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Das Haus der Spiegel

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Inhaltsübersicht

PROLOG

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

ZWEITER TEIL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

DRITTER TEIL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

EPILOG

PROLOG

Wütend und von Selbstvorwürfen gehetzt eilte sie über das Kopfsteinpflaster der verdunkelten Straßen. Hätte sie die letzte Tram nur nicht verpasst; hätte Girardi sie doch in seine Absteige eingeladen, statt irgendwelche morgendliche Proben vorzuschieben; hätte sie nur den Rat ihrer Freundin Mitzi befolgt, diese aufgeblasene Qualle von Schauspieler sausen zu lassen, und stattdessen mit Klimt geschlafen. So viele »hätte«.

Ecke Kärtnerstrasse und Graben trat ihr ein Mann in den Weg und zupfte an seiner Hutkrempe. »Wie viel?«, fragte er.

Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken; um diese späte Stunde waren nicht viele anständige Mädchen allein unterwegs, und zudem ging die Hälfte aller Huren Wiens an dieser Kreuzung ihrem Gewerbe nach. Trotzdem empörte es sie, für eine Prostituierte gehalten zu werden. Sie bog ab und lenkte ihre Schritte früher, als sie eigentlich vorgehabt hatte, in das Gewirr der wenig vertrauten, schummrigen Gassen hinter dem Stephansdom, um rasch ihr Zimmer im Dritten Bezirk zu erreichen.

Die Sträßchen waren menschenleer; um halb elf Uhr abends war Wien so still wie ihr kleines Dorf in Vorarlberg. Plötzlich überlief sie ein Angstschauer. Die Zeitungen waren voller Geschichten über diesen verrückten Mörder, der zurzeit in Wien sein Unwesen trieb; sie hatten sogar über Leichenfunde im Prater geschrieben. Erneut schüttelte sie sich.

Sie ging schneller und konzentrierte sich lieber auf das, was sie bis jetzt in ihrem jungen Leben schon erreicht hatte. Die verdreckten Straßen ihres Dorfes in Vorarlberg erschienen ihr wie eine andere Welt. Drei Jahre hatte sie gebraucht, um aus den Lohntüten ihres Vaters so viele Heller zu stibitzen, dass sie sich davon ein Billet Dritter Klasse in die Hauptstadt kaufen konnte. Dann endlich war sie dem Vater und seinen finsteren Launen entkommen. Sie hatte niemals zurückgeschaut, sondern ihre Chance wie einen Rettungsring ergriffen; und sie hatte es geschafft. Sie war die Geliebte des berühmtesten Schauspielers von Wien und Modell des berühmtesten Malers. Doch wehe, solle Papa jemals eines der Porträts zu sehen bekommen … Allerdings bestand in dem Punkt kaum Gefahr, weil ihr Vater seine Nase sowieso nur ins Bierglas steckte.

Während sie durch die Gassen eilte, dachte sie an Klimt. Der Kerl hatte wahrlich einen durchdringenden Blick und konnte einen anschauen, dass man sich noch nackter fühlte, als man schon war. Er schien in einen hineinsehen zu können. Und es war so kalt in seinem Atelier. Sie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut. Wenn sie sich beschwerte, knurrte er nur, dass er sie genauso für seine Gemälde haben wollte – mit von Kälte harten Knospen.

Er war ein schlauer alter Fuchs, der Klimt. Nenn mich Gustl, hatte er gesagt. Trotzdem machte er ihr keinerlei Avancen, obwohl sie ganz genau wusste, dass er sie begehrte.

Plötzlich merkte sie, dass sie sich verlaufen hatte. In dem Gewirr der engen und dunklen Gassen wusste sie nicht mehr, wo sie sich befand. Zu ihrer Linken sah sie einen pulsierenden gelben Lichtschein und überquerte die Straße in diese Richtung. Das Licht kam aus einer Laterne in einem Leinwandzelt, das über einem Gully aufgebaut war. Vermutlich waren es Kanalarbeiter. Jedenfalls schien es hier sicher zu sein. Sie ging auf das Licht zu, aber als sie an dem Schachteinstieg vorbeikam, konnte sie hinter den offenen Zeltklappen niemanden entdecken. Die Männer arbeiteten wohl unten in der Kanalisation. Sie erschauerte bei dem Gedanken. Wie schrecklich, sein Leben mit einer solchen Arbeit fristen zu müssen.

»Fräulein.«

Bei dem Klang der Männerstimme fuhr sie herum. Als sie den Sprecher jedoch erkannte, lächelte sie erleichtert.

»Oh, hallo.«

Es waren ihre letzten Worte.

ERSTER TEIL

Wahrer Hass speist sich aus drei Quellen: Schmerz, Eifersucht und Liebe

Dr. Hans Gross, Kriminalpsychologie.

1. KAPITEL

Mittwoch, 17. August 1898 – Wien

 

Dieser verdammte Gross! dachte er, während er rastlos vor seinem unberührten Frühstück saß und ihn vom Schreibtisch ein leeres Blatt Papier vorwurfsvoll anstarrte.

Advokat Karl Werthen wusste heute Morgen nichts Rechtes mit sich anzufangen. Normalerweise reservierte der Anwalt die Frühstücksstunde fürs Schreiben. Bis jetzt hatte er fünf Kurzgeschichten veröffentlicht. Erzählungen von »unterbrochenen Leben«, wie er sie gerne nannte.

Heute jedoch hatte er keinen Appetit, weder auf Frau Blatschkys exzellenten Kaffee noch auf die Possen seines geckenhaften Protagonisten Maxim und der geheimnisvollen Frau hinter der karierten Maske, die der auf dem Waschfrauenball getroffen hatte. Schuld daran war sein alter Kollege aus Graz, der angesehene Kriminologe Doktor Hans Gross, mit dem er in der letzten Nacht zu Abend gegessen und lange geplaudert hatte. Allein die bloße Anwesenheit von Gross verdeutlichte Werthen, dass sein Geschreibsel nur ein kümmerlicher Ersatz für echte Taten und Abenteuer war. Jetzt erkannte er seine literarischen Ambitionen als das, was sie waren: fruchtlose Versuche, etwas Abwechslung in sein ansonsten recht eintöniges Leben zu bringen. Schlussendlich waren seine Werke kaum literarische Kunstwerke, sondern eher kleine, pfiffige Geschichten über amouröse Müßiggänger – und Geschichten zudem, wie sie der junge Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Dr. Arthur Schnitzler ohnehin viel besser schrieb.

Dieser verdammte Gross! Aber er wollte nicht zu streng mit dem Kriminologen sein, denn zugegeben war es nicht das erste Mal, dass er sich fragte, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, seit er vor sechs Jahren in Graz das Strafrecht aufgegeben hatte, um in Wien einer der gefragtesten Notare für Testamente und Treuhandangelegenheiten zu werden. War er nicht doch zu voreilig gewesen? Hatte er nicht zu viel geopfert?

Der Lärm im Flur vor seinem Wohnzimmer riss ihn aus seinen mürrischen Gedanken. Im nächsten Moment klopfte jemand nachdrücklich an die weiße Doppeltür. Er warf unwillkürlich einen Blick über die Schulter auf die Sèvres-Uhr, die den marmornen Kaminsims zierte. Es war noch zu früh für die erste Post.

»Ja, bitte?«

Die Tür öffnete sich. Frau Blatschky schob zunächst ihren hochroten Kopf durch den Spalt und betrat dann fast zaghaft den Raum. Ihre abgearbeiteten Hände hatte sie tief in die Taschen ihrer frisch gestärkten Schürze gesteckt und krampfte sie sichtlich nervös. »Da möchte Sie ein Mann sprechen, Herr Doktor«, begann sie. Werthen wollte sie gerade an seine geheiligte Frühstückspause erinnern, als die Tür hinter ihr weiter aufgestoßen wurde und ein kräftiger, untersetzter Mann ins Zimmer platzte. Sein Haar war zerzaust, und sein Bart hätte dringend gestutzt werden müssen. Der Kaftan in leuchtendem Magentarot reichte ihm bis auf die Sandalen.

»Werthen!« In der dröhnenden Stimme des Eindringlings klang schon bei diesem zweisilbigen Ausruf das wienerische Arbeiteridiom durch. »Ich muss Sie sofort sprechen, Herr.«

»Das tun Sie bereits, Klimt«, antwortete Werthen gelassen und bedeutete Frau Blatschky, dass sie sich zurückziehen könnte.

»Ich habe ihm gesagt, Sie wären beim Frühstück«, murmelte sie und schürzte missbilligend die Lippen. Werthen nickte ihr zu und lächelte beruhigend, um ihr klarzumachen, dass es nicht ihre Schuld war. »Schon recht, Frau Blatschky. Sie können jetzt gehen.« Als sie geflissentlich den Raum verließ, bedachte sie den Eindringling, den ebenso bekannten wie berüchtigten Maler Gustav Klimt, mit dem strafenden Blick einer entnervten Mutter auf ihren missratenen Sohn.

