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Mittsommerglück – Das Haus am stillen See

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Das Erste, was Stina wahrnahm, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachte, war ein seltsamer Geruch, der in der Luft lag. Dann kamen die Stimmen hinzu, die wie aus weiter Ferne an ihr Ohr drangen.

“Aber ich verstehe das nicht, Doktor”, hörte sie eine ihr fremde männliche Stimme sagen. “Sie haben doch selbst gesagt, dass ihre Verletzungen nicht gravierend sind. Warum wacht sie dann nicht endlich auf?”

“Ich kann es Ihnen leider nicht sagen, Mr. Douglas”, antwortete ein anderer Mann. “Physisch betrachtet gibt es keinen Grund, warum Ihre Frau nicht jeden Moment die Augen aufschlagen sollte. Aber selbst uns Medizinern ist der menschliche Körper zuweilen ein Rätsel. Sie müssen einfach Geduld haben.”

Über wen diese beiden Männer wohl sprachen? Jedenfalls schienen sie sich nicht bewusst zu sein, dass Stina sie hören konnte. Neugierig hob sie die Lider und blinzelte, als grelles Licht ihr in den Augen stach. Sie sah die beiden Männer zunächst nur als verschwommene dunkle Flecken, aus denen sich erst nach und nach zwei menschliche Gestalten formten. Sie standen am Fuß des Bettes, in dem Stina lag, und redeten aufgeregt miteinander.

“Ich weiß, dass es sehr schwer für Sie sein muss”, sagte der Ältere der beiden, den Stina auf etwa Mitte sechzig schätzte. Er war ganz in strahlendem Weiß gekleidet und trug eine randlose Brille, die ihm einen sehr intellektuellen Anstrich verlieh. “Aber ich bin davon überzeugt, dass Ihre Frau früher oder später einfach aufwachen wird.” Stina nahm an, dass er Arzt war, wenigstens hatte der Jüngere ihn Doktor genannt. Bedeutete dies, dass sie sich in einem Krankenhaus befand?

Der andere Mann schüttelte aufgebracht den Kopf. “Damit gebe ich mich nicht zufrieden! Kann man denn gar nichts unternehmen, um …”

“Wo … Wo …” Der Klang ihrer eigenen Stimme, rau und heiser, klang fremd in Stinas Ohren. Sie räusperte sich angestrengt. “Wo bin ich?”

Die beiden Männer wirbelten herum. Der Jüngere musterte sie perplex. Sie stellte fest, dass er die strahlendsten blauen Augen hatte, die sie je im Leben gesehen hatte. Er sah gut aus, groß und dominant, und seine Präsenz schien den kleinen Raum komplett auszufüllen. Stina war überwältigt von seiner Ausstrahlung, und gleichzeitig bereitete seine Anwesenheit ihr auf unerfindliche Weise Unbehagen.

“Dr. Magnusson, sehen Sie doch! Sie ist aufgewacht! Stina ist wach!”

Es irritierte sie, dass der Blauäugige sie zu kennen schien, obwohl er ihr selbst vollkommen unbekannt vorkam. Doch er sprach sie mit dem Vornamen an, was darauf hindeutete, dass sie anscheinend schon längere Zeit miteinander bekannt waren. Was hatte das zu bedeuten?

“Haben Sie etwas Geduld”, sagte der Weißgekleidete mit der Brille nun und hob beschwichtigend die Arme. “Ihre Frau war ziemlich lange bewusstlos, wir sollten ihr Gelegenheit geben, sich erst einmal wieder zurechtzufinden. Wenn ich Sie bitten dürfte, kurz draußen auf dem Gang zu warten, während ich sie untersuche?”

“Aber …”

“Bitte, Mr. Douglas, Sie werden schon bald die Möglichkeit haben, sich intensiv mit Ihrer Frau zu beschäftigen.”

Eher unwillig wandte der jüngere Mann sich ab und verließ den Raum. Stina registrierte dies jedoch nur am Rande. Irgendwie war sie sogar froh, dass er fort war. Zudem beschäftigte sie etwas ganz anderes – der Ältere hatte immerzu von der Frau des anderen gesprochen. Und irgendwie wurde Stina das Gefühl nicht los, dass wohl sie damit gemeint war. Aber wie konnte das sein? Sie kannte diesen Menschen doch überhaupt nicht!

“Hier muss ein schrecklicher Irrtum vorliegen”, erklärte sie aufgeregt, nachdem der junge Mann die Tür hinter sich geschlossen hatte. “Sie verwechseln mich. Bitte, sagen Sie mir, wo bin ich. Und wer ist dieser Mann?”

Für einen kurzen Moment musterte der ältere Mann sie mit einem intensiven Blick, der Stina verunsicherte, doch schon Sekunden darauf lächelte er aufmunternd. “Beruhigen Sie sich. Sie sind im Moment noch ziemlich durcheinander, aber das ist nun wirklich kein Wunder, nach allem, was Sie durchgemacht haben. Nehmen Sie sich Zeit, wieder zu sich selbst zu finden.” Er streckte ihr die Hand entgegen. “Mein Name ist Björn Magnusson, ich bin Ihr behandelnder Arzt. Darf ich fragen, wie Sie sich fühlen, Mrs. Douglas?”

“Mrs. Douglas?” Stina schüttelte den Kopf. “Wie ich schon sagte, Sie irren sich. Mein Name ist Stina Tjörholm. Ich bin überhaupt nicht verheiratet. Das ist alles ein ganz seltsames Missverständnis.”

Dr. Magnusson nickte verständnisvoll. “Hören Sie, es ist vielleicht besser, wenn wir dieses Thema zunächst ruhen lassen. Erholen Sie sich erst einmal, danach sehen wir weiter.”

Stina verstand überhaupt nichts mehr. Sie lag in einem Krankenhauszimmer, aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie hierhergekommen war oder warum.

Wie konnte Dr. Magnusson von ihr erwarten, dass sie sich in aller Seelenruhe zurücklehnte und entspannte, während draußen auf dem Flur ein Mann stand, der zu behaupten schien, mit ihr verheiratet zu sein?

Nervös wanderte Patrick Douglas auf dem Krankenhausflur auf und ab. Lange würde er das nicht mehr aushalten. Wie stellte Dr. Magnusson sich das vor? Seit acht Tagen wartete er nun schon darauf, dass seine Frau endlich die Augen aufschlug. Und jetzt, wo es so weit war, musste er sich draußen vor dem Zimmer gedulden. Als wäre er ohnehin nicht schon nervös genug. Wie würde Stina wohl reagieren, wenn sich die erste Verwirrung nach ihrem Erwachen gelegt hatte? Würde sie sich über seine Anwesenheit freuen, oder würde sie ihn fortschicken?

Endlich öffnete sich die Tür, und Stinas behandelnder Arzt trat hinaus auf den Gang.

Sofort war Patrick bei ihm. “Was ist, Doktor? Wie geht es meiner Frau? Darf ich endlich zu ihr?”

Dr. Magnusson machte keineswegs einen besonders euphorischen Eindruck. Patrick fühlte, wie ein unbestimmtes mulmiges Gefühl in ihm aufstieg. “Ich würde es ehrlich gesagt für besser halten, wenn Sie Ihrer Frau zunächst ein wenig Ruhe gönnen. Sie hat einiges durchgemacht und ist noch immer ziemlich durcheinander.”

Patrick atmete erleichtert auf. “Lieber Himmel, Sie haben mich ganz schön erschreckt, Doc! Sie haben ein so ernstes Gesicht gemacht, dass ich schon dachte, mit Stina sei etwas nicht in Ordnung.”

“Offen gestanden, ich bin ein wenig besorgt.”

“Besorgt? Aber warum? Ich verstehe das nicht.” Patrick schüttelte den Kopf. “Sie sagten doch, meine Frau sei körperlich völlig in Ordnung, und jetzt, wo sie endlich bei Bewusstsein ist …”

“Ich bin nicht sicher, aber als ich gerade mit Ihrer Frau sprach, hatte ich den Eindruck, dass sie …”

Ärgerlich runzelte Patrick die Stirn. “Jetzt hören Sie schon auf, ständig um den heißen Brei herumzureden. Ich bin erwachsen, wie immer die Wahrheit auch aussehen mag, ich werde sie schon verkraften. Also, was ist mit Stina?”

Der Arzt zögerte einen Moment, bevor er seufzend fortfuhr: “Zunächst einmal möchte ich Sie bitten, sich nicht aufzuregen, Mr. Douglas.”

Patrick winkte unwirsch ab. “Ja, ja, nun reden Sie doch endlich, Mann!”

“Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, wie ich es Ihnen beibringen soll, aber es scheint, als könnte Ihre Frau sich nicht an Sie erinnern.”

“Wie bitte?” Patrick fühlte sich, als hätte ihn ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Versuchte Dr. Magnusson etwa, ihn auf den Arm zu nehmen? “Das ist völlig absurd!”

Ratlos zuckte der Arzt die Schultern. “Ich kann es mir selbst nicht erklären, und vielleicht handelt es sich ja lediglich um einen vorübergehenden Zustand, im Augenblick allerdings sehe ich mich nicht in der Lage, genaue Prognosen diesbezüglich anzustellen. Ich würde Ihnen daher raten, Ihre Frau vorerst nicht unter Druck zu setzen, indem Sie ihr von ihrer Vergangenheit erzählen und …”

Patrick hatte genug gehört. Was dieser Mensch da sagte, konnte und wollte er nicht glauben. Er musste mit Stina sprechen. Jetzt sofort!

Ohne auf den Arzt zu achten, der noch versuchte, ihn aufzuhalten, stürmte Patrick in das Krankenzimmer seiner Frau. Wie jedes Mal, wenn er den Raum betrat, versetzte ihr Anblick ihm einen schmerzhaften Stich. Wie bleich sie war, und wie erschöpft sie wirkte. “Stina! Mein Gott, ich bin so froh, dass du endlich aufgewacht bist! Wie geht es dir?”, erkundigte er sich besorgt und ließ sich neben ihrem Bett auf die Knie sinken. “Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für schreckliche Sorgen ich mir um dich gemacht habe. Und jetzt behauptet dieser Quacksalber da draußen auch noch, dass du dich nicht an mich erinnern würdest. Bitte, Stina, sag ihm, dass er sich irrt!”

Überraschung lag in Stinas Blick. Überraschung und noch etwas anderes, das Patrick nicht recht zu deuten wusste. War es Angst? Er konnte es nicht genau sagen, aber ganz gewiss war es kein Erkennen. Ein eisiger Schauer durchrieselte ihn. Stimmte es tatsächlich? Wusste Stina wirklich nicht, wen sie gerade vor sich hatte? Es war ein schreckliches Gefühl. Patrick konnte sich nicht erinnern, jemals solche Hilflosigkeit empfunden zu haben. Doch noch blieb ihm ein schwacher Lichtstreif am Horizont. Er konnte immer noch hoffen, dass sich alles als grauenvoller Irrtum herausstellte. Alle Zuversicht wich jedoch aus ihm, als Stina zaghaft fragte: “Entschuldigen Sie bitte, aber … kennen wir uns?”

Für Stina waren die folgenden Tage eine einzige Tortur. Bei den ganzen Untersuchungen, die man mit ihr anstellte, fühlte sie sich langsam wie ein Versuchskaninchen. Sie verstand nicht, was das alles überhaupt sollte. Abgesehen von ein paar schmerzhaften Prellungen, die jedoch bereits wieder im Abklingen begriffen waren, fühlte sie sich wirklich wohl.

Dennoch wurde sie das dumpfe Gefühl nicht los, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Bildete sie es sich nur ein, oder warfen die Ärzte, Pfleger und Schwestern ihr immer wieder mitleidige Blicke zu, wenn sie glaubten, dass sie es nicht mitbekam?

Und dann war da dieser Mann mit den strahlend blauen Augen. Er schien einfach überall zu sein. Immer wenn sie ihr Zimmer verließ, war er in der Nähe. Stina hatte inzwischen von einer Schwester erfahren, dass er Patrick Douglas hieß. Mehr war aus ihr jedoch nicht herauszubekommen gewesen. Irgendwie schien es fast, als wolle das Pflegepersonal sie von ihm abschirmen. Aber warum? Sie kannte diesen Mr. Douglas doch gar nicht.

Zugegeben, sein Auftritt an dem Tag, an dem sie aus der Bewusstlosigkeit erwacht war, hatte sie schon ziemlich durcheinandergebracht. Er hatte steif und fest darauf beharrt, sie zu kennen. Das war natürlich völlig absurd. An einen so attraktiven Mann wie ihn könnte sie sich sicherlich erinnern, wenn sie einander schon einmal begegnet wären. Außerdem vergaß sie nie ein Gesicht.

Stina nahm inzwischen an, dass hinter der ganzen Sache eine tragische Geschichte steckte. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass Dr. Magnusson sie nach ihrem Erwachen Mrs. Douglas genannt hatte. Soweit sie inzwischen wusste, war sie bei einem Autounfall verletzt worden und deshalb ins Krankenhaus gekommen. An den Unfall selbst konnte sie sich nicht erinnern, aber es war gut möglich, dass dieser Mr. Douglas ihren Wagen im Straßengraben entdeckt und sie gerettet hatte. Vielleicht hatte er ja vor Kurzem seine Frau verloren und beim Eintreffen der Rettungsmannschaften behauptet, sie, Stina, sei mit ihm verheiratet. Vielleicht glaubte dieser arme Mann ja tatsächlich, dass sie seine Ehefrau war.

Das Eintreten von Dr. Magnusson riss Stina aus ihren Grübeleien. “Wie geht es meiner Lieblingspatientin denn heute?”, fragte er gut gelaunt, doch Stina vermutete schon seit einer geraumen Weile, dass seine Fröhlichkeit nur aufgesetzt war. Er verbarg etwas vor ihr. Aber was?

“So weit ganz gut”, erwiderte sie verdrossen. “Ich würde nur gerne wissen, wann ich endlich nach Hause darf. Und warum habe ich eigentlich die ganze Zeit über keinen Besuch bekommen? Hat meine Mutter denn gar nicht nach mir gefragt?”

Dr. Magnusson verzog kaum merklich das Gesicht. Er wirkte plötzlich sehr angespannt. Ein unbehagliches Gefühl stieg in Stina auf. Sie hatte sich also nicht getäuscht. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.

“Hören Sie, Mrs. Douglas, ich …”

“Was soll das?”, protestierte sie heftig. “Warum nennen Sie mich so? Ich dachte, wir hätten mittlerweile geklärt, dass mein Name Stina Tjörholm ist. Ich kenne diesen Mr. Douglas nicht, und ich bin gewiss auch nicht mit ihm verheiratet!”

Als Magnusson seufzte, überlief Stina ein eisiger Schauer. “Genau darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen. Wissen Sie, ich habe angenommen, dass Ihr Zustand nur temporärer Natur sei, doch wie es aussieht, habe ich mich getäuscht. Sie erinnern sich noch immer nicht, oder?”

“Erinnern?”, wiederholte sie vorsichtig. Worauf wollte Dr. Magnusson hinaus? “Woran sollte ich mich denn Ihrer Meinung nach erinnern?”

“Ich habe Ihnen ja bereits erklärt, dass Sie einen schlimmen Autounfall hatten. Ihre Verletzungen wirkten auf den ersten Blick relativ harmlos. Besorgniserregend erschien uns jedoch, dass Sie einfach nicht aus der Bewusstlosigkeit erwachen wollten.” Er atmete tief durch. “Sie können sich sicher vorstellen, wie erleichtert wir alle waren, als Sie endlich wieder zu sich kamen. Aber dann …”

“Ja? Was dann?” Stinas Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren unnatürlich schrill.

“Es sieht so aus, als hätten Sie einen partiellen Gedächtnisverlust erlitten. Anscheinend haben Sie mindestens die letzten acht Jahre Ihres Lebens völlig aus Ihrer Erinnerung verbannt.”

Stina wusste nicht, ob sie vor lauter Erleichterung lachen oder weinen sollte. “Das ist einfach absurd”, erwiderte sie. “Ich kann Ihnen versichern, dass ich keineswegs das Gedächtnis verloren habe, Doktor. Ganz im Gegenteil, ich kann mich noch genau erinnern, was in den letzten Wochen alles vorgefallen ist. Am Montag hatte ich frei und traf mich mit meiner Mutter zum Brunch. Oder war das vorletzte Woche? Wie lange, sagten Sie, war ich bewusstlos? Nun ja, wir haben in aller Ruhe gegessen und danach einen Schaufensterbummel gemacht. Ich weiß das noch so genau, weil sie mir in einer Boutique einen Schal gezeigt hat, der ihr gefiel. Ich habe ihn gekauft, um ihn ihr zum Geburtstag zu schenken.”

Dr. Magnusson schüttelte den Kopf. “Es tut mir leid. Ich glaube Ihnen ja, dass Sie sich an diese Dinge erinnern. Sie sind auch ganz gewiss geschehen – nur ist das eben mittlerweile über acht Jahre her!”

“Was?” Es war, als hätte er ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Das konnte nicht sein! Es war einfach unmöglich! Sie erinnerte sich noch ganz genau an jenen Vormittag mit ihrer Mutter. Verflixt, sie konnte ja sogar noch den Geschmack des Tees auf ihrer Zunge schmecken, den sie zum Brunch getrunken hatte. Was Dr. Magnusson da andeutete, war einfach grotesk! “Was reden Sie denn da, Doktor? Ich verstehe nicht, warum Sie versuchen, mir Angst einzujagen. Was habe ich Ihnen denn getan?”

“Sie haben nichts getan”, erwiderte der Arzt und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, die Stina sofort abschüttelte. “Ich bitte Sie, hören Sie mich an. Was ich Ihnen zu sagen habe, mag für Sie schwer zu begreifen sein, aber es ist wahr.”

Stina schluckte trocken. “Also gut, dann reden Sie, aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich Ihnen auch nur ein Wort glauben werde.”

Zerstreut fuhr Dr. Magnusson sich mit zwei Fingern über den Nasenrücken. Stina kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er das immer tat, wenn ihm etwas Unangenehmes bevorstand. “Ich will nicht länger um den heißen Brei herumreden”, begann er zögernd. “Sie sind seit fast acht Jahren verheiratet, und Ihre Eltern kamen kurz zuvor bei einem tragischen Schiffsunglück ums Leben.” Er senkte den Kopf. “Es tut mir leid, Mrs. Douglas, aber ich glaube, es ist besser für Sie, wenn Sie die ganze Wahrheit erfahren.”

Für einen Moment konnte Stina den Arzt nur fassungslos anstarren. Was redete Dr. Magnusson denn da? Ihre Eltern waren tot? Einfach unmöglich! Das durfte einfach nicht wahr sein! Und dieser Mann, der angeblich ihr Ehemann war, war ihr vollkommen fremd. Dabei war er wirklich attraktiv. Sie würde sich doch sicherlich an ihn erinnern, wenn sei einander schon einmal begegnet waren.

Dennoch: So haarsträubend die ganze Geschichte auch klingen mochte, Stina wurde das schreckliche Gefühl nicht los, dass Dr. Magnusson die Wahrheit sagte. Tränen traten ihr in die Augen. Lieber Himmel, was sollte sie denn jetzt bloß tun? Ihre Eltern waren tot, und der Mann, mit dem sie verheiratet war, war für sie ein völlig Fremder. Wo sollte sie hingehen, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde?

Unzählige Fragen stürmten gleichzeitig auf sie ein. In ihrem Kopf herrschte ein einziges Chaos, und sie hätte vor lauter Angst und Frustration nur noch heulen können.

Doch sie riss sich zusammen. Zitternd holte sie Luft. “Und was geschieht jetzt mit mir?”

Der Arzt zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Stinas Bett. “Mrs. Douglas, ich weiß, das ist jetzt alles ein bisschen viel für Sie. Ihre ganze Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein, aber ich bin davon überzeugt, dass sich früher oder später eine Lösung für all Ihre Probleme finden wird”, beruhigte er sie und lächelte aufmunternd. “Mit der geeigneten Therapie ist es gut möglich, dass Sie innerhalb kürzester Zeit Ihr Gedächtnis wiedererlangen. Ich kann Ihnen natürlich nichts versprechen, aber die Möglichkeit besteht. Zunächst würde ich Ihnen jedoch raten, mit Ihrem Mann zu sprechen.”

Stina schluchzte lautlos auf. “Aber ich kenne diesen Menschen doch gar nicht”, klagte sie. “Wie soll das alles denn funktionieren?”

“Es tut mir leid, Mrs. Douglas, dass ich Ihnen keine wahre Hilfe sein kann. Allerdings ist es so, dass ein längerer Aufenthalt hier im Krankenhaus für Sie aus medizinischen Gründen einfach nicht mehr sinnvoll erscheint. Ihre körperlichen Verletzungen sind gut verheilt, bei Ihrer Amnesie handelt es sich jedoch um ein psychisches Problem, für dessen Behandlung wir weder qualifiziert noch zuständig sind. So großes Verständnis ich auch für die Schwierigkeit Ihrer Situation habe, Fakt ist, dass Sie längst hätten entlassen werden müssen.”

“Und wo soll ich hin?” Stina fühlte, wie wilde Panik in ihr aufstieg. Sie konnte doch nicht einfach zu einem Mann gehen, den sie im Grunde gar nicht kannte. Aber was blieb ihr anderes übrig?

“Sprechen Sie mit Ihrem Mann. Ich bin sicher, dass Sie gemeinsam eine adäquate Lösung finden werden.”

Stina nickte, doch innerlich war sie wie betäubt.

Es regnete in Strömen. Bleigraue Wolken hingen so tief am Himmel, dass sie die Kronen der Bäume fast zu berühren schienen, die die Straße am Berghang säumten. Die Landschaft, die am Beifahrerfenster vorbeizog, wirkte so düster und bedrohlich, dass Stina erschauderte.

“Wie fühlst du dich? Geht es dir gut?”

Stina nickte stumm und vermied es, Patrick anzusehen. Sie konnte noch immer nicht fassen, dass sie gemeinsam mit ihm auf dem Weg nach Hause war. Nach Hause … Was war das eigentlich? Acht Jahre ihres Lebens waren ihr verloren gegangen. Für Stina war ihr Heim noch immer ihr kleines Apartment in Stockholm. Doch das wurde inzwischen längst von jemand anderem bewohnt, genau wie ihr Job in der kleinen Werbeagentur neu besetzt war und ihre alten Freunde sich in alle Winde verstreut hatten.

Stattdessen hatte sie nun einen Ehemann, an den sie sich nicht erinnern konnte. Ihr graute davor, wenn sie an die Zukunft dachte. Konnte sie tatsächlich mit einem Fremden zusammenleben? War sie dazu wirklich in der Lage?

Nicht, dass sie ihn unsympathisch oder gar abstoßend finden würde. Ganz im Gegenteil. Sie fand Patrick sogar sehr attraktiv. Mit dem markanten Kinn und der kühn geschwungenen Nase, dem glatten schwarzen Haar und dem athletisch gebauten Körper war er der bestaussehende Mann, dem sie je begegnet war. Dennoch war er ein Fremder, von dem sie im Grunde gar nichts wusste.

Aber was hatte sie schon für eine Wahl? Es gab niemanden, zu dem sie gehen konnte. Sie hatte keinen Job mehr und auch keine Familie. So schwer es ihr auch fallen mochte, das zu akzeptieren, Patrick war der einzige Mensch auf der Welt, an den sie sich noch wenden konnte. Es war ja nicht einmal so, dass sie ihn nicht mochte. Er gab sich wirklich die größte Mühe, mit ihr so normal wie möglich umzugehen, ohne sie dabei unter Druck zu setzen. Dennoch war er für Stina nichts anderes als ein Wildfremder. Sie hatte nicht mehr Beziehung zu ihm als zu jeder anderen x-beliebigen Person, der sie auf der Straße begegnete.

