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Das Herz der Hölle

Über dieses Buch

Mathieu Durey, Polizist bei der Kripo in Paris, ist einer ebenso erschreckenden wie mysteriösen Mordserie auf der Spur. Teuflische Symbole zieren die Schauplätze des Verbrechens, und die mutmaßlichen Mörder haben eines gemeinsam: Sie alle waren schon einmal tot, sind aus dem Koma ins Leben zurückgekehrt …

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und »Das Herz der Hölle.«

Jean-Christophe Grangé

Das Herz der Hölle

Roman

Aus dem Französischen von
Thorsten Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Laurence und unsere Kinder

Teil 1
mathieu

Kapitel 1

»Zwischen Leben und Tod.«

Eric Svendsen hatte eine Schwäche für Floskeln. Ich hasste ihn dafür, jedenfalls heute. Ein Gerichtsmediziner sollte sich auf einen klaren, präzisen Bericht beschränken – basta. Aber der Schwede konnte nicht anders: Er war ein hoffnungsloser Phrasendrescher 

»Luc wird entweder jetzt aufwachen«, fuhr er fort, »oder gar nicht mehr. Sein Körper funktioniert, aber sein Bewusstsein ist an einem toten Punkt. Er schwebt zwischen zwei Welten.«

Ich saß im Wartezimmer der Intensivstation. Svendsen stand im Gegenlicht. Ich fragte ihn:

»Wo ist es eigentlich passiert?«

»In seinem Landhaus in der Nähe von Chartres.«

»Weshalb wurde er hierher verlegt?«

»Das Krankenhaus in Chartres ist für so schwere Notfälle nicht ausgerüstet.«

»Warum wurde er ausgerechnet hierher, ins Hôtel-Dieu, gebracht?«

»Weil alle verletzten Polizisten hier behandelt werden.«

Ich rutschte auf meinem Stuhl nach hinten. Ein Schwimmer bei den Olympischen Spielen, bereit zum Kopfsprung. Mir wurde übel von dem Geruch der Desinfektionsmittel, der durch die geschlossene Doppeltür drang und sich mit der Hitze vermischte. Alle möglichen Fragen schwirrten mir durch den Kopf:

»Wer hat ihn gefunden?«

»Der Gärtner. Er hat ihn im Fluss entdeckt, in der Nähe des Hauses, und ihn in letzter Minute aus dem Wasser gezogen. Um 8 Uhr morgens. Zufällig war ein Notarztwagen in der Nähe. Sie sind gerade noch rechtzeitig gekommen.«

Ich stellte mir den Schauplatz vor. Das Haus in Vernay, die Rasenfläche mit den angrenzenden Feldern, den hinter üppigem Grün verborgenen Fluss, das dichte Unterholz am anderen Ufer. Wie viele Wochenenden hatte ich dort verbracht …? Ich sprach das verbotene Wort aus:

»Wer hat von Selbstmord gesprochen?«

»Die Rettungssanitäter. Sie haben es in ihrem Bericht geschrieben.«

»Wieso kann es kein Unfall gewesen sein?«

»Der Körper war mit Gewichten beschwert.«

Ich blickte auf. Svendsen breitete zum Zeichen seiner Ratlosigkeit die Arme aus. Im Gegenlicht wirkte er wie ein Scherenschnitt. Ein hagerer Körper und fülliges krauses Haar, rund wie eine Mistelbeere.

»Luc trug an der Hüfte mit Draht befestigte Brocken von Betonsteinen. Eine Art Bleigürtel, wie ihn Taucher benutzen.«

»Könnte es nicht Mord sein?«

»Red keinen Stuss, Mat. Dann hätte man ihn sicher mit drei Kugeln im Bauch gefunden. Aber es gibt keinerlei Hinweise auf Gewaltanwendung. Er hat sich ertränkt, daran gibt es nichts zu deuteln.«

Ich dachte an Virginia Woolf, die sich ihre Taschen mit Steinen vollgestopft hatte, bevor sie sich in Sussex, in England, in einem Fluss ertränkt hatte. Svendsen hatte recht. Der Schauplatz der Tat ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Jeder andere Polizist hätte sich mit seiner Dienstwaffe eine Kugel in den Kopf gejagt. Luc aber hatte Sinn für Rituale – und für heilige Stätten. Vernay, für dessen Erwerb, Restaurierung und Einrichtung er sich krummgelegt hatte. Ein perfektes Refugium.

Der Gerichtsmediziner legte mir die Hand auf die Schulter.

»Er ist nicht der erste Polizist, der Selbstmord begeht. Ihr bewegt euch am Rand des Abgrunds und …«

Wieder Floskeln. Ich hörte nicht mehr hin und dachte an die Statistiken. Im Vorjahr hatten sich in Frankreich fast einhundert Polizisten erschossen. Seine berufliche Laufbahn mit Selbstmord zu beenden schien gang und gäbe.

Im Flur war es noch dunkler geworden. Äthergeruch, drückende Hitze. Wann hatte ich zum letzten Mal mit Luc gesprochen? Seit wie vielen Monaten hatten wir nichts mehr voneinander gehört? Ich sah Svendsen an.

»Und du, was machst du hier?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Sie hatten mir eine Leiche gebracht. Einen Einbrecher, Schlaganfall während eines Einbruchs. Die Typen, die ihn brachten, kamen vom Hôtel-Dieu und haben mir von Luc erzählt. Ich habe alles stehen und liegen lassen und bin hergekommen. Meine Klienten können warten.«

Seine Worte riefen mir die Stimme von Foucault, meinem Gruppenleiter, in Erinnerung, der mich vor einer Stunde angerufen hatte: »Luc hat Schluss gemacht!«

Die Migräne in meinem Kopf wurde stärker.

Ich musterte Svendsen genauer. Ohne weißen Kittel kam er mir unwirklich vor. Doch er war es, kein Zweifel: Seine kleine Hakennase und seine kneiferähnliche Brille waren unverwechselbar. Ein Pathologe an Lucs Bett … Er würde ihm Unglück bringen.

Die Doppeltür am Eingang der Station ging auf. Ein untersetzter Arzt in einem zerknitterten grünen Kittel tauchte auf. Ich erkannte ihn sofort: Christophe Bourgeois, Anästhesist und Intensivmediziner. Vor zwei Jahren hatte er versucht, einen psychopathischen Zuhälter zu retten, der bei einer Razzia im 18. Arrondissement, in der Rue Custine, in die Menge geschossen hatte. Der Mann hatte zwei Polizisten niedergestreckt, bevor eine Kugel vom Kaliber .45 sein Rückgrat durchschlug – eine Kugel aus meiner Pistole.

Ich stand auf und ging Christophe entgegen. Er runzelte die Stirn.

»Sie kommen mir bekannt vor.«

»Mathieu Durey, Commandant bei der Mordkommission. Der Fall Benzani im März 2000. Ein Ganove, der niedergeschossen wurde und hier verstarb. Letztes Jahr haben wir uns vor dem Gericht in Créteil wiedergesehen, wo der Prozess in Abwesenheit stattfand.«

Der Mann machte eine Geste, die besagte: »Ich begegne so vielen Leuten …« Er hatte dichtes weißes Haar, ein beeindruckender, vitaler Mann. Er sah zur Intensivstation hinüber.

»Sind Sie wegen des Polizisten da, der im Koma liegt?«

»Luc Soubeyras ist mein bester Freund.«

Er verzog das Gesicht, als bedeute das noch mehr Ärger.

»Wird er überleben?«

Der Arzt öffnete das Band seines Kittels in seinem Rücken.

»Es ist ein Wunder, dass sein Herz wieder schlägt«, sagte er schnaufend. »Als man ihn aus dem Wasser zog, war er tot.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Klinisch tot. Wäre das Wasser nicht so kalt gewesen, hätte man nichts mehr für ihn tun können. Aber durch die Unterkühlung war die Durchblutung des Körpers schwächer. Die Notärzte in Chartres haben unglaubliche Geistesgegenwart bewiesen und das Unmögliche versucht, indem sie sein Blut künstlich erwärmten. Und das Unmögliche hat funktioniert. Eine echte Auferstehung.«

»Was haben sie getan?«

Svendsen, der näher gekommen war, schaltete sich ein:

»Ich erkläre es dir.«

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Der Arzt sah auf seine Uhr.

»Ich habe jetzt wirklich keine Zeit.«

Ich explodierte:

»Mein bester Freund liegt hier nebenan. Also nehmen Sie sich die Zeit gefälligst!«

»Verzeihen Sie«, sagte der Doktor lächelnd. »Die Diagnose ist noch nicht abgeschlossen. Wir müssen noch herausfinden, wie tief sein Koma ist.«

»Wie steht es mit seinen Körperfunktionen?«

»Die Vitalfunktionen sind wieder normal, aber wir können nichts tun, um ihn aus dem Koma aufzuwecken … Und falls er aufwacht, können wir nicht vorhersagen, in welchem Zustand. Alles hängt von den Hirnverletzungen ab. Unser Freund hatte die Schwelle des Todes überschritten, verstehen Sie? Die Sauerstoffversorgung war eine Zeit lang unterbrochen, was zweifellos Schäden verursacht hat.«

»Gibt es nicht verschiedene Formen des Komas?«

»Ja, mehrere. Den vegetativen Zustand, in dem der Patient auf gewisse Reize reagiert, und das echte Koma. Ihr Freund scheint sich genau an der Grenze zwischen den beiden zu befinden. Aber Sie sollten den Neurologen, Éric Thuillier, aufsuchen.« Ich schrieb den Namen in mein Notizbuch. »Er führt gerade die Tests durch. Melden Sie sich für morgen an.«

Er sah erneut auf die Uhr und senkte dann die Stimme:

»Etwas anderes … Ich habe nicht gewagt, seine Frau danach zu fragen, aber hat Ihr Freund Drogen genommen?«

»Nein. Wieso?«

»Wir haben in seiner Ellenbeuge Einstichstellen gefunden.«

»War er vielleicht in ärztlicher Behandlung?«

»Seine Frau sagt, nein.«

Der Arzt zog seinen Kittel aus und reichte mir die Hand:

»Ich muss jetzt auf eine andere Station.«

Ich sah, wie die Türen ein weiteres Mal aufgingen. Laure. Auch Lucs Frau trug einen Kittel aus Zellstoff und eine Haube. Sie taumelte eher, als dass sie ging. Ich eilte auf sie zu. Sie wich zurück, als ob ihr meine Stimme oder meine Anwesenheit Angst einjagte. Ihr Gesichtsausdruck war kalt und unergründlich.

»Laure, wenn du irgendetwas brauchst …«

Sie schüttelte den Kopf. Sie war noch nie eine Schönheit gewesen, aber jetzt glich sie einem Gespenst. Sie sprach leise und hastig:

»Gestern Abend hat er uns gesagt, wir sollten ohne ihn zurückfahren. Er wollte in Vernay bleiben. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich weiß nicht …«

Ihr Flüstern wurde unhörbar. Ich hätte sie in den Arm nehmen sollen, aber ich brachte es nicht über mich. Weder jetzt noch zu einem anderen Zeitpunkt. Ich sagte aufs Geratewohl:

»Er wird durchkommen, ganz bestimmt. Man …«

Sie warf mir einen eisigen Blick zu. Ihre Augen funkelten feindselig.

»Das kommt nur von eurem Job, eurem bescheuerten Job.«

»Aber  es ist …«

Ehe ich den Satz zu Ende bringen konnte, brach Laure in Tränen aus. Wieder hätte ich gern mein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht, aber ich konnte Laure nicht berühren. Ich schlug die Augen nieder und bemerkte, dass sie den Mantel, den sie unter dem Kittel trug, falsch zugeknöpft hatte. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre angesichts dieses Details selbst in Schluchzen ausgebrochen. Nachdem sie sich die Nase geschnäuzt hatte, sagte sie leise:

»Ich muss gehen … Die Kinder warten.«

»Wo sind sie?«

»In der Schule. Ich habe sie dort gelassen.«

Ich hatte ein Rauschen in den Ohren. Unsere Stimmen wurden wie von Watte gedämpft.

»Soll ich dich hinfahren?«

»Ich bin mit dem Auto gekommen.«

Während sie sich abermals schnäuzte, beobachtete ich sie. Schmales Gesicht, Hasenzähne, an der Seite graue Locken, die den Schläfenlocken von Rabbinern glichen. Ungewollt musste ich an eine Äußerung von Luc denken. Eine jener zynischen Floskeln, auf die er sich so ausgezeichnet verstand: »Das Problem Frau muss man so schnell wie möglich lösen, um es ad acta legen zu können.«

Genau dies hatte er getan, indem er die junge Frau aus ihrer Heimat, den Pyrenäen, hierher verpflanzt und mit ihr schnell hintereinander zwei Kinder gezeugt hatte. Ich sagte, weil mir nichts Besseres einfiel:

»Ich ruf dich heute Abend an.«

Sie nickte und verschwand in Richtung Umkleideraum. Ich drehte mich um: Der Anästhesist war verschwunden. Nur Svendsen stand noch da – der unvermeidliche Svendsen. Mein Blick fiel auf den Kittel, den der Doktor auf einem Stuhl zurückgelassen hatte. Ich griff danach:

»Ich gehe zu Luc rein.«

»Lass es sein.« Er stoppte mich mit einem festen Handgriff. »Der Doktor hat uns doch gerade gesagt, dass sie Tests mit ihm durchführen.«

Ungehalten machte ich mich von seinem Griff los. Da sagte er in beschwichtigendem Tonfall:

»Komm morgen wieder, Mat. Das wäre für alle besser.«

Mein Zorn legte sich. Svendsen hatte recht. Ich musste die Ärzte ihre Arbeit machen lassen. Was hätte ich davon, meinen Freund zu sehen, wie er an Schläuchen und Infusionen hing.

Mit einer Handbewegung verabschiedete ich mich von dem Gerichtsmediziner und stieg die Treppe hinunter. Mein Kopfweh ließ nach. Gedankenverloren ging ich in Richtung Station für Strafgefangene, auf der verletzte Tatverdächtige und Drogenabhängige auf Entzug behandelt wurden. Doch dann blieb ich stehen. Bloß keinem mir bekannten Polizisten begegnen! Ich wollte keine rührseligen Beileidsbezeigungen oder mitfühlenden Worte hören.

Ich nahm den Weg zur Haupteingangshalle. Am Ausgang zog ich mein Paket Camel ohne Filter heraus und zündete mir eine an. Ich atmete den ersten Zug tief ein.

Mein Blick fiel auf den Warnhinweis, der auf das Paket geklebt war: RAUCHEN KANN EINEN LANGSAMEN UND SCHMERZHAFTEN TOD ZUR FOLGE HABEN! Ans Gitter gelehnt, nahm ich einige Züge und ging dann nach links, zum Gebäude, das den Mittelpunkt meines Lebens bildete: Quai des Orfèvres, Nr. 36. Plötzlich besann ich mich anders und wandte mich nach rechts, dem zweiten Angelpunkt meines Lebens zu.

Der Kathedrale Notre-Dame.

Kapitel 2

Schon am Portal begannen die Warnhinweise: Vorsicht, Taschendiebe! Aus Sicherheitsgründen ist die Mitnahme von Gepäckstücken verboten! Bitte ruhig verhalten … Ungeachtet der vielen Menschen hatte ich immer das gleiche Gefühl, wenn ich das Innere von Notre-Dame betrat.

Ich gebrauchte die Ellbogen und erreichte das marmorne Weihwasserbecken. Ich tauchte die Fingerspitzen ins Wasser und bekreuzigte mich, während ich mich gleichzeitig vor der Madonna verneigte. Ich spürte, wie der Kolben meiner USP 9-mm-Para gegen meine Hüfte drückte. Lange Zeit hatte ich ein Problem mit meiner Dienstwaffe gehabt. Durfte man eine Pistole mit in die Kirche nehmen? Zunächst hatte ich sie unter dem Sitz meines Wagens versteckt, dann wollte ich nicht länger jedes Mal den Umweg über den Parkplatz des Hauptquartiers der Mordkommission machen. Ich wollte unter den Flachreliefs der Kathedrale nach einem Versteck suchen, aber das wäre zu gefährlich gewesen. Schließlich stand ich zu dieser Freveltat. Hatten die Kreuzritter vielleicht ihre Schwerter abgelegt, als sie in den Jerusalemer Tempel eindrangen?

Im Lichtschein großer Kerzen ging ich den rechten Gang entlang, vorbei an Beichtstühlen. Mit jedem Schritt wurde ich ruhiger – das Halbdunkel im Innern der Kirche tat mir wohl. Ein Ort der Gegensätze: Ein schwerer Frachter aus Stein auf einem dunklen Meer, zugleich von betörend herber und würziger Leichtigkeit: Weihrauch- und Wachsdüfte und die kühle Frische von Marmor.

Der Warteschlange vor der Schatzkammer wich ich aus und gelangte am Ende des Chors in »meine« Kapelle – die Stätte der Andacht, in der ich jeden Abend betete.

Unsere liebe Frau der Sieben Schmerzen. Einige schwach erleuchtete Bänke, ein Altar, auf dem unechte Kerzen und liturgische Gegenstände standen. Ich schlüpfte in eine Bank auf der rechten Seite und ging bis ans Ende durch, wo ich mich ungestört fühlte. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, ertönte auch schon eine Stimme in mir:

»Schau dir die Penner an!«

Luc stand neben mir – Luc im Alter von vierzehn Jahren, hager und rothaarig. Ich war nicht mehr in Notre-Dame, sondern in der Kapelle der Realschule Saint-Michel-de-Sèze, im Kreis der Schüler der 9. Klasse. Mit seiner schneidenden Stimme fuhr Luc fort:

»Wenn ich Priester bin, stehen all meine Schäfchen. Wie in einem Rockkonzert!«

Lucs Mut beeindruckte mich. Mein Glaube erschien mir damals als ein unerhörter Makel, denn die anderen Schüler hassten den Religionsunterricht. Und da kam dieser Bengel und behauptete, Priester werden zu wollen – ein Priester mit einer Schwäche für Rock ’n’ Roll!

»Ich heiße Luc«, sagte er, »Luc Soubeyras. Ich hab gehört, dass du unter deinem Kopfkissen eine Bibel versteckst. Wie kann man nur so blöd sein. Aber du bist nicht allein, es gibt hier noch einen zweiten: mich.« Er faltete die Hände. »Selig sind diejenigen, die verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.« Dann hielt er die flache Hand Richtung Chordecke, damit ich einschlug.

Das Geräusch unserer aufeinanderschlagenden Hände holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich blinzelte und befand mich wieder in meinem Refugium in Notre-Dame. Das kalte Gemäuer, die Weidenruten der Betstühle, die hölzernen Rückenlehnen … Wieder tauchte ich in die Vergangenheit ein.

An jenem Tag hatte ich den eigenwilligsten Schüler von Saint-Michel-de-Sèze kennengelernt. Er redete wie ein Wasserfall, war arrogant und sarkastisch, aber zugleich von einer glühenden Gläubigkeit. Es waren die ersten Monate des Schuljahrs 1981–1982. Luc, der in die 9b ging, war schon seit zwei Jahren auf dieser Schule. Er war groß und dürr, wie ich, aber auch nervös und hektisch. Abgesehen von unserer Statur und unserem Glauben hatten wir noch eine weitere Gemeinsamkeit: Wir trugen die Namen von Aposteln. Er den des Evangelisten, dem Dante den Beinamen »der Schriftgelehrte« gegeben hatte, weil sein Evangelium mit besonderer Kunstfertigkeit geschrieben ist. Ich den des Matthäus, des Zöllners und Gesetzeshüters, der Christus folgte und jedes seiner Worte aufzeichnete.

