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Das Gesetz von Ta-Shima

Über die Autorin

Adriana Lorusso wurde 1946 in Treviso geboren. Sie war Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin – sie hat selbst die Übersetzung ihres Romans vom Italienischen ins Französische überwacht. Zu ihren Hobbys gehören Kampfsport und Zeichnen. Sie lebt in Brüssel mit ihrem Ehemann in einem Holzhaus, umgeben von einer Ménagerie an Tieren.

Adriana Lorusso

Das Gesetz von
Ta-Shima

Roman

Aus dem Französischen von
Annerose Sieck

BASTEI ENTERTAINMENT

Mein Dank geht an Alain Welsh, Chef der Buchhandlung Malpertius

in Brüssel und großer Kenner der Science Fiction.

Er weiß, warum.

1

Ta-Shima

Beim Lernen im Arbeitsraum der Schule bewegte Lara die Lippen, ohne einen Mucks von sich zu geben. Hier hatte absolute Stille zu herrschen. Song Valdez, ein Schüler aus dem letzten Jahrgang, der mit der Aufsicht betraut war, brauchte den Rohrstock, der lässig zwischen seinen Händen lag, nicht einzusetzen.

In wenigen Tagen standen Prüfungen in Anatomie, Physik und Botanik auf dem Plan, und die Schüler – die Shiro und die Asix gleichermaßen – büffelten wie besessen. Jene Asix, die eine Prüfung bereits das zweite Mal verpatzt hatten (und das waren nicht wenige), beschäftigten sich lieber mit handfesten Dingen, mit der Feldarbeit zum Beispiel, oder mit der Viehzucht, bei denen sie ihre körperliche Kraft und ihre Widerstandsfähigkeit einsetzen konnten. Das Lernen vernachlässigten sie gern.

Wenn dagegen ein Shiro in der Schule versagte, und sei es nur ein einziges Mal, erwartete ihn eine harte Bestrafung. Bei diesem Gedanken verzog Lara das Gesicht. Das Wissen um die Folgen eines Versagens war alles andere als angenehm.

Unvermittelt ertönte draußen der