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Das Herz der Wüste

1. KAPITEL

Das Kind war leicht wie eine Feder. Jenny hob sich das magere Geschöpf auf die Hüfte und wandte sich dem Wagen zu, der gerade ins Lager fuhr. Hoffentlich hielt der Fahrer rechtzeitig an, bevor die Staubwolke in ihr Sanitätszelt fegte.

Zwanzig Meter vor ihr kam der zerbeulte Jeep zum Stehen, doch ein Windstoß trieb die roten Sandkörnchen in ihre Richtung, und sie bedeckte rasch Mund und Nase des kleinen Mädchens mit der Hand.

Unerwartete Besucher verhießen in der Regel nichts Gutes. Mit modernen Städten, hervorragend ausgestatteten Einrichtungen und bester medizinischer Versorgung waren die meisten kleinen Staaten dieser Region längst im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen. In Zaheer dagegen regierte ein Scheich, der allen Neuerungen ablehnend gegenüberstand. Obwohl er selbst sich selten blicken ließ, machten seine Lakaien den Hilfsorganisationen das Leben schwer.

Der Mann, der aus dem Jeep stieg, trug nicht das fließende Gewand der Staatsdiener, die sich sonst hier umsahen und misstrauische Fragen stellten, sondern Jeans und T-Shirt.

Er war anders.

Warum, konnte Jenny nicht sagen. Eine seltsame Ahnung riet ihr, wachsam zu sein, doch sie verscheuchte sie sofort. Unsinn! Unter der Staubschicht auf der Kühlerhaube war schemenhaft ein Logo zu erkennen, also musste er ein Offizieller sein oder Mitarbeiter einer anderen Hilfsorganisation.

Sie wollte ihn ignorieren, sich einfach abwenden, weil sie die ewigen Kämpfe mit der Obrigkeit satthatte. Allerdings strömten täglich neue Flüchtlinge ins Lager, und Jenny brauchte jede Hilfe, die sie bekommen konnte.

Also blieb sie, wo sie war.

Stumm, ohne zu lächeln.

Als sich der Sandnebel gelichtet hatte, sah sie einen hochgewachsenen, athletisch gebauten Mann mit gebräunter Haut und rabenschwarzem Haar vor sich. Grüne Augen? Jenny schaute genauer hin. Sie waren eindeutig grün und auf eine so unwiderstehliche Weise fesselnd, dass sie zu spät merkte, wie sie ihn anstarrte.

Allerdings war er ein Mann, den jede Frau anstarren und vielleicht sogar anlächeln würde, um das leise Flattern in ihrem Herzen zu übertönen.

Nicht, dass ihr Herz beim Anblick anderer Männer zitterte … nicht, seit David …

„Dr. Stapleton?“

Seine Stimme war tief und ein bisschen heiser, als wäre er erkältet. Oder wie eine Schlafzimmerstimme, bereit zu verführen …

Woher kam das jetzt?

„Ja!“, beeilte sie sich zu sagen und verbannte die beunruhigenden Gedanken.

„Ich bin Kamid Rahman.“ Der Besucher streckte ihr die Hand entgegen. „Die Zentrale von Aid for All schickt mich zu Ihrer Unterstützung. Ich soll die Flüchtlinge untersuchen und behandeln und Ihnen bei der Umsetzung des Tuberkulose-Programms helfen.“

„Sie sind Arzt?“ Verblüfft musterte sie die fadenscheinige Jeans und das verwaschene T-Shirt, obwohl sie immer noch Mühe hatte, sich nicht von dem atemberaubenden Männerkörper darunter ablenken zu lassen.

„Studiert und ausgebildet in London“, erklärte er mit einer Verbeugung. „Aber da mein Vater in Diensten dieses Landes stand, bin ich hier aufgewachsen. Aid for All wollte mich ursprünglich in Südafrika einsetzen, bis man auf die Idee kam, meine Sprachkenntnisse könnten in dieser Gegend von Nutzen sein.“

Sein Lächeln war umwerfend und machte ihn noch gefährlicher, sodass Jenny instinktiv einen Schritt zurückwich und Rosana an ihre Brust drückte.

