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Das Haus des Bücherdiebs

Inhaltsübersicht

Das Haus des Bücherdiebs

Das Buch der Geheimnisse

Der Bücherfresser

Der König der Buchhändler

Die Verbrechen des Don Vincente

Die Büchermorde von Leipzig

Von Jägern und Sammlern

Schutzgeister der Literatur

Baron Corvo

Die Kunst des Schnorrens

Sankt Harriet – Die gute Fee des Ulysses

Bücherapotheken

Henrietta Bowdlers Gespür für Anstand

Die Hölle der Bibliomanen

Aus allen Nähten

Die unsichtbare Sammlung

Der Letzte der Atlanten

Abrahams Zahnstocher

Der magische Schlüssel

Sonderbare Bücherperlen

Virginia Woolf und die Hogarth Press

Blakes Visionen

Von Buch zu Buch

Die Odyssee der Manuskripte

Die Galerie der Bücherdiebe

Das Haus der Bücherliebe

Literaturverzeichnis

Dank

Der Autor

Register

Das Haus des Bücherdiebs

Dein Leben ist wie ein Haus ohne Türen und Fenster.

 

António Macedo

Über Bücherdiebe hört man die merkwürdigsten Geschichten. Vor einigen Jahren stieß ich zufällig auf eine Zeitungsmeldung, die von einem besonders unheilvollen Zwischenfall berichtete. Ein Mann hatte in seinem Haus jahrelang Tausende Bücher gehortet, die er zuvor in verschiedenen Bibliotheken gestohlen hatte. Er füllte die Zimmer samt Küche, Bad und Toilette mit immer neuen Bänden, die sich bald zu gewaltigen Bücherbergen auftürmten – bis eines Tages der Fußboden unter der Last nachgab und eine schier endlose Papierlawine in das untere Stockwerk stürzte.

Es gibt sicher besser dokumentierte Fälle und bekanntere Figuren aus Geschichte und Literatur, die man als Beispiele anführen könnte, doch dieser unglückselige Bibliomane, der seine Sammlung so lange vergrößerte, bis sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrach, schien mir die Tragik und Absurdität des Bücherwahns auf eindrucksvolle Weise zu verdeutlichen. Wenn ich mir das Haus des Bücherdiebs vorstelle, frage ich mich stets, welche Motive dieser Mann gehabt haben könnte. Vielleicht suchte er Antwort auf die grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Existenz Gottes, nach der Wahrheit über Liebe und Tod. Vielleicht genügten ihm die unzähligen Theorien nicht, die er in den Büchern fand. Existierte vielleicht irgendwo im unendlichen Meer des Geschriebenen ein vergessener Satz, der alles erklären könnte, eine geheime Botschaft, die zu absoluter Gewissheit führte? Es gab nur eine Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen: Er musste immer weitere Scharteken anschleppen, aufstapeln und lesen, Notizen machen, Lesezeichen setzen und tage- und nächtelang über dem Gelesenen brüten. Und dann, als ihm gerade der befreiende Gedanke kam, als er die wundervolle und doch so unglaublich einfache Lösung für all die Rätsel fand, gab der Boden unter ihm nach und begrub sein Wissen mit einem gewaltigen Donnerschlag.

Ob es sich wirklich so zugetragen hat und ob man die unergründliche Sehnsucht und unstillbare Gier eines solchen Exzentrikers je verstehen wird, steht in den Sternen, doch führt dieser Gedankengang zu einer anderen, weit interessanteren Frage: Wie weit würde ich, würden Sie, lieber Leser, im Namen dieser rätselhaften Passion gehen und wie weit sind andere gegangen? Könnten wir auf Büchern essen und schlafen wie der berühmte Antonio Magliabechi? Würden wir sechs Häuser mit ihnen füllen wie der berüchtigte Antoine-Henri Boulard? Könnten wir ein Leben lang nach einem bestimmten Werk fahnden wie der arabische Gelehrte al-Bīrūnī? Wären wir vielleicht sogar dazu bereit, die schrecklichsten Verbrechen zu begehen, um den nagenden Schmerz zu lindern, der uns angesichts der hoffnungslosen Unvollständigkeit unserer exquisiten Sammlung befällt?

