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Das Grauen hat viele Gesichter

Das Grauen hat viele Gesichter

DAS GRAUEN HAT VIELE GESICHTER

Kurzgeschichten-Sammlung

 

von

Christopher Caine

www.GRAUEN.net

Danksagung

Ich möchte mich bei dir, liebe Leserin, lieber Leser, recht herzlich bedanken, dass du dieses Buch – meine erste Sammlung an Kurzgeschichten – gekauft hast.

Besonderer Dank gilt auch Saskia Kruse und Frank Bruné, die die Mühen auf sich genommen haben, alle enthaltenen Kurzgeschichten zu korrigieren. Sollten sich dennoch Fehler finden, so gehen diese auf meine Kappe.

Für meinen Schatz

Ohne dich wäre ich nicht der,

der ich bin,

und würde dies alles nicht schaffen.

 

Ich liebe dich von ganzem Herzen!

Spielen

 

 

 

Wer das hier liest, soll wissen, dass es mir unendlich leidtut. Was auch immer damals geschah, es war nicht meine Schuld, auch wenn mich seither ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle plagen und erdrücken wie ein gigantischer schwarzer Stein. Ich werde alles von damals niederschreiben und versuchen, diese Last endlich loszuwerden. Wenn ich fertig bin, werde ich diesen Text ins Internet stellen und dann …

 

Ich weiß noch nicht …

 

Damals, es war Anfang der Neunziger und ich war ungefähr zwölf, dreizehn Jahre alt, wohnten wir in einer großen Wohnhausanlage, die aus drei Häuserreihen bestand. Jede davon hatte fünf Hauseingänge und die Keller unter jeder Reihe waren miteinander verbunden. Zwischen den Häuserreihen waren großflächige und mit Dutzenden Gerätschaften bestückte Spielplätze angebracht, auf denen wir viel Zeit verbrachten.

Wir? Wir waren ein Haufen Kinder, viele im selben Alter, und wir verstanden uns alle hervorragend. Da gab es mich, Georg, ein unauffälliges, normales Kind. Zumindest denke, oder vielmehr hoffe ich, dass ich normal war. Wir wohnten im Erdgeschoss und mein Vater war Hausmeister. Mein bester Freund Robert wohnte zwei Stockwerke über uns, meine beste Freundin Tamara – nur ich durfte sie Tamy rufen, alle anderen bekamen sonst Prügel von ihr – wohnte im Einser-Haus. Wir nannten es damals so, weil es die erste Häuserreihe von der Hauptstraße aus war. Ich wohnte im Zweier-Haus, so wie die meisten anderen Familien mit Kindern auch. In der dritten Reihe wohnten die wenigsten Kinder. Zumindest kannte ich damals nicht alle. Was soll man schon als Kind alles wissen? Mir reichten unser Spielplatz und meine Freunde. Unser Spielplatz lag zwischen Haus eins und zwei. An den offenen, kurzen Seiten des rechteckigen Feldes begrenzten zwei Hügel unsere Spielfläche, damit wir nicht zur Straße liefen. Damals gab es noch keine eingezäunten Spielplätze und man konnte sich frei bewegen. Und wir durften auf unserem Spielplatz tun und lassen, was wir wollten. Vor Kurzem bin ich wieder dort gewesen und es trieb mir Tränen in die Augen. Nicht nur wegen der Erlebnisse von damals, nein, sondern auch, weil alle Spielgeräte entfernt wurden und die, die man nicht abreißen konnte, waren eingezäunt und ein Schild mit der Aufschrift Spielen verboten! Eltern haften für ihre Kinder! prangerte davor. Das war einfach traurig. Und lächerlich.

 

Bis zu diesem Ereignis, von dem ich berichten möchte, hatten wir alle eine traumhafte Kindheit. Abgesehen von der Schule natürlich, aber wer liebt diese schon? Ich kenne niemanden. Aber unsere Freizeit war wirklich toll. Wir trafen uns immer nach den Hausaufgaben am Spielplatz, spielten Fangen und Verstecken in unterschiedlichen Variationen, bauten Schlösser aus Sand, forschten im Gestrüpp nach wilden Tieren oder suchten geheimnisvolle und verborgene Schätze.

Bis eines Tages ein Neuer kam.

 

Gustav war sein Name und wir fanden ihn sehr seltsam. Auch wenn die Mode von damals, verglichen mit heute, furchtbar war – jeder von uns hasst diese alten Familienfotos, auf denen man mit dicken Pullovern und karierten Hosen in den schrecklichsten Farben abgelichtet ist – so waren seine Klamotten noch sonderbarer. Ich kann nicht genau sagen, was so anders daran war, aber sie wirkten alt und verstaubt. Gustav selbst wirkte ebenfalls so, auch wenn er nur ein Kind war, etwa in unserem Alter, aber seine Haut war seltsam blass und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Solche Ringe hatte ich nur bei meinem Vater gesehen, wenn er zu viel getrunken hatte und es am nächsten Morgen nicht schaffte, rechtzeitig aus dem Bett zu kommen.

