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Das Haus: unten am Fluss

1

Wie jeden Morgen, gegen sieben Uhr, und das schon seit über zwanzig Jahren, stand Dr. Alexander Hemmelskamp auf, um das Frühstück für sich und seiner Frau herzurichten.

Nach dem Duschen und Anziehen begab er sich zur nahegelegenen Bäckerei.

»Guten Morgen Herr Doktor.«

Wie jeden Morgen begrüßte ihn die etwas dickliche nette Bäckersfrau mit einem angenehmen Lächeln. Sie durfte in seinem Alter sein, also kurz vor der Rente.

Ebenso wie jeden Morgen lag die Tüte mit den Croissants und den duftenden Brötchen bereit.

Mit einem »Vielen Dank und noch einen schönen Tag«, verabschiedete er sich mit einem ebenso charmanten Lächeln.

Zu Hause angekommen, saß seine Frau Lieke, im Morgenmantel am Küchentisch.

»Guten Morgen mein Schatz«, begrüßte sie ihn.

Der Duft des frisch gebrühten Kaffees, füllte den gesamten Raum.

»Guten Morgen. Warum bist du denn schon auf? Du hättest doch noch etwas schlafen können.«

»Ich konnte nicht mehr schlafen. Es ist ein so wunderschöner Junimorgen. Da kann ich doch nicht so lange im Bett liegen.«

»Hast du wieder Kopfschmerzen?«

»Ja, fast die ganze Nacht. Erst als ich Iboprofen genommen habe, wurde es etwas besser.«

»Du Arme. Du solltest unbedingt zu einem Arzt gehen, und dich gründlich untersuchen lassen. Versprich mir das.«

»Das habe ich mir vorgenommen. Sobald mein Fall abgeschlossen ist, lasse ich mir einen Termin geben. Versprochen.«

Ein undefinierter Gesichtsausdruck huschte über sein Gesicht, und einen Moment wirkte es, als ob er noch etwas dazu sagen wollte.

Er drehte sich um, und holte noch die fehlenden Teller und Tassen aus dem Schrank.

»Kaffee hast du auch schon zubereitet.«

Sie nickte, und öffnete die Tüte mit den herrlich duftenden Brötchen um sie dann in ein Körbchen zu legen.

Wortlos blickte er auf den Tisch und überlegte.

»Marmelade und Butter. Das fehlt noch.«

»Entschuldige, ich …«

»Du musst dich nicht entschuldigen. Seit Jahren bin ich dafür zuständig. Schließlich will ich dich ein bisschen entlasten«, unterbrach er sie.

Lieke lächelte dankend.

»Hast du die beiden Zeitungen auch mitgebracht?«, fragte sie, nachdem Alexander ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Stirn gehaucht hatte.

»Ja, sie liegen noch auf der Kommode im Flur. Ich bringe sie mit, wenn ich schon unterwegs bin.«

Lieke legte sehr großen Wert darauf, das Wiesbadener Tagblatt und den Wiesbadener Kurier zu studieren.

Als Staatsanwältin war es für sie wichtig, das tägliche Geschehen rund um die Landeshauptstadt zu erfahren.

»Hast du einen neuen Fall oder bist du noch mit dem alten Fall mit der Kindesmisshandlung beschäftigt?«

»Ja, die Kindesmisshandlung. Es ist ein schrecklicher Fall.«

»Oh Gott. Schrecklich. Das arme arme arme Kind.«

»Ich habe vor ein paar Tagen neue Akten bekommen. Heute beginnen die letzten Verhandlungstage.«

»Lass es nicht so sehr an dich herankommen. Denke an den letzten Fall. Wie sehr er dich so sehr mitgenommen hat.«

Lieke nickte, und nahm sich ein Croissant.

»Habt ihr viel zu tun?«

»Ja, Unmengen. Zum Glück sind alle anwesend. Du weißt, Zähne braucht jeder«, sagte der Zahnarzt und lächelte.

Lieke sah ihn an und lächelte abwesend.

