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Das Haus des Malers

Impressum

ISBN 978-3-8412-0737-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2010 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin
unter Verwendung eines Motivs von © Joana Kruse / Arcangel Images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Der größte Irrtum der wahren Liebe ist der,

dass man sagt, es gäbe sie nicht.

Prolog

Er spürte es durch das junge Gras unter seinen Pfoten. Es schlich an seinen Vorderläufen hinauf bis über die Lefzen und hielt sich noch einen Moment an den Haarspitzen seiner Schlappohren fest, bis es im kühlen Wind davonhuschte. Er blieb stehen, hielt seine Nase in den Luftstrom, der vom großen Wasser kam, und ließ die vielversprechende Brise durch sein dichtes, grauschwarzes Rückenfell streichen. Ja, eindeutig. Es wurde Frühling. Endlich! Es roch nach warmem Sonnenlicht, nach weicher Erde, in der man nach Lust und Laune buddeln konnte, nach Lämmern, frisch abgebrühten Knochen – und nach Katze. Katze!

Wachsam blickte er sich um, schlich um die Hauskante von Schlachtermeister Oehme, hockte sich hinter die Mauernische, die zur Treppe in den Keller führte, und blickte um die Ecke – da war sie. Panja! Sie lag auf dem obersten Treppenabsatz und leckte sich die Pfote.

Ein Beben lief durch seinen großen, schlaksigen Hundekörper, ließ das Fell in seinem Nacken erzittern. Freude und Aufregung machten sich in ihm breit. Er liebte die Energie, die bei einer Katzenjagd durch seine Muskeln und Sehnen schoss. Mit einem Hechtsprung preschte er vor.

»Katze!«, knurrte es in ihm, und ein Lachen kollerte in seinem Brustkorb.

Panja fuhr auf, fauchte drohend, machte einen Buckel und sauste los. Er verfolgte sie durch drei Gärten, über die Wiesen am Dorfrand, den Sandweg Richtung Küste entlang und vorbei am leer stehenden Rohrdachhaus. Da kam ihm plötzlich ein anderer Geruch in die Nase. Verdutzt stemmte er die Vorderpfoten in den Sand, blieb stehen und ließ Panja im Gehölz verschwinden. Da war etwas. Etwas Neues. Von Neugier getrieben tappte er um das Haus herum, schnüffelte an der Tür, an der Holzbank, von der die Farbe in großen Stücken abblätterte, und an der Rinde der großen Rotbuche, die vor dem Eingang stand, schaute sich in dem verlassenen, noch von einer dünnen Schneeschicht bedeckten Garten um und konnte nichts finden. Und doch witterte er etwas.

Etwas Verführerisches lag in der Luft. Eine Veränderung.

Er schüttelte sich durch und hob das Bein, markierte den Buchenstamm und trottete dann den schmalen Pfad zurück. Am Gartentor blickte er sich noch einmal zum Haus um, sog die Vorahnung mit der Frühlingsluft tief in seine Lungen und rannte los. Ein Hochgefühl zog durch seinen Körper, aber er wusste nicht, woher das kam.

1 – Das Haus des Malers

An der Ostsee, Frühlingsanfang

»Fanny, warte!« Ole Koswig zog sich die Mütze etwas tiefer, fiel zurück in seinen Laufrhythmus und lachte, als Fanny bellend in die Brandung sprang und versuchte, die Wellen zu beißen. Seine Gascogne-Hündin liebte das Meer, genau wie er selbst. Gerade jetzt zu dieser Jahreszeit verströmte es eine Ruhe, die beinahe magisch war. Eine leise Ahnung von Frühling hing in der Luft. Der Winter war sehr lang und eisig gewesen. Noch vor zwei Wochen war die Ostsee, so weit das Auge reichte, zugefroren, und am zerklüfteten Strandufer hatte der Wind den Schnee zu meterhohen Schneewehen aufgetürmt. Doch heute schien zum ersten Mal seit vielen Tagen die Sonne von einem leuchtend blauen Firmament und schickte die ersten wärmenden Strahlen zur Erde, und der Strand war fast schneefrei. Nur am Rand, an den abgetragenen Hängen der Klippen, dort, wo die Sonnenstrahlen ihren Weg noch nicht hingefunden hatten, lag etwas. Bis zum Mittag würde auch dieser Rest des Winters verschwunden sein.

