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Das Haus der Freude

1

Der Raum glich einer antiken Opferstätte. Aus drei Feuerbecken züngelten Flammen hoch, in denen Weihrauchkegel knisterten. Der aromatische Duft vermischte sich mit dem Geruch nach Wachs, den unzählige Kerzen verströmten. Ihr flackerndes Licht spiegelte sich in blank polierten dunkelroten Marmorwänden.

Eine nackte Frau lag auf einem Altar, anders konnte man den schweren Tisch mitten im Raum nicht bezeichnen. Er befand sich auf einem über drei Stufen zu erreichenden Podium, das an den Längsseiten von jeweils drei nackten Männern flankiert wurde. Jeder von ihnen hielt eine dicke Kerze vor seine voll erigierte, an der Wurzel und den Hoden mit einem Lederriemen umwickelte Rute. Sie verharrten bewegungslos, als wären sie zu Stein erstarrte Statuen. Auch als ein hochgewachsener Mann die Stufen des Podiums hinaufstieg, verzogen sie keine Miene. Er trug eine weitgeschnittene schwarze Hose in orientalischem Stil und ein rotes Seidenhemd. Sein langes schwarzes Haar hatte er straff aus dem Gesicht genommen und im Nacken zu einem festen Zopf geflochten. Als er in einer spielerischen Liebkosung über den nackten Schenkel der Frau strich, blitzte an seinem rechten Daumen ein breiter Silberring auf.

Die von der Decke hängenden Ketten, in denen die Handgelenke und Fußknöchel der Frau lagen, klirrten leicht, da sie vergeblich versuchte, die Position ihrer gespreizten Beine und ausgebreiteten Arme zu verändern, um sich dem Mann entgegenzustrecken.

Er sah auf die Frau hinunter. »Bereit, Madame de Carrée?« Obwohl er nicht übermäßig laut gesprochen hatte, hallten die Worte im Raum. Seine Finger wanderten weiter über die helle Haut, bis sie die steif aufgerichtete Brustwarze erreichten. Er umkreiste sie sanft mit der Spitze seines Zeigefingers, ehe er sie unverhofft hochzog und zusammendrückte. Die Frau stieß einen abgehackten Laut aus, der in ein kehliges Stöhnen überging.

Ohne seine lustvolle Folter zu unterbrechen, bedeutete der Mann einem der Umstehenden, ihm die Kerze zu reichen. »Bereit, Liebste?«, wiederholte er und ließ die geschwollene Brustwarze los.

Die Frau nickte und blickte die Kerze mit einer Mischung aus Faszination und aufsteigender Panik an. Ihr Atem ging stoßweise und übertönte das leise Knistern aus den Feuerbecken.

»Wenn Ihr lieber doch auf diese Erfahrung verzichten möchtet, können wir es auch bei der üblichen Prozedur belassen.« Er entfernte die Kerze aus ihrem Blickfeld, ohne zurückzutreten.

»Nein.« In das heisere Timbre mischte sich der Klang einer unüberhörbaren Sehnsucht. »Ich will es. Heute. Jetzt.«

»Euer Wunsch ist mir Befehl, Madame de Carrée.« Er hielt die Kerze über die Brust der Frau und kippte sie leicht. Ein dünner Strahl Wachs landete zwischen ihren Brüsten und lief weiter, bis die Flüssigkeit erstarrte.

»Wenn ich die Kerze tiefer halte, ist das Wachs heißer, Liebste, das erhöht den Schmerz … und die Lust. Was meint Ihr, soll ich sie tiefer halten?« Spielerisch ließ er das Wachs um den brennenden Docht kreisen.

Die Frau befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze. »Ich vertraue Euch, Farid. Ihr habt mir so oft Lust verschafft, und auch dieses Mal kennt Ihr mein Verlangen besser als ich selbst. Schenkt mir Lust, bis ich schreie. Schenkt mir Lust, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin und wo ich bin«, antwortete sie mit rauer Stimme.

»Euer Wunsch ist mir Befehl, Liebste.« Er senkte die Kerze über die geschundene Brustwarze und ließ das heiße Wachs auf die Aureole tropfen.

Madame de Carrée schrie auf und umklammerte die Ketten. Ohne zu zögern hob Farid die Kerze ein wenig an und kippte sie erneut. Winzige Wachsperlen sprangen von der erigierten Brustwarze ab und bedeckten die zarte Haut, die sie umgab.

Die Frau bäumte sich auf, und noch ehe ihr Körper auf den Tisch zurückfiel, tropfte das Wachs auf ihre andere Brustwarze. Die Ketten klirrten wieder, und Madame de Carrées Aufschrei ging in einen kehligen Laut purer Lust über. Sie versuchte, die Schenkel zusammenzupressen, um sich Befriedigung zu verschaffen, und als ihr dies nicht gelang, wand sie sich stöhnend in den Fesseln. Schweiß sickerte in einem dünnen Rinnsal von ihren Achseln auf die Steinplatte, auf der sie lag.

Farid zeichnete mit dem Wachs ein Muster auf ihren Bauch und näherte sich dabei dem glattrasierten Venushügel. Er hob die Kerze wieder ein Stück höher und ließ dann einen Schwall Wachs über die Scham der Frau laufen. Wieder zerrte Madame de Carrée an den Ketten und stieß ein lang gezogenes Stöhnen aus.

Das Wachs rann an der zarten Haut zwischen Schenkel und Schamlippen hinunter. Farid reichte die Kerze einem der Männer und nahm eine andere, in der sich noch mehr flüssiges Wachs befand. Er ging um den Tisch herum und blieb direkt zwischen den gespreizten Beinen der Frau stehen. Ihre Spalte klaffte vor Gier und Erregung weit auseinander.

Die ersten Wachstropfen fielen in schnellem Stakkato und liefen auf die prall geschwollenen Schamlippen. Nach einem Blick auf das vor Lust verzerrte Gesicht der Frau ließ Farid das Wachs über die feuchtglänzenden Falten fließen. Sie schrie auf, und ihr Rücken wölbte sich wie von einer fremden Macht beherrscht. Die Kontraktionen ihrer Scheide waren so stark, dass Farid sie ohne Mühe erkennen konnte, und sie dauerten noch an, als der Körper von Madame de Carrée bereits schlaff und reglos auf dem Altar lag.