Nach dem Frühstück begab sich Lieke immer als erste aus dem Haus, um in aller Ruhe zum Amtsgericht zu fahren. Von ihrer Stadtvilla in Sonnenberg nahm sie die Mainzer Straße, die um diese Uhrzeit noch nicht so stark frequentiert war.

Alexander hatte es nicht so eilig. Als Inhaber einer großen Zahnarztpraxis mit drei angestellten Zahnärzten und etlichen Helferinnen, nahm er sich die Freiheit heraus, als Letzter aufzutauchen. Das war nicht immer so. In den Anfangsjahren hatte er bis zur Erschöpfung gearbeitet. Er durfte mit Fug und Recht stolz auf seine Leistungen sein.

Er hatte sich vorgenommen, maximal noch drei oder vier Jahre zu arbeiten, um dann mit dreiundsechzig oder vierundsechzig in Rente zu gehen.

Lieke war ein Jahr jünger, und würde dann ebenfalls in Pension gehen können.

So hatten sie es sich vorgenommen.

Gegen neun Uhr machte sich auch Alexander auf den Weg zur Praxis.

Er hatte es nicht ganz so weit wie seine Lieke.

Bis zur Taunusstraße waren es gerade mal vier Kilometer.

Eigentlich hätte er auch laufen können. Doch seine Knie machten nicht mehr so mit, wie er sich das oft wünschte. Vielleicht lag es daran, dass er in seiner Jugend in München sehr viel Sport getrieben hatte, und dabei fast keine Sportart ausließ.

Wenn er seine Augen schloss, hörte er noch heute die Stimmen seiner Eltern, die ihn ermahnten, mehr Leistungen in der Schule anzustreben, statt Sport zu treiben.

Das Schicksal wollte es, dass bei einem Skiunfall das Band und der Meniskus seines linken Knies riss.

Danach blieb ihm nichts übrig, als kürzer zu treten.

Von da an blieb automatisch mehr Zeit für die Schule übrig.

Nach einigen Missverständnissen in seiner Lebensweise, besann er sich für die schulischen Leistungen und für seine Zukunft.

Seine schulischen Leistungen stiegen rapide an, und er schloss sein Abi mit 1,2 ab.

Mit neunzehn Jahren studierte er dann sogar schon an der LMU München Zahnmedizin.

Elf Fachsemester waren damals für ihn eine lange Zeit, eine sehr lange Zeit.

Immer wieder war er in Versuchung aufzugeben.

Seine Eltern beschworen ihn mit Engelszungen durchzuhalten.

Vater arbeitete als selbständiger Installateur Tag und Nacht, um für den Sohn das zu ermöglichen, wofür sie selbst nie die Chance hatten.

Ihrem Sohn, dem einzigen Kind, sollte es an nichts fehlen.

Mama führte den Haushalt und arbeitete im Büro des eigenen Installationsbetriebes.

Beide starben, als er zwanzig wurde.

Für ihn folgten nun bittere Wochen und Monate.

Er konnte den Verlust seiner geliebten Eltern nicht so einfach verkraften.

Da er nie daran dachte das Geschäft zu übernehmen, verkaufte er schweren Herzens das Geschäft an den ältesten Gesellen.

Das große Wohnhaus behielt er allerdings.

2

Kurz vor dem Ende seines Studiums hatte ihn sein holländischer Freund Erik zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Der Holländer studierte damals in München Volkswirtschaftslehre. Zu seiner Feier hatte er eine Blondine eingeladen, die man als junger Mann ohne große Erfahrungen einfach nicht übersehen konnte.

Sie hielt ein Glas Sekt in der Hand, und sah irgendwie gelangweilt aus.

Alexander stand am Fenster und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Erik, der neben dieser blonden Fee stand, winkte seinem Freund lachend, zu ihm zu kommen.

»Das ist Lieke und das ist Alexander«, sagte er schmunzelnd. Eine kürzere Vorstellung war fast unmöglich. Typisch Erik schmunzelte der deutsche Freund in sich hinein.

