Logo weiterlesen.de
Das Gold der Maori

SARAH LARK

DAS GOLD DER
MAORI

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNG

Ein Buch wie dieses kann man nicht allein machen.

Ich danke deshalb allen, die mitgeholfen haben, besonders meiner Lektorin Melanie Blank-Schröder, meiner Textredakteurin Margit von Cossart und meinem wundertätigen Agenten Bastian Schlück. Aber auch den Grafikern, die den Umschlag entworfen und die Karten gezeichnet haben, der ideenreichen Marketingabteilung – und natürlich dem Vertrieb und all den Buchhändlern, die das Buch schließlich auf den Markt bringen. Klara Decker hat sich wie immer als Testleserin verdient gemacht und fand Antworten im Internet, wenn ich mit der Recherche nicht weiterkam. Die Pferde haben es nie ausgenutzt, wenn ich beim Reiten gedanklich nach Neuseeland abdriftete. Und die Hunde holten mich immer wieder zurück – spätestens zum Füttern.

Ich denke an Jacky und Grizabella.

Sarah Lark im Oktober 2009

Australien

Neuseeland

WÜRDE

Irland, Wicklow County

1846–1847

KAPITEL 1

Mary Kathleens Herz klopfte heftig, aber sie zwang sich, langsam zu gehen, bis sie außer Sicht des Herrenhauses war. Nicht dass ihr wirklich jemand nachgeblickt hätte. Und selbst wenn die Köchin etwas ahnte – gegen das, was die alte Grainné vom Haushalt der reichen Wetherbys abzweigte, zählten zwei Teekuchen gar nichts.

Mary Kathleen fürchtete denn auch keine wirklichen Verfolger, als sie sich jetzt zitternd hinter eine der Steinmauern kauerte, die hier, wie überall in Irland, die Felder begrenzten. Sie boten Schutz gegen den Wind und neugierige Blicke, aber vor ihren Schuldgefühlen konnten sie Kathleen nicht schützen.

Sie, Mary Kathleen, die Musterschülerin des Bibelunterrichts von Father O’Brien, sie, die bei der Firmung stolz den Namen der Gottesmutter ihrem eigenen vorangesetzt hatte – sie hatte gestohlen!

Kathleen konnte immer noch nicht fassen, was da über sie gekommen war, aber als sie das Tablett mit den Teekuchen in die Räume der vornehmen Lady Wetherby getragen hatte, war ihr Verlangen geradezu übermächtig geworden. Scones, frisch gebacken aus weißem Mehl und nicht minder weißem Zucker, serviert mit Marmelade, die nicht einfach aus Beeren gekocht worden, sondern in hübschen kleinen Gläsern aus England gekommen war. Laut der Aufschrift, die Kathleen mühsam entzifferte, wurde sie aus »Orangen« hergestellt. Was immer das war – sicher schmeckte es köstlich!

Kathleen brauchte all ihre Kraft, die Kuchenplatte vorsichtig zwischen Lady Wetherby und ihrer Besucherin auf dem Teetisch zu platzieren, zu knicksen und höflich »Bitte sehr, Madam!« zu flüstern, ohne dabei zu sabbern wie der Hund des Schäfers. Bei dem Gedanken daran musste sie hysterisch kichern. Aber sie war fast ein bisschen stolz auf sich gewesen, als sie zurück in die Küche ging – wo die alte Grainné sich gerade eines der leckeren Küchlein schmecken ließ. Natürlich ohne Kathleen oder dem Küchenmädchen auch nur einen Krümel davon abzugeben.

»Mädchen!«, pflegte Grainné zu predigen, »ihr könnt eurem Herrgott schon genug dafür danken, dass ihr diese Anstellung im Herrenhaus ergattert habt. Da fällt immerhin mal ein Kanten Brot für euch ab. Jetzt, in der Zeit, in der die Kartoffeln auf den Feldern verfaulen und die Menschen hungern, kann das euer Leben retten!«

Kathleen sah dies durchaus ein – ihre Familie war ohnehin vom Glück begünstigt. Als Schneider verdiente ihr Vater immer ein wenig Geld. Die O’Donnells waren nicht allein auf die Kartoffeln angewiesen, die Kathleens Mutter und die Geschwister auf ihrem winzigen Acker zogen. Wenn die Not zu groß wurde, nahm James O’Donnell von seinen wenigen Ersparnissen und kaufte Lord Wetherby oder seinem Verwalter Mr. Trevallion eine Handvoll Korn ab. Kathleen hatte keinen Grund zu stehlen – und doch hatte sie es getan.

Warum mussten Lady Wetherby und ihre Freundin aber auch zwei der Teekuchen übrig lassen? Warum hielten sie kein Auge darauf, während Mary Kathleen den Tisch abräumte? Die Damen waren ins Musikzimmer gegangen, wo Lady Wetherby Klavier gespielt hatte. Die restlichen Scones interessierten sie nicht, und Grainné, das hatte Kathleen gewusst, würde auch nicht misstrauisch werden. Lady Wetherby war jung und ein Leckermaul. Sie ließ selten Naschereien zurückgehen.

Also hatte Kathleen es getan. Sie hatte die Scones in den Taschen ihrer schmucken Dienstbotenuniform und später zwischen den Falten ihres verschlissenen blauen Kleides versteckt – und zu guter Letzt einen weiteren Diebstahl begangen, indem sie das fast leere Marmeladenglas einsteckte, statt es auf Grainnés Geheiß auszuspülen. Nun war das eine lässliche Sünde, sie würde es sauber zurückbringen, wenn sie es ausgekratzt hatte. Der Diebstahl der Scones jedoch würde ihr auf der Seele brennen, bis sie am Samstag bei Father O’Brien beichten konnte. Wenn sie sich überhaupt traute, es zu beichten. Sie wusste, dass sie vor Scham im Boden versinken würde.

Mary Kathleen bereute ihre Sünde jetzt schon zutiefst – obwohl sie die Scones noch nicht einmal gegessen hatte. Aber sie verzehrte sich nach ihrem Geschmack und ihrem Duft. Gott, hilf mir!, durchfuhr es sie, während sie überlegte, ob sie die Sünde abschwächen konnte, indem sie ihren jüngeren Geschwistern die Teekuchen schenkte. Das wäre zumindest tätige Reue gewesen – und eine viel härtere Strafe als das Herunterbeten von zwanzig Ave Maria. Aber die Kinder würden sich zweifellos mit ihrer Leckerei großtun, und wenn Kathleens Eltern von der Sache erführen …

Nein, das kam nicht infrage!

Und dann wurde es noch schlimmer! Während Kathleen fromm darüber nachdachte, wie sie ihre Sünde büßen konnte, blitzte ein Wunsch in ihr auf, der ihr Herz angstvoll schneller schlagen ließ. Oder schuldbewusster? Oder einfach … freudiger?

Sie konnte die Teekuchen mit Michael teilen! Michael Drury, dem Bauernsohn von nebenan, der mit seiner Familie in einem noch winzigeren, noch verräucherteren und noch armseligeren Cottage wohnte als Kathleen. Michael hatte an diesem Tag sicher noch gar nichts gegessen, außer vielleicht ein paar Kornähren, auf denen die Jungen herumkauten, während sie die Ernte für Lord Wetherby einbrachten. Schon das galt als ein Verbrechen, das Mr. Trevallion mit Schlägen ahndete, wenn er sie dabei erwischte.

Das Korn war für die Herren, die Kartoffeln waren für die Knechte. Und wenn die Kartoffeln auf den Feldern verfaulten, dann mussten die Bauern eben sehen, wo sie blieben. Die meisten fanden sich damit ab. Michaels Mutter zum Beispiel sah die rätselhafte Kartoffelfäule als Strafe Gottes und versuchte in täglichen Gebeten herauszufinden, was den Herrn so erzürnt hatte, dass er dieses Elend über sie brachte. Michael und ein paar andere junge Männer erregten sich über Mr. Trevallion und Lord Wetherby, die erfreut eine reiche Weizenernte einfuhren, während die Kinder der Pächter verhungerten.

Mary Kathleen dachte versonnen an Michaels verwegenen Gesichtsausdruck, wenn er auf die Landlords schimpfte, seine gerunzelte Stirn unter dem wirren, dunklen Haar und das Blitzen seiner leuchtend blauen Augen. Ob Gott es wirklich als Buße ansah, wenn sie die Scones mit ihrem Freund teilte? Zweifellos stillte sie damit seinen Hunger – aber auch ihr Verlangen, mit dem großen, hageren jungen Mann zusammen zu sein. Seine tiefe Stimme betörte sie. Sie sehnte sich nach der Berührung seiner Hände und danach, sich in seinen Armen zu verlieren.

Als die Zeiten noch besser gewesen waren, hatte Michael zusammen mit seinem Vater und dem alten Paddy Murphy zum Tanz aufgespielt – am Samstagabend oder beim alljährlichen Erntefest. Die Dörfler hatten die Beine geschwungen, getrunken und gelacht, und später am Abend hatte Michael Drury Balladen gesungen und Kathleen O’Donnell dabei angesehen …

Aber inzwischen hatte niemand mehr die Kraft zu tanzen. Und Kevin Drury und Paddy Murphy waren längst in den Bergen verschwunden. Gerüchten zufolge betrieben sie dort eine florierende Whiskeybrennerei. Man sagte, dass Michael die Flaschen unter der Hand in Wicklow verkaufte. Kathleens Vater wollte jedenfalls nichts mit den Drurys zu tun haben, und er hatte seine Älteste streng gerügt, als er sie am Sonntag nach der Kirche mit Michael sprechen sah.

»Aber ich glaube, Michael will um mich werben!«, hatte Kathleen errötend protestiert. »Ganz … ganz offiziell und ehrenvoll …«

Schneider O’Donnell schnaubte, seine hohe, schlanke Gestalt bebte vor Missbilligung. »Wann hat ein Drury jemals etwas offiziell und ehrenvoll betrieben? Die ganze Familie besteht nur aus Lumpenpack: Fiedler und Flötenspieler und Whiskeybrenner. Galgenvögel allesamt. Schon den Großvater wollten sie in die Kolonien schicken. So wenig ich die Engländer schätze: Hier hätten sie eine gute Tat begangen! Aber der Kerl ist ja ab nach Galway und von da aus Gott weiß wohin. Desgleichen sein nichtsnutziger Sohn! Kaum wird denen der Boden zu heiß, da verziehen sie sich – wobei keiner weniger als fünf Kinder hinterlassen hat! Lass die Augen von dem Drury-Jungen, Kathie, und erst recht die Finger! Du kannst hier jeden haben, hübsch wie du bist!«

Kathleen war wieder errötet, aber dieses Mal aus Scham darüber, dass ihr Vater sie hübsch nannte. Das war in Father O’Briens Augen schon anrüchig genug. Eine Jungfrau solle tugendhaft sein und fleißig, sagte er immer, und auf keinen Fall solle sie ihre Reize zur Schau stellen.

Wobei es in Mary Kathleens Fall nicht einfach war, das zu vermeiden. Sie konnte sich ja nicht ständig verstecken, um den Männern den Blick auf ihr zartes Gesicht, ihr honigblondes, weiches Haar und ihre aufreizend grünen Augen zu verwehren. Mit dem dunklen Grün der Glens vor Sonnenuntergang hatte Michael deren Farbe verglichen. Und manchmal, wenn sich Freude und Überraschung in Kathleens Augen spiegelten, erkannte er Funken darin, die wie das erste Grün des Frühlings auf den Weiden leuchteten.

Oh, Michael verstand sich auf Schmeicheleien! Und Kathleen wollte nicht glauben, dass er wirklich so ein Galgenvogel war, wie ihr Vater meinte. Schließlich arbeitete er jeden Tag hart auf den Feldern von Lord Wetherby. Zudem fiedelte er am Wochenende in Wicklows Pubs, wohin er weit laufen musste, wenn ihm nicht jemand sein Maultier oder seinen Esel lieh. Manchmal fand sich Roony O’Rearke, der Gärtner der Wetherbys, dazu bereit. Roony galt als Säufer, aber Kathleen wollte eine Verbindung zwischen schwarz gebranntem Whiskey und dem Verleih von O’Rearkes Esel gar nicht erst annehmen!

Das Mädchen stand auf und machte sich auf den Weg ins Dorf. Ein Wäldchen trennte das Anwesen der Wetherbys von den Cottages ihrer Pächter. Die Landlords mochten nicht direkt von ihrem Besitz auf die Behausungen ihrer Knechte und Hausangestellten blicken. Langsam fühlte Kathleen sich besser – was sicher auch damit zu tun hatte, dass sie ihre Schritte nicht direkt in Richtung Dorf und zum Cottage ihrer Familie wandte, sondern zu den oberhalb der Hütten gelegenen Weizenfeldern. Die Männer würden dort noch arbeiten, aber langsam ging die Sonne unter. Trevallion musste sie bald nach Hause schicken.

Die Dämmerung stürzte den eifrigen Verwalter stets in einen Zwiespalt: Einerseits reichte das Licht noch zum Arbeiten, und Lord Wetherby hatte schließlich nichts zu verschenken, andererseits begünstigte das Zwielicht Diebstähle. Die Arbeiter ließen Ähren in ihren Taschen verschwinden oder versteckten sie hinter den Steinmauern, um sie später in der Dunkelheit zu holen.

Kathleen hoffte, dass Trevallion seine Männer an diesem Abend früh heimschickte, auch wenn dann noch ärgerer Hunger in den Cottages herrschte. Schließlich warteten die Familien hoffnungsvoll auf die Ausbeute der Väter und Brüder. Nicht einmal Father O’Brien konnte das Vorgehen der Pächter ernsthaft verdammen, obwohl er ihnen natürlich stets Sühnegebete auferlegte, wenn sie ihre kleinen Diebstähle beichteten. Die braven Familienväter verbrachten folglich den halben Sonntag auf Knien in der Kirche. Junge Männer wie Michael streiften derweil über die Felder und versuchten, ungeachtet der Augen des Lords und der Lady, die den Sonntag mit Freunden zum Ausreiten und Jagen nutzten, noch ein paar Ähren zu stibitzen.

Und tatsächlich schien der Vollmond, der gerade über den Bergen aufging, um die Dämmerung abzulösen, Trevallions Furcht vor Diebstählen zu verstärken. Die Männer, ihre Frauen und Kinder würden die versteckten Ähren im Mondlicht leicht finden, das wusste er, und ein paar ganz Verzweifelte würden versuchen, die Nacht zu Raubzügen zu nutzen. Kathleen vermutete, dass der übereifrige Verwalter ein frühes Abendbrot und ein Nickerchen plante, bevor er die halbe Nacht Patrouille ritt.

Das junge Mädchen musste sich bezwingen, nicht vor Trevallion auszuspucken, als er ihr hoch auf dem Bock des letzten Erntewagens sitzend entgegenkam, während die übermüdeten Arbeiter sich zu Fuß von den Feldern nach Hause schleppten.

»Holla, die kleine Mary Kathleen!«, begrüßte der Verwalter sie leutselig. »Was suchst du hier, Goldlöckchen? Hat man dich im Haus schon entlassen? Einen schönen Lenz macht ihr euch da in der Küche! Ich wette, die alte Grainné versorgt nicht nur sich, sondern die Familien all ihrer Kinder und Kindeskinder mit dem Brot Seiner Lordschaft!«

»Seine Lordschaft isst wohl mehr Kuchen …«, tönte es aus der Gruppe der Landarbeiter, die müde hinter Trevallions Wagen herschlurften.

Kathleen erkannte die Stimme Bill Raffertys, eines Sohnes der Köchin Grainné. Billy war nicht der Klügste, aber bauernschlau, und er gefiel sich in der Rolle des Narren.

»… was Sie am besten wissen sollten, Trevallion!«, fuhr Billy fort. »Oder essen Sie nicht an seinem Tisch?«

Die Bemerkung wurde mit lautem Gelächter quittiert. Tatsächlich behandelte der englische Lord seinen irischen Verwalter kaum besser als seine Pächter. Natürlich hatte Trevallion eine Sonderstellung und musste nicht hungern. Aber die Achtung seines Herrn genoss er nicht, und auf keinen Fall war die Rede davon, ihn womöglich selbst in den Adelsstand zu erheben, wie es Verwaltern sehr großer Besitzungen ab und an zuteil wurde. Lord Wetherby war von Adel, seine Familie galt in England jedoch als unbedeutend. Die Besitztümer in Irland stammten aus der Mitgift seiner Gattin und waren eher klein.

»Mein Tisch ist jedenfalls reich gedeckt!«, gab Trevallion zurück. »Auch mit Kuchen, kleine Kathleen, falls du dir also einen Mann wünscht, der dir etwas bieten kann …«

Kathleen errötete zutiefst. Aber nein, der Kerl konnte nichts von den Teekuchen wissen, die Löcher in die Taschen ihres Kleides zu brennen schienen! Sie durfte sich nur nicht schuldbewusst zeigen! Tugendhaft schlug sie die Augen nieder. Kathleen antwortete grundsätzlich nicht, wenn Trevallion sie ansprach, erst recht nicht, wenn er solch ungehörige Anspielungen machte. Zu oft hörte man von Mädchen, die dem Laster in den Armen der Verwalter ihrer Herren verfielen – wobei Kathleen sich nicht vorstellen konnte, dass es sich hier um die Sünde der Wollust handelte.

Trevallion hatte eigentlich nichts an sich, was ein Mädchen reizen konnte. Er war klein, drahtig und rothaarig wie ein Leprechaun, aber ihm fehlte der Witz der mythischen Waldschrate, denen die etwas begüterteren Iren Häuser in ihren Gärten bauten, um sich ihrer Hilfe bei der Landarbeit – und mehr noch beim Whiskeybrennen – zu versichern. Finsterster Aberglaube natürlich, wie Father O’Brien erklärte, bevor er den jüngsten Kindern im Unterricht das nächste Märchen über die frechen, grün gewandeten Gesellen erzählte.

Über Trevallion gab es nichts derart Komisches zu berichten. Er war vollkommen unterwürfig gegenüber der englischen Herrschaft und hart und boshaft gegenüber deren Pächtern. Selbst wenn der Lord und die Lady gar nicht auf ihren Besitztümern in Irland weilten, was die meiste Zeit des Jahres betraf, ließ er nicht, wie andere Verwalter, fünfe gerade sein. Besonders in Zeiten wie diesen schauten sie schon mal weg, wenn die Männer auf Jagd gingen oder ein Teil des Obstes und Gemüses aus den Gärten der Herrschaft in den Töpfen der Pächterfrauen landete. Trevallion kämpfte um jede Karotte, jeden Apfel und jede Bohne vom Land seines Herrn, der eigentlich nur zur Ernte und zur Jagdsaison erschien. Die Menschen hassten ihn, und wenn sich ein Mädchen einem Mann wie ihm hingab, so geschah es sicher nicht aus Liebe, sondern nur aus Not.

»Oder hast du gar einen Galan hier auf den Feldern?«, fragte Trevallion jetzt mit tückischem Blinzeln. »Gibt es da etwas, das ich wissen müsste als Ohr und Auge des Herrn?«

Hochzeiten mussten vom Landlord genehmigt werden, und der hörte natürlich gern auf die Einflüsterungen Trevallions.

Kathleen würdigte auch diese Fragen keiner Antwort.

»Nun, ich denke, ich werde demnächst mal ein Wörtchen reden mit O’Donnell, dem Schneider …«, bemerkte Trevallion noch, bevor er Kathleen endlich gehen ließ. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie er sich die Lippen leckte.

