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Das Haus in Georgetown

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Das Haus in Georgetown

 

Bis jetzt hat Faith mit David ein behütetes Leben geführt. Doch die Entdeckung, dass er homosexuell ist, wirft sie aus der Bahn. Von einer Sekunde zur anderen zerbricht ihre Welt in tausend Scherben. Und mit der Scheidung beginnt ein neues, herausforderndes Leben für sie und ihre beiden Kinder. Die Renovierung des alten Hauses in der Prospect Street, seit vielen Jahren im Familienbesitz, und der intensive Kontakt zu ihrem interessanten Nachbarn Pavel sind erst der Anfang. Denn Faith findet heraus, dass ausgerechnet hier, wo sie einen neuen Beginn machen wollte, vor Jahren etwas Entsetzliches geschehen ist ...

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen
sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Emilie Richards

Das Haus in Georgetown

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Dr. Andrea Kamphuis

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PROLOG

Dezember 1999

Immer wenn sie an „Granger’s Food and Gas“ vorbeifuhren, hatten die Bronsons das Gefühl, die Ziellinie eines Marathons zu überqueren: Ihr Wochenend-Cottage lag nur zwei Meilen hinter der Tankstelle, die gleichzeitig ein Gemischtwarenladen war. Für Faith Bronson war „Granger’s“ das ersehnte Signal, dass sich ihre Zeitreise vom entwickelten Norden Virginias in den ländlichen Westen des Landes dem Ende näherte. Mittlerweile hatte ihr Sohn Alex seine ältere Schwester Remy für gewöhnlich an den Rand des Wahnsinns getrieben, und selbst Faith, die Alex’ grenzenlose Energie insgeheim bewunderte, war dann drauf und dran, ihn zu den Taschen und Lebensmitteln in den Kofferraum zu sperren.

David, ihr Ehemann, pflegte zu behaupten, dass sich seine Atemfrequenz und sein Herzschlag spürbar verlangsamten, sobald sie „Granger’s“ mit seinen altertümlichen Zapfsäulen, seinen Abschleppwagen und Reifenbergen erreicht hatten. Es gehörte zum Ritual, dass er in diesem Augenblick den Hemdkragen lockerte und sich in den Fahrersitz lümmelte, als befände er sich nun außerhalb des Blickfeldes irgendeines unsichtbaren Schiedsrichters und stünde nicht mehr unter Beobachtung.

An diesem Vormittag saß Faith jedoch allein im Familien-Volvo. Es waren nur noch zehn Tage bis Weihnachten, und man hatte „Granger’s“ mit schier endlosen Lametta- und Fransengirlanden geschmückt. Als sie zum Tanken einbog, fühlte sie sich in der Stille, die ihr beim Aufbruch vor anderthalb Stunden noch so verheißungsvoll erschienen war, bereits unbehaglich.

„Morgen, Mrs. Bronson. Und frohe Weihnachten.“ Als sie aus dem Wagen stieg, hob Tubby, der Inhaber des Ladens, seine knotige Hand zum Gruß. Tubby war dünn wie eine Bohnenstange, und seine Latzhose warf überall Falten. Wie die Hosenträger es schafften, auf diesen hängenden Schultern Halt zu finden, war ihr schon immer ein Rätsel gewesen.

„Frohe Weihnachten, Tubby.“ Sie schraubte den Tankdeckel ab und machte sich an der Säule zu schaffen, aber Tubby nahm ihr die Zapfpistole gleich wieder ab.

„Gibt mir ‘n guten Vorwand, noch draußen zu bleiben. Letzter schöner Tag, bevor der Winter uns heimsucht, denk ich.“

Das sah Faith genauso. Das Wetter war zu warm für die Jahreszeit, eine angenehme Überraschung. In der Frühe hatten die Sonnenstrahlen sie geweckt, die ihr Gesicht und ihre Schultern streichelten. Sie hatte die Bettdecke aufgeschlagen und war schlaftrunken ans Fenster getreten, wo sie einen der vollkommensten Sonnenaufgänge erblickte, den sie je erlebt hatte. David war noch nicht von der letzten Geschäftsreise des Jahres zurückgekehrt, und Alex, der sich normalerweise für jede Kapriole von Mutter Natur begeistern konnte, murrte, als sie ihn weckte, um diesen Anblick mit jemandem zu teilen. Alex war jetzt elf, und sie versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass diese Maulerei in den nächsten Jahren zur Tagesordnung gehören würde.

Auch nachdem Faith die Kinder zur Schule gebracht hatte, hielt die Magie des Morgens noch an. Bevor er sich in einen ganz gewöhnlichen Tag verwandeln konnte, folgte Faith einer Eingebung: Sie rief ihre Mutter an und bat sie, die Kinder am Nachmittag von der Schule abzuholen und über Nacht zu sich zu nehmen.

Lydia Huston, Senatorengattin durch und durch, warf einen Blick in ihren Kalender, der stets mit Wohltätigkeitsveranstaltungen, Friseurbesuchen und Fototerminen voll gepackt war. Obwohl es bei ihr in der Vorweihnachtszeit – wie sie ihrer Tochter deutlich zu verstehen gab – noch hektischer zuging als sonst, gelang es ihr, es so einzurichten, dass Faith bis morgen verreisen konnte. Lydia ermahnte sie aber, eine derart rücksichtslose Spontaneität nicht zur Gewohnheit werden zu lassen.

Obwohl in ihr die Furcht aufgekeimt war, eine Dummheit zu begehen, hatte Faith ihre Teilnahme am letzten Vorbereitungstreffen der Dankeschön-Weihnachtsfeier für die Lehrer abgesagt, ihre Sachen in den Wagen gepackt und war aufs Land gefahren.

„Heut den Sonnenaufgang gesehn?“ fragte Tubby. „Hat mich geweckt, direkt aus dem Bett geworfen. Mein Daddy hat immer gesagt, so ein Sonnenaufgang bringt große Veränderungen. Gottes Art, was anzukündigen.“

Faith war froh, ihre Begeisterung mit jemandem teilen zu können. „Heute muss er etwas ganz Großes vorhaben.“

„Nur mit den Leuten, die das gesehn haben. Nich mit allen. Nix wie das Ende der Welt oder so.“

Faith warf einen Blick auf die Zapfsäule und angelte einen Zwanzig-Dollar-Schein aus ihrem Portemonnaie. „Na, da bin ich aber froh. Ich dachte schon, ich müsste auf der Stelle niederknien.“

„Bei mir, da is ein Enkelchen unterwegs. Schätze, das kommt heute.“ Er schüttelte die Zapfpistole, hängte sie in die Halterung zurück und schraubte den Tankdeckel wieder zu. „Und bei Ihnen?“

„Sind es immer Veränderungen zum Guten?“

Tubby verzog das Gesicht. „Nee“, meinte er schließlich. „Als mein Daddy gestorben is, an dem Tag ging die Sonne so strahlend auf, dass ich fast geglaubt hab, ich muss blind werden.“

Da stand sie nun. Tubby wartete auf eine Antwort, und plötzlich presste die geballte Anspannung der letzten Monate ihren Brustkorb zusammen wie ein Schraubstock. Neugierig blickte der alte Mann ihr unverwandt ins Gesicht. „Tja, ich fürchte, ich muss mich einfach überraschen lassen.“

„Sagen Sie nich, ich hätt Sie nich gewarnt. Da is was Großes im Anmarsch.“ Tubby nahm den Schein und gab ihr Wechselgeld heraus. „Brauchen Sie was von drinnen? Oder hat Mr. Bronson schon alles besorgt?“

Die Frage irritierte sie. „David? Nein, er ist auf einer Geschäftsreise.“

„Und ich hab gedacht, Sie und der Mister machen mal Urlaub von den Kleinen.“

„Ich hoffe, er fährt heute Abend vom Flughafen aus direkt hierher.“ Im Hotel in Seattle hatte sie ihn nicht erreicht, ihm aber auf die Mailbox seines Handys gesprochen und bei der Sekretärin eine Nachricht hinterlassen. Vom „Dulles Airport“ war es nur eine Autostunde bis zum Wochenend-Cottage.

„Dachte, ich hätt ihn gestern Abend vorbeifahren sehn.“ Tubby versuchte, einen Fleck von der Windschutzscheibe zu wischen, feuchtete seinen Zeigefinger an und probierte es noch einmal. „Da hab ich mich wohl geirrt.“

„Er hält einen Vortrag auf einer Konferenz in Washington State.“

„Übers Schulgebet?“

David und Tubby konnten endlos über Gott und die Welt plaudern. David hatte in Harvard studiert und war Vorsitzender von „Promise the Children“, einer konservativen Organisation, die sich für Familienwerte und eine bessere Gesellschaft einsetzte. Er liebte es, jedem, der bereit war zuzuhören, seine Anschauungen auf die Nase zu binden. Tubby, der nicht einmal die High School abgeschlossen hatte, konnte ihm jedoch gut Paroli bieten.

„Ich glaube, diesmal geht es um die Notwendigkeit, die Medien zu kontrollieren“, sagte sie.

Tubby trat einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden die Windschutzscheibe. „Gott segne ihn.“

Gottes Segen lag auf allen Bronsons. Faith wusste das und war dankbar dafür. Hübsche, kluge Kinder, gute Gesundheit, Wohlstand – und eine Ehe, die auf übereinstimmenden Wertvorstellungen fußte. Wenn es in letzter Zeit auch den Anschein hatte, dass David und sie nicht mehr so gut harmonierten, so war das doch eine Kleinigkeit, die sich vermutlich ohne weiteres wieder einrenken ließ.

Heute Nacht vielleicht?

„Also, ich bin weg“, meinte Faith. „Danke für die Hilfe.“ Sie drehte den Zündschlüssel, winkte kurz und sah, dass Tubby zurückwinkte.

Wieder auf der Straße, ließ ihr das Gespräch keine Ruhe. Während der ganzen Fahrt war es ihr gelungen, nicht an ihre Eheprobleme zu denken, aber offenbar lauerten sie ganz dicht unter der Oberfläche. Eine beiläufige Bemerkung hatte ausgereicht, um sie wieder zum Vorschein zu bringen.

Sie liebte David. Ja, er war der einzige Mann, den sie je geliebt hatte. Mit zweiundzwanzig hatte sie sich Hals über Kopf in ihn verknallt, und immer noch kniff sie sich jedes Mal, wenn ihr bewusst wurde, dass der elegante, charismatische David Bronson sie zur Frau gewählt hatte.

David liebte sie. Daran gab es keinen Zweifel. Während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe hatte er nie eine andere angesehen. Er arbeitete zu viel und war oft unterwegs, aber er war ein treuer Mann und hingebungsvoller Vater. Die meisten ihrer Freundinnen beneideten sie. David lebte gemäß den Werten, die er propagierte.

Erst in der letzten Zeit hatten sich Probleme eingeschlichen. Ihre Beziehung war schon immer mehr von Zuneigung als von Leidenschaft geprägt gewesen. Bei ihrer ersten Begegnung hatten sie sich auf Anhieb verstanden, sich bis zum Morgengrauen unterhalten und diese Gespräche jede Nacht fortgesetzt, bis alles, was sie noch nie einer Menschenseele anvertraut hatten, ausgesprochen war. Seine Berührungen hatten sie erregt, aber noch mehr hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit sie elektrisiert. Zum ersten Mal in ihrem Leben fand jemand sie faszinierend, und sie war völlig in ihrer Ehe aufgegangen, hatte in unendlicher warmer Hingabe gebadet.

Dass der Sex so schnell zur Routine geworden war, hatte sie gelassen gesehen. David und sie waren Seelenverwandte. Auf die emotionalen Exzesse, die andere Frauen zu erleben behaupteten, konnte sie gut verzichten, wenn sie die Verlässlichkeit und Fürsorglichkeit dagegen aufwog, die David und sie verband. Sie schlief gerne mit ihm, noch mehr Befriedigung aber gab ihr das Zusammenleben.

Bis vor kurzem.

Faith ging vom Gas und bog in die sanfte Kurve der Seward Road ein, von der der Kiesweg zu ihrem Cottage abzweigte. David hatte das Haus und die fünfzehn Morgen Wald vor zehn Jahren zu ihrem fünften Hochzeitstag gekauft. Er hatte versprochen, dass sie gelegentlich ohne die Kinder übers Wochenende herfahren würden, aber dazu war es nie gekommen. Also gab sie sich damit zufrieden, das Cottage zu einer zweiten Heimat für die ganze Familie zu machen. Eines Tages, wenn die Kinder erwachsen wären, würden David und sie sich nach Belieben hier einnisten können, um das Feuer ihrer Liebe wieder zu entfachen.

Aber heute früh hatte sie, während die Sonne am Horizont aufging, darüber nachgedacht, ob womöglich gerade ihre Geduld das Verlöschen dieser Flamme mit verursacht hatte. In den letzten Monaten war ihr ohnehin wenig spannendes Liebesleben vollends versiegt. David reiste noch mehr als sonst, und wenn er zu Hause war und sie sich an ihn schmiegte, gab er vor, zu erschöpft zu sein. Er vertröstete sie auf ruhigere Zeiten, aber ihr wurde bald bewusst, dass er zum ersten Mal in seinem Leben nicht Wort halten würde.

Sie suchte die Schuld bei sich. War sie zu ungeduldig – oder zu geduldig? Nahm sie zu wenig Rücksicht auf seine angespannte Situation – oder zu viel? Sollte sie fordernder auftreten? David kümmerte sich den lieben langen Tag um die Bedürfnisse anderer, und vielleicht musste er daran erinnert werden, dass seine eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen durften.

Diese Gedanken entluden sich in Aktionismus. In Vorbereitung auf die kommende Nacht hatte Faith Kerzen und Delikatessen, frische Blumen und Massageöl ins Auto gepackt und zu guter Letzt ein Geschenk dazugelegt, das sie sich selbst gemacht, aber noch nie getragen hatte: einen Body aus Spitze, dessen Schleifchen nur darauf warteten, von den Fingern des richtigen Mannes gelöst zu werden.

Sie bog in die Zufahrt ein und bremste auf Schritttempo ab. In der Ferne glitzerte auf den höchsten Berggipfeln noch immer der Schnee, der nach Thanksgiving gefallen war, aber die Lichtung, auf der das Cottage stand, war mit Kiefernnadeln und trockenem Laub bedeckt.

