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Das Gold des Bischofs

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. Geschichtliche Anmerkungen

Über den Autor

Simon Beaufort lehrt als Historiker an der Universität von Cambridge in Großbritannien. Er hat zahlreiche Sachbücher verfasst. DAS GOLD DES BISCHOFS ist der dritte Band einer historischen Krimireihe um Sir Geoffrey Mappestone zur Zeit der Kreuzzüge. Simon Beaufort lebt mit seiner Frau, die ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, in einem kleinen Dorf in Suffolk, England.

Simon Beaufort

Das Gold
des Bischofs

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
von Linda Budinger und Alexander Lohmann

Für Gill Cooper

Abgesehen von historischen Ereignissen und Personen, die dem Roman als Hintergrund dienen, sind sämtliche Inhalte dieser Geschichte frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

PROLOG

April 1097, Durham

Bekanntlich hieß es, dass ein Frevler, der die gesegnete Reliquie eines Heiligen anrührt, vom göttlichen Feuer verzehrt und der ewigen Verdammnis anheimfallen werde. Ob das wirklich so war, wusste Bruder Wulfkill nicht, aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen. Deshalb trug er stets Handschuhe, wenn er die Knochen längst verstorbener Märtyrer anfasste, und wappnete sich zusätzlich mit Gebeten und Zauberformeln.

Vor ihm stand der Reliquienschrein des Heiligen Balthere. Mit einem Stock löste Wulfkill den Verschluss und hob den Deckel an. Er hatte den Anblick von Knochen erwartet, die vielleicht noch in halb verrottete Seide gehüllt waren. Stattdessen starrte er überrascht auf die ausgedörrten Überreste einer großen, zusammengerollten Schlange. Er bekreuzigte sich. Hatte der Heilige sich etwa in dieses abscheuliche Ding verwandelt, um sein Missfallen über das unrechtmäßige Öffnen des Schreins zum Ausdruck zu bringen? In plötzlicher Furcht schlug Wulfkill den Deckel wieder zu.

Nach ein paar hastigen Gebeten, als nichts darauf hindeutete, dass der Teufel kommen und ihn holen würde, brachte Wulfkill den Mut auf, ein zweites Mal in das Behältnis zu schauen. Er holte tief Luft, hob den Deckel und duckte sich, schon in Erwartung des göttlichen Zorns, aber nichts geschah. Die Schlange lag noch da und war so tot und vertrocknet wie das Laub im Winter. Wulfkill hockte sich auf die Fersen und grübelte über seine nächsten Schritte nach.

Man hatte ihn bezahlt – und das recht großzügig –, damit er die Knochen entwendete und am vereinbarten Ort hinterlegte. Nun war Balthere nicht verfügbar und Wulfkill in Schwierigkeiten. Von einem Teil des Lohns hatte er bereits ein neues Dach für seine Schwester und Medizin für die Armen gekauft. Er bezweifelte allerdings, dass seine Auftraggeber dafür Verständnis haben würden: Sie würden Balthere haben wollen oder ihr Geld zurückfordern. Und wie es aussah, konnte Wulfkill weder das eine noch das andere herbeischaffen.

Ein listiger Ausdruck trat auf sein Gesicht, als ihm eine Lösung einfiel. Vielleicht könnte er sich den Glauben zunutze machen, dass ein plötzlicher Tod jedem drohte, der die Knochen eines Heiligen berührte: Er würde die Schlange einfach in den mitgebrachten Sack packen und sagen, er habe damit den Inhalt des Reliquienschreins überbracht – was völlig der Wahrheit entsprach. Er war ein Mönch, und niemand würde an seiner Behauptung zweifeln, dass er sich den Inhalt aus Furcht um seine unsterbliche Seele nicht so genau angesehen habe. Jeder wusste, dass gottesfürchtige Menschen solche Geschichten, in denen von ewiger Verdammnis die Rede war, beherzigten, und so mochte Wulfkill selbst dann noch ungeschoren davonkommen, wenn seine Auftraggeber erkannten, dass er ihnen nicht das Gewünschte gebracht hatte.

Er unterdrückte den Abscheu, langte in den Kasten und holte den Kadaver heraus. Es gab ein trockenes Knistern, und er sah die weißen Knochen schimmern, wo die Haut weggefault war. Wulfkill steckte die Schlange in den Sack und verschnürte ihn mit einem Stück Garn.

Er war sich bewusst, wie viel Zeit bereits verstrichen war. Also schloss er den Deckel und schob den Reliquienschrein behutsam in die Nische im Hochaltar zurück. Mit staubigem Handschuh verwischte Wulfkill sämtliche Hinweise, dass der Schrein bewegt worden war, dann ging er zur Tür. Jetzt kam der gefährlichste Teil des Unternehmens, da nämlich ein Gemeindeglied beobachten könnte, wie er mitten in der Nacht mit dem Sack über der Schulter aus der Kirche trat.

Aber es war schon sehr spät, und die Stadt lag in ruhigem Schlaf. Selbst jetzt im Winter gab es Arbeit auf den Feldern zu verrichten, und die Bewohner der elenden Hütten in der Nachbarschaft waren viel zu erschöpft, um des Nachts wach zu bleiben und sich zur Geisterstunde um anderer Leute Geschäfte zu kümmern. Wulfkill eilte ungesehen aus der Kirche und zum Fluss hinunter, wo er sich auf den langen Weg zum vereinbarten Versteck machte.

Kurz vor Sonnenaufgang erreichte er den Ort, wo er Balthere zurücklassen sollte. Allmählich entspannte er sich in dem Bewusstsein, dass diese Prüfung beinahe vorüber war. Bald würde er auf demselben Weg zurückkehren und dann den Rest des Tages davon träumen können, wie er den verbliebenen Teil des Lohns verwenden wollte. Gerade malte Wulfkill sich aus, wie er sich die Anstellung als Hausgeistlicher bei einer anspruchslosen Witwe erkaufte, als er merkte, dass er nicht mehr allein war. Beunruhigt fuhr er herum und versuchte auszumachen, ob ihm etwa jemand folgte.

Es war nichts zu sehen. Aber als Wulfkill weiterging, gab es einen scharfen Knall, gefolgt von einem dumpfen Aufschlag, und er spürte, wie ihn etwas an der Brust traf. Es war kein harter Schlag, und er wankte nicht einmal. Aber als er an sich hinabblickte, sah er einen Armbrustbolzen zwischen den Rippen hervorragen.

Während Wulfkill zusammenbrach, verfluchte er sich, weil er nicht früher daran gedacht hatte, dass man ihn nach seiner Tat unmöglich am Leben lassen konnte. Dann starb er, und ein paar schattenhafte Gestalten traten aus den nahe gelegenen Bäumen und nahmen das Diebesbündel an sich.

3. Februar 1101, London

Odard wartete am Fuße des White Tower in der Festung am Themseufer. Die Nacht war kalt, und ein schneidender Wind wehte über den gepflasterten Hof und trug wirbelnde Schneeflocken mit sich fort. Aber Odard verharrte reglos. Nur der schwache Glanz seiner Augen verriet, dass er munter und wachsam war.

Es war schon sehr spät, auch wenn hoch oben aus einer Zelle noch ein gelblicher Lichtschein schimmerte. Gelegentlich zeigten laute Stimmen und Gelächter, dass der Gefangene nicht bedrückt und hoffnungslos in düsterem Kerker schmachtete, sondern mit seinen Wächtern einem Fass süßen Malvasiers zusprach.

Der White Tower beherbergte zum ersten Mal einen so bedeutsamen und mächtigen Gefangenen wie Ranulf Flambard, den Fürstbischof von Durham, und der Kastellan war angewiesen, ihn mit größter Höflichkeit zu behandeln. Verglichen mit den Behausungen der anderen war Flambards Gefängnis ein Palast. Es war prachtvoll eingerichtet, und stets brannte ein Feuer, um die Kälte des langen Winters zu vertreiben. Außerdem wurden ihm täglich erlesene Speisen gereicht, und er trug kostbare und warme Gewänder, wie es einem Mann von seinem Rang und Vermögen anstand.

Odard wartete weiter. Endlich erloschen die Lichter in Flambards Zelle, und die Laute fröhlicher Lustbarkeit verklangen. Irgendwo im großen Netz der von Abwasser durchflossenen Gassen bellte ein Hund, und schließlich verstummte auch dieses Geräusch. Wolken verdunkelten den Mond, und so blieb Odard beinahe unsichtbar, während er die geduldige Nachtwache in der Finsternis fortsetzte.

Weil die Nacht so eisig war, verließen die Wachen nur widerstrebend die Wachstube, um ihre Runde zu drehen. Als der Sergeant ihnen Beine machte, zogen sie in missmutigen Paaren über die Wehrgänge und blickten in den finsteren Innenhof hinab oder auf das düster schimmernde Wasser des Flusses und den Festungsgraben auf der anderen Seite. Dort war nichts zu sehen, und dankbar huschten sie wieder nach drinnen. Der König war nicht da, und so war nur eine kleine Garnison zurückgeblieben, um den Tower zu sichern. Aber niemand rechnete mit irgendwelchen Schwierigkeiten, und jeder wusste, dass sowohl der Bischof als auch die anderen Gefangenen unmöglich entkommen konnten.

Eine Katze schlich über die reiffunkelnden Pflastersteine des Burghofes. Odard machte sich bereit. Es war fast an der Zeit. Er verließ sein Versteck und ging rasch zum Tor. Das war verriegelt, aber wie abgesprochen, war die Pforte unverschlossen. Unmittelbar dahinter hörte er das leise Schnauben eines Pferdes, das unruhig war, weil es so spät in der Nacht noch gesattelt wurde und warten musste.

Die Wachstube lag nicht weit entfernt, und raue Stimmen dröhnten aus dem Inneren. Odard schob sich näher heran, bis er durch einen Spalt in den Fensterläden hineinblicken konnte. Er zählte die Wachen und stellte fest, dass alle anwesend waren und sich um die besten Plätze am flackernden Feuer stritten.

Er ging zum Tower zurück und blickte empor. Flambards Fenster stand offen, und Odard sah den düsteren Umriss eines Kopfes, der sich ins Freie lehnte. Dann vernahm er ein leises Zischen, und etwas fiel herab. Es war ein dünnes Seil, das sich im Fallen entrollte und hin- und herschwang wie ein Pendel. Odard runzelte die Stirn. Es war zu kurz, und das Ende baumelte in dreifacher Mannshöhe über dem Boden. Er gestikulierte heftig und versuchte, Flambard klar zu machen, dass sie die Flucht verschieben müssten, bis er mehr Seil in einem weiteren Weinfass hereingeschmuggelt hätte.

Aber es war zu spät: Flambard kletterte bereits aus dem Fenster. Odard spannte sich an. Die distanzierte Gelassenheit, die er während seiner Wache gezeigt hatte, verflog. Flambards Füße scharrten so laut über die Mauer, dass die Wachen es ganz sicher hören und nach dem Rechten sehen würden. Dann wieherte eines der wartenden Pferde lange und durchdringend, und Odard schloss verzweifelt die Augen.

Als wäre das nicht genug, fing nun auch noch der Bischof während des Kletterns zu fluchen an. Odard schaute hoch und versuchte, Flambard durch bloße Willenskraft zur Ruhe zu bringen. König Henry würde nicht sonderlich erfreut sein, wenn er erfuhr, dass sein bedeutsamster Gefangener aus der sichersten Feste des Landes entwichen war. Wenn man Flambard wieder einfinge, würde Henry Rache nehmen, wie man es von einem Sohn des Eroberers erwarten konnte, und der Bischof müsste schon großes Glück haben, um je wieder das Licht des Tages zu erblicken. Aber Odard würde es noch schlimmer ergehen: Einem Gefangenen bei der Flucht zu helfen war Verrat, und die Bestrafung fiele ebenso streng wie tödlich aus.

