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Das Grau des Nachtparks

Inhaltsverzeichnis

01 Nacht – Graues Gras

02 Nacht – Ein Brecheisen für den Rosengarten

03 Nacht – Metall und Seife

04 Nacht – Voyeur-Katze

05 Tag – Espresso in Zeitlupe

06 Nacht – Im Labyrinth

07 Tag – Kiji in Farbe

08 Nacht – Schaukeln

09 Tag – Graf Mangas Frisiersalon

10 Nacht – Vuitton ist tot …

11 Tag – Tagwerk

12 Nacht – Ausweitung der Kampfzone

13 Tag – Seelenkater

14 Nacht – Entgiftung à la Kiji

15 Nacht – Statt Foto

16 Tag – Bin was … ?

17 Tag – Friseurkunst

18 Tag – Nicht länger ein Fashion-Victim

19 Tag – Schlupflöcher

20 Nacht – Auch die Jugend amüsierte sich offensichtlich

21 Nacht – Aloha from Hawaii

22 Tag – Goldfisch oder verkommenes Subjekt?

23 Nacht – Ginger up!

24 Tag – Piratenflagge

24 Tag – Gewitter

25 Tag – Buntes Wassereis

26 Tag – Faites vos jeux

27 Tag – Gräfin Manga

28 Tag – Kein Geld macht auch nicht glücklich

29 Tag – Kampfanzug

30 Tag – Tretboot mal anders

31 Tag – Potemkinsche Dörfer

32 Tag – Profi-Job

33 Tag/Nacht – Hingabe

34 Nacht – Excalibur

35 Nacht – Handwerkszeug

36 Tag – Königinnenmord

37 Tag – Sax wird heulen

38 Tag – Rien ne va plus

39 Tag – Die Farben des Tagparks

40 Tag – Synthese

01 Nacht – Graues Gras

„Was dagegen, wenn ich mich setze?“

„Warum ausgerechnet hier?“

„Weil es die einzige Bank ist, bei der die Laterne nicht funktioniert.“

Kiji befand die Antwort als akzeptabel, denn genau aus diesem Grund hatte er sich den Sitzplatz gewählt, auf dem er Nacht für Nacht saß.

„Normalerweise sitze ich auf der im Rosengarten. Aber da haben sie gleich drei neue Bodenlichter eingebaut, wegen der Atmo…“ Die Frau verdrehte die Augen.

Kiji nickte und musterte seine Banknachbarin flüchtig. Der blumige Duft von Parfum stieg ihm in die Nase. Sie trug einen sauber geschnittenen Pony, das Deckhaar leicht gestuft, das im schwachen Mondlicht glänzte. Ob es gefärbt war, konnte Kiji in diesem Licht nicht beurteilen. Wahrscheinlich schon. Ihre Nägel waren dunkel, die Wimpern schwarz getuscht. Ein Blick reichte, um zu sehen, dass sie viel Wert auf Kleidung legte. Modetussi.

Nichts für Kiji.

Wenn seine Haare zu lang wurden, griff er sich trotzig den Bikinizonentrimmer, den seine Mutter fast auf den Sperrmüll geschmissen hätte, schor sie auf drei Millimeter ab und ließ sie anschließend wieder wachsen, bis seine Tante keifte und schimpfte.

Kiji griff nach dem Flachmann in der Innentasche seiner Lederjacke, trank ein paar große Schlucke und versuchte die neugierigen, nahezu sehnsuchtsvollen Blicke seiner Sitznachbarin zu ignorieren, bevor er ihr die Flasche wortlos hinhielt.

„Danke.“

Kiji bemerkte, dass ihre gepflegten Finger zitterten, und er fand, sie wirkte ein bisschen wie ein überspanntes Zuchtpferd.

Er zog die Nase hoch, schraubte den Flachmann zu und verstaute ihn in seiner Tasche.

Es lag ein Sirren in der Luft, das monotone Rauschen einer weit entfernten Autobahn, das nachts viel deutlicher zu hören war als am Tag. Kijis Ohren funktionierten in der Finsternis wie Seismografen, tags waren sie merkwürdigerweise halb taub. Wie oft hörte er nicht, wenn man ihn ansprach? Aber in der Nacht entging ihm kein Laut.

Kiji stellte sich vor, nicht Kiji zu sein und starrte auf die schwarzen Bäume. Die Dunkelheit saugte das Grün aus den Blättern.

„Welche Farbe hat das Gras?“, fragte er sie gedämpft und deutete mit dem Finger auf die Halme, die am Fuß der Buche wuchsen.

„Grau“, antwortete sie, ohne nachzudenken.

Kijis Magengrube wurde warm. Seitdem er die Frage stellte, erhielt er stets „Grün“ als Antwort. Der Magic Key lautete „Grau“, und er drehte sich gerade in ein geheimes Schloss in Kijis Herz.

Er reichte ihr die Hand. „Kiji.“

Die Modische griff nach ihr, umschloss sie; kühle, feuchte Finger, sie fühlten sich an, wie er sich Delfinhaut vorstellte.

„Daphne.“

Der Name gefiel Kiji, und er wiederholte ihn stumm ein paar Mal in seinem Kopf.

Daphne hörte nicht auf, seine Hand zu umklammern, und als Kiji sie ihr mit einem Ruck entwand, sah er sie ein paar Sekunden in der Luft schweben und zittern. Dann legte Daphne sie in ihren Schoß, als gehöre sie gar nicht richtig zu ihr. Kiji wandte seinen Blick ab.

Er setzte den Flachmann wieder an und hasste sich dafür.

„Wieso hast du gesagt, dass es grau ist?“

„Weil es grau ist. Morgen wird die Sonne es vermutlich wieder grün zaubern, aber jetzt ist es grau. Kann ich nochmal trinken?“

„Klar.“

Kiji sah ihr fasziniert dabei zu, wie sie den Kopf in den Nacken legte und ihre Lippen das Metall umschlossen. Sie sahen sehr weich aus.

„Du trinkst auch zu viel“, stellte Kiji sachlich fest.

„Definitiv.“

Kiji schloss die Augen. Seine Schulter berührte Daphnes. So saßen sie lange, ohne zu reden. Er hatte Angst vor dem Moment, in dem Daphne aufstehen, ihren Koffer nehmen und gehen würde. Ein Metallkoffer, wie der eines Fotografen. Er schien häufig benutzt zu werden, Kratzer und Dellen überzogen das beschichtete Metall.

„Bist du Fotografin?“

Daphne blickte ihn verwirrt an.

„Wegen dem Koffer.“

„Ah, nein. Das ist … ich bin Visagistin. Alles voller Make-Up.“

Das passte.

„Und du?“

Kiji lächelte. „Ich habe eine Kampfsportschule.“

„So was hätte ich mir denken können!“ Daphne musterte ihn von den abgelaufenen Turnschuhen bis zu seinem unfrisierten Haar. „Welche Richtung denn?“

„Graf Manga.“

Daphne stutzte und runzelte die Stirn. „Nie gehört.“

„Ist hier nicht so bekannt. Das ist der Kampfsport der israelischen Armee.“

„Ah …“

Dann erhob sich Kiji, bevor Daphne es tat, blickte ihr ins Gesicht, beugte sich herab und legte sehr langsam, wie in Zeitlupe, seinen Mund auf Daphnes, er berührte ihn kaum. Daphne schloss die Augen, spitzte ihre Lippen, ihr Brustkorb hob und senkte sich schneller in Erwartung auf mehr, aber mehr hatte Kiji nicht in petto. Er richtete sich auf und steckte die Hände in die Jackentaschen. Dann ging er.

Ein Kuss, weil Daphne das Gras nicht für grün gehalten hatte.

02 Nacht – Ein Brecheisen für den Rosengarten

Daphne hatte so lange nicht an Kiji gedacht, bis sie ihren Kopf hob und die Blätter der Kastanie über sich im Abendwind schaukeln sah. Blätter wie die Finger eines Baumgottes. Sie begannen bereits zu verblassen, und obwohl es noch nicht ganz dunkel war, glitzerten die ersten Sterne am Himmel.

Heute war nicht ihr Tag gewesen. Streng genommen war kein Tag ihr Tag. Sie hatte den Vormittag darüber gegrübelt, wem sie die unangenehmen Aufgaben ihres Arbeitslebens zuschieben konnte, niemanden gefunden und daraufhin ihren Job zaudernd und unter Aufbietung all ihrer Disziplin hinter sich gebracht, ihn vermasselt, dann ein Sandwich gegessen, um nun, nach Feierabend, automatisch zum Park zu schlendern, in dem sie sich nicht auf ihrem Rosenplatz niederlassen konnte, weil die Stadt es für eine reizende Idee hielt, ihn neuerdings mit grellen Bodenstrahlern zu verhunzen.