»Diese verfluchte Gendarmerie!«, polterte Klimt los, kaum dass sich die Tür hinter der Logiswirtin geschlossen hatte. »Sie verwüsten mein Atelier. Sie müssen sofort mit zu mir kommen.«

»Immer mit der Ruhe, Klimt. Was könnte die Gendarmerie in ihrem Atelier wollen? Oder geht es womöglich um ein Sittendelikt?« Der aufgebrachte Künstler stachelte Werthens literarische Phantasie an. »Vielleicht eine barbusige Dame der Gesellschaft zu viel auf ihren Leinwänden?«

»Narren!«, stieß Klimt hervor. »Diese Narren behaupten, ich hätte dieses Mädchen ermordet. Schwachköpfe. Es war meine schöne Liesel, das beste Modell, das ich je hatte. Warum sollte ich wohl Hand an sie legen?«

Werthens Stimmung schlug um, von etwas gereizt zu außerordentlich neugierig.»Es geht um Mord?«

»Haben Sie denn nicht zugehört, Herr? Liesel Landtauer. Meine süße Liesel.«

»Fangen wir noch einmal von vorn an«, gab Werthen zurück. Er war aufgestanden und bat Klimt jetzt zu den beiden Biedermeier-Lehnstühlen am Kamin. Klimt beäugte die zierlichen Stühle misstrauisch, bevor er seinen massigen Leib auf die Damastkissen sinken ließ. Werthen setzte sich neben ihn auf den anderen Stuhl.

»Also – was genau legt Ihnen die Polizei zur Last?«

Klimt fuhr sich mit den dicken Fingern durch das Stoppelhaar und lehnte sich zurück. »Man hat ihre Leiche gefunden. Im Prater.«

»Schon wieder?«

Klimt nickte. »Irgend so ein Geisteskranker bringt Leute um und entledigt sich ihrer im Prater. Jetzt wollen sie wohl endlich etwas dagegen unternehmen und schieben prompt alles mir in die Schuhe.«

Ganz Wien war seit zwei Monaten durch diese Mordserie an vier, inzwischen offenbar fünf Opfern wie gelähmt. Tatsächlich hatten Werthen und sein Freund Gross gerade letzte Nacht über diese Verbrechen diskutiert. Angesehene Tageszeitungen wie die Neue Freie Presse und die Wiener Zeitung hatten zwar über die Morde berichtet, sich aber nicht herabgelassen, schmutzige Details zu schildern oder sich in wilden Spekulationen zu ergehen. Weniger zurückhaltende Blätter dagegen ergingen sich genüsslich in Einzelheiten über »gewisse Verstümmelungen« an den Leichen und fachten damit die Phantasien ihrer Leser an, die mittlerweile geradezu ins Kraut schossen. Eben diese Zeitungen hatten den Übeltäter den »Jack the Ripper von Wien« getauft. Die Leichen waren ausnahmslos auf dem Gelände des Praters gefunden worden, jenes Vergnügungsparks in Wiens Zweitem Bezirk, und zwar im Schatten des gewaltigen Riesenrads, das man zur Feier des fünfzigsten Kronjubiläums Kaiser Franz Josephs errichtet hatte.

Gustav the Ripper? Das bezweifelte Werthen sehr stark. Gewiss, wer die Vergangenheit dieses Mannes kannte, hielt ihn vielleicht für fähig, ein Verbrechen aus Leidenschaft zu begehen, aber niemand würde ihm zutrauen, dass er eiskalt und kalkuliert fünf unschuldige Menschen abschlachten würde.

Die Gendarmen kannten Klimt natürlich nicht so gut, wie Werthen ihn kannte, und außerdem hielten sie sich an ihre Vorschriften. Und genau die machten es zu ihrer Aufgabe, zunächst all diejenigen genauer unter die Lupe zu nehmen, die dem Opfer nahe gestanden hatten.

Der Gedanke erzeugte ein Kribbeln der Begeisterung in Werthen; endlich konnte er wieder einmal seine Netze im Teich des Strafrechts auswerfen.

»Offensichtlich hat man Sie noch nicht beschuldigt, sonst säßen Sie jetzt in Untersuchungshaft.«

»Trotzdem haben sie ihre Nasen in jeden Winkel meines Ateliers gesteckt. Und einen Haufen absurder Fragen über Liesel gestellt. Ob sie im Evaskostüm Modell gestanden hätte. Diese Kretins! Natürlich hat sie das! Wie sonst könnte man wohl einen Akt malen? Soll ich vielleicht einem männlichen Modell ein paar alberne Brüste anpinseln, wie es dieser schwule Michelangelo getan hat?«

»Nun beruhigen Sie sich, Klimt. Was genau wirft man Ihnen denn vor?«

»Einer dieser Amtsschimmel hat Skizzen für meine Nuda veritas. Diese Zeichnung für die erste Ausgabe von Ver Sacrum im letzten Frühling. Sie meinten, die Skizzen ähnelten Liesel. Na bravo, höchst scharfsinnig! Natürlich sahen sie nach Liesel aus. Schließlich hat sie für die Skizzen Modell gesessen.«

Werthen erinnerte sich an die Empörung der besseren Wiener Gesellschaft über Klimts Porträt dieses süßen jungen Dings mit den ausladenden Hüften auf der Titelseite der Sezessionistenzeitschrift. Das Mädchen hatte dort völlig nackt und sichtlich unbekümmert posiert. Ihre langen Locken verhüllten zum Teil ihre Brüste, und in der rechten Hand hielt sie einen Spiegel. Werthen hatte die Symbolik des leeren Spiegels ganz besonders gefallen. Was erblickt der moderne Mensch in diesem Spiegel? Das sengende Licht der Wahrheit oder nur das aufgesetzte Lächeln seiner eigenen Eitelkeit?

Er schob diese ästhetischen Überlegungen fürs Erste jedoch beiseite. »Beantworten Sie einfach meine Frage, Klimt. Wirft man Ihnen vor, Sie ermordet zu haben?«

Der Klang von Werthens Stimme riss Klimt aus seiner Panik. Der Maler beugte sich vor, legte die Spitzen seiner dicken Finger aufeinander und bewegte sie, als spielte er auf einer Ziehharmonika.

»Nun ja, nicht direkt. Aber sie veranstalten ein furchtbares Durcheinander, Werthen, und dabei kannte ich die anderen vier Opfer doch nicht einmal.«

»Und diese junge Dame?«

»Habe ich Ihnen erzählt. Sie war mein Modell.«

»Aber wie kommt die Polizei dann auf Sie, Klimt? War sie Ihre Geliebte?«

Klimts Finger schienen die imaginäre Ziehharmonika zu zerquetschen, als er die Hände wie zum Gebet faltete. »Sie sollte letzte Nacht für mich sitzen, hat sich aber im letzten Moment entschuldigen lassen.«

Werthen blieb nicht verborgen, dass der Maler die Frage nach dem Ausmaß ihrer amourösen Beziehung unbeantwortet ließ, und abermals durchfuhr den Anwalt ein Schauer des Wohlbehagens. Obwohl es schon Jahre her war, dass er einen unzuverlässigen Zeugen oder Verdächtigen befragt hatte, verfügte er, wie er befriedigt feststellte, noch immer über das nötige Handwerkszeug und den erforderlichen Instinkt.

»Liesel hat ein Billet geschickt. Ihre Mitbewohnerin sei krank und sie müsse sich um sie kümmern«, fuhr Klimt fort. »Gott allein weiß, warum sie der Meinung war, sie müsse mich anlügen. Wahrscheinlich steckte irgendein jugendlicher Verehrer dahinter.«

»Warum glauben Sie denn, sie hätte Sie angelogen?«, hakte Werthen nach.

Klimt zuckte mit den Schultern. »Ganz einfach. Ich war gerade Brot kaufen, und als ich zurückkehrte, sah ich die Mitbewohnerin aus meinem Haus kommen. Sie hatte mir gerade die Nachricht vorbeigebracht, also kann sie wohl kaum so krank gewesen sein, dass sie Liesels Pflege bedurft hätte.«

Sichtlich entspannter warf Klimt einen Blick über seine Schulter zu den knusprigen Butterkipferln, die noch unberührt auf dem Frühstücktablett lagen.

»Essen Sie die noch?«

Wie konnte der Mann jetzt an Essen denken? Werthen war fassungslos. »Hier, nehmen Sie eins.«

Er stand auf, legte ein Kipferl auf eine Leinenserviette und reichte es Klimt. Der Maler stopfte es so gierig in sich hinein, dass die Krümel auf Bart und Kaftan fielen.

»Warum sind Sie denn so hungrig? Waren Sie heute Morgen noch nicht im Café Tivoli?« Werthen setzte sich wieder neben Klimt.

Der Anwalt kannte den Tagesablauf des Malers: Jeden Morgen um sechs Uhr stand Klimt auf und marschierte dann die zehn Kilometer von seiner kleinen Wohnung in der Westbahnstraße, die er sich mit seiner unverheirateten Schwester und der verwitweten Mutter teilte, zum Sommerpalast der Habsburger in Schönbrunn. In einem Café der alten Schule legte er einen Zwischenhalt ein, schüttete kännchenweise starken Kaffee und heiße Schokolade mit cremeweißen Sahnehäubchen in sich hinein und verschlang bergeweise Kipferl mit Unmengen Butter und Marmelade. Danach ging’s zurück an die Arbeit in seinem Atelier in der Josephstädter Straße, ganz in der Nähe von dem Mietshaus, in dem Werthen wohnte.