Auf eben dieser winterlich braunen Lichtung blitzte Davids silberner Honda Accord hinter einem Baum hervor.

Faith fuhr bis ans Haus und stellte den Motor ab. Bei ihrem Anruf heute früh hatte sie David im Hotel nicht mehr erreicht und geglaubt, dass sie ihn um ein paar Minuten verpasst hatte – nicht aber um fast einen Tag. Tubbys Bemerkung, er habe ihn am Vorabend gesehen, hatte sie nicht ernst genommen. Aber David war hier, und zwar offenbar schon eine Weile.

Sie blieb im Wagen sitzen, und ihre Wangen glühten vor Verlegenheit. Sie war davon ausgegangen, dass sie Zeit haben würde, den Abend vorzubereiten. Sie hatte ihn mit Kerzenlicht und sanfter CD-Musik empfangen wollen. Jetzt kam sie sich albern vor. Was sollte sie tun? Das Cottage mit etlichen Einkaufstüten voller Verführungszubehör betreten und hoffen, dass er sie nicht auslachen würde?

Die Peinlichkeit wich einem noch unangenehmeren Gefühl. Offenkundig war Davids Meeting früher als geplant zu Ende gegangen, sodass er einen früheren Rückflug erwischt hatte. Anstatt nach Hause zu kommen und ihr bei den Vorbereitungen des familiären Weihnachtsfestes zu helfen, hatte er dieses Zeitgeschenk – nicht zum ersten Mal – zu einem Abstecher ins Cottage genutzt, wo er ungestört arbeiten konnte.

David hatte nicht daran gedacht, dass sie für seine Hilfe dankbar sein würde – oder für die schiere Anwesenheit eines zweiten Elternteils im Hause. Wie so oft in letzter Zeit hatte er seine Arbeit für wichtiger erachtet.

Fürs Erste wollte sie die Taschen im Auto lassen. Es war an der Zeit, mit David zu reden. Ihrer Ansicht nach fielen Eheprobleme eher in ihre als in seine Zuständigkeit. Wenn es Schwierigkeiten auszuloten und emotionales Neuland zu betreten galt, dann war es ihre Aufgabe, die Expedition zu leiten. Wenn alles gut lief, würde er ihr sicherlich später beim Hereintragen und Auspacken der Tüten helfen.

Sie beschloss, ihr Kommen nicht anzukündigen und alles Weitere von seiner ersten Reaktion abhängig zu machen. Also öffnete und schloss sie die Wagentür leise, obwohl die steinernen Mauern ohnehin fast alle Geräusche schluckten. Sie stellte sich vor, wie er sich im Arbeitszimmer zwischen seinen Kiefernholzmöbeln eingeigelt hatte. Diesen Raum hatte er vor allen anderen eingerichtet.

Sie fragte sich, ob dies heute der erste Arbeitsaufenthalt war, den er ihr verheimlicht hatte.

Gab es noch mehr Dinge in seinem Leben, von denen sie nichts wusste?

Die Tür war abgesperrt, und sie angelte nach ihrem Schlüsselbund. Obwohl die aufschwingende Tür knarrte, kam David nicht ins Wohnzimmer. Seit Beginn des Schuljahres hatte sich die Familie nicht oft hier aufgehalten. Im Haus war es still, und es roch muffig; er war wohl zu beschäftigt gewesen, um die verdreckten Fenster zu öffnen und die Zimmer gründlich durchzulüften. Jetzt sah sie auch den Staub auf dem Kaminsims und ein labyrinthisches Spinnennetz, das von einem der frei liegenden Balken in der Ecke hing. Die Luft war relativ warm, obwohl im Kamin kein Feuer brannte. Faith schlich über die Eichendielen nach rechts in den Flur, von dem Davids Arbeitszimmer abging.

Ein Stöhnen ließ sie innehalten. Sie konnte das Geräusch nicht genau orten, aber aus dem Arbeitszimmer, das nun direkt rechts vor ihr lag, kam es gewiss nicht – eher aus einem der Zimmer am Ende des Flurs.

Ihre Füße waren wie festgenagelt. Also hielt sie den Atem an und lauschte. Gerade als sie nach David rufen wollte, hörte sie, wie etwas über den Fußboden schabte; ein leises Lachen folgte.

Erleichtert schloss sie die Augen und stellte sich vor, was ihr Mann im Schlafzimmer tat. David verrückte Möbel oder versuchte, ein Fenster zu öffnen. Eines der Fenster ließ sich nur mit Hilfe eines Schemels erreichen, den sie unter dem Bett aufbewahrten. Sie konnte sich nicht erinnern, wie oft er sich schon die Zehen daran gestoßen hatte, wenn er beim Zubettgehen seine Schuhe aus dem Weg kicken wollte. Vielleicht hatte er vorgehabt, ein Nickerchen einzulegen, und gerade die Schuhe ausgezogen ...

Als sie die Szene im Geiste so weit durchgespielt hatte, setzte sie ihren Weg durch den Flur fort. Jetzt machte sie so viel Lärm, dass sie einen Bären aus dem Winterschlaf hätte reißen können. Inzwischen war sie ihrem Mann nah genug, um seine Reaktion auf ihr plötzliches Erscheinen abschätzen zu können.

„David? Bist du da drinnen?“

Sie legte die Hand auf den Türknauf und zögerte einen Moment, ohne genau zu wissen, warum. Plötzlich tauchte der grandiose Sonnenaufgang wieder vor ihrem inneren Auge auf – Gottes Ankündigung.

Und eine Vorahnung, dass ihr die Neuigkeiten nicht gefallen würden.

Dennoch öffnete sie die Tür. Sonnenlicht durchflutete das Zimmer und umspielte die beiden Männer. Der eine war ihr Gatte. Von der Taille abwärts unbekleidet, stand er vor einem großen Spiegel, der an diese Stelle gerückt worden war. Auch den anderen Mann hatte sie früher schon gesehen, allerdings nie so wie jetzt: nackt und seinen Liebhaber umarmend. Abraham Stein, der liberale Journalist, der „Promise to Children“ so oft kritisiert hatte, umklammerte David mit seinen muskulösen Armen wie ein Kind sein liebstes Weihnachtsgeschenk.

Aus Davids fein geschnittenen Zügen wich jede Farbe. Faith beobachtete fassungslos, wie er die Hände bewegte, um seine Erektion zu verbergen.

In ihrem letzten klaren Moment des Tages fiel Faith auf, dass David sich nicht etwa gegen Abraham Steins Umarmung wehrte, er schützte sein Geschlecht vielmehr vor dem unwillkommenen Blick jener Frau, mit der er seit fünfzehn Jahren verheiratet war.

1. KAPITEL

Wie oft muss eine Frau ihren Lebenstraum offiziell für gescheitert erklären? Wie oft muss sie das Ende der ihr bekannten Welt mit Datum und Unterschrift besiegeln?

„Und Sie, Mrs. Bronson, wenn Sie bitte hier unterzeichnen möchten ...“ Carol Ann, die Vertreterin der Firma, die den Verkauf des Bronson-Hauses abwickelte, schob Faith noch ein weiteres Blatt Papier herüber. „Merken Sie sich das Datum“, sagte sie, schätzungsweise zum fünfzigsten Mal an diesem Nachmittag. „Der 7. August.“

„Danke. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich das vergesse.“ Faith blickte nicht auf. Sie konzentrierte sich darauf, sich in sauberer Privatschul-Handschrift von ihrer Vergangenheit zu verabschieden.

„Jetzt haben wir’s gleich.“ Carol Ann – die keinen Nachnamen zu haben schien – klopfte neben Faith’ Hand auf den Tisch, als wolle sie ihrer Klientin mit dieser Geste die Sache erleichtern.

Faith vermutete, dass Carol Ann es nur gut meinte, hatte sie aber von Anfang an nicht ausstehen können. Die Maklerin trug malvenfarbenen Lidschatten, der sich fast bis zu ihren schmal gezupften Brauen erstreckte, und hatte ein Lächeln aufgesetzt, mit dem sich Dampf in Schneeflocken verwandeln ließ. Carol Ann wollte weiter nichts als einen weiteren reibungslosen Abschluss: noch ein Haus, das abgewickelt und übergeben werden konnte. Noch ein Leben, das seinem Schicksal überlassen wurde.

„So, Mr. Bronson, jetzt noch Ihre letzte Unterschrift, dann sind wir fertig, glaube ich.“

Faith schob das Dokument zu David hinüber. Er saß völlig regungslos da, als könne er Faith vergessen lassen, dass er überhaupt da war, indem er sich tot stellte. Seit er von ihr in den Armen seines Liebhabers überrascht worden war, hatte David bei jeder ihrer wenigen Begegnungen diese leblose Pose eingenommen. Sie war sich nicht sicher, ob er jede Bewegung vermied, weil er in Stücke zu brechen fürchtete, oder ob er einfach nicht mehr wusste, was er mit seinem Körper anfangen sollte. Immerhin steckte er in einem ganz neuen Körper, einem ganz neuen Leben, einer ganz neuen Welt.

Ihr Ehemann, ein Schwuler.

Davids Unterschrift sah fast genauso aus wie die von Faith. Früher hatten sie darüber gelacht, wie sehr sich ihre Handschrift ähnelte, und Witze darüber gemacht, wie leicht sie wechselseitig ihre Unterschriften fälschen könnten. Jetzt wirkte die Ähnlichkeit trügerisch. Sie war so dumm gewesen, darin eine Bestätigung des Gleichklangs zwischen ihr und David zu erkennen. Sie hatte das glauben wollen. Schließlich würde ein Mann, dessen Temperament ihrem so sehr glich und der alles schätzte, was sie schätzte, ihr nie wehtun können.

„Also, das hätten wir.“ Carol Ann schlug den Papierstapel energisch auf den Tisch wie eine Richterin ihren Hammer. „Ich hoffe, Sie finden alles in bester Ordnung vor“, sagte sie zu dem jungen Paar am anderen Ende des Tisches, das gerade das Haus der Bronsons gekauft hatte. „Wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie mich bitte an.“

Carol Anns Lächeln wurde eine Nuance wärmer, als sie sich David zuwandte. Doch sie flirtete nicht mit ihm. Schließlich wäre das unter den gegebenen Umständen reine Zeitverschwendung gewesen. Faith war überzeugt, dass sie wusste, warum sie ihr Haus verkauften. Schließlich kannte alle Welt die Story. Jedes Boulevardblatt der freien Welt hatte über Davids unfreiwilliges Coming-out berichtet.

An jenem unglückseligen Dezembertag war Faith nicht der einzige unerwünschte Gast im Ferienhaus gewesen. Ein besonders widerlicher Kollege von Abraham Stein war den beiden Männern, über deren verdächtig häufiges Zusammensein er einigen Klatsch aufgeschnappt hatte, von der Konferenz in Seattle gefolgt und hatte sein Auto im Wald geparkt. Falls der Reporter vor Faith’ Ankunft noch Zweifel gehabt haben sollte, was genau im Cottage vor sich ging, so hatten ihre tränenreiche Flucht zum Auto und die Zeit, die David brauchte, bis er in der Tür auftauchte und ihr nachrief, seinen Verdacht bestätigt.

Und wieder hatte eine Washingtoner Lichtgestalt ihren Glanz unwiederbringlich eingebüßt.

Carol Ann stand auf. „Mr. und Mrs. Bronson, wenn Sie noch Fragen haben ...“

„Danke.“ Faith griff nach ihrer Handtasche und dem marineblauen Blazer, der ihr von ihrer Mutter am schrecklichsten Weihnachtsmorgen ihres Lebens geschenkt worden war. Faith hatte alle Kleidungsstücke, die David ihr je gekauft hatte, sorgfältig weggepackt, als wären sie mit etwas durchtränkt, das sie für immer meiden wollte.

Die junge Mutter, der Faith’ Haus nun gehörte, pirschte sich an sie heran und fragte mit halb unterwürfigem, halb gebieterischem Tonfall: „Sind Sie sicher, dass Sie es bis zum Monatsende schaffen?“

Der Versuch, sich diese Frau allmorgendlich an Faith’ geliebtem Aga-Herd vorzustellen, wie sie für ihren Mann und die drei kleinen Kinder Wasser aufsetzte und Eier kochte, misslang. Sie war nicht liebenswürdig genug für dieses Haus, sie wusste den unkrautfreien Rasen und das elegante Wanddekor im großen Schlafzimmer nicht ausreichend zu würdigen.

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen.“ Faith hängte sich den Blazer über die Schultern. Dann holte sie tief Luft, um mal wieder aus Höflichkeit zu lügen. Eine Eigenschaft, die viele Senatorenkinder schon mit der Muttermilch einsogen. „Ich hoffe, Sie werden sich in diesem Haus wohl fühlen.“

„Ich schätze, uns wird nichts anderes übrig bleiben. Der Markt ist einfach dicht, und wir konnten nichts anderes finden.“

Faith war froh, kurz vorher so tief Luft geschöpft zu haben, denn jetzt verschlug es ihr den Atem. Ihre Lungen kamen ihr wie versteinert vor – was gut war, denn Faith hätte nicht für die Freundlichkeit ihrer Antwort garantieren können.

Sie suchte Davids Blick, zum ersten Mal während der ganzen Prozedur. Er sah aufgewühlt aus. Einen Augenblick lang schien sie der Kummer zu verbinden. David hatte das Haus ebenso geliebt wie sie. Sie hatten es mit der Hilfe eines der begabtesten Architekten von Washington gebaut. David hatte den weitläufigen Garten gestaltet, ein Bewässerungssystem installiert und letzten Herbst sogar einen Fischteich ausgehoben. Diesen Sommer hatten sie Koi anschaffen und Seerosen pflanzen wollen. Aber die neuen Besitzer hatten das Haus nur unter der Bedingung gekauft, dass das Loch wieder zugeschüttet wurde.

„Soll ich dich zurückfahren?“ fragte David, bevor Faith ihren Blick abwenden konnte.

