Logo weiterlesen.de
Sternenfinsternis (2) Das Herz der Quelle

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

Epilog

1

Zehn.

»Es sind jetzt schon zehn Sekunden, Seth«, zischte Adara. »Elf.« Sie grub ihre Finger fester in seine Unterarme. Zwölf.

Sie zwang sich, auf die Metropole hinunterzusehen, die ihnen zu Füßen lag. Die ersten Lichter schillerten auf dem Wasser der Themse, der Tower am Flussufer wurde bereits von Scheinwerfern angestrahlt. Ohrenbetäubender Straßenlärm hätte durch die Abenddämmerung zu ihnen heraufhallen müssen. Aber der Verkehr war vollkommen zum Erliegen gekommen. Nichts rührte sich mehr. Nichts und niemand. London war verstummt. Und es war ihre Schuld.

Sie sah wieder zu Seth. Er stand ihr gegenüber hoch oben auf der Tower Bridge und hielt ihre Unterarme umfasst, so wie sie seine. Seine Macht tobte wild durch ihren Körper und ihre Magieebene spannte sich über London wie giftiger schwarzer Dunst.

Zwanzig Sekunden.

Dir ist klar, wer zuerst sterben wird, oder, Seth? Die alten Menschen. Die Kranken. Die Kinder. Adara versuchte, sich vorzustellen, wie es sich anfühlte, Luft in die Lungen zu saugen und doch nicht atmen zu können. Wie die Panik von einem Besitz ergriff. Sie hörte noch einmal das Quietschen der Bremsen, das Kreischen von Metall, den Tumult vor der gespenstischen Stille, die jetzt herrschte.

»London befindet sich im Ausnahmezustand.« Steve, der Reporter der Gemeinschaft, stand nur wenige Meter von ihnen entfernt innerhalb der Sauerstoffblase, die Adara auf dem Dach der oberen Fußgängerbrücke erschaffen hatte. Steves Blick war ernst und seine blonden Haare sahen aus, als hätte ein Sturm sie durchwühlt. »Der Smog zwingt die Stadt in die Knie. Der CO2-Wert in der Luft ist inzwischen lebensbedrohlich hoch.«

Natürlich war er das. Weil Adara ihn mit Seths Hilfe in die Höhe getrieben hatte, bis die Menschen an ihrer eigenen Atemluft zu ersticken drohten.

Dreißig Sekunden.

»Was, wenn der britischen Regierung die Menschen genauso egal sind wie dem Rat?«, flüsterte Adara und schickte als Gedankennachricht hinterher: Was, wenn sie nicht rechtzeitig nachgeben?

Seth drückte ermutigend ihren Arm. Das haben sie bisher jedes Mal getan. Alle.

»Unsere Magierin Adara arbeitet hart daran, die Situation in den Griff zu bekommen«, berichtete Steve weiter, »aber Smog lässt sich nur sehr schwer beherrschen.«

Vor allem dann, wenn man es nicht mal versuchte.

Ich hätte mich nie dazu bereit erklären sollen, sandte sie eine weitere Nachricht an Seth. Die Menschen halten es nicht mehr lange aus. Vielleicht sind sogar schon welche gestorben. Vielleicht hat die plötzliche Atemnot Unfälle verursacht oder Herzversagen. Ich höre auf. Jetzt sofort.

Nein. Nur ein Wort, in ihren Kopf gedacht. Wie konnte Seth sogar in Gedanken so unerbittlich klingen?

Für einen Moment war Adara verunsichert. Aber sie war die Magierin, er war ihre Quelle. Sie hatte die Entscheidungsgewalt, nicht er. Sie griff nach seiner Magie.

Warte noch, nur einen winzigen Moment.

»Seth …«

Vierzig Sekunden.

»Ich kann nicht mehr warten.«

In diesem Moment schickte Rat Danes ihr eine Gedankennachricht. Die britische Regierung hat unserem Anliegen nachgegeben.

Adara begann, vor Erleichterung zu zittern. Sofort rief sie noch mehr von Seths Magie in ihren Körper und arbeitete fieberhaft daran, den Sauerstoff in der Atemluft der Menschen wieder zu erhöhen. Nur am Rande ihres Bewusstseins nahm sie wahr, dass Steve kommentierte, was sie tat. Ihre Aufmerksamkeit galt der Stadt, in die sie angestrengt hinunterlauschte. Immer noch Totenstille.

»Fünfundfünfzig Sekunden«, wisperte sie, ohne Seth anzusehen. »Viel zu lange.« Dann endlich hörte sie etwas. Rufe aus den Straßen, Motorenlärm, der langsam wieder aufflammte. Adaras Anspannung löste sich. Freuen konnte sie sich jedoch nicht. Wie viele Leben hatte der Rat durch diesen gemeinen Schachzug auf dem Gewissen? Und damit auch sie? Angewidert stieß sie Seths Magie von sich und ließ seine Arme los.

Ein Hubschrauber näherte sich. Der aufregende Nachhall der Magie mischte sich mit Schuld und die Vorstellung, jetzt zurückfliegen und gute Miene zum bösen Spiel machen zu müssen, trieb ihr die Galle hoch. Unwillkürlich wich sie einen Schritt vor dem Hubschrauber zurück. Seth packte sie am Arm.

»Lass mich«, fauchte sie. »Du hast mir gar nichts zu sagen.« Sie wusste, dass sie sich benahm wie ein verzweifeltes Tier, das um sich biss, weil es seine Gefühle anders nicht unter Kontrolle bekam.

Seth ließ sie nicht los, sondern zog sie sanft zu sich und deutete dann hinter sie. Adara fuhr herum und bemerkte, wie nah sie dem Abgrund gekommen war. Sie sah hinab auf die untere Brücke, wo die Autos wieder fuhren, und auf das stille Wasser der Themse. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

»Magierin Adara?« Sie schreckte auf. Seth hatte ihren Arm losgelassen und vor ihr stand jetzt Steve. »Möchtest du den Mitgliedern noch irgendetwas sagen?«

Adara starrte stumm das Mikro an, das er ihr unter die Nase hielt. Sie wollte so vieles sagen. Nein, sie wollte es hinausschreien. Wie sehr sie hasste, was sie tagtäglich tun musste, und dass die Leute die Machenschaften des Rates doch endlich durchschauen sollten. Aber immer, wenn sie in Versuchung geriet, dachte sie an Chris. Er war gestorben, weil er zu ungeduldig gewesen war. Sie nahm sich zusammen und versuchte sich an einer möglichst diplomatischen Antwort. »Heute war es besonders knapp, beinahe wäre es schiefgegangen. Dass wir all die Menschen doch noch retten konnten, war nicht mein Verdienst.« Diese Spitze konnte sie sich einfach nicht verkneifen.

Steve legte verwirrt den Kopf schief, bedankte sich dann aber, packte sein Mikrofon ein und verabschiedete sich mit einem »Möge deine Geschichte erzählt werden«. Dabei berührte er respektvoll seine Lippen. Adara wollte gerade aufatmen, als der Wächter an sie herantrat.

»Der Hubschrauber erwartet dich bereits, Magierin. Die Premierministerin hat dich eingeladen und will dir ihre Dankbarkeit erweisen.«

Adara schluckte schwer. Dankbarkeit. Wofür? Dafür dass sie sie im Auftrag des Rates erpresst hatte? Natürlich war der Empfang bei der Premierministerin nur Show, ein Signal an den Rat, dass man verstanden hatte und die weitere Zusammenarbeit reibungslos verlaufen würde. Sie hatte es so satt. Nicht genug, dass sie die grauenhaften Pläne des Rates ausführen musste, sie musste dazu auch noch in die Kamera lächeln. Dummerweise konnte sie nicht ablehnen. Als Magierin stand es ihr nicht zu, sich diesen repräsentativen Pflichten zu verweigern, und sie konnte es sich einfach nicht leisten, den Rat gegen sich aufzubringen. Bevor sie etwas sagen konnte, trat Seth aus ihrem Schatten. Obwohl er natürlich immer noch die Uniform der Quelle trug, war da plötzlich nichts Unterwürfiges mehr an ihm. Adara konnte den Blick nicht von ihm wenden, wie jedes Mal, wenn er die Unsichtbarkeit der Quelle ablegte und seine Rolle als Ratsmitglied einnahm. Auch der Wächter, der Seth bisher gar nicht wahrgenommen hatte, blickte ihn unwillkürlich an und wich sogar einen kleinen Schritt zurück.

»Die Magierin wird heute von ihren repräsentativen Pflichten entbunden. Sie muss sich von diesem Einsatz erholen und auf den nächsten vorbereiten. Bitte richte der Premierministerin Adaras Dank für die Einladung aus und entschuldige sie …«, er verzog spöttisch den Mund, »… und ihre Quelle.«

»Natürlich, Rat Tahere.« Der Wächter sah ihn unschlüssig an. »Wo … soll ich euch dann hinbringen?«

Seths Blick blieb unbewegt. »Nirgendwohin.«

»Aber … der Hubschrauber …«

»Den brauchen wir nicht. Du kannst ihn mitnehmen. Wir senden eine Nachricht, sobald man uns abholen soll.«

Adara hätte sich fast verschluckt, als sie den ungläubigen Blick des Wächters sah. Er fasste sich jedoch schnell wieder und verschwand. Nachdem das Geräusch der Rotoren verklungen war, wandte Adara sich an Seth. »Hältst du das für klug?«

»Ab und an können wir uns das leisten. Irgendwelche Vorteile muss meine Position schließlich für uns haben.«

Stumm sah sie sich um. Der Sonnenuntergang tauchte die Skyline von London in blutrotes Licht. Die spiegelnden Fassaden der Wolkenkratzer schienen in Flammen zu stehen. Und sie und Seth standen allein auf dem Dach der Fußgängerbrücke, hoch oben auf der Tower Bridge, wo niemand sie belästigen konnte. Vorteile. Ja, für sie und Seth hatte es das gelegentlich. »Danke«, flüsterte sie.

Er hob eine Augenbraue. »Denkst du etwa, das habe ich für dich getan?« Der dunkle Klang seiner Stimme mischte sich mit der Erregung, die die Magie in ihrem Körper hinterlassen hatte. Nur mühsam hatte sie sie bis jetzt in Schach gehalten. Aber nun ließ sie zu, dass sie ihren Körper überschwemmte so wie zuvor Seths Macht. Es war wie eine dunkle Welle, der sie ihre Schuldgefühle und ihre Verzweiflung entgegenwarf, damit sie sie restlos auslöschte. Wenigstens für ein paar gnädige Minuten.