Klimt reagierte auf Werthens Frage mit einem schuldbewussten Blick.

»Also, haben Sie Ihr Frühstück heute ausfallen lassen?«, fragte Werthen nach. Als Klimt schwieg, fuhr er fort: »Sie waren letzte Nacht gar nicht zu Hause, stimmt’s? Das ist also Ihr Problem. Sie haben kein Alibi!«

Klimt sprang so hastig auf, dass sich die Falten seines Kaftans in der Lehne verfingen und er den Stuhl fast umgerissen hätte. Dann trat er ans Fenster und blickte hinab auf die sonnenbeschienene Straße vier Etagen unter ihnen, während er mit den Fingern aufs Fensterbrett trommelte.

»Eher zu viele Alibis«, brummte er gegen die Scheibe und drehte sich dann abrupt zu Werthen um. »Aber ich werde keines davon nutzen. Das würde meine arme Mutter nicht überleben. Außerdem muss ich auch an Emilie denken.«

Werthen wusste, dass er damit Emilie Flögen meinte. Sie war die jüngere Schwester seiner Schwägerin, über zehn Jahre jünger als Klimt, der mit ihr seit einigen Jahren eine Affäre hatte. Nach dem vorzeitigen Tod von Klimts ebenfalls malendem Bruder hatte Klimt die beiden Frauen unter seine Fittiche genommen. Böse Stimmen munkelten, der Satyr Klimt hätte die junge Frau jedoch nie mehr als nur geküsst und vergötterte sie stattdessen als Verkörperung seines reinen und jungfräulichen Frauenideals.

»Verschweigen Sie mir nichts, Klimt. Schließlich bin ich Ihr Anwalt. Ihre Geheimnisse sind bei mir sicher aufgehoben.«

Klimt seufzte und fasste das zweite Kipferl ins Auge.

»Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an«, merkte Werthen an, aber sein Sarkasmus verpuffte wirkungslos an dem Maler, der das zweite Kipferl ebenso schnell verschlang wie das erste.

»Möchten Sie wirklich keinen Kaffee dazu?«

»Sie sind ein wahrer Freund, Werthen«, erwiderte Klimt, dem auch diesmal der ironische Unterton des Anwalts entgangen war. Er bediente sich selbst aus der weißen Augarten-Kaffeekanne. »Sie haben nicht zufällig noch irgendwo ein Kännchen Sahne herumstehen, hm?«

Werthen antworte nicht und fragte sich einmal mehr, warum er diesen ungehobelten Kerl so nachsichtig behandelte. Aber er kannte die Antwort bereits: weil der Mann malen konnte wie ein Gott.

»Es verhält sich folgendermaßen«, fuhr Klimt fort und nippte an seinem Kaffee, wobei er den kleinen Finger geziert abspreizte. »Ich habe eine ganz besondere Freundin. Sie lebt in Ottakring.«

Werthen blieb stumm. Er würde es Klimt nicht leichter machen, indem er das Naheliegende äußerte: ein Arbeitermädchen aus der Vorstadt, mit dem er die Nacht verbracht hatte.

»Genaugenommen lebt sie dort mit meinem Sohn.«

Unwillkürlich hob Werthen vor Überraschung eine Augenbraue.

»Ich war letzte Nacht bei ihr. Bei ihr und dem Jungen. Verstehen Sie jetzt, warum ich die beiden unmöglich als Alibi angeben kann? Mein armes Mütterchen würde der Schlag treffen. Gestern Abend hatte ich ihr weisgemacht, ich würde bis spät in der Nacht an einem Auftrag arbeiten und dann im Atelier schlafen. Und Emilie … auch sie wäre zweifellos am Boden zerstört und gedemütigt.«

»Und wenn die Polizei Sie nun des Mordes an dieser jungen Frau bezichtigt? Wollen Sie lieber Ihren Hals riskieren, als Ihren Ruf aufs Spiel zu setzen?«

Klimt stellte die Tasse auf den Seidenteppich und sackte in seinen Stuhl. »Meinen Sie, es könnte dazu kommen?«

»Das weiß ich nicht. Aber wir müssen für alle Eventualitäten gerüstet sein. Diese Prater-Morde verlangen dringend nach Aufklärung.«

Klimt schüttelte den Kopf. »Ich könnte so etwas nicht tun. Schon wegen Mutter … Sie glauben mir doch, Werthen, oder etwa nicht? Ich bringe doch nicht einfach irgendwelche Leute um!«

Werthen nickte; allerdings wirkte es wenig überzeugend, weil er gerade an die Umstände ihrer ersten Begegnung dachte. Der Maler war damals wegen tätlichen Angriffs und Körperverletzung verhaftet worden.

»Wie heißt Ihre Freundin, Klimt? Vielleicht muss ich mit ihr sprechen.«

»Mein Gott, Sie also auch. Sind denn jetzt alle gegen mich?«

Der Maler stemmte sich aus dem Stuhl hoch, wäre fast über seine Kaffeetasse gestolpert und marschierte rastlos in dem Zimmer umher.

»Nur die Ruhe, Klimt. Das ist eine reine Formalität. Ich bin Anwalt, also von Haus aus misstrauisch.«

»Plötzl. Also gut, jetzt wissen Sie’s. Sie heißt Anne Plötzl, wohnhaft Ottakringer Straße 231, Appartement 29a.«

»Gut.« Werthen erhob sich von seinem Stuhl und trat an seinen Schreibtisch aus Kirschholz, der ihm auch als Frühstückstisch diente. Dort zog er Stift und Notizblock aus der oberen Schublade und schrieb die Adresse auf.

»Vermutlich haben Sie für die anderen fraglichen Nächte brauchbarere Alibis?«

Klimt schaute ihn ausdruckslos an. »Welche anderen Nächte?«

»An denen die anderen Prater-Morde stattgefunden haben, Klimt. Sollte der Mord an Fräulein Landtauer den anderen Verbrechen gleichen, haben Sie entweder alle oder keinen begangen, stimmt’s?«

Klimt schien ein Licht aufzugehen. »Stimmt!« Er nickte eifrig.

»Also …?«, hakte Werthen nach.

»Ich überlege gerade. Wann genau haben die sich ereignet?«

Wie die meisten Wiener hatte sich auch Werthen die Tage eingeprägt: »In der Nacht und den frühen Morgenstunden des 15. Juni, des 30. Juni, des 15. Juli und des 2. August.«

Nachdenklich verzog Klimt den Mund. »Erwarten Sie wirklich von mir, dass ich mich an alles erinnere, was ich vor Monaten gemacht habe? Ist das wirklich nötig?«

»Führen Sie ein Tagebuch oder einen Terminkalender?«

Klimt schüttelte den Kopf und wirkte plötzlich mutlos.

»Das macht nichts, Klimt. Wir kümmern uns später darum. Fürs Erste würde ich Ihnen raten, sich von Ihrem Atelier fernzuhalten, bis die Gendarmerie wieder abgezogen ist. Sie würden sich sonst nur aufregen, und zusätzlichen Ärger mit der Polizei können wir jetzt nicht gebrauchen. Vermutlich hat man Ihnen einen Durchsuchungsbefehl vorgelegt?«

»Sie haben mit irgendeinem offiziellen Dokument vor meiner Nase herumgewedelt, falls Sie das meinen.«

»Gehen Sie nach Hause, Klimt. Legen Sie sich hin und schlafen Sie etwas. Sagen Sie Ihrer Mutter, Sie hätten Angst, eine Grippe zu bekommen.«

»Bei der Sezession wartet Arbeit auf mich. Wir veranstalten nächsten Monat unsere erste Ausstellung, und die vorbereitenden Arbeiten sind in vollem Gange.«

»Das ist gut. Dann gehen Sie in die Galerie. Aber halten Sie sich von Ihrem Atelier fern, bis ich herausgefunden habe, was genau da los ist.«

Klimt wirkte erleichtert. »Ich wusste, dass Sie sich meiner annehmen würden, Werthen. Sie sind wirklich ein vornehmer Mensch. Und da heißt es immer, Anwälte hätten keine Seele.«

 

Eine halbe Stunde später trat Werthen, ein großer, schlanker Mann, gekleidet in seinen sommerlichen Leinenanzug und mit einer braunen Melone auf dem Kopf, ins helle Sonnenlicht der Josephstädter Straße. Er pfiff eine Melodie aus Straussens Fledermaus. So etwas sah ihm gar nicht ähnlich, und erst recht pfiff er für gewöhnlich keine Lieder aus Operetten, aber er konnte nichts dagegen tun.

Er fühlte sich heiter und beschwingt. Diese Angelegenheit mit Klimt war der Grund dafür, das war ihm jetzt vollkommen bewusst. Die vergangenen sechs Jahre hatte er im Zustand einer Art von fortgesetztem Unwohlsein verbracht, nachdem er das Strafrecht aufgegeben hatte. Seine spannenden Fälle hatten zuvor sein Adrenalin stets in Wallung gebracht.

