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Das Herz der Dunkelheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
  53. 47
  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51
  58. 52
  59. 53
  60. 54
  61. 55
  62. 56
  63. 57
  64. 58
  65. 59
  66. 60
  67. 61
  68. 62
  69. 63
  70. 64
  71. 65
  72. 66
  73. 67
  74. 68
  75. 69
  76. 70
  77. 71
  78. 72
  79. 73
  80. 74
  81. 75
  82. 76
  83. 77
  84. 78
  85. 79
  86. 80
  87. 81
  88. 82
  89. 83
  90. 84
  91. 85
  92. 86
  93. 87
  94. 88
  95. 89
  96. 90
  97. 91
  98. 92
  99. 93
  100. 94
  101. 95
  102. 96
  103. 97
  104. 98
  105. 99
  106. 100
  107. 101
  108. 102
  109. 103
  110. 104
  111. 105
  112. 106
  113. 107
  114. 108
  115. 109
  116. 110
  117. 111
  118. 112
  119. 113
  120. 114
  121. 115
  122. 116
  123. 117
  124. 118
  125. 119
  126. 120
  127. 121
  128. 122
  129. 123
  130. 124
  131. 125
  132. 126
  133. 127
  134. 128
  135. 129
  136. 130
  137. 131
  138. 132
  139. 133
  140. 134
  141. 135
  142. 136
  143. 137
  144. 138
  145. 139
  146. 140
  147. 141
  148. 142
  149. 143
  150. 144
  151. Danksagungen

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere am Theater als Sprecherin, vor allem im Hörspiel, für die BBC und Capital Radio London tätig. Zeitweise arbeitete und lebte sie auch in New York. Ihr erster Roman war eine Liebesgeschichte; bekannt aber wurde sie durch ihre Psychothriller, die in siebzehn verschiedenen Ländern erscheinen. Sie lebt heute in einem Vorort von London.

 

Für Poppy und all die anderen wundervollen Familienhunde. Wir können uns so glücklich schätzen, unser Leben mit ihnen zu teilen! Großartige Charaktere, jeder Einzelne von ihnen.

 

»Das ist die Hölle: Zuzusehen, wie die Frau,
die man mehr liebt als alles andere auf der Welt,

in das schwarze Loch eines Albtraums fällt.
Und nicht eine verdammte Sache tun zu können,
um ihr zu helfen.«

Sam Becket

1

12. April

Wenn Jason Leonard, Grace Lucca Beckets erster Patient an diesem Tag, nicht zu früh gekommen wäre und sie selbst sich nicht ein bisschen verspätet hätte, nachdem sie Joshua, ihren zweieinhalbjährigen Sohn, in den Kindergarten gebracht hatte, dann hätte Jason nicht draußen auf der Terrasse auf sie warten müssen. Und dann wäre es vielleicht Grace gewesen, die es als Erste entdeckt hätte.

Es.

Danach hätte sie bestimmt Sam angerufen – ihren Ehemann, Detective beim Department für Gewaltverbrechen des Miami Beach Police Departments, kurz MBPD, der vermutlich sofort nach Hause gekommen wäre. Und Sam hätte vielleicht einen kurzen Blick darauf geworfen und dann das Bombenentschärfungskommando verständigt, das vielleicht entschieden hätte, eine kontrollierte Explosion durchzuführen (besser auf Nummer sicher gehen). Und dann hätten sie vielleicht erst viel später, falls überhaupt, herausgefunden, was genau in dem Paket gewesen war.

Aber so war Jason allein gewesen, als er es bemerkte.

Und da er vierzehn Jahre alt, gelangweilt und ein bisschen gereizt war – auch wenn er Doc Lucca für eine Seelenklempnerin ziemlich cool fand, waren ihre Sitzungen in letzter Zeit härter geworden – und da es eines seiner Dinge war, dass er sich nichts Hübsches ansehen konnte, ohne es berühren zu wollen, ohne es sich zu eigen machen zu wollen, hatte er genau das getan.

Weil es klasse aussah.

Und irgendwie merkwürdig.

Was es unwiderstehlich machte.

Zuerst hatte er nur das Dingi gesehen – ein Mini-Dingi, fast ein aufblasbares Kinderspielzeug –, das an dem Anlegepfahl hinter der Terrasse der Ärztin vertäut war. Dort schaukelte es im Wasser auf und ab, leuchtend gelbes Plastik, das im Sonnenschein glänzte.

Irgendetwas lag darin.

Ein Plastikbehälter, wie eine Tupperware-Dose.

Darin lag noch irgendetwas.

Jason hatte sich kurz umgesehen, bevor er sich hinhockte und mit einer Hand in das Dingi griff – nur für den Fall, dass ihn jemand beobachtete, nur für den Fall, dass es ein Trick war, vielleicht jemand, der versuchte, ihn auf frischer Tat zu ertappen –, obwohl niemand außer seiner Mom und der Ärztin wusste, dass er hier war, daher konnte es eigentlich nichts mit ihm zu tun haben.

Was wohl hieß, dass es vermutlich irgendetwas mit dem kleinen Jungen der Ärztin zu tun hatte. Obwohl Joshua erst zwei war und Jason bezweifelte, dass er überhaupt in die Nähe des Wassers durfte …

Und er wollte sich ja auch nur genauer ansehen, was in diesem Behälter war.

Es war, wie sich herausstellte, noch ein Behälter, eine dieser verzierten Geschenkschachteln: rot und mit einer weißen Schleife, die auf dem Deckel befestigt war, sodass man nichts aufschnüren musste, sondern nur den Deckel leicht anheben …

Ein zweiter Plastikbehälter.

Darin lag noch irgendetwas.

Irgendetwas Seltsames.

Jason hielt inne, verharrte ganz still, horchte auf Geräusche von Dr. Lucca. Er wusste, was er tun sollte: die Finger davon lassen, den Deckel wieder auf die Geschenkschachtel setzen, sie zurück in den größeren Plastikbehälter stecken, das ganze gruselige Ding zurück in das kleine Boot legen.

Denn ehrlich gesagt, war es ihm inzwischen wirklich gruselig.

Aber Tatsache war: Jason war unfähig, in Augenblicken wie diesem das Richtige zu tun. Er schien sich nie beherrschen zu können, sich Dinge anzuschauen, die er nicht sehen durfte – zum Beispiel den Aktenschrank neben dem Schreibtisch seines Dads, wenn er ihn in seinem Büro besuchte. Oder die Schublade, in der seine Mom ihre Höschen und Büstenhalter stapelte, wo sie aber auch diesen grässlichen rosa Vibrator aufbewahrte. Er wusste, dass sie lieber sterben würde, als ihn dieses Ding sehen zu lassen – und das war ein Anblick, bei dem sich ihm wirklich der Magen umdrehte …

Dasselbe galt für all die Sachen, die er gestohlen hatte.

Er konnte nicht anders.

Wollte eigentlich gar nicht anders können, wie er der Ärztin gegenüber einmal zugegeben hatte, vermutlich weil das Zeug, das er nicht sehen oder besitzen durfte, im Allgemeinen viel interessanter war als das Zeug, zu dem ihm der Zugang gewährt wurde.

Daher tat er jetzt, was er schon die ganze Zeit gewusst hatte, dass er tun würde.

Er öffnete den Behälter.

2

Grace hatte Woody, den Dackel-Schnauzer-Mischling der Familie, eben ins Arbeitszimmer gesperrt, da Jason Leonard auf Hunde nicht gut zu sprechen war, als sie den Schrei des Jungen hörte.

Vor Angst, dachte sie augenblicklich, oder vielleicht Schmerz, und sie beschleunigte ihre Schritte mit wachsender Besorgnis, eilte durch die Küche auf die Terrasse und sah den Teenager mit dem Rücken an die Wand des Hauses gedrückt.

»Jason, was ist los?«

Er gab keine Antwort, aber er war auf den Beinen, schien nicht verletzt zu sein.