»Sie gehört euch«, sagte Farid und stellte die Kerze beiseite. »Aber erst, wenn sie das Bewusstsein wiedererlangt hat. Sie ist nicht zimperlich, sondern braucht es hart – allerdings ohne Spuren. Sie mag es, wenn ihr euren Samen über ihr Gesicht und ihren Körper spritzt, nachdem sie euch vorher beim Wichsen zugesehen hat. Simon und Etienne, ihr werdet Madame helfen, sich wieder präsentabel zu machen, ehe sie uns verlässt. Wie üblich ist alles Notwendige dazu im Nebenzimmer vorbereitet.«

Die Männer nickten, und Farid tätschelte die Wange der Frau. Sie drehte den Kopf weg und gab einen unwilligen Laut von sich. Als ihre Lider zu flattern begannen, wandte er sich ab und stieg die Stufen des Podiums hinunter.

Farid schloss die Tür des Marmorsalons von außen und löste mit einem Handgriff seinen Zopf. Er schüttelte sein Haar aus, bis es glatt auf die Schultern fiel, und ging den Flur entlang zum Erkerzimmer der ersten Etage, in dem sein Bureau lag. Er hatte es eingerichtet, nachdem ihm bewusst geworden war, dass er als Bordellbesitzer über seine Einnahmen und Ausgaben exakt Buch führen musste, damit der Steuereintreiber ihn nicht länger mit seiner Anwesenheit belästigte als unbedingt nötig.

Diese Aufgabe ödete ihn an, vor allem, da von den Einnahmen wesentlich weniger übrig blieb, als übrig bleiben sollte, um ihn ruhig schlafen zu lassen. Mit einigem Unbehagen erinnerte er sich immer öfter an Emmalines schallendes Gelächter, als er ihr offenbart hatte, dass er ein Bordell für Frauen eröffnen wollte.

Emmaline Dessante war nicht nur alles, was er im weitesten Sinn an Familie vorzuweisen hatte, sondern auch die erfolgreichste Bordellbetreiberin in Versailles, wenn nicht von ganz Frankreich. Im Alter von zehn Jahren war er ihr auf dem Marktplatz über den Weg gelaufen, als er ein Stück Schinken gestohlen hatte. Statt ihn der Obrigkeit auszuliefern, hatte Emmaline den Schinken bezahlt und den jugendlichen Delinquenten im gleichen Zug zu sich genommen. Als sie erfuhr, dass seine Mutter ihn vor Jahren bei Zigeunern zurückgelassen hatte, die gerade am Stadtrand kampierten, schickte sie jemanden mit einer Nachricht und einem Beutel Münzen dorthin. Ob das der alleinige Grund gewesen war, dass ihn niemand holen kam, bezweifelte Farid bis heute. Die Zigeuner hatten ihn immer spüren lassen, dass er nicht zu ihnen gehörte, sondern nur ein unerwünschter Esser war. Man hätte wohl auch ohne Emmalines Geld nicht nach ihm gesucht, da man froh war, ihn los zu sein. An dieser einfachen Wahrheit gab es nichts zu rütteln.

Daher ließ er die engen, muffigen Wohnwagen aus Holz ohne Bedauern hinter sich, in denen jeder neue Tag einen neuen Kampf brachte, den er niemals hätte gewinnen können. Begeistert schlüpfte er in die bunten Kleider, die Emmaline für ihn aussuchte, schnallte den kleinen Krummsäbel um und setzte den Turban auf, der ihm anfangs oft über die Augen rutschte. So ausstaffiert stand er im Foyer von Madame Dessantes Etablissement und gewöhnte sich mit der Zeit an die Entzückensschreie der weiblichen Gäste, die an den oft und gerne veranstalteten privaten Gelagen im Haus teilnahmen. Zwar war er kein Mohr, aber sein Äußeres exotisch genug, um in Verbindung mit der passenden Kleidung als orientalischer Page durchzugehen. Zum ersten Mal bedauerte er es nicht mehr, dass mandelförmige schwarze Augen und aufgeworfene Lippen sich in seinem Antlitz zu fremdländisch anmutenden Zügen vereinigten.

Man kniff ihn in die Wange, tätschelte ihm den Rücken und steckte ihm Süßigkeiten in die Taschen, manchmal sogar die eine oder andere Münze. Anfangs dachte er nicht darüber nach, was all die vornehmen Menschen in ihren teuren Kleidern im Haus seiner Gönnerin taten. Er dankte einfach dem Schicksal, ihn zu Lebzeiten in ein solches Paradies geführt zu haben. Regelmäßige und reichhaltige Mahlzeiten ließen ihn in die Höhe schießen, gleichzeitig wuchs auch seine Neugier. Nach und nach reimte er sich zusammen, welcher Art Madame Dessantes Etablissement war, und es störte ihn nicht. Mit sechzehn begleitete er zum ersten Mal eine Frau in eines der Appartements. Er lernte schnell, und schon bald hatte er Stammkundinnen, die ihn auch zu einschlägigen Veranstaltungen in Privathäusern mitnahmen. So erweiterte sich nicht nur das Repertoire seiner Fertigkeiten, sondern auch sein Bekanntheitsgrad. Seinen ersten Mann hatte er mit neunzehn. Obwohl er seine Dienste in der Folge auch Männern zur Verfügung stellte, bevorzugte er Frauen und widmete sich inbrünstig der Erforschung aller weiblichen Geheimnisse. Sein Leben glich mehr und mehr einem nicht enden wollenden Rausch. Er fand Gefallen an der Macht, die mit der Beherrschung der Lust anderer einherging. Mit einiger Verwunderung stellte er fest, wie leicht er damit seinen Geldbeutel füllen konnte, wenn er die Zügel fest in den Händen behielt und sich keine Schwächen erlaubte. Je ausgefallener die Wünsche der Kundschaft, desto höher sein Gewinn, auch dies war ihm bald klar geworden. Mit vierundzwanzig kannte er alle Spielarten der Lust und stand im Ruf, jeder Frau, die zu ihm kam, einen Höhepunkt verschaffen zu können. Gleichgültig, welche Praktiken sie bevorzugte, gleichgültig, wie alt sie war, gleichgültig, wie sie aussah – solange sie das geforderte Salär entrichtete, brachte er sie innerhalb einer Stunde dazu, einen Orgasmus zu erleben, der Vergleichbares suchte.

Da Madame Dessantes Etablissement – abgesehen von der Vermietung von Räumlichkeiten für private Zusammenkünfte – vorwiegend der Befriedigung männlicher Besucher und ihrer Bedürfnisse diente, erschloss sich Emmaline damit eine neue, wohlhabende Klientel. Die weibliche Kundschaft empfahl ihn weiter, und stetig wachsende Nachfrage bestärkte Farid in der Annahme, dass ein Bordell für Frauen eine Goldgrube sein müsste.