Doch das war es dann auch schon mit unseren Gemeinsamkeiten. Ich war in Paris geboren, im vornehmen 16. Arrondissement. Luc Soubeyras stammte aus Aras, einem Geisterdorf im Departement Hautes-Pyrénées. Mein Vater hatte in den siebziger Jahren in der Werbebranche ein Vermögen gemacht. Luc war der Sohn von Nicolas Soubeyras, einem Lehrer, Kommunisten und Amateur-Höhlenforscher, der in der Region bekannt war, weil er sich ohne Uhr oder sonstigen Zeitmesser tief in Gebirgshöhlen vorgewagte hatte und vor drei Jahren in einer dieser Höhlen verschollen war. Ich war als Einzelkind in einer Familie aufgewachsen, die Zynismus und Großspurigkeit zu absoluten Werten erhoben hatte. Wenn Luc nicht im Internat war, lebte er bei seiner Mutter, einer beurlaubten Beamtin und alkoholkranken gläubigen Christin, die nach dem Tod ihres Mannes durchgeknallt war.

So viel zu unserem sozialen Hintergrund. Auch unser Status als Schüler war unterschiedlich. Ich besuchte das Jesuitenkolleg Saint-Michel-de-Sèze, weil es eines der renommiertesten und teuersten Privatinternate in Frankreich, aber vor allem sehr weit weg von Paris war. Es bestand keine Gefahr, dass ich mit meinen trübseligen Gedanken und meinen mystischen Krisen am Wochenende bei meinen Eltern hereinschneite. Luc dagegen besuchte das Kolleg, weil er als Waise ein Stipendium von den Jesuiten erhalten hatte, die das Internat führten.

Schließlich begründete dies eine letzte Gemeinsamkeit zwischen uns: Wir waren allein. Und so vertrieben wir uns die Zeit an den endlosen Wochenenden, an denen das Kolleg verwaist war, mit stundenlangen Gesprächen darüber, was wir später einmal werden wollten.

Wir gefielen uns darin, unsere jeweiligen Erweckungserlebnisse literarisch zu verklären, indem wir uns mit Claudel verglichen, dem sich Gott in Notre-Dame offenbart hatte, und mit Augustinus, der in einem Garten in Mailand das göttliche Licht empfing. Mein Erweckungserlebnis hatte ich im Alter von sechs Jahren zu Weihnachten. Als ich mein Spielzeug unter dem Tannenbaum betrachtete, rutschte ich buchstäblich in eine kosmische Spalte hinein. Ich hielt einen roten Spielzeugwagen in Händen, als ich plötzlich begriff, dass sich hinter jedem Gegenstand eine unsichtbare, unermessliche Wirklichkeit verbarg. Ich blickte kurz hinter die Kulissen der Erscheinungswelt, die ein Geheimnis verschleierten; von dort vernahm ich einen Ruf. Ich ahnte, dass dieses Mysterium die Wahrheit in sich barg. Obgleich – oder vielmehr: gerade weil – ich noch keine Antwort besaß. Ich stand am Anfang des Weges – und meine Fragen stellten bereits eine Antwort dar. Später las ich bei Augustinus: »Der Glaube sucht, die Vernunft findet …«

Lucs Erweckungserlebnis war anders als meines nicht diskret und intim, sondern explosiv und spektakulär gewesen. Er behauptete, mit eigenen Augen die Macht Gottes gesehen zu haben, als er seinen Vater auf einen Erkundungsgang ins Gebirge begleitete, wo er nach einer Höhle suchte. Das war 1978. Er war damals elf. Auf einer schimmernden Felswand hatte er das Antlitz Gottes gesehen. Und in diesem Moment hatte er begriffen, dass die Welt eine große Einheit bildete und Gott, der Herr, in allen Dingen war – in jedem Stein, jedem Grashalm, jedem Windstoß. Anders gesagt: Jeder Teil, selbst der winzig kleinste, enthielt das Ganze. Luc hatte diese Überzeugung nie mehr in Frage gestellt.

In Saint-Michel-de-Sèze hatte sich unsere Inbrunst – bei ihm eher laut und extrovertiert, bei mir eher leise – entfalten können. Nicht weil die Schule katholisch war – im Gegenteil, wir verachteten unsere Lehrer, die jesuitische Frömmler waren –, sondern weil die Gebäude des Internats um ein Zisterzienserkloster auf einer Anhöhe lagen.

Dort trafen wir uns. Vom Fuß des Kirchturms aus bot sich ein Rundblick auf das Tal. Der zweite, unser Lieblingstreffpunkt, lag unter dem Gewölbe des Kreuzgangs, der von Apostelstatuen gesäumt wurde. Im Schatten der verwitterten Gesichter von Jakobus dem Älteren mit seinem Pilgerstab oder von Matthäus mit seiner Axt ließen wir die Vergangenheit wieder lebendig werden.

Mit dem Rücken an die Säulen gelehnt, drückten wir unsere Zigarettenkippen aus und beschworen unsere Helden herauf – die ersten Märtyrer, die in die Welt hinauszogen, um das Wort Gottes zu verbreiten, und die in römischen Arenen ihr Ende fanden –, aber auch Augustinus, Thomas von Aquin, Johannes vom Kreuz und so weiter. Wir sahen uns in Gedanken selbst als Glaubenskrieger, Theologen, Kreuzritter der Moderne, die das Kirchenrecht von Grund auf erneuerten, die alten Kurienkardinäle auf Trab brachten und neue Strategien ersannen, um das Christentum weltweit zu verbreiten.

Während die anderen Internatsschüler Ausflüge in die Schlafsäle der Schülerinnen unternahmen, diskutierten wir endlos über das Mysterium des Abendmahls, redeten uns die Köpfe über das Zweite Vatikanische Konzil heiß, das uns nicht weit genug gegangen war. Ich roch wieder den Duft von geschnittenem Gras im Innenhof des Klosters, spürte das zerknüllte Papier von Gauloises-Päckchen in meiner Hand und hörte unsere pubertären Stimmen, die sich schrill überschlugen und schließlich in schallendem Gelächter endeten. Unser Getuschel endete immer mit den letzten Worten aus dem Tagebuch eines Landpfarrers von Georges Bernanos: »Was macht das schon? Allein die Gnade zählt.« Damit war alles gesagt.

Die Orgeln von Notre-Dame holten mich zurück in die Gegenwart. Es war 17.45 Uhr. Die Montagsvesper begann. Ich stand auf. Da durchzuckte mich ein heftiger Schmerz. Ich erinnerte mich daran, wie ernst die Lage war: Luc zwischen Leben und Tod; ein Selbstmordversuch, eine Tat tiefster Verzweiflung.

Ich setzte mich wieder in Bewegung, halb hinkend, die Hand auf der linken Leiste. Ich hielt mich an der Heckler & Koch fest, die an meinem Gürtel schon lange die vorschriftsmäßige Manhurin ersetzt hatte. Ein Gespenst von einem Polizisten, dessen Schatten sich vor ihm herschlängelte, passend zu den langen weißen Stoffbahnen am Gerüst um den Chor, der restauriert wurde.

Draußen traf mich ein weiterer Schlag. Nicht wegen des Tageslichts, sondern aufgrund einer Erinnerung, die mich wie ein Dolch durchbohrte. Das schneeweiße Gesicht von Luc, der in lautes Gelächter ausbricht. Sein rötliches Haar, seine gekrümmte Nase, seine fein geschwungenen Lippen und seine großen grauen Augen.

In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich hatte das Wichtigste übersehen. Luc Soubeyras würde sich niemals das Leben nehmen. So einfach war das. Ein Katholik seines Schlags brachte sich nicht um. Das Leben war für ihn ein Geschenk Gottes, über das der Mensch nicht verfügen sollte.

Kapitel 3

Zentrale der Pariser Kriminalpolizei, Quai des Orfèvres Nr. 36. Lange Flure. Dunkelgrauer Boden. Stromkabel, die an der Decke kleben. Büros mit schrägen Wänden. Ich nahm diese Räume schon gar nicht mehr bewusst wahr und bewegte mich darin wie ein Fisch im Wasser. Selbst der Geruch von Tabak oder Schweiß hätte meine Aufmerksamkeit nicht mehr wecken können.

Allerdings hatte ich ein leicht unangenehmes Gefühl von Nässe, das mich nicht mehr verließ, als bewegte ich mich in einem lebenden Organismus, der im Begriff war, sich aufzulösen. Das war natürlich nur eine Halluzination, die mit meinem Aufenthalt in Afrika zusammenhing. Meine Wahrnehmung hatte sich dort auf seltsame Weise verändert; feste Gegenstände erschienen mir als feuchte Lebewesen.

Durch die einen Spalt weit offen stehenden Türen schnappte ich unmissverständliche Blicke auf – alle wussten Bescheid. Ich ging schneller, um nicht Fragen nach dem Befinden Lucs beantworten oder Banalitäten über die Verzweiflung, in die uns unser Beruf trieb, austauschen zu müssen. Ich nahm die Post, die sich in meinem Fach angehäuft hatte, heraus und zog die Tür zu meinem Büro hinter mir zu.

Diese Blicke gaben mir einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde. Jeder würde sich nach dem Motiv von Lucs Tat fragen. Eine Untersuchung würde eingeleitet werden. Die Jungs von der Abteilung Interne Ermittlungen würden sich einschalten. Zwar würde die Hypothese einer Depression vorrangig verfolgt, aber die Typen von der Internen Ermittlung würden in Lucs Vergangenheit herumschnüffeln. Überprüfen, ob er vielleicht spielsüchtig oder verschuldet war, ob er vielleicht krumme Geschäfte mit seinen Spitzeln ausgeheckt und sich strafbar gemacht hatte.Routineermittlungen, bei denen bestimmt nichts herauskam, die jedoch alles in den Schmutz ziehen würden.

Übelkeit, Lust zu schlafen. Ich zog meinen Trenchcoat aus, behielt aber trotz der Hitze mein Sakko an. Das vertraute Gefühl des Seidenfutters beruhigte mich. Eine zweite Haut. Nachdem ich mich auf meinen Stuhl gesetzt hatte, betrachtete ich meine dritte Haut: mein Büro. Fünf Quadratmeter ohne Fenster, wo sich die Akten fast bis an die Decke stapelten.

Ich warf einen Blick auf den Stoß von Schriftstücken, die ich im Vorbeigehen mitgenommen hatte. Vernehmungs- und Festnahmeprotokolle, Telefonrechnungen, Kontoauszüge von Verdächtigen, Beschlagnahmeverfügungen, die mir endlich von den Richtern bewilligt wurden. Und außerdem: die kriminalpolizeiliche Presseschau, die morgens und abends herauskam und vom Innenministerium erstellt wurde, sowie Fernschreiben, die die wichtigsten Kriminalfälle im Großraum Paris zusammenfassten. Das übliche Schlammbad. Und alles von meinen Stellvertretern mit Haftnotizen beklebt, auf denen sie die Erfolge und Misserfolge des Tages verzeichnet hatten.

Starker Widerwille. Nicht einmal meine Nachrichten wollte ich abhören. Stattdessen rief ich die Gendarmerie von Nogent-le-Rotrou an, der Stadt, die Vernay am nächsten lag, und verlangte, mit dem Capitaine zu sprechen, der die Rettungsmaßnahmen bei der Bergung Lucs geleitet hatte. Der Mann bestätigte Svendsens Angaben. Der mit Ballast beschwerte Körper, die Einlieferung in der Notaufnahme, die Reanimation.

Ich legte auf, tastete meine Sakkotaschen ab, fand meine Zigaretten. Ich zog eine heraus, nahm mein Feuerzeug und genoss, während ich nachdachte, das Ritual in allen Einzelheiten. Das behagliche Rascheln der Schachtel; der orientalische Duft, der ihr entströmte, vermischt mit dem Benzingeruch des Zippo; die Tabakkrümel, die an meinen Fingern klebten, und schließlich der heiße Rauch, den ich tief einsog 

18 Uhr. Ich begann endlich damit, die Dokumente zu entziffern. Die Haftnotizen. Erste Zeichen der Solidarität: »Mit Dir. Franck«, »Noch ist nicht alles verloren. Gilles«, »Jetzt gilt es, ruhiges Blut zu bewahren! Philippe«. Ich löste die Zettel ab und legte sie beiseite.

Dann erst stürzte ich mich in die Arbeit und machte eine Bestandsaufnahme der positiven und negativen Punkte des Tages. Foucault informierte mich, dass die Kriminalpolizeidirektion von Louis Blanc uns die Akte über eine mit Schnitten übersäte Leiche nicht herausgeben wollte, die in der Nähe der Métro-Station Stalingrad gefunden worden war. Dieser Mord konnte etwas mit einer Abrechnung unter Dealern in La Villette zu tun haben, in der wir seit einem Monat ermittelten. Die Weigerung erstaunte mich nicht weiter. Es ging immer um die alte Rivalität zwischen Kriminalpolizeidirektion und Mordkommission. Jeder für sich, und die Leichen werden eifersüchtig gehütet.

Die folgende Nachricht war konstruktiver. Vor fünfzehn Tagen hatte mich ein Kollege aus meinem Jahrgang, der bei der Kriminalpolizeidirektion Cergy-Pontoise arbeitete, in einem Mordfall um Rat gefragt: Eine neunundfünfzigjährige Kosmetikerin war ermordet auf ihrem Parkplatz aufgefunden worden. Sechzehn Schnitte mit einem Rasiermesser. Kein Raubüberfall, keine Vergewaltigung. Kein Zeuge. Die Ermittler tippten zunächst auf ein Verbrechen aus Leidenschaft, dann auf einen perversen, psychopathischen Täter – aber beide Ansätze verliefen im Sand.

Als ich die Fotos der Leiche betrachtete, fielen mir mehrere Details auf. Die Angriffswinkel des Rasiermessers verrieten, dass der Mörder die gleiche Größe hatte wie sein Opfer, das eher klein war. Die Waffe war ungewöhnlich: ein kurzer, altmodischer Säbel, den man nur noch in Trödelläden fand und der auch von einer Frau benutzt worden sein könnte. Bei Abrechnungen zwischen Prostituierten beispielsweise kam diese Waffe zum Einsatz – eine Waffe, die die Gegnerin entstellte –, wohingegen Männer eher Messer einsetzten und dem anderen Stichverletzungen im Bauchraum zuzufügen versuchten.

Vor allem aber konzentrierten sich die Verletzungen aufs Gesicht, die Brust und den Unterleib. Der Mörder hatte sich die Körperregionen ausgesucht, in denen sich das Geschlecht des Opfers ausdrückte. Er hatte vornehmlich auf das Gesicht gezielt und auf die Nase, die Lippen und die Augen eingestochen. Durch die Entstellung des Opfers wollte sich der Mörder oder die Mörderin womöglich selbst treffen, indem er sein Spiegelbild zerstörte. Auch das Fehlen von Abwehrverletzungen, die durch Kampf- und Schutzbewegungen hervorgerufen werden, war mir aufgefallen: Die Kosmetikerin hegte keinen Argwohn. Sie kannte den Angreifer. Ich hatte meinen Kollegen von der KPD Cergy gefragt, ob die Tote eine Tochter oder Schwester habe. Mein Jahrgangskumpel hatte mir versprochen, die Angehörigen erneut zu vernehmen. Auf der Haftnotiz stand lediglich: »Die Tochter hat gestanden!«

Ich legte die Telefonrechnungen und die Kontoauszüge beiseite, weil ich zu zerstreut war, um sie gründlich auszuwerten. Ich wandte mich einem anderen Aktenbündel zu, das frisch gedruckt worden war: eine Tatbestandsaufnahme von einem Tatort, den ich am Vortag verpasst hatte. Der dritte Mann in meiner Gruppe, Meyer, war der Pedant des Teams, sein »Schriftsteller«. Als studierter Philologe verwandte er große Sorgfalt auf die Abfassung dieser Protokolle – und verstand es, die Tatorte von Morden plastisch zu schildern.

Ich war sofort in der Geschichte drin. Le Perreux vor zwei Tagen. Um die Mittagszeit hatten ein oder mehrere Angreifer ein Schmuckgeschäft überfallen, bevor die Geschäftsführerin Alarm auslösen konnte. Sie hatten die Kasse, den Schmuck – und die Frau – mitgenommen. Am nächsten Morgen war die Juwelierin tot in einem Waldstück am Ufer der Marne aufgefunden worden, zur Hälfte mit Erde bedeckt. Meyer beschrieb den Fundort der Leiche, den Humus und das Laub. Und die Schuhe, die im rechten Winkel zum aufgeschütteten Grab standen. Was hatte das mit den Schuhen zu bedeuten?

In meinem Gedächtnis nahm eine Erinnerung Gestalt an. Während meiner »humanitären« Phase, bevor ich Afrika bereiste, war ich in den nördlichen Pariser Vororten in einem Bus herumgefahren und hatte Lebensmittel, Kleidung und Medikamente an obdachlose Familien verteilt, die unter den Brücken des Boulevard Périphérique hausten. Bei dieser Gelegenheit hatte ich mich mit der Kultur der Roma beschäftigt. Hinter ihrem heruntergekommenen, verwahrlosten Äußeren verbarg sich eine straff organisierte Gemeinschaft, bei der insbesondere die Beziehung zwischen den Geschlechtern und die Beisetzung der Toten strengen Regeln unterlagen. Bei einer Beerdigung, an der ich teilnahm, war mir ein rätselhaftes Schuhritual aufgefallen. Die Roma hatten dem Leichnam vor der Bestattung die Schuhe ausgezogen und die Stiefel neben das Grab gestellt. Weshalb? Ich erinnerte mich nicht mehr, aber ich hielt es für angezeigt, dieser Parallele auf den Grund zu gehen.

Ich griff zum Telefon und rief Malaspey an, den Kühlsten und Verschlossensten meiner Leute. Der Einzige, der mit Sicherheit nicht mit mir über Luc sprechen würde. Ich bat ihn, einen Experten für die Roma-Kultur aufzutreiben und etwas über ihre Bestattungsriten herauszufinden. Falls sich mein Verdacht bestätigte, müssten wir bei den Roma-Gemeinschaften im Departement Val-de-Marne Nachforschungen anstellen. Malaspey stimmte mir zu und legte auf, ohne dass ein persönliches Wort gefallen wäre – genau so, wie ich es erwartet hatte.

Zurück zum Papierkram. Vergeblich. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Ich legte die Vernehmungsprotokolle zur Seite und betrachtete meine Rumpelkammer, an deren Wänden sich die Akten der ungelösten Fälle stapelten. Fälle, deren Akten ich nicht schließen wollte. Ich war der einzige Ermittler in der Mordkommission, der diese Dokumente aufhob. Der Einzige, der ihre Verjährungsfrist – bei Bluttaten zehn Jahre – voll ausschöpfte, indem ich hin und wieder eine Vernehmung durchführte oder einem neuen Hinweis nachging.

Mein Blick fiel auf das mit Reißzwecken auf einer Aktenmappe befestigte Foto eines jungen Mädchens. Cecilia Bloch, deren verbrannter Körper 1984 einige Kilometer von Saint-Michel-de-Sèze entfernt aufgefunden worden war. Der Täter war nie gefunden worden – das einzige Indiz waren die Aerosol-Spraydosen, mit deren Hilfe die Leiche angezündet worden war. Damals war ich Internatszögling in Sèze, und die Tat ging mir nicht aus dem Sinn. Eine Frage ließ mir keine Ruhe: Hatte der Mörder die Kleine zuerst getötet oder sie bei lebendigem Leib verbrannt? Nachdem ich Polizist geworden war, hatte ich die Akte ausgegraben, den Tatort besichtigt und die Gendarmen sowie die Anwohner befragt – ohne Ergebnis.

