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Das Glück einer Sommernacht

1. KAPITEL

Alex Markoff sah keineswegs hässlich aus.

Er hatte kein Narbengesicht und war auch nicht entstellt oder abstoßend, er entsprach ganz und gar nicht dem Bild, das Kelsey sich von einem Einsiedler gemacht hatte. Im Gegenteil!

Der Mann, der ihr gerade seine Haustür geöffnet hatte, war atemberaubend. Er überragte Kelsey um mindestens einen Kopf, und im Türrahmen sah sie nur noch seine athletische Gestalt. Die verwaschenen Jeans saßen ihm tief auf den Hüften, und ein schwarzes Poloshirt spannte sich um beeindruckend breite Schultern.

Unwillkürlich wanderte Kelseys Blick seinen rechten Arm hinauf. Der steckte vom Oberarm bis zu den Fingern in einem leuchtend blauen Gipsverband. Wie war der Mann bloß mit einem gesunden Arm in seine perfekt sitzende Kleidung gekommen?

Alex Markoffs Augen leuchteten in einem faszinierenden Grau über markanten Wangenknochen. Es war die Farbe von Sturmwolken. Denn ihr Arbeitgeber für die nächsten drei Monate sah zwar aus wie ein Traummann, aber er schien alles andere als begeistert zu sein, dass sie vor seiner Tür stand.

Dunkel stieg ein Dejà-vu-Gefühl in Kelsey auf, die Erinnerung an andere Haustüren, an andere abweisende Mienen. Schnell verdrängte sie die Bilder. Das hier war etwas ganz anderes. Trotzdem spürte sie, wie die allzu vertraute Unsicherheit in ihr hochstieg.

Sie lächelte höflich. „Hallo, ich bin Kelsey Albertelli“, brachte sie mit viel zu piepsiger Stimme heraus.

Als Alex Markoff nicht antwortete, fügte sie hinzu: „Ihre neue Assistentin.“

Stille.

„Ich komme aus New York. Mr Lefkowitz hat mich engagiert, damit ich …“

„Ich weiß.“ Seine tiefe, wohlklingende Stimme war genauso beeindruckend wie seine ganze Erscheinung. Beinahe wäre Kelsey vor Ehrfurcht einen Schritt zurückgewichen. Aber vielleicht lag das auch an der schon fast offenkundigen Feindseligkeit, die sie aus seinem Ton heraushörte.

Sie war das letzte Stück des Weges hier herauf in die Berge mit offenen Fenstern gefahren, und ihr akkurat gebundener Haarknoten hatte sich im Fahrtwind gelöst. Mehrere braune Locken fielen ihr ins Gesicht und vor die Augen. Entschlossen schob sie sie hinters Ohr zurück und räusperte sich. „Dann ist es ja gut. Ich dachte schon, das Büro von Mr Lefkowitz hätte vielleicht vergessen, Ihnen Bescheid zu geben.“

„Nein, hat es nicht.“

Kelsey nickte, und peinliche Stille trat ein. Wieder fielen ihr die lästigen Locken ins Gesicht. Wieder schob sie sie zurück und wartete nervös darauf, was Alex Markoff als Nächstes sagen würde.

Statt einer Antwort wandte er sich einfach ab, ging zurück ins Haus und ließ sie vor der Tür stehen.

Sie schluckte. Man hatte sie ja vorgewarnt!

„Es kann sein, dass Sie nicht besonders herzlich empfangen werden“, hatte Markoffs Verleger ihr erklärt. „Sie müssen nur immer daran denken, dass er keine Wahl hat. Sie arbeiten für mich, nicht für ihn.“

„Keine Sorge“, hatte sie ihm versichert. „Mich wirft so leicht nichts um.“

Solange der Preis stimmt … Dank der kriminellen Machenschaften ihrer Grandma Rosie und ihres leer geräumten Kontos interessierte sie im Augenblick nur ihr Gehaltsscheck. Und Mr Lefkowitz hatte ihr das Dreifache dessen geboten, was sie in derselben Zeit bei jedem anderen Job verdient hätte. Außerdem klopfte sie nicht zum ersten Mal in ihrem Leben an Türen, wo sie nicht erwünscht war. Auch das verdankte sie leider Grandma Rosie.