Emmaline, mit der er einmal andeutungsweise darüber sprach, schüttelte nur den Kopf. »Frauen bekommen immer und überall Sex. Dafür zu zahlen, das wird sich bei ihnen nie durchsetzen, glaub mir, mon enfant.«

»Warum rennen sie dir dann die Tür ein?«, fragte er ungläubig.

Emmaline musterte ihn durch den Rauch ihrer Zigarre. »Sie rennen nicht mir die Türe ein, mon trésor. Sie rennen dir die Tür ein. Sie kommen nur wegen dir. Sei es, wegen deines Rufes als Meister im Gebrauch von Feuer und Nadeln, sei es wegen deiner legendären Ausdauer, deiner Ausstattung …« Sie hob die Achseln. »Ganz gleich, was der Grund ist – sie kommen nur wegen dir.«

Er schob diesen Einwand beiseite, so schmeichelhaft er auch war. »Aber deine Mädchen erzählen mir immer wieder, wie viele Männer es schätzen würden, wenn ihre Ehefrauen etwas mehr …«

Emmalines Gelächter ließ ihn innehalten, und er zog beleidigt seine Hand weg, als die Frau danach griff. »Ich hatte keine Ahnung, dass du so naiv bist, mon enfant.« Sie betonte die letzten beiden Worte voller Zuneigung, zwinkerte ihm aber gleichzeitig verschmitzt zu. »Natürlich erzählen unsere Kunden den Mädchen ihre Wunschträume. Und natürlich gibt es bestimmt eine nicht geringe Anzahl von ihnen, die gerne dabei zusehen möchte, wie ihre Frau von einem anderen Mann genommen wird. Aber das hat absolut nichts damit zu tun, was Ehemänner im Allgemeinen vom ehelichen Beischlaf erwarten. Sie haben im Grunde kein großes Interesse daran, dass ihre Frauen etwas dabei empfinden. Im Gegenteil, wenn prüde Ehefrauen plötzlich auf den Geschmack kommen, besteht viel eher die Möglichkeit, dass auch sie sich ihr Vergnügen außerhalb des Ehebettes suchen.« Sie betrachtete Farid eine Weile. »Die Art ›Schule für Eheleute‹, die du im Sinn hast, ist eine romantische Vorstellung, nichts weiter. Dein Bestreben, die Welt ein Stück besser zu machen, in Ehren, aber das wird nicht funktionieren, Farid.«

Natürlich hatte er ihr nicht geglaubt. Stattdessen hielt er sein Geld zusammen und sah sich nach einem passenden Gebäude um, das er zu seinem »Haus der Freude« machen konnte. Aber erst nach seinem Aufenthalt im Süden, der mit dem Engagement des Herzogs von Mariasse begonnen hatte, verfügte er über die nötigen Mittel, seinen Traum zu verwirklichen. Die Zwangslage eines notorischen Spielers brachte ihn schließlich in den Besitz eines Hauses am Rande von Versailles, das er nach seinen Vorstellungen herrichten ließ. In seinen Plänen nahm er selbst die Rolle eines Prinzipals ein, dessen Aufgabe sich darauf konzentrierte, alle Fäden in der Hand zu halten, statt seinen Köper zu verkaufen.

Ebenso wie Emmaline es tat. Während der fast zwanzig Jahre, die er in ihrem Etablissement verbracht hatte, hatte sich Emmaline strikt von allem ferngehalten, was hinter den verschlossenen Türen geschah. Sie streifte durch die Gänge in ihren schwarzen glitzernden Gewändern, stets eine weiße Feder im hochgesteckten rabenschwarzen Haar und Spitzenhandschuhe an den Fingern. Sie war überall und nirgends. Sie wusste alles über jeden, der sich in ihrem Haus befand, gleichgültig, ob Gast oder Hure. Sie herrschte mit eiserner Hand über ihre Schäfchen und sorgte für sie auf eine Art, die weit über das hinausging, was üblich war. Keines der Mädchen musste fürchten, wegen einer unerwünschten Schwangerschaft mittellos auf der Straße zu stehen. Ein Arzt kümmerte sich wie selbstverständlich um Erkrankungen aller Art; und Gäste, die durch besondere Brutalität auffielen oder anderweitig gegen die Hausordnung verstießen, wurden nicht mehr eingelassen.

Emmalines gut geführtes Bordell war das Vorbild, an dem er sich orientieren wollte. Doch je länger er sein Haus der Freude betrieb, desto häufiger musste er seiner Mentorin recht geben. In allem. Vorwiegend ehemalige Stammkundinnen besuchten sein Etablissement, und obwohl er für seine Dienste ein geradezu wahnwitziges Salär verlangte, zahlten die Frauen, ohne mit der Wimper zu zucken. Derweil saßen die anderen sechs Männer, die er sorgfältig ausgewählt hatte, mehr oder weniger tatenlos herum. Vor einem halben Jahr sah er sich gezwungen, das Haus zweimal in der Woche für Privatgesellschaften zu öffnen und zusätzlich drei Mädchen aufzunehmen, die sich um die männlichen Besucher kümmerten.

Das alles hätte ihm nichts ausgemacht, wenn er dadurch die Möglichkeit gehabt hätte, sich wie geplant aus dem aktiven Geschehen zurückzuziehen, aber davon war er weiter entfernt denn je. Und das zu einem Zeitpunkt, da ihn im Grunde alles anwiderte, was mit Sex zu tun hatte. Die Übersättigung der letzten Jahre brachte es mit sich, dass er mittlerweile wie ein Zuschauer neben dem Geschehen stand, wenn er sich mit einer Frau in eines der Appartements zurückzog. Er hatte schon immer über ein außerordentliches Maß an Selbstbeherrschung verfügt, deshalb merkte niemand etwas von der bloßen Routine, die er abspulte. Jede Frau bekam, wofür sie bezahlte. Wenn sie ging, dann mit dem Gefühl, unwiderstehlich zu sein und soeben etwas ganz Außergewöhnliches erlebt zu haben, etwas, was nur ihr vorbehalten war. Der Teufelskreis schloss sich, denn natürlich empfahlen ihn seine Kundinnen gerade deshalb immer weiter …

Es fühlte sich müde, und sein Enthusiasmus hatte sich längst erschöpft. Immer öfter fragte er sich, ob das wirklich das Leben war, das er sich erträumt hatte. Aber was sollte er stattdessen tun? Er konnte nichts anderes. Die einzige Alternative bestand darin, das Haus der Freude in ein ganz normales Bordell zu verwandeln, die Zimmer mit Mädchen zu füllen und seinen verwegenen Plan als gescheitert zu betrachten. Aber diese Option interessierte ihn nicht. Noch nie hatte es ihn gereizt, mit dem Strom zu schwimmen.

