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Das Glück ist eine gute Pasta

Luigi Brunetti / Sabine Eichhorst

DAS GLÜCK
IST EINE GUTE Pasta

Wie ich die Liebe zum Essen
nach Bella Germania brachte

BASTEI ENTERTAINMENT

Zù Saveru

Der Mann, der im Licht des Nachmittags aus seinem Haus an der Via Chiesa tritt, trägt dunkle Hosen und ein helles Hemd, dessen Kragen er trotz der Hitze zugeknöpft lässt. Sein Haar hat er nass zurückgekämmt, der Schnurrbart ist sauber gestutzt, sein rechter Fuß steckt in einem ausgetretenen Schuh; das linke Hosenbein hat er aufgeschlagen.

Einen Augenblick verharrt er in dem schmalen Sonnenstreifen, der zwischen den Häusern hindurchfällt. Er blinzelt, bis seine Augen sich an das helle Licht gewöhnt haben, dann geht er die wenigen Schritte zu dem Bänkchen an der Hauswand. Das Geräusch seines Stocks hallt durch die nachmittägliche Stille, und im Haus gegenüber schiebt Signora Mariotti die Gardine beiseite und schaut hinaus, sie nickt. Der Mann nickt ebenfalls und setzt sich. Er zieht den Corriere della Sera aus der Tasche und beginnt zu lesen. Die Kirchturmuhr von La Madre dei Santi Pietro e Paolo schlägt halb sechs.

Zur selben Zeit tritt in der Via Pace ein Junge mit zwei Tüten Zucker im Arm aus dem alimentari. Seine Haut hat die Farbe von reifen Oliven, seine Füße sind nackt und schmutzig. Mit schnellen Schritten läuft er übers Pflaster, die Gasse hinab. Als er in die Via Chiesa biegt und den Mann auf der Bank erblickt, bremst er ab.

»Buongiorno, Zù Saveru.«

Der Mann sieht von seiner Zeitung auf. Er blinzelt, und ein Lächeln zieht über sein Gesicht.

»Ciao, Cardìllu.«

Der Junge zögert einen Moment, dann stellt er die Tüten ab und kommt näher. Er vergräbt die Hände in den Hosentaschen und deutet mit dem Kinn auf den Corriere.

»Spielt Mazzola am Sonntag?«

»So wahr ich hier sitze.«

»Er ist verletzt, sagt Papà.«

»No, no, Sandro ist in Form. Er hat im Training gut gespielt und wird auch gegen Bologna gut spielen.«

Zù Saveru faltet die Zeitung zusammen. »Aus dem wird einmal ein ganz großer Spieler, ein Profi, wie sein Vater einer war. Das kannst du mir glauben.«

Der Junge nickt und runzelt die Stirn. Er nimmt seine Schiebermütze ab und kratzt sich am Kopf. »Steht das in der Zeitung?«

»Das und noch viel mehr.« Zù Saveru bedeutet dem Jungen, sich zu ihm zu setzen.

Cardìllu zieht die Nase hoch und setzt sich.

Gegenüber, im Haus von Signora Bianchi, ertönt ein Schrei. Eine Tür fällt zu, die Haustür fliegt auf, drei Jungen stürmen die Treppe hinunter, der kleinste stolpert über einen Blumentopf mit Basilikum und Peperoncini, er fällt, und die anderen lachen.

»Stupido!«, ruft die Signora. »Stu-pi-do!« Sie rollt mit den Augen, und ihre Brust bebt, als sie sich nach dem Blumentopf bückt, dann bekreuzigt sie sich und ruft nach dem Herrn, nach ihrem Mann und nach einer gerechten Strafe für ihre missratenen Söhne.

Die halten inne, kaum dass sie Zù Saveru erblicken. Der älteste Bianchi strafft die Schultern, der mittlere lächelt und entblößt eine Zahnlücke, der jüngste rappelt sich auf und wischt sich den Schmutz von den Knien. »Buongiorno, Zù Saveru.«

Der nickt.

Eine halbe Stunde später öffnet Signora Bianchi das Fenster im oberen Stockwerk. Ihr Gesicht ist noch erhitzt, lose Haarsträhnen kleben an ihren Wangen. Mit flinken Händen pflückt sie die Wäsche von der Leine und schaut dabei auf die Gasse hinunter, wo ihre Brut hockt, neben Cardìllu und einem weiteren Dutzend ragazzi, die zuhören, wie Zù Saveru Gitarre spielt. Er gibt ihnen Unterricht, auch ihrem Ältesten; dafür bringt die Signora ihm ab und zu ein Brot, ein Stück Schinken oder scharf gewürzte Salami, einen Kanten buttergelben Caciocavallo-Käse. Der alte Mann kennt die Welt, die große Politik, er kann sämtliche Gewinner des Giro d’Italia seit 1909 aufzählen und weiß alles über Inter Mailand und Juventus Turin; mit den Jungen palavert er über Fußball wie mit Erwachsenen, und dafür lieben sie ihn. Manchmal nimmt er einen von ihnen beiseite; auch ihrem Ältesten hat er schon die Leviten gelesen. Die ragazzi, die ihm verständig und anstellig erscheinen, schickt er nach Rom. Dort, heißt es, habe er Verbindungen.

Sollte sie einmal mit ihm reden, wegen ihres Ältesten?

Die Signora seufzt, den Arm voller Wäsche, und murmelt ein Stoßgebet. Dann schließt sie die Fensterläden, während unten auf der Gasse Zù Saveru die Gitarre sinken lässt. Er hustet und zieht eine Zigarette aus der Brusttasche seines Hemdes. Cardìllu fischt ein Streichholz aus seiner Hosentasche und reißt es an. Zù Saveru nimmt einen tiefen Zug, bläst den Rauch aus und sieht zu, wie er sich im gelben Nachmittagslicht auflöst, dann lässt er seinen Blick über die Gesichter der ragazzi schweifen, sieht die gierigen Blicke der einen, die genügsamen der anderen. Eine Schweißperle rollt seine Stirn hinab.

Luigi, der Sohn der Brunettis, sieht auf.

Zù Saveru betrachtet ihn. Die schmutzigen Finger und die verschorften Knie. Das kurze, dichte Haar, die dunklen Brauen, die wie zwei spitze Dächer über seinen Augen stehen. Das offene Lachen, das auf seinen Lippen liegt, aus seinen Augen blitzt. Sein Blick, der auf ein fernes Ziel gerichtet scheint, auf etwas, das er noch nicht kennt und wovon er doch eine Vorstellung hat.

Zù Saveru lächelt und zieht an seiner Zigarette. Langsam bläst er den Rauch aus, räuspert sich und nickt Luigi zu …

MANDATORICCIO

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Pasta e fagioli

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1 Stangensellerie

2 Karotten

1 Zwiebel

1 Knoblauchzehe

300 Gramm Trockenbohnen

Salz

100 Gramm Pasta nach Wahl

2 geschälte Tomaten

100 Gramm fetteren Speck

frischen Rosmarin

4 Blätter Salbei

1 Knoblauchzehe

1 Esslöffel süßen Paprika

Sellerie, Karotten, Zwiebel und Knoblauch fein hacken und anschwitzen. Die am Abend zuvor eingeweichten Bohnen dazugeben und mit der dreifachen Menge Wasser aufgießen, mit Salz abschmecken und köcheln lassen.