Seth führte sie zu einem der Türme der Tower Bridge, wo die Schatten der heranbrechenden Nacht noch tiefer waren, sodass sie vollkommen darin verschwinden konnten. Ungeduldig zog sie ihn an sich, damit er sie endlich küsste. Die Welt um sie herum verstummte in seiner Nähe, existierte gar nicht mehr, solange er sie hielt. Seine Leidenschaft wütete gnadenlos in ihr, verebbte dann und ließ nur betörende Ruhe zurück. Schweigend klammerte sie sich an Seth, ihre Stirn an seiner, spürte seinen Atem warm auf ihren Lippen. Ein bisschen Geborgenheit in diesem ruhelosen, abartigen Leben, das sie führen musste. Sanft streichelte er ihren Arm. Seine Berührung brannte auf ihrer Haut, so wie in ihr der Wunsch brannte, dem Sehnen in ihrem Herzen nachzugeben und ganz sein zu werden, nicht nur körperlich. Aber das war ausgeschlossen.

Als sie zugestimmt hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten, war sie davon ausgegangen, dass sie von nun an mit seinem Rückhalt und seiner Unterstützung rechnen könnte. So war es auch. Trotzdem fühlte sie sich einsamer als je zuvor. Chris’ Gesicht tauchte wieder vor ihrem inneren Auge auf. Als Seth sie noch einmal küssen wollte, wand sie sich aus seinen Armen. »Nicht«, flüsterte sie. Bedauern ergriff sie, als die Geborgenheit seiner Umarmung der kalten Realität wich.

»Adara …«

Sie schüttelte den Kopf und machte ein paar Schritte von ihm weg. Er kam ihr nach. Obwohl er sie nicht berührte, spürte sie seine Nähe in jeder Faser ihres Körpers. Wie sehr sie sich wünschte, sie könnte sich an ihn lehnen.

»Dass wir kein Paar sind, bedeutet doch nicht, dass wir nicht …«

»Doch«, unterbrach sie ihn hart. »Genau das bedeutet es.«

Das Bedürfnis, ihm nahe zu sein, war zu groß, zu beängstigend. Zu gefährlich. Sie wäre niemals in der Lage, nur eine körperliche Beziehung zu ihm zu haben. Sie würde sich mehr wünschen und dieses Mehr würde sie zerstören.

Ich will dein Vertrauen nicht und du solltest mir auch nicht vertrauen.

Das hatte Seth zu ihr gesagt, damals als er ihr erklärt hatte, warum er sie so unbedingt an seiner Seite wollte. Solange dieser Satz zwischen ihnen stand, konnte es ein Mehr niemals geben. Mit einem leisen Seufzen brachte sie noch einmal etwas Abstand zwischen sich und ihn. Diesmal folgte er ihr nicht. Aber in seinen Augen las sie das Verlangen, sich in ihr zu verlieren. Nicht nur in ihrem Körper, sondern vor allem in ihrer Seele. Wie sollte sie dem standhalten?

»Warum tust du mir das an?« Sie brachte die Worte kaum heraus.

»Was meinst du?«

»Mich so anzusehen«, flüsterte sie. Als ob ich für dich mehr wäre, als nur deine Magierin und deine Partnerin für deinen Plan. Als ob nichts anderes mehr wichtig ist, wenn wir zusammen sind. Sie sprach es nicht aus.

Sie hasste es, wenn er sie mit seinen Blicken und Gesichtsausdrücken belog, so wie er es mit allen anderen Menschen tat. Und doch konnte sie nicht wegsehen, weil er ihr all ihre geheimsten Wünsche zeigte.

Wünsche, die für immer dazu verdammt waren, nirgendwo anders Wahrheit zu werden als in seinen nachtschwarzen Augen.

2

Tut mir leid. Es ist schwer, die Gewohnheit abzulegen, den Menschen zu zeigen, was sie sehen wollen.« Seth sagte es schonungslos und tat ihr mit Absicht weh. Denn genauso hatte sie es gewollt. Die Zeit drehte sich rasend schnell zurück und er sah vor seinem inneren Auge das erste Mal, als sie seinem Kuss nachgegeben hatte. Wie widerwillig hatte sie es getan. Ihre Lippen hatten nach ihrer Selbstverachtung geschmeckt. Und ein wenig nach der Frage, ob sie das durfte – so kurz nach Chris’ Tod.

»Du musst nur ein Wort sagen, dann …«, hatte er geflüstert, seine Lippen verführerisch nah an ihrem Ohr. Die Magie hatte so stark in seinem Körper gewütet, dass es ihn schier übermenschliche Kraft kostete, sich zurückzuhalten.

»Sag mir, dass du mich nicht liebst«, hatte sie leise an seinem Hals geseufzt. »Sag mir, dass du mich niemals lieben wirst, egal, wie nah wir uns kommen. Versprich mir, dass daraus niemals mehr wird als Sex.«

Sein Magen krampfte sich zusammen bei der Erinnerung. Wie typisch für sie. Ihm nicht das Versprechen abzunehmen, ihr zu vertrauen oder sie nicht zu belügen. Sie wusste zu gut, dass er ihr das nicht geben konnte. Er hatte es ihr ein einziges Mal erklärt und sie hatte es nie infrage gestellt. Stattdessen hatte sie seine Bedingungen klaglos akzeptiert und zusätzlich ihre eigenen angebracht.

Sag mir, dass du mich niemals lieben wirst.

Natürlich hatte er das nicht getan. Er konnte ihr nichts versprechen, was er nicht in der Hand hatte. Schon vor langer Zeit hatte er gelernt, dass man Gefühle nicht verhindern konnte. Man konnte sie auch nicht ändern, wenn sie erst mal da waren. Man konnte sie nur vergraben. So tief, dass sie nicht mehr nach außen drangen. So tief sogar, dass man sie nicht mehr spürte.

»Ich verspreche dir, dass daraus niemals mehr wird als Sex«, hatte er geantwortet.

Sie hatte ihm geglaubt. Zur Hölle, er hatte sich selbst geglaubt. Er schnaubte leise.

»Was ist?«

Ihre Frage brachte ihn zurück auf die Tower Bridge. Das Mondlicht ließ den Augenstern in den Tiefen ihres Blicks erstrahlen. Es war, als würde ihm ihre Seele entgegenleuchten, der Teil von ihr, den sie so unbedingt vor ihm verstecken wollte und doch nicht verbergen konnte. Wenn sie zauberten, waren sie sich zu nah. Gleichsam nackt und ungeschützt voreinander. Auch danach noch. Und manchmal, so wie jetzt, bekam auch seine perfekte Fassade Risse. Adara machte sie brüchig, mit ihrer Unerschrockenheit, ihrer Entschlossenheit und ihrer Wärme, bis sein Innerstes hindurchblitzte. Die Wahrheit, die er vor ihr verstecken wollte, weil sie niemals Realität werden konnte.

»Nichts ist.« Er widerstand dem Wunsch, ihre Hand zu nehmen. Es erdete ihn, mit ihr eins zu sein. Nicht nur beim Sex oder wenn sie zauberten. Denn jedes Mal, wenn sie sich berührten, floss etwas von seiner Magie in sie und für ein paar wenige Augenblicke machte das die Bürde seiner Macht erträglicher. Seit so langer Zeit beherrschte die Magie seinen Körper und im Gegensatz zu anderen Quellen war es ihm nie gelungen, sie vollständig loszuwerden. Sie war immer da und wütete rücksichtslos in ihm. Außer wenn Adara sie von ihm nahm. Ihr nah zu sein und sie zu berühren, machte alles leichter. Für ihn. Für sie nicht.

»Wie lange noch, Seth?«

Er schloss die Augen. Wie sehr er gehofft hatte, dass sie diese Frage nicht stellen würde. Wie sehr er sich wünschte, er könnte ihr dieses Mal eine andere Antwort geben. »Lass uns morgen darüber reden«, wich er aus.

»Nein. Es ist jetzt über ein Jahr. Ich würde gern wissen, was der Rat vorhat. Was war es, dem die britische Regierung zustimmen musste?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf, ergriff nun doch ihre Hände. Ein unfairer Schachzug, weil er genau wusste, dass sie seiner Berührung so kurz nach dem Zaubern nur schwer widerstehen konnte. Er folgte dem Pfad auf die dunkle Seite noch weiter und streichelte mit dem Daumen über ihren Handrücken, bis ihr Körper nachgab. »Können wir nicht diesen einen Abend für uns haben?« Er kam ihr etwas näher. »Das ist selten genug.«

Ihre Lippen öffneten sich. Fast hatte er sie. Aber als er sie an sich ziehen wollte, riss sie sich los, Bedauern im Blick.

»Können wir nicht«, flüsterte sie. »Nicht solange ein Abend wie dieser das Einzige ist, was deine Position uns bringt.«

Seth schwieg. Alles, was er ihr sagen konnte, hatte er bereits gesagt. Aber sie konnte nicht schweigen. Und er konnte es nur zu gut verstehen.

»Wolltest du nicht eigentlich den Quellen helfen? Etwas verbessern, von innen heraus?«

»Daran arbeite ich in jeder wachen Minute.« Er wusste, dass sie seine einsilbigen Antworten hasste, deswegen kam er ihr ein weiteres Mal entgegen. Wenn er ihr sonst schon nichts geben konnte, konnte er wenigstens ihrem Bedürfnis nachgeben, darüber zu reden. »Genau deswegen müssen wir weitermachen wie bisher. Ich muss die Räte für mich gewinnen, ich brauche ihre Stimmen, um etwas zu ändern, und wir haben schon einiges erreicht.« Wir. Mit Absicht formulierte er so. »Dass wir das Vertrauen von Rat Danes gewinnen konnten und er uns unterstützt, macht vieles leichter und bringt uns unserem Ziel deutlich näher.«

Sie presste die Lippen zusammen. »Musste es gerade Danes sein?« Ihre Stimme war bemüht ruhig, trotzdem hörte er darin die Worte, die sie nicht sagte. Er hat Chris getötet.

Seth bemühte sich, seine Gefühle zu beherrschen, so wie man es ihn gelehrt hatte.

Hass und Wut und Rachegedanken lassen sich am schwersten besiegen. Sie werden immer wieder versuchen hervorzubrechen. Aber gerade bei ihnen darfst du niemals nachgeben. Denn wenn du zulässt, dass du sie fühlst, wird es dir nicht gelingen, sie vor anderen Menschen zu verbergen. Sie werden an die Oberfläche drängen und sich auf deinem Gesicht zeigen wie hässliche Narben.

Seth spürte die Gänsehaut, die die Erinnerung an jene Worte in ihm weckte. Und er spürte auch das leise Glimmen des Hasses, der gefährlich in ihm schwelte. Egal, wie oft er versuchte, diesen letzten winzigen Funken zu löschen, es gelang ihm nicht. Das Einzige, was er tun konnte, war, diesen Hass ganz tief in seiner Seele zu verschütten, bis er selbst vergaß, dass er existierte.

»Es war einfach, Danes zu überzeugen. Es hilft, dass er väterliche Gefühle für dich hat«, sagte er.