Gustav zog mit seiner Familie irgendwann im Sommer ein. Es waren Ferien, das weiß ich noch, aber nicht mehr genau, welcher Tag. Seine Eltern habe ich nie gesehen. Nur einen Umzugswagen, spät in der Nacht, aus dem alte, antik wirkende, mit Plastikfolie umwickelte Möbel in die Wohnung geschleppt wurden.

Irgendwann jedoch gesellte er sich zu uns, als wir gerade dabei waren, uns ein neues Spiel zu überlegen.

 

»Hallo. Ich bin Gustav«, stellte er sich vor und viele von uns erschraken, da sie ihn nicht kommen sahen. Ich ebenso. »Darf ich fragen, was ihr spielt?« Er hatte eine seltsame Art und Weise, wie er sich ausdrückte. Aber ich erwähnte schon, dass alles an ihm seltsam war. Markus, eines der älteren Kinder, ergriff das Wort und sagte ihm, dass wir uns gerade etwas Neues ausdachten. Er winkte ihn zu uns heran und bot ihm an, sich uns anzuschließen. Einige von uns blickten sich gegenseitig mit verwirrtem Blick an. Markus erklärte, er, Gerhard und Karl hätten Gustav schon vor ein paar Tagen kennengelernt und sie hatten mit ihm schon etwas unternommen. Wobei er etwas unternommen mit einem leicht verschwörerischen Unterton sagte, die drei abwechselnd verstohlene Blicke austauschten und dabei grinsten. Wir waren uns alle einig, wenn die Älteren nichts dagegen hatten, es auch für alle anderen kein Problem darstellte, wenn sich Gustav zu uns gesellte. Schließlich waren wir alle gut erzogen, freundlich und neuen Menschen aufgeschlossen - vor allem wenn sie nun auch bei uns wohnten. Heute weiß ich es besser.

 

»Habt ihr schon mal von dem Spiel Geistern gehört?«, fragte uns Gustav und wir alle verneinten. »Es ist im Grunde ganz simpel und die Wohnhausanlage eignet sich hervorragend dafür. Eigentlich ist es nichts anderes als das bekannte Fangen-Spiel …« Ein Raunen ging durch die Menge und jemand von hinten flüsterte: »Langweilig.« Ich glaube, es war Christoph. Ein hagerer, dünner Junge mit überdimensionierten Augengläsern und strohblonden Haaren. »Langweilig?«, setzte Gustav fort. »Habt ihr schon mal Fangen im dunklen Keller gespielt?« Plötzlich waren alle still. Jeder bekam große Augen und blickte sich nervös um.

»Im Keller?«, fragte Petra mit leicht zittriger Stimme. Normalerweise war sie sehr mutig und frech und mit ihren schwarzen, zu zwei Zöpfen an den Seiten geflochtenen Haaren sah sie aus wie die böse Zwillingsschwester von Pippi Langstrumpf. Doch jetzt wirkte sie verängstigt. Ich konnte sie gut verstehen, denn ich hasste den Keller. Es war dunkel und es gab Spinnen. Ich hasste Spinnen. Ich hasse sie auch heute noch und ekle mich vor ihnen.

»Ach, mach dir nicht in die Hosen«, hänselte Alice ihre beste Freundin, »ich finde die Idee klasse!« Sie war die Schwester von Christoph, ein Jahr älter und trug die gleiche Brille. Alice und Petra klebten jede freie Sekunde aneinander. Auch in der Schule saßen sie beisammen, so wie jetzt auch. Ein paar Minuten lang diskutierten wir hin und her, ob das mit dem Keller eine gute Idee sei, aber am Ende sagten alle zu, Geistern zu spielen.

»Und wie spielt man es?«, fragte Tamara und alle hielten abrupt inne. Jeder sah zu Gustav und war gespannt auf seine Antwort.

»Ganz einfach«, setzte er an, »jemand versteckt sich irgendwo im Keller und spielt sozusagen den Geist. Alle anderen warten auf der einen Seite, beim ersten Hauseingang, und begeben sich nacheinander hinein und versuchen, bis zur anderen Seite zu gelangen, ohne von dem Geist gefangen zu werden. Sollte dies geschehen, so wird dieser Spieler selbst zu einem Geist und sucht sich ein eigenes Versteck im Keller. Das Ganze läuft so lange, bis es nur noch einen Überlebenden gibt. Dieser ist der Sieger des Spiels.«

Nachdem wir alles mehrmals durchgegangen waren, blieb die Frage, wer den ersten Geist spielte. Gustav meldete sich, denn schließlich war es sein Spiel. Natürlich. Ich war dankbar dafür, dass ich mich nicht als Erster im Keller verstecken musste und ich hoffte, ich würde als Letzter an der Reihe sein, in den Keller zu gehen. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Wir zogen Lose, um die Reihenfolge zu bestimmen. Ich war als Zweiter dran. Tamara als Erste.