Ein Drittel der Bohnen abgießen und fein pürieren. Die restlichen Bohnen mit der Pasta und den Tomaten gar kochen.

Unterdessen Speck und Knoblauch anbraten, mit Rosmarin, Salbei und Paprika würzen und zusammen mit dem Püree in den Sud geben.

Die Schnecke zerteilte das Maulbeerblatt der Länge nach mit runden, präzisen Bissen dicht an der Mittelrippe entlang und so zügig, dass ich zusehen konnte. An der Spitze angekommen, zog sie eine Hälfte beiseite und machte sich darüber her, fraß in großen Happen, während ein Trupp Ameisen, der durchs trockene Laub patrouillierte, die andere Blatthälfte auflud und abtransportierte.

»Luigi!« Wie ein gespitzter Pfeil schnellte Papàs Stimme den Hang hinab. Ich fuhr zusammen und stieß mich vom Feigenbaum ab, unter den ich mich geflüchtet hatte. Der Boden glühte, und das Licht schmerzte in den Augen, als ich aus dem Schatten trat, meine Kehle war trocken und rau. Ich rieb meine Waden.

»Luigi, dove sei?« Meist nannte Papà mich Luigino oder einfach Gino oder im Dialekt unseres Dorfes Ginùzu. Es sei denn, er war wütend.

»Ich bin hier.« Ich holte Luft und rannte los, zwischen Olivenbäumen hindurch, um das casella von Signor Filippelli herum, der eben zur Tür heraustrat, und weiter über die Felder; wo das Getreide gemäht war, stachen Stoppeln in meine Fußsohlen. Signora Filippelli, eine Sichel in der Hand, richtete sich auf und schnaufte, ihr Bauch eine riesige Kugel, fast sah es aus, als würde sie gleich vornüberfallen. Die älteren unter ihren Kindern sammelten die Mahd auf, während die Kleinen im Schatten eines Wacholderbaums spielten, und sie rieb sich die Stirn und rief »piano, piano, Ginùzu«, doch ich hastete weiter bergauf, bog schließlich um eine Kurve und sah Mamma, die sich bückte, meinen Bruder, meine Onkel und Tanten, die überall am Hang Getreide schnitten; in ihren schwarzen Kleidern sahen sie aus wie übergroße Ameisen. Es war bereits Nachmittag, und noch immer flimmerte die Luft über den Weizenfeldern. Drüben, auf der anderen Seite des Tals, wo der Weg nach San Morello hinaufführte, hatte Pizzuti, der Bauunternehmer, Tagelöhner angeheuert; am Abend würde er ihnen ein paar Lire bezahlen, sodass ihre Frauen Seife kaufen konnten, Zucker und Pasta.

»Wo warst du?«, zischte Franco.

»Pipi machen.« Ich schlug nach einer Bremse.

Mamma richtete sich auf. Ihr Kopftuch war tief in die Stirn gerutscht, und sie löste es und wedelte sich Luft zu. Seit vier Uhr war sie auf den Beinen, wie immer, wenn Ernte war, denn in der Frühe war es kühl und der Weizen schnitt sich leichter, der Hafer für den Esel, die dicken Bohnen für das Schwein; wie alle im Dorf hielten wir ein Schwein und machten im Winter Schinken, Salami, Speck und Salsiccia.

Franco und mich hatte Mamma am Abend zuvor zu ihren Eltern geschickt. Die Carlinos waren eine große Familie, sie besaßen ein Haus mit drei Schlafzimmern und eine Pfeifenfabrik, die Großvater gegründet hatte. Vor dem Zubettgehen saßen wir mit Nonno in der Küche, er schälte uns eine Orange. Für Märchen waren wir zu alt, ich war acht, und mein Bruder wurde bald zehn, doch Nonno kannte unendlich viele Geschichten, er war klüger als ein Buch, und gestern erzählte er uns, wie seine Eltern, als er noch ein Junge war, einmal ein Essen ausgerichtet hatten. Alle Verwandten waren eingeladen, und man aß den ganzen Tag, den ganzen Abend, bis in die Nacht hinein. Irgendwann wurden die Kinder ins Bett geschickt, doch Nonno protestierte, und in einem Moment, in dem niemand achtgab, versteckte er sich unterm Tisch. Ein Onkel entdeckte ihn, verriet ihn aber nicht und warf ihm heimlich Fleischstücke zu. »Einer der Knochen war so groß – er hat meine Nase getroffen und gebrochen!«

Ich sah Nonno an und schüttelte den Kopf.

»Fühl mal!«

Ich stieg auf seinen Schoß und befühlte seine grobe Nase. »Da ist nichts.«

Nonno lachte, so heftig, dass sein Schnurrbart wackelte. Nonna sah von ihrem Nähzeug auf.

»Hast du wieder heimlich Wein getrunken?«

Nonno lachte noch heftiger und schüttelte den Kopf, und es schien, dass ihre Worte, die zu seinem einen Ohr hineingezogen waren, sogleich zum anderen wieder hinausflogen.

»Wo hast du gesteckt?« Papà richtete sich auf, zog seine dunklen, dichten Brauen in die Höhe. Er wandte den Kopf und spuckte aus, dann nahm er seine Mütze ab und strich sein Haar zurück. »Sag schon, wo hast du gesteckt?«

Mammas Blick folgte seinen Bewegungen, dann senkte sie den Kopf. Papà war ein gutes Stück größer als sie, ein hagerer Mann mit schwarzem Haar und einem schmalen Gesicht, in das die Sonne Falten gegraben hatte.

»Ich musste mal in die Büsche«, sagte ich und kratzte mich am Bauch.

»Schon wieder?« Papà setzte seine Mütze auf und spuckte noch einmal aus. In seinem Mundwinkel klebte ein Tabakkrümel; er drehte seine Zigaretten selbst, aus Schnitttabak, den er in einer verknitterten braunen Papiertüte bei sich trug. Mit dem Daumennagel klopfte er gegen seine Sichel und machte dabei eine unbestimmte Bewegung mit dem Kopf.

»Pantuso wartet.«

Der alte Pantuso breitete auf einer Ebene weiter oben am Hang das frisch geschnittene Getreide in der Sonne aus und ließ seine Maultiere darüberlaufen, damit sie mit ihren Hufen die Ähren zermalmten und das Korn droschen.

»Du kannst an der Quelle halten und den Esel tränken«, sagte Mamma und band ihr Kopftuch neu. Als Papà sich bückte und nach einem Büschel Weizen griff, lächelte sie mir zu.

Ich schluckte, nickte und stapfte los.

Vorn am Rain wartete Domenico, der Sohn meiner Lieblingstante Zà Peppina, er hatte die Garben, die die Kleinen eingesammelt hatten, auf den Rücken unseres Esels gebunden.