Mit einiger Wehmut erinnerte er sich an die Zeit, die er im Süden verbracht hatte. Die Leichtigkeit des Lebens dort, die Sonne, die Wärme, die liebliche Landschaft – das alles war ihm paradiesisch erschienen. Mochte der Herzog von Mariasse auch ein selbstherrlicher Bastard sondergleichen sein, so erinnerte Farid sich doch gerne an seinen Aufenthalt auf dem sagenhaften Schloss Belle Étoile. Und an die Frau mit den roten Haaren und den kühlen grauen Augen: Sophie d’Asseaux. Wenn er allein war, beherrschte sie seine Fantasien, und wenn er seinen Körper zum Gehorsam zwingen musste, um seinen Lohn zu verdienen, dann sah er sie, und nur sie, vor sich. Er wusste, dass diese Besessenheit auf der simplen Tatsache beruhte, dass er zwar ihre Lust geschmeckt, Sophie aber nie genommen, ja nicht einmal nackt gesehen hatte. Deshalb bekam er sie nicht aus dem Kopf und stellte in Gedanken die verruchtesten, verbotensten Dinge mit ihr an. Manchmal fragte er sich, was wohl aus ihr geworden war. Der Herzog von Mariasse hatte ihr versprochen, sich um sie zu kümmern, und bei aller Verachtung, die Farid für den Mann empfand, zweifelte er dieses Versprechen nicht an. Der Herzog würde Wort halten, schon allein, um nicht das Gesicht zu verlieren. Vielleicht hatte er sie tatsächlich nach Versailles an den Hof gebracht. Was nicht weiter von Belang war, denn Farid würde das königliche Schloss ebenso wenig betreten wie Sophie das Haus der Freude. Wenn sie seinen Ratschlag befolgt und ihre Haut teuer verkauft hatte, dann war sie vermutlich bereits mit einem der vielen Höflinge verheiratet, die den König umschwirrten, und führte das Leben, das ihr vorausbestimmt gewesen war. Ihn und seinen kurzen Auftritt in ihrem Leben hätte sie – schon aus reinem Selbstschutz – längst aus ihrer Erinnerung verbannt.

Er öffnete die Tür seines Arbeitszimmers und ging zur Anrichte, wo auf einem zierlichen Porzellanrechaud eine Teekanne stand. Gedankenverloren löffelte er reichlich Zucker in ein silbergefasstes Glas und goss das heiße, fast schwarze Getränk darüber. Damit setzte er sich an seinen Schreibtisch und zog seufzend Kladden, Tintenfässchen und Gänsefeder zu sich heran. Kaum hatte er die ersten Zeilen geschrieben, klopfte es an der Tür und Pascal trat ein.

»Eine Kundin wartet unten«, sagte er ohne Umschweife und ließ ein Säckchen aus schwarzem Samt vor Farid auf den Schreibtisch fallen.

Farid legte die Feder weg. »Du hast sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Dienste der anderen weit weniger kosten würden?«, fragte er wie gewöhnlich, während er das Säckchen in der Hand wog.

»Natürlich.« Pascal grinste ungeniert. »Sie wollte nur dich. Ich habe sie ins Smaragdzimmer geführt und sie darauf vorbereitet, dass du nur selten ohne vorherige Vereinbarung zur Verfügung stehst. Wenn du also ablehnen willst, schicke ich sie weg.«

Farid schloss die Finger um den Beutel mit den Münzen. Der Blick in die Bücher hatte ihm wieder einmal drastisch vor Augen geführt, dass die finanzielle Lage seines Hauses nicht gerade rosig war. Den Luxus einer Absage konnte er sich daher nicht leisten.

»Nein. Ich mache es. Aber ein wenig kann sie sich gedulden. Kennst du sie? War sie schon einmal hier?«

»Ich glaube nicht.« Pascal lehnte sich an den Schreibtisch und spielte mit einem Brieföffner. Er war ein gut aussehender blonder Mann und mit seinen dreiundzwanzig Jahren genau zehn Jahre jünger als Farid. Ursprünglich hatte er als Schankgehilfe gearbeitet, sich jedoch schnell von den Vorteilen überzeugen lassen, die eine Anstellung im Haus der Freude mit sich brachte. »Nicht mehr ganz jung, kalte Augen, teuer gekleidet und offensichtlich über dein Salär informiert, denn sie trug es bereits abgezählt bei sich. Ich habe es überprüft.«

»Danke.« Farids Tonfall ließ Pascal nicht im Zweifel darüber, dass er für den Augenblick entlassen war.

Sobald die Tinte auf den Papieren getrocknet war, verstaute Farid diese wieder in den verschiedenen Schubfächern. Eine neue Kundin verlangte nicht nur Einfühlungsvermögen und Geduld, sondern meistens auch ein mühsames Herantasten an ihre Wünsche. In den seltensten Fällen sprachen die Frauen offen über das, was sie erwarteten und wollten. Sie nahmen an, er könnte ihnen ihre geheimsten Wünsche einfach von der Stirn ablesen.

Er füllte sein Glas aufs Neue mit Tee und öffnete die Verbindungstür zu seinen privaten Gemächern. Im Grunde brauchte er sich weder umzuziehen noch zu waschen, aber er tat es dennoch. Es gehörte zu dem Ritual, das er vor jedem Schäferstündchen durchführte, um sich auf die Situation einzustimmen. Statt des roten Hemdes nahm er ein schwarzes aus der nach Patchouli duftenden Kleidertruhe, dazu wählte er eine gleichfarbige Pluderhose, die an den Knöcheln und am Bund mit schwarzen Glasperlen in orientalischen Arabesken bestickt war. Er verzichtete darauf, sein Gesicht zu schminken und mit Schönheitspflästerchen zu versehen oder sein Haar zu pomadisieren. Stattdessen band er es im Nacken zusammen. Außer dem Silberring an seinem Daumen trug er keinen Schmuck. Nach einem letzten kritischen Blick in den goldgerahmten Spiegel öffnete er den obersten Hemdknopf und verließ seine Gemächer.

2

Das Smaragdzimmer trug seinen Namen wegen der dunkelgrünen schimmernden Seidentapete, die alle Wände schmückte. Es verfügte über ein breites Bett und eine Kommode, in der sich allerlei obszönes Spielzeug verbarg. In einer Ecke gruppierten sich eine Chaiselongue und drei Sessel um ein kleines Tischchen. Im Kamin flackerte ein Feuer, und eine verschwenderische Anzahl von Kerzen erhellte bereits den Raum, als Farid lautlos eintrat.

