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Das Gliück kam lautlos

Jens Kohl

Das Glück kam lautlos

Meine Reise auf dem Camino Francés 2018 Mit 196 Fotos und einer Karte

In 198 Tagen und 918 arbeitsreichen Stunden entstand dieses Buch

03. Oktober

- 22. Dezember 2018

81 Tage / 445 Std

01. März

- 28. Mai 2019

89 Tage / 356 Std

26.09.20191

 

Tag / 09 Std

Alle schriftlichen Informationen meiner einzelnen Pilgerstationen wurden nach bestem Wissen zusammengetragen. Eine Garantie kann naturgemäß vom Autor auch im Sinne

Für die persönlichen Fotos von Anka, Angelika, Karin, Dieter, Elena, Martina, meiner Familie und des Rucksacks liegt die Einverständniserklärung zur Veröffentlichung und des abdruckes in diesem Buch beim Autor vor.

Verwendung des Namens » Hape Kerkeling» – Freiagabe durch Elke Krüger - Hape Kerkeling Management vom 30.07.2019

Für die Verwendung des Namens »Torsten Sträter» benötige ich kein Einverständnis – Agentur Susanne Buhr – vom 05.08.2019

Verwendung des Namens »Peter Maffay» – Freigabe durch Albert Luppart – Büro Peter Maffay vom 06.11.2019

Besonderen Dank an Anja Grad von »Satz für Satz» für die wertvollen Tipps

Umschlagfotos: Jens Kohl

Karte: von meinem Credencial del Peregrino

Alle Fotos vom Autor privat

 

Der Camino ist ein Wartesaal der Träume

Ich danke Nele, Sara, Mina und Anka für die gemeinsame Zeit und all die Erfahrungen.

Ich widme dieses Buch
Meiner Familie

und …

INHALT

Der Grund meiner Pilgerreise

Reise nach Saint Jean Pied de Port    1953,0 km

SJPdP, Roncesvalles, Espinal    40,7 km

Espinal, Zubiri, Pamplona    39,2 km

Pamplona nach Uterga    17,6 km

Uterga – Logroño per Anhalter    68,0 km

Im Garten

Logroño, Navarrete, Nájera    31,8 km

Nájera‚ Santo Domingo, Grañón    31,4 km

Besonderen Dank

Grañón, Villafranca Montes de Oca    32,2 km

Villafranca, Atapuerca    22,5 km

Atapuerca nach Burgos per Anhalter    16,0 km

Burgos nach Sahagún per Bus    118,0km

Sahagún, Mansilla de las Mulas    38,5 km

Mansilla nach León per Bus    17,2 km

León, Hospital de Órbigo    39,4

Hospital de Órbigo, Astorga    20,7 k

Astorga nach Ponferrada per Bus    53,0 km

Ponferrada, Trabadelo    33,4 km

Trabadelo nach San Mamede mit Melina    62,0 km

San Mamede, Sarria    5,9 km

Sarria, Barbadelo, Portomarín    26,7 km

Portomarín, Hospital da Cruz, Palas de Rei    29,7 km

Palas de Rei, Melide, Arzúa    32,4 km

Arzúa, A Brea, Santa Irene, Pedrouzo    21,7 km

Pedrouzo, San Marcos    19,2 km

San Marcos – Santiago de Compostela    7,2 km

Abschied von Mina

Wiedersehen mit Nele

Tag Null

Das Glück kam lautlos –

Mein Camino 2018 Bilder von mir

Bilder meiner Mitpilgerinnen

Meine Unterstützer

Mein treuester Begleiter

Meine Verletzungen

Meine Stationen des Weges

Wegstrecken meines Camino

Wer mich zu diesem Buch inspirierte

Kosten meines Weges

Karte aus meinem Credencial

B.

Mein Camino 2018 – Danke an Alle

Der Grund meiner Pilgerreise

Am 03. Mai 2018 verließ ich die kardiologische Abteilung eines Wiener Krankenhauses, in welche ich tags zuvor mit der Rettung eingewiesen wurde. Mein Ruhepuls war aus dem Takt geraten.

Ab nun würde nichts mehr so sein, wie in der letzten Zeit. Der Oberarzt sagte: »Überdenken Sie Ihr Leben. Nur Sie können dies ändern und tun Sie es klugerweise sofort. Sie sind kerngesund. Unternehmen Sie etwas, was Sie ohnehin schon immer machen wollten. Verlassen Sie ihr Hamsterrad des Stresses und tauchen Sie für eine Zeit aus Ihrem gewohnten Umfeld ab.« Seine mahnenden, auffordernden und sehr deutlichen Worte. Was kann ich tun? Wo soll ich hin? Was habe ich bisher nicht getan, was ich schon immer wollte? Drei Fragen und keine Antwort.