»Mann, hab ich Durst«, sagte er und fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen.

»Lass uns zuerst zur Quelle laufen und was trinken«, sagte ich.

»Aber Pantuso wartet.«

»Es ist kein Umweg.«

»Gut, wenn du meinst.« Die Sonne blendete, und Domenico zog seinen Strohhut tiefer; ich hatte meinen beim Mittagessen in unserem casella liegen lassen.

»Du wirst sehen, er wird’s gar nicht merken.«

»Wenn du’s sagst.« Er griff nach dem Strick, und Cicciu setzte sich in Bewegung; er war schwer beladen, und die Getreidebündel auf seinem Rücken schwankten.

Wir nahmen nicht die Straße, die zum Dorf hinaufführte, sondern eine Abkürzung durch Felder und Olivenhaine. Anfangs war der Pfad schmal und von Disteln und wilden Brombeeren gesäumt, der Boden staubte unter unseren Schritten. Eidechsen huschten zwischen Steinen hervor. Hier und da warfen eine Steineiche oder eine struppige Pinie einen Fleck Schatten. Rinder käuten auf den Weiden, ein paar Ziegen knabberten an einem Myrtenbusch. Nicht eine Wolke stand am Himmel.

Domenico lief mit dem Esel voran.

»Pass auf, dass er dich nicht in die Dornen drängt.«

Er nickte und stieg über einen Haufen Kuhdung. Mein Cousin war so alt wie ich, genauso schmächtig und zäh, aber zurückhaltender, meist zog ich ihn mit. Gemeinsam liefen wir in die Wälder und hoben Ameisennester aus. Am Meer in den Dünen suchten wir wilde Lakritze, gruben ihre Wurzeln aus und kauten darauf herum. Wir stahlen Zà Peppina oder Papà heimlich Oliven, gerade so viele, dass sie es nicht merkten, und brachten sie zur zentralen Abnahmestelle; dort wurden sie gewogen, und der Mann an der Kasse gab uns Geld. Manchmal zog ich Domenico auf und sagte, er habe einen großen Kopf, aber drinnen sei nur Leere; doch als zur Festa degli alberi alle Kinder im Dorf ein Gedicht auswendig lernen und aufsagen mussten und er, kaum dass er auf der Bühne stand und alle zu ihm aufsahen, kein Wort herausbekam, zog ich ihn vom Podest und sagte der Lehrerin, sie solle ein anderes Kind vorschicken.

»Aber … aber ich wollte …«, stammelte er.

»Du bist schüchtern. So ist es eben.«

»Aber ich wollte doch auch einmal …«

»Mach dir nichts draus. Du bist trotzdem mein bester Freund.«

Nach einer Weile wurde der Weg breiter und steiler. Der Esel war trittsicher, doch unter seinen Hufen lösten sich Sand und Steine, die gegen unsere nackten Beine schlugen. In den Ginsterbüschen zirpten Grillen, ihr hoher Gesang schrillte in den Ohren. Es roch nach Macchia.

Überall stand die Hitze.

Schwitzend und schweigend kletterten wir den Berg hinauf. Nach einer knappen Stunde stießen wir in Höhe der Fontana Milo auf die Straße, die wie ein braunes Band vom Meer zum Dorf hinaufführte. Cicciu stellte die Ohren auf. Er hörte das Plätschern und lief schneller, die Ladung auf seinem Rücken schwankte. Domenico zerrte am Strick, doch das Tier ließ sich nicht bremsen, wir stolperten hinterher und schürften uns die Knie auf.

»Lass ihn laufen«, rief ich.

Domenico ließ den Strick los, und der Esel hielt schnurstracks auf die Quelle zu. Sie lag abseits der Straße in einer Kurve an einem Felsen, der in der Sonne glänzte. Ich entdeckte Cardìllu, der sein Maultier am Trog tränkte. Kaum dass es unseren Esel erblickt hatte, stieß es einen lauten Schrei aus. Cicciu schlug mit der Schwanzquaste und lief noch schneller.

Mit einem Mal schmeckte die Luft kühl und frisch.

»Ciao.« Cardìllus Gesicht und seine Arme waren nass, gerade zog er sein Hemd aus. Ich stapfte durch den Matsch und schob ihn beiseite, hielt meinen Kopf unter das Rohr, aus dem das Wasser quoll, und trank gierig. Dann trat ich beiseite, und Domenico schöpfte Wasser.

»Gino, soll ich deinen Esel zeichnen?« Cardìllu hieß eigentlich Giovanni, doch wie alle in seiner Familie wurde er Cardìllu genannt, was in unserem Dialekt »Kanarienvogel« hieß, denn seine Mutter zwitscherte wie ein Kanarienvogel; böse Zungen behaupteten, das Hirn seines Vaters sei ebenso klein, denn er verlieh Geld und verlangte es nie zurück.

Cardìllu deutete auf Cicciu, der neben seinem Maultier stand und soff. Er hatte zwölf Geschwister, seine Eltern waren arm, wie fast alle im Dorf, und manchmal gab ich ihm ein Stück Salami, damit er für mich zeichnete, denn er konnte zeichnen wie Leonardo da Vinci. Einmal hatte er mit wenigen Strichen ein Bild von unserem Haus angefertigt; es sah aus wie eine Fotografie.

»Ein andermal, Cardìllu, wir müssen hoch zum alten Pantuso.«

Er hockte sich abseits in den Staub und wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Ich kann es dir auch beibringen. Zeichnen ist nicht schwierig.«

»Lass es gut sein, Cardìllu. Ich kann kaum zwei gerade Striche ziehen.«

»Du brauchst nur ein bisschen Fantasie.«

»Fantasie habe ich, aber zeichnen kann ich trotzdem nicht.« Wieder hielt ich meinen Kopf unter das Rohr und ließ das kalte Wasser über meinen Schädel rinnen, bis es schmerzte. Dann zog ich mein Hemd aus und tauchte es in den Trog. »Ich hoffe, dass du einmal ein berühmter Künstler wirst. Du hast Talent, daraus musst du was machen.«

Cardìllu nickte und zog mit dem Finger Spuren in den Sand.

»Lass uns weitergehen«, sagte Domenico und setzte seinen Strohhut auf.

Ich zog mein Hemd an, und er griff nach dem Strick. Aber Cicciu rührte sich nicht.

Cardìllu kicherte. Ich brach einen Zweig von einer Glyzinie, riss die Blätter ab und schlug dem Esel über die Flanke.

Er rührte sich nicht.

Domenico bückte sich, fuhr mit der Hand die vorderen Fesseln hinab, kratzte erst den rechten, dann den linken Huf aus.

»Wenn du das hinten machst, schlägt er aus.«

»Ich weiß.« Wieder zog mein Cousin an dem Strick, der als Zügel diente, er schnalzte, während ich um Cicciu herumsprang und ihm auf die Flanken schlug, zweimal, dreimal, viermal.

Er rührte sich nicht.

»Du hättest mich ihn zeichnen lassen sollen«, witzelte Cardìllu und wischte über sein Sandbild. Sein Maultier schlug mit dem Schweif nach Fliegen.