Vielleicht sind es nur kleine Schritte, die von der schlichten Freude am gedruckten Wort zu Liebe, Leidenschaft, Besessenheit und schließlich in den Wahnsinn führen. Vielleicht gibt es keinen Weg zurück, wenn man den ersten Schritt erst einmal getan hat. Vielleicht führen schon kleine Sünden in den Abgrund und eine zufällige Begegnung genügt, um einen ehrenwerten Bücherfreund in einen skrupellosen Bücherdieb zu verwandeln.

So konnte selbst ein frommer (wenn auch keineswegs heiliger) Mann wie Giovanni Battista Pamphili, der spätere Papst Innozenz X., der Gunst des Augenblicks nicht widerstehen. Als er die Bibliothek von Montier besichtigte, fiel sein Blick auf eine seltene Perle der Buchkunst, die er in einem unbeobachteten Moment flink in seine Tasche steckte. Kardinal Barberini, der die Besichtigung leitete, hatte sich für die Rechtschaffenheit seiner Gäste verbürgt und dem misstrauischen Bibliothekar angeboten, bei allen Besuchern eine gründliche Leibesvisitation vorzunehmen. Pamphili verweigerte sie als Einziger. Es kam zum Streit, bald flogen die Fäuste, und mitten im Handgemenge der Kirchenmänner fiel die bibliophile Kostbarkeit aus der Tasche des künftigen Oberhirten. Seit diesem Tag hegte der tief beschämte Pamphili einen heimlichen Groll gegen Barberini. Er tat alles, um ihm zu schaden, und als er den Heiligen Stuhl erklommen hatte, bestand eine seiner ersten Amtshandlungen darin, die Familie des Kardinals aus Rom zu verbannen.

Die Bibliophilie kennt die verschiedensten Formen und Spielarten. Oft dient sie edelmütigen Zwecken, zuweilen führt sie aber auch auf Abwege. Ihr Ursprung kann ebenso in kenntnisreicher Bewunderung wie in schlichter Habgier liegen, sie kann sich zur Liebhaberei entwickeln, aber auch zur zwanghaften Manie. Sie kann sich gleichermaßen als gefährlich und hilfreich erweisen. So sind sich die wenigsten Bücherdiebe bewusst, dass sie Gesetze brechen und gegen Regeln verstoßen. Viele halten ihr Tun für nützlich und notwendig, was es in einigen Fällen auch war. Denn ohne den maßlosen Hunger nach Büchern wären viele, darunter sogar einige der wichtigsten Werke der Antike, das Wissen und die Poesie der Alten Welt, längst verloren, und es ist nicht zuletzt einem namhaften Bibliomanen und seinen Streifzügen durch heruntergekommene Klosterbibliotheken zu verdanken, dass wir heute noch Ovid, Martial und Tacitus lesen können.

Es geht also nicht immer nur um den wertvollen Besitz und um das Zusammenraffen unvorstellbar kostbarer Schätze, sondern oft genug um das eifrige, durchaus uneigennützige Sammeln, Behüten und Retten von Ideen, Gedanken und Träumen. Selbst einer der verrücktesten und kaltblütigsten Bücherdiebe kam am Ende seines tragischen Lebens zu dem sinnreichen Schluss: »Jeder Mensch muss früher oder später sterben, aber gute Bücher müssen bewahrt werden!« Diese Einsicht könnte das Motto all der Geschichten sein, die ich in diesem Buch erzählen möchte: »Gute Bücher müssen bewahrt werden!« – dieser Satz ist das edle Credo der Bibliophilie, aber auch das geheime Losungswort ihrer fanatischen Schwester, der Bibliomanie.