Das Foto eines weiteren Kindes hing an der Wand. Ingrid Coralin. Eine Waise, die mittlerweile zwölf Jahre alt sein musste und ihre Kindheit in Heimen verbracht hatte. Ich war indirekt für den Tod ihrer Eltern im Jahr 1996 verantwortlich und überwies ihr anonym eine feste Summe.

Cecilia Bloch, Ingrid Coralin.

Meine vertrauten Phantome, meine einzigen »Kinder« 

Ich schüttelte die Gedanken ab. Es war fast 20 Uhr – Zeit zu handeln. Ich stieg eine Etage nach oben, gab den Zugangscode zum Rauschgiftdezernat ein und betrat die Räumlichkeiten. Rechter Hand kam ich an dem Open Space des Ermittlungsteams von Luc vorbei. Kein Mensch. Man hätte meinen können, dass sie sich alle irgendwo anders versammelt hatten – vielleicht in einem ihrer Stammlokale, um in Ruhe einen zu heben. Lucs Männer waren die hartgesottensten Burschen in der Kripozentrale am Quai des Orfèvres. Ich wünschte den Typen von der Internen Ermittlung, die sie vernehmen würden, viel Glück. Aber sie würden bei ihnen auf Granit beißen.

Ich kam an der Tür von Lucs Dienstzimmer vorbei; ohne stehen zu bleiben, warf ich einen Blick in die Nebenzimmer: niemand. Ich kehrte um, drückte die Türklinke herunter – abgeschlossen. Aus meiner Tasche zog ich einen Schlüsselbund und hatte das Schloss nach wenigen Sekunden geöffnet. Lautlos betrat ich den Raum.

Luc hatte aufgeräumt. Der Schreibtisch blitzeblank. An den Wänden nicht ein Steckbrief. An der Magnettafel keine Tatortfotos. Auf dem Boden keine einzige liegen gebliebene Akte. Wenn Luc wirklich hätte Schluss machen wollen, wäre er nicht anders vorgegangen. Der Hang zur Verschwiegenheit war einer seiner hervorstechenden Charakterzüge.

Einige Sekunden verharrte ich reglos und ließ den Raum auf mich wirken. Lucs Büro war nicht größer als meines, hatte jedoch ein Fenster. Ich ging um den Schreibtisch herum – ein Möbelstück aus den dreißiger Jahren, das Luc in einem Trödelladen gekauft hatte – und näherte mich der Korktafel hinter dem Sessel. Dort hingen einige Fotos. Porträts des achtjährigen Camille und der sechsjährigen Amandine. Im Halbdunkel schwebte ihr Lächeln auf dem Glanzpapier wie auf der Oberfläche eines Sees. Auch Kinderzeichnungen waren zu sehen – von Feen, von Häusern, in denen eine kleine Familie wohnte, von »Papa« der, mit einer übergroßen Pistole bewaffnet, Jagd auf »Drogenhändler« machte. Ich legte meine Finger auf die Aufnahmen und flüsterte: »Was hast du getan? Verdammt, was hast du nur getan …?«

Ich öffnete sämtliche Schubladen. In der ersten Büroartikel, Handschellen, eine Bibel. In der zweiten und dritten Schublade Fälle aus jüngster Zeit – erledigte Fälle. Tadellose Berichte, minutiöse Dienstanweisungen. Noch nie hatte Luc so viel Ordnungssinn bei der Arbeit gezeigt. Eine echte Inszenierung. Das Büro eines Klassenbesten.

Ich blieb vor dem Computer stehen. Der PC würde wohl kaum den Schlüssel zur Lösung des Falles enthalten, aber ich wollte auf Nummer Sicher gehen. Ich drückte automatisch die Leertaste. Der Bildschirm leuchtete auf. Ich griff nach der Maus und klickte auf eines der Icons. Eingabe eines Passworts. Aufs Geratewohl gab ich das Geburtsdatum Lucs ein. Fehlermeldung. Die Vornamen Camille und Amandine. Wieder Fehlermeldungen. Ich wollte eine vierte Möglichkeit ausprobieren, als das Licht anging.

»Was machst du denn da?«

In der Tür stand Patrick Doucet, genannt »Doudou«, die Nummer zwei in Lucs Team. Er trat einen Schritt vor und fragte noch einmal:

»Was, verdammt nochmal, machst du in diesem Büro?«

Er zischte diese Worte zwischen zusammengepressten Lippen hervor. Mir verschlug es die Stimme. Doudou war der gefährlichste des ganzen Teams. Ein Hitzkopf, der sich mit Amphetaminen zudröhnte, seine ersten Sporen beim Sondereinsatzkommando verdient hatte, und der nichts lieber tat, als Verbrecher auf frischer Tat zu ertappen. Er war an die Dreißig, hatte das Gesicht eines gefallenen Engels und die breiten Schultern eines Bodybuilders, die in einem abgewetzten Lederblouson steckten. An den Seiten trug er die Haare kurz, im Nacken lang. Eigenwilliges Detail: An der rechten Schläfe hatte er sich drei Krallen ausrasieren lassen.

Doudou zeigte auf den beleuchteten Bildschirm.

»Immer in der Scheiße rumwühlen, wie?«

»Wieso Scheiße?«

Er antwortete nicht. Er zuckte nur herausfordernd mit den Schultern. Sein Blouson ging auf, und zum Vorschein kam der Kolben einer Glock 21 Kaliber .45, der regulären Pistole der Gruppe.

»Du hast ’ne Fahne!«, sagte ich.

Doudou kam näher. Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube wich ich zurück.

»Was ist schon dabei, mal einen zu heben?«

Meine Vermutung war richtig gewesen. Lucs Männer waren losgezogen, um sich einen hinter die Binde zu gießen. Wenn jetzt die anderen auftauchten, würden sie mich vielleicht lynchen.

»Was suchst du hier?«, fauchte er mich an.

»Ich will herausfinden, wieso es mit Luc so weit kommen konnte.«

»Schau dir nur dein Leben an. Dann weißt du’s!«

»Luc würde nie Selbstmord begehen, egal, wie schlimm er dran wäre. Das Leben ist ein Geschenk Gottes und …«

»Verschon mich mit deinen Predigten.«

Doudou ließ mich nicht aus den Augen. Nur der Schreibtisch trennte uns. Mir fiel auf, dass er leicht taumelte. Diese Beobachtung beruhigte mich. Stockbesoffen. Ich beschloss, kein Blatt vor den Mund zu nehmen:

»Wie war er in den letzten Wochen drauf?«

»Was geht dich das an?«

»Woran hat er gearbeitet?«

Doudou fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Ich schlich an der Wand entlang und wich vor ihm zurück:

»Irgendetwas muss vorgefallen sein …«, fuhr ich fort, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Vielleicht eine Ermittlung, die ihn am Boden zerstört hat …«

Doudou grinste höhnisch:

»Wonach suchst du? Ein Fall, der einen in den Tod treibt?«

In seinem Suff hatte er das passende Wort gefunden. Wenn ich zu dem Schluss gelangen müsste, dass Luc Selbstmord begangen hat, wäre dies eine meiner Hypothesen: Ein Ermittlungsverfahren, das ihn in tiefste, ausweglose Verzweiflung stürzte. Ein Fall, der seinen katholischen Glauben erschütterte. Ich bohrte nach:

»Woran habt ihr, verdammt nochmal, gearbeitet?«

Doudou verfolgte mich aus den Augenwinkeln, während ich weiter vor ihm zurückwich. Statt zu antworten, rülpste er laut. Ich grinste nun auch:

»Spiel dich ruhig auf. Morgen werden dich die Typen von der Internen durch die Mangel drehen.«

»Die können mich mal!«

Er schlug mit der Faust auf den Computer. Sein Gliederarmband funkelte golden. Er schrie:

»Luc hat sich nichts vorzuwerfen, kapiert? Wir haben uns nichts vorzuwerfen! Verdammt!«

Ich kehrte um und schaltete vorsichtig den Computer aus.

»Wenn das so ist«, sagte ich leise, »solltest du deine Einstellung ändern.«

»Jetzt schwafelst du wie ’n Anwalt.«

Ich pflanzte mich vor ihm auf. Ich hatte seine verächtliche Art satt:

»Hör gut zu, Schwachkopf, Luc ist mein bester Kumpel, okay? Also stier mich nicht an wie ein Ochse. Ich werde herausfinden, weshalb er das getan hat. Und du wirst mich nicht daran hindern.«

Mit diesen Worten strebte ich der Tür zu. Als ich den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, zischte Doudou in meinem Rücken:

»Niemand wird singen, Durey. Aber wenn du in der Scheiße stocherst, wirst du uns alle in den Schmutz ziehen.«

»Wie wär’s dann, wenn du mir ein bisschen mehr erzählen würdest?«, versetzte ich.

Statt zu antworten, zeigte er mir nur einen starr nach oben gerichteten Mittelfinger.

Kapitel 4

Unter freiem Himmel.

Eine Treppe unter freiem Himmel. Als ich die Wohnung zum ersten Mal besichtigt hatte, wusste ich sofort, dass ich sie genau deswegen nehmen würde. Mit Terrakottafliesen belegte Stufen einer Wendeltreppe mit einem efeuumrankten Eisengeländer in einem Innenhof aus dem 18. Jahrhundert. Auf Anhieb fühlte ich mich hier wohl. Ich stellte mir vor, wie ich von der Arbeit nach Hause kam und alle Sorgen des Alltags auf der Treppe von mir abfielen.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Ich hatte mein Erbe in diese Drei-Zimmer-Wohnung im Marais investiert, und seit vier Jahren spürte ich tagtäglich die magische Wirkung der Treppe. Auch wenn die Arbeit nervenaufreibend und zermürbend war, hatte ich das Gefühl, auf der Wendeltreppe eine Art Entgiftungsschleuse zu passieren. Gleich hinter der Wohnungstür entkleidete ich mich, stopfte meine Klamotten in einen Wäschesack und stieg unter die Dusche.

An diesem Abend aber schien die Treppe ihre Macht verloren zu haben. Als ich im dritten Stock ankam, blieb ich stehen. Ein Schatten saß auf der Treppe und wartete auf mich. Im Zwielicht erkannte ich den Wildledermantel, das violette Kostüm. Es war die Person, die ich am allerwenigsten sehen wollte: meine Mutter.

Während ich oben ankam, machte mir eine heisere Stimme erste Vorwürfe:

»Ich habe dir auf den Anrufbeantworter gesprochen, und trotzdem hast du nicht zurückgerufen.«

»Ich hatte heute viel zu tun.«

Es bestand kein Anlass, ihr von dem Vorfall zu erzählen, denn meine Mutter war Luc nur ein- oder zweimal begegnet, als wir noch Halbwüchsige waren. Sie hatte nichts gesagt, aber ihr Gesichtsausdruck hatte Bände gesprochen – das gleiche Gesicht hatte sie gezogen, wenn sie eine Familie mit lärmenden Kindern in der Erste-Klasse-Lounge am Flughafen Roissy oder einen Fleck auf einem ihrer Sofas entdeckte: Es waren die störenden Misstöne, die sie nicht aus ihrem mondänen Leben verbannen konnte.

Sie machte keine Anstalten aufzustehen. Ich setzte mich neben sie, ohne mir die Mühe zu machen, die Flurbeleuchtung einzuschalten. Wir waren vor Wind und Regen geschützt, und für einen 21. Oktober war es recht mild.

»Was willst du? Etwas Dringendes?«

»Ich wollte dich besuchen, das ist alles.«

Sie schlug die Beine übereinander, und ich sah den Stoff ihres Rocks jetzt besser – ein Tweed aus Bouclégarn. Fendi oder Chanel. Ich sah an ihr herab bis zu den Schuhen. Schwarz und golden. Manolo Blahnik. Diese Geste, diese Details … Ich sah sie vor mir, wie sie auf ihren Diners ihre Gäste begrüßte. Andere Bilder kamen hinzu. Mein Vater, der mich zärtlich mein »kleines Christkind« nannte und mich dann ans Tischende setzte; meine Mutter, die immer zurückwich, wenn ich zu ihr wollte, aus Angst, ich könnte ihre Kleider zerknittern. Und mein stummer Stolz angesichts ihrer Distanziertheit und ihres armseligen Materialismus.

»Es ist Wochen her, seit wir zum letzten Mal zusammen zu Mittag gegessen haben.«

Sie brachte ihre Vorwürfe immer in dem gleichen sanften Tonfall vor. Sie trug seelische Kränkungen zur Schau, an die sie selbst nicht glaubte. Meine Mutter, die nur für Markenklamotten und für Weine aus kontrolliertem Anbau lebte, bewegte sich in einer Welt unechter Gefühle.

»Tut mir leid«, log ich, »dass die Zeit so schnell vergeht!«

»Du liebst mich nicht.«

Sie hatte die Gabe, im Verlauf einer harmlosen Unterhaltung tragische Sentenzen zum Besten zu geben. Dieses Mal hatte sie es im Tonfall eines schmollenden kleinen Mädchens gesagt. Ich konzentrierte mich auf den Duft des feuchten Efeus, den Geruch der Wände, die vor Kurzem neu gestrichen worden waren.

»Im Grunde liebst du niemanden.«

»Ganz im Gegenteil: Ich liebe alle Menschen.«

»Das sage ich doch. Dein Gefühl ist allgemein und abstrakt. Es ist eine Art … Theorie. Du hast mir niemals eine Braut vorgestellt.«

Ich betrachtete das Stück Nachthimmel, das sich über dem Treppengeländer abzeichnete.

»Wir haben tausendmal darüber gesprochen. Mein Herz ist anderweitig gebunden. Ich versuche, meine Mitmenschen zu lieben. Alle Mitmenschen.«

»Auch die Verbrecher?«

»Vor allem die Verbrecher.«

Sie schlug ihren Mantel über ihre Beine. Ich betrachtete ihr vollkommenes Profil.

»Du bist wie ein Psychologe«, fügte sie hinzu. »Du interessierst dich für alle und daher für niemanden. Jemanden lieben heißt, sein Leben für ihn aufs Spiel setzen, mein Junge.«

Ich war mir nicht sicher, ob gerade sie das Recht hatte, mich zu belehren. Trotzdem zwang ich mich dazu, ihr zu antworten, denn sie wollte zweifellos auf etwas hinaus.

»Ich habe in Gott eine lebhaft sprudelnde Quelle gefunden. Einen Born der Liebe, der nie versiegt und der bei den anderen das gleiche Gefühl wecken soll.«

»Immer deine Predigten. Du lebst in einer anderen Zeit, Mathieu.«

»Der Tag, an dem du begreifst, dass das Wort Gottes zeitlos ist …«

»Behandle mich nicht so herablassend.«

Ihr Gesichtsausdruck ließ mich plötzlich stutzen: Meine Mutter war genauso sonnengebräunt und elegant wie immer, aber heute kam so etwas wie Müdigkeit und Überdruss zum Vorschein.

»Weißt du, wie alt ich bin?«, fragte sie plötzlich, »Ich meine, wie alt ich wirklich bin?«

Das war eines der bestgehüteten Geheimnisse von Paris. Sobald ich Zugriff auf das zentrale Personenregister hatte, hatte ich es als Erstes überprüft. Um ihr zu schmeicheln, sagte ich:

»Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig …«

»Fünfundsechzig.«

Ich war fünfunddreißig. Mit dreißig Jahren hatte meine Mutter plötzlich den Wunsch gehabt, ein Kind zu bekommen, kurz nachdem sie in zweiter Ehe meinen Vater geheiratet hatte. Sie hatten sich über dieses »Projekt« verständigt, so wie man sich über den Kauf eines neues Segelboots oder eines Gemäldes von Soulages verständigt. Meine Geburt hatte sie zunächst bestimmt gefreut, aber dann waren sie meiner schnell überdrüssig geworden. Vor allem meine Mutter, die ihrer Launen immer schnell müde wurde. Egoismus und Müßiggang raubten ihr all ihre Energie. Echte Gleichgültigkeit ist eine Vollzeitbeschäftigung.

»Ich suche einen Priester.«

Meine Besorgnis nahm zu. Ich dachte plötzlich an eine tödliche Krankheit, eines jener erschütternden Ereignisse, die eine innere Umkehr auslösen.

»Du bist nicht …«

»Krank?« Sie lachte hochmütig. »Nein. Überhaupt nicht. Ich will beichten, das ist alles. Aufräumen. Wieder eine Art  Jungfräulichkeit finden.«

»Ein Facelifting, wie?«

»Mach dich nicht lustig.«

»Ich habe immer gedacht, du würdest der fernöstlichen Schule zuneigen«, spottete ich, »oder dem New Age.«

Sie schüttelte langsam den Kopf und sah mich schief an. Die hellen Augen in ihrem dunklen Gesicht waren noch immer beeindruckend verführerisch.

»Du findest das wohl witzig, wie?«

»Nein.«

»Dein Ton ist sarkastisch. Deine ganze Person ist sarkastisch.«

»Überhaupt nicht.«

»Du merkst es schon gar nicht mehr. Immer diese Distanz, diese Arroganz …«

»Wieso willst du zur Beichte gehen? Willst du nicht darüber sprechen?«

»Mit dir schon gar nicht. Kannst du mir jemanden empfehlen? Jemanden, dem ich mich anvertrauen könnte. Jemand, der Antworten hätte …«

Meine Mutter steckte mitten in einer Sinnkrise. Dies war offensichtlich ein besonderer Tag. Sie flüsterte, während es wieder anfing zu regnen:

»Es ist wohl das Alter. Keine Ahnung. Aber ich möchte eine … höhere Bewusstseinsstufe erreichen.«

Ich zückte einen Kuli und riss ein Blatt aus meinem Taschenkalender. Ohne nachzudenken, schrieb ich Namen und Anschrift eines Priesters darauf, den ich häufig besuchte. Geistliche sind nicht wie Psychologen: Man kann sie innerhalb der Familie weiterempfehlen. Ich hielt ihr den Zettel mit den Daten hin.

»Danke.«

Sie stand auf, eine Parfumwolke aufwirbelnd.

»Möchtest du nicht reinkommen?«

»Ich bin schon zu spät dran. Ich ruf dich an.«

Sie verschwand auf der Treppe. Die Gestalt im Wildledermantel fügte sich harmonisch in die glänzenden Efeublätter und den weißen Anstrich. Sie besaß die gleiche Frische, die gleiche Klarheit. Auf einmal fühlte ich mich alt. Ich drehte mich um und ging in den Flur hinein, an dessen Ende meine smaragdgrüne Tür leuchtete.

Kapitel 5

Nach vier Jahren hatte ich einen Teil der Umzugskartons noch immer nicht ausgepackt. Kisten mit Büchern und CDs stapelten sich in der Diele und gehörten mittlerweile zum Dekor. Ich legte meine Pistole darauf, ließ meinen Regenmantel fallen und zog meine Schuhe aus – meine unvermeidlichen Sebago-Mokassins, denen ich seit meiner Jugend treu war.

