbeleuchtung funkelten. „Offen gesagt, geht es dem Baby momentan besser als Ihnen.“

„Dann kann ich nach Hause gehen?“

„Ich würde Sie lieber hierbehalten. Sie müssen die nächsten drei Wochen liegen.“ Er blickte in ihre Akte. „Dann werden Sie im letzten Drittel der Schwangerschaft sein.“

Nikkis Herz sank. Ihr neuer Job war mit einer Krankenversicherung verbunden, die sie zum Geburtstermin dringend brauchte, die aber erst nach sechzig Arbeitstagen in Kraft trat. Das Schlüsselwort dabei war Arbeit.

Wenn sie wochenlang in diesem Krankenhaus in Montana lag, konnte sie sich wohl kaum am kommenden Montag bei Belvedere Salvage & Wrecking zur Stelle melden. „Aber das geht nicht“, protestierte sie matt.

„Ich fürchte, es muss gehen.“ Dr. Carmichael tätschelte ihren Fuß durch die Bettdecke. „Keine Sorge. Sie werden sich schon an das Essen hier gewöhnen.“

Ein dicker Kloß trat ihr in die Kehle, und ihre Augen wurden feucht.

Beschwichtigend sagte er: „Es wird schon nicht so schlimm. Nach einer Woche sehen wir weiter. Und Daddy kann hierbleiben, solange er will, wie bisher.“

Nikki warf einen Blick zu Alex. Zwischen ihnen war nicht einmal im Entferntesten etwas Persönliches vorgefallen, und somit war er nicht der werdende Vater. Aber er widersprach der irrigen Ansicht des Arztes nicht.

„Ich kann es mir nicht leisten, drei Wochen im Krankenhaus zu bleiben“, erklärte sie vehement. „Ich muss nach Hause. Ich muss arbeiten.“

„Ich kann Sie natürlich nicht zwingen zu bleiben. Aber ich versichere Ihnen, dass Sie die Schwangerschaft gefährden, wenn Sie keine strikte Bettruhe einhalten.“

Gefährden.

Das Wort tanzte ihr im Kopf herum wie die Kugel in einem Flipperautomaten, die bei jedem Anstoß eine kleine Explosion in Gang setzt.

„Aber sie könnte die Bettruhe auch woanders einhalten“, warf Alex ein. „Richtig?“

Dr. Carmichael nickte, auch wenn er dabei nicht besonders glücklich aussah. „Wenn sie mir verspricht, dass sie im Bett bleibt, und zwar liegend. Mit angezogenen Knien. Sie darf sich hin und wieder ein paar Minuten lang aufsetzen, aber nicht mehr.“

„Ich gehe zu meiner Mutter“, entschied Nikki resigniert. Ihre Familie würde sie mit offenen Armen aufnehmen, aber sie hatte das Gefühl zu versagen, weil sie nicht wie sonst auf eigenen Füßen stehen konnte.

„Ihre Mutter lebt hier in Lucius?“

„Nein. In Wyoming.“

Dr. Carmichael schüttelte entschieden den Kopf. „Sie sind nicht transportfähig. Nicht mal für eine Stunde.“

„Aber …“

„Widersprich nicht, Nikki“, sagte Alex sanft. „Wir tun, was immer nötig ist, um das Baby zu schützen.“

„Wir?“ Sie umklammerte die Bettdecke mit beiden Händen. Der Monitor neben ihr begann zu blöken wie ein Schaf und spuckte einen schmalen Streifen Papier aus.

„Miss Day.“ Die Schwester drückte sie sanft zurück in die Kissen. „Bitte, regen Sie sich nicht auf.“

„Sie haben mich gerade zu fast einem Monat Bettruhe verdammt, und ich soll mich nicht aufregen?“ Ein stechender Schmerz zuckte durch ihren Unterleib. Sie rang nach Atem, krümmte sich und zog die Knie an.

Sofort waren die Schwester und Dr. Carmichael zur Stelle, maßen den Blutdruck, verabreichten Injektionen.