Alex Markoff hatte die Haustür hinter sich offen gelassen. Das hieß wohl, dass Kelsey ihm folgen sollte. Als ihr das bewusst wurde und sie zögernd über die Schwelle trat, war er schon ein paar Schritte voraus. Sie musste sich beeilen, um ihn einzuholen.

„Sie leben wirklich einsam hier oben“, sagte sie, als sie ihn erreicht hatte. „In New York gibt es nicht oft Wegbeschreibungen, in denen es heißt: an der großen Kiefer rechts. Ich glaube, ich bin an drei verschiedenen großen Bäumen jedes Mal rechts abgebogen.“

„Es ist der an der Gabelung“, entgegnete Alex Markoff.

„Ja, irgendwann habe ich das auch gemerkt.“ Sie lachte. „Aber meistens bekommt man als Anhaltspunkt ja ein Gebäude oder ein Schild oder etwas Ähnliches genannt. Keine große Kiefer. Beim ersten Mal habe ich auch Ihre Auffahrt verpasst. Ihr Briefkasten ist kaum zu sehen hinter dem Gebüsch. Aber ich kann mir vorstellen, dass das vielleicht Absicht ist …“

Sie verstummte, weil sie merkte, dass sie viel zu viel und zu hektisch redete. Schrecklich! Es war nervöses Geplapper, um die Stille auszufüllen.

Als Kind hatte sie das oft genug am eigenen Leib erlebt. Da war sie selbst es gewesen, die die anderen an sich hatte abprallen lassen. Manchmal hätte sie die verschiedenen Sozialarbeiter am liebsten angeschrien, dass sie endlich den Mund halten sollten. Und hier tat sie jetzt genau dasselbe: Sie versuchte das Eis zu brechen, während ihr Gegenüber keine Anstalten machte, ihr dabei zu helfen.

Aber sie gab nicht so schnell auf. „Mr Lefkowitz sagt, dass Sie Ihre Entwürfe alle per Hand schreiben. Ich nehme an, diese handschriftlichen Entwürfe soll ich dann in den Computer eingeben, oder?“ Sie warf wieder einen raschen Blick auf seinen eingegipsten Arm. „Ich hoffe, Ihre Arbeit hat unter dem gebrochenen Arm nicht gelitten.“

Kaum waren ihr die Worte entschlüpft, blieb Mr Markoff abrupt stehen und starrte sie aus seinen grauen Augen an. Kelsey stockte der Atem unter seinem intensiven Blick.

„Hat Stuart Sie beauftragt, dass Sie mich das fragen sollen?“ Er klang seltsam tonlos.

„Ich … ich …“ Oh Gott, jetzt stotterte sie auch noch! Was sollte sie ihm antworten?

Aber er sprach schon weiter: „Sagen Sie Stuart Lefkowitz, dass er sein Manuskript bekommt, wenn es so weit ist. Es reicht schon, dass er mir eine Schreibkraft aufgedrängt hat. Ich brauche nicht auch noch einen Babysitter.“

„Ich habe nicht … also, ich bin nicht …“ Hätte sie sich bei dem Bewerbungsgespräch doch bloß nach mehr Einzelheiten erkundigt! Das kommt davon, wenn man nur ans Geld denkt.

Als sie erfahren hatte, dass sie für den berühmten Autor Alex Markoff sein neuestes Manuskript in den Computer eingeben sollte, war ihr der Job aufregend und ungewöhnlich erschienen. Sie war noch auf der Highschool gewesen, als vor Jahren Markoffs Bestseller Folge dem Mond herausgekommen war, aber sie wusste, dass das Buch damals auf allen Lehrertischen lag. Und Auszüge daraus hatten sie im Englischunterricht gelesen. Alex Markoff war einer der Starautoren der letzten zehn Jahre, der Schriftsteller, den man gelesen haben musste.