Die Situation war einfach haarsträubend absurd. Am liebsten wäre sie einfach im Krankenhaus geblieben, doch Dr. Magnusson hatte natürlich recht, eine Klinik war kein Hotel.

Wenn doch nur ihre Eltern noch am Leben wären …

Ein unbändiges Gefühl der Trauer stieg in ihr auf. Es war noch immer unfassbar für sie, dass ihre Mutter und ihr Vater schon vor vielen Jahren gestorben sein sollten. Die beiden waren so lebensfroh, so voller Energie gewesen. Stina hatte ihre Eltern über alles geliebt, denn sie waren immer für sie da gewesen, hatten sie unterstützt und beraten. Doch jetzt, wo sie ihre Hilfe am dringendsten benötigte, waren sie tot – und sie konnte sich nicht einmal erinnern, auf ihrer Beerdigung gewesen zu sein.

“Wir sind gleich da”, erklärte Patrick. “Wer weiß, vielleicht erinnerst du dich ja an alles, wenn du unser Haus erblickst. Du hast es immer sehr geliebt, hier draußen zu leben.”

“Hmm.” Stina biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sicherlich war die Situation für Patrick mindestens ebenso schwer zu ertragen wie für sie selbst. Immerhin hatte er auf gewisse Weise seine Ehefrau verloren. Bloß Stina wusste nicht, wie sie ihm helfen sollte, sie hatte selbst genug Probleme. Sie konnte ja nicht einmal vernünftig mit ihm reden. In seiner Gegenwart fühlte sie sich befangen, obwohl – oder gerade weil? – sie immer ein seltsames Kribbeln verspürte, wenn er ihr in die Augen schaute.

Patrick lenkte den Wagen um eine scharfe Straßenbiegung. Stina atmete tief ein, als sich der Wald zu ihrer Linken öffnete und den Blick auf ein Tal freigab, das sich in die spärlich bewaldeten Berghänge schmiegte. In seinem Zentrum lag ein See, auf dessen Oberfläche sich die düstere Wolkendecke spiegelte. Dichtes Schilf wiegte sich im auffrischenden Wind. Ein wunderbarer Anblick, selbst bei diesem Wetter. Bei strahlendem Sonnenschein sicher einfach atemberaubend.

Auf einer Lichtung am Ufer des Sees stand das Haus. Es war eine klassische Holzkonstruktion, die in freundlichem schwedenrot gestrichen war. Kletterrosen rankten sich an der Fassade empor, und vor dem Gebäude blühten üppige Blumenrabatten in strahlendem Gelb und sanftem Blau. Die Auffahrt war gesäumt von großen Nadelbäumen, und dicht neben dem Haus stand eine gewaltige Rotbuche, deren Krone das Gebäude beschattete.

Stina fühlte sich gleich in seinen Bann gezogen. Es war das schönste Haus, das sie jemals gesehen hatte, und unter anderen Umständen konnte sie sich sogar vorstellen, hier wirklich glücklich zu werden. Aber so …

“Gefällt es dir?” Patrick musterte sie so hoffnungsvoll, dass es Stina fast das Herz brach.

Sie rang sich ein Lächeln ab. “Ja, es ist wirklich wunderschön. Leben … leben wir alleine hier?”

Patrick schüttelte den Kopf. “Nein, außer uns wohnen noch Margrit, unsere Haushälterin, und ihr Mann Harald hier draußen. Die beiden sind schon über sechzig und leben seit einigen Jahren bei uns, du wirst sie ganz sicher mögen.”

Stina rieselte ein eisiger Schauer den Rücken hinunter. So wunderschön und idyllisch es hier draußen auch war, sie waren zugleich auch völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als sich irgendwie mit den Umständen zu arrangieren. Auch wenn sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sie das fertigbringen sollte.

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