Ich machte Licht im Bad und betrachtete unwillkürlich mein Spiegelbild. Ein vertrauter Anblick: ein abgewetzter dunkler Markenanzug, helles Hemd, eine dunkelgraue Krawatte, ebenfalls verschlissen. Ich sah eher aus wie ein Winkeladvokat als wie ein Polizist. Ein Advokat auf Abwegen, der allzu lange Umgang mit Ganoven gepflegt hatte.

Ich näherte mich dem Spiegel. Mein Gesicht erinnerte an eine sturmzerzauste Heide, an einen vom Wind geschüttelten Wald – an eine Turner’sche Landschaft. Der Kopf eines Besessenen mit tief liegenden hellen Augen und braunen Locken. Ich hielt mein Gesicht in den Wasserstrahl und dachte an das Koma von Luc und den Besuch meiner Mutter.

In der Küche schenkte ich mir eine Tasse grünen Tee ein – die Thermoskanne stand seit dem Morgen bereit. Dann stellte ich eine Schale Reis in die Mikrowelle; am Wochenende kochte ich mir immer einen Vorrat für die ganze Woche. Mein Lebensstil war von zenbuddhistischer Askese geprägt. Ich mochte keine organischen Gerüche – weder Fleisch noch Obst, noch Braten. Meine ganze Wohnung war von dem Duft von Weihrauch erfüllt, den ich ständig verbrannte. Aber vor allem konnte ich den Reis mit Holzstäbchen essen. Das klirrende Geräusch von Metallbesteck und den Kontakt mit ihm ertrug ich nicht. Aus diesem Grund speiste ich nicht gern außer Haus.

An diesem Abend hatte ich keinen Appetit. Nach zwei Bissen warf ich den Inhalt der Schale in den Mülleimer und goss mir aus einer zweiten Thermoskanne einen Kaffee ein.

Meine Wohnung bestand aus einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmer. Das klassische Triptychon des Pariser Singles. Alles war weiß, außer den Böden, die aus schwarzem Parkett bestanden, und der Wohnzimmerdecke mit den sichtbaren Balken. Ohne Licht zu machen, ging ich direkt ins Schlafzimmer, streckte mich auf dem Bett aus und überließ mich meinen Gedanken.

Luc, natürlich.

Doch statt fruchtlos über seinen Zustand oder das Motiv seiner Tat zu grübeln, entschied ich mich für eine Erinnerung. Eine jener Erinnerungen, in denen sich einer der seltsamsten Charakterzüge meines Freundes widerspiegelte.

Sein starkes Interesse an der Figur des Teufels.

Oktober 1989

Zweiundzwanzig Jahre, Institut Catholique de Paris.

Nach vierjährigem Studium an der Sorbonne hatte ich meine Magisterarbeit über »Die Überwindung des Manichäismus bei Augustinus« fertiggestellt und wollte mit dem gleichen Schwung weitermachen. Ich war unterwegs zum Institut, wo ich mich einschreiben wollte, um zu promovieren. Das Thema meiner Doktorarbeit, »Der Einfluss der frühchristlichen Autoren auf die Entwicklung des Christentums«, würde mir erlauben, mehrere Jahre mit meinen Lieblingsautoren zu verbringen: Tertullian, Minucius Felix, Cyprian 

Damals hielt ich die drei Mönchsgelübde – Gehorsam, Armut, Keuschheit. Ich lag also meinen Eltern nicht schwer auf der Tasche. Mein Vater missbilligte meine Einstellung. »Der Konsum ist die Religion des modernen Menschen!«, erklärte er barsch. Doch meine Unbeirrbarkeit nötigte ihm Respekt ab. Meine Mutter heuchelte Verständnis für meine Berufung, die ihrem Snobismus schmeichelte. In den achtziger Jahren war es schicker zu erzählen, dass sich der Sohn aufs Priesterseminar vorbereitete, als zu gestehen, dass er seine Zeit in Nachtklubs und auf Kokainpartys vertat.

Aber sie täuschten sich. Ich führte weder ein freudloses noch ein übermäßig sittenstrenges Dasein. Mein Glaube basierte auf Freude. Ich lebte in einer Welt des Lichts, einem riesigen Kirchenschiff, in dem ununterbrochen Tausende von Kerzen flackerten.

Ich begeisterte mich für meine lateinischen Kirchenväter. In ihrem Werk spiegelte sich die große Wende in der abendländischen Geschichte wider. Ich wollte die ungeheure Erschütterung durch das christliche Denken beschreiben, das in diametralem Gegensatz zu allem stand, was zuvor gesagt oder geschrieben worden war. Die Ankunft Christi auf Erden war ein spirituelles Wunder, aber auch eine philosophische Revolution. Eine physische Verwandlung – die Fleischwerdung Jesu – und eine Verwandlung des Wortes Gottes.

Ich stellte mir vor, wie fassungslos die Hebräer auf Seine Botschaft reagiert haben mussten. Das auserwählte Volk, das die Ankunft eines mächtigen, kriegerischen Messias auf einem flammenden Streitwagen erwartete und aus dessen Mitte plötzlich jemand hervortrat, der Mitleid und Nächstenliebe predigte und versicherte, dass jede Niederlage ein Sieg und alle Menschen auserwählt seien. Ich dachte auch an die Griechen und die Römer, die Götter nach ihrem Ebenbild erschaffen hatten, voller innerer Widersprüche, und die plötzlich erlebten, wie ein unsichtbarer Gott Menschengestalt annahm. Ein Gott, der die Menschen nicht vernichtete, sondern zu ihnen herabgestiegen war, um sie über alle Widersprüche zu erheben.

Diese bedeutsame Wende wollte ich beschreiben. Dieses gesegnete Zeitalter, in dem das Christentum eine langsam aus einem Klumpen Lehm herauswachsende Tonfigur auf einer Töpferscheibe, ein Kontinent in Bewegung war. Und die frühchristlichen Schriftsteller waren die treibende Kraft, das Spiegelbild und die Bürgen dieses Vorgangs. Nach den Evangelien und den Apostelbriefen traten säkulare Schriftsteller auf den Plan; sie sichteten, erläuterten und kommentierten das schier unendliche Material, das ihnen überlassen worden war.

Ich durchquerte den Innenhof des Instituts, als mir plötzlich jemand auf die Schulter klopfte. Ich drehte mich um. Luc Soubeyras stand vor mir. Käseweißes Gesicht unter einem rötlichen Haarschopf; hagere Figur in einem viel zu weiten Dufflecoat, um den Hals ein Schal. Verblüfft fragte ich:

»Was treibst du denn hier?«

Er warf einen Blick auf die Immatrikulationsunterlagen, die er in Händen hielt.

»Das Gleiche wie du, nehme ich an.«

»Du willst promovieren?«

Er rückte seine Brille zurecht, ohne zu antworten. Ich stutzte ungläubig:

»Wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Seit wann haben wir uns nicht mehr gesehen? Seit dem Abitur?«

»Du warst zu deinen großbürgerlichen Wurzeln zurückgekehrt.«

»Unsinn. Ich habe immer wieder versucht, dich anzurufen. Was hast du gemacht?«

»Ich habe hier am Institut Catholique studiert.«

»Theologie?«

Er schlug die Hacken zusammen und stand stramm:

»Yes Sir! Und einen Magister in Altphilologie hab ich auch noch gemacht.«

»Wir haben also den gleichen Weg eingeschlagen.«

»Hast du das je bezweifelt?«

Ich antwortete nicht. Luc hatte sich in der letzten Zeit auf dem Kolleg in Saint-Michel verändert. Aus dem gläubigen Christen war ein Spötter geworden, der alles mit Ironie und Hohn überschüttete. Ich gab nicht mehr viel auf seine Berufung. Nachdem er mir eine Gauloise angeboten und sich ebenfalls eine angezündet hatte, fragte er:

»Worüber schreibst du?«

»Die frühen Kirchenväter. Tertullian, Cyprian …«

Er pfiff voller Bewunderung.

»Und du?«

»Weiß noch nicht. Vielleicht über den Teufel.«

»Den Teufel?«

»Ja, als die triumphierende Kraft des 20. Jahrhunderts.«

»Was erzählst du da?«

Wir schlängelten uns durch mehrere Studentengruppen und gingen zu den Gärten im hinteren Teil des Hofs.

»Seit einiger Zeit interessiere ich mich für die Kräfte des Bösen.«

»Kräfte des Bösen?«

»Weshalb, glaubst du, ist Jesus auf die Erde gekommen?«

Ich antwortete nicht, weil ich die Frage als zu plump empfand.

»Er ist gekommen, um uns zu retten«, fuhr er fort. »Um uns von der Sünde zu erlösen.«

»Und?«

»Das Böse war demnach schon da. Lange vor Jesus. Eigentlich schon immer. Das Böse ist Gott immer vorausgegangen.«

Ich tat diesen Gedanken mit einer Handbewegung ab. Ich hatte nicht vier Jahre Theologie studiert, um mich auf eine so unausgegorene Argumentation einzulassen. Ich entgegnete:

»Das ist doch nichts Neues! Das Buch Genesis beginnt mit der Schlange und …«

»Ich rede nicht von der Versuchung. Ich spreche von der Kraft in uns, die auf die Versuchung anspricht, die sie rechtfertigt.«

Die Rasenflächen waren übersät von welken Blättern. Kleine dunkelbraune oder ockerfarbene Punkte, herbstliche »Sommersprossen«. Ich schnitt ihm das Wort ab.

»Seit Augustinus wissen wir, dass das Böse keine ontologische Wirklichkeit besitzt.«

»In seinen Werken verwendet Augustinus das Wort ›Teufel‹ 2300-mal, ganz abgesehen von den Synonymen …«

»Als Figur, Symbol, Metapher … Man muss die Zeit sehen. Aber eines ist sicher: Nach Augustinus kann Gott niemals das Böse erschaffen haben. Das Böse ist für ihn lediglich ein Mangel an Gutem. Eine Schwäche. Der Mensch ist geschaffen, um das Licht der Erkenntnis zu empfangen. Er ›ist‹ das Licht, da er Wissen um Gott ist. Er muss lediglich angeleitet und hin und wieder zur Ordnung gerufen werden. ›Alle Lebewesen sind gut, denn ihrer aller Schöpfer ist vollkommen gut.‹«

Luc seufzte hörbar.

»Wenn Gott so groß und mächtig ist, wie lässt sich dann erklären, dass Er durch einen bloßen ›Mangel‹ in Schach gehalten wird? Wie ist es zu erklären, dass das Böse überall ist – und jedes Mal triumphiert? Gott zu rühmen heißt, die Erhabenheit des Bösen zu rühmen.«

»Du lästerst Gott.«

»Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Grausamkeit, der Gewalt und der Zerstörung. Niemand kann das leugnen. Wie erklärst du das?«

Der Blick hinter seiner Brille missfiel mir. Seine Augen glänzten fiebrig. Ich antwortete nicht, weil ich nicht auf jenes große Rätsel eingehen wollte, das so alt ist wie die Welt: Die Anfälligkeit des Menschen für Gewalt, das Böse und Verzweiflung.

»Ich werde es dir sagen«, fuhr er fort, während er eine Hand auf meine Schulter legte, »weil das Böse eine eigenständige Kraft ist. Eine Macht, die dem Guten mindestens ebenbürtig ist. In der Welt ringen zwei gegensätzliche Kräfte miteinander. Und dieser Kampf ist noch lange nicht entschieden.«

»Das ist ein glatter Rückfall in den Manichäismus.«

»Und was spricht dagegen? In allen monotheistischen Religionen verbirgt sich Dualismus. Die Geschichte der Welt ist die Geschichte eines Duells. Ohne Schiedsrichter.«

Das Laub raschelte unter unseren Schritten. Meine Freude über den Beginn des Semesters war so gut wie verflogen. Ich hätte gut auf dieses Wiedersehen verzichten können. Ich beschleunigte meinen Schritt Richtung Immatrikulationsbüro.

»Ich weiß nicht, was du in den letzten Jahren studiert hast, aber du bist dem Okkultismus verfallen.«

»Im Gegenteil«, sagte er, während er mich einholte, »ich habe eingehend über die modernen Wissenschaften nachgedacht! Überall ist das Böse am Werk. Als eine physische Kraft und als eine psychische Bewegung. Das Gesetz vom Gleichgewicht, so einfach ist das.«

»Du rennst offene Türen ein!«

»Allzu oft vergisst man diese Türen unter dem Vorwand der Komplexität und der Tiefe. Auf kosmischer Ebene beispielsweise hat die negative Kraft die Oberhand. Denk nur an die gewaltigen Explosionen von Sternen, die schließlich zu schwarzen Löchern werden, zu Abgründen des Nichts, die alles in sich einsaugen, was ihnen in den Weg kommt …«

Mir wurde klar, dass Luc bereits an seiner Dissertation schrieb. Er entwickelte irgendwelche aberwitzigen Thesen über die Schattenseite der Welt. Eine Art Anthologie des universellen Bösen.

»Nimm die Psychoanalyse«, sagte er, während er an seiner Zigarette zog. »Womit beschäftigt sie sich? Mit unseren finsteren Begierden, unseren verbotenen Wünschen, unserem Zerstörungsdrang. Oder der Kommunismus. Eine ursprünglich glänzende Idee. Und was wurde daraus? Der größte Völkermord des Jahrhunderts. Was immer man tut, was immer man denkt, man stößt auf jenen Teil in uns, der verdammt ist. Das 20. Jahrhundert zeigt dies besonders deutlich.«

»Du könntest jede menschliche Errungenschaft auf diese Weise deuten. Das ist viel zu einfach.«

Luc zündete sich eine neue Zigarette an seinem Stummel an:

»Aber das ist das allgemeine Muster. Die Weltgeschichte ist nichts als ein Kampf zwischen zwei Kräften. Aufgrund einer seltsamen Kurzsichtigkeit will uns das Christentum, das dem Bösen überhaupt erst einen Namen gegeben hat, weismachen, dass es sich um ein zweitrangiges Phänomen handelt. Aber man gewinnt nichts, wenn man seinen Feind unterschätzt!«

Ich war beim Büro angekommen. Ich ging die erste Stufe hinauf und fragte gereizt:

»Was willst du beweisen?«

»Trittst du nach deiner Promotion ins Priesterseminar ein?«

»Schon während der Promotion. Nächstes Jahr möchte ich nach Rom gehen.«

Ein krampfhaftes Lächeln verzog sein Gesicht.

»Ich sehe dich schon in einer halb leeren Kirche predigen, vor einer Handvoll alter Leute. Ein sicherer, bequemer Weg, den du da einschlägst. Du kommst mir vor wie ein Arzt, der eine Klinik sucht, in der nur Gesunde liegen.«

»Was willst du?«, schrie ich plötzlich. »Soll ich Missionar werden? Soll ich in den Tropen Animisten bekehren?«

»Das Böse«, erwiderte Luc ruhig, »ist das Einzige, was von Bedeutung ist. Gott zu dienen heißt, das Böse zu bekämpfen. Es gibt keinen anderen Weg.«

»Was wirst du tun?«

»Ich gehe an die Front, dem Teufel in die Augen schauen.«

»Du lässt das Priesterseminar sausen?«

Luc zerriss seine Immatrikulationsunterlagen:

»Na klar, und auch meine Doktorarbeit. Ich hab dich reingelegt. Ich denk nicht im Traum daran, hier ein weiteres Jahr abzuhängen. Ich bin nur gekommen, um eine Bescheinigung abzuholen.«

»Eine Bescheinigung? Wofür?«

Luc öffnete die Hände. Die Papierfetzen flogen davon und fielen zwischen die welken Blätter.

»Ich fahre in den Sudan. Mit den Weißen Brüdern, als Laienmissionar. Ich möchte Krieg, Gewalt und Not entgegentreten. Die Zeit der Reden ist vorbei. Jetzt geht es darum zu handeln!«

Kapitel 6

Ich kannte den Weg nach Vernay in- und auswendig. Zuerst die A6, Porte de Châtillon, Richtung Nantes-Bordeaux, die A10 nach Orléans, dann die A11, den Verkehrsschildern in Chartres nach.

Die Autos rasten dahin, aber der Regen dämpfte ihre Scheinwerfer, die schmale Striche aus Licht aussandten. Um 7 Uhr morgens war es immer noch finster.

Ich dachte über die Informationen nach, die ich an diesem Morgen zusammengetragen hatte. Nachdem ich in der Nacht mehrfach aufgewacht war, war ich um 4 Uhr früh endgültig aufgestanden. Ich hatte die vier schicksalhaften Buchstaben »KOMA« in Google eingegeben. Die Ergebnisliste umfasste Tausende von Artikeln. Um einen Schimmer von Hoffnung in meine Recherche zu bringen und sie zugleich einzugrenzen, hatte ich ein weiteres Wort hinzugefügt: AUFWACHEN.

Zwei Stunden lang hatte ich Berichte über spontan aufgewachte Koma-Patienten, über die allmähliche Rückkehr ins Bewusstsein und auch über Erfahrungen mit dem nahenden Tod gelesen. Die Häufigkeit dieses Phänomens hatte mich überrascht. Von fünf Infarkt-Opfern, die vorübergehend ins Koma fielen, hatte wenigstens eines eine »Nahtod-Erfahrung«, die zunächst mit dem Gefühl einherging, den eigenen Körper zu verlassen, und dann mit der Vision eines langen Tunnels mit einem strahlend weißen Licht am Ende, das viele mit Christus gleichsetzten. Hatte Luc dieses helle Licht gesehen? Würde er eines Tages wieder aufwachen, um es uns zu erzählen?

Ich fuhr an der Kathedrale von Chartres mit den asymmetrischen Turmspitzen vorbei. Die Ebene der Beauce erstreckte sich bis zum Horizont. Ich spürte ein Kribbeln in den Händen – ich näherte mich dem Haus in Vernay. Mit immer noch fünfzig Sachen nahm ich die Autobahnausfahrt bei Nogent-le-Rotrou und fuhr dann auf die Nationalstraße. Die aufgehende Sonne enthüllte die Physiognomie einer ländlichen Umgebung.

Hügel erhoben sich, Talmulden öffneten sich und von Raureif überzogene schwarze Felder schimmerten in der morgendlichen Klarheit. Ich öffnete die Fensterscheibe und atmete den Duft von Laub, den Geruch von Dung und die kalte Luft der Nacht ein, die nicht weichen wollte.

Noch dreißig Kilometer. Ich umfuhr Nogent-le-Rotrou und nahm eine Landstraße an der Grenze zwischen den Departements Orne und Eure-et-Loir. Nach zehn Kilometern tauchte auf der linken Seite ein Schild mit der Aufschrift »Petit-Vernay« auf. Ich bog in den schmalen Weg ein und fuhr etwa dreihundert Meter. In der ersten Kurve wurde ein weißes Holztor sichtbar. 7.45 Uhr. Ich könnte den Tathergang also auf die Sekunde genau rekonstruieren.

Ich stellte den Wagen ab und ging zu Fuß weiter. Petit-Vernay war eine ehemalige Wassermühle mit mehreren Gebäuden, die verstreut am Ufer des Flusses standen. Das Hauptgebäude war nur noch eine Ruine, aber die Nebengebäude waren renoviert und als Zweitwohnungen hergerichtet worden. Das dritte Haus rechts war das von Luc.