Daphne hoffte nicht auf Wunder; hoffte nicht auf Kiji.

Kiji war nicht ihr Fall, im Grunde genommen. Genauso wenig wie Kampfsport oder Autoscooter. Ob Kiji Autoscooter mochte? Sie wettete mit sich selbst um eine neue Haarfarbe, dass es so war.

Nach einem Tag wie diesem fühlte Daphne sich leer. Sie wusste nichts mehr zu denken. Es gab nichts zu tun oder zu sagen. Früher besuchte sie in diesem Zustand bis zur Morgendämmerung Clubs, die Lautstärke füllte das schmerzende Vakuum in ihrem Verstand, aber dann entdeckte sie eines Tages die Nacht für sich – die Nacht im Park. Sobald es dunkel wurde, begann der Park zu leben, gebar seltsame Kreaturen wie Glühwürmchen, Penner, Sterne, verliebte Katzen und Kiji.

Daphne ließ sich auf der Bank bei den Buchen nieder und versuchte, nicht auf ihn zu warten. Sie versuchte, ihre Gedanken davonfliegen zu lassen, die Zeit anzuhalten, wie sonst auch, aber es gelang ihr nicht.

Sie spannte sich an, als sie eine dunkle Gestalt über den Kiesweg gehen hörte.

„Hi“, sagte Kiji.

„Ach, du auch wieder hier?“ Daphne bemühte sich, erstaunt zu klingen.

„Sicher.“ Kiji zögerte einen Moment, dann grinste er. „Ich hab dir was mitgebracht.“

Er hatte also gewusst, dass sie hier sein und auf ihn warten würde.

„Was?“

Kiji zog eine Art Metallrohr aus seiner Lederjacke und reichte es ihr.

„Ein Brecheisen?“ Sie drehte und wendete es unsicher in ihrer Hand, weil sie nicht wusste, was sie damit anfangen sollte, und blickte Kiji schließlich fragend an.

„Damit wir zu den Rosen können.“ Verlegen trat er von einem Fuß auf den anderen und lächelte Daphne unsicher an.

„Versteh ich nicht.“

„Okay. Komm einfach mit.“

Mit festen langen Schritten, die Hände in den Jackentaschen und den Blick stur geradeaus gerichtet, lief Kiji neben ihr her, als wäre Daphne gar nicht da, und dennoch schien er sie an einer unsichtbaren Leine zu führen.

„Magst du Autoscooter?“

„Wer nicht?“ Seine Stimme hatte eine seltsam gleichgültige Färbung.

Wusste ich‘s doch… Vielleicht schwarz?

„Magst du schwarze Haare?“

Kiji schob die Unterlippe vor, blieb stehen und wog ab. „Nur echtes Schwarz“, entschied er, um sich umgehend wieder in Bewegung zu setzen.

Dann eben nicht, dachte Daphne und schenkte ihm einen kurzen Seitenblick, den Kiji nicht wahrnahm. Sie hatten die Bank im Rosengarten erreicht. Die Bodenlichter legten einen silbernen Schleier über Kijis Wangen. Seine Augen funkelten dunkel, sodass die kleine Stupsnase fast ein wenig unpassend erschien.

Sie trat überrascht zurück, als Kiji das Brecheisen zückte. Er grinste wie ein Faun und schlug mit einer kurzen, effektiven Bewegung zu.

Das Sicherheitsglas barst knirschend, das erste Licht erlosch. Eine Motte flatterte konfus um ihre verglühte Sonne, um schließlich davon zu fliegen.

„Du auch mal?“, bot er Daphne höflich an.

„Äh … nein, danke.“

Kiji zuckte mit den Achseln und tötete die zwei anderen Leuchten ebenso entschlossen wie erfolgreich.

„Kein Licht mehr … besser?“

Daphne lächelte, von Kiji unbemerkt.

„Viel besser.“

Mit einem unbestimmten Grunzen ließ Kiji sich auf der Bank nieder, und Daphne tat es ihm gleich.

„Danke.“

„Ist Unsinn mit den Lampen. Nichts darf so bleiben, wie es gemacht wurde. Die Nacht nicht dunkel, Haare nicht ungefärbt, Flüsse nicht krumm und schief …“

Daphne nickte und rückte unmerklich ein wenig näher an ihn. So etwas Nettes hatte noch nie jemand für sie getan. Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte, also zog sie aus ihrer Handtasche den mit gestepptem Nappaleder überzogenen Edel-Flachmann, den sie heute Mittag zwischen Grübeln, Angst und Arbeiten mit Whisky gefüllt hatte. Jetzt erst begriff sie, dass es für Kiji gewesen war.

„Wusa! Den haste nicht von der Tankstelle, was?“, sagte Kiji, nachdem er gekostet hatte.

„Nein.“

„Was ist das für einer?“

Daphne überlegte. Was hatte noch auf der Flasche gestanden?

„Glen Grant von 1954 … glaube ich.“

Kiji nickte anerkennend.

„Ist das was Besonderes?“

Er lachte rau. „Du trinkst Whisky für knapp fünfhundert Ocken und weißt es nicht einmal?“

Daphne schwieg. Sie hatte keinerlei Verhältnis zu Geld. Es war da, es floss, es schien niemals auszugehen. Die Flasche hatte sie aus dem Besprechungszimmer ihres Vaters mitgenommen. Für ihn war es nur Schnaps, nichts weiter.

„Es war ein Geschenk“, behauptete sie verlegen.

Die Rosen wippten und eine geringelte Katze schob sich geschmeidig durch sie hindurch, blieb angespannt stehen, hob ihre winzige, weiße Pfote, als habe sie etwas gesichtet, und schlich lautlos weiter.

„Danke, dass du das Geschenk mit mir teilst. Das ist …“ Kiji brach ab und setzte die Flasche noch einmal an die Lippen. „Ich trink zu viel“, stellte er danach leise fest.

„Man kann gar nicht genug trinken“, erwiderte Daphne und wusste nicht recht, ob sie das ernst meinte oder ihn nur trösten wollte. Kiji strahlte etwas Trauriges aus, nicht die aufgesetzte Art dramatischer Schwermut. Überhaupt wirkte an ihm nichts gekünstelt oder gespielt, obwohl er mit Sicherheit ein Lügner war.

„Wie lief‘s heute in deiner Kampfkunstschule?“

„Ah … Frauen-Selbstverteidigungsgruppe. Nicht so aufregend.“

„Wieso?“

„Nur so. Weil man seine Kraft dann immer zurücknehmen muss. Und bei dir?“

Daphne drehte die Flasche zwischen den Handflächen. „Ich hatte eine sehr komplizierte Kundin. Ich musste sie zu ihrem Glück zwingen. Manchmal ist es schwieriger, eine Visagistin zu sein, als man denkt.“

„Zu was musstest du sie zwingen?“

Daphne schwieg, dann sagte sie: „Regenbogenfarbene Wimpernsträhnchen.“

Kiji sah ihr lange in die Augen, es war ein Blick wie ein Angelhaken, er bohrte sich in den Marianengraben ihrer Seele, dann bemerkte er langsam: „Wir sollten uns solche Fragen nicht stellen, wenn das hier … mit dem Park und mit uns funktionieren soll.“

Was hat er in meinen Augen gesehen, fragte sich Daphne. Was hat er gesehen, um so etwas zu sagen?

„Lass uns einfach nichts komplizierter machen als es ist.“

Daphne spürte, wie ihr Herz leicht wurde.

„Gute Idee.“

„Und lass uns bitte nicht so viel quatschen. Das meiste ist ja eh nicht wahr und für immer.“

„Ja.“

„Wir könnten so tun als ob.“

„Als ob was?“ Daphne berührte Kijis Knie mit ihrem.

„Als ob du mir gehörst.“

Ihre Ohren verschluckten die leisen Töne der Nacht und rauschten, ihre Fingerspitzen wurden taub und kribbelten kurz darauf, und sie glaubte eine Sekunde lang, dringend zur Toilette zu müssen.

So leise, dass Kiji sich zu ihr beugen musste, um sie zu verstehen, erwiderte sie: „Wie kommt es, dass du nicht einmal das Falsche sagst?“

„Weil ich will, dass du mir gerne gehörst.“

Daphne spürte den warmen Atem an ihrem Ohr.

„Meinst du das so, wie ich es gerade verstehe …?“, fragte sie zögernd.

Kiji sah sie mit einem unbestimmten Grinsen an, dann strich er ihr das Haar aus der Stirn und zuckte mit den Schultern. Er schloss die Augen und lehnte sich zurück.