Das Bewahren ehrwürdiger Texte ist jedoch keineswegs der einzige und stärkste Trieb des wahren Bücherfreunds – sonst gäbe es heutzutage, wo jeder ganze Bibliotheken auf bleistiftstummelgroßen Datenspeichern in der Westentasche unterbringen kann, wohl keine dieser merkwürdigen Gesellen mehr. Oft ist es einfach das Glück, einen seltenen Band nach langer Suche und endlosen Wanderungen durch staubige Leseräume und zwielichtige Antiquariate endlich in Händen zu halten, den Geruch der Druckerschwärze und des alten Papiers einzuatmen, mit den Fingerspitzen über raues Pergament und feines Leinen zu streichen, das zu immer neuen bibliophilen Abenteuern treibt. Der besondere Reiz der Seltenheit kann aber durchaus auch vom Inhalt eines Buches ausgehen. »Seltene Bücher« werden im Chinesischen shanben genannt. Doch bedeutete der Begriff »selten« hier nicht ungewöhnlich wertvolle, prächtig ausgestattete Drucke, sondern Bücher von seltener inhaltlicher Qualität und erlesene Werke, die sich durch besonderen Feinsinn und Genauigkeit von durchschnittlichen Produktionen abheben.

Welche Autoren und Werke den eingangs erwähnten Bücherdieb besonders reizten und ob er trotz seiner unbändigen Sammelwut die chinesische Vorstellung von »Seltenheit« teilte, ist nicht bekannt, doch wenn ich ein Haus hätte, um es mit meinen liebsten Büchern zu füllen, könnte ich meine Auswahl nie auf einen kleinen Themenkreis begrenzen. Meine Vorliebe gilt aber auch nicht den teuren Erstausgaben berühmter Autoren, den kostbaren Handschriften des Mittelalters oder den seltenen Drucken der Neuzeit. Mich interessiert das Vergessene, Erfolglose, Ungeliebte, das vom Kanon Ignorierte und vom Zeitgeschmack Beiseitegeschobene. Wie der römische Rhetoriker Seneca sammle ich insbesondere jene Werke, die von anderen missachtet werden und deswegen umso kostbarer sind. Jene Bücher, die zuweilen in Ramschkartons vergilben und auf Dachböden verstauben. Ihnen würde ich ein neues Heim, einen angemessenen Platz in den Regalen eines schönen alten Hauses geben, wo sie geduldig auf neugierige Leser warten könnten. Nicht aus Besessenheit, sondern aus Liebe, Fürsorge und Respekt, denn Bücher sind, nach den schwärmerischen Worten des englischen Dichters Richard le Gallienne, Liebesbriefe zwischen Menschen, die sich nie begegnen, Zaubermuscheln, die mit den Geheimnissen des ozeanischen Lebens gefüllt sind, Obstgärten des Wissens und Honigwaben der Träume.

Das Buch der Geheimnisse

Bücher sind Schiffe, die uns sicher über den weiten Ozean in das Herz der Heiligen Städte tragen.

 

Ralph Waldo Emerson

Wer Bücher liebt, kennt vermutlich die fiebrige Sehnsucht nach diesem einen, ganz besonderen Buch, das irgendwo als geheimnisvoller Titel in Bibliographien und Fußnoten auftaucht und sofort die fast schmerzhafte Begierde weckt, es in Händen zu halten. Für den passionierten Bücherfreund gibt es nichts Verführerischeres als diese unbekannten, rätselhaften und unzugänglichen Werke. Sie aufzuspüren kann zur Lebensaufgabe werden und die Jagd nach ihnen zur Odyssee. Es gibt Bücher, die allein durch ihren Namen eine hypnotische Anziehungskraft ausüben. Manche scheinen umso begehrenswerter, je weniger über ihren Inhalt und ihren Verbleib bekannt ist. Ihren Ruf erlangen sie nicht durch häufige Lektüre, sondern durch all die phantastischen Gerüchte und Geschichten, die sich um ihre Existenz ranken.