Plötzlich kräuselte Cicciu die Lippen, drehte den Kopf zur Seite – und lief los. Domenico stolperte, beinahe wäre er gefallen.

»Ciao«, rief Cardìllu.

»Ciao«, rief ich und hastete hinterher.

Wir folgten der Straße und bogen nach einer guten Viertelstunde auf einen Feldweg, der steil bergauf führte, bis unterhalb des Friedhofs eine Schneise abzweigte. Zwischen dichtem Christusdorn, der im Frühjahr blühte, doch jetzt nur Blätter und Dornen trug, stapften wir neben unserem Esel her, der nun wie ein aufgezogenes Uhrwerk lief. Domenico hatte ihm den Strick lose über den Hals gelegt.

»Ciao, ragazzi«, rief der alte Pantuso, als wir eine halbe Stunde später den Dreschplatz erreichten. Er schwang eine Rute und trieb seine Maultiere an, eins schlug mit dem Schweif, das andere warf den Kopf hoch und seine langen Ohren standen ab wie Segel. Ein leichter Wind wehte über die Ebene und trug den Staub fort, den die Tiere aufwirbelten. Ich sah mich um. Ringsum erstreckten sich Berge, weich geschwungene grüne Linien wechselten mit kahlem Gestein. Auf einem Kamm stand eine Reihe Bäume, wie Krieger sahen sie aus, die in der Ferne den Feind ausgemacht hatten und nun abwarteten, ob er sich heranwagte. Hier und da krallte sich ein Haus an eine Felswand.

Und nirgendwo ein Flecken Schatten.

Domenico löste die Stricke auf dem Rücken des Esels und begann, die Mahd abzuladen.

»Die da drüben nehmt ihr mit.« Der alte Pantuso deutete auf zwei prall gefüllte Säcke. Er trug eine Schiebermütze, schwarze Hosen und eine Weste, darunter ein Hemd. Sein weißer Schnurrbart leuchtete in seinem dunklen Gesicht, und wenn er lachte, entblößte er ein paar einzelne braune Zähne. Er musste mindestens sechzig Jahre alt sein, vielleicht auch achtzig oder hundert.

», Signor Pantuso«, sagte Domenico.

»Und einer von euch beiden …« Er ließ seine Maultiere in einen gemächlichen Trab fallen und musterte erst mich, dann meinen Cousin. »Einer bleibt hier und hilft mir schippen.« Er ließ die Zügel los und nahm eine Holzschaufel, fuhr in die zertrampelte Mahd und warf das Korn in die Luft und sah zu, wie sich im Fallen die Spreu vom Weizen trennte.

Domenico nickte.

Allein führte ich Cicciu mit zwei Säcken Weizen, jeder gut fünfzig Kilo schwer, den Hang wieder hinab und weiter zum Friedhof und hinauf ins Dorf, das Tier kannte den Weg und wäre ihn wahrscheinlich auch ohne mich gelaufen. Obwohl die Sonne bereits sank, brannte sie noch, mein Haar schien zu glühen – warum hatte ich bloß meinen Strohhut vergessen? Ab und zu blieb ich stehen und rieb meine Waden; während der Ernte brachte ich das gedroschene Korn ins Dorf, und obwohl ich schmächtig war, waren meine Beine so muskulös, dass ich aus dem Stand auf einen Esel, ein Maultier oder ein Pferd springen konnte.

Am Abend, nach dem Essen, lief ich denselben Weg zurück, bog bei der Fontana Milo ab und rannte den steilen Sandpfad hinauf zum casella, in dem Domenico den Sommer über mit seinen Eltern und dem Vieh lebte. Das Häuschen lag etwas zurückgesetzt auf einer Wiese oberhalb der Straße. Es hatte ein flaches Ziegeldach, die Wände waren aus Feldsteinen gemauert und gerade so hoch, dass ein Erwachsener sich nicht bücken musste, wenn er zur Tür hineintrat. Drinnen gab es eine große Küche, einen Schlafraum und einen Stall für die Kühe, Schafe und Ziegen; oft, wenn Papà wütend war, lief ich zu Hause fort und schlief hier, lag auf einem Strohsack und lauschte in die Nacht, während nebenan die Kühe wiederkäuten. In der Frühe, wenn Zà Peppina sie gemolken hatte und mein Onkel, Zù Peppe, Käse machte, bereitete sie eine Suppe aus Molke, Ricotta, Brot und Zucker zu, die ich liebte – sie schmeckte kühl, ein wenig säuerlich und zugleich süß, fast wie ein Versprechen.

Jetzt stand Zà Peppina am Herd und kochte Pasta e fagioli, gerade gab sie die Nudeln in die Bohnensuppe. »Nimm dir einen Teller und setz dich, Ginùzu.«

Domenico rückte beiseite, und ich hockte mich neben ihn auf eine Kiste. Es roch nach Speck und gedünstetem Knoblauch, nach samtigem Salbei.

»Wie läuft eure Ernte?«, fragte Zù Peppe.

»Gut.« Ich rieb meine Waden. »Die Kornkammer ist fast voll.« Im Keller unseres Hauses stand eine riesige Holzkiste, aus der Mamma, wenn sie unterm Jahr Mehl brauchte, Weizen abfüllte und zur Mühle trug.

»Das gibt viel Brot und jede Menge Pasta.« Zù Peppe rieb sich die Hände und lachte; er lachte gern und viel. Eine schwarze Locke kringelte sich auf seiner Stirn, seine Augen blitzten. Zà Peppina zog den Topf vom Herd und füllte unsere Teller.

Nach dem Essen, als Zù Peppe die Herde zusammentrieb, stopfte Domenico hinterm Haus neben dem Myrtenbusch ein Mauseloch. Ich saß im Gras, lehnte mich an die Wand und sah ihm zu, wie er wilde Kamille in die Erde schob. Die Steine in meinem Rücken waren noch immer warm von der Sonne, der Himmel über den Gipfeln leuchtete gelb und rosa, ein leichter Wind strich über die Wiese.

»Wenn ich groß bin, werde ich Schafe züchten. Ich will eine große Herde besitzen, mindestens fünfzig Tiere.«

»Fünfzig?« Domenico stand auf und rieb sich Grashalme von den Knien. »Du bist verrückt.«

»Wenn du auch fünfzig Schafe hättest, könnten wir Partner werden. Wir verkaufen nur die männlichen Lämmer, die weiblichen behalten wir, damit die Herde weiter wächst.«

Domenico runzelte die Stirn, als überlegte er, ob ich einen Scherz machte.

»Von dem Geld, das wir verdienen, können wir uns Pferde kaufen.«

Er legte den Kopf auf die Seite und stieß ein wenig Luft zwischen den Zähnen aus.