Er starrte auf irgendetwas – eine ganze Reihe von Dingen in der Nähe des Geländers zwischen der Terrasse und dem Wasser. Grace’ Augen überflogen sie rasch, erfassten Plastikbehälter, eine scharlachrote Schachtel, eine weiße Schleife.

Und dann sah sie, dass es nichts von alledem war, was ihn so gebannt hatte.

Es war etwas anderes, etwas von einem dunkleren, glänzenderen Rot.

Blut.

Grace sah zurück zu Jason, musterte ihn von seinen roten Haaren bis hinunter zu seinen abgewetzten grauen Keds. »Jason, wo bist du verletzt?«

»Ich bin nicht verletzt.« Die Stimme des Jungen klang verängstigt, schuldbewusst. »Es tut mir leid, Doc.«

Grace’ Augen huschten zurück zu dem Durcheinander.

Sahen, dass da nicht nur Blut auf dem Boden war.

»Großer Gott!«, sagte sie in dem Augenblick, als ihr der üble Geruch davon entgegenschlug.

Momentane Erleichterung durchströmte sie, da Joshua bis zum Mittag wohl behütet im Kindergarten sein würde. Und dann schwand diese Erleichterung schlagartig. Das hier bedeutete wieder Ärger; das hier bedeutete zumindest noch mehr Scherereien, hier in ihrem eigenen Garten.

»Es war in dieser Schachtel«, flüsterte Jason.

Grace sah auf die scharlachrote Schachtel, den Deckel mit der weißen Schleife daneben und die beiden leeren Tupperware-artigen Behälter in der Nähe.

»Ich wusste, ich hätte es mir nicht ansehen dürfen«, fuhr der Junge fort. »Aber das ist einfach so eklig, Doc! Sie wissen doch, was es ist, oder?«

Jason wusste es; er hatte genau so etwas auf einer Horror-DVD gesehen, die er und Alex Bailey vor ein oder zwei Wochen schwarzgebrannt hatten.

»Ich weiß, was es ist«, sagte Grace leise.

Grundkurs Anatomie.

Kein Zweifel.

Es war ein menschliches Herz.

3

Kein Bombenentschärfungskommando war gekommen, aber eine andere Art explosionsartiges Spektakel fand jetzt auf der Terrasse der Beckets statt.

Detective Sam Becket und sein Partner, Alejandro Martinez, waren vor Ort, um sich die Sache selbst anzusehen. Schließlich handelte es sich hier – obwohl das Haus der Beckets offiziell der Zuständigkeit des Bay Harbor Islands Police Departments unterlag und, bei Verdacht auf ein Gewaltverbrechen, den Behörden von Miami-Dade unterstellt war – um das Zuhause von Sam, seiner Frau Grace, einer angesehenen Kinder-und Jugendpsychologin, und ihres kleinen Sohns. Niemand erhob Einwände.

Die Spurensicherung war schon seit einer Weile vor Ort, aber Dr. Elliot Sanders, der kürzlich ernannte leitende Gerichtsmediziner des Bezirks – noch immer übergewichtig, noch immer ein Raucher, der mehr Whiskey trank, als gut für ihn war, aber auch noch immer der beste Gerichtsmediziner, den Sam oder Martinez kannten –, hatte ebenfalls alles stehen und liegen lassen, um sich die Sache anzusehen; seine persönliche Höflichkeitsgeste gegenüber einem Detective, den er im Laufe etlicher Jahre gut kennen und schätzen gelernt hatte. Zusammen mit Sanders war ein kleines Team von Technikern aus seinem Büro eingetroffen. Und sobald alle damit fertig waren, die Fundstelle zu fotografieren, Skizzen anzufertigen und alles zu sammeln, was sie an Beweismaterial finden konnten, würden das kleine gelbe Dingi, die fünf Millimeter dicke Polypropylenleine, mit der es vertäut gewesen war, und sein geheimnisvoller, grausiger Inhalt in das Gerichtsmedizinische Institut verbracht werden.

Und dann würde der Prozess beginnen, die Person ausfindig zu machen, der das Herz gehörte.

Im besten Fall könnte sich herausstellen, dass es jemand war, der bereits verstorben war; ein Organspender vielleicht – ein Verbrechen, das schon abscheulich genug war angesichts des lebensrettenden Potenzials des Herzens für eine Transplantation.

Es könnte aber auch etwas ganz anderes sein.

Ein Mordopfer, nach dem Tod verstümmelt.

»Oder vielleicht davor«, dachte Martinez laut, ein stämmiger Kuba-Amerikaner mittleren Alters mit rundlichem, ausdrucksvollen Gesicht. Seine scharfen dunklen Augen beschworen Bilder herauf, die ihn anwiderten.

»Denk gar nicht erst dran«, sagte Sam zu ihm.

Er sah zu Grace hinüber, die ein paar Schritte weiter auf ihrer Veranda stand, sah die neuerliche Anspannung auf ihrem entzückenden Gesicht und hoffte gegen jede Vernunft, dass das Mini-Dingi wahllos vor ihrem Grundstück vertäut worden war. Dass diese Geschichte genauso leicht jedem anderen Bewohner der Insel hätte zustoßen können.

Nur, dass Sam das nicht glaubte.

Guten Grund hatte, es nicht zu glauben.

Und er konnte an Grace’ Miene ablesen, dass sie es ebenfalls nicht tat.

4

Die Neue Epistel von Cal dem Hasser

Mit dem Töten aufzuhören war das Schwerste, was ich je getan habe.

Verdammt schwer.

Selbst für einen verdammten Mann.

Und viel verdammter als ich ist keiner.

Der Rest war gar nicht so übel. Wenn du schon alles verloren hast, was dir je wichtig war, dann bist du so weit unten im Leben angelangt, dass du dir keine Sorgen mehr darum machst, woher du dein nächstes Essen kriegen sollst, geschweige denn, deinen nächsten Fick. Ist im Grunde egal, manchmal, ob du lebst oder stirbst.

Bis auf das mit der Hölle und Verdammnis.

Aber das Töten habe ich mehr vermisst als alles andere.

Ich habe mich so bemüht! Lange, lange Zeit. Habe mich jedes Mal bestraft, wenn ich den Drang in mir aufsteigen spürte, so, wie ich es früher getan habe, so, wie meine Mutter es mir beigebracht hat.

Gute alte, tote alte Jewel.

Ich dachte, sie würde meine Letzte sein.

Ich hatte wirklich vor, aufzuhören.

Wirklich.

Ich nehme an, ich bin doch schwächer, als ich dachte.

5

Der Monat hatte so herrlich begonnen.

Frühling in Miami.

Liebespaare überall, Hand in Hand spazierend, jung und alt.

Am ersten Sonntagnachmittag im April ging eines von ihnen, älter als die meisten, nahe der Fünfundneunzigsten Straße in Surfside am Strand spazieren; sie hatten sich die Schuhe ausgezogen und genossen es, den Sand unter ihren Füßen zu spüren, nicht weit von dort, wo sie eben mit der Familie zu Mittag gegessen hatten.

Und gefeiert hatten.

Denn Dr. David Becket, fünfundsechzig Jahre alt und seit Kurzem pensionierter Kinderarzt, und Miss Mildred Bleeker – deren Alter nur ihr selbst und vermutlich ihren Eltern und der Meldebehörde von New York City bekannt war – hatten sich verlobt.

Die ganze Gang saß vor dem La Goulue in Bal Harbour um einen großen Tisch versammelt. Sam, Grace, Joshua und Cathy – ihre dreiundzwanzigjährige Adoptivtochter, die Grace so unglaublich ähnlich sah mit ihren langen Beinen, ihrem buttergoldenen Haar und den ähnlich verblüffend blauen Augen, dass Fremde sie oft für leibliche Mutter und Tochter hielten; Grace’ Schwester Claudia mit ihrer Familie, die nach einigen Jahren in Seattle kürzlich zurückgekehrt war; und Saul Becket, Sams wesentlich jüngerer Adoptivbruder. Nur ein Jahr lag zwischen ihm und Cathy, eine Generation zwischen Sam und Saul – aber sie waren einander so nah und innig verbunden, wie es zwei Brüder nur sein konnten.