»Väterliche Gefühle.« Adara schnaubte. »Er unterstützt dich nur, damit er mich durch dich kontrollieren kann.«

Seth lächelte freudlos. »Natürlich. Aber dass es gerade du bist, die er zu kontrollieren hofft, ist sehr hilfreich.«

Adara schüttelte mutlos den Kopf. »Du wirst unglaublich viele Räte auf deiner Seite brauchen, um auf diese Art etwas zu ändern. Das kann ewig dauern.«

Seth erwiderte lange nichts. Er wollte sie nicht anlügen oder ihr falsche Hoffnungen machen. Nicht wenn es nicht unbedingt nötig war.

»Kannst du bis dahin nicht wenigstens ein paar Kleinigkeiten tun? Dich dafür einsetzen, dass die Quellen mehr Rechte bekommen, damit sie sich wehren können. Oder dass Magier bestraft werden, die ihre Quellen misshandeln?«

Er schüttelte den Kopf. »Es ist zu gefährlich. Wenn ich jetzt Forderungen stelle, die mich als Sympathisant der Quellen outen, verliere ich die Stimmen von denen, die im Moment noch die alte Ordnung für richtig halten.«

»Du meinst die Magierfamilien.«

Es war offensichtlich, dass sie an ihre Eltern dachte. Rat Wilson und Magierin Alena waren beide für ihre besonders konservative Einstellung bekannt.

Er nickte. »Ohne die Stimmen der Magierfamilien hätte ich nicht genug Macht, um etwas zu bewirken.«

Adara schlug mit der Hand gegen die Mauer. »Wie sehr ich diese ganzen politischen Überlegungen hasse!«

Er konnte ihre Wut und ihren Frust so gut verstehen, nur ändern konnte er es nicht. »Du hast dich bereit erklärt, meinen Plan zu unterstützen, weil du genau wie ich weißt, dass wir es nicht überstürzen dürfen, wenn wir Erfolg haben wollen. Es braucht Zeit, die Gemeinschaft wieder zu dem zu machen, was sie einmal war. Und das ist es doch, was wir beide wollen, oder?«

Adara betrachtete ihre Hände. Schließlich nickte sie. »Ja, das ist es.« Sie sah auf und fixierte seinen Blick. »Aber Menschen sterben, während du mühsam Räte auf deine Seite ziehst. Und andere leiden. Menschen, die uns nahestehen. Stört dich das denn gar nicht?«

Seth ließ nicht zu, dass Erinnerungen in ihm aufstiegen, sondern hielt sich an die Entscheidung, die er vor langer Zeit ganz bewusst getroffen hatte: Sein Weg würde Opfer erfordern, von ihm und von anderen, aber er konnte keine Rücksicht nehmen, denn was auf dem Spiel stand, war zu groß. »Ich wünschte, ich hätte eine bessere Lösung, aber ich fürchte, wir müssen einfach Geduld haben.«

Jetzt war sie es, die schwieg. Und auch ihr Gesicht blieb stumm. Es verriet ihm absolut nichts darüber, was sie dachte. Sie hatte sich im vergangenen Jahr viel von ihm abgeschaut. Aber noch nicht annähernd genug. Obwohl ihre Miene reglos blieb, konnte er in ihr lesen wie in einem offenen Buch. Ihre Haltung, die Art, wie sie ihre Hände hielt oder wie sie sich bewegte, schrien ihren Unmut förmlich heraus. Sie wandte ihm das Gesicht zu. »Vielleicht. Aber was, wenn deine Methode zu viel Zeit braucht?«

So beherrscht sie es sagte, so unruhig machte es ihn. »Ich glaube trotz allem, dass meine Methode die sicherste ist, um unser Ziel zu erreichen«, versuchte er es noch einmal. Er brauchte Adara, wenn er Rat Danes als Fürsprecher behalten wollte. Und nicht nur dafür. Adaras Unterstützung war einer der wertvollsten Trümpfe, die er im Ärmel hatte. Gleichzeitig waren ihre Zweifel das größte Risiko. Denn wenn sie wirklich wollte, konnte sie alles, was er mühsam aufgebaut hatte, zum Einsturz bringen.

3

Geduld. Adara bemühte sich wirklich darum – noch mehr seit dem Gespräch mit Seth auf der Tower Bridge vor einigen Wochen. Allerdings war sie dabei ziemlich erfolglos, denn die Unruhe in ihr wurde immer größer. Vor allem an einem Tag wie heute, der eigentlich so schön hätte sein können.

Für einen Moment ließ sie sich vom Anblick des grünblauen Meeres gefangen nehmen, das vor ihr in der Sonne glänzte. Es leckte sanft am strahlend weißen Sandstrand des Abel Tasman National Park und bot die perfekte Kulisse für das Geschichtenfest. Kreischende Kinder schreckten sie auf, umringten sie und liefen dann weiter, zwischen den kleinen Ständen und Buden hindurch, die für das leibliche Wohl der Gäste sorgten. Die Mitglieder der Gemeinschaft feierten fröhlich und unbeschwert. Sahen sie es denn nicht? Wie konnten sie nur so blind sein und nicht bemerken, dass der Rat schon seit Monaten immer mehr Wächter einsetzte? Heute standen so viele wie nie zuvor zwischen den Menschen. Adara schüttelte sich. Im Gegensatz zu den meisten anderen spürte sie die düstere Anwesenheit der Wächter in jeder Faser ihres Körpers. Ihre leeren Blicke zerrten an ihr, krochen an ihr hinauf und sammelten sich in ihrem Nacken zu einer ekelhaften Gänsehaut.

»Bist du bereit?«

Sie fuhr zusammen, aber es war nur ihr Onkel Matthew, der vor ihr aufgetaucht war.

»Es ist alles aufgebaut und wir könnten beginnen.«

Adara sah sich nach Seth um und entdeckte ihn neben Rat Danes, mit dem er sich angeregt unterhielt. Jedes Mal, wenn sie Seth in seiner Rolle als Rat beobachtete, fragte sie sich, ob er sein Versprechen wirklich halten würde. Was, wenn es nicht nur einfach lange dauerte, sondern er sie schlichtweg benutzte, um in der Gemeinschaft aufzusteigen? Ungeduldig schüttelte sie die Zweifel ab. Trotz allem hatte er ihr bisher keinen Grund gegeben, seine wahren Absichten infrage zu stellen. Sie griff unter ihren roten Magiermantel, den sie für die Zeremonie trug, fand den Lederbeutel an ihrem Gürtel und schloss die Finger um den Nachrichtenstein darin.

Seth?

Auf ihre Gedankennachricht hin hob er den Kopf und suchte in der Menge nach ihr. Ihr Herz machte unwillkürlich einen Satz, als ihre Blicke sich trafen. Er nickte ihr unauffällig zu, verabschiedete sich dann und kam zu ihr herüber, um seinen Platz in ihrem Schatten einzunehmen. Sofort ergriff eine merkwürdige Ruhe von ihr Besitz. Als würde er ihrer Anwesenheit auf diesem Erdboden Gewicht verleihen. Ein sicheres Fundament für ihre Aufgabe als Magierin. Ohne sich noch einmal nach Seth umzusehen, folgte sie ihrem Onkel durch die Menschenmenge, die sich respektvoll vor ihr teilte. Die Gemeinschaftsmitglieder, an denen sie vorbeikam, legten ihre Fingerspitzen an die Lippen und murmelten: »Möge deine Geschichte erzählt werden.« Adara setzte ein Lächeln auf und bemühte sich, ihnen freundlich zuzunicken. Die gut gelaunten Gesichter der Menschen um sie herum ließen sie für einen Moment erahnen, wie ihr Leben hätte aussehen können, wenn es so wäre, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Früher, als sie noch Liliana gewesen war. Die Zeremonie der Urgeschichte durchzuführen, war eine große Ehre und sie hätte nie zu hoffen gewagt, dass sie eines Tages gerade ihr zuteilwerden könnte. Trotz all ihrer Zweifel berührte die Urgeschichte sie tief, denn sie war die Grundlage der Gemeinschaft. Sie enthielt die ganze Hoffnung der allerersten Magierin auf eine bessere Zukunft, die gleiche Hoffnung, die Adara antrieb. Sie hob entschlossen das Kinn. Irgendwann würde es wieder so sein. Die Gemeinschaft würde das werden, was sie einmal gewesen war: ein Zusammenschluss von Menschen, die sich und die restliche Welt schützen wollten.

Adara stellte sich vor den Halbkreis, den die Mitglieder inzwischen am Strand gebildet hatten. Hinter ihr erstreckte sich das Meer bis in die unendliche Weite des Horizonts. Ihr Nacken kribbelte vor lauter Vorfreude, als Seth sich ihr gegenüber vor der Menge aufstellte. Sie bemühte sich, der Feierlichkeit des Geschichtenfestes durch einen erhabenen Ausdruck auf ihrem Gesicht Rechnung zu tragen.

Seths Mundwinkel zuckten, als er es sah.

Hör auf!, dachte sie, musste aber selbst lächeln.

»Liebe Mitglieder der Gemeinschaft«, begann Matthew, »wir begrüßen euch alle zum jährlichen Geschichtenfest. In den nächsten zwei Tagen werden wir einander die Kollektivgeschichte und alle darin enthaltenen Geschichten erneut erzählen, um die Erinnerung frisch zu halten. Zum Schluss werden wir die neuen, wichtigen Geschichten des letzten Jahres, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen, in die Kollektivgeschichte aufnehmen.«

Adara unterdrückte ein bitteres Schnauben. Um die Erinnerung frisch zu halten? Wohl eher, damit der Rat kontrollieren konnte, dass die Kollektivgeschichte auch so erzählt wurde, wie er es wollte, und um gegebenenfalls den Menschen eine neue Version aufzudrücken.

Hätte sie doch einfach mit Seth in London bleiben können. Die Frage, welche tieferen, wichtigen Bedeutungen den Geschichten geraubt worden waren, lag ihr schwer im Magen. Dabei war das Geschichtenfest als Kind für sie immer der absolute Höhepunkt des Jahres gewesen. Zwei Tage lang saßen alle um große Lagerfeuer am Strand. Rund um die Uhr wurde erzählt und noch Tage danach wurde darüber geredet, wie eine bestimmte Formulierung lauten musste und wie man sie sich am besten merken konnte.

»Bevor wir beginnen, wird uns wie jedes Jahr die Urgeschichte vorgeführt. Eine ganz besondere Ehre, die dieses Jahr einer ganz besonderen Magierin zukommt.« Stolz lächelnd, trat Matthew zur Seite. Aller Augen richteten sich auf Adara und Seth. Er hatte jetzt nichts mehr von dem Ehrfurcht gebietenden Rat, der er gerade eben noch gewesen war. Wie machte er das nur? Er sah sie direkt an, ohne den Blick zu senken, stand genauso aufrecht da wie sonst. Und doch war da etwas an ihm, das ihn sofort als ihre Quelle zeichnete.