»Und das ist meine Freundin Beeke«, ergänzte Lieke die Vorstellung ihres Bruders.

Alexander und Beeke gaben sich mit einem schüchternen Lächeln die Hand.

Nachdem Erik sich wieder seinen anderen Gästen zugewandt hatte, wurde Alexander mutig.

»Gefällt es ihnen nicht?«, fragte er mit klopfendem Herzen. Eine bessere Frage fiel ihm im Moment nicht ein.

»Was soll mir nicht gefallen?«

»Na hier, das Ganze. Die Leute – und so.«

»Oh, nein. Ich war nur in Gedanken«, sprach sie in ihrem reizenden holländischen Akzent.

»Sie sind Holländerin?«

»Wieso, hört man das?«, fragte sie und lachte süffisant.

»Nein, überhaupt nicht«, log Alexander mit gespitzten Lippen und schüttelte dabei den Kopf.

Das Eis war gebrochen. Beide lachten und prosteten sich zu.

»Sind Sie eine Freundin oder sind Sie mit meinem Freund verwandt?«

»Sie gehen aber ganz schön ran.«

»Nein, entschuldigen Sie. Ich wollte …«

»Das war nur Spaß. Erik ist mein Bruder. Wir sehen uns nur ganz selten.«

»Was sind Sie von Beruf? Entschuldigung. Jetzt fang ich schon wieder an.«

»Ist schon gut. Ich studiere Jura. Stecke mitten im Examen.«

»Und ich studiere Zahnmedizin im letzten Semester also im Wintersemester und stecke mitten im Staatsexamen. Deshalb bin ich etwas im Stress.«

»Oh Gott, Zahnmedizin?«

»Wieso, was ist denn daran so schlimm?«

»Wenn ich an meinen letzten Termin denke.«

»War es denn so fürchterlich?«

»Ich habe höllische Angst davor. Obwohl ich mich immer zusammennehme, zittere ich am ganzen Körper. Wenn dann alles vorüber ist, schäme ich mich dafür, wie ich mich wieder angestellt habe. Aber ich denke, du wirst ein ganz toller Zahnarzt.«

»Danke, ich werde mir Mühe geben. Versprochen. Wie lange musst du noch studieren?«

»Ich habe auch nur noch ein Semester vor mir. Zum Glück.«

»Studierst du auch hier in München?«

Beeke, die sich nicht in das Gespräch eingebunden fühlte, mischte sich suchend unter die Geburtstagsgäste.

»Nein in Groningen. Deshalb sehe ich meinen Bruder so selten.«

»Was ist mit deinem Bruder?«, bemerkte Erik grinsend, der das Gespräch zufällig mitgehört hatte.

Lieke errötete leicht und gab ihrem Bruder einen kräftigen Schubser in die Rippen.

»Aua, sei nicht so brutal«, lachte er mit gespielter Leidensmiene.

Erik nahm sein Glas und stieß mit beiden an.

»Wo ist denn deine Freundin geblieben?«

Lieke sah sich um und war erstaunt.

»Gerade eben war sie noch da. Sie wird schon wiederkommen.«

»Auf unsere Freundschaft«, kicherte Erik und hielt dabei theatralisch seine linke Seite.

»Jawohl, ein Hoch auf die deutsch-niederländische Freundschaft«, lachte Alexander.

»Alex ist ein toller Typ«, flüsterte Erik seiner Schwester ins Ohr und grinste verschmitzt. Sie bekam tiefrote Wangen.

»Na dann schau ich mal nach deiner Freundin«, sagte ihr Bruder sehr betont – und verschwand.

Alexander sah Lieke mit verträumten Augen an.

»Wie lange bleibst du noch hier?«

»Heute ist Freitag. Leider nur bis Sonntag. Ich muss am Montag wieder zur Uni.«

»Schade. Und was machst du morgen?«

»Ich übernachte, wenn ich darf, hier in Eriks Wohnung.«

»Das geht klar«, sagte Erik, der mittlerweile zurückgekehrt war.

