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Das Glück wartet am Wegesrand

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1 Saint Jean Pied de Port, französisches Baskenland
  8. 2 Saint Jean Pied de Port
  9. 3 Saint Jean Pied de Port – Roncesvalles
  10. 4 Roncesvalles – Larrasoaña
  11. 5 Larrasoaña – Pamplona
  12. 6 Larrasoaña – Pamplona
  13. 7 Pamplona
  14. 8 Pamplona – Los Arcos
  15. 9 Los Arcos – Logroño
  16. 10 Logroño – Burgos
  17. 11 Burgos
  18. 12 Burgos – in der Nähe von Castrojeriz
  19. 13 Burgos
  20. 14 Burgos
  21. 15 Burgos
  22. 16 Burgos – León
  23. 17 León – Santiago de Compostela
  24. 18 Santiago de Compostela
  25. 19 Santiago de Compostela
  26. 20 Santiago de Compostela
  27. 21 Finisterre
  28. 22 Finisterre
  29. 23 Berlin
  30. 24 Berlin
  31. Epilog Leipzig
  32. Danksagung

Über das Buch

Pilgern? Für die verwöhnte Diana war das bisher ein Fremdwort. Erst eine handfeste Lebenskrise lässt sie umdenken: Sie spürt, dass sie dringend neue Orientierung braucht! Allerdings erweist sich der Alltag auf dem Jakobsweg als ganz schön hart, und auch der Blick auf ihr altes Ich tut weh. Doch Schritt für Schritt lernt Diana ihr Herz zu öffnen und sich einzulassen – auf die Menschen an ihrer Seite, auf die Wunder am Wegesrand. Und plötzlich scheint das Glück zum Greifen nah zu sein …

Über die Autorin

Laura Weber ist ein Maikind der frühen achtziger Jahre. Schon in der Schulzeit schrieb sie Geschichten und gewann sogar einmal einen Schreibwettbewerb. Doch diese Leidenschaft wurde leider durch Studium und Beruf verschüttet – bis sie sich entschied, endlich ihren Traum vom Schreiben zu verwirklichen. Laura Weber ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in einer deutschen Großstadt, in der sie sich sehr wohlfühlt.

LAURA WEBER

Das Glück wartet
am Wegesrand

EIN JAKOBSWEG-ROMAN


Für Anna

Ohne dich wäre ich diesen Weg nie gegangen.

1 Saint Jean Pied de Port, französisches Baskenland

Noch kann ich umkehren. Der Gedanke überfällt mich vor dem Eingang des mittelalterlichen Hauses, und ich atme tief durch. Ein Flügel der Holztür ist einladend geöffnet, bittet mich herein. Will ich das hier wirklich machen?, denke ich. Was, wenn ich mal wieder die falsche Entscheidung getroffen habe? Wenn mein Leben dadurch nicht besser wird, sondern schlimmer? Wenn ich Sachen über mich erfahre, die ich lieber nicht wissen will?

Ich seufze und blicke die Straße entlang. Kopfsteingepflastert führt sie bergauf, gesäumt von altertümlichen Steinhäusern mit roten und grünen Fensterläden. Menschen in Outdoorkleidung spazieren einzeln oder in Gruppen herum, die wenigen Einheimischen begegnen ihnen mit unverbindlicher Freundlichkeit. Die Bewohner der Häuser haben Blumenkübel aufgestellt, mit roten, weißen, gelben Blüten, die in der Aprilsonne leuchten. Es ist früher Nachmittag, und die Sonne strahlt, aber in der Luft hängt noch eine Ahnung von Winter. Ich spüre, wie sich die Härchen auf meiner Haut aufstellen und am Stoff meines Funktionsshirts reiben. Das Gefühl lässt mich frösteln. Trotzdem kann ich mich nicht überwinden, durch die Tür zu treten.

Eine Stimme in mir gibt Marc die Schuld daran, dass ich hier stehe. Aber das stimmt leider nicht ganz. Es gehören immer zwei dazu, schießt mir durch den Kopf. Von den zweien bin eine nun mal ich. Oder vielmehr, war eine ich. Und ich werde nicht umkehren, denke ich tapfer. Ich habe meinen Entschluss nun einmal gefasst, und jetzt ist es an der Zeit, ihn umzusetzen. Hinter mir liegen bereits ein Flug in einem dieser unglaublich engen Billigflieger und eine Busfahrt vom Flughafen zum nächsten Bahnhof. Von dort aus ging es auf dem Gleis weiter. Auf der Zugfahrt konnte ich mich wenigstens in der bergigen, grünen Landschaft verlieren, die vor dem Fenster vorbeizog. Und jetzt bin ich am eigentlichen Anfang meiner Reise angekommen. Endlich. Schon. Jetzt wird es ernst. Mein Rückflug geht von Santiago, 800 Kilometer zu Fuß entfernt. Der Gedanke, einfach umzukehren, ist verlockend. Dann wäre ich Diana, die beinahe mal den Jakobsweg gegangen wäre.

Vielleicht schaue ich mir aber auch erstmal die Zitadelle an, zu der diese Straße, die Rue de la Citadelle, führt. Ist doch sicher viel interessanter als dieser bürokratische Akt hier im Pilgerbüro … Nein, ermahne ich mich, ich gehe da jetzt rein. Ich werfe einen letzten Blick auf das Symbol, das an der Eingangstür prangt und hier allgegenwärtig ist: gelbe Linien auf blauem Grund, die an einem Punkt zusammenlaufen. Es soll eine Jakobsmuschel darstellen und dient als Wegweiser entlang der Strecke.

Ich habe Glück, das Pilgerbüro ist bis auf einen Angestellten leer. Während ich draußen mit mir gehadert habe, sind mindestens vier Grüppchen aus der Tür gekommen, in der Hand ihre Pilgerausweise und die Jakobsmuscheln, die sie sich um den Hals oder an ihren Rucksack hängen werden, damit jeder es sehen kann: Dies sind keine Wanderer, dies sind Pilger. Sie gehen denselben Weg, der schon seit Jahrhunderten von Tausenden, wahrscheinlich Millionen von Menschen aus den verschiedensten Gründen beschritten worden ist: Besinnung, Abkehr, die Suche nach einer Antwort, die früher einfach Gott hieß. Heute ist das wohl alles etwas komplizierter. Glaube ich.

Ob der Weg auch für mich eine Lösung bringt? Oder ist die schon längst vorhanden, und ich muss sie nur finden? Wäre ja schön, wenn ich mir dafür keine Blasen laufen müsste, meldet sich mein inneres Faultier wieder zu Wort. Ich schiebe es gedanklich beiseite und frage mich stattdessen, ob es einen Kodex gibt, bestimmte Verhaltensregeln, die mit dem Tragen der Jakobsmuschel einhergehen. Ich will hier schließlich alles richtig machen.