Zweihundert Quadratmeter Wohnfläche, ein recht großes Grundstück, und alles nur hundertdreißig Kilometer von Paris entfernt. Wie viel hatte Luc diese alte Bude vor sechs Jahren gekostet? Eine Million Franc? Mehr? Die Region Perche erfreute sich immer größerer Beliebtheit. Wo hatte Luc das Geld her? Ich erinnerte mich an einen Film von Fritz Lang, The Big Heat, der mit dem Selbstmord eines Polizisten anfing. Später stellte sich heraus, dass er korrupt gewesen war. Seine zu teure, zu luxuriöse Zweitwohnung hatte ihn verraten. Ich hörte die Stimme von Doudou: »Wenn du Scheiße aufwühlst, werden alle beschmutzt.« Luc, ein Polizist mit unsauberer Weste? Unmöglich.

Ich ging an dem Haus mit seinen drei Dachgauben vorbei und auf den Fluss zu. Die feuchten Gräser verströmten einen angenehmen Duft. Der Wind peitschte mein Gesicht. Ich knöpfte meinen Trenchcoat zu und ging weiter. Ein Hainbuchengestrüpp verbarg den Wasserlauf. Nur sein leises Rauschen, das an ein Kinderlachen erinnerte, verriet ihn.

»Was tun Sie da?«

Ein Mann trat aus dem Gebüsch hervor. Einsachtzig groß, Bürstenschnitt, schwarzer Anzug aus dickem Stoff. Mit seinem Stoppelbart und seinem zerzausten Haar ähnelte er eher einem Stadtstreicher als einem Bauern.

»Wer sind Sie?«, fragte er beim Näherkommen.

Unter seiner Jacke trug er lediglich einen durchlöcherten Pullover.

Ich schwenkte meinen blauweißroten Dienstausweis in der Sonne.

»Ich komme aus Paris. Ich bin ein Freund von Luc Soubeyras.«

Die Auskunft schien den Mann zu beruhigen. Seine kleinen Augen schimmerten graugrün.

»Ich habe Sie für einen Notar oder einen Anwalt gehalten. Einer jener Schurken, die mit Leichen Kohle machen.«

»Luc ist nicht tot.«

»Das verdankt er mir.« Er kratzte sich im Nacken. »Ich bin Philippe, der Gärtner. Ich habe ihn gerettet.«

Ich gab ihm die Hand. Er hatte braune und grüne Tabak- und Grasflecken an den Fingern. Er roch nach Erde und kalter Asche. Außerdem hatte er eine leichte Fahne. Kein Wein, eher Calvados oder ein anderer Schnaps. Ich gab mich kumpelhaft:

»Haben Sie etwas zu trinken?«

Er blickte abweisend. Ich bedauerte meine List – allzu voreilig. Ich zog meine Camel heraus und bot ihm eine an. Er schüttelte den Kopf und musterte mich noch immer aus den Augenwinkeln. Schließlich zündete er sich eine seiner Gitanes maïs an.

»Bisschen früh, um zu picheln, oder?«, grummelte er.

»Nicht für mich.«

Er lächelte spöttisch und zog einen verrosteten Flachmann aus der Tasche. Er hielt ihn mir hin. Ohne zu zögern, nahm ich einen Schluck von dem brennenden Fusel. Der Mann wollte wissen, was ich aushielt. Meine Reaktion schien ihn zufriedenzustellen, und er genehmigte sich seinerseits einen kräftigen Schluck. Er schnalzte mit der Zunge und steckte den Flachmann wieder ein:

»Was wollen Sie wissen?«

»Die Einzelheiten.«

Philippe seufzte und setzte sich auf einen Baumstumpf am Ufer. Ich folgte ihm. Der Gesang von Vögeln hallte durch die frostige Luft.

»Ich hab den Soubeyras gemocht. Keine Ahnung, was in ihn gefahren ist.«

Ich lehnte mich gegen den Baum, der am nächsten stand.

»Arbeiten Sie jeden Tag hier?«

»Nur montags und dienstags. Ich bin heute gekommen wie immer. Ich hab nichts gehört.«

»Erzählen Sie.«

Er steckte seine Hand in die Tasche, zog den Flachmann heraus und hielt ihn mir hin. Ich lehnte ab. Er nahm einen weiteren Schluck.

»Als ich in die Nähe des Flusses kam, hab ich ihn sofort entdeckt. Ich bin ins Wasser gesprungen und hab ihn herausgezogen. Der Fluss ist hier nicht sehr tief.«

»Wo genau war das?«

»Hier. Ein paar Meter von der Schleuse entfernt. Ich hab die Polizei angerufen. Sie waren in zehn Minuten da. Es war fünf vor zwölf. Eine Minute später, und die Strömung hätte ihn mitgerissen. Ich hätte nichts gesehen.«

Ich betrachtete eingehend die Oberfläche des Flusses, die völlig unbewegt war.

»Die Strömung?«

»Heute Morgen gibt es keine, weil die Schleuse geschlossen ist.«

»Stand sie gestern offen?«

»Monsieur Soubeyras hatte sie geöffnet. Er hatte alles geplant. Wollte bestimmt mitgerissen werden …«

»Ich hab gehört, dass er sich mit Steinen beschwert hat.«

»Deswegen hab ich ihn kaum aus dem Wasser gekriegt. Er wog Tonnen. Er hatte sich Mauersteine um die Hüfte gebunden.«

»Wie hat er das gemacht?«

Philippe stand auf.

»Kommen Sie mit.«

Er bahnte sich einen Weg durch das dichte Strauchwerk. Im hinteren Teil des Gartens lag eine schwarze Holzhütte zwischen Unterholz und Hainbuchenhecke. Mit einer Plane bedeckte Holzscheite waren längs der Bretterwand gestapelt. Mit einem Schulterstoß öffnete Philippe die Tür. Er trat zur Seite, damit ich ins Innere sehen konnte:

»Letztes Wochenende hatte mich M’sieur Soubeyras gebeten, hier alte Mauersteine unterzustellen, die seit Ewigkeiten am anderen Ufer des Flusses herumlagen. Ich sollte einige in zwei Teile zersägen. Ich hab nicht genau verstanden, weshalb. Jetzt weiß ich, dass er sich damit beschweren wollte. Er hatte das Gewicht, das er brauchte, um unterzugehen, berechnet.«

Ich warf einen flüchtigen Blick in die Kammer. Es war Zeit, sich damit abzufinden, dass Luc einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Ich wich benommen zurück.

»Wie hat er diese Steine an sich befestigt?«

»Mit dreifach gewickeltem Draht. Im Wasser wirkte das wie ein Bleigürtel, den die Taucher verwenden.«

Ich atmete die kalte Luft in einem tiefen Zug ein. Ich spürte Stiche in der Magengrube. Der Hunger, der Schnaps und auch die Angst. Was war mit Luc passiert? Welche Entdeckung hatte ihn dazu bewogen, seinem Leben ein Ende zu setzen, seine Familie im Stich zu lassen und seinen Glauben zu vergessen?

Der Bauer machte die Tür wieder zu und fragte:

»Trotzdem war er Ihr Kumpel, oder?«

»Mein bester Freund«, antwortete ich geistesabwesend.

»Wirkte er bedrückt?«

»Nein.«

Ich wollte diesem Fremden nicht verraten, dass ich seit mehreren Monaten nicht mehr mit Luc gesprochen hatte, obwohl nur ein Stockwerk zwischen unseren Arbeitsplätzen lag. Zum Abschluss fragte ich ins Blaue hinein:

»Abgesehen davon, ist Ihnen nichts merkwürdig vorgekommen? Ich meine, als Sie den Körper aus dem Wasser zogen?«

Der Mann im schwarzen Anzug kniff seine kleinen grünen Augen zusammen. Wieder schien Argwohn in ihm aufzusteigen.

»Hat man Ihnen nichts von der Münze erzählt?«

»Nein.«

Der Gärtner kam näher. Er schien wissen zu wollen, ob mein Erstaunen echt war. Als er sich überzeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr:

»In seiner rechten Hand hielt er eine Münze. Zumindest nehme ich das an. Ich habe nur die Kette gesehen, die herunterhing. Seine Finger hatten die Münze umklammert.«

Luc sollte einen Gegenstand mitgenommen haben, als er sich ertränken wollte? Einen Fetisch? Nein. Luc war nicht abergläubisch. Der Fremde hielt mir schon wieder seinen Flachmann hin, begleitet von einem zahnlosen Lächeln.

»Dafür, dass er so ein Superkumpel von Ihnen war, hat er Ihnen ziemlich viel verheimlicht, oder?«

Kapitel 7

Das Zentralkrankenhaus von Chartres, sinnigerweise Hôtel-Dieu genannt, befand sich im hinteren Teil eines Hofs voller schwarzer Pfützen und Baumstümpfe am Rand. Das cremefarbene und braune Gebäude erinnerte entfernt an eine Schichtentorte mit Schokoladencreme-Füllung.

Statt die Außentreppe zu benutzen, die zum Empfang im ersten Stock führte, schlich ich mich ins Erdgeschoss.

Ich betrat einen großen Speisesaal. Schwarze und weiße Bodenplatten, Gewölbe und Säulen aus Stein. Am anderen Ende des Saals ein sonnenbeschienener Portalvorbau zum Park hin. Eine Krankenschwester kam vorbei. Ich sagte ihr, dass ich gern den Arzt sprechen würde, der Luc Soubeyras das Leben gerettet hatte.

»Tut mir leid, er isst gerade zu Mittag.«

»Um 11 Uhr?«

»Er operiert anschließend.«

»Ich erwarte ihn hier«, sagte ich, während ich meinen Dienstausweis herauszog. »Sagen Sie ihm, er soll sein Dessert mitbringen.«

Die junge Frau ging weg. Ich hasste es, mich auf meine Amtsbefugnisse zu berufen, aber schon die Vorstellung, mich der Kantine mit ihrem klirrenden Geschirr und ihren Essensgerüchen auszusetzen, bereitete mir Unbehagen. Schritte im Saal.

»Was wollen Sie?«

Ein hochgewachsener Mann im weißen Kittel kam auf mich zu. Er sah verärgert aus.

»Commandant Mathieu Durey. Mordkommission Paris. Ich führe Ermittlungen über den Selbstmord von Luc Soubeyras durch. Er wurde gestern hier eingeliefert.«

Der Arzt musterte mich aufmerksam durch seine Brille. Um die Sechzig, schlecht gekämmtes weißes Haar, ein langer Geierhals. Schließlich sagte er:

»Ich habe meinen Bericht gestern Abend an die Gendarmerie geschickt.«

»Wir bei der Kripo haben ihn noch nicht erhalten«, log ich. »Sagen Sie mir zunächst einmal, wieso Sie ihn ins Hôtel-Dieu von Paris verlegen ließen.«

»Wir sind für solche Fälle nicht ausgerüstet. Luc Soubeyras war Polizist, da haben wir gedacht, dass das Hôtel-Dieu …«

»Man hat mir gesagt, dass seine Rettung an ein Wunder grenzt.«

Der Arzt konnte sich ein stolzes Lächeln nicht verkneifen.

»Luc Soubeyras ist noch einmal davongekommen, das stimmt. Er wurde mit Herzstillstand eingeliefert. Nur durch außergewöhnliches Glück konnten wir ihn reanimieren.«

Ich zog ein Notizheft und einen Kugelschreiber heraus.

»Was meinen Sie damit?«

Der Arzt steckte seine Hände lässig in die Hosentaschen und machte einige Schritt Richtung Garten. Er hatte einen gebeugten Rücken, ja einen ausgeprägten Buckel. Ich folgte ihm auf dem Fuß.

»Erster günstiger Umstand«, hob er an. »Die Strömung hat ihn mehrere Meter mit sich gerissen, und er ist mit dem Kopf gegen einen Felsen geschlagen, sodass er ohnmächtig geworden ist.«

»Wieso ist das günstig?«

»Wenn man in Wasser eintaucht, hält man zunächst den Atem an, auch wenn man sich umbringen will. Wenn der Sauerstoffgehalt im Blut dann abnimmt, öffnet man den Mund – das ist ein Reflex, den man nicht unterdrücken kann. Man ertrinkt innerhalb von Sekunden. Luc verlor kurz vor diesem entscheidenden Moment das Bewusstsein. Er konnte den Mund nicht mehr öffnen. Seine Lungen enthielten daher kein Wasser.«

»Aber er ist erstickt, oder?«

»Nein, er erlitt einen Atemstillstand. In diesem Zustand fließt das Blut automatisch langsamer durch den Körper und sammelt sich in den lebenswichtigen Organen: Herz, Lunge, Gehirn.«

»Wie im Winterschlaf?«

»Ganz genau. Dieses Phänomen wurde durch das kalte Wasser noch verstärkt. Luc erlitt eine schwere Unterkühlung. Als die Sanitäter seine Temperatur maßen, war sie auf vierunddreißig Grad gesunken. In dieser Kältestarre hat der Körper die in ihm verbliebenen Quäntchen Sauerstoff verwertet.«

Ich machte mir weiterhin Notizen.

»Wie viel Zeit hat er Ihrer Meinung nach unter Wasser verbracht?«

»Das lässt sich nicht sagen. Nach Auskunft des Notarztes war der Herzstillstand gerade erst eingetreten.«

»Hat er eine Herzmassage durchgeführt?«

»Zum Glück nicht. Das wäre das sicherste Mittel gewesen, um aus diesem Scheintod einen echten Tod zu machen. Das Rettungsteam hat lieber gewartet, bis er hier war. Sie wussten, dass ich eine spezielle Technik anwenden konnte.«

»Was für eine Technik?«

»Folgen Sie mir.«

Der Arzt trat hinaus ins Freie und ging an einem modernen Gebäude entlang, das er schließlich betrat. Der Operationstrakt. Weiße Korridore, Flügeltüren, chemische Gerüche. Eine weitere Tür. Wir befanden uns jetzt in einem Raum, der leer war bis auf einen würfelförmigen Apparat vor der Wand, so hoch wie eine Kommode und auf Rollen montiert. Der Mediziner zog daran und drehte ihn in meine Richtung. Ich sah Reihen von Knöpfen und Displays.

»Das ist eine ›By-pass‹-Maschine, auch Herz-Lungen-Maschine genannt. Man benutzt sie dazu, die Körpertemperatur von Patienten vor einer schweren Operation zu senken. Das Blut fließt in die Maschine, die es um einige Grad abkühlt, bevor es dem Patienten wieder infundiert wird. Man wiederholt diesen Vorgang mehrmals, bis eine künstliche Unterkühlung erreicht wird, die die Narkose erleichtert.«

Ich schrieb noch immer, ohne zu verstehen, worauf der Mann hinauswollte.

»Als Luc Soubeyras eingeliefert wurde, habe ich beschlossen, eine neuere Technik anzuwenden, die aus der Schweiz stammt. Dabei wird diese Maschine mit umgekehrter Zielsetzung benutzt: nicht um das Blut zu kühlen, sondern um es zu erwärmen.«

»Und das hat funktioniert?«

»Hundertprozentig. Als Luc Soubeyras eingeliefert wurde, betrug seine Körpertemperatur nur noch zweiunddreißig Grad. Nach drei Durchläufen hatten wir fünfunddreißig Grad erreicht. Und bei siebenunddreißig Grad fing sein Herz wieder ganz langsam an zu schlagen.«

Ich blickte von dem Notizblock auf.

»Sie wollen damit sagen, dass er während dieser gesamten Zeit  tot war?«

»Ohne jeden Zweifel.«

»Wie lange währte diese Phase?«

»Schwer zu sagen. Aber im Allgemeinen dauert sie etwa zwanzig Minuten.«

Ich erinnerte mich wieder an ein Detail.

»Der Rettungswagen war sehr schnell zur Stelle. Kam das Team nicht aus Chartres?«

»Ein weiterer positiver Faktor. Sie befanden sich aufgrund eines falschen Alarms in der Gegend von Nogent-le-Rotrou. Als die Polizei sie verständigte, waren sie nur ein paar Minuten vom Unfallort entfernt.«

Ich kritzelte zwei Zeilen aufs Papier.

»Eine Sache verstehe ich nicht. Das Gehirn kann doch nur wenige Sekunden ohne Sauerstoff auskommen. Wie konnte das Organ nach zwanzigminütigem Tod wieder zum Leben erweckt werden?«

»Das Gehirn hat seine Reserven angezapft. Meiner Meinung nach war es während des gesamten klinischen Todes ausreichend mit Sauerstoff versorgt.«

»Heißt das, dass Luc, falls er wieder aufwacht, keine Folgeschäden haben wird?«

Der Mann schluckte. Sein Adamsapfel stieg auf und ab:

»Diese Frage kann niemand beantworten.«

Luc im Rollstuhl, dazu verdammt, alle Bewegungen nur noch im Schneckentempo auszuführen. Ich musste wohl aschfahl geworden sein, denn der Arzt schlug mir sanft auf die Schulter.

»Kommen Sie. Die Hitze hier ist unerträglich.«

Der kühle Wind draußen weckte meine Lebensgeister wieder. Die älteren Patienten waren mit dem Mittagessen fertig. Sie schlenderten stockend umher wie Zombies. Ich fragte:

»Darf ich rauchen?«

»Kein Problem!«

Der erste Zug brachte mich wieder auf die Beine. Ich kam zum letzten Punkt:

»Man hat mir von einer Münze und einer Kette erzählt …«

»Wer hat Ihnen davon erzählt?«

»Der Gärtner. Der Mann, der Luc aus dem Wasser gezogen hat.«

»Die Rettungssanitäter haben sie in seiner geschlossenen Faust gefunden, das stimmt.«

»Haben Sie sie aufgehoben?«

Der Arzt ließ die Hand in seinen Kittel gleiten.

»Ich habe die Münze in meiner Tasche.«

Das Schmuckstück glänzte matt in seiner hohlen Hand. Eine mit Patina überzogene Bronzemünze, die sehr alt zu sein schien. Ich beugte mich vor. Ich wusste auf den ersten Blick, worum es sich handelte.

In die Münze war das Bildnis des Erzengels Michael eingraviert, des Anführers der himmlischen Heerscharen und Bannerträgers Christi, der Satan drei Mal besiegte. Dargestellt im Stil der Legenda Aurea von Jacobus de Voragine, trug der Held eine Rüstung und hielt sein Schwert in der Rechten und die Lanze Christi in der Linken. Mit seinem rechten Fuß zermalmte er den Drachen.

Der Medikus sprach weiter, aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Die Worte aus der Offenbarung des Johannes hallten in mir wider:

Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel.

Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Die Wahrheit lag auf der Hand.

Bevor er in die Hölle stürzte, hatte sich Luc gegen den Teufel gewappnet.

Kapitel 8

Dezember 1991

Seit zwei Jahren hatte ich Luc nicht gesehen. Seit zwei Jahren folgte ich meinem eigenen Weg, studierte die urchristlichen Autoren und lebte mit dem Apologeticum Tertullians und dem Octavius von Minucius Felix. Im September war ich in das französische Päpstliche Seminar in Rom eingetreten.

Die glücklichste Zeit meines Lebens. Das Gebäude mit den rosafarbenen Mauern in der Via Santa Chiara 42. Der große Innenhof, der von einer hell ockerfarbenen Galerie umschlossen war. Meine kleine Kammer mit den gelben Wänden, eine Zufluchtsstätte, in der ich Kraft und innere Ruhe fand. Der Exerzitiensaal, in dem wir liturgische Gesten übten. »Benedictus est, Domine, deus universi …« Und die Terrasse des Gebäudes, von der aus man einen Panoramablick auf den Petersdom, das Pantheon und die Kirche Il Gesù hatte 

Meine Eltern hatten darauf bestanden, dass ich Weihnachten nach Paris kam. Es sei wichtig, »unverzichtbar«, sagte meine Mutter, dass wir den Jahreswechsel zusammen feierten. Nach meiner Landung in Roissy hatte sich die Lage allerdings grundlegend geändert, denn beide waren zu einer Kreuzfahrt zu den Bahamas aufgebrochen, an Bord der Segeljacht eines Geschäftspartners meines Vaters.