Daphne wartete auf eine Erklärung. Gleichzeitig spürte sie Angst ihre Wirbelsäule hinaufsteigen – davor, dass die Erklärung käme. Aber Kiji erklärte nichts. Er saß einfach da, die Beine von sich gestreckt, die Lider geschlossen, wie ein Krieger aus einem Paralleluniversum, der sich ausruhte.

Daphne wollte seinen Körper spüren, wenigstens ein bisschen, und so lehnte sie sich ebenfalls zurück, ihren Oberschenkel an Kijis gedrängt, Schulter an Schulter, so nahe, dass sie ihn atmen hören konnte.

Sie verschmolzen mit der Nacht, miteinander, und Daphne vergaß, etwas zu wollen, bis sie erschrocken blinzelte, als sie ein Ratschen hörte.

„Kiji?“

Kiji hatte den Saum seines Shirts eingerissen, er hing wie eine Schaukel herab, und er nahm ihn zwischen die Zähne, um ein Stück abzureißen, sein Bauch blitzte weiß auf, bis er ein schmales Stück Stoff in der Hand hielt.

Er griff nach Daphnes Hand, wand den schwarzen Fetzen um ihr Handgelenk, verknotete ihn gewissenhaft und lächelte sie an. „Damit du nicht vergisst, dass es mich gibt.“

Daphne sah ein paar Sekunden auf den schwarzen Stoff. Der Anblick gefiel ihr, erregte sie, dann schnupperte sie daran. Er roch nach Kiji.

„Ich geh jetzt.“

Daphne nickte und strich über den Knoten, der Zipfel war feucht, dort, wo Kiji ihn in den Mund genommen hatte.

Ohne ein weiteres Wort erhob sich Kiji, um zu gehen.

„Hey!“

„Was?“

„Nimm das mit.“ Daphne streckte ihren Arm aus und hielt ihm den Flachmann hin.

Kiji lächelte, nahm ihn an sich und verstaute ihn in seiner Jackentasche.

„Heißt du wirklich Kiji?“

Er kam einen Schritt auf Daphne zu, packte ihr Haar, zog ihren Kopf unsanft in den Nacken und fixierte sie ruhig. „Ja.“

Daphne wollte seine Lippen spüren, genau jetzt, aber Kiji lockerte seinen Griff, strich ihr über den Kopf und drehte sich um. Diesmal unwiderruflich, das wusste Daphne.

Sie blieb einfach sitzen und ertastete ihr Staunen, ihr großes Staunen darüber, dass sie sich verliebt hatte. Rettungslos und unheilbar, für immer und ewig, von Kopf bis Fuß. Für ein paar Stunden in der Nacht war sie gerettet. Eine ungekannte Dankbarkeit durchflutete sie.

Sie legte die Hand auf ihren Venushügel, die Wärme drang durch den Hosenstoff, und dann versenkte sie ihre Nase in Kijis T-Shirt-Fetzen und strich über ihr Geschlecht. Sie hatte fast nie Lust auf Sex, schon lange nicht mehr, ihr Leben war einfach nicht so. Früher war sie zu schüchtern, danach hatte sie es übertrieben und dann fast vergessen.

Die anthrazitfarbenen Rosen neigten sich sanft im Wind, während Daphne über ihre maßlose Erregung staunte und sich ohne Ziel streichelte, bis ihr auffiel, was sie tat, und sie errötete, nein ergraute, während sie sich erschrocken umsah, ob die Katze oder ein Penner sie beobachtete.

Träge erhob sie sich, um zum Teich zu schlendern. Sie gehörte jetzt also Kiji.

Tagsüber gehörte sie ihrem Vater, nachts Kiji, was natürlich zwei völlig unterschiedliche Angelegenheiten waren.

03 Nacht – Metall und Seife

Kiji erwachte. Nach der Arbeit schlief er, um nachts ausgeruht durch den Park zu streifen. Er aß im Gehen auf dem Weg von der U-Bahnstation zu seiner winzigen Wohnung, trat ein, stellte sein Handy ab, kickte seine Schuhe durch den Raum und ließ sich auf sein Bett fallen, auf dem er umgehend einschlief. Wenn er wieder zu sich kam, trank er und begab sich dann auf den Weg.

Dieses Mal wachte er auf, und irgendetwas war anders. Er fühlte sich frisch, daran lag es. Er wollte schon nach seiner Jacke greifen und losziehen, aber überlegte es sich anders, suchte ein frisches T-Shirt, Unterhose, Socken und legte sie akkurat auf sein Bett. Dann zog er sich aus und steuerte das Badezimmer an. Vor dem Spiegel im Flur blieb er stehen und übte gewohnheitsgemäß ein paar Tritte, dann betrachtete er sich.

Er war blass, seine Tätowierung wirkte brutal: Stacheldraht, einmal um die Brust gewunden, er hatte sie sich mit sechzehn stechen lassen und es nie bereut. Zwischen Spiegel und Wand steckte ein Foto, dessen Ränder sich wellten. Maria Panucci. Vorbei, seit über einem Jahr, weil Kijis und ihr Leben nicht mehr zusammenpassten. Kiji war ein anderer geworden, aber Marias Eltern immer noch so katholisch, dass sie von ihm nichts wissen durften. Dabei war sie eine echte Schlampe. Kurzentschlossen rupfte er das Bild ab und warf es in den Mülleimer.

Dann sah er sich um, entdeckte einen kleinen Notizzettel, schrieb mit Druckbuchstaben DAPHNE darauf und steckte ihn statt des Fotos hinter den Spiegel. Viel besser, fand er.

Unter der Dusche erinnerte er sich an Maria und daran, wie viel sie getrunken hatte, geraucht, gezogen, solange, bis sie ein „hoffnungsloser Fall“ war und sie sie retten mussten. Last Exit für ihn, und sein zerbrochenes Leben stellte den schlimmsten Job der Welt dar, den er so sehr verabscheute, dass nur das Trinken ihm half, ihn zu vergessen.

Gestern im Park hatte er sich getraut, einfach zu sagen, was er wollte, was ihm in den Sinn kam. Nichts war gelogen. Sein Herz hatte geflattert, als Daphne nicht empört aufgesprungen war und das Weite gesucht hatte. Aber damit hatte er letztlich nicht ernsthaft gerechnet. Auch wenn ihm dieser parfümierte, gestylte Menschenschlag sonst mächtig auf die Eier ging, war es für Kiji, als müsse es bei Daphne so sein. Sie war nicht wie die anderen, ganz entschieden nicht. Weder wusste Kiji, warum seine Parkgefährtin log, noch interessierte es ihn. Seine Haut wurde heiß und kalt, wenn er Daphnes Stimme hörte, und er freute sich schon jetzt auf sie, obwohl ihn die Freude ängstigte. Er hatte sich Freude abgewöhnt, denn es gehörte zu seinem Leben, dass er immer wieder enttäuscht wurde. Mit der Freude in der Jackentasche war er immer auf die Fresse geflogen. Jetzt bewahrte er dort den Alkohol auf, der war berechenbarer.

Kiji wusch sich die Hände, ein roter Tropfen hatte sich in seinen Handballen gefressen, er wurde nur wenig blasser, wie sehr er ihn auch mit der Nagelbürste bearbeitete. Egal. Im Park wäre er nicht mehr rot.

Er sah sie schon von weitem auf der Bank bei den Rosen. Selbst wenn sie ruhig dasaß, wirkte sie irgendwie nervös. Sein Eigentum. Kijis Erektion drängte sich gegen den Jeansstoff.

„Da bist du ja!“

„Natürlich.“

Daphne atmete hörbar auf. Wegen des Duschens war Kiji später dran, und es tat ihm unendlich leid, ihr Sorgen bereitet zu haben. Er kickte ein Steinchen mit dem Fuß in die Rosen und schielte auf Daphnes Handgelenk. Das Stoffband war noch da.

Er ließ sich neben ihr nieder und erspürte ihre Stimmung. Es war, als pulsierte die Luft um sie herum ängstlich. Sie war angespannt, als hielte sie sich mit letzter Kraft zusammen, und Kiji nahm ihre Hand, drückte sie, als könne er ihr damit Sicherheit einflößen.

„Was ist mit dir?“

Daphne legte den Kopf schräg und antwortete, nachdem sie lange überlegen musste: „Ich mochte den heutigen Tag nicht so …“

Das Reden über ihre Existenz bei Sonnenschein bedeutete gefährliches Terrain. Deshalb sagte Kiji nichts, sondern zog sie an sich, drückte Daphnes Kopf in seinen Schoß: Der leichte Widerstand verging, so schnell er sich zeigte. Ihre Wange schmiegte sich gegen Kijis Schritt. Er legte seine Hand auf Daphnes Rücken, spürte ihre Rippen durch den Stoff und ließ sie dort liegen.