Die Frau stand am Fenster und blickte in die Dämmerung hinaus. Ein breitkrempiger Hut und ein mit Pelz besetzter Mantel verhüllten ihre Silhouette. Trotzdem fühlte sich Farid, als hätte der Blitz neben ihm eingeschlagen. Unwillkürlich lehnte er sich an die geschlossene Tür und hielt den Atem an.

Sophie d’Asseaux. Er war sich völlig sicher, obwohl er sie nicht klar erkennen konnte. Er spürte es mit jeder Faser seines Körpers. Seine Finger schlossen sich um den Samtbeutel in seiner Hosentasche. Er hatte ihn mitgenommen, um ihn der Besitzerin zurückzugeben, falls er ihre Wünsche doch nicht erfüllen wollte.

Großer Gott, sie konnte doch nicht hergekommen sein, um ihn dafür zu bezahlen, ihr Lust zu verschaffen. Der bloße Gedanke daran ließ ihn hart werden. Sein Blick glitt hinüber zu dem breiten Himmelbett, auf dem möglicherweise alle seine Fantasien in den nächsten Stunden zum Leben erwachen würden.

Sie wandte sich um, als hätte sie ebenfalls seine Gegenwart gespürt. Ihre Blicke trafen sich, aber keiner sagte ein Wort. Schließlich ging Farid langsam auf sie zu und lächelte.

»Sophie, Liebste, das nenne ich eine Überraschung.« Er verbeugte sich und griff nach ihrer Hand, ehe sie zurückweichen konnte – was zweifellos ihre Absicht gewesen war.

»Monsieur Bejaht.« Ihre Stimme klirrte vor Kälte, und ihre Hand schien völlig steif, als er sie mit den Lippen streifte. In einem Winkel seines Verstandes dämmerte Farid, dass das Bett vermutlich unberührt bleiben würde.

Er hob den Kopf und musterte sie. Die Krempe des Hutes beschattete ihre Augen, aber er nahm nicht an, dass ihr Blick freundlicher war als knapp vier Jahre zuvor. Auch den beherrschten Zug um ihre Lippen kannte er nur zu gut, ebenso wie die makellose helle Haut, die ihresgleichen suchte.

Sie entzog ihm ihre Hand, sichtlich auf Distanz bedacht, und Farid begrub die letzte Hoffnung auf zerwühlte Laken. Trotz aller Neugier, was ihr Erscheinen in seinem Haus betraf, dachte er nicht daran, es ihr einfach zu machen. Und schon gar nicht würde er dulden, dass sie eine Mauer zwischen ihnen errichtete.

»Lass mich deinen Mantel nehmen, Liebste, und auch den Hut«, bot er an und stellte mit Genugtuung fest, dass ihr die vertraute Anrede missfiel.

»Monsieur Bejaht …«, begann sie förmlich.

»Farid«, korrigierte er und lächelte unschuldig.

Missmutig sah sie ihn an und knöpfte schließlich ihren Mantel auf. Er nahm ihn entgegen und auch den Hut, nachdem sie die langen Nadeln entfernt hatte, und legte beides achtlos beiseite. Sie trug ein dunkelviolettes Kleid mit züchtigem Ausschnitt, das ihre helle Haut und das rote Haar betonte und ihre grauen Augen zum Leuchten brachte. Für eine betagte Witwe wären Farbe und Schnitt perfekt gewesen, aber an einer Frau Ende zwanzig wirkten sie streng und matronenhaft. Allerdings gestand er ihr zu, dass sie diesen Eindruck durchaus beabsichtigt haben könnte. Unvermittelt war er der Spielchen müde. Sie sollte sagen, warum sie gekommen war, und wieder verschwinden.

»Setzen wir uns.« Ohne ihre Reaktion abzuwarten, ließ er sich auf einen der Sessel fallen. Er zog die Karaffe mit Orangenlikör zu sich und füllte zwei Gläser. Als er damit fertig war, hatte Sophie ihm gegenüber Platz genommen. Er schob ihr ein Glas hin und wartete.

Sie nahm es und drehte es zwischen den Fingern. »Monsieur Bejaht, ich …«

»Farid«, unterbrach er sie. »Oder du nimmst Hut und Mantel und verschwindest auf Nimmerwiedersehen.«

Sie zuckte zusammen, hielt aber seinem Blick stand. Langsam röteten sich ihre Wangen. Sie holte tief Atem. »Also gut. Farid. Ich bin hier, weil ich Hilfe brauche. Und weil ich nicht wusste, zu wem ich gehen sollte.« Ihre Stimme klang klar und fest.

Die Enttäuschung über die nicht stattfindenden erotischen Ausschweifungen wich einem Gefühl der Bitterkeit. Natürlich. Sie hatte sich in irgendwelche Nesseln gesetzt und sich dann an ihn erinnert, um sich daraus zu befreien. Nach vier gottverdammten Jahren besaß sie die Stirn, so einfach bei ihm aufzutauchen und … »Woher wusstest du, wo du mich finden kannst?«

»Das Haus der Freude und sein Besitzer sind bei Hofe nicht völlig unbekannt«, erwiderte sie. »Besser gesagt, beim weiblichen Teil des Hofes.«

Aber sie war natürlich nicht neugierig genug gewesen, um ihm einen Besuch abzustatten, ohne sich in einer Zwangslage zu befinden. Er schalt sich einen Narren und konzentrierte sich auf das Nächstliegende. »Was könnte es wohl sein, was ich für dich tun kann, aber all deine einflussreichen, vermögenden Freunde nicht?«

Sie sah ihn unverwandt an. Ihr glattes Gesicht mit den runden Wangen verriet, dass sie keine Not gelitten hatte. Sie wirkte weder abgezehrt noch verhärmt wie vor vier Jahren, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. Nur die Schatten unter ihren Augen verrieten, dass sie sich mit Problemen herumschlug.

»Ich kann niemanden um Hilfe bitten, weil niemand meine Vergangenheit kennt. Und weil ich möchte, dass das so bleibt.«

Seine Verstimmung ließ bei diesen Worten nach. »Ich fühle mich geehrt. Das heißt also, du hältst mich für vertrauenswürdig und verschwiegen?«

Ohne mit der Wimper zu zucken, entgegnete sie: »Ich halte dein Vertrauen und deine Verschwiegenheit erwiesenermaßen für käuflich.«

Der Beutel mit den Münzen brannte sich in seinen Oberschenkel. Wut stieg in ihm auf, und er musste seine ganze Beherrschung aufbieten, um sie hinter einer gleichgültigen Miene zu verstecken.