Es schien ihm nicht aufzufallen, geschweige denn zu kümmern, dass sie seine Hand nicht ergriffen hatte. Stattdessen blickte er sich in der kleinen Zeltstadt interessiert um.

„Wir können Hilfe gebrauchen“, antwortete sie. Insgeheim verwirrte sie der breitschultrige Fremde mit den ausgeprägten Wangenknochen so sehr, dass sie am liebsten das Weite gesucht hätte. Seinen tiefgründigen grünen Augen entging nichts, und seine geschmeidigen Bewegungen strahlten Sex-Appeal aus.

Es war lange her, dass sie einen Mann sexy gefunden hatte …

Doch es gab noch etwas an seiner Haltung, das ihre Aufmerksamkeit erregte. Trotz des legeren Äußeren strahlte er Autorität aus.

„Also, führen Sie mich herum?“

Eher eine Anweisung als eine Frage. Das passte ins Bild.

Er hatte die Hände in die Gesäßtaschen geschoben, während er sich die Gegend ansah, sodass sich die Jeans über seinem knackigen Po spannte, und Jenny war schon wieder abgelenkt.

Du solltest dir Gedanken machen, warum er hier ist, und weniger über seine ansehnliche Kehrseite, ermahnte sie sich.

„Sie sind wirklich Aid-for-All – Mitarbeiter – und Arzt?“

Jetzt wandte er sich ihr zu und lächelte. Das half ihr nicht gerade, sich wieder zu fangen. Mit langen Schritten marschierte er zum Wagen und wischte mit der flachen Hand über die Beifahrertür.

„Sehen Sie, dieses Logo haben Sie auch.“ Mit dem Kopf deutete er zu dem Fahrzeug, das sie und ihr Team benutzten. „Meinen gerahmten Universitätsabschluss trage ich zwar nicht bei mir … er lässt sich so schlecht an eine Zeltwand hängen“, meinte er schmunzelnd, „aber ich besitze einen Ausweis.“

Damit förderte er eine Plastikkarte aus der Hosentasche, die ähnlich aussah wie die, die Jenny an einem Band um den Hals trug.

„Den gleichen wie Sie.“ Er hängte ihn sich um, und Jenny betrachtete ihn aufmerksam. Sah echt aus.

Warum hatte sie dann immer noch das Gefühl, bei diesem Mann vorsichtig sein zu müssen?

Weil er auffallend attraktiv war?

Am besten ignorierte sie es einfach. Sie war in diesem Lager, um zu helfen, sonst nichts.

„Schön, dann kommen Sie“, sagte sie, weil Rosana unruhig wurde.

Besorgt blickte Jenny auf die Kleine, die großen dunklen Augen, die das schmale Gesicht beherrschten, die dürren Beinchen, den vom Hunger aufgeblähten Bauch.

„Viel gibt es allerdings nicht zu sehen, jedenfalls nicht im Sanitätszelt. Die Ausstattung ist dürftig. Vielleicht können wir ein zweites Zelt bekommen, wenn Sie hier anfangen, damit wir uns nicht gegenseitig auf die Füße treten.“ Hoffnungsvoll blickte sie ihn an. „Sie haben nicht zufällig eins mitgebracht?“

Die Frage schien ihn zu verärgern, aber Jenny konnte sich nicht erklären, warum.

Bis er antwortete.

„Hat die Regierung keine Zelte bereitgestellt? Sowohl für die Flüchtlinge als auch die Mitarbeiter der Hilfsorganisation? Ich meine, ich hätte so etwas gehört.“

Jenny zuckte mit den Schultern. „Davon weiß ich nichts, aber der alte Scheich soll schon lange krank sein, und vielleicht läuft in diesem Land manches nicht so, wie es sollte. Aid for All hat ziemlich hart um die Erlaubnis kämpfen müssen, in diesem Lager auf TB testen und die Kranken behandeln zu dürfen. Wir wollten unser Glück nicht überstrapazieren und haben nicht gewagt, um noch mehr zu bitten. In unserem Zelt hatte vorher eine Familie gewohnt, die es dann geräumt hat, damit wir überhaupt arbeiten können.“

Kamid Rahman al’Kawali, zukünftiger Scheich von Zaheer und inkognito Reisender in seinem eigenen Land, schüttelte den Kopf, während er sich erneut im Zeltlager umsah. Die Zustände waren schlimmer, als sein Zwillingsbruder Arun und er erwartet hatten. Die Verantwortung dafür lag teilweise auch bei ihnen, weil sie sich lieber in ihre Krankenhauspflichten gestürzt hatten, anstatt zu registrieren, was in Zaheer vor sich ging.