Sie fixierte seinen Blick, lächelte nicht. Sie hatten die Urgeschichte lange einstudiert und es gab genaue Regeln, wie sie vorgeführt werden musste. Adara ging auf das längliche, schmale Boot zu, das in den sanften Wellen am Strand schaukelte. Sie tat, als wäre sie gerade ausgestiegen. Seth stellte sich ihr gegenüber auf den Strand, nur wenige Schritte vor die Zuschauermenge. Er legte den Kopf in den Nacken und hob die Arme als Zeichen, dass er die Magie aus der Natur zog. Ein kaum wahrnehmbares spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen, weil das vollkommen unnötig war und nur der Show für die Zuschauer diente. Trotz der Distanz zwischen ihnen spürte Adara, wie die Macht in seinen Körper floss. Ohne es zu wollen, atmete sie schneller und ihr Herzschlag beschleunigte sich.

»Liebe Zuschauer! Wir sind hier live beim Geschichtenfest im Abel Tasman National Park. Ich bin Steve und habe heute die Ehre, dieses Großereignis der Gemeinschaft für euch arme Abwesende in aller Welt zu kommentieren.«

Adara blieb der Mund offen stehen.

Steve drängte sich durch die Menge und winkte hektisch einige Kameras herbei, die hinter ihm zwischen den Zuschauern auftauchten. Die Zeremonie der Urgeschichte war noch nie zuvor an die gesamte Gemeinschaft übertragen worden. Es war oft darum gebeten worden, aber die Urgeschichte war heilig und der Rat hatte nicht riskieren wollen, dass gerade davon eine illegale Aufzeichnung kursierte.

Plötzlich ging ein begeistertes Raunen durch die Menschenmenge und ein rötlich blonder Haarschopf bewegte sich nach vorn. Direkt auf Adara zu. Applaus wurde laut. Die Hohe Rätin war unglaublich beliebt, trotz oder gerade wegen ihrer ruhigen, zurückhaltenden Art.

»Entschuldigt bitte, Magierin, dass wir euch gestört haben.« Die Hohe Rätin trat zwischen den Mitgliedern hervor. Ihre zeremonielle Festtagsrobe umfloss ihre hochgewachsene Gestalt, als hätte man die Stoffbahnen direkt aus dem glitzernder Sternenhimmel geschnitten. Um ihre Taille lag eine schlichte silberne Schärpe, die immer und überall die Blicke der Menschen auf sich zog, denn nur die Mitglieder des Inneren Kreises durften Silber tragen. Nichts zeichnete sie jedoch als Hohe Rätin aus. Zu ihrer Beliebtheit trug bei, dass sie besonders großen Wert darauf legte, als normales Mitglied der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden. So hob sie auch genau wie alle anderen ihre Fingerspitzen ehrfürchtig an die Lippen, als ihr Blick auf Adara fiel.

Adara nickte hoheitsvoll.

»Ich möchte noch ein paar Worte an die Gemeinschaft richten, bevor wir fortfahren«, sagte die Hohe Rätin dann. »Wir wagen dieses Jahr einen Versuch, die Zeremonie der Urgeschichte in die ganze Welt an unsere Mitglieder auszustrahlen.« Victor Danes, der nur wenige Meter neben ihr stand, sah aus, als würde er lieber eine von Steves Kameras fressen, als das zuzulassen, aber er schwieg. Sicherlich hatte er davon gewusst, trotzdem schien er es nicht gutzuheißen. Die Hohe Rätin sprach weiter. »Wir haben mithilfe von Magie eine Technik entwickelt, die eine dauerhafte Aufzeichnung dieser Übertragung unmöglich macht, auch keine Screenshots, Aufnahmen mit Zweitgeräten oder dergleichen.« Sie nickte Danes zu, der neben der Einsatzplanung und dem Training der Magier auch alles überwachte, was mit Computern und IT zusammenhing. »Daher denken wir, dass wir das Risiko eingehen können, damit alle Mitglieder an dieser wichtigen Zeremonie teilhaben können.« Jetzt lächelte sie Danes an. Ein Lächeln, unter das sich ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Abneigung mischte. Sofort fragte Adara sich, ob sie sich das vielleicht nur einbildete. Die Hohe Rätin ergriff nie Partei, zeigte nie, wen sie mochte oder nicht. Selbst ihre engste und einzige Vertraute Medea St. John hatte wahrscheinlich keine Ahnung, wer in ihrer Gunst stand und wer nicht. Oder ob sie überhaupt eine Gunst hatte. Die Hohe Rätin gab Steve mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass er an den Rand des Halbkreises zurückweichen sollte. Dann schob sie eine Hand in den Lederbeutel, der an einem Gürtel unter ihrer silbernen Schärpe hing. Statt eines Steins holte sie ihr Smartphone heraus und tippte auf dem Bildschirm herum. Einige Minuten später kündigte ein unangenehmes Dröhnen in Adaras Kopf eine kollektive Gedankennachricht an.

Alle Mitglieder, die nicht am Geschichtenfest teilnehmen können, sind dazu angehalten, sich die neue Version der App herunterzuladen oder sie zu aktualisieren. Nur in der App und nur mit der neuesten Version ist es möglich, den Livestream vom Geschichtenfest zu verfolgen und die Aufführung der Urgeschichte mit anzusehen.

Adara brauchte einen Moment, um sich von dem ekelhaften Gefühl in ihrem Kopf zu erholen und die Botschaft zu verstehen. Das Geschichtenfest in alle Welt zu übertragen, war ein ziemlich starker Anreiz für alle Mitglieder, die bisher die Steine benutzten, die App zumindest zu testen. Seths Gesicht war vollkommen unbewegt – wie immer. Aber sie war sicher, dass er gern die Augenbrauen zusammengezogen hätte. Sie schloss eine Hand um ihren Nachrichtenstein.

Seth?

Er wandte sich ihr zu und fixierte sie grimmig. Mir gefällt es auch nicht, antwortete er auf ihre unausgesprochene Frage.

Ungnädig beobachtete Adara, wie die Hohe Rätin immer wieder auf ihr Handy sah, vielleicht um live die Downloadzahlen der App zu verfolgen. Warum drängte der Rat gerade jetzt darauf, dass alle die App benutzten, und nahm dafür sogar in Kauf, die Zeremonie zu stören?

»Magierin Adara?« Die Stimme der Hohen Rätin drang durch ihre rasenden Gedanken. »Ich denke, wir können fortfahren.«

Mühsam versuchte Adara, die App und alle Menschen um sich herum zu vergessen. Die Augen der ganzen Gemeinschaft ruhten auf ihr und sie musste die Zeremonie hinter sich bringen, ohne Aufsehen zu erregen. Sie atmete tief durch. Schloss die Augen. Sie war die Urmagierin der Gemeinschaft, die allererste, die vor vielen Jahrhunderten mit einem Boot an der Küste von Neuseeland gelandet war. Sie ahnte nichts von ihrer Macht, hielt sich für einen einfachen Menschen auf der Flucht vor einem alten, gefährlichen, bedeutungsleeren Leben. Sie wollte nur eins: ein sicheres Zuhause. Dass sie so viel mehr finden würde als das, wagte sie nicht einmal zu hoffen. Der fremde junge Mann vor ihr auf dem Strand hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt. Er hatte sie noch nicht bemerkt, war viel zu versunken in das, was er tat.

»Ja, ihr Lieben, jetzt seht ihr, wie die Urmagierin der Gemeinschaft das erste Mal auf ihre zukünftige Quelle trifft.«

Adara blinzelte. Sie war wieder auf dem Strand zwischen all den Menschen und der junge Mann vor ihr war wieder Seth. Wie sollte sie sich richtig in die Geschichte hineinversetzen, wenn Steve ständig kommentierte? Sie schüttelte ungnädig den Kopf. Aber Steve sprach unbeirrt weiter. »Das ist hier natürlich nicht ganz korrekt dargestellt. Die Quelle müsste eigentlich nackt sein, bis auf einen Lendenschurz, und übersät mit Tattoos. Die Tattoos ähnelten übrigens der Zeichnung, wie wir sie heute kennen. Irgendwie muss dieses Muster schon lange in den Seelen unserer Vorfahren angelegt gewesen sein, denn sie haben es sich schon vor der ersten Begegnung mit Magie auf die Haut tätowiert.«

Adara konnte nicht anders, sie musste grinsen, als sie sich Seth, schwarz vor Tattoos und nur mit einem Lendenschurz bekleidet, vorstellte. Gerade Seth, der immer ganz besonderen Wert darauf legte, für seine Pflichten als Quelle oder als Rat korrekt gekleidet zu sein. Sie warf ihm einen Blick zu und ihr Magen flatterte aufgeregt, als sie sein winziges Lächeln bemerkte.

Steve schwieg nun und Adara bemühte sich, wieder in die Geschichte hineinzufinden. Auch Seth nahm erneut seine selbstvergessene Haltung ein, während er die Magie in seinen Körper rief. Plötzlich war nichts Lächerliches mehr daran, ihn sich so vorzustellen, wie Steve es beschrieben hatte. Im Gegenteil. Die Sonne verlieh seinen braunschwarzen Haaren einen warmen Schimmer und unvermittelt tauchten die Tattoos vor ihren Augen auf. Sie bestanden aus ähnlichen Punkten, Linien und Kreisen, wie sie auch die Zeichnung ausmachten, und spielten auf seiner goldfarbenen Haut. Die Vorstellung reizte all ihre Sinne und der Ausdruck auf seinem Gesicht – eine Mischung aus Macht, Ehrfurcht und Erregung – nahm sie völlig gefangen.

»Ah ja, man kann hier sehr schön sehen, wie …«

… ich dir das Maul mit Sand stopfe, wenn du nicht sofort die Klappe hältst.

Adaras Gedankennachricht traf Steve mit solcher Wucht, dass er die Augen aufriss und sofort die Lippen aufeinanderpresste.

Seth hatte sich dieses Mal kein bisschen gerührt, er stand immer noch in ehrfürchtiger Haltung da. Adara spürte, dass er es nicht spielte. Er hatte die Menge um sich herum vergessen, hatte Steves letzte Worte wahrscheinlich nicht einmal wahrgenommen. Wenn er das konnte, konnte sie es auch. Sie beschloss, alles zu ignorieren, blendete alles andere als den Strand und Seth aus. Wie die Urmagierin fühlte sie sich auf unerklärliche Weise von dem jungen Mann angezogen. Obwohl sie noch nicht einmal in seine Augen gesehen hatte, spürte sie, dass er alles war, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte, ohne es zu wissen. Und in dem Moment, in dem sie ihn berührte, in dem Augenblick, in dem seine alles verzehrende Macht zum ersten Mal in ihren Körper strömte, wusste sie, dass all die Qual ihrer Flucht es wert gewesen war, ihm zu begegnen.