»Fanny, komm! Hier lang!«, rief er und schleuderte die Frisbee-Scheibe in hohem Bogen den steinigen Pfad hinauf. Seine Hündin sauste los, fing das Frisbee im Sprung und trottete damit zu ihm zurück.

»Gutes Mädchen!« Ole lachte, kraulte Fanny hinter den Ohren und warf die Scheibe weiter. »Komm! Ab nach Hause!«

Als er mit Fanny am alten Haus des Malers vorbeikam, sah er in der Ferne den Streuner über die leere Koppel jagen, als sei eine Meute hinter ihm her. Er drehte sich zu seiner Hündin um, die stehengeblieben war und dem großen, schwarzen Wolfshund-Mischling interessiert nachschaute. »Lass ihn, Fanny!«, sagte er und lächelte. »Er ist ein Vagabund.«

Gewohnheitsmäßig wanderte sein Blick an dieser Stelle zum Rohrdachhaus. Seit Jahren schon versuchte Ole, den Maler Alfons Zederbeck von einem Verkauf des Hauses zu überzeugen, zumal es wie eine alte, nutzlose Glucke zwischen Oles Wiesen und Koppeln saß und zusehends verfiel. Das Strohdach schien noch intakt, doch ansonsten war es nichts weiter als ein jämmerlicher Anblick. Zederbeck war ein seltsamer Kauz. Der alte Mann lebte nun schon seit mehreren Jahren in einer Seniorenwohnanlage oben auf Zingst und weigerte sich wie ein störrischer Esel, das Haus abzugeben. Einen Grund hatte er nie genannt. Fanny riss Ole mit einem auffordernden Bellen aus seinen Gedanken. Sie wedelte mit dem Schwanz und warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Frisbee.

»Ja, ist schon gut!«, sagte Ole, lachte und schleuderte das Spielzeug in jene Richtung, wo in der Ferne durch Pappeln hindurch die grauen Dächer des Pferdehofs Falbenkoppel im Sonnenlicht glänzten. Sein Zuhause.

Dann warf er dem Rohrdachhaus noch einen kurzen Blick zu und folgte Fanny. Er würde Zederbeck ein neues Angebot machen – am besten heute noch, dachte er, als sein Handy klingelte. Ole nahm es aus der Jackentasche und blickte auf das Display. Es war Steffen Schmied, sein alter Schulkamerad und seit ein paar Jahren auch sein Anwalt.

»Steffen, so früh? Was ist los? Hat man mich verklagt?«

Steffen lachte auf. »Wieso? Hast du was verbrochen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Warum fragst du dann?«

»Weil du noch nie angerufen hast, um mir lediglich einen guten Morgen zu wünschen.«

»Das ist auch nicht der Grund, warum ich dich heute anrufe.«

Ole schmunzelte. »Und warum rufst du dann an?«

»Zederbeck ist gestorben.«

Ole blieb stehen. »Wann?«

»Vor ein paar Tagen.«

Für einen kurzen, schmerzhaften Moment spürte Ole tiefe Trauer. Er hatte den alten Maler wirklich gemocht, auch wenn er noch so halsstarrig gewesen war. Er drehte sich zurück zum Haus und betrachtete es.

»Was wird aus dem Haus?«, fragte er und kam sich plötzlich schäbig vor.

»Deswegen rufe ich dich an, Ole. Soweit ich erfahren konnte, hat er es seiner Großnichte vermacht. Einer gewissen Emma Mönchhausen – aus Berlin.«

Berlin, am Nachmittag desselben Tages

»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Kellnerin und blieb an meinem Tisch stehen. Ich schnäuzte in mein Taschentuch, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und blickte auf. Sie war über vierzig, hatte lilafarbene Haare, einen gewaltigen Ring im rechten Nasenflügel und große, dunkelblaue Augen, voller Mitleid. O Gott! Nicht auch das noch! Ich holte Luft und lächelte tapfer.