Es war ein Irrtum gewesen zu glauben, dass es genügen könnte, als Arzt sein Bestes zu geben, und die andauernden Konflikte mit Regierungsstellen zu ignorieren. Der Grund allen Übels lag klar auf der Hand. Obwohl schwer krank, hatte sich der alte Scheich beharrlich geweigert, seine Söhne mit mehr Machtbefugnissen auszustatten.

Also hatten sie gearbeitet, sich fortgebildet, an Kongressen und Kursen in der ganzen Welt teilgenommen und immer eine gute Ausrede gehabt, um ihren Vater nicht besuchen zu müssen. Und als sie es nicht mehr hinausschieben konnten, war es eher ihrer Mutter zuliebe geschehen und nicht aus Sorge um den jähzornigen alten Mann, der ihnen eine trostlose Kindheit beschert und sich zeitlebens geweigert hatte, sein Land mit den Segnungen der Moderne auszustatten.

Er verachtete die Stadt, die um die alte Hauptstadt herum gewachsen war, gebaut von ausländischen Ölbaronen, die mit Bohrungen im Wüstensand unermesslichen Reichtum erworben hatten, oder von internationalen Hotelketten, um diesen Ölmagnaten luxuriöse Paläste zu bieten.

Lange hatte er sich gesträubt, sein Land für demokratische Verhältnisse zu öffnen, und dann, als die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten war, seine Brüder und deren Söhne zu Kandidaten bestimmt. Natürlich sollten sie gewählt werden, um die Interessen der Familie zu wahren. Danach zog er sich in den Winterpalast zurück und überließ es jenen in der fernen Hauptstadt, zu schalten und zu walten, wie es ihnen beliebte. Die Stadt wuchs weiter und wurde zum Anziehungspunkt für Fremde aus aller Herren Länder. Was im übrigen Land passierte, interessierte niemanden mehr.

So weit war es nun gekommen: Eine ausländische Hilfsorganisation an der Grenze zum Nachbarstaat kümmerte sich um tuberkulosekranke Flüchtlinge, während in der Stadt in neu errichteten, hochmodernen Krankenhäusern erstklassig bezahlte Schönheitschirurgen Gesichter lifteten und Wohlstandsbäuche wegoperierten.

Fremde Hilfe! Für ein stolzes Stammesvolk, das seit Jahrhunderten in der Wüste gelebt und geherrscht hatte …

Kamid seufzte und wandte sich wieder der Frau zu. Sie trug ein dunkles Tuch um den Kopf, das ihre samtige, leicht gebräunte Haut betonte. Die Sommersprossen sahen aus wie Goldstaub, hier und da hingetupft, und auch ihre hellbraunen Augen erinnerten ihn an schimmerndes Gold. Ein hübscher Mund, rosige, aber leicht aufgesprungene Lippen. Hatte ihr niemand gesagt, dass die trockene Wüstenluft dem Körper in nur wenigen Stunden jede Feuchtigkeit entziehen konnte?

Verwundert, dass er ihrem Äußeren so viel Beachtung schenkte, kehrte Kamid in die Gegenwart zurück. Er hatte wirklich Besseres zu tun, als die Reize einer Frau zu bestaunen.

„Zelte kann ich beschaffen“, sagte er.