Sie legte ihre Finger auf seine Brust, spürte seine nackte Haut unter ihrer Handfläche. Ein Raunen erwachte um sie herum, die Stimmen ihrer Ahnen, die ihr über das weite Meer bis hierher in ihre neue Heimat gefolgt waren. Für einen Moment war sie gelähmt von der Magie, die ihren Körper überrollte. Die Magieebene entfaltete sich von selbst mit einer solchen Wucht, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte und es ihr die Luft aus den Lungen trieb. Trotzdem wandte sie den Blick nicht von dem jungen Mann ab, der nun langsam den Kopf senkte und die Augen öffnete. Funken stoben ihr aus der düsteren Schwärze seines Blicks entgegen. Die Welt um sie herum begann, sich zu drehen, die Magieebene verschwamm zu farbigen Schlieren, während ihre Magie das Meer aufwühlte und wieder beruhigte, Wolken zusammenraffte, Regen, Blitz und Donner brachte und schließlich wieder Sonnenschein.

Der junge Mann nahm ihre Hände in seine und sie sah, dass sich auf seiner Brust, genau dort, wo ihre Hand gelegen hatte, ein neues Bild tief in seine Haut gebrannt hatte. Dunkelbraun zwischen all den schwarzen Tattoos. Die Zeichnung.

Die Magieebene zerfiel, die Welt beruhigte sich. Aber er und sie standen immer noch im Auge des Sturms in ihrer neuen Welt und in seinem Blick fand sie die Erkenntnis, dass nicht nur sie eine neue Bestimmung gefunden hatte, sondern auch er. Sie hatten noch kein Wort gewechselt, kannten nicht ihre Namen, wussten nichts übereinander. Und doch ging er vor ihr auf die Knie. Ohne Zögern, ohne Widerwillen. Er sank vor ihr in den Sand, legte ihre Fingerspitzen an seine Lippen und dann seine Stirn auf ihre Handrücken. Die Vollkommenheit seiner Unterwerfung machte sie sprachlos. Aber da war keine Anbetung in seiner Haltung, sie drückte keine Schwäche aus, sondern ein ursprüngliches, vollkommenes Selbstvertrauen.

Und nichts davon war gespielt. Alles daran war echt, ebenso wie das Beben in ihrem Körper, die Blitze und der Donner in der Luft und auch der Regen, der sie durchnässt hatte.

»Seth«, flüsterte sie.

Sie sah, dass er schluckte. Spürte, dass die Geschichte auch für ihn Realität geworden war. Es war so richtig. Sie hatte in ihm alles gefunden, was sie sich jemals erhofft hatte. Und doch war etwas schrecklich falsch. Es krampfte ihren Magen zusammen. Als er ihre Hände drückte, wusste sie, was es war.

Du solltest nicht vor mir knien.

Adara war in diesem Augenblick die Urmagierin, sie teilte ihre Gedanken, die über so viele Generationen hinweg als Geschichten weitergegeben worden waren. Und sie spürte darin die tiefere Wahrheit, die auch in ihrem Herzen ruhte und die der Rat so gerne verstecken wollte: Magier und Quelle waren einander vollkommen ebenbürtig. Die Urmagierin hatte es damals sofort erkannt. Sie und ihre Quelle hatten sich einander anvertraut und keiner hatte sich an jenem Tag dem anderen unterworfen, da war sie sich sicher.

Bitte, Seth, knie nicht vor mir. Das ist so falsch.

Seth bewegte sich nicht, antwortete ihr aber in Gedanken: So schreibt das Ritual es vor.

Adara presste die Lippen zusammen. Das Ritual. Es beruhte auf der Kollektivgeschichte, dieser verdrehten Lüge, die nur noch Scherben der Wahrheit enthielt. Der Rat hatte auch die Urgeschichte verändert. Er hatte sie entstellt, er hatte aus der wunderbaren ersten Begegnung einer Magierin mit ihrer Quelle etwas Abartiges gemacht. Etwas Schreckliches, auf dem die jahrhundertelange Unterdrückung der Quellen beruhte.

Matteo, wärst du doch hier. Könntest du mir doch nur zeigen, wie es wirklich gewesen ist. Wie gerne würde ich dein Graffiti der Urgeschichte sehen.

Seths vollkommene Unbekümmertheit brachte sie aus der Fassung. Warum macht es ihm nichts aus, hier vor ihr zu knien? Warum ließ er es zu, so gedemütigt zu werden, wenn sie doch am liebsten an seiner Stelle aufbegehrt hätte? Natürlich hatte er recht. Sie musste es aushalten, durfte sich nicht anmerken lassen, was sie wirklich davon hielt. Es wäre dumm gewesen, wegen so einer Kleinigkeit alles aufs Spiel zu setzen, nachdem sie gerade erst in London so viel Schlimmeres für ihre Ziele getan hatte. Trotzdem nagte es an ihr.

»Wie ihr seht, hat sie ihn gezeichnet«, drängte Steves Stimme in ihren Geist. »Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das so im Drehbuch stand.«

Das Lachen der Menge ließ Adara endgültig aus ihrer Trance herausfallen. Sie warf einen Blick auf Seth und ihre Wangen wurden heiß. Seine Quellenuniform stand offen und entblößte seine nackte Brust. Irgendwann während des Rituals musste sie seine Kleidung geöffnet haben. In der Mitte, dort, wo ihre Hand gelegen hatte, zwischen seinen Brustmuskeln, prangte die Zeichnung. Der Anblick ließ die Leidenschaft, die die Magie in ihr entfacht hatte, noch wilder toben.

Seth hob spöttisch eine Augenbraue. Wenn ich gewusst hätte, dass du auf so etwas stehst …

Ertappt riss sie die Augen auf. Er lachte leise.

Jetzt reicht’s. Adara zog an seinen Händen, damit er endlich aufstand.

Er erhob sich, ragte über ihr auf und lächelte fast jungenhaft. Es wirkte, als würde er sie gleich an der Hand nehmen und fortziehen, damit sie mit ihm über den Strand lief, als wären sie nur irgendwelche Teenager, die gerade die Zeremonie angesehen hatten und sich jetzt davonschlichen. Aber das waren sie nicht. Und während Seth langsam die Knöpfe seines schwarzen Gewandes schloss und wieder zu ihrer Quelle wurde, wurde ihr klar, wie wenig sie über diesen anderen Seth wusste. Über den, der weder Rat noch Quelle war. Denn diesen Seth hatte er ihr noch nie zuvor gezeigt.

Ihr Onkel erklärte die Zeremonie der Urgeschichte für beendet und die Menge zerstreute sich. In Adara hatte die Magie die Sehnsucht hinterlassen, mit Seth allein zu sein. Aber er wandte sich plötzlich um, als hätte er eine Gedankennachricht erhalten. Sie bemerkte Victor Danes zwischen den anderen Menschen und beobachtete, wie Seth ihm zunickte. Ihr Herz wurde schwer. Und noch mehr, als sie die schmale, kleine Gestalt neben Danes erkannte. Lucy. Chris’ Schwester. Sie war weiß wie die Wand und starrte mit aufgerissenen Augen von Adara zu Seth und wieder zurück.

Als sie Adaras Blick bemerkte, verzog sie angewidert das Gesicht, wandte sich um und drängte sich durch die Menge. Bedauernd sah Adara ihr nach. Wie gern hätte sie mit Lucy geredet. Aber Chris galt immer noch als Verräter. Sich mit seiner Schwester einzulassen, könnte Seths Pläne, die Mehrheit der Ratsmitglieder auf seine Seite zu ziehen, gefährden. Wut stieg so plötzlich in ihr auf, dass sie ihr den Atem nahm. Seths Pläne. Nicht ihre. Noch eher waren es die Pläne von Victor Danes als ihre. Nur dass der natürlich nicht ahnte, was Seth wirklich wollte. Adara wandte sich ab. Sie wollte nicht zusehen, wie Seth zu Victor Danes hinüberging und sich schon fast freundschaftlich mit ihm unterhielt. Mit dem Mann, der immer wie ein zweiter Vater für sie gewesen war. Der Mann, der ihr Chris genommen hatte.

Auf dem Weg am Strand entlang geriet sie zwischen eine Horde Teenager. Sie hatten sie gar nicht wahrgenommen, waren viel zu beschäftigt mit ihren Smartphones.

»Schaut mal«, sagte gerade eines der Mädchen zu den anderen, »die neue App kann jetzt Gruppenchat per Gedankennachricht, wie geil ist das bitte? Und sie braucht nicht mal WiFi oder sonst irgendein Netz. Durch Magie funktioniert sie überall, sogar in einem Betonbunker oder im Flugzeug.«

Adara hätte sie am liebsten geschüttelt. Versteht ihr denn nicht, wozu die App gut ist? Der Rat überwacht damit eure Nachrichten, und zwar nicht mehr nur SMS und Telefonate wie bisher schon, sondern auch die ganz privaten, die ihr nur in Gedanken verschickt. Überall und jederzeit. Aber natürlich blieb sie stumm. Gottverdammt, wie sehr sie es hasste, immer nur zu schweigen. Es musste doch außer Tauru, Seth und ihr noch jemanden geben, der durchschaute, was Sache war und deswegen die App nicht nutzte. Jemand, der ihr vielleicht helfen konnte herauszufinden, warum der Rat die App gerade jetzt so unbedingt allen Mitgliedern aufdrängen wollte.

Und dann fiel ihr jemand ein.

4

In der Dämmerung ließ Adara ihren Blick schweifen und suchte nach Lucys schmaler Gestalt, aber Nacht senkte sich immer mehr über den Strand und Chris’ Schwester war wie vom Erdboden verschluckt. Adara hatte schon öfter bemerkt, dass Lucy die App nicht benutzte. Wahrscheinlich hatte Chris sie davor gewarnt. Vielleicht hatte er ihr auch noch mehr anvertraut. Und genau deswegen wollte Adara mit ihr reden. Dafür musste sie sich allerdings erst durch die Teenager schlängeln, die ihr immer noch den Weg versperrten. »Entschuldigung«, sagte sie und wollte sich unauffällig vorbeischieben.

Das blonde Mädchen vor ihr sah auf und ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Magierin Adara!« Ehrerbietig führte sie die Hand an die Lippen. »Es tut mir leid, ich hab dich gar nicht gesehen, ich wollte nicht … also … ich bin ein großer Fan.« Das Mädchen verstummte, dann streckte sie Adara ihr Smartphone hin. »Signierst du es mir?«

Adara blinzelte das Mädchen an. »Wie bitte?« Bei allem Trubel, der um sie gemacht wurde, war sie noch nie um so etwas gebeten worden.