»Nein, aber danke, dass Sie gefragt haben. Kann ich bitte noch einen Tee haben?«

»Na klar. Bin gleich wieder zurück.«

»Danke!«, sagte ich und schon flossen die Tränen wieder.

Ich war eine Närrin gewesen. Wie hatte ich nur so leichtgläubig sein können? Warum hatte ich seine Falschheit nicht bemerkt? War ich vor Liebe so blind gewesen? Spätestens als Hendrik sich so begeistert für mein Projekt interessiert hatte, da hätte ich doch …

Hätte, hätte, hätte, grummelte ich in Gedanken. Nun war es zu spät für Reue und Vorwürfe. Der Job war dahin – und der Mann auch. Ich hatte so viele Tage und Nächte an dem Projekt gearbeitet, mit dem ich endlich den Job meines Lebens bekommen hätte, in einer der größten Werbeagenturen Deutschlands. Hendrik hatte eiskalt meine Ideen geklaut, sich als der Kopf hinter meinen Entwürfen präsentiert und mir so den Job vor der Nase weggeschnappt. Ich hatte drei Monate lang auf ein Ziel hingearbeitet, und nun war alles futsch.

Eine Hand erschien in meinem tränenverschleierten Blickfeld, stellte eine zweite Tasse Tee vor mir ab und platzierte daneben ein Glas mit einer dunkel goldfarbenen Flüssigkeit. Ich schluchzte und schaute fragend auf.

»Männer sind zum Abgewöhnen!«, sagte die Kellnerin, lächelte mich aufmunternd an und schob mir das Glas etwas näher. »Geht auf’s Haus.«

»Ich trinke eigentlich keinen Alkohol.«

»Nimm es als Herausforderung!« Sie zwinkerte mir zu und verschwand.

Ich beäugte das Glas einen Augenblick lang, schlang meine Finger darum und holte tief Luft. Dann hob ich es an und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. Noch mehr Tränen schossen mir in die Augen, meine Kehle zog sich zusammen, und ich japste erschrocken nach Luft. Doch schon ein paar Atemzüge später wurde der Alkohol zu einem kleinen, warmen Fleck in meinem Magen, und das fühlte sich recht tröstlich an. Ich stellte das Glas zurück auf den Tisch, griff nach meiner Tasche und suchte nach einem frischen Tempo, als ein Brief herausfiel und zu Boden segelte.

Den hatte ich ja ganz vergessen.

Ich nahm ein neues Taschentuch, wischte mir das Gesicht ab und putzte mir die Nase. Dann hob ich den Brief auf, den ich vor Tagen in meinem Briefkasten gefunden und, ohne einen Blick darauf zu werfen, in meine Tasche gesteckt hatte.

Behrend und Holler

Notariat und Anwaltskanzlei

Rostock.

Anwälte? Ich nahm den Teelöffel, riss den Umschlag auf und faltete das Schreiben auseinander.

Betreff: Nachlass – Alfons Albert Heinrich Zederbeck, geboren 25. Juli 1923 – gestorben 17. März 2013.

»O mein Gott! Onkel Alfons!« Ich schlug die Hand vor den Mund und schluchzte schon wieder, riss aber beim nächsten Satz die Augen auf. Erbe? Nachlass? Ich hatte was geerbt? Was? Das stand da nicht. Gemälde? Die waren ein kleines Vermögen wert. Sogar hier in den Berliner Museen hingen ein paar seiner Werke. Ich putzte mir noch einmal gründlich die Nase, schickte in Gedanken einen letzten Gruß an meinen Großonkel, atmete durch, nahm mein Telefon und wählte die Nummer der Anwaltskanzlei.