Die Gespräche mit Gross in der vergangenen Nacht hatten ihm das klargemacht. Als er sein Leben mit dem seines alten Kollegen verglich, hatte er erkannt, wie langweilig und öde es geworden war. Gross’ 1893 veröffentlichte Kriminalistischen Untersuchungen hatten den Mann in Europa und Amerika berühmt gemacht, und noch in diesem Jahr sollte der Zusatzband Kriminalpsychologie erscheinen. Dazu hatte Gross gerade damit begonnen, die Monatszeitschrift Archiv der Kriminalistik herauszugeben. Als international gefragter Experte hielt sich Gross nur auf der Durchreise zu seiner neuen Stellung in Wien auf. Er würde den ersten Lehrstuhl für Kriminologie im ganzen Habsburger Reich übernehmen, und zwar an der Universität von Czernowitz in der Bukowina.

Gross, ein schwergewichtiger Mann Anfang fünfzig mit frischer Gesichtsfarbe, schmalem Oberlippenbart und einem grauen Haarkranz um das kahle Haupt, hatte sich in der vergangenen Nacht während ihres gemeinsamen Abendessens dazu hinreißen lassen, Werthen einen Einblick in seine neuesten Fälle zu gewähren. Und er hatte ihm zu Werthens Überraschung mitgeteilt, dass er den Leichnam des vierten Opfers aus dem Prater selbst gesehen hatte. Diesen Gefallen hatte ihm sein ehemaliger Assistent aus Graz, Inspektor Meindl, erwiesen, der es inzwischen im Wiener Polizeipräsidium recht weit gebracht hatte.

Gross durfte Werthen zwar nichts über die grässlichen Wunden erzählen, die der Leiche zugefügt worden waren, weil er Inspektor Meindl Verschwiegenheit hatte zusichern müssen. »Morbide«, war der einzige Kommentar, den Werthen Gross hatte entlocken können, um die Verstümmelungen näher zu beschreiben.

Werthen wusste um die Bedeutung solcher Geheimhaltung. Denn war der Mörder am Ende gefasst, wäre nur er selber in der Lage, die Verbrechen und den Tathergang genau zu beschreiben. Dennoch hatte es Werthen zu seiner eigenen Überraschung enttäuscht, dass ihm diese vertraulichen Informationen vorenthalten wurden. Denn wie er festgestellt hatte, erregten diese Dinge jetzt wieder sein Interesse.

Und Klimts Besuch hatte ihm unzweifelhaft bestätigt, dass er in den letzten sechs Jahren seine Zeit vergeudet hatte. Er brauchte die Aufregungen des Strafrechts. Zum Teufel mit den Erwartungen, die Werthens Mama und Papa an ihren Erstgeborenen stellten.

Es ist nur ein kleiner Zeitvertreib, sagte er sich jetzt. Er würde einfach ein wenig Urlaub von seiner schwerverdaulichen juristischen Notartätigkeit nehmen.

Und genau das machte er, als er sein Büro für die letzte Augustwoche schloss. Er wurde in einigen Tagen auf dem Familiensitz in Oberösterreich erwartet, aber bis dahin … warum sollte er sich nicht ein kleines Abenteuer genehmigen?

Er erreichte Klimts Haus, öffnete das massive Portal zur Straße und trat in den Innenhof; er bildete eine grüne Oase inmitten der Stadt. Klimts Atelier befand sich im Garten hinter dem Vorderhaus, und Werthen bemerkte auf den ersten Blick, dass die Polizei die Durchsuchung bereits abgeschlossen hatte. Nur ein stämmiger Wachtmeister war draußen vor der Ateliertür postiert. Werthen lupfte seinen Hut, und sein dichtes, rotbraunes Haar glänzte in der Sonne. Der Gendarm erwiderte den Gruß höflich. Er schwitzte sichtlich in seiner Uniform aus dem schweren blauen Tuch.

»Was geht hier vor sich, Herr Wachtmeister?«

»Kunstmaler!« Der Gendarm deutete mit einem Nicken hinter sich in Richtung Atelier. »Man weiß ja nie, was die so aushecken.«

»In der Tat«, pflichtete Werthen ihm bei. »Es ist bisweilen ein recht befremdliches Völkchen.«

Mehr bekam Werthen jedoch aus dem wortkargen Polizisten nicht heraus, also ging er wieder zurück auf die Straße und schlug die Richtung zum Stadtzentrum ein. Er pfiff gutgelaunt vor sich hin, nickte vorübergehenden Passantinnen zu, wich an der Ecke Landauergasse einem großen Kinderwagen aus und erstand an der Kreuzung Landesgerichtsstraße eine rote Nelke für sein Knopfloch.

Ja, sei’s drum! Er fühlte sich endlich wieder lebendig. Welch schicksalhafter Zufall, dass sein alter Kollege Gross in der Stadt war und ihm einen Anstoß gegeben und ihn wachgerüttelt hatte! Vielleicht war es ja auch gar kein Zufall? Sondern eher Bestimmung? Werthen lachte leise in sich hinein. Über solche Dinge hatte er schon seit Jahren nicht mehr nachgedacht.

Immer noch pfeifend schlug er den Weg zu Gross’ Hotel ein. Der Kriminologe war an dieser neuen Entwicklung mit Sicherheit genauso interessiert wie er selbst.

Gustav Klimt, das schwarze Schaf der Wiener Kunstszene, wurde verdächtigt, der Prater-Mörder zu sein.

2. KAPITEL

Gross war nicht im Bristol, seinem Hotel in der eleganten Ringstraße. Von der Empfangsdame erfuhr Werthen, dass sich der berühmte Herr Doktor nach dem Weg zum Kunsthistorischen Museum erkundigt hatte, bevor er am Morgen das Hotel verließ, und dass er erst zum Mittagstisch um 12 Uhr 30 zurück erwartet würde.

Obwohl es ein warmer Tag zu werden versprach, entschloss sich Werthen, zu Fuß zu gehen. Die Platanen, die man entlang der neuen Ringstraße gepflanzt hatte, hatten endlich genug Höhe erreicht, dass sie den Spaziergängern auf dem breiten Bürgersteig etwas Schatten spenden konnten. Als Werthen beim Museum ankam, wusste er, wohin er sich wenden musste. Der Brueghel-Saal ging von der rechten Seite des mit Marmor verkleideten Treppenhauses ab. Die Decke des Foyers zierte ein Gemälde von Klimt aus seiner klassischen Periode.

Gross stand abseits von den Besuchergruppen, die den Museumsführern bei ihren einstudierten Anekdoten über den flämischen Maler lauschten. Werthen war bekannt, dass der Kriminologe ein passionierter Kenner Brueghels war und ihrem Repertoire sicherlich die eine oder andere Geschichte hätte beisteuern können. Unter dem Pseudonym Marcellus Weintraub hatte Gross eine vielzitierte Monographie über stilistische Unregelmäßigkeiten im Frühwerk des flämischen Meisters veröffentlicht. Allerdings betrieb er seine künstlerischen Neigungen lieber im Verborgenen. Es mache sich nicht gut für einen Untersuchungsrichter, den schönen Künsten allzu nahezustehen, hatte er Werthen einmal erklärt, als sie über seine Passion gesprochen hatten.

Jetzt stand Gross, eine imposante Gestalt, versunken in die Betrachtung der menschlichen Komödie, wie sie Brueghel in seinem Bild Die Kinderspiele auf der Leinwand verewigt hatte.

Werthen näherte sich seinem alten Freund von hinten und wollte ihm gerade auf die Schulter tippen, als Gross, ohne sich umzudrehen, sagte: »Zur Sache, Werthen. Ist dies ein Zufall, oder haben Sie mich gesucht?«

Gross klappte den in Maroquinleder gebundenen Notizblock zu, in den er etwas geschrieben hatte, und schob ihn in seine Jackentasche.

»Letzteres«, entgegnete Werthen, während sich Gross widerstrebend vom Bild abwandte und zu ihm umdrehte.

»Adele besteht darauf, dass ich in der Kunst auf dem Laufenden bleibe«, erklärte Gross.

Werthen unterdrückte ein Lächeln. »Ist das so, Herr Weintraub?« Gross hatte offenbar vergessen, dass er Werthen einmal, nach einem zweiten Verdauungs-Slibowitz, seine Liebe zu Brueghel gestanden hatte.

Beim Lügen ertappt zu werden schien Gross doch etwas verlegen zu machen. Aber das hielt nicht lange vor.

»Kommen Sie zur Sache, Herr. Was ist denn so wichtig, dass Sie mir dafür bis hierher folgen müssen? Was nicht heißen soll, dass ich Sie nicht gerne wiedersähe …« Aber sein Missfallen war nicht zu überhören.

Werthen zog ihn in einen Winkel der Galerie, fernab neugieriger Lauscher, und berichtete von Klimts Zwickmühle und seinem Auftrag, den Namen des Künstlers reinzuwaschen.

Gross klatschte in die Hände wie ein Hungriger, der sich zum Essen setzt. Das schallende Geräusch erregte die missbilligende Aufmerksamkeit einiger Matronen unter den Galeriebesuchern.