»Oder ein Auto.«

»Einen Fiat 1100 wie Giuseppe von den Morellis?«

»Oder einen Fiat 1200 Spider. Der hat 55 PS!«

»Aber Giuseppe arbeitet in Deutschland, der ist reich. So reich werden wir als Schäfer nie.«

»Wenn wir tausend Schafe besitzen, sind wir reicher als Morelli.«

Domenico bohrte seine Zehen in die weiche Erde. »Per dio, tausend Schafe …«

»Zweitausend.« Ich dachte an meinen anderen Großvater, Nonno Brunetti, der einst Rinder-, Schaf- und Ziegenherden besessen hatte, so groß, dass die alten Leute im Dorf noch heute erzählten, man habe, wenn die Tiere im Frühling ausgetrieben wurden, einen Tag und eine Nacht lang das Läuten ihrer Glocken gehört. Später verschwand der alte Brunetti nach Argentinien. Er verprasste sein Vermögen, und seine Frau, die er zurückgelassen hatte, musste alles, was ihr geblieben war, verkaufen, um sich und die Kinder durchzubringen und ihren vier Töchtern eine Aussteuer mitzugeben, damit sie sie verheiraten konnte.

Domenico bückte sich, zog einen Stein unter dem Myrtenbusch vor und rollte ihn auf das Mauseloch. Zufrieden betrachtete er sein Werk, wischte sich die Hände an den Hosen ab und lehnte sich an den wilden Feigenbaum.

»Wir könnten auch Kühe züchten«, sagte er und pflückte eine Feige.

Ich dachte einen Moment nach, dann schüttelte ich den Kopf. »Kühe sind groß, die brauchen viel Platz. Und wenn ein Bulle wild ist, wird’s gefährlich.« Im Sommer zuvor hatte ein Onkel uns nach der Schule zum Kühetreiben geschickt. Domenico lief einem Bullen hinterher, der sich aus dem Staub machen wollte – plötzlich senkte das Tier den Kopf und rannte geradewegs auf ihn zu. Mein Cousin duckte sich, doch der Bulle spießte ihn auf und warf ihn im hohen Bogen durch die Luft; ohne nachzudenken, hob ich einen Stein auf und warf ihn nach dem Bullen, ich traf ihn am Horn, er zuckte zurück, wandte sich um und stob davon.

Mein Cousin lag wie tot am Boden.

Wie von Sinnen schrie ich um Hilfe. Drüben am Waldrand lief Bruno, der Sohn vom Bruder des Müllers, mit seinem Esel. Eben hatte er uns noch hinterhergerufen, wir sollten seine Milchflaschen mitbringen, die er an der Quelle zum Kühlen ins Wasser gestellt hatte, doch er war nur ein paar Jahre älter als wir, und wir hatten zurückgerufen, er solle seine Milch selbst holen.

Nun kam er den Hang heruntergeeilt.

»Hilf mir, ihn auf den Esel zu laden«, sagte er, doch ich zitterte so sehr, dass ich keine Hilfe war. Domenico war bewusstlos, er schien kaum zu atmen, sein Hemd und seine Hose waren voller Blut. Meine Zähne schlugen aufeinander, ich fror wie im tiefsten Winter.

Im Dorf kam Domenico wieder zu Bewusstsein. Der Apotheker untersuchte ihn, denn der Dottore war nach Cariati gefahren. Trotz des vielen Bluts hatte der Bulle ihn mit seinem Horn nur gestreift. Mein Cousin erlitt eine Gehirnerschütterung und musste eine Weile im Bett liegen.

»Du hast recht.« Domenico setzte sich neben mich ins Gras, teilte die Feige in zwei Hälften und reichte mir eine. Er roch nach Schweiß und wilder Kamille. »Es ist besser, wenn wir Schafe züchten.«

Ich lutschte das süße Fruchtfleisch aus der Schale, ließ mich zur Seite fallen und streckte mich aus. Ein paar Grillen zirpten, Schwalben schwatzten, und irgendwo bellte ein Hund. Der Himmel leuchtete so golden und violett, als hätte Cardìllu ihn gemalt.

»Tausend Schafe sind trotzdem eine Menge.« Domenico wischte sich Feigensaft vom Kinn.

»Ja«, sagte ich und sah zu, wie ein Marienkäfer auf meinem Daumen landete. Er krabbelte meinen Fingernagel hinauf bis zur Spitze, reckte und streckte sich ins Leere, dann breitete er seine Flügel aus und flog davon.

Ich wandte den Kopf. »Aber weißt du was? Wenn ich’s mir recht überlege, sollten wir dreitausend Schafe haben!«

Signor Arena lehnte im Türrahmen seines Ladens und sah zu, wie Signora Galanti die Auslagen prüfte, die prallen Auberginen, die leuchtenden Tomaten, die Zucchini und den Spinat, die Körbe mit schimmernden Pfirsichen, wohlgeformten Birnen und samtig-dunklen Kirschen. Ab und zu glitt ihr Blick auf eines der weißen Schilder, auf die er mit runder Schrift seine Preise gemalt hatte.

»Sind die frisch?« Sie griff in eine Kiste mit Cime di rape.

Signor Arena stieß ein kurzes Schnalzen aus und schüttelte den Kopf. »Wenn sie blühen, sind sie nicht mehr gut. Und blühen die vielleicht?«

Die Signora ließ sich nicht beeindrucken, fuhr mit der Hand durch die gefiederten Rübenblätter, hob ein Bündel heraus und betrachtete es, maß schließlich eine gute Handvoll ab und reichte sie Signor Arena.

»Salsiccia dazu? Tomaten?«

Die Signora schüttelte den Kopf und wandte sich dem Spinat zu. Signor Arena, dick wie ein Fass, strich über seinen Bauch und zwinkerte mir zu, während ich auf einem Mauervorsprung hockte und auf Domenico wartete.

Signora Fazio griff nach den Auberginen, die im hellen Licht glänzten. »Wer hat gestern gebacken?«, fragte sie.

Signora Galanti, deren Ältester der Patensohn von Signora Fazios Mann war, maß eine Handvoll Spinat ab, legte sie in die Schüssel, die Signor Arena ihr reichte, und deutete mit einer kurzen Kopfbewegung auf das Haus auf der anderen Straßenseite. »Die Amodeo war am Nachmittag beim öffentlichen Ofen in der Via Pace.«

Ein Huhn lief die Gasse hinab, und irgendwo spielte ein Radio Volare. Ich trommelte den Takt und pfiff die Melodie, streckte die Beine aus und betrachtete meine Zehennägel, rund und glatt wie Kieselsteine. Signora Fazios Jüngster spähte herüber, den Daumen im Mund, die Hand am Rock seiner Mutter, die Augen voller Neugier und Flehen – ich schüttelte den Kopf, ich war neun und spielte nur mit großen Jungen.

Ein Schatten huschte hinterm Fliegengitter vorbei, dann öffnete Signora Amodeo das Fenster. »Komm nach dem Einkaufen rüber, dann kannst du die Hefe mitnehmen.«

»Sì«, rief Signora Fazio. »Sì, sì!« Im Dorf gab es Mutterhefe, die von Haus zu Haus gereicht wurde.