Das längst vergessene Werk des persischen Universalgenies Abu ’r-Raihān Muhammad ibn Ahmed al-Bīrūnī enthält einige solcher Attraktionen. Geradezu unwiderstehlich klingt das »Buch der Unterweisung in die Anfänge der Kunst der Sterndeutung«; zumal sein Verfasser ein gefragter Meister in jener bedeutenden Kunst war. So erzählt man, dass Sultan Mahmud eines Tages die Fähigkeiten seines vielgepriesenen Hofastrologen auf die Probe stellte. Er brachte ihn in einen Raum mit vier Türen und forderte ihn auf, vorherzusagen, durch welche Tür sein Gebieter das Zimmer verlassen werde. Al-Bīrūnī erstellte mittels komplizierter Berechnungen ein Horoskop, notierte seine Erkenntnis auf einen Zettel, der zusammengefaltet und sicher unter dem Kissen eines Diwans verwahrt wurde. Der Sultan, der sich für scharfsinnig hielt, weil er zwei, drei Koranverse auswendig konnte, ließ daraufhin eine fünfte Tür durch die Wand des Zimmers brechen und entschwand durch diesen neuen Ausgang. Als man den Zettel al-Bīrūnīs las, stellte sich heraus, dass er genau dies prophezeit hatte. Wütend über das Ergebnis, befahl der Sultan seinen Wachen, den Gelehrten aus dem Fenster zu werfen. Dieser wehrte sich nicht, da sein Blick in die Zukunft auch dies vorhergesehen hatte: Es würde ihm nichts geschehen, denn er sollte sanft und sicher in einem Netz landen, das unter dem Fenster gemäß seiner umsichtigen Anweisung aufgespannt worden war.

Ob die Geschichte der Wahrheit entspricht, ist umstritten, zumal der berühmte Wissenschaftler kein Hexenmeister war und ein eher zwiespältiges Verhältnis zu vorgeblich präzisen Aussagen der Astrologie hatte. Al-Bīrūnī wusste auch aus eigener Erfahrung, dass Horoskope nicht unbedingt zur Vermessung der Zukunft taugen, sondern eher mit ihren günstigen Vorzeichen seelische Erleichterung bei alltäglichen Sorgen brachten. Auch der klügste und gebildetste Mensch, meinte al-Bīrūnī, hoffe in seiner Not auf einen guten Ausgang, freue sich an prophetischen Träumen und freundlichen Omen.

Als er selbst einmal Zerstreuung suchte, da ihm die unerwiderte Liebe zur verführerischen Haremsdame Raihāna großen Kummer bereitete, beauftragte er einige graubärtige Astrologen mit der Erstellung eines Horoskops. Ausgehend von seinem Geburtsdatum, dem 4. September 973, und seinem Geburtsort, der Stadt Kath in der Nähe des Aralsees, berechneten sie seine Lebenserwartung. Einer kam auf sechzehn, einer auf vierzig und einer auf über sechzig Jahre, während al-Bīrūnī die fünfzig bereits überschritten hatte. Er wurde wesentlich älter, als die Astrologen ihm geweissagt hatten, und er wusste die ihm bemessene Zeit gut zu nutzen. Seine Forschungen umfassten Themen und Bereiche, mit denen sich moderne Wissenschaftler der Mathematik, Geometrie, Physik, Geographie, Astronomie, Philosophie, Biologie, Soziologie und Religionsgeschichte auch heute noch auseinandersetzen. Nebenbei verfasste er am Hof des Sultans Mahmud drei literarische Werke, von denen eines, das leider verlorenging, den vielversprechenden Titel »Der zärtliche Liebhaber und die Jungfrau« trug. Weit bedeutendere Leistungen vollbrachte er allerdings in den »Gärten der Wissenschaften«: Er prüfte, kommentierte und ergänzte das Wissen der alten Griechen, beschäftigte sich insbesondere mit den Lehren des Aristoteles, bewies die Kugelform der Erde, berechnete den Erdumfang, experimentierte mit physikalischen Phänomenen und grübelte über Ursprung und Herkunft des Menschen.