Sie fand ihren Atem und ihre Stimme wieder. „Meine Mutter kommt.“

„Ich könnte dich ...“

„Nein.“ Sie hängte die Handtasche über die Schulter und verabschiedete sich von Carol Ann. Bevor David noch ein Wort sagen konnte, brach Faith zum Parkplatz auf.

Dass sie sich weigerte, mit ihm allein zu sein, war nicht neu. Seit jenem Vormittag im Dezember hatten sie sich nur im Beisein ihrer Anwälte oder von Faith’ Vater gesprochen. Joe Huston, Virginias dienstältester Senator, war auch an jenem Tag zugegen gewesen, als David Faith eröffnete, dass der Vorstand von „Promise the Children“ ihn entlassen und sich auf die moralische Vorbehaltsklausel seines lukrativen Vertrags berufen hatte. David musste die Prämien, die er jahrelang umsichtig investiert hatte, zurückzahlen, und der Abschwung an der Börse hatte den Rest des Familienvermögens dahinschmelzen lassen. Es blieben ihnen fast nur das Haus in McLean und das Ferien-Cottage in West-Virginia, die beide mit Hypotheken belastet waren.

Zumindest dem Cottage, das sie ebenfalls hatten verkaufen müssen, weinte Faith keine Träne nach.

Der Vertragsabschluss war so schnell über die Bühne gegangen, dass Lydia noch nicht da war und Faith warten musste. Letzte Woche war der Leasing-Vertrag für den Volvo ausgelaufen, und Faith hatte die Restkaufsumme nicht aufbringen können. Jetzt blieb ihr zu allem Überfluss nichts anderes übrig, als einen Gebrauchtwagen zu suchen, der etwas taugte und den sie sich leisten konnte.

Obwohl sie sich beeilte, holte David sie ein. Widerwillig wandte sie sich dem Menschen zu, der noch immer – bis die Scheidung rechtskräftig würde – ihr Ehemann war. Sie wollte, dass ihre Unterhaltung von außen wie ein ganz alltägliches Gespräch aussah. Sie wusste nur zu gut, dass es immer Leute gab, die sie beobachteten.

Sie dämpfte ihre Stimme. „Bitte sag nichts. Ich will nicht hören, wie Leid es dir tut oder wie schlecht du dich fühlst. Das spielt keine Rolle.“

„Tut mir Leid, dass du so aufgebracht bist.“

Ihre Augen blieben trocken, denn sie hatte schon zu viele Tränen vergossen. Acht Monate hatte sie jedes Mal, wenn die Kinder es nicht sehen konnten, ihrem Kummer freien Lauf gelassen, aber jetzt hatte sie genug davon. „Du solltest gehen. Mutter bringt die Kinder mit, und die wollen nicht mit dir zusammentreffen.“

„Das muss anders werden.“

David trug wie üblich einen Anzug. Seine Garderobe stammte von Brooks Brothers und würde ihm wohl noch einige Jahre bei der vergeblichen Jagd nach einer neuen Stelle treue Dienste leisten, wenn er nicht weiter so stark abnahm. Er war immer schlank gewesen, aber jetzt wirkte er dürr. Die grauen Strähnen in seinem blonden Haar hatten sich deutlich vermehrt.

„Ich weiß nicht, was ich dazu beitragen könnte“, sagte sie. „Ich wiegle sie nicht gegen dich auf. Ich versuche dich einfach nicht zu erwähnen. Aber Remy und Alex verstehen beide, was passiert ist. Und sie sind nicht erpicht darauf, mit deinem neuen Selbst Bekanntschaft zu schließen.“

„Es gibt kein neues Selbst.“

„Das stimmt. Es ist nicht neu, du hattest nur vergessen, es zu erwähnen.“

„Ich habe es nicht einmal mir eingestanden, Faith.“

Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Gerade hatte sie ihr Haus veräußert, ein unermesslicher Verlust. Doch zugleich fühlte sie sich seltsam erleichtert. „Du willst mir weismachen, dass du gar nicht bemerkt hast, wie sehr du meinen Körper verabscheutest, wenn wir zusammen im Bett waren?“

„Um Himmels willen, fang jetzt nicht an, dir Dinge vorzustellen, die nie passiert sind. Wie kannst du annehmen, dass es so war?“

„Ich habe eine Menge Zeug geglaubt, das nicht so war, wie es schien, stimmt’s?“

„Auch ich habe versucht, an unsere Liebe zu glauben.“ Er trat einen Schritt näher. „Ich möchte, dass du das begreifst. Ich habe mich selbst verleugnet. Nicht nur vor dir und dem Rest der Welt, sondern auch vor mir selbst. Vielleicht habe ich allen etwas vorgemacht, aber ich mochte die Rolle so sehr, dass ich sie liebend gern bis ans Ende meiner Tage weitergespielt hätte.“

„Bis Abraham Stein aufgetaucht ist. Ein liberaler Journalist, David! Bestimmt kein wiedergeborener Christ. Wie viele Kehrtwendungen kann ein Mann machen?“

„Nein, das hat mit Ham nichts zu tun. Ihn trifft keine Schuld. Mein Leben war eine einzige Lüge, und das war dir gegenüber nicht fair. Sie hat keinem von uns beiden gut getan.“

„Wirklich? Das ist komisch, denn mir hat unser Leben irgendwie gefallen. Ich war mit dem Mann verheiratet, den ich über alles geliebt habe. Ich hatte zwei großartige Kinder, ein Heim, Anerkennung. Jetzt habe ich die Wahrheit und sonst nichts – außer den Kindern, die innerlich zerbrechen. Und am Monatsende werden wir nicht einmal eine Bleibe haben. Wir müssen zu meinen Eltern ziehen.“

„Du warst mit einem Mann verheiratet, der dich nicht so lieben konnte, wie du es verdienst.“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter, und als sie sich ihm zu entziehen versuchte, verstärkte er den Griff. „Jetzt hörst du mir mal zu. Du verdienst etwas Besseres. Du verdienst einen Mann, der seine Hände nicht von dir lassen kann, jemanden, der es nicht erwarten kann, nach Hause zu kommen, und der morgens kaum fähig ist, sich von dir loszureißen. Keinen besten Freund. Einen Liebhaber.“

Sie stand ganz still da, aber in ihrer Stimme schwang Verachtung mit, als sie hervorstieß: „Du hast das für mich getan? Aus Mitleid?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mich nie wieder anfassen würdest.“

Er ließ sie los. „Was ich habe, ist nicht ansteckend.“

„Ach? Manches von dem, was damit zusammenhängt, aber schon.“

„Mein Anwalt hat es dir schon mitgeteilt, Faith: Seit ich mit Ham zusammen bin, habe ich nicht mehr mit dir geschlafen. Und vorher bin ich dir immer treu gewesen. Du warst nie in Gefahr, dich mit HIV zu infizieren.“

„Ich habe trotzdem einen Test gemacht. Warum sollte ich mich auf dein Wort verlassen?“

Er wirkte erschüttert. „Wenn du mir glauben könntest, dass ich dir treu war, würdest du auch verstehen, was für einen Kampf ich durchlebt habe. Ich war nicht der Mann, der ich sein wollte, aber dir zuliebe habe ich es versucht. Unsere ganze Ehe hindurch habe ich versucht, so zu sein.“

Sie wurde selten sarkastisch, aber jetzt konnte sie nicht anders. „Oh, herzlichen Dank. Nur für mich?“

„Faith ...“

„Oder hast du diese Schmierenkomödie in Wirklichkeit für deinen Vater aufgeführt – oder für meinen? Bis zu seinem Todestag hat dein Vater angenommen, er hätte den perfekten Sohn aufgezogen. Und mein Vater? Mein Vater hat dich sogar zu seinem Nachfolger im Senat aufgebaut.“

„Das war Joes Idee.“

Sie überhörte seinen Einwand und fuhr fort. „Wahrscheinlich wolltest du nur die Welt erhalten, die du um dich herum aufgebaut hast. Der Tugendbold David Bronson, Hüter der Familienwerte. Der Mann, zu dem alle aufblicken, der allen die Richtung weist.“

„Ich wollte dieser Mann sein, Faith. Für euch alle.“

Trotz ihrer Wut verspürte sie einen Hauch von Mitleid, auch wenn ihr das nicht gefiel. Vielleicht hatte sie ihren Tränenvorrat doch noch nicht völlig verbraucht, denn plötzlich war ihr zum Heulen zu Mute.

„Warum hast du es mir nicht einfach gesagt? Am Anfang? Bevor ... bevor es zu spät war.“

„Ich konnte dir nicht sagen, was mir selbst nicht klar war.“ „Du willst mir erzählen, dass du dich vor unserer Heirat nicht zu Männern hingezogen gefühlt hast?“

„Ich hielt Homosexualität für eine Sünde. Ich konnte nicht glauben, dass ich ...“

„... schwul bin“, schnauzte sie, um nicht weinerlich zu klingen. „Das Wort ist ,schwul‘. Man kann das sogar noch drastischer ausdrücken. Mit Formulierungen, die Alex in der Schule zu hören bekommen hat, als die Geschichte die Runde machte. Oder mit Worten, die Remy immer benutzt, wenn sie sich die Seele aus dem Leib heult.“

Er zuckte zusammen. „Ich wollte ihnen nie wehtun.“

Noch vor dem Enthüllungsbericht in der Zeitung war die Infrastruktur der Familie unwiderruflich kollabiert. Aber erst jetzt stellte sie ihm die eine Frage, die sie seitdem umtrieb.

„Aber warum hast du dich dann nicht weiter verstellt, David?“ Sie konnte nicht länger verhindern, dass ihr Tränen in die Augen schossen. „Wenn ich dich nicht mit Ham entdeckt hätte, hättest du dann weitergemacht? Wenn ich damals nicht zum Cottage gefahren und der Reporter euch nicht gefolgt wäre, hättest du es mir dann jemals erzählt? Oder hätten wir dann noch immer alles, was wir verloren haben?“

„Würdest du das wollen? Jetzt, wo du die Wahrheit kennst?“

Sie konnte nichts erwidern, weil sie keine Antwort wusste.

„Ich war entschlossen, es dir mitzuteilen. Sobald ich den richtigen Weg gefunden hätte.“ Ein missglücktes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich war noch nicht über den Eröffnungssatz hinausgekommen. Es wäre die schwierigste Rede meines Lebens geworden.“

„Ein Bild hat mehr gesagt als tausend Worte.“

Er griff in seinen Anzug und zog ein Taschentuch hervor. Er hatte stets ein frisch gebügeltes Taschentuch dabei. Vor langer Zeit einmal, da hatte sie dafür gesorgt. David bot es ihr an, aber sie schüttelte den Kopf.

Er steckte es zurück, und es hing schief aus der Tasche, wie die Notflagge eines sinkenden Schiffs. „Ich gehe jetzt, aber du weißt, wo du mich erreichen kannst. Ich werde da sein, wenn du mich brauchst.“

„Kannst du mir helfen, mein Leben wieder zusammenzusetzen?“

„Ich kann dir meine Freundschaft anbieten.“

Darauf fiel ihr keine freundlich klingende Erwiderung ein. Sie wandte sich von ihm ab, zur Straße. „Kümmere dich um deine Kinder, David. Das dürfte dich schon voll und ganz auslasten.“

2. KAPITEL

Eine Frau, die an Albträumen leidet, zieht es vor, nicht zu schlafen, aber jahrelange Schlaflosigkeit fordert ihren Tribut. Seit fast vierzig Jahren fürchtete sich Lydia Huston davor, die Augen zu schließen.

Die alles durchdringende Müdigkeit hatte vor den Wechseljahren eingesetzt, doch ihre Lebenslust war Lydia schon lange vorher abhanden gekommen. Sie aß nur, wenn sie musste, und selbst einfachste Aufgaben traute sie sich nicht mehr zu. In den letzten Monaten hatte sie mit ansehen müssen, wie ihr blonder Bubikopf dünner und ihre sorgsam gepflegte Haut faltig und runzlig geworden war.

In ihrem Albtraum blieb sie natürlich jung. Aber sie war nicht die goldmähnige Debütantin, die sich stolz an den Arm ihres Vaters, des Botschafters, lehnte, nicht die eifrige Braut, die sich an den Arm ihres Mannes, des Kongressabgeordneten, schmiegte, sondern eine junge Mutter, verängstigt und allein, der kein Arm der Welt je wieder den nötigen Halt geben konnte.

In diesem Traum lag das Haus um sie herum im Dunkeln. Trotz der kleinen Zimmer und des schmalen Korridors fand sie ihren Weg nicht. Sie tastete sich an Wänden entlang, stolperte über Teppiche, fiel auf die Knie und verlor dabei endgültig die Orientierung.

Musik ertönte, sie hallte von den Wänden wider und stieg zum Dachboden empor. Arpeggio-Akkorde bauten sich auf und brachen zusammen wie die Wellen einer sturmgepeitschten See. Alle paar Augenblicke blieb Lydia stehen, da sie nicht recht wusste, wo oben und wo unten war, und wagte dann wieder einen Schritt.

Sie stolperte über die unterste Treppenstufe und griff nach dem Geländer, um nicht zu stürzen. Sie setzte einen Fuß auf die Treppe, richtete sich auf und zog den anderen Fuß nach. Ihr wurde erneut schwindelig, und sie griff ins Leere.

Die Musik schwoll an, bis sie in den Ohren schmerzte. Lydia versuchte sie auszublenden und aus der Dunkelheit ein Wimmern, ein Murmeln herauszuhorchen, aber jetzt erklangen Tonleitern, die erst auf-, dann abstiegen, Oktave um Oktave.

Mit Mühe gelang ihr der dritte Schritt. Beim vierten verschwand plötzlich das Geländer, sodass sie beinahe hinfiel. Das Geländer hätte da sein müssen – es war immer dort gewesen. Nicht so an diesem Tag.

An diesem Tag. Nicht in dieser Nacht. Es war Tag, auch wenn kein Licht ins Haus drang. Sie näherte sich dem Ziel, aber nicht schnell genug. Der unsichtbare Musiker begann eine temperamentvolle Polonaise, Liszt oder Chopin. Sie hatte auf einen Walzer gehofft, eine Nocturne, irgendetwas, das die Geräusche von oben nicht übertönen würde. Sie lauschte zwischen den Phrasen, während ausgedehnter Fermaten, und betete, dass sie zwischen den musikalischen Themen jenen einen Laut vernehmen würde, nach dem sie sich am meisten sehnte.