„Einfach so? Seit Monaten schicke ich ein Gesuch nach dem anderen in die Stadt, betone, dass wir mehr Hilfe brauchen, und … oh!“ Sie schlug die Hand vor den Mund. „Sie sind diese Hilfe, nicht wahr?“, fragte sie leise und lächelte ihn verlegen an. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht freundlicher willkommen geheißen habe. Können Sie wirklich Zelte besorgen?“

Er erwiderte das Lächeln. „Ich besitze einen gewissen Einfluss in der Stadt. Vergessen Sie nicht, ich bin dort aufgewachsen.“

Ihre Sommersprossen faszinierten ihn, und er musste aufpassen, dass er sie nicht anstarrte. Deshalb ließ er den Blick flüchtig über sie gleiten und lächelte wieder, um zu verbergen, dass er sich so leicht ablenken ließ.

Schon wieder!

„Kein Problem“, fügte er hinzu.

Jenny war nicht entgangen, wie er sie von oben bis unten gemustert hatte. Sie war sich durchaus bewusst, welchen Anblick sie ihm bot. Jeans und langärmelige Bluse waren unter einer langen grauen, mit rötlichem Wüstensand bedeckten Tunika verborgen. Wahrscheinlich hatte sie den Staub auch im Gesicht – und im Haar. Ihr Zopf, der unter dem Kopftuch heraushing, hatte sein goldblondes Schimmern eingebüßt und die Farbe einer vertrockneten Ingwerwurzel angenommen.

„Gut“, entgegnete sie forsch, um ihre Verlegenheit zu kaschieren, „dann werde ich eine Liste der Sachen schreiben, die wir noch brauchen, um Ihren Einfluss richtig zu nutzen.“

Kamid hob die Hand. „Es ist besser, wenn ich sie selbst zusammenstelle. Ich kenne die Menschen hier und kann einschätzen, was ihnen fehlt. Sie würden vielleicht nach westlichen Standards vorgehen.“

„Sauberes Wasser und hygienische Verhältnisse gehören wohl für jeden zu den Grundbedürfnissen.“

„Sicher, und auch dafür kann gesorgt werden.“

„Und bessere Unterkünfte, bevor der Winter ins Tal einzieht.“

Wieder blickte er sich um, und Jenny versuchte, das Lager mit seinen Augen zu sehen … die schäbigen geflickten Zelte, ein paar angepflockte Ziegen, die Kinder, die in den Gassen zwischen den Behausungen herumrannten, eine kleine Herde zotteliger Schafe, die das spärliche Gras am Fuß des Hügels abrupfte, zwei dösende Kamele.

Ihr Besucher schüttelte den Kopf. „Diese Leute sind Flüchtlinge, dies ist nicht ihr Land. Wenn wir ihnen Hütten bauen, hieße das nicht, ihnen zu verstehen zu geben, dass sie nie in ihre Heimat zurückkehren werden? Würden wir ihnen damit nicht jede Hoffnung rauben?“

Der Mann sah wirklich verboten gut aus. Jenny ertappte sich wieder dabei, dass sie nicht bei der Sache war.

„Wollen Sie den Menschen, die alles verloren haben, eine anständige Bleibe verweigern?“, entgegnete sie schnippisch. „Ein bisschen Komfort, wenigstens so lange, bis sie gesund sind?“

„Mit Freuden würde ich ihnen ein bequemes Zuhause und sogar ein Krankenhaus bieten, aber nicht hier, sondern in ihrer Heimat. Dort, wo ihre Familien seit Generationen leben. Hier würden sie sich auf Dauer im Exil fühlen. Genauso gut könnte man ihnen sagen, dass sie ihre Hoffnungen aufgeben sollen, dass der Krieg nie enden wird und sie für den Rest ihres Lebens in einem fremden Land festsitzen, angewiesen auf die Mildtätigkeit anderer. Ich möchte stark bezweifeln, dass Menschen irgendwo auf der Welt sich freiwillig darauf einlassen würden. Und diese stolzen Wüstenvölker erst recht nicht.“

„Okay, Sie wissen es anscheinend besser.“ Jenny wandte sich ab und strebte auf das große Zelt zu. „Oder glauben es besser zu wissen“, murmelte sie vor sich hin.

Tief in ihr brodelte es. Sie wusste nicht, warum sie sich ärgerte. Bestimmt nicht über den Mann, der ihr etwas erklärt hatte, was sie eigentlich wissen müsste. Oder über die leidenschaftliche Art, mit der er seinen Standpunkt verteidigt hatte, so als fühle er buchstäblich mit diesen Menschen, die sich nach ihrer Heimat zurücksehnten.