Kelsey warf ihrem neuen Chef einen weiteren heimlichen Blick zu. Sie hätte doch wenigstens einmal auf einen Buchumschlag schauen sollen, bevor sie herfuhr. Dann hätte seine Erscheinung sie jetzt nicht so überrumpelt. Er sah nicht wie ein Model aus, man konnte seine Nase im Profil eine Spur zu lang oder sein Kinn zu kantig finden, aber die markanten Züge passten zu ihm.

Wenn sie daran dachte, dass sie fast erwartet hatte, eine Art Glöckner von Notre Dame hier in den Bergen anzutreffen! Aber was sollte man auch von einem Mann halten, der freiwillig vom Bestsellerautor zum Einsiedler geworden war?

Sie ließ den Blick über ihre Umgebung wandern. Nuttingwood war so dunkel und männlich wie sein Besitzer. Es erinnerte an ein englisches Landhaus aus einem alten Schwarz-Weiß-Film, Stein und Efeu überall, antike Möbel und dunkle Grüntöne.

Aber als sie um eine Ecke kamen, öffnete sich plötzlich vor ihnen ein weiter, heller Raum mit großen Fenstern und einer breiten Terrassentür. Dahinter lag ein wunderschöner Garten, in dem zahllose Blumen in allen Farben blühten. Der Garten war so überwältigend bunt, dass die dunkle Holzeinrichtung im Innern und die grünen Berkshire Berge dagegen verblassten. Durch die Scheiben sah Kelsey alle Arten von Vögeln über dem Blumenmeer fliegen.

„Wow“, sagte sie leise. Es war wie im Botanischen Garten in New York.

Ein Geräusch von Schritten holte sie aus ihrer Träumerei. Alex Markoff war weitergegangen zu einer Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Kelsey folgte ihm, und sie betraten ein Zimmer, das dem vorigen ähnelte.

Es war kleiner und hatte weniger Fenster, war aber ebenso wunderschön. Eine große Glastür führte hinaus in einen terrassenförmig angelegten Rosengarten. Gemütliche Gartenmöbel aus Holz lockten Besucher nach draußen, während drinnen zwei Schaukelstühle mit karierten Decken und Kissen zum Bleiben einluden.

Auf kleinen Tischchen und Bücherregalen stapelten sich Zeitschriften, Bücher und Papier. Ein paar zerknüllte Papierkugeln lagen dekorativ auf dem Boden. Sie wirkten gar nicht unordentlich, sondern wie eine perfekte Ergänzung zu der wohnlichen, gemütlichen Atmosphäre des Zimmers.

„Ein tolles Büro.“ In Gedanken sah sie schon vor sich, wie Markoff hier am Fenster saß und Seite um Seite vollschrieb.

Er wies nur auf einen großen Holztisch in der Ecke. „Sie können dort arbeiten.“

„Gibt es hier keinen Computer?“ Auf dem Tisch waren keine Anzeichen von elektronischem Zubehör zu sehen.

„Sie können Ihren eigenen benutzen und auf USB-Stick speichern.“

„In Ordnung.“ Wie gut, dass sie ihren Laptop mitgebracht hatte! „Können Sie hier auf dem Berg Internet empfangen?“

„Warum?“ Wieder war da die bohrende Intensität in seinem Blick. Er musterte sie so misstrauisch, als hätte sie ihn nach den Geheimcodes des Pentagon gefragt. „Warum sollten Sie Internet brauchen?“

„Damit ich mit New York in Kontakt bleiben kann. Mr Lefkowitz möchte gern auf dem Laufenden gehalten werden.“

Alex Markoff gab einen leisen, unwilligen Laut von sich, und Kelsey musste wieder an seinen Kommentar über den Babysitter denken. Offenbar war sie mit ihrem typischen Glück mitten in eine Auseinandersetzung zwischen dem Verleger und seinem Autor hineingeraten.

„Ich kann sicher auch in der Stadt irgendwo …“, bemerkte sie schnell.

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Internet“, sagte er knapp.

„Wunderbar.“ Nach weiteren Einzelheiten fragte sie ihn lieber ein anderes Mal, wenn er besserer Laune war. Falls das je vorkam!