Den Angestellten im Pilgerbüro kann ich jedenfalls nicht fragen – die Sprachbarriere. Er begrüßt mich freundlich auf Französisch. Mein bisschen Schulfranzösisch ist über zehn Jahre alt, und nur noch traurige Reste sind davon vorhanden. Als er merkt, dass ich nichts verstehe, macht er nicht etwa Anstalten, ins Englische zu wechseln, sondern holt lediglich den Pilgerausweis hervor, den er mir hinhält. Es ist ein Faltblatt mit gelbem Deckblatt, auf dem meine persönlichen Daten eingetragen werden sollen und in dem ansonsten die Stempel der Pilgerstationen gesammelt werden, so viel weiß ich schon. Der Angestellte zeigt auf den Kugelschreiber, der auf seinem Tisch steht. Ich trage meine Daten ein. Daraufhin nimmt er den Ausweis und knallt dermaßen laut einen Stempel darauf, dass der ganze Tisch wackelt. Ich zucke zusammen. Es kommt mir vor, als ob gerade mein Schicksal besiegelt worden wäre.

Meine Stimmung kippt. Oder vielmehr ist es so, als ob die selbstverständliche, ruppige Art des Franzosen einen Vorhang beiseite reißt – den letzten Schleier, der mir selbst verhüllt hat, wie viel Schiss ich vor dem habe, was mir bevorsteht. Der Mann drückt mir den Pilgerausweis in die Hände. Sein Lächeln kommt mir falsch vor. Er sagt etwas auf Französisch, von dem ich nur »Bon chemin!« – Guten Weg – verstehe. Ich murmele eine Verabschiedung und drehe mich um, nur um vor einem Ständer mit Jakobsmuscheln in allen Farben und Größen zu stehen. Brauche ich jetzt auch so eine? Es sind so viele! Mein Blick springt hektisch über die rötlichen, grauweißen oder in Bonbonfarben eingefärbten Muschelschalen, und ich versuche, eine Entscheidung zu treffen. Mein Atem geht schneller, mir wird heiß. Mir dreht sich alles. Nichts wie raus hier!

Ehe ich mich versehe, stehe ich ohne Muschel wieder vor dem Pilgerbüro auf der Straße, blicke auf den Ausweis in meiner Hand und versuche zu verstehen, was gerade passiert ist. Mit leerem Blick starre ich auf das Kopfsteinpflaster, spüre den kalten Schweiß auf meiner Stirn prickeln.

Wie von selbst tragen mich meine Füße den Berg hinauf, bis ich schließlich vor dem Tor der alten Festungsanlage stehe. Eine Brücke führt über einen Wassergraben dorthin. Ich merke, wie sehr ich außer Atem bin. Ist es die Steigung, oder ist es das Gefühl der Panik, das sich in meiner Brust ausgebreitet hat? Atme, Diana, ermahne ich mich.

Während ich mit vermutlich rotem Gesicht und starrem Blick versuche, meine Atmung in den Griff zu bekommen, schlendert ein Mann aus der Zitadelle auf mich zu. Er ist groß, schlank und trägt wie fast alle hier eine Outdoor-Kluft. Die graue Trekkinghose und die dunkelblaue Funktionsjacke sehen an ihm irgendwie unglaublich elegant aus. Vielleicht ist es die Art, wie er geht: beiläufig, doch gleichzeitig würdevoll. Als er näher kommt, kann ich sein Gesicht erkennen. Ich glaube, mich trifft der Schlag – das ist der schönste Mann, den ich je gesehen habe! Sein Antlitz – das ist wirklich das Wort, was mir in den Sinn kommt – ist wie aus Marmor gemeißelt. Elegante Nase, hübsches Kinn, volle Lippen. Seine sanften Augen sind verhangen, er scheint in Gedanken versunken zu sein. Unwillkürlich frage ich mich, was ihn gerade bewegt – es ist nur eine kleine senkrechte Falte zwischen seinen Augenbrauen, die mir zuflüstert, dass ihm gerade irgendetwas zu schaffen macht. In dem Moment trifft sein Blick auf mich, und ein offenes Lächeln stiehlt sich auf sein Gesicht.

»Na, auch noch die Zitadelle besichtigen, bevor es morgen richtig losgeht?«, fragt er munter auf Deutsch.

»Nein, ich …«, stammele ich. Woher weiß er, dass ich deutsch spreche? Verwirrt schaue ich ihn an, sehe seine braunen Augen, die angesichts meiner Unbeholfenheit amüsiert funkeln.

»Ich war im selben Flieger wie du«, grinst er. »Ich bin Raphael.«

Was? Das kann doch gar nicht sein! Jemand wie er wäre mir doch sicher aufgefallen, oder? Aber bevor ich mich darüber allzu sehr wundern kann, geht mir auf, dass ich ihm aufgefallen bin, und bei dem Gedanken wird mir jetzt doch etwas warm. Ich spüre, wie die Röte in mein Gesicht zurückkehrt. Nur diesmal aus einem angenehmeren Grund. »Ah … Didi.« Ich lächle nervös und strecke ihm unbeholfen die Hand hin. »Eigentlich Diana.«

»Ein schöner Name.« Er erwidert den Handschlag. Seine Hand ist feingliedrig, aber warm und kräftig. »Diana, die römische Göttin der Jagd. Mich haben meine Eltern nach dem Erzengel Raphael benannt.«

Oha. Das ist jetzt nicht ganz das, was ich erwartet habe. »Also sind sie sehr christlich, deine Eltern?«, wage ich mich vorsichtig vor.

»Kann man so sagen«, entgegnet er. »Und das ist auch in Ordnung, sie sind keine Fundamentalisten, falls du das glaubst. Der Name Raphael bedeutet ›Gott heilt‹. Raphael ist der Schutzpatron der Kranken und Apotheker, und mein Vater ist Apotheker, also … Aber ich schätze, der Name passt auch zum Jakobsweg, denn Raphael ist ebenso der Schutzpatron der Pilger. Jedenfalls war ich schon öfter hier, und wer weiß? Vielleicht hat mein Name damit zu tun.«

Smalltalk ist wohl nicht so Raphaels Ding. Kurz denke ich, dass dieser Mann genauso gut selbst ein Engel sein könnte, so wie er aussieht. Aber das kann ja nicht sein, dann wäre sein Vater nicht Apotheker, sondern … hm, Gott? Haben Engel überhaupt Eltern? Meine Güte, es ist schon erschreckend, wie wenig Ahnung ich von dieser ganzen Religionssache habe. Vierzig Jahre real existierender Sozialismus haben wohl ihre Spuren bei meinen Eltern und damit in meiner Erziehung hinterlassen.

Jedenfalls beeindruckend, was er alles über seinen Namen weiß. Und über meinen, wobei mich meine Mutter höchstwahrscheinlich nach Prinzessin Diana benannt hat. Nicht, dass ich sie mir je zum Vorbild genommen hätte, obwohl ich gewisse Parallelen zu mir erkenne. Bevor das jetzt eingebildet klingt: Ich meine eher ihr verkorkstes Privatleben. Wenigstens lebe ich noch.