Kathleens Herz klopfte heftig. Der Kerl wollte nicht wirklich um sie werben? Ihr Vater sprach immer wieder von einer »guten Partie«, mit der Kathleen dank ihrer Schönheit ihr Glück machen würde, solange sie nur brav und tugendhaft auf den richtigen Mann wartete. Aber damit war doch nicht Trevallion gemeint? Bevor sie diesen Widerling heiraten würde, nähme sie den Schleier!

Kathleen blieb mit gesenktem Kopf am Wegrand stehen und ließ den Erntewagen und die Männer vorbei. Sie wusste, dass Michael sich bald unauffällig absetzen würde, und ging weiter, bis sie Schutz hinter den Steinmauern fand, die das frisch abgeerntete Feld einfassten. Das Mädchen begann, das Land auf vergessene Ähren abzusuchen.

Wie erwartet wurde Kathleen nicht fündig – Trevallion war gründlich. Sie verspürte glühende Wut auf den bösartigen kleinen Mann, als sie jetzt die ersten hungrigen Kinder vom Dorf zu den Feldern hinaufkommen sah. Alle würden versuchen, hier noch letzte Reste von Weizen zu finden, und alle würden enttäuscht werden.

In diesem Moment lachte Kathleen jedoch das Glück. Michael näherte sich, scheinbar ziellos schlendernd, dem Stoppelfeld. Er sah natürlich die Kinder und Frauen, weshalb er so tat, als bemerke er Kathleen nicht. Stattdessen winkte er ihr nur unmerklich zu, ihm zu folgen. Kathleen tat es unauffällig, sie wusste ohnehin, wohin er sie führte.

Ihr Schlupfwinkel war eine winzige Bucht, unterhalb der Siedlung bei den Feldern am Fluss. Hier stand hoch das Schilf am Ufer, und eine mächtige Weide ließ ihre Äste ins Wasser hängen. Sie schützten den kleinen Strand vor neugierigen Blicken vom Wasser aus, wie das Schilf die Verliebten von Land aus versteckte. Kathleen wusste, dass es Sünde war, sich hier mit einem jungen Mann zu treffen – dazu mit einem, den James O’Donnell gar nicht billigte, obwohl er so schöne Worte sprechen konnte. Aber irgendetwas in ihr bestand darauf, es trotzdem zu tun. Irgendetwas wollte den freudlosen Tagen der Arbeit im Herrenhaus und der abendlichen und in der letzten Zeit zudem vergeblichen Schufterei auf dem Land ihres Vaters ein bisschen Glück abringen …

Michael saß rittlings auf einem niedrigen Ast des freundlichen Baumes, als Kathleen eintraf. Seine Augen leuchteten bei ihrem Anblick auf. Er löste sich mit geschmeidigen Bewegungen von seinem erhöhten Sitz.

»Das süßeste Mädchen Irlands – und es gehört nur mir!«, rief er bewundernd mit seiner weichen Stimme. »Man preist die irischen Rosen, aber nur wer die Lilien kennt, kann ermessen, was Schönheit ist!«

Kathleen errötete und senkte den Blick, aber Michael griff nach ihren Händen und küsste sie. Er zog sie an sein Herz und damit auch das Mädchen näher zu sich. Sehr vorsichtig und sehr zärtlich küsste er seine Stirn und wartete, bis es ihm letztlich auch die Lippen bot. Michael legte sanft seine Arme um Kathleen.

»Vorsichtig!«, wisperte sie nervös. »Du … ich hab was mitgebracht, und ich will nicht, dass du es zerdrückst!«

Bevor Michael sie an sich pressen konnte, nestelte sie die Teekuchen aus der Tasche ihres Kleides, dazu das Marmeladenglas. Der junge Mann, heißhungrig nach der schweren Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, musterte das Gebäck mit begehrlichen Blicken. Aber Michael Drury war nicht gierig. Er ließ sich Zeit mit Genüssen aller Art und deponierte die Leckerei zunächst auf einem großen Blatt in einer Astgabel der Weide. Dann fuhr er fort, Kathleen zu küssen, langsam, vorsichtig.

Kathleen hatte nie Angst vor ihm gehabt. Die Wisperei der anderen Mädchen, die teilweise schon verlobt waren und sich vor der Hochzeitsnacht fürchteten, verstand sie nicht. Michael, darauf vertraute sie fest, würde ihr niemals wehtun. Auch jetzt verlor sie sich kurze Zeit in seiner Umarmung, seinem erdigen Geruch nach der Arbeit auf dem Feld, seiner kühlen Haut, auf der sein Schweiß schon getrocknet war. Aber dann löste sich Michael. Eindringlich schaute er auf Kathleens gestohlene Scones.

»Das riecht gut!«, seufzte er.

Sie lächelte und war plötzlich gar nicht mehr so hungrig.

»Du riechst gut!«, flüsterte sie.

Michael schüttelte lachend den Kopf. »Weit gefehlt, meine Liebste, ich stinke! Und ich denke, ich sollte mich waschen, bevor du mich wie einen Gentleman zum Tee bittest …«

Bevor Kathleen widersprechen konnte, hatte Michael sein schlichtes, schmutziges Hemd schon abgeworfen. Kathleen versuchte wegzusehen, als er nun auch aus seinen verwaschenen Hosen schlüpfte, aber sie schaffte es nicht. Der Anblick seiner kräftigen Beine, seines flachen Bauches und der muskulösen Arme gefiel ihr. Michael war schlank, aber er wirkte nicht halb verhungert wie viele andere Pächter. Die Fiedelei in Wicklow schien sich zu lohnen. Kathleen hätte ihn zu gern einmal in die Pubs begleitet.

Sie lachte und hockte sich auf den Strand, als Michael sich prustend in den Fluss gleiten ließ. Er tauchte unter, um auch sein Gesicht und seine Haare zu waschen, und schwamm dann wie ein Fisch in die Mitte des Flusses.

»Warum kommst du nicht auch, es ist wunderbar kühl!«, rief er dem Mädchen zu.

Aber Kathleen schüttelte den Kopf. Nicht auszudenken, wenn jemand sah, wie Kathleen O’Donnell nackt oder halbnackt im Fluss schwamm – dazu nicht an den bekannten und allgemein respektierten Badestellen der Mädchen, sondern hier, abseits des Dorfes, bei Vollmond und mit einem Mann!

»Komm du heraus, bevor ich die Scones allein esse!«, neckte sie ihn.

Michael folgte dem Ruf sofort. Er schüttelte sich das Wasser aus dem fülligen dunklen Haar und ließ sich neben das Mädchen auf den steinigen Strand fallen. Kathleen reichte ihm seinen Kuchen und das Marmeladenglas, in das sie eben ihren Finger versenkt hatte, um die letzten Reste herauszuholen. Sie strich sie auf ihren Scone und biss ein winziges Stück davon ab. Es war das Beste, was sie je gegessen hatte! Die Orangenkonfitüre war süß, aber auch leicht bitter. Der Teekuchen zerging auf der Zunge …

Zärtlich blickte Kathleen zu Michael hinüber, der sein Stück mit kaum weniger Andacht kaute. »Geschenkt oder gestohlen?«, fragte er.

Kathleen wurde schon wieder rot. »Sie … sie waren sozusagen … hm … übrig …«, murmelte sie.

Michael küsste ihre Lippen, noch die Süße der Orange schmeckend. »Also stibitzt!«, neckte er das Mädchen. »Das macht sie umso süßer! Aber was wird Father O’Brien dazu sagen?«

»Vielleicht beichte ich es gar nicht!«, erwog Kathleen. Sie wusste, dass Michael es mit der Beichte nicht allzu genau nahm.

Michael lachte und steckte das letzte Kuchenstück in den Mund. Dann ließ er sich niedersinken und zog Kathleen mit sich. Er begann, ihren Brustansatz zu liebkosen. An seinen Fingern war noch klebrige Konfitüre, und er hielt sie ihr zum Abschlecken hin, als sie sich beklagte.

»Nicht, Michael!« Kathleen wehrte sich, als Michael nun Anstalten machte, ihr Kleid weiter aufzuknöpfen. »Das geht nicht!«

Michael ließ sich nicht stören. »Aber Kathleen, Liebste! Du musst sowieso beichten. Und das wirst du auch, ich kenne dich doch. Father O’Brien wird auf jeden Fall schockiert sein. Also, warum bieten wir ihm nicht noch ein bisschen mehr, damit er richtig was vergeben kann?«

Kathleen richtete sich unwillig auf. »Gott vergibt! Nicht der Priester. Und Gott vergibt nur, wenn man aufrichtig bereut. Aber dies hier …«

Egal, was sie mit Michael tat, sie würde es nie bereuen!

Michael streichelte ihr Haar und ihr Gesicht und brachte sie schnell dazu, sich wieder auf dem Strand auszustrecken.

»Kathleen, ich möchte dich ja zu meiner Frau machen! Ich möchte dir meinen Namen geben – auch wenn ich fürchte, dass er nicht viel wert ist. Gib mir noch ein bisschen Zeit, Kathleen. Schau, ich spare …«

»Du sparst?«, unterbrach ihn Kathleen und fuhr dabei erneut auf. »Wovon um Himmels willen kannst du etwas sparen, Michael Drury? Und erzähl mir jetzt nichts vom Fiedeln in den Pubs!«

Michael zuckte die Schultern. »Du willst das nicht wissen, Mary Kathleen – zumindest Mary will es nicht wissen, Kathleen mag ja neugierig sein!« Er zog sie mit ihrem Firmnamen auf, seit sie ihn gewählt hatte. »Aber es ist nichts … nichts, wofür man sich schämen muss!«

»Es ist Whiskey, stimmt’s?«, fragte Kathleen wütend. »Und du schämst dich wirklich nicht dafür, dass du Gerste und Weizen und was weiß ich alles vergären lässt, um Whiskey draus zu brennen? In Zeiten, in denen die Kinder verhungern?«

Michael zog sie beschwichtigend an sich. »Ich brenn’s doch nicht, Liebste!«, versuchte er das Mädchen zu besänftigen. »Wenn ich’s in die Hand kriegte, tät’s keinem mehr gut, das kannst du mir glauben. Aber wenn ich’s nicht verkauf, dann tut’s jemand anderes. Der alte O’Rearke würd’s nur zu gern selbst machen, den Esel hat er ja, um die Fässer nach Wicklow zu bringen. Aber dem trauen sie nicht, dem alten Säufer …«

»Wer sind ›sie‹?«, fragte Kathleen ungehalten.

Michael zuckte die Achseln. »Die Männer aus den Bergen. Liebste, es ist wirklich besser, wenn du das nicht alles weißt. Aber ein paar Pennys fallen immer dabei ab. Das meiste kriegt meine Mutter – unsere Kartoffeln sind alle verfault, und ohne das Whiskeygeld würden meine Geschwister verhungern.«

»Deine Mutter nimmt sündiges Geld?«, wunderte sich Kathleen.

Michael zog die Augenbrauen hoch. »Bevor sie ihre Kinder zu Grabe trägt …«

Kathleen wurde langsam klar, weshalb Mrs. Drury so viel Zeit in der Kirche verbrachte.

»Aber ein bisschen bleibt noch für mich, Kathleen!«, sprach Michael eifrig weiter. »Und für dich! Wenn es genug ist, hauen wir hier ab. Amerika! Sagt dir das was? Das gelobte Land. Die Sonne scheint das ganze Jahr über, und es gibt Arbeit für alle! Wir werden reich da drüben!«

»Und die Schiffe, die einen hinbringen, nennt man Coffin Ships, weil sie schwimmenden Särgen gleichen, lange bevor sie da anlegen in … in New York oder wie es heißt … Ich weiß nicht, ob ich das will, Michael!«

Kathleen schmiegte sich an Michael. Sie wusste gar nicht mehr viel, wenn sie bei ihm war, das Denken fiel ihr schwer in seinen Armen. Aber Amerika machte ihr Angst. Sie wollte Irland nicht verlassen. Und andererseits wollte sie nichts mehr, als mit Michael zusammen zu sein. Sie wollte seine Hände und seine Lippen auf ihrem Körper spüren, und sie wollte ihm erlauben, ihr Kleid weiter zu öffnen und sie weiter zu liebkosen. Kathleen wünschte sich viel mehr Zärtlichkeiten, als Father O’Brien jemals vergeben konnte! So viel verbotene Liebe, dass Gott selbst sie womöglich strafen würde. Es gab Schlimmeres als fünfzig Ave Maria auf einer harten Kirchenbank …

Kathleen richtete sich auf. Sie hatte der Versuchung schon viel zu oft nachgegeben. Weiter würde sie in dieser Nacht nicht gehen.

»Ich muss nach Hause …«, sagte sie leise, in der Hoffnung, dass es nicht zu bedauernd klang.

Aber Michael nickte nur und half ihr, das Kleid zu glätten und das Laub aus ihrem Haar zu zupfen. Dann begleitete er Kathleen ins Dorf – furchtsam, im Schatten der Steinmauern. Die Menschen auf den Feldern sollten sie nicht sehen – weder die Diebe, die ihre Ausbeute des Tages nach Hause trugen, noch die Frauen und Kinder, die nach jedem kleinen Körnchen suchten – und erst recht nicht Ralph Trevallion, der rastlos über die Felder Seiner Lordschaft ritt, um irgendeinen kleinen Sünder zu erwischen.

Jetzt wichen die hellen, mondbeschienenen Weizenfelder des Landlords den Äckern der Pächter. Kleiner, ärmlicher und nicht golden leuchtend. Die Fäule hatte nicht nur die Knollen, sondern auch die Blätter der Kartoffelpflanzen schwarz verfärbt. Die absterbenden Pflanzen warfen im Mondlicht gespenstische Schatten. Kathleen nahm Michaels Hand. Sie meinte, den Tod zu spüren.

Schließlich trennten sie sich an der Weggabelung zwischen ihren Gehöften – dem kleinen Haus der O’Donnells und der winzigen, verfallenden Hütte der Drurys. Es war spät. Die Familienmitglieder hatten sich bereits auf ihre Schlafmatten auf den Boden gelegt – das wussten die beiden jungen Leute. Es gab keine Betten für alle. Kathleen hatte fünf, Michael sieben Geschwister, und selbst wenn sie sich Bettgestelle hätten leisten können, wäre nicht einmal genug Platz gewesen. Im Cottage der O’Donnells brannte immerhin ein Feuer, irgendetwas würde Kathleen vielleicht noch zu essen bekommen. Bei den Drurys war es dunkel.

Aber es war Freitag. Am kommenden Morgen zog Michael mit seiner Fiedel und O’Rearkes Esel in die Stadt. Und irgendwo auf dem Weg nach Wicklow würden sich die Satteltaschen wie durch Geisterhand mit Whiskeyflaschen füllen …

KAPITEL 2

»Nein, Vater, ich will nicht! Ich mag ihn nicht! Das kannst du mir nicht antun!«

Kathleen sprach verzweifelt auf ihren Vater ein und schüttelte heftig den Kopf. Manchmal wünschte sie sich, weniger schön zu sein. In Michaels Armen war sie stolz darauf, aber sonst machte es nur Ärger.

»Nun stell dich nicht so an, Kathie, du musst ihn ja nicht gleich heiraten!«, fuhr James O’Donnell sie an.

Es war ihm sichtlich nicht recht, dass seine älteste Tochter hier mit ihm stritt, vor dem Haus und in Anwesenheit der meisten ihrer jüngeren Geschwister. Die Kinder hatten sich schon bei der Ankunft des Besuchers aufgeregt am Feuer versammelt, an dem die Mutter ein paar der wenigen genießbaren Früchte der Kartoffelernte briet.

Wenn eben möglich, kochten die Pächter vor ihren Cottages, um die Stuben so wenig wie möglich zu verräuchern. Besonders bei Wind und Regen zog der Rauchabzug ungenügend. Und nun duftete die Pfanne obendrein nach dem Speck, den der Mann mitgebracht hatte. Die Kinder verstanden nicht, was Kathleen da so verstimmte.

»Mr. Trevallion hat ganz höflich gefragt, ob er dich nach der Kirche nach Hause bringen darf«, fügte die Mutter hinzu. »Warum sollten wir ihm das verwehren?«

»Weil man den Rohling von Rechts wegen nicht einmal in die Kirche hineinlassen sollte!«, wütete Kathleen. »Das Baby der O’Learys ist gestern gestorben – weil Mrs. O’Leary keine Milch mehr hatte. Mit dem da …«, sie wies wütend auf den Rest der Speckseite und das Säckchen Mehl, das ihre Mutter fast ehrfürchtig betrachtete, »… hätt man’s vielleicht retten können. Aber unglücklicherweise mag Mr. Trevallion ja nicht Sarah O’Leary zur Messe begleiten, sondern mich!«

»Zu unserem Glück, mein Kind«, bemerkte der Vater. »Und ich bin gar nicht so böse darüber, dass du den Mann nicht magst. So wirst du ihm zumindest nichts erlauben, was nicht schicklich ist …«

»Zumindest nichts, bis er einen ganzen Schinken vorbeibringt?«, fragte Kathleen frech.

Die Ohrfeige ihres Vaters traf sie so hart und überraschend, dass sie erschreckt zurücktaumelte.

»Du versündigst dich, Mary Kathleen!«, sagte die Mutter. Es klang allerdings nicht sehr überzeugend. Offensichtlich relativierte sich Sünde beim Anblick von Speck. »Aber so ganz Unrecht hast du nicht, wenn du bei der Liebe auch ein bisschen an die Speisekammer denkst. Leidenschaft vergeht, Kathie. Nur deine Kinder liebst du ewig, egal, von wem du sie empfängst. Und du wirst deinem Mann dankbar sein, wenn er sie ernähren kann. Bei Mr. Trevallion bist du da auf der sicheren Seite. Ob wir ihn nun mögen oder nicht.«

»Aber ich will mich nicht verkaufen!« Kathleen warf zornig ihre blonden Locken zurück und wich vorsichtshalber einer weiteren Ohrfeige aus. »Wenn ich Kinder bekomme, dann nur von einem Mann, den ich liebe! Sonst … sonst geh ich ins Kloster!«

Obwohl ihr beim Duft der Bratkartoffeln mit Speck das Wasser im Mund zusammenlief, wandte Kathleen sich auf dem Absatz um und lief hinaus. Nein, sie wollte nichts von dem Essen, mit dem Trevallion sich ihre Begleitung beim Kirchgang erkauft hatte! Was sie wollte, war Michael! Sie musste ihm davon erzählen!

In ihrem Zorn und ihrer Verwirrung gab sie sich dem Wunschtraum hin, dass er sofort ins Haus des Verwalters laufen und ihn zum Zweikampf fordern würde. Wie es damals im alten Irland gewesen war, in den Sagen und Märchen von Rittern und Helden, die Father O’Brien manchmal erzählte, wenn er ein bisschen zu sehr dem Whiskey zugesprochen hatte, den die Leprechauns mitunter an der Schwelle zum Pfarrhaus deponierten.

Mary Kathleen lächelte beim Gedanken an den alten Priester, der es sicher nicht billigte, dass Trevallion Ansprüche auf sie erhob. Aber andererseits billigte Father O’Brien auch die Begleitung durch Michael nicht. Vielleicht, dachte das Mädchen, sollte ich ihm die Idee mit dem Kloster vortragen und behaupten, dass ich mich berufen fühle. Womöglich schirmt er mich dann gegen weitere Bewerber ab – oder er nimmt mich gleich in der nächsten Woche mit in die Abtei nach Wicklow.

Kathleen wanderte ziellos über die Felder am Fluss. Sie waren noch nicht abgeerntet, und sie lief Gefahr, Trevallion auf einem Patrouilleritt in die Arme zu laufen. Andererseits waren Michael und seine Freunde sicher bei einer heimlichen Ernte im Schutz der Steinwälle und der Weiden am Wasser. Tatsächlich erklang der Ruf einer Lärche, als Kathleen den Weg zu den abgelegensten Feldern betrat. Eine Lärche im Stimmbruch!