»Adoption liegt uns im Blut«, sagte David gern, denn er und seine verstorbene Frau Judy hatten die Familientradition ins Leben gerufen, ein Jahr nachdem er Sam, damals sieben, zum ersten Mal begegnet war, einem schockierten und verwirrten afroamerikanischen Jungen, der nach einem Unfall, bei dem seine Eltern und seine Schwester ums Leben kamen, in der Notaufnahme gelandet war.

Jetzt war er dreiundvierzig Jahre alt, gut einen Meter neunzig groß, mit kräftigen Schultern und Grace’ Kochkünsten als bester Ausrede dafür, dass er nicht mehr ganz so schlank war wie früher, auch wenn er noch immer dasselbe feinknochige Gesicht und denselben gelenkigen, muskulösen Körper besaß; ein knallharter Cop, wenn es sein musste, aber mit einem weichen Kern. Sein Vater war jetzt so stolz auf ihn, wie er es an jedem Tag ihres gemeinsamen Lebens gewesen war.

Grace zu treffen war das Beste, was Sam je passiert war.

Mildred widersprach dem. »Das Zweitbeste«, hatte sie David einmal erklärt. »Zuerst hat Samuel dich getroffen.«

»Okay«, hatte David zu einem gewissen Grad eingelenkt. »Mein Sohn kann sich glücklich schätzen.« Und dann hatte er kurz innegehalten. »Fast so glücklich wie ich, dich zu finden.«

»Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit, alter Mann«, hatte Mildred gesagt.

Sam wusste, dass sein Vater und Mildred ihre Gefühle füreinander nur zögernd erklärt hatten, mit Rücksicht auf seine und Sauls Empfindlichkeiten, nachdem Judy Becket, ihre Mom, vor fast vier Jahren gestorben war.

Bei der erstbesten Gelegenheit, die sich ihnen bot, hatten sie David beschwichtigt. Erstens einmal hatten beide ihre Mom sagen hören, sie wolle, dass er wieder eine Gefährtin fände; und zweitens hatten Judys beide Söhne – wie auch der Rest der Familie – Mildred ebenso sehr ins Herz geschlossen wie David selbst.

Respekt hatte für sie alle an erster Stelle gestanden. Respekt für eine Frau, deren Lebensweg härter gewesen war, als sich jeder von ihnen wirklich vorstellen konnte. Eine Frau aus konventionellen Familienverhältnissen, die so viel für den Mann aufgegeben hatte, den sie liebte, und die dann, nachdem sie ihn verloren hatte, dem Komfort und der Konvention den Rücken gekehrt und sich für ein Leben auf der Straße entschieden hatte.

Und genau dort hatte Sam sie ursprünglich kennengelernt, kurz bevor die Gewalt in Gestalt eines psychotischen Killers – Cals des Hassers – ihr auch dieses Leben entrissen, sie aber glücklicherweise auch zu Sams Familie und in ihrer aller Leben geführt hatte.

Cal der Hasser, für tot gehalten bis zum letzten Frühjahr, als er Sam geschrieben hatte.

Er war nicht tot.

Er war noch immer am Leben und somit eine Bedrohung für die ganze Familie Becket.

Denn Cal der Hasser, ein mehrfacher Mörder, war zugleich Grace’ Stiefbruder Jerome Cooper, Sohn von Frank Luccas zweiter Ehefrau. Ein junger Mann, der dazu erzogen worden war, sowohl Grace als auch Claudia zu hassen.

Obwohl die Person, die er von allen am glühendsten zu hassen gelernt hatte, Sam war, weil Jerome Cooper auch als Rassist erzogen worden war. Und Samuel Lincoln Becket war ein afroamerikanischer, adoptierter Jude, der mit einer der Frauen verheiratet war, die Cooper verabscheute, und der, in den Augen des Killers, dafür gesorgt hatte, dass er alles verlor, was ihm lieb gewesen war.

Cal/Cooper war noch immer irgendwo dort draußen.

Aber zumindest in diesem Augenblick herrschte Glück im Becket-Clan über die Verbindung zweier weiterer Leben.

6

13. April

Keine Herzen oder anderen lebenswichtigen Organe waren von Labors oder Krankenhäusern als vermisst gemeldet worden. Keine Toten aus Leichenschauhäusern oder Bestattungsinstituten oder Krankenhäusern oder irgendwo sonst gestohlen worden.

Keine Leiche abzüglich eines Herzens war aufgetaucht.

Noch nicht.

Aber Sam hätte um all sein Hab und Gut gewettet, dass sie es mit einem Mord zu tun hatten.

Man würde versuchen, die DNA des Herzens mit der CODIS-Datenbank abzugleichen. Aber bis entweder das zu einem Erfolg führte oder eine verstümmelte Leiche gefunden wurde oder eine Vermisstenanzeige eine Übereinstimmung ergab, gab es kaum etwas zu ermitteln. Keine Fingerabdrücke auf der scharlachroten Geschenkschachtel oder auf der Schleife oder auf der Polypropylenleine – nicht so robust wie Nylon, wie Martinez erfahren hatte, und hart in den Händen, aber von manchen Leuten dennoch als preiswerte Ankerleine verwendet.

»Und von Wasserskifahrern als Schlepptau«, erläuterte er Sam mit seiner leicht akzentuierten Stimme, »und von Campern, und sogar als Wäscheleine.« Er zuckte mit den Schultern. »Mit anderen Worten, so häufig wie Käfer in den beschissenen Everglades.«

»Fast, nehme ich an«, sagte Sam.

Genau wie die anderen Gegenstände, die alle in jedem beliebigen Geschäft oder online leicht erhältlich waren – auch wenn Miami-Dade die leise Hoffnung hatte, die Herkunft und, wer weiß, vielleicht den Käufer des Spielzeug-Dingis zu ermitteln.

Sie waren zwar nicht Miami Beach unterstellt, aber die beiden Detectives, die den Fall bearbeiteten, waren gut, und Sam und Martinez hatten ohnehin schon genug um die Ohren, wie üblich im Department für Gewaltverbrechen. Zwei Fälle schwerer Körperverletzung in den letzten beiden Wochen, drei Fälle häuslicher Gewalt im selben Zeitraum, und der Vergewaltiger einer fünfundsechzigjährigen Witwe an der Nordküste wurde dringend gesucht, bevor er erneut zuschlug.

Und privat stand bei Sam die Hochzeit seines Vaters ins Haus, bei deren Vorbereitung er mithelfen musste.

Obwohl es ursprünglich Sam gewesen war, der Mildred Bleeker in ihren Tagen als Obdachlose kennengelernt hatte, war es Grace, der Mildred als Erste einen echten Einblick in ihre persönliche Geschichte gewährt hatte.

Mildred hatte etwa achtzehn Monate zuvor begonnen, für sie zu arbeiten, hatte sie in ihrem Büro unterstützt und sich rasch unentbehrlich gemacht – was David nicht überraschte, dessen eigenes Büro sie bereits organisiert hatte –, und die beiden Frauen hatten einander mit stiller Wärme und gegenseitigem Respekt behandelt.

Respekt war der Schlüssel zu Mildreds Geheimnissen, und auch das erst im Laufe der Zeit.

Bis Anfang letzten Jahres hatten sie alle nur die gröbsten Fakten gekannt. Dass Mildred einmal mit einem Mann namens Donny verlobt gewesen war, der vor langer Zeit gestorben war. Dass sie seitdem die meiste Zeit auf einer Parkbank nahe der Promenade in South Beach geschlafen hatte, ein paar Blocks entfernt vom Hauptrevier des MBPD. Dass Mildred intelligent und mutig war – und dass irgendetwas an Sams Art und seine Freundlichkeit ihr gegenüber begonnen hatten, ihr misstrauisches Herz sanft zu öffnen.