Am späten Abend hatte ich alles, was Hendrik gehörte, in Kartons gepackt und vor die Tür gestellt. Die Bilder vom letzten gemeinsamen Urlaub, seine Action-Filme und die Ego-Shooter, Kosmetikartikel, Hemden, Socken und seine Zahnbürste, mit der ich vorher noch ausgiebig das Bad geputzt hatte. Ich stand am Fenster, in der Hand eine Tasse Tee, und blickte hinaus auf das nächtliche Treiben. Friedrichshain ging nie wirklich schlafen. Es war ein Pulk an Geräuschen, der niemals abebbte. Wenn es nicht die Studenten waren, die unter mir wohnten, waren es die Autos auf den Straßen, die nimmermüden Leute, die die Nacht zum Tage machten, oder die Straßenbahnen, die morgens um vier wieder ihren Dienst antraten. Plötzlich überkam mich eine Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, nach Wellen und Sand, und ich glaubte fast, ich könnte Salz in der Luft riechen. Ich öffnete das Fenster, beugte mich hinaus und holte tief Luft. Leichter Smog und ein Hauch von fauligem Gemüse. Ich war in Berlin geboren und aufgewachsen, war hier zur Schule gegangen und hatte hier die Uni besucht. Ich kannte kaum etwas anderes. Einem Impuls folgend drehte ich mich um und blickte zum wiederholten Male auf das Foto. Es war ein altes Foto. Ich war neun Jahre alt, und meine Eltern waren noch am Leben, genauso wie Großonkel Alfons. Im Hintergrund des Bildes war ein Teil des Rohrdachhauses zu sehen, in dem er fast sein ganzes Leben lang gewohnt hatte. Ich konnte mich noch vage an das Haus erinnern. Vor dem Eingang stand eine Rotbuche, an der er extra für mich eine Schaukel angebracht hatte. Ein Haus. Ein Haus an der Ostsee. Wälder, Felder und Wiesen und in der Nacht nichts als das leise Rauschen des Meeres, dessen Wellen nicht weit vom Haus entfernt auf den Strand trafen.

Nimm es als Herausforderung!, hatte die Kellnerin gesagt. Das Haus gehörte nun mir – wenn ich es wollte. Ich machte das Fenster zu und ging ins Bett, starrte vom Kopfkissen aus die Zimmerdecke an und versuchte mich zu erinnern, wie es sich dort oben angefühlt hatte. Fünf Minuten später schlief ich so fest, als hätte ich Schäfchen gezählt.

2 – Freilaufende Hühner

Draubenwinkel

Die Frau von der Kanzlei hatte die Haustürschlüssel in eine verrostete Blumenampel gelegt, deren kümmerliche, verfrorene Pflanzenreste nicht mehr erahnen ließen, um was es sich da einst gehandelt hatte.

»Und denken Sie daran«, hatte sie noch gesagt. »Das Haus ist seit Jahren unbewohnt. Machen Sie sich auf etwas gefasst.«

Ein Lachen vibrierte in meiner Kehle. Zynismus, dachte ich.

Ich stand vor meinem Haus – an dem die meisten Fensterläden schief in den Angeln hingen und deren Farbe, die wohl mal blau gewesen war, in großen Stücken abblätterte. Das Schilfrohr auf dem Dach sah für mich alles andere als frisch aus, und der Bretterzaun, der das kleine Grundstück einfasste, lag zumeist auf der Seite, hatte bereits Moos angesetzt und war von alten Brombeer- und Wildrosenranken überwuchert. Ich war eine hoffnungslose Romantikerin, und normalerweise hätte ich es als malerisch und verwunschen angesehen. Doch es gab einen Unterschied, ob man es als Unbeteiligte auf einem Spaziergang im hellen Sonnenschein betrachtete oder ob man gedachte darin zu wohnen, während einem der Regen in den Kragen lief.

Meine Finger spielten mit den Schlüsseln. Ich war kurz davor, wieder in meinen Beetle zu steigen und zurück nach Berlin zu fahren, doch ich hatte meine Wohnung bereits für zwei Monate an eine junge Austauschstudentin untervermietet. Sicherlich würde ich erst mal bei einer Freundin unterkommen, doch konnte ich dann auch ihre neunmalklugen Sprüche und Blicke ertragen?

»Das hältst du keine zwei Tage aus, Emma. Niemals!«, hatte meine älteste Freundin Susann gesagt, während ich meine Koffer packte. »Kein Café um die Ecke, keine Konzertsäle und keine Museen.«

Ich konnte sie schon jetzt hören. Hab ich es dir nicht gesagt? Du bist für so was nicht geschaffen.