Flambard erreichte das Ende des Seils und erkannte, dass es nicht bis zum Boden reichte. Sein Fluchen wurde noch lästerlicher. Odard sah ihn dort oben hängen, wie er mit furchtgeweiteten Augen auf die weit unter ihm liegenden harten Pflastersteine blickte. Und dann rutschte er ab. Odard sprang vor und versuchte, den Sturz abzufangen, aber trotzdem prallte Flambard hart und sehr unglücklich auf den Boden. Sein Schimpfen erstickte in einem schmerzerfüllten Keuchen, und als er aufstand, stellte sich heraus, dass er nicht gehen konnte.

»Das ist eine Katastrophe!«, zischte er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er hielt Odard die Hände entgegen. »Ihr habt mir keine Handschuhe bereitgestellt, und das Seil hat mir die Handflächen aufgerissen.«

»Wir müssen uns beeilen«, flüsterte Odard und verzichtete auf den Hinweis, dass Flambard selbst an Handschuhe hätte denken können. Man musste nicht besonders schlau sein, um vorherzusehen, wie ein grobes Seil mit den Handflächen eines Mannes verfahren würde, der in seinem ganzen Leben noch keinen Tag mit ehrlicher Arbeit zugebracht hatte.

»Ich kann nicht laufen«, verkündete Flambard herrisch. »Ich habe mir den Knöchel verstaucht, als ich herabgefallen bin, weil das Seil, das Ihr mir habt zukommen lassen, zu kurz gewesen ist.«

Odard wünschte sich schon fast, der undankbare Bischof hätte sich beim Sturz den Hals gebrochen und nicht nur am Fuß verletzt. Aber er behielt den Gedanken für sich und fasste Flambard am Arm, um ihm zum Tor zu helfen. Letztendlich musste er ihn doch über den Hof tragen und war bald außer Atem. Die Jahre des Wohllebens hatten dem einst athletischen Flambard eine schlaffe Fülligkeit beschert. Der Bischof hatte gerade die Finger am Griff der Pforte, als unvermittelt die Tür der Wachstube aufsprang und vier Posten herauskamen.

»Ihr habt mir versichert, sie würden mit den Patrouillen nach Mitternacht nachlässiger werden«, flüsterte Flambard anklagend. »Wisst Ihr überhaupt, wie es mir ergehen wird, wenn man mich bei einem Fluchtversuch aufgreift?«

Odard gab keine Antwort, sondern zog den Bischof tiefer in den Schatten. Die Wachen unterhielten sich leise, teilten sich dann und drehten in Zweiergruppen ihre Runden. Einer kam direkt auf Flambard und Odard zu und wollte offenbar prüfen, ob die Pforte verschlossen war. Odards Herz pochte laut, beinahe schmerzhaft. Dieses Geräusch konnten die Wachen unmöglich überhören …

Er war drauf und dran, den Bischof im Stich zu lassen und zum Tor zu stürzen, auf eines der Pferde zu springen und zu fliehen, solange er noch konnte. Aber er blieb. Er war ein Ritter vom Spital des Heiligen Johannes zu Jerusalem, und der Großmeister selbst hatte ihm befohlen, Flambard zu dienen. Johanniter waren nicht dafür bekannt, dass sie ihre Gehorsamseide brachen, nur weil sie Angst hatten.

Er beobachtete, wie der Soldat auf das Tor zutrat, den Riegel prüfte und sich dann wieder seinem Kameraden auf dem Wehrgang anschloss.

Odard war regelrecht berauscht vor Erleichterung. Er bewegte sich auf die Pforte zu, noch bevor die Wache um die Ecke gebogen und außer Sicht war. Draußen standen vier Pferde. Er half Flambard auf eines der Tiere, um dann seinerseits aufzusitzen. Die beiden verbliebenen Pferde trugen bereits zwei treue Johanniter, die den Bischof bis zu einem Schiff begleiten würden, das ihn in die Normandie bringen sollte. Im White Tower blieb alles ruhig. Düster und still ragte er hinter ihnen auf, als sie in Richtung der Küste davongaloppierten.

1. KAPITEL

6. Februar 1101, Southampton

Der Hafen von Southampton brummte an diesem kalten Februarnachmittag vor Geschäftigkeit, auch wenn der Nordwind so schneidend herabfuhr wie das Schwert eines Sarazenen und die Sonne sich hinter einer dichten Wolkenfront verbarg, die noch mehr Schnee versprach. Kaufleute schritten durch die schmalen Gassen zwischen Hafen und Lagerhäusern und ließen ihre Lehrlinge hinter sich gehen. Krieger marschierten ihres Weges, einige, um die Posten auf den Stadtmauern abzulösen, andere auf dem Rückweg von Patrouillen im Umland. Seeleute versammelten sich in lauten, überfüllten Schenken, wo es regelmäßig zu Schlägereien kam. Und über diesem ganzen Treiben kreischten die Möwen, segelten durch die Luft und stritten sich um die Reste des heutigen Fangs, die zwischen allerhand Abfällen auf dem Wasser trieben.

Sir Geoffrey Mappestone stellte voll Abscheu fest, dass nicht einmal die Eiseskälte des Winters den ranzigen Geruch zu mildern vermochte, den er stets mit Hafenstädten in Verbindung brachte. Die Übelkeit erregenden Ausdünstungen faulenden Fisches mischten sich mit dem allgegenwärtigen Gestank aus überfüllten Abflussrinnen, und dazu gesellte sich der beißende Geruch des heißen Pechs, mit dem die Planken der Schiffe abgedichtet wurden. Unter diesen Gestank mischten sich auch andere Aromen: Gewürze und exotische Kräuter aus Südfrankreich, der berauschende Duft aus einem leck geschlagenen Weinfass und der feuchte, erdige Geruch von Wolle, die auf die Verschiffung nach Flandern wartete.

Neben Geoffrey ritt Sir Roger von Durham und summte leise vor sich hin. Er war hocherfreut, dass er England bald wieder verlassen und in die Sonne und die staubige Luft des Heiligen Landes zurückkehren konnte. Vier Jahre zuvor hatten die beiden Ritter am Kreuzzug teilgenommen, der die heiligsten Stätten der Christenheit den Händen der Ungläubigen entreißen sollte. Sie hatten Hunger, Durst, sengende Hitze, bittere Kälte, Krankheiten, Fliegen und sogar die gelegentlichen Schlachten überlebt. Als der Kreuzzug vorüber war und die christlichen Fürsten ihre eigenen kleinen Königreiche in der Wüste gegründet hatten, waren Geoffrey und Roger nach England zurückgekehrt: Geoffrey, um noch einmal seinen sterbenden Vater zu besuchen, Roger, um seine Beute aus dem Heiligen Land in den Londoner Schenken durchzubringen. Nun war Geoffreys Vater tot, und Roger hatte festgestellt, dass er sich nach dem abenteuerlichen Leben und den Aufregungen in Jerusalem sehnte. Daher waren sie beide nach Southampton gegangen, um ein Schiff für die Rückreise zu finden.

»Schau mal, da!«, rief Roger plötzlich.

Geoffrey blickte in die angezeigte Richtung und sah auf dem Dach eines Kaufmannshauses zwei Männer kämpfen. Im trüben Tageslicht konnte er das Funkeln der Klingen ausmachen, wenn die beiden Kontrahenten ihre Messer schwangen und zustachen. Roger war nicht der Einzige, der auf das Geschehen aufmerksam geworden war: Eine Menge von Schaulustigen starrte in makabrer Neugier zu dem Dach hinauf. Die aufgeregten Rufe der Zuschauer lockten weitere Leute an, und Geoffrey musste sein Schlachtross zügeln, damit ihm niemand unter die Hufe geriet. Roger kommentierte diese Verzögerung mit einem missmutigen Gemurmel, obwohl er selbst interessiert zu den gewandten Kämpfern emporblickte.

»Wer sind die beiden?«, fragte er einen Mann, der die blutverschmierte Schürze eines Fischhändlers trug, auf der noch silbrige Schuppen schimmerten. »Warum kämpfen sie?«

»Ich nehme mal an, es sind zwei Matrosen«, erwiderte der Fischhändler und rieb sich die vor Kälte geröteten Hände an der Schürze ab, ohne das Geschehen aus den Augen zu lassen. »Seeleute sind immer auf eine Schlägerei aus, wenn sie ihr Geld bekommen haben.«

»Die hier wird noch tödlich enden, wenn sie keinen Frieden schließen«, stellte Geoffrey fest und zuckte zusammen, als einer der Kämpfenden den Halt verlor und ein Stück weit das Dachstroh hinabrutschte. »Wie haben sie sich nur in diese missliche Lage bringen können?«

Der Kämpfer bremste seine Fahrt, indem er das Messer ins Dach stieß. Kaum hatte er das Gleichgewicht wiedergefunden, da war sein Gegner auch schon bei ihm. Der Angreifer war älter und nicht so wendig, aber der jüngere Mann hatte sich anscheinend bei dem Sturz verletzt und hielt den einen Arm steif vom Körper weg. Mit dem Blick des erfahrenen Kriegers schätzte Geoffrey die beiden Kontrahenten ein. Der Jüngere bewegte sich wie ein ausgebildeter Kämpfer, aber seine Verletzung behinderte ihn. So würde die grimmige, wenn auch ungeschulte Entschlossenheit des Älteren letztendlich wohl die Oberhand gewinnen.

»Pass auf, hinter dir!«, brüllte Roger und ergriff Partei für den Verletzten.

Seine Warnung kam gerade rechtzeitig. Der Jüngling wich nach links aus, und der tödliche Stich gegen den ungeschützten Rücken verfehlte ihn. Sein Gegner rückte weiter vor und führte die Klinge mit Nachdruck. Selbst aus dieser Entfernung konnte Geoffrey die Mordlust aus jeder seiner Bewegungen herauslesen.

»Lass uns weiterreiten, Roger«, sagte er und zupfte an den Zügeln, um sein Pferd fortzulenken. »Ich will nicht zusehen, wie zwei Betrunkene sich gegenseitig umbringen.«

»Willst du nicht?«, fragte Roger aufrichtig überrascht. Er bedachte den Freund mit einem Kopfschütteln. »Für einen Ritter hast du schon ein paar eigenartige Ansichten! Was hast du gegen ein bisschen ehrliches Blutvergießen?«

Geoffrey wollte nicht darüber streiten. Er wendete das Pferd, doch seine Gefolgsleute – der treue Sergeant Helbye und sechs Burschen von seinem Rittergut Rwirdin an der walisischen Grenze – standen zwischen den blöde starrenden Zuschauern und versperrten ihm den Weg.

»Komm schon, Will«, forderte Geoffrey den Sergeanten ungeduldig auf. »Ich will nicht wegen einer Rauferei eine mögliche Überfahrt versäumen.«

»Greif an, Junge, greif an!«, brüllte Roger. »Du gewinnst nicht, indem du immerzu zurückweichst!«

Der ältere Kämpfer meinte es ernst. Er täuschte nach rechts an und stieß dann nach links, so dass sich sein Gegner nur durch rasches Ausweichen vor dem tödlichen Stoß bewahren konnte. Die Menge hielt den Atem an, als der Jüngling wankte, sich aber wieder aufrichtete und dabei ungeschickt den verletzten Arm bewegte.