David Becket war der Nächste gewesen.

Und dann, eines Nachmittags im letzten Februar, hatte Mildred darum gebeten, sich ein paar Stunden frei nehmen zu dürfen, um das Grab ihres verstorbenen Verlobten zu besuchen, da es der Jahrestag seines Todes sei. Grace hatte ihr angeboten, sie hinzufahren, und am Ende des Nachmittags wusste sie, dass Mildred in New York als Sekretärin gearbeitet und bei ihren Eltern in Queens gelebt hatte, als sie im Urlaub in Florida Donny Andrews kennenlernte, einen Postangestellten, der sich mit seiner wohlhabenden Familie überworfen hatte, nachdem er sich geweigert hatte, in ihr Unternehmen einzutreten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Donny fuhr mit ihr zusammen zurück nach New York, um ihre Familie kennenzulernen, aber Mildreds Mutter wollte nichts von ihm wissen, und ihr Vater hatte sich schon immer auf die Seite seiner Frau gestellt, selbst wenn er nicht völlig ihrer Meinung war. Donny, der Mildred auf keinen Fall verlieren wollte, hatte ihr einen Antrag gemacht, Mildred hatte ihn angenommen, und sie waren nach Miami zurückgekehrt.

»Aber wir haben nie geheiratet«, hatte sie Grace erzählt. »Ich sagte zu Donny, ich sei stolz, seine Verlobte zu sein, aber ich könne mir eine Heirat nicht wirklich vorstellen, bis wir eine Möglichkeit gefunden hätten, den Segen meines Vaters zu bekommen.«

Den Segen gab es nicht, aber Donny hatte Mildred einen Ring gekauft, und sie hatten sich eine glückselige Existenz in einer kleinen Mietwohnung in Little Havana eingerichtet. Bis bei Donny eine klinische Depression festgestellt wurde und er aus dem Postdienst ausschied.

»Ich habe den Ring hinter seinem Rücken verkauft, um ein paar Rechnungen zu bezahlen, und als Donny dahinterkam, schwor er, mir einen neuen zu kaufen.« Mildreds Miene wurde verträumt. »Aber drei Monate später kam er bei einer Schießerei einem Drogendealer in die Quere. Er war, was die Zeitungen einen ›unbeteiligten Zuschauer‹ nennen.«

»O Mildred«, sagte Grace leise.

»Ich habe diesen zweiten Ring nie bekommen«, hatte Mildred gesagt.

Ihre Hochzeit mit David Becket war auf den 22. April festgesetzt – nach der kurzen Verlobungszeit, die sie beide in ihrem Alter für vernünftig hielten – und würde auf der Veranda von Sams und Grace’ Haus stattfinden. Verwandte und nahe Freunde waren eingeladen, und Grace und Cathy – die auf dem College für kulinarische Künste der Johnson & Wales Universität in North Miami studierte – würden sich um das leibliche Wohl der Gäste kümmern.

Liebesmühen nahmen sie immer gern auf sich.

7

Grace versuchte angestrengt, alle Gedanken an das Herz zu verscheuchen, aber der schmerzlich unangenehme Vorfall – ein solcher Schock für den armen Jason Leonard – und ihr Wissen um die laufenden polizeilichen Ermittlungen dazu ließen ihr keine Ruhe.

Riefen andere Erinnerungen wach. Unendlich schlimmere.

Die grauenhaften Geschehnisse im letzten März und andere – ältere Bilder, aber noch immer quälend.

Sam und sie hatten hart kämpfen müssen, um über das hinwegzukommen, was ihnen zugestoßen war; sie wussten, wie knapp sie beide dem Tod entronnen waren, und konnten noch immer nicht vergessen, was ihnen angetan worden war. Aber sie hatten überlebt, nahezu unversehrt, auch wenn sogar Sam, der so stark war, seelisch und körperlich, noch immer Albträume davon hatte, genau wie sie.

Schlimme Dinge kamen und gingen wieder, wenn man Glück hatte, und sie beide hatten unendlich viel mehr Glück gehabt als die anderen Opfer dieses Grauens. Und davor hatte ihr kleiner Sohn – damals noch ein Baby – eine Entführung durch Jerome Cooper überlebt, und davor hatte es …

Wie oft konnte man Glück haben?

Wann war das eigene Glück erschöpft?

Manchmal verspürte Grace heutzutage eine Nervosität, die früher nie da gewesen war, einen Hang zu irrationalen Ängsten. Erst letzte Woche hatte sie mit Joshua in dem hübschen kleinen Park gegenüber ihrem Haus gespielt, als sie sich auf einmal beobachtet fühlte.

Ihre Haut hatte zu kribbeln begonnen, und sie war rasch zu ihrem kleinen Sohn gelaufen und hatte ihn hochgenommen, und Joshua hatte ihre Angst gespürt, hatte verdutzt in ihr Gesicht gestarrt, und sie hatte ihm gesagt, es sei gut, es sei alles in bester Ordnung. Aber dennoch war sie rasch aus dem Park und über die Straße in die Sicherheit ihres Zuhauses gelaufen.

Natürlich war dort niemand gewesen, hatte sie binnen Minuten begriffen.

Einbildung.

Jeromes Schuld und die dieser anderen Monster, und Grace nahm an, dass es auch keine große Hilfe war, dass sich der Alltag ihres Mannes nach wie vor um das Böse drehte, dass er, genau wie Martinez und ihre Kollegen, jedes Mal in Gefahr schwebte, wenn er zur Arbeit fuhr. Und doch war das nichts Neues, und in der Vergangenheit war sie immer gut damit klargekommen; schließlich hatte sie, wie sie fand, kaum eine andere Wahl. Denn Sams Arbeit war ihm wichtig, und er war ein guter Cop, und überhaupt war seine Arbeit inzwischen ein fester Bestandteil von ihm, und sie würde ihn niemals bitten, sie aufzugeben.

Aber ihr Schutzpanzer hatte ein paar Schläge zu viel abbekommen, wurde allmählich ein bisschen dünner, und Grace war nicht glücklich über ihre neue Neigung, überzureagieren. Sam hatte schon genug Sorgen am Hals, auch ohne zusätzlichen Stress ihretwegen, und Joshua brauchte und verdiente mit Sicherheit eine ruhige, fähige Mom, die sich um ihn kümmerte.

Keine Frau, die bei Schatten zusammenzuckte.

Oder Erinnerungen.

8

18. April

Ein Kind hatte es als Erstes bemerkt: das leuchtend gelbe Spielzeug-Dingi, das im Swimmingpool des Fontainebleau schaukelte. Das Mädchen, Monique Lazar, neun Jahre alt, dessen Eltern und zwei Geschwister rings um den Pool ihres Resorts (mit 32-Zoll-Flachbildfernseher, Digitalsafe und Butlerservice) den Luxus genossen, sah sich nach dem Besitzer des Dingis um, sah niemanden, der damit zu spielen schien, und nahm es zögernd in Besitz.

Niemand achtete auf sie. Ihr Vater war in ein Telefonat vertieft, ihr älterer Bruder Lucien schlief mit seinem iPod in den Ohren, ihre Mom war im Schönheitssalon und ihre kleine Schwester spielte im Kinderbereich mit ihrem Kindermädchen.

Das Paket in dem Dingi war das Verlockendste daran.

Unwiderstehlich.

Scharlachrot, mit einer weißen Satinschleife.

Monique wusste, was Privatbesitz bedeutete, dass man Fundsachen nicht einfach behalten durfte, und sie war sich ziemlich sicher, dass, wer immer der Besitzer war, bald wiederkommen würde, um es zu holen, daher hatte sie nicht vor, das Paket zu berühren. Aber sie sah nichts Unrechtes darin, ihre Barbie in dem Palm-Beach-Badekostüm aus ihrer Tasche zu nehmen, ins Wasser zu steigen, Barbie in das Dingi zu setzen und sie durchs Wasser zu ziehen, während sie mit der Puppe darüber plauderte, was wohl in der Geschenkschachtel sein mochte.