Nein, es war bewundernswert, wie er für die Flüchtlinge eintrat. Weshalb war sie dann wütend auf ihn?

Weil sie eine leichte Arroganz spürte?

Kamid sprach einen Mann an, der gerade vorbeiging, und während die beiden sich unterhielten, beobachtete Jenny ihn unauffällig.

Unter Ärzten gab es einige, die sich für etwas Besseres hielten, aber die trugen normalerweise keine alten Jeans und T-Shirts, sondern einen dreiteiligen Anzug.

Jenny seufzte. Verallgemeinerungen waren sonst nicht ihr Stil, und jetzt war sie drauf und dran, jemanden in eine bestimmte Schublade zu stecken, den sie nicht einmal richtig kannte.

Bestimmt hatte sie sich noch nicht davon erholt, dass sie diesen Fremden zuallererst als Mann gesehen hatte. Dass ihr sein umwerfendes Aussehen auffiel, sein Lächeln, seine männliche Haltung. Seit dem Unfall waren solche Gedanken tabu gewesen …

Sie erreichte die Zeltöffnung und drehte sich um, wartete, dass er näher kam. Wieder durchrieselte sie eine unbestimmte Ahnung von Gefahr, und sie erschauerte trotz der Hitze.

„Hier arbeiten wir, und hier wohne ich. Sehen Sie sich um, ich hole dann jemanden, der Sie durchs Lager führt, damit Sie sich ein Bild machen können.“

Er schien widersprechen zu wollen, nickte aber nur und folgte ihr ins Zeltinnere.

Jenny hielt Rosana mit einem Arm auf der Hüfte, während sie ihr Reich zeigte, Praxis, Krankenhaus und Wohnung in einem. Die einzelnen Bereiche waren durch farbenfrohe Webteppiche abgetrennt, die Jenny den Händlern abgekauft hatte, die regelmäßig im Lager auftauchten, um Flüchtlingen ihr letztes Geld aus der Tasche zu ziehen.

In der Praxisecke drängten sich Männer, Frauen und Kinder, die auf Tuberkulose getestet wurden.

„Wie Sie sicher wissen, kommen die meisten Flüchtlinge aus den Bergen. Kriegerische Stammesfehden haben sie über die Grenze getrieben oder auch der Hunger, nachdem sie wegen der Kämpfe ihr Land nicht mehr bestellen oder ihre Herden auf gute Weidegründe schicken konnten.“

Ihr Gast nickte. Oder sollte sie ihn allmählich als Kollegen betrachten?

„Hier leben auf engem Raum viele Menschen zusammen“, sagte er nachdenklich, „und unter solchen Bedingungen breiten sich Krankheiten wie TB sicher in Windeseile aus. Aids ist eine weitere Komplikation, sodass Sie sich darauf konzentrieren müssen, das Programm zu Ende zu bringen.“

Vielleicht sollte sie ihn wirklich als Kollegen sehen.

Besser, als immer wieder an den Mann zu denken …

„Eben, doch wir werden oft von unserem Ziel abgelenkt“, antwortete sie. „Eins der Kinder gerät zu nah ans Feuer und verbrennt sich, bei einer Schwangeren setzen vorzeitig Wehen ein … Natürlich kümmern wir uns um alle, die unsere Hilfe suchen.“

Obwohl der Mann sie verunsicherte, so vertraute sie doch dem Arzt und beschloss, ihn endlich so willkommen zu heißen, wie sie es von Anfang an hätte tun sollen. „Deshalb bin ich froh, dass Sie da sind. Wenn Sie den medizinischen Alltag übernehmen, können wir mit dem TB-Programm weitermachen.“

„Tuberkulose-Behandlungen erstrecken sich über einen Zeitraum von neun Monaten. Haben Sie vor, so lange zu bleiben?“