Das Mädchen kramte einen Stift aus ihrer Tasche. »Bitte. Da, auf der Rückseite, ja? Das wäre total toll.«

»Äh … ja, natürlich.« Warum auch nicht? Lucy war ohnehin spurlos verschwunden. Adara griff nach dem Stift. »Wie heißt du?«

»Tasha.« Das Mädchen beobachtete mit glückseligem Lächeln, wie Adara Für Tasha auf das Handy schrieb und dann ihre Unterschrift daruntersetzte. Anschließend gab sie es ihr zurück und wollte weitergehen.

»Warte … bitte, ich …«

Adara drehte sich noch einmal zu ihr um, schon fast in der Erwartung, dass sie noch mehr Smartphones signieren sollte. Oder wer weiß was sonst.

»Vielleicht … also, könntest du …«, stotterte Tasha. Dann atmete sie tief durch, als müsste sie all ihren Mut zusammennehmen. »Ich würde gern wissen, wie es so ist, Magierin zu sein. Bei mir wurde auch Potenzial festgestellt, aber ich bin neu in der Gemeinschaft und habe niemanden in der Familie, der weiß, wie das ist.«

Die anderen Jugendlichen scharten sich jetzt neugierig um sie und sahen Adara erwartungsvoll an. Und ein wenig ängstlich. Adara konnte so gut nachfühlen, wie es ihnen ging. Es war eine aufwühlende Zeit zwischen dem Feststellen des Potenzials und der Verbindungszeremonie.

»Was willst du denn wissen?«, fragte sie, an Tasha gewandt, und suchte dabei unwillkürlich weiter die Menge ab. Denn auch sie hatte das Bedürfnis, mit jemandem zu reden – wenn auch über ganz andere Dinge. Sie machte Seth zwischen den anderen Ratsmitgliedern aus. Aber ihm von ihrem mulmigen Gefühl wegen der neuen App-Version zu erzählen, würde sie nicht weiterbringen. Falls er etwas wusste, würde er ihr sowieso nur wieder ausweichend antworten.

»Also … ich habe Magierpotenzial und Noemi wird mal eine Quelle und … ich frage mich, warum es verboten ist, vor der Zeremonie zu zaubern. Es wäre doch gut, wenn man vorher üben könnte, damit wir alles richtig machen, wenn es so weit ist.«

Zum ersten Mal, seit das Mädchen sie angesprochen hatte, nahm Adara sie richtig wahr. Ihre aufgerissenen Augen. Die Hände, die sie viel zu fest um ihr Smartphone krampfte.

»Tasha«, antworte sie ernst. »Wenn die Magie deiner Quelle in deinen Körper fließt, bist du ihr schutzlos ausgeliefert. Sie ist stark und wild und will nicht beherrscht werden. Es ist leicht, die Kontrolle zu verlieren. Selbst ein erwachsener Körper wie meiner kann es oft kaum ertragen.« Unwillkürlich ging ihr Atem schneller, als sie daran dachte, dass ihr Seths Magie ein paar Mal fast entglitten war. Es war gefährlich, wenn das passierte, es konnte tödlich sein. Und war doch gleichzeitig wie ein alles verzehrender Rausch, den sie herbeisehnte. Aber das würde sie Tasha sicher nicht auf die Nase binden. »Magie tötet Menschen. Erwachsene Menschen. Ein noch nicht ausgewachsener Körper kann sie nicht bändigen. Deiner nicht und«, sie deutete auf das zweite Mädchen, »Noemis auch nicht. Der Rat hat gute Gründe, Magier und Quellen erst so spät zu verbinden. Lasst es bleiben. Tot nutzt ihr keinem etwas.«

»Na, Schwesterchen, erzählst du wieder Schauergeschichten?«

Naos tauchte grinsend neben ihr auf, Daniel an seiner Seite. Ihr Herz begann zu rasen. Vielleicht konnte sie ja auch mit ihm über die App reden. Wenn sie nur gewusst hätte, ob sie es riskieren konnte. Obwohl er ihr Bruder war, hatte sie keine Ahnung, wie er zum Rat stand.

»Naos? Ich …«, begann sie vorsichtig.

Doch da packte er bereits Daniel am Arm und zog ihn weiter. »Sorry, ich hab’s eilig. Wir sehen uns später!«, rief er ihr noch zu.

Sie runzelte die Stirn. Was war das denn gewesen? Bildete sie sich das nur ein oder war er ihr mit Absicht ausgewichen? Aber warum? Sie wandte sich wieder Tasha zu. Das Mädchen sah Naos mit leuchtenden Augen nach.

Unwillkürlich musste Adara grinsen. »Geh schon, er gibt dir sicher auch ein Autogramm, wenn du ihn erwischst.«

Trotz ihrer offensichtlichen Ungeduld, Naos nachzustürmen, verabschiedeten Tasha und ihre Freunde sich ehrfürchtig von Adara, bevor sie die Verfolgung aufnahmen. Ihre Fröhlichkeit verschwand mit ihnen und ließ eine merkwürdige Einsamkeit in Adara zurück. Sie versuchte, sie abzuschütteln, und beschloss, weiter nach Lucy zu suchen. Bald fing das Geschichtenerzählen an, spätestens dafür musste Lucy wieder auftauchen.

Am Strand hatten die Magier unzählige Lagerfeuer entzündet, die in der Dunkelheit flackerten wie Inseln aus Licht. An jeder dieser Inseln saß bereits einer der Bewahrer. Adara überlief ein Schauer, als sie die Männer und Frauen im Feuerschein betrachtete. Die eine Hälfte ihrer Gesichter war mit einem Tattoo versehen, so zart, dass es wirkte wie ein graziler Schatten. Eine dekorative Abwandlung der Zeichnung. Adara hatte als Mädchen während des Geschichtenfests gebannt zugesehen, wie Licht und Schatten aus dem fragilen Muster auf der Haut des Bewahrers immer wieder etwas Neues und Einzigartiges erschufen. Während die Geschichten erzählt wurden und die Bewahrer überwachten, dass auch alle Details stimmten, hatte sie sich vorgestellt, wie wohl die Zeichnung aussehen würde, die sie vielleicht einmal haben würde. Viele Jahre später, als sie erfahren hatte, dass sie tatsächlich Magierpotenzial besaß, hatte sie sich dann gefragt, wie es sich anfühlen würde, wenn zwischen ihren Händen und denen ihrer Quelle so ein wunderschönes Muster entstand. Unwillkürlich betrachtete sie ihre Hände. Allein die Linien zu sehen, die Seths magische Energie dort eingebrannt hatte, verursachte ein sehnsuchtsvolles Ziehen in ihr. Und gleichzeitig heftige Schuldgefühle. Wie sehr hatte sie es geliebt, Chris’ Zeichnung dort zu sehen. Seine war so ganz anders gewesen, frech und verspielt. Seths Muster hingegen zog sich wild über ihre Haut wie eine zerstörerische Mischung aus Dornenranken und Funkenregen. Wie konnte man einen Menschen so sehr lieben, dass man mit ihm starb, und doch weiterleben? Wie konnte ein so schwer versengtes Herz so einfach für jemand anderen weiterschlagen? Es schien unmöglich. Und doch war es so.

Plötzlich wollte Adara nur noch weg von hier. Weg von den Feuern, weg von den Menschen. Hastig lief sie hinein in die Dunkelheit, zwischen hohen Palmen hindurch, die nur noch Schemen waren, bis in eine kleine, verlassene Bucht. Aber dem Chaos in ihrem Inneren entkam sie nicht. Wie stellte Seth es nur an, seine Gefühle jederzeit unter Kontrolle zu behalten? Jedes Mal, wenn sie es versuchte, kam es ihr vor, als ob sie mühsam den Krater eines Vulkans zuschüttete, nur damit er einige Stunden später umso heftiger ausbrach.

»Chris«, flüsterte sie in den sanften Wind über dem Meer. »Warum hältst du dich immer noch von mir fern?«

Sogar Matteo sandte ihr seit seinem Tod gelegentlich Bilder, Fragmente seiner Graffitis. Wenn auch manchmal erst Tage, nachdem sie an ihn gedacht hatte. Aber Chris spürte sie immer noch nicht. Sie wusste nicht mal, ob sie es sich wünschen sollte. Ihr mitgenommenes Herz hatte schon genug auszuhalten.

»Glaubst du etwa, er würde das sehen wollen?«, zischte eine Stimme hinter ihr.

Sie fuhr herum. »Lucy?« Sie musste ihr gefolgt sein.

»Natürlich zeigt er sich dir nicht! Glaubst du, er würde sehen wollen, dass du öffentlich zur Schau stellst, wie schnell du ihn vergessen hast?«

Ihr angewiderter Tonfall ließ Adaras Kehle eng werden. Sie suchte in ihrem Kopf nach einer verständnisvollen Antwort, fand aber keine. »Ich habe ihn nicht vergessen. Das werde ich nie.« Vielleicht war das der wahre Grund, warum sie Seths Bedingungen so einfach hatte akzeptieren und ihm eigene hatte stellen können.

Versprich mir, dass du mich niemals lieben wirst.

»Wenn das wahr wäre, hättest du ihn zurückgeholt!«, zischte sie.

Adara zuckte zusammen. »Das hätte er nicht gewollt. Wenn du wüsstest, wie er zurückgekommen wäre, hättest du mir seine Asche nie gegeben.«

Lucy schüttelte heftig den Kopf. Ihr Augenstern blitzte auf und verlieh ihrem Blick ein wahnsinniges Glitzern. »Du bist es, die keine Ahnung hat. Du hast ihn sterben sehen. Hast ihn sterben lassen! Und trotzdem weißt du gar nichts.«

Adara horchte auf. Also wusste sie tatsächlich etwas! Aber wie sollte sie sie am besten darauf ansprechen? Vielleicht indem sie sich vorsichtig herantastete. »Was weiß ich nicht?«, fragte sie.

Lucy sah aus, als wollte sie ihr die Antwort vor die Füße schleudern. »Zum Beispiel, wie es ist, wenn man nicht den Job haben kann, den man möchte. Wie es sich anfühlt, wenn ein anderer über dein Leben bestimmt. Wie …«, sie verstummte und begann zu zittern. »Wie es ist, wenn die Magie deinen Körper übernimmt und in jeder Faser brennt und jemand, den du mehr als alles andere hasst, sie brutal aus dir herausreißt.«

Entsetzt sah Adara sie an. »Es tut dir weh?«

Lucy lächelte bitter. »Ja, das ist neu für dich, nicht wahr? Dass es nicht für alle Quellen ein schönes Gefühl ist, Magie in sich zu haben. Chris hat mir immer davon vorgeschwärmt, aber für mich war es von Anfang an eine Qual. Wenn die Magie in mich hineinfließt, ist es, als würde ich von innen heraus Stück für Stück verätzt.« Sie schluckte schwer und ihr Gesicht war kreidebleich. »Und wenn sie Magie von mir genommen hat, dann …« Lucy atmete zitternd ein. »… war es, als würde sie sie aus den wunden Stellen in mir herauskratzen.«

»Oh, Lucy.« Eine Gänsehaut kroch Adaras Arme hinauf. »Gott sei Dank ist das vorbei.«

Lucys Augen glänzten feucht. »Es ist nie vorbei. Nie«, krächzte sie. »Aber jemand wie du hat davon keine Ahnung.«

»Lucy?« Das Mädchen fuhr herum.