»Und darum bin ich hier. Um deine Hilfe und deine Verschwiegenheit zu kaufen«, sagte sie, während er noch immer mit seinen Emotionen kämpfte. »Die Anzahlung in Höhe eines Schäferstündchens habe ich bereits geleistet. Der Mann, der mich empfing …« Sie brach ab, als der Geldbeutel vor ihr auf dem Tisch landete.

Der rote Nebel vor Farids Augen verflüchtigte sich, und er schaffte es, mit klarer Stimme zu sprechen. »Sag endlich, worum es geht, denn deine gekaufte Zeit läuft ab.«

Sie verschränkte die Hände auf der Tischplatte. »Was weißt du über meine Vergangenheit?«

Er zuckte mit den Schultern. Im Grunde kannte er nur einige Bruchstücke, aus denen er sich die ganze Geschichte zusammengereimt hatte. »Am besten, du erzählst mir die Einzelheiten. So vermeiden wir Missverständnisse.«

Sie nickte bereitwillig. »Gut. Ich bin das einzige Kind von Christine und Aristide d’Asseaux. Meiner Familie gehören eine Silbermine und Land südlich von Toulouse, die uns seit Generationen ein unbeschwertes Dasein ermöglichen. Mein Leben schien also klar vorgezeichnet, bis ich dieser sicheren Zukunft selbst ein Ende setzte und mit siebzehn mit einem italienischen Maler davonlief.« Sie blickte auf ihre verschlungenen Finger. »Ich ging mit ihm nach Florenz und lebte fast acht Jahre lang als seine Geliebte. In dieser Zeit gebar ich fünf Kinder, von denen zwei am Leben blieben. Fürs Erste zumindest. Mario wurde fünf Jahre alt und Stefano drei. Sie starben an Lungenentzündung, weil kein Geld für den Arzt oder für Medizin da war. Als Franco sie in ein Massengrab werfen ließ, statt für eine ordentliche Beerdigung zu sorgen, verließ ich ihn.« Sie schwieg, und Farid wartete geduldig, bis sie fortfuhr. »Ich ging zurück zu meinen Eltern, doch mein Vater ließ mich wissen, dass er keine Tochter mehr habe. Mein Name war aus der Familienchronik gelöscht worden, und ich durfte nicht bleiben. Ich war ein Niemand. Irgendwann in den folgenden Wochen, in denen ich mich als Tagelöhnerin und Erntehelferin durchschlug, fiel mir mein Patenonkel, der Herzog von Mariasse, ein, und ich ging nach Belle Étoile. Den Rest kennst du.«

Ja, den Rest kannte er. Hatte er hautnah miterlebt. Der Herzog, der sich geradezu in den Gedanken verrannt hatte, ein Kind zu zeugen, obwohl er mit Frauen sonst nicht einmal Händchen hielt, hatte Sophie dazu auserwählt, die Mutter dieses Kindes zu werden. Damit nicht genug, wollte er, dass Sophie dieses Kind in einem Moment der Lust empfing – und da Farid sich gerade auf Belle Étoile aufhielt, war er dafür zuständig gewesen, ihr diesen Moment zu verschaffen.

Er hatte in seinem Leben viele bizarre Situation erlebt, aber diese Nächte waren schwer zu übertreffen. Sophie trug ein weißes weites Nachthemd, das er nur so weit hochschieben durfte, wie es nötig war, um sie lecken zu können. Derweil arbeitete der Liebhaber des Herzogs daran, diesen für die Zeugung seines Erbens einsatzbereit zu machen. Im selben Raum. Die ganze Zeit über hatte eine angespannte Stimmung geherrscht, von Erotik keine Spur.

Dennoch hatte ihn Sophie d’Asseaux seither nicht mehr losgelassen, und der Gedanke, sie nackt in den Armen zu halten und ihr wirkliche Erfüllung zu schenken, erhielt durch ihre unverhoffte Anwesenheit neue Nahrung.

»Also hat dich der Herzog tatsächlich in Versailles etabliert, wie es vorgesehen war, sollte sein Plan scheitern«, stellte er ohne größeres Erstaunen fest.

»Natürlich, schließlich ist er ein Ehrenmann«, erwiderte sie mit Bestimmtheit, aber Farid ließ sich nicht dazu provozieren, seine Meinung über den Herzog laut auszusprechen.

»Und dort hat er dir nicht sofort einen passenden Ehemann besorgt?«, fragte er stattdessen mit spöttischem Unterton.

Sie schob ihr Kinn vor. »Er stellte es mir frei, so lange am Hof zu bleiben, wie ich wollte«, erklärte sie nun von oben herab. »Ich bin eine der Hofdamen der Königin, natürlich nur eine von Dutzenden, aber immerhin habe ich Zutritt zu allen Gemächern und zu allen Festen.«

Ihr arrogantes Auftreten verärgerte ihn. Demonstrativ gähnte er. »Du langweilst mich. Und wie ich bereits erwähnte, neigt sich deine gekaufte Zeit dem Ende zu.«

Sie wölbte die Hände um das kleine Glas und studierte den Inhalt. »Ich war mit dem Cômte Jean de Maroilles verlobt. Bis vorige Woche. Dann hat er die Verlobung gelöst.«

Farid gähnte wieder. »Das soll vorkommen.«

»Er wurde erpresst«, fuhr Sophie fort. »Franco hat ihm zwei Bilder von mir präsentiert, auf denen ich nackt zu sehen bin. Gegen entsprechende Bezahlung hätte Jean die Bilder erwerben können, sonst drohte Franco, sie öffentlich auszustellen, sobald wir verheiratet wären.«

Farid schwieg. Die Vergangenheit holte einen immer ein, ganz egal, wie gerne man sie vergessen wollte. Doch sein Mitleid hielt sich in Grenzen. »Nun, Liebste, du hast dich dem Cômte vermutlich als Jungfrau dargeboten, verständlich, aber du musstest doch damit rechnen, dass die Wahrheit herauskommt. Schließlich wusstest du, dass es die Bilder gibt.«

»Ich habe alle Bilder von mir zerstört, ehe ich Franco verließ. Er muss sie versteckt haben. Oder er hat sie einfach neu gemalt.« Sie zuckte mit den Schultern, ehe sie hinzufügte: »Und ich habe Jean gegenüber meine jugendlichen Fehltritte eingestanden, als er um mich angehalten hat. Er wusste also von meinem Vorleben und dass ich nicht unberührt war.«

Das überraschte ihn dann doch. Seiner Erfahrung nach gaben Frauen, die eine Möglichkeit sahen, sich passabel zu verheiraten, nicht zu, etwas anderes als makellos zu sein.

Sie senkte wieder den Blick. »Zumindest weiß er das Wesentliche. Dass ich nicht mehr unberührt bin.«

»Was bedeutet?«, hakte er unbarmherzig nach.