Es überrascht daher kaum, dass al-Bīrūnī auch ein eifriger Büchersammler und leidenschaftlicher Büchernarr war, und unter den skurrilen Angehörigen dieser merkwürdigen Spezies war er mit Sicherheit einer der beharrlichsten. Er verbrachte seine Zeit gern in staubigen Bibliotheken und dämmrigen Buchhandlungen, wo er jene Werke aufzuspüren versuchte, die er nur vom Hörensagen kannte und deren Titel ihm so verheißungsvoll schienen, dass er sie um jeden Preis finden und lesen wollte. Im dichten Gedränge des Bazars feilschte er um zerfledderte Schriftrollen zweifelhafter Herkunft, beäugte neugierig den mit seltsamen Hieroglyphen bedeckten Papyros, in den ein Dattelverkäufer achtlos seine Ware wickelte, und fragte den Teppichhändler nach der Karawane, die aus dem fernen Indien eintreffen sollte und hoffentlich ein längst bestelltes Exemplar des »Brāhma-Siddhānta« von Brahmagubta mitbringen würde, das ihm vielleicht bei seiner Beschäftigung mit dem Problem der Erdrotation weiterhelfen konnte. Was er jedoch vor allen anderen begehrte, war jenes legendäre »Buch der Geheimnisse« von Mani. Al-Bīrūnī fragte jeden durchreisenden Fremden, jeden Kaufmann und jeden Gelehrten, den er kannte oder zufällig traf, ob er davon gehört habe, ob es wirklich existiere und wo es zu finden sei. Doch niemand wusste Antwort, und nicht wenige hielten ihn für verrückt.

Seit er das Werk des Alchimisten ar-Razī studiert hatte, war er von den rätselhaften Schriften der Manichäer fasziniert. Denn dieser alte Ketzer hatte zwar die Religion im Allgemeinen als Teufelswerk verurteilt, die Weisheit Manis, die sich in seinen Briefen und Nachlässen offenbare, jedoch ausdrücklich gelobt.

Der babylonische Glaubensführer, der auch unter den Namen Manes oder Manichäus bekannt war, hatte sich lange mit christlichen, buddhistischen und magischen Lehren beschäftigt und sah sich selbst als direkter Nachfolger einer langen Reihe von Propheten: »Nicht haben die Gesandten Gottes aufgehört, mit Weisheit und Wundertaten von Zeit zu Zeit zu erscheinen. In dem einen Jahrhundert geschah ihr Auftreten durch den Propheten, der Buddha für das Land Indien war, in einem anderen durch Zarathustra für das Land Persien, in einem anderen durch Jesus für das Land des Westens, danach kam diese Offenbarung und dieses Prophetenamt herab in diesem letzten Jahrhundert durch mich, Mani, den Gesandten des wahren Gottes für Babylonien.« Der Prophet wurde von seinen Anhängern als »Engel des Lichts« verehrt. Sein Weltbild war dualistisch: Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, Geist und Materie sah er in einem ewigen Kampf. Die materielle Welt und alles Körperliche ordnete er dem Reich des Bösen zu. Um die Vollkommenheit zu erlangen, müsse der Mensch seine Seele durch bestimmte Riten reinigen und lernen, auf alles Irdische und Materielle zu verzichten. Der Weg ins Paradies führte über das strenge Gebot der Askese. Der fromme Manichäer sollte in Armut leben, Almosen spenden, auf Fleisch und jegliche Sinnesfreuden verzichten. »Alles, was man mit den Sinnen aufnimmt«, heißt es bei Thomas Pynchon, »was ein Mensch in der Welt, die ihm gegeben ist, liebt: die Gesichter seiner Kinder, Sonnenuntergänge, Regen, der Duft der Erde, ein herzliches Lachen, die Berührung durch einen geliebten Menschen, das Blut eines Feindes, das Essen, das die Mutter gekocht hat, Wein, Musik, sportliche Triumphe, eine attraktive Fremde, der Körper, in dem er sich zu Hause fühlt, die Meeresbrise, die über seine nackte Haut streicht – all diese Dinge sind für den gläubigen Manichäer von Übel, die Werke einer bösen Gottheit, Phantome und Verschleierungen, von Anbeginn zugehörig dem Reich der Zeit, des Auswurfs und der Finsternis.«

Diese vollkommen lust- und lebensfeindliche Lehre verbreitete sich im 3. Jahrhundert in ganz Persien, bis Bahrām König wurde und Mani festnehmen ließ. Der Herrscher sah in dem Propheten eine Bedrohung – nicht nur für den eigenen Thron, sondern für die gesamte Menschheit, die aussterben würde, wenn sie den manichäischen Geboten folgte. Der Weltenzerstörer musste vernichtet werden, ehe er sein Werk vollenden konnte. Mani wurde zusammen mit zahlreichen Anhängern auf grausamste Art hingerichtet. Ihm wurde die Haut abgezogen, die leere Hülle wurde mit Stroh ausgestopft und zur Abschreckung und Warnung am Tor der Stadt Gondeˆsapur aufgehängt.