»Nicht zurückweichen!« Rogers Stimme war laut genug, um noch in Frankreich hörbar zu sein. »Halte stand!«

»Der Stab!«, schrie der Jüngling schrill, als er bei einem Blick in die Menge die beiden Ritter unter den Zuschauern bemerkte. »Er will den Stab!«

»Schwatz nicht rum!«, rief Roger. »Konzentrier dich auf den Kampf und schau auf den Gegner!«

»Der Stab!«, flehte der Jüngling und bedachte Roger mit einem verzweifelten Blick. »Sorgt dafür, dass Bruder Gamelo den Stab nicht bekommt!«

»Wer ist Bruder Gamelo?«, wollte Roger von Geoffrey wissen. »Und von was für einem Stab redet er da?«

»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Geoffrey, amüsiert, dass Roger etwas anderes annahm. »Er spricht mit dir, nicht mit mir.«

»Nun, ich weiß nicht, was das Gewäsch soll«, murmelte Roger ungehalten. Er sah zu, wie der junge Bursche einen weiteren Streich abwehrte, dann deckte er ihn wieder mit guten Ratschlägen ein: »Steh nicht einfach herum! Gebrauch deinen Dolch!«

»Lasst ihn nicht in Gamelos Hände fallen!« Die Stimme des Jünglings überschlug sich beinahe.

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch sein Gegner sprang vor. Kurz blitzte eine Klinge auf, dann fiel der Jüngling auf die Knie und hielt sich die Schulter. Ein weiterer erschreckter Aufschrei stieg von der Menge auf, als er nach vorn kippte und dann langsam das geneigte Dach hinabrutschte. Im nächsten Augenblick landete er mit einem dumpfen Knirschen auf der Straße.

Als Geoffrey von dem verkrümmten Körper zurück zum Dach schaute, stellte er fest, dass der Sieger die allgemeine Ablenkung zur Flucht genutzt hatte. Er war nirgends auszumachen, und Geoffrey nahm an, dass er auf der anderen Seite des Daches hinabgeklettert war.

Die Schaulustigen drängten vor, um den Leichnam des Mannes zu sehen, der vor ihren Augen erstochen worden war. Geoffrey stieß einen müden Seufzer aus und legte die Hände auf den Sattelknopf, als er sah, dass er nicht vom Fleck kommen würde, solange er von dieser dichten Menge eingeschlossen blieb. Sein schwarz-weißer Hund schätzte die unerwünschte Nähe so vieler fremder Leute überhaupt nicht. Er knurrte und schnappte nach ungeschützten Knöcheln, bis Geoffrey einen schmalen Streifen freien Raumes um sich hatte. Einige Empörte machten Anstalten, dem Tier einen Tritt zu verpassen. Doch nach einem Blick auf den hochgewachsenen kräftigen Ritter, der das Symbol der Kreuzfahrer auf dem Wappenrock trug und so aussah, als hätte er es sich verdient, besannen sie sich eines Besseren.

Roger schüttelte voll Abscheu den Kopf und schaute immer noch zu der Unglücksstelle. »Der Junge hätte seinen Gegner nicht aus den Augen lassen dürfen. Wenn er auf mich gehört hätte, wär er jetzt noch am Leben.«

Geoffrey war das ganze wenig erbauliche Spektakel leid und wechselte das Thema: »Der Wind hat gedreht, und ich fürchte, heute laufen keine Schiffe mehr aus. Wir werden hier übernachten müssen.«

»Ich kenn da ein großartiges Gasthaus«, erklärte Roger fröhlich. »Die Betten haben mehr Flöhe als die Köter im Heiligen Land, aber wenn wir unsere letzte Nacht in England mit ein paar hübschen Dirnen verbringen, liegen wir ohnehin nicht viel auf den Matratzen.«

»Hoffentlich ist es nicht so übel wie das, was du gestern empfohlen hast«, sagte Geoffrey nicht ohne Groll. »Ich will nicht die eine Hälfte der Nacht wachliegen und aufdringliche Huren abwehren und die andere Hälfte dann Diebe vertreiben müssen.«

Roger lachte schallend. »Warum hast du’s nicht so gehalten wie ich? Nimm dir eine Hure und lass die dann die anderen abwehren, während du dich anständig ausschläfst.« Mit anzüglichem Grinsen verpasste er Geoffrey einen Stoß in die Rippen. »Aber heut Nacht geht’s anders zu. Die Angebote gestern waren armselig, da kann ich dir deine Enthaltsamkeit nicht vorwerfen. Aber die Mädel hier in Southampton sind berühmt für Anmut und Liebreiz.«

Solche Versprechungen hatte Geoffrey schon zu oft gehört. Sein vierschrötiger Freund war nicht sonderlich wählerisch, was Anmut und Liebreiz betraf. Für gewöhnlich teilte er die Frauen in zwei Arten: Nonnen und alten Damen begegnete er mit einer gewissen groben Ehrfurcht, alle anderen betrachtete er als Freiwild für plumpe Annäherungsversuche. Dabei war es ihm ganz egal, ob er es mit den weltverdrossenen Damen der Nacht zu tun hatte oder mit den Ehefrauen und Töchtern anderer Männer. Das machte Roger nicht immer zum besten Reisegefährten: Oft genug sah Geoffrey sich genötigt, sie unter Einsatz seiner Klugheit, seiner Reisekasse oder gar seines Schwertes aus heiklen Situationen herauszumanövrieren.

»Da ist er ja«, stellte Roger fest, als eine Bahre mit dem zertrümmerten Leib des jungen Mannes vorübergetragen wurde. »Was ein Dummkopf, auf dem Dach zu kämpfen. Trotzdem, man kann wohl was draus lernen, nehm ich an.«

»Er nicht mehr«, strich Geoffrey heraus. Er beugte sich vor und schaute genauer hin. »Das ist eigenartig. Er hat doch einen Stich in die Schulter bekommen, bevor er abstürzte.«

»Allerdings«, stimmte Roger zu. »Und nur weil er sich ablenken ließ, statt auf den Gegner zu achten, wie ich ihm geraten habe.«

»Warum steckt dann ein Armbrustbolzen in seinem Rücken?«

Den Rest des kurzen winterlichen Nachmittags suchten Roger und Geoffrey nach einem Schiff zur Normandie. Ihre Gefolgsleute zogen müde und gelangweilt hinter ihnen her. Schließlich, als das Tageslicht einer bleigrauen Dämmerung wich und Geoffrey sich endlich damit abfand, dass sie an diesem Tag kein Glück haben würden, schneite es wieder. Erst waren es nur vereinzelte Flocken, doch dann setzte ein dichtes Schneetreiben ein, und die Flocken hatten die Größe von Silberpennys. Die ersten schmolzen, sobald sie den Boden erreichten, aber die nächsten blieben liegen. Bald lag der schmutzige Matsch aus altem Schnee, aufgewühltem Schlamm und allerlei Unrat unter einem gnädigen weißen Schleier verborgen.

Obwohl die Dämmerung rasch näher rückte, waren Southamptons Straßen noch voller Menschen – Scharen von Seeleuten, die im Rausch auf Streitereien aus waren, Lehrlinge in den Trachten ihres Gewerbes und grobschlächtige Wachleute, die allzu gewalttätige Ruhestörungen unterbinden sollten. Doch als Geoffrey sich umblickte, nahm er nicht diese Seeleute, Lehrlinge oder Wachen wahr, sondern einen verstohlenen Schatten, der eilig in der Einmündung irgendeiner Seitenstraße untertauchte. Eine solche Bewegung hatte er in der letzten Stunde schon häufiger zu sehen vermeint, und so wendete er das Pferd und ritt rasch den Weg zurück.

Als er die Einmündung erreichte, war dort niemand zu sehen. Unschuldig schlängelte sich die Gasse auf einige Lagerhäuser am Hafen zu. Geoffrey schaute eine Zeit lang und versuchte, die Schatten zu durchdringen, konnte aber nichts Verdächtiges ausmachen. Als er die Seitenstraße schließlich wieder verließ, wartete Roger schon mit spöttischem Gesichtsausdruck auf seine Rückkehr.

»Wenn ich mich umschaue, sehe ich ständig jemanden, der sich gerade hinter der nächsten Ecke versteckt«, erklärte Geoffrey. »Irgendwer folgt uns, und das gefällt mir gar nicht.«

»Denk nicht zu viel drüber nach«, empfahl Roger. »Das wird nur irgendein Dieb sein, der sich Hoffnung auf unsere Satteltaschen macht. Kümmere dich einfach nicht drum.«

Vermutlich hatte Roger Recht, auch wenn Geoffrey sich nicht überwinden konnte, in seiner Wachsamkeit nachzulassen. Ein wenig Trost fand er in der Tatsache, dass dem Burschen die Verfolgung immer schwerer fallen würde, wenn der Schnee weiterhin so dicht fiel.

»Morgen finden wir ein Schiff«, erklärte Roger zuversichtlich, als käme etwas anderes gar nicht in Frage. Er blinzelte die Nässe aus den Augen. »Vom englischen Wetter hab ich die Nase voll. In der Normandie ist das anders.«

Geoffrey lächelte. »Vermutlich wird es dort noch viel schlimmer sein. Und solange der Wind nicht günstiger steht, kommen wir gar nicht von hier fort.«

»Deine Männer murren schon rum.« Roger wies mit dem Daumen nach hinten, wo Geoffreys Waffenknechte, in Mäntel gehüllt und die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, verdrießlich nebeneinander ritten. Selbst der Hund wirkte schlecht gelaunt. Er weigerte sich, den üblichen Platz neben Geoffreys Pferd einzunehmen, und hielt sich stattdessen bei den Kriegern auf, wie um ihnen sein Mitgefühl auszudrücken. Der einzige Kriegsknecht, der aus diesem grämlichen Einerlei herausstach, war Peterkin, der Schwachsinnige. Während er dahinritt, funkelten seine Augen in unschuldigem Entzücken beim Anblick der Flocken, die auf seiner Kleidung liegen blieben, und der Mund stand ihm vor Staunen weit offen.

»Auf deinem Gut konntest du dir doch die Leute aussuchen«, merkte Roger an und betrachtete Geoffreys Gefolgschaft mit unverhohlener Verachtung. »Hast du da niemanden gefunden, der mehr hermacht als dieser Haufen?«

Geoffrey zuckte mit den Achseln. »Ich wollte niemanden mitnehmen, der für Angehörige sorgen muss, auch wenn derjenige es selbst wünschte. Diese sechs dort haben keine Familien, die von ihnen abhängen.«

»Weil nämlich zwei von ihnen so lange im Kerker gesessen haben, dass sie gar keine Gelegenheit zum Heiraten hatten. Die beiden nächsten finden mehr aneinander als an irgendwelchen Frauen; und die beiden letzten haben schlicht und ergreifend einen Sprung in der Schüssel. So jämmerliche Gestalten hab ich mein Lebtag noch nicht gesehen!«

Geoffrey wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, denn Roger hatte vollkommen Recht. Die Littel-Brüder waren unverbesserliche Diebe, und er hatte sie in seinen Dienst gezwungen, weil sie andernfalls unweigerlich am Galgen gelandet wären. Es waren abgebrühte und skrupellose Burschen, und Geoffrey hatte den Verdacht, dass sie sich aus dem Staub machen würden, sobald sie genug Geld für die Flucht zusammengeraubt hatten. Freyn und Tilloy waren deutlich mehr als nur Freunde, was Geoffrey allerdings nichts ausmachte, solange ihre Beziehung sie nicht bei ihren Pflichten behinderte. Joab und sein Bruder Peterkin allerdings bereiteten ihm die größten Sorgen. Beide waren geistig auf dem Stand von Kindern, vor allem Peterkin, und je besser Geoffrey sie kennen lernte, umso mehr bedauerte er es, dass er sie von zu Hause fortgebracht hatte.