Es dauerte vielleicht fünf Minuten, bis Edouard Lazar kam, um nach ihr zu sehen, und Monique rechnete damit, dass er sie nach dem Dingi fragen würde (Maman wäre es sofort aufgefallen). Aber Papa fragte sie nur, ob alles in Ordnung sei, und sagte ihr, sie solle im Wasser schön vorsichtig sein, und dann war er wieder in ihrer Cabana und schaltete sein MacBook ein …

Daher spielte Monique weiter mit Barbie.

Bis Lucien auftauchte.

»Qu’est-ce que c’est?«, fragte er. »Wem gehört das?«

»Ich weiß nicht«, sagte Monique. »Niemandem.«

»Irgendwem muss es doch gehören.« Lucien sah sich um, zuckte mit den Schultern, hockte sich an den Rand und beäugte das Paket. »Ich finde, wir sollten nachsehen, ob es irgendetwas Wertvolles ist, und es abgeben.«

Monique fragte, ob sie nur noch ein bisschen länger damit spielen könne, aber Lucien sagte Nein, und was ihr großer Bruder sagte, wurde im Allgemeinen befolgt.

»Kann ich es aufmachen?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Gib es mir.«

Monique reichte ihm das Paket, strich Barbie übers Haar und setzte sie dann wieder in das jetzt leere Dingi und sah zu ihrem Bruder hoch.

Er hatte den Deckel von der Schachtel abgenommen und sah verwirrt hinein.

»Was denn?«, fragte Monique.

»Da drinnen ist ein Plastikbehälter«, sagte Lucien.

»Mach ihn auf!«

»Ich bin mir nicht sicher.«

»Vielleicht ist es nur jemandes Mittagessen«, überlegte Monique.

Lucien stand auf und nahm den Deckel vorsichtig von dem Behälter.

»Merde!«

Mit einer heftigen Bewegung schleuderte er den Behälter von sich, sodass sein Inhalt genau vor Monique ins Wasser fiel.

Die zu schreien begann.

Edouard Lazar sprang auf, und all die anderen Leute im und um den Swimmingpool kamen angelaufen, um zu sehen, weswegen sie so schrie.

Und im nächsten Augenblick war sie nicht mehr die Einzige.

9

Nur dieser eine Plastikbehälter diesmal, wie Sam und Martinez feststellten, aber ansonsten schienen die Verpackung und der Inhalt, zumindest auf den ersten Blick, identisch zu sein, auch wenn die Handschrift des Täters diesmal weitaus kühner war, mit der klaren Absicht, in aller Öffentlichkeit zu schockieren. Nicht wie bei dem ersten, der an einem privaten Grundstück vertäut worden war.

Dem Grundstück der Beckets.

Derselbe Beweis brutaler Gewalt in beiden Fällen. Noch ein menschliches Herz.

Ein zweites unbekanntes Opfer, das darauf wartete, gefunden zu werden.

Und diesmal ein Fall für Miami Beach.

Die Lazar-Kinder waren traumatisiert, aber in der fürsorglichen Obhut ihrer Eltern, die einer behutsamen und kurzen Vernehmung der Kinder zugestimmt hatten. Aber keines der beiden hatte irgendein Verbrechen beobachtet, und ihre Zeugenaussage beschränkte sich im Grunde auf die Entdeckung.

Immerhin gab es rund um das Luxusresort jede Menge Überwachungskameras, und sowohl das Management als auch die Mitarbeiter waren entsetzt, kooperativ und hoch effizient, äußerst bemüht, die Polizei zu unterstützen, um den Pool so rasch wie möglich wieder öffnen und zur Normalität zurückkehren zu können.

Gute Chancen also, dachten die Detectives, während sie die Aufzeichnungen der Überwachungskameras durchgingen, dass sie zumindest den Augenblick sehen würden, in dem das Dingi in den Pool gesetzt worden war. Sie rechneten mit einer Verkleidung, und aller Wahrscheinlichkeit nach mit jemandem, der in keinem unmittelbaren Zusammenhang zum Täter stand, jemandem, der für diese Aufgabe angeheuert worden war.

»Scheiße!«, fluchte Martinez.

Keiner von ihnen hatte mit dem gerechnet, was sie sahen.

Ein kleines Kind, vermutlich nicht älter als fünf oder sechs, von Kopf bis Fuß in einen viel zu langen Kapuzen-Bademantel gehüllt, sodass eine sofortige oder wenigstens spätere Identifizierung unmöglich war, sodass sie sich nicht einmal sicher sein konnten, ob die kleine Person, die das gelbe Dingi umklammert hielt, männlich oder weiblich war.

»Könnte« – Martinez zögerte – »wie nennt man das heutzutage … ein kleinwüchsiger Mensch sein?«

»Es ist ein Kind«, erwiderte Sam. »Sieh dir den Gang an, die Bewegungen.«

»Ich weiß nicht«, sagte sein Partner. »Weißt du noch diesen einen Gruselfilm, wo Donald Sutherland dachte, es wäre ein Kind in einem Regenmantel?«

Sam schüttelte den Kopf. »Das hier ist ein Kind.«

Und es war nur ein kleiner und unbefriedigender Teil der Geschichte, denn als das Dingi in den Swimmingpool platschte, war es leer gewesen; und das Kind mit der Kapuze hatte sich abgewandt und war im Gewühl der Gäste über einen der gepflasterten Wege, die vom Poolbereich wegführten, verschwunden und nicht mehr zu sehen gewesen.

»Vielleicht hat irgendwo jemand gewartet, um ihm den Bademantel auszuziehen«, sagte Sam. »Damit das Kind noch schwerer zu erkennen ist.«

Zehn Minuten später sahen sie auf den Aufnahmen ein Spiel, das im Pool stattfand, mit vielleicht einem Dutzend Jugendlichen, die so ausgelassen herumtobten, dass ein paar Schwimmer, die es gern etwas ruhiger hatten, lieber in Deckung gingen.

Als das Spiel vorbei war, lag die scharlachrote Schachtel in dem Dingi.

Sie sahen sich die Szene immer wieder an.

»Nichts«, sagte Sam.

Nicht ein Hinweis darauf, wer sie dorthin gelegt hatte.

Nicht eine Spur des Kindes mit der Kapuze, nachdem er oder sie den Bereich verlassen hatte.

Die größten Chancen auf eine Identifizierung würden sie haben, wenn die Aufnahmen verbessert und gründlicher untersucht worden waren, aber bis dahin würde das Kind bestimmt längst verschwunden und weniger leicht aufzuspüren sein. Zufällige Gäste konnten ungehindert kommen und gehen, um in einem der Restaurants oder dem Deli oder dem Café etwas zu essen – oder auch nur, um den Ort auszuforschen. Und selbst wenn das Kind ein rechtmäßiger Gast war, wenn man es vielleicht aufgefordert hatte, das Dingi zu tragen, etwa im Rahmen irgendeines Spiels, und es ihnen tatsächlich gelingen sollte, das Kind zu identifizieren, dann würden seine Eltern vermutlich Einwände gegen jede Art von Vernehmung erheben. Außerdem würde das Kind die Person, die ihm das gottverdammte Dingi gegeben hatte, vielleicht gar nicht identifizieren oder auch nur beschreiben können.

Dennoch beschäftigte der Fall die Spurensicherung und den Gerichtsmediziner, und die Mitarbeiter des Resorts wurden gebeten, sich die Aufnahmen anzusehen, in der vergeblichen Hoffnung, dass irgendjemand das Kind in dem Bademantel erkannte.