Kathleen schaute sich mit hochgezogenen Brauen um und entdeckte Jonny, Michaels jüngeren Bruder, in der Krone einer Eiche. Er grinste ihr verschwörerisch zu.

»Ich bin der Wächter, Kathleen!«, strahlte er.

Kathleen verdrehte die Augen. »Du bist im Blattwerk tatsächlich kaum auszumachen, besonders in diesem leuchtend roten Hemd«, bemerkte sie. »Und dieser Vogelruf … täuschend ähnlich. Mach bloß, dass du runterkommst, Jonny Drury! Trevallion lässt dich auspeitschen, wenn er dich erwischt.«

Jonny ließ sich die Laune nicht verderben. Mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck und brav gesenktem Blick verbeugte er sich in Kathleens Richtung und wäre dabei fast vom Baum gefallen.

»Is’ nich’ verboten, Mr. Trevallion, dass ’n Junge am Sonntagnachmittag im Baum sitzt und ’n Vogel nachmacht!«, jaulte er mit unnatürlich hoher Stimme. »Schau’n Sie, Mr. Trevallion, hier hab ich ’ne Schleuder. Ich ruf nach ’nem Weibchen, und wenn’s kommt – ein Stein und wir haben Fleisch im Topf!«

Kathleen musste lachen. »Das erzähl ihm bloß nicht! Garantiert legt er’s als Verstoß gegen die Jagdverordnung aus, und du wirst gehängt. Wo ist Michael, Jonny? Unten am Fluss? Mit den anderen Jungs?«

»Glaub ich nicht«, sagte Jonny. »Die anderen sind schon zurück ins Dorf. Mit ein paar gefundenen Ähren …« Der Junge zwinkerte wichtig. »Brian hat ’ne ganze Garbe geschnitten! Das gibt feines Mehl, Kathleen!«

Brian gehörte ebenfalls zur Familie Drury, aber die Geschichte von der ganzen Garbe Weizen glaubte Kathleen nicht. Niemals hätten es die Jungen gewagt, am helllichten Tag so viel Korn zur Seite zu bringen – nicht einmal mit einem so fähigen Wächter wie dem kleinen Jonny. Die sonntäglichen Raubzüge auf den Feldern retteten keine Familie vor dem Verhungern. Es war mehr ein Spiel – den halbwüchsigen Jungen gefiel es, Trevallion an der Nase herumzuführen.

»Aber Michael hat nichts geschnitten«, verriet Jonny. »Der war böse! Hat nur auf das Korn eingeschlagen, als wollt er das ganze Feld umhauen … Kann’s sein, dass er böse auf dich war, Kathie?«

Kathleen schüttelte den Kopf. »Ich hab keinen Streit mit deinem Bruder«, antwortete sie.

Jonny grinste. »Du bist gut Freund mit ihm, ja?« Er kicherte vielsagend und schaukelte auf seinem Ast hin und her. »Wenn du mir auch mal so’n Teeküchlein mitbringst, wie neulich Michael, dann verrat ich dir auch, wo er ist. Und ich bleib hier und halte Wache für euch. Ist das was?«

»Woher weißt du …?« Kathleen errötete.

Konnte es sein, dass die frechen kleinen Jungen ihr Stelldichein mit Michael belauscht oder gar beobachtet hatten?

»Der Wächter weiß alles!«, erklärte Jonny wichtig. »Ich wusst sogar, dass du kommst! Und ich weiß, wo Michael auf dich wartet. Komm, ein Teeküchlein aus der Küche vom Herrenhaus … dann sag ich’s dir!«

Kathleen schüttelte den Kopf. »Das brauchst du mir nicht zu sagen, das kann ich mir selbst denken.«

Sie spürte plötzlich ein übermächtiges Verlangen, sich in Michaels Arme zu werfen. Zumal sie ihm wahrscheinlich nicht einmal erzählen musste, was zwischen ihren Eltern und Ralph Trevallion vorgefallen war. Er musste das Treffen belauscht oder davon gehört haben. Es sprach sich ja in Blitzesschnelle herum im Dorf, wenn der Verwalter sich dazu herabließ, eine Pächterfamilie am Sonntag zu besuchen und ihr obendrein Speck mitzubringen. Aber Michael konnte doch nicht glauben … er konnte nicht annehmen, sie hätte der Vereinbarung zugestimmt!

Kathleen fasste einen Entschluss. »Kein Küchlein aus der Küche, Jonny«, verhandelte sie, »aber einen Apfel aus dem Garten des Landlords. Wenn du hierbleibst und dein Wächteramt ernst nimmst. Ich treffe Michael am Fluss – und wenn du irgendwen kommen hörst, machst du die Lärche. Oder vielleicht … kannst du nicht vielleicht einen Vogel nachahmen, der tagsüber singt?«

Nachdem Jonny ihr zugesichert hatte, auch den Kuckuck täuschend ähnlich imitieren zu können, lief Kathleen hinunter zum Fluss. Es war ein sonniger Nachmittag, und der Vartry River zog sich wie ein Strom flüssigen Silbers durch die sattgrüne irische Landschaft. Das Mädchen fand den Weg durch das Schilf am Ufer wie im Schlaf. Niemals hätten die kleinen Jungen sich hier ungehört anschleichen können. Auch Kathleens Annäherung blieb nicht unbemerkt.

»Kathie?«, fragte Michael, noch bevor sie die winzige Bucht erreichte.

»Michael!«

Kathleen wollte sich in die Arme ihres Freundes werfen, aber er umfasste sie nicht mit der üblichen Wärme. Sie holte tief Luft. Sie musste es ihm gleich sagen, nicht, dass er sich wirklich erzürnte.

»Michael, ich hab nichts damit zu tun! Ich geh nicht mit Trevallion!«, versicherte sie ihm. »Niemals! Ich … ich will doch nur dich, Michael!«

Michael sah Kathleen an. Er sah verletzt aus, wütend. Sein Gesicht strahlte nicht wie sonst bei ihrem Anblick, und er hatte auch keine schönen Worte auf den Lippen. Dennoch küsste er Kathleen jetzt – sehr viel härter, sehr viel fordernder als sonst. Das Mädchen erschrak zuerst, aber dann erwiderte es den Kuss mit der gleichen Leidenschaft. Und tatsächlich hatte sich etwas in Michaels Blick verändert, als er danach von Kathleen abließ. Sie sah Übermut in seinen Augen, die Freude an der Herausforderung und dem Kampf.

Einen Herzschlag lang verspürte Kathleen Furcht. Er würde Trevallion doch nicht wirklich fordern?

Aber Michael legte nur die Arme um sie, hob sie wortlos auf und bettete sie in ein Nest aus Schilf und Gras, abgeschirmt von Weidenästen, die so tief hingen, dass nur schemenhaft grünlich goldenes Licht einfiel. Kathleen dachte an die bunten Glasfenster der Kirche und das farbige Leuchten, das während der Messe von ihnen ausstrahlte. Sie dachte an eine Hochzeit.

»Ich will deine Frau sein, Michael!«, versicherte sie ihm noch einmal.

Jetzt, jetzt musste er ihr doch wieder schmeicheln, sie streicheln und küssen …

»Beweis es mir!«, sagte Michael in einem Ton, der ihr fremd war.

Kathleen sah ihn hilflos an. Aber sie wehrte sich dieses Mal nicht, als er begann, ihr Kleid zu öffnen.

Es gab keine Möglichkeit für Kathleen, Ralph Trevallion davon abzubringen, sie nach der sonntäglichen Messe zu begleiten. Sie bemühte sich zwar, ihm keine Umwege zwischen Kirche und Dorf zu erlauben, und ließ nicht von ihren Eltern und Geschwistern, aber das schien den Verwalter nicht zu stören. Er ging artig neben ihr her, sagte ihr ein paar Freundlichkeiten und plauderte mit der Mutter und dem Vater. Für James O’Donnell wurde der Gang durchs Dorf zum Spießrutenlaufen. Die anderen Bauern billigten nicht, dass der Schneider sich mit dem Verwalter unterhielt und womöglich gar plante, familiäre Bande zu schließen.

»Kannst du nicht allein mit dem Mann um das Dorf herumgehen wie die anderen Mädchen mit ihren Galanen?«, fragte O’Donnell seine Tochter scharf, nachdem sie zum dritten Mal mit Trevallion durch den Ort gezogen waren.

»Er ist nicht mein Galan!«, erwiderte Kathleen verärgert. »Und wenn du nicht mit ihm gesehen werden willst – ich will es erst recht nicht!«

Auch Trevallions Geschenke beachtete Kathleen nicht – ihre Mutter hingegen schätzte den Verwalter gerade deshalb. Die O’Donnells hatten nun stets genug Mehl, um Brot zu backen, und jeden Sonntag etwas Fleisch im Topf.

Michael Drury beobachtete das Geschehen mit hilfloser Wut. Es gab nichts, was er tun konnte. Er musste zusehen, wie Trevallion Kathleen den Arm bot, wie er neben sie trat, wenn der Priester die Gemeinde nach der Messe verabschiedete, wie er sie stolz durch die Menge führte, die ihm mürrisch Platz machte. Doch am Nachmittag und an den langen Spätsommerabenden nach der Arbeit erhob Michael seine Ansprüche in den Feldern am Fluss. Er wartete meist schon auf Kathleen und sehnte sich nach dem Ruf des Kuckucks, mit dem Jonny sie eifrig ankündigte. Sie kam zu ihm, wann immer sie konnte. Mitunter brachte Kathleen Brot oder Obst mit. Michael nahm es gern an, wenn sie es im großen Haus stibitzt hatte – aber nicht, wenn es aus den Händen Trevallions kam. An seinen Geschenken, so ließ er Kathleen wissen, würde er ersticken.

Kathleen zuckte die Achseln und aß das Brot selbst. Sie war in der letzten Zeit ständig hungrig – auf Nahrung ebenso wie auf Zärtlichkeiten. Sie wusste, dass sie mit Michael sündigte, und schämte sich auch dafür, allerdings immer erst hinterher, wenn der Rausch verebbte. Während Michael sie liebte, und auch wenn sie bei der Arbeit oder nachts auf ihrer Schlafmatte an ihn dachte, fühlte sie sich nicht schuldig, sondern gesegnet. Etwas so Wundervolles, so Beglückendes konnte keine Sünde sein – zumal Gott es ja durchaus erlaubte, wenn man nur vorher in die Kirche ging und einander Eide schwor. Wozu Kathleen und Michael jederzeit bereit gewesen wären.

Einmal stibitzte das Mädchen sogar eine Kerze aus dem Herrenhaus, und die beiden sprachen sich feierlich die Trauformel vor. Aber sie wussten natürlich, dass dies nicht galt. Sie waren nur wie Kinder, die Heiraten spielten. Wenn es gelten sollte, so brauchten sie die Erlaubnis der Eltern, des Landlords – und den Segen Father O’Briens, und all das würden sie nie bekommen.

»Wir heiraten in Amerika!«, tröstete Michael Kathleen, als diese sich deswegen wieder einmal grämte. »Oder in Kingstown oder Galway vor der Überfahrt.«

Kathleen protestierte inzwischen nicht mehr, wenn er von ihrem wundervollen, gemeinsamen Leben am anderen Ende des Wassers schwärmte. Sie hatte sich für ihn entschieden, sie wollte mit ihm leben, wo auch immer. Und Amerika war besser als das Kloster – in Irland die einzige Möglichkeit, einer Heirat zu entfliehen.

Der Sommer näherte sich seinem Ende, und es wurde kalt und regnerisch. Selbst unter den dicksten Decken, die Michael irgendwo aufgetrieben hatte, blieb es feucht und ungemütlich in ihrem Liebesnest am Fluss. Aber auch die Spaziergänge nach der Kirche wurden kürzer. Man verkroch sich in den Häusern und Cottages, zumal den meisten Menschen auch einfach die Kraft fehlte, irgendetwas anderes zu tun. Nachdem es seit Wochen immer weniger zu essen gab, verloren selbst die Jungen langsam die Lust, um Mädchen zu werben, und die Mädchen, mit einem jungen Mann zu kokettieren.

Der Hunger hielt die Pächter Lord Wetherbys in eisernem Griff, der Lord selbst bekam davon allerdings nicht viel mit. Er saß längst mit seiner Lady in seinem Landhaus in England, trank Tee vor dem Kamin und freute sich über die reiche Ernte auf seinen irischen Besitztümern. Womöglich war ihm nicht einmal klar, dass den Pächtern und Tagelöhnern keine solche Segnung zuteil geworden war. Das Korn war gesund, was sollte Wetherby sich da über Kartoffeln Gedanken machen?

Die wenigen Kartoffeln, die nicht verfault waren, waren längst verzehrt. Man hatte nichts einlagern können, nicht einmal Saatkartoffeln für das nächste Jahr. Die würde man kaufen müssen, und Gott allein wusste, von welchem Geld! Um den Winter zu überstehen, sammelten die Kinder Eicheln im Wald, die ihre Eltern dann schroteten. Die Glücklichen, wie Kathleens Familie, streckten damit Roggen- oder Weizenmehl, die anderen backten ihr Brot aus dem gehaltlosen Eichelschrot. Die Ärmsten, die kaum die Kraft aufbrachten, in den Wald zu gehen und Eicheln zu sammeln oder Wurzeln auszugraben, kochten Suppe aus dem dürftigen Gras, das am Wegrand stand. Die letzten trockenen Brennnesseln waren heiß begehrt, die Menschen rissen sich selbst um die Stängel.

Ab und zu verteilte Father O’Brien Spenden in der Kirche. Es hieß, dass in England für die Iren gesammelt würde, ein Teil des Segens käme sogar von Landsleuten aus dem fernen Amerika. Allerdings war es nie genug, um auch nur wenige Tage satt zu werden. Die Bäuche wurden einmal gefüllt, aber dann schmerzte der Hunger umso mehr.

Michael Drurys Familie kam recht und schlecht über die Runden. Michael fiedelte in Wicklows Pubs, aber auch den Städtern fehlte es an Geld für Vergnügungen. Die Preise für Lebensmittel stiegen im gleichen Maße, in dem die Menschen verhungerten, sogar den Whiskeybrennern in den Bergen fehlte es an Rohstoffen. Michael hätte deutlich mehr Whiskey umsetzen können, als er erhielt.

Bei all dem war es einzig Mary Kathleen, der die Strapazen der Hungersnot kaum anzusehen waren. Während die Menschen um sie herum abmagerten, sah sie blühend aus und schien sogar an Gewicht zuzulegen. Das lag aber nicht an den reichen Gaben Trevallions. Die alte Grainné kochte für den Verwalter, solange die Wetherbys nicht da waren, und es hätte ihm Spaß gemacht, Kathleen mit den Pasteten und Kuchen zu füttern, die übrig blieben. Das Mädchen blieb jedoch standhaft und nahm nichts von ihm an. So wurde der Segen erfreut von Mrs. O’Donnell begrüßt und gerecht an alle Geschwister verteilt. Dick werden konnte man dabei nicht.

»Es ist meine Liebe, die dich schöner macht!«, behauptete Michael, als sie sich an einem der wenigen trockenen Sonntage am Fluss trafen und zumindest ein wenig spazieren gingen.

Die Landschaft war im Eis erstarrt, die Weide schien ein Brautkleid zu tragen, und die Kälte drang durch Kathleens dünnes Schuhwerk. Es wäre viel zu kalt gewesen, sich im Schilf auszustrecken. Draußen war es nur auszuhalten, wenn man sich bewegte. Michael und Kathleen schritten also rasch nebeneinander her – auch in dem Wunsch, das Dorf möglichst bald hinter sich zu haben. Die Klatschbasen verkrochen sich an Tagen wie diesen hinter dem Ofen, aber man wusste nie, ob vielleicht Father O’Brien auf dem Weg zu einem Kranken oder Sterbenden vorbeikam.

Erst als das junge Paar sich schon ein ganzes Stück vom Dorf entfernt hatte, wagte Kathleen, sich in Michaels Arme zu schmiegen. Seine Zärtlichkeiten hielten sie warm. Seine Hände stahlen sich unter ihren fadenscheinigen Umhang und ihr leichtes Kleid, sie streichelten ihre Schultern und ihre Brüste.

»Du bist wie eine Blume, die selbst im Winter erblüht!«, flüsterte er, »weil dein Gärtner dir schmeichelt, dich pflegt und sich nach deiner Blüte verzehrt!«

Kathleen biss sich auf die Lippen. »Meinst du wirklich, ich … ich …«, sie errötete, »… ich würde fraulichere Formen annehmen?«, drückte sie sich schließlich züchtig aus. »Ich meine …«

»Deine Brüste scheinen mir entgegenzuwachsen!«, lachte Michael. »Weiß Gott, sie waren immer schön und fest, aber jetzt – fühlst du, dass ich sie nicht mehr mit einer Hand umfassen kann?«

Michael liebkoste sie, und seine Finger wanderten erneut tiefer. »Alles an dir ist fest und warm … ich sehne mich danach, mich an dich zu schmiegen und …«

Kathleen schob ihn von sich. »Michael …«, sagte sie dann besorgt. »Ich … ich weiß nicht viel darüber, aber ich seh doch die Mädchen, die heiraten und dann … und dann gesegneten Leibes sind. Und ich seh auch meine Mutter, wenn sie wieder ein Kind trägt. Deshalb … Michael, ich … so schön das ist mit deiner Liebe, aber … aber wenn ein Mädchen an Gewicht zunimmt, obwohl es nichts im Magen hat, dann hat es oft was im Bauch …«

Kathleen wagte nicht, ihn anzusehen. Michael ließ verblüfft von ihr ab.

»Du meinst, es könnte sein, dass du ein Kind bekommst?«, fragte er ungläubig. »Aber … aber wie … Es ist zu früh, Kathleen! Ich hab das Geld für Amerika noch nicht zusammen!«

Kathleen stieß hörbar die Luft aus. »Da wird sich das Kind bloß nicht drum scheren, Michael Drury! Und ganz sicher mag’s auch nicht auf einem Coffin Ship zur Welt kommen. Wir werden heiraten müssen, Michael! Sehr bald – und hier.«

»Aber Kathleen! Jetzt … hier … wo sollen wir wohnen? Was wird dein Vater sagen? Er wird es doch gar nicht erlauben …« Michael war sichtlich verwirrt.

»Er wird’s erlauben müssen!«, beharrte Kathleen bitter. »Oder mit der Schande leben. Natürlich könnt ich mich auch rasch noch Trevallion hingeben und dann sagen, dass es seines ist. Aber so viel Zeit haben wir nicht!«

Michael fuhr auf. »Dieser Laffe soll mein Kind großziehen? Nur über meine Leiche! Pass auf, Kathleen … ich … du meinst … es gibt gar keine andere Möglichkeit?«

Kathleen blitzte ihn an. »Du denkst nicht daran, das Kind in mir zu töten, Michael Drury!«

Michael schüttelte reumütig den Kopf. »Aber es … es kann doch sein, dass du dich irrst.«

Kathleen zuckte die Schultern. »Das kann sein. Ich glaub’s bloß nicht. Ich hab mir bis heute was vorgemacht, Michael, aber jetzt, da du es auch gemerkt hast … und es geht schnell, Michael. Schneller als bei den meisten Mädchen. Bald sehen es alle …«

Michael lief ein paar Schritte von ihr weg, verwirrt, unsicher. Er schwieg, was Kathleen Angst machte. Schweigen war nicht seine Art.