Sie seufzte. »Ich habe ihm nichts von den Kindern erzählt. Schließlich sind sie tot.« Ihre Stimme zitterte leicht. »Aber auf einem der Bilder bin ich unübersehbar schwanger. Und deshalb bezichtigte Jean mich, sein Vertrauen missbraucht zu haben, und löste die Verlobung.«

Farid war nicht erstaunt. Auch die Nachsicht eines Engels – und ein solcher musste der gute Maroilles wohl sein – war irgendwann erschöpft.

»Darum bin ich hergekommen. Ich brauche die Bilder, sonst ist meine Zukunft vorbei, ehe sie begonnen hat. Aber ich habe keine Ahnung, wo ich Franco finden kann. Alle Nachforschungen, die ich diskret anstellte, verliefen im Sand. Doch ich bin sicher, dass er noch hier ist und auf seine Chance wartet.«

Farid runzelte die Stirn. »Ich soll deinen ehemaligen Liebhaber finden und ihm die Bilder stehlen?«

»Du brauchst sie nicht zu stehlen, ich werde sie ihm abkaufen«, sagte Sophie ruhig. »Du musst nur herausfinden, wo Franco Angelli steckt, das ist alles. Du hast ganz andere Möglichkeiten als ich …«

»Weil ich Erpresser und Betrüger zu meinen engeren Freunden zähle«, unterbrach er sie scharf.

Sie verdrehte die Augen. »Du bist ein Mann, der überall hingehen kann, der niemandem Rechenschaft schuldig ist«, antwortete sie, ohne die Stimme zu erheben. »Du brauchst keine Anstandsdame, und dein Tun wird nicht ständig beobachtet und hinterfragt. Außerdem bringt dich niemand mit mir in Verbindung.« Sie schob ihm den Beutel mit den Münzen zu und blickte ihn an. »Leicht verdientes Geld.«

Farid wusste nicht, ob er lachen oder einfach wortlos die Tür öffnen sollte, um sie hinauszuwerfen. Sie verlangte von ihm, im Dreck zu wühlen, weil sie davon ausging, dass er ohnehin gewohnheitsmäßig in Morast watete. Jetzt, da sie dringend Hilfe brauchte, erinnerte sie sich an ihn.

Und weil seine Loyalität käuflich war.

Ein Muskel zuckte in seiner Wange, als er die Zähne zusammenbiss und beobachtete, wie sie mit dem Bändchen des Geldbeutels spielte. Während die Wut über ihre Anmaßung in ihm immer heftiger brodelte, schien sie kühl und gefasst. Ihr makelloser Porzellanteint verriet keine Gemütsregung, und keine Haarsträhne wagte es, sich aus der perfekten Hochsteckfrisur zu lösen.

Er wusste, dass sie aufstehen und gehen würde, ohne ihre gleichmütige Haltung aufzugeben, sollte er ihr Ansinnen ablehnen. Vielleicht sah sie sich insgeheim in ihrer Meinung über ihn bestätigt, aber sie würde diese Meinung nie laut aussprechen. Sein Blick kehrte zum Geldbeutel zurück. Die Nägel ihrer langen, feingliedrigen Finger waren perfekt manikürt und poliert, aber erstaunlich kurz geschnitten. Sie trug keine Ringe.

Seine Wut ließ nach, als er begriff, was ihn so wütend machte: Sie saß da wie eine Eiskönigin, die einem nichtswürdigen Untertan eine Audienz gewährte, obwohl dessen Ausdünstungen ihre Nase beleidigten. Und dass er sie trotzdem begehrte.

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er würde es tun. Er würde den elenden Farbkleckser samt den anrüchigen Bildern aufspüren. Aber zu seinem Preis. Und der lag eindeutig jenseits einer Hand voll Silbermünzen.

»Nun, Liebste, ich bin bereit, nach dem Maler zu suchen.«

Ihre Augen leuchteten auf, und sie öffnete den Mund, aber er hob abwehrend die Hand. »Dank mir noch nicht. Mein Preis für diese Art von Diensten ist ein anderer als für das, was ich gewöhnlich tue.« Er grinste sie frech an. »Den Beutel kannst du wieder einstecken. Diese Währung interessiert mich nicht.«

Das Leuchten in ihren Augen verschwand, und sie presste die Lippen aufeinander. Wortlos sah sie ihn an.

Er hielt ihrem Blick stand. »Ich will dich, Liebste, in meinem Bett, so oft und so lange es mir gefällt.«

Ihre Augen weiteten sich ungläubig, dann warf sie den Kopf in den Nacken und … lachte. Farid wartete schweigend, und seine Wut loderte wieder auf.

Sie beruhigte sich langsam und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Sehr amüsant. Und was willst du wirklich?«

Statt einer Antwort sah er sie nur an.

Sie beugte sich vor und zog die Brauen zusammen. »Wenn man den Gerüchten Glauben schenkt, dann sind unzählige Frauen bereit, ein Vermögen auszugeben, um in deinem Bett zu liegen. Warum solltest du daran Interesse haben, ausgerechnet mich zu zwingen, dir zu Willen zu sein? Das macht doch keinen Sinn.«

Er zuckte mit den Schultern. »Nun, sagen wir, meine Eitelkeit leidet unter deiner strikten Ablehnung. Seit unserer denkwürdigen Begegnung auf Belle Étoile entzünden sich meine Fantasien an der Vorstellung, dich nackt und wollüstig unter mir zu spüren.«

Ihr Gesicht überzog sich mit einer tiefen Röte, die ihre Haut wirken ließ, als würde sie von innen heraus leuchten. Er konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Vergleichbares gesehen zu haben.

»Ich begehre dich, Liebste, in einem Ausmaß, das bedenkliche Formen annimmt, und ich glaube, dass ich mich am einfachsten davon kurieren kann, wenn ich meiner überhitzten Fantasie die Realität gegenüberstelle.« Keines seiner ruhig geäußerten Worte verriet seine Gefühle, die noch immer von weißglühender Wut beherrscht wurden.