»Aber genug von mir«, sagt Raphael. Mein Blick muss glasig geworden sein, während ich über englische Royals nachgedacht habe. »Was ist mit dir? Warum bist du hier?«

Mein Blick wandert zum Fenster, das ich nur verschwommen sehe. Draußen dämmert es bereits. Die Tage werden jetzt wieder länger, aber es ist immer noch kalt.

»Dann gehe ich jetzt wohl besser«, sage ich mit tränenerstickter Stimme.

Ich hasse es, dass sie so klingt.

»Tu das«, erwidert Marc. Ich mustere seine blauen Augen. Er meint es ernst. Er meint es wirklich ernst, und ich bin so neben mir, dass ich noch nicht einmal die Kraft habe, mich darüber aufzuregen. Drei Jahre, schießt es mir durch den Kopf. Drei Jahre meines Lebens habe ich mit ihm verbracht, und das soll jetzt einfach so vorbei sein? Ich weiß ja, dass alles nicht mehr so toll ist wie damals, als wir verliebt waren und alles ganz leicht erschien. Jetzt ist es kompliziert. Eigentlich war es immer schon irgendwie kompliziert. Das ist halt das Leben. Aber damals hat uns das nichts ausgemacht. Wann hat das aufgehört?

So leicht will ich jedenfalls nicht aufgeben.

»Ich …«, stammele ich und schlucke, um meine Stimme wiederzubekommen. »Ich kann nicht glauben, dass du es einfach so beenden willst.«

Kurz sehe ich in Marcs Augen etwas, das darauf hindeutet, dass ihm das hier nah geht. »Würde ich auch lieber nicht. Wem macht so etwas schon Spaß?«, entgegnet er dann.

»Darum geht es dir? Um Spaß?«, frage ich aufgebracht.

»Das habe ich nicht gesagt. Es ist halt alles nicht mehr so wie früher.«

Das hat er also auch gemerkt. Ich spüre, wie ich wütend werde. »Aber was du gemacht hast, geht einfach nicht. So kann man keine Beziehung führen.«

»Ich weiß«, sagt Marc, und mit einem Mal liegen Schmerz und Bedauern in seinem Blick. »Ich wollte dir nicht wehtun. Es ist … einfach so passiert.«

Soll ich das glauben? Er wirkt so aufrichtig. Aber Marc ist es gewohnt, zu sagen, was andere hören wollen. Ich habe gedacht, zumindest mir sagt er immer die Wahrheit. Bis vor einer Woche.

»Was schlägst du also vor?«, frage ich.

Marc antwortet nicht, sondern blickt sich in der Wohnung um. Ich folge seinem Blick über die teure Ledercouchgarnitur, den riesigen Flatscreen, den viel zu großen Esstisch aus Walnussholz, den Designer-Kronleuchter darüber.

Schließlich finden seine Augen mich.

»Du musst doch selbst merken, dass es aus ist zwischen uns«, sagt Marc. »Das hat doch alles keinen Sinn mehr.«

Und da ist es wieder, das Gespenst, das mich schon seit Monaten verfolgt: Trennung. »Aber …«, sage ich reflexhaft und verstumme sofort wieder. Aber was? Ich weiß eigentlich, dass er recht hat. Und es ärgert mich, dass nicht ich es bin, die den Mut hatte, diese Worte auszusprechen. »Und jetzt?«, frage ich.

»Ach Didi, muss ich denn alles für dich ausbuchstabieren? Du nimmst dir jetzt erst mal ein Hotelzimmer, und am Wochenende holst du deine Sachen ab. Das muss hier doch alles kein Drama sein. Wir sind uns doch einig. Oder siehst du das etwa anders?«

Das ist Marc. Lösungsorientiert und pragmatisch. Das fand ich mal gut, ein Gegengewicht zu meiner Unentschlossenheit. Aber ich möchte kein Problem sein, das gelöst wird. Und im Moment möchte ich am liebsten meine nicht lösungsorientierte Wut über seine Kaltschnäuzigkeit wie eine Vase auf seinem Kopf zerschlagen.

»Tolle Idee«, erwidere ich. »Und wovon soll ich das Hotel bezahlen, bitte?«

»Kein Problem«, sagt Marc. »Ich gebe dir Geld. Das bin ich dir schuldig.«

Ich weiß schon, wie das klingt. Das Problem ist nur: Ich habe beinahe meine ganzen Ersparnisse in mein Fortbildungsstudium gesteckt. Master of Business Administration, ein Management-Studium. Es ist an einer dieser wirklich teuren Privatunis, und es war billiger, für alle Semester im Voraus zu bezahlen. Ich hatte etwas Geld zurückgelegt, aber so viel nun auch wieder nicht. Doch ich wollte für meine Ausbildung selbst bezahlen, schließlich bin ich eine selbstständige Frau. Ich würde bloß bei Marc wohnen, das war alles. Nur dass es in der Praxis natürlich nicht so war: Er ist einen Lebensstil gewohnt, der so teuer ist, dass ich von meinem mageren Bafög kaum etwas dazu beitragen konnte. Also bezahlte er bald so gut wie alles. Vielleicht ist das auch Teil des Problems. Bestimmt sogar. Aber es ist so einfach, so bequem, sich von ihm etwas zustecken zu lassen, wenn mal wieder Ebbe auf meinem Konto herrscht.

»Du entscheidest also, was du mir schuldig bist?«

»Warum drehst du mir ständig die Worte im Mund herum?«

»Vielleicht, weil du mich angelogen hast?«

Marc bläst die Backen auf und lässt die Luft mit einem Stoß entweichen. »Willst du das Geld oder nicht?

Wer bezahlt, entscheidet. Das ist so ein Marc-Spruch, den er wohlweislich nie an mich gerichtet hat, sondern immer nur benutzt, wenn er über einen Kunden geredet hat. Dass er das jetzt über Bord wirft, ärgert mich, aber nicht so sehr, wie es mich ärgert, dass er so tut, als ob ihm das nicht gefallen würde. Ich weiß, dass er sich dabei ganz groß fühlt. Für ihn ist das eine Win-win-Situation. Aber es gehören halt zwei dazu – eine, die die falschen Entscheidungen trifft, und einer, der sie darin bestärkt: Du brauchst doch nicht nebenbei zu arbeiten, Didi. Konzentrier dich lieber auf dein Studium. Ich freu mich, wenn du abends Zeit für mich hast, statt über deinen Büchern zu hängen. Der Weg ins große, echte Leben, dachte ich lange, aber eigentlich war es der perfekte goldene Käfig.

»Nein«, sage ich. »Will ich nicht. Aber du weißt genau, dass ich keine andere Wahl habe.«

»Geh doch zu deiner Mutter«, sagt Marc da.

Nein. Da kann ich jetzt unmöglich einfach so auftauchen.