Auf der Heimfahrt ging mir sein warnendes Gespräch nicht aus dem Kopf. Ich muss mein Leben schnellstmöglich ändern. Tu ich dies nicht, werde ich bald wieder hier sein und dann für länger.

Daheim fiel mir das Buch von Hape Kerkeling »Ich bin dann mal weg« welches ich 2014 zu Weihnachten bekam in die Hände. Ich las es in drei Tagen. Bis zum Zeitpunkt des Lesens verband ich dies mit der katholischen Kirche. Über drei Jahre stand es zwischen den übrigen Büchern und weckte in mir kein ernsthaftes Interesse. Warum fiel mein Blick jetzt auf jenes? Ab diesem Zeitpunkt befasste ich mich eingehend und ausführlich mit dem Jakobsweg dem Camino Francés und fand still Gefallen daran. Er war in der Vorbereitungszeit mein täglicher Begleiter über siebzehn Wochen. Dieser führt von Saint Jean Pied de Port quer durch das Baskenland, Navarra, die Rioja, Kastilien - León, Galicien nach Santiago de Compostela.

Dass es viele dieser Jakobus Wege gibt, lernte ich schnell. Ich besorgte mir meine katholische Pilgerfibel. Im Stephansdom zu Wien bekam ich den Pilgerpass und meine Packliste las sich, als würde ich eine Weltreise unternehmen. Der Weg ließ mich nicht los und so durchstöberte ich Hunderte von Erlebnisberichten. Es gab sehr positive weniger ansprechende und einige rieten sogar ganz ab. Reizüberflutung der besonderen Art.

Nachdem ich mir meinen passenden Rucksack besorgt hatte, inspizierte ich die Reiseroute. 791 Kilometer bis zum Ziel. Meine Vorbereitungen waren täglich so ausgiebig, als würde ich morgen starten. Tatsächlich überzeugt war ich nicht, erklärte meinem Chef jedoch mein abenteuerliches Vorhaben. Vier Wochen mit dem Rucksack durch Spanien . Ausgerechnet ich der das nie richtig klasse fand. Die Worte des Arztes hatte ich jederzeit im Hinterkopf. »Tauchen Sie für eine längere Zeit ab, um Ihren Kopf freizubekommen. Es geht um Ihre weitere Gesundheit!« Im Juni buchte ich meinen Flug nach Pamplona, infolge dessen stand fest, ich gehe meinen ersten Camino.

Bisher waren meine Kollegin Martina und mein Chef eingeweiht. Beide dachten sicherlich, das kann nicht sein Ernst sein. Wie kommt er darauf?

Meine Familie wollte ich erst mit einem Bild aus Saint Jean Pied de Port davon in Kenntnis setzen. Im Juni ließ ich dann die »Bombe« platzen nachdem die Frage kam, »Wo verbringst du deinen diesjährigen Sommerurlaub?» »Ich geh den Jakobsweg. Von Saint Jean Pied de Port bis nach Santiago de Compostela. 791 Kilometer. Ich habe es nicht vor, sondern tue es wirklich. Gebucht habe ich. Am 31.08. geht’s los.« Ungläubige Gesichter meiner Familie. Sicher nahmen auch sie an »Was ist das für eine Schnapsidee? Freiwillig und nur mit Rucksack?« Niemand konnte mich in den vergangenen Jahren für das Wandern begeistern.

Überzeugend teilte ich mit, dass ich ausreichend belesen und hervorragend vorbereitet bin. Ein Zurück gab es für mich nicht, ich hatte ja bereits gebucht.

Vier lange Monate des Wartens lagen nun vor mir. Mein Umfeld war angespannter als ich. Vom Wissen auf was ich mich da wirklich einlasse, war ich sehr weit entfernt. Keinen einzigen Millimeter wich ich von meinem Vorhaben zurück. Heute sage ich mit Freude zum Glück!

Der Camino ist mit nichts vergleichbar!

Ohne die Intensität meines Chefs mir diesen für mich entscheidenden Urlaub zu genehmigen, hätte ich eine der beeindruckendsten Zeit meines bisherigen Daseins verpasst. Nicht allein mein Arzt war ausschlaggebend, ebenso der September 2013 sowie der April 2014.