»Was steht bei meinem Schwesterherz morgen auf dem Plan«, wollte er Alexander zuvorkommen.

»Ich weiß noch nicht. Ich wollte mir die Stadt ansehen.«

»Wenn das keine versteckte Einladung ist«, lachte Alexander in sich hinein. Und laut säuselte er: »Ich könnte dich begleiten, wenn du willst.«

»Ja gerne. Ich freue mich darauf. Ich wollte immer mal den Englischen Garten anschauen.«

»Das Wetter passt prima. Es soll trocken bleiben. Dann lass uns morgen dorthin gehen.«

Lieke wippte mit den Beinen.

»Ich freue mich darauf. Entschuldigt mich jetzt bitte, ich muss mal für kleine Mädchen.«

Erik grinste erfreut über das Date seiner Schwester mit seinem besten Freund.

»Was! Warum grinst du so blöd?«

»Lass mich doch grinsen. Ich freue mich für euch. Das ist alles.«

»Ich will ihr nur eine Freude machen, mehr nicht.«

»Ja, natürlich, was denn sonst«, lächelte Erik verschmitzt.

Alexander winkte ab und boxte seinem Freund auf den Oberarm.

»He, nicht auch noch da. Mein blauer Fleck weiter unten reicht schon.«

Lieke kam von der Toilette zurück, und sah ihren Bruder sich heftig seinen Arm reiben.

»Hast du dir wehgetan?«

»Nein, nein. Alles in Ordnung. Habe mich nur gestoßen.«

Es wurde noch ein sehr langer feuchtfröhlicher Abend.

Alexander war auch nicht mehr in der Lage nach Hause zu fahren, und so übernachtete er, wie Lieke, in Eriks feudaler Wohnung direkt am Englischen Garten im Tivoli-Park.

Am nächsten Morgen zeigte der Verliebte Lieke Münchens Sehenswürdigkeiten. Leider konnte er zeitmäßig nur ein Teil davon zeigen.

Am späten Nachmittag fuhren sie wieder zurück zu Erik.

Lieke erstattete ihrem Bruder Bericht und schwärmte von der Stadt.

»Ich muss unbedingt wiederkommen. Es war so schön, mal in Ruhe etwas von München zu sehen, die du einmal als „die schönste Stadt der Welt“ bezeichnet hast«, sagte sie ihrem Bruder.

»Und? War Alex ein guter Stadtführer?«

»Oh ja. Er war herrlich. Es war schlichtweg himmlisch.«

Lieke himmelte Alexander an, worauf dieser verlegen wegsah.

Erik hielt es offensichtlich für angebracht, glucksend von sich hinzubrummeln:

»Er war herrlich. Er war himmlisch. Soso.«

Als er den strafenden Blick seiner Schwester sah, fragte er sie laut:

»Wann fährst du wieder zurück?«

»Morgen, ganz früh.«

»Schon?«, fragte Alexander traurig.

»Morgen geht es weiter in der Uni. Bei dir doch bestimmt auch. Oder?«

»Ja natürlich, klar. Hatte es ganz vergessen.«

Alle drei unterhielten sich noch bis spät am Abend und versprachen, sich öfters zu treffen.

Alexander versuchte den Abschied von Lieke lange hinauszuzögern, aber irgendwann kam doch der schmerzliche Augenblick.

»Ich begleite dich noch hinaus«, hörte er Lieke sagen, während er sich von seinem Freund verabschiedete.

»Machs gut Erik, wir sehen uns.«

Erik nickte und gab seinem Freund einen Klaps auf den Rücken.

Lieke begleitete Alexander zur Tür.

»Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen«, sagte sie und gab ihm die Hand. Es war eine grazile Hand; die leicht zitterte.

»Ich komme dich besuchen. Ganz bestimmt.«

Er nahm Lieke in seine Arme, und gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange.

Ehe er sich versah, hatte sie ihm mit einem verschmitzten Lächeln einen Kuss auf den Mund gedrückt.

Angenehm irritiert erwiderte Alexander diesen Kuss.

Sie nahmen sich erneut in die Arme.