Es war der Abend des 24. Dezember, und ich war eigentlich erleichtert. Ich stellte mein Gepäck im herrschaftlichen Stadthaus meiner Eltern in der Avenue Victor-Hugo ab und schlenderte dann ziellos durch die Straßen von Paris. Irgendwann stand ich dann vor Notre-Dame. Gerade rechtzeitig, um an der Christmette teilzunehmen.

Nur mit Mühe konnte ich mir Zutritt zu der überfüllten Kathedrale verschaffen. Ich schlängelte mich durch die Menge nach rechts. Ein überwältigender Anblick: Tausende stehender Menschen, andächtig lauschend, und tiefe Stille, Weihrauch und harmonische Klänge. Ich genoss die inbrünstige Frömmigkeit und vergaß für einen Augenblick den Niedergang des katholischen Glaubens, den fehlenden Priesternachwuchs, die Kirchenaustritte.

»Mathieu!«

Ich sah mich um, konnte in der Menge jedoch kein vertrautes Gesicht erkennen.

»Mathieu!«

Ich sah nach oben. Luc hatte sich auf den Sockel einer Säule gestellt und überragte die Masse der Gläubigen. Sein mit Sommersprossen übersätes weißes Gesicht leuchtete wie eine einsame Kerze. Er tauchte in die Menge ein. Eine Sekunde später zog er mich am Arm.

»Komm, wir verduften.«

»Die Messe hat doch gerade erst begonnen …«

Aus der Tiefe des Chors ertönte die Stimme des Priesters:

»Ich will dich rühmen, Herr, meine Stärke,

Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter …«

Luc fuhr fort:

»… Mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge … Die Botschaft hör ich wohl …«

Sein spöttischer Tonfall war noch aggressiver geworden. Die Leute um uns herum zischten verärgert. Um einen Skandal zu vermeiden, folgte ich Luc widerstrebend. Als wir in der Nähe der Mauer angelangt waren, packte ich ihn an der Schulter:

»Du bist also nach Frankreich zurückgekehrt?«

Luc blinzelte mir zu:

»Ich genieße das Schauspiel.«

Sein Blick war noch feuriger als früher. Seine ausgemergelten Gesichtszüge warfen dunkle Schatten auf seine Wangen. Hätte ich ihn nicht so gut gekannt, hätte ich geglaubt, dass er high wäre.

Luc schlängelte sich durch die dichten Reihen und blieb in der Nähe des Beichtstuhls stehen. Er öffnete die durchsichtige Tür und stieß mich hinein.

»Geh rein!«

»Was soll das? Du …«

»Geh rein, sag ich!«

Ich landete im Beichtstuhl. Luc ging durch die andere Tür hinein, setzte sich auf den Stuhl des Beichtigers und zog die beiden Vorhänge zu. Von einer Sekunde auf die andere waren wir abgeschnitten von der Menge, den Gesängen und der Messe. Die Stimme Lucs drang durch das Holzgitter:

»Ich hab ihn gesehen, Mat. Mit eigenen Augen.«

»Wen?«

»Den Teufel, und zwar live

Ich neigte mich nach vorn und versuchte sein Gesicht durch das Gitterwerk zu erkennen. Er bebte und biss auf seine Unterlippe.

»Etwa im Sudan?«

Luc wich in die Dunkelheit zurück, ohne zu antworten. Ich hätte nicht zu sagen gewusst, ob er gleich in Tränen oder in Gelächter ausbrechen würde. In den letzten zwei Jahren hatten wir nur wenige Briefe ausgetauscht. Ich hatte ihm mitgeteilt, dass ich zum Studium am Priesterseminar in Rom zugelassen worden war. Er hatte mir geantwortet, dass er weiterhin seiner »Arbeit« nachgehe und immer tiefer in den Süden vordringe, wo sich christliche Rebellen mit den regulären Truppen eine Schlacht lieferten. Seine Briefe waren sonderbar, kalt und seltsam nüchtern, sodass man nicht wusste, wie er sich dort fühlte.

»Im Sudan«, sagte er hämisch, »habe ich nur die Spuren des Teufels gesehen. Hungersnöte, Krankheiten, der Tod. Und in Vukovar, in Jugoslawien, habe ich die Bestie in Aktion gesehen.«

Aus den Zeitungen wusste ich, dass die kroatische Stadt nach dreimonatiger Belagerung in die Hände der Serben gefallen war.

»Säuglinge, denen bei Bombenexplosionen der Kopf abgerissen wurde. Kinder mit ausgekratzten Augen. Schwangere, denen man den Bauch aufgeschlitzt hatte, bevor sie bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Verwundete, die in Krankenhäusern aus allernächster Nähe erschossen wurden. Halbwüchsige, die man dazu zwang, ihre Mütter zu vergewaltigen … All dies habe ich gesehen. Das Böse in Reinkultur. Eine Kraft, die in den Menschen entfesselt wurde.«

Ich schluckte und dachte an meine gelbe Zelle, in der ich allmorgendlich auf Radio Vatikan die Nachrichten hörte. Warm und geborgen. Ich fragte:

»Wie  wie bist du damit klargekommen?«

»Ein Wunder.«

»Für welche Organisation arbeitest du?«

»Für keine.«

Er feixte wieder und näherte sich dem Holzgitter zwischen uns.

»Ich habe zu den Waffen gegriffen, Mat.«

»Was?«

»Freiwilliger Soldat. Der einzige Weg, um dort unten zu überleben.«

Plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass Luc vielleicht beichten wollte. Aber ich irrte mich: Er bereute nichts. Im Gegenteil, er war stolz darauf, endlich zur Tat geschritten zu sein. Ich wurde wütend:

»Wie konntest du nur?«

Luc kauerte sich in der Finsternis abermals zusammen. Der Gesang in der Kathedrale verstummte. Da hörte ich ein Geräusch, das ganz aus der Nähe kam: Luc weinte, das Gesicht in seinen Händen verborgen. Ich wechselte den Tonfall:

»Du musst das alles vergessen. Was sie getan haben, was du getan hast … Du kannst die Menschheit nicht nach ihrem Verhalten in einer Krisensituation beurteilen. Du warst in einem seelischen Ausnahmezustand, wo der Mensch zu einem Monster wird. Du …«

Luc hob den Kopf und neigte sich wieder vor. Auf seinen Backenknochen schimmerten Tränen, trotzdem lächelte er. Ein gezwungenes Lächeln, das sein Gesicht zu einer Grimasse verzog:

»Und du, du bist noch immer im Seminar?«

»Seit drei Monaten.«

»Du trägst ja gar keine Soutane. Bist du inkognito gekommen?«

»Verhöhne mich nicht.«

Er lächelte schnaubend:

»Noch immer im Heim der Gesunden?«

»Was ist in dich gefahren? Du hast vierundzwanzig Jahre gebraucht, um die Gewalt zu entdecken? Vukovar, um das Ausmaß der menschlichen Grausamkeit zu ermessen? Und was wirst du jetzt tun? Zu einer anderen Front aufbrechen? Das Licht ist in uns, Luc. Erinnere dich an Johannes: ›Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören.‹«

»Er ist zu spät gekommen.«

»Wenn du so denkst, hast du den Glauben verloren. Wir dürfen uns nicht vom Bösen faszinieren lassen, wir müssen zum Guten aufrufen und mit gutem Beispiel vorangehen …«

»Du bist ein Drückeberger, Mat. Du bist cool, aber ein Drückeberger. Ein gläubiger Spießer.«

Ich umfasste das Holzgitter. Draußen ertönten wieder Weihnachtslieder.

»Was suchst du? Was willst du?«

»Weiterhin aktiv sein.«

»Kehrst du nach Jugoslawien zurück?«

»Ich habe mich in der Akademie in Cannes-Écluse eingeschrieben.«

»Wo?«

»In der Führungsakademie der Polizei. Ich werde Polizist. In zwei Jahren fahre ich Streife. Es gibt keinen anderen Weg. Ich möchte den Teufel auf seinem Terrain bekämpfen. Ich will mir die Hände schmutzig machen. Kapiert?«

Seine Stimme war ruhig und entschlossen. In meinem Innern dagegen zerbrach etwas. Noch einmal Johannes: »Wir wissen: Wir sind aus Gott, aber die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen.«

Ich schloss die Augen und sah uns, Luc und mich, an die Säulen der Abtei Saint-Michel-de-Sèze gelehnt. Wir wollten die Kirche und die Welt verändern 

»Frohe Weihnachten, Mat.«

Als ich die Augen aufmachte, war der Beichtstuhl leer.

Der Schock währte mehrere Monate.

Im Seminar war ich mit den Gedanken jetzt immer woanders. Die Sakramente, die Liturgie, das Gebet, die Beichte … Ich hörte nicht richtig zu, wiederholte die Gesten mechanisch. Auf Radio Vatikan verfolgte ich die Nachrichten aus Jugoslawien. Bei jedem Blutbad, bei jeder Gräueltat betete oder fastete ich. Ich ekelte mich vor mir selbst. Ein Drückeberger. Ein Spießer des Glaubens.

Ich musste immer wieder an Luc denken. Was hatte diesen Intellektuellen, diesen leidenschaftlichen Theologen dazu veranlasst, ein einfacher Polizist zu werden? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Aber seine sarkastischen Bemerkungen gingen mir nicht mehr aus dem Ohr. Jeden Tag glaubte ich ein bisschen weniger an meine Berufung. Mein Studium erschien mir fruchtlos und unglaublich bequem! Ich hatte die Askese gewählt, doch ich lebte wie ein Pascha. Wohl verköstigt und gut untergebracht, führte ich ein behütetes Leben im stillen Gebet und widmete mich den Büchern.

Ich stellte mir meinen weiteren Berufsweg vor. Ich würde niemals Landpfarrer werden. Nach Abschluss des Seminars und der Dissertation würde ich in Rom bleiben und in die Päpstliche Universität Gregoriana oder die Päpstliche Akademie – die Kaderschmieden der Kurie – eintreten. Nach einer Reihe von Posten in europäischen Nuntiaturen würde ich die Karriereleiter innerhalb der Hierarchie erklimmen und in die höchsten Ämter der Römischen Kurie gelangen. Eine gesicherte »Stellung« im Zeichen von Wohlstand und Macht. Alles, was ich bei meinen Eltern verabscheut hatte, holte mich jetzt in anderer Form wieder ein.

Ich redete mit meinen Vorgesetzten offen über meine Zweifel. Doch ich bekam nur akademische Antworten, die üblichen Phrasen der Kleriker, Trostpflästerchen für die Qualen der Seele. Am 29. Juni 1992, dem Tag der Einführung künftiger Priester »in den Körper der heiligen römisch-katholischen Kirche« legte ich die Soutane ab.

Luc täuschte sich, ich befand mich nicht in einem »Heim für Gesunde«.

Ich war auf einem Friedhof.

Alle hier waren tot.

Ich eingeschlossen.

Ich kehrte nach Paris zurück und suchte umgehend das erzbischöfliche Ordinariat auf. Die Liste der religiösen humanitären Organisationen war lang. Ich blieb bei der ersten hängen, die auf dem Kontinent, den ich mir ausgesucht hatte – Afrika –, Hilfsmissionen durchführte. »Terres d’espoir«, eine Organisation der belgischen Franziskaner, die auch Laien aufnahm, erschien mir ideal. Diese Gruppe wagte sich am weitesten in riskante Regionen vor.

Anfang 1993 brach ich zu meinem ersten Abenteuer auf.

Ruanda, ein Jahr vor dem Völkermord.

Die Ausfahrtsschilder auf der Autobahn rissen mich in letzter Minute aus meinen Erinnerungen. Als ich in den Tunnel bei der Porte d’Orléans eintauchte, musste ich wieder an Luc und daran denken, dass wir, zeitlich versetzt, den gleichen Weg gegangen waren. Er war mir immer voraus gewesen. Dieser Gedanke ließ mich erschauern. Niemals würde ich ihm in den Selbstmord folgen. Aber ich musste mir jetzt eingestehen, dass er tatsächlich versucht hatte, sich umzubringen – und ich musste den Grund dafür herausfinden. Irgendetwas war geschehen. Etwas Unvorstellbares, was Luc aus der Bahn geworfen hatte.

Ich musste verstehen, weshalb er diesen Entschluss gefasst hatte.

Nur dann würde er das Bewusstsein wiedererlangen.

Kapitel 9

Büro. Papierkram. Haftnotizen. Ich machte die Tür zu meinem Büro zu und öffnete eine neue Schachtel Zigaretten. Rauchen kann die Spermien schädigen und die Fruchtbarkeit verringern. Diese Warnhinweise gingen mir auf die Nerven. Ich dachte daran, was Antonin Artaud über Rauschgift geschrieben hatte: »Es spielt keine Rolle, welche Mittel man einsetzt, um sich zugrunde zu richten: Das geht die Gesellschaft nichts an.«

Ich warf einen kurzen Blick auf die gelben Aufkleber, die auf den Aktenbündeln klebten. »11 Uhr: Dumayet anrufen«, »Mittags: Dumayet« und wieder: »14 Uhr: Dumayet. DRINGEND!« Nathalie Dumayet, Polizeidirektorin und Abteilungsleiterin, war die Chefin aller Ermittlungsgruppen bei der Pariser Mordkommission. Ich sah auf meine Armbanduhr: nicht einmal 15 Uhr. Zu früh, um mit dem Dragoner Tee zu trinken.

Ich zog meinen Regenmantel aus und blätterte die Unterlagen durch. Ich fand darin nicht, was ich mir erhoffte. Ich hörte die Mailbox meines Handys und meines Telefons ab. Nichts. Ich rief Malaspey an.

»Du hast nicht zurückgerufen«, rügte ich ihn. »Bist du bei den Zigeunern weitergekommen?«

»Ich komme gerade von der Universität Nanterre. Ich habe mit einem Professor für Romani, der Sprache der Roma, gesprochen. Du hattest recht. Die Sache mit den Schuhen ist ein typisches Roma-Ritual. Laut dem Professor könnte unser Täter dem Opfer die Schuhe ausgezogen haben, um zu verhindern, dass er von dessen Geist verfolgt wird. Ein Zigeuner-Trick.«

»Okay. Mach eine Recherche in der Datenbank der Kripo. Notier dir alle Roma, die in letzter Zeit im 94. Revier an bewaffneten Überfällen beteiligt waren.«

»Schon erledigt. Wir arbeiten auch mit dem Hauptkommissariat in Créteil zusammen, um Näheres über die lokalen ethnischen Minderheiten rauszukriegen.«

»Wo bist du jetzt?«

»Auf der Seine-Uferstraße. Ich bin gleich in der Firma.«

Ich legte die Münze mit dem Erzengel Michael auf die Akten.

»Schau bei mir vorbei, bevor du mit deinem Protokoll beginnst. Ich hab was für dich.«

Ich legte auf und ließ Foucault kommen. Während ich die Delikte der letzten Nacht durchging, klopfte es an die Tür. Mein Gruppenleiter glich einem verschmitzten Halbstarken. Lockiges Haar, schmale Schultern, in eine enge Bomberjacke gezwängt, strahlendes Lächeln – Foucault war Roger Daltrey, dem Sänger der Gruppe The Who, die am Woodstock-Festival teilgenommen hatte, wie aus dem Gesicht geschnitten.

Mein Stellvertreter legte gleich in düsterem Ton los und wollte auf den Selbstmord von Luc eingehen. Mit einer Handbewegung unterbrach ich ihn.

»Du musst mir helfen, bei einer speziellen Sache.«

»Worum geht’s?«

»Ich will, dass du den Jungs von Luc auf den Zahn fühlst. Mit was für Fällen sie sich zuletzt beschäftigt haben.«

Er nickte, doch er blickte skeptisch drein.

»Das wird heikel.«

»Lad sie zum Essen ein. Spendier ihnen was zu trinken. Schleich dich in ihr Vertrauen ein.«

»Schau mer mal.«

Doudou hatte mir gestern eine Kostprobe des guten Willens von Lucs Team geliefert. Ich fuhr fort:

»Hör zu. Niemand kennt Luc besser als ich. Es muss einen äußeren Anlass für sein Tun geben. Etwas Unerklärliches, was ihm zugestoßen ist und nichts mit einer Depression oder einer vorübergehenden Verstimmung zu tun hat.«

»Zum Beispiel?«

»Keine Ahnung. Aber ich möchte wissen, ob er nicht an einem besonderen Fall gearbeitet hat.«

»Okay. Ist das alles?«

»Nein. Stell sein Privatleben auf den Kopf. Konten, Kredite, Steuerbescheide. Alles. Beschaff dir seine Telefonrechnungen: Handy, Büro, zu Hause. Sämtliche Anrufe in den letzten drei Monaten.«

»Bist du sicher?«

»Ich will sichergehen, dass Luc kein Geheimnis hatte. Ein Doppelleben oder etwas in der Art.«

»Luc ein Doppelleben?«

Foucault hielt die Hände in den Taschen seines Blousons und sah mich verblüfft an.

»Wende dich auch ans Zentrum für psychologische Beurteilung der Kripo. Irgendwo muss es eine Akte über Luc geben. Du gehst natürlich so diskret wie möglich vor.«

»Und die Internen Ermittler?«

»Du musst schneller sein als sie, und halt mich auf dem Laufenden.«

Foucault verdrückte sich, nachdem er immer skeptischer dreingeschaut hatte. Auch ich glaubte nicht, dass diese Nachforschungen viel bringen würden. Wenn Luc etwas zu verbergen hatte, dann hatte er selbst alle Spuren verwischt. Nichts ist schlimmer, als einen Jäger zu jagen.

Die Tür ging nicht wieder zu: Malaspey stand auf der Schwelle. Er war stämmig, trug Wollkleidung, die dem arktischen Winter getrotzt hätte, und eine indische kleine Umhängetasche. Zum Pferdeschwanz gebundenes graues Haar und eine Pfeife im Mund vervollständigten das Bild. Er erinnerte eher an einen Berufsschullehrer als an einen Kriminalpolizisten, der bereits fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatte.

»Sie wollen mich sprechen?«

Die Pfeife bewirkte, dass er die Hälfte der Wörter verschluckte. Ich zog eine Schublade auf, nahm einen durchsichtigen Beutel heraus und steckte die Münze mit dem Bildnis des Erzengel Michaels hinein.

»Sieh zu, was du darüber herausfinden kannst«, sagte ich, während ich ihm den Beutel zuwarf. »Wende dich an Experten für Münzen. Ich möchte die genaue Herkunft der Münze wissen.«

Malaspey betrachtete den Beutel von allen Seiten.

»Was ist das?«

»Genau das will ich wissen. Geh zu den Fachleuten. Gras die Universitäten ab.«

»Na prima.«

Er steckte die Münze in die Tasche und verschwand. Ich verbrachte noch eine Stunde damit, die Dokumente in meinem Büro zu sichten. Nichts von Interesse. Um 17 Uhr stand ich von meinem Schreibtisch auf, um meine Vorgesetzte aufzusuchen.

Ich klopfte. Man forderte mich auf einzutreten. Gereinigte Luft, in der ein leichter Weihrauchduft hing – was mich an mein eigenes Büro erinnerte.