  Fehler begeht man. Jedoch nie denselben zweimal.

Wochen vorher werde ich immer wieder gefragt, ob ich mich freue. Stets nicke ich stumm oder sage »Ja bald ist es so weit.« Innerlich denke ich, was habe ich mir schlicht und ergreifend nur angetan? Warum musste ich diesen Camino Francés auswählen? Wieso habe ich es nur erzählt? Könnte mich für die Wochen daheim einschließen oder irgendwohin fahren wo es ebenfalls abgeschiedene und staubige Wege, Berge und grüne Wälder gibt. Nach einer Woche teile ich ganz unverblümt mit, dass meine Füße schmerzen, ich aufgeben musste. Fliege Richtung Meer und verbringe dort entspannt den Rest meines Urlaubs. Richtig wäre es nicht, merken würde es aber niemand. All diese Gedanken gab es. Da meine Sachen gepackt waren, wollte ich jetzt starten. Lust hatte ich.

Die Angst und der Respekt gaben jedoch den Ton an. Angst? Nicht vor der Einsamkeit, sondern vor der Ungewissheit. Was kommt wirklich auf mich zu? Vorbereitet bin ich gut. Glaubte ich.

Anreise nach Saint Jean Pied de Port 31 August 2018 –2: 30 Uhr

Mein Weg führt mich von Wien über Frankfurt / M. nach Pamplona in Spanien. Fahre über Zubiri, Roncesvalles nach Saint Jean Pied de Port in Frankreich zu meinem Startpunkt. Das Taxi holt mich halb vier in der Früh ab. Die Zentrale überrascht mich gleich mit einem äußerst kommunikationsfreudigen Fahrer, welcher sofort anfängt, mir ein Ohr abzukauen. Morgenmuffel bin ich keiner, aber ich werde gleich zu einem.

Er: »Fährst du in den Urlaub?«

Ich antworte knapp mit »Ja.«

»Allein, das ist doch kein richtiger Urlaub.«

Meine kurze Antwort »Doch.«

»Wieso nur mit einem Rucksack?«

Ich erkläre ihm: »Mehr brauche ich nicht.«

»Warum fährst du allein, hast du denn keine Familie?« Ich lehne mich zurück und erkläre Josef meinem freundlichen Fahrer ausführlicher: »Weil ich etwas unternehme, wozu ich derzeitig niemanden außer mich allein brauch.« Seine selbstgebastelte Visitenkarte überreicht er mir, falls ich in absehbarer Zeit wieder ein Taxi benötige. Es ist ein solider Flughafenzubringer mit zwei Kindersitzen. Jene montiert er noch eilig vor Fahrtantritt ab und lässt sie im Kofferraum verschwinden. Ich sehe über diese Nuance schmunzelnd hinweg welche zu (m)einem seriösen Taxifahrer gehören. Bitte nicht viel fragen um diese Uhrzeit. Es geht schon gut los, kann lediglich nur besser werden.

Zum Flughafen sind es fünfunddreißig Minuten. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir an. Josef lässt nicht locker und muss noch eine allerletzte Frage loswerden. »Was ist das für ein »weißes Ding« an deinem Rucksack?« Meine Antwort »Dies ist ein Geschenk.« Er redet vom Erkennungszeichen aller Pilger, der Jakobsmuschel.

Zu meiner Verwunderung stelle ich beim Betreten des Terminals fest, den gewohnten Check-In gibt es so nicht mehr. Keine überfreundlich knallig geschminkten und immer lächelnden Damen hinter einem viel zu kleinem Tresen. Selbsteinchecken ist offensichtlich hier angesagt. Zettel raus und sechsstelligen Code eintippen. Nach fünf Minuten Lesen, Tippen, Löschen, Tippen, Löschen und es gelingt. Das grüne Band lässt sich blicken. Geschafft. Wohin nun mit meinem schweren beklebten Rucksack? Ich begebe mich zu den Einweisern, denn jene hat der Flughafen extra dafür abgestellt. Kevin, so steht es an seinem Namensschild, ignoriert mich gekonnt. Entweder ist es ihm noch zu früh oder ich bin nicht sein Typ, gehe ich eben zu den Einweiserinnen. Die vier netten Damen haben ein offeneres Ohr für mich. Ich erkläre ihnen mein Vorhaben und zeige mein hellgrünes Bändchen. Sie fragt: »Aufgeben?« Ja das wäre vorteilhaft, denn dafür habe ich dieses an meinen Rucksack gefummelt, schwirrt es in meinem Kopf.