»Ausgezeichnet!«, rief er, was ihm prompt ein vorwurfsvolles Zischen einbrachte. Er fuhr jedoch unbeirrt fort: »Ich nehme an, Sie wollen meine Hilfe in Anspruch nehmen?«

»Wenn es Ihre Zeit erlaubt.«

»Zeit«, platzte Gross heraus, was ihm weitere Unmutsbekundungen eintrug, »natürlich habe ich Zeit für eine ausgewachsene Morduntersuchung. Ich muss erst in ein paar Tagen in der Bukowina sein.«

Gross verließ eilig den Ausstellungsraum und trat ins Treppenhaus. Werthen folgte ihm. An der ersten Treppe blieb Gross abrupt stehen.

»Aber wie geht es weiter? Das ist doch die entscheidende Frage, Werthen, oder?«

»Vollkommen richtig«, pflichtete der Anwalt bei.

»Ich sehe verschiedene Ansatzpunkte für unsere Untersuchung. Zuallererst müssen wir natürlich überprüfen, ob unser Herr Maler Alibis für die anderen vier Morde hat.«

»Daran arbeiten wir. Leider führt Klimt keinen Terminkalender.«

»Das ist auch nicht so wichtig«, fuhr Gross fort, »dazu bleibt noch genug Zeit. Dennoch bleibt die Frage, ob Herr Klimt nicht doch der Täter bei jenem letzten Verbrechen ist. Ein crime passionnel, wie unsere französischen Freunde es ausdrücken würden. Er tötet Modell und Geliebte in einem Anfall von Eifersucht, kommt nach dem Gewaltausbruch wieder zu sich, ihm wird klar, was er getan hat, und er kriegt es mit der Angst zu tun. Sein Selbsterhaltungstrieb übernimmt die Kontrolle. Um das Verbrechen zu vertuschen, legt er die Leiche in den Prater, damit auch dieser Mord so aussieht wie die anderen.«

Werthen nickte unwillkürlich. Zugegeben, es war eine Möglichkeit.

Gross schnalzte mit der Zunge und wedelte mit seinem Zeigefinger vor Werthens Gesicht. »Es gibt einen ganz einfachen Weg, das herauszufinden. Würden Sie mich bitte zu einem Telefon führen, Werthen? Ich muss einen Anruf tätigen.«

 

Sie stiegen an der Rückseite des Museums in die unterirdisch und überirdisch verlaufende Stadtbahn und stiegen an der Alser Straße aus. Von dort aus schlugen sie die Richtung zum Zentralkrankenhaus ein. Gross verzichtete auf Erklärungen, und Werthen war fest entschlossen, nicht nach ihrem Ziel zu fragen.

Die Straßen waren belebt mit Fußgängern und Kutschen. Werthen stieg der scharfe Geruch von Pferdedung in die Nase. Nicht zum ersten Mal fiel ihm auf, dass in Wien die Zeit stehengeblieben zu sein schien.

Man sah nur wenig Automobile. Der größte Teil des Verkehrs wurde noch immer mit Pferden bewältigt; selbst viele Omnibusse und Straßenbahnen fuhren mit Pferdekraft.

Der Grund für dieses Festhalten an der Tradition war der Kaiser höchstpersönlich.

Franz Joseph war kein Anhänger des technischen Fortschritts, er hatte noch nie ein Automobil gefahren, in der Hofburg, dem Palast der Habsburger, waren Telefone eine Seltenheit, und den kaiserlichen Sekretären war selbst der Gebrauch dieser neumodischen mechanischen Schreibmaschinen untersagt. Franz Joseph bestand darauf, dass sämtliche Korrespondenz – einschließlich seiner eigenen – von Hand zu erledigen sei.

Schon bald erreichten die beiden Männer den Haupteingang des Klinikgeländes. Vor ihnen erhob sich das Zentralkrankenhaus. Von diesem großen, grauen Bau wurden die Hoffnungen vieler Menschen verschlungen, dachte Werthen.

Im Hintergrund stand die gedrungene Fassade des Narrenturms, in dem man bis vor drei Jahrzehnten Geisteskranke unter beklagenswerten, nahezu mittelalterlichen Bedingungen beherbergt hatte.

Gross ging zu einem Seiteneingang des Zentralkrankenhauses, vorbei an einem Wachmann, dessen graue Uniform und graues Gesicht sich perfekt der Umgebung anpassten und der den Kriminologen offenbar vom Sehen kannte.

»Mal wieder ein Besuch, Herr Doktor?«, fragte der Mann.

Gross nickte. »Ich gehe davon aus, dass Inspektor Meindl vom Polizeipräsidium Sie bereits informiert hat?«

»Jawohl, mein Herr. Guter Tag für einen Besuch. Hier können Sie sich abkühlen. Da drin ist es so angenehm wie in einer Kathedrale.«

Werthen folgte Gross vorbei an dem Wachmann. Endlich dämmerte ihm, wohin es ging. Offenbar hatte der Kriminologe mit Inspektor Meindl telefoniert, um sich von ihm ihren Besuch im Leichenschauhaus genehmigen zu lassen. Kaum hatte Werthen das Gebäude betreten, umfing ihn ein Geruch peinlicher Sauberkeit, der nahezu obszön wirkte.

Sie gingen die Treppe hinunter, und mit jeder Stufe wurde es kühler, so wie es der Wachmann ihnen angekündigt hatte. An der ersten Tür auf der linken Seite stand Abteilung I. »Hier sind wir«, sagte Gross und klopfte einmal leise an, bevor er den Raum betrat.

Im Inneren standen in zwei Reihen Seziertische mit Marmorplatten, die von einer Rille umsäumt waren, an deren Ende sich ein Abfluss befand. Einige der Tische waren leer und wirkten vom häufigen Säubern zerkratzt und stumpf. Auf anderen lagen Leichen unter dicken, weißgrauen Baumwolllaken.

Der Fußboden war blassgelb gefliest. Durch ein Fenster hoch in der Wand drang schummriges grünliches Licht ins Souterrain; an der gegenüberliegenden Seite hingen zwei Gaslampen an der Decke.

Über eine der Marmorplatten beugte sich ein Rechtsmediziner, dessen Kittel bis zu den Ellbogen mit Blut besudelt war. Offenbar untersuchte er gerade den Mageninhalt eines Leichnams. Werthen hielt den Atem an, aber er hatte bereits den Gestank von chemischen Konservierungsmitteln und menschlicher Verwesung inhaliert, der den Raum erfüllte. Bittere Galle stieg ihm in den Mund, und er wandte rasch seinen Blick von der Autopsie ab.

»Inspektor Meindl hat Sie schon angerufen, nehme ich an«, sagte Gross zu dem Rechtsmediziner, der sich nicht die Mühe gemacht hatte, aufzuschauen, als sie den Raum betraten.

»Tisch sieben«, erwiderte der Mann, ohne den Blick von der Leiche zu nehmen, an der er gerade arbeitete.

Es war der Tisch, der am weitesten vom Fenster entfernt stand, und die Leiche unter dem Laken war sichtlich kleiner als die anderen Toten in der Leichenhalle.

Gross, der Erfahrung im Umgang mit Leichen hatte, schlug das Laken ohne viele Umstände zurück. Vor ihnen lag eine junge Frau. Ihr Körper, der einst lebendig, frisch und rosa gewesen war, wirkte jetzt kalkweiß, wie Werthen erstaunt bemerkte. Es gab keine sichtbaren Zeichen von Gewaltanwendung, obwohl die Frau an ihrer Nase eine Narbe zu haben schien. Ihre Lippen, die gewiss so manchen jungen Mann geküsst hatten, waren so weiß, dass sie sich kaum von der übrigen Gesichtshaut unterschieden. Auch ihre Brustwarzen, an denen einst ihre Kinder hätten saugen sollen, waren jetzt farblos grau und flach. Nur ihr kastanienbraunes Haar bildete einen Farbkontrast. Es lag fächerförmig um ihren Kopf; ihre Schambehaarung hatte dieselbe Farbe.

Werthen kam sich beim Anblick des unglückseligen Mädchens wie ein Voyeur vor. Dann stieg eine Flut von Erinnerungen in ihm hoch.

»Marie«, flüsterte er.

Er war sich nicht sicher, ob er das Wort tatsächlich ausgesprochen hatte, aber diese arme junge Frau erinnerte ihn an seine verstorbene erste Liebe.

Dieses Mädchen musste in etwa in Maries Alter sein, als sie sich damals verlobt hatten, überlegte er. Eine altbekannte Traurigkeit überkam ihn, das Gefühl eines schmerzhaften Verlustes und sein Schuldgefühl, nicht zur Stelle gewesen zu sein, als sie ihn so dringend gebraucht hatte.

Während er in Graz jeden Tag bis spät in die Nacht arbeitete, um sich einen Namen als Strafverteidiger zu machen, hatte er erst in den letzten Tagen ihres Aufenthalts in der Tuberkuloseklinik auf den Semmering-Alpen begriffen, wie krank sie wirklich war. Marie Elisabeth Volker, die die anglizierte Form ihres Namens so liebte, die über seine Ernsthaftigkeit lachte, bei der er sich so jung und lebendig fühlte und die ihn liebevoll schalt, weil er mehr Zeit mit Einbrechern und Geldschrankknackern verbrachte als mit seiner jungen Verlobten.

