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Das Haus am Lake Macquarie

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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PROLOG

Celia schlief noch halb, als das Telefon klingelte. Sie öffnete die Augen und blickte den Radiowecker auf dem Nachttisch an. Es war erst zehn nach acht, nicht besonders früh. Aber es war Sonntag. Und jeder, der Celia kannte, wusste, dass sie sonntags gern ausschlief. Es musste also einen guten Grund für diesen Anruf geben.

“Bestimmt ist es Mum.” Celia schlug die Decke zurück und nahm den Hörer ab.

“Hallo?”

“Er ist tot.” Die Frau am anderen Ende der Leitung klang wie benommen.

Die Anruferin war tatsächlich ihre Mutter. Ruckartig setzte Celia sich auf. Ohne zu fragen, wusste sie genau, wer “er” war. In Jessica Gilberts Leben gab es nur einen Mann: Lionel Freeman, den berühmtesten Architekten Sydneys. Er war vierundfünfzig Jahre alt, verheiratet und hatte einen erwachsenen Sohn, Luke. Celias Mutter war seit vielen Jahren Lionel Freemans Geliebte.

“Was … was ist denn passiert?”, fragte Celia wie benommen und räkelte sich ausgiebig.

“Er ist tot”, wiederholte ihre Mutter nur.

“Ist er … ist er bei dir? Ich meine, hat Lionel dich dieses Wochenende in Pretty Point besucht?” Celia versuchte, ruhig zu bleiben. Sie hoffte inständig, dass Lionel nicht gestorben war, während er und ihre Mutter sich geliebt hatten. Schließlich besuchte er seine Geliebte, um Sex zu haben – und sicher nicht zu selten.

“Nein. Er wollte herkommen, aber dann kam ihm etwas dazwischen.”

Celia war zwischen Wut und Erleichterung hin- und hergerissen. Ihre Mutter hatte praktisch das ganze Leben damit verbracht, auf ihren verheirateten Geliebten zu warten. Damit hatte es jetzt endgültig ein Ende – aber zu welchem Preis?

“Sie haben es in den Radionachrichten gesagt”, sagte Jessica mit ausdrucksloser Stimme.

“Was wurde im Radio gesagt, Mum?”, fragte Celia geduldig.

“Dass Lionel den Unfall nicht verursacht hat. Der Fahrer des anderen Wagens war schuld. Er war betrunken.”

Also ein Autounfall, dachte Celia. Sie verspürte kein Mitleid mit Lionel Freeman, sondern nur mit ihrer Mutter. Jessica Gilbert hatte alles für die kurzen, glücklichen Momente mit ihm geopfert. Sie hatte Lionel mehr geliebt als ihr Leben, mehr als alles andere auf der Welt. Doch jetzt war er tot. Und seine verzweifelte Geliebte war ganz allein in dem geheimen Liebesnest, wo sie auf Wunsch des egoistischen Lionel seit einigen Jahren lebte.

Celia hatte Angst, dass ihre Mutter eine Dummheit begehen könnte, sobald sie wirklich begreifen würde, was geschehen war. Jessica hatte Lionel Freeman bereits zwanzig Jahre ihres Lebens geopfert. Aber sie, Celia, würde nicht zulassen, dass er ihre Mutter mit in den Tod nahm.

“Mum, du machst dir jetzt erst mal eine Tasse Tee”, sagte sie energisch. “Und rühr ganz viel Zucker hinein. Ich bin sofort bei dir.”

Zum Glück wohnte sie in Swansea, nicht weit entfernt von Pretty Point. Mit ihrem sportlichen kleinen Wagen war sie normalerweise in etwas mehr als einer halben Stunde dort. Doch diesmal brauchte sie nur dreiundzwanzig Minuten. Zum Glück waren die Sonntagsausflügler aus Sydney noch nicht unterwegs. Sie würden die Straßen erst wieder bevölkern, wenn es in einigen Monaten richtig warm wurde.

Celia klopfte, doch es kam keine Antwort. Voller Angst trommelte sie gegen die verschlossene Hintertür. “Mum!”, rief sie. “Mum, lass mich rein!”

Niemand öffnete. Der Magen zog sich ihr zusammen, als sie zur Vorderseite des Hauses ging. Celia rechnete bereits mit dem Schlimmsten, als sie ihre Mutter an einem Tisch auf der Terrasse sitzen sah, von der aus man einen wunderschönen Blick auf den See hatte. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne sah Celia das feine Profil und die rötlich-goldenen Locken ihrer Mutter. Jessica trug ein zartgelbes Seidenkleid, das ihre schmale Taille betonte. Sie sah wunderschön aus und wirkte aus dieser Entfernung sehr jung.

Und sehr lebendig, dachte Celia erleichtert. Sie rannte die hölzernen Stufen hinauf zur Terrasse. Jessica blickte auf. Ihre sonst so ausdrucksvollen Augen wirkten merkwürdig leer. Der Tee stand unberührt vor ihr. Sie steht unter Schock, stellte Celia fest, ließ sich aber nichts anmerken.

“Mum”, sagte sie sanft und setzte sich neben sie. “Du hast deinen Tee ja gar nicht getrunken.”

“Was? Ach so … das habe ich ganz vergessen.”

Celia beschloss, ihre Mutter so schnell wie möglich von Pretty Point weg und an einen Ort zu bringen, wo sie ständig unter Aufsicht wäre. Am liebsten hätte sie es selbst übernommen. Doch Celia leitete eine Klinik und hatte in den kommenden Wochen wichtige Termine, die sie nicht verschieben konnte. Erst danach würde sie wieder etwas mehr Zeit haben. Bis dahin muss Tante Helen einspringen, beschloss sie.

“Mum”, sagte sie energisch, “du weißt ja, dass du nicht hierbleiben kannst. Das Haus gehört Lionel. Sicher hat er es vor seiner Familie geheim gehalten, aber früher oder später werden seine Verwandten hier auftauchen. Und du wolltest doch auf gar keinen Fall, dass Lionels Frau oder sein Sohn von dir erfahren …”

“Seine Frau ist auch tot”, unterbrach Jessica sie. “Sie kam ebenfalls bei dem Unfall ums Leben.”

“Das ist ja furchtbar.” Celia ließ sich gegen die Stuhllehne sinken. Insgeheim hatte sie sich oft vorgestellt, wie Lionel Freeman sich vom höchsten seiner Häuser stürzte. Doch seiner Frau hatte sie nie etwas Böses gewünscht.

“Der arme Luke.” Jessica schluchzte unterdrückt. “Das wird ihn umbringen. Er ist bestimmt am Boden zerstört.”

Celia runzelte die Stirn. An Lionels Sohn hatte sie noch nie viele Gedanken verschwendet. Doch jetzt tat er ihr leid. Wie furchtbar musste es sein, beide Eltern zu verlieren! Doch sie konnte nichts für ihn tun. Und außerdem musste sie sich um ihre Mutter kümmern.

Plötzlich blickte Jessica ihre Tochter an. “Du hast Recht”, sagte sie, von Panik erfüllt. “Ich kann nicht hierbleiben. Womöglich kommt Luke her. Er darf auf keinen Fall von mir erfahren.”

“Ich glaube nicht, dass er persönlich herkommen wird”, versuchte Celia sie zu beruhigen. “Aber es ist trotzdem besser, wenn du das Haus verlässt. Ich werde dich zu Tante Helen bringen. Dort kannst du bleiben, bis ich eine Wohnung für dich gefunden habe.”

Jessica traten Tränen in die Augen. Sie schüttelte heftig den Kopf. “Nein, das geht nicht. Helen hat Lionel gehasst.”

Haben wir das nicht alle? dachte Celia. “Nein, Mum”, sagte sie sanft. “Sie hat nur die Art gehasst, wie er dich behandelt hat. Das ist etwas ganz anderes. Und außerdem hat sich die Situation jetzt grundlegend geändert.”

Ihre Mutter brach in Tränen aus. “Sie hat mich nie verstanden”, schluchzte sie. “Und du auch nicht, Celia. Ich weiß, du hast mich wegen meiner Beziehung zu Lionel immer für dumm und leichtgläubig gehalten. Und vielleicht war ich es auch. Aber das ist etwas, was uns allen widerfährt, wenn wir jemanden lieben.”

Mir nicht, dachte Celia, niemals! Sie würde sich nie in einen Mann wie Lionel Freeman verlieben.

“Ich weiß, du glaubst, dass Lionel mich nicht geliebt hat”, sagte ihre Mutter traurig. “Aber das hat er.”

“Wie du meinst, Mum”, sagte Celia.

“Du glaubst mir nicht, stimmt’s?”

Celia antwortete nicht.

“Es gibt Dinge, von denen du nichts weißt – die ich dir nie erzählt habe …”

“Dann möchte ich auch jetzt nicht davon erfahren, Mum.” Das Letzte, was sie in diesem Moment hören wollte, waren die ganzen Lügen, die Lionel Jessica in den vergangenen zwanzig Jahren erzählt hatte. Celia hatte sich in den letzten Jahren geweigert, mit ihrer Mutter über deren Geliebten zu sprechen.

Jessica seufzte schwer und ließ die Schultern sinken. Ihr ganzer Lebensmut schien sie verlassen zu haben, sogar die Augen wirkten leer und glanzlos. Mit einem Mal sah die sonst so sinnlich und jugendlich wirkende Frau, die man bis vor kurzem für dreißig hätte halten können, genau so alt aus, wie sie war: zweiundvierzig Jahre – und sogar ein wenig älter.

“Du hast Recht”, sagte Jessica. Ihre Hoffnungslosigkeit erschreckte Celia viel mehr als der Schockzustand, in dem sie ihre Mutter angetroffen hatte. “Was ändert das? Lionel ist tot. Alles ist aus.”

Genau das hatte Celia befürchtet: dass ihre Mutter ohne Lionel keinen Sinn im Leben mehr sehen würde. Sie warf Jessica einen besorgten Blick zu. Schon oft war ihr gesagt worden, dass sie ihrer Mutter sehr ähnlich sah. Doch abgesehen von ihrem Äußeren waren die beiden Frauen grundverschieden. Jessica war sehr romantisch veranlagt, Celia dagegen äußerst realistisch. Schließlich hatte sie zwanzig Jahre mit angesehen, wie Lionel Freeman ihre Mutter skrupellos ausgenutzt hatte.

Doch vor langer Zeit hatte auch sie, Celia, sehr an ihm gehangen. Sie war sechs gewesen und ohne Vater aufgewachsen, als sie ihn kennen gelernt hatte. Welches kleine Mädchen hätte einen Mann nicht angebetet, der so schöne Spielsachen mitbrachte und seine Mummy mit seinen Besuchen so glücklich machte?

Erst als Jugendliche begann Celia, Lionel mit anderen Augen zu sehen. Als ihr klar wurde, aus welchem Grund er ihre Mutter besuchte und wie oft Jessica seinetwegen weinte, verwandelte sich ihre Zuneigung über Nacht in Hass. Empört und verletzt stellte sie Lionel zur Rede – und dann Jessica. Von da an trafen die beiden sich an einem anderen Ort. Und Celia schwor sich, dass sie sich nur in einen Traummann verlieben würde, der keine Angst davor hätte, eine feste Bindung einzugehen und Vater zu werden – und der nicht mit einer anderen Frau verheiratet wäre. Es müsste ein zuverlässiger, treuer, ehrlicher und charakterstarker Mann sein – und natürlich sollte er blendend aussehen und sehr gut küssen können.

Celia war dreizehn Jahre alt gewesen, als sie sich ihren Traummann vorgestellt hatte. Und jetzt, viele Jahre später, hatte sie ihn noch immer nicht gefunden und war überzeugt, dass er gar nicht existierte. Seit ihrer Schulzeit hatte sie mehrere Freunde gehabt, doch alle hatten sie irgendwann enttäuscht – ob im Bett oder auf andere Art. Vielleicht stellte Celia auch einfach viel zu hohe Ansprüche. Jedenfalls waren ihre Beziehungen nie glücklich oder von langer Dauer.

Die letzte war vor einigen Monaten in die Brüche gegangen. Ein Football-Spieler, der wegen einer Knieverletzung bei Celia in Behandlung gewesen war, hatte ihr gesagt, er sei verrückt nach ihr. Er versprach, alles für sie zu tun, wenn sie nur mit ihm ausgehen würde. Und schließlich stimmte Celia zu, denn sie fand ihn ebenfalls attraktiv: Er war groß, muskulös, erstaunlich intelligent und schien es ernst zu meinen. Natürlich ging sie nicht gleich bei der ersten Verabredung mit ihm ins Bett. Und als sie es schließlich tat, bereute sie es – es war eine herbe Enttäuschung.

Ihrem Freund dagegen schien es gefallen zu haben, ebenso wie den anderen Männern, mit denen Celia geschlafen hatte. Es schien sie nicht sonderlich zu interessieren, ob ihre Freundinnen zum Höhepunkt kamen. Wenn nicht, gaben sie grundsätzlich den Frauen die alleinige Schuld daran. Und jeder von ihnen versprach, dass alles mit der Zeit besser werden würde.

Wenn es sich um einen netten Mann handelte, blieb Celia mit ihm zusammen und hoffte, dass sich tatsächlich alles bessern würde. Als sie das zweite Mal mit dem Football-Spieler schlief, teilte dieser ihr mit, seine vorherige Freundin habe zu diesem Zeitpunkt bereits den dritten Orgasmus gehabt. Celia hatte daraufhin beschlossen, dass er auf keinen Fall ihr Traummann war – und ihn am nächsten Morgen vor die Tür gesetzt.

Leider hatte Jessica Gilbert Lionel Freeman nicht vor die Tür gesetzt, als sie erfahren hatte, dass er verheiratet war. Eine Zeit lang weigerte sie sich zwar, ihn zu sehen – obwohl er, zumindest im Bett, ihr Traummann war. Doch dann hatte sich Lionel wieder den Weg in Jessicas Bett zurückerobert. Und seitdem hatte er seinen Platz in ihrem Leben nicht mehr geräumt.

Celia bezweifelte nicht, dass ihre Mutter Lionel tatsächlich von ganzem Herzen geliebt hatte. Doch sie war ganz sicher, dass er diese Gefühle nicht erwidert hatte.

“Wie wäre es, wenn du duschst und dich umziehst, während ich Tante Helen anrufe?”, fragte sie ihre Mutter sanft.

Zum Glück lebte Celias Tante im nur zehn Meilen entfernten Dora Creek. John, ihr Mann, arbeitete im Elektrizitätswerk des Ortes. Die beiden Söhne des Paares waren erwachsen und schon vor längerer Zeit ausgezogen, so dass jetzt mehrere Zimmer für Besucher frei waren.

Jessica zuckte teilnahmslos die Schultern. “Wie du meinst.”

“Wir packen dir eine Tasche mit den wichtigsten Sachen. Ich werde dann später noch einmal wiederkommen und die restlichen Dinge holen.” Celia rechnete nicht damit, dass in nächster Zeit jemand nach Pretty Point kommen würde – am wenigsten Lionels Sohn. Reiche Leute erledigten so etwas nicht selbst. Und nach dem Tod seiner Eltern war Luke Freeman sogar ein schwerreicher Mann.

Während ihre Mutter duschte, rief Celia ihre Tante an und erklärte, was passiert war. Als Jessica wieder nach unten ins Wohnzimmer kam, nahm Celia die Autoschlüssel aus der Tasche und stand auf. Traurig ließ Jessica den Blick umherschweifen. “Lionel hat dieses Haus so geliebt”, sagte sie wehmütig. “Er hat es selbst entworfen und gebaut – extra für uns.”

Das bezweifelte Celia nicht. Das Haus hatte einen dreieckigen Grundriss und eine breite Fensterfront mit einer Holzterrasse zum See hin. Mit seiner abgelegenen, romantischen Lage war es ein perfektes Liebesnest. Ein großer Kamin aus Sandstein, komfortable Sofas und ein cremefarbener, flauschiger Läufer unterstrichen die romantische Atmosphäre. Im Schlafzimmer, das im Obergeschoss lag, gab es ein riesiges Bett und im direkt anschließenden Badezimmer einen Whirlpool, in dem zwei Personen gleichzeitig baden konnten. Ein Gästezimmer gab es nicht. Lionel hatte nicht gewollt, dass seine Geliebte Gäste empfing.

Celia hatte nie in dem Haus in Pretty Point übernachtet. Sie hatte ihre Mutter mindestens einmal pro Woche hier besucht – allerdings nur dann, wenn Lionel nicht dort war. Sie wollte ihm möglichst aus dem Weg gehen, denn sie wusste, dass sie sich ihm gegenüber unfreundlich verhalten würde. Celia wusste jedoch immer, ob Lionel kurz zuvor da gewesen war. Er benutzte ein ganz bestimmtes Rasierwasser, das auch noch lange nach seiner Abreise zu riechen war. Als Kind hatte Celia es immer gerochen, wenn sie morgens zu ihrer Mutter ins Bett gekrochen war. Nur ungern dachte sie heute daran, wie sehr ihr der Duft – und auch Lionel selbst – damals gefallen hatte.

“Mum, lass uns gehen.” Energisch nahm Celia Jessica beim Arm.

Ihre Mutter ließ sich widerstandslos wegführen. Im Haus gab es zu viel, was sie an Lionel erinnerte. Sie würde hier ständig vom Gedanken an ihren Geliebten gequält werden und nachts keinen Schlaf finden. Jessica hatte immer daran geglaubt, dass Lionel sie wirklich liebte und ihre Beziehung über das Sexuelle hinausging. Doch jetzt war sie sich nicht mehr sicher. Schon früher hatten sie oft furchtbare Zweifel befallen. Aber wenn Lionel gekommen war und sie in die Arme geschlossen hatte, waren alle Bedenken vergessen gewesen.

Doch nun würde er sie nie wieder an sich ziehen, sie lieben und ihr sagen, wie viel sie ihm bedeutete. Jessicas Zweifel würden also nie zur Ruhe kommen. Sie würden stärker werden und wie eine Krankheit an ihr zehren. Wenn sie nicht mehr daran glauben konnte, dass Lionel sie so geliebt hatte wie sie ihn, dann waren all ihre Opfer umsonst gewesen. Jessica hatte auf so vieles verzichtet: Sie hatte ihm nie Briefe oder eine Karte schreiben, nie Weihnachten oder seinen Geburtstag mit ihm feiern können. Sie waren nie gemeinsam in der Öffentlichkeit aufgetreten. Und Jessica hatte kein Kind von ihrem Geliebten bekommen.

War diese wundervolle Liebe denn lediglich eine Illusion gewesen? War Lionel kein einfühlsamer Mann, sondern ein egoistischer, heimtückischer Lügner gewesen? Der Gedanke war Jessica unerträglich. Sie brach in Tränen aus. Ihr zarter Körper wurde von Schluchzern geschüttelt.

“Oh, Mum!” Zärtlich umarmte Celia ihre Mutter. “Alles wird wieder gut. Das verspreche ich dir. Du musst nur jetzt so schnell wie möglich von hier weg.”

1. KAPITEL

“War das alles, Harvey?”, fragte Luke, schraubte den Federhalter zu und steckte ihn sich in die Jackentasche.

“Vorerst ja.” Der Anwalt ordnete die Dokumente und heftete sie ab. “Über eine Kleinigkeit muss ich allerdings noch mit Ihnen sprechen.”

Luke blickte auf die Uhr. In einer Viertelstunde wollten er und Isabel losfahren, um gemeinsam die Eheringe auszusuchen. “Worum geht es?”

“Am Freitag vor dem Unfall hat Ihr Vater mit mir über eine Immobilie am Lake Macquarie gesprochen, die ihm gehört.”

“Meinen Sie die Hütte in Pretty Point?”

“Genau. Ein Haus mit einem etwa vier Hektar großen Grundstück.”

Luke runzelte die Stirn. “Ich dachte, Dad hätte es schon vor Jahren verkauft. Er sagte, er würde es nicht mehr benutzen, weil man am See nicht mehr so gut angeln konnte wie früher.”

Sein Vater war ein begeisterter Angler gewesen. Sobald er, Luke, alt genug gewesen war, hatte er ihn mitgenommen. Im Alter von sechs oder sieben Jahren hatte er fast jedes Wochenende mit seinem Vater in der kleinen Hütte in Pretty Point verbracht. Seine Mutter kam nie mit, denn sie hasste Fisch. Nicht einmal den Geruch konnte sie ertragen. Luke liebte die Angel-Wochenenden vor allem, weil sein Vater dann so viel Zeit für ihn hatte. Das Angeln selbst interessierte ihn nicht sonderlich. Als Luke mit zwölf seine Begeisterung für Basketball entdeckte, wollte er die Wochenenden lieber im Jugendklub verbringen, trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen. Dafür hatte Lionel Freeman volles Verständnis. Er war überhaupt ein großartiger Vater.

Und Lukes Mutter war eine ebenso großartige Ehefrau. Katherine Freeman gehörte zu den Frauen, die keinem Beruf nachgehen, sondern sich ganz ihrem Partner und der Familie widmen wollten. Sie war sehr stolz darauf, wie sauber und ordentlich ihr Zuhause stets war. Katherine legte größten Wert darauf, alle Arbeiten selbst zu erledigen – vom Kochen bis zum Putzen, obwohl die Familie natürlich wohlhabend genug war, um dafür eine Haushaltshilfe einzustellen.

Leider war sie nicht bei bester Gesundheit und litt unter heftigen Migräneanfällen. Luke dachte daran, wie er sich als Kind häufig sehr leise hatte verhalten müssen. Sein Vater war oft gleich nach der Arbeit ins verdunkelte Schlafzimmer gegangen und hatte am Bett seiner Frau gesessen. Sie waren ein so glückliches Paar gewesen. Und jetzt waren sie tot, gestorben bei einem Autounfall. Ein betrunkener Fahrer, der ihnen auf der falschen Straßenseite entgegengekommen war, hatte sie mit seinem Wagen gerammt.

Der Unfall war vor fast zwei Wochen passiert. Lionel Freeman und seine Frau waren nach einer Dinnerparty auf dem Heimweg gewesen. Sie waren doch erst Mitte fünfzig, dachte Luke. Das Leben konnte wirklich ungerecht sein. Er räusperte sich und versuchte, sich wieder auf das Gespräch mit dem Anwalt zu konzentrieren. Worüber hatte Harvey gesprochen? Ach ja – über das Wochenendhäuschen in Pretty Point.

“Dann hat Dad das Haus also doch nicht verkauft”, sagte er. “Manchmal war er sehr sentimental.”

“Er wollte es einer Freundin schenken.”

Einen Moment lang verschlug es Luke die Sprache. “Wem?”, fragte er dann.

“Einer Dame namens Jessica Gilbert.”

Luke runzelte die Stirn. Wer konnte das nur sein? “Der Name sagt mir gar nichts”, erwiderte er. Es war doch nicht möglich, dass sein Vater …

Harvey schien seine Gedanken zu lesen. “Bitte ziehen Sie daraus keine voreiligen Schlüsse”, beruhigte er Luke. “Wir beide wissen doch, dass Ihr Vater so etwas niemals getan hätte.”

Das war allerdings der Fall. Luke hatte seinen Vater vergöttert und sich immer gewünscht, genau so zu sein wie er. “Hat er Ihnen etwas über diese Miss Gilbert erzählt?”, fragte er angespannt.

“Nur sehr wenig. Er sagte lediglich, sie sei eine ganz bezaubernde Frau, die im Leben nicht viel Glück gehabt habe und der er helfen wolle. Offenbar hat Ihr Vater sie seit einigen Jahren kostenlos in dem kleinen Haus wohnen lassen, da sie kein eigenes besitzt. Er wollte es ihr überlassen, damit sie für immer ein Zuhause hat.”

Lukes Anspannung ließ nach. Sein Vater war für seine Großzügigkeit bekannt gewesen und hatte oft für wohltätige Zwecke gespendet. Doch einen Moment lang hatte er wirklich den Verdacht gehabt …

“Ihr Vater befürchtete, dass Ihre Mutter genau denselben voreiligen Schluss ziehen würde wie Sie, sollte sie bei seinem Tod von diesem großzügigen Mietverhältnis erfahren.”

“Ich schäme mich, so etwas auch nur gedacht zu haben”, sagte Luke.

“Gehen Sie nicht so hart mit sich ins Gericht. Auch ich war zuerst ein wenig misstrauisch, als Lionel mir davon erzählte – besonders da er in dieser Angelegenheit sehr viel Wert auf Diskretion legte. Aber als ich daran dachte, was für ein liebevoller Ehemann er war, wurde mir klar, dass derartige Vermutungen völlig lächerlich waren.” Er lächelte und fragte: “Soll ich also die Schenkung der Immobilie an Miss Gilbert in die Wege leiten?”

“Ja, bereiten Sie die Papiere vor. Ich werde sie dann später unterschreiben.”

“Ich hatte schon vermutet, dass Sie einverstanden sein würden. Ihr Vater wäre sehr stolz auf Sie, Luke. Schließlich ist ein Haus am Lake Macquarie ein kleines Vermögen wert – wie abgelegen es auch sein mag.”

“Es ist doch selbstverständlich, dass ich den Wunsch meines Vaters erfülle. Außerdem habe ich wirklich genug Immobilien geerbt.” Außer dem Familienanwesen in St. Ives besaß Luke verschiedene Häuserblöcke in Sydney, einige davon mitten im Stadtzentrum.

“Ich muss jetzt los, Harvey.” Luke stand auf. “Isabel wartet bestimmt schon auf mich.”

“Sie wird sicher eine besonders reizende Braut sein. Es tut mir wirklich leid, dass Sie kurz vor Ihrer Hochzeit so etwas Schreckliches erleben müssen.”

“Z

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