»Sie müssen sich dort drüben anstellen« und deutet mit einer schlingernden Handbewegung durch die Halle. »Gehen Sie zum Abwiegen und checken Sie ihr Gepäck eigenhändig ein.«

Es läuft suboptimal für mich um kurz vor fünf. Gut das ich rechtzeitig vor Ort bin, sonst wäre die Gefahr gegeben, meinen Flieger zu verpassen. Nach dreißig Minuten schicke ich meinen knallig olivfarbenen Rucksack auf die Reise nach Pamplona und hoffe ihn dort wohlbehalten in Empfang nehmen zu dürfen.

In der Hoffnung, alles erledigt zu haben, begebe ich mich zur Passkontrolle. Dort weist man mich bestimmt darauf hin »Sie haben Ihre Bordkarte nicht ausgedruckt.« Ich gehe wiederholt zu den freundlichen Einweiserinnen. Die Vertreterinnen des schönen Geschlechts erwarten mich bereits und überreichen mir diese. Nun halte ich sie in Papierform in meinen Händen »meine Bordkarte.«

»Hätten Sie sich dort am Schalter angestellt, abermals mit einer nichtssagenden Handbewegung, alles wäre wie Sie es aus der Vergangenheit her kennen.« Ihr knapper Nachsatz. Ich danke dem Flughafen Wien für diese ausgesprochen hilfreiche Nichtbeschilderung.

Fünf Uhr. Ich suche mein Gate nach Frankfurt / M. Die nächste Freude reiht sich nahtlos an die Vorherige. Das Rollband, welches die endlos blank polierten Gänge kurz erscheinen lässt, funktioniert nicht. Wer steht schon gern so früh auf? Es ist eindeutig zu früh und somit suche ich gehend mein Gate. So gewöhne ich mich daran, Gehen, ohne den genauen Weg zu kennen. Meine Freude um diese Uhrzeit kennt keine Grenzen.

Das Beste kommt zum Schluss, der Body - Check. Gut gelaunt betrete ich die makellos abgegrenzte Laufstrecke. Ich umtanze sportlich und schnittig die eng aneinander gereihten neunzig Grad Winkel. Abgesteckt sind jene mit leuchtend roten Bändern. Lediglich das Ende war nicht ganz durchdacht. Hier geht’s nicht weiter. Bevor ich mich zurück schlängle, schlüpfe ich tanzend darunter hindurch und bekomme den Unmut von Radica zu spüren. Sie ist die Herrin des Body - Checks.

Ihr tiefes, flaches Ausatmen vernehme ich deutlich und ein »So geht das hier aber sicher nicht! Wenn das jeder machen würde!« Frau Radica scheint eine sehr herzliche Zeitgenossin zu sein. Lautstark und in einer mir nicht vertrauten Sprache zeigt sie mir ihre ganze Autorität. Ich bin der Einzige vor Ort und niemand folgt meinem morgendlichen eleganten Limbo Tanz unter dem tiefroten Absperrband hindurch. Schon stehe ich vor ihr und begrüße sie mit einem »Wunderschönen guten Morgen!« Sie: »Haben Sie Flüssigkeiten dabei, wenn ja alles in diese graue Box legen. Nehmen müssen Sie sich diese selbst!« Ich liebe es, Einzelwesen zu begegnen welche sinnvoller einen Beruf gewählt hätten wo sie in der Früh weiterhin schlafen könnten. All jene wären (m)eine Bereicherung und unsere Pfade würden sich niemals kreuzen. Gleichwohl finde ich es lobenswert, wenn einem sein Job Spaß macht.

Radica möchte abschließend den Sinn meiner Jakobsmuschel wissen. Sie wird freundlicher und wünscht einen nicht nur schönen, sondern angenehmen Tag. Na geht doch. Sollte die Muschel täglich an irgendeine Stelle hinhängen, um die Freundlichkeit bei einigen Mitmenschen raus zu kitzeln. Erleichtert packe ich all meine Habseligkeiten zusammen. Geschafft. Mein Gate wartet auf mich.