In Wahrheit waren es weder die Erwartungen seiner Eltern noch die eigene Sehnsucht nach einem leichten und sicheren Broterwerb gewesen, die ihn vom Strafrecht abbrachten. Nein, es waren Maries letzte Worte an ihn im Semmering-Sanatorium gewesen.

»Armer Karl«, hatte sie mit rotglühenden Wangen geflüstert, während sich kastanienbraunes Haar wie ein Fächer auf dem Kissen ausbreitete. »Ehrgeiz ist eine feine Sache, aber du wirst mich vermissen. Eines Tages wirst du verstehen, welche Chance wir vertan haben.«

Unmittelbar nach ihrem Tod gab er das Strafrecht auf. Als wollte er Buße tun, hatte er sich ins raffiniertere und weit gesündere Zivilrecht begeben. Jetzt, beim Anblick der jungen Frau auf der Marmorplatte vor ihm, schien sich eine Klammer um seine Brust zu legen. Marie hatte Recht behalten: er vermisste sie.

Gross hatte inzwischen Hut und Mantel abgelegt und untersuchte den Leichnam mit seinen großen, behaarten Händen. Er drückte an ihrem Mund herum und öffnete ihre Lippen, war aber außerstande, den Unterkiefer zu lösen.

»Sie ist noch ziemlich frisch«, bemerkte der Kriminologe beiläufig,«die Totenstarre hat sich noch nicht abgebaut.«

Bei diesem Worten rutschte plötzlich die Nase der jungen Frau aus ihrem Gesicht und entblößte rosa Knorpel und zwei klaffende Löcher.

Werthen schnappte nach Luft, aber Gross seufzte nur und drückte den Fleischstummel zurück an seine Position, als modellierte er eine Tonskulptur. Mit der gleichen Teilnahmslosigkeit untersuchte er Ohren, Hände und Füße der Leiche. Je weiter sich Gross am Körper herunterarbeitete, desto heftiger drängte es Werthen nach frischer Luft.

Er war sehr dankbar, dass es Gross nicht interessierte, herauszufinden, ob auch eine Vergewaltigung stattgefunden hatte. Stattdessen wandte er sich wieder dem Kopf zu und hob die Augenlider an, um einen Blick in die leblosen Pupillen zu werfen. Danach konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf den Hals der Leiche.

»Genau so«, murmelte er. »Vielleicht wollen Sie sich das hier mal anschauen, Werthen. Das ist die Handschrift des Mörders.«

Vorsichtig legte Gross die abgetrennte Nase beiseite und justierte den Kopf, um die Halsschlagader freizulegen. Dort, auf halber Länge des Halses, befand sich ein kleiner sauberer Schnitt, der Fleisch, obere Fettschicht und Sehnen durchtrennt hatte. Werthen schluckte und nickte.

»Ich vermute, dieser Schnitt wurde erst gemacht, als sie schon tot war«, bemerkte Gross. Er drehte den Kopf der Leiche wieder nach vorn, aber der sackte zurück auf die Seite. »Das heißt, nachdem er ihr das Genick gebrochen hatte. Genau wie bei den anderen vier Opfern. Der zweite Halswirbel ist zerbrochen wie ein trockener Zweig. Das war die Todesursache.« Gross drückte die Nase zurück ins Gesicht. »Und das hier passt auch. Man hat die Nase mit einem einzigen glatten Schnitt abgetrennt und dann irgendwo neben der Leiche zurückgelassen.«

Wieder musste Werthen schlucken. Dies hier war ganz und gar nicht mehr die Art Abenteuer, nach dem es noch vor wenigen Stunden ausgesehen hatte. Doch gleichzeitig machte die Ähnlichkeit des Opfers mit seiner Verlobten den Fall noch dringlicher. Er würde den Mörder dieses armen Mädchens dingfest machen und so seine Liebe zu Marie beweisen.

»Wenn sie bereits tot war, warum dann dieser Schnitt?«, erkundigte sich Gross. Die Frage war nur rhetorisch gemeint. Er deutete mit der Hand auf den weißen Leichnam.

»Natürlich um sie ausbluten zu lassen«, beantwortete er dann seine eigene Frage. »Alle fünf Opfer waren so blutleer wie ein ausgenommenes Kaninchen.«

Werthen antwortete nicht. Er wollte nur noch eins: frische Luft.

Gross zog das Laken wieder über den Leichnam. Bedächtig streifte er sich den Mantel über, setzte seinen Hut auf und warf Werthen einen Blick aus kalten, klaren Augen zu.

»Bei unserem Gespräch gestern Abend haben Sie vermutet, hier wäre ein Wahnsinniger am Werk. Sind Sie immer noch dieser Meinung?«

Es gelang Werthen, seine Stimme wiederzufinden. »Wer sonst könnte zu so etwas imstande sein?«

Erneut richtete Gross seinen durchdringenden Blick auf ihn. »Vielleicht gibt es noch eine andere Erklärung, mein lieber Werthen.«

Als sie den Autopsiesaal verließen, hatte sich der Rechtsmediziner zu einer neuen Leiche vorgearbeitet.

 

Gutgelaunt zerlegte Gross die Wurst auf seinem Teller und türmte ein stattliches Häufchen saftigen Sauerkrauts darüber, bevor er die schwerbeladene Gabel zum Mund führte. Werthen nippte an seinem Mineralwasser und versuchte vergeblich, seinen Appetit anzuregen, indem er die Schar der anderen Mittagsgäste im Gastraum um sich herum beobachtete. Auf dem Teller vor ihm lag ein Schnitzel. Es kam ihm genauso leblos vor wie die Leiche auf dem Seziertisch.

Wegen des Ausflugs ins Leichenschauhaus hatte Gross zwar das Essen im Hotel Bristol versäumt, bestand jedoch darauf, ein ordentliches Mittagessen zu sich zu nehmen. Also hatte Werthen ihn zum Schöner Beisl mitgenommen, einem netten kleinen Restaurant, das sich in einer Seitenstraße in der Nähe der Universität versteckte. Es war genau die Art von Lokal, wie er es liebte, betriebsam und erfüllt von herzhaften Düften aus der Küche. Jetzt jedoch musste er immerzu an das tote Mädchen denken. Und wie es seine Erinnerung an Marie beschworen hatte, als ob ihm seine frühere Verlobte durch diese andere Tote aus dem Grabe heraus etwas mitzuteilen versuchte.

»Haben Sie denn gar keinen Hunger, Werthen?«

»Es braucht wohl eine Weile, bis man einen Magen bekommt, der so etwas verdauen kann«, gab er zurück.

Gross, dessen beträchtlicher Leibesumfang ihn gezwungen hatte, sich die Jacke aufzuknöpfen, bevor er sich setzte, überhörte diese Anspielung. Stattdessen verschlang er unverdrossen die Wurst.

Nach dem Essen schlenderten sie durch den erst vor kurzem fertiggestellten Rathauspark, rauchten ihre Mittagszigarre und bewunderten die Fontänen der Springbrunnen. In dem gut besuchten Gasthaus hatten sie nicht über den Fall diskutieren können, jetzt aber, gesättigt von Wurst und mit einem Verdauungsschnaps im Bauch, wurde Gross ausgesprochen redselig.

»Wie Sie sehen konnten«, sagte er, »passt das letzte Opfer exakt zum Muster der anderen Morde. Daraus folgt, dass Ihr Malerfreund entweder alle oder gar keinen Mord begangen hat.«

»Er ist nicht mein Malerfreund. Und ich stimme Ihnen zu. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er der Mörder ist.«

»Dazu sind noch nicht alle Fragen beantwortet. Seine Geliebte wohnte doch in Ottakring?«

Werthen nickte.

»Ich denke, ein kleiner Spaziergang nach dem Essen kann nicht schaden«, meinte Gross. »Und während unser Magen seine Arbeit tut, können wir derweil unser Gehirn trainieren. Glauben Sie nach allem, was Sie gesehen haben, immer noch, wir hätten es mit einem Verrückten zu tun, oder haben Sie noch eine andere Theorie?«

»Dieses Ausbluten!«, rief Werthen unvermittelt. »Das kommt mir irgendwie merkwürdig bekannt vor!«

Gross warf seinem Begleiter einen scharfen Seitenblick zu. »Ja?«

»Ich meine mich an einen Ihrer Fälle zu erinnern. War es nicht diese Angelegenheit in Polna?«

»Ah.« Gross nickte anerkennend. »Sie überraschen mich, Werthen. Offenbar haben Sie meine Karriere sehr genau verfolgt.«

»So könnte man es vielleicht auch sehen. Wenn ich mich jedoch recht entsinne, überschlugen sich die Zeitungen damals wegen dieser Morde. Man hätte diese Geschichte kaum ignorieren können.«

»Erinnern Sie sich auch noch an die Einzelheiten?«, erkundigte sich Gross.