»Schon merkwürdig, dieser Kampf auf dem Dach«, fuhr Roger fort, als Geoffrey nicht auf seine verächtlichen Bemerkungen einging. »Wie kam ein Armbrustbolzen in den Rücken von diesem Burschen, wo wir doch beide gesehen haben, wie er von vorn erstochen wurde?«

»Wir haben gesehen, wie er nach dem Stich in die Knie brach und sich an die Wunde griff. Dann kippte er nach vorn und fiel vom Dach. Ich hätte allerdings eher erwartet, dass er nach hinten kippt, wo er doch von vorn angegriffen worden war. Vermutlich war die Schulterwunde nur ein Kratzer, und die tödliche Verletzung stammte vom Armbrustbolzen im Rücken.«

»Und das bedeutet?«, fragte Roger.

»Das bedeutet, dass jemand anderes daherkam und ihm in den Rücken geschossen hat, vermutlich ein Freund des Messerstechers.«

»Der Armbrustbolzen war auch merkwürdig«, befand Roger, nachdem er kurz über die Ungerechtigkeit eines so feigen Vorgehens nachgedacht hatte. »Hast du ihn gesehen?«

»Er war rot eingefärbt«, erwiderte Geoffrey sogleich. Auch ihm war die eigentümliche Farbe des Geschosses aufgefallen. »Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, warum.«

»Na, ich schon«, erklärte Roger selbstgefällig. Es gefiel ihm, dass er mehr wusste als sein gebildeter und belesener Freund. »Man hat ihn im Saft der roten Bete getränkt.«

»Warum das?«, fragte Geoffrey und war sich nicht sicher, ob er das glauben sollte. Roger brachte oft »Tatsachen« vor, die er sich aus nur halb verstandenen Einzelheiten zusammengereimt hatte.

»Weil man mit einem so gefärbten Pfeil leichter sein Ziel trifft«, sagte Roger. »Ein roter Pfeil sorgt dafür, dass man einen Hirsch oder einen Keiler erwischt. Mit einem weißen Pfeil – der mit Asche abgerieben wurde – tötet man einen Hasen. Und ein blau gefärbter Pfeil holt die Vögel vom Himmel. Wo ich herkomme, weiß das jedes Kind.«

»Aber der Mann auf dem Dach war weder ein Hirsch noch ein Keiler. Weißt du wirklich nicht, was er mit diesem Stab meinte?«

Roger runzelte die Stirn. »Vielleicht wollte er, dass ich ihm einen zuwerfe, damit er dem anderen Kerl das Messer aus der Hand schlagen kann.«

Geoffrey war anderer Ansicht. »Du solltest dafür sorgen, dass ›Bruder Gamelo‹ ihn nicht bekommt, hat er gesagt. Es ging nicht darum, dass du ihm einen zuwirfst.«

»Vielleicht meinte er den Stab Aarons«, schlug Roger vor, nachdem er eine Weile ernsthaft darüber nachgedacht hatte. »Das ist der einzige bedeutsame Stab, der mir einfällt.«

»Aaron? Meinst du Moses’ Bruder aus der Bibel?«, fragte Geoffrey und musterte Roger argwöhnisch. Er fragte sich, was Roger auf diesen weit hergeholten Gedanken gebracht hatte. »Wie kommst du darauf?«

»Weil mein Vater immer versprochen hat, er würde Aarons Stab für die Kathedrale von Durham besorgen«, erwiderte Roger lässig. »Ein so großer und bedeutsamer Ort braucht ein paar gute Reliquien. Wir haben natürlich viele Heilige, wie Cuthbert, Aidan, Oswald und Balthere. Aber mein Vater möchte noch etwas wirklich Bedeutsames.«

»Aarons Stab?«, fragte Geoffrey verblüfft. »Aber den gibt es doch gar nicht.«

»Klar gibt es den«, entgegnete Roger. »Sonst hätte mein Vater ihn wohl nicht Durham versprochen, oder?«

»Das eine ergibt sich nicht notwendigerweise aus dem anderen«, hob Geoffrey hervor. Rogers Vater war der Bischof von Durham und ebenso gerissen und betrügerisch, wie sein Sohn arglos war. Geoffrey wusste nur zu gut, dass man ihm nicht vertrauen durfte. »Wie kann Flambard darauf hoffen, je die Echtheit eines solchen Fundes zu beweisen?«

»Das muss er gar nicht. Die Menschen werden die Heiligkeit spüren – genau wie bei St. Cuthbert, dessen Frömmigkeit schon durch den Sarg strahlt.«

»Tut sie das?«, fragte Geoffrey trocken, der vom Gegenteil überzeugt war.

»Aarons Stab ist bedeutsam«, fuhr Roger fort. »Gott hat damit die zehn Gebote niedergeschrieben.«

»Das hat er nicht«, wandte Geoffrey sogleich ein. »Er ließ Moses den Stab schwenken, und so brachte er einige der Plagen hervor, wegen derer die Israeliten schließlich der Sklaverei in Ägypten entkamen.«

»Vielleicht auch das«, meinte Roger ausweichend und war nicht bereit, seinen Irrtum einzugestehen. »Trotzdem ist er sehr mächtig, und bald gehört er Durham.«

Das bezweifelte Geoffrey ernsthaft, aber Roger war nicht der Mann, der sich leicht von einer einmal gefassten Meinung abbringen ließ. Geoffrey hatte auch keine Lust, den ganzen Tag lang eine fruchtlose Diskussion zu führen. Also wechselte er das Thema.

»Es schneit immer schlimmer. Wir sollten dieses Gasthaus ausfindig machen, von dem du gesprochen hast, bevor jeder andere in der Stadt auf denselben Gedanken kommt und wir in den Ställen schlafen müssen.«

Roger strahlte. »Es heißt ›Der Kopf des Sarazenen‹ – der Name passt doch großartig zu zwei Kreuzfahrern wie uns. Mein Vater hat mir davon erzählt, und ich übernachte stets dort, bevor ich mich in die Normandie einschiffe. Du wirst es nicht bereuen! Dieses Gasthaus vergisst keiner so schnell.«

Geoffrey befürchtete, dass Roger mit diesem Versprechen Recht behalten sollte, auch wenn er sich nicht so sicher war, ob diese unvergessliche Erfahrung auch eine angenehme sein würde.

Selbst ein Ortsunkundiger merkte sofort, dass Rogers Gasthaus in einem heruntergekommenen Viertel stand. Hier versammelten sich Söldner zu rauflustigen Banden, brachten Seeleute die Heuer mit Huren durch, die rote Perücken trugen und aufdringlich um Kundschaft buhlten, während Händler Waren feilboten, die sie eigenmächtig von den königlichen Steuern und Zöllen befreit hatten. Die Häuser wirkten ungepflegt und verwahrlost, auch wenn jedes Fenster mit schweren Läden vor Dieben geschützt war. Hier und dort lagen Betrunkene im Schnee, grölten Lieder und hoben halb geleerte Weinschläuche zum lautstarken Gruß an Vorübergehende. Auch Bettler gab es, die in der Kälte unter ihren Lumpen kauerten und erbarmungswürdig um Almosen flehten.

Geoffrey sah im Dunklen Schatten huschen und fasste an den Schwertgriff, bereit, blankzuziehen, sobald etwas auf einen Angriff hindeutete. Allerdings ging er davon aus, dass sie hinreichend sicher waren – selbst in einer so gefährlichen Gegend wie der, durch die Roger sie nun vergnügt führte. Schwer bewaffnete normannische Ritter galten als Furcht erregende Kämpfer, und man musste schon mehr sein als der schäbige Strauchdieb, der hier in den Gassen und Torbögen lauerte, um einen von ihnen herauszufordern und dieses Wagnis zu überleben. Räuber und Halsabschneider musterten sie, während sie vorüberritten, und wandten sich dann klugerweise anderen Dingen zu.

Geoffrey blickte sich immer wieder nach ihrem Verfolger um. Der war beharrlich hinter ihnen und verriet sich dann und wann durch verstohlene Bewegungen, die man gerade noch aus dem Augenwinkel mitbekommen konnte. Aber wenn dieser Beobachter etwas gegen sie wagen wollte, so hätte er es wohl bereits getan. Vermutlich hatte Roger Recht, und es handelte sich nur um einen verzweifelten Dieb.

Als Geoffrey und Roger mitsamt dem hinterdreintrottenden Gefolge das Gasthaus erreichten, hörten sie von drinnen gedämpfte Stimmen und manch lauten Ruf, während der Wirt vermutlich versuchte, seine Gäste mit Bier und Wein zu versorgen. Roger stieg ab, schnallte die Satteltaschen los und reichte die Zügel des Schlachtrosses an einen Stallknecht weiter. Dann trat er auf die Tür zu und überließ die weitere Sorge um die Unterkunft von Pferden und Männern dem zuverlässigen Helbye. Er grinste schon in Vorfreude auf ein Mahl und den warmen, gewürzten Wein, der ihnen die Kälte des eisigen Winterabends aus den Gliedern vertreiben würde. Geoffrey folgte ihm, während der Hund um seine Fersen streifte.

Die besten Plätze am Kamin waren bereits belegt, und die beiden Ritter wurden zu einem Tisch am hinteren Ende der Gaststube geleitet. Obwohl das nicht gerade der behaglichste Platz war, bot er doch einige Vorteile: Sie waren unter sich und weit genug von den anderen Tischen weg, wo sich einige der anrüchigsten Gestalten drängten, die Geoffrey je gesehen hatte. Er konnte nur davon ausgehen, dass man den Sheriff bestochen hatte, dieses Haus zu übersehen, denn hier wurden so offensichtlich Verbrechen geplant und besprochen, dass man genauso gut »Gesetzlose willkommen« über die Tür hätte schreiben können.

Ein abgehetzter Schankbursche knallte zwei Bierkrüge vor ihnen auf den Tisch, dann ließ er die Ritter stehen, die sich noch den Schnee von der Kleidung klopften. Aufgeweichte Eisklumpen klatschten auf den mit Binsen ausgelegten Boden, als Roger kräftig den Mantel ausschüttelte.

»Was für ein Sauwetter«, murmelte er, zog sich den kegelförmigen Helm vom Kopf und rieb sich mit plumpen Fingern durch die Haare, die darunter zum Vorschein kamen. »Ich hasse die Kälte.«

»Und im Heiligen Land behauptest du ständig, ein ehrlicher englischer Winter wäre dir lieber als diese verdammte Hitze«, stellte Geoffrey fest, während er versuchte, wieder ein wenig Leben in seine erstarrten Gesichtszüge zu kneten. »Außerdem hast du mir erzählt, Durham wäre mitunter für Wochen vom Schnee eingeschlossen. Eigentlich solltest du an so ein Wetter gewöhnt sein.«

Roger brummte nur. Er ließ sich auf eine Holzbank fallen, griff nach dem Bier und leerte es auf einen Zug. Dann lehnte er sich zurück gegen die Wand, wischte sich die Lippen mit dem Handrücken ab und schloss zufrieden die Augen. »So ist’s gut. Es gibt doch nichts Besseres, um die Kälte aus den Knochen zu vertreiben, als einen Krug heißes Bier.«

Geoffrey setzte sich neben ihn und genoss die Wärme des überheizten Raumes. Er nahm seinen Krug, gerade als Roger die Hand danach ausstreckte, und entspannte sich eben unter der einschläfernden Wirkung des Bieres, als ihm auffiel, dass seine Männer immer noch draußen waren.