Ein hochgewachsener Mann trat zwischen den Bäumen hervor und kam auf sie zu. Trotz der Dunkelheit erkannte Adara Chris’ Großvater sofort. Er legte seiner Enkelin eine Hand auf die Schulter und lächelte Adara freundlich zu. Sie bemühte sich zurückzulächeln.

»Ich glaube, du solltest besser zu den anderen zurückgehen, Lucy. Such dir schon mal einen Platz am Feuer.« Es war kein Vorschlag, sondern ein Befehl, wenn auch ein sehr freundlicher. Lucy wirkte, als wollte sie widersprechen, aber auf einen strengen Blick ihres Großvaters hin verschwand sie zwischen den Bäumen. Ohne Adara den vorgeschriebenen Abschiedsgruß zu erweisen. Sie würdigte sie nicht einmal eines bösen Blickes.

»Du musst meine Enkelin entschuldigen, Magierin Adara.«

»Natürlich, Richard«, erwiderte sie. Wie konnte sie Lucy böse sein? Sie war höchstens neidisch, weil Lucy ihre Gefühle so offen ausdrücken durfte. Und weil sie Zeit mit seinem Großvater verbringen konnte, ohne sich verdächtig zu machen. So konnte sie Chris auf eine Art nahe sein, die Adara verwehrt war. Wahrscheinlich sollte sie Richard stehen lassen und zum Feuer zurückgehen. Aber bevor sie sich dazu durchringen konnte, sprach er schon weiter.

»Sie ist wütend, weil …« Er verstummte. Dann holte er Luft. »Sie möchte gerne Programmiererin werden.«

»Tatsächlich? Das wusste ich gar nicht. Aber es ist doch toll, wenn sie etwas hat, was ihr Spaß macht. Rat Danes sucht immer Programmierer aus der Gemeinschaft, die auch Ahnung von Magie haben.«

Er schüttelte den Kopf. »Sie will nicht für die Gemeinschaft arbeiten. Am liebsten möchte sie professionell hacken und Firmen helfen, Sicherheitslücken in ihrer Software zu finden.«

Also war sie nicht nur Programmiererin, sondern eine Häckse? Unfassbar, dass Adara das nicht gewusst hatte, obwohl sie so lange mit Lucys Bruder zusammen gewesen war.

»Aber das geht nicht«, fügte Lucys Großvater hinzu.

»Warum nicht?«, fragte Adara. Natürlich sah man es lieber, wenn Gemeinschaftsmitglieder innerhalb der Gemeinschaft arbeiteten, aber sich etwas anderes zu suchen, war nicht verboten.

»Weil Chris tot ist«, sagte er rau.

»Wie bitte?«, fragte sie erschüttert.

Er senkte bedauernd den Kopf. »Weil er nicht mehr da ist, soll sie wieder verbunden werden.«

»Ich dachte, ihr hättet sie freigekauft.« Es war heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte, ob es eine gute Idee war, über so etwas Illegales so offen zu sprechen.

Richard Wright zögerte kurz, antwortete dann aber doch. »Das wird nur geduldet, solange noch ein anderes Familienmitglied als Quelle im Einsatz ist.«

Adara fluchte leise. Lucys Beschreibung fiel ihr ein. Säure, die den Körper verätzte. Sie schluckte schwer. »Ich könnte versuchen, es zu verhindern. Vielleicht kann Seth …«

»Nein.«

»Aber …«

»Das Einzige, was er tun könnte, wäre, Lucys Vertrauenswürdigkeit infrage zu stellen, weil sie die Schwester eines verurteilten Verräters ist«, sagte er sanft.

Und das wollte er nicht. Natürlich nicht. Seine Familie hatte es in der Gemeinschaft schon schwer genug. Lucy hatte es schwer genug. Jetzt auch noch ihren Ruf in den Schmutz zu ziehen, würde sie vollends zerstören – und sie ihrem Traum vom Hacken kein bisschen näher bringen.

»Warum erzählst du es mir dann?«

Der alte Mann zögerte, seine Augen glänzten verräterisch. »Ich weiß es nicht. Vielleicht … um in deinem Blick zu sehen und an deiner Stimme zu hören, dass wir nicht die Einzigen sind, die ihn vermissen.«

Wie verzweifelt er klang. Wie mutlos. Genauso hilflos, wie Adara sich fühlte. Es durfte doch nicht sein, dass der Rat einfach so beschloss, ein traumatisiertes Mädchen wie Lucy noch einmal einem Leben als Quelle auszusetzen. Einem Leben, das auch an der Seite eines verantwortungsbewussten Magiers viel zu anstrengend für jemanden war, dem jeder Atemzug vor Trauer wehtat und dessen Herz allein bei dem Gedanken an Magie vor Angst raste. Die alte Wut kam wieder in ihr hoch. Weil Seth seinen Plan verfolgte, ohne ihr das winzigste bisschen entgegenzukommen. Selbst wenn sie ihn bitten würde, Lucy zu helfen, würde er sie bestimmt nur vertrösten.

Sie musterte Chris’ Großvater. So nah war er ihr noch nie gewesen. Nicht als Chris noch gelebt hatte. Und auch nicht seit seinem Tod. Er hatte sich von ihr ferngehalten, so wie sie sich von ihm. Warum machte er gerade jetzt einen Schritt auf sie zu? Gerade an dem Tag, an dem der Rat dafür gesorgt hatte, dass alle Mitglieder sich die App herunterluden? Wusste er vielleicht mehr? Wollte er, indem er ihr von Lucy erzählte, testen, auf welcher Seite sie stand? Ihr Herz begann zu rasen. Sollte sie es wagen, ihn zu fragen?

Nach allem, was er gesagt hatte, war sie sich ziemlich sicher, dass er ähnlich dachte wie sie. Woher sollte Chris auch sonst diese Wut gegen die furchtbare Ungleichbehandlung der Quellen gehabt haben? Woher den unbezwingbaren Drang, die Welt zum Besseren zu verändern?

»Es ist schön, sich mit jemandem zu unterhalten, der ihn zu schätzen wusste«, begann sie vorsichtig. »Mit jemandem, der … denkt wie er.«

Seine Augen weiteten sich, dann verfinsterte sich sein Gesicht. »Chris ist tot und wir sollten ihn ruhen lassen.«

Eigentlich war das deutlich, aber Adara klammerte sich an den Gedanken, dass er einfach nur misstrauisch und vorsichtig war. »Chris ist nicht mehr da«, fuhr sie zaghaft fort, »aber das, was er wollte …«

»Was er wollte, hat ihn getötet«, gab Richard Wright schroff zurück. »Und nichts auf der Welt ist so ein Opfer wert.« Er berührte seine Lippen zum Abschied, aber bevor er zwischen den Bäumen verschwand, drehte er sich noch einmal um. »Es war sein großer Fehler, nicht lange genug nachzudenken. Er war ein verdammter Hitzkopf. Man sollte nie im Affekt handeln.« Er fixierte ihren Blick, dann war er verschwunden.

Zurück blieb ein ekelhaftes Gefühl in ihrem Magen. Irrte sie sich oder war das eine Warnung gewesen? Standen sie gar nicht auf derselben Seite? Hatte er ihr stattdessen zu verstehen geben wollen, dass sie sich zurückhalten sollte? Mit einem Kloß im Hals sah Adara ihm nach. Gerade von ihm hätte sie das nie erwartet.

Adara wandte sich wieder dem Meer zu, das im Mondschein silbern funkelte.

Chris, dachte sie und sprach mit Absicht nicht laut, damit niemand sie belauschen konnte, ich wünschte, ich könnte mit dir reden. Ich würde so gerne wissen, was du von dem Ganzen hältst. Ich bin ganz sicher, dass der Rat die App nicht ohne Hintergedanken durchsetzen will. Sie überwachen uns alle, unsere intimsten Gespräche, unsere Gedanken. Gefährliche Gedanken.

Sie erstarrte. Natürlich!

Oh Chris! Was, wenn es noch mehr Leute gibt, die so denken wie wir? So viele, dass der Rat sie nicht mehr ignorieren kann? So viele, dass er zur Sicherheit uns alle überwachen will?

Aufgeregt drehte Adara sich um und wollte zurück zu den Feuern laufen. Wenn es andere gab, die zweifelten und vielleicht sogar etwas ändern wollten, dann musste sie sie finden! Gemeinsam konnten sie so viel mehr erreichen. Aber dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Die Worte von Chris’ Großvater türmten sich vor ihr auf wie eine riesige Mauer.

Er war ein verdammter Hitzkopf.

Sein Großvater hatte recht, sie musste vorsichtig sein. Sie hatte im Affekt gehandelt, als sie ihn auf Chris’ Pläne angesprochen hatte. So etwas durfte ihr nicht noch mal passieren. Wie gern sie mit Seth darüber beraten hätte. Er hatte so eine ruhige Art, er sah die Dinge wie sie waren, und mit ihm zu reden, half ihr, alles aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Sehnsucht, sich mit ihm zu beraten, brannte in ihr, aber nicht heftig genug, um die Zweifel zu beruhigen.

Ich will dein Vertrauen nicht und du solltest mir auch nicht vertrauen.

»Verdammt«, zischte sie. Es war einfach ein zu großes Risiko. Nein, es war besser, erst mal so vorsichtig wie möglich Erkundigungen einzuholen und möglichst unauffällig herauszufinden, ob es Gleichgesinnte gab. Bis dahin würde sie auch Seth gegenüber schweigen, obwohl es ihr schwerfiel. Sie seufzte. Wem wollte sie etwas vormachen? Eigentlich wünschte sie sich nur, in seiner dunklen, samtigen Nähe zu versinken und über nichts mehr nachdenken zu müssen. So wie vorhin bei der Zeremonie. Zur Schau stellen, hatte Lucy es genannt, diesen einen kurzen Augenblick des Glücks mit Seth am Strand. Ob Chris das wohl genauso sehen würde?

»Was würdest du denken, wenn du mich sehen könntest?«, flüsterte sie.

Schuld krallte sich in ihr Herz, und dass Chris gewollt hatte, dass sie ihr Leben weiterlebte, machte diese Schuld nicht weniger ätzend.