Im Gehen kommt mir ein Gedanke. Wie reizvoll wäre in diesem Augenblick mein bisheriger Alltag. In die Firma fahren morgens um fünf Uhr einen Kaffee mit Martina trinken und mich ins Getümmel meines Stresses stürzen. Stattdessen sitze ich an einem Gate und schaue aus wie ein Gestrandeter. Ringsherum Leute mit Anzug und Laptop. Ihre Blicke streifen mich. Auf dem Camino wird sich dafür hoffentlich niemand interessieren. Lediglich muss ich dort erst einmal an- und hinkommen.

Die Zeit bis zum Flug vergeht mit meinem Hörbuch von »Torsten Sträter« im Ohr und die Wunderlinge beobachten rasch. Menschen, welche halb sechs morgens lautstark am Handy hängen und irgendwem mitteilen, wie unentbehrlich sie sind und dass sie einen sehr langen und stressigen Tag in Frankfurt haben, das ohne sie nichts richtig läuft und sie sich ständig um alles selbst kümmern. Die Lautstärke meines Hörbuches steht am Limit. Dieses Unwichtige macht meinen Kopf derzeit nur unnütz voll. Mit wem saß ich hier? Wohin gingen all meine Reisen?

Leipzig, Berlin, Düsseldorf, Lanzarote, Stuttgart, Kreta,

Hamburg, Hurghada und nun nach Pamplona und SJPdP. Menschen kommen gedanklich hinzu und es formen sich Bilder und Dialoge. Manche Zeitgenossen sollte ich verdrängen, andere lassen tiefere Gedanken zu.

Da ist meine Familie, meine Eltern, meine Großeltern, mein Bruder, Manu eine liebe Freundin, welche 2013 zu früh von uns ging, Roland mein früherer Chef und B. Worte für diese Frau sind ausnahmslos positiv und gehören nur mir.

Gedanken fliegen durch meinen Kopf und so sitze ich hier allein und daran wird sich in den nächsten Wochen nichts ändern. Wochen klingen geringer als Tage hören sich jedoch nicht reizvoller an. Mir kommt es schon jetzt verdammt lang vor, wenn ich lediglich daran denke, wann ich hier wieder lande.

Mein Tagebuch liegt genauso entspannt vor mir, wie ich mich in diesem Moment fühle. In der Hoffnung nach der Reise Bedeutsames zu lesen und nicht Hunderte von Fotos anschauen zu müssen schenkten mir meine Eltern jenes. Ohne diese Kladde wäre das Buch nie entstanden. Es ist mühsam Fotos anzuschauen, ohne dabei gewesen zu sein.

Wie soll ich beginnen? Ich schreibe nie Tagebuch und habe nie etwas schriftlich festgehalten was mein Leben betrifft. Warum sollte es ausgerechnet jetzt jemanden interessieren? Ich schreibe es nur für mich.

In den vergangenen zwei Stunden passierte schon die eine oder andere humorvolle Begebenheit und ab jetzt soll mein Stift noch regelmäßiger zum Einsatz kommen. Meine Erinnerungen sind noch frisch und so schreibe ich munter drauf los. Unterhaltend werde nur ich es finden, bin ja live dabei.

Ich bin scheinbar nicht der Einzige, welcher den Camino für sich entdeckt hat. Eine Gruppe Frauen mit ähnlich schicker und funktionaler Kleidung möchte ebenso nach Frankfurt . Ein kurzer Small Talk und sie gehen den Weg ab Porto, den Caminho Português. Dieser hat eine Länge von 360 Kilometer und war mir bisher nicht so geläufig. Man lernt nie aus. Auch sie gingen noch nie einen Weg und erhoffen sich spirituelle Eingebungen. Sie gehören einer besonderen Gruppe an. Zwei sind Veganer und fünf sind Frutarier. In einem Hostel oder Hotel möchten sie nicht nächtigen. Ihnen ist alles zu kommerziell und sie ziehen es vor am Strand zu schlafen. Ihr Budget für sechzehn Tage beträgt beinahe null. Auf meine Frage was sie essen werden. »Nüsse, Beeren, Früchte, Gemüse und allerlei Samen. Unsere Ernährung findet nur statt, ohne dass die Pflanze stirbt. Wir haben ja etwas Getrocknetes mit.« Auch ist ihre Ausstattung sehr schmal. Sie sind nur mit etwas größeren Jutesäcken unterwegs. Ich wünsche ihnen viel Glück, tolle Erfahrungen, gutes Gelingen und immer einen vollen Gemüse- und Obstgarten. Das könnte für die Damen verdammt knapp werden.

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