„Entspann dich.“

„Ich versuche es“, murmelte Daphne.

Kiji konnte fühlen, wie ihr Atem allmählich tiefer und langsamer ging, ihre Muskeln nachgaben. Aus dem steifen Körper wurde der biegsame einer großen Katze. Ein dunkler, runder Fleck durchbrach die Symmetrie der Streifen ihres Shirts, Kiji rieb mit seinem Daumen darüber und schaute unwillkürlich auf seinen eigenen, den er vergeblich versucht hatte abzuschrubben.

„Warum sind wir hier, Daphne?“

„Wegen Sex …“, antwortete sie prompt.

Kiji nickte. Es sollte nicht komplizierter sein als unbedingt nötig. Die Antwort war gleichzeitig wahr und gelogen.

Kiji fuhr mit der Fingerspitze über Daphnes Kehlkopf, spürte die unregelmäßige Bewegung, als sie schluckte. Daphne schloss die Augen, überließ sich Kijis Finger, der vorsichtig über ihre sorgfältig gepuderten Wangen und die warmen Ohren wanderte. Er prägte sich die Beschaffenheit der fremden Haut ein. Er hätte auch über sie herfallen können, solche Lust verschaffte ihm die Schwere des Kopfes auf seinem Schoß, die kleinen, weichen Härchen auf der Ohrmuschel, aber so wollte Kiji es nicht.

Langsam schob er seine Hand unter das Shirt, der Stoff fühlte sich anders an als der seines eigenen, dünner und knittriger, kein schnöder Jersey. Seine Handfläche vibrierte auf Daphnes warmer Haut. Er strich mit leichtem Druck über die Seitenlinie und umschloss Daphnes Rippen, grub seine Finger in die dünne Haut … Als er ein gepeinigtes Zischen vernahm, zuckte er zurück.

„Habe ich dir wehgetan?“

„Nein, nicht aufhören! Nein … ich habe mich da nur neulich gestoßen.“

Kiji schob den Stoff höher und sah einen unregelmäßigen Bluterguss auf der nachtfahlen Haut prangen. Unwillkürlich steckte er seinen Finger in den Mund, befeuchtete ihn und zog einen kleinen Kreis mit der Kuppe über das Mal, dann beugte er sich herab und pustete. Daphnes Härchen stellten sich auf, und der Anblick erregte Kiji komischerweise mehr als alles andere. Er senkte seinen Mund auf die dunkle Stelle, berührte sie sanft mit seinen Lippen und streckte seine Zungenspitze aus, um ihn zu schmecken. Metall und Seife … köstlich. Daphne stöhnte leise. Kiji zog sie näher an sich, drückte seine Zunge brutal gegen den Bluterguss und schloss die Lider, als er das dünne Keuchen hörte, das zwischen Erregung und Schmerz pendelte.

Er fühlte Daphnes Atem an seinem Schritt, presste ihren Kopf dagegen und fühlte, wie die Lippen sich durch den Stoff um seinen Schwanz schlossen. Er war so erregt, dass er einen Moment innehielt, um sich zu zügeln. Daphne durfte nicht die Kontrolle übernehmen. Nicht jetzt und nicht hier. Er wollte sie sich zu eigen machen, und das konnte nicht klappen, wenn er sich wie ein Schwachkopf durch seine Geilheit von der Marschroute abbringen ließ. Mühsam zwang er sich, in das helle Haar zu greifen, und den Mund von sich zu ziehen. Daphne murrte unzufrieden.

„Nicht meckern …“, warnte er sie, und schloss seine Hand so fest um ihre Rippen, dass sie aufschreckte. Kiji drückte sie sanft zurück.

„Das ist gemein, Kiji“, flüsterte Daphne.

Kiji lächelte. Daphnes Mund war halb geöffnet, ihre Augen glänzten, er sah in ihnen die Lust, deren Ursache er war.

Langsam, ermahnte er sich.

Er sah ihr ins Gesicht, als er mit seinem Daumen über ihre weiche Brust strich, die kleinen, harten Brustwarzen rieb, weiter bis zum Bauch, über den Nabel. Daphnes Lider senkten sich, und sie riss sie wieder auf, als Kiji leise forderte: „Sieh mich an.“

Daphnes Lippe bebte, und sie erwiderte leise: „Du kannst ruhig schneller vorgehen. Ich bin da nicht so …“

Das brachte Kiji zum Lachen.

„Ich mach so schnell, wie ich will. Nimm dich ein bisschen zusammen, sonst mach ich nämlich gar nichts mehr.“

„O-okay.“

So sollte es sein. Daphne konnte es kaum mehr aushalten. Was wollte Kiji mehr? Er öffnete den Knopf der schmalen Stoffhose und schob seinen Finger unter den Bund, fuhr über die Leiste und spürte das Blut unter Daphnes heißer Haut pulsieren. Langsam zog er eine Linie, knapp an ihrer Spalte vorbei, zu ihrem Oberschenkel.

„Bitte …!“, seufzte Daphne fast verzweifelt.

„Du hast es echt nötig.“ Kiji schüttelte den Kopf.

„Und du weißt genau, was du vorhast.“

„Ja.“ Kiji legte seine flache Hand auf ihren Schritt, die Haut war glatt, rasiert. Er spürte Feuchtigkeit und legte seinen Mittelfinger locker in die Mitte der leicht geöffneten Schamlippen, ohne ihn zu bewegen.

„Wie geht es dir gerade?“, flüsterte Kiji.

Mit zitterndem Klang antwortete Daphne: „Ich brenne …“ Sie bog ihm ihr Becken entgegen, und Kiji lachte leise.

Er zog den Reißverschluss auf und blickte auf den weißen Slip, unter dem sich ihr Schambein verlockend wölbte. Es juckte ihm in den Fingern, das Höschen einfach über ihre Hüfte zu zerren, aber er tat es nicht. Das hier war kein Snack, das war das verschleierte Bild zu Siehe Kommentar A3! (Sollte auf der entsprechenden Seite als Fußzeile eingefügt werden, Anmerkung des Verlages), und er würde den Teufel tun, den Schleier einfach herabzureißen und es zu verderben.

So legte er seine Hand um das feuchte, warme Fleisch, von dem ihn nur eine Unterhose trennte, und saugte Daphnes offene Erregung in sich auf, während ihre Nasenflügel sich weiteten. Ihr Atem ging schneller, als Kiji sie durch den Stoff streichelte. Daphnes Unterleib kreiste langsam, und Kiji wollte noch sagen, sie solle nicht kommen, da war es schon geschehen. Sie presste sich gegen ihn, umklammerte seine Hand mit ihrer und stöhnte leise. Er spürte, wie sie sich anspannte und wie ihre Pussy pulsierte. Die Feuchtigkeit sickerte durch den Stoff …

„Scheiße … sorry … normalerweise … es war einfach zu viel“, entschuldigte Daphne sich stotternd und sichtbar verlegen.

„Das ist nicht schlimm“, beruhigte Kiji sie sanft und zwickte in ihre Brustwarze. „Aber das wird nicht wieder passieren, hörst du?“ Er drückte fester zu, hörte ein schmales Wimmern und hielt den Druck, bis das Wimmern in hektisches Keuchen überging und Daphne sich auf seinem Schoß wand.

„Du musst nichts tun, wenn wir zusammen sind, weil ich dich führe, aber du kommst nicht ohne Erlaubnis.“

„Ja“, stimmte sie gepresst zu.

„Gut … das gefällt dir, richtig?“ Kiji drückte ein wenig härter, spürte die Wärme, die weiche Haut um den zusammengezogenen Nippel.

„Oh …“

Langsam löste Kiji den Druck, Finger für Finger, und spürte, wie die Spannung aus Daphnes Körper wich. Sie lag mit geschlossenen Augen da, der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Mundwinkel. Kiji streichelte ihren Bauch, ihre Taille, die Brüste. Seine Fingerspitzen malten kleine Pünktchen, Sterne und Kreise auf der Haut seines Eigentums.

„Was ist mit dir, Kiji?“, fragte Daphne und schlug die Augen auf. „Ich meine … es geht um Sex, nichts weiter. Also, wenn ich dir behilflich sein kann …“

„Ich bin glücklich, so wie es ist“, wehrte er ab.

Er merkte, dass Daphne ihm nicht glaubte. Es war wichtig für Kiji, ihr die Wahrheit begreiflich zu machen. „Du musst dir nie Gedanken um mich machen. Ich nehme mir, was ich will, und ich gebe dir, was du willst. Du kannst einfach nur hier sein, ohne die Verantwortung zu übernehmen. Ich trage sie für dich und für mich, alles was ich will ist, dass du nimmst, was ich dir gebe. Das ist deine Aufgabe, wenn du mir gehörst. Nichts anderes.“

Daphne lächelte und Kiji wusste, das war es, wonach sie gesucht hatte.