Aber es gab wenig Pausen und keine Geräusche aus dem Obergeschoss.

Sie nahm eine weitere Stufe. Etwas – jemand – streifte sie und hätte sie um ein Haar wieder in die Leere zurückgerissen. Sie warf sich nach vorn und taumelte heftig, und gerade als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, endete die Musik.

Auf dem Boden, knapp unter ihr, lachte jemand. Ein schreckliches, dämonisches Gelächter, dann das Jammern eines Säuglings. Ein dünnes, durchdringendes Gewimmer, gefolgt von der tiefsten Stille, die man sich vorstellen kann.

Sie versuchte dem Weinen zu folgen. Sie versuchte, um Hilfe zu rufen. Und als sie es tat, erwachte sie – wie immer.

„Hey, die Ampel steht schon ewig auf Grün, Großmutter.“

Albträume können eine Frau auch im Wachzustand überfallen, und Lydia war wieder einmal nicht genügend auf der Hut gewesen. Sie trat aufs Gas und schoss auf die Kreuzung, als die Ampel gerade auf Gelb sprang. „Ich kann sehr wohl ohne deine Hilfe fahren, Alex.“

„Na ja, du hast nicht aufgepasst. Und Remy sagt nie was. Sie will, dass ich den Ärger kriege.“

Lydia war durch den Albtraum und das Ereignis, aus dem er sich speiste, ein anderer Mensch geworden. Toleranz und Geduld waren ihr zur gleichen Zeit wie ihre Energie abhanden gekommen, aber meistens gelang es ihr, das zu kaschieren. Sie konnte Gettoschulen besuchen, spontane Dinnerpartys für fünfzig Leute geben und glaubhaft versichern, ihr Ehemann sei ein Gottesgeschenk für den Senat der Vereinigten Staaten. Aber an den Menschen, die sie eigentlich lieben sollte, fand sie keinen Gefallen und keine Freude. Wenn sie sich um ihre Enkel kümmern musste, was die meisten Großmütter nur zu gerne tun, fühlte sie sich so wohl wie in einem Löwenkäfig.

Als sie den Mercedes in die schmale Gasse lenkte, in der Faith wartete, blaffte sie ihren Enkelsohn noch einmal an. „Ich dulde keine weiteren Unverschämtheiten, Alex. Ich habe genug gehört. Deine Schwester will nur ihre Ruhe haben.“ Genau wie ich, fügte sie im Stillen hinzu.

„Du bist immer auf ihrer Seite.“

„Auf ihrer Seite wird wenigstens nicht geboxt und geschubst.“

„Ich habe sie nicht angerührt.“ Pause. „In letzter Zeit nicht.“

Alex war zumindest aufrichtig, das musste sie ihm zugestehen. Sie schaute kurz über die Schulter und betrachtete das rote Wuschelhaar und das breite Gesicht ihres Enkelsohns, der momentan recht missmutig dreinblickte. „Willst du nach Hause laufen? Du bist auf dem besten Wege.“

Er erwiderte nichts. Für den Augenblick zumindest hatte sie gewonnen.

Lydia hielt neben ihrer Tochter an und entriegelte die Tür. Faith’ dunkelblondes Haar schimmerte in der Sommersonne und reichte ihr fast bis auf die Schultern. Sie war blass, hielt sich aber – wie man es ihr als Mädchen beigebracht hatte – gerade wie ein Fahnenmast, und als sie einstieg, brachte sie ihren Kindern zuliebe ein Lächeln zu Stande.

Sie war wohl erzogen, eben ganz Lydias Tochter.

„Hi, ihr beiden. Hattet ihr einen guten Tag?“ Faith drehte sich zu ihnen um.

„Als ob das möglich wäre“, antwortete Remy.

Lydias vierzehnjährige Enkeltochter sah Faith – und damit auch Lydia – ziemlich ähnlich. Remy war zierlich und blond, hatte eine makellose Haut und gerade Zähne, womit sie sich von einigen ihrer Freundinnen deutlich abhob. Lydia hoffte, dass Remy mit diesem gottgegebenen Vorsprung klug umging.

„Und du, Alex?“ fragte Faith.

„Ich darf nichts sagen!“

Faith warf ihrer Mutter einen raschen Blick zu. „Und der Grund dafür wäre ...?“

„Weil er nichts mitzuteilen hat, was wir hören wollen.“

„Wie lange ist er schon im Wagen eingepfercht?“

Lydia schaute ihre Tochter warnend an. „In einem Mercedes auf Einkaufsfahrt zu gehen kann man nun nicht gerade als ,eingesperrt sein‘ bezeichnen.“

„Alex, halt durch“, wies Faith ihren Sohn an. „Wir sind bald zu Hause.“

„Du verwöhnst ihn“, meinte Lydia.

„Wer würde das nicht? Er ist unwiderstehlich.“ Faith zwinkerte ihm zu.

Lydia nahm den Fuß von der Bremse, und das Auto rollte an. Sie fädelte sich in den Verkehr ein. „Übrigens fahren wir nicht nach Hause. Es sei denn, du hast einen zwingenden Grund.“

Faith lehnte sich im Ledersitz zurück. „Wohin geht’s?“

Lydia presste die Antwort heraus, wobei sie die „r“s besonders betonte. „Prospect Street.“

Faith war angemessen überrascht. „Jetzt? Wozu?“

„Das Haus steht leer.“

„Leer? Hast du es nicht an Studenten der Georgetown-Uni vermietet? Das Studienjahr fängt bald an.“

„Sie haben sich aus dem Staub gemacht. Offenbar letzte Woche. Die Verwalterin war dort, um sich um die Reparatur eines Dachfensters zu kümmern – was sie schon vor Monaten erledigen sollte –, und hat das Haus verlassen vorgefunden.“

Lydia wechselte die Spur und beschleunigte, um einen Unfall zu vermeiden. „Ich habe den ganzen Morgen am Telefon verbracht, um die Studenten ausfindig zu machen. Offenbar hat einer von ihnen einen Praktikumsplatz irgendwo außerhalb der Stadt erhalten. Ein anderer ist zu seiner Freundin gezogen. Der dritte im Bunde hat keine neuen Mitbewohner gefunden und pendelt jetzt von Maryland.“

„Und niemand hat es für nötig gehalten, dich zu verständigen?“

„Nach dem ersten Jahr hat die Maklerin den Mietvertrag nicht verlängert. Sie scheint nicht geglaubt zu haben, dass sie sich eine andere Bleibe suchen könnten, weil es ziemlich schwer ist, so nahe an der Universität eine Unterkunft zu finden. Also hat sie sich um den Vertrag keine Gedanken gemacht.“

„Wie steht’s mit der Kaution?“

„Die Studenten hatten ohnehin keine Chance, das Geld zurückzubekommen, also haben sie es gar nicht erst versucht.“

Faith warf Alex, der schon wieder an Remy herumzupfte, einen Blick zu. Lydia hoffte, ihre Tochter würde den Jungen endlich einmal zur Ordnung rufen. Er war rüpelhaft und unhöflich, so gar nicht das Kind, das man bei ruhigen, gesitteten Eltern wie Faith und David erwarten würde. Die Aussicht, dass er und seine Schwester bald bei ihr wohnen würden, vermochte ihr großmütterliches Herz nicht gerade zu weiten.

Faith wandte sich Lydia zu. „Ich nehme an, das Haus ist in einem üblen Zustand?“

„Das ist zwar eine recht drastische Formulierung, aber ich vermute, sie trifft die Sache ziemlich genau.“ Trotz allem, was im Haus an der Prospect Street geschehen war, betrübte dieser Gedanke Lydia. „Ich habe so viel wie möglich aus der Verwalterin herausgequetscht, bevor ich sie gefeuert habe. Aber ich dachte, am besten schaue ich es mir selbst an.“

„Ich verstehe nicht, warum wir mitkommen müssen.“ Remy beugte sich vor. Im Rückspiegel konnte Lydia gerade eben den Kopf ihrer Enkelin sehen. „Ich wollte mit Megan ins Kino.“

„Weil ich keine Zeit habe, euch erst nach Hause zu bringen“, erwiderte Lydia. „Um Himmels willen, Remy. Bei all dem, was ich für dich getan habe, wirst du doch sicher auch mir mal einen Gefallen tun können.“

Remys Kopf verschwand aus dem Spiegel.

Faith dämpfte ihre Stimme. „Mutter, das ist für uns alle eine schwere Zeit. Lass uns bei Remy und Alex im Zweifel für die Angeklagten entscheiden, okay?“

„Ich tue den ganzen Tag lang kaum etwas anderes, im Grunde schon fast den ganzen Sommer über.“ Lydia hörte ihren eigenen scharfen Tonfall und fragte sich einen Moment lang, wer da sprach. Wann hatte sie in ihrem Inneren Platz für diese Stimme geschaffen? Wann hatte sich die sanfte, leise junge Frau in die zänkische, gefühllose Matrone verwandelt?

Die Antwort war einfach. Die Transformation hatte in der Prospect Street begonnen.

„Wir sind alle dankbar für deine Hilfe“, sagte Faith, aber irgendwie klang es nicht aufrichtig. Sie wirkte verwundet und verwundbar, wie wohl jeder Mensch in einer solchen Situation. Das Leben, das sie sich aufgebaut hatte, war vorüber, und ihre Zukunft konnte ungewisser nicht sein.

Lydia suchte tief in ihrem Inneren nach einem Überrest jener sanfteren Person. „Nach Georgetown zu kommen ist mir nie leicht gefallen. Ich wollte ...“ Sie wusste nicht weiter.

„Es tut mir Leid. Wir sind froh, dass wir dich begleiten und unterstützen können.“ Faith berührte ihre Mutter am Arm. „Ich zumindest. Die Kinder sind dann eben unsere Gefangenen.“

Lydia erinnerte sich, wie Faith ihr als ganz kleines Mädchen die Finger auf den Arm gelegt hatte. Wie sie ihre Mutter aus riesengroßen Augen angesehen hatte, als hielte Lydia die Antworten auf alle Fragen des Lebens parat. Lydia erinnerte sich, wie sie die winzige Hand abgeschüttelt hatte, aus Furcht, aus der übermächtigen Furcht, dass die Antworten, die sie in ihrem kurzen Leben gefunden hatte, ihre Tochter zerstören könnten.

Sie fädelte sich in die Abbiegerspur ein, um über die Chain Bridge nach Washington D. C. zu fahren. „Es wird nicht lange dauern. Heute kann ich ohnehin nichts tun. Ich muss mir nur einen Überblick verschaffen. Warum ist das alles ausgerechnet jetzt passiert? In ein paar Wochen fängt das Studienjahr an, und bis dahin können größere Reparaturen nicht mehr erledigt werden. Wahrscheinlich finde ich erst zum zweiten Semester neue Mieter.“

„Ich wünschte, du würdest das Haus einfach verkaufen“, sagte Faith. „Ich habe nie begriffen, warum du es behältst.“

„Dieses Haus gehört unserer Familie seit seiner Erbauung, und eines Tages wirst du es besitzen. Hoffentlich wird Remy es irgendwann erben.“

Faith beugte sich zu ihrer Mutter hinüber. „Es ist den Schmerz nicht wert, den es verursacht.“

Lydia bremste ab und überquerte die Brücke im Schritttempo, in einer Autoschlange, die sich bis ins Herz der Hauptstadt fortzusetzen schien. Dann zwang der Stau sie zum Halten. „Du verstehst es wirklich nicht, was?“

„Sorry, nein.“

Lydia wandte sich ihrer Tochter zu. „Die Prospect Street war der Ort, an dem ich deine Schwester zuletzt gesehen habe. Wie könnte ich dieses Haus an Fremde verkaufen, Faith? Wie könnte ich das je tun?“

3. KAPITEL

Das Reihenhaus in der Prospect Street war im modifizierten Federal-Stil aus rotem Backstein gebaut – aber diese Klassifizierung wurde ihm nicht gerecht. Es war gut ein Jahrhundert alt, hatte wechselnde politische Verhältnisse überlebt und lehnte sich behaglich an seine Nachbarn – wie eine alte Dame der besseren Gesellschaft, die sich nur unter ihresgleichen im Frauen-Club so richtig wohl fühlt.

Auf Faith übte das Haus eine dunkle Anziehungskraft aus. Sie war selten hier gewesen, aber jeder Besuch hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. In ihrer Kindheit waren ihr die Decken so hoch wie Wolken erschienen. Als Teenager war ihr dieses Denkmal der Tragödie, die ihre Familie heimgesucht und sie selbst ein für alle Mal „anders“ gemacht hatte, unangenehm gewesen. Als junge Mutter hatte sie mit ihren Kindern stets einen großen Bogen um Georgetown gemacht, da sie nicht daran erinnert werden wollte, dass man letzten Endes herzlich wenig Kontrolle über das Schicksal seiner Liebsten besaß.

„Ich bin schon sehr lange nicht mehr in der Prospect Street gewesen“, erklärte Faith ihrer Mutter, die zum Glück nur anderthalb Blocks vom Haus entfernt eine Parklücke gefunden hatte und den Wagen nun hineinmanövrierte.

„Du hattest auch keinen Grund.“

„Alex und Remy kennen es noch gar nicht von innen, oder?“ Sie sah ihren Sohn und ihre Tochter an und versuchte, vergnügt zu klingen. Remy verdrehte die Augen. Alex’ Miene hellte sich bei der Aussicht, dem Auto für eine Weile zu entkommen, allmählich auf.

„Darf ich schon aussteigen?“ wollte er wissen.

Faith überraschte die Frage ihres Sohnes, und sie verbuchte sie als eines der wenigen guten Zeichen dieses Tages. „Wenn du in unserer Nähe bleibst. Keine Expeditionen!“ Sie zuckte zusammen, als seine Autotür über den Bordstein schabte.