»Freust du dich denn gar nicht, Michael?«, fragte sie leise. »Willst du denn kein Kind? Ich dachte … also natürlich ist es zu früh und eine Sünde und eine Schande, und alle Leute werden sich die Mäuler zerreißen. Aber es ist doch … wir können endlich heiraten, Michael! Auch wenn es meinem Vater nicht passt. Wenn’s gar nicht anders geht, wird Father O’Brien ein Wort mit ihm reden. Oder willst du mich nicht heiraten, Michael?« Kathleens Stimme klang erstickt.

Das schien Michael aufzuwecken. Reumütig kam er zu ihr zurück und nahm sie mit gewohnter Zärtlichkeit in die Arme. »Um Himmels willen, Kathleen, natürlich will ich dich heiraten! Nichts mehr als das. Und ich will auch das Kind. Es ist nur … es ist nur … zu früh …« Michael seufzte, dann straffte er sich. »Pass auf, Kathleen, gib mir zwei oder drei Wochen, ja? Bis dahin bist du dir sicher und bis dahin … inzwischen organisiere ich was. Ich bring das Geld für Amerika auf, Kathleen, ich will nicht hier zu Kreuze kriechen und vor den Priester geschleift werden wie ein armer Sünder. Ich will nicht, dass sie über dich reden – jetzt noch nicht! Später natürlich schon, wenn wir ihnen Geld schicken aus Amerika oder sie besuchen, und du trägst seidene Kleider und ein samtenes Hütchen!« Er lachte. »Ja, das würde mir gefallen! Wir fahren mit einer Kutsche und zwei Pferden durch dieses armselige Kaff und lachen auf Trevallion herunter, oder wir kaufen die ganze Weizenernte seines verdammten Lords auf und verteilen sie an die Leute!«

Kathleen konnte nicht anders, sie lachte mit. »Und ob dir das gefallen würde, Michael Drury. Du bist ein Aufschneider! Aber mir wird’s schon reichen, wenn uns der alte O’Rearke mit seinem Eselskarren zur Kirche fährt, und ich komm als Mrs. Drury wieder raus!«

Michael küsste sie. »Diese spezielle Kirche und diesen besonderen Esel kann ich dir nicht versprechen, Liebste. Aber eine Kirche finden wir, wo wir in Würde und Stolz den Bund der Ehe schließen können!« Er richtete sich auf und schien dabei um etliche Zoll zu wachsen.

»Ich, Michael Drury, werde Vater! Ein erhebendes Gefühl! Und ich weiß auch schon, dass es ein Sohn wird. Ein hübscher Junge mit meinem Haar und deinen Augen …« Seine Augen strahlten jetzt so freudig, wie Kathleen es erhoffte, seit sie die Schwangerschaft erahnte.

»Und wenn’s ein Mädchen wird?«, fragte sie trotzdem provozierend. »Magst du’s dann gar nicht, Michael Drury?«

Michael wirbelte sie lachend herum. »Wenn’s ein Mädchen wird, müssen wir noch schneller reich werden. Um einen Turm zu bauen, in dem wir sie einmauern können. Denn deine Tochter wird so schön werden, dass jeder Blick auf sie einen Menschen lähmt und zu ihrem Sklaven macht!«

Hand in Hand wanderten sie über die Felder am Fluss und träumten von ihrem neuen Leben. Kathleen mochte nicht daran denken, wie Michael das Geld für die Reise und die Hochzeit auftreiben wollte. Sie wusste nur, dass sie ihm vertraute. Sie wollte – sie musste ihm vertrauen!

KAPITEL 3

Mitte Dezember, als das Wasser des Vartry River an den Ufern gefror und die Hungersnot in Irland am größten war, verschwanden drei Säcke Gerste und Roggen aus der Scheune Trevallions. Das Getreide lagerte dort für die Pferde des Landlords. Er unterhielt drei kräftige Hunter, die mit Heu allein nicht abzuspeisen waren wie die Maultiere und Esel der Bauern.

Ralph Trevallion bemerkte den Diebstahl nicht sofort – erst als der Sack leer war, aus dem die Tiere derzeit gefüttert wurden, ging er in die Scheune, um Nachschub zu holen, und zählte die Vorräte. Dann aber kannte seine Wut keine Grenzen. Der kleine Verwalter galoppierte ins Dorf und stellte die Pächter zur Rede. Er thronte auf dem Rücken des größten Jagdpferdes und sah mit flammenden Blicken auf die Männer und Frauen hinab.

»Ich werde nicht ruhen, bis ich den Dieb gefunden habe!«, geiferte er. »Der Kerl wird von Haus und Hof vertrieben werden und seine nichtsnutzige Familie mit ihm! Und ihr werdet mir dabei helfen! Ja, schaut nicht so, genau das werdet ihr tun! Ich nehme ab heute Hinweise entgegen, und ihr habt eine Woche Zeit, mir den Dieb zu liefern. Wenn ihr ihn nicht findet, geht ihr alle! Glaubt bloß nicht, ich könnte das dem Lord gegenüber nicht verantworten. So ein Pack wie ihr streunt haufenweise auf den Straßen rum, ich hab die Häuser im Handumdrehen wieder voll – und allein mit Männern, Leute! Nicht mit Familien, deren zehn Bälger wir auch noch durchfüttern müssen!«

Die Menschen blickten verängstigt zu Boden. Trevallion hatte Recht. Den Landlord scherte es nicht, wer seine Felder bearbeitete. Die Straßen von Wicklow waren voller Männer auf der Flucht vor der Hungersnot. Die Kinder waren ihr längst zum Opfer gefallen, oft auch die Frauen. Sie blieben einfach am Straßenrand liegen und starben, wenn sie nichts mehr zu essen fanden.

»Nun halt aber ein, Ralph Trevallion!«, meldete sich Father O’Brien mit strenger Stimme. »Es waren doch nur ein paar Säcke Korn, Viehfutter, wie du selbst sagst. Eine Schande, dass du es nicht längst gespendet hast, siehst du denn nicht, was hier vorgeht? Können deine Gäule kein Heu fressen?«

»Und meiner Treu, wir wissen nichts!«, fügte Ron Flannigan hinzu, ein älterer Vorarbeiter. »Wir backen unser Brot alle im gleichen Ofen, Mr. Trevallion, und glauben Sie mir, jeder hier würd’s riechen, wenn in irgendeinem Haus ein Brei gekocht oder Getreide geröstet würde. Wir träumen von solchen Düften, Herr!«

Trevallion funkelte ihn an.»Mir ist ganz gleich, wovon ihr träumt! Ich kann euch nur versichern, dass ich eure ärgsten Albträume wahr werden lasse, wenn ihr nicht spurt. Eine Woche, Leute! Dann werdet ihr mich zu spüren bekommen!«

Damit wendete er sein Pferd und ließ ein Dorf voller verwirrter, verzweifelter Bauern und Pächter zurück.

»Wir haben doch nichts gemacht …«, rief Flannigan ihm noch nach und wiederholte den Satz dann ein weiteres Mal, leise und hoffnungslos.

Father O’Brien schüttelte den Kopf. Dann entdeckte er Kathleen, die mit ihren Eltern etwas abseits gestanden hatte. »Mary Kathleen, du musst mit ihm reden!«, sagte der Priester leise zu ihr. »Du … er bringt dich am Sonntag heim mit dem Segen deiner Eltern und …« Der alte Priester ließ einen vielsagenden Blick über Kathleens Gestalt schweifen. »Du scheinst ihm auch sonst nahezustehen«, bemerkte er. »Auf dich wird er hören. Bitte ihn um Gnade für die Pächter. Um … um seines Kindes willen.«

Kathleen errötete zutiefst. »Father … Father … welches … welches Kindes? Ich … ich hatte nie mehr zu tun mit Ralph Trevallion als jeder andere hier!«

Der Priester sah dem Mädchen in die Augen. Sein Blick war fragend, streng – aber Kathleen erkannte auch Mitleid darin. Ob für sie oder für die Pächter, das Kind oder gar Trevallion, dessen Hoffnungen auf Kathleens Liebe zerstört werden würden … Kathleen wusste es nicht, sie hielt dem Blick auch nicht länger stand. Es war nicht Trevallion, mit dem sie sprechen musste, es war Michael!

Wo steckt er überhaupt?, dachte Kathleen voller Ungeduld. Während Trevallions Ausbruch hatte sie ihn nicht gesehen. Aber sie war fest davon überzeugt, dass ihr Geliebter irgendetwas mit dem Diebstahl des Korns zu tun hatte. Es musste etwas damit zu tun haben, an Geld für die Hochzeit zu kommen und die Überfahrt nach Amerika. Aber es durfte nicht sein, dass unschuldige Menschen dafür zahlten! Michael musste das Korn zurückgeben. Es musste sich eine Möglichkeit finden, es ebenso unauffällig wieder in die Scheune zu schaffen, wie es verschwunden war.

Unter dem forschenden Blick des alten Priesters zog sich Kathleen zurück. Wenn Michael bereits geflohen war, wenn er nichts dem Zufall überließ, würde er sie zweifellos irgendwann abholen. Hoffentlich war es dann nicht schon zu spät. Womöglich hatte er die Säcke bis dahin längst nach Wicklow oder sonst wohin verkauft!

Während die Dörfler noch diskutierten, rannte Kathleen hinunter zum Fluss. Sie hatte eigentlich nicht viel Hoffnung, dass Michael sich bei dieser Kälte in ihrem Liebesnest verborgen hielt, aber sie wollte immerhin versuchen, ihn zu finden. Als sie Jonnys Eiche passierte, erklang kein Vogelruf, dennoch hörte sie Stimmen, sobald sie dem Schlupfwinkel näher kam.

»So wenig?«, fragte Bill Rafferty anklagend. »Vier Pfund? Das kann nicht dein Ernst sein. Ich dachte, wir machen halbe halbe!«

»Wollt ich ja auch …«, seufzte Michael. »Aber mehr als zwölf haben sie nicht bezahlt. Und ich brauche die acht Pfund. Mit meinen Ersparnissen reicht das für die Überfahrt. Und Kathleen und ich …«

»Ach, Kathleen und du? Und was ist mit mir? Keine goldenen Strände von Amerika für Billyboy? So war das aber nicht geplant, Michael!« Raffertys Stimme klang drohend.

»Bill! Ich hab’s dir doch gesagt! Du kriegst meinen Job als Verteiler. Ab nächste Woche fließt der Whiskey wieder – und in einer Qualität, wie es seit Jahren keinen gab! Roggen und Gerste, Bill! Mensch, sonst arbeiten die doch nur mit vergorenen Kartoffeln! Jedenfalls kannst du die besten Pubs beliefern, du wirst ein Vermögen verdienen!« Michael redete mit Engelszungen.

»Und warum machst du’s nicht selbst?«, fragte Rafferty misstrauisch.

»Na, weil ich doch wegmuss, Bill! Kathleen …«

Kathleens Herz klopfte. Würde er jetzt ihr Geheimnis ausplaudern? Aber diese beiden jungen Männer teilten wohl sehr viel dunklere Geheimnisse als das des Kindes unter ihrem Herzen.

Sie konnte nicht anders, sie trat aus dem Schilfdickicht.

»Ist das wahr, Michael? Für Whiskey? Du hast das Korn gestohlen, um Whiskey daraus brennen zu lassen? Während um dich herum die Kinder verhungern?«

Michael und Bill fuhren zusammen. Als sie Kathleen erkannten, blickten sie sowohl schuldbewusst als auch trotzig zu ihr hinüber.

»Wo hätt ich’s denn sonst verkaufen sollen?«, fragte Michael. »Die hätten mich doch gleich erwischt, wenn ich’s irgendwo angeboten hätte. Die Männer in den Bergen … sie sind verschwiegen, keine Angst, dass sie der Obrigkeit nur ein Wort sagen. Die haben ihre Ehre, Kathie. Keiner wird verraten, keiner wird betrogen …«

»Außer Billy Rafferty«, brummte Bill. »Mit mir könnt ihr’s ja machen.«

»Ach, halt den Mund, Bill!«, fuhr Michael ihn an. »Du hast reichlich Geld dafür bekommen, drei Säcke Getreide auf einen Esel zu verladen. Den Rest hab ich gemacht, wie du weißt. Und jetzt pack dich und denk an den schönen Gewinn am Wochenende in Wicklow. Kannst gleich diesen Samstag übernehmen. Aber denk dir eine gute Ausrede aus. Spielst du nicht Flöte? Dann sag, ich hätte dir einen Job im Pub besorgt!«

Widerstrebend zog sich Rafferty zurück. Einerseits hätte er wohl gern weiter über mehr Geld verhandelt, andererseits gefielen ihm die Gewitterwolken auf Kathleens Gesicht nicht. Eine Standpauke von einem Weib war das Letzte, was er jetzt brauchte. Und eigentlich war ihm sowieso mehr nach Feiern zumute als nach Streiten. Vier gute englische Pfund auf der Hand! Er war reich! Billy Rafferty vergaß seinen Ärger und schlenderte pfeifend zurück zum Dorf.

»Du willst diesen Dummkopf mit Whiskey nach Wicklow schicken?«, fragte Kathleen entsetzt. »Michael, der fliegt auf, wenn er das Zeug nur auspackt! Wenn er’s nicht gleich auf dem Weg aussäuft und dran krepiert … Aber gut, von mir aus, mir ist’s egal, ob sich Billy Rafferty unglücklich macht! Aber du und ich … Michael, wir können nicht zulassen, dass Trevallion sämtliche Familien im Dorf auf die Straße setzt!«

Atemlos berichtete Kathleen von Trevallions Auftritt vor der Kirche.

Michael biss sich auf die Lippen. »Das macht er nicht wirklich …«, meinte er. »Aber du hast Recht – wir sollten uns davonmachen, bevor womöglich einer was ahnt und ihm verrät. Am besten, wir verschwinden gleich heute Nacht.« Michael versuchte, tröstend den Arm um sie zu legen.

Kathleen schüttelte ihn ungehalten ab. »Und ob Trevallion das macht!«, fuhr sie ihn an, entsetzt über Michaels Kaltblütigkeit. »Erst recht, wenn ich ihm auch noch davonlaufe. Er macht sich Hoffnungen – wohl mehr, als ich gedacht hab, wenn ich Father O’Brien richtig verstanden habe. Es wird ihn wütend machen, wenn ich plötzlich verschwinde. Dann treibt er’s noch schlimmer mit dem Dorf!«

Michael schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn ich verschwinde, wird er wissen, wer das Korn gestohlen hat. Also braucht er die anderen nicht zu bestrafen.« Michaels Augen blitzten auf. »Ich bring ihm glatt noch ’ne Flasche Whiskey in die Scheune. Als Dankeschön!« Er lachte.

Kathleen fand das alles nicht komisch. »Michael, so geht es nicht! Wir können unser Glück nicht auf dem Unglück der anderen aufbauen, wo sollen die denn hin? Es gibt doch nirgendwo Arbeit! Schlimm genug, dass du gestohlen hast, und noch schlimmer, dass Trevallions Korn im Kessel der Schwarzbrenner landet anstatt in den Mägen der Kinder!«

Michael zuckte die Achseln. »Ich werde es beichten«, behauptete er. »Irgendwann. Aber Kathleen, ich denke jetzt zuerst an unser Kind! Und das soll in einem besseren Land aufwachsen, wo es nicht hungern muss! Das Korn krieg ich eh nicht mehr aus dem Kessel zurück in die Säcke. Also willst du nun mit mir gehen oder nicht?« Er zog sie in die Arme.

Kathleen überließ sich kurz Michaels tröstlicher Umarmung und seinen Zärtlichkeiten. Aber dann fand sie in die Wirklichkeit zurück.

»Natürlich komme ich mit dir!«, sagte sie nicht mehr ganz so ungehalten wie zuvor. »Aber nicht gleich. Nicht in dieser Woche, in der’s im Dorf und in Trevallions Kopf heißer kocht als im Kessel der Schwarzbrenner. Father O’Brien hat Recht: Ich sollte Trevallion schöntun. Versuchen, ihn abzulenken, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ja, so machen wir’s, so können wir das Dorf retten! Du verschwindest, bevor die Woche um ist, Michael! Begleite deinen dummen Freund am Samstag nach Wicklow und bleib gleich da! Dann wird man dich verdächtigen, die Pächter sind aus dem Schneider …«

»Und du?«, fragte Michael misstrauisch. »Dich soll ich mit Trevallion allein lassen?«

Kathleen verdrehte die Augen. »Herrgott, Michael, ich werde mich ihm nicht gleich hingeben! Ich mach einen Spaziergang mit ihm ums Dorf, schmeichle ihm ein bisschen, mach ihm Hoffnungen … Und dann komme ich nach Wicklow, sobald sich die Wogen geglättet haben. Sag mir nur, wo ich dich finde!«

Kathleen fühlte sich besser, nachdem sie diesen Plan geschmiedet hatte. So würde es gehen. Wenn nur Michael mitspielte!

Michael kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. Der erste Plan gefiel ihm deutlich besser. Aber das Dorf war auch seine Heimat. Die Menschen dort lagen ihm am Herzen. Seine Mutter und seine Geschwister … aber die würde man sowieso von Haus und Hof vertreiben, wenn man Michael als Schuldigen ausmachte. Michael tat das leid – aber seine Mutter wusste, wo sein Vater sie erwartete. Gut, sie würde nicht mehr jeden Tag in der Kirche beten können, aber dafür bekamen die Kinder in den Bergen sicher mehr zu essen.

»Also schön«, sagte er widerwillig. »Eine Woche, Kathleen. Aber keinen Tag länger. Du findest mich in Barney’s Tavern. Das ist ein Pub in Wicklow, in der Mainstreet, nicht zu verfehlen.«

Trevallion nutzte die »Woche der Wahrheit«, wie er sie nannte, um die Pächter noch einmal gründlich zu schinden. Jetzt im Winter fiel wenig Landarbeit an, und die Hungersnot hatte die Leute so geschwächt, dass man ihnen kaum etwas abverlangen konnte. Aber in dieser Woche ließ Trevallion sie alle antreten. Sie mussten die Ställe ausmisten, Steine heranschleppen, um die Mauern um die Felder zu erweitern, und Holz hacken für die Kamine im Herrenhaus.

»Ob der Lord da ist oder nicht, die Feuerstellen müssen beschickt werden!«, rechtfertigte sich Trevallion. »Sonst bildet sich noch Schimmel in den Wänden! Und das Haus darf nicht auskühlen, womöglich entscheidet sich Seine Lordschaft doch noch, hier das Weihnachtsfest zu verbringen!«

Das war bisher nie geschehen, aber diesmal hätten die Dörfler es sich fast gewünscht. Womöglich hätte ja Lord Wetherby eher mit sich reden lassen als sein übereifriger Verwalter. Grainné behauptete, zumindest die Lady sei gnädig. Auch Kathleen hatte die junge Adlige zwar als ziemlich oberflächliches, aber doch recht gutmütiges Geschöpf kennen gelernt. Sie sah sicher nicht untätig zu, wie die Kinder ihrer Bauern verhungerten.

Und zweifellos hätten die Pächter im Fall einer Anwesenheit Seiner Lordschaft ein Weihnachtsgeschenk erhalten. Ein Säckchen Mehl oder Zucker pro Familie fielen fast immer an. Sofern die Herren Weihnachten auf ihren Ländereien verbrachten, verteilte die Lady diese Liebesgaben gewöhnlich selbst, und ganz bestimmt rechnete Trevallion die kleinen Zuwendungen auch mit Wetherby ab, wenn der in England weilte. Tatsächlich wanderten sie jedoch in die Tasche des Verwalters. Gerade in diesem Jahr, in dem er lauthals verkündete, dass der Lord tief enttäuscht sei und die Pächter insofern nicht mit Anerkennungen zu rechnen hätten.

Michael war halb erfroren und erschöpft vom Steineschlagen in der Kälte, als er sich am Samstagabend endlich den Esel des Gärtners holte. Dummerweise sahen ihn dabei einige der Pächter und registrierten, dass sich diesmal Billy Rafferty, die Tin Whistle in der Manteltasche, hinter ihn aufs Maultier schwang.

»Wo willst du denn hin, Rafferty?«, fragte Ron Flannigan argwöhnisch. »Ein Zug durch die Pubs in Wicklow? Hast du Geld zu vertrinken, Bursche?«

Michael schüttelte den Kopf, wies auf Billys Flöte und antwortete für seinen Freund. »Ich brauch ihn für die Musik, Ron. Zu zweit ist mehr Geld zu machen, einen Fiedler allein bezahlen sie schlecht.«

Flannigan runzelte die Stirn. »Und da nimmste ausgerechnet den schlechtesten Flötenspieler mit? Wer soll denn Billy fürs Pfeifen bezahlen, dem gibt man doch eher was, damit er wieder aufhört!«

Die anderen Pächter lachten.

Michael lachte mit. »’n bisschen schräg kommt doch immer gut an, Ron!«, behauptete er. »Ich weiß schon, was ich tu …«

Ron Flannigan sah ihm lange nach. »Und ob du’s weißt …«, murmelte er schließlich.

Kathleen fiel das Tändeln schwer, aber sie zwang sich, Ralph Trevallion zu umgarnen. Sie lächelte ihm zu, als er am Sonntag in die Kirche trat, an den Frauen vorbeiging und sich in der ersten Bank auf der Seite der Männer niederließ. Father O’Brien predigte über Verzeihen und Nachsicht. Letztlich, so endete er, sei doch nur Gott der wahre Richter, und ihm könne kein Sünder entgehen, auch wenn er sich der weltlichen Gerichtsbarkeit entzog. Der alte Priester zwinkerte Kathleen sogar zu, als sie sich gleich nach der Messe zu Trevallion gesellte und freundlich mit ihm sprach. Ob er sich damit der Sünde der Kuppelei schuldig machte?

Kathleen belustigte das. Sie bemühte sich, das Aufleuchten ihrer Augen, das Lächeln ihrer Lippen und die leichte Röte auf ihren Wangen für Trevallion zu bewahren. Erstmalig erlaubte sie ihm, sie rund um das Dorf spazieren zu führen, und stimmte ihm mit schmeichelnden Worten zu, wenn er immer wieder schilderte, wie nützlich er Seiner Lordschaft sei, wie sicher seine Stellung als Verwalter und wie geachtet die Frau sein würde, die er letztlich für die Ehe wählte.

Kathleen war erschöpft von all dem Lächeln und den Lügen, als Trevallion sie endlich wieder vor dem Haus ihrer Eltern ablieferte. Während des Spaziergangs hatte sie ein seltsames Gefühl gehabt. Es war fast, als sei sie nicht allein mit dem Verwalter gewesen, sie meinte, beobachtet worden zu sein. Ob Michael Jonny auf sie angesetzt hatte?

Das konnte gut sein: Ihre Mission bei Trevallion zu akzeptieren war ihren Liebsten hart angekommen. Und Kathleen ihrerseits machte sich Sorgen um Michael. Billy Rafferty war am Morgen in der Messe gewesen. Sichtlich verschlafen kniete er neben seiner Mutter, die ziemlich verärgert wirkte. Kathleen konnte sie verstehen. Gerade in diesen Zeiten galt es als schändlich, wenn man sich betrank. Michael war das auch in all den vergangenen Monaten nie passiert. Es passte nicht zu seinem Alibi als Fiedler. Natürlich spendierten die Pub-Besitzer den Musikern mal ein Bier, aber wer sich mit Whiskey betrank, behielt den Job nicht lange.

Billy Rafferty schien nicht so weit zu denken. Jegliches strategisches Handeln war ihm fremd – Kathleen hielt ihn weiter für die schlechteste Wahl als Nachfolger für Michael im Whiskey-Geschäft.

Aber für Michaels Sache mochte sich Billys Brummschädel als gar nicht so schlecht erweisen. Der Priester und die anderen Dörfler würden aus seinem Zustand schließen, dass auch Michael am Abend zuvor getrunken hatte und deshalb nicht zur Messe kam. Erst am kommenden Morgen bei der Arbeit würde man ihn endgültig vermissen.

Vor dem Haus der O’Donnells überreichte Trevallion Kathleen noch ein Säckchen Weizenmehl. »Ich weiß, du willst es nicht annehmen, Mary Kathleen«, sagte er förmlich. »Damit keiner glaubt, du lässt dich kaufen. Aber ich wünschte doch, du würdest einmal so viel für mich empfinden, dass meine Geschenke unwesentlich würden, verglichen mit meinem Kuss …«

Der Verwalter näherte sich ihr, aber Kathleen schreckte zurück. Sie empfand Panik bei dem Gedanken an einen Kuss Trevallions – und das nicht nur, weil sie sich vor seinen Lippen auf den ihren ekelte. Tatsächlich hatte sie auch Angst vor jenem Unsichtbaren, der sie vielleicht verfolgte. Der kleine Jonny würde nichts Gefährliches tun – von ihm war höchstens ein sehr dummer Jungenstreich wie ein Schuss aus seiner Schleuder zu erwarten. Er traf sowieso nie. Aber was wäre, wenn es der ältere Bruder, Brian, wäre, der sie verfolgte?

Was, wenn Michael selbst es war?

Kathleen schlug die Augen nieder. »Mr. Trevallion«, sagte sie leise. »Bitte … bitte, Sir, ich bin erst sechzehn Jahre alt. Das … das ist zu jung für … für die Liebe …« Sie errötete zutiefst.

Trevallion lächelte. »O ja … ich vergaß … Mary Kathleen …«

Kathleen wusste nicht, ob er es zärtlich meinte oder spöttisch.

»So ist es sicher nur ein Gerücht, dass du dich zu einem der Jungen aus dem Dorf hingezogen fühlst?« Es klang drohend.

Kathleen versuchte, den Kopf noch demütiger zu senken – und hob dann doch den Blick. Sie schaffte sogar ein spitzbübisches Lächeln.

»Sir, ich mag mich sonstwo hingezogen fühlen«, meinte sie. »Aber meine Mutter hat mich gelehrt, beim Gedanken an die Liebe auch die Speisekammer im Blick zu behalten.«

Trevallion lachte schallend. »Was bist du doch für ein reizendes Mägdelein, Mary Kathleen!«, bemerkte er.

Dann griff er in die Tasche und fügte dem Mehlsäckchen, mit dem Kathleen unentschlossen spielte, noch ein kleines Paket Zucker hinzu. »Hier! Aber es kann nicht süßer sein als deine Lippen!«

Kathleen dankte dem Himmel, als sie endlich in ihr kleines Elternhaus entfliehen konnte – ungeduldig erwartet von ihrer Familie, die entzückt sein würde von Trevallions Werbung.

Zucker und Mehl. Kathleen konnte nun selbst Scones backen. Aber sie würden dennoch bitter schmecken.

Am Montag nach Michaels Verschwinden versah Kathleen wie immer Dienst im Herrenhaus. Gemeinsam mit Grainné befeuerte sie die Kamine, deren Flammen gespenstische Schatten an die Wände warfen.

Immerhin hatten die Frauen es warm – und Trevallion behelligte sie nicht. Kathleen fand zudem Muße, die schweren Samtvorhänge und wuchtigen, wertvollen Möbel der Wetherbys zu betrachten – einmal wagte sie es sogar, sich in einen der Sessel zu setzen und sich einen Nachmittagstee vorzustellen, zu dem sie Freundinnen eingeladen hatte. Wenn Michael Recht behielt, würde sie auch einmal solche Möbel und Gardinen besitzen, und ein Hausmädchen würde ihre Öfen befeuern. In der neuen Welt würden sie frei sein, sie konnten Geld verdienen, reich werden …

Kathleen gab sich ein paar Herzschläge lang ihren Träumen hin – oder besser Michaels Träumen. Sie selbst brauchte gar kein Herrenhaus, keine schweren Sessel und Seidentapeten. Kathleen wäre mit einem Cottage zufrieden gewesen, einem kleinen, gemütlichen Haus, efeuumwachsen, mit einem hübschen Garten, in dem sie Gemüse anbauen konnte und Blumen pflanzen. Es sollte eine gute Stube haben und einen Schlafraum, eine Küche – und vielleicht noch ein Zimmer für die Kinder. Nicht nur einen winzigen, von der einzigen Feuerstelle verräucherten Raum wie im Haus ihrer Eltern …

Kathleen wurde jäh bewusst, dass sie vom Hause Ralph Trevallions träumte! Der Verwalter bewohnte genau solch ein Cottage, etwas abseits vom Dorf und vom Herrenhaus.

Aber nein! Sie schalt sich ihrer Gedanken. Kein Haus würde sie je dazu bringen, einen Schinder wie Trevallion zu heiraten! Ganz abgesehen davon, dass sie Michaels Kind unter dem Herzen trug.

Während Kathleen sich etwas schwerfällig aus dem Sessel erhob, um wieder an ihre Arbeit zu gehen, wurden im Haus Stimmen laut.

»O nein, Herrgott! Oh, barmherziger Himmel!« Grainné. Die alte Köchin und Haushälterin schrie und klagte, als habe man ihr das Herz gebrochen.

Kathleen rannte die Treppe hinunter und fand Grainné im Vestibül des Hauses auf eine der untersten Treppenstufen niedergesunken, jammernd und flehend.

»Ich kann’s nicht ändern, Grainné«, sagte Ron Flannigan und legte ihr linkisch die Hand auf die Schulter. »Ich dachte nur, ich sag’s dir selbst. Bevor Trevallion dir’s steckt. Und bevor … bevor …«

»Bevor die Miliz kommt? Bevor sie … o nein, sie dürfen nicht … sie werden mich doch nicht hinauswerfen? Mein Haus abreißen? Barmherziger Heiland, Ron, ich hab noch acht andere Kinder!«

Ron Flannigan schüttelte kaum merklich den Kopf. In seiner Stimme und in seiner gesamten Haltung lag ehrliches Bedauern.

»Das weiß ich doch, Grainné. Du bist eine gute Frau, und es sind alles gute Kinder. Aber du weißt, wie das Gesetz lautet …«

»Englisches Gesetz!«, spuckte Grainné aus. »Ron, ich hab den Wetherbys gedient. So viele Jahre, ich war immer treu, hab nichts gestohlen … na ja, nichts anderes als mal ein paar Bissen Brot. Wenn der Lord nur hier wäre! Wenn ich mich der Lady zu Füßen werfen könnte! Sie hätte Erbarmen, bestimmt!«

»Was ist denn geschehen?«, fragte Kathleen. »Was kann denn so furchtbar sein, Grainné, dass …«

Ein Blick in Ron Flannigans Gesicht ließ sie verstummen. Jedes aufmunternde Wort war in diesem Augenblick unangebracht.

»Sie haben Billy Rafferty verhaftet«, erklärte Ron. »Sie legen ihm den Diebstahl von Trevallions Korn zur Last …«

»Aber er war’s nicht!«, heulte Grainné. »Herrgott, ihr kennt doch meinen Billy! Ein kleiner Angeber, aber ein Gockel, der nur kräht. Der käm doch nie auf die Idee, dem Herrn sein Korn zu stehlen! Wo sollt er’s denn überhaupt verkaufen?«

»Das wissen wir nicht«, sagte Ron ernst. »Aber sie haben Geld bei ihm gefunden. Mehr als drei Pfund, das kann er nirgendwo sonst verdient haben. Bestimmt nicht mit dem Flötenspiel …«

»Das Flötenspiel!«, rief Grainné. »Der Fiedler, der Drury-Bengel! Dem würd ich’s zutrauen, der …«

»Michael Drury ist verschwunden«, meinte Ron. »Und – ja, es ist anzunehmen, dass er auch damit zu tun hatte. Aber dein Billy war Samstag in Wicklow, Grainné, und kam betrunken heim. Und gestern Abend hat er wieder gebechert, mit Freunden, er hat das halbe Dorf eingeladen. Heute Morgen bei der Arbeit stanken sie alle nach Fusel, und dein Billy torkelt noch. Wundert’s dich, dass Trevallion da nachfragte? Verraten hat ihn jedenfalls keiner, falls du das denkst, Grainné. Obwohl er einiges ausgeplaudert hat, gestern Nacht, mit seinen Saufkumpanen am Feuer. Von Whiskey, vom Schwarzbrennen, von seinem wunderbaren neuen Job in Wicklow …«

»Barmherziger Himmel, wenn er das den Rotröcken erzählt!«

Grainné bekreuzigte sich beim Gedanken an die englischen Soldaten.

Ron seufzte. »Das werden sie schon aus ihm rausprügeln«, meinte er. »Aber vielleicht ist’s besser für ihn, wenn er auspackt. Bisher legen sie ihm alles allein zur Last. Wenn sich nun aber herausstellt, dass der Drury-Junge mit drinsteckt …«

Kathleen fuhr es eiskalt über den Rücken. Billy würde Michael verraten. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Womöglich würde er auch sie verraten, er wusste doch, warum Michael den Diebstahl gewagt hatte. Und vor allem … Barmherziger Himmel, hoffentlich wusste er nichts von Barney’s Tavern!

Kathleens Gedanken arbeiteten in rasender Geschwindigkeit. Sie musste Michael warnen. Sie musste nach Wicklow, bevor die Rotröcke Billy verhörten. Und am besten blieb sie dann gleich bei ihm. Hier konnte sie ohnehin nichts mehr tun. Es lag jetzt ganz in den Händen von Billy Rafferty, ob man auch ihre Familie von Haus und Hof vertrieb. Denn wenn Trevallion herausbekam, dass sie mit Michael geflohen war, würde er die O’Donnells der Mitschuld bezichtigen.

Kathleen rannte hinaus. Grainné würde sie nicht suchen, die hatte jetzt andere Sorgen als die Kamine im Herrenhaus. Und Ron hatte sie kaum wahrgenommen, er schien nichts zu wissen von ihr und Michael. Wenn sie nur wüsste, wie sie nach Wicklow kommen konnte …

Kopflos rannte Kathleen hinaus auf die Straße. Immerhin hatte sie gerade noch daran gedacht, ihren Schal gegen die Winterkälte überzuwerfen. Es gab ein paar kleine Dinge aus ihrem Elternhaus, die sie gern mitgenommen hätte, aber das ging nun natürlich nicht mehr. Ihre Mutter und Geschwister waren sicher zu Hause, und sie würden ihr ansehen, wie es um sie stand.

Kathleen sagte ihnen allen im Geiste Adieu. Dann marschierte sie entschlossen in Richtung Wicklow. So schwer konnte es nicht sein, den Weg zu finden.

KAPITEL 4

Die Straße nach Wicklow tat sich breit vor Kathleen auf, aber der Weg war weit, viel weiter, als sie gedacht hatte. Kathleen lief so schnell sie konnte. Ihr war klar, dass ein Reiter sie dennoch leicht einholen würde – genau genommen waren bereits zwei an ihr vorbeigeritten. Waren es Boten der Miliz? Aber die hätten eigentlich uniformiert sein müssen. Kathleen versuchte, ruhig zu bleiben, und wanderte weiter. Es würde dunkel werden, bevor sie die Stadt erreichte.

Plötzlich hörte sie ein Fuhrwerk hinter sich heranrollen. Sie warf einen halb furchtsamen, halb hoffnungsvollen Blick auf den Bock. Womöglich brachte man Billy schon ins Gefängnis nach Wicklow. Aber dann sah sie zwei kräftige Schecken vor dem Wagen, und auch der Mann auf dem Bock war ihr bekannt. Ian Coltrane, der Sohn des Viehhändlers.

»Nanu, wen haben wir denn da?« Ian grinste zu ihr hinunter. »Wenn das nicht die kleine Kathleen O’Donnell ist? Wohin des Weges, Süße?«

Kathleen zwang sich zurückzulächeln. Ian Coltrane war ein hübscher Bursche, ein dunkler Kerl mit blitzenden Augen. Er sah Michael sogar ein bisschen ähnlich, nur dass seine Augen schwarz waren wie Kohle. Die Leute munkelten denn auch, die Coltranes hätten Tinkerblut.

Ian sah nicht nur aus wie ein Zigeuner, er verhielt sich auch so. Während Patrick Coltrane, sein Vater, mit Schafen und Rindern handelte, hatte sich Ian auf den Pferdehandel spezialisiert. Er musste damit recht guten Profit machen, denn seine karierte Jacke war nicht nur halbwegs neu, sondern auch warm und wattiert, seine Hosen waren aus Leder und seine Stiefel fest und robust. Kathleen betrachtete sie fast neidvoll. Ihre eigenen Schuhe waren verschlissen und nicht warm genug, ihre Füße fühlten sich jetzt schon wie Eisklumpen an.

»Nach … nach Wicklow …«, antwortete sie. »Ich … ich will eine Tante besuchen. Sie ist erkrankt …«

Ian grinste. »Und da hat dich deine Mutter mit ein bisschen Brot und Whiskey hingeschickt, ja? Und mit einem wollenen Umhang?«, bemerkte er mit Blick auf Kathleens leere Hände und ihre für eine solche Reise im Winter viel zu dünne Kleidung.

Kathleen errötete. Natürlich, daran hätte sie denken müssen! Die O’Donnells waren zwar arm, aber eine Kleinigkeit hätte ihre Mutter sicherlich irgenwoher organisiert und irgendein Mantel hätte sich dennoch finden lassen, um das Mädchen besser auszustatten in der Kälte; für einen Besuch in der Stadt hätte Kathleen auch ihr Sonntagskleid getragen.

»Wir … wir haben nichts zu verschenken«, erklärte sie kurz. »Es geht mehr um … um seelischen Beistand …«

Ian lachte. »Den könnt ich auch gebrauchen!«, neckte er sie. »Also wenn du mir ein bisschen davon geben magst – neben mir ist noch ein Platz frei.« Er klopfte auf den Bock.

Auf dem zweirädrigen Karren war auch hinten eine Sitzbank, die Kathleen weitaus lieber eingenommen hätte. Aber da lag Sattelzeug und Geschirr herum, und in ihrer misslichen Lage konnte sie nicht wählerisch sein. Sie kletterte also auf den Bock und nahm neben Ian Platz. Der ließ die Schecken daraufhin wieder antraben. Hinter dem Wagen her liefen noch zwei weitere Pferde und ein Maultier.

»Und … und du?«, fragte Kathleen, obwohl es sie nicht im Geringsten interessierte. »Wo willst du hin?«

Ian hob die Brauen. »Wonach sieht’s denn aus? Meinst du, ich fahre die Gäule spazieren? Pferdemarkt in Wicklow. Morgen früh auf dem Platz am Kai. Ich hoff, dass ich die drei da zu Geld mach …«

Kathleen warf einen Blick auf die Pferde. Eines davon kannte sie.

»Der Rappe ist aber nicht mehr jung«, merkte sie an.

Das Pferd hatte schon den Karren des Schusters gezogen, als Kathleen ein kleines Mädchen gewesen war. Oder täuschte sie sich doch? War das Pferd des Schusters nicht schon ergraut um die Augen herum? Und hatte es nicht einen Satteldruck auf seinem Rücken, der weiß verfärbt war? Der Rappe hinter dem Karren war schwarz und glänzte.

»Der? Der ist sechs Jahre alt und keinen Tag mehr!« Ian tat beleidigt. »Guck dir die Zähne an, wenn du mir nicht glaubst!«

Kathleen zuckte die Achseln. Die Zähne hätten ihr nichts gesagt, aber sie hätte schwören mögen, dass sie diesem Pferd als kleines Mädchen Löwenzahn gepflückt hatte, wenn es vor der Schusterwerkstatt auf seinen Herrn wartete. Zu besseren Zeiten, als die Menschen das Unkraut am Weg noch nicht selbst zu Suppen verkochten. Das Pferd hatte eine Art gezwirbelten Schnurrbart über den Nüstern. Kathleen hatte das vorher nie bei einem anderen Tier gesehen, und der Schuster musste das auch als Besonderheit empfunden haben, sonst hätte er das Pferd nicht Blackbeard getauft. Aber Kathleen wollte nicht streiten, dazu war sie viel zu froh über die Mitfahrgelegenheit. Die Schecken vor dem Wagen trabten munter dahin. Sicher brauchten sie kaum mehr als eine oder zwei Stunden nach Wicklow.

Kathleen versuchte also, das Gespräch von den Pferden ab und auf unverfängliche Themen zu bringen. Sie fragte nach Ians Vater, dessen Geschäfte nach Auskunft seines Sohnes eher schlecht gingen.

»Hat doch keiner Geld im Moment«, meinte der Junge wegwerfend.

Ian mochte um die zwanzig Jahre alt sein. Etwas älter als Michael. Auch sein Vater war Pächter bei Lord Wetherby, aber er war viel bessergestellt als die anderen. Patrick Coltrane arbeitete seine Pacht nicht ab, er bezahlte sie aus den Erlösen seines Viehhandels, und er war auch nicht abhängig von der eigenen Kartoffelernte. Sein Land diente vor allem der Tierhaltung. Die eigene Nahrung baute er nicht oder nur teilweise selbst an.

»Zumindest nicht für Kühe und Schafe …«, fügte Ian fast verächtlich hinzu. »Was soll’n die auch fressen? Die Leute buddeln doch selbst die letzten Wurzeln aus dem Boden.«

»Aber Pferde kann man verkaufen?«, wunderte sich Kathleen.

Ian lachte. »Ein paar reiche Herren gibt es immer … in Wicklow und Dublin braucht mancher ein Pferd – oder will eins. Man muss ihm nur klarmachen, das mache den Krämer zum Lord! Und auf dem Land sind die Gäule zurzeit billig …«

Kathleen überlegte, wie viel Ahnung diese Krämer wohl von Pferden hatten. Womöglich kauften sie wirklich den alten Blackbeard, wenn Ian ihnen weismachte, der Gaul käme aus den Ställen Lord Wetherbys.

»Aber auf die Dauer bleib ich nicht hier!«, verriet Ian ihr schließlich. »Nicht viel Geld in diesem Land. Genug zum Leben, aber wenn man ein bisschen mehr will … nein, mich zieht’s übern großen Teich! Ich will mein Glück machen!«

»Wirklich?«, fragte Kathleen, plötzlich sehr interessiert.

Der Pferdehändler war der Erste, der nicht aus purer Not von Auswanderung sprach, sondern sich ehrlich auf das neue Land zu freuen schien.

»Ein … ein Freund von mir spricht auch davon«, sagte sie. »Und ich … ich …«

Ian warf ihr einen Seitenblick zu. »Du hättst auch Lust? Also, damit bist du die Ausnahme. Die meisten Mädels, denen man von der neuen Welt erzählt, kriegen nur das große Zittern …«

»Na ja, die Überfahrt …«

Ian schnaubte. »Die Überfahrt! Gut, es wird sicher ein bisschen ungemütlich, und viel zu beißen wird’s auch nicht geben. Aber verglichen mit dem, was du hier zu beißen kriegst … obwohl du mir noch ganz gut genährt aussiehst, Süße! Ein hübsches Mädchen! Und eins mit Schneid …«

Eine Weile fuhren sie schweigend weiter. Dann betrachtete Ian Kathleen, die vor Kälte zitterte, mit neuem Interesse.

»Ist dir kalt, Süße?«, fragte er scheinbar fürsorglich und zog eine Decke hervor. Er legte sie Kathleen um die Schultern, wobei er sie etwas näher an sich zog. »Komm, ich wärm dich!«

Kathleen war froh, dass sie eben das Ortsschild nach Wicklow passierten.

»Und es muss ja auch gar nicht Amerika sein …«, sprach Ian angelegentlich weiter, während seine Hand unter der Decke über Kathleens Schulter in ihren Ausschnitt wanderte.

Kathleen rückte energisch von ihm ab.

»Kannst du … kannst du mich hier bitte rauslassen?«, fragte sie.

Ian lachte. »Hier? Aber wir sind fast noch in der Wildnis, Süße …«

Tatsächlich war dies ein Vorort, in dem hübsche Cottages und Gärten zwischen kleineren Feldern lagen. Von der Innenstadt, dem Kai und Barney’s Tavern mochten sie noch zwei oder drei Meilen entfernt sein.

»Meine Tante … wohnt hier irgendwo«, behauptete Kathleen.

»Ach ja, die Tante …«, spottete Ian. »Soll ich dich nicht vor die Haustür fahren?«

Kathleen schüttelte den Kopf. »Nein … nein danke. Du hast schon genug … also, ich hab genug … ich hab deine Hilfe schon genug in Anspruch genommen. Den Rest des Weges kann ich laufen. Vielen Dank, Ian!«

Ian zog die Brauen hoch und die Zügel an. Das Gespann stoppte sofort. »Wenn du drauf bestehst … dein Wunsch sei mir Befehl! Und vielleicht sieht man sich ja mal im Dorf!« Er tippte an seine Mütze.

Kathleen kletterte vom Bock und zwang sich, ihm zuzulächeln. »Sicher, am … am Sonntag in der Kirche … wenn du mal da bist …«

Patrick und Ian Coltrane waren gerade an den Wochenenden oft auf Viehmärkten unterwegs. Weshalb Ian wohl auch nichts von ihrem Verhältnis zu Ralph Trevallion wusste. Er hätte sie sonst sicher damit aufgezogen.

Ian grüßte noch einmal und ließ die Pferde dann antraben. Kathleen hoffte inständig, ihm nie wieder zu begegnen.

Auf dem Bock des Pferdewagens hatte sie fast noch mehr gefroren als beim Laufen. Sie musste sich jetzt, ganz steif und erschöpft, zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber sehr weit konnte es ja nicht mehr sein.

Tatsächlich war es noch nicht einmal völlig dunkel, als Kathleen die Hauptstraße erreichte. Schon der erste Passant, den sie nach Barney’s Tavern fragte, wies ihr den Weg.

»Kannste nicht verfehlen, Kleine, grad da hinter der ersten Biegung. Aber was willste in dem Schuppen? Da kannste in anderen mehr verdienen!«

Kathleen hätte im Boden versinken können, als ihr erst im Weitergehen klar wurde, wofür der Mann sie gehalten hatte! Sie beschleunigte noch einmal ihren Schritt. Als sie den Pub schließlich erreichte, war sie außer Atem. Sie fror kaum noch.

Aufatmend stieß das Mädchen die Tür auf und wurde von einem Schwall warmer, abgestandener Luft, stinkend nach Whiskey, Bier und Tabak überfallen. Kathleen kämpfte gegen die Übelkeit an, die sie jäh erfasste. Es sah nicht so aus, als würde aus dem Baby ein Mann werden, der sein halbes Leben im Pub verbringen wollte!

»Welch Glanz in unserer armseligen Hütte!«, begrüßte sie ein kleiner, rundlicher Mann hinter dem Tresen. »Goldene Locken, Alabasterhaut … und Augen so grün wie Irlands Weiden. Wenn du ein Trugbild bist, Schönste, darfst du bleiben. Aber sonst ist das hier nur für Jungs, sorry!«

Die meisten Pubs ließen keine Frauen ein.

Kathleen zwang sich zu einem weiteren Lächeln. »Ich bin Kathleen O’Donnell«, stellte sie sich vor. »Ich muss zu Michael Drury.«

Der kleine Dicke musterte sie anerkennend. »Barney«, stellte er sich vor. »Du bist das Mädchen, mit dem er wegwill?«, fragte er dann. »Respekt, Respekt, aber du hättst dir auch ’nen Besseren angeln können! Wie wär’s mit mir, Hübsche? Ich kann dir wenigstens was bieten. Ein Pub läuft immer!«

Kathleen fühlte Ärger in sich aufsteigen. Es reichte ihr. Sie wollte nicht mehr lächeln und niemandem mehr schöntun. Sie wollte Michael!

»Hören Sie!«, sagte sie in bestimmtem Ton. »Hören Sie, ich muss Michael warnen. Die Rotröcke sind hinter ihm her. Also bitte treiben Sie jetzt keine Spielchen …«

Der Dicke wurde schlagartig ernst.

»Die Miliz, Mädchen? Verdammt, ich wusste, dass da was faul ist. Aber nein … ›Nur ein Zimmer für ein paar Tage, Barney! Nur bis mein Mädchen sich da loseisen kann. Ist ja nicht einfach, für so ein Mädchen, der Abschied von der Familie …‹ Mit Engelszungen hat er geredet. Und ich hab mich einlullen lassen. Dafür schleppt er mir jetzt die Rotröcke ins Haus. Michael!« Barney brüllte nach hinten, in einen Raum hinter dem Schankraum.

Als niemand antwortete, lief er hinaus. Kathleen überlegte nicht lange. Sie folgte ihm durch die schmierige Küche in einen Flur, von dem mehrere Türen abgingen.

»Michael!« Barneys Ruf war nicht zu überhören, und tatsächlich öffnete sich schließlich eine der Türen. Michael trat heraus.

»Geht’s noch ein bisschen lauter, Barney?«, fragte er unwillig, aber dann sah er Kathleen hinter dem dicken Barmann.

»Kathleen! Ich nehm alles zurück, Barney, sie rechtfertigt jede Lautstärke. Eigentlich sollten ihr Trompeter und Trommler voranschreiten, wohin immer sie geht, damit Unwürdige ihren Blick abwenden können, bevor sie erblinden vor so viel Schönheit! Kathleen, das ist ja viel schneller gegangen, als ich in meinen kühnsten Träumen erhofft hatte!« Michael machte Anstalten, sie in die Arme zu nehmen, aber sie zwang sich, ihn zurückzustoßen.

»Michael, dafür ist keine Zeit! Sie haben Billy verhaftet. Und er wird reden! Wir müssen fort!«

»Sie haben Billy …? Verdammt, dieser kleine Dummkopf! Konnte die Finger nicht vom Whiskey lassen, ja? Dabei hab ich ihn gewarnt … ich …«

»Michael!« Kathleen schrie fast. »Weiß er von diesem Versteck?«

»Das würd mich jetzt auch interessieren!«, bemerkte Barney mit dem Blick eines wütenden Bullterriers.

Michael zuckte die Achseln. »Ich mag was erwähnt haben. Zumindest … nun ja, wir waren Samstag hier, nicht? Wenn er ihnen alle Pubs nennt …«

»Ich bin ruiniert!«, jammerte Barney. »Ich muss die Flaschen wegschaffen! Wenn sie die hier finden … erst recht, wenn sie dich finden … Mach bloß, dass du wegkommst, Michael Drury!«

Michael begann, seine Sachen zusammenzusuchen. Aber noch während er sein Bündel schnürte und Barney mit dem zweiten Arm voller illegal erworbener Whiskeyflaschen über den Flur eilte, schoss ein kleiner Junge durch die Küche herein.

»Barney, Daddy schickt mich. Weißt schon, der Wirt vom Finest Horse. Die Roten sind da, wegen des Whiskeys. Und wegen Michael Drury. Du sollst …«

Barney rief erneut den Himmel zu Hilfe und rannte umso schneller, während Michael sich umsah wie ein gehetztes Wild. »Kathleen, wir müssen hier raus! Schnell, das Finest Horse ist zwei Häuser weiter, wenn sie da fertig sind, kommen sie hierher. Pass auf, du verschwindest als Erste. Vorn heraus, durch den Schankraum …«

»Und du?« Kathleen stand wie erstarrt da.

»Ich nehm den Hinterausgang. Wir treffen uns dann am … am Kai, ich find dich schon.« Michael warf sein Bündel über die Schulter, aber dann schien ihm etwas einzufallen. Er nestelte eine Börse aus der Tasche und drückte sie Kathleen in die Hand. »Hier … nimm das! Schnell, worauf wartest du?« Michael schob sie in den Flur.

»Aber … aber …«

»Kein Aber, geh, Kathie, wir treffen uns später!« Michael drückte dem kleinen Jungen ein Geldstück in die Hand. »Hier, Harry. Bring die Lady in Sicherheit!«

Aus dem Schankraum waren jetzt Stimmen zu hören. Laute, befehlsgewohnte Stimmen. Michael rannte über den Korridor, der kleine Harry, ein rothaariges, gewitztes Kerlchen mit dem sanften, rundlichen Gesicht eines Cherubs, zog Kathleen in die andere Richtung. Sie hatte eben noch Zeit, ihren Schal über ihr Haar zu streifen, als sie sich auch schon zwei rotberockten Milizionären gegenüberfand. Die Männer stießen sie rüde beiseite und begannen, die Türen zu den Hinterzimmern aufzureißen. Kathleen folgte Harry wie betäubt in den Schankraum, wo sie gleich wieder eine Woge von Übelkeit erfasste. Diesmal nicht nur aufgrund des Gestanks, sondern auch vor Angst. Zwei weitere Soldaten hielten die um diese frühe Stunde noch spärlichen Zecher in Schach.

»Ausweisen! Niemand verlässt den Raum, bevor wir wissen, wer er ist und woher er kommt!«, brüllte einer von ihnen.

Ein paar Männer nestelten Papiere heraus, andere gaben mündlich Auskunft. Kathleen erblasste vor Entsetzen. Sie konnte sich nicht ausweisen. Man würde sie verhaften, man würde herausfinden, woher sie kam und sie als Michaels Komplizin einsperren.

Aus dem Hof hinter der Schänke waren Schreie zu hören. Aber Michael war doch fortgelaufen … Kathleen zitterte.

Aber dann fühlte sie Harrys kleine, warme Hand in der ihren. »Nun komm schon, Mommy, hier ist er doch nicht!«, sagte der Kleine mit süßer Stimme. »Hier ist nur die Polizei! Schau nur, Mommy, welch schmucke Uniformen sie haben!«

Der kleine Junge schaute die Männer mit unschuldiger Bewunderung an, kniff Kathleen allerdings gleichzeitig in die Hand.

»Weinen!«, zischte er.

Kathleen schluchzte auf. Es fiel ihr erheblich leichter als das gezwungene Lächeln in den Stunden zuvor.

Harry zog sie Richtung Ausgang. »Gütige Herren, lasst uns durch!«, wandte er sich dann ehrfürchtig an den vierschrötigen Milizionär, der die Tür bewachte. »Wir haben unseren Daddy hier nicht gefunden. Aber wir müssen weitersuchen, sonst versäuft er noch das ganze Geld, das uns der Großvater gegeben hat!«

Der Junge zupfte nachdrücklich an Kathleens Kleid. Sie musste mitspielen! Sie konnte es dem Kind nicht allein überlassen, sie hier herauszulügen.

Kathleen wimmerte. »Auf Pferde wollt er’s verwetten«, klagte sie. »Könnt Ihr Euch das vorstellen, Ihr Herren? Und dabei war’s doch für unsere Schulden … Und die Pacht, liebe Herren! Wenn wir Paddy nicht bald finden, wirft uns der Landlord auf die Straße …«

Harry weinte jetzt ebenfalls. Sein Geheule hätte Steine erweichen können. Der Milizionär gab die Tür frei. Das Heulen fiel ihm wohl auf die Nerven, und an der Frau zeigte er kein Interesse. Billy schien Kathleen also nicht erwähnt zu haben, als er Michael verraten hatte. Wenigstens etwas …

»So hau schon ab, Weib«, brummte der Soldat. »Und ich hoff für dich, dass du den Kerl findest … aber so sind sie, eure Paddys und Kevins … Saufen und Wetten, Nichtsnutze allesamt!«

Kathleen hörte nicht länger hin. Sie schaffte es kaum, einen kleinen Dank zu stammeln, als Harry sie unter vielen »Vergelt’s Gott, Ihr Herren!« aus dem Pub zog. Draußen verstummte sein Geheule sofort.

»Wo willste denn jetzt hin?«, fragte er Kathleen.

Michael war durch den Korridor geflohen. Die Hintertür war leicht zu finden – schließlich rannte Barney hier schon das dritte Mal mit Flaschen heraus und ohne wieder herein. Allerdings öffnete sich die Tür nicht wirklich in die Freiheit, sondern nur in einen hoch gemauerten Hof.

Michael blinzelte ins Zwielicht, während er ins Freie hastete. Es musste eine Tür oder ein Tor geben. Aber der Hof war mit Gerümpel, mit leeren Flaschen und Fässern, alten Tischen und Stühlen vollgestellt. Barney schien alles hier herauszuschaffen, was er nicht mehr gebrauchen konnte, aber aus irgendwelchen Gründen nicht wegwerfen wollte. Im Halbdunkel konnte man kaum etwas erkennen. Aber da, da war der Ausgang!

Michael rannte auf ein solides hölzernes Tor zu, warf sich dagegen – und fand es verschlossen. Verzweifelt suchte er nach dem Griff, vielleicht steckte ja ein Schlüssel …

»Barney!«

Es war zwecklos. Barney war entweder wieder im Pub und heuchelte Unschuld, oder er war durch eben dieses Tor hier weg. Wohl wissend, dass er Michael den Wölfen zum Fraß vorwarf, wenn er hinter sich abschloss.

Hinten im Haus durchsuchten die Rotröcke die Zimmer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie auch auf den Hof kommen würden. Michael musste einen raschen Entschluss fassen. Verstecken oder versuchen, über die Mauer zu entkommen? Ersteres war sinnlos, die Männer würden den Pub durchsuchen. Auch und gerade die Gelasse im Hof, wo sonst versteckte man gestohlenen Whiskey? Aber über die Mauer mochte ein Fluchtweg führen. Wenn er auf eines der Fässer stieg … oder noch besser, ein Fass auf einen der alten Tische wuchtete …

Michael arbeitete in rasender Eile. Leider brach der erste Tisch schon unter dem Fass zusammen. Der zweite hielt. Michael kletterte hinauf, aber vom Tisch auf das Fass zu gelangen, forderte einen Balanceakt. Und da waren auch schon die Soldaten. Michael betete, dass sie ihn in der Dunkelheit nicht sofort entdeckten, aber die zwei Männer trugen Laternen.

»Da ist er!«

Michael erkletterte das Fass mit dem Mut des Verzweifelten und stemmte sich hoch, um über die Mauer klettern zu können. Aber dann ertönte ein Schuss. Michael roch Pulverdampf, ließ aber nicht nach in seinen Bemühungen.

Dennoch – es war zu spät. Einer der Soldaten war bereits bei ihm und stieß den Tisch und das Fass mit einem Fußtritt unter ihm weg. Michael versuchte, sich am First der Mauer festzuhalten, aber der Stein war schlüpfrig vom Eisregen der letzten Tage. Die Finger des jungen Mannes rutschten ab, und er fiel schwer auf den Boden.

»Michael Drury?«, fragte der Soldat und riss ihn hoch.

Michael sprach kein Wort.

»Ich weiß nicht«, flüsterte Kathleen. »An … an den Kai. Wenn Michael …«

»Wenn sie den mal nicht schnappen«, meinte Harry pessimistisch. »Ist besser, wir kriegen das erst raus. Bevor er ihnen sagt, dass du am Kai auf ihn wartest.«

Kathleen fuhr auf. »Er würde mich nie verraten!«

Harry zuckte die Schultern. Dabei schien er zu überlegen. »Pass auf, Lady, folg mir, ich bring dich zu Daisy. Da fällst du nicht auf … na ja, schon ein bisschen, so wie du aussiehst. Aber wird schon werden. Zeig ihr bloß nicht die Börse, sonst bist du sie los …«

Der Kleine schob sie energisch in eine Seitengasse, aber Kathleen wehrte sich, als sie aus Barney’s Tavern Lärm vernahm.

Ein Schuss …!

»Michael … Michael, ich muss zu ihm …«, jammerte Kathleen.

Harry hielt sie mit ungeahnter Kraft am Kleid fest. »Nichts da, jetzt hab ich dich da rausgehauen, und du willst wieder rein? Biste verrückt? Womöglich jagen sie mich auch noch, wenn du dich zu erkennen gibst!«

»Aber ich …«

Immerhin war Harry genauso neugierig, wie Kathleen verzweifelt. Er zerrte sie zumindest nicht weiter, sondern hielt sie nur hinter der Ecke fest. Die beiden spähten hinüber zum Pub, aus dem jetzt Rufe und weiterer Lärm zu hören waren. Und dann ging die Tür auf. Zwei Rotröcke schleppten einen Mann heraus. Er wehrte sich. Michael war gefesselt, aber offensichtlich unverletzt.

»Sag ich doch, dass sie den kriegen«, bemerkte Harry. Dann nahm er Kathleens Hand. »Komm jetzt, dem kannste nicht mehr helfen. Sie hängen ihn schon nicht gleich! Kannst morgen fragen, wo sie ihn hingebracht haben. Aber jetzt erst mal weg hier!«

Kathleen konnte nicht mehr denken. Sie war starr vor Angst und Grauen über Michaels Schicksal. Was würden sie mit ihm machen? Hatte Harry das ernst gemeint mit dem Hängen? Sie würden doch niemanden dafür hängen, dass er drei Säcke Korn gestohlen hatte!

Harry zog sie in einen Hauseingang, über dem ein rot bemaltes Schild hing, auf dem »Daisy’s« stand. Mehr nicht, aber man brauchte nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was sich dahinter verbarg.

Kathleens Entsetzen wurde immer größer.

»Aber das ist … ich kann doch nicht …«

»Miss Daisy tut nichts«, beruhigte sie der Junge. »Und die Mädchen erst recht nicht. Jedenfalls beklaun sie keine Armen, und mir geben sie immer Zuckerstangen. Also, komm!«

Kathleen betrat den dunklen Flur hinter der Eingangstür mit klopfendem Herzen, aber um diese frühe Stunde war hier noch nichts los. Harry lotste sie eine Stiege hinauf, die zu einem weiteren, engen Korridor führte, von dem mehrere Zimmer abgingen. Hinter einer der Türen erklang Lachen und Plaudern. Harry klopfte, stieß die Tür aber auf, als darauf niemand reagierte.

»Miss Daisy? Hier is’n Mädchen, vom Land. Gehört zu den Whiskeybrennern, das Liebchen von Michael Drury. Den haben sie grad mitgenommen, und jetzt weiß sie nicht, wo sie hinsoll.«

Kathleen hielt den Kopf gesenkt, spähte aber doch ängstlich unter ihrem Schal hervor. Ihr Blick fiel auf einen Raum voller Spiegel, Flitter und Tand. Es schien eine Art Ankleidezimmer zu sein. Vier oder fünf Mädchen, nur leicht bekleidet, waren zu Kathleens Schrecken gerade dabei, sich mithilfe knallroter Strapse und Rüschenkleidern in schrillen Farben in bunte Nachtvögel zu verwandeln. Ein Mädchen schnürte sich, eines malte sich vor einem der Spiegel das Gesicht an.

So oder ähnlich stellte sich Kathleen den Weg zur Hölle vor. Die Mädchen wirkten allerdings keineswegs diabolisch, sondern sahen ganz gewöhnlich aus. Einige waren auch nicht mehr so jung, wie sie auf den ersten Blick gewirkt hatten. Besonders die Frau, die sich jetzt Harry zuwandte, hatte die vierzig bestimmt bereits überschritten.

»Und wir soll’n sie jetzt verstecken? Was bin ich? Ein Hotel?«

»Nicht verstecken«, flüsterte Kathleen. »Keiner … keiner sucht mich. Und ich wollte auch gar nicht … ich … ich kann gleich wieder gehen …« Sie wandte sich um.

Die Frau lachte. »Ach, und wohin willst du gehen? Kleine, allein auf der Straße, in dem Viertel … da nehmen sich die Kerle zu gern umsonst, wofür sie hier bezahlen müssen. Und den Michael kenn ich, das ist ein ehrlicher Junge. Der Whiskey war immer erste Sorte, grad der letzte …«

Kathleen seufzte. An dieses Etablissement hatte Michael seinen Schwarzgebrannten also auch geliefert. Wie mochten die Frauen dafür bezahlt haben? Sie fühlte fast etwas wie Wut in sich aufsteigen.

Miss Daisy – die ältere Frau schien die Besitzerin des Bordells zu sein – brachte das Wort Whiskey auf einen Gedanken. Sie förderte rasch eine Flasche unter einem der Schminktische hervor, goss ein Glas ein und reichte es Kathleen.

»Hier, trink mal! Siehst ja aus, als hättste ein Gespenst gesehen.«

»Ich muss dann wohl gehen«, meinte Harry.

Miss Daisy lächelte ihn an und holte aus dem gleichen Versteck eine Zuckerstange. »Aber nicht ohne eine kleine Wegzehrung, mein Kleiner!«, lachte sie. »Der einzige Mann, den wir hier alle lieben«, erklärte sie dann, an Kathleen gewandt. »Die Mädchen streiten sich jetzt schon drum, wer ihn mal als ›Jungfrau‹ ins Bett kriegt!«

Kathleen errötete wieder, aber Harry grinste die gutmütige Bordellbesitzerin an.

»Nichts da, Miss Daisy, ich such mir ’n anständiges Mädchen, wie Michael es gemacht hat. Das hat er mir auch gesagt: Harry, hat er gesagt, such dir ’n gutes Mädchen! Und dann hat er mir vorgeschwärmt von seiner Liebsten und ihren schönen Augen, grün wie Irlands Glens, und ihrem goldenen Haar …«

Miss Daisy lachte noch lauter und zog Kathleen spielerisch den Schal vom Kopf. Kathleen wehrte sich instinktiv, aber er fiel doch auf ihre Schultern herab und gab den Blick auf ihr Haar und ihr Gesicht frei.

Miss Daisy pfiff durch die Zähne, auch ein paar der Mädchen gaben bewundernde Laute von sich.

»Du meine Güte!«, stieß die Bordellbesitzerin aus. »Da kommt ein Mädchen vom Land, und man erwartet ein verhuschtes Mäuschen! Aber es erscheint eine wahre Prinzessin. Hat dich gut gefüttert, dein Michael …«

Miss Daisys prüfender Blick wanderte weiter über Kathleens Körper. Kathleen zog den Schal tiefer. Ihr Bauch war eigentlich noch ziemlich flach, aber schon ihre Gestik ließ die erfahrene Miss Daisy die richtigen Schlüsse ziehen.

»Oh, meine Kleine! Da hab ich schon gehofft, ich könnt dich vielleicht anwerben … aber du wärst mir nicht lange von Nutzen. Ist Michael der Glückliche?«

Kathleen fuhr auf. »Natürlich Michael! Was denken Sie? Ich … wir … wir wollten heiraten … in Amerika … wir …«

Plötzlich konnte sie weinen. Sie schluchzte in den Whiskey, den Daisy ihr hinhielt, und schließlich nahm sie tatsächlich einen Schluck. Es war der erste in ihrem Leben, und er brannte wie Feuer in ihrer Kehle. Kathleen hustete.

»Tja, das wird jetzt wohl nichts mehr«, konstatierte Miss Daisy. »Den Jungen siehst du so bald nicht wieder – zumindest nicht in Freiheit. Im Gefängnis kannst du ihn besuchen, wenn du dem Wärter ein paar Pennys gibst. Aber bis sie den rauslassen … wenn überhaupt, ist das Kind groß.«

»Wenn überhaupt?«, fragte Kathleen entsetzt. »Meinen Sie, sie hängen ihn? Herrgott, sie können doch keinen dafür hängen, dass er drei Säcke Korn genommen hat!«

»Geklaut hat er auch noch?«, seufzte Daisy. »Kindchen, Kindchen … Aber nein, hängen werden sie ihn nicht. Nur abschieben. Botany Bay, Van-Diemens-Land … Nie gehört, Kleine?«

Kathleen versuchte, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln. Natürlich hatte sie von den Kolonien gehört. Von Australien, wohin die Engländer Sträflinge als Zwangsarbeiter schickten. Aber das … das konnten sie doch mit Michael nicht machen!

»Wenn du mehr als sieben Jahre kriegst, hast du Pech gehabt«, meinte Daisy. »Und das brummen sie ihm locker auf. Zumal wenn er auch noch geklaut hat. Schade um den Jungen … Und um dich tut’s mir auch leid. Kannst trotzdem dableiben, wenn du willst. In welchem Monat bist du überhaupt? Ist doch noch früh, nicht? Das kannst du auch noch wegmachen lassen.«

Kathleen starrte sie an. Ihr Kind wegmachen lassen? War die Frau von Sinnen?

»Ich kenn ’ne Frau, die macht das gut. Beißt selten eine ins Gras dabei … Aber gut, gut, ich seh schon, kommt nicht infrage. Wird dir noch leidtun, Kleine.«

Kathleen begann wieder zu weinen. Jetzt scharten sich auch die anderen Mädchen um sie. Eines legte tröstend den Arm um die Fremde. Kathleen blickte schaudernd in ihr grell geschminktes Gesicht, sah unter all dem Puder und der Schminke aber auch die Züge einer älteren Frau, die sehr viel mütterlicher wirkte als Daisy.

»Nun lass das kleine Ding doch erst mal zur Ruhe kommen!«, beschwichtigte sie. »Die weiß doch gar nicht, was sie will …«

»Michael!«, schluchzte Kathleen. »Ich will Michael … und das Kind braucht ihn … sie können doch nicht …«

»Ruhig … ruhig …« Die Frau wiegte sie beruhigend hin und her.

»Was hältst du davon, wenn wir deinen Michael morgen suchen?«

Kathleen sah hoffnungsvoll zu ihr auf.

»Suchen? Sie meinen, besuchen? Wo? Im …«

»Im Gefängnis, Kleine, sprich es ruhig aus. Und erst mal müssen wir ihn finden, kann sein, dass sie ihn hier festhalten, kann auch sein, dass sie ihn zurück in euer Dorf bringen. Oder nach Dublin. Glaub ich aber nicht, zumindest nicht so schnell. Jedenfalls hörn wir uns um. Vielleicht kannst du ihn ja sehen. Aber jetzt wein mal nicht mehr, ist nicht gut für den kleinen Wurm da drinnen, wenn die Mommy traurig ist …«

Die Frau nahm eins der schmierigen Schminktücher vom Tisch und wischte Kathleen die Tränen ab. »Ich bin übrigens Bridget«, sagte die Frau. »Du musst nicht so förmlich mit mir reden. Und wie heißt du?«

»Kathleen …«, flüsterte Kathleen. »Mary Kathleen.«

Sie hatte den Schutz der Gottesmutter noch nie so dringend gebraucht.

KAPITEL 5

Kathleen schlief den Schlaf der Erschöpfung im Ankleidezimmer der Huren auf einem Berg getragener, nach Schweiß und billigem Parfüm stinkender Rüschenkleider. Sie hüllte sich in ihren Schal, die verschlissene Decke, die Bridget ihr gebracht hatte, ließ sie schaudernd liegen. Dabei roch das Ding eigentlich sauber.

Aber Kathleen hätte am liebsten gar nichts von all dem angefasst, was hier sicher sündige Verwendung fand. Ein paarmal schreckte sie trotz aller Müdigkeit auf, wenn Männer lachten oder Frauen kreischten. Ihre Stimmen klangen umso ausgelassener und betrunkener, je länger die Nacht voranschritt.

Bridget wirkte allerdings gar nicht besonders mitgenommen, als sie Kathleen am nächsten Morgen weckte, sondern hellwach und munter. Sie sah zudem viel vertrauenerweckender aus als am Abend zuvor. Das auffällige rote Kleid hatte sie mit einem ganz normalen blauen getauscht, und sie trug einen ordentlichen Hut auf ihrem braunen, dick gelockten Haar. Hätte sie auch noch auf die Puderschicht verzichtet, mit der sie wohl die Spuren zu vieler, zu langer Nächte zu verbergen suchte, so hätte man sie für eine gänzlich normale Hausfrau halten können.

»Dann komm, Mary Kathleen!«, sagte sie lächelnd. »Wollen wir mal sehen, was wir für deinen Michael tun können …«

Kathleen fuhr sich nervös durch ihr üppiges goldfarbenes Haar. Es musste schrecklich aussehen. Genau wie ihr verschlissenes und nun auch noch schmutziges und zerknittertes Kleid. Wie hatte sie nur auf diesem Haufen Wäsche einschlafen können! Sicher roch sie jetzt auch nach dem schrecklichen Parfüm.

Bridget reichte Kathleen grinsend einen Kamm. »Nimm schon, Kleine, keine von uns hat Läuse. Du magst das hier alles schockierend finden, aber es ist ein ganz netter kleiner Puff. Da kannst du weiß Gott Schlimmeres finden! Nicht mal Daisy ist so hart, wie sie tut …«

»Aber … aber … wo … wo sind sie jetzt?«, stammelte Kathleen. »Die ganzen Mädchen … und die Männer?«

Bridget lachte. »Die Freier sind gottlob zu Hause! Hier lassen wir keinen schlafen. Und die Mädchen sind auf ihren Zimmern. Die meisten hatten ’ne lange Nacht. Ich nicht so, auf mich stehn sie nicht mehr. Aber Daisy lässt mich trotzdem bleiben. Ein oder zwei Kerle pro Nacht sind fast immer zu voll, um zu sehen, wie alt eine ist, und ich mach’s auch schon mal etwas billiger. Sonst putz ich hier ein bisschen und schau nach dem Rechten. Fertig, Kleine? Wir sollten im Zuchthaus vorbeigucken, bevor sie deinen Schatz womöglich nach Dublin verlegen.«

Kathleen hatte notdürftig ihr Haar gerichtet und versteckte sich nun wieder unter ihrem Schal. Das erwies sich als sinnvoll, als sie neben ihrer neuen Freundin auf die Straße trat, denn es war bitterkalt.

»Dein Schatz wird frieren in seiner Zelle«, meinte Bridget mitleidig. »Hast du ’n bisschen Geld?«

Kathleen wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Einerseits hatte Harry sie gewarnt, von ihrer Börse zu erzählen, aber andererseits wirkte Bridget nicht wie eine Diebin.

»Ich frag nur, weil die Officer käuflich sind«, erklärte Bridget, der die Zurückhaltung des Mädchens wohl auffiel. »Der Knast hier in Wicklow – das kann die Hölle sein oder ’n ordentliches Zimmer. Aber wer ’n Feuer haben will und anständig was zu beißen, der muss zahlen. Ist wie im Hotel. Für ’n Besuch musst du auch zahlen. Aber das ist billig, den Penny schenk ich dir …«

Kathleen empfand eine Woge von Zuneigung und Scham. Diese Frau, die sie gar nicht kannte, wollte ihr wirklich hart erarbeitetes Geld für sie weggeben. Und als Dank dafür schaute sie auf sie herab und misstraute ihr!

»Ist nicht nötig, ich hab Geld!«, erklärte Kathleen schnell. »Aber … aber vielen Dank. Und du … du … ich glaub auch nicht, dass du in die Hölle kommst!«, stieß sie hervor.

Bridget lachte schallend. »Kindchen, da war ich schon! Immer rein und wieder raus!«, sagte sie. »Öfter, als du denken kannst. Wenn der Herrgott oder der Teufel da nach dem Tod noch was draufsetzen wollen, dann müssen sie sich verdammt anstrengen!«

Kathleen versuchte zu lächeln, aber sie war entsetzt. Bridget schien so eine ehrenhafte Frau zu sein – aber sie lästerte Gott und forderte den Teufel heraus!

Bridget führte Kathleen durch die kleine Hafenstadt, sie durchquerten auch etwas weniger ärmliche Viertel. Wicklow Gaol, das berüchtigte Gefängnis lag am Südende neben dem Gerichtsgebäude.

Kathleen war müde und verfroren, als sie ankamen.

»Da, schau! Unser neues Zuchthaus, gerade mal zehn Jahre alt. Der alte Bau wäre beinahe zusammengebrochen, schließlich haben sie ihn abgerissen. Ganz modern ist es jetzt da … man prügelt nicht mehr so viel, sondern schickt die Kerle in die Tretmühle. Das wär menschlicher, meinen sie. Nur der Kerker soll noch genauso gruselig sein wie der alte …«

Kathleen verstand nicht genau, wovon Bridget sprach, aber die schmucklose Fassade des von hohen Steinmauern umgegebenen Gebäudes jagte ihr Angst ein.

Bridget merkte davon nichts. Sie steuerte zielstrebig das Wachhäuschen an und bat beherzt um Einlass. Der Pförtner schien sie zu kennen.

»Na, Bridie? Ham’se wieder ’nen Verehrer von deinen Püppchen eingebuchtet? Oder den eigenen Liebsten?«, neckte er sie.

Bridget grinste. »Nöö, Warden! Ich lach mir höchstens ’nen Rotrock an. Wenn schon Galgenstrick, dann soll er auch was auf der Tasche haben!«

Der Mann lachte gutmütig, dann ließ er sie ein. Kathleen folgte Bridget über einen tristen Gang ins Hauptgebäude, wo die alte Hure mit einem Wärter sprach. Sie scherzten miteinander. Er wurde allerdings ernst, als sie Michaels Namen erwähnte.

»Der Gauner aus Wicklow County? Der Schwarzbrenner?«

»Michael ist kein Schwarzbrenner!«, warf Kathleen ein.

Bridget gebot ihr mit einer raschen Handbewegung Schweigen. Dem Wärter gegenüber zog sie die Brauen hoch. »Das Mädel ist nicht bei sich …«, bemerkte sie kurz.

Der Mann achtete denn auch nicht weiter auf Bridgets Begleitung, sondern fuhr gleich fort.

»Der Kerl ist ein harter Brocken, Bridie! Den haben sie verprügelt bis aufs Blut, gleich gestern Abend. Die Miliz war wütend, weil er sich der Verhaftung widersetzt hat. Hat ihnen wohl ’ne harte Zeit gemacht, sie mussten ihn den ganzen Weg herschleifen, von selbst is’ er keinen Schritt gegangen. Und er kann schweigen! Kein Wort bislang, trotz all der Schläge. Dabei wollten sie natürlich rauskriegen, wo das Nest von den Schwarzbrennern ist. Whiskey haben sie gefunden, in verschiedenen Pubs – wenn auch kaum so viel, wie der Kerl verkauft hat. Aber wichtiger wär die Destille.«

»Michael weiß gar nicht …« Kathleen versuchte es noch einmal.