Nikki spürte kaum, was mit ihr getan wurde, denn zu den starken Schmerzen gesellte sich Panik. Das Baby war ein „Unfall“, aber das bedeutete nicht, dass sie es nicht bekommen wollte.

Alex nahm ihre Hand und murmelte sanft ihren Namen.

Sie blinzelte, richtete den Blick auf ihn. Die Panik ebbte ein klein wenig ab. Sie spürte nicht, wie fest sie seine Finger umklammerte. „Es tut so weh.“

Sein Blick war stetig, ruhig und vertraut. „Ich weiß. Entspann dich.“ Seine Stimme wirkte beinahe hypnotisierend. „Es wird alles gut.“

Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, eine moderne, fähige, selbstständige Frau. Sie brauchte niemanden, der sie ermutigte. Für gewöhnlich sorgte sie dafür, dass alles gut war. Aber all das zählte momentan keinen Deut.

Sie war froh, dass er da war. Unendlich froh. Tränen rannen über ihre Wange. Nie zuvor hatte sie vor ihrem Boss geweint. Aber er war ja nicht mehr ihr Boss. Er war nur Alex – ein Mann, der ihr nicht aus dem Kopf ging.

„Atme“, ordnete er an.

Vage wurde ihr bewusst, dass die Schwester dasselbe gesagt hatte. Langsam holte sie Luft.

„So ist es gut“, sagte Alex ermutigend. „Ruhig und tief.“

Allmählich, kaum merklich, linderte sich der Schmerz. „Ich will das Baby nicht verlieren“, sagte sie mit belegter Stimme.

Er drückte ihre Hand. „Das werde ich auch nicht zulassen“, versprach er.

Es ergab keinen Sinn. Aber sie glaubte ihm.

„Versuchen Sie, sich zurückzulegen, Miss Day.“

Sie fühlte sich benommen und unfähig, sich auszustrecken. Es fiel ihr schwer, den Blick auf Alex zu fokussieren. Aber als er sich über sie beugte und sie sanft zurück in die Kissen drückte, sah sie trotzdem die verschiedenen Schattierungen seiner braunen Augen.

Wie dunkler, klarer Kaffee mit einem schmalen Rand aus geschmolzener Schokolade, dachte sie. „Geschmolzen.“ Geschmolzene Schokolade, köstlich und süchtig machend.

„Was ist geschmolzen?“

Sie runzelte die Stirn. Hatte sie laut gesprochen? „Mein Kopf fühlt sich komisch an.“

„Das liegt am Beruhigungsmittel“, erklärte die Schwester. Sie entfernte die Manschette des Blutdruckmessgeräts von Nikkis Arm. „Keine Sorge, es schadet dem Baby nicht. Sie werden nur beide ein bisschen schlafen.“

„Ich will nicht schlafen. Ich muss zurück nach Cheyenne.“

„Nicht heute. Du warst vier Tage bewusstlos, vergiss das nicht.“ Alex ließ sie los und entfernte sich vom Bett.

Sie wollte ihn zurückrufen.

Lieber später, dachte sie. Später musste sie auch die Personalabteilung von Belvedere anrufen und versuchen, ihren Arbeitsplatz zu retten.

Sie hatte so viel zu erledigen, aber momentan konnte sie sich nicht erinnern, was es war.

Alex beobachtete, wie Nikki die Augen zufielen. Die Sorgenfalten auf ihrer Stirn glätteten sich. Ihre Lippen entspannten sich.

„Sie wird ein paar Stunden schlafen“, teilte ihm die Schwester leise mit.

Er nickte und folgte Dr. Carmichael aus dem Zimmer. „Sie haben mehrere Tests durchgeführt. Ich will Details.“ Er selbst war kein Arzt, aber er stammte aus einer Arztfamilie und beschäftigte zahlreiche Mediziner. Wenn ihm die Auskünfte des Doktors nicht genügten, konnte er Nikki im Handumdrehen in die Obhut eines anderen Spezialisten geben.

„Wir können in meinem Büro reden. Ich würde gern auch Ihre medizinische Vorgeschichte erfahren.“

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