»Lass sie doch«, bemerkte Roger schläfrig und griff nach Geoffreys Arm, als der sich erhob. »Wahrscheinlich hat Peterkin, dieser Schwachkopf, seine Satteltaschen verloren, oder so was. Helbye wird schon damit fertig.«

Geoffrey ließ sich wieder auf die Bank zurücksinken. »Der arme Helbye. Wenn er gewusst hätte, was für einen Haufen ich ihm diesmal zur Ausbildung auflade, wäre er gewiss nicht noch mal mitgekommen.«

Roger lachte leise in sich hinein. »Er ist schon zufrieden – jedenfalls zufriedener, als wenn er den Rest seiner Tage Unkraut jäten und Schafe zählen müsste. Helbye ist ein Krieger und wird als Bauer niemals glücklich sein.« Er warf Geoffrey einen abschätzigen Blick zu. »Im Gegensatz zu dir.«

»Ich bin kein Bauer«, erwiderte Geoffrey, empört über diese Beleidigung. »Schon vor zwanzig Jahren habe ich ein Rittergut geerbt und seither weniger als eine Woche dort verbracht. Den Großteil meines Lebens war ich ein Krieger, und das weißt du.«

Roger musterte ihn prüfend von oben bis unten, und seine Augen verweilten bedeutungsschwer auf dem Buch, das aus den Satteltaschen seines Freundes ragte. Roger billigte keine Bücher, und ebenso wenig die Tatsache, dass Geoffrey diese las. Derartigen Zeitvertreib erachtete er als unritterlich.

Geoffrey und Roger waren beide Ritter, aber davon abgesehen besaßen sie wenig Gemeinsamkeiten. Trotzdem waren sie treue Freunde geworden. Auch äußerlich unterschieden sie sich sehr voneinander: Roger war ein bulliger Mann mit ständig gerötetem Gesicht, der sich nur wenig um sein Auftreten scherte. Geoffrey hingegen war in der Regel ordentlich, wenn auch nicht unbedingt sauber, und seine ausdrucksvollen grünen Augen verrieten seinen Verstand sowie einen gewissen Sinn für Humor.

Was ihre Persönlichkeit betraf, waren die Unterschiede noch größer: Roger schätzte nichts höher als einen guten Kampf, und zu seinen sonstigen Vergnügungen zählten ausgiebige Aufenthalte in Hurenhäusern und ausschweifende Besäufnisse mit seinen Freunden. Seine Weltsicht war ebenso einfach wie sein Charakter, und er litt niemals unter dem moralischen Zwiespalt, der Geoffrey stets heimgesucht hatte, während die Streitmacht der Kreuzfahrer mordend, raubend und plündernd durch die halbe bekannte Welt gezogen war. Geoffrey galt unter den anderen Rittern als wunderlich. Während eine Stadt nach der anderen in die gierigen Hände der Kreuzritter fiel, hatte er sich geweigert, Gold und kostbare Juwelen zu stehlen, und es stattdessen vorgezogen, seine Sammlung an Büchern und Schriftrollen zu erweitern.

»Wenn wir abreisen, wirst du deine Güter wieder für einige Jahre nicht sehen«, verkündete Roger. »Morgen sind wir auf See, und nächste Woche in der Normandie. Von dort aus reiten wir nach Süden bis Venedig, wo uns ein weiteres Schiff nach Jaffa bringen wird. Und dann haben wir nur noch einen Tagesritt vor uns, bis wir die Heilige Stadt erreichen.«

Geoffrey dachte mit Freude an Jerusalem. Er erinnerte sich an die Kirche beim Heiligen Grab mit ihren gelblichen Mauern und den runden Gewölbebögen, an den Felsendom mit den prachtvollen orientalischen Mosaiken und der großen Kuppel, die strahlte wie ein Stück vom Himmel selbst.

Roger sann ebenfalls über die Freuden Jerusalems nach und seufzte voll Sehnsucht. »Die Hurenhäuser geben einen Vorgeschmack auf das Paradies, und der Wein ist süß wie Nektar. Es ist die großartigste Stadt auf der ganzen Welt.«

Unvermittelt brüllte er los, um die Aufmerksamkeit des Schankburschen zu erringen. Der Lärm ließ Geoffrey hochschrecken, und die rauen Gespräche in der Stube verstummten so abrupt, als hätte eine Schar Nonnen den Raum betreten. Als der Bursche beunruhigt herbeieilte, verlangte Roger mehr Bier. Dann streckte er die Beine von sich und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand.

»Sonst behauptest du immer, Durham sei die großartigste Stadt der Welt«, bemerkte Geoffrey. »Hast du es dir inzwischen anders überlegt?«

»Still!«, schnauzte Roger so laut, dass einige der unappetitlichen Gesellen an den Nebentischen erschrocken herüberblickten. »Es ist dieser Tage nicht klug, ihren Namen in der Öffentlichkeit zu nennen. Er wird zu leicht mit Bischof Flambard in Verbindung gebracht.« Verschwörerisch neigte er sich zu Geoffrey hin, sprach aber kein bisschen leiser. »Er ist mein Vater, weißt du?«

Roger lehnte sich wieder zurück und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Geoffrey stellte fest, dass die unbedachte Bemerkung ihnen mehr als einen prüfenden Blick von den anderen Gästen einbrachte. Aber Roger war stolz auf seinen Vater, und er ließ keine Gelegenheit aus, mit dieser angeblichen Verwandtschaft zu prahlen, obwohl Geoffrey inzwischen jede Einzelheit seiner Abstammung hinreichend kannte.

Flambard war der oberste Justitiar des vorangegangenen Königs gewesen, ein Amt, dem es zugleich oblag, erhebliche Geldbeträge für den König einzutreiben. Als König William Rufus im Jahr zuvor bei einem Jagdunfall zu Tode gekommen war, hatte Flambard seine Dienste auch dem neuen König Henry angeboten. Der hatte es allerdings abgelehnt, einen unbeliebten Mann wie Flambard an seinen Hof zu holen, und so fand sich der verruchte Bischof unversehens im beeindruckenden White Tower zu London eingekerkert.

Vermutlich täte Roger gut daran, in Southampton nichts über seine Abkunft verlauten zu lassen. Aber er würde sein Geheimnis kaum lange bewahren, wenn er es in höchster Lautstärke durch überfüllte Gaststuben brüllte. Wann immer Geoffrey an die Verwandtschaft zwischen den beiden dachte, überlegte er unwillkürlich, ob Rogers Mutter sich nicht vielleicht geirrt hatte. Roger war gutmütig derb, geradlinig und ungehobelt, und politische Ränkespiele waren ihm fremd, während sein angeblicher Vater einer der gerissensten Männer des Landes war, der Ehrlichkeit und Offenheit nicht zu kennen schien.

In diesem Augenblick trat ein Schankknecht mit einem Tablett an den Tisch. Es war ein magerer Junge mit herabhängendem Unterkiefer und gelben Zähnen. Seine Schürze starrte von Fett, Schmutz und eingetrockneten Bierflecken, und Geoffrey war nicht eben beruhigt, als er beobachtete, wie der Bursche sich die Hände an dieser Schürze »säuberte«, ehe er die armseligen Brotstücke und eine Schale mit Zwiebeln verteilte.

»Da will ich was Besseres«, sagte Roger mit verächtlichem Blick auf das Angebot. »Bring mir Fleisch, Junge. Aber keinen von euren ärmlichen Eintöpfen – ich möchte ein richtiges Stück Fleisch.«

»Wir haben Fastenzeit«, entgegnete der Junge ängstlich und musterte Rogers riesige Gestalt sowie die beeindruckende Zahl von Waffen, die er mit sich führte. »Da reichen wir kein Fleisch.«

»Unsinn«, erwiderte Roger abschätzig. »Ich bin ein Kreuzfahrer und Ritter – ein Jerosolimitanus – der gekämpft hat, um das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien. Für diese Mühen erwarte ich Fleisch, Fastenzeit oder nicht.«

Eingeschüchtert huschte der Bursche davon. Roger hätte ihm nicht erst erklären müssen, dass er auf dem Kreuzzug gewesen war: Sowohl er wie auch Geoffrey waren in weiße – wenn auch, vor allem in Rogers Fall, schmutzige – Wappenröcke gekleidet, die das rote Kreuz der Kreuzfahrer zeigten. Darunter trugen sie eine Kettenrüstung, knielange Hemden aus ineinandergreifenden Eisenringen, die ebenso schwer wie robust waren und genug Bewegungsfreiheit ließen, um ein Breitschwert zu führen. Die Beine wurden von Gamaschenhosen aus gehärtetem Leder geschützt, die in Stiefeln aus Eselshaut steckten. Kettenhandschuhe und die konischen Helme mit dem normannischen Nasenschutz vervollständigten ihre Rüstung. Um ihre Taille lagen breite Gürtel, an denen große Schwerter befestigt waren, und beide hatten sich Dolche an die Beine geschnürt. Zu Geoffreys Bewaffnung zählte ferner noch eine Lanze, während Roger den Streitkolben bevorzugte. Eine solche Ausrüstung ging weit über das hinaus, was in einer englischen Hafenstadt zum Schutz nötig war. Aber alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ablegen, und Geoffrey und Roger kamen sich ohne diese Bewaffnung verwundbar vor.

»Das wird ihm eine Lehre sein«, stellte Roger befriedigt fest, als er den Schankburschen in ein eindringliches Gespräch mit dem Wirt vertieft sah, wobei er immer wieder ängstliche Blicke in Rogers Richtung warf. »Ein Mann benötigt mehr als Brot und Zwiebeln, um die Kälte dieses erbärmlichen Landstrichs abzuwehren.«

Die Tür öffnete sich ein weiteres Mal, und ein eisiger Luftzug fuhr durch den Raum. Die Binsen auf dem Boden raschelten, und vereinzelte Schneeflocken stoben auf den Kamin zu. Helbye trat ein, gefolgt von den frisch ausgehobenen Kriegsknechten. Mit einem verärgerten Seufzer stellte Geoffrey fest, dass nicht sechs Männer wie folgsame Schäflein warteten, bis Helbye ihnen einen Platz zuwies, sondern nur fünf. Der hohlköpfige Peterkin fehlte. Als Geoffrey auf diese Tatsache hinwies, sanken Helbyes Schultern müde herab.

»Verdammt soll er sein! Eben war der Junge noch bei uns. Ich nehme an, er trödelt mit seiner elenden Mähre herum – er kümmert sich lieber selbst darum, als sie den Stallknechten zu überlassen. Ich geh schon und schau nach ihm.« Helbye war blass vor Erschöpfung, und nicht zum ersten Mal fragte sich Geoffrey, ob es wohl schlau gewesen war, den alten Mann noch einmal mitzunehmen.