Ich werde dich immer lieben, aber ich habe dich gehen lassen. Und du kennst mich gut genug, um zu wissen, wie schwer es mir fallen würde, wenn ich dich spüren könnte. Danke, dass du das für mich getan hast.

Sie atmete abgehackt ein. Ja, er hatte das für sie getan, da war sie sich sicher. Und plötzlich wusste sie, was sie für ihn tun konnte, bis sie sich darüber klar geworden war, wie es weitergehen sollte. Sie würde Lucy vor dem schrecklichen Schicksal bewahren, ein weiteres Mal verbunden zu werden. Das war sie nicht nur seiner Schwester, sondern auch Chris schuldig. Die Gemeinschaft war einmal gerecht gewesen und gut, das ahnte sie, seit sie Matteos Graffitis gesehen hatte, und fühlte es seit der Zeremonie der Urgeschichte noch stärker. In den Tiefen der alten Geschichten musste es doch irgendwo einen Ausweg geben, den sie nutzen konnte, ohne Lucys Ruf in Gefahr zu bringen. Einen, den der Rat noch nicht beseitigt hatte. Sie musste ihn nur irgendwie ausgraben.

5

Ehrfürchtig betrat Seth den Ratssaal. Jedes Mal, wenn sich die hohe Decke über ihm wölbte, er die schiere Weite des Saales wahrnahm und sein Blick dann auf den gewaltigen Kreis aus schwarzen Obsidianstühlen fiel, überwältigte es ihn von Neuem, dass tatsächlich einer davon nun seiner war. Er war noch lange nicht am Ziel seiner Wünsche angekommen, aber nun endlich konnte er glauben, dass es möglich war. Wenn er es schaffte, noch mehr Räte für sich zu gewinnen.

»Hallo, zusammen!« Die lässige Begrüßung riss Seth aus seinen Gedanken. Er traute seinen Augen kaum, als Steve vor ihm auftauchte, wie immer mit seinem Kameramann im Schlepptau. Ob der ihm wohl auch Tag und Nacht folgen musste wie eine Quelle ihrem Magier?

»Heute dürft ihr alle live im großen Ratssaal Mäuschen spielen«, redete Steve drauflos. »Dank der neuen App darf zum allerersten Mal von hier drinnen gefilmt werden. Ist das nicht aufregend?«

Steve drehte sich einmal um sich selbst, bevor sein Blick auf Seth fiel. »Ah, hier ist Rat Tahere, wie nett. Bitte einmal lächeln für die Kamera.«

Seth hob eine Augenbraue.

»Äh … ja. Auch schön. Guter Shot. Okay.« Steve grinste etwas gezwungen in die Kamera, als müsste er Seths Verweigerung eines Lächelns selbst wettmachen. »Dann zeige ich euch als Erstes den Saal.« Er bedeutete dem Kameramann, einmal herumzuschwenken. »Und jetzt … was haltet ihr davon, wenn wir Rat Tahere einfach zu seinem Platz folgen?«

Nichts. Rein gar nichts, um genau zu sein, hätte Seth am liebsten gesagt. Aber er duldete es, dass Steve ihm nachlief, während er zu seinem Stuhl ging und sich dort niederließ.

»Wow!«, machte Steve und stellte sich schräg hinter Seth auf. »Was für ein genialer Ausblick. Direkt auf den Inneren Kreis. Wie hast du so einen guten Platz ergattert?« Steve hielt Seth das Mikro hin und sah ihn an wie ein Kind, das gleich ein tolles Geschenk auspacken darf.

Leider konnte Seth ihm den Gefallen nicht tun. »Es ist der Platz, der dem jüngsten Ratsmitglied zugewiesen ist«, antwortete er trocken.

»Ach so.« Steve wirkte enttäuscht, weil er seinen Zuschauern keine brisanten Informationen bieten konnte, fing sich aber sofort wieder. »Dann arbeitet man sich also rechts und links entlang, bis man neben dem Inneren Kreis sitzt?«

Seth antwortete nicht, aber Steve war sowieso viel zu beschäftigt damit, seinem Kameramann Anweisungen zu geben, die anderen Räte dabei zu filmen, wie sie ihre Plätze einnahmen. Dann keuchte Steve plötzlich auf. »Der Innere Kreis betritt den Saal! Was für ein effektvoller Auftritt.«

Seth musste ihm recht geben. Victor Danes, Medea St. John und die Hohe Rätin trugen heute die einfachen schwarzen Roben des Rates, aber die silbernen Schärpen und ihr geschlossenes Auftreten brachte mühelos alle Stimmen im Ratssaal zum Schweigen. Alle außer einer.

»Für alle, die den Inneren Kreis vielleicht noch nie live gesehen haben, stelle ich sie euch vor. Hier kommt die Hohe Rätin, die – nebenbei bemerkt – heute wieder umwerfend aussieht, gefolgt von Medea St. John und Victor Danes. Und übrigens: Legt euch lieber nicht mit ihnen an, denn die Mitglieder des Inneren Kreises«, wandte er sich direkt in die Kamera und senkte die Stimme, »wissen alles.«

Seth hätte beinahe die Augen verdreht.

»Es gibt nur wenige Geschichten in der Gemeinschaft, die geheim sind. Aber diese sind zentral für unser Fortbestehen. Nur der Innere Kreis kennt sie und sie werden nur bei der Initiation weitergegeben. Nicht einmal die Bewahrer sind eingeweiht. Daher ist es wichtig, dass die Mitglieder des Inneren Kreises um jeden Preis geschützt werden, damit diese Geheimnisse nicht verloren gehen. Sie sind unverwundbar, weder Magie noch rohe Gewalt kann sie verletzen.« Steve deutete auf die Hohe Rätin. Unwillkürlich folgte Seth seinem Blick. Ja, man konnte ihn sehen, den mächtigen, uralten Schutzzauber, der jedem Mitglied des Inneren Kreises bei der Initiation automatisch zuteilwurde – wenn auch nicht mit bloßem Auge. Aber die Magie war so stark, dass sie einen Abdruck im Geist hinterließ.

»Übrigens«, plapperte Steve munter weiter, »der freie Platz neben Rat Danes ist derzeit nicht besetzt, denn der Koordinator der Wächter ist vor einigen Monaten verstorben.« Steve machte eine Pause und zog die Nase kraus. »Wenn ich es recht überlege, ist das bestimmt schon fast zwei Jahre her. Merkwürdig, dass seitdem kein Nachfolger in den Inneren Kreis gewählt wurde.«

Allerdings, dachte Seth. Und er war sich ziemlich sicher zu wissen, warum das so war.

Steve zuckte mit den Schultern. »Aber da die Mitglieder des Inneren Kreises auf Lebenszeit gewählt werden, ist es nur richtig, sehr genau aufzupassen, wen man reinlässt. Wahrscheinlich gab es bisher noch keinen passenden Kandidaten. Hier kommt übrigens die Hohe Magierin in letzter Minute reingerauscht.«

Anders konnte man es tatsächlich nicht nennen. Die Hohe Magierin schritt hocherhobenen Hauptes durch die Stuhlreihen. Ihr roter Magiermantel, der sich durch seinen kräftigen dunkleren Rotton von denen der anderen Magier abhob, wehte hinter ihr her. Ihr folgte ihre Quelle, ein älterer Mann, der sich in ihrem Schatten so wohlzufühlen schien, dass er fast unsichtbar wirkte. Er verschwand auch sofort hinter dem freien Stuhl neben Medea St. John, auf den die Hohe Magierin sich setzte. Ihre dunkle Haut und ihre kurz geschorenen schwarzen Locken standen im krassen Gegensatz zu Medea St. Johns heller Haut und deren glatten blonden Haaren.

»Die Hohe Magierin hat keine Stimme im Rat, sie ist sozusagen machtlos«, fuhr Steve unbekümmert fort. Die Augen der Hohen Magierin blitzten, als hätte sie jedes Wort verstanden. Hatte sie vielleicht auch. Steve sprach ja nicht gerade leise. »Aber natürlich hat sie trotzdem sehr wichtige Aufgaben«, sagte er hastig. »Sie berät den Rat und ihr obliegt die Initiation neuer Mitglieder des Rates und des Inneren Kreises.«

Es klang, als wollte er sie besänftigen. Ohne Erfolg, wie Seth an ihrem immer noch verärgerten Gesichtsausdruck bemerkte. Kein Wunder, denn eines war die Hohe Magierin ganz bestimmt nicht: machtlos. Sie hatte zwar kein Stimmrecht, aber sie hatte eine große Anhängerschaft im Rat, Mitglieder der alten Magierfamilien, die ihr vertrauten und in ihrem Sinne abstimmten, wenn sie es wünschte. Nein, man durfte auf keinen Fall den Fehler machen, sie zu unterschätzen.

»Die Übertragung ist jetzt beendet«, knurrte die Hohe Magierin in diesem Augenblick. »Die Sitzung beginnt.«

Steve schluckte, sah aber fragend die Hohe Rätin an, und erst als diese nickte, packte er seinen Kameramann und verließ den Saal.

»Ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefällt«, sagte die Hohe Magierin, während die Flügeltür hinter Steve zufiel.

»Wir müssen den Mitgliedern, die sich die App heruntergeladen haben, nun auch etwas bieten«, erwiderte die Hohe Rätin gutmütig.

»Warum müssen wir das? Warum ist diese … App überhaupt nötig?«, schnaufte Rat Briar, ein älterer Mann, der sich mühsam aus seinem Stuhl erhoben hatte. »Und warum wurde die Urgeschichte ohne Abstimmung im Rat in alle Welt übertragen?«

Die Hohe Rätin machte ein schuldbewusstes Gesicht. »Es tut mir leid. Es war ursprünglich nicht unsere Absicht, euch mit der neuen Version der App und der Übertragung der Zeremonie zu überfallen. Rat Danes, Rätin St. John und ich hatten angenommen, dass wir es nicht rechtzeitig zum Fest schaffen würden, weil wir so wenige gute Programmierer zur Verfügung haben, die sich auch mit Magie auskennen. Aber dann ist die App im letzten Moment doch noch fertig geworden. Da das Fest eine gute Gelegenheit schien, möglichst viele Mitglieder für die App zu begeistern, hat der Innere Kreis kurzfristig beschlossen, es zu wagen. Wenn viele Mitglieder die App benutzen, können wir die Magier entlasten, die sonst die Steine wieder aufladen müssten.«

Rat Briars Blick zuckte zur Hohen Magierin, die ihm beschwichtigend zunickte, woraufhin er sich grummelnd setzte.

»Die Übertragung war ein voller Erfolg«, fuhr die Hohe Rätin fort. »Die Downloads der App und die Zuschauerzahlen während der Zeremonie haben unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Auch Dank Magierin Adaras … eindrucksvoller Darbietung.« Ihr Blick zuckte zu Seth und in ihren Augen blitzte etwas auf.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Herz der Quelle (2). Sternenfinsternis" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen