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Das Halsband des Leoparden – Fandorin ermittelt

Boris Akunin

Das Halsband des Leoparden

Fandorin ermittelt

Kriminalerzählungen

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt und von Renate und Thomas Reschke

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Inhaltsübersicht

Das Halsband des Leoparden

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Traumtal

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

Die Gefangene im Turm oder Der kurze, aber schöne Weg der drei Weisen

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Anmerkungen des Herausgebers

Dieses Buch ist gewidmet
Agatha Christie
Washington Irwing
Maurice Leblanc

Das Halsband des Leoparden

Das Fußballspiel, über das Fandorin von englischen Bekannten so viel gehört hatte, erwies sich als grässlicher Unfug. Das war kein Sport, das war Klassenkampf: Ein Haufen Männer in roten Jerseys fällt über einen Haufen Männer in weißen Jerseys her, und das nur wegen eines aufgeblasenen Stücks Schweinsleder. Ein echter Sportwettkampf wie Boxen, Lawntennis oder Radrennen führte die Tradition des Ritterturniers fort, beim Fußball aber griffen zwei oder drei Männer ungeniert einen Einzigen an. Keine Spur von Ritterlichkeit! Und entsprechend waren auch die Zuschauer. Sie schrien, gestikulierten, sprangen von den Bänken. Als wären sie keine Engländer, sondern Papuas.

Zutiefst überzeugt, dass diese Vergnügung ohne Zukunft sei, verließ Fandorin das Stadion, ohne erfahren zu haben, ob die Lokalmannschaft in eine ominöse Westliga aufsteigen würde – wer immer dazugehören mochte.

In Wirklichkeit war nicht der Sportwettkampf schuld an der Verstimmung des geflohenen Moskauer Beamten, sondern die dumpfe Einsamkeit, die ihn inmitten der Menschenmenge erfasst hatte. Natürlich war er daran gewöhnt, für sich allein zu sein, doch hier kam eins zum anderen: Ein fremdes Land, eine fremde Stadt, der Zusammenbruch seines gesamten bisherigen Lebens, eine vollkommen ungewisse Zukunft und obendrein ein demütigender Geldmangel – ein Zustand, den Fandorin seit langem nicht mehr erlebt hatte.

Man legte sich eben nicht mit den Mächtigen an. Schon gar nicht, wenn man in Russland lebte. Noch vor zwei Monaten ein einflussreicher Mann, kurz vor der Ernennung zum Oberpolizeimeister von Moskau, war Fandorin nun ein Niemand. Mit fünfunddreißig gezwungen, ganz von vorn anzufangen.

Ein neues Leben begann man selbstredend am besten in der Neuen Welt. Wo sonst? Doch nach Amerika musste Fandorin erst einmal gelangen.

Vorerst saß der in Ungnade gefallene Staatrat in Bristol fest, von wo aus Schiffe der Dampfschifffahrtsgesellschaft »City Line« nach New York gingen, und wartete bereits die dritte Woche auf seinen japanischen Kammerdiener.

Fandorin hatte die alte russische Hauptstadt Hals über Kopf verlassen müssen, ohne die Antwort auf sein Entlassungsgesuch abzuwarten. Er stand also ohne Aussicht auf Gehalt und Prämien da und besaß keinerlei erspartes Kapital, lediglich ein kleines Haus in der Malaja Nikitskaja – das Masa nun für ihn verkaufen sollte. Der Erlös würde für ein paar Jahre reichen, und in dieser Zeit wollte sich Fandorin einen neuen Beruf aneignen. Zum Beispiel den eines Ingenieurs.

Ein anderer, leichterer Weg zu finanzieller Unabhängigkeit führte über Wiesbaden oder Monte Carlo. Mit seinem unglaublichen Glück bei Glücksspielen hätte Fandorin vermutlich nur einen Tag am Roulettetisch verbringen müssen, um der Sorge um das tägliche Brot für immer ledig zu sein. Doch das hätte er als unredlich empfunden. Er genierte sich ein wenig für seine rätselhafte Gabe, benutzte sie nur im äußersten Notfall und hatte keineswegs die Absicht, ein Gigolo Fortunas zu werden.

Da dem so war, durfte er höchstens eine halbe Zigarre pro Tag rauchen, musste mit der Pferdebahn fahren, und, statt im »Royal Hotel« zu wohnen, für ein Pfund, zwei Schillinge und sechs Pence die Woche ein kleines Zimmer mit Frühstück und Nachmittagstee mieten.

Allerdings in einem sehr anständigen Viertel – im Grunde dem besten der Stadt. Es lag auf einem Hügel und bestand ausschließlich aus architektonisch zwar etwas nüchternen, aber von herrlichen Gärten umgebenen Villen. Nach einer Woche hatte der ehemalige Staatsrat die Spaziergänge durch die gepflegten Parks und den Anblick der einzigen Sehenswürdigkeit am Ort – der hundert Sashen1 langen Hängebrücke über den Avon – gründlich satt.

Es war Anfang April. An den Bäumen glänzten die ersten Blätter, die Rasenflächen waren von unerträglich sattem Grün, doch Fandorin ging in all dieser Pracht mit einem gänzlich novembrigen Gesicht umher.

Der einzige Lichtblick für den aus seiner Heimat Vertriebenen war die allabendliche Teestunde mit seiner Wirtin Miss Palmer.

 

Dabei hatte er sie bei ihrer ersten Begegnung für vollkommen senil gehalten.

Eine verschrumpelte Greisin, zerbrechlich wie Porzellan, hatte ihm geöffnet. Als sie hörte, der Besucher sei auf ihre Anzeige in der »Western Daily Press« gekommen, hatte sie ihre Brille zurechtgerückt, die blassblauen Augen auf den großen Brünetten gerichtet und vorsichtig gefragt: »Spielen Sie Mundharmonika, Sir?«

Fandorin, bereits an englische Verschrobenheiten gewöhnt, schüttelte den Kopf. Daraufhin stellte die alte Dame die nächste Frage: »Aber Sie waren bestimmt bei der Verteidigung von Khartum dabei?«

Fandorin räusperte sich, um seinen Unmut zu unterdrücken (sie war schließlich eine Dame), und erwiderte beherrscht: »Wenn Sie das Zimmer nur an Mundharmonika spielende V-verteidiger von Khartum vermieten, hätten Sie das in Ihrer Anzeige erwähnen sollen.«

Er hatte doch gewusst, dass dieser Besuch sinnlos sein würde. Er war bereits zweimal abgewiesen worden, weil er Ausländer war, und zwar in schlichteren Häusern als diesem hier, das einen eigenen Park besaß und ein Wappen am schmiedeeisernen Tor: einen massigen Bären unter einer Grafenkrone. Den anstrengenden Aufstieg ins aristokratische Clifton hätte er sich sparen können.

»Herzlich willkommen, Sir«, sagte die Alte und ließ ihn eintreten. »Ich vermute, Sie kommen aus Russland? Das hätte ich gleich merken müssen. Offizier oder Militärspezialist?«

Fandorin, bislang überzeugt, akzentfrei Englisch zu sprechen, war enttäuscht.

»Haben Sie das an meiner Aussprache erkannt?«

»Nein, Sir. An Ihrer Haltung und Ihrem Gesichtsausdruck. Wissen Sie, ich war barmherzige Schwester bei Sewastopol und habe viele Ihrer Landsleute gesehen. Ein gefangener Hauptmann hat mir sogar Avancen gemacht. Sicherlich, weil keine anderen Frauen in der Nähe waren«, setzte sie bescheiden hinzu. »Jedenfalls blieb seine Werbung ohne Folgen.«

Die welken Wangen der Dame färbten sich bei der Erinnerung rosig, und dank des namenlosen Hauptmanns, der vor vierzig Jahren mit der Engländerin geflirtet hatte, kam Fandorin endlich zu einem Dach über dem Kopf.

»Ich bewohne im Haus von Graf Berkeley nur diesen kleinen Flügel, es gibt nicht einmal eine Abstellkammer. Aber Sie haben ja nicht viel Gepäck, oder?« Die Vermutung war erneut richtig.

Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass Miss Palmer überhaupt sehr scharfsinnig und eine gute Beobachterin war. Auch für die seltsamen Fragen zu Beginn ihrer Bekanntschaft gab es eine Erklärung.

Sie hatte sich erst vor kurzem entschlossen, ein Zimmer zu vermieten, und mit den ersten beiden Mietern furchtbares Pech gehabt. Der eine hatte die ganze Zeit Mundharmonika gespielt, der andere unter Alpträumen gelitten – eine Folge seiner Erlebnisse während des Blutbades in Khartum 1885. Jede Nacht erschollen in der Wohnung markerschütternde Schreie: »Issa pfui!« und »Allah Akbar!« Aus Angst vor den Krummsäbeln sagte der Ärmste sich wieder und wieder von Jesus Christus los.

Jeden Abend von fünf bis sechs trank Miss Palmer mit ihrem Mieter Tee. Sie kochte ihn recht dünn und verdarb ihn obendrein mit Milch, und ihre selbstgebackenen Kekse zerkrümelten in den Händen und klebten an den Zähnen, doch die Gespräche mit der alten Dame waren ein Vergnügen – Fandorin war stets bestrebt, die Teestunde nicht zu verpassen.

Ihre eigene Geschichte erzählte die alte Dame ihm gleich in den ersten Tagen.

Ihr Schicksal war traurig und schön – leider keine Seltenheit bei wahrhaft edlen Frauen.

An ihre Eltern hatte Janet Palmer keine Erinnerung, ja, sie hatte sie im Grunde gar nicht gekannt. Ihr Vater, ein Dragoner-Leutnant, war bei Waterloo gefallen. Kurz zuvor hatte er geheiratet, seine Witwe war gerade achtzehn. Sie war guter Hoffnung, und die traurige Nachricht löste vorzeitige Wehen aus. Die unglückliche junge Mutter konnte nicht gerettet werden. Auch dem unter derart traurigen Umständen zur Welt gekommenen Mädchen prophezeite man einen baldigen Tod, doch die Kleine klammerte sich wie durch ein Wunder ans Leben. Oberst Graf Berkeley, der Regimentskommandeur ihres Vaters, nahm sich ihrer an und zog sie mit seinen eigenen Kindern zusammen groß. Janet war ihrem Wohltäter dankbar, und als er einen Schlaganfall erlitt, blieb sie bei dem Gelähmten, um ihm mit ihrer Gegenwart die letzten Tage zu verschönern – schließlich gab es so etwas wie eine Pflicht der Dankbarkeit.

Die »letzten Tage« zogen sich fast zwanzig Jahre hin. Der Mann, der Janet liebte, bewunderte ihre Selbstlosigkeit zunächst und versprach zu warten, so lange es nötig war, doch jede Geduld hat einmal ein Ende. Als Miss Palmer ihren alten Grafen endlich begraben und ihre Freiheit erlangt hatte, war es zu spät zum Heiraten.

Zwar hatte der alte Graf ihr einen Großteil seines Besitzes vererbt, doch seine leiblichen Kinder fochten das Testament gerichtlich an. Sie hätten den Prozess zwar kaum gewinnen können, denn der alte Graf hatte seinen letzten Willen tadellos niedergelegt, doch die frischgebackene Erbin verzichtete von sich aus auf den ihr zugefallenen Reichtum – sie hielt diese Auszeichnung für unverdient. Schließlich hatte sie nur getan, was sie tun musste.

Der älteste Sohn des Verstorbenen, der jetzige Graf Geoffrey Berkeley, dankte Miss Palmer überschwenglich und überließ ihr den Seitenflügel des Stammsitzes in Bristol zur lebenslangen Nutzung.

Seitdem waren über vierzig Jahre vergangen. Der Graf erlitt wie seinerzeit sein Vater einen Schlaganfall, verlor den Verstand und siechte in den hinteren Zimmern des Hauses dahin, und seine Nachkommen erinnerten sich partout nicht, wieso die unnütze alte Frau eigentlich den Seitenflügel ihres Hauses bewohnte.

»Wer hätte gedacht, dass ich so lange lebe?«, seufzte die alte Dame. »Mein Vater, der arme Junge, ist die Krone teuer zu stehen gekommen. Er selbst wurde nur knapp zweiundzwanzig, seine Tochter aber bezieht nun schon ein Vierteljahrhundert lang eine Pension.«

Solange Miss Palmer vom alten Grafen versorgt wurde, hatte sie ihre Waisenrente auf die hohe Kante gelegt, und nun hielt sie sich mit den Prozenten des kleinen Kapitals über Wasser – dank geringer Bedürfnisse und virtuoser Sparsamkeit. Wären ihr nur die Bewohner des Haupthauses nicht so feindlich gesonnen gewesen! Mit aller Macht versuchten sie, die lästige alte Dame zu vertreiben, indem sie ihr das Leben immer unerträglicher machten.

Sie konnten die alte Dame nicht daran hindern, im Park spazieren zu gehen (dieses Recht war ihr in dem Papier über das lebenslange Nutzungsrecht ausdrücklich zugebilligt worden), verboten ihr jedoch, das Tor zu benutzen, so dass sie, wenn sie auf die Straße hinaus wollte, die hintere Pforte benutzen musste. Sie zwangen sie, die Katze abzuschaffen, die seit fünfzehn Jahren bei ihr gelebt hatte. Und ersannen immer neue Schikanen.

Am Ende reifte in Miss Palmer ein Plan: Sie wollte sich eine zusätzliche Einnahmequelle suchen und ein Haus auf dem Land erwerben, irgendwo in der Nähe von Exmoore – damit sie jeden Morgen nach dem Aufwachen das Meer sehen konnte.

Darum hatte sie die Anzeige in der »Western Daily Press« aufgegeben. Zwar hatte sie mit den ersten Untermietern kein großes Glück gehabt und bislang nur dreißig Pfund sparen können, also ein Zehntel der erforderlichen Summe, doch die alte Dame verzagte nicht.

Ihre feste Entschlossenheit, ja allein ihre Fähigkeit, mit sechsundsiebzig Jahren langfristige Pläne zu hegen, nötigten Fandorin aufrichtige Bewunderung ab, zu der sich alsbald tiefes Mitgefühl gesellte – nachdem er die Bekanntschaft mit Miss Palmers Nachbarn gemacht hatte.

Der neue Untermieter begegnete ihnen gleich an einem der ersten Tage bei einem Spaziergang durch den exzellent gepflegten Park mit Kieswegen, Marmorstatuen und schmucken Pavillons. Fandorin stand vor einer Weide und durchlebte sämtliche Gefühle, die jeden von der Heimat getrennten Russen beim Anblick dieses lockenköpfigen Gewächses unweigerlich überkommen. Ähnliche Emotionen lösen Birke und Eberesche aus, doch die sieht man das ganze Jahr über, eine Weide aber erkennt der Stadtmensch nur im Frühjahr. Umso heftiger nagt dann die Nostalgie an der Seele.

Wegen dieses von Dichtern mannigfach beschriebenen, im Grunde aber unangenehmen Gefühls sah Fandorin der um die Ecke biegenden Gruppe mit ein wenig feuchten Augen entgegen und lächelte sogar, als wolle er sich für seine alberne Sentimentalität entschuldigen.

Sein Lächeln wurde offenbar als Unterwürfigkeit interpretiert. Die gesamte recht zahlreiche Gesellschaft verschiedenen Alters und Geschlechts musterte den Fremden mit kühler Verständnislosigkeit.

»Ah«, sagte ein älterer Herr mit aufgeblasenen Wangen, ohne die Stimme im Geringsten zu senken, »das ist vermutlich der neue occupant des Flügels.«

»Indeed«, bestätigte ein zweiter Gentleman, am Kragen erkennbar als Angehöriger des geistlichen Standes, ansonsten eine exakte Kopie des ersten, nur etwas kleiner als dieser und weniger von der Zeit gezeichnet.

Aufgrund der Schilderungen von Miss Palmer erkannte Fandorin mühelos, wer hier wer war. Der ältere Bruder – Lord Daniel Lynn – war der Erbe des alten Grafen Berkeley. Der Pastor war der zweite Sohn, Hochwürden Matthew Lynn. Die Brünette mit der süffisanten Miene und die beiden ebenso süffisant wirkenden Halbwüchsigen an der rechten Flanke waren die Frau und die Söhne von Lord Daniel. Die Blonde mit der süffisanten Miene und die beiden langweiligen Mädchen an der linken Flanke gehörten zu Hochwürden.

Die Lynns (so hieß das Geschlecht der Grafen Berkeley) waren in ihrem Familiennest zusammengekommen, um den achtzigsten Geburtstag des Patriarchen zu begehen. Es fehlte nur der dritte Bruder, der Ehrenwerte Tobias, den Miss Palmer als schwarzes Schaf der Familie bezeichnete.

»Irgendwer muss dem ein Ende bereiten«, sagte die Lady, den empörten Blick auf Fandorin geheftet, obgleich dieser kaum Anlass zu Entsetzen bot: ein eleganter, tadellos gekleideter Gentleman mit einem blasslila Veilchen im Knopfloch und einem Bambusstock in der Hand.

Fandorin sah durch das Panoptikum hindurch, tat, als gelte sein Lächeln nicht der Gesellschaft, sondern der Frühlingssonne, und wollte vorbeigehen, doch da tauchte aus dem Gebüsch das fehlende Familienmitglied auf, und zwar, wie Miss Palmer Fandorin bereits erzählt hatte, in exotischer Begleitung.

Warum der jüngste Sohn von Graf Berkeley unverheiratet geblieben war und den Militärdienst im niederen Rang eines Hauptmanns quittiert hatte, war auch ohne Deduktion unschwer zu erraten. Das schwarze Schaf der Familie machte in der Tat einen düsteren Eindruck: Trübe Augen, die ererbten runden Bäckchen von einem Netz roter Äderchen durchzogen, der Gehrock mit Zigarrenasche bestäubt.

Doch Fandorin betrachtete nicht den Ehrenwerten Tobias, sondern das prächtige Tier, das dieser an der Leine führte. Es war ein afrikanischer Leopard.

Fandorins Vermieterin wusste vom Butler, dass der Hauptmann sich nie von seinem Raubtier trennte, es überallhin mitnahm. Außerdem hatte sie gehört, dass der Leopard nachts an das Gitter des Schmiedeeisernen Pavillons gekettet wurde, und ging seitdem nicht mehr in den Park. Miss Palmer hegte den Verdacht, dass der wilde Afrikaner nur zu einem einzigen Zweck nach Berkeley House gebracht worden war: Um die Bewohnerin des Flügels zu Tode zu erschrecken.

Doch Fandorin fand den Leoparden nicht furchteinflößend. Natürlich hatte er die starren Augen des geborenen Mörders und einen schleichenden Gang, und unter der weichen Lippe blitzte bisweilen ein scharfer Reißzahn hervor, doch die Schönheit der gelbschwarzen Raubkatze ließ die Gefahr vergessen. Das breite, mit glitzerndem Strass besetzte Halsband aus blutrotem Samt und die goldene Kette, die der Hauptmann fest in der Hand hielt, vervollständigten das prächtige Bild.

»Hier Tobias, sieh dir das an.« Lord Daniel wies mit dem Kinn auf Fandorin. »Sie macht unseren Park zum Durchgangshof.«

Der jüngste Bruder lachte ungut und stieß einen eigenartigen Pfeifton aus, bei dem sich das Fell des Leoparden sträubte, er den Kopf zu Boden senkte und die funkelnden Augen auf Fandorin richtete.

Die Neffen und Nichten des Hauptmanns sprangen beiseite, auch die beiden Ladys wichen vorsichtshalber ein Stück zurück.

»Skalper mag es nicht, wenn Fremde hier herumlaufen«, zischte der Ehrenwerte Tobias. »Vor kurzem hat er in meinem Haus einen Einbrecher skalpiert.«

Er pfiff erneut. Die Raubkatze schlug nervös mit dem Schwanz auf den Boden und fletschte die Zähne.

»Wagen Sie nicht, das Tier zu provozieren!«, warnte der Ehrenwerte Tobias dreist. »Ihr alle könnt bezeugen, dass dieses Subjekt Skalper gereizt hat!«

Der Pastor bemerkte mit unchristlicher Blutrünstigkeit: »Du kommst bestimmt nicht mit dem Gesetz in Konflikt, wenn Skalper den Eindringling zerfleischt. Schließlich hat ihn niemand in unseren Park eingeladen.«

Wenn man von mehr als einer Person angegriffen wird, muss man sich dem Stärksten der Gruppe zuwenden. Darum ignorierte Fandorin Hochwürden und den Ehrenwerten Tobias und konzentrierte sich auf das Tier.

Der Mann, der ihn einst gelehrt hatte, jeden Gegner zu besiegen, hatte gesagt: »Wenn dich ein Tier bedroht, egal, ob Tiger oder Schlange, musst du vor allem demonstrieren, dass du ihm nichts Böses willst, aber auch keine Angst hast. Bewege dich nicht, konzentriere deine Ki-Energie im Blick. Ist deine Ki-Energie zu gering, stirbst du. Hast du genug Kraft, weicht das Raubtier zurück.«

Etwa eine halbe Minute lang testete Fandorin, wie es um seine Ki-Energie stand. Offenbar reichte sie aus – der Leopard setzte sich, kniff die Augen zusammen und gähnte, obgleich der Ehrenwerte Tobias ununterbrochen pfiff wie ein überkochender Teekessel.

Getreu den Regeln des Kampfes waren die Schwächeren nach dem Sieg über den Stärksten sogleich gezähmt.

»Sie sind wohl eine Art Zirkusdompteur?«, knurrte der Hauptmann verächtlich, aber nicht mehr aggressiv.

»So eine Art.«

Fandorin tat einen Schritt vorwärts, sodass Hochwürden beiseite treten und der Ehrenwerte Tobias seinen Zögling wegziehen musste.

 

Nach diesem Zwischenfall war ein zivilisiertes Verhältnis zu den Lynns ausgeschlossen, und wenn Fandorin einem von ihnen im Park begegnete, verbeugte er sich nicht, sondern trat nur schweigend beiseite, wenn es sich um eine Dame handelte.

Dem Leoparden allerdings stattete er Besuche ab – nachts.

Er stand vor dem Schmiedeeisernen Pavillon und atmete die Frühlingsdüfte ein. Die Augen des Tieres funkelten in der Dunkelheit mal gelb, mal grün. Fandorin streichelte den Leoparden nicht, das wäre zu familiär gewesen, sagte aber hin und wieder »miezmiez«, und dann schnurrte der Afrikaner wie eine Katze.

In einer sternenklaren Nacht, wie sie in Bristol selten sind, blickten Fandorin und Skalper zum Himmel, jeder voller Sehnsucht nach seiner Heimat. Bei dem Leoparden war das erklärlich – jeder weiß, wie blendend hell die Sterne in der Savanne sind, doch Fandorin, der Sohn blasser Nordhimmel, hätte eigentlich keinen Grund gehabt, wehmütig zu sein. Aber das ist nun einmal eine Eigenheit des Sternenhimmels: Jeder, der ihn anschaut, verspürt einen süßen Stich ins Herz. Vielleicht stammen wir ja tatsächlich von irgendwo dort?

Das war ein interessantes Thema, und Fandorin sinnierte bei seinem Spaziergang durch den Park noch eine Weile über fremde Planeten.

Als der Mond hinter einer kleinen Wolke verschwand, funkelten die Sterne noch heller; besonders das Sternbild der Großen Bärin, das im April am besten zu erkennen ist.

Fandorin legte den Kopf in den Nacken und erstarrte.

Ganz in der Nähe murmelte jemand: »There she waits for me, under the Bear.«

Der Träumer zuckte zusammen und entdeckte im tiefen Schatten, unter einem Busch, einen greisen Gentleman im Rollstuhl. Er war in ein Plaid gehüllt und trug eine gestrickte Kappe auf dem Kopf.

An der Kopfbedeckung erkannte Fandorin, dass er Graf Berkeley höchstpersönlich vor sich hatte. Als diese Kappe einmal am Fenster des großen Hauses aufgetaucht war, hatte Miss Palmer gesagt: »Da ist ja der arme Graf. Er schaut aus dem Fenster in die Freiheit. Was ist ihm denn noch geblieben? Früher hat er gepoltert wie Donner und mit den Füßen aufgestampft, dass die Erde bebte. Und nun ist er an den Rollstuhl gefesselt und ständig auf einen Diener angewiesen.«

Auch jetzt flüsterte eine leise Stimme in der Dunkelheit: »Guten Abend, Sir.« Neben dem Gebüsch blitzten die Tressen der Livree auf. »Ich bin Jim. Wenn die Nacht sternenklar ist, leidet Seine Gnaden immer unter Schlaflosigkeit. Da mag er einfach nicht schlafen.«

Fandorin verbeugte sich leicht vor den beiden, dem Lord und seinem Diener. Er wollte dem Greis eine Artigkeit sagen, doch dieser schaute nicht ihn an, sondern die Große Bärin.

»O yes, right under«, flüsterten die schlaffen Lippen kaum hörbar.

Der Graf regte sich, das Plaid glitt ihm von der Schulter, und Fandorin sah, dass der Greis mit Riemen an den Stuhl gefesselt war.

Vermutlich zur Sicherheit? Damit er nicht herausfiel?

 

Sosehr Fandorin seine Freundin auch zu überreden versuchte, Skalper kennenzulernen, sooft er sie auch zu einem Abendspaziergang im Park einlud – Miss Palmer stöhnte nur und verdrehte die Augen. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Sie machte sich gern selbst Angst. Sie war weder besonders furchtsam noch damenhaft empfindlich, und ihr Geist war schärfer als eine Rasierklinge, davon hatte Fandorin sich gleich am ersten gemeinsamen Donnerstag überzeugen können.

Donnerstags kam nämlich immer ein alter Freund seiner Wirtin zum Tee, Mr. Parsley, der Butler von Berkeley House. Er und Miss Palmer kannten sich seit vierzig Jahren. Früher war Parsley fast täglich in den Flügel gekommen, hatte jedoch wegen der Spannungen zwischen den Bewohnern des Haupthauses und Miss Palmer seine Besuche auf einmal in der Woche eingeschränkt, um die Loyalität gegenüber seinen Arbeitgebern zu wahren. Der Donnerstag aber war der rechtmäßige freie Tag des Butlers. Er übergab seine Geschäfte seinem Stellvertreter, zog ein Jackett an und hielt sich aus den Angelegenheiten der Wirtschaft heraus. Morgens las er Zeitung und rauchte im Park eine Pfeife, mittags aß er im Pub, und gegen Abend ging er mit vollem Recht zum Teetrinken in den Flügel.

Mr. Parsley und Miss Palmer unterhielten sich auf besondere Weise: Er las aus dem »Standard« vor, meist aus dem Kriminalreport; sie äußerte ihre Meinung zu dem Vorgelesenen; der Butler gab ihr unweigerlich recht und las den nächsten Artikel vor. Gegenstand der Debatte bei Fandorins erster Teestunde war eine Notiz mit einer reißerischen Überschrift:

Tod in der Kloake

Stilett-Dick gefunden. – Aber wo ist Inspector O’Leary?

Bei der allmonatlichen Reinigung der Abwasserrohre unter der Oxford Street fanden Kanalarbeiter den Leichnam eines an die Leiter des Kanalabstiegs geketteten Mannes. Nach dem Zustand des Köpers zu urteilen, war Auszehrung die Todesursache.

Das Gesicht des Toten ist von Ratten zerfressen, doch anhand der Tätowierung und der Narbe am Hals konnte ermittelt werden, dass es sich um den berüchtigten Stilett-Dick handelt, der in Whitechapel drei Menschen getötet hat. Scotland Yards bester Detektiv Inspector O’Leary hatte den Mörder verfolgt, bis er vor dreieinhalb Wochen spurlos verschwand. Die Polizei war überzeugt, Stilett hätte seinen Verfolger getötet und den Leichnam vergraben oder in die Themse geworfen, doch der heutige Fund verwirft diese Hypothese und lässt hoffen, dass der tapfere Inspector noch lebt. Die in dem übelriechenden unterirdischen Gewölbe gefundenen Handschellen gehören jedenfalls O’Leary.

Der Dolch, dem Dick seinen grausigen Spitznamen verdankt, befand sich nicht bei der Leiche. Anderenfalls hätte der Angekettete mit der Klinge das Schloss öffnen und sich befreien können. Es ist logisch, anzunehmen, dass der Inspector den Bösewicht entwaffnete, nachdem er ihn gestellt hatte. Der Ablauf der Ereignisse ist unschwer zu erraten: O’Leary stellte den Verbrecher und kettete ihn an die Leiter, dann entfernte er sich aus irgendeinem Grund und kam nicht zurück. Dick, der sich nicht fortbewegen oder um Hilfe rufen konnte, starb nach zwei oder sogar drei Wochen qualvollen Hungerns. Seinen Durst konnte er stillen: Direkt zu seinen Füßen verlief eine Abflussrinne – ein widerliches Gesöff, aber zumindest ausreichend, den Flüssigkeitsbedarf des Organismus zu decken.

Doch obgleich die Umstände des Todes von Stilett-Dick mehr oder weniger klar sind, enthält diese Geschichte noch Rätsel. Warum überließ Inspector O’Leary, ein als streng, aber gesetzestreu bekannter Polizist, den Verhafteten einem so grässlichen Tod? Und vor allem: Wo ist O’Leary?

Wird die Öffentlichkeit je eine Antwort auf diese Fragen erhalten, oder werden sie für immer ein Geheimnis bleiben, wie kürzlich im Fall Jack the Ripper?

»Ein dummer Vergleich!«, fauchte Mr. Parsley und legte die Zeitung beiseite. »Ich bin kein Detektiv, aber ich ahne, was da passiert ist. Dieser O’Leary ist Ire, wie der Name verrät, also trank er gern einen über den Durst. Er hat den Banditen im Abwasserkanal gefangen, entwaffnet, in Handschellen gelegt und ist trinken gegangen. Den Burschen hat er an die Eisenleiter gekettet, damit er nicht weglief. Und wie die Iren trinken können, das weiß ich. Erinnern Sie sich an Pete O’Reilly, Miss Palmer? Der bei uns unterster Kammerdiener war? Bestimmt trinkt auch unser Inspector wochenlang rund um die Uhr. Oder er wurde irgendwann wieder nüchtern, begriff, was er angerichtet hat, und versteckt sich nun irgendwo. Das ist das ganze Geheimnis.«

»Nicht übel, die Hypothese«, bestätigte Miss Palmer und schenkte ihren Gästen Tee nach. »Und was meinen Sie, Sir? Erscheint Ihnen dieser Fall auch weniger rätselhaft als die Geschichte mit Jack the Ripper?«

Für Fandorin war die Geschichte von Jack the Ripper überhaupt kein Geheimnis, aber das sagte er natürlich nicht. Er hatte auch eine Vermutung hinsichtlich des Verschwindens von Inspector O’Leary (das war kein großes Rätsel), doch wozu sich sinnlos engagieren? Er sagte nur: »Ich kenne mich ein wenig aus mit Polizisten. Ein alter Polizeihase geht nicht trinken, bevor er den Verbrecher auf dem Revier abgeliefert und ein P-protokoll darüber aufgesetzt hat. Das ist entscheidend für das Fortkommen im Dienst und für Auszeichnungen.«

»Tja, dann weiß ich nicht.« Mr. Parsley zuckte die Achseln. »In der Tat ein Rätsel. Das kann höchstens Miss Palmer lösen.«

Fandorin lächelte höflich, in der Annahme, das sei ein Scherz.

Wie erstaunt war er darum, als die alte Dame, nachdem sie einen Keks in ihre Tasse getunkt hatte, bemerkte: »Da gibt es nicht viel zu erraten. Das fehlende Stilett erklärt alles.«

Das meinte auch Fandorin, der seine Wirtin interessiert musterte.

»Und der Gestank«, ergänzte er halblaut.

»Und der Gestank«, bestätigte Miss Palmer. »Ich kann mir vorstellen, wie furchtbar es dort stinkt, in dieser Kloake! Die Polizisten haben sich bestimmt die Nase mit Taschentüchern oder etwas Ähnlichem zugehalten. Sonst hätten sie bemerkt, dass im Tunnel nicht nur ein Leichnam verweste, sondern zwei.«

Der Butler rief erstaunt: »Wieso zwei? Wie kommen Sie darauf?«

»Die Sache war offensichtlich so«, fuhr die alte Dame unbeirrt fort. »Der Inspector stellte den Mörder unter der Erde, es gab einen Kampf, bei dem O’Leary die Oberhand behielt. Um zu verschnaufen, kettete er den Verhafteten an der Leiter fest. Doch er versäumte es, ihn sofort zu durchsuchen, und übersah den versteckten Dolch. Und Dick hatte nicht genug Verstand, um sich vorzustellen, welche Folgen seine Tat haben würde.«

»Was hat er denn getan?«, fragte Mr. Parsley, vergebens nach einer Lösung suchend.

»Er riss das Stilett heraus und jagte es dem Inspector bis zum Griff in den Leib. Der Inspector taumelte und fiel ins Abwasser – zu weit entfernt von Dick. Irgendwo dort unten liegt der arme Ire noch immer. Oder es hat ihn ein paar Schritte weiter geschwemmt, bis zur nächsten Schwelle.«

»G-glänzende Deduktion!« Fandorin neigte respektvoll den Kopf, und der Butler eilte nach Hause – dem »Standard« in einem Brief von der sensationellen Entdeckung berichten.

 

In der vierten Woche seines Aufenthalts in Bristol kam Fandorin an einem Dienstag wie immer um fünf vom Spaziergang zurück und meinte, sich im Wochentag geirrt zu haben – was bei der Monotonie seines hiesigen Lebens kein Wunder gewesen wäre.

In der Diele standen Mr. Parsleys Ledergaloschen, aus dem Zimmer drang seine volle, heisere Stimme, und das konnte nur eines heißen: Es war nicht Dienstag, sondern Donnerstag.

Doch als Fandorin ins Esszimmer schaute, sah er, dass der Butler seine Livree trug und dass er nicht saß, sondern stand, und der Tisch nur für zwei Personen gedeckt war.

Dann vernahm er eine seltsame Äußerung: »Abgesehen von allem anderen wäre das die Lösung für das Problem mit dem Haus in Exmoore – tausend Pfund sind schließlich kein Pappenstiel!«

Daraus ergaben sich mehrere Schlussfolgerungen.

Heute war doch nicht Donnerstag. Erstens.

Es war etwas Außerordentliches passiert. Zweitens.

Er musste unauffällig hinaufgehen in sein Zimmer. Drittens.

Doch die Hausherrin bemerkte Fandorin und bat ihn an den Teetisch. Er murmelte, er wolle ihr Gespräch nicht stören, doch darauf sagte Mr. Parsley etwas höchst Merkwürdiges: »Ach, das ist doch kein Geheimnis – die Meldung wird schon heute Abend auf der ersten Seite des ›Western Daily‹ stehen!«

Dann erzählte er Folgendes:

Am Abend zuvor war Graf Berkeley verschwunden. Sein Diener hatte sich für einen Moment entfernt, und als er zurückkam, stellte er fest, dass der Graf sich von seinem Rollstuhl losgemacht hatte und verschwunden war. Der nachlässige Kammerdiener wurde natürlich fristlos entlassen, doch damit war das Problem nicht gelöst. Es war ganz offenkundig, dass Seine Erlaucht aus dem Haus gegangen war und sich verirrt hatte, was ja bei etwas verwirrten alten Leuten häufig geschieht. Der Ladenjunge des Lebensmittelhändlers in der Nachbarstraße hatte den Grafen in Hausschuhen und Schlafrock in Richtung Cliftonwood Road gehen sehen. Der Graf sei sogar »ziemlich forsch davongehumpelt«. Leider hatte der Junge es selbst eilig gehabt und erst am nächsten Morgen von seiner Beobachtung erzählt. Bis dahin hatte man im Park, auf dem Dachboden und im Keller nach dem Grafen gesucht, nun aber stand fest: Die Suche musste entschieden ausgeweitet werden.

Die Söhne des Grafen und Mr. Parsley und seine Untergebenen rannten sich die Hacken ab. Es war zu vermuten, dass der Alte einen Weg aus seinem früheren Leben genommen hatte. Doch der Graf war weder in der Bank aufgetaucht, die er bis zu seinem Schlaganfall geleitet hatte, noch bei seinen alten Bekannten. Die Polizei schaltete sich in die Suche ein – ebenfalls vergebens. Vollkommen in Panik, lobte die Familie eine Belohnung von tausend Pfund aus.

»Für den, der den Alten findet?« Fandorin nickte. »Sehr großzügig.«

»Nicht den Alten, die Aktentasche!« Der Butler seufzte. »Die ganze Aufregung gilt doch nur der Aktentasche. Sie müssen wissen, Sir, der alte Gentleman hat sich nicht nur von seinem Rollstuhl losgemacht, er hat wie durch ein Wunder auch den Schlüssel zum Sekretär im Zimmer von Lord Daniel gefunden. Obwohl das nicht weiter erstaunlich ist, der Graf kennt natürlich sämtliche Geheimverstecke im Haus. Im Sekretär lag neben Geld, Wertpapieren und wichtigen Dokumenten auch eine saffianlederne Aktentasche, und die enthält das Testament des Grafen und vor allem ein Brillantcollier namens ›Galaxy‹, ein Familienerbstück der Berkeleys. Der Großvater des Grafen, der erste Graf Berkeley, brachte dieses Schmuckstück seinerzeit aus Indien mit. Es wird stets unter Verschluss verwahrt und nur zur Hochzeit des ältesten Sohnes hervorgeholt. Ich habe die ›Galaxy‹ zweimal zu Gesicht bekommen: 1841, am Hals von Lady Berkeley, und 1870, als Lord Daniel heiratete. Der Wert des Colliers lässt sich schwer schätzen, aber als wir wegen der Eisenbahnkrise finanzielle Schwierigkeiten hatten, bot die Barclays Bank hunderttausend Pfund als Pfand dafür an. Das lehnten wir natürlich ab.«

»Hat wirklich der Alte die Tasche?«, fragte Fandorin. »Was, wenn …«

»Ja doch, er hat sie!«, rief der Butler, und dass er sich erlaubte, sein Gegenüber zu unterbrechen, zeugte von seiner großen Erregung. »Der Ladenjunge hat genau gesehen, dass der Lord eine ›schmutzigrote Tasche‹ unterm Arm trug – so hat der kleine Tölpel die antike Saffianledertasche beschrieben.«

Miss Palmer erkundigte sich mit zusammengekniffenen Augen: »Waren Sie bei der bewussten Frau in Bath?«

»Aber natürlich! Als Allererstes. Ich bin selbst hingefahren. Allerdings vergebens. Sie konnte schon früher kaum als Dame gelten, und nun ist sie noch mehr aufgegangen, sie hat Arme wie zwei Schinken.«

»Sie war grob zu Ihnen?« Miss Palmer schüttelte mitfühlend den Kopf.

»Sie hat mich die Treppe hinuntergeworfen – ja, ich fürchte, genau so muss man das nennen. Sie ist stark wie ein Hafenarbeiter. Und zu allem Übel war der Graf nicht bei ihr. Ich habe alle ihre Nachbarn abgeklappert, und die Polizei hat auf der Strecke zwischen Bristol und Bath vergebens nach Zeugen gesucht. Niemand hat einen alten Mann im Schlafrock und mit einer Aktentasche unterm Arm gesehen.«

Fandorin war erstaunt.

»Soviel ich weiß, sind es von hier bis Bath gut fünfundzwanzig Meilen. Wie soll ein normalerweise an den Rollstuhl gefesselter alter Mann die bewältigen?«

»Ach, Sir, Seine Erlaucht ist nur im Kopf schwach, seine Beine sind noch stark. Darum wurde er ja an den Rollstuhl gefesselt, er konnte einfach nicht stillsitzen. Außerdem kann man mit der Pferdebahn bis zur Bahnstation fahren und von dort mit dem Zug nach Bath.«

»Auf dieser Strecke hat die Polizei wohl nach Zeugen gesucht?«, fragte Miss Palmer tadelnd.

»Wo denn sonst? So gelangt man doch nach Bath.«

»Aber nicht Graf Berkeley«, unterbrach sie ihn. »Erstens gab es vor achtundzwanzig Jahren, als er das letzte Mal das Haus verlassen hat, noch keine Pferdebahn. Zweitens fuhr er nie mit dem Zug, wenn er diese Frau besuchte. Er ritt oder nahm den Dogcart, erinnern Sie sich an seinen entzückenden schwarzlackierten zweisitzigen Einspänner? Sagen Sie der Polizei, sie soll auf der Landstraße nach ihm suchen, irgendwo zwischen Brislington und Keynsham oder hinter Saltford. Da gibt es jede Menge Gebüsch, Haine und Wäldchen am Weg.«

Der Butler kratzte sich den Backenbart.

»Nun, ich bin es gewohnt, Ihrem Gespür zu vertrauen. Ich gehe gleich Chiefinspector Dodd anrufen. Aber denken Sie an meine Worte: Wir werden den alten Grafen nicht lebend wiedersehen. Der Ärmste liegt irgendwo mit durchgeschnittener Kehle, und das Collier taucht eines Tages bei einem Hehler auf. Oder, noch schlimmer, es wird in Einzelteile zerlegt und verkauft, das wäre dann das Ende der ›Galaxy‹.«

 

»Nein, das hat doch keinen Zweck«, sagte Miss Palmer nachdenklich, als der Butler gegangen war. »Das abzusuchende Gebiet ist viel zu groß. Bis die Polizei alles durchkämmt hat, holt sich der arme Geoffrey eine Lungenentzündung – die Nächte sind kalt, und er hat nur einen Schlafrock an. Er hat mich zwar nie gemocht und mich oft gekränkt, als wir Kinder waren …«

Sie schien unschlüssig.

»Ich müsste durch den Park gehen, aber da ist dieses furchtbare Tier … Obwohl – Miss Flame ist bestimmt schlimmer als ein Leopard. Vielleicht wirft sie auch mich die Treppe hinunter? Andererseits verdanke ich Geoffreys Vater so vieles. Und ich bin lange nicht Eisenbahn gefahren … Was würden Sie mir raten, Mr. Fandorin?«

»Bevor ich mir erlaube, Ihnen Ratschläge zu erteilen, w-wüsste ich gern genauer Bescheid. Wenn ich richtig verstanden habe, sind Miss Flame und die zuvor erwähnte Frau ein und dieselbe Person? Des Grafen ehemalige Geliebte oder etwas in der Art? Und sie lebt in Bath?«

»Ganz recht. Eine ganz triviale Geschichte, bis auf das Ende. Trinken Sie doch ein Tässchen Tee und essen Sie ein paar Kekse, und ich erzähle Ihnen von der Frau aus Bath. Das kostet nicht viel Zeit.«

Fandorin lehnte das Gebäck höflich ab, rührte mit einem Löffel in seinem Tee herum und war ganz Ohr.

»Geoffrey ist es ergangen wie vielen fünfzigjährigen Männern, die ihr Leben vernünftig und ohne große Aufregung zugebracht haben. Er war streng auf Etikette bedacht und zugleich ein recht ungehobelter Kerl, was bei reichen Leuten von Stand oft zusammenfällt. Er war stets davon überzeugt, im Recht zu sein, ging jeden Sonntag in die Kirche und war Vorsitzender der ›Gesellschaft zum Kampf gegen die Unmoral‹ und so weiter und so fort. Und plötzlich erlitt der Graf, wie seinerzeit sein Vater, einen Schlaganfall – einen relativ leichten, sodass er sich bald wieder erholte, aber seitdem war er total verändert. Ich nehme an, er hatte zum ersten Mal gespürt, dass er sterblich ist und das Leben mehr oder weniger an ihm vorbeigegangen war. Wir Frauen ertragen diese Erkenntnis leichter«, bemerkte Miss Palmer mit einem sanften, traurigen Lächeln. »Allerdings haben wir mit fünfzig ohnehin weniger Möglichkeiten, über die Stränge zu schlagen. Genau das tat der Graf nämlich: Er warf seine Fesseln ab und schlug über die Stränge.«

»Bei uns sagt man: ›Wenn einer graue Haare bekommt, stößt ihn der Teufel in die Rippen‹«, meinte Fandorin.

»Genau. Die blühende junge Person namens Molly Flame gehörte zu den Jahrmarktsattraktionen im Kurort Bath. Sie trat mit Zaubertricks auf und legte ihren Kopf in den Rachen eines Löwen. Die meisten Zuschauer aber bewunderten vor allem ihre einmalige Seiltanznummer. Ich selbst habe sie nie gesehen, aber man hat mir erzählt, das Einzigartige an dieser Nummer seien nicht so sehr elegante Pas gewesen als vielmehr die enganliegenden Pantalons der Seiltänzerin.« Miss Palmer senkte keusch den Blick. »Kurz, der Graf, eben noch eine Stütze der Gesellschaft, verlor wegen Miss Flame den Kopf. Anfangs suchte er noch den Anstand zu wahren und die Affäre geheimzuhalten, dann aber drehte er vollends durch: Er überschüttete sie mit Blumen und Geschenken, kaufte sämtliche Zuschauerplätze auf, um den bewussten Tanz ganz allein zu genießen, und so weiter. Zum Glück lebte Lady Berkeley damals noch, sonst hätte Geoffrey seine Zirkusartistin bestimmt geheiratet. Aber er ersann etwas in gewisser Hinsicht noch Skandalöseres. Eines schönen Tages rief er die ganze Familie zusammen, erklärte, er liebe Miss Flame mehr als sein Leben, und da er sich mit ihr in dieser Welt nicht vereinen könne, wolle er im Jenseits für immer mit seiner Passion zusammen sein. Sie können sich die Szene gewiss vorstellen. Der armen Lady musste viermal das Riechsalz gereicht werden. Aber das Wichtigste kam erst am Schluss. Der Notar verlas das Testament, nach dem Miss Flame neben dem Lord in der Familiengruft beigesetzt werden sollte. Falls die Erben diesen seinen Willen missachteten, ginge sämtlicher Besitz, der nicht dem ältesten Sohn zustehe, an die Königliche Stiftung für Witwen und Waisen. Neben den Bankkonten des Grafen also auch das Galaxy-Collier, der größte Schatz der Familie Berkeley.«

»Vielen Dank.« Fandorin nahm die zweite Tasse Tee entgegen und bat Miss Palmer mit einer Handbewegung, die Milch wegzulassen. »Sehr interessant.«

»Natürlich tagte der Familienrat – hinter dem Rücken des Grafen. Ihn als unzurechnungsfähig zu erklären war unmöglich, das Papier war formal exakt aufgesetzt. Die Kinder trösteten sich damit, dass er noch gesund sei und lange leben würde; mit der Zeit würde er sich wieder fangen und von seiner skandalösen Idee Abstand nehmen. Aber Geoffrey hatte andere Pläne. Während seine Familie noch hinter seinem Rücken tuschelte, fuhr er nach Bath. Was er genau vorhatte, weiß niemand, doch zweifellos hegte er die entschiedensten Absichten. Der Tollkopf wurde auf der Straße vor der Wohnung von Miss Flame gefunden, mit einer geladenen Pistole in der Tasche.«

»Was heißt – gefunden?«

»Er hatte einen zweiten Schlaganfall erlitten, und der war viel schwerer als der erste. Seit diesem Tag, seit nunmehr achtundzwanzig Jahren, ist Geoffreys Verstand getrübt. Ob er damals bei Miss Flame war oder ob der Schlaganfall ihn vorher getroffen hat, weiß niemand. Sie selbst schweigt. Jegliche Verhandlungen mit den Angehörigen des Kranken lehnte sie stets strikt ab, und zwar mit den deftigsten Ausdrücken. Das ist die ganze Geschichte.«

»Das ›schockierende Testament‹ besitzt also noch immer seine Gültigkeit?«

»Natürlich. Da der Erblasser nicht mehr ›im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist‹, konnte er es nicht mehr ändern.«

»Und dieses Dokument lag zusammen mit dem C-collier in der saffianledernen Aktentasche?« Fandorin überlegte. »Nun, in diesem Fall wäre es am besten, nach Bath zu fahren und zu versuchen, Madame Flame zum Reden zu bringen.«

»Das meinen Sie also auch?«, fragte Miss Palmer verzagt. »Mein Gott, wie sehr mir das widerstrebt! Aber wenn wir nur täten, was wir möchten, und unterließen, was uns die Pflicht gebietet, würde die Menschheit noch immer ohne Hosen herumlaufen. Nun, dann muss ich wohl an dem Leoparden vorbeigehen und furchtlos meinen Kopf in den Rachen dieser Frau legen.«

Die alte Dame schlug kräftig mit der Faust auf den Tisch, doch ihre Stimme zitterte ein wenig, und Fandorin sagte: »Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Mit dem L-leoparden werde ich schon irgendwie einig, und was Miss Flame angeht – zwei Personen die Treppe hinunterzuwerfen ist schon schwieriger.«

Sein Vorschlag wurde dankbar angenommen.

 

Vor dem Bahnhof, dem ältesten in ganz England, fand gerade eine Glückslotterie statt. Unter dem grellbunten Schild: »Helfen Sie dem Guten, und Gott wird es Ihnen vergelten! Hauptgewinn 500 Pfund!« standen mehrere Lostrommeln.

Fandorin und seine Dame beobachteten den Handel mit dem Glück eine Weile – ihr Zug fuhr erst in einer guten Viertelstunde, und sie hatten nichts weiter zu tun.

Schon bald erregte ein Los ganz vorn in der Trommel Fandorins Aufmerksamkeit. Es unterschied sich in nichts von den übrigen, hatte aber dennoch etwas Besonderes an sich.

Der Losverkäufer drehte die Trommel, das Los verschwand zwischen den anderen und tauchte an der Seite wieder auf. Fandorin hätte schwören können, dass dies der Hauptgewinn war. Dieses Los strahlte als Einziges in dem Haufen ein gewisses Leuchten aus.

Fandorin runzelte die Stirn und wandte sich ab. Sich an Wohltätigkeit zu bereichern – das fehlte noch.

»Ach, wenn es mir nur nicht so leid täte um den Shilling«, seufzte Miss Palmer. »Dann würde ich gern mein Scherflein zum Guten beitragen und zugleich mein Glück versuchen. Fünfhundert Pfund! Das würde alle meine Probleme auf einen Schlag lösen.«

»Ich finde, Gutes zu tun, indem man den Eigennutz und die niederen Instinkte anspricht, ist eine P-profanation«, erklärte Fandorin ärgerlich, noch immer gegen die Versuchung ankämpfend. Fünfhundert Pfund wären auch ihm sehr zustatten gekommen.

»Erlauben Sie, Ihnen zu widersprechen, mein lieber Erast.« Die alte Dame nahm den Arm ihres Begleiters, nachdem sie ihn bereits in der Pferdebahn um Erlaubnis gebeten hatte, ihn beim Vornamen zu nennen. »Das Gute muss lernen, eine Ware zu sein und sich nach den Gesetzen des Marktes zu richten. Einer der schlimmsten Irrtümer unserer Zivilisation ist die Annahme, die Überlegenheit des Guten gegenüber dem Bösen sei offensichtlich und bedürfe keiner Beweise. Satan ist kein ungehorsamer Schüler Gottes. Das sind zwei gleichstarke und gleichberechtigte Parteien. Ich weile schon sehr lange auf der Welt und bin zu der Überzeugung gelangt, dass das Gute dem Bösen in jeder Hinsicht unterlegen ist, und zwar, weil es nicht versteht, sich darzubieten, sich zu verkaufen, wenn Sie so wollen. Der Sieg Gottes über den Teufel und des Guten über das Böse ist durch nichts und niemanden garantiert. In einer schwierigen Situation auf Gottes Hilfe zu vertrauen ist äußerst verantwortungslos und infantil.«

»Bei uns sagt man: ›Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott‹«, bestätigte Fandorin.

Das gefiel Miss Palmer.

»Ein Volk mit einer solchen Maxime hat Aussichten auf eine große Zukunft. Warum ist denn unsere Welt oft so schrecklich? Warum gibt es so viele Verbrechen? Weil das Böse sich weit besser darbietet. Wenn der Mensch geboren wird, muss er sich für eine der feilgebotenen Waren entscheiden: Du kannst ehrlich sein oder ein Gauner; treu in der Liebe oder ein Wüstling; du kannst nach den Regeln des Edelmuts leben oder nach denen der Gemeinheit. Satan lockt die Käufer sehr geschickt an, indem er ihnen weismacht, Gaunerei und Gemeinheit seien viel einträglicher und als Wüstling lebe man viel angenehmer. Auch Gott sollte aufhören, auf seine Unanfechtbarkeit zu pochen, und die Regeln des Handels erlernen – wenn ihm nicht ganz egal ist, was aus uns wird. Um den Sieg des Guten über das Böse zu gewährleisten, braucht es gute Werbung, eine schöne Verpackung und einen Bonus für treue Kunden.«

Fandorin lachte und küsste der Dame die Hand. Miss Palmer gefiel ihm außerordentlich.

»K-kommen Sie, es ist Zeit.«

Sie stiegen in einen Waggon zweiter Klasse und erreichten vierzig Minuten später Bath.

 

Das Haus, in dem Graf Berkeleys einstige Passion lebte, lag in einer vom trüben Licht einer einzigen Gaslaterne beleuchteten Sackgasse.

Miss Palmer betrachtete die blinden Wände der Nachbarhäuser und bemerkte: »An Mr. Parsleys Stelle hätte ich mich nicht allzu sehr auf die Aussage der Nachbarn verlassen. Geoffrey kann durchaus unbemerkt hier durchgeschlüpft sein, vor allem in der Dunkelheit kurz vorm Morgengrauen.« Sie schüttelte den Kopf, hob ihren Schirm ein wenig höher (es nieselte) und schritt mutig voran, bemüht, auf dem nassen Kopfsteinpflaster nicht auszurutschen. »Na dann, auf in den Kampf!«

Wie schon das Aussehen der Behausung vermuten ließ, hielt Miss Frame keine Dienstboten und öffnete selbst die Tür.

Im Türrahmen stand eine große, massige Person mit liederlichem, halb ergrautem Haar und musterte die ungebetenen Gäste drohend. Hinter ihr lag eine schmale, steile Treppe, die in den ersten Stock führte.

»Was wollen Sie?«, fragte die furchterregende Person mit volltönender Stimme.

Miss Frame war vermutlich einmal eine rotwangige Schönheit im Stil Fragonards gewesen, doch mit den Jahren war aus der hübschen Molligkeit Korpulenz geworden und aus dem pikanten Flaum auf der Oberlippe eine Art Schnurrbart. Fandorin konnte sich gut vorstellen, wie diese breitschultrige Amazone den armen Mr. Parsley mit ihren gewaltigen Armen die Treppe hinunterwarf. Erstaunlich, dass sie ihn überhaupt hinaufgelassen hatte.

»Ach, ich weiß schon!« Miss Flame stemmte die Arme in die Hüften. »Sie kommen schon wieder wegen diesem alten Trottel Geoffrey? Noch mal lass ich mich nicht reinlegen! ›Nur zwei Worte unter vier Augen in einer wichtigen Angelegenheit, die direkt mit Ihnen zu tun hat‹, hat der alte Orang-Utan mit dem Backenbart gesagt. Pustekuchen! Lasst mich raus aus eurem schmutzigen Streit! Schert euch zum Teufel! Das sage ich nicht noch einmal!«

Da Fandorin sah, dass sie eine Frau der Tat war, blieb ihm nur eines: Er nahm erneut, wie bei dem afrikanischen Raubtier, Zuflucht zur Ki-Energie. Schließlich konnte er sich mit einer Vertreterin des schwachen Geschlechts nicht prügeln.

Er sah sie durchdringend an, konzentrierte seine ganze innere Kraft auf diesen Blick, lächelte zugleich, da es sich ja immerhin um eine Dame handelte, und griff zur Waffe der verbalen Überzeugungskraft.

»Meine Dame, es tut uns sehr leid, dass wir in Ihr Haus eindringen. Aber Miss Palmer hat einen langen Weg hinter sich und ist erschöpft und völlig durchnässt. Vielleicht dürften wir bei Ihnen ein wenig verschnaufen, bevor wir wieder gehen?«

Ob nun die Ki-Energie gewirkt hatte, die Hausherrin womöglich weniger wild war, als es auf den ersten Blick schien, oder es noch einen anderen Grund gab – jedenfalls erwiderte Miss Flame, den Blick auf Fandorin geheftet: »Na schön. Sie können für einen Moment raufkommen. Ich mach Ihnen ein Glas Grog, aber mehr kriegen Sie von mir nicht.«

Damit stapfte sie dröhnend voraus, die Treppe hinauf.

Miss Palmer brauchte für den Aufstieg wesentlich länger. Womöglich spielte die alte Dame absichtlich die Gebrechliche.

»Wie weise von mir, dass ich Sie mitgenommen habe«, flüsterte sie Fandorin zu. »Solche Frauen haben immer etwas übrig für Brünette mit blauen Augen.«

Oben angekommen, standen sie in einem kleinen Salon. Miss Flame selbst war nicht da – sie kümmerte sich wohl um den Grog, sodass die Besucher sich ein wenig umsehen konnten. Das ganze Zimmer hing voller alter Anschläge und Plakate, die Miss Flame in den verschiedensten Posen zeigten: auf einem Pferd reitend, über ein Seil laufend, den Kopf in den Rachen eines Löwen legend und sogar aus einer Kanone fliegend. Außerdem hing da ein ziemlich scheußliches, aber sehr auffälliges Ölgemälde – allerdings nicht im Stil Fragonards, sondern eher in Rubensscher Manier. Jedenfalls zeigte es Miss Flame in der Pose (und im Kostüm) der Bathseba. Ihre üppigen Formen, selbst wenn der Maler sie ein wenig übertrieben haben mochte, waren wirklich beeindruckend.

»So sah sie einmal aus, die fatale Liebe des armen Geoffrey«, sagte Miss Palmer, während sie das Bild betrachtete. »Tja, sie hat sich verändert. Jetzt kann man sie mit Fug und Recht seine alte Flamme nennen.«

Das Wortspiel mit Miss Flames Namen gefiel Fandorin, und er lächelte.

Dann erschien die Hausherrin. Sie brachte einen Krug Grog und drei Gläser mit, und sie hatte sich obendrein umgezogen – sie war geübt in blitzschnellem Kostümwechsel. Nun trug sie einen weiten, ganz mit Goldfäden durchwirkten Umhang und auf dem Kopf einen schillernden Seidenturban.

»Molly Flame – ist das ein Künstlername?«, fragte Fandorin, getreu der alten Regel der Vernehmungsführung: Frage zunächst nach etwas, worüber das Objekt gern redet. »K-klingt hübsch.« »Den hab ich mir selbst ausgedacht«, sagte die Gastgeberin stolz, leerte ihr Glas in einem Zug und schenkte sich erneut ein. »Siebzehn Jahre lang erregte dieser Name Aufsehen im ganzen Südwesten, von Gloucester bis Weymouth, von Falmouth bis Salisbury! Hätte mich neunundsechzig nicht der Löwe gebissen … Mit Zaubertricks allein kommt man nicht weit.«

»Wie – gebissen?!«, fragte Fandorin entsetzt. »Mein Gott!«

Sie ging zu einem der Plakate und tippte mit dem Finger auf den Löwen.

»Der hier. Er hieß Chuck. Zähne wie Fleischermesser. Aber eigentlich war ich selber schuld. Ich hatte vergessen, meine Haarnadel rauszunehmen. Und da hat er sich gepikt. Ich hab mit knapper Not meinen Kopf aus seinem Rachen gekriegt. Hier, sehen Sie.«

Die gewesene Zirkusartistin senkte den Kopf und schob den Turban hoch. An ihrem Nacken und ihrem Hinterkopf verliefen lange, furchenähnliche Narben.

Fandorin stieß einen Pfiff aus, Miss Palmer rief »oh!«, und von da an lief das Gespräch wie geschmiert.

Nach rund anderthalb Stunden Bericht von einstigem Ruhm und beim dritten Krug Grog kam die Rede auch auf Graf Berkeley – offensichtlich die aufregendste Episode in der Karriere der Löwenbändigerin und Herzensbrecherin. Nach Aufzählung sämtlicher Dummheiten, die der verliebte Graf ihretwegen begangen hatte, kam Miss Flame endlich zu jenem schicksalhaften Tag, an dem Seine Erlaucht, von einem Hirnschlag getroffen, auf ihrer Schwelle zusammengebrochen war.

»Am Ende war Jeff total verrückt. Was er alles angestellt hat! Eines Tages kommt er zu mir, mit funkelnden Augen. Liebst du mich bis ans Grab? Ich sage: Aber ja – was sollte ich schon sagen, wo seine Lippen so bebten und seine Augen voller Tränen waren? Ich habe mir alles überlegt, sagt er. Niemand wird uns je trennen. Wir werden Seite an Seite liegen, wie Romeo und Julia. Dann quasselte er was von wegen Testament und Galaxy. Kurzum – er redete Stuss. Und plötzlich reißt er die Pistole raus! Ehrenwort! Ich zitterte am ganzen Leib. Hab keine Angst, sagte er. Ich weiß, Frauen fürchten sich vor Schüssen. Die Pistole ist für mich, für dich habe ich Gift dabei – und er gibt mir ein Fläschchen. Gut, dass ich nicht die Fassung verloren habe, ich war schon immer ein aufgewecktes Mädchen. Mit Verrückten soll man nicht streiten. Gut, ich nehme es, sage ich, aber du darfst dich auf keinen Fall erschießen. Das Testament eines Selbstmörders ist nämlich ungültig. Das wusste ich von einem Bekannten, er ist Barrister, und das fiel mir nun wieder ein. Ich nahm Geoffrey das Gift ab, goss es in ein Glas, kippte es runter und schmiss das Fläschchen gegen den Kamin, dass die Splitter flogen.«

»Sie haben es getrunken – aber wie …?«

»So.« Die Zirkusartistin nahm ein Glas aus der Anrichte, goss Grog ein, schüttete ihn hinunter und demonstrierte dann, dass das Getränk in einem geschickt versteckten durchsichtigen Glasröhrchen in ihrem Ärmel gelandet war.

»Ein simpler Trick. Mit so was bin ich als fünfzehnjähriges dummes Gör aufgetreten. Jedenfalls, ich trank das Gift, wankte und hatte Tränen in den Augen. Haben Sie eine Ahnung, was für ein schauspielerisches Talent ich hatte! Sarah Bernhardt war mal bei einer Vorstellung in Bath – sie hat mir stehend applaudiert. Ehrenwort! Das war bei meiner Nummer ›Stern des Serails‹ …«

»Und Graf Berkeley?«, lenkte Miss Palmer sie sanft wieder zum eigentlichen Thema zurück.

»Ich drückte ordentlich auf die Tränendrüse und sagte zu ihm: Geh, Geliebter! Leb weiter! Ich werde auf dich warten, jetzt laufe ich dir nicht mehr weg!, und der alte Idiot fing an zu heulen. Er rief: Du wirst nicht lange warten müssen! und rannte raus, er schaute nicht mal zu, wie ich sterbe, dabei bin ich darin große Klasse – eine Augenweide. Wollen Sie mal sehen?«

Fandorin erwiderte: »V-vielleicht später. Aber sagen Sie, was haben Sie sich eigentlich davon versprochen? Hatten Sie keine Angst, dass er zurückkommt?«

»Natürlich hatte ich Angst. Doch ich hatte ohnehin schon entschieden, dass es genug des Guten war. Ich wollte abhauen, weg aus Bath. Nach Glasgow, dort hatte ich seit langem ein Angebot. Aber Geoffrey, der arme Irre, kam nicht weit. Er ging raus auf die Straße und kippte um. Vom Schlag getroffen. Ich hab ihn ja nie geliebt, doch da tat er mir furchtbar leid. Ich hab bestimmt ne ganze Woche geheult.« Auch jetzt hatte Miss Flame Tränen in den Augen. »Niemand hat mich je so geliebt – weder vorher noch nachher.«

Sie brach in Schluchzen aus. Und ließ sich kein einziges Wort mehr entlocken.

 

»Wissen Sie, ich habe ein ganzes Leben gebraucht, um mich von der Richtigkeit banaler Weisheiten zu überzeugen«, sagte Miss Palmer, als sie Molly Flame verlassen hatten und rasch die Straße entlangliefen, um den letzten Zug zu schaffen. »Von frühester Kindheit an werden wir löffelweise mit der gesamten Weisheit der Menschheit gefüttert. Jeden Tag hören wir: ›Stille Wasser sind tief‹, ›Die Hoffnung stirbt zuletzt‹, ›Jede schwarze Wolke hat ein silbernes Futter‹ und Ähnliches, aber das sind Perlen vor die Säue. Solange du nicht selbst über den Stein stolperst, über den vor dir bereits Millionen andere gefallen sind, begreifst und lernst du nichts. Doch wenn du dann deine eigene Erfahrung gemacht hast, möchtest du es in die Welt hinausposaunen: ›He, Leute! Hört alle her! Wisst ihr schon, dass man den wahren Freund in der Not erkennt? Das habe ich soeben entdeckt!‹ Oder: ›Ach, wie verkehrt ihr alle lebt! Ihr solltet wissen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt‹. Aber das Geschrei ist sinnlos, man wird nur heiser davon. Ja, so lebe ich, mein lieber Erast – von einer banalen Erkenntnis zur nächsten. Gerade eben habe ich eine weitere, sehr wichtige gemacht: Der Teufel ist nicht so schlimm, als man ihn malt. Die schreckliche Miss Flame war doch recht nett, finden Sie nicht? Man sollte keinem Ruf trauen, vor allem keinem schlechten.« »Das ist keineswegs banal.« Fandorin lächelte. »Ein durchaus origineller Gedanke.«

»Nein, nein«, wehrte Miss Palmer ab. »Zu originellen Gedanken bin ich nicht fähig. Ich bin eine ganz gewöhnliche, durchschnittliche alte Frau, eine wandelnde Sammlung von Binsenweisheiten. Sechsundsiebzig Jahre Einsamkeit sind lange genug, um sämtliche Sprichwörter am eigenen Leib zu erfahren und sich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Mit Ausnahme der Banalität der Liebe – diese Seite des Lebens ist mir verschlossen geblieben.«

»Ich bin nicht sicher, ob das ein Grund ist, enttäuscht zu sein.«

Die alte Dame sah ihn mitleidig an.

»Sie sagen das so bitter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Ihnen an weiblicher Liebe gemangelt hat. Wahrscheinlich war es eher zu viel, und das, habe ich gehört, soll ja sehr gefährlich sein. Aber wissen Sie was? Lieber tausend Schicksalsschläge erfahren, als sich sein Leben lang in einem Kämmerchen vor dem Schicksal verstecken. Schon wieder eine Binsenweisheit … Also, was halten Sie von dem, was Miss Flame erzählt hat?«

»Graf Berkeley war nicht bei ihr.«

»Ganz meine Meinung.«

Sie gingen jetzt langsam, hin und wieder aufblickend. Es hatte aufgehört zu regnen, der Himmel war nun klar und voller Sterne.

Nach einer längeren Pause sagte Miss Palmer: »Ich glaube, ich weiß, wo wir Geoffrey suchen müssen.«

»Mir fehlt noch ein Detail …« Fandorin half der alten Dame über eine Pfütze. »Wenn Sie mir sagen könnten … Vorsicht, nicht reintreten, hier wurde ein Hund ausgeführt.«

»Danke. Was soll ich Ihnen sagen?«

»Gibt es dort einen Bären?«

»Ja, einen riesengroßen.« Sie klatschte enttäuscht in die Hände. »Ach, und ich wollte Sie überraschen. Und, fahren wir?«

»Direkt d-dorthin? Man könnte uns wegen Eigenmächtigkeit verhaften. Ich denke, wir sollten besser die Polizei informieren.« »Davon rede ich ja – wir sollten zum Polizeirevier in Brislington fahren.«

»Es ist also in Brislington?«

Das war ein Städtchen auf der Strecke zwischen Bath und Bristol.

Vor ihnen lag das Bahnhofsgebäude, hell erleuchtet von elektrischen Lampen.

»Weshalb hinfahren?«, fragte Fandorin erstaunt. »Es ist schon spät, und Sie sind müde. Wir können doch vom Bahnhof aus einfach telefonieren.«

»Ach, bin ich dumm! Dauernd vergesse ich die Errungenschaften des Fortschritts. Zeigen Sie mir, wie man in den Hörer spricht?«

Das Telefonat musste dennoch Fandorin übernehmen – Miss Palmer brachte es nicht fertig, das unbekannte Fräulein mit »Hallo, Zentrale?« anzureden. Doch ihre Anweisungen für den diensthabenden Inspector waren ausnehmend klar und präzise.

»Was, Sie kennen die Familiengruft der Berkeleys nicht? Ach so, Sie wurden erst vor kurzem hierher versetzt. Das ist ganz einfach, junger Mann. Sie gehen durch das Haupttor auf den Friedhof, laufen bis zur Mauer, wenden sich nach rechts, und am Ende der Allee sehen Sie das Mausoleum. Sie können es nicht verwechseln – auf dem Dach steht ein großer steinerner Bär mit einer Grafenkrone.«

 

Kaum waren sie wieder zu Hause, Miss Palmer hatte gerade ihre Hutbänder gelöst und Fandorin seine Schirmmütze an den Haken gehängt, da klopfte auch schon der Butler.

»Sie haben ihn gefunden!«, verkündete er aufgeregt. »Der Inspector aus Brislington hat angerufen! Der Graf ist gesund und munter. Er war in der Familiengruft – er hat dort friedlich geschlafen, mit Kränzen vom Nachbargrab zugedeckt. Sie bringen ihn gleich her!«

»Hat der Inspector gesagt, dass ich ihm te-le-foniert habe?« Das schöne Wort bereitete Miss Palmer sichtliches Vergnügen.

»Ja. Aber ich fürchte, Sie werden die Belohnung nicht bekommen. Die Tasche ist noch da, der Graf hat sie als Kopfkissen benutzt, aber das Collier ist nicht darin.«

»Und das Testament ist auch weg?«, fragte sie.

»Nein, das ist noch da. Nur das Collier fehlt. Ich denke, umgekehrt wäre es der Familie lieber gewesen«, erlaubte sich Mr. Parsley in seiner gehobenen Stimmung zu scherzen.

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