»Kümmere dich um die anderen, Will«, sagte er und schob ihn sacht auf einen freien Tisch zu. »Ich suche nach Peterkin.«

Und wenn ich ihn gefunden habe, bringe ich ihn entweder höchstpersönlich um oder schicke ihn endgültig zurück, dachte er ohne viel Wohlwollen, während er hinaus in den wirbelnden Schnee trat und auf die Ställe zustapfte. Obwohl die Nebengebäude nicht weit von dem Gasthaus entfernt standen, war Peterkin durchaus zuzutrauen, dass er sich auf dem Weg dazwischen verirrt hatte.

Es war eine frostige Nacht, und der eisbedeckte Boden krachte und splitterte bei jedem Schritt. Das behagliche Raunen der Stimmen blieb rasch hinter ihm zurück, während er sich von der Gaststube entfernte, und der Schnee dämpfte auch die sonstigen Geräusche der Nacht: das leise Wiehern der Ponys in ihren Ständen, das Schreien eines liebeskranken Katers, das trunkene Schimpfen eines Seemanns, der in die Gosse gefallen war. Als Geoffrey sich den Ställen näherte, sah er Licht unter der Tür hervorschimmern. Er ging davon aus, dass sich die Stallknechte im Lampenschein um die Pferde kümmerten. Vermutlich hielt sich Peterkin bei ihnen auf und sorgte wie stets dafür, dass sein eigenes reizbares Reittier besser versorgt wurde als die anderen.

Geoffrey stieß die Stalltür auf und trat ein. Sofort erlosch das Licht, und die Pferdestände versanken in tiefster Finsternis. Pferde wieherten und scharrten unruhig mit den Hufen, und Geoffrey griff unwillkürlich ans Schwert, während er darauf wartete, dass sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Rechts von ihm huschte ein Schatten entlang, und er trat darauf zu. Achtsam bewegte er sich über den mit Stroh ausgestreuten Boden. Es gab eine weitere Bewegung, als spürte die Person seine Annäherung und wollte ihm ausweichen. Es war kalt und spät, und Geoffrey mochte nicht die ganze Nacht damit zubringen, einem schwachsinnigen jungen Burschen hinterherzujagen, den er eigentlich gar nicht erst von zu Hause hätte wegbringen sollen. Seine Geduld schwand.

»Peterkin!«, schnauzte er. »Komm sofort da heraus! Du machst noch die Pferde scheu, wenn du weiter so in der Dunkelheit umherschleichst.«

Es kam keine Antwort. Geoffrey wurde wütend. Er fühlte sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, den Burschen die Nacht im Stall verbringen zu lassen, wenn er das unbedingt wollte, und zwischen der drängenden Sorge, dass Peterkin nicht in der Lage war, in einem Gasthaus wie dem »Kopf des Sarazenen« allein zurechtzukommen.

»Peterkin!«, rief er. »Hör mit dem Unfug auf. Komm raus!«

Aber die Schatten blieben still, obwohl Geoffrey nicht weit entfernt unregelmäßige Atemzüge hörte. Allmählich wich sein Zorn auf Peterkin dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte, und er zog den Dolch. Er fragte sich, ob er wohl schon zu spät kam, um Peterkin vor den weniger ehrbaren Gästen der Schenke zu schützen.

Geoffrey trat einen Schritt vor und stolperte über etwas. Der Dolch flog ihm aus der Hand und landete auf einem Haufen Stroh. Geoffrey fluchte unterdrückt und beugte sich vor, um danach zu suchen. Aber seine tastenden Finger stießen nicht auf kalten Stahl, sondern auf warme Haut – und eine klebrige Flüssigkeit, die Geoffrey nach langjähriger Erfahrung im Krieg sogleich als Blut erkannte. Als er sich wieder aufrichtete, stürzte sich jemand so ungestüm auf ihn, dass sie beide zu Boden gingen.

2. KAPITEL

Ein erfahrener Ritter in voller Rüstung war nicht leicht zu besiegen, selbst wenn er seinen Dolch verloren hatte. Aber Geoffreys Gegner lieferte ihm einen beachtlichen Kampf. Mit einem langen Jagdmesser täuschte er erst in diese Richtung an, dann in jene. Auch war er mit den dunklen Ställen besser vertraut und nutzte das zu seinem Vorteil: Immer wieder suchte er in Pferdeständen Deckung und stieß unvermittelt wieder daraus hervor, während Geoffrey nur blind umhertasten konnte.

Bald genug allerdings bekam Geoffrey den Mann zu fassen, und dann hatte er ihn rasch zu Boden gezwungen. Er verdrehte ihm das Handgelenk, bis dieser mit einem Schmerzensschrei das Messer fallen ließ, dann zerrte er ihn auf die Füße und zur Tür, damit er im trüben Licht, das durch die Fenster der Gaststube in den Hof fiel, sein Gesicht sehen konnte.

Sein Angreifer sah unauffällig aus: mausgraues Haar, fahler Teint und dunkelbraune Augen. Nichts an ihm war ungewöhnlich oder bemerkenswert, und Geoffrey bezweifelte, dass er ihn schon einmal gesehen hatte. Schon wollte er eine Erklärung für den Angriff fordern, als sein Blick auf eine reglose Gestalt fiel, die nahebei auf dem Boden lag. Geoffrey erkannte Peterkin, und ihm wurde klar, dass er vorhin im Stall über ihn gestolpert war. Er starrte den Jungen an, ohne den Griff um den Gefangenen zu lockern.

Peterkins blaue Augen waren starr und weit aufgerissen. Blut schimmerte dunkel in einer Lache unter ihm; es stammte aus einer Wunde, die ein Armbrustbolzen – von roter Farbe – geschlagen hatte. Das Geschoss ragte aus Peterkins Brust.

Geoffreys Schock wandelte sich in Wut, als ihm bewusst wurde, dass der Junge einen sinnlosen Tod von der Hand eines unbarmherzigen Räubers gefunden hatte. Er packte den Gefangenen mit beiden Händen, hob ihn ein Stück hoch, dass die Füße des Mannes kaum noch den Boden berührten, und drückte ihn gegen die Tür.

»Du Bastard!«, knurrte er und wurde nur noch zorniger durch die blinde Furcht, die er in den Augen des Mannes las. »Dieser Junge war ein Einfaltspinsel! Er hätte dir seine Geldbörse freiwillig gegeben, wenn du nur gefragt hättest. Es gab keinen Grund, ihn zu töten!«

Der Mann sagte nichts, sondern keuchte nur und wand sich, als Geoffreys Hände sich fester um seine Kehle schlossen. Einige wütende Atemzüge lang erwog Geoffrey, ihn an Ort und Stelle zu erwürgen. Die zwielichtigen Gesellen im »Kopf des Sarazenen« würden sicher keine Einwände erheben, wenn er unmittelbare Vergeltung übte und die Leiche im Schnee liegen ließ. Aber es war nicht seine Art, Unbewaffnete zu töten, und daher wollte er die Sache lieber dem Sheriff überlassen. Er zerrte den Mörder über den Hof, um ihn zu den städtischen Bütteln zu bringen.

Kurz vor der Tür der Schenke vernahm er ein Zischen und einen Schlag, und im nächsten Augenblick erbebte der Mann in krampfartigen Zuckungen. Geoffrey starrte ihn überrascht an. Ein Armbrustbolzen – wiederum rot – stak in seiner Brust. In der Dunkelheit zu seiner Linken hörte Geoffrey einen entsetzten Atemzug: Offenbar war dieser Treffer ein fatales Missgeschick gewesen und hatte das eigentliche Ziel verfehlt.

Geoffrey ließ den Sterbenden fallen und nahm Deckung hinter einem Stapel Fässer. Er fragte sich, was wohl für eine Verbindung zwischen Peterkins Mörder und dem Kämpfer auf dem Dach bestand und ob ihr Verfolger vom Nachmittag irgendetwas damit zu tun hatte – und im Rückblick erkannte Geoffrey auch, dass sie erst beschattet worden waren, nachdem sie den Kampf beobachtet hatten.

Aber jetzt war nicht der rechte Moment zum Grübeln. Als er hinter den Fässern hervorspähte, vernahm Geoffrey ein helles Schwirren, und ein weiteres Geschoss schlug dicht bei seinen Füßen in den Boden. Er fuhr zurück und sah, wie eine Gestalt aus dem Stall flitzte und auf die heruntergekommenen Piers zurannte, die den Fluss säumten. Geoffrey eilte hinterher, aber seine Rüstung war nicht zum Laufen geschaffen. Bald rang er keuchend nach Luft, und seine Beute ließ ihn mit Leichtigkeit hinter sich. Aber Geoffrey dachte an den arglosen Peterkin, nahm sich zusammen und lief wieder schneller. Keiner der beiden Mörder sollte ungeschoren davonkommen!

Der Armbrustschütze schlüpfte zwischen dem Schiffsgerümpel hindurch, das auf der Uferstraße verstreut lag. Die Straße war kaum mehr als ein schlammiger Weg, der am Kai und dem steinernen Hafendamm entlanglief. Verkommene Piers ragten in den Fluss hinaus, wacklige, vermoderte Holzkonstruktionen, die von einer schlüpfrigen Schicht aus Algen und Seetang überwuchert waren. Boote lagen dort vertäut, hoben und senkten sich im Wellengang und stießen aneinander. Das waren keine stolzen Schiffe für legale Fracht, wie sie im Haupthafen ankerten, sondern kleine, schlecht instand gehaltene Kähne, die aussahen, als würden ihre Eigentümer alles – oder auch jeden – transportieren, solange nur der Preis stimmte.

Die Uferstraße war mit Seilen, geborstenen Fässern, aufgegebenen Bootsrümpfen und ausgemusterten Fischernetzen übersät und zugedeckt von einer tückischen Schneedecke. Geoffrey stolperte und stürzte fast über eine rostige Ankerkette, gewann aber das Gleichgewicht zurück und rannte weiter. Der Armbrustschütze vor ihm wurde langsamer und wich im Zickzack einem Haufen Kisten aus.

Langsam machte Geoffrey Boden gut, und in seiner Verzweiflung setzte der Schütze über die Kaimauer und huschte einen der baufälligen Landungsstege entlang. Geoffrey schüttelte den Kopf: Der Pier führte nirgendwohin, und am anderen Ende würde der Mann festsitzen – es sei denn, er wollte die Flucht schwimmend fortsetzen.

Der Armbrustschütze merkte bald genug, dass er in der Falle saß. Starr vor Entsetzen schaute er zurück. Geoffrey erreichte das winzige Häuschen eines Wachmannes, dessen Lampe ein trübes Licht abgab. Und da erkannte er die nagetierhaften Gesichtszüge des Flüchtigen: Es war der ältere der beiden Kämpfer vom Dach. Nachdenklich beobachtete er, wie der Mann über aufgebogene Planken und zusammengerollte Taue stolperte. Warum hatte dieser Kerl Peterkin getötet?

Geoffrey lief wieder schneller und bekam fast schon den flatternden Mantel des Mörders zu greifen, als etwas gegen seine Schulter schlug. Der Schlag war nicht heftig und durch das Kettenhemd kaum zu spüren, doch er genügte, dass Geoffrey aufs Wasser zuwankte. Am Rand des Piers waren die Balken verrottet und gaben unter seinem Gewicht nach. Geoffrey wollte sich noch zur Seite werfen, aber eine schattenhafte Gestalt löste sich aus der Dunkelheit und versetzte ihm einen Stoß. Das Holz barst, und Geoffrey stürzte hinab.

Mit lautem Platschen schlug er im Fluss auf. Einen Augenblick lang empfand er gar nichts, dann sickerte schneidende Kälte durch seine Kleidung und lähmte ihn. Der ausgepolsterte Überwurf aus Leinen sog sich wie ein Schwamm voll Wasser, und Schwert und Kettenhemd waren ohnehin schon schwer genug. Geoffrey ging unter wie ein Stein.