Signora Amodeo schraubte in ihrer Küche den Espressokocher auf und schlug altes Pulver aus dem Filter. Wasser plätscherte, dann wurde die Herdflamme entzündet. Ich schob meine Hand in die rechte Hosentasche; die Zigarette war knitterig, der Filter weich, ein paar Tabakkrümel hatten sich gelöst.

Wo blieb bloß Domenico?

»Angelina hat wieder Besuch«, sagte Signora Russo, die auf der Bank vor ihrem Haus neben Signor Arenas Laden saß, einen Rosenkranz in den knorrigen Fingern. Sie trug ein schwarzes Kleid, eine blaue Schürze, ihr dünnes Haar war zum Knoten gebunden.

Signora Fazio legte die Aubergine zurück und nahm eine Zucchini, krumm wie ein Prügel; dabei rutschte der Ärmel ihrer Bluse herauf und entblößte einen blauen Fleck.

»Es ist ein Mann …«

»Sì, sì …« Signora Fazio legte die Zucchini zurück und griff nach den Peperoncini. »Die Parotta hat’s mir erzählt.« Signora Parotta war die Hebamme. Auch mich hatte sie geholt, im Juni 1949, und Mamma, die fürchtete, es könnte noch einmal einen Krieg geben, hatte mich erst drei Monate später auf der Registratur angemeldet. Alle ragazzi im Dorf, sagte sie, die in der ersten Hälfte des Jahres geboren wurden, seien nicht von der Front zurückgekehrt; da war sie abergläubisch, und so hatte ich am 13. September Geburtstag, obwohl ich am 8. Juni auf die Welt gekommen war.

»Eine anständige Frau lässt keine Fremden ins Haus.« Signora Russo wackelte mit dem Kopf wie eine alte Taube. Es kamen selten Fremde ins Dorf, doch wenn, kochte Signora Angelina Pasta und vermietete ihnen ein Zimmer in ihrem Häuschen, sie war allein mit den Kindern und brauchte das Geld. Ich fand nichts Schlimmes daran, außerdem mochte ich Signora Angelina, sie grüßte mich und sprach mit mir wie mit einem Erwachsenen.

Signora Fazio legte die Peperoncini zurück und griff wieder nach den Auberginen. Signor Arena zog an seiner Pfeife und wartete ab.

»Das ist Sünde.« Signora Russo spuckte die Worte auf die Gasse wie bittere Kerne.

Ein schwarzes Ferkel bog ums Haus und schnüffelte an Signor Arenas Bein, er bückte sich und griff nach ihm, doch es huschte davon. Er lachte, und sein riesiger Bauch bebte. Über ihm flatterten Laken auf einer Wäscheleine, weiße Hemden und ein schwarzes Kleid, es roch nach frisch gebrühtem caffè und die Glocken von La Madre dei Santi Pietro e Paolo begannen zu schlagen, weil der alte Signor Mangone gestorben war und heute auf dem Friedhof draußen vorm Dorf beerdigt wurde. Die Signoras bekreuzigten sich.

Da entdeckte ich Domenicos braunen Haarschopf.

Mit Battista, dem Sohn des Schusters Ligàcciu, kam er die Gasse herabgeschlendert. Alle alteingesessenen Familien im Dorf hatten Spitznamen, und die Venturas wurden Ligàcciu genannt, was im Dialekt »Schnürsenkel« hieß, so wie wir Brunettis Genarùsu, »die Großzügigen«, genannt wurden, weil mein Großvater und mein Urgroßvater nicht nur wohlhabende, sondern auch freigiebige Männer gewesen waren.

Ich sprang von der Mauer und lief ihnen entgegen.

»Ciao.« Battista knuffte mich in die Rippen. Er trug kurze Hosen, und seine Knie waren mit Schorf überzogen, beim Fußballspielen hatte ich ihm zugesetzt, obwohl er zwei Jahre älter war als ich.

»Gehen wir?«

»Ich muss meinem Vater in der Werkstatt helfen«, sagte Battista.

»Gut, dann später auf dem Fußballplatz. Und pass bloß auf, ich nehm dich wieder auseinander!«

Battista lachte, und wir sahen ihm nach, wie er die Via Umberto I hinablief und um die Ecke in die Via Cava bog.

»Ich hab eine«, raunte ich.

Domenico hob eine Braue.

»Komm, lass uns abhauen.« Wir liefen hinunter zur Piazza del Popolo, wo das Postauto stand. Der Fahrer schnürte eben eine Kiste aufs Dach, drinnen saßen Signora Bianchi und Signora Perfetti mit ihren Kindern; das Postauto brachte nicht nur die Post, es nahm auch Fahrgäste mit, die in eines der weit verstreuten Dörfer im Silagebirge wollten oder hinunter ans Meer nach Marina di Mandatoriccio, wo die Eisenbahn nach Cariati und Rossano fuhr. Wir bogen in die Via Concordia, und stießen mit Onkel Egidio und Onkel Eduardo, Mammas Brüdern, zusammen, ihr Esel war mit Heu beladen, die Last schwankte, und sie schimpften, ich rief: »Scusate!« Wir bogen in die Via Lungo Destre, liefen die Via Squiglio hinunter, vorbei an Nonnos Pfeifenfabrik und weiter zu der Stelle, wo die Viale Belvedere einen Bogen machte und den Blick übers Tal freigab.

In der Ferne sah man blassblau das Meer.

Ich beugte mich über die Balustrade. Auf einem Felsvorsprung lag zwischen Scherben ein alter Nachttisch mit zerbrochenen Beinen, daneben ein rostiges Rohr, etwas abseits ein zerfetztes Stück Sackleinen; was die Schweine nicht fraßen, warfen die Leute fort, und wer keine Toilette hatte, leerte hier seinen Nachttopf, die Sonne dörrte alles aus, es stank nicht einmal. Ein Hund schnüffelte zwischen den Abfällen herum, schnappte nach dem Sackleinen.

»Komm«, sagte ich und zog Domenico am Ärmel. Wir liefen an der Hauswand mit dem Bild von San Francesco da Paola, dem Schutzheiligen des Dorfes, vorüber, bis ich eine Nische zwischen zwei Häusern entdeckte und hineinschlüpfte.

»Hier sieht uns niemand«, flüsterte ich. Die Geräusche der Gasse klangen nun gedämpft, die Stimmen der Frauen, die Rufe der Kinder, das Geschrei der Maultiere. Vorsichtig grub ich meine Beute aus der Hosentasche.

»Wo hast du die her?«, zischte Domenico.

»Psst.« Das weiße Zigarettenpapier leuchtete zwischen meinen Fingern. Ich suchte nach dem Streichholzheftchen. »Ich hab sie gekauft.« Eine der drei Bars im Dorf hatte einen Fernsehapparat, für hundert Lire ließ der Wirt ihn eine Stunde laufen, und am Abend zuvor hatte ich mit Toni, Carlo, Mario und Vittorio gesammelt, damit wir einen Western ansehen konnten; Aldo hatte kein Geld, der musste gehen. Später hatte ich Mario, der schon fünfzehn war, eine Zigarette abgekauft. »Für zehn Lire.«

»Zehn Lire kostet sie auch im tabacchi

»Aber da verkauft man sie mir nicht.« Ich biss auf den Filter, damit die Zigarette beim Sprechen nicht herunterfiel, brach ein Streichholz ab und riss es an der Hauswand an. Die Flamme ließ Domenicos Gesicht aufleuchten, einen Moment lang sah ich sein Staunen, dann entzündete ich die Zigarette und zog daran.