„Aber das ist komisch. So laufen die Dinge normalerweise nicht.“ Sie nahm Kijis Hand und drückte sie gegen ihre Brust.

„Mir gefällt nicht, wie die Dinge normalerweise laufen. Und dir auch nicht, sonst wären wir nicht hier.“

Kiji nahm den Flachmann aus seiner Jacke und tröpfelte ein wenig Whisky in Daphnes Mund, der Alkohol lief über ihr Kinn, und Kiji leckte ihn ab. Sein Mund ganz nahe an Daphnes, er spürte ihr Herz schlagen. Sein Schwanz schmerzte vor unbefriedigter Lust, aber so musste es sein. So wollte er es haben.

Daphne versuchte, ihn zu küssen, aber Kiji richtete sich auf, trank selber einen Schluck und lehnte sich zurück.

„Es gibt eine Sache, die ich wissen muss, Daphne: Gibt es andere, die dich … anfassen. Hast du einen Freund? Fickst du rum?“

„Ich habe keinen Freund“, erwiderte Daphne vage.

„Solange du unsere Vereinbarung nicht aufhebst, will ich keine andere Hand auf deinem Körper wissen als meine.“ Er klang bestimmt.

„Dass du das extra erwähnst …“ Daphne klang fast beleidigt, so, als wäre das selbstverständlich. Kiji hatte das Gefühl, sich mit Helium zu füllen, alles Schwere fiel von ihm ab. Die Nacht hatte ihm ein Geschenk für seine Treue überreicht und Daphne für ihn auf die Bank bei den Buchen gesetzt.

„Eigentlich bist du gar nicht mein Typ“, nuschelte Daphne in seine Jeans und schlang ihre Arme um Kijis Hüfte.

„Frag mich mal …“, erwiderte Kiji resigniert, und das brachte beide zum Lachen.

„Scheint mein Schicksal zu sein, dass das, was ich bekomme, nicht das ist, was ich mir wünsche.“

„Es tut mir leid, dass ich nicht bin, was du dir gewünscht hast.“ Ehrliches Bedauern trübte Daphnes Worte.

„Wie langweilig wäre es, wenn …“, entgegnete Kiji und küsste ihr Haar.

Er genoss es, hier zu sitzen und zu schweigen, den lebendigen Körper an seinem zu fühlen, ohne Ziel und ohne Erwartungen.

Die Morgendämmerung war der Startschuss, ihrer Wege zu ziehen, sie hatten keine Sekunde vergeudet. Hastig, ohne Abschiedsgrüße, trennten sie sich. Daphne schnappte sich ihren Kosmetik-Koffer. Schnell, schnell, bevor das Licht ihnen Farben gab.

Kiji sah ihr hinterher. Was war das nur für eine Dunkelheit, die sein Eigentum umgab?

04 Nacht – Voyeur-Katze

Daphne fühlte sich verliebt und verwirrt. Verwirrt, weil Kiji anders war, als sie zunächst dachte. Verliebt aus demselben Grund.

Das war mit Abstand das Beste seit Langem. Vor Kiji hatte sie gar nicht gewusst, dass sie Langsamkeit mochte. Sie hatte allerdings auch nicht erwartet oder damit gerechnet, die Stille zu mögen, bevor sie sich in eine nächtliche Parkbewohnerin verwandelt hatte.

Als sie ihre Wohnungstür aufschloss, stolperte sie über das Leergut, das sich im Eingangsflur gesammelt hatte und fluchte leise. Daphne sah sich seufzend um. Ihr zweistöckiges Loft war in einem erbärmlichen Zustand. Zeit, den Putzmann zu bestellen. Sie hatte keine Lust, jeden verfluchten Tag über die leeren Wein- und Sektflaschen zu fallen. Jetzt war kein guter Zeitpunkt, sich das Genick zu brechen.

Auf ihrer Mailbox hörte sie die zwölf Nachrichten ihres Vaters ab, der sie dringend sprechen musste. Das bedeutete nicht viel. Bei ihm war alles immer dringend, musste sofort passieren, am besten gestern noch erledigt werden, und wenn Daphne nicht sofort sprang, nervte er sie so lange mit Anrufen, bis sie sich erschöpft fügte.

Sie legte sich auf ihr Bett – die Leinenbettwäsche hatte auch schon bessere Zeiten gesehen – und verdunkelte die Fenster mit der einen Fernbedienung, die sie aus dem Laken wühlte; mit der anderen stellte sie Musik an, House, Tokyo Black Star. Sie fand noch einen Jointrest, zündete ihn an, und die Realität begann erträglicher zu werden, bis sie sich zwischen den Takten der Musik auflöste und einschlief …

Das Telefon weckte sie. Ja, ja, ich weiß, dass du es bist, sagte sie genervt in den Raum hinein, dann suchte sie den Hörer, fand ihn unter einem Berg Schmutzwäsche, bejahte demütig, alsbald in das Büro ihres Vaters zu kommen und rief dann Marcello, ihren Putzmann, an.

Kiji sollte sie nicht für ein Schwein halten. Dann fiel ihr auf, dass Kiji nur im Park existierte, und sie seufzte wieder. Zumindest musste sie nicht auf einen Anruf von ihm warten. Das hasste sie am Kennenlernen am meisten: das Telefonieren, das Nicht-Erreichen, nicht dann zurückgerufen werden, wenn sie es am meisten brauchte und das Sich-Nicht-Trauen selbst anzurufen.

Bei Kiji fiel der Telefonkrampf einfach weg.

Der Gedanke an den Abend hielt sie aufrecht. Daphne tat, was getan werden musste, wenn man ihr merkwürdiges Leben führte, bevor sie in ihr frisch gereinigtes Traumschloss zurückkehrte, eine halbe Stunde vor dem geöffneten Kleiderschrank stand und nicht wusste, was sie anziehen sollte. Wenn sie nur wüsste, was einem Mann wie Kiji gefiel! Wahrscheinlich war es ihm egal. Das einzige Kleidungsstück, das Daphne keinem Trend unterwarf, waren ihre Schlüpfer. Immer weiß, immer Dreier-Pack, immer Baumwolle, immer dieselbe Marke.

Sie zog in Erwägung, Kiji etwas mitzubringen und sah sich in ihrer Wohnung um. Nichts schien ihr passend, dann zuckte sie unbestimmt mit den Schultern.

Ich muss reichen, entschied sie, und unterzog sich einem aufwändigen Stylingprozess, der ohnehin unnötig war, man sah ja kaum etwas in der Nacht. Außerdem interessierte sich Kiji vermutlich für vieles, aber gewiss nicht für Frisuren, Lidstriche und Farbkombinationen. Sein Haar wirkte, als wäre es nie in Kontakt mit einem Friseur gekommen.

Sie wollte noch Kondome einstecken, aber dann erinnerte Daphne sich an Kijis Worte, sie brauche sich um nichts zu kümmern. Es war ein wundervolles Gefühl. Es schmeckte nach Freiheit, obwohl es das Gegenteil zu sein schien.

Daphne hasste ihr Leben gründlich. Das durfte sie aber niemandem sagen, denn es war voller Privilegien: Sie würde niemals unter Geldsorgen leiden, konnte alles besitzen, was die Industrie produzierte – solange sie ihre familiären Verpflichtungen ernst nahm. Sie hatte keinen geregelten Tagesablauf, abgesehen von ihren unregelmäßigen Jobs. Jeder wollte ihr Freund sein, jeder wusste, wer sie war. Sie bekam die besten Plätze, Sonderbehandlungen, alles floss ihr zu, und sie wusste nichts damit anzufangen, seitdem sie erwachsen war und das Leben begann, unfreundlich zu werden. Wenn sie andeutete, sie sei unglücklich, erntete sie verächtliche Blicke. Die Leute setzten voraus, man müsse glücklich sein, wenn man Daphne war, und hielten sie für undankbar.

Trotz allem eine harte Kämpferin zu sein, war die Voraussetzung für ihr Leben im Überfluss. Weglaufen war unmöglich.

Daphne rümpfte die Nase, als sie bemerkte, dass es zu nieseln begann. Hoffentlich legte sich der Regen wieder. Hoffentlich zerstörte der Regen nicht ihr Rendezvous.