Nach dem Tod des Märtyrers verlor seine Religion rasch an Bedeutung, seine Schriften wurden in alle Winde zerstreut, seine Worte wurden vergessen. Doch al-Bīrūnī kannte rund siebenhundert Jahre später zumindest noch die Titel seiner wichtigsten Werke: »Das Buch der Riesen«, »Der Schatz des neuen Lebens«, »Die Morgenröte der Gewissheit«, »Die Grundlegung«, »Das Evangelium« und ebenjenes sagenumwobene »Buch der Geheimnisse«, das ihn seit seiner Jugend geradezu magisch anzog und seine Phantasie beflügelte.

Vierzig Jahre blieb al-Bīrūnī über die Mysterien Manis im Ungewissen. Dann, eines Tages, er war schon ein betagter Mann, suchte ihn ein Bittsteller auf, der die Gunst des Gelehrten mit einigen seltenen Büchern zu gewinnen hoffte. Der Wissenschaftler strich sich genüsslich den Bart, als er die Gabe dankend akzeptierte, betastete freudig das altehrwürdige Pergament und schnupperte begierig den Staub der Jahrhunderte, ohne zu ahnen, was die Vorsehung oder der Zufall ihm hier ins Haus geweht hatte. Denn unter den Schriftrollen, losen Blättern und Kopien obskurer Poeten aus dem Land der zwei Ströme fand sich auch ein Band mit den heiligen Schriften der Manichäer, einige Briefe ihres Propheten – und das »Buch der Geheimnisse«. »Da überkam mich eine Freude, wie sie den Verdurstenden beim Anblick einer Fata Morgana überkommt«, schrieb al-Bīrūnī. So lange hatte er den Augenblick herbeigesehnt, so lange hatte er vergeblich gehofft, zu ergründen, was es mit dieser nebulösen Weisheit des Lichtengels auf sich habe, und nun hatte er endlich das Ziel erreicht und stand kurz vor der Enthüllung des größten Rätsels. Doch dann musste er feststellen, wie wenig eine Fata Morgana mit einer echten Oase gemein hat, und ihn befiel dieselbe Betrübnis wie den Wanderer in der Wüste, der beim Näherkommen merkt, dass die Luftspiegelung und die Hitze ihm einen Streich gespielt haben. Statt inspirierender Weisheit und Erleuchtung fand der Gelehrte nur reinen Schwachsinn und glatten Unfug: »Der Titel täuschte mich, so wie in der Alchemie das weiß und gelb Gefärbte manch einen außer mir täuscht.« Al-Bīrūnī fertigte sogleich eine Zusammenfassung des belanglosen Werkes an, »damit jeder, der von derselben Krankheit wie ich angesteckt sein sollte, sich damit vertraut machen kann und seine Genesung ebenso rasch vonstattengeht wie in meinem Falle«.

Die kleine Schrift über die Manichäer war nur eines von 145 Büchern und Traktaten, die al-Bīrūnī im Laufe seines Lebens verfasste und die er liebevoll seine »Kinder« nannte. Nur weniges ist erhalten. Trotz seiner unbestrittenen Verdienste blieb der Name eines der bedeutendsten Wissenschaftler der islamischen Welt im Westen lange unbekannt, bis einige seiner wichtigsten Arbeiten, wie sein umfangreicher Bericht über die Kultur und Geschichte Indiens, Ende des 19. Jahrhunderts von Orientalisten entdeckt und zum Teil auch übersetzt wurden.