Bis jetzt hatten sie in dem Resort keine Spuren von Gewalt in einem Schlafzimmer, einer Suite oder an sonst irgendeinem der Orte gefunden, die man der Polizei zugänglich gemacht hatte.

Und ein zweites menschliches Herz war auf dem Weg zu Elliot Sanders’ Institut.

10

19. April

Heute war der Jahrestag von Sampson Beckets Tod.

Sams erster, geliebter Sohn war ihm und seiner ersten Frau, Althea, vor über einundzwanzig Jahren geboren worden, und ihre Ehe war ein schmerzliches Opfer des Unfalls geworden, der ihnen ihren wundervollen Jungen entrissen hatte.

Dieser Verlust war auf den heutigen Tag genau achtzehn Jahre her. Die Erinnerungen an den Schmerz verblassten nie wirklich, nur die Fähigkeit, sie in Schach zu halten, wurde im Laufe der Zeit stärker.

An den meisten Jahrestagen fuhr Sam hoch nach Sarasota, legte Sampson seine bunten Lieblingsmuscheln aufs Grab und sang ihm mit seiner Baritonstimme ein, zwei Schlaflieder. Manchmal fuhr er allein hin, manchmal mit Grace; ein paarmal war sein Dad mitgekommen, und zweimal Saul, und eines Tages wollte Sam gern Joshua mitnehmen, aber dieses Jahr hatte er die Hochzeit seines Vaters vorzubereiten. David hatte ihn gefragt, ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn der Termin so nah bei dem Jahrestag läge, aber Sam hatte ihm gesagt, er könne nicht glücklicher sein.

Kein Besuch in Sarasota dieses Jahr. Zu viel zu erledigen.

Das Leben ging weiter.

Und ein Mörder musste gefasst werden.

11

Bei all den Dingen, die es zu erledigen gab, und mit einem aufgekratzten Zweijährigen, der sie auf Trab hielt, hatte Grace für die ganze Woche vor der Hochzeit keine Sitzungen vereinbart. Cathy würde bis zum Vortag an der Universität sein, aber Saul hatte sich bereits mächtig ins Zeug gelegt, und Grace’ Protesten zum Trotz war auch die Braut selbst nicht zu bremsen gewesen.

»Ich werde einen Tag davor aufhören und keine Minute früher«, hatte Mildred vor einem Monat zu David und Grace gesagt. »Und wenn irgendjemand versuchen sollte, mich davon abzuhalten, bei meiner eigenen Hochzeit zu helfen, dann werde ich die ganze Sache abblasen, und dann kannst du sehen, wie dir« – diese letzten Worte waren an David gerichtet – »das gefällt.«

»Es könnte leichter sein, als mit einer streitsüchtigen Frau verheiratet zu sein«, sagte er.

»Streitsüchtig?«, gab Mildred zurück. »Wenn du mir noch einmal zu sagen versuchst, ich soll die Füße hochlegen, während ich wichtige Dinge zu erledigen habe, dann wirst du lernen, was streitsüchtig wirklich heißt.«

Aber obwohl die Verwandlung der Veranda allmählich Gestalt annahm und die Hochzeitsgewänder in diversen begehbaren Kleiderschränken unter Schutzhüllen hingen und die Vorbereitungen für das festliche Mittagessen im Grunde nicht vor Mittwoch und dem Vormittag selbst in Angriff genommen werden konnten, war Grace dennoch froh, dass sie ihren Terminkalender frei gehalten hatte.

Doch als an diesem kühlen, nassen Montagmorgen – und Grace hoffte bei Gott, das Wetter möge am Donnerstag nicht so sein – Sara Mankowitz anrief und Grace die entsetzliche Anspannung in ihrer Stimme hörte, da wusste sie, dass sie, wenn sie sich weigerte, Pete – Saras Sohn – zu sehen, für den Rest des Tages keinen Seelenfrieden mehr haben würde.

»Ich bin am Verzweifeln«, hatte Sara gesagt.

Sara neigte im Allgemeinen nicht zu Hysterie, und außerdem lagen Grace – auch wenn sie das vor niemandem zugegeben hätte – manche Patienten einfach ein bisschen mehr am Herzen als andere.

Der zehnjährige Pete Mankowitz war ein gutmütiger Junge, der an einer Panikstörung litt, in letzter Zeit Anzeichen von Platzangst entwickelt hatte und seiner Mom, die vor drei Jahren von ihrem Mann verlassen worden war, ganz allgemein große Sorgen bereitete.

In Zusammenarbeit mit dem Hausarzt der Familie hatte Grace bei Pete Entspannungstechniken und eine kognitive Therapie angewandt, aber allmählich sah es danach aus, als würden sie vielleicht bald auf eine medikamentöse Behandlung zurückgreifen müssen. Sara war verständlicherweise skeptisch angesichts der Tatsache, dass einige der sichersten Medikamente eine Depression manchmal verschlimmerten und, selbst wenn nicht, langfristig eine Toleranz auftreten konnte. Aber da Pete oft in der Schule fehlte und immer unfähiger schien, sozial zu interagieren …

Heute ausnahmsweise ein Hausbesuch.

»Du könntest zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen«, schlug Mildred vor. »Iss mit deiner Schwester zu Mittag.«

Die zukünftige Braut arbeitete heute; niemand wagte es, ihr zu widersprechen. Und sie hatte im Grunde recht, denn Claudias neues Zuhause auf Key Biscayne lag kaum mehr als eine Meile von Petes entfernt.

»Dafür habe ich eigentlich keine Zeit«, winkte Grace ab.

»Dann nimm dir die Zeit«, erwiderte Mildred. »Ich hole Joshua ab.«

»Du heiratest in drei Tagen«, sagte Grace.

»Daran muss ich nicht erinnert werden.«

»Aber du musst so viel um die Ohren haben!«

Mildred strahlte glückselig. »Ich nehme an, manche von uns haben einfach ein besseres Zeitmanagement als andere.«

12

Dieselbe Geschichte wie bei dem ersten Herzen.

Keine Diebstähle von Leichen wurden von irgendwo gemeldet. Keine Verstümmelungen von Toten wurden aus Krankenhäusern oder ähnlichen Einrichtungen gemeldet.

Keines der beiden Herzen stammte aus dem Langzeitlager eines Labors, und ohnehin hatte der Gerichtsmediziner rasch jede Möglichkeit ausgeschlossen, die Organe könnten für eine Transplantation bestimmt gewesen sein, da die Entnahmetechnik, gelinde gesagt, unfachmännisch gewesen sei.

»Von keinem Chirurgen auf dieser Seite der Hölle ausgeführt«, hatte Sanders zu Sam gesagt.

Keine Leichen mit fehlenden Organen waren hereingekommen.

Keine DNA-Übereinstimmungen.

Aber irgendetwas richtig Schlimmes geschah in und um Miami Beach.

Und noch Schlimmeres würde bald geschehen, da war sich Sam nur zu sicher.

13

Pete Mankowitz, mit seinem flachsblonden Haar und den nervösen haselnussbraunen Augen, war ungefähr in dem schlimmsten Zustand, in dem Grace ihn je gesehen hatte, als sie das einstöckige Haus in der Nähe des Crandon Parks erreichte.

Eine ausgewachsene Panikattacke, wie aus dem Lehrbuch. Nur dass das hier kein Lehrbuch war; das hier war ein lebender, atmender, leidender Junge, und auch wenn es Grace schließlich gelungen war, ihn mithilfe von Techniken zu beruhigen, die sie ihm im Laufe der Zeit beigebracht hatte, hatte sie sich über die Heftigkeit des Anfalls doch gewundert.

»Was hat das denn ausgelöst, wissen Sie das?«, fragte sie seine Mutter, als der Junge sich endlich in seinem Zimmer ausruhte.