Auf Kijis dunklem Schopf glitzerten feine Wassertröpfchen. Daphne beeilte sich, ihren Regenschirm mit ihm zu teilen. Ihr Hintern wurde nass und kühl, als er das Holz berührte. „Bäh!“

„Setz dich auf meinen Schoß. Mich stört der Regen nicht.“

„Du suchst nur ‚nen Vorwand, um meinen Traumkörper zu spüren“, versuchte Daphne zu scherzen, während sie sich auf seinen Schenkeln niederließ, und Kiji antwortete todernst: „Ich wüsste nicht, dass ich einen bräuchte. Wenn ich dir sagte, du sollest dich nackt vor mich knien, würdest du es ja auch tun.“

„Pff.“ Daphne balancierte den Regenschirm über ihren Köpfen und versuchte, Kiji dabei kein Auge auszustechen. Mit Regenschirmen war das so eine Sache. Sie konnte Menschen mit ihnen umbringen …

„Mach es.“

„Was?“ Daphne drehte ihm ihr Gesicht verunsichert zu.

„Ausziehen.“

„Hier?!“

Kiji lächelte sie an und wiederholte: „Hier.“

„Aber …“ Es gab tausend Einwände. Zu kalt war es vielleicht nicht, aber es war auch nicht so warm, wie eine Julinacht sein sollte. Hier liefen Leute rum. Manchmal.

„Wenn uns jemand sieht?“

„Ich hab das Brecheisen dabei …“

Daphne blieb das Herz stehen, dann sah sie Kiji an und erkannte, er meinte es nicht ernst.

„Wenn …“

Kiji tippte auf das T-Shirt-Armband. „Schon vergessen?“

„Also, ich wusste nicht, dass – “

„Doch, wusstest du“, schnitt Kiji ihr das Wort ab.

„Ja, wusste ich.“ Daphne senkte den Kopf. Was war das nur, dass ihr Herz schneller klopfte, so wie damals zu Kindergartenzeiten vor dem Abend ihres Geburtstags?

„Ich halte den Schirm so lange“, motivierte Kiji sie, und schob sie bestimmt von seinem Schoß.

Daphne sah ihm in die Augen und legte ihren Sommermantel ab, auf die hölzerne Sitzfläche der Rosenbank.

Dann knöpfte sie ihr halbtransparentes Hemd auf. Einen Knopf, den zweiten, den dritten, ohne ihren Blick von Kiji abzuwenden. Seine Augen glommen dunkel, und Daphne spürte, dass es ihm gefiel, wie sie sich entblätterte. Sie streifte das Hemd über die Schultern, zog den Ärmel unbeholfen über das Stoffband und legte es sehr langsam auf den Mantel, weil sie fieberhaft überlegte, ob es irgendeine Möglichkeit gab, das Blatt zu wenden. Erschrocken fuhr sie herum, als es in der dichten Hecke raschelte. Die Katze mit den weißen Pfoten. Sie sah sie an, und Daphne fragte sich, ob es normal war, sich vor einem Mittelhirnwesen zu schämen.

„Pass gut auf, Daphne, morgen lädt sie die Show bei Tier-Youtube hoch“, spottete Kiji, dem ihre schockierte Reaktion nicht entgangen war.

Daphne schluckte und lächelte tapfer. „Ich habe mich nur erschreckt …“

Unsicher streifte sie die Keilballerinas von den Füßen und verzog das Gesicht, als sie den feuchten Kies unter den Sohlen spürte.

Jetzt den Bleistiftrock. Sie sah sich vorsichtshalber noch einmal um, öffnete den Reißverschluss, zog ihn aus und faltete ihn sorgsam, um Zeit zu schinden, bevor die letzte Hülle fiel. Das Problem an weißen Slips bestand darin, dass sie nie zu schwarzen Spitzen-BHs passten …

Als sie ihre Daumen unter den Bund des Schlüpfers schob, fühlte sie Kijis Hand auf ihrer.

„Nicht.“

„Nicht?“, versicherte Daphne sich entgeistert.

„Nein.“

„Wieso? Ich meine, das ist doch worum es geht!“ Sie hörte, wie empört sie klang, fast als habe Kiji sie um die Kür betrogen.

„Ich frage mich, woher du weißt, um was es mir geht“, merkte Kiji ruhig an und musterte sie.

„Ich … kann logisch denken.“

„Du denkst für mich. Das solltest du besser nicht tun.“ Er erhob sich und trat näher auf sie zu.

Kiji packte ihre Oberarme und sah ihr eindringlich ins Gesicht. Dann reckte er den Hals – sein Atem streifte Daphnes Lippen – und sagte: „Ich sorge dafür, dass du vorher nicht weißt, was du bekommst. So scharf bin ich gar nicht auf deine primären Geschlechtsteile, mir reicht‘s, dass du hier wie ein Blödmann in Unterhosen und BH im Regen stehst.“ Er lächelte böse und leckte vorsichtig über seinen Mundwinkel.

Daphne hielt die Luft an, es kostete sie Mühe, nicht nach Kijis Lippen zu schnappen, die dufteten und so verführerisch nahe waren. Aber Kiji ließ von ihr ab und grub seine Finger schmerzhaft in ihre Oberarme, bis Daphne die Lippen aufeinander presste und die Augen schloss. Obwohl ihr heiß war, fröstelte sie. Der Regen legte sich um ihren Körper wie Dampf, so fein war er. Die kleinen Wasserperlen schlossen sich zu Tropfen zusammen und flossen aus ihren Haaren, über ihre Schultern.

„Du zitterst.“

„Das tu ich immer …“

„Mehr als sonst“, stellte Kiji fest und umrundete sie langsam. Er verrieb das Wasser auf ihren Schulterblättern. Aus den Augenwinkeln nahm Daphne wahr, wie Kiji über seinen nassen Finger leckte, so als wolle er den Regen kosten. Daphnes Körper stand unter Strom. Das Prickeln hatte begonnen, als sie auf Kijis muskulösen Beinen saß und steigerte sich seitdem langsam, aber stetig. Der Stoff ihrer Unterhose war nass – nicht nur wegen des Regens. Sie fand sich lächerlich und schön zugleich. Kiji strahlte eine düstere Sicherheit aus, die sie mehr anmachte als alles, was sie aus dem Hut ihrer Fantasie zu zaubern vermochte. Er wirkte gefährlich, aber Daphne verspürte keine Angst, denn sie wusste instinktiv, Kiji würde auf sie achten.

„Was …“, stieß sie verwundert aus, als Kiji sich im Schneidersitz auf den nassen Kies vor sie setzte.

„Ich habe deine Beine noch nicht gesehen“, erklärte er freundlich.

Daphne senkte den Blick und sah Kijis Finger dabei zu, wie sie über ihre Zehen strichen, ein paar Körnchen schwarzes Granulat vom Fußrücken pflückten und schließlich ihre Knöchel umschlossen. Sein dunkles Haar glänzte, eine Strähne stand widerspenstig von seinem Kopf ab. Kijis Bewegungen waren langsam, forschend, zärtlich. Er streichelte ihre kühlen Unterschenkel, tastete die Knie ab und beugte sich vor, um sie mit seinen Lippen zu befühlen.

Daphne hätte geschworen, dass die Berührung ihrer Knie sie nicht erregen würde – bis jetzt. Knie! Sie existierten außerhalb des obligatorischen Peelings nicht in ihrer Körperwahrnehmung, aber Kiji küsste sie, als handele es sich um ihre Muschi. Himmel! Kijis Hände schoben sich die Oberschenkel hinauf, wärmten sie, wo sie ihre Haut berührten, arbeiteten sich unter dem klammen Stoff ihres Slips vor und umfassten ihre Arschbacken. Sie hörte ein leises Seufzen von unten. Kiji hatte die Augen geschlossen und knetete ihren Hintern sanft.

„Du fühlst dich gut an. Ich habe mich richtig entschieden“, teilte er Daphne den Zwischenstand seiner Erforschungen mit.

„D-danke. Es fühlt sich auch gut an, was du tust“, flüsterte sie bibbernd. Ihren Körper überzog eine Gänsehaut.

„Schließ die Augen.“

Kiji kam behände auf die Füße und stand nun hinter ihr. Er schloss seinen Arm um Daphnes Brust und drängte seine Erektion an ihren Po. Daphne stöhnte, die ganze Zeit hatte sie sich nach Kijis Körper gesehnt, am liebsten hätte sie ihm das Shirt und die Hose heruntergerissen, um ihn zu fühlen, aber das war gegen die Spielregeln. Der warme Mund senkte sich auf ihre Schulter, Daphne keuchte dünn und hörte, wie Kiji seinen Gürtel öffnete.

Der Regen floss ihren Körper herab.