Jetzt wurde der Mann aufmerksam. »Bist wohl mit von der Partie, Mädchen, was?«, fragte er argwöhnisch. »Hast ’n bisschen beim Brennen geholfen?«

»Ach, Bockmist, die Kleine weiß gar nichts!«, erklärte Bridget resolut. »Kommt direkt aus ihrem Dorf am Vartry River, da hat der Kerl ihr nach allen Regeln der Kunst den Hof gemacht. Und nun fällt sie aus allen Wolken. Das ist ein anständiges Mädchen, Officer. Sie sollten sie umsonst zu ihrem Liebsten lassen, bestimmt hat sie ’n guten Einfluss auf den Burschen.«

Der Wärter lachte. »Du versuchst es mit allen Tricks, Bridie! Aber mir ist’s ehrlich gesagt ganz schnuppe, ob der Kerl redet oder nicht. Der hat seine Fahrkarte nach Van-Diemens-Land sowieso in der Tasche – oder wo man die Sträflinge jetzt hinschickt, Botany Bay ist ja wohl geschlossen. Ob die Kleine also mit ihm betet oder rasch noch ein paar Küsse tauscht – macht einen Penny!«

Kathleen nestelte ein paar Münzen aus ihrer Tasche – sie hatte sie vorher der prall gefüllten Börse entnommen, die tief in ihren Kleidern verborgen bleiben sollte. Sie holte Luft.

»Miss Bridget sagt, Sie könnten auch sonst vielleicht etwas für Michael tun?«, fragte sie leise. »Eine bessere Zelle … besseres Essen …?«

Der Officer zuckte die Schultern. »Erst muss er aus dem Kerker raus, kleine Lady. Solange sie sich da mit ihm vergnügen, kann ich nicht viel machen. Und wenn er weiter so verstockt ist, geht das bis zur Verhandlung. Aber danach bleibt er noch ein paar Monate hier – die Schiffe fahren nicht vor März, im Winter ist die See zu rau. Die Zeit kann ich ihm wohl versüßen …«

»Jetzt bringen Sie ihn erst mal her!«, entschied Bridget. »Oder muss das Mädchen in den Kerker?«

Der Wärter nickte schulterzuckend. »Geht nicht anders, der Kerl ist angekettet. Aber jetzt ist eine gute Zeit, die Miliz ist beim Frühstück – und das spülen die gern mit ein paar Whiskeys runter. Also komm, Kleine!«

Kathleen folgte dem Mann zitternd durch zugige Gänge und über Treppen in das Kellergewölbe. Jeder Schritt erzeugte einen schaurigen Hall. Sie sprach kein Wort, der Officer schwieg ebenfalls. Er schien froh zu sein, dass sie kaum jemandem begegneten. Nur einmal kam ein anderer Gefängniswärter vorbei, der einen Trupp abgerissen aussehender Sträflinge vor sich her trieb. Die Männer wagten nicht aufzusehen, lediglich verstohlene Seitenblicke trafen Kathleens Gestalt, die sie so gut wie möglich unter ihrem Schal verbarg.

»So … hier …«

Der Gang vor den Kerkerzellen war nur spärlich mit Ölfunzeln erleuchtet. In den Zellen selbst herrschte fast völlige Dunkelheit. Man ließ den Gefangenen lediglich eine Kerze, um ihr Gelass zu erleuchten. Kathleen blinzelte ins Halbdunkel, als sie eingelassen wurde.

»Wart gerade mal«, brummte der Mann dann und holte eine der Laternen aus dem Gang in die Zelle. »Hier, weil du’s bist. Sollst deinen Liebsten ja wenigstens sehen können. Kostet nur einen halben Penny mehr!«

»Aber dann müssen Sie die Lampe auch hinterher drinlassen!«

Kathleen wusste nicht, wie ihr geschah. Sie hätte nie geglaubt, dass sie den Schneid aufbringen würde, so etwas zu sagen. Aber Michael … schon der erste Blick auf seine auf einem Haufen Stroh ausgestreckte Gestalt ließ sie erschauern. Sie musste um ihn kämpfen. Er hatte niemanden außer ihr.

»Weil du’s bist?«, fragte seine dunkle Stimme argwöhnisch, als der Wärter gegangen war. »Was hast du getan, dass man dich hier einließ, Kathie?«

Kathleen hatte sich bereits neben ihm ins Stroh gekauert. Sie konnte es kaum erwarten, Michael in die Arme zu schließen und ihn zu küssen. Aber jetzt blitzte sie ihn wütend an.

»Was denkst du denn, Michael Drury? Dass ich mich benehm wie ein leichtes Mädchen, nur weil ich jetzt für alle nur die Liebste eines Gauners bin?«

»Kathleen …« Michael richtete sich auf. »Verzeih mir, Kathleen … es war … es war eine lange Nacht.«

Er versuchte, sich an die Wand zu lehnen, aber sie sah, dass sein Hemd am Rücken klebte und dass Blut durch den Stoff gesickert war. Und jetzt bemerkte sie auch die Ketten an Michaels Armen und Beinen.

»Sie haben … dich ausgepeitscht?«, fragte sie.

Michael schüttelte den Kopf. »Lass das jetzt, Kathleen, reden wir nicht darüber. Ich kann dir nur sagen, dass es mir leidtut. Es war … Herrgott, das Letzte, was ich wollte, war, dich in Verruf zu bringen! Ich wollte dich heiraten, Kathleen. Ein neues Leben beginnen, unser Kind mit dir aufziehen. Und nenn mich nicht ›Gauner‹, Kathie! Ich hab niemandem etwas getan, mich nie geschlagen, nie betrogen – jeder hier wird dir sagen, dass ich ein ehrlicher Mann bin …«

Kathleen lächelte schwach. »Wenn du nicht gerade Korn stiehlst und Schwarzgebrannten verkaufst …«

»Und ist es nicht unser Recht als Iren, unseren eigenen Whiskey zu brennen in unserem eigenen Land? Sollten wir nicht das Korn essen – oder daraus Gebrautes trinken! –, das wir selbst gesät und geerntet haben? Wenn Irland den Iren gehörte, gäbe es keine Hungersnot! Nein, Kathleen, ich schäme mich nicht! Und du sollst dich auch nicht für mich schämen!«

Michael nahm sie bei den Schultern und sah ihr fest in die Augen. Kathleen spürte beinahe Angst. So ernst hatte er noch nie mit ihr gesprochen.

»Sie werden mich fortschicken, Kathleen«, sagte Michael. »Ich kann dich nicht heiraten und zu einer ehrbaren Frau machen. Obwohl du für mich, Mary Kathleen, mehr als nur ehrbar bist – du bist heilig! Und du wirst unser Kind in Würde aufziehen. Ich vertraue auf dich!« Er küsste ihre Stirn, als wolle er den Bund besiegeln.

Sie nickte stumm.

»Was ist mit dem Geld, Kathleen? Hast du es?«, fragte Michael dann.

»Ja«, gab sie leise zurück. »Was soll ich jetzt bloß tun?«, fügte sie hinzu.

Er zog sie an sich und schloss sie in die Arme. Seine Zärtlichkeiten waren sanft und tröstlich. Aber sie gaben keine Antwort.

Ein Penny für den Officer bedeutete eine Stunde, und Kathleen und Michael nahmen in dieser kurzen Zeit Abschied für immer. Sie sprachen nicht viel, aber sie berührten einander. Michael legte die Hand auf den Leib seiner Liebsten, als könne er das Kind schon spüren.

»Willst du es Kevin nennen?«, fragte er. »Nach meinem Vater?«

Kathleen fragte sich, ob sie wirklich wollte, dass ihr Sohn nach einem Whiskeybrenner hieß, aber dann sagte sie sich, dass dies ein schöner Name war, ein heiliger Name. Sie dachte an all die Geschichten um den heiligen Kevin, die Father O’Brien je erzählt hatte. Daran, dass er stark gewesen war und schön, aber auch so sanft und klug, dass ihm Seeungeheuer wie Lämmchen zu Füßen lagen und die Vögel in seinen Händen brüteten.

Also nickte sie und überließ sich ein letztes Mal Michaels Küssen. Es würde für ein ganzes Leben reichen müssen. Kathleen versuchte, nicht zu weinen, als sie ihn schließlich verließ.

»Ich möchte ein Lächeln in Erinnerung behalten!«, flüsterte Michael.

Kathleen lächelte unter Tränen. Aber dann fiel ihr etwas ein. Mit einer raschen Bewegung wickelte sie sich eine Strähne ihres Haares um die Hand und riss sie ab – wie sie es oft gesehen hatten, wenn die Männer die Mähnen der Pferde kürzten.

»Hier …«, sagte sie. »Ich weiß nicht, ob du sie behalten kannst. Aber wenn …«

Michael führte das Haar an seine Lippen. »Ich werde darum kämpfen!«, sagte er schlicht und versuchte dann, auch sich eine Strähne abzureißen. Sein Haar war jedoch nicht lang genug. So biss er die Zähne zusammen und riss sich das Haarbüschel einfach aus.

»Michael …«, rief Kathleen erschrocken. Sie wollte nicht, dass er noch mehr Schmerzen litt.

»Für dich, meine Liebste. Vergiss mich nie!«

Der Officer räusperte sich, als Kathleen Michael noch einmal küsste – züchtig auf die Stirn, er sollte kein Zeuge ihrer Zärtlichkeiten werden.

Michael hielt ihre Hand, bis sie sich ihm schließlich entzog. »Ich werde dich immer lieben!«, versprach sie mit fester Stimme.

»Ich komme zurück!«, rief er ihr nach, als sie schon in den Gang trat. »Wohin sie mich auch schicken, ich komme wieder!«

Kathleen wandte sich nicht um. Sie wusste, dass sie geweint hätte, und das wollte sie nicht.

Du wirst unser Kind in Würde aufziehen, ich vertraue auf dich, hatte Michael gesagt. Sie hatte etwas versprochen, und sie musste es halten.

»Und nun?«, fragte Bridget.

Sie hatten Wicklow Gaol verlassen, und Bridget hatte das Mädchen in die nächste Garküche geschleppt, die bereits geöffnet war. Kathleen war beängstigend blass, Bridget fand, sie brauche einen heißen Tee – am besten mit einem Schuss Whiskey.

Nun nippte sie unschlüssig an dem kochend heißen Getränk.

»Was kann ich denn tun?«, fragte sie mutlos. »Ich weiß nur … ich weiß nur, dass ich das Kind nicht wegmachen lasse. Das … wie konnte Daisy nur daran denken? Bridget, ich … ich glaube nicht, dass ich zu Daisy zurückmöchte …«

Bridget zuckte die Schultern. »Daisy ist nicht schlecht. Und sie wollte dir nichts Böses, glaub mir. Sie weiß nur zu gut, worauf du dich einlässt, wenn du einen Bastard zur Welt bringst. Denn so werden sie dein Kind nennen, Kleines, egal in wie viel Liebe es gezeugt wurde. Und das ist nicht schön für das Kind, Kathleen. Ich bin selbst ein Bastard! Und ich hab oft gedacht, es wär ein Segen gewesen, hätt mich meine Mom in ihrem Leib getötet. Aber wie auch immer, keiner zwingt dich dazu. Zuallerletzt Daisy. Ob du allerdings dorthin zurücksolltest …«

Kathleen sah Bridget mit großen Augen an. Diese fuhr unbeirrt fort zu reden.

»Schau, Kleines, im Grunde hast du drei Möglichkeiten. Die eine ist, du bleibst hier. Bei Daisy, sie hat dir das Angebot ja gemacht. Du bist bildschön, Mädchen, sie würde ein Vermögen mit dir verdienen, und das ginge auch ein paar Jahre gut. Du könntest das Kind irgendwo in Pflege geben und dafür zahlen …«

»Aber dann seh ich’s doch gar nicht!«, protestierte Kathleen. »Dann ziehen andere Leute es auf!«

Bridget zuckte die Schultern. »Im Hurenhaus kannst du’s auch nicht zu ’nem guten Christen erziehen.«

»Und die anderen Möglichkeiten?«, fragte Kathleen verzagt.

»Nun, die eine ist, du gehst zurück in dein Dorf. Und das Klügste wär, du suchst dir da einen, der gebrauchte Ware nimmt …«

»Was meinst du damit?«, fragte Kathleen.

»Einen Mann, der dich heiratet. Trotz des Kindes. Du bist so schön, es muss reihenweise Kerle geben, die dich begehren. Das Kind müssen sie dann halt als Zugabe nehmen. Zumal du doch auch nicht ohne eine gewisse Mitgift kommst, oder?« Bridget sah Kathleen scharf an. Sie musste etwas von Michaels Geld ahnen.

Kathleen nickte. »Das schon«, gab sie zu. »Aber ich liebe Michael … ich kann doch mit keinem anderen …«

»Du glaubst gar nicht, Kleines, was der Mensch alles kann!«, unterbrach Bridget sie bitter. »Aber gut, du kannst auch unverheiratet bleiben. Deine Eltern werden dir wahrscheinlich das Leben zur Hölle machen, aber wenn du Glück hast, schmeißen sie dich nicht gleich raus. Wenn doch, bleibt noch eine andere Möglichkeit.«

»Welche?« Kathleen klammerte sich an den letzten Strohhalm.

»Nimm das Geld und kauf dir eine Schiffspassage!«, sagte Bridget. »Geh nach Amerika, wie ihr es geplant hattet. Aber ich sag’s dir gleich, keiner weiß, was dir da geschieht. Ich nicht und niemand sonst, egal was die Leute reden. Kann sein, dass es wirklich das gelobte Land ist, in dem Honig aus den Quellen fließt. Kann aber auch sein, dass es noch mieser und dreckiger ist als hier. Gerade für Mädchen. Ich hab noch nie von ’nem Land gehört, in dem ein Mädchen frei war. Es ist ein Risiko. Wenn du’s eingehen willst – bis das nächste Schiff geht, bringen wir dich schon irgendwie durch.«

Kathleen dachte nach, und ihr Herz klopfte heftig. Sie fürchtete sich. Vor den Coffin Ships, vor dem unbekannten Land … Auch in Amerika, vermutete sie, galt es als Schande, ein Kind ohne Mann aufzuziehen.«

»Du könntest sagen, du wärest Witwe.« Bridget schien ihre Gedanken zu lesen.

Kathleen fuhr eine Idee durch den Kopf. Vielleicht ein Ausweg – für sich selbst und ihre neue Freundin.

»Würdest du mitkommen, Bridget?«, fragte sie leise. »Ich habe … wir hatten Geld für zwei Passagen. Ich würde für dich zahlen. Und ich wäre … ich wäre nicht so allein …«

Bridget dachte einen Herzschlag lang nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, Kind«, sagte sie leise. »Ich hab nicht den Mut. Ich glaub nicht mehr an die Neue Welt, Kleines, nicht an den Himmel und nicht an Vergebung, aber auch nicht an Schande. Was kann das arme Kind dafür, dass sein Vater gestohlen hat? Noch dazu aus den edelsten Beweggründen. Aber das rettet dich nicht. Und ich hab nicht die Kraft für eine neue Hölle. Wer weiß, was da am anderen Ende der Welt auf uns lauert?« Bridget seufzte. »Was ich hier hab, weiß ich. Nicht das Paradies, aber besser als so manches andere. Ich wag’s nicht, das aufs Spiel zu setzen. Aber hör nicht auf mich, Kathleen! Wahrscheinlich bin ich nur zu alt. Wenn ich noch mal sechzehn wäre … vielleicht würd ich’s tun. Aber jetzt nicht mehr, Kleines. Tut mir leid.«

Die ältere Frau legte tröstend ihre Hand auf Kathleens Arm. Kathleen seufzte. Sie wusste, dass sie allein es nicht wagen würde. Amerika war nie ihr Traum gewesen, es war Michaels Traum. Mit ihm wäre sie gegangen. Ohne ihn war es hoffnungslos.

Kathleen wählte also den zweiten Weg. Nachdem sie sich von Bridget verabschiedet und noch tausendmal bedankt hatte, machte sie sich auf den langen, steinigen Heimweg in ihr Dorf. Diesmal hielt kein Karren neben ihr, und es war ihr auch recht. Sie hatte keine Eile, anzukommen. Man würde sich sowieso die Mäuler darüber zerreißen, wo sie gewesen war und was sie getan hatte.

Als sie auf halbem Wege war, kam ihr ein Wagen der Rotröcke entgegen. Sie erkannte Billy Rafferty angekettet in dem vergitterten Planwagen. Offensichtlich schaffte man auch den zweiten Dieb nach Wicklow. Billy lag im Stroh und schaute blicklos vor sich hin. Kathleen zog den Schal über ihr Gesicht. Billy Rafferty ging sie nichts an.

Im Dorf verursachte ihre Rückkehr weniger Aufsehen, als sie gedacht hatte. Tatsächlich konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Dörfler eher auf Grainné Rafferty und ihre Familie als auf sie. Die alte Köchin traf das Gesetz mit aller Härte, und Trevallion, der Einzige, der noch Einspruch hätte erheben können, kannte keine Gnade.

Die Miliz hatte am Nachmittag das Haus der Raffertys gestürmt und Grainné und ihre Kinder hinausgetrieben. Die Köchin weinte und bettelte, aber die Schergen der Krone stellten sich taub und stumm. Als die Familie mit den wenigen Besitztümern, die sie rasch hatte retten können, im Freien stand, rissen sie die Wände des Cottages ein und steckten die Trümmer in Brand.

Bridie und ihre Kinder blieben schluchzend zurück. Sie hatten nicht einmal die Möglichkeit, bei irgendeinem anderen Dörfler vorübergehend unterzukriechen. Bis zum Abend mussten sie Wetherbys Land verlassen.

»Schuld daran ist nur dieser Drury …«, wimmerte Grainné und wies auf die anderen rauchenden Trümmer, die einmal die Hütte der Drurys gewesen waren. Allerdings hatten Fiona Drury und ihre Kinder Trevallion nicht die Freude gemacht, die Zwangsräumung abzuwarten. Gleich in der Nacht nach Billys Verhaftung hatten sie sich in die Berge davongemacht.

»Taten immer so christlich, aber letztlich waren sie das gleiche Pack wie ihre Vorväter!«, schimpfte Grainné.

Dabei war Fiona sicher ebenfalls weinend gegangen. Michaels Mutter hatte nie in den Bergen leben wollen. Aber immerhin hatte sie eine Zuflucht gehabt, für Grainné gab es keine Hoffnung.

»Vielleicht findest du ja eine Anstellung in der Stadt«, tröstete Kathleens Mutter. »Die Mädchen sind doch auch bald alt genug, in Stellung zu gehen …«

Die Frauen des Dorfes schoben sich nacheinander schüchtern an die Verfemten heran und steckten ihnen kleine Geschenke zu. Mrs. O’Donnell gab schweren Herzens das letzte Säckchen Korn aus den Geschenkvorräten Trevallions.

Grainné nickte tapfer. Dann zog sie ihren Kindern voraus ins Ungewisse.

Kathleen ertrug die Vorwürfe ihrer Mutter und die Ohrfeigen ihres Vaters ohne Klagen. Sie erzählte nicht, wo sie gewesen war, die Eltern konnten es sich ohnehin an den Fingern einer Hand abzählen.

»Und Trevallion weiß inzwischen auch, was da ablief!«, erregte sich die Mutter. »Der wäre eine so gute Partie gewesen, Kathleen! Aber nein, du musstest dich mit einem Gauner einlassen, einem Dieb und Schwarzbrenner! Das wird dauern, Kathleen, bis darüber Gras gewachsen ist! Hoffen wir mal, dass du wenigstens noch Jungfrau bist …«

Kathleen ließ auch dies unkommentiert. Ihre Mutter würde früh genug merken, dass die Sache nicht so glimpflich abgelaufen war, wie sie hoffte.