Ein Stapel A4-Schreibblöcke mit gelbem Linienpapier lag auf dem Tisch, und sie wies mit dem Finger darauf. „Ich nehme an, das ist das, was ich in den Computer eingeben soll?“

„Tippen Sie es wortwörtlich ab, wie es dort steht“, antwortete er. „Ändern Sie nicht das Geringste. Nicht ein Wort. Wenn Sie etwas nicht lesen können, lassen Sie die Stelle einfach frei. Ich ergänze es dann später.“

Kelsey griff nach dem obersten Schreibblock und betrachtete die eckige Schreibschrift. Unglaublich! Sie seufzte innerlich. Der Mann arbeitete mit Bleistift! Und änderte und korrigierte beim Schreiben ständig. Mit seinen unzähligen Pfeilen und Strichen sah das Blatt eher nach dem Matchplan irgendeiner Sportart aus. Sie hatte schon das Gefühl, dass im Computer wohl viele leere Stellen bleiben würden.

„Noch irgendetwas?“, fragte sie. Eines hatte sie als Zeitarbeitskraft gelernt: sich immer möglichst sofort mit den persönlichen Eigenarten und Regeln eines Arbeitgebers vertraut zu machen. Wenn man gleich Bescheid wusste, war es viel leichter, sich anzupassen. Und in Markoffs Fall waren die Schreibregeln sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Sie hatte recht.

„Ich mag keinen Lärm“, fuhr er fort. „Keine Musik, keine lauten Stimmen. Wenn Sie Ihren Freund oder irgendjemand anderen anrufen müssen …“

„Ich rufe niemanden an.“ Ihre prompte Antwort schien ihn zu überraschen. Er sah sie fragend an. „Es gibt weder einen Freund noch Familie“, fügte sie schnell hinzu. Warum nur hatte es sie plötzlich gedrängt, ihm das mitzuteilen?

Seine Miene war weicher geworden, und sekundenlang legte sich der Sturm in seinen Augen. Die Veränderung brachte sie ganz aus der Fassung. Ohne das genervte Funkeln wurde der Ausdruck in seinen Augen geradezu hypnotisch. Kelsey spürte plötzlich, wie ihr die Knie weich wurden. Sie wandte den Blick ab und schob sich zum x-ten Mal das Haar hinters Ohr.

„Wenn Sie doch mal telefonieren müssen, dann gehen Sie bitte nach draußen“, hörte sie. „Oder noch besser warten Sie damit bis nach der Arbeitszeit.“

„An welche Arbeitszeiten haben Sie denn gedacht?“, fragte sie sachlich. „Haben Sie irgendeine Vorliebe? Damit ich Sie nicht störe?“

„Spielt keine Rolle.“

Weil es ihm egal war, oder weil sie ihn ohnehin stören würde? Sie gab sich einen Ruck. „Dann hätte ich einen Vorschlag, sofern Sie einverstanden sind: Ich bin eher Frühaufsteherin und lege am liebsten morgens gleich los.“

„Gut.“

Wieder trat eine lastende, unbehagliche Stille ein. Kelsey zupfte am Saum ihres T-Shirts, rückte ihre Schultertasche zurecht und versuchte, Markoffs Unmut an sich abprallen zu lassen.

Bemüht munter sagte sie: „Jetzt weiß ich also, wo und wann ich arbeite und was ich tun soll. Bleibt nur noch die Frage nach meiner Unterkunft.“

Als Alex Markoff nicht gleich antwortete, schob sie hilflos nach: „Mr Lefkowitz hat gesagt, Sie hätten angeboten, dass ich hier schlafen kann.“ Kaum vorstellbar eigentlich, wenn sie es jetzt bedachte!