„Du siehst aus wie ausgedacht“, hörte sie ihn in ihren Nacken nuscheln, dann spürte sie Kijis bloßen Schwanz an ihrem Hintern, fühlte wie seine Hand sich bewegte: Kiji befriedigte sich, rieb sich gegen sie, versenkte seine Zähne in Daphnes Schulter. Pur und roh, reiner Sex. Der heftige Schmerz entlockte ihr einen gedämpften Schrei, aber der Biss lockerte sich nicht. Daphne fror und wand sich, sie war geil bis in die Haarspitzen. Sie liebte es, wie sehr sie Kiji erregte, seine Hand an ihrem Arsch zu spüren, mit der er sich wichste, die Zähne, die reinen punktgenauen Schmerz in Wellen durch ihren Körper sandten. Kiji atmete schnell in ihre Schulter, packte mit der anderen Hand ihre Pobacke, um sie an sich zu ziehen, zu quetschen, voller Gier zu kneten. Ihr Rücken erwärmte sich dort, wo Kijis Körper sich an ihren drängte. Sie stemmte sich gegen ihn und ächzte lustvoll gepeinigt.

Als Kiji gekommen war, löste er seinen Mund und legte seine Stirn gegen Daphnes Rücken. Er stand ein paar Sekunden heftig atmend da, dann umschlang er sie, fast verzweifelt, küsste die pulsierende heiße Stelle, in die er noch eben seine Zähne geschlagen hatte. Daphne war aufgepeitscht, ihr Körper ein Meer gegensätzlicher Empfindungen. Sie konnte sich nicht erinnern, je so viele Nerven gespürt zu haben.

„Es war nicht das, was du wolltest“, stellte Kiji fest.

Daphne lächelte. „Nein. Es war besser.“ Sie fixierte eine verblühende Rose, von der sich ein Blatt glitzernd löste. „Aber ich bin geil wie zehn Nonnen auf Koks … ich sterbe, wenn du nichts unternimmst.“

Kiji lachte. „Nein, daran stirbt man nicht, glaub mir.“

„Sag nicht, das war alles!“, flehte Daphne.

Kiji kam um sie herum und erwiderte nichts. Unter seiner Lederjacke auf der Bank lag eine Plastiktüte, nach der er griff. Er beförderte ein trockenes T-Shirt heraus und hielt es Daphne hin.

„Ist viel zu kalt, um nackt im Park zu stehen“, sagte er freundlich, als habe er mit diesem Umstand nicht das Geringste zu tun. Dann entnahm er der Tasche ein Handtuch, auf dem sich ein paar mittlerweile verblasste Flecken ausgebreitet hatten, und trocknete Daphnes Haar sorgsam.

„Du musst nach Hause gehen und dich aufwärmen“, beschied Kiji ihr leise. „Sonst erkältest du dich noch.“

Daphne wollte nicht gehen. Sie wollte bei Kiji sein und mit ihm reden. Sie spürte, wie ihr Tränen der Enttäuschung in die Augen stiegen. „Bitte nicht, Kiji.“

„Und wenn du zu Hause bist, dann bring dich zum Orgasmus … langsam. Wirklich langsam. Es darf nicht weniger als eine halbe Stunde dauern. Und morgen erzählst du mir, woran du dabei gedacht hast.“

Dreißig Minuten! Das war eine verdammt lange Zeit für Selbstbefriedigung.

„Woran soll ich denken?“, fragte sie nervös.

Kiji öffnete die Hände wie Blumen und sagte liebevoll: „An was immer dich glücklich macht.“

Dann klemmte er sich seine feuchte Lederjacke und die Einkaufstüte unter den Arm und ließ sie stehen.

Daphne zog sich an. Der Rock klebte an ihren Beinen, aber sie ging wie auf Wolken, zwar waren es graue Regenwolken, aber immerhin Wolken.

Sie hätte Kiji so gern geküsst. Aber scheinbar liefen die Dinge tatsächlich anders, als sie sie sich vorstellte, und das erfüllte sie einen Augenblick lang mit unfassbarer Freude. Denn das hieß, alles war offen. Am Tag hingegen erschien ihr alles wie eine Sackgasse.

05 Tag – Espresso in Zeitlupe

Kiji fuhr die Rolltreppe des stadtgrößten Kaufhauses hinab, die gefilterte Luft schien einen feinen Film auf seiner Haut zu hinterlassen, die Ansagen und Stimmen plätscherten unverstanden an ihm vorbei. Im Basement befand sich die größte Feinkost- und Fressmeile der Stadt, sie erstreckte sich nach Kijis Empfinden über Kilometer. Die vielen teuren, kleinen, duftenden Happen faszinierten ihn. Sie waren wie kleine Kunstwerke hinter Glas angerichtet; Gang um Gang neue Lebensmittel. Sauber, verlockend, hochwertig. Hier kaufte er normalerweise nicht ein. Gutes Essen war was für Leute mit Geld. Geld war bei Kiji Mangelware – auch wenn er sich jeden Tag in seinem verfluchten Job die Hände im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig machte, musste er immer rechnen und überlegen. Für diejenigen, die keine Zeit oder kein Talent zum Kochen hatten, blieb nur der Ramsch der Discounter, bei denen er üblicherweise einkaufte. Fleisch zu Schleuderpreisen, massenhaft wässriges Fleisch trauriger Kreaturen, in Höchstgeschwindigkeit essreif gezüchtet, verpackt und tonnenweise verscherbelt. Gepresstes, parfümiertes minderwertiges Füllmaterial in bunten Hüllen, mit haarsträubenden Produktnamen, zu Vorratspackungen zusammengeschweißt, ein schlecht fotografierter „Serviervorschlag“ auf der Vorderseite. Wer arm war, musste fressen, was er sich leisten konnte. Ramsch.

Aber hier im Untergeschoss waren selbst die Plastikfolien um die Sandwiches aufwändig gewickelt wie Geschenkpapier. Kiji deutete auf kleine Gebilde, ließ sie sich einpacken, ließ sich anlächeln, zog immer wieder neue Scheine aus der Gesäßtasche seiner Jeans. Kein Ramsch für Daphne.

Zum Abschluss seiner Einkaufstour quetschte er sich auf die unbequeme, schmale Bank hinter dem Stehtisch einer italienischen Kaffeerösterei und ließ sich einen Espresso brauen. Das dezente Brummen der Klimaanlage und die merkwürdige Beleuchtung, die das Tageslicht imitierte, riefen ihm ins Bewusstsein, dass er sich in einer Kunstwelt aufhielt. Es war einer der seltenen Momente, in dem ihm das gefiel. Vielleicht weil er eine Brücke zur Nacht schlug, schließlich war er wegen Daphne hier. Er rief sich ihren Körper ins Gedächtnis, er konnte ihn sehen, als stünde sie vor ihm, denn er hatte ihn gescannt. Wenn Daphne schon meinte, die Nichtvollendung des Sex´ brächte sie um, dann sollte sie erst einmal in Kijis Haut stecken.

Kiji war kein großer Redner, doch er merkte sich alles, was er berührte und betrachtete. Es stellte mitunter ein Problem für ihn dar, die Umwelt nicht als Ganzes betrachten zu können, sondern nur in kleinen Teilen. Er pickte sich eine Facette heraus, die er dann ganz und gar erfasste. So wie den Espresso, den die Kellnerin vor ihm absetzte. Er schmeckte die vielen Schichten des Aromas, bewunderte den feinen, dünnen Schaum, der in der Mitte zerriss und das duftende, tiefe Braun freigab, er fühlte die Hitze des Wassers auf seiner Zunge, er hörte das Geräusch, wenn seine Zähne gegen den dicken Rand der Tasse klickten, aber er war unaufmerksam gegenüber allem, was sich um ihn herum tat.

Er war ein Sinneseindruck-Sammler. Einmal etwas geschmeckt, berührt, betrachtet, konnte er die Erinnerung jederzeit wieder abrufen. Er blickte auf den Kaffee und stellte sich vor, wie sein Besitz sich gestern selbst befriedigt hatte. Bestimmt sah sie dabei gut aus. Sexy. Ob sie Geräusche von sich gab, und wenn ja, welche?

Kiji hatte Sex schon immer geliebt, und es erstaunte ihn, wie simpel seine Partnerinnen oft gestrickt waren. Manche waren kreativ, aber alle strebten sie den lächerlich kurzen zehn Sekunden entgegen, möglichst zügig. Für jemanden wie Kiji, dessen Sinne so empfindlich, so gierig waren, erinnerte Sex mitunter an das Fressen von Supermarktramsch ohne jede Not. Er brauchte ja gar keine Liebe, Gefühle oder besondere Kreativitätsausbrüche, nein, er wollte Zeit.