 

Nun standen wir hier, vor der großen, schweren Metalltür, die in den Keller führte. Mir drehte sich der Magen um, wie man so schön sagt, und alle anderen Eingeweide taten es ihm gleich. Ich bemerkte, wie meine Knie zu zittern begannen. Bis zu diesem Augenblick dachte ich wirklich, dass zitternde Knie nur in schlechten Filmen vorkamen und es etwas Derartiges im wahren Leben nicht gab. Aber wie schon gesagt, ich war damals noch ein Kind.

»Also gut«, spornte sich Tamara selbst an, holte tief Luft, schnaubte sie lautstark wieder aus und legte ihre Hand auf den Türgriff, »los geht’s.« Mit diesen Worten zog sie die Tür auf, verschwand in der Dunkelheit und mit einem lauten Krachen knallte die Tür hinter ihr wieder zu. Dieses Geräusch – ich werde es nie wieder vergessen – hallte noch ewig durch die Räume. Wie ein langsam absterbender Schrei zog es sich unendlich durch die Gänge und löste sich in stummer Qual auf. Diese Qual erlebe ich seither jede Nacht, wenn ich schweißgebadet aufwache und sie vor mir sehe, wie sie in die Dunkelheit verschwindet. Oh, Tamy, wie sehr mir alles leidtut und wie sehr ich dich vermisse …

 

Tamara war nun im Keller. Ich weiß es zwar nicht, aber ich bin mir ganz sicher, dass sie – mutig und tapfer wie sie war – mit ausgestreckten Armen in der Dunkelheit entlangschritt, um nirgends anzustoßen oder sich zu verletzen. Angst vor Gustav oder gar der Dunkelheit hatte sie nicht. Aber sie war stets vorsichtig. Nach einer Ewigkeit des Wartens hörten wir einen Schrei. Ganz dumpf und leise drang er tief aus dem Keller durch die schwere, geschlossene Metalltür zu uns. Er hat sie, dachte ich mir, und dieser Gedanke machte mich traurig. Ich wusste, es war nur ein Spiel – zumindest dachte ich es bis dahin – aber ich empfand trotzdem eine unbeschreibliche Traurigkeit. Vielleicht weil sie als Erste dran war? Weil sie erwischt wurde? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich an der Reihe war. Und die Traurigkeit wurde schlagartig von Angst abgelöst.

 

Nun stand ich da, mit der Hand am Türgriff. So sehr ich mich auch versuche zu erinnern, ich kann nicht mehr genau sagen, wie die ersten Schritte, die ersten Augenblicke und Minuten abliefen, als ich den Keller betrat und sich die Tür hinter mir schloss. Ein lautes Krachen wie bei Tamy gab es nicht. Alles war leise und dumpf. Nur das immer lauter werdende Klopfen meines Herzens konnte ich hören.

Im Keller war es so unsagbar dunkel. Noch nie war ich von solcher Schwärze umgeben. Noch nie breitete sich solch eine abgrundtiefe Angst in mir aus. Eine urtümliche Angst. Die Angst vor der Dunkelheit. Nicht zu wissen, was vor einem liegt oder sich hinter einem nähert. Mir war, als könnte ich flüsternde Stimmen hören, doch das Hämmern meines Herzens übertönte alles. Ich glaubte, vor Angst gelähmt zu sein und an einem Fleck zu verharren, doch ich ging langsam voran. Wie getrieben. Oder gezogen. Die Zeit stand still und doch rannte sie im Eiltempo davon.

Plötzlich sah ich Licht. Einige Meter vor mir schien Licht durch einen Türschlitz. Ich war schon bei der Kellertür zu Hauseingang Nummer Zwei angekommen. Die ganze Angst und Dunkelheit fiel von mir ab und ich fühlte mich, als ob ich aus einem Kokon ausbrechen würde und ins Sonnenlicht davonflog. Die letzten Schritte rannte ich zu der Tür, stieß sie auf und war in Sicherheit. Fürs Erste. Denn dies war nur einer von vier Kellerabschnitten zwischen den fünf Hauseingängen. Blieben noch drei übrig.

Jetzt, da ich den ersten Teil geschafft hatte, fühlte ich mich besser. Auch mutiger und stärker und ich dachte, den nächsten Abschnitt würde ich mit Leichtigkeit hinter mich bringen. Aber als ich dann vor der Tür stand, sie öffnete und in die Dunkelheit starrte, wurden meine Knie wieder schwächer.

»Also los«, flüsterte ich leise in mich hinein und machte den nächsten Schritt.

Diesmal war die Angst nicht mehr so groß wie vorhin. Mein Herz pochte zwar noch immer wild und meine Knie waren weich, aber alles lief viel besser als im ersten Abschnitt des Kellers. Hier schien es auch nicht so dunkel zu sein. Nein, das war es nicht, denn ich konnte weiterhin die Hand vor Augen nicht sehen. Aber die Dunkelheit war nicht so erdrückend. Anders kann ich es leider nicht beschreiben. Vorhin war es, als ob man durch Wasser watet. Durch schwarzes Wasser. Hier war es einfach nur absolut dunkel.

Mit ausgestreckten Armen tastete ich mich langsam vorwärts. So hat es Tamy sicher auch gemacht, dachte ich mir.

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