„Ich gehe nicht mit rein“, sagte Remy. „Ich muss Megan anrufen. Kann ich dein Handy haben?“

„Darf ich“, verbesserte Lydia sie. „Und du wirst mit hineinkommen, Remy. Ich will nicht, dass du hier alleine herumhockst. Wir sind in der Stadt, und hier sitzen hübsche Mädchen nicht allein in Autos und warten auf Gott-weiß-wen.“

Faith war eigentlich anderer Meinung. Georgetown wurde von weit weniger Verbrechen heimgesucht als die Innenstadt von Washington, und es liefen so viele Leute die Prospect Street entlang, dass ein Schwerverbrechen am helllichten Tag sehr unwahrscheinlich zu sein schien.

Sie versuchte zwischen Lydia und Remy zu vermitteln. „Sobald wir drinnen sind, bekommst du das Handy. Oder du setzt dich auf die Eingangstreppe, wenn deine Großmutter damit einverstanden ist.“

„Sie wird mit uns zusammen hineingehen.“ Lydia öffnete die Fahrertür und lief auf das Haus zu.

„Warum müssen wir immer nach ihrer Pfeife tanzen?“ fragte Remy ihre Mutter.

„Remy, werde bitte nicht unhöflich.“

„Ach, wozu rede ich eigentlich noch mit dir?“

Das fragte Faith sich manchmal selbst. „Das ist das Haus deiner Großmutter, und das ist das Auto deiner Großmutter. Und du wirst dich jetzt benehmen.“

Als sie über den Bürgersteig zu ihrer Mutter und ihrem Sohn lief, schaukelte Alex an einem Ast, der nicht so wirkte, als ob er das lange aushalten würde. Lydia befahl ihrem Enkel aufzuhören, und er preschte über den unebenen, mit Ziegelsteinen gepflasterten Gehsteig. Vor einem niedrigen Eisenzaun blieb er abrupt stehen. „Seht mal, hier wachsen Blumen zwischen den Steinen.“ Er kniete sich hin und riss Pusteblumen aus.

„Lass ihn doch, Mutter“, meinte Faith, bevor Lydia etwas sagen konnte. „Er tut dem Besitzer doch einen Gefallen.“

„Er kann sich keine zehn Sekunden still verhalten.“

„Er ist ein Junge. Jungs müssen rennen und springen. Mädchen eigentlich auch, aber uns gewöhnt man das leider ziemlich schnell ab.“

„Ich nehme an, damit willst du dich über meine Erziehungsmethoden beschweren.“

„Nein, es sollte eher eine Art Gesellschaftskritik sein.“ Faith schaute zu, wie die Tochter, die sie erzog, langsam aus dem Auto stieg. Remy war das genaue Gegenteil ihres Bruders: gelassen, höflich und auf einen guten Eindruck bedacht. Zumindest hatte sie sich immer so verhalten, bis ihre Welt zerbrochen war.

„Megan ist wahrscheinlich eh schon weg“, sagte Remy. „Wahrscheinlich hat sie Jennifer Logan gefragt, ob sie mit ins Kino will, weil ich nicht da bin.“

Megan wohnte im selben Häuserblock wie sie und war seit der Vorschulzeit Remys beste Freundin. In vieler Hinsicht würde der Umzug für Remy am schwierigsten werden, da sie aus einem Freundeskreis gerissen wurde, der der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen war.

Faith versuchte sie zu trösten. „Vielleicht kann sie ja die Nacht bei uns verbringen. Wenn du sie anrufst, frag sie. Wir können Pizza bestellen.“

„Niemand hat noch Lust, uns zu besuchen.“

„Frag sie trotzdem.“ Faith war überrascht, wie streng sie klang.

„Wir leben nicht mehr lange hier. Ihr habt nicht mehr viele Gelegenheiten, euch zu sehen.“

„Na und? Sie wird sowieso nicht den weiten Weg nach Great Falls auf sich nehmen, nur um mich nach der Schule zu besuchen. Sobald ich wegziehe, ist unsere Freundschaft vorbei.“

Zu einer längeren Debatte fehlte Faith die Kraft. „Komm schon, Alex.“

Er hielt zahlreiche Pusteblumen in den schmutzigen Händen und stand auf. Während er mit Mutter und Großmutter auf das Haus zuging, schnippte er die flauschigen Köpfe mit dem Zeigefinger ab und zielte dabei auf Remy, die hinter ihnen her zockelte.

„Hör auf, Alex!“ rief Remy. „Mom, siehst du, was er macht?“

Faith schaute Alex an und schüttelte den Kopf. Er grinste, warf die kläglichen Überreste der Pusteblumen fort und klopfte sich triumphierend den Dreck von den Händen. Remy holte auf und schubste ihn, aber er fiel nicht hin.

Lydia verkniff sich jeglichen Kommentar, aber ihre Lippen bildeten eine gerade, dünne Linie.

Die Familie lief an einem Reihenhaus nach dem anderen vorbei; alle waren im selben Stil erbaut wie das von Lydia. Die Prospect Street ging von der Wisconsin Avenue mit ihren schicken Läden und teuren Restaurants ab und erstreckte sich bis zur Georgetown-Universität, wo sie nur noch reines Wohngebiet war. Bei vielen Anwesen handelte es sich um historische, kunstvolle Gebäude, die durch riesige Bäume und hohe Ziegelmauern von der Straße abgeschirmt waren. Andere Häuser, die man an Studenten und junge Akademiker vermietet hatte, wirkten etwas bescheidener. Diese Bauten standen so nah am Gehsteig, dass man die aufragenden Frontmauern – ebenso wie die Lebensgeschichten ihrer ehemaligen Bewohner – mit Händen greifen zu können glaubte.

In Georgetown zu wohnen galt als vornehm. Viele Eigentümer, die nicht selbst hier lebten, setzten – wie Lydia – vor allem auf den guten Ruf des Viertels und nicht auf sorgsame Restaurierung und Instandhaltung. Der Putz eines der Häuser, an denen sie vorbeiliefen, hätte dringend einen Anstrich benötigt. Der kaum handtuchgroße Vorgarten eines anderen war derart mit abgestorbenem Strauchwerk überwuchert, dass nur noch eine Kettensäge half.

„Ich sollte die Vermietungsgesellschaft verklagen.“ Lydia stemmte die Hände in die Hüfte und starrte auf das Haus, dessentwegen sie gekommen waren.

Auch Faith blieb stehen. Obwohl sie nie hier gelebt hatte, schämte sie sich.

Vom Nachbarhaus drang eine Frauenstimme zu ihnen herüber. „Es wird Zeit, dass du dir das mal ansiehst, Lyddy. Bevor die Stadt es für unbewohnbar erklärt.“

Faith bemerkte, wie Lydia neben ihr erstarrte, und drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Es dauerte eine Weile, bis sie die dazugehörige Person ausfindig gemacht hatte. Die Frau stand an einem der hohen Fenster im ersten Stock, hinter einem Eisengeländer. Sie wirkte so alt wie ein Richter am Obersten Bundesgericht und so schamlos wie gewisse Praktikantinnen im Weißen Haus. Obwohl es schon Nachmittag war, trug sie einen knallbunten Morgenrock über ihrem Nachthemd – zumindest hoffte Faith, dass die Frau ein Nachthemd anhatte – und auf dem Kopf einen farblich passenden Turban.

„Beachte sie nicht“, murmelte Lydia. „Sie gehört zu der Art von Frauen, die man seinen Kindern besser nicht vorstellt.“

Mit lauterer Stimme fuhr sie fort, als hätte sie die Nachbarin überhaupt nicht gehört: „Ich werde die Vermietungsgesellschaft verklagen. Das ist eine Schande. Sie haben die Verantwortung übernommen, und mir hat keiner etwas gesagt.“

Als die Frau vom Fenster verschwand, wandte Faith ihre Aufmerksamkeit zögerlich wieder dem Haus zu. „Wann bist du zum letzten Mal hier gewesen?“

„Seit damals? Nie mehr. Warum sollte ich? Ich habe diese Leute mit der Verwaltung betraut. Hast du gedacht, ich würde mit den Mietern verkehren?“

Faith war an Lydias Sarkasmus gewöhnt. Sie wollte glauben, dass sich irgendwo im versteinerten Herzen ihrer Mutter ein mitfühlendes Wesen verbarg, dass hinter ihrer strengen Selbstdisziplin und den immens hohen Erwartungen an andere irgendwo eine warmherzigere, tolerantere Frau kauerte. Manchmal meinte Faith, Hinweise darauf erkennen zu können.

Schließlich hatten die Hudsons ihre Tochter nicht ohne Grund Faith, also Glaube, genannt!

„Schau dir die Tür an! Den Garten!“ Lydia schüttelte den Kopf.

Faith hatte keine andere Wahl, als hinzusehen. Das Haus hatte drei Geschosse und die Breite eines Zimmers. Wie bei vielen der Nachbarbauten war die Fassade schlicht gestaltet: eine hölzerne Türfassung mit halbrundem Oberlicht, ein mit Zähnchen verzierter Kranzsims, der das Schieferdach betonte, zweigeteilte Schiebefenster mit Fensterläden, ein eisernes Treppengeländer, das die vier tiefen Stufen zur Tür flankierte.

Der einzige Fassadenschmuck war eine antike Eisenplakette, die sich ein gutes Stück über dem Oberlicht befand – ein „Feuerzeichen“, das anzeigte, dass die Familie bei der örtlichen Feuerwehr in gutem Ruf gestanden hatte. Das Haus war nicht so alt, dass es eine solche Plakette tragen musste, aber einer von Lydias Vorfahren hatte sie wohl von einem anderen Haus abgenommen und hier als Dekoration angebracht.

Im Stillen listete Faith die baulichen Mängel auf: Die Backsteine mussten gesäubert werden. Die graue Türfassung blätterte ab, musste stellenweise ausgebessert und komplett neu angestrichen werden. In einem Dachbodenfenster fehlte eine Glasscheibe, eine weitere Scheibe im ersten Stock war notdürftig geklebt worden. Das Treppengeländer musste abgeschmirgelt und mit Rostschutz behandelt werden – wenn unter dem Rost überhaupt noch genügend Substanz vorhanden war. Zudem waren die Büsche, die das Haus umstanden, schon fast eingegangen.

„Von außen fällt mir jedenfalls nichts auf, was sich nicht mit ein bisschen harter Arbeit beheben lässt. Als Erstes sollten wir die Leute im angrenzenden Häuserblock auffordern, sich eine Kettensäge zu leihen“, meinte Faith.

„Mir ist im Moment nicht nach Scherzen zu Mute.“

„Ich lerne gerade, auch den unangenehmen Seiten des Lebens etwas Komisches abzugewinnen.“

„Hu-huu“, machte Alex. „Es ist ein Spukhaus!“

Faith wirbelte herum, um ihn zum Schweigen zu bringen, aber Lydia war schneller und packte ihn an den Schultern. „Du wirst in meiner Gegenwart solche Äußerungen in Zukunft unterlassen. Hast du das begriffen? Deine Mutter mag dein Verhalten ja niedlich finden, aber da ist sie auch die Einzige.“

Alex war mucksmäuschenstill, aber sein Gesichtsausdruck sagte alles. Faith versuchte ihren Sohn zu verteidigen. „Mutter, er wollte doch nicht ...“

„Was er wollte, ist mir egal!“ Nur zögerlich ließ Lydia das Kind los.

Faith richtete sich zu ihren vollen 162 Zentimetern auf. „Mutter, du und Remy, ihr geht vor.“ Sie langte in ihre Handtasche, fand das Handy und reichte es ihrer Tochter. „Alex und ich kommen in ein paar Minuten nach. Jemand muss ihm erklären, warum du so wütend bist.“

Einen Augenblick lang erstarrte Lydia, dann eilte sie ohne ein Wort oder einen Blick die Stufen hinauf.

„Ach Mensch, kann ich nicht hier draußen auf euch warten?“ fragte Remy.

„Auf keinen Fall. Na los.“ Faith zeigte mit dem Kopf zur Tür. „Und geh deiner Großmutter aus dem Weg, bis ich bei euch bin.“

„Ich will gar nicht wissen, warum sie so bekloppt ist“, sagte Alex, sobald die beiden anderen verschwunden waren. „Sie ist immer bekloppt. Sie hasst mich.“

„Sie hat heute sehr wenig Geduld.“ Faith setzte sich auf die dritte Stufe und klopfte auf den Platz neben ihr. Sie war sich unsicher, wie viel sie ihm anvertrauen sollte.

Er setzte sich neben sie und schmiegte sich an; sein rotes Haar kitzelte auf ihrer Schulter. Sie legte einen Arm um ihn. „Es tut mir Leid, mein Schatz. Deine Großmutter hat nicht viel Erfahrung mit Kindern, mit Jungs schon gar nicht.“

„Warum hat mein Gespenstergeheul sie so aufgeregt?“

„Du erinnerst dich bestimmt, was mit meiner Schwester passiert ist. Du musst die Geschichte tausendmal gehört haben.“

„Sie ist entführt worden.“ Er zuckte mit den Achseln, wobei er seine Schulter freundschaftlich an ihrer rieb. „Mehr weiß ich nicht.“

„Vor langer Zeit haben deine Großmutter und dein Großvater in diesem Haus gewohnt.“

„Tja, sieht so aus, als hätte seitdem keiner mehr hier gelebt. Außer Geistern vielleicht. Das war alles, was ich sagen wollte.“

Faith tätschelte sein Knie. „Keiner, der sich um das Gebäude gekümmert hätte. Aber das Haus hat schon immer der Familie meiner Mutter gehört, und nachdem sie geheiratet hatte, ist sie hier eingezogen. Einige Zeit später brachte sie ihre erste Tochter vom Krankenhaus hierher.“

„Hope.“ Alex scharrte mit dem Fuß über die unterste Stufe. „Den Teil kenne ich.“

„Stimmt. Meine Mutter hat die kleine Hope zum Schlafen in ihr Bettchen im Kinderzimmer gelegt. Als sie später nach ihr sehen wollte, war das Baby verschwunden.“

„Und wurde nie wiedergefunden.“ Alex scharrte energischer.