Al-Bīrūnī starb entgegen allen astrologischen Vorhersagen im Alter von 75 Jahren, am 9. Dezember 1048. An jenem Tag besuchte ihn ein Freund, der ihn in einem sehr geschwächten Zustand vorfand. Doch trotz all seiner Leiden und Gebrechen beschäftigte sich al-Bīrūnī noch immer mit einem komplizierten juristischen Problem und bat seinen Freund, der als Experte auf diesem Gebiet galt, es ihm zu erklären. Dieser befürchtete, ein langer Vortrag zu einem so schwierigen Thema werde den Kranken zu sehr belasten, doch al-Bīrūnī bestand darauf. Es sei doch besser, wenn er die Welt mit diesem Wissen verlasse. Der Freund gab schließlich nach und begann mit dem Sterbenden zu diskutieren. Nach einiger Zeit verabschiedete er sich. Kaum hatte er das Haus verlassen, erklang hinter ihm die Totenklage.

So vergeblich al-Bīrūnīs lebenslange Suche auch scheinen mag, offenbart sie uns nicht nur die echte Leidenschaft eines Bücherfreundes, sondern eine größere Weisheit als irgendein längst zerfallenes Buch der Geheimnisse. Denn wenn das Suchen wichtiger ist als das Finden, der Schlüssel wichtiger als der Schatz und der Weg wichtiger als das Ziel, dann hätten wir alles, was wir brauchen, um glücklich zu sein.

Der Bücherfresser

In meiner Bibliothek habe ich die ganze Welterfahrung, die ich brauche.

 

Lionel Johnson

Für die meisten von uns sind Bücher freundliche und nützliche Begleiter, die dem Zeitvertreib, der Bildung oder schlicht der Information dienen. Für einige Menschen sind Bücher das Leben. Nicht nur, weil es ihr Beruf zwangsläufig mit sich bringt oder weil sie bibliophile Neigungen verspüren, sondern weil sie unfähig sind, etwas anderes als Bücher zu lieben. Wie innig, allumfassend und vollkommen eine solche Liebe sein kann, erzählen die vielen kuriosen Geschichten um den florentinischen Bibliothekar Antonio Magliabechi, der von seinen Zeitgenossen »Bücherfresser« genannt wurde.

Magliabechi wurde im Jahr 1633 in ärmlichen Verhältnissen geboren und schlug sich in seinen jungen Jahren mit allerlei niedrigen Arbeiten durch, bis ihn ein Buchhändler in der Nachbarschaft als Lehrling aufnahm. Der junge Florentiner verfügte über keine jener besonderen Eigenschaften, die unweigerlich zu großem Erfolg führen. Er war weder gutaussehend noch gesellig, hatte kein handwerkliches oder kaufmännisches Geschick, kein nennenswertes Glück bei den Damen und auch keine ausgeprägte poetische oder künstlerische Phantasie, der er hätte Ausdruck verleihen können. Seine Herkunft war unbedeutend, seine Ausbildung lückenhaft. Dennoch hatte er eine Gabe, die den Buchhändler, der ihn unter seine Fittiche genommen hatte, maßlos begeisterte: Dieser ansonsten eher unscheinbare junge Mann hatte ein phänomenales Gedächtnis. Hatte er ein Buch einmal gelesen, konnte er nicht nur den Inhalt korrekt wiedergeben, sondern ganze Passagen auswendig zitieren, er konnte das entsprechende Kapitel und die Seite, der er das Zitat entnommen hatte, benennen, und es gelang ihm stets, das Buch in den mehr schlecht als recht geordneten Beständen seines Meisters wiederzufinden.

So fand Antonio Magliabechi schließlich seinen Platz in der Welt. Er las von morgens bis abends, las so lange, bis ihm die Augen zufielen, und setzte seine Lektüre mit den ersten Sonnenstrahlen sogleich fort. Sein monströses Gedächtnis speicherte alles sorgfältig und legte die Texte zuverlässig abrufbar in den kleinen grauen Zellen ab. Von Jahr zu Jahr glich sein Gehirn mehr und mehr einer ständig wachsenden Bibliothek, deren Regale täglich mit neuen Bänden gefüllt und durch neues Wissen erweitert wurden.

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