Der nächste Kuss ließ nicht auf sich warten.

Es sollte nicht der letzte Kuss in ihrem Leben sein.

Alexander stieg in seinen Wagen und startete.

Lieke winkte ihm so lange nach, bis er hinter der Biegung verschwand und nicht mehr zu sehen war.

Nur dem Motorengeräusch konnte sie noch eine Weile lauschen.

Auch dieses immer leiser wurde. Bis dann endlich ganz zu verstummen.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich auch Lieke von ihrem Bruder.

Sie musste wieder nach Groningen zurück, um weiter zu studieren.

Lange musste sie an Eriks Freund denken.

Alexander und Lieke telefonierten und schrieben sich Briefe, viele Briefe.

Der Kontakt riss nie ab.

3

Ende Februar 1980, beendete Alexander sein Studium mit dem Staatsexamen.

Eine unsichtbare Kraft zog ihn nach Groningen, um seine Lieke zu überraschen.

Von Moosach fuhr er mit dem alten Mercedes seines verstorbenen Vaters, auf die Autobahn gen Norden.

Nach etwas über acht Stunden, müde in Groningen angekommen, suchte er Liekes Wohnung in der Hoekstraat.

Nach einigem vergeblichen Befragen von Passanten fand er endlich die Straße und einen Parkplatz.

Völlig steif stieg er aus dem Wagen und reckte sich stöhnend.

Seine Tasche beließ er noch im Auto, nur den Blumenstrauß, den er vorsichtshalber mit nassem Papier in eine Frischhaltetasche verstaut hatte, nahm er mit, und klingelte an der Tür.

»Ja, hallo», tönte es krächzend aus dem Lautsprecher.

»Hier ist Alex.«

»Wie is daar? Met wie spreek ik?«

»Lieke, ich bins, Alexander.«

Es dauerte eine Weile.

Der Lautsprecher gab ein kratzendes Geräusch von sich.

Dann kam endlich der erlösende Satz:

»Alex, du? Mein Gott. Komm rauf.«

Mit einem quäkenden Ton sprang die Tür auf und mit klappernden Schritten kam Lieke Alexander stolpernd entgegen.

Mit sicherem Griff fing er sie auf.

Sie umarmten und küssten sich.

»Ach ist das eine herrliche Überraschung. Wieso bist du hier?«, fragte sie aufgeregt mit roten Wangen.

»Ich habe endlich mein Staatsexamen, und wollte das unbedingt mit dir feiern.«

»Ich freue mich, dass du da bist. Komm rein.«

Sie hakte sich bei Alexander unter und gemeinsam stiegen sie hoch in den zweiten Stock.

Lieke hatte eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern.

Eine richtige Mädchenwohnung. Sauber, aufgeräumt und sie roch nach ihr.

Ihre Eltern zahlten die Miete, so konnte sie sich, ohne Störungen von Mitbewohnern, voll auf ihr Studium konzentrieren.

»Das ist eine schöne Wohnung.«

»Danke. Ohne die Hilfe meiner Eltern wäre das nicht möglich. Ich bin sehr dankbar dafür. Leider habe ich nicht so eine herrliche Wohnung wie mein Bruder. Naja. Die kann er sich auch leisten – bei seinem Nebenjob.«

Alexander legte seine Hand liebevoll auf ihre schmale Schulter.

»Das glaube ich dir. Irgendwann wirst auch du eine Wohnung haben, die dir gefällt.«

»Ich bin zufrieden, so wie es jetzt ist. Komm, setz dich. Willst du was trinken? Ich habe aber leider nur Wasser und Limo.«

»Wasser wäre prima. Apropos Wasser. Ich habe da was, die brauchen auch etwas Nasses«, sagte er und kramte in der Frischhaltetasche und wickelte die weißen Rosen aus dem immer noch recht nassen Papier.

»Oh, die sind aber schön. Woher weißt du, dass ich weiße Rosen liebe? Das wissen eigentlich nur wenige.«

»Wozu hat man gute Freunde«, schmunzelte Alexander.