„Niemals. Obwohl die Geschichte monatelang durch die Nachrichten ging und Hunderte von Polizisten an dem Fall arbeiteten. Niemand hat je herausgefunden, was mit Hope passiert ist.“

Alex versuchte sich einen Reim darauf zu machen. „Das ist so lange her. Und ich habe keinen entführt. Warum ist sie wütend auf mich?“

„Ist sie ja gar nicht. Sie ist nur ... Sie wird immer traurig, wenn sie herkommt, weil das Haus sie an Hope erinnert. Vielleicht wäre es nicht so schlimm, wenn wir wüssten, was mit dem Kind geschehen ist, aber wir haben keine Ahnung. Niemand weiß es. Deshalb kann deine Großmutter keinen Schlussstrich unter die Sache ziehen. Verstehst du?“

„Ich verstehe viel mehr, als du glaubst.“

Faith glaubte, die Stimme des Mannes zu hören, der Alex einmal werden würde. Solche Vorboten vernahm sie neuerdings häufiger. „Das freut mich.“

„Als ich gesagt habe, hier spukt’s, hat sie also gedacht, ich rede von Hope?“

„Genau.“ Nach einer Weile fuhr Faith fort: „Jahrelang hielt sich das Gerücht, dass man oben im zweiten Stock manchmal tief in der Nacht ein Baby weinen hören kann.“

„Un-heim-lich!“

„Ja. Nun ja. Das ist nur eine von diesen Schauergeschichten, die die Leute so gerne erzählen. Die Stadtteilführungen haben dafür gesorgt, dass sie nicht in Vergessenheit geraten ist.“

Alex sprang auf und wollte weiter. „Ich würde gern hier leben. Es wäre cool herauszufinden, ob an der Geschichte was dran ist.“

„Erwähne das bloß nicht gegenüber deiner Großmutter, okay? Sie würde das bestimmt nicht cool finden.“

„Ich wollte sie nicht traurig machen.“

„Vielleicht solltest du ihr das mitteilen, sobald sie sich wieder beruhigt hat.“

„Sie hört eh nicht zu, wenn ich etwas sage.“

Faith fürchtete, dass er Recht hatte. „Vielleicht hört sie zu, aber begreift manchmal nicht, was du ihr mitteilen willst.“

„Du bist auch traurig. Jetzt immer.“

Faith hielt es für falsch, Kinder zu belügen. Deshalb antwortete sie: „Tut mir Leid. Ich bin traurig.“

„Ich auch.“

Sie griff nach seiner Hand. „Ich weiß. Du hättest es gern, wenn alles wie früher wäre.“

„Wie konnte Dad uns das antun? Remy verkraftet das nicht. Ich halte es aus. Ich bin ein Junge. Aber sie hasst ihn, und vielleicht tue ich das auch.“

Sie konnte ihm nicht erklären, was sie selbst nicht verstand. „Tja, es ist nicht leicht ... schwul zu sein. Und als dein Daddy jung war, war es noch härter.“

„Ja. Opa Bronson hätte ihn windelweich geprügelt.“

Davids Vater, ein bekannter Prediger, hätte genau das getan.

Arnold Bronson lebte nicht mehr, was vielleicht ganz gut war, denn Davids Coming-out hätte ihn ohnehin umgebracht.

„Woher willst du wissen, was dein Großvater getan hätte?“ Faith stand auf und drückte Alex die Hand noch einmal, bevor sie sie losließ.

„Ich kann zwei und zwei zusammenzählen. Ich bin nicht so blöd, wie alle glauben.“

„Ich halte dich nicht für blöd, das weißt du doch. Du bist ziemlich clever, aber du hast eine unkonventionelle Art zu denken. Du wirst irgendetwas Großes, Wichtiges mit deinem Leben anstellen.“

„Ich will das Haus anschauen. Ich werde mich von Großmutter fern halten.“

„Gute Idee.“

„Wenn ich wirklich klug wäre, würde ich mir etwas einfallen lassen, damit Daddy zurückkommt.“

Ihre Kehle schnürte sich zu. „Du hast nichts dazu beigetragen, dass er gegangen ist, und du kannst nichts dafür tun, dass er zurückkehrt.“

„Ich möchte ihn nicht sehen.“ Er verschränkte die Arme. „Aber wahrscheinlich will er uns eh nicht treffen. Wahrscheinlich sind wir ihm egal.“

„Er will euch sehen. Er wartet, bis ihr bereit dazu seid.“

„Remy wünscht sich, dass er tot wäre.“

Faith war überrascht, dass Remy mit Alex über ihre Gefühle sprach. „Sie ist wütend. Sie wird ihre Meinung ändern.“

„Das glaube ich nicht.“

Die Sorge um ihre Kinder trieb Faith bereits seit geraumer Zeit um. Doch jetzt wurde ihr Kummer noch größer. „Mit der Zeit wird ...“

„Die Zeit hat Großmutter auch nicht geholfen, stimmt’s? Sie ist noch immer wütend wegen Hope. Und jetzt müssen wir mit ihr und Großvater zusammenleben. Er ist auch wütend. Alle sind wütend, und dass wir bei ihnen wohnen, macht sie bestimmt noch böser! Warum musstest du das Haus verkaufen?“

Der Kloß in Faith’ Hals schien anzuschwellen. „Daddy arbeitet im Augenblick nicht, und ich habe nicht die nötige Erfahrung, um einen Job zu bekommen, der genug einbringt, um die Hypothek weiter abzuzahlen. Wir werden nur so lange bei deinen Großeltern wohnen, bis wir wieder auf eigenen Füßen stehen können. Es ist nicht für immer.“

Noch als sie es aussprach, kamen Faith Zweifel. Sie hatte sich nach Wohnungen mit drei Schlafzimmern umgeschaut, aber die Mieten waren horrend. Wenn David keine gute Stelle fand – was wahrscheinlich war, denn durch seine konservative Rhetorik einerseits und sein Coming-out andererseits hatte er sich gleich an zwei Fronten den Weg verbaut –, konnten sie durchaus bei ihren Eltern festsitzen, bis die Kinder aufs College gingen.

„Alles, was ich mache, ist falsch.“ Alex wirkte niedergeschlagen, was untypisch für ihn war. „Immer wenn jemand wütend oder traurig ist, muss ich es ausbaden.“

Sie begann zu ahnen, worüber ihr Sohn sich Sorgen machte. So sah Alex also seine Zukunft: Monate voller Mäkeleien, die sich zu Jahren dehnten. Wütende Appelle, endlich das Zappeln sein zu lassen. Ständige Ermahnungen, sich zu bessern, mehr wie Remy zu sein, den starren Vorstellungen der Hustons zu entsprechen.

„Wir werden ganz sicher eine Lösung finden“, versprach sie schließlich.

„Faith, kommst du?“ Lydia lehnte sich zur offenen Haustür hinaus. „Ich brauche Hilfe. Hast du einen Notizblock? Im Auto liegt einer, ich habe ihn vergessen. Alex, benimmst du dich jetzt wieder anständig?“

Der Junge bedachte seine Mutter mit einem Blick, der zu sagen schien: Na, siehst du? Ich habe Recht gehabt, Mom.

„Wir kommen“, rief Faith. „Ich habe auch einen Notizzettel.“

„Also, ich könnte wirklich etwas Unterstützung vertragen.“ Lydia verschwand im Haus.

„Vielleicht können wir ein Zelt kaufen und campen, bis ich groß bin“, murmelte Alex. „Dann kann ich für dich sorgen.“

Faith wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

4. KAPITEL

Das Reihenhaus war umsichtig geplant worden. Das Erdgeschoss beherbergte ein großzügiges Wohnzimmer, das in ein Esszimmer überging. Zudem gab es eine Küche, eine Toilette und eine kleine Frühstücksnische, die allesamt nach hinten hinausgingen. Der erste Stock bestand aus einem schmalen Flur, drei Schlafzimmern und einem Bad. Das zweite Obergeschoss war ein großer Dachboden, der als Speicher diente.

Bis zum Speicher würden sie heute wohl nicht vordringen. Faith traf ihre Mutter im hinteren Schlafzimmer an.

Mit ihren sechsundsechzig Jahren war Lydia eine attraktive Frau, die regelmäßig ihr Sportstudio, ihren Imageberater und ihren plastischen Chirurgen besuchte. Ihr letztes Facelifting hatte sie um Jahre verjüngt, aber die verräterischen Spuren ihrer zynischen Weltsicht nicht auslöschen können. Selbst wenn sie lächelte, starrten einen ihre blauen Augen, die denen ihrer Tochter so ähnelten, kalt an.

Im Augenblick versuchte Lydia nicht einmal zu lächeln.

„Tut mir Leid, Mutter.“ Faith wollte ihr den Arm um die Schultern legen, aber Lydia machte einen Schritt von ihr weg.

Sie wich auch ihrem Blick aus. „Mitgefühl ist nett, aber es hilft einem nicht weiter, oder?“

„Na ja, manche Menschen glauben, dass es durchaus hilft.“

„Es kann nicht wieder gutmachen, was hier schief gelaufen ist.“

Das können nur eine Prozession von Handwerkern und eine noch unbestimmte Menge Geld leisten.“ Als sie für ihre Mutter durchs Haus gegangen war, hatte Faith die Probleme vorläufig katalogisiert: Die Holzböden waren aufgesprungen. An den Decken befanden sich Wasserflecken. Der Putz musste ausgebessert und gestrichen werden. Tapeten mussten abgeweicht werden – vermutlich etliche Lagen –, bis die nackte Wand zum Vorschein kommen würde. Die Küche war schmutzig und so hoffnungslos veraltet, dass die meisten Geräte wohl nicht mehr funktionierten. Das Klosett in der Gästetoilette hatte keinen Sitz, das Waschbecken keinen Wasserhahn.

Und das war erst der Anfang.

„Ich bin selbst schuld.“ Lydia war derart still geworden, dass diese Äußerung alle überraschte. „Ich habe so getan, als gäbe es das Haus nicht.“

Sie schaute Faith an; das Gesicht ihrer Tochter war ihr offenbar lieber als der Anblick ungesicherter Steckdosen und zerfetzter Verlängerungskabel. An einer Wand lagen zwei nackte Matratzen. Der unverkennbare Gestank von Urin verlieh der ohnehin mehr als schalen Luft eine besonders erbärmliche Note. „Das war das Zimmer deiner Schwester.“

„Ich weiß.“

„Wie konnten diese Barbaren es nur so verunstalten?“

„Was hast du vor?“

„Einen Bauunternehmer beauftragen. Zahlen, was nötig ist. Tun, was getan werden muss.“

Faith fragte sich, ob „tun, was getan werden muss“ das Mantra ihrer Mutter war. Sie versuchte so behutsam wie möglich auf die Schwierigkeiten hinzuweisen. „Hast du dafür Zeit? Die Arbeit muss gut überwacht werden, selbst wenn du ein gutes Unternehmen findest – was nicht leicht sein wird, weil sie alle viel zu tun haben. Und wenn die Arbeit getan ist, fangen dieselben Probleme womöglich wieder von vorne an. Studenten sind nicht unbedingt die besten ...“

„Dann werde ich diesmal an Berufstätige vermieten. Wenn das Haus renoviert ist, dürfte das nicht schwer sein.“ Lydia verzog das Gesicht. „Und nein, ich habe dafür keine Zeit. Natürlich nicht. Die nächste Wahl rückt stetig näher. Mein Terminkalender ist so dick wie das Telefonbuch, obwohl dein Vater gar nicht zur Wiederwahl steht. Aber was bleibt mir anderes übrig?“

Die Antwort schien, sobald sie Faith einmal eingefallen war, ganz einfach, einfach perfekt. Sie staunte, warum weder sie noch Lydia diese Idee nicht schon früher gehabt hatte.

Sie ging es vorsichtig an. „Im Auto hast du gesagt, dass das Haus eines Tages mir gehören wird.“

„Erzähl mir nicht, dass du es sofort verkaufen wirst. Davon will ich nichts hören.“

„Vermach es mir jetzt. Lass mich die Sache übernehmen.“

Lydia runzelte die Stirn. „Sieh dich doch um, Faith. Ich habe keine Ahnung, was die Renovierung kosten wird. Du kannst sie dir nicht leisten. Du kannst es dir nicht einmal leisten, eine Wohnung für euch zu mieten.“

„Ich könnte es mir leisten, dieses Haus zu besitzen. Die Kinder und ich können während der Arbeiten hier wohnen. Ich kann sogar einiges selbst erledigen, um Geld zu sparen.“

Jetzt packte sie die Aufregung. Zum ersten Mal seit acht Monaten verspürte sie Begeisterung, und sie genoss das Gefühl. „Ich kann streichen und tapezieren. Ich kann Schränke lackieren und vielleicht auch den Boden neu versiegeln. Und ich kann vor Ort bleiben, um die anderen Arbeiten im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass sie gut erledigt werden.“

„Du willst in Georgetown wohnen? Mit den Kindern?“ Lydia klang, als hätte Faith ihren Umzug in die Äußere Mongolei angekündigt.

Faith dachte einfach weiter laut nach. „Ich bräuchte nicht einmal sofort ein Auto. Das Busnetz des öffentlichen Nahverkehrs ist nicht schlecht. Und ich müsste mir nicht sofort einen Job suchen. Wenn wir keine Miete zu zahlen brauchen, können wir mindestens ein Jahr vom Erlös des Haus- und Cottageverkaufs leben und trotzdem noch etwas fürs College zurücklegen. Ich kann den Kindern helfen, sich einzuleben und zur Ruhe zu kommen. Sie ...“

„Wie willst du sie zur Schule bringen?“ Lydia machte eine Pause. „Du planst doch nicht etwa, sie von der Akademie zu nehmen?“

Remy und Alex besuchten eine Privatschule mit kleinen Klassen und einem traditionellen Erziehungsansatz. Dort, unter lauter Kindern aus der selben Gesellschaftsschicht, wurden die Werte und religiösen Überzeugungen, die ihnen ihre Eltern vermittelt hatten, sorgsam gefestigt. Bis zu Davids Coming-out hatte Remy sich in diesem streng reglementierten Umfeld sehr wohl gefühlt – anders als Alex.

Als Faith nichts erwiderte, durchquerte Lydia das Zimmer und fuhr mit dem Finger über ein Fensterbrett, von dem der Lack abblätterte. Jenseits des schmalen, überwucherten Hintergartens entdeckte Faith den Whitehurst Freeway, aber auch den schimmernden Potomac, und bei Nacht mussten die Lichter von Rosslyn geradezu atemberaubend aussehen.