Nathalie Dumayet war eine knallharte Polizistin, was man ihr jedoch nicht ansah. Sie war um die Vierzig, hatte einen blassen Teint und eine Model-Figur und trug ihren Bubikopf immer zerzaust. Eine Schönheit, deren kantige Schroffheit durch große grüne Augen, die einen sanftmütig anblickten, abgemildert wurde. Immer schick, ja ausgesprochen modisch. Sie stand auf italienische Marken, die man in der Kripozentrale nicht gewohnt war.

So viel zu ihrem Äußeren. Im Innern dagegen passte Dumayet bestens zur Kripo. Sie war hart, zynisch und verbissen. Sie hatte zunächst sehr erfolgreich im Dezernat für Terrorismusbekämpfung und dann im Rauschgiftdezernat gearbeitet. Zwei Dinge waren bezeichnend für ihre Persönlichkeit. Zum einen ihre Brille mit einem biegsamen, unzerbrechlichen Gestell, das man in der Hand zusammendrücken konnte und das sogleich wieder seine ursprüngliche Form annahm. Dumayet war ähnlich: Ihre geschmeidige Art täuschte darüber hinweg, dass sie nichts vergaß und ihr Ziel nie aus den Augen verlor.

Das zweite bezeichnende Detail waren ihre Fingerknöchel, spitz und vorstehend und wie die feinen Hämmerchen der Diamantenschleifer, die so hart sind, dass sie die Edelsteine zertrümmern können.

»Darf ich Ihnen einen Keemun-Tee anbieten?«, fragte sie im Aufstehen.

»Danke, nein.«

»Ich mach mir trotzdem einen.«

Sie hantierte an einem Wasserkessel und einer Teekanne. Ihre Handbewegungen waren gemessen und feierlich wie die einer Hohepriesterin. Ihr Ritual hatte etwas Antikes und Religiöses. Mir fiel das Gerücht ein, wonach Dumayet Swingerclubs frequentierte. Wahr oder falsch? Gerüchten misstraute ich grundsätzlich und diesem Gerücht ganz besonders.

»Sie dürfen rauchen, wenn Sie wollen.«

Ich beugte mich vor, zog meine Schachtel Camel aber nicht heraus. Ich konnte mich nicht entspannen, denn die »dringende Einbestellung« verhieß nichts Gutes.

»Ahnen Sie, weshalb ich Sie hergebeten habe?«

»Nein.«

»Setzen Sie sich.«

Sie fuchtelte mit einer Tasse vor mir:

»Wir sind alle erschüttert, Durey.«

Ich setzte mich hin und schwieg.

»Ein Polizist wie Luc, den nichts umhauen konnte. Das ist ein Schock.«

»Haben Sie mir etwas vorzuwerfen?«

Die brutale Direktheit meiner Frage entlockte ihr ein Lächeln.

»Wie weit sind Sie im Fall Perreux?«

Ich dachte an meinen Riecher, der mich noch nie getrogen hatte. Aber es war noch zu früh, um zu jubeln.

»Wir machen Fortschritte. Vielleicht Roma.«

»Haben Sie Beweise?«

»Vermutungen.«

»Vorsicht, Durey. Keine ethnischen Vorurteile!«

»Deshalb halt ich ja den Mund. Lassen Sie mir etwas Zeit.«

Sie nickte gedankenverloren. All dies war nur ein Vorspiel.

»Kennen Sie Coudenceau?«

»Philippe Coudenceau?«

»Interne Ermittlung, Disziplinarabteilung. Offenbar arbeitete Soubeyras an einem sensiblen Fall.«

»Was soll das heißen, sensibel?«

»Ich weiß nichts Genaueres. Er hat mich heute Morgen angerufen. Gerade hat er noch einmal angerufen.«

Ich sagte nichts. Coudenceau war einer jener Bluthunde, die erst dann zufrieden waren, wenn sie einen Kollegen drankriegten. Ein Schreibtischhengst, dem es Spaß machte, den Ermittlern an der Front das Rückgrat zu brechen und sie zu demütigen.

»Er schreibt den Bericht über Luc. Er führt eine Routineuntersuchung durch.«

»Wie immer.«

»Er hat gesagt, jemand von der Kripo wäre bereits am Ball. Heute Nachmittag hat jemand bei Lucs Bank angerufen. Er hatte keine allzu große Mühe, den Schnüffler zu identifizieren.«

Foucault hatte keine Zeit verloren. Aber Diskretion war seine Sache nicht. Sie sah mich an. Blitzartig verhärteten sich ihre Augen zu Diamanten:

»Was suchen Sie, Durey?«

»Das Gleiche, was die Typen von der Internen suchen. Was alle suchen. Ich will verstehen, warum Luc das getan hat.«

»Für eine Depression gibt es oft keine äußere Erklärung.«

»Nichts deutet darauf hin, dass Luc depressiv war.« Ich sprach lauter. »Er hat zwei Kinder und eine Frau, er hätte sie nie einfach so im Stich gelassen. Irgendetwas muss ihn aus der Bahn geworfen haben!«

Dumayet griff nach ihrer Tasse und schnaufte, ohne etwas darauf zu erwidern.

»Es gibt noch etwas anderes«, fuhr ich leiser fort. »Luc ist Katholik.«

»Wir sind alle katholisch.«

»Nicht wie er. Nicht wie ich. Wir gehen jeden Sonntag in die Kirche. Wir beten jeden Morgen. Es widerspricht unserem Glauben, verstehen Sie? Luc hat mit seiner Tat nicht nur dem Leben entsagt, sondern auch der ewigen Seligkeit. Ich muss herausfinden, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat. Aber ich versichere Ihnen, dass es die laufenden Ermittlungen nicht beeinträchtigen wird.«

Die Kommissarin trank einen Schluck, wie ein Kätzchen.

»Wo waren Sie heute Morgen?«, fragte sie, während sie behutsam die Tasse abstellte.

»Auf dem Lande«, sagte ich zögernd, »Sachen überprüfen.«

»In Vernay?«

Ich steckte es schweigend weg. Sie wandte ihren Blick auf das halboffene Oberlicht, das auf die Seine ging. Es wurde bereits dunkel. Der Fluss schien aus erstarrtem Beton zu bestehen.

»Levain-Pahut, Lucs Chef, hat mich heute Mittag kontaktiert. Die Gendarmen von Chartres haben ihn angerufen, nachdem sie einen Anruf erhalten hatten. Ein Arzt der Städtischen Klinik war von einem Polizisten aus Paris aufgesucht worden. Ein hochgewachsener Typ, der einen ziemlich erregten Eindruck machte. Kommt Ihnen das bekannt vor?«

Ich neigte mich unvermittelt vor und hielt mich an der Kante des Schreibtischs fest:

»Luc ist mein bester Freund. Ich sage es Ihnen noch einmal: Ich will kapieren, was ihn zu dieser Verzweiflungstat getrieben hat!«

»Nichts kann ihn uns zurückgeben, Durey.«

»Er ist noch nicht tot.«

»Sie wissen genau, was ich meine.«

»Es ist Ihnen also lieber, dass diese Schnüffler von der Internen Ermittlung die Arbeit machen?«

»Die kennen sich aus.«

»Sie wissen, wie man gegen Polizisten ermittelt, die drogen- oder spielsüchtig sind oder sich nebenbei als Zuhälter verdingen. Luc hatte ganze andere Beweggründe!«

»Welche?«, fragte sie in ironischem Ton.

»Ich weiß es nicht«, räumte ich ein, während ich meinen Stuhl zurückschob. »Noch nicht. Aber es muss einen triftigen Grund für diesen Selbstmordversuch geben. Etwas ganz und gar Außergewöhnliches, das ich herausfinden will.«

Sie drehte sich langsam auf ihrem Stuhl. In einer sinnlichen Bewegung streckte sie die Beine aus und legte ihre Pumps auf den Heizkörper.

»Es gibt keinen Mord, kein Ermittlungsverfahren. All das hat mit unserem Dezernat nichts zu tun. Und Sie sind nicht der richtige Mann am richtigen Platz.«

»Luc ist für mich wie ein Bruder.«

»Genau das ist der Punkt. Sie sind gereizt und angespannt.«

»Soll ich vielleicht Urlaub nehmen?«

Sie war mir noch nie so gefühllos und gleichgültig vorgekommen.

»Zwei Tage. Achtundvierzig Stunden lang lassen Sie alles Übrige liegen und sehen zu, was Sie herausfinden können. Dann machen Sie mit Ihren alten Fällen weiter.«

»Danke.«

Ich stand auf und ging zur Tür. Als ich die Klinke herunterdrückte, sagte sie:

»Noch etwas, Durey. Sie sind nicht der Einzige, der trauert. Auch ich habe Soubeyras gut gekannt, als er bei uns war.«

Die Bemerkung stand für sich. Aber unwillkürlich warf ich einen Blick über meine Schulter. Ein weiteres Mal erhielt ich die Bestätigung, dass ich die Frauen nie verstehen werde.

Nathalie Dumayet, die Frau, die die Mordkommission mit eiserner Hand leitete, die Polizistin, die von islamistischen Terroristen der GIA Geständnisse erzwungen und den Ring afghanischer Heroinhändler zerschlagen hatte, weinte still mit gesenktem Gesicht.

Kapitel 10

Vorhölle.

Das Wort fiel mir ein, als ich durch die Türen der Intensivstation ging. Die Vorhölle. Da, wo die Seelen der Gerechten des Alten Testaments eingesperrt sind, bevor sie von Jesus befreit werden. Der geheimnisvolle Ort, an dem sich die Kinder aufhalten, die gestorben sind, bevor sie getauft werden. Eine schattenhafte, düstere, bedrückende Umgebung, in der man darauf wartet, dass sich das Schicksal erfüllt. »Zwischen Leben und Tod«, hatte Svendsen gesagt.

Bekleidet mit einem im Rücken geschnürten Kittel, einer Haube und Zellstoffgaloschen ging ich den dunklen Flur entlang. Linker Hand befand sich das Bereitschaftszimmer der Pfleger, das von einem Nachtlicht erhellt wurde. Rechter Hand eine Glaswand, dahinter mehrere abgetrennte Zellen. Nur das Klicken der Beatmungsmaschinen und die Beeps der Vitalmonitore hallten in der Finsternis wider.

Ich dachte an eine Stelle in dem der Hölle gewidmeten Vierten Gesang der Göttlichen Komödie von Dante:

Am Rand fürwahr mich fand ich ob dem Schlunde

Des Jammertals, das donnernd widerhallt

Von Schreien ohne Zahl in seinem Grunde.

Tief, dunkel war’s, voll Nebel, der sich ballt;

Zur Tiefe tauchend, konnt in all den Weiten

Nicht Raum mein Aug erkennen noch Gestalt.

Nummer 18.

Lucs Zimmer.

Er war mit Riemen an ein Bett gefesselt, dessen Kopfteil erhöht war. Durchsichtige Schläuche schlängelten sich um ihn. Eine Sonde war in ein Nasenloch eingeführt worden, eine andere in den Mund. Sie waren an einen schwarzen Blasebalg angeschlossen, der sich raschelnd öffnete und schloss. Eine Infusion im Hals, eine weitere im Unterarm. Ein Clip, der an einem seiner Finger steckte, leuchtete wie ein Rubin. Rechts stand ein schwarzer Bildschirm, über den grüne Lichtkurven wanderten. Über dem Bett hingen Klarsichtbeutel, gefüllt mit Infusionslösungen.

Ich ging näher heran. Es heißt, man soll mit Menschen, die im Koma liegen, sprechen. Ich öffnete die Lippen, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich beschloss zu beten. Ich kniete mich hin und bekreuzigte mich. Ich schloss die Augen und flüsterte mit gesenktem Kopf: »Ich vertraue auf dich, mein Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist …«

Ich stockte. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich gehörte nicht hierher, ich gehörte auf die Straße, auf der Suche nach der Wahrheit. Ich stand wieder auf, mit einer Gewissheit im Herzen: Ich könnte ihn erwecken. Ich könnte ihn retten. Unter einer Voraussetzung: Ich musste herausfinden, warum er das getan hatte. Meine Erkenntnisse würden ihn aus der Vorhölle herausholen!

Im Eingangsbereich der Station sprach ich eine Sekretärin an und bat sie, Dr. Éric Thuillier herbeizurufen – den Neurologen, mit dem zu sprechen mir der Anästhesist tags zuvor geraten hatte.

Ich musste ein paar Minuten warten, bis der Arzt erschien. Er war um die Vierzig und sah aus wie ein Intellektueller. Oxford-Hemd, halsenger Pulli, eine zu kurze, zerknitterte Kordhose. Mit seinem strubbeligen Haar machte er einen etwas ungepflegten Eindruck, den jedoch seine Hornbrille widerlegte.

»Docteur Thuillier?«

»Ja.«

»Commandant Mathieu Durey, Mordkommission. Ich bin ein enger Freund von Luc Soubeyras.«

»Ihr Freund hat großes Glück gehabt.«

»Haben Sie ein paar Minuten Zeit? Ich würde gern mit Ihnen darüber sprechen.«

»Ich muss in ein anderes Stockwerk. Kommen Sie mit.«

Ich folgte ihm durch einen langen Flur. Thuillier legte mir seine Sicht der Dinge dar, ohne dass ich etwas Neues erfuhr. Ich unterbrach ihn:

»Besteht Aussicht, dass er wieder aufwacht?«

»Das kann ich nicht sagen. Sein Koma ist tief. Aber ich habe schon Schlimmeres gesehen. In Frankreich fallen jedes Jahr über zweihunderttausend Menschen ins Koma. Nur fünfunddreißig Prozent wachen unversehrt wieder auf.«

»Und die anderen?«

»Sterben, bekommen Infektionen oder vegetieren hirngeschädigt vor sich hin.«

»Man hat mir gesagt, er sei fast zwanzig Minuten klinisch tot gewesen.«

»Ihr Freund leidet an einem sogenannten anoxischen Koma, das durch Atemstillstand hervorgerufen wird. Sein Gehirn wurde eine Zeit lang nicht mit Sauerstoff versorgt. Aber wie lange genau? Zweifellos sind in diesem Zeitraum Milliarden von Nervenzellen abgestorben, vor allem im Bereich der Großhirnrinde, die die kognitiven Funktionen steuert.«

»Was bedeutet das konkret?«

»Falls Ihr Freund aufwacht, wird er zwangsläufig unter Folgeschäden leiden, die leicht oder auch schwer sein können.«

Ich spürte, wie ich erbleichte. Ich wechselte das Thema:

»Und wir? Ich meine: die Menschen in seinem Umfeld. Können wir etwas tun?«

»Sie können Pflegemaßnahmen durchführen. Zum Beispiel, ihn massieren oder ihn einkremen, um zu verhindern, dass seine Haut austrocknet. Sie können so körperliche Nähe zu ihm herstellen.«

»Bringt es etwas, mit ihm zu sprechen? Ich habe gehört, dass es hilfreich sein könnte.«

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Niemand weiß Genaueres. Meine Tests haben ergeben, dass Luc auf gewisse Reize reagiert. Es sind sogenannte ›Äußerungen eines residualen Bewusstseins‹. Also warum nicht? Vielleicht tut ihm eine vertraute Stimme gut? Und auch für den, der mit einem Patienten spricht, kann es eine Erleichterung sein.«

»Haben Sie seine Frau getroffen?«

»Ich habe ihr das Gleiche gesagt wie Ihnen.«

»Was für einen Eindruck hatten Sie von ihr?«

»Sie war erschüttert. Und auch, wie soll ich sagen  etwas starrsinnig. Die Situation ist tragisch, aber man muss sich damit abfinden.«

Er stieß eine Tür auf und ging die Treppe hinunter. Ich folgte ihm. Über die Schulter sagte er:

»Ich wollte Sie noch etwas fragen. War Ihr Freund in ärztlicher Behandlung? Hat er Spritzen bekommen?«

Diese Frage wurde mir zum zweiten Mal gestellt.

»Stellen Sie mir die Frage wegen der Einstichstellen?«

»Haben Sie eine Erklärung dafür?«

»Nein, aber ich kann Ihnen versichern, dass er keine Drogen nahm.«

»Sehr schön.«

»Ändert das etwas?«

»Ich muss bei der Diagnose alles berücksichtigen.«

Als er das untere Stockwerk erreicht hatte, wandte er sich mit einem betretenen Lächeln zu mir um. Er nahm seine Brille ab und rieb sich den Nasenrücken.

»Na schön, ich muss jetzt los. Wir können nur eines tun: Warten. Die ersten Wochen sind entscheidend. Sie können mich jederzeit anrufen.«

Er grüßte mich und verschwand hinter der Schwingflügeltür. Ich ging hinunter ins Erdgeschoss. Ich versuchte, mir Luc als einen Drogenabhängigen vorzustellen. Undenkbar! Aber woher kamen diese Einstiche? War er krank? Hätte er das vor Laure verbergen können? Auch das müsste ich überprüfen.

Im Hof der Notaufnahme in der Nähe des Eingangs der Abteilung für kranke Strafgefangene sah man ebenso viele blaue Uniformen wie weiße Kittel. Ich schlüpfte zwischen zwei Einsatzwagen der Polizei durch und gelangte zum Portal.

In diesem Moment überkam mich das Gefühl, heimlich beobachtet zu werden, und ich drehte mich um.

Abgestellte Rollstühle waren wie Einkaufswagen ineinandergeschoben und durch eine Kette miteinander verbunden. Im letzten lag Doudou.

Er hatte die Rückenlehne des Stuhls bis zum Anschlag heruntergeklappt und sich hineingefläzt. Er ließ mich nicht aus den Augen und hielt in seiner rechten Hand eine Zigarette. Ich nickte ihm leicht zu und ging durch den Vorbau ins Gebäude.

»Ein Geheimnis«, sagte ich mir. »Die Männer von Luc haben irgendein verdammtes Geheimnis.«

Kapitel 11

»Sei leise, die Kleinen schlafen.«

Laure Soubeyras trat zur Seite, um mich hereinzulassen. Es war 20.30 Uhr. Sie fuhr fort, während sie die Tür wieder schloss:

»Sie sind völlig fertig, und sie müssen morgen in die Schule.«

Ich nickte ein wenig ratlos, denn ich hatte keine Ahnung, um wie viel Uhr Kinder normalerweise zu Bett gingen. Laure nahm mir den Mantel ab und führte mich dann ins Wohnzimmer:

»Möchtest du einen Tee? Einen Kaffee? Einen Schnaps?«

»Einen Kaffee bitte.«

Sie verschwand. Ich setzte mich aufs Sofa und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Die Soubeyras wohnten in einer schlichten Vier-Zimmer-Wohnung an der Porte de Vincennes, in einem jener Backsteingebäude, die von der staatlichen Pariser Immobiliengesellschaft erbaut worden waren. Das Paar hatte die Wohnung gleich nach der Heirat erworben und sich für den Kauf hoch verschuldet. Alles hier war Ramsch: der knarrende Holzfußboden, die Sperrholzmöbel, die billigen Nippfiguren … Der Fernseher war auf Zimmerlautstärke gestellt.

Über diese Wohnung hätte Luc das Gleiche sagen können wie über die Frauen: »Das Problem so schnell wie möglich bereinigen, um es schneller zu vergessen.« Tatsächlich bedeutete ihm die Wohnung nichts. Wäre er Single gewesen, hätte es bei ihm so ähnlich ausgesehen wie in meiner Behausung: keine Möbel, keine persönliche Note. Materielle Annehmlichkeiten und vor allem der bürgerliche Komfort bedeuteten uns beiden nichts. Aber Luc hatte sich entschlossen, sich nach außen hin an die Spielregeln zu halten. Die eigenen vier Wände in Paris und ein Haus auf dem Lande 

Laure kam zurück mit einem Tablett, auf dem eine gläserne Kaffeekanne, eine Zuckerdose und ein Schälchen mit Gebäck standen. Sie schien mit ihren Kräften am Ende. Ihr langes Gesicht, das durch ihre grauen Locken noch schmaler wirkte, war angespannt und erschöpft.