Der skeptische Unterton gefiel ihr nicht. „Was dachten Sie? Dass ich die freiwillige Helferin nur spiele? Auf der Suche nach einem Kick oder Ruhm und Ehre … damit die Leute sehen, was für eine tolle Ärztin ich bin?“ Sie funkelte ihn wütend an. „Selbstverständlich bleibe ich, bis das Projekt abgeschlossen ist, vielleicht nicht volle neun Monate – obwohl, wenn immer mehr Flüchtlinge zu uns strömen, könnte ich sogar länger bleiben.“

Ihr Zorn perlte an ihm ab, ihr Blick schien ihn nicht zu beeindrucken. Kamid Rahman wartete, bis sie zu Ende gesprochen hatte, ehe er ruhig fragte: „Warum nicht die vollen neun Monate?“

„Mit unseren Medikamenten genügt eine Behandlung von einem halben Jahr.“ Jenny schob das Kinn vor und sah ihm in die Augen. „Wir müssen nur darauf achten, dass sie regelmäßig eingenommen werden. Am besten wäre es, die Erkrankten zu isolieren, aber sie von ihrer Familie zu trennen würde ein neues, nicht zu unterschätzendes Problem heraufbeschwören. Körperliche Symptome können wir kurieren, aber nicht die seelischen Schmerzen, den Kummer, unter dem sie seit ihrer Flucht leiden.“

Er starrte sie an, als würde sie plötzlich eine andere Sprache sprechen.

„Und Sie sorgen sich darum?“

„Und ob ich das tue. Deshalb sind Sie doch auch hier, oder ist es nur ein Täuschungsmanöver? Spionieren Sie für die Regierung, um herauszukriegen, was in diesem Lager abläuft, oder will Aid for All sichergehen, dass ich die TB-Medikamente nicht an den Meistbietenden verscherbele?“

„Ich habe Ihnen gesagt, warum ich hier bin“, erwiderte er kühl. Wieder dieser überhebliche Unterton. Vielleicht lag es an seiner Ausdrucksweise, seinem Englisch.

Gepflegtes Oberschicht-Englisch.

War sein Vater ein ausländischer Ölbaron und Kamid deshalb hier aufgewachsen? Oder floss das Blut einer langen Ahnenreihe Wüstenkrieger durch seine Adern? Sie kannte die Einheimischen inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie ein stolzes Volk waren. Dieser Stolz würde sich in jeder Sprache niederschlagen.

Fragen über Fragen tauchten in ihrem Kopf auf, aber Jenny zog es vor, sie zu ignorieren. Und den hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann ebenfalls. Sie setzte Rosana auf eine Bodenmatte und nickte einer der Frauen zu, eine stumme Bitte, auf das Kind aufzupassen.

Ehe sie Kamid auffordern konnte, sich die Einrichtung genauer anzusehen, war draußen vor dem Zelt ein Tumult zu hören, begleitet von Schreien und hysterischem Wehklagen.

Jenny wollte um ihren Besucher herumgehen, um nach draußen zu eilen, da packte er sie und zog sie hinter sich, während er ihr gleichzeitig befahl zu bleiben, wo sie war.

Da kannte er sie aber schlecht! Sie drängte sich neben ihn, sodass sie gleichzeitig das Zelt verließen. Draußen hatte sich eine aufgeregte Menge versammelt, mehrere Männer trugen einen reglosen Körper, Frauen stießen schrille Laute aus.

„Ein paar Reiter haben ihn über den Zaun geworfen. Es ist Lias Mann Akbar, sie haben ihn ausgepeitscht“, erklärte Mahmoud, einer der Flüchtlinge, die ein bisschen Englisch sprachen.

Jenny trat beiseite, damit sie Akbar ins Zelt tragen konnten, und hörte, wie Kamid Rahman nach einem Blick auf ihn leise fluchte.

Sie führte die Männer in einen abgetrennten Bereich und bedeutete ihnen, ihre Last auf einer plastikbedeckten Matratze abzulegen. Dann kniete sie sich neben den Unglücklichen, sah die blutgetränkten, zerrissenen Reste seines Gewandes. Viele Hände packten an, um ihn auf die Seite zu drehen, da die Verletzungen auf der Brust, am Rücken und an den Knöcheln waren.

Der Mann stöhnte, doch als Kamid ihn ansprach, antwortete er stockend.

„Wir sollten erst die Schmerzen lindern, bevor wir ihn untersuchen“, sagte Kamid. „Was haben Sie?“

„Ein bisschen Pethidin, aber wir sollten es über den Tropf verabreichen, damit es schneller wirkt.“ Außerdem hatte er viel Blut verloren, die Flüssigkeit würde helfen, seinen Kreislauf stabil zu halten.

Jenny bat Aisha, eine ihrer Assistentinnen, Tücher und eine Schüssel Wasser zu bringen. Dann verschwand sie in dem schmalen Bereich, der ihr als Schlafzimmer diente, und wühlte in einer Ecke im Sand, wo sie ihre kostbaren Vorräte versteckt hatte.

„Sie vergraben die Sachen?“

Über die Schulter gewandt entdeckte sie Kamid neben dem Teppich, den sie aufgehängt hatte, um ein bisschen Privatsphäre zu haben.

„Um sie vor Dieben zu schützen, ja.“

Er schüttelte den Kopf und ging wieder.

Die Instrumente waren an einer anderen Stelle verborgen, und sie grub auch sie aus, streifte den Sand von den Plastikbeuteln.

„Viel ist es nicht“, sagte sie, als sie zurückkehrte. Jenny ärgerte sich, dass es sich wie eine Entschuldigung anhörte, doch er nickte kaum merklich. Sandkörnchen rieselten zu Boden, während sie die Utensilien auspackte, woraufhin Kamid die Stirn runzelte.

Nicht zum ersten Mal in den letzten Minuten. Ein zorniger Mann, der sich nur mit Mühe beherrschte.

Dann kam’s.

„Und das Wenige müssen Sie verstecken? Finden Sie das nicht übertrieben? Glauben Sie, Sie können den Menschen hier nicht trauen? Wie wollen Sie helfen, wenn Misstrauen die Atmosphäre vergiftet?“

„Ich tue es nicht aus Angst vor den Flüchtlingen. Aber hier tauchen immer wieder Gauner auf, die bei Medikamenten gutes Geld wittern. Sie stehlen sie, verkaufen sie, und die ahnungslosen Käufer wissen nicht, dass sie mehr als eine Schachtel brauchen, um geheilt zu werden. Unsachgemäße Medikation ist auch ein Grund, warum sich Tuberkulose so schnell ausbreitet.“

Jenny kniete sich neben den Verletzten, um ihn an den Tropf zu legen. Marij, ihre zweite Assistentin, reichte Kamid das Blutdruckgerät, ehe sie sich mit ihrer Kollegin daranmachte, das Gewand aufzuschneiden.

Je mehr Stoff sie entfernten, umso deutlicher wurde das Ausmaß seiner Verletzungen. Besorgt fragte sich Jenny, ob sie ihm überhaupt würden helfen können.

„Wie konnten sie ihm so etwas antun?“, flüsterte sie, entsetzt von so viel Grausamkeit.

„Wahrscheinlich haben sie ihn für einen Dieb gehalten oder, schlimmer noch, einen Spion“, antwortete Kamid grimmig. „Ich weiß, dass dies eine Tuberkulose-Station ist, aber haben Sie chirurgische Instrumente da? Wenn wir einen Teil der betroffenen Hautfetzen entfernen, dämmen wir vielleicht die Infektionsgefahr ein.“

Jenny dachte an das Sammelsurium, das sie in den letzten drei Jahren zusammengetragen und in ihrem ramponierten Koffer zwischen der Unterwäsche verstaut hatte.

„Ich hole Ihnen, was ich habe.“ Insgeheim wunderte sie sich, dass Kamid Rahman sich nicht entsprechend ausgerüstet hatte, ehe er herkam. Wenn er wirklich von Aid for All kam, um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in Zusammenhang mit dem TB-Projekt sicherzustellen, müsste er eigene Vorräte und Geräte mitgebracht haben.

Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, aber Kamid hatte den Ausweis unters T-Shirt gesteckt. Jenny nahm sich vor, sich das Logo auf seinem Wagen genauer anzusehen.

Besser, als auch nur daran zu denken, die Hände unter sein T-Shirt zu schieben, um die Plastikkarte herauszufischen …

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