Das Wasser brauste und brodelte in Geoffreys Ohren, und es war undurchdringlich finster. Er sah überhaupt nichts. Unwillkürlich schlug er mit den Armen, um zurück zur Oberfläche zu schwimmen. Aber ein entrückter Teil seines Verstands sagte ihm, dass bei dem Gewicht der Rüstung ein solcher Versuch aussichtslos war.

Er sah sich schon mit der Strömung ins Meer hinaustreiben, aber dann stieß er gegen etwas Hartes. Es war einer der Stützpfähle des Piers. Erleichtert schlang er Arme und Beine um das muschelverkrustete Holz und kletterte daran empor, als wäre es ein Seil. Das war einfacher als erwartet, und der Seetang, der am Pfosten wuchs und im Wasser trieb, gab ihm zusätzlichen Halt.

Gerade als er glaubte, die Lunge müsste ihm platzen, als er schon jede Vernunft fahren lassen und in panische Schwimmbewegungen verfallen wollte, stieß er mit dem Kopf aus dem Wasser. Mit einem tiefen Atemzug sog er die Luft ein, dann schwappte ihm eine Welle in den Mund, dass er husten und spucken musste. Geoffrey drehte sich der Magen um, als er den faulig-bitteren Geschmack auf der Zunge spürte. Würgend hörte er die Stimmen auf dem Pier, die das leise Plätschern und Glucksen des Wassers übertönten. Die Angreifer warteten also noch, ob er wieder auftauchte. Dann dröhnten Schritte auf den Brettern, die Männer liefen den Pier hinunter, um weiter unten nach ihm Ausschau zu halten.

»Wer war das?«, fragte der eine.

»Wen kümmert das?«, erwiderte der andere mit zittriger Greisenstimme. »Ich weiß nur, dass ein tyrannischer Normanne einem armen Bauern nachgejagt ist und wir dem Bauern eine Chance verschafft haben.«

»Ich hoffe nur, er war kein Mörder oder Verräter«, sagte die erste Stimme voll Unbehagen, und Geoffrey hörte die Planken über seinem Kopf ächzen. Er schloss die Augen und wähnte sich in einem grauenvollen Albtraum gefangen. Selten hatte er sich so hilflos gefühlt. Wenn das Paar dort oben ihn entdeckte, würde es ihn mühelos von dem schlüpfrigen Pfeiler stoßen und auf den Grund des Flusses zurückschicken können.

»Alle Normannen sind Mörder, Ulfrith«, stellte der alte Mann gewichtig fest. »Und Verräter sind sie auch – Verräter an uns Sachsen. Vor fünfunddreißig Jahren war ich in Hastings dabei und focht für König Harold, und ich werde diese verdammten thronräuberischen Normannen weiter bekämpfen bis zum Tag meines Todes!«

Geoffrey stützte den Kopf gegen den Pfeiler. Viele Sachsen waren nicht darüber hinweggekommen, dass Wilhelm der Eroberer ihr Land besetzt hatte. Aber normalerweise beschränkten sich die Feindseligkeiten gegen die Invasoren auf mürrische Blicke oder gelegentliche Schlammbrocken. Nur wenige riskierten einen ernsthaften Zusammenstoß, und es war einfach nur Pech, dass er bei der Jagd nach Peterkins Mörder zwei Patrioten über den Weg gelaufen war.

»Eigentlich meinte ich den Mann, dem wir geholfen haben. Ich hoffe, der war kein Mörder oder Verräter«, berichtigte ihn Ulfrith. »Dieser ›arme Bauer‹, wie du ihn nennst. Ich will nicht der Mithilfe an einem Verbrechen angeklagt werden.«

Angewidert spuckte der alte Mann aus. »Hier gab es nur ein Verbrechen, und das hat der Normanne begangen, als er einem Sachsen nachstellte.«

»Wie kannst du dir so sicher sein, dass es ein Sachse war, Großvater«, fragte Ulfrith zweifelnd, »oder der Ritter ein Normanne? In der Dunkelheit konnte man das doch unmöglich sehen.«

»Der Ritter kreischte lästerliche Flüche auf Französisch – die Sprache des Teufels! Sein Opfer hingegen trug das gelbe Haar unseres Volkes.« Die Stimme des alten Mannes klang überzeugt.

»Ich hab kein gelbes Haar gesehen«, erwiderte Ulfrith zweifelnd.

Geoffrey ebenso wenig. Der Armbrustschütze hatte eine Haube getragen, aber die fettigen Strähnen, die darunter hervorlugten, hatten dunkler ausgesehen. Außerdem deuteten auch die groben Gesichtszüge des Mörders auf einen Normannen hin oder vielleicht auch auf eine keltische Abstammung. Aber gewiss war er keiner der flachsblonden Riesen gewesen, die sich selbst als die rechtmäßigen Bewohner Englands bezeichneten. Und Geoffrey hatte auch keine französischen Flüche »gekreischt«. Dazu sah er gar keinen Grund. Er hatte den Mann richtig verhören wollen, sobald er ihn erwischt hätte; und zwar vermutlich auf Englisch, das Geoffrey ebenso sicher beherrschte wie Französisch und mehrere andere Sprachen.

»Das Opfer des Normannen war ein sächsischer Edelmann«, behauptete der alte Mann im Brustton der Überzeugung. »Vielleicht sogar der Aetheling selbst – der wahre Erbe von Englands Thron. Und wir haben ihn gerettet!«

»Nein, Großvater«, stellte Ulfrith entschieden fest. Offenbar hatte er das Gefühl, jemand müsse der überbordenden Fantasie des Alten Einhalt gebieten, ehe sie vollends grotesk wurde. »Und ich wollte, wir hätten uns nicht eingemischt. Mir gefiel gar nicht, wie dein ›sächsischer‹ Flüchtling aussah, und er war nicht mal so höflich, uns zu danken, ehe er das Weite suchte. Jetzt wird man uns die Schuld geben, wenn man nach dem verschwundenen Ritter sucht, und nicht dem wahrhaft Schuldigen.«

Der alte Mann schnalzte ob der Verzagtheit seines Enkels mit der Zunge. »In dieser Stadt gibt es keinen Mann, der uns nicht einen ausgeben wird, nachdem wir das Land von einem Normannen befreit haben. Also komm schon, Junge. Feiern wir diesen sächsischen Sieg mit einem Krug Bier!«

Ihre Stimmen verklangen, und Geoffrey seufzte erleichtert. Nun konnte er endlich aus dem Fluss herausklettern, ohne dass irgendein patriotischer Veteran ihm eins mit der Krücke verpasste. Allerdings war es gar nicht so einfach, das Wasser zu verlassen. Er war zu durchfroren, um den Pfosten weiter hochzuklettern, und er konnte auch nicht loslassen, um einen besseren zu suchen, weil er wieder untergehen würde.

Schon erwog er verzweifelte Maßnahmen, wie beispielsweise die Rüstung abzulegen und es schwimmend zu versuchen, da sah er über sich einige grobe Pflöcke aus dem Pfeiler herausragen. Bei näherer Betrachtung erkannte Geoffrey, dass sie als Leiter gedacht waren. Er packte den untersten Tritt und hoffte, dass er sein Gewicht tragen würde. Mühsam zog er sich empor, und einige Male musste er innehalten und ausruhen. Schließlich aber kam er oben an, wuchtete sich auf die schneebedeckten Planken des Piers und blieb schwer atmend darauf liegen.

Der eisige Wind zwang ihn schließlich wieder auf die Beine, und er schaute sich um. Ganz in der Nähe stand das Häuschen, in dem die Patrioten vermutlich gesessen hatten, als die Verfolgung eines sächsischen Edelmannes sie aufgeschreckt hatte. Er ging dorthin und stieß die Tür auf. Die Lampe brannte noch, ein mit Asche abgedecktes Kohlenbecken strahlte behagliche Wärme aus. Dankbar stolperte Geoffrey in den Raum und fingerte an den Schnallen seines Wappenrockes herum. Das Kleidungsstück war so schwer geworden, dass Geoffrey sich schon fragte, ob wohl der Boden unter ihm einbrechen und er wieder im Fluss landen würde.

Sobald er den klitschnassen Überwurf abgelegt und das Feuer wieder geschürt hatte, fühlte er sich besser. Er verkeilte die Tür mit einem Hocker und entledigte sich rasch der Rüstung und der triefenden Untergewänder. Er würde sie nicht trocknen können, ehe die Sachsen von ihrer Feier zurückkehrten, doch er konnte sie zumindest auswringen. Ohne Gewissensbisse nahm Geoffrey eine grobe, aber trockene Wollweste von dem Haken an der Tür. Auf einem schiefen Wandbord stand eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit. Er nahm einen Schluck davon und spürte, wie der Trunk sich seinen Weg durch die Kehle bis in den Magen brannte. Geoffrey schüttelte sich und kam zu dem Schluss, dass dieses gehaltvolle lokale Gebräu nicht nur jeden berauschte, der leichtsinnigerweise davon trank, sondern dass es auch gut geeignet war, ein Feuer zu entfachen und verstopfte Abflüsse zu reinigen.

Als Geoffrey die Rüstung wieder angelegt hatte, war ihm auch wärmer geworden – nicht zuletzt durch die Mühen des Umziehens und das kräftige Auswringen der Kleidungsstücke. Nun fühlte er sich wieder halbwegs menschlich. Nach einem weiteren Schluck von dem starken sächsischen Schnaps warf er sich den Wappenrock über die Schulter und folgte den eigenen Spuren durch den Schnee zurück zum Gasthaus.

Im »Kopf des Sarazenen« angelangt, bemerkte er als Erstes eine Anzahl Gäste, die sich um das Herdfeuer scharten. In der Mitte stand ein Mann, der vom Alter stark gebeugt war. An seiner Seite befand sich ein blondhaariger Riese, der vermutlich sein Enkel war. Es war unschwer zu erkennen, dass es sich hier um Geoffreys patriotische Sachsen handelte, die soeben bei einem Becher Bier von ihrem großen Sieg über das böse Normannen-Imperium erzählten. Ihre Geschichte wurde seitens des Publikums jedoch mit einer gewissen Skepsis aufgenommen. Einige Zuhörer entfernten sich bereits kopfschüttelnd und wirkten dabei recht belustigt.

»Aber es ist wahr!«, rief der alte Mann wütend. »Jedes einzelne Wort davon. Ist es nicht so, Ulfrith?«

Der jüngere Mann nickte, wenn auch nicht sehr überzeugend. Geoffrey schaute vom Eingang her zu und war versucht, hinüberzugehen und dem Paar eine Lektion für seine Dreistigkeit zu erteilen. Das wäre ein ungleicher Kampf, und diesmal würden es die Normannen sein, die einen Sieg über Sachsen feiern konnten. Aber Geoffrey war kein Mann, der sich Knaben und Greise als Gegner suchte, und es verschaffte ihm schon genug Befriedigung, wie die beiden von ihren Freunden für schamlose Lügner gehalten wurden.

»Du hast wieder von diesem Fußbalsam getrunken«, spottete ein Mann mit unreiner Haut. »Du bist betrunken!«

Das war also in der Flasche, dachte Geoffrey mit Unbehagen. Nun, immerhin hatte es gegen die Kälte geholfen.