»Ich habe keine Ahnung.« Sara, eine hübsche Brünette Anfang dreißig, saß erschöpft auf der Kante eines ihrer grauen Ledersessel. »Wir hatten davon geredet, heute Abend mit einem Freund einen Burger essen zu gehen, aber das schien ihm recht zu sein, und Pete weiß ja, dass wir, wenn es ihm schlechter gehen sollte, das Essen mitnehmen oder einfach wieder nach Hause fahren können.«

»Ist das Ihr neuer Freund?«, fragte Grace.

»Charles Duggan, ja.«

Sie hatte ihn vor ein paar Monaten kennengelernt, hatte ihn Grace gegenüber erwähnt, da sie den Mann mochte. Aber ansonsten versucht, die Beziehung gelassen anzugehen, um ihren Sohn damit nicht zu beunruhigen, auch wenn Pete keine Bedenken geäußert hatte.

»Ist Ihnen aufgefallen, ob sich Petes Probleme verschlimmern, wenn Mr. Duggan hier ist oder wenn er weiß, dass er vorbeikommen könnte?«

»Eigentlich nicht – das heißt, bis heute nicht.« Saras Miene wurde noch verzweifelter. »Ich muss aufhören, Charlie zu sehen, stimmt’s?«

»Nicht, wenn er ein guter Mann ist.« Grace lächelte. »So einen findet man nicht leicht, weiß Gott.« Sie schwieg einen Augenblick. »Aber bei einem so sensiblen Jungen wie Pete müssen Sie vielleicht besonders vorsichtig sein.«

»Ich dachte, das sei ich gewesen.« Sara kämpfte wieder mit den Tränen. Sie hatte geweint, als Grace gekommen war. »Es tut mir leid.«

»Nicht doch, Sara!« Grace war sanft. »Das ist so schwer für Sie. Das Letzte, was ich will, ist, Ihnen irgendeine Art Trost zu nehmen.«

Sara schüttelte wieder den Kopf. »Es ist kein Trost, wenn es Pete noch unglücklicher macht.«

»Wir wissen ja nicht, ob es irgendetwas mit Ihrer Freundschaft zu tun hat. Es ist gut möglich, dass die Attacke heute gar nichts mit Ihren Plänen für diesen Abend zu tun hatte.«

»Ich habe Charlie angerufen«, sagte Sara. »Wir haben es erst einmal verschoben.«

»Das ist vermutlich gut so«, nickte Grace. »Zumindest für heute Abend.«

Daniel Brownley, Claudias Ehemann, ein Architekt, hatte ihr neues Haus Névé genannt. Er liebte schneebedeckte Berge fast ebenso sehr wie das Meer und hatte inmitten der Entwürfe der steil aufsteigenden Linien aus Solarglas und weißem Stahl an jenes klangvolle Wort gedacht, das den Schnee auf dem Gipfel eines Gletschers beschrieb. Niemand hatte es ihm ausreden können.

Névés Schönheit war ein bisschen spröde für den persönlichen Geschmack seiner Frau, aber Daniel war ausschließlich ihr zuliebe nach Florida zurückgekehrt, und Claudia hätte auch in einer Hütte leben können, wenn es Dan glücklich machte.

Névé war gewiss keine Hütte, aber es war ungewöhnlich. Das Haus, mit Blick aufs Meer, lag im Dorf Key Biscayne, und Daniel hatte die Baumaterialien so ausgewählt, dass sie sich an das wechselhafte Wetter stets anpassten – keine leichte Aufgabe in Südflorida. Wenn es sonnig und heiß war, verdunkelten sich die riesigen Smartglas-Flächen und kühlten das Haus auf eine angenehme Temperatur ab; wenn sich Sturm- und Gewitterwolken über der Biscayne Bay zusammenbrauten, spiegelte sich ihr dramatisches Szenario in den Wandverkleidungen.

Grace gefiel das Haus bei jedem Besuch besser. Genau wie Claudia waren auch ihr die offenen Räume mit den hohen Decken und weiß gefliesten Böden anfangs etwas beängstigend erschienen – ganz zu schweigen von der hochmodernen Alarmanlage mit einer Sirene, die laut genug war, um alle Toten von Miami zu wecken. Doch mit der Zeit hatte sich ihre Meinung gemäßigt, und jedes Mal, wenn sie auf eine der Terrassen trat, die Daniel auf beiden Ebenen des Hauses angelegt hatte, wurde ihr bewusst, dass ihr Schwager es irgendwie geschafft hatte, ein Umfeld zu schaffen, das im völligen Einklang mit der Insel stand.

Heute hatte Claudia, entzückt über ihren unerwarteten Besuch, ein schnelles Mittagessen aus Krabbenpuffern und Salat zubereitet, das sie in einer der erstaunlichen, behaglichen Sitznischen einnahmen. Einige der Nischen waren groß genug für die ganze Familie, andere für ein oder zwei Personen entworfen, und alle auf der Meerseite des Hauses gelegen. Jetzt saßen sie in einer gemütlichen Ecke mit einem eleganten Biokamin, vor dem man sich im nächsten Winter herrlich würde entspannen können.

»Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen«, gestand Grace.

»Warum denn bloß?«, fragte Claudia.

»Ich habe diese Woche Patienten abgewiesen, um die Hochzeit organisieren zu können, und jetzt kümmert sich Mildred um Joshua, und ich sitze hier und lasse es mir gut gehen.«

»Eine Seelenklempnerin sollte eigentlich wissen, dass man sich schlichte Vergnügungen nicht durch Schuldgefühle verderben sollte.«

»Schon verstanden«, schmunzelte Grace.

Sie sah durch die Glaswand auf die regennasse Terrasse und die Veranda aus glattem brasilianischem Hartholz, vorbei an dem Swimmingpool und auf die Pforte in dem alarmgesicherten weißen Zaun, die zu dem öffentlichen, sandigen, mit Palmen bepflanzten Grasland, dem Strand und der Bucht dahinter führte, und sie hatte fast das Gefühl, wieder auf Islamorada auf den Keys zu sein, wo Claudia so glücklich gewesen war, bevor sie Daniels Arbeit wegen nach Seattle zogen und solch schwierige persönliche Zeiten vor ihnen lagen.

Jetzt sah Grace ihre Schwester an, und sie dachte, wie friedlich sie aussah mit ihren lebendigen dunklen Augen und einem Gefühl von Zufriedenheit, das fast greifbar war.

Fast ansteckend.

Die Ruhe blieb Grace fast auf der ganzen Fahrt nach Hause erhalten.

Bis sie bei La Tienda Fiesta anhielt, einem Partygeschäft in Little Havana, bei dem sie eine große Bestellung für die Hochzeit aufgegeben hatte. Sie hatte gehofft, die für Mittwoch vorgesehene Lieferung noch einmal mit Luis, dem Geschäftsführer, durchgehen zu können, aber in dem Laden war die Hölle los, und er schien von einer Frau völlig in Beschlag genommen zu sein, die entschlossen ein Klemmbrett schwenkte. Als er Grace entdeckte, reckte Luis zwar seinen Daumen in die Luft, was ihr, nahm sie an, als Zusicherung ausreichen sollte, aber wo sie schon einmal hier war, konnte sie sich auch gleich noch nach ein paar Party-Extras für die Veranda umsehen.

Ein schönes, ledergebundenes Gästebuch sprang ihr ins Auge, vielleicht als Erinnerungsstück für Mildred und David.

Sie bückte sich, um es in die Hand zu nehmen.

Irgendetwas streifte ihren Nacken.

Erschrocken richtete sie sich auf und wandte sich um.

Niemand da.

Nur ein Pärchen, das ein paar Schritte weiter in seine eigenen Einkäufe vertieft war, und links von ihr eine ältere Dame mit blau getönten Haaren, die ein bisschen verwirrt blickte.

Aber es hatte sich wie Fingerspitzen angefühlt. Wie eine Liebkosung.

So sehr, dass sie, als sie sich umgewandt hatte, halb erwartet hatte, Sam lachend hinter sich zu sehen.

Verwirrt sah Grace noch einmal links und rechts den Gang hinunter.