Hm …

Die Rotbuche stand noch immer. Die Äste waren kahl und borkig, doch ich wusste, im Sommer würde ihr reiches Blattwerk Schatten spenden. Die Schaukel war natürlich längst verschwunden, doch in Gedanken sah ich mich als kleines Mädchen noch immer dort sitzen und meine Nase in den Seewind halten.

Nur Mut!, sagte ich mir und ging auf die Tür zu. Den richtigen Schlüssel zu finden und in das Schloss zu stecken, ging leichter als gedacht, aber beim Herumdrehen brach ich mir fast die Finger. Die Tür quietschte und ächzte, als ich sie aufschob, und mein Blick fiel auf einen schmalen, düsteren Flur, von dem vier weitere Türen abgingen und eine schmale Holztreppe ins Dachgeschoss hinaufführte.

Rechts befand sich die Küche, mit alten, ehemals weiß lackierten Holzmöbeln, die so mancher als Liebhaberstücke bezeichnen würde, einem Gasherd und einem überraschend sauberen Kühlschrank. Hinter der ersten Tür links befand sich das Bad. Sehr knapp bemessen, mit einer Badewanne statt einer Dusche, aber es hatte immerhin ein Fenster. Diesen Luxus hatte ich selbst in Berlin nicht gehabt. Die zweite Tür führte in ein kleines Zimmer, welches bis auf einen Dielenschrank und ein schmales Sofa leer war. Durch die Tür geradeaus gelangte man schließlich ins Wohnzimmer. In der rechten Ecke stand ein großer, blauer Kachelofen. Die Möbel waren mit Laken abgedeckt. Der Fußboden bestand aus dunklen, rissigen Dielen, welche bei jedem Schritt Töne von sich gaben, die gut in einen drittklassigen Horrorfilm gepasst hätten.

Das Obergeschoss war gleichzeitig der Dachboden. Die mittlerweile vergilbten, einst weißgetünchten Schrägen waren von dunklen Holzbalken durchzogen, und der First befand sich etwa drei Meter über dem Dielenfußboden. Acht Querbalken erstreckten sich in greifbarer Höhe von einer Seite des Raumes zur anderen. Auf ihnen standen alte Laternen, ein antiker Geigenkasten und mehrere Tonkrüge, und sie waren behängt mit Skizzen, die mit Reißzwecken am Holz befestigt waren. Nach hinten raus hatte dieser Raum drei und nach vorn zwei große, halbrunde Dachgauben, deren Fenster genügend Licht einließen. Hier hatte mein Großonkel sein Atelier eingerichtet. Vier Staffeleien standen verteilt im Raum, darüber hinaus ein Schaukelstuhl, drei Holzhocker, ein riesiger Schreibtisch mit acht Schubladen, die bis oben hin voll waren, ein antikes Sofa mit diesen wunderbaren breiten Armlehnen, zwei alte Holztruhen und ein Kamin. Ich wanderte durch den Raum, strich mit den Fingern über das Sammelsurium aus vertrockneten Farbpaletten, Pinseln, Wassergläsern und anderen Dingen, die einem Maler wie meinem Großonkel entweder als Werkzeug oder als Inspiration gedient hatten. Ich schaute aus dem Fenster, atmete die noch immer von Öl, Terpentin und Pfeifentabak geschwängerte Luft ein und hatte beinahe das Gefühl, mein Großonkel wäre nach wie vor hier – würde jeden Moment die Treppe heraufkommen und sich an eine Staffelei setzen. Ich selbst hatte vor vielen Jahren aufgehört zu malen, obwohl ich es sehr geliebt hatte. Warum hatte ich es eigentlich aufgegeben? Vielleicht waren es einfach nur fehlende Zeit und der schnelllebige Rhythmus meines Lebens gewesen? Ich drehte mich um und schaute hoch ins Dachgebälk. Auf einem der quer liegenden Holzbalken hatte jemand ein Herz eingeritzt, und daneben stand etwas. Ich trat näher und kniff die Augen zusammen.

A. Z. und R. V. – 1976

Mir ging das Herz auf. Ich hatte diesen Raum und seinen Zauber auf Anhieb gemocht, doch nun liebte ich ihn. Auch wenn der Staub zentimeterdick auf allem lag und Heerscharen von Spinnen die Balken mit beeindruckenden Netzen verwoben hatten … ich war gefangen wie von einem prächtigen Gemälde.