„Oben“, sagte er. „Die Schlafzimmer sind oben.“

„Gibt es ein bestimmtes Zimmer …?“

„Das ist mir egal.“

„Solange ich mir nicht Ihres unter den Nagel reiße, wahrscheinlich?“

Ihr Versuch zu scherzen missriet kläglich. Alex Markoffs Miene hatte sich wieder verfinstert, und er reagierte überhaupt nicht.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich hier aufnehmen“, fuhr sie fort. „Die Gegend scheint ja sehr beliebt zu sein, denn Gästezimmer sind jetzt im Sommer kaum noch zu kriegen.“ Aus lauter Verzweiflung plapperte sie wieder zu viel. „Mr Lefkowitz’ Sekretärin hat es zuerst bei allen Hotels probiert.“

„Ganz bestimmt.“

Klang das skeptisch? Was, um Himmels willen, ging in dem Mann vor? Glaubte er, sie wohnte freiwillig hier bei ihm in der Wildnis? Sie holte tief Luft und strich wieder ihr Haar zurück. „Mr Markoff, ich weiß, dass dieses Arrangement nicht Ihre Idee war.“ Sie versuchte so ruhig und selbstbewusst zu klingen, wie es nur ging. „Und ich verstehe, dass die Situation für Sie nicht unbedingt ideal ist …“

„Sie ist unnötig.“

„Aber nun bin ich wohl den Sommer über hier. Ich werde mich bemühen, Sie so wenig wie möglich zu stören. Versprochen.“

„Gut.“

Seine brüske Antwort traf Kelsey mehr, als sie gedacht hätte. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, nur ihr Lächeln wurde noch etwas angespannter. „Vielleicht wäre es gut, wenn wir gleich ein paar grundlegende Dinge klären. Zum Beispiel, was die Mahlzeiten betrifft …“

„Die Küche befindet sich dort hinten. Um Ihr Essen kümmern Sie sich am besten selbst.“

Natürlich, sie hatte jetzt auch nichts anderes mehr erwartet. „Und … das Bad?“

„Ein großes Bad ist oben gegenüber den Gästezimmern. Sie finden dort Handtücher und eine Badewanne. Warmes Wasser gibt es nur in begrenzter Menge.“

„Dann sehe ich wohl zu, dass ich morgens als Erste unter die Dusche komme.“

Kein Lächeln. Alex Markoff fand ihre Bemerkung überhaupt nicht lustig, und wieder fühlte sie sich von seiner Reaktion getroffen. Da kamen zu viele unliebsame Erinnerungen in ihr hoch. Es ist nur für einen Sommer, ermahnte sie sich. Man kann jede Situation überstehen, wenn man weiß, dass es auf absehbare Zeit ist, und man genügend inneren Abstand wahrt.

„Keine Sorge“, sagte sie besänftigend. „Ich gehöre eher zu den Schnellduschern und bleibe nicht stundenlang im Bad.“ Oder irgendwo sonst, wo sie nicht erwünscht war.

Immerhin nahm er ihre Bemerkung mit einem Nicken zur Kenntnis. Aber es war offensichtlich, dass er es eilig hatte, die Situation zu beenden. Wahrscheinlich, damit er hinausstapfen und sich weiter über ihre Anwesenheit ärgern konnte.

„Mein Laptop liegt im Auto. Ich hole ihn und arbeite vielleicht einfach schon ein bisschen. Die fertigen Seiten drucke ich Ihnen aus, zum Durchlesen.“ Mit diesen Worten machte sie eine Bewegung in Richtung Tür.

Leider trat Alex Markoff genau im selben Augenblick einen Schritt auf den Tisch zu, und plötzlich standen sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ein Hauch von Holz und Gewürznelken hüllte Kelsey ein. Ein warmer, erdiger Duft, und am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und ihn tief eingesogen. Aber unwillkürlich sah sie auf und begegnete Markoffs Blick. Das Grau in seinen Augen hatte sich noch vertieft.

Plötzlich verspürte sie eine Hitze am ganzen Körper.

„Entschuldigung, ich habe nicht gesehen, dass Sie …“ In ihrem Kopf herrschte Chaos, und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Es fiel ihr schwer, noch einen ganzen Satz herauszubringen.