»Vielen Dank, Bruder.«

Lieke hob ihre rechte Hand, küsste ihren Zeige- und Mittelfinger und streckte sie in die Höhe.

»Jetzt bist du also ein Zahnarzt. Hast du schon eine Anstellung?«

»Nein. Im Moment noch nicht. Jetzt möchte ich zuerst einmal ausschnaufen. Erst danach suche ich in aller Ruhe einen interessanten Job. Hier in München ist das ja bestimmt kein Problem. Das hoffe ich.«

Fast übergangslos fragte er:

»Und du bist Anwältin, wie mir Erik erzählt hat. Gratuliere.«

»Danke. Recht hast du. So werde ich es wahrscheinlich auch machen. Wann bist du eigentlich losgefahren?«

»So gegen sieben Uhr.«

»Da warst du aber flott unterwegs.«

»Kein Wunder. Ich habe immer deine schönen blauen Augen vor mir gesehen. Am liebsten hätte ich fliegen wollen.«

»Du Schmeichler. Ich freue mich so, dich hier zu sehen. Hast du keine Tasche dabei? Du bleibst doch hier oder?«

»Übers Wochenende. Wenn ich darf? Die Tasche habe ich noch im Auto.«

»Was für eine Frage, natürlich.«

Lieke war überglücklich und konnte nicht ihren Blick von Alexander losreißen.

Sie liebte ihn.

Wie oft hatte sie an ihren Alexander gedacht; vor allem in den langen Nächten.

Als Alexander am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich verwundert um.

Es dauerte etwas, bis er sich erinnerte, wo er sich überhaupt befand.

Lieke war nicht im Bett.

Er stand auf, ging in das kleine Bad und duschte sich.

In der Zwischenzeit war Lieke vom Einkauf zurück, und deckte den Tisch.

Alexander kam in die kleine Küche und sah sie verwundert an.

»Guten Morgen, Herr Zahnarzt«, begrüßte sie ihn lächelnd. Sie ging auf ihn zu und küsste ihn zärtlich.

»Guten Morgen, Frau Anwältin. Als ich aufwachte, musste ich mich erst einmal orientieren, wo ich eigentlich bin. Zum Glück war es kein Traum. Ich bin wirklich bei dir.«

»Es ist die Wirklichkeit und ich bin glücklich, dass es kein Traum ist.«

Sie frühstückten hastig, denn plötzlich hatten ihre Körper wieder Hunger aufeinander.

Lieke war temperamentvoll aber gleichzeitig zärtlich. Und sie war ausgehungert. Schließlich bestand ihre Liebe in den letzten Wochen nur aus vielen Telefonaten und Briefen.

Nach dem zweiten Frühstück zeigte Lieke ihrem gut aussehenden Gast ihre ehemalige Uni und sie erkundeten ausgiebig das Städtchen.

In einem kleinen Restaurant, in der Stadtmitte, hielten sie an.

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte sie wehmütig.«

»Wieso fragst du, wann wir uns wiedersehen. Ich bin doch erst angekommen.«

»Ich kann es nicht glauben, dass du bei mir bist. Deshalb frage ich schon mal im Voraus.«

»Gut, dann sage ich dir schon mal im Voraus: Wann immer du willst und wann immer du kannst.«

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:

» Wann suchst du dir einen Job als Anwältin?«

»Ich weiß es noch nicht. Ich muss erst einmal etwas Geld verdienen. Das Studium war recht teuer. Ich habe noch Schulden. Dann möchte ich auch etwas faulenzen und nichts tun. So wie du.«

»Wie soll es dann weitergehen?«

»Wie meinst du das?«

»Bleibst du hier oder was hast du vor?«

»Ich weiß noch nicht. Es hängt auch von uns ab.«

Sie machte eine vielsagende Pause, um leiser fortzufahren:

»Wenn ich einen guten Job in Deutschland bekommen könnte, dann hielt mich nichts davon ab, gerne zu dir zu ziehen.«