»Es waren zwei – nein, drei Morde in einem kleinen Landkreis in Böhmen, nahe der Stadt Polna. Alle Opfer waren erwürgt worden und ausgeblutet. Man sprach sofort von Ritualmorden. Sie selbst ebenfalls, Gross, wenn ich mich recht entsinne.«

»Wenn bestimmte Tatsachen so klar auf dem Tisch liegen, ist es meine Pflicht, sie auch dann nicht zu vernachlässigen, wenn sie unbequem sind.«

»Jüdische Ritualmorde, nicht wahr?«

»Ich bin kein Antisemit, Werthen. Schon unsere Freundschaft sollte dafür Beweis genug sein.«

»Ah. Allerdings bin ich auch bereits ziemlich assimiliert. Sagten Sie selbst nicht einmal, dass mein Vorname absolut arisch klänge und dass meine helle Gesichtsfarbe oder meine Körpergröße recht verwirrend wirkten?«

»Das stimmt ja wohl auch«, entgegnete Gross.

»Wie haben Sie mich einmal genannt? Goldjunge, glaube ich. Als müssten Juden immer wie die personifizierte Karikatur eines buckligen gierigen Wucherers aussehen. Nun, wir Werthens versuchen tatsächlich, uns anzupassen«, erklärte Werthen etwas schnippisch.

Die Erinnerung an die hartnäckige Forderung seines Vaters, dass Werthen lernte, sich wie ein Gentleman zu benehmen, löste selbst jetzt noch starken Widerwillen ihn ihm aus. Er hatte endlose Ritte über die Hügel Oberösterreichs und ermüdende Stunden mit dem Fechtmeister über sich ergehen lassen und im Herbst und Frühling viele Wochen in seinem Studium pausieren müssen, um auf der Suche nach Gemsen und Bären über Berg und Tal zu stapfen. So war Werthen gegen seinen Willen zu einem durchtrainierten jungen Mann und einem hervorragenden Schützen geworden, obwohl er sich doch eigentlich nach einem geistigen Leben sehnte.

»Mein Großvater hat unsere Vornamen ausgesucht«, fuhr Werthen fort. »Genauer gesagt, sein früherer Arbeitgeber. Seit Jahrzehnten hatten wir keine religiösen Juden mehr in unserer Familie. Wir alle waren einfach nur gute Protestanten.«

Gross, der Katholik, enthielt sich eines Kommentars. Schweigend gingen sie weiter und beobachteten, wie ein Langhaardackel, der offenbar seiner Leine entkommen war, wohlgemut sein schirmschwenkendes Frauchen umkreiste.

Diese Art von Wortgeplänkel hatten Werthen und Gross während ihrer langen gemeinsamen Zeit in Graz entwickelt. Nachdem er einen seiner ersten Fälle gegen den als Ankläger auftretenden Kriminologen verloren hatte, wurde Werthen schon bald zu einem seiner Jünger.

Nach der Verhandlung hatte er Gross privat aufgesucht, ihm zu seiner ausgezeichneten Arbeit gratuliert und ihm gestanden, wie sehr er sich wünschte, von seiner umfassenden Erfahrung lernen zu dürfen. Gross fühlte sich geschmeichelt und nahm Werthen unter seine Fittiche. Der junge Anwalt wurde ein häufiger Gast in der von Gross’ Frau Adele geschickt geführten, eleganten Wohnung in der Grazer Innenstadt.

Da er gut siebzehn Jahre jünger war als Hans Gross, wurde Werthen schon bald zum Vertrauten ihres schwierigen Sohnes Otto, der selbst dreizehn Jahre jünger war als Werthen. Aus diesem Grunde fungierte der junge Anwalt als eine Art Mittler und gab dem Jungen in diesem schwierigen Alter geistige Anleitung, bis der volljährig geworden war.

Gross war für Werthens Vermittlerdienste dankbar, denn die Beziehung zwischen Otto und seinem Vater war alles andere als einfach.

Obwohl er ein so umfassendes Wissen über die Psychologie von Verbrechern besaß, schien Gross keinerlei Gespür für ganz normale zwischenmenschliche Angelegenheiten zu haben. Die militärische Strenge seiner Vorfahren hatte sehr stark auf Hans Gross abgefärbt, so dass er mit der extremen Sensibilität des jungen Otto nichts anfangen konnte. Werthen dagegen war das Zusammenleben mit Personen, die ein etwas überspanntes Nervenkostüm besaßen, nur allzu vertraut. Sein jüngerer Bruder Max hatte diese Art der Überempfindlichkeit das Leben gekostet. Er hatte sich auf eine wahrhaft österreichische Art und Weise am Grabe seines Idols, des Stückeschreibers Grillparzer, erschossen. Werthen war fest entschlossen, zu verhindern, dass Otto dieses Schicksal teilte, und freute sich, als er jetzt erfuhr, dass Otto bereits den Abschlussjahrgang der medizinischen Fakultät erreicht hatte.

Diese Vorgeschichte verband Werthen und Gross miteinander. Wo andere nur den stürmischen, aufgeblasenen Kriminologen sahen, vermochte Werthen auch seine Schwächen zu schätzen.

Das wilde Kläffen des Langhaardackels riss den Anwalt aus seinen Gedanken.

»Ich hoffe, Sie kommen diesmal nicht wieder mit ähnlichen Hypothesen wie damals«, meinte Werthen schließlich und wandte sich von dem herumtollenden Hund ab. »Diese Polna-Affäre war nicht gerade Ihre Sternstunde. Wenn ich mich recht entsinne, hat sich am Ende sogar herausgestellt, dass diese Morde auf irgendwelche lokalen Eifersüchteleien zurückzuführen waren, und man hatte die Leichen nur ausgeblutet, um den Verdacht vom Postboten, dem wahren Mörder, abzulenken.«

»Dennoch bleibe ich dabei, dass es unsere Pflicht als Untersuchungsbehörde ist, jedem Hinweis und jedem Verdachtsmoment zu folgen, ganz gleich, wohin er uns bringt.«

»Auch wenn das zu Antisemitismus führen kann?«

»Immerhin hält sich die Behauptung, dass die Juden zum Passahfest menschliches Blut für ihre Matzen aus ungesäuertem Brot benötigen«, antwortete Gross in einem fast feierlichen sokratischen Tonfall, als wollte er Werthen zu einem Disput herausfordern.

Der blieb wie angewurzelt stehen. »Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein, Gross! Ritualmorde? Wir schreiben bald das zwanzigste Jahrhundert. Das ist doch ausgemachter Blödsinn.«

»Die Leichen wurden im Prater gefunden«, sagte Gross. »Im Judenviertel.«

»Sie können so etwas doch wohl nicht wirklich glauben. Ich mag vielleicht assimiliert sein, aber ich bin nach wie vor ein Jude, und ich finde solche Mutmaßungen in höchstem Maße beleidigend.«

»Ich untersuche nur einen Fall«, beschwichtigte ihn Gross. »Und ich glaube erst mal gar nichts. Ich halte mich an die Wissenschaft und nicht an Aberglauben. Bisher weiß ich nur, dass es bis jetzt fünf Opfer gab. Zwei männliche und drei weibliche. Sie waren zwischen achtzehn und dreiundfünfzig Jahre alt und entstammten unterschiedlichen sozialen Schichten, von der Mittelschicht und der unteren Mittelschicht bis hin zur Oberschicht. Bis jetzt ist die einzige Verbindung zwischen den Morden die Tötungsmethode, das Ausbluten nach dem Tod, die abgeschnittene Nase und der Fundort der Leichen. Aus all dem schließe ich, dass wir eine Person, höchstwahrscheinlich einen Mann suchen, der stark genug ist, Leuten das Genick zu brechen, und geschickt genug, um mit einem Messer oder einem anderen scharfen Instrument entsprechende Schnitte an der Halsschlagader vorzunehmen. Das ist bis jetzt alles, was ich weiß, Werthen.«

»Aber warum trennt man ihnen die Nase ab? Wie könnte das mit irgendwelchen Ritualmorden in Verbindung stehen?«

Gross lächelte nur.

»Verstehe.« Werthen nickte. »Eine Art Signatur, ist das Ihre Theorie?«

»Exzellent, Werthen. Ihre Schlussfolgerungen sind wirklich erstklassig. Sie hätten das Strafrecht nicht an den Nagel hängen sollen. Wie sagt man so schön: ›Man sieht es ihnen an der Nasenspitze an.‹«

Gross wartete auf die Wirkung seines Scherzes, aber Werthen verzog keine Miene.

»Welche Art von Karikatur assoziieren wir sofort mit einem Juden, wenn nicht diese Hakennase? Also wäre es eine Art von sadistischer Rache, wenn man den Ariern ihre Nasen abschneiden würde. Das wäre in der Tat ein jüdisches Markenzeichen.«

»Ich hoffe sehr, Sie spielen den Advokaten des Teufels nur.«

Wieder zuckte der stattliche Kriminologe als Antwort mit den Schultern.»Ich deute nur an, in welche Richtung sich die Nachforschungen möglicherweise wenden sollten«, meinte er dann.