Sie murmelte noch einmal eine Entschuldigung und schob sich an ihm vorbei zur Tür, ohne ihn anzublicken. „Ich hole schnell meinen Laptop.“

Erst als sie an ihrem Auto war und mehrmals tief durchgeatmet hatte, verschwand der seltsame Nebel aus ihrem Hirn.

„Reiß dich zusammen“, murmelte sie sich zu, während sie die Wagentür öffnete. „Du musst hier noch den ganzen Sommer aushalten.“ Sie würde die nächsten drei Monate nicht damit verbringen, sich von ihrem Chef aus der Fassung bringen zu lassen!

Als sie wieder ins Haus kam, hörte sie seine Stimme aus dem Büro.

„Großer Gott, es geht doch nur noch um ein paar Monate. Drei Monate! Können Sie keine neunzig Tage mehr warten?“

Wer konnte nicht warten? Alex Markoff sprach laut und ärgerlich. „Glauben Sie etwa, ich habe mir den Arm absichtlich gebrochen?“, hörte sie ihn sagen. „Haben Sie mir deswegen den Babysitter geschickt? Um sicherzugehen, dass ich mich nicht noch mal einen Hügel hinunterstürze?“

Babysitter. Die Rede war von ihr. Das hieß, er hatte Stuart Lefkowitz am anderen Ende der Leitung. Versuchte er gerade, sie schon heute gleich wieder loszuwerden?

Vorsichtig trat Kelsey näher, blieb vor der angelehnten Tür zum Büro stehen und spähte durch den Spalt. Alex Markoff hatte ihr den Rücken zugewandt. Sie sah, wie seine Schultermuskeln sich unter dem Hemd anspannten. Als er leicht den Kopf drehte, erkannte sie dieselbe Anspannung in seiner Miene.

„Haben Sie schon mal überlegt, dass ich vielleicht nicht arbeiten kann, wenn mir jemand Tag und Nacht über die Schulter schaut?“, sagte er. Ein Kiefernmuskel zuckte, während er den Worten seines Gesprächspartners lauschte. Plötzlich spiegelte sich Ungläubigkeit in seinen Augen wider. „Was haben Sie da gesagt? Ja, ich weiß, was Vertragsbruch bedeutet. Aber Sie würden doch nicht …“

Stille folgte, dann hörte Kelsey, wie Alex Markoff tief Luft holte. Sein Unglaube hatte sich in mühsam beherrschten Zorn verwandelt. „Ist gut. Sie kriegen Ihr verdammtes Buch.“

Kelsey fuhr zusammen, als er sein Handy auf den Tisch warf. Vertragsbruch? Man drohte ihm mit einem Gerichtsverfahren? Kein Wunder, dass Mr Lefkowitz so darauf bestanden hatte, dass sie unter allen Umständen hier ausharren sollte. Und kein Wunder, dass Alex Markoff sie nicht mit offenen Armen empfangen hatte. Er hatte recht. Sie war wirklich sein Babysitter.

Drinnen im Zimmer stöhnte er frustriert auf, und Kelsey hörte Schritte. Hastig wich sie zurück und suchte fieberhaft nach einer Erklärung, falls er sie hier beim Lauschen ertappte. Im nächsten Augenblick schlug eine Tür zu. Sie war in Sicherheit. Mr Markoff war direkt hinaus in den Garten gegangen. Sie warf einen vorsichtigen Blick nach draußen und sah, wie er mit raschen Schritten in Richtung Wald davonging.

Jetzt entfuhr ihr selbst der tiefe Seufzer, den sie unterdrückt hatte, seit sie angekommen war.

Es wurde wohl wirklich ein langer Sommer.

Am Abend packte Kelsey ihre Koffer aus und richtete sich in dem Zimmer häuslich ein, das sie die nächsten drei Monate bewohnen würde. Da Alex Markoff nicht erwähnt hatte, welches Zimmer sie beziehen sollte, hatte sie eines genommen, das am ehesten nach Gästezimmer aussah. Wie das ganze Haus war auch dieser Raum dunkel, voller Holz, in Jägergrün- und Brauntönen gehalten. Es fehlte nur noch ein Hirschgeweih an der Wand.