»Genau das habe ich mir auch gedacht. München ist eine sehr schöne Stadt. Ich käme auch zu dir nach Holland. Das wäre kein Problem für mich. Ich denke, wir warten mal ab, was das Schicksal noch mit uns vorhat. Und das mit deinen Schulden. Ich könnte dir unter die Arme greifen und dir was vorstrecken. Du musst nur ja sagen, dann werde ich alles in die Wege leiten.«

»Nein, nein. Das kommt gar nicht in Frage. Du brauchst dein Geld auch.«

»Wie du weißt, habe ich das Geschäft meiner Eltern verkauft, und ich habe genug Geld für uns beide. Ich bestehe darauf, dir etwas abzugeben. Du kannst es mir ja irgendwann wieder zurückgeben. Musst du aber nicht.«

Lieke sah Alexander nachdenklich an und schüttelte den Kopf.

»Also gut, aber ich bestehe darauf, es dir wieder zurückzugeben, sobald ich mein eigenes Geld verdiene.«

»Lasse uns nicht über Geld reden. Wir lieben uns doch. Oder? Und irgendeinen miesen Übergangsjob solltest du dir auch nicht suchen«, sagte Alexander mit einem ernsten Gesichtsausdruck und fuhr fort:

»In dieser großen und herrlichen Stadt werden immer gute Anwälte gesucht. Wann würdest du kommen können?«

»Ich müsste das erst mit meinen Eltern absprechen. Und dann brauche ich noch eine Wohnung in München.

»Das wäre ja noch schöner. Du weißt doch, dass ich eine große Wohnung in einem noch größeren Haus habe. Da lasse ich dich nicht einfach so in eine fremde Wohnung einziehen«, unterbrach er sie aufgeregt.

»Wann wäre es dir recht?«

»Wie du willst oder kannst.«

»Jetzt haben wir Anfang März. Ich benötige noch etwas Zeit um meine Sachen zu erledigen und zu packen. In einem viertel Jahr?«

»Also sagen wir mal Anfang Juni.«

»Genau. Das wäre ideal. Wenn es dir recht ist.«

Alexander holte tief Luft.

»Sag doch nicht immer „wenn es dir recht ist“. Natürlich ist es mir recht und brenne direkt darauf, dich in meiner Nähe zu haben.«

»Ist das nicht etwas zu schnell geplant?«, fragte Lieke und verzog ihren Mund.

»Zu schnell? Ich finde es genau zur richtigen Zeit. Bitte zweifle nicht daran. Du wirst sehen, wir schaffen das.«

»Gut. Dann machen wir es so. Ich freue mich ja auch riesig darauf.«

Lieke und Alexander redeten und schwärmten die ganze Nacht von ihren Zukunftsplänen.

Über ihre zukünftigen Berufe, über das Haus und über ihre Kinder.

Natürlich sollten es ein Mädchen und ein Junge sein. Das war doch klar.

Sie konnten nicht wissen, dass alles ganz anders kommen sollte.

Viel zu schnell ging das Wochenende zu Ende.

Alexander verabschiedete sich innig von Lieke und fuhr zurück nach München.

4

Als Alexander in seiner Praxis ankam, begrüßte ihn seine erste Helferin Gaby.

Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, war von Anfang an dabei.

Sie war seine erste und loyale Helferin.

Loyalität ist die Fähigkeit, in guten wie in schlechten Zeiten zu jemandem zu stehen und sich voll und ganz für ihn einzusetzen.

Genau das schätzte er so an ihr. Obwohl sie sich schon so lange kannten, und Alexander ihr das DU angeboten hatte, bestand sie darauf, ihn weiterhin zu siezen; mit der Begründung:

„Sie sind der Chef und ich Ihre Angestellte“.

Also blieb es bis heute dabei.

»Chef, was machen Sie denn schon hier?«, fragte seine liebgewonnene Perle, während sie weiter herumwuselte.

»Mir war es langweilig, und deshalb dachte ich mir: Ach, gehe heute schon mal früher in die Praxis, um die liebe Gaby etwas zu ärgern.«

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