Und hustete.

Mein Cousin schlug mir kräftig auf den Rücken. Ich hustete und schluckte, Rauch stieg mir in die Augen, und sie brannten. Ich riss mich zusammen und nahm noch einen Zug, vorsichtiger diesmal. Es kratzte im Hals und schmeckte nach Stroh.

»Und?« Das Staunen in Domenicos Gesicht war einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung gewichen. Ich reichte ihm die Zigarette. Er schüttelte den Kopf.

Ich nahm noch einen Zug. Er schmeckte nicht besser. Vielleicht war es einfach die falsche Marke? Ich spuckte aus und hielt die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, wie die Erwachsenen es taten; ein paar Alte hielten sie auch zwischen Daumen und Zeigefinger, aber das sah seltsam aus.

»Nun sag schon, wie ist es?«

»Nicht schlecht.« Ich nahm einen weiteren Zug und blies meinem Cousin den Rauch ins Gesicht.

Er hustete. Ich lachte.

Draußen näherten sich Schritte, schwere Männer- und leichte Frauenschritte. Blitzschnell versteckte ich die Zigarette und spähte durch den Spalt. Signor Minotti lief die Viale Belvedere herunter, die Hemdsärmel hochgekrempelt, in jeder Hand ein totes Huhn, die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen, sodass sie seine Augen verbarg. Ihm folgte seine älteste Tochter Maria, sie trug ein Kleid, blau wie der Junihimmel, ihr langes Haar hatte sie mit Spangen zurückgesteckt. Im Herbst würde sie heiraten, ich hatte gehört, wie Mamma nach der Messe mit Tante Teresa und Tante Lina geredet hatte. Die Familie besaß nur ein paar Kühe und kaum Land, ab und zu heuerte Signor Minotti bei Pizzuti, dem Bauunternehmer, an, doch seit ein paar Monaten arbeitete sein ältester Sohn in Deutschland, in einer Autofabrik. Er schickte Geld. Nun würde Maria eine ordentliche Aussteuer bekommen, hatte Zà Teresa gesagt, und Zà Lina hatte genickt.

Signor Minotti und seine Tochter liefen vorbei, ohne uns zu bemerken. Hinter ihnen hüpfte ein Rabe übers Pflaster, sein Gefieder glänzte in der Sonne. Unterhalb des Dorfes, wo die Straße einen Knick machte und der Pfad zu unseren Feldern abging, nisteten Rabenschwärme in einer steil aufsteigenden Felswand. Vor ein paar Wochen war ich auf eine Leiter gestiegen, hatte mit einem Bambusstab in den Felsspalten gestochert und nachgesehen, ob die Jungen schon geschlüpft waren. Kurz bevor sie flügge wurden, holte ich sie, um sie zu verkaufen. Raben waren intelligente Tiere, man konnte ihre Flügel stutzen, sie abrichten und als Haustiere halten wie Papageien, sie plapperten alles nach. Anfangs nahm ich fünfzig Lire pro Rabenjunges, als die Nachfrage stieg, verdoppelte ich den Preis. Ein paar Grasschlangen, die in den Felsspalten steckten, fing ich ebenfalls; sie waren weder groß noch giftig, ihr Biss tat kaum weh. Den anderen Kindern im Dorf sagte ich: »Ich habe eine Schlange gefangen, zehn Lire, und ich zeig sie dir.«

Die meisten waren so neugierig, dass sie bezahlten.

Die Zigarette knisterte, als ich ein letztes Mal an ihr zog und den Stummel auf den Boden schnippte. »Gehen wir.«

»Wohin?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Uns wird schon was einfallen.«

Wir liefen die Via Umberto I hinauf. In der Via Chiesa saß Zù Saveru auf dem Bänkchen vor seinem Haus und gab dem ältesten der Bianchi-Brüder Gitarrenunterricht. Wir grüßten und hockten uns dazu.

»Das ist ein E, kein A«, sagte Zù Saveru und schob Bianchis Zeigefinger über das Griffbrett. Er trug dunkle Hosen und ein helles Hemd, sein Schnurrbart war sauber gestutzt. Er hatte nur ein Bein, das andere hatte er im Krieg verloren; er war bei der Luftwaffe gewesen, und die Älteren im Dorf nannten ihn noch Baracca, nach dem berühmten italienischen Kampfflieger aus dem Ersten Weltkrieg.

»Den A-Dur-Akkord greift man so.« Zù Saveru beugte sich vor und schob Bianchis Finger, kurz und dick wie Zigarren, über die Saiten, es klang, als jaulte eine rollige Katze. Gegenüber öffnete Signora Bianchi das Fenster im oberen Stockwerk, ihr Gesicht war erhitzt, und lose Haarsträhnen klebten an ihren Wangen, als sie mit flinken Fingern die Wäsche von der Leine pflückte. Zù Saveru hustete und zog ein Zigarettenpäckchen aus der Brusttasche seines Hemdes. Ich stand auf, grub ein Streichholz aus meiner Hosentasche und riss es an. Er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch aus. Er musterte mich, dann lächelte er und nickte mir zu. Eine Schweißperle rollte seine Stirn hinab, verfing sich in seinen buschigen Brauen.

Er lehnte sich zurück und fragte den Bruder von Mario Chiarelli, der neben ihm auf dem Bänkchen saß: »Wie alt bist du?«

»Vierzehn«, antwortete Saverio.

»Was wirst du nach der Schule tun?«

Saverio zuckte mit den Schultern.

»Komm morgen Nachmittag vorbei, ich muss mit dir reden.«

Im selben Moment zog eine Hand an meinem Hemd. »Wo hast du gesteckt?«

Ich fuhr herum. »Lass los!«

»Mamma sucht dich«, sagte Franco.

»Mist …« Tags zuvor hatte sie gesagt, wir bräuchten neue Schuhe. Papà, der seine Minestrone löffelte, sah kurz auf, murmelte das Wort »Schuster« und aß weiter. Ich wandte mich zu Domenico und blickte ihm fest in die Augen, damit er unser Geheimnis nicht verriet, nickte den anderen Jungen zu, grüßte Zù Saveru und folgte meinem Bruder nach Hause.

Dort bereitete Mamma Pasta mit Salsiccia und Cime di rape, die Küche roch scharf nach Knoblauch und heißem Olivenöl und nach dem Schinken, der an einem Stock unter der Decke hing.