»Du …« Mir fallen gleichzeitig tausend Begriffe und doch keiner für ihn ein. Die Luft entweicht aus mir – wie aus einem Schlauchboot, in das jemand ein Loch gestochen hat. Ich blicke den Mann an, der vor mir steht, sein selbstgefälliges Grinsen. Der Marc, in den ich mich verliebt habe, war nicht so.

Soll ich wirklich dieses Geld nehmen? Wozu würde mich das machen? Marc hat mir immer wieder erzählt, wie billig er die Frauen findet, die nur auf sein Geld stehen, und betont, dass es mit mir ganz anders sei. Das habe ich immer geglaubt, aber natürlich wollte ich das auch hören. Mittlerweile denke ich, dass er mit so einer oberflächlichen Tussi besser dran ist.

»Ach, scheiß drauf«, mache ich mit einer wegwerfenden Handbewegung. Dann ist es eben Schmerzensgeld. Und es ist ja nicht so, als ob Marc nicht genug davon hätte.

Der Moment, in dem ich dastehe und zusehe, wie er mir Fünfziger und Hunderter in die Hand zählt, ist trotzdem wahnsinnig unangenehm. Als würde ein Preis an unsere Trennung, an unsere ganze Beziehung geheftet.

»So, tausend Euro, das sollte für ein paar Nächte reichen. Wenn du mehr brauchst, sag Bescheid. Wir sehen uns ja am Wochenende.«

Für ein Hotelzimmer ist das eine ordentliche Summe, und trotzdem fühlt es sich schäbig an. Doch mit Marc ist darüber gerade nicht zu reden, das sehe ich genau. Der will mich jetzt einfach nur loswerden.

Ich blicke ihn ein letztes Mal an – vernichtend, wie ich hoffe, aber wem mache ich was vor? -, öffne die Tür und schlage sie hinter mir zu. Das ist das Souveränste, zu dem ich im Moment in der Lage bin. Ich fühle mich dumm, klein und leer. Was jetzt?

2 Saint Jean Pied de Port

»Warum ich hier bin? Ach, nur so. Ich hab so viel Gutes vom Jakobsweg gehört, da wollte ich mir den mal selbst anschauen«, lüge ich Raphael ins Gesicht. Dessen Augenbrauen wandern nach oben, und er runzelt die Stirn.

»Weißt du was? Das glaube ich dir nicht«, sagt er dann geradeheraus.

Mir klappt die Kinnlade herunter. Wie bitte? Ich meine, okay, ich bin eine schlechte Lügnerin. Bis jetzt habe ich das für etwas Gutes gehalten, aber ich will eben nicht erzählen, was der wahre Grund dafür ist, dass ich hier bin. Das hat niemanden zu interessieren außer mich. Und schon gar nicht diesen Verschnitt von Michelangelos David, der da vor mir steht.

»Das geht dich gar nichts an«, blaffe ich Raphael also entgegen. Der blickt mich beinahe erschrocken an. Na toll, jetzt denkt er bestimmt, ich hätte wer weiß was für ein dunkles Geheimnis oder gar ein Trauma. Und ganz so schlimm steht es ja auch wieder nicht um mich, oder?

»Klar«, beeilt er sich zu sagen. »Entschuldige. Jeder geht damit anders um.«

»Stimmt«, sage ich bloß und schaue ihn an.

Raphael runzelt wieder die Stirn. Es steht ihm. Sein schönes Gesicht wirkt plötzlich gleichzeitig weise und neugierig, wie er mich so anschaut, den Kopf zur Seite gelegt, und versucht, das Rätsel um diese Frau mit der Stupsnase und den zum Pferdeschwanz gebundenen schulterlangen Haaren zu lösen, die da vor ihm steht. Als ob ich eine mathematische Gleichung wäre. Von klarer, eleganter Schönheit.

»Tja, also …«, beginnt Raphael.

»Ja.«

»Ich geh dann mal … in die Herberge. Ähm. In den Schlafsaal. Vielleicht … sieht man sich mal«, stottert er.

Also, wer so redet, kann jedenfalls kein Engel sein, egal wie überirdisch gut er aussieht. Aber vor allem: War das gerade etwa eine Anmache? Oder sagt man das so unter Pilgern?

»Klar«, erwidere ich leichthin. »Aber heute nicht mehr, ich übernachte zur Feier des Tages in einem Einzelzimmer.«

»Ah, ja, das empfiehlt sich. Also dann, einen guten Schlaf und eine gute erste Etappe!« Raphael scheint sich wieder gefangen zu haben. »Und viel Spaß in der Zitadelle!«

Nachdem wir uns verabschiedet haben, überquere ich die Brücke, die über den Festungsgraben führt, löse ein Ticket und betrete das burgähnliche Gemäuer. Es ist ein mächtiger Bau, ein umgebautes Schloss, wie mir eine Tafel verrät. Auf dem Exerzierhof im Inneren schaue ich mich um. Ich sehe die alten Steine, aber es will mir nicht gelingen, mir die Menschen vorzustellen, die einst darin gelebt haben. Stattdessen sehe ich mich selbst, wie ich nach dem Streit mit Marc heulend durch die kalten Straßen gelaufen bin, bis es Nacht war. Die tausend Euro wogen schwer in meiner Tasche, und es wäre so einfach gewesen, einfach in eine der hell erleuchteten Lobbys zu spazieren und ein Zimmer zu verlangen. Es wäre genau das, was Marc getan hätte; vielleicht habe ich es deswegen nicht gemacht. Stattdessen ging mir meine Mutter im Kopf herum. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie es unsinnig finden würde, so viel Geld auszugeben, wo sie doch bestimmt noch einen Platz für mich hatte. Aber ganz sicher war ich mir nicht. Andererseits wäre sie wahrscheinlich ziemlich froh, die Nachricht von unserer Trennung zu hören.

Schließlich landete ich also verheult und durchgefroren im Haus meiner Mutter. Das heißt, in ihrer Wohnung im neunten Stock. Ich muss ihr hoch anrechnen, dass sie mich ohne zu zögern hereingebeten hat, nach dem, was ich ihr knapp drei Jahre zuvor an den Kopf geworfen hatte, als ich mit großem Getöse angekündigt hatte, zu Marc zu ziehen.

Und jetzt stehe ich auf diesem Festungshof im französischen Baskenland und frage mich erneut, warum ich mich überhaupt je auf Marc eingelassen habe. Tja, hinterher ist man immer schlauer. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit, es gehören – wie gesagt – zwei dazu.

Allerdings bin ich nicht bereit, dem nächstbesten Mann, der mich danach fragt, mein Herz ausschütten. Auch wenn er so unglaublich gutaussehend ist, dass die Bezeichnung »Nächstbester« ihm einfach nicht gerecht wird. Aber bin ich wirklich so leicht zu durchschauen? Es lässt mich nicht los: Wer ist dieser Mann, der einfach so dahergelaufen kommt und nicht akzeptieren will, dass ich ohne besonderen Grund hier wandere? Weil es alle machen, weil die Landschaft so schön ist. Vielleicht sollte ich doch mit ihm darüber reden? Nein, es geht darum, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, und das muss ich doch wohl zuerst einmal mit mir selbst ausmachen! Mir schießt durch den Kopf, was meine Freundin Alex gesagt hat: »Die Lösung wird zu dir kommen.«

Ach, Alex. Noch so eine Baustelle.

Ich habe noch von Deutschland aus ein schönes Zimmer ganz für mich allein gebucht. Die Aussicht, sechs Wochen lang in Schlafsälen mit lauter verschwitzten, schnarchenden Pilgern zu übernachten, ist nicht gerade verlockend. Dennoch habe ich es vor. Nicht, weil ich ein »Superpilger« bin, ein Wort, das ich in manchen Foren gelesen habe, sondern schlicht, weil es sonst zu teuer ist. Aber die heutige Nacht gebe ich mir als Galgenfrist.

Ich kehre ins Hotel zurück, wo mein Rucksack auf mich wartet. Im Zimmer schlüpfe ich in meine kuschelige Schlaf-Leggings, die zur Not auch als lange Unterwäsche herhalten wird – im April kann es hier noch ganz schön kalt sein, habe ich gelesen. Dann lege ich mich bäuchlings aufs Bett und lese in meinem Reiseführer, bis es Zeit fürs Abendessen ist. Die Etappe morgen wird ganz schön anstrengend, es geht über einen Pass in einen Ort namens Roncesvalles. Sieben Stunden Berg- und Talwanderung. Ich denke, bergab geht es leichter, auch wenn jeder, den ich gefragt habe, das Gegenteil behauptet hat. Keine Ahnung, das letzte Mal so lange am Stück gelaufen bin ich … noch nie. Das sollte mich mindestens beunruhigen, doch eine seltsame Schicksalsergebenheit befällt mich. Ich werde schon nicht sterben, und wenn doch, dann wenigstens mit einem Mindestmaß an Stil und Tradition. Im Mittelalter sind die Menschen auf dieser Strecke bestimmt gestorben wie die Fliegen. Didi Lilienfeld, Heldin der Pyrenäen!

Vor dem Abendessen ziehe ich wieder meine Wanderklamotten an. Hätte ich Schminke mitgenommen, würde ich jetzt welche auftragen. Albern, denke ich. Erstens sähe es bescheuert aus – Rouge zum Funktionsshirt! Und zweitens, wen will ich damit überhaupt beeindrucken? Ich meine, klar, es gibt solche Frauen, einige habe ich heute schon im Ort gesehen, aber zu denen will ich lieber nicht gehören.

Ich steige die enge Treppe hinunter in den mit einfachen Brettern verkleideten Speisesaal. Er ist rustikal, aber gemütlich. Von draußen fällt das schwächer werdende Licht des Abends hinein. Es gibt nur zwei Gerichte, die auf einer Schiefertafel neben der Durchreiche zur Küche stehen: Poulet basquaise, baskisches Huhn, und ein Ratatouille für die Vegetarier. Ich winke der übergewichtigen, herzlichen Frau mittleren Alters zu, die ich schon von der Rezeption kenne, und bestelle in meinem Schulfranzösisch das Huhn. Sie nickt, brüllt etwas in die Küche und bringt mir wie selbstverständlich Brot, Wasser und eine kleine Karaffe mit Rotwein.

Ich gieße mir etwas von dem Wein ein, atme tief durch und lehne mich zurück. Durch das Fenster sehe ich die Berggipfel, hinter denen die Sonne bereits versunken ist. Da werde ich morgen hochlaufen. Darauf nehme ich einen Schluck von dem Wein, der kräftig, aber gut ist. Ich habe mir den Reiseführer als Lektüre mitgenommen, doch ich denke, jetzt ist eher seelische Vorbereitung angesagt.

»Ist hier noch frei?«, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Sie gehört einem gut gebauten und hochgewachsenen Mann, der mich aus blauen Augen anlächelt und auf den Stuhl mir gegenüber zeigt. Ich schaue links und rechts an ihm vorbei und sehe, dass noch einige Tische unbesetzt sind. »Ich esse nicht gern allein«, erklärt er.

»Ähm, ja, also, gern. Bitte.« Mit einer Hand weise ich auf den Stuhl. Wortgewandt wie immer, Diana. Zu meiner Verteidigung: Ich musste gleichzeitig überlegen, ob ich wirklich so deutsch aussehe, weil er mich direkt auf Deutsch angesprochen hat, bis mir auffiel, dass mein Reiseführer mich verraten hat.

»Danke«, sagt er und nimmt Platz. »Eric.«

»Diana. Aber die meisten nennen mich Didi.«

»Diana – ein schöner Name«, meint er. Ich muss grinsen. »Was?«

»Nichts«, entgegne ich. »Hab ich bloß heute schon mal gehört.«

»Oh, dann war das wohl nicht so originell. Stimmt aber.« Ohne meine Reaktion abzuwarten, dreht er sich zu der Bedienung, die sich uns genähert hat, und bestellt in für meine Ohren gutem Französisch ebenfalls das Huhn. Und fragt die Frau noch etwas dazu.

»Was hast du zu ihr gesagt?«

»Ich habe sie gefragt, woher das Huhn kommt.«

»Und?«

»Hier aus dem Dorf, von einem der Bauern. Ist das nicht toll? Hier wird nicht groß über Zutaten aus der Region geredet, man benutzt einfach, was da ist. Ich wette, es schmeckt hervorragend!«

»Na ja, es ist baskisches Huhn, und wir sind im Baskenland. Man sollte annehmen, dass sie ihre eigenen Hühner nehmen und das Gericht auch ganz gut können.«

»Aber das ist nicht selbstverständlich.« Eric lächelt verschmitzt. »In Deutschland würden da mindestens drei Gütesiegel auf der Speisekarte stehen. Und das heißt noch nicht einmal, dass auch stimmt, was diese Siegel einem vormachen wollen. Oft kann man den Unterschied schmecken, aber den meisten fällt es nicht auf, weil sie nichts anderes gewohnt sind.«

Oh je, ein Ernährungsfanatiker. »Na, du kennst dich ja aus«, bemerke ich und schaffe es gerade so, den genervten Tonfall aus meiner Stimme herauszuhalten.

Er lächelt. »Tut mir leid, Berufskrankheit. Ich bin Koch. Derzeit allerdings ohne Anstellung und auf der Suche nach Inspiration.«

Ich muss über seine direkte Art grinsen. »Inspiration wofür?«, frage ich dann. »Willst du hier auf dem Jakobsweg die Landesküche erforschen?«

»Auch, aber das meiste kann man notfalls nachlesen. Nein, ich brauche eine Inspiration für mein Leben.«

Ah, und schon sind wir wieder beim Thema. Es scheint so, als müsste ich mich damit abfinden, dass die Leute hier frei von der Seele weg erzählen, was sie gerade wirklich beschäftigt. Was ja eigentlich etwas Gutes ist, aber es fühlt sich sehr ungewohnt an.