Sie schüttelte den Kopf. »Du verlangst nicht ernsthaft, dass ich dir das glaube. Ich bin weder jung noch schön noch sonst außergewöhnlich. Du willst mich demütigen, weil ich damals nicht so reagiert habe, wie du erwartet hast.«

Er schenkte ihr ein träges, selbstzufriedenes Lächeln. »Ach, Liebste, so schlecht ist dein Gedächtnis? Dann muss ich dich wohl daran erinnern, dass du sehr wohl jene Lust empfunden hast, die der Herzog von dir verlangt hat. Dank meiner Zuwendung.«

Die Röte auf ihrem Gesicht vertiefte sich, aber sie hielt seinem Blick stand. »Natürlich habe ich das, schließlich hat dich der Herzog ja genau dafür bezahlt. Ich spreche jedoch von später, von den zwanglosen gesellschaftlichen Begegnungen. Du konntest nicht akzeptieren, dass ich dich und deine Ränke in etwa so ansprechend fand wie eine Made in einem Kuhfladen.«

Die Beleidigung glitt an ihm ab, weil er nichts anderes von ihr erwartet hatte. Allerdings war er versucht, sie daran zu erinnern, dass sie seinen Abschiedskuss erwidert hatte, als hätte es kein Morgen gegeben, aber ehe er etwas antworten konnte, redete sie bereits weiter. »Du willst nichts anderes als Rache, du willst mich demütigen und erniedrigen mit deinen perversen Spielen.«

Da er sich eine Reihe von perversen Szenarien mit Sophie in der Hauptrolle vorstellen konnte, war zumindest dieses Argument nicht von der Hand zu weisen. »Es erstaunt mich, Liebste, wie wenig du von dir hältst, wenn du annimmst, ein Mann könnte dich nicht wegen deiner Selbst begehren. Immerhin war dieser Cômte doch bereit, dich trotz deiner Fehltritte und deines fortgeschrittenen Alters zu ehelichen«, sagte er langsam.

»Ja, das war er«, entgegnete sie trocken. »Nachdem er von meiner Mitgift erfahren hatte. Du kannst dir also alle weiteren Worte über meine Schönheit und Anmut sparen.«

Er seufzte. »Wie du willst. Kommen wir zum Thema zurück. Wenn du möchtest, dass ich nach dem Maler und den Bildern suche, dann wirst du meine Bedingungen annehmen müssen. Was immer auch meine Beweggründe dafür sein mögen. Wenn nicht – dort ist die Tür.« Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

In Sophies Gesicht arbeitete es. Emotionen flackerten über ihre Züge. Schließlich schob sie ihr Kinn vor und holte tief Luft. »Gut«, sagte sie kalt. »Da ich allerdings keine Möglichkeit habe zu überprüfen, wie angestrengt du tatsächlich nach Franco suchst, beschränke ich die Zeit deiner Nachforschungen und damit meine … Verfügbarkeit auf einen Monat.«

Er zuckte die Schultern. »Soll mir recht sein. Ein Monat ist mehr als genug, um meine Fantasien zu Asche verglühen zu lassen. Und die Bilder zu finden«, setzte er schnell hinzu.

Beide schwiegen sie für eine Weile, bis Sophie sich räusperte. Als sie dann sprach, klang ihre Stimme kratzig wie verfilzte Wolle. »Wann beginnt unsere Vereinbarung?«

Farid betrachtete sie nachdenklich. Wenn es nach ihm ginge, dann würde sie noch in dieser Minute in dem breiten Bett hinter ihm liegen. Da er allerdings zu schätzen wusste, dass sie trotz aller Ablehnung auf sein Angebot reagierte, und zwar in höchst erfreulichem Maße, beschloss er, ihr noch einen kleinen Aufschub zu gewähren.

»Bedauerlicherweise kann ich heute und morgen keine Zeit für ein Rendezvous erübrigen. Am besten, du kommst übermorgen wieder.« Ihre Erleichterung war offensichtlich, aber er machte sie mit einem maliziösen Lächeln zunichte. »Zum Zeichen deines guten Willens hätte ich allerdings gerne so etwas wie ein Pfand.«

»Ein Pfand?« Verständnislos runzelte sie die Stirn.

Er nickte. »Genau. Damit ich weiß, dass es dir ernst ist mit unserer Vereinbarung.« Ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen, sprach er weiter: »Weißt du, all die Wochen und Monate, die seit Belle Étoile vergangen sind, beschäftigte mich vor allem eine Frage.« Er machte eine wohlberechnete Pause. »Ich habe deine Lust nicht nur geschmeckt, sondern auch auf den Höhepunkt getrieben und das mehrmals, wenn du dich erinnern möchtest. Ich habe die zarte Haut deiner Schenkel gestreichelt, als ich das Nachthemd Stück für Stück hochschob. Trotzdem …« Er beugte sich vor. »… trotzdem weiß ich nicht, wie du aussiehst.«

Sie starrte ihn an, als hätte sie Mühe, seine Worte zu verstehen. Ihre Wirbelsäule schien sich in einen Eisenstab verwandelt zu haben, so gerade hielt sie sich.

»Ich will dich nackt sehen. Jetzt. Dann kannst du gehen.« Er lehnte sich wieder zurück.

Völlig reglos und mit ausdrucksloser Miene, aber durchdringendem Blick saß sie ihm gegenüber. Dann presste sie ihre Lippen langsam zu einer schmalen Linie zusammen und stand auf.

Mit zögernden, unsicheren Schritten trat sie vom Tisch weg in die Mitte des Raums. Dort drehte sie sich zu ihm um und begann, die Knöpfe ihres Kleides zu öffnen.

Im selben Augenblick beschleunigte sich Farids Herzschlag. Sie besaß Schneid und eine gehörige Portion Selbstbeherrschung, daran erinnerte sich Farid nur zu gut, denn diese Haltung hatte ihm schon bei ihrer Begegnung auf Belle Étoile imponiert. Andere Frauen hätten eine große Szene gemacht, mit Tränen und Jammern und Vorwürfen und wären schließlich nackt und malerisch in einer Ohnmacht auf den Teppich gesunken.

Sophies Hände zitterten nicht, allerdings verrieten die eckigen Bewegungen, mit denen sie die Knöpfe öffnete, ihre Anspannung. Das Kleid fiel mit leisem Rascheln zu Boden. Den steifen Unterrock streifte Sophie über die knielange Unterhose nach unten und stieg heraus. Mit gesenktem Kopf versuchte sie dann, die Verschnürung des Korsetts am Rücken zu lösen.

Farid erhob sich und stellte sich hinter sie. Er nahm ihr die Bänder aus den Händen, um sie zu entwirren, und zog sie aus den Ösen. Darunter trug sie ein dünnes Batisthemdchen, das ihr bis auf die Oberschenkel reichte.

Sophie bückte sich, ohne sich zu ihm umzudrehen, und schob die Batistunterhose nach unten. Alle ihre Bewegungen waren unprätentiös und zweckmäßig. Dennoch spürte Farid, wie sich Wärme in seinem Unterleib ausbreitete und seine Rute anschwellen ließ. Die Heftigkeit seines Verlangens überraschte ihn.

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