»Ginùzu, wo hast du gesteckt?«, fragte sie, es klang nicht wütend, eher besorgt. »Geh und wasch dir die Hände. Und du, Francùzu, lauf und hol Wasser vom Brunnen.«

Ich schob ein Stück Wurst in den Mund, damit niemand merkte, dass mein Atem nach Rauch roch, und wusch mir mit einem Rest Wasser die Hände. Papà saß am Tisch und blätterte in der Gazetta dello Sport; am Sonntag würde Inter Mailand gegen Lazio Rom spielen, die Chancen standen gut, dass Inter gewann, Mazzola war in Form und im Mittelfeld so gefährlich wie im Angriff. Papà hustete und rieb sich das Kinn, dann faltete er die Zeitung zusammen, erhob sich und ging nach nebenan; unser Haus hatte eine kleine Küche und ein Schlafzimmer, im Keller Stall und Vorratsraum. Wenig später kehrte er zurück, er trug nun schwarze Hosen und eine Weste, darunter ein weißes Hemd. Er griff nach der Flasche mit dem Rotwein und schenkte sich ein Glas ein, während Mamma die Cime di rape in feine Streifen schnitt und zur Salsiccia in die Pfanne gab. Es zischte und duftete, und mein Magen zog sich zusammen wie einer dieser leeren Beutel aus gegerbtem Ziegenfell, in die wir Wein abfüllten.

Durch die halb geöffneten Fensterläden fiel blasses Licht, als wir uns über unsere dampfenden Teller beugten. Ich spießte ein Stück Salsiccia auf die Gabel, ein paar Rübenblätter und Penne – die Cime di rape schmeckten wie Brokkoli, nur ein wenig bitterer, was gut zu der scharfen, würzigen Wurst passte. Alle kauten, Fett glänzte auf unseren Lippen, und ich sah einer Fliege zu, die über das blanke Holz des Tischs krabbelte. Draußen vor der Bar fuhr klappernd ein Fahrrad übers Pflaster, jemand schaltete ein Radio ein, wieder spielte es Volare; seit Domenico Modugno beim Festival della canzone italiana in Sanremo den ersten Preis gewonnen hatte, hörte man das Lied überall. Eine Frau lief die Treppe neben unserem Haus hinauf, ihre Absätze klackerten auf den steinernen Stufen, und ein Mann rief »Ciao, Franceschina!«

Papà schlug nach der Fliege und wischte sie vom Tisch.

Nach dem Essen holte Mamma die große Kupferschüssel hervor und füllte sie mit Wasser. »Wascht euch die Füße, aber gründlich.« Sie machte sich an den Abwasch, Papà rollte eine Zigarette und trat aus der Tür.

»Buonasera, Signorina Franceschina«, hörte ich ihn sagen. Seine Stimme klang rau, aber freundlich; zu Mamma, Franco und mir war er streng, doch zu anderen galant. Dann entfernten sich seine Schritte. Er ging selten in eine Bar, denn er war sparsam, seine freie Zeit verbrachte er beim Schuster Ligàcciu. In dessen Werkstatt trafen sich Männer aus dem Dorf, Sozialisten wie Battistas Vater und Kommunisten wie Papà, sie debattierten über Politik; Anhänger der Democrazia Cristiana wie unser Lehrer, der Apotheker, die Carabinieri oder der Maresciallo ließen sich dort nicht blicken.

Später fütterte ich den Esel, und Mamma stieg in den Keller hinunter. Mit einer großen Bastflasche Rotwein kehrte sie zurück. Zu dritt liefen wir zum Schuster Scalise, der seine Werkstatt ein paar Häuser weiter hatte und für fünfzig Liter Wein zwei Paar Schuhe fertigte, Sandalen im Frühling und Halbschuhe mit Gummisohlen im Herbst. Signora Scalise, seine Frau, war Schneiderin, sie nähte uns Hemden und Hosen, aus Stoff, den Mamma beim Tuchhändler kaufte. Zur Kommunion im Jahr zuvor hatte sie mir einen Anzug gefertigt; inzwischen war er zu klein, und Mamma hatte ihn weitergegeben an eine ihrer Schwestern oder Schwägerinnen, an einen meiner zahlreichen Cousins.

»Buonasera.« Signor Scalise erhob sich von seiner Werkbank. Hinter ihm in dem schmalen Raum standen ein Regal voller Leisten, ein Karton mit Lederresten, ein dreibeiniger Schemel, eine Wanne mit Wasser. An den Wänden hingen gegerbte Häute, schwarzes Leder und braunes, hell schimmernd und rötlich wie Kastanien oder dunkel glänzend und satt wie Tartufi. Neben dem Regal hing ein Blechschild, auf dem in verblichenen Lettern CINZANO stand. Darunter stand ein Stuhl.

»Buonasera.« Mamma stellte die Weinflasche auf die Werkbank, auf der zwischen Zangen, Sohlen und einer Ahle bereits ein dicker gelber Caciocavallo-Käse lag. Daneben stand ein Glas mit grünen Oliven. Der Schuster nickte und deutete auf den Stuhl, doch Mamma schüttelte den Kopf. Sie strich Franco übers Haar und rieb mir Schmutz von der Wange, sie legte ihre Hände auf unsere Schultern und schob uns vor sich her in die Tiefe des Raumes.

Signor Scalise raffte seine Schürze und kniete nieder, wobei seine Knie knackten. Mit einem Band nahm er Maß, erst bei meinem Bruder, dann bei mir. Ab und zu zog er einen Bleistiftstummel hinterm Ohr hervor und notierte ein paar Zahlen auf einem Stück Karton. Mamma strich ihr Haar zurück. Sie glättete ihren Rock. Ihr breites Gesicht glänzte im Licht, das von draußen hereinfiel, Staub tanzte in der Luft, und ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig mit jedem Atemzug. Sie lächelte, und ich sah die Güte in ihren Augen und den Stolz, mit dem sie ihre Söhne betrachtete.

Etwas in mir zog sich zusammen.

»Pronto.« Signor Scalise schob den Bleistiftstummel hinters Ohr und erhob sich, wieder knackten seine Knie. Der Kanarienvogel in seinem Käfig am Fenster flatterte auf und trillerte wild. Ich zog die Nase hoch.

Mamma runzelte die Stirn und lachte.

»Asino.« Professore Dalli griff nach meinem Heft. »Du bist ein Esel.«

Elisa, Mariangela und Serafina in der zweiten Reihe kicherten.

»Ja, du bist sogar noch dümmer als ein Esel.« Mit seinen dünnen Fingern hämmerte er auf die leere Seite, sein Kopf hatte die Farbe einer überreifen Tomate.

Ich schluckte.

»Du bist so dumm wie ein Esel, dem die Hitze das Hirn ausgedörrt hat.« Je zorniger er wurde, desto leiser wurde seine Stimme. »Du bist der dümmste und störrischste Esel, den ich je unterrichten musste.«

Domenico Cosenza, der neben mir saß, senkte den Kopf.

»Ich musste meinem Vater helfen«, sagte ich halblaut. »Darum habe ich keine Hausaufgaben gemacht.«

»Halt den Mund, ich weiß, dass du lügst. Du warst Fußball spielen oder hast irgendwelche Dummheiten angestellt.«

Ich schluckte.

»Dir ist alles zuzutrauen.

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