Eric allerdings hat mich neugierig gemacht. Und das liegt keinesfalls an seinem geheimnisvollen Lächeln. Oder an seinen Händen, die gleichzeitig sanft und kraftvoll wirken und mit denen er seine Aussagen unterstreicht. Nein.

»Wie meinst du das?«, frage ich.

»Ach, ich war auf dem besten Weg, mein Leben in Hotel- oder Großküchen zu verheizen. Das ist ein echter Knochenjob, und das wollte ich nicht mehr.«

»Und dann hast du gekündigt und bist losgefahren?«

»So ungefähr. Und du, wenn ich fragen darf?«

Ausgerechnet Eric möchte ich jetzt nicht von meiner gescheiterten Beziehung und den anderen Baustellen in meinem Leben erzählen. Gott sei Dank rettet mich unsere Gastgeberin, die in diesem Moment mit zwei dampfenden Tellern an den Tisch tritt. Auf jedem Teller liegen zwei Hühnerschenkel in einer Paprikasauce neben einem Riesenhaufen Reis. Eine Garnierung gibt es nicht.

»Und, was ist das Urteil des Fachmanns?«, frage ich grinsend.

»Erstmal probieren.« Er trennt mit der Gabel ein Stück Fleisch von einem der Schenkel, hebt es mit ein wenig Soße an den Mund und pustet sorgfältig darauf, bevor er kostet und die Augen schließt. Er schluckt, und dann beginnt er zu husten.

»O Gott, so schlimm?« Ich gieße ein wenig Wasser ein und halte es ihm hin.

»Nein«, bringt er röchelnd und mit hervorquellenden Augen hervor. »Es ist himmlisch!«

Ich muss lachen. »Nein, wirklich«, beteuert Eric. »Ich hab mich verschluckt … Oje, ich hoffe, der Koch hat das nicht mitbekommen!« Er nimmt einen Schluck Wasser, und sein Anfall scheint vorbei zu sein. »Probier mal. Achte darauf, wieviel Geschmack das Hühnchen hat – gar nicht zu vergleichen mit denen aus dem Supermarkt!«

Ich tue, was er sagt, und er hat recht: Zuerst schmecke ich das fruchtige, leicht säuerliche Tomatenaroma, in das sich die Süße der Paprika mischt. Das Huhn ist perfekt, es zerfällt im Mund und schmeckt angenehm erdig, ein wenig nach Getreide, und bildet die Grundlage für die leichte Schärfe, die danach kommt. Als ich Eric meine Eindrücke mitteile, hebt er überrascht die Augenbrauen.

»Bist du etwa auch vom Fach, oder wo hast du gelernt, so über Essen zu reden?«

»Nein«, erwidere ich. »Ich esse einfach gern. Und ich hab mal in einer Werbeagentur gearbeitet. Da lernt man, Sachen schönzureden. Nicht, dass man hier besonders viel schönreden müsste. Außer der Präsentation vielleicht.«

»Stimmt«, lacht er. »Die fällt in die Kategorie ›rustikal‹. Also dann, auf das perfekte baskische Huhn und auf einen guten Jakobsweg.« Er hebt sein Weinglas.

Ich stoße mit ihm an. Seine Augen sind wirklich verdammt blau (meine sind langweilig braun, wie mir gerade wieder bewusst wird) und sitzen in einem Gesicht, das man nur markant nennen kann. Nicht so glatt und ätherisch schön wie das von Raphael, aber definitiv attraktiv. Eine gerade Nase thront über einer kräftigen und doch nicht massigen Kieferpartie, die in ein entschlossen wirkendes Kinn ausläuft. Darüber liegt ein Bartschatten, und trotzdem kann man Grübchen in seinen Wangen erkennen, wenn er, wie jetzt, lächelt. »Guten Appetit«, sage ich.

Während des Essens gelangen wir relativ schnell wieder auf das Thema Jakobsweg. Eric fragt nicht noch einmal nach, warum ich hier bin, und ich glaube, dass das aus Takt geschieht und nicht, weil er es vergessen hat oder es ihn nicht interessiert. Dazu fragt er mich zu sehr über mein Leben in Deutschland aus. Ich erzähle ihm von meinem Marketing-Studium und davon, dass ich es mit einem Kellnerjob finanziert habe.

»Dann hast du also Gastronomie-Erfahrung«, wirft Eric ein.

»Wenn du es so nennen willst. Aber das war eher eine Kneipe. Das aufwendigste Gericht dort war aufgemotzte Tiefkühlpizza.«

»Na gut, und was hast du dann mit deinem Studium und deinen Tiefkühlpizza-Kenntnissen angefangen?«

»Ich habe einen Job in einer Werbeagentur bekommen. Aber da habe ich mich nach nicht mal zwei Jahren wieder verabschiedet, um einen Masterstudiengang in Business Administration zu machen.«

Zum Glück fragt Eric nicht nach meinen genauen Lebensumständen, sondern nur, ob mir mein Studium gefällt. Da kann ich bei der Wahrheit bleiben: Nein, es gefällt mir nicht. Mit meinen überheblichen, kaltschnäuzigen Kommilitonen komme ich nicht zurecht, und die Studieninhalte sind bei weitem nicht so spannend, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich erwähne nicht, was für eine Rolle Marc bei der Entscheidung, wieder zu studieren, und bei der Wahl des Studienfachs gespielt hat. Ich lasse Marc komplett aus.

Bald kommen wir wieder auf das Thema Jakobsweg, und Eric erzählt, dass er gehört habe, jeder würde mindestens einmal während des Weges weinen, und er fragt sich, ob es bei ihm so weit kommt, und wenn ja, wann. Er sei sonst ja eigentlich nicht so der emotionale Typ, und er denke auch eigentlich nicht, dass er irgendwann weinen würde. Typisch Mann eben. Aber irgendwie auch sexy. Und wenn ich es mir recht überlege, hat er mir bisher noch nicht erzählt, was für eine Art von Inspiration er sich genau hier erhofft. Es ist, als ob hinter seiner offenen Art noch eine tiefere Schicht liegt, die er mir noch nicht offenbart. Und obwohl ich das absolut respektiere, weil ich ja genauso drauf bin, macht es mich ziemlich neugierig. Aber ich frage nicht, ebenso wie er nicht fragt.

Stattdessen erzählen wir uns gegenseitig unverbindlich von der Magie des Jakobswegs, die wir beide noch nicht kennengelernt haben. In dem Moment, als ich erwähne, dass ich mir hier zur Feier des ersten Abends ein Einzelzimmer genommen habe, merke ich, dass ich beginne zu flirten, ohne es zu wollen. Ich schaue ihm in die Augen, die genauso blau sind wie Marcs, aber sonst ganz anders. Herzlicher. Wärmer. Natürlicher. Ich lache, lege den Kopf zur Seite. Was mache ich denn hier? Heute Nachmittag habe ich mir noch geschworen, mich von Männern fernzuhalten und erstmal mein Leben auf die Kette zu bringen. Und jetzt sitze ich hier, spüre, wie mir der Wein zu Kopfe steigt und mir am ganzen Körper wohlig warm wird.

Es ist nicht so, als ob ich machtlos gegen ihn wäre. Ich könnte einfach aufstehen, mich verabschieden und schlafen gehen, aber kaum taucht dieser Gedanke am Horizont auf, ist er auch schon wieder verschwunden. Nach dem ganzen Mist, den ich in Deutschland hinter mir gelassen habe, genieße ich einfach diesen schönen Abend. Ich habe irgendwie das Gefühl, mir das hier verdient zu haben. Das Gespräch läuft wie von selbst, mir gefällt dieser Eric, und ich will noch ein bisschen länger mit ihm hier sitzen. Ich gefalle ihm auch, das kann ich an der Art sehen, wie er mir lange in die Augen schaut. Wie sein Blick über meinen Körper wandert. Der Rotwein hat uns beide in eine wohlige Stimmung versetzt. Als wir gleichzeitig nach der Flasche greifen, berühren sich unsere Hände. Ewige Sekunden lang lässt Eric seine Hand auf meiner.

»Wird langsam spät«, bemerke ich heiser.

»Naja«, grinst Eric. »Zehn Uhr. Aber du hast recht. Morgen heißt es früh aufstehen. Mein Wecker klingelt um sechs.«

»Meiner auch«, gebe ich zurück. »Wir sollten jetzt ins Bett gehen.«

Eric blickt mich eine Spur zu lange an. »Gut«, sagt er dann. Nachdem wir gezahlt haben, steigen wir die enge Treppe hoch, ich vor ihm. Ob er mir wohl gerade auf den Hintern guckt? Ich hab da so ein Gefühl … Gleichzeitig überlege ich, wie sein Hintern wohl aussieht. Wie er sich anfühlen würde. Bestimmt gut … Vor meinem Zimmer halte ich an.

»Tja, dann …«, beginne ich und komme nicht weiter, weil Eric sich mir nähert und langsam, fast zaghaft seine Lippen auf meine legt. Er riecht männlich, herb und aufregend. Ich kann nicht anders, als den Kuss zu erwidern. Ich spüre meinen Puls in mir klopfen, er durchfährt meinen ganzen Körper, und meine Knie werden weich. Es ist ein guter Kuss, ein wirklich wahnsinnig guter Kuss, der langsam anfängt und sich dann steigert, bis Eric mir mit der Zunge zwischen die Lippen fährt und mich an die geschlossene Tür drängt.

Als ich den Widerstand im Rücken spüre, halte ich inne. Drei Jahre alte Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Mit einem Mal bin ich wieder nüchtern. Was mache ich hier eigentlich? Ich bin doch nicht hier, um mich direkt in die nächste Männergeschichte zu stürzen, so spannend das jetzt auch gerade wäre. Verdammt noch mal, ich bin hier, um mich selbst zu finden, und nicht Eric, den Koch! Wie soll das funktionieren, wenn ich mir nicht vertrauen kann, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Bevor Eric auch nur merken kann, was in mir vorgeht, schiebe ich ihn grob von mir weg. Verwirrt blinzelt er mich an.

»Nein«, beginne ich und frage mich, was ich als Nächstes sagen soll. »Das … geht nicht. Ich … deswegen bin ich nicht hier. Gute Nacht.« Und damit drehe ich mich um und fummele den Schlüssel ins Schloss meiner Tür. Ich höre Eric hinter mir stammeln, dass es ihm leidtäte und dass er gedacht hätte. Nur was er gedacht hat, das will ihm gerade nicht einfallen. Wie auch, mit so etwas konnte er ja nun wirklich nicht rechnen. Aber ich kann nicht anders. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, höre ich nur noch ein lahmes »Gute Nacht«.

Ich befinde mich in einem Konferenzraum der Eminent Bank. Links neben mir sitzt Herr Schirnfeldt – »der Mirko«, wie er immer betont. Dahinter zappelt Bianca, unsere aktuelle Praktikantin, aufgeregt auf ihrem Stuhl. Sie ist wirklich hirn- und ahnungslos, sieht aber umwerfend aus. Ein wandelndes Klischee, die Gute. Deswegen hat »der Mirko« sie mitgenommen – nachdem er ihr unmissverständlich klargemacht hat, dass sie hier durchs Zusehen lernen soll und dass ihr Input heute nicht erwünscht ist.

Wir sollen heute ein Marketingkonzept präsentieren, das der Eminent Bank hilft, sich als sozial engagiertes Unternehmen zu positionieren. Es geht darum, hat Schirnfeldt erklärt, dass die Eminent auf Lebensmittelpreise spekuliert und dass es Leute gibt, die sich darüber empören, weil sich dadurch Hunger und Armut in Entwicklungsländern verschlimmern. Das sei zwar umstritten, sagte Schirnfeldt, aber falls die Eminent ins Gerede gerate, sei die Faktenlage egal. Jedenfalls ginge es heute um einen Riesenetat, der uns allen auf Monate, wenn nicht Jahre die Brötchen zahlen würde.

Also sitze ich in diesem mit grauen Lochplatten verkleideten Raum an einem Resopaltisch und versuche, mir einzureden, dass das Geld, das im Rahmen unserer Kampagne an die Welthungerhilfe gehen soll, besser ist als gar nichts. Die Tür geht auf, und drei Banker in Anzügen treten ein. Na gut, der eine ist nicht so schneidig, und sein Anzug sitzt etwas eigenartig. Wahrscheinlich der Praktikant. Aber die anderen beiden sehen gut aus. Vor allem derjenige, der als Erster den Raum betritt. Seine Haare sind gescheitelt und haben einen seidigen Glanz. Sein Lächeln ist professionell, aber seine Augen haben ein Funkeln, das nicht nur Willensstärke, sondern auch eine gewisse Tiefe verrät.

Wir schütteln einander die Hände, stellen uns vor und setzen uns an den Tisch. Der Gutaussehende, der sich als Marc Schneider vorgestellt hat, ist der Wortführer. Er ist eloquent, gewandt. Normalerweise würde ich ihn aalglatt finden, aber seine verbindliche Art zieht mich in ihren Bann. Irgendwann blickt er mich an, und ich merke, dass ich ihn angestarrt habe. Schnell schlage ich die Augen nieder und tue so, als würde ich mir eine Notiz machen. Als ich wieder aufschaue, zwinkert Marc Schneider mir zu.

Ich weiß auch nicht, wieso, aber Männer, die so selbstsicher sind, finde ich einfach attraktiv. Vielleicht, weil ich zwar zielstrebig und fleißig bin und es damit immerhin bis in diesen Konferenzraum gebracht habe, mich hier aber eigentlich wie eine Betrügerin fühle, die das Erwachsensein und das große Business nur spielt.

Die Verhandlungen gehen gut, Schirnfeldt und Schneider sind sich in den meisten Punkten einig. Bald ist das Meeting vorbei, und alle erheben sich, um einander erneut die Hände zu schütteln.

Als wir den Raum verlassen, nimmt mich Marc Schneider zur Seite. »Sagen Sie, würden Sie heute Abend mit mir essen gehen?«

Wie bitte? Ich blicke nervös zur Seite, doch die anderen sind damit beschäftigt, irgendein Detail des Konzepts noch einmal zu erörtern.

»Sie meinen, um unsere Geschäftsbeziehung zu feiern?«, entgegne ich ironisch und komme mir extrem durchtrieben vor.

»Nein, völlig privat«, antwortet er gelassen lächelnd. »Also, wie sieht’s aus? Im Chez Martin, sieben Uhr? Wo kann ich Sie abholen?«

So überrumpelt bin ich von seiner Unbefangenheit und seinem frechen Charme, dass ich ihm meine Adresse nenne. Ich bin positiv überrascht, dass er nicht Bianca gefragt hat, die definitiv der größere Hingucker ist. Und ich bin froh, dass »der Mirko« nichts mitbekommen hat, auch wenn er dieses Treffen sicher im Sinne der Kundenbindung gutheißen würde.

Wie versprochen werde ich um sieben abgeholt. Mein Date sieht super aus – er hat den Anzug gewechselt und trägt jetzt ein extravagantes, teuer aussehendes Modell. Und seine Manieren sind formvollendet: Zuerst sagt er mir, dass ich hinreißend aussehe, und dann, dass er sich freuen würde, wenn wir uns heute Abend duzen könnten. Anschließend erklärt er mir, was für ein Fabrikat sein Luxuswagen ist, denn ich erkenne es nicht und frage aus Höflichkeit. Irgendwas Seltenes, Englisches. Er hält mir die Tür auf, und ich steige ein.

Das Lokal ist der Wahnsinn. Ich habe schon davon gehört, und obwohl ich mein elegantestes Kleid angezogen habe, komme ich mir underdressed vor. An den großzügig im Raum verteilten Tischen speisen Menschen, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie sich auf der Sonnenseite des Lebens befinden.

»Ist das da nicht Bürgermeister Jürgens?«, flüstere ich Marc zu und nicke möglichst unauffällig in Richtung eines Anzugträgers im mittleren Alter, der mit einer attraktiven Frau an einem Zweiertisch sitzt.

»Ja, und sie ist nicht seine Frau«, raunt Marc mir vielsagend zu. Er ist so weltläufig, dass ich mich an seiner Seite wie in einer Schutzblase fühle.

Während des Essens – fünf Gänge, kleinste Portionen – erzählt Marc von seinem Job. Es klingt, als ob er in dieser Bank ganz schön Karriere macht. Aber er stellt es so dar, als ob das Geld nur ein angenehmer Nebeneffekt wäre. »Ich mag es einfach, das große Rad zu drehen«, sagt Marc. »Wenn meine Entscheidungen Konsequenzen haben. Aber es ist auch eine große Verantwortung. Das ist nicht immer schön, man muss es schon wirklich wollen.« Ich glaube, wenn sich dieser Mann etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er nicht mehr locker, bis er es bekommt. Ob das wohl auch mich betrifft?

Sein Job interessiert mich allerdings nicht so richtig, und als er das merkt, erzählt er, dass er am Wochenende zum Pferderennen gehen würde, ob ich da nicht mitkommen wolle. Da würde er auch seine Freunde treffen, die seien zwar alle etwas bescheuert, aber eben seine Freunde. Das klingt irgendwie liebenswert, also sage ich zu. Marc wirkt schon beinahe unerbittlich perfekt, aber er hat anscheinend auch eine menschliche Seite.

»Darf ich dich was fragen?«, wage ich mich vor.

»Na klar, alles.« Er lächelt mich erwartungsvoll an.

Ich hole tief Luft. Es ist mir unangenehm, das zu fragen, aber ich muss es wissen: »Warum ich?«

Marc legt den Kopf schief. »Warum ich mit dir ausgehe?«

»Ja. Versteh mich nicht falsch, ich versuche nicht, nach Komplimenten zu angeln, aber … du hättest zum Beispiel auch Bianca fragen können, die sieht doch viel besser aus.«

»Eure Praktikantin?« Marc lacht. »Ich bitte dich. Ja, sie ist hübsch, aber das war’s auch schon. Kein Charme, kein Witz, keine Klasse.« Ganz im Gegensatz zu dir. Diesen letzten Satz spricht er nicht aus. Und das muss er auch nicht. Die Botschaft ist angekommen, und ich spüre Hitze in mein Gesicht steigen. Ich freue mich, dass dieser Mann, der so ganz offensichtlich außerhalb meiner Liga spielt, ernsthaftes Interesse an mir zeigt. An mir, der Neuen in der Werbeagentur, die vor ein paar Monaten noch eine einfache Studentin war, die trotz Plattenbausiedlung, nicht vorhandenem Vater und frustrierter Mutter ihren Weg durchs Abitur und in den Bachelorstudiengang Werbe- und Kommunikationsmanagement gefunden hat, mit der Vorstellung, damit irgendwas in ihrem Leben anfangen zu können.

An diesem Abend jedoch bin ich eine andere. Alles läuft so perfekt, so reibungslos, dass ich denke: So sollte sich das Leben immer anfühlen. Ich bin glamourös. Ich bin schön. Marc gibt mir dieses Gefühl. Ich höre, wie aufreizend mein Lachen klingt. Einen Augenblick lang wirft mich das aus der Bahn, und ich wundere mich darüber, was mir gerade durch den Kopf geht. Doch der Gedanke verflüchtigt sich sofort, als ich sehe, wie sein Blick aufmerksam meinen Hals, mein Dekolleté streift.

Als wir schließlich das Restaurant verlassen und an seinem Auto ankommen, drängt er mich gegen die Tür des Wagens und küsst mich leidenschaftlich. Er geht ganz schön zur Sache, und er küsst gut, aber irgendwie wirkt es genauso unwirklich wie der restliche Abend. Schön und aufregend, aber wie in einem Traum. So, als ob ich mir selbst dabei zuschauen würde. Und irgendwie kommt es mir unanständig vor – nicht die Küsse, sondern die Verlockung, mich auf Marc und sein glamouröses Leben einzulassen. Wenn das überhaupt seine Absicht ist. Zweifellos will er, dass ich jetzt zu ihm nach Hause mitkomme, aber das kommt gar nicht in die Tüte. Marc merkt, dass ich nicht mehr so ganz bei der Sache bin. Bevor er fragen kann, was los ist, sage ich, dass ich nach Hause wolle, ich müsse schließlich früh raus morgen. Er akzeptiert, doch er entschuldigt sich nicht. Oh ja, dieser Mann wird nicht lockerlassen, bis er mich erobert hat.

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