Zedernduft wehte aus dem Schrank und verstärkte die rustikale Atmosphäre. Nacheinander holte sie ihre Sachen aus den beiden Koffern und zählte dabei in Gedanken, wie oft sie diese Prozedur schon hinter sich gebracht hatte. Jeder Handgriff war Routine. Zuerst nahm sie sich die Kommode vor, in deren Schubladen sie so wenig Platz wie möglich belegte – eine Gewohnheit aus vergangenen Zeiten, als sie ihr Zimmer immer mit vielen anderen Mädchen teilen musste. Dann kam der Kleiderschrank an die Reihe.

Für dieses Auspacken und Einräumen brauchte sie selten länger als eine Viertelstunde. Sie hatte früh gelernt, mit leichtem Gepäck durchs Leben zu gehen und nirgends zu fest Wurzeln zu schlagen, daher passte ihr ganzer Besitz in zwei große Koffer.

In diesem Sommer hatte sie mehr Gepäck als sonst. Das lag daran, dass sie während der letzten zwei Jahre als Untermieterin in ein und derselben Wohnung gelebt hatte. Die längste Zeit, die sie je an einem Ort geblieben war! Da hatten sich ein paar Dinge mehr angesammelt.

Zum Abschluss des Rituals griff sie nach ihrer Aktentasche. Ohne hinzusehen, ertastete sie darin ihren kostbarsten Besitz. Der alte Porzellanbecher fühlte sich kühl an, obwohl er den ganzen Tag in der Tasche verbracht hatte. Kaum noch vorstellbar, dass den Becher einst ein handgemaltes Muster aus bunten Blumen geschmückt hatte. Nur noch ein paar blasse Farbflecke waren davon übrig geblieben. Vom vielen Spülen hatte der Henkel einen Knacks.

Lächelnd schloss Kelsey die Hände um den Becher. Sie stellte sich vor, wie er, noch in seiner ganzen Farbenpracht, auf einer Arbeitsfläche stand und eine Frauenhand ihn mit Kaffee füllte. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie auch noch ihre Mutter vor sich sehen, wie sie den Becher an die Lippen hob. Obwohl es mit den Jahren immer schwerer wurde, die Erinnerung heraufzubeschwören.

Plötzlich fühlte Kelsey sich unendlich klein und allein, als hätten die Bilder vor ihrem inneren Auge sie wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Einen Augenblick lang war sie keine erwachsene Frau mehr, die ihr Schicksal im Griff hatte. Sie war wieder ein kleines Mädchen, das seinen einzigen Talisman umklammerte. Dieser Becher war das Letzte, was ihr aus ihrem früheren Leben geblieben war. Mit ihrer Mutter hatte sie sicher nicht im Paradies gelebt, aber wenigstens war sie dort erwünscht gewesen. So redete sie es sich jedenfalls gern ein.

Sie lehnte sich an das Kopfende des Bettes und presste den Becher gegen die Brust. Auch dieser Augenblick der Einsamkeit gehörte zu ihrer Routine. Er würde bald vergehen, wie immer, wenn sie sich erst an eine neue Umgebung gewöhnt hatte. Allerdings war das Gefühl diesmal stärker als sonst. Kein Wunder, bei diesem abweisenden Empfang!

Kelsey verharrte noch ein paar Minuten in Selbstmitleid, dann steckte sie das Gefühl irgendwo tief in ihrem Innern in eine Schublade und trat ans Fenster. Ihr Schlafzimmer ging hinaus auf einen wilderen Teil des Gartens mit Blick zum Wald. Der Ausblick verstärkte das Gefühl der Einsamkeit nur noch. Draußen hinter den Bäumen sah sie das letzte Tageslicht. Innerlich kam es ihr schon viel später vor.

„Echtes Landleben“, murmelte sie und schob das Fenster hoch. Die Stille war unheimlich. Nur Blätter rauschten leise, und vereinzelte Vögel riefen. Ob sie ohne das ewige Hintergrundgeräusch des Verkehrs überhaupt schlafen konnte? Ohne den vertrauten Schein der Straßenlaternen?

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