Und sah eine Gestalt eben um die Ecke des Hinterausgangs verschwinden.

Männlich, durchschnittlich groß, schlank, mit silberblondem Haar.

Vertraut.

Der Verdacht traf sie hart, wie ein kleiner, schmerzhafter Faustschlag gegen die Brust.

»Nein«, sagte sie laut und lief los, sprintete zum Hinterausgang, wollte unbedingt, selbst während sie rannte, dass sie sich täuschte.

Draußen auf dem Parkplatz keine Männer, die wie er aussahen.

Eine Reihe von Autos, alle gewöhnlich, anonym. Sie suchte den Parkplatz durch den Regenschleier ab, sah ein junges Paar, mit Tüten bepackt, in seinen Truck steigen, sah einen alten, roten VW Käfer und ein Motorrad mit einem dickbäuchigen Typen – kein Helm und kaum Haare – auf die Ausfahrt zusteuern.

Also alles nur ihre Einbildung.

Genau wie letzte Woche in dem Park gegenüber ihrem Haus.

Sie wartete auf die Erleichterung, aber stattdessen fühlte sie sich aus dem Gleichgewicht geworfen, flau im Magen.

Unversehens zurückversetzt ins vergangene Jahr – und damals war es nicht nur ihre Einbildung gewesen, denn Sam hatte auch geglaubt, ihn gesehen zu haben …

Komm schon, Grace!

Es war nichts gewesen. Nur jemand, der sie zufällig gestreift hatte. Ein anderer Kunde oder ein Verkäufer, der hinter ihr ging, vielleicht sogar nur ein Stück Stoff, das sich an ihrem Nacken wie Finger angefühlt hatte.

Während sie jetzt im Regen dastand, hob sie die rechte Hand und rieb selbst mit den Fingern über den Punkt, die Stelle genau unter dem Nacken, entblößt heute, da sie sich die Haare eingedreht und hochgesteckt hatte.

Die Stelle, die Sam oft so berührte, küsste.

Komm schon!

Niemand da. Weder heute noch letzte Woche.

Niemand.

Und mit Sicherheit nicht er.

14

20. April

Die Sonne schien wieder.

Und eine Leiche war gefunden worden.

Am Strand an der 53rd Street Beach angespült.

Zum Teil verwest, zum Teil von Meerestieren gefressen, auch wenn diese nicht für die große Wunde mitten in der Brust des Toten verantwortlich waren.

Diese war ihm – nach den vorläufigen Erkenntnissen des Gerichtsmediziners – von dem Amateur-Chirurgen zugefügt worden, dem Schlächter, der mit einem Messer in den Körper seines männlichen Opfers eingedrungen war und dann den Brustkorb aufgebrochen und geöffnet hatte, bevor er – oder sie – das Herz herausschnitt.

Das Opfer war ein Afroamerikaner, vermutlich Mitte zwanzig, und mit einem Nylonfaden von hinten erdrosselt worden.

»Mehr habe ich noch nicht für euch«, sagte Elliot Sanders zu Sam und Martinez.

Es war nicht das erste Mal, dass sie alle am Tatort eines Mordes am Strand zusammenkamen, mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten: ständig treibendem Sand und weiß Gott wie vielen Leuten, die dort vorbeigelaufen waren, seit die Leiche angespült worden war.

»Wie lange wird es dauern, bis wir wissen, ob wir eine Übereinstimmung mit einem der Herzen haben?«

Sam stellte die Frage, obwohl er nur zu gut wusste, dass diese Dinge weitaus länger dauerten, als sie alle hofften, Sanders eingeschlossen.

»Es hat Vorrang«, erklärte der Gerichtsmediziner grimmig.

Aber ganz gleich, ob man eine Übereinstimmung fand oder nicht – sie wussten bereits mit Sicherheit, dass wieder ein kranker Killer nach Miami Beach gekommen war.

15

»Gab’s sonst noch irgendwas?«, fragte Grace Sam spät an diesem Abend.

»Wie zum Beispiel?«

Sie saßen an ihrem großen alten Eichenholz-Küchentisch, und Sam hatte ihr bereits von dem unbekannten Toten erzählt, während sie Muschelsauce aufgewärmt und Spagetti gekocht hatte. Er hatte die Details ausgespart, aber schließlich hatte sie das erste Herz selbst gesehen, und er hatte das Gefühl, es sei ihr gutes Recht, es zu erfahren.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Irgendwas Vertrautes?«

Sam sah sie lange an.

Es war nicht Grace’ Art, um den heißen Brei herumzureden.

Trotzdem wusste er verdammt gut, wonach sie fragte, nicht zuletzt, weil er es sich an diesem Tag bereits selbst gefragt hatte. Weil sich die Frage aufdrängte, wegen des Erdrosselns mit einem Nylonfaden, und weil das Opfer von hinten überrumpelt worden und ein Schwarzer gewesen war.

Aber hauptsächlich natürlich, weil beide Herzen in Dingis gelegt worden waren.

Und das erste an der Anlegestelle ihres Hauses vertäut worden war.

»Die Leiche wurde weder in einem Dingi noch in einem Ruderboot gefunden, und die Haut des Opfers war nicht zerkratzt«, sagte er zu ihr, denn genau das war ihre Frage gewesen, da genau das ein wesentlicher Teil von Jerome Coopers Handschrift gewesen war.

»Konntet ihr das mit Sicherheit sagen?«

»Ja«, sagte Sam. »Und was das Erdrosseln angeht – du willst lieber nicht wissen, wie viele Leute in den Vereinigten Staaten jedes Jahr auf diese Weise getötet werden.«

Aber nicht allzu viele männliche Afroamerikaner in Miami-Dade, mochte Grace wetten, sagte es aber nicht laut.

Sie berichtete ihm jedoch von ihrer gestrigen Erfahrung in dem Partygeschäft.

Streng genommen ihrer Nicht-Erfahrung, auch wenn es ihr nicht so vorgekommen war.

»Ich nehme an, ich bin nur schreckhaft.« Sie lächelte schief. »Wieder einmal.«

»Was dir gar nicht ähnlich sieht«, erwiderte Sam. »Und ich wünschte, du hättest es mir schon gestern erzählt.«

»Ich wusste, dass es nichts war.«

»Trotzdem«, sagte er. »Ich dachte, wir hätten eine Abmachung.«

Die hatten sie. Alles, was einen von ihnen ernsthaft beunruhigte, würden sie sich erzählen.

»Es tut mir leid.« Grace schwieg einen Augenblick. »Das mit dem Dingi lässt mir noch immer keine Ruhe.«

»Mir auch nicht.«

»Die Handschrift eines Täters kann sich ändern, oder?«

»Manchmal.«

»Was, wenn er es ist?«

»Dann werden wir ihn fassen.«

»Das letzte Mal habt ihr es nicht getan.«

»Wenn er es ist«, sagte Sam, »dann werden wir es diesmal tun.«

16

21. April

Tatsache war, Jerome Cooper, auch bekannt als Cal der Hasser, stand wieder auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher der Miami Beach Police, seit er Sam Becket im vergangenen Jahr einen handgeschriebenen Brief geschickt hatte und folglich nicht mehr als tot galt. Und jeder, der auf dem Gebiet tätig war, wusste, dass es manchen Psychopathen, die unbedingt Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollten, verdammt schwerfiel, sich allzu lange versteckt zu halten. Daher wollte Sam jetzt nichts dringender, als dass jedes Boot in jedem Jachthafen und an jeder Anlegestelle in ganz Miami-Dade durchsucht wurde; um genau zu sein, jedes Boot, das groß genug war, um einen Mann und eine Leiche zu beherbergen.

»Dazu wird es nicht kommen«, sagte Martinez.

Was Sam bereits wusste.

Was er nicht wollte – nicht einen Tag vor dem großen Tag seines Vaters (und heute war auch noch der Geburtstag seines Bruders Saul, auch wenn sie sich bereits darauf ...

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