Mit einem Lächeln ging ich wieder ins Erdgeschoss, öffnete die Tür, wanderte einmal durch den verwilderten Garten und holte dann meine Koffer. Ich würde bleiben. Zumindest für ein paar Tage. Mehr als zwei auf jeden Fall …

Die Holzscheite in dem Verschlag an der Rückseite des Hauses waren zum Glück trocken, so dass ich die Öfen in jedem Zimmer anfeuern konnte. Es war etwas mühselig, da ich nichts als ein paar alte Zeitungen als Anzündmaterial hatte, doch nach einer Weile bullerte auch der große Kachelofen im Wohnzimmer und verbreitete eine angenehme Wärme. Hinter der Eingangstür fand ich, wie von der Frau in der Kanzlei vorhergesagt, die Hauptverteilung, so dass ich Strom und – dank des Durchlauferhitzers – auch Heißwasser hatte. Die Laken hatte ich vorsichtig von den Möbeln genommen und sie in einen Plastiksack gesteckt. Am Abend hatte ich schließlich meine eigene Kuscheldecke, ohne die ich nie in Urlaub fuhr, über die Couch gebreitet, ein paar herumstehende Kerzen angezündet, und da der Fernseher nicht funktionierte, hatte ich mir eine der alten Vinylplatten, die ich in einem Schrank gefunden hatte, auf den Plattenspieler gelegt. Während nun Carmen ihre Habanera schmetterte und die Liebe mit einem wilden Vogel verglich, saß ich im Schlafanzug auf der Couch, packte die Bücher aus, die ich mitgebracht hatte, und stellte sie auf eines der leeren Regale. Nebenbei aß ich meine Käsebrote und die Radieschen, die ich mir am Morgen eingepackt hatte, und trank lauwarmen Tee, da die Propangasflasche in der Küche leer war und ich das Wasser aus der Leitung nehmen musste. Am Morgen würde ich einkaufen gehen. Das Dorf Draubenwinkel lag einen gemütlichen Spaziergang entfernt, und obwohl es dort sicherlich kein Museum und keinen Konzertsaal gab, hoffte ich doch zumindest auf einen Bäcker und eine Einkaufsmöglichkeit. Wie ich an eine neue Gasflasche kommen sollte, war mir momentan noch ein Rätsel, aber darüber würde ich morgen nachdenken.

Ich stand auf und reckte mich, nahm den Tonarm von der Schallplatte, wickelte mich in meinen Frotteemantel und wanderte in den Flur, öffnete die Haustür und trat hinaus. Vor einiger Zeit hatte es aufgehört zu regnen, und mittlerweile war es Nacht geworden. Die Luft roch sauber. Kein Smog, kein fauliges Gemüse, stattdessen ein leichter Duft von frischem Heu, der sicherlich von dem Pferdehof herüber wehte, der ein kleines Stück entfernt lag und – ich lächelte – ein feiner, salziger Hauch. Der Atem der Ostsee.

Plötzlich sah ich zwei leuchtende Augen am Gartentor und einen großen, dunklen Schatten. Erschrocken machte ich, dass ich wieder reinkam, und schlug die Tür hinter mir zu. Leises Winseln erklang. Wölfe? Ich schüttelte den Kopf, wartete, dass sich mein Herzschlag etwas verlangsamte, ging in die dunkle Küche und schaute aus dem Fenster. Da saß ein Tier in meinem Garten, und wenn es kein Wolf war, dann war es ein sehr großer Hund – was auch nicht viel besser war. Auf einmal fing das Wesen an zu heulen. Ich bekam eine Gänsehaut, hielt mir die Ohren zu und ging ins Wohnzimmer, setzte den Plattenspieler wieder in Gang und drehte die Lautstärke auf, bis das Heulen nicht mehr zu hören war.