Zum tausendsten Mal brütete ich über dieses Rätsel: Weshalb hatte Luc diese farblose, nicht besonders intelligente Frau geheiratet, eine Jugendfreundin aus seinem Heimatdorf? Sie war Arzthelferin, und das Gespräch mit ihr ähnelte einem Scrabble-Spiel ohne Buchstaben. Ich erinnerte mich an eine schlüpfrige Bemerkung Lucs über sie: »Die Missionarsstellung und sonst nichts.« Mir wurde übel.

Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Schemel. Der niedrige Tisch stand zwischen uns. Ich fragte mich, wie viel Geld Laure und den Kindern wohl zur Verfügung stand. Ich musste mich erkundigen: Wie hoch war die Hinterbliebenenrente der Ehefrau eines Polizisten, der Selbstmord begangen hatte? Es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um über materielle Probleme zu sprechen. Nach einigen banalen Bemerkungen über den unveränderten Zustand Lucs erklärte Laure:

»Ich werde eine Messe für Luc lesen lassen.«

»Was? Aber Luc ist nicht …«

»Darum geht es nicht. Ich habe gedacht …«

Sie stockte und rieb langsam Handfläche gegen Handfläche.

»Ich möchte seine Freunde zusammenbringen, damit wir gemeinsam seiner gedenken. Einen Appell …«

»Du meinst: einen Appell an Gott?«

Laure war nicht gläubig – ein weiterer Unterschied zu Luc. Und die Idee eines Hilfeersuchens, eines äußersten Notrufs an Gott, gefiel mir nicht. Heute gedachte man Gott nur noch bei bedeutsamen Ereignissen: Taufe, Heirat und Tod … Ein Inventar von Daten in Schwarz-Weiß.

»Es gibt nicht nur die religiöse Seite«, fuhr sie fort. »Ich habe mich ein bisschen über das Koma als medizinisches Phänomen kundig gemacht. Es heißt, dass das Umfeld einen positiven Einfluss haben kann. Einige Menschen sind nur deshalb aus dem Koma aufgewacht, weil man mit ihnen gesprochen oder sich ihnen liebevoll zugewandt hat.«

»Na und?«

»Ich möchte seine Freunde versammeln, um ihre Energie zu bündeln, verstehst du? Eine Kraft, die Luc vielleicht spüren wird.«

Das roch verdächtig nach New Age. Ich fragte in scharfem Ton:

»Welche Kirche?«

»Sainte-Bernadette. Ganz in der Nähe. Luc ist immer dorthin gegangen.«

Ich kannte die Kapelle, die an der Avenue de la Porte-de-Vincennes lag. Eine Art Bunker im Untergeschoss, der heute von einer tamilischen Gemeinde genutzt wurde. Vor einigen Jahren, als ich noch im Dezernat für Sexualdelikte arbeitete, hatte ich oft im Morgengrauen hier Zuflucht gesucht, nachdem ich die äußeren Ringstraßen mit ihren Scharen von Prostituierten abgeklappert hatte. Ich sagte:

»Der Pfarrer wird niemals damit einverstanden sein.«

»Weshalb?«

»Lucs Tat ist eine Todsünde.«

Sie lächelte bitter:

»Immer eure dämlichen Prinzipien. Aber du hast selbst gesagt, dass Luc noch nicht tot ist.«

»Das ändert nichts an dem, was er getan hat.«

»Deiner Meinung nach ist er also verdammt?«

»Hör auf. Die Kirche folgt gewissen Regeln und …«

»Ich habe gerade mit dem Priester gesprochen«, unterbrach sie mich. »Einem Inder. Die Messe findet übermorgen früh statt.«

Ich suchte nach Gründen, die es mir erlaubt hätten, mich über die Neuigkeit zu freuen. Aber nichts zu machen. Ich kam mir vor wie ein fundamentalistischer, engstirniger und reaktionärer Christ. Ich erinnerte mich an die Münze, die Luc in der Hand gehalten hatte und die ihn vor dem Teufel hatte schützen sollen. Laure hatte recht: Er und ich lebten im Mittelalter.

»Und du«, fragte sie, »weshalb bist du gekommen?«

Ihr Ton verriet ihren Argwohn. Sie hatte immer einen Feind oder zumindest einen Gegner in mir gesehen. Ich verkörperte für sie das Undurchsichtige an Luc, seine mystische Seite, jene Tiefe, zu der sie keinen Zugang hatte  und natürlich seinen Beruf als Polizist. All das, was ihrer Meinung nach heute seine Tat erklärte.

»Ich wollte dir ein paar Fragen stellen.«

»Klar, das ist dein Job.«

Ich neigte mich zu ihr und sagte mit Wärme in der Stimme:

»Ich muss begreifen, was in ihm vorging.«

Sie nickte, zog ein Papiertaschentuch hervor, das sie in ihren Ärmel gesteckt hatte, und schnäuzte sich.

»Hat er nichts hinterlassen? Keine Notiz? Keine Botschaft?«

»Ich hätte es dir gesagt.«

»Hast du in Vernay nachgeschaut?«

»Ich war heute Nachmittag dort. Da war nichts.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Immer seine Geheimniskrämerei. Er wollte nicht, dass man ihn durchschaut.«

»War er vielleicht krank?«

»Wie das?«

»Nur so eine Idee. Hat er sich untersuchen lassen? War er in ärztlicher Behandlung?«

»Nein.«

»Wie ist er in letzter Zeit gewesen?«

»Gut gelaunt, fröhlich.«

»Fröhlich?«

Sie sah mich verstohlen an:

»Seine Stimme hatte einen anderen Tonfall, und er war ganz aufgekratzt. Irgendetwas in seinem Leben hatte sich geändert.«

»Was?«

Nach kurzem Schweigen versetzte sie:

»Ich glaube, er hatte eine Geliebte.«

Ich wäre beinahe vom Sofa gefallen. Luc war Jansenist, also jemand, der die Sinnenfreuden nicht bloß gering schätzte, sondern sich davon befreit hatte. Es war ungefähr so, als würde man den Papst verdächtigen, die Reliquien des Vatikans zu klauen, um sie zu verkaufen.

»Hast du Beweise?«

»Mutmaßungen. Eine Reihe von Mutmaßungen.« Ihr Blick wurde starr. »So sagt ihr doch, oder?«

»Was für welche?«

Sie antwortete nicht. Mit niedergeschlagenen Augen zerriss sie ihr Papiertaschentuch mit kleinen abgehackten Bewegungen. Das war kein Kummer mehr, sondern Wut.

»Seine Stimmung hatte sich geändert«, fuhr sie schließlich fort. »Er war aufgedreht. Frauen spüren so etwas. Und dann ist er verschwunden …«

»Wohin?«

»Keine Ahnung. Seit letztem Juli. Zunächst am Wochenende. Die Arbeit, angeblich. Und im August hat er mir dann gesagt, dass er für zwei Wochen nach Vernay zieht. Anschließend ist er in Europa herumgereist. Jedes Mal eine Woche. Er hat behauptet, es wären Dienstreisen. Aber er konnte mich nicht täuschen.«

»Wann hörten diese Reisen auf?«

»Sie gingen weiter bis Anfang Oktober.«

Die Verdächtigungen Laures waren grotesk. Luc hatte ihr schlicht die Wahrheit gesagt: Ermittlungen auf eigene Faust. Eine Sache, an der er klammheimlich arbeitete. Vielleicht die Sache, die ich suchte 

»Du hast wirklich keine Ahnung, wohin er gefahren ist?«

Sie lächelte erneut, aber diesmal hatte ihr Lächeln einen Anflug von Grausamkeit:

»Nein, nicht genau. Aber ich habe meine eigene kleine Untersuchung durchgeführt. Ich habe seine Taschen durchwühlt, seinen Terminkalender durchgesehen.«

»Du hast was …?«

»Das machen alle Ehefrauen. Du hast keine Ahnung.« Sie hatte das Taschentuch mittlerweile in kleine Fetzen zerrissen. »Ich habe nur ein Indiz gefunden. Ein Mal. Eine Fahrkarte nach Besançon.«

»Besançon? Wieso ausgerechnet Besançon?«

»Was weiß ich. Vermutlich weil seine Nutte dort wohnte.«

»Was für ein Datum trägt die Fahrkarte?«

»Siebter Juli. Dieses Mal ist er mindestens vier Tage geblieben. Europa, von wegen …«

Laure lieferte mir eine heiße Spur. Eine Untersuchung hatte Luc in den Jura geführt. Ich versuchte, sie zur Vernunft zu bringen:

»Ich glaube, du bildest dir was ein. Du kennst Luc so gut wie ich. Besser als ich. Er ist nicht auf Affären aus.«

»Nein, gar nicht«, sagte sie in hämischem Ton.

»Er hat dir die Wahrheit gesagt: Er hat ermittelt, das ist alles. Etwas Persönliches, außerhalb der Arbeitszeit.«

»Nein. Da war eine Frau im Spiel.«

»Woher weißt du das?«

»Er hatte sich verändert. In sexueller Hinsicht.«

»Ich verstehe nicht.«

»Das wundert mich nicht.« Sie seufzte und sagte dann in neutralem Ton: »Seit der Geburt der Kinder hat er mich nicht mehr angerührt.«

Ich rutschte nervös auf dem Sofa hin und her. Ich hatte keine Lust auf diese Art von Vertraulichkeiten. Sie fuhr fort:

»Das typische Muster. Ich bedrängte ihn nicht. Sex hat ihn nie interessiert. Immer seine Ermittlungen, immer seine Beterei. Und plötzlich, in diesem Sommer, hat sich alles verändert. Seine Lust schien  wiedererwacht zu sein. Er war geradezu unersättlich.«

»Das spricht doch eher dafür, dass er sich auf eure Beziehung konzentrierte, oder?«

»Mein armer Mathieu. Da haben sich wirklich zwei gesucht und gefunden.«

Sie hatte dies ohne die geringste Ironie gesagt. Sie fuhr fort:

»Ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Ehemann eine Geliebte hat, ist doch gerade diese Rückkehr der Leidenschaft. Der Mann findet wieder Geschmack daran, verstehst du? Außerdem spielt das schlechte Gewissen eine Rolle. Es ist eine Art Wiedergutmachung. Weil er mit einer anderen schläft, gewährt dir dein lieber Ehemann eine Art Entschädigung.«

Ich fühlte mich wirklich unwohl. Mir die Eheleute Soubeyras im Bett vorzustellen, das war, als würde man einem Priester unter die Soutane schauen. Ein Geheimnis entdecken, das niemand kennen möchte. Ich stand auf, um das Gespräch abzubrechen, und rückte endlich mit dem eigentlichen Motiv meines Besuchs heraus:

»Könnte ich  kann ich mich in seinem Arbeitszimmer umsehen?«

Sie stand auch auf und strich sich ihren grauen, von Fitzelchen des zerrissenen Tempos übersäten Rock glatt:

»Ich sag es dir gleich, du wirst nichts finden. Ich habe schon alles durchsucht.«

Kapitel 12

Das Arbeitszimmer war blitzblank. Die gleiche künstliche Ordnung wie in Lucs Büro in der Kripozentrale. Wer hatte aufgeräumt? Laure oder Luc? Ich schloss die Tür, zog mein Sakko aus, legte das Holster ab. Auf den ersten Blick war alles unauffällig. Aber niemand ist unfehlbar – und ich konnte mir Zeit lassen.

Ich ging um den Schreibtisch und sein iBook herum, um die Fotos zu betrachten, die auf einem niedrigen Möbelstück vor dem Fenster standen. Amandine und Camille beim Ponyreiten, Schwimmen, Anfertigen von Masken … Eine Postkarte aus Rom mit den handgeschriebenen Sätzen: »Ich kannte die kleine Fabrik. Jetzt habe ich das große Werk gefunden!« Die »Fabrik« (unausgesprochen: »von Priestern«) war eine Anspielung auf Saint-Michel-de-Sèze, mit »das große Werk« war das Priesterseminar in Rom gemeint. Ein anderes Foto zeigte einen Mann in blauer Arbeitsmontur, der einen Helm mit Stirnlampe trug. Er posierte triumphierend mit Seilen und Karabinerhaken vor dem Eingang einer Höhle. Zweifellos Nicolas Soubeyras, der Vater Lucs, der Höhlenforscher.

Luc hatte immer voller Bewunderung von ihm gesprochen. Er war 1978 in der Höhle von Genderer in den Pyrenäen, mindestens zweitausend Meter vom Ausgang entfernt, ums Leben gekommen. Damals beneidete ich ihn um diesen Vater, diesen Heroismus, sogar um diesen Tod, da ich nur einen Pseudo-Vater gehabt hatte, der einige Jahre später nach einem Abendessen, bei dem er allzu tief ins Glas geschaut hatte, in Harry’s Bar in Venedig einem Herzinfarkt erlegen war. Wie man sich bettet, so liegt man.

Ich beugte mich zu der Lamellentür des Möbels hinab, die verschlossen war. Ich versuchte es mit dem Schrank: das Gleiche. Ich nahm hinter dem Schreibtisch Platz und schaltete den Computer ein. Ich tippte ein wenig darauf herum und bemerkte, dass ich diesmal kein Passwort brauchte, um die Dateien zu öffnen. Nichts Interessantes. Ein Heimcomputer mit Rechnungen, Urlaubsfotos, Spielen. Ich öffnete das Postfach. Die privaten E-Mails waren ebenfalls uninteressant: elektronische Warenbestellungen, Werbesendungen, lustige Geschichten … Nur ein paar E-Mails erregten meine Aufmerksamkeit. Sie waren immer an den gleichen Adressaten geschickt und unmittelbar darauf gelöscht worden. Eine Zeile im Speicher, die jede verschickte Sendung anzeigte, war das Einzige, was davon übrig geblieben war. Die letzte Nachricht war am Tag vor Lucs Selbstmordversuch abgeschickt worden. Die genau Adresse lautete: unital6.com.

Ich gab diese Buchstaben in Google ein.

Tatsächlich existierte eine gleichnamige Website: www.unital6.com. Doppelklick. Ein Logo. Die Silhouette von Bernadette Soubirous, mit ihrem kleinen blauen Gürtel, tauchte auf einer Ansicht von Lourdes auf. Der Begleittext zu dem Foto war auf Italienisch abgefasst. Seit meiner Seminaristenzeit beherrschte ich diese Sprache perfekt.

Unital6 war ein ehrenamtlicher Verein, der Wallfahrten nach Lourdes organisierte. Weshalb hatte Luc so kurz vor seinem Abgang Verbindung zu dieser Stiftung aufgenommen? Wieder der Verdacht einer tödlichen Erkrankung … Aber Laure schien ihrer Sache sicher zu sein, und die Ärzte im Hôtel-Dieu hätten einen Tumor oder eine Infektion sofort erkannt. Hatte diese Website etwas mit einem Ermittlungsverfahren zu tun?

Ich klickte mich durch die verschiedenen Menüseiten. Unital6 bot weitere Aktivitäten an: Seminare, Exerzitien in italienischen Klöstern. Ich las die Liste der Vorträge durch. Das einzige Thema, das Luc womöglich angesprochen hätte, war ein Kolloqium über die »Rückkehr des Teufels«, das am 5. November in Padua stattfinden sollte. Ich nahm mir vor, die Spezialisten von der Abteilung für Computerkriminalität anzurufen. Sie könnten vielleicht die Texte der E-Mails wiederherstellen.

Ich wandte mich von dem Computer ab und konzentrierte mich nun auf den Schreibtisch. In den Schubladen entdeckte ich nur bürokratischen Kram: Kontoauszüge, Stromrechnungen, Versicherungsquittungen, Unterlagen der staatlichen Sozialversicherung … Ich hätte mich in diese Dokumente vertiefen können, aber ich war nicht in der Stimmung, Zahlen unter die Lupe zu nehmen. In der letzten Schublade ein Terminkalender mit Namen, hingekritzelte Zahlen, Initialen. Einige kannte ich, andere nicht, wieder andere waren unleserlich. Ich steckte den Kalender in meine Sakkotasche, und als ich weitersuchte, stieß ich auf einen Bund mit kleinen Schlüsseln. Ich blickte auf: der Büroschrank und der kleine Einbauschrank mit der Lamellentür 

Sie ließ sich sofort öffnen. Aktenordner aus grauem Leinen, mit einem Riemen zugebunden, standen auf einem Regal dicht nebeneinander, trugen auf dem Rücken den Buchstaben D und die Jahresangaben: 1990 –1999, 1980 –1989. 1970 –1979 … Es reichte bis zum Anfang des Jahrhunderts zurück. Ich nahm den Ordner ganz rechts heraus, der die Aufschrift »2000 …« trug, stellte ihn auf den Boden und öffnete das Leinenbändchen.

Zwei weitere Aktenmappen, die beide das Datum eines Jahres trugen: 2000 und 2001. Ich öffnete die Mappe von 2001 und fand Bilder vom Anschlag des 11. September. Die beiden rauchenden Türme des World Trade Center, Körper, die in die Tiefe stürzten, verstört dreinblickende Menschen, die mit Staub bedeckt waren und über eine Brücke liefen. Dann tauchten weitere Fotos auf: Leichen mit ausgestochenen Augen, abgerissene Oberkörper von Kindern unter Schutt. Im Kommentar hieß es: »Grosny, Tschetschenien«. Ich blätterte weiter: Skelettreste, ein Schädel mit einem Frauenschlüpfer zwischen den Zähnen. Man brauchte die Legende gar nicht zu lesen. Das Foto zeigte die Exhumierung eines der Opfer des Serienmörders Émile Louis aus der Gegend von Auxerre.

Weshalb bewahrte Luc diese schrecklichen Bilder auf? Ich stellte den Ordner zurück und schlug dann denjenigen der 1990er Jahre auf, wobei ich aufs Geratewohl Blätter herauszog. 1993. Männer und Frauen mit durchgeschnittener Kehle in der Gasse eines algerischen Dorfs. Zerstückelte Leichen zwischen Blutlachen und verkohlten Blechen. »Selbstmordanschlag, Ramat Ash Kol, Jerusalem, August 1995«. Meine Hände begannen zu zittern. Ich ahnte, dass eine Aktenmappe meinem vertrauten Albtraum gewidmet war. Schwarze Körper in rotem Schlamm, aufgeschlitzte Gesichter, Massengräber, so weit das Auge reicht: »Ruanda, 1994«.

Ich schlug die Akte zu, bevor mir die Bilder ins Gesicht sprangen. Erst nach mehreren Anläufen gelang es mir, sie wieder zu schließen. Eiskalter Schweiß lief mir übers Gesicht. Die Angst kehrte mit Macht zurück, wie an den schlimmsten Tagen. Ich stand auf und zog die Jalousien am Fenster zur Seite, dann suchte ich den in Dunkelheit gehüllten Innenhof mit den Augen ab. Nach einigen Sekunden fühlte ich mich besser. Erleben zu müssen, wie sehr Ruanda noch immer in mir präsent war, wie überempfindlich ich darauf reagierte, enttäuschte, ja demütigte mich geradezu.

Ich kam auf Luc zurück.

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