„Ich kann nicht glauben, dass du auch nur in Erwägung ziehst, sie von ihren Freunden und Lehrern zu trennen. Sie haben bereits ihren Vater und ihr Zuhause verloren.“

„Sie haben David nicht verloren.“ Faith sprach weiter, bevor ihre Mutter etwas einwenden konnte. „Und der Rest des Schuljahres an der Akademie war schwer genug für sie: all das Gerede und das Mitleid. Überall sonst wäre das, was passiert ist, ignoriert oder schnell ad acta gelegt worden, aber nicht dort, nicht ...“

„Menschen vergessen. Es wird besser werden.“

„Mag sein, aber vielleicht wird es Zeit für Remy und Alex, zu entdecken, dass die Welt nicht das kleine Nest ist, das wir für sie gebaut haben. Vielleicht war es genauso verkehrt, sie so abzuschirmen, wie es gewesen wäre, sie allen erdenklichen Einflüssen auszusetzen. Sie waren nicht darauf vorbereitet, die Sache mit David zu verarbeiten. Ich war nicht darauf vorbereitet.“

„Von allen Leuten solltest du doch am besten wissen, dass die furchtbarsten Dinge geschehen, wenn man am wenigsten damit rechnet. Du bist mit diesem Wissen groß geworden und solltest es nie vergessen.“

Diesmal entschloss sich Faith, mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. „Nach Hopes Entführung hast du eine Festung um dein Leben errichtet und mich darin aufgezogen. Ich bin voller Furcht vor der großen, schlechten Welt groß geworden. Ich habe einen Mann geheiratet, der mir das Leben bieten konnte, an das ich gewöhnt war. Ich habe nie irgendetwas in Frage gestellt. Und jetzt stürzt der Schutzwall ein, und das Tor steht offen. Aber wenn die Kinder und ich zu dir und Dad ziehen, werden die Mauern wieder intakt sein. Noch höher sogar.“

Lydias Stimme klang noch kälter als sonst. „Es tut mir Leid, dass du unsere Hilfe als Gefängnisstrafe auffasst.“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Faith trat neben ihre Mutter ans Fenster. „Hör mal, lass uns ehrlich sein. Du willst nicht, dass wir bei euch wohnen. Die Kinder machen dich verrückt, und bis sie die Pubertät hinter sich haben, wird es nicht besser werden. Zu alledem möchtest du die Verantwortung für dieses Haus loswerden. Übergib sie mir.“

„Ich will nicht, dass meine Enkelkinder hier leben. Du weißt, was in diesem Haus passiert ist.“

„Auf dem Haus liegt kein Fluch. Das Haus ist eine Katastrophe, aber verhext ist es nicht. Hier ist etwas Furchtbares geschehen, aber das ist lange her. Das Leben geht weiter.“

Lydia verschränkte die Arme. „Kurz nach ... Bevor ich einsehen musste, dass Hope für immer verschwunden war, wollte ich alles abreißen lassen. Es dem Erdboden gleichmachen und ein neues Haus bauen. Aber das ging natürlich nicht. Schon damals hätten mich die Denkmalpfleger einen Kopf kürzer gemacht. Dann plante ich, es zu verkaufen. Wir brauchten Geld, um unser Grundstück in Virginia zu bezahlen. Aber damals wollte niemand am Tatort der berühmten Huston-Entführung leben.“

Faith erinnerte sich daran, dass das Haus von O. J. Simpson nach dem Verkauf abgerissen worden war. Und Nicole Simpson war nicht einmal dort ermordet worden.

Lydia schaute ihre Tochter an. „Also habe ich es behalten. Obwohl die Stadtführer zweimal am Tag eine Horde Leute anschleppten, die auf dem Gehweg standen und glotzten. Obwohl ich es nur an Studenten vermieten konnte. Und irgendwann, als ich wusste, dass Hope nie zurückkehren würde, wollte ich es auch nicht mehr verkaufen.“

„Vielleicht braucht das Haus wieder eine Familie als Bewohner. Ich bin mir sicher, dass das Leben in der Stadt für Remy und Alex eine große Chance wäre. Am Anfang wären sie vielleicht nicht glücklich und möglicherweise ist es ein Fehler, sie hierher zu bringen, aber bei so vielen Veränderungen – fällt eine weitere da noch ins Gewicht? Wir wären unabhängig und täten dir einen Gefallen. Du musst mir das Haus nicht gleich überschreiben, wenn du dich noch nicht festlegen willst. Lass uns einfach hier wohnen, bis wir wieder Tritt gefasst haben.“

„Eventuell ist es für dich steuerlich aber nicht von Vorteil, wenn ich dir das Haus vor meinem Tod überschreibe. Ich muss das mit meinem Anwalt besprechen.“

Trotz einer Vielzahl von Bedenken wurde Faith noch euphorischer. „Das ist eine gute Idee.“

„Dein Vater wird nicht einverstanden sein. Ich hätte eine Hypothek aufgenommen, um das Haus in Stand zu setzen, und die Mieteinkünfte zur Abzahlung verwendet. Ich garantiere dir, dass er keinen Finger krümmen wird, um dir zu helfen.“

„Ich brauche seine Hilfe nicht“, sagte Faith.

„Joe hat kein Mitspracherecht, was euren Einzug angeht.“ Lydia lächelte grimmig. „Das Haus gehört mir. Sein Name steht nicht auf der Urkunde. Wenn ich mich entschließe, es euch zu überlassen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als es zur Kenntnis zu nehmen.“

„Ich will mich nicht zwischen euch stellen.“

Lydia schwieg.

Faith schaute sich in dem Raum um, der einst Hopes Kinderzimmer gewesen war. „Dieses Haus verdient eine zweite Chance. Es ist lange genug bestraft worden. Es hat etwas Besseres verdient als Bierbesäufnisse und Gettoblasterlärm. Wenn du mich lässt, kann ich es wieder in ein Zuhause verwandeln.“

„Ich werde es vermutlich verkraften, wenn dir das gelingt.“ Lydia klang fast so, als bereite ihr der Gedanke an Joes Missbilligung Freude.

„Es sieht so aus, als hätten wir eine Abmachung.“

Faith spürte die Hand ihrer Mutter auf der Schulter. Kurz. Leicht. Diese Berührung, die womöglich sogar als Trost gemeint war, überraschte sie mehr als alles andere an diesem Tag.

5. KAPITEL

In McLean war Remys Zimmer fast so groß wie ein ganzes Stockwerk im Haus an der Prospect Street. Sie hatte ein eigenes Bad und einen Wandschrank, der groß genug war, um ein Pferd darin unterzustellen. Faith fragte sich, was David und sie sich dabei gedacht hatten, als sie mit den Plänen des Architekten einverstanden gewesen waren. Vielleicht hatten sie geglaubt, ein perfektes Haus sorge für eine perfekte Kindheit. Sie erinnerte sich, dass sie versucht hatte, das Haus so freundlich, so gemütlich zu gestalten, dass die Kinder es nie würden verlassen wollen. Dummerweise war ihr das gelungen.

Jetzt, ein paar Stunden nach ihrem Ausflug nach Georgetown, war es im Haus in McLean eigentümlich still. Im Augenblick stand Faith in der Tür zu Remys Zimmer und wartete darauf, dass ihre Tochter sie hineinbat. Remy saß mit verschlossener Miene im Schneidersitz mitten auf ihrem weißen Himmelbett und schwieg.

„Megan hat keine Zeit, was?“ fragte Faith.

„Sie übernachtet bei Jennifer.“ Remy warf sich auf den Rücken und starrte den Baldachin an.

„Darf ich reinkommen?“

„Wenn es sein muss.“

Faith durchquerte das Zimmer, vorbei an einer Regalwand, in der die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke aus vierzehn Jahren ordentlich aufgereiht waren – eine Rückschau auf Remys Leben. Sie hockte sich auf die Bettkante. „Du bist traurig.“

„Bin ich nicht.“

Faith suchte nach einem Weg, um an Remy heranzukommen.

„Wenn ich du wäre – und ich weiß, dass ich nicht du bin –, hätte ich das Gefühl, dass mein Leben zu Ende geht. Alles verändert sich, und man kann nichts dagegen tun.“

„Und?“

„Na ja, nichts tun zu können frustet.“

„Du musst nicht wie ein Teenager reden, damit ich dir zuhöre.“

Faith wartete.

„Alle wissen über Daddy Bescheid. In der Schule, hier in der Straße. Wieso hast du es nicht gleich gewusst? Du warst mit ihm verheiratet.“

Faith war sich im Klaren, dass Remy unter Davids Abwesenheit am meisten litt. Sie hatte ihm näher gestanden als Alex. Remy und David hatten immer eine sehr tiefe Bindung gehabt, die bisher alle Stürme im familiären Wasserglas überdauert hatte. Nur diesmal nicht.

Faith holte tief Luft, bevor sie antwortete. „Ganz ehrlich, ich hatte nicht den leisesten Verdacht. Dieses Geheimnis war wirklich gut verborgen; sogar dein Vater hat sich die Wahrheit nicht richtig eingestehen können.“

„Ach was. Jetzt kommt er mit der Wahrheit plötzlich ziemlich gut zurecht, nicht? Er lebt mit einem Mann zusammen. Sie haben Sex miteinander. Das ist so krank, dass ich gar nicht daran denken mag.“

„Du musst auch nicht daran denken, Schatz. Aber ganz gleich, was für ein Leben er jetzt führt, er ist immer noch dein Vater.“

„Er sollte überhaupt kein Vater sein. Meiner wird er nie wieder. Ich will ihn nie wiedersehen.“

Faith hütete sich zu erklären, dass Remy über kurz oder lang gar nichts anderes übrig blieb, als David zu treffen. Dass ausgerechnet der Mann, der Anti-Diskriminierungs-Gesetze immer für überflüssig gehalten hatte, nun jedes Gericht auf seiner Seite hätte, sobald es um sein Besuchsrecht ging.

„Lass uns über dich sprechen“, sagte sie. „Was kann ich tun, um dir das alles leichter zu machen?“

„Ich will auf ein Internat.“

Faith griff nach Remys Hand, aber ihre Tochter entzog sie ihr und boxte mit der Faust in die Luft, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen: „Ich möchte nicht bei Großmutter wohnen. Ich mache das nicht mit. Und Großvater ist unmöglich. Ich darf bestimmt keine Freunde einladen oder Musik hören. Ich will weit weg gehen und nie zurückkommen.“

Faith fragte sich, wie viele Stiche ins Herz sie noch ertragen konnte, ohne zu verbluten. „Du kannst nicht aufs Internat, Remy. Wir haben nicht das nötige Geld.“

„Du redest immer nur über Geld!“

„Dummerweise muss ich das. Ihr braucht keine Angst zu haben, dass wir auf der Straße landen, nicht genug zu essen haben oder uns keine gute Kleidung mehr leisten können. Wir laufen nicht Gefahr zu verarmen. Aber Extras wie ein Internat sind nicht drin.“

„Wenn Großmutter und Großvater uns nicht aufnehmen würden, säßen wir doch auf der Straße.“

„Bald wird alles besser. Ich werde mir Arbeit suchen. Dein Dad versucht auch wieder eine gute Stelle zu finden, um Unterhalt für euch zahlen zu können.“

„Als ob den noch irgendjemand anstellen würde. Wer will schon, dass eine Schwuchtel den Leuten mitteilt, was sie denken sollen?“

„Remy, dieses Wort wirst du nicht mehr benutzen.“

„Aber es stimmt.“

„Das ist ein abfälliger Ausdruck, und du verwendest ihn bitte nicht für deinen Vater, der dich seit deiner Geburt geliebt und umsorgt hat.“

Remy rollte sich zur Seite und drehte Faith den Rücken zu. „Wir werden immer arm bleiben. Du hast nie eine Arbeit gehabt, und er wird keine finden. Ich muss bei meiner Großmutter leben, bis ich mit der Schule fertig bin.“

Faith’ Aussichten waren in der Tat nicht rosig. Sie hatte einen einfachen Abschluss in europäischer Geschichte, aber keine Berufserfahrung. Bevor sie David traf, hatte sie vorgehabt, noch einen höheren Abschluss zu machen und dann Lehrerin zu werden. Zwar hatte sie immer davon geträumt, wieder an die Uni zu gehen, wenn die Kinder älter wären, aber ein brennendes Verlangen nach einer Berufstätigkeit hatte sie nicht verspürt. Sie hatte den perfekten Mann geheiratet. Wozu also die Eile?

Wäre David einfach gestorben, dann hätte ein dichtes soziales Netz aus ihren politischen und gesellschaftlichen Kontakten sie aufgefangen. So jedoch wäre es den meisten dieser Leute wohl zu peinlich, sie einzustellen. Sie mochte Joe Hustons Tochter sein, aber die konservativen Verbündeten des Senators würden in Faith vor allem die ahnungslose Exfrau David Bronsons sehen.

Sie versuchte Remy zu beruhigen. „Ich werde ein paar Kurse in Textverarbeitung belegen und mich nach einer Stelle im öffentlichen Dienst umschauen. Ich bin keine totale Null, weißt du. Ich bin sogar ziemlich helle.“

„Nicht helle genug, um herauszufinden, dass du mit einem Homo verheiratet warst.“

Faith zuckte zusammen. Diese Seite an ihrem Kind, das sie inund auswendig zu kennen glaubte, war ihr völlig neu. Sie musste wieder an ihr Gespräch mit Lydia denken: Hier hatte sie den Beweis vor sich, dass sie und David Nachkommen aufgezogen hatten, die nicht mit Problemen fertig wurden. Remy war ein Sonnenschein, wenn alles in ihrem Sinne lief, aber das Leben besaß auch Schattenseiten.

Das hatten Faith und David leider versäumt, ihrer Tochter zu vermitteln.