Am Morgen weckten mich Hunger und Kälte. Ich machte ein Auge auf, und mein Blick fiel auf eine Spinne, die sich soeben von der Decke abseilte und bereits auf halbem Weg in mein Gesicht war. Spinnennetze gut und schön, aber wenn ihre Erbauer zu sehen waren, hörte der Spaß auf. Ich schlich mich von der Couch, nahm meine Schuhe und zermalmte das achtfüßige Ungeheuer zwischen den Sohlen.

»Nehmt das als Warnung!«, sagte ich laut, wischte die Spinnenleiche mit einem Stück Zeitung ab und warf sie in den Ofen.

Zu den Fenstern schien die Morgensonne herein und machte den Raum so hell, dass mir jetzt wirklich klar wurde, auf was ich mich da eingelassen hatte. Mit Bohnern und Staubwischen war es nicht getan, zumindest nicht, wenn ich das Haus behalten wollte. Hier musste dringend renoviert werden. Ich stutzte. Wollte ich es denn behalten?

Grübelnd zog ich mir die Schuhe an, durchquerte das Wohnzimmer und wirbelte mit jedem Schritt kleine Staubwolken vom Boden auf, die im Sonnenlicht zu tanzen begannen.

Nachdem ich mich angezogen und frisch gemacht hatte, nahm ich die Autoschlüssel und öffnete die Haustür gerade so weit, dass ich einen Blick hinauswerfen konnte. Der Hund war nicht zu sehen. Gott sei Dank!

Ich trat hinaus, schloss die Tür sorgfältig hinter mir ab und ging zu meinem Wagen.

Es war nicht so, dass ich Hunde nicht mochte. Im Gegenteil. Ich liebte sie. Ich liebte alle Tiere, deswegen ernährte ich mich auch vegetarisch, aber ich war nun mal kein Tiermensch. Als Kind hatten meine Eltern mir einen Hamster geschenkt, dem ich aus Versehen das Genick brach, als ich ihn in eine Schublade steckte und sie schloss. Dabei wollte ich ihn nur sicher verstauen, um seinen Käfig sauber zu machen. Von da an gab es keine Haustiere mehr, auch wenn ich jedes Weihnachten heimlich auf einen Hund gehofft hatte. Als mir dann Jahre später der bösartige Terrier einer Nachbarin in die Wade biss, hatte sich das Thema Haustier für mich endgültig erledigt, und ich begegnete jedem Vierbeiner mit Vorsicht und Skepsis.

Das Dorf Draubenwinkel war tatsächlich verwinkelt. Enge, gepflasterte Gassen führten um Gehöfte herum und schlängelten sich einen Bergrücken hinab. Trotz der zahlreichen Satellitenschüsseln und der Plakate an Laternenmasten und Zäunen wirkte es etwas verschlafen. In den Vorgärten hingen bunte Ostereier an Büschen und Sträuchern. Auf dem von einer niedrigen Steinmauer umgebenen kleinen Friedhof, der sich wie ein Weihnachtsbaumteppich um eine Feldsteinkirche schlang, war ein älterer Mann mit einer Gießkanne unterwegs, und zwei Frauen hielten ein Schwätzchen vor dem Laden eines Schlachters. Ich bog in eine der engen Gassen ein, schaute mich nach einem Bäcker um und sah es zu spät.

Vor Schreck trat ich mit aller Kraft in die Bremsen und riss das Lenkrad herum, die Reifen drehten durch. Der Beetle ging aus. O Gott! Ich hatte ein Huhn überfahren!

Mit Herzklopfen stieg ich aus dem Wagen und ging nach vorn. Das Huhn lebte noch, aber es krähte furchtbar, und nun fing es auch noch an, wild zu flattern und hysterisch auf seinen dünnen Beinchen umher zu stolpern. An der Seite und am Hals leuchtete etwas Blut durch das schneeweiße Gefieder. Hilflos sah ich mich um, doch weit und breit war niemand zu sehen. Was zum Teufel sollte ich nun machen? Ich konnte es doch unmöglich einfach zurücklassen? Ich biss mir auf die Unterlippe, fing das Huhn ein und wollte gerade zum nächstliegenden Gehöft laufen, als ein glänzend schwarzer Geländewagen um die Ecke bog und abrupt zum Stehen kam. Ich lief auf den Wagen zu, als ein Mann ausstieg. Er war um die dreißig, hochgewachsen und breitschultrig, trug eine Mütze und einen längeren Parka. Hinter ihm sprang ein großer Hund von den Vordersitzen auf die Straße und kam schwanzwedelnd auf mich zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen.