Mit Maria hatte er fast immer nur gefickt, wenn sie beide voll wie die Pisseimer waren. Es dauerte nicht allzu lange, und seine Sinne schienen vorübergehend defekt, wenn das Ethanol die Herrschaft übernahm. Er riss Maria auf wie eine billige Schaumwaffel und verschlang sie in drei Happen, fade, süß, langweilig. Aber das entsprach nicht seiner Natur, stellte er fest, wenn er nüchtern war und Maria Dinge sagte wie: „O je, Kiji, komm mal auf den Punkt, du glotzt jetzt schon seit zehn Minuten wie ein Spast auf meinen Arsch, mir wird kalt, Alter …“ Und Kiji, der gar nicht bemerkt hatte, wie die Zeit vergangen war, erwiderte ernüchtert: „Sei doch froh, dass ich dich gern ansehe.“

Vielleicht behauptete er, er wolle nicht wissen, was Daphne tagsüber trieb, aber das stimmte nicht ganz. Er wollte es wissen, aber er wollte im Gegenzug nichts über sich erzählen. Daphne war klug und warmherzig und redete vernünftig, sie würde Kijis Leben nie und nimmer verstehen, sein Versagen am Ende des Rauschs.

06 Nacht – Im Labyrinth

„Du rauchst?“, fragte Kiji verwundert, als er zu ihrer Bank kam.

„Ganz selten“, versprach Daphne, und ihre Hände zitterten nicht nur, sie flatterten.

„Ist was passiert?“ Daphne lächelte traurig und trat die Zigarette aus. „Nichts Besonderes, nur das Übliche.“

„Vielfarbige Wimpern, hm …?“

„So ähnlich.“

Kiji mochte nicht, wie sie auswich, es beunruhigte ihn, wie flackerig und hektisch die Luft heute um Daphnes Haut wirbelte.

„Was schleppst du da mit dir rum?“, lenkte Daphne demonstrativ von ihrem inneren Aufruhr ab.

Kiji hatte seinen Plan schon fast vergessen, er sah auf die Papiertaschen aus dem Kaufhaus und grinste, dann nahm er Daphnes Hand. Sie war feucht.

„Wir gehen ins Labyrinth.“

Das Labyrinth war im Grunde nur eine vereinfachte Imitation der Pflanzen-Irrgärten der späten italienischen Renaissance: Ein paar Buchsbaumhecken, in deren Mitte ein Rasenviereck angelegt war. War man nicht völlig enthirnt, konnte man sich nicht zwischen ihnen verlaufen. Nach gestern Abend wusste Kiji, dass Daphne keine große Exhibitionistin war. Sie würde sich mit Blättermauern um sich herum wohler fühlen.

„Ich bin nicht gern in Irrgärten“, merkte Daphne an. „Ich denke immer daran, was passiert, wenn ich nicht wieder herausfinde … Hast du Shining gesehen?“

„Ja.“

„Kleine tote Zwillingsmädchen und Irrgärten sind eine gruselige Kombination.“

Kiji gab ihr Recht, obwohl er den Aspekt des Alkoholismus‘ viel gruseliger fand.

„Aber hier ist es schön“, stellte Kiji fest, als er die vor sich hinplappernde Daphne in die Mitte des Labyrinths gelotst hatte. Daphne wurde ganz still, ihre Hand lag ruhig in Kijis, und ihr Blick glitt vom Mond auf das silbrige Gras. „Ja. Das stimmt.“

„Warte.“ Kiji nahm die Decke aus der Tüte und breitete sie auf dem Rasen aus.

„Setz dich.“ Daphne ließ sich sinken und strich behutsam mit den Fingerspitzen über den Stoff.

„Ich will dir die Augen verbinden, weil ich glaube …“ Kiji beendete den Satz nicht. Eine weitere seiner schlechten Eigenschaften. Manchmal ging ihm mitten im Satz die Puste aus.

„Was?“, fragte Daphne leise, aber drängend.

„Ich glaube, dass alles von außen ohne Filter in dich eindringt, ich denke es ist gut, wenn du dich nicht auf so Vieles gleichzeitig konzentrieren musst.“

„Wo-woher … ich meine, wie kannst du das wissen?“ Daphne packte ihn am Handgelenk und sah ihn aufgewühlt an.

„Ich beobachte. Nichts weiter.“ Kiji erstaunte die heftige Reaktion. Das zu erkennen, war keine große Sache, oder?

Er band einen dünnen Schal um Daphnes Augen, die sich nicht wehrte und sie brav schloss. Kiji mochte ihre Fügsamkeit. Sie schien ihr Spiel wirklich ernst zu nehmen.

Blind und abwartend saß Daphne auf der Decke, und Kiji betrachtete sie lange, ohne dass er gestört und zur Eile angetrieben wurde. Auch das mochte er. Dann packte er das Essen aus. Sorgfältig reihte er Schale an Schale, legte die Servietten, die ihm an jedem Stand mitgegeben worden waren, übereinander, goss Wein in einen Becher und wusste, dass Daphne die Ohren spitzte und nicht immer zuordnen konnte, was Kiji tat. Sie hatte die Lippen leicht geöffnet, als könne sie so besser hören.

„Öffne den Mund.“

„Aber warne mich vor, wenn es sich um Maden oder Vogelnestsuppe handelt.“

Kiji lachte. „Nö.“

Während er Daphne fütterte, sprachen sie kein Wort, Kiji las in ihrem Gesicht, wie sie sich fühlte, und Daphne schmeckte, was in Kiji vorging – das spürte er. Mit verbundenen Augen den Mund zu öffnen, setzte Vertrauen voraus. Das Kosten folgte gewöhnlich dem Sehen. Daphnes Mund schimmerte im Mondlicht, als sie abwehrend die Hand hob. Sie war satt.

Kiji nickte und streckte seinen Finger aus, Daphne zuckte zurück, als er ihre Lippe berührte und entspannte sich sofort, als sie merkte, was es war. Kiji fuhr das helle Grau nach, teilte die Lippen und strich zwischen ihnen entlang, drang ein kleines Stück tiefer vor und berührte die warme Zunge, die ihn vorsichtig abtastete. Seine Körpermitte glühte. Kiji nahm Daphnes Wangen zwischen seine Hände, zog ihren Kopf an sein Gesicht und legte seinen Mund auf Daphnes, ohne Druck auszuüben. Endlich. Er wollte die Weichheit spüren und nicht erdrücken.

Er verharrte ein paar Sekunden, roch den süßen Atem, dann saugte er Daphnes Unterlippe zwischen seine Zähne und lutschte sanft an ihr. Daphne produzierte einen kleinen Laut, es schien ihr zu gefallen, und Kiji konnte sich nicht mehr beherrschen. Er drängte seine Zunge in ihren Mund, leckte über ihre Lippen, verschlang sie und spürte ihren Mund fiebrig antworten. Kiji setzte sich auf sie, presste seinen Körper gegen ihren, fuhr mit den Händen das duftende Haar entlang und ließ es durch seine Finger rinnen, während ihre Zungen sich umspielten. Mal langsam und suchend, dann wieder fordernder.

„Bitte, fick mich endlich.“ Der bedürftige Tonfall machte Kiji an, und gleichzeitig empfand er Zorn und glitt von ihrem Schoß.

„Deine verdammte Ungeduld.“ Unsanft schubste er Daphne zur Seite, rollte sie auf den Bauch und drückte ihren Nacken gegen die Decke, er spürte ihre Sehnen, berührte das weiche Haar. Kiji hielt inne, betrachtete fasziniert, wie Daphne aussah, derart zu Boden gezwungen, und schaute sich um. Sein Blick fiel auf den Metalllöffel, den er von zu Hause mitgebracht und mit dem er Daphne soeben noch Panna Cotta in den Mund geschoben hatte. Er umfasste ihn zögernd. Schade um das teure Kleidchen, dachte Kiji, bevor er ausholte und kräftig auf Daphnes Oberschenkel schlug.

„Au!“ Sie zuckte zurück, ihre Nackenmuskeln spannten sich unter Kijis Hand, und auf dem Stoff war ein weißer Fleck zu sehen.

„Je mehr du mich drängst, umso länger dauert es. Hier gilt mein Tempo!“

Er unterstrich seine Ansage mit weiteren heftigen Hieben und hoffte, dass es wehtat. Daphne wand sich und zischte gepresst, aber das konnte auch nur Show sein …

„Spreiz die Beine.“

Bibbernd gehorchte Daphne.

„Hast du gestern getan, was ich dir gesagt habe?“

„Ja“, drang die dünne Stimme von unten an sein Ohr.

„Au!“ Kiji hatte wieder zugeschlagen, diesmal traf er die Innenseite des Oberschenkels. Noch einmal.

„Nicht da!“, wehrte sich Daphne, was für Kiji den Anlass bot, den Löffel noch einmal an der exakt gleichen Stelle zu landen.

„Arrh …!“

„Woran hast du gedacht?“ Daphnes Beine schnappten zusammen, da sie spürte, dass das Metall sie wieder quälen würde, aber Kiji drückte ihre ...

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