»Seit Weihnachten habe ich keinen Tropfen davon angerührt«, beteuerte der alte Mann empört. »Geh doch und schau dir die Flasche in meiner Hütte an. Du wirst sehen, sie ist voll bis zum Rand!«

»Gut, dann werde ich das tun«, verkündete der Mann und zwinkerte seinen Freunden zum Abschied zu.

Geoffrey grinste und wünschte sich, er hätte mehr davon getrunken.

»Und ich sage euch, wir haben einen Normannen an unserem Landesteg ertränkt«, beharrte der alte Mann und klang gar nicht mehr prahlerisch, sondern ein bisschen flehend. »Er war hinter einem sächsischen Prinzen her. Sag es ihnen, Ulfrith.«

»Ja«, bestätigte Ulfrith unsicher. Er wurde rot bis zu den Haarwurzeln und vermied es auffällig, jemandem in die Augen zu schauen. Geoffrey hatte noch keinen Lügner gesehen, der weniger überzeugend war. Die Zechkumpane des Burschen kamen anscheinend zu demselben Schluss, und immer mehr Zuhörer verliefen sich.

Es gab allerdings Leute in der Gaststube, denen die Geschichte überhaupt kein Vergnügen bereitete. Roger hatte die Erzählung mit sorgenvoller Miene verfolgt, und Helbye hatte bereits Mantel und Helm angelegt, ebenso die übrigen Kriegsknechte. Geoffrey nahm an, dass sie auf einen Befehl von Roger warteten, um hinauszugehen und nach ihm zu suchen.

Roger strahlte vor Freude, als er Geoffrey erblickte, während Helbye erleichtert nickte und die Fibel an seinem Mantel löste. Die Männer entspannten sich wieder, und sogar Geoffreys Hund wirkte erfreut – was selten genug vorkam, solange es nicht um etwas Essbares ging.

Roger deutete auf den alten Mann und seinen Enkel. »Die beiden da behaupten, sie hätten einen Normannen ertränkt. Helbye dachte schon, du wärst ihr Opfer gewesen.« Er brüllte vor Lachen bei der unwahrscheinlichen Vorstellung, dass ein Junge und sein bejahrter Großvater mit Geoffrey fertig werden könnten.

Helbye teilte die Heiterkeit nicht. Er hatte die Tropfenspur gesehen, die Geoffreys Überwurf hinterließ, und Geoffreys nasses Haar. »Was ist geschehen?«, fragte er leise. »Wo ist Peterkin? Die beiden haben ihm doch nichts getan, oder?«

»Sie würden es nicht wagen, einen von uns anzugreifen«, behauptete der ältere Littel-Bruder selbstsicher.

»Wo ist mein Bruder?«, wollte Joab mit ängstlicher Stimme wissen. Er sah an diesem Abend noch seltsamer aus als sonst, und vor Sorge quollen ihm fast die Augen aus den Höhlen.

»Jemand hat ihn erschossen«, erklärte Geoffrey ohne Umschweife und sah, wie Joab entsetzt der Unterkiefer herabfiel. »Es tut mir leid. Man konnte nichts mehr für ihn tun. Er war bereits tot, als ich ankam.«

Joab schüttelte den Kopf. »Nein, er ist nicht tot. Ihr täuscht Euch. Niemand würde Peterkin etwas tun.«

»Er liegt im Stall«, sagte Geoffrey. »Morgen werden wir …«

Bevor er noch zu Ende reden konnte, war Joab schon nach draußen gestürmt. Geoffrey wies Helbye an, ihm zu folgen, und dann dafür zu sorgen, dass der Sheriff über den Mord in Kenntnis gesetzt wurde und man den Leichnam zur nächsten Kirche brachte. Dass draußen in der Dunkelheit ein Mörder frei herumlief, schürte Helbyes Wachsamkeit und er nahm die anderen Männer mit.

»Was ist los?«, wollte Roger wissen, als die anderen gegangen waren. »Peterkin ist zu dumm zum Sterben!«

»Ich hätte ihn nie hierherbringen dürfen«, stellte Geoffrey verbittert fest. »Morgen, wenn wir ihn beerdigt haben, schicke ich Joab nach Hause. Vielleicht auch die anderen. Keiner von ihnen wird je ein anständiger Krieger werden.«

»Das ist doch egal«, fuhr Roger ihm ungeduldig dazwischen. »Was ist passiert? Du hast ihn doch nicht etwa selbst erschossen? Damit sein schwacher Verstand uns auf der Reise nicht aufhält?«

Traute Roger ihm etwa zu, nur um der persönlichen Bequemlichkeit willen die eigenen Männer zu erschießen? Aber Geoffrey war zu erschöpft, um darüber empört zu sein. »Er wurde mit einem rot gefärbten Armbrustbolzen erschossen, genau wie der Junge heute Nachmittag.«

Roger starrte ihn an. »Was sagst du? Derselbe Schurke hat auch Peterkin umgebracht?« Zum ersten Mal bemerkte er, wie nass Geoffrey war. Seine Überraschung schlug rasch in Ärger um, und er zog den Dolch aus der Scheide. »Dafür stech ich diese beiden sächsischen Verbrecher ab!«

»Lass das«, entgegnete Geoffrey und zog ihn wieder auf die Bank. »Ihre Freunde werden nicht untätig dabeistehen, und selbst du kannst es nicht mit hundert Männern aufnehmen, die mit Messern und Knütteln und Gott weiß was bewaffnet sind.«

»Und wie ich das kann«, widersprach Roger in grimmiger Entschlossenheit und erhob sich erneut. »Wart nur ab. Außerdem kommst du mir schon zu Hilfe, wenn ich zu hart bedrängt werde. Das hast du früher oft genug getan.«

»Heute nicht«, sagte Geoffrey. »Ich bin viel zu durchfroren, um dir beistehen zu können. Außerdem hast du anscheinend das ganze Essen ohne mich verschlungen. Konntest du mir nichts übrig lassen?«

»Wir hatten Hunger«, verteidigte sich Roger. Nur widerwillig löste er sich von der verlockenden Vorstellung, durch die Gaststube zu stürmen und das unverschämte Duo zu töten. Er streckte die Hand aus und befühlte Geoffreys Ärmel. »Wenn du weiter so hier rumsitzt, holst du dir noch den Tod, Junge. Du musst dich umziehen. Wirt! Wo ist unser Zimmer?«

Müde folgte Geoffrey Roger zu dem wartenden Wirt, der sie auf ihr Zimmer führen sollte. Geoffrey hoffte nur, dass Roger ihre Schlafstätten nicht mit einem halben Dutzend Frauen teilen wollte, um die Abreise von England zu feiern. Heute Nacht war er zu müde für weitere Abenteuer. Er wollte sich einfach nur hinlegen und mit so vielen warmen Decken einhüllen, wie er auftreiben konnte.

Zwei Männer saßen auf den Stufen und starrten trostlos in ihr Bier – der Sachse mit seinem Enkel. Der alte Mann blickte Roger herausfordernd an und blieb sitzen, auch wenn sein Enkel rasch auf die Füße sprang, damit die Ritter vorübergehen konnten. Geoffrey musterte ihn kühl.

»Ich habe gehört, ihr habt heute Abend einen Normannen ermordet«, stellte er fest.

Ulfrith sperrte vor Überraschung Mund und Augen auf. »Woher wisst Ihr das?«, flüsterte er bestürzt.

»Ihr habt es durch die ganze Schankstube gerufen«, erklärte Geoffrey trocken. Dieser hünenhafte Sachse war anscheinend kein Geistesriese. »Warum fragst du? Sollte es ein Geheimnis bleiben?«

»Ich würde noch einen töten, wenn ich könnte!«, rief der alte Mann. Er warf Geoffrey einen finsteren Blick zu. »Ich würde jeden Normannen mit meinem Breitschwert durchbohren – wenn ich es noch heben könnte.«

»Großvater, bitte!«, meinte Ulfrith nervös. Er lächelte Geoffrey unbehaglich zu. »Er meint es nicht so, Herr. Er ist fast neunzig!«

»Sind neunzig Jahre eine Entschuldigung für Grobheit?«, fragte Geoffrey mit einem Stirnrunzeln.

Der junge Sachse nickte eifrig. »Ja, natürlich! Kennt Ihr etwa einen Neunzigjährigen, der nicht mit jedermann grob umspringt?«

Geoffrey lächelte. Seine gutmütige Art machte es ihm schwer, lange zornig zu bleiben, und ihn amüsierte die Ansicht des jungen Mannes, dass das Alter schlechte Manieren mit sich brachte. Schon wollte er antworten, als plötzlich die Tür aufsprang und der Mann mit der unreinen Haut eintrat. Triumphierend schwenkte er die Flasche Fußbalsam.

»Halb leer!«, verkündete er. »Er hat davon getrunken, und deshalb hat er diese wilde Geschichte von sächsischen Prinzen und ermordeten Normannen ausgebrütet!«

Der alte Mann wirkte zutiefst verletzt und bestürzt. Er zog sich an den Beinen seines Enkels empor und humpelte los, um nach dem schändlichen Fläschchen zu greifen, das sein Peiniger nun in der ganzen Schenke herumzeigte.

»Er hat versprochen, nicht mehr davon zu trinken«, sagte Ulfrith besorgt. »Da sind wirksame Kräuter drin, und dazu noch ein kräftiger Branntwein.«

»Es ist doch nicht giftig oder?«, wollte Geoffrey wissen.

Ulfrith zuckte gleichgültig die Achseln und blickte dann auf den Überwurf, der über Geoffreys Schulter hing. »Ihr wart auf dem Kreuzzug«, stellte er wehmütig fest und streckte die Hand aus, um das feuchte Tuch zu betasten. Wenn sein träger Verstand die ungewöhnliche Nässe registrierte, dann zeigte sich zumindest nichts von dieser Erkenntnis auf seinem Gesicht. »Ich wollte auch gegen die Ungläubigen kämpfen, als ich vom Aufruf des Papstes hörte.«

»Warum? Schlachtest du gern unbewaffnete Frauen und Kinder ab und stiehlst ihnen ihr Eigentum?«

»Ich schon!«, rief Roger vom oberen Ende der Treppe herab. Geoffrey war sich nicht sicher, ob das nur ein Scherz sein sollte.

»Ich wollte einfach nur reisen«, erwiderte der Sachse. »Aber niemand nimmt mich mit.«

»Gibt es dafür einen Grund?«, erkundigte sich Geoffrey. Vielleicht lag das an einer gewissen Vorliebe des Jungen, Normannen umzubringen – das war keine Eigenschaft, die ihn auf einem Kreuzzug beliebt machen würde, wo doch der Hauptzweck darin bestand, Sarazenen zu töten und nicht seine Mitstreiter.

»Ich bin zu groß für einen Seemann«, stellte Ulfrith bedauernd fest. »Alle Kapitäne meinen, ich wäre zu schwer, um in der Takelage herumzuklettern. Und der einzige Krieger, den ich kenne, war der Ansicht, ich würde zu viel essen und wäre zu teuer im Unterhalt.«

»Nun komm schon, Geoff«, rief Roger ungeduldig. »Du fängst dir ja noch eine Erkältung in diesen nassen Sachen.«

»Nasse Sachen«, murmelte Ulfrith nachdenklich. Belustigt verfolgte Geoffrey, wie dem Sachsen allmählich der Zusammenhang zwischen einem durchweichten Ritter und der eigenen Eskapade im Hafen dämmerte. »O nein!«, hauchte er, und alles Blut wich ihm aus dem sonst so geröteten Gesicht. »Das ...

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