»Wehe, du frisst das Huhn!«, sagte ich und barg das sich heftig wehrende Geflügel an meinem Herzen.

»Die tut nichts«, rief der Mann, pfiff seinen Hund zurück, kam näher und betrachtete mich neugierig. »Was haben Sie da?«

»Ein Huhn! Ich habe es angefahren. Sagen Sie, gibt es hier einen Tierarzt?«

»Zeigen Sie mal her!«, erwiderte er mit einem leichten Schmunzeln und nahm mir das Huhn ab, wendete es einen Moment nach allen Seiten, sagte, da könne man nichts mehr machen, und drehte dem armen Tier mit einer erschreckend fingerfertigen Handbewegung in null Komma nichts den Hals um.

Schlaff hing es in seinen Händen.

Von dem grässlich endgültigen Geräusch hatten sich mir die Härchen am ganzen Leib aufgerichtet. Nun spürte ich, wie mir alles Blut in den Kopf stieg.

»Wie können Sie – was haben Sie gemacht?«, hauchte ich vor Entsetzen und starrte das tote Tier an.

»Schon gut!«, sagte er. »Ich kenne den Besitzer. Wenn Sie möchten –«

»Sie haben es umgebracht!«, rief ich.

Er hielt das Tier etwas auf Abstand, um sich nicht mit dessen Blut zu besudeln, und blickte von mir zu dem Huhn und wieder zurück.

»Na ja, so würde ich es nicht nennen«, meinte er und hatte tatsächlich noch die Frechheit, mich anzulächeln. »Bei den Verletzungen konnte man nicht mehr viel machen. Tut mir leid, dass Sie das schockiert.«

»Ach, sind Sie ein Tierarzt?«

»Nein, aber –«

»Sie haben das also einfach entschieden, Ja? Warum geben Sie es nicht gleich ihrem Hund da zu fressen? Warum trägt der eigentlich keinen Maulkorb?«

Er drehte sich überrascht zu seinem Hund um. »Den braucht sie nicht. Fanny tut keinem was.«

»Und da sind Sie sich genauso sicher wie bei der Diagnose des verletzten Huhns.«

»Ich –«

»Nein, ist schon gut!«, rief ich. »Sagen Sie nichts! Ich verstehe schon. War ja nur ein dummes Huhn!« Ich drehte mich um und ging zu meinem Wagen.

»Sie kommen aus Berlin?«, fragte er in meinem Rücken und klang, als hätte ihn mein Autokennzeichen aus irgendeinem Grund aus dem Konzept gebracht.

Ich wandte mich zu ihm um. »Ja, und wenn Sie jetzt noch einen Witz über Großstädter und abgepacktes Fleisch von sich geben wollen, dann –«

»Nein! Entschuldigen Sie!«, erklärte er lachend. »Ich wollte nicht andeuten, dass Sie – dass Sie …« Er holte Luft. »Sagen Sie, sind Sie – Emma Mönchhausen?«

3 – Welch ein Wunder

Ole stand mit dem toten Huhn in den Händen da und schaute zu, wie die Frau in ihrem leuchtendgrünen VW-Beetle davonfuhr. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er wusste es zwar nicht genau, aber er hatte das unbestimmte Gefühl, dass es mit den künftigen Verkaufsverhandlungen nicht zum Besten stehen würde.

»Emma Mönchhausen«, murmelte er. »Na fabelhaft!«

So unsäglich, wie die erste Begegnung mit ihr auch immer danebengegangen war, das alles entbehrte nicht unbedingt einer gewissen Komik, und gleichzeitig spürte er, dass er von ihr beeindruckt war. Er hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Ihre Bestürzung und ihre Wut hatten die kleine Frau größer gemacht, als sie war. Sie reichte ihm ja kaum bis an die Schultern, doch die funkelnden, braunen Augen hatten etwas so Vernichtendes an sich, dass er sich für einen winzigen Moment wie ein Schuljunge vorgekommen war. Ole schüttelte

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