Sie stand auf. Mitgefühl hatte keine Wunder bewirkt. Es war Zeit für die Wahrheit. „Also, Remy, so sieht’s aus: Wir haben das Haus verkauft. Wir hatten keine andere Wahl. Dein Vater und ich lassen uns scheiden, und auch dazu gibt es keine Alternative. Du bist vierzehn und musst damit leben. Aber es gibt ein paar Dinge, auf die ich Einfluss nehmen kann. Ich habe etwas ausgeklügelt, damit wir nicht bei euren Großeltern in Great Falls wohnen müssen.“

Wie Faith vermutet hatte, gewann Remys Neugier zögerlich die Oberhand. „Wie soll das gehen?“

„Wenn deine Großmutter Ja sagt, werden wir in das Haus in der Prospect Street ziehen.“

Remy setzte sich auf. Fassungslos starrte sie ihre Mutter an. „Du machst wohl Witze! Das Haus stinkt, als hätte jemand in die Korridore gemacht. Und in der Küche habe ich ein Tier gesehen, vielleicht eine Ratte, und auf der Straße hat ein Penner Dosen aus dem Müll gefischt. Und wie sollte ich von da zur Schule kommen?“ Sie stockte, als ihr die Antwort dämmerte. „Gar nicht, was?“

Faith dachte nach, was sie auf diese Frage entgegnen sollte. Sie war in diesem Punkt selbst noch zu keiner Entscheidung gelangt und musste ihre Antwort vorsichtig formulieren. „Bis jetzt steht noch gar nichts fest, was die Akademie angeht. Das Schulgeld ist zu hoch, wenn ich außerdem noch etwas fürs College ansparen will. Ich muss jetzt alles, was ich habe, gut anlegen, damit ihr gute Universitäten besuchen könnt.“

„Lass Großvater das College bezahlen. Das würde er.“

„Wenn er zahlt, bestimmt er auch, an welches College du zu gehen hast und welches Hauptfach du studieren wirst. So sieht es nun mal aus.“ Faith hatte es schließlich selbst erlebt.

„Dann lass ihn für die Akademie zahlen. Das würde er.“

Faith war sich da gar nicht so sicher. Selbst wenn sie ihn anflehen würde: Er ärgerte sich immer noch sehr über die demütigende „Fahnenflucht“ seines Schwiegersohnes, dass ihm durchaus zuzutrauen war, seine Enkel für Davids Sünden büßen zu lassen.

Aber selbst wenn er das Schulgeld zahlen würde, sie wollte nicht von Joe Huston abhängig sein. Er war ein strenger Mann, und als Senator waren ihm sämtliche Druckmittel recht. Wenn er Faith half, die Bildung der Kinder zu finanzieren, würde er sie das ständig spüren lassen, was sicherlich nicht sehr angenehm war.

Faith sah ihre Tochter an. „Ich will ehrlich sein, denn du bist alt genug, um damit umgehen zu können. Das letzte halbe Jahr an der Akademie war kein Zuckerschlecken für dich, und für deinen Bruder ist es das nie gewesen. Ich finde, ihr braucht eine neue Schule, eine, die nicht so tut, als denke alle Welt dasselbe. Es wird Zeit, dass ihr über den Tellerrand hinausschaut.“

„Ich werde nicht auf eine staatliche Schule gehen.“

„Vielleicht ist ein Neuanfang gut für dich. Du brauchst kein Internat, sondern eine andere Perspektive. Die staatliche Schule könnte dir genau das bieten.“

„Du willst doch nur deine kostbaren Ersparnisse nicht an mich verschwenden. Ich bin dir egal.“

Das Telefon klingelte, und als Remy sich nicht rührte, griff Faith nach dem Hörer. Ihre Mutter war am Apparat.

Ein paar Augenblicke später hängte Faith ein.

„Du zwingst uns also wirklich, in diesen Slum zu ziehen, was?“ stellte Remy fest. „Ganz egal, was ich sage.“

Faith fragte sich, worauf sie sich da gerade eingelassen hatte. Sie hatte die Sicherheit von Great Falls und einen Lebensstil aufgegeben, der ihr zumindest vertraut war. Gegen diese bekannte Größe hatte sie eine Bruchbude in der Prospect Street und die zweifelhaften Freuden des Stadtlebens eingetauscht.

Sie nickte kurz. „Georgetown ist alles andere als ein Slum. Wenn du das glaubst, hast du wirklich noch nicht genug von der Welt gesehen. Das wird sich jetzt ändern. Deine Großmutter hat sich entschlossen, uns in dem Haus wohnen zu lassen.“

„Ich gehe nicht mit.“

Remy würde gar nichts anderes übrig bleiben. Faith hoffte nur, dass ihre Tochter in nicht allzu ferner Zukunft begreifen würde, warum dieser Umzug und alles, was damit zusammenhing, nötig war.

Eine Stunde später lag Faith im großen Badezimmer in der Wanne. Sie hatte das Gespräch mit Remy beendet, um ihrem Sohn die Neuigkeiten mitzuteilen. Alex war sehr in seine Versuche vertieft gewesen, die strikten Zugangsbeschränkungen zu umgehen, die David auf seinem Computer eingerichtet hatte. Als sie mit ihrer kleinen Rede fertig war, blickte er auf.

„Kann ich auf dem Dachboden wohnen? Ich komme nur mit, wenn ich unterm Dach wohnen darf.“

„Was bist du, Kleiner, eine Fledermaus?“

„Ich wette, da oben ist es cool. Und da wohnen die Geister, nicht?“

„Es gibt keine Geister.“

„Mrs. Garfield hat uns was anderes erzählt. Sie meinte, Geister sind Seelen, die aus dem Himmel rausgeworfen werden, weil sie ungehorsam waren.“

Faith hatte den Verdacht, dass Mrs. Garfield, die unermüdlich einfallsreiche Klassenlehrerin von Alex’, mit diesem Trick versuchte, den ungestümen Jungen ruhig zu stellen. Faith zerzauste ihrem Sohn die unbändigen roten Locken. Sein Haar – sowohl die Struktur als auch die Farbe – unterschied ihn von allen anderen Familienmitgliedern. Zwar mochte es keine Geister geben, ein Kobold aber saß direkt vor ihr.

„Hör zu, du kannst dir auf dem Speicher eine Werkstatt einrichten. Für deine Erfindungen.“

„Echt?“ gluckste Alex. „Glaubst du, es gibt da wirklich Fledermäuse?“ Die Vorstellung schien ihm zu gefallen.

Sie hoffte, dass ihr wenigstens dieses Problem erspart blieb.

Alex’ Miene hellte sich noch weiter auf. „Darf ich auf eine andere Schule gehen?“

„Wäre das für dich in Ordnung?“

„Spitze.“ Er druckste ein wenig herum und ergänzte dann: „Vielleicht eine Schule, an der sie mich besser leiden können?“

Als sie nun im Whirlpool ausspannte, von dem es in gut einer Woche Abschied zu nehmen galt, fragte sich Faith, wie sie je hatte zulassen können, dass Alex auf eine Schule gehen musste, an der er sich von allen zurückgewiesen fühlte. In ihrer jetzigen Stimmung wollte sie David die Schuld geben, aber das war nicht fair. Als sie mit David Bronson vor den Altar getreten war, hatte sie eine ganze Lebensweise, eine Denkungsart geheiratet und genau gewusst, was sie tat.

Es war ihr Vater gewesen, der sie ihrem künftigen Gemahl vorgestellt und den ruhigen jungen Mann als kommende Kraft in der konservativen Politik angepriesen hatte. Als Spätentwicklerin hatte Faith gerade begonnen, sich ihren eigenen Weg durchs Leben zu bahnen, aber von David war sie auf Anhieb so begeistert, so völlig hingerissen gewesen, dass sie ihre aufkeimende Unabhängigkeit nur zu gerne aufgegeben hatte, um seine Frau zu werden.

Sie wusste um die Konsequenzen. Sie hatte miterlebt, wie ihre Mutter ihr Leben ganz auf die Karriere ihres Vaters ausgerichtet hatte, und tat nun instinktiv dasselbe. Fünfzehn Jahre lang hatte sie an der Seite ihres Mannes gestanden und mit ihm eine perfekte Familie aufzubauen versucht, und sie hatte sich eingeredet, dass das eben ihre Berufung war.

Und sie hatte ihre Sache gut gemacht. Von Zeit zu Zeit hatte man sie gebeten, einen Vortrag über die Kultivierung eines christlichen Elternhauses zu halten, eine Ehre, die sie mit der Begründung abgelehnt hatte, sie sei mit genau dieser Kultivierung vollauf ausgelastet.

David andererseits hatte keine Gelegenheit ausgelassen, über die Themen zu sprechen, die ihm wichtig waren. Er war freundlich und zurückhaltend, eine Ausnahmegestalt in politischen und religiösen Kreisen. Anstatt andere Sichtweisen niederzumachen, vertrat er seine eigenen Standpunkte prägnant und voller Gefühl. Hätte er seinen Harvard-Abschluss in Theologie genutzt, um Pfarrer in der Gemeinde seines Vaters zu werden, wäre jede seiner Predigten um dasselbe Thema gekreist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Aber nach Arnold Bronsons Tod hatte David das Amt seines Vaters nicht übernommen. Jetzt fragte sich Faith, ob ihr Noch-Ehemann damals mit seinen persönlichen Dämonen gerungen hatte. Denn hätte er die gleichen Ansichten wie sein Vater vertreten, wäre ihm nichts anders übrig geblieben, als die Sünde der Homosexualität mit deutlichen Worten zu geißeln. Offensichtlich hatte irgendeine Instanz in ihm daran gezweifelt, ob das klug wäre.

Mit geschlossenen Augen und unter dem besänftigenden Einfluss der Kamillen- und Zitrusdüfte war Faith kurz davor, David zu bemitleiden. Er hatte gelogen; er hatte sie benutzt, um seine Lebenslüge aufrechtzuerhalten. Aber sie wusste, dass er ihr niemals hatte wehtun wollen.

Sie schlug die Augen auf und betrachtete ihren Körper, der entspannt im Wasser des Kräuterbads lag. Sie war nie mit ihm zufrieden gewesen. Zwar hatte sie die kleinen Brüste und schmalen Hüften eines Mannequins, aber leider nicht die passenden langen Beine.

Sie überlegte, ob gerade ihr Mangel an weiblichen Attributen die Ehe-Farce für David erträglich gemacht hatte.

Diese Vorstellung quälte sie nach all den Monaten noch immer. Sie schüttelte sich und musterte sich noch einmal genauer. Gut, sie war nichts Besonderes, aber galt das nicht für die meisten Frauen, die dennoch von Männern begehrt wurden? Stammten ihre Unzufriedenheit mit diesem Körper und ihr mangelndes Selbstwertgefühl aus den fünfzehn Jahren an der Seite eines Mannes, der sie auf Grund seiner Natur gar nicht begehrenswert finden konnte?

Hatte sie Davids Desinteresse unbewusst gespürt und sich selbst dafür die Schuld gegeben? So wie sie für alles und jedes in ihrem unverschämt perfekten Familienleben stets die Verantwortung übernommen hatte?

Wütend fegte sie ihre Handtücher, die Tube mit dem Badegel und eine unangezündete Kerze auf den gefliesten Boden. Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, sah sie, wie das schnurlose Telefon schwankte und dann auf die Badematte fiel, bevor sie es auffangen konnte.

„Verdammt!“ Das Wort kam ihr äußerst selten über die Lippen, aber heute Abend empfand sie es als durchaus angemessen. Wegen der Kinder war sie fest entschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Doch gab es in ihr noch irgendetwas, worauf sie sich verlassen konnte – etwas das ihr helfen würde, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen?

Das Telefon klingelte. Sie hob es vom Fußboden auf und hörte die Stimme ihres Vaters. Nachdem sie sich verabschiedet hatte, stieg sie aus der Wanne und griff nach ihrem Bademantel.

Der Tag, der ihr wie einer der längsten ihres Lebens vorkam, wollte einfach kein Ende nehmen.

David stand vor dem Haus, an dessen Entwurf er mitgewirkt hatte, und schaute zu den Fenstern im ersten Stock hinauf. Remys Schlafzimmer lag im Dunkeln, aber hinter Faith’ Fenster schimmerte noch Licht.

Er stellte sich ihren unruhigen Schlaf vor. Faith hatte immer schlecht geschlafen, wenn er nicht zu Hause gewesen war. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die bei jedem Geräusch hochfuhren oder sich einbildeten, die Kletterrose, die ans Spalier schlug, wäre ein Einbrecher. Einmal hatte sie ihm erklärt, sie fühle sich einfach unvollständig, wenn er fort war.

Sie hatte ihm so viel erzählt, und er ihr so wenig.

Als er klein war, hatte ihm sein Vater beigebracht, nicht zu weinen. Isaak hatte nicht geweint, als sein Vater Vorbereitungen traf, ihn zu opfern. Wer war David, dass er weinen musste, wo jenes Kind doch angesichts einer so furchtbaren Aussicht still geblieben war?

Jetzt wollte er weinen. Weinen um den Menschen, der er gewesen war, und um das, was er heute war. Weinen, weil er einer Anziehungskraft erlegen war, die so stark war, dass sie seinen Selbstbetrug ans Licht gebracht hatte.

Und hier und jetzt auch um die Frau, die er verlassen hatte.

Der Mond war beinahe voll und schien sanft auf den zweistöckigen Bau im Kolonialstil. Eine Magnolie, die er gepflanzt hatte, reichte fast so hoch wie das Dach. Eine Platane, für deren Schutz er tausend Dollar ausgegeben hatte, als der Baugrund planiert worden war, ragte über die Garage. Das Haus war ein Hort der Geborgenheit, ein Zufluchtsort gewesen, aber in den letzten Jahren hatte er sich darin wie in einem Gefängnis gefühlt.

Faith würde seinen Besuch nicht gutheißen. Vor einigen Monaten hatte sie es so eingerichtet, dass sie an einem Nachmittag außer Haus gewesen war, damit er sein Hab und Gut abholen konnte. Über ihre Anwälte hatten sie vereinbart, welche Möbel und Dinge er mitnehmen durfte, aber er hatte etliche Bücher vergessen, an denen Faith garantiert nichts lag.

Er hatte wie ein Fremder auf der Straße geparkt. Jetzt trottete er den langen gepflasterten Bürgersteig entlang und klopfte vorsichtig an die Haustür. Seine Hände waren kalt, obwohl der Abend schwül war. Die Aussicht, über die Schwelle eines Hauses zu schreiten, das ihm bis heute gehört hatte, machte ihn nervös.

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