»Ich versichere Ihnen, Gross, Klimt ist weder Jude noch Antisemit.«

»Genauso wenig wie der Schuldige der Polna-Morde, an die Sie mich gerade so freundlich erinnerten«, erwiderte Gross mit einem etwas gequälten Lächeln. »Trotzdem hat das für einige Zeit wirkungsvoll vom wahren Mörder abgelenkt. Mir scheint«, fuhr er fort, als Werthen darauf nichts erwiderte, »dieser Fall birgt eine Vielzahl von Problemen, mein Freund. Schnelligkeit ist dabei von äußerster Wichtigkeit. Frankreich ist vielleicht für seine Dreyfus-Affäre berüchtigt, aber ich kann Ihnen versichern, Werthen, dass Österreich in diesem Bereich ebenfalls seine eigenen hausgemachten Fanatiker hat. In meiner Heimat, der Steiermark, gibt es etliche, die lauthals Hurra brüllen. Wir haben Schönerer und seine Deutsch-Nationalisten, und sogar Ihr frisch gebackener, geschätzter Bürgermeister Karl Lueger gehört dazu, mit seinem berühmten Ausspruch: ›Wer ein Jude ist, bestimme ich …‹

Sollten die Einzelheiten über diese Morde den Weg in die Zeitungen finden, würden die Antisemiten sie im Handumdrehen zu Ritualmorden erklären. Jüdische Morde. Bei einem Bürgermeister, der von der Rednertribüne aus den Judenhass verbreitet, muss man kein Hellseher sein, um zu wissen, wohin das führt. Pogrome und wer weiß schon was sonst noch.«

Noch immer antwortete Werthen nichts. Aber es missfiel ihm, dass Gross Bürgermeister Lueger als geschätzten Menschen bezeichnete. Der Mann, den die Unterschicht gern den Schönen Karl nannte, war in Wirklichkeit ein Scharlatan, der nur darauf wartete, die Massen mit seinem Antisemitismus aufzuhetzen. Derselbe Bürgermeister hatte eine Art städtischen Sozialismus geschaffen, der von der Wiege bis zur Bahre alles umfasste, aber das wog seine demagogische Hetzerei schwerlich auf. Der Kaiser hatte ihm wegen dieser Überzeugungen bereits dreimal die offizielle Anerkennung im Amt verweigert.

»Wie Sie unschwer erkennen können, Werthen«, polterte Gross weiter, »kann es rasch passieren, dass wir unter schweren Beschuss geraten. Ich muss diese Mordfälle aufklären, bevor die Öffentlichkeit Wind davon bekommt oder irgendein umtriebiger Zeitungsmann etwas herauskriegt und die Angelegenheit in der ausländischen Presse veröffentlicht.«

»Eigentlich, und dazu hatte ich Sie bringen wollen, Gross, sollten Sie nur beweisen, dass mein Mandant Klimt an dieser letzten Gräueltat unschuldig ist«, sagte Werthen.

»Aber das läuft doch auf dasselbe hinaus oder nicht?« Gross machte eine dramatische Pause. »Entweder hat Ihr Mandant nichts mit dem fünften Mord zu tun, oder er hat alle fünf Morde auf dem Gewissen, denn nur der Mörder konnte seine Handschrift so genau kennen.«

Werthen überlief es eiskalt, als wäre er über ein Grab getreten. Er war nicht mehr ganz davon überzeugt, dass es richtig gewesen war, sich an Gross zu wenden. Und vielleicht war es auch nicht klug, sich in dieser Angelegenheit zu sehr zu engagieren. Es hatte zwei Generationen gedauert, bis die Werthens ihre jüdischen Wurzeln hatten kaschieren können. Würde ihn diese Untersuchung vielleicht auf alle Ewigkeit mit den Juden verknüpfen? Aber das unschuldige Mädchen auf dem Seziertisch hatte ihn gerührt. Auf dieses Gefühl war er nicht vorbereitet gewesen, und es hatte ihn schlicht überwältigt.

3. KAPITEL

Während der Tramfahrt nach Ottakring setzte Gross Werthen über seine Beobachtungen ins Bild.

»Sie haben doch sicherlich auch die charakteristischen Merkmale dieses Rechtsmediziners im Leichenschauhaus bemerkt, Werthen?«

Der war jedoch so sehr vom Geruch des Todes beansprucht worden, dass er nur wahrgenommen hatte, dass der Rechtsmediziner bis zu den Ellenbogen mit Blut besudelt war.

»Das kann ich nicht behaupten, Gross.« Die Straßenbahn überquerte den Gürtel, die zweite Ringstraße, welche die äußeren Bezirke von der Innenstadt abgrenzte. Hier wurden die Häuserzeilen größer, grauer und deutlich ärmlicher. Die in den letzten Jahrzehnten errichteten Arbeiterwohnungen wiesen nichts von der Eleganz und Schönheit der Häuser zwischen der Ringstraße und dem Gürtel auf.

»Tatsächlich nicht?« Gross klang ehrlich überrascht. »Stellen Sie sich den Autopsiesaal vor, Werthen. Denken Sie an die Einrichtung, das Licht und konzentrieren Sie sich dann auf den Rechtsmediziner, der so sehr in seine Arbeit vertieft war, dass er noch nicht einmal zu uns aufblickte. Fällt Ihnen da nicht ein sehr kennzeichnendes Merkmal ein? Ich gebe Ihnen einen Tipp: Es war rot.«

»Ich bin überzeugt, Gross, dass seine Arme keineswegs immer mit Blut bedeckt sind.« Das Fragespiel ging Werthen zusehends auf die Nerven.

Ein Pensionär mit einem Tirolerhut in der Sitzreihe vor ihnen drehte sich um und starrte Gross und Werthen mit seinen rotgeäderten rheumatischen Augen neugierig an.

Gross griff sich kurz grüßend an den Hut, kam dann jedoch sofort auf sein Thema zurück.

»Nein, Werthen. Ich meine nicht das Blut. Es war ein sichelförmiges Muttermal auf seiner linken Schläfe. Es war sehr gut zu erkennen, als wir hereingekommen sind.«

Der Rentner glotzte sie immer noch an, während Werthen kurz die Augen schloss und versuchte, sich den Sezierraum zu vergegenwärtigen.

Ein Bild der Hände des Rechtsmediziners stieg hinter seinen Lidern auf, die tief in den Eingeweiden der Leiche wühlten, dann arbeitete er sich weiter am Körper des Mannes hinauf, bis plötzlich das besagte Muttermal auftauchte.

»Sie haben recht, Gross! Der Mann hatte tatsächlich ein Muttermal in der Form einer Mondsichel.« Dann sah er den alten Mann an, der sie immer noch anstarrte: »Möchten Sie uns vielleicht Gesellschaft leisten?« Mit einem empörten Schnauben drehte der Mann den Kopf wieder nach vorn.

»Nicht nötig, gleich grob zu werden, Werthen«, bemerkte Gross. Werthen hob erstaunt eine Braue bei dieser Bemerkung. Gerade Gross achtete für gewöhnlich so wenig auf die Gefühle anderer Menschen, dass er nicht einmal bemerkte, wenn er unhöflich war.

»Sie sollten unbedingt lernen, solche Details wahrzunehmen, Werthen«, fuhr Gross fort. »Nehmen Sie mich als Beispiel. Ich habe mich gewissenhaft in der höchsten Kunst der Betrachtung geübt: die des zuverlässigen Zeugen.« Gross hob die Hände, bevor Werthen antworten konnte. »Ich weiß, das klingt wie ein Widerspruch in sich. Ich mag nicht daran denken, wie viele Fälle mir durch die Finger geglitten sind, weil Zeugen so leicht manipulierbar sind. Zeugen, die unbedingt berühmt werden wollten und bereitwillig alles aussagten, was dafür nötig schien. Manche waren sogar farbenblind. Wussten Sie, dass immerhin fünf Prozent aller männlichen Erwachsenen Rot nicht von Blau unterscheiden können?«

»Ich kann mich nur wiederholen, Gross. Ihr umfassendes Wissen beeindruckt mich.«

Diesmal entging Gross der spöttische Unterton in Werthens Stimme nicht. »Entschuldigen Sie, falls ich Sie gelangweilt habe, alter Junge.« Er straffte sich. »Übrigens hatte der Pathologe gar kein Muttermal im Gesicht. Ich wollte Ihnen nur beweisen, wie leicht wir alle beeinflussbar sind.«

Der Rentner in der Sitzreihe vor ihnen kommentierte das mit einem verächtlichen Schnauben.

Den Rest der Strecke bis zu Anna Plötzls Wohnung legten sie schweigend zurück.

Anna lebte in der Nähe des Ottakringer Krematoriums, der Endstation der Tramlinie J. Das Gebäude an der Ottakringer Straße 231 glich den fünf anderen in jenem Teil der schmalen Straße. Die Häuser hatten fünf Stockwerke und ihre Fassaden mussten dringend überholt werden.

Die Haustür war unverschlossen, kein neugieriger Portier verfolgte das Kommen und Gehen der Mieter.

Im Inneren des Hauses war es dunkel wie in einer Höhle. Man gelangte durch drei Treppenhäuser in die oberen Etagen. Treppenaufgang A befand sich zur Linken des Eingangs. Auf dem zweiten Absatz begriff Werthen, dass die Nummerierung der Appartements nichts mit dem Stockwerk zu tun hatte, in dem sich die Wohnungen befanden. Anna Plötzls Appartement lag am Ende des Flurs im fünften Stock. Werthen schickte ein Stoßgebet in den Himmel, dass sie zu Hause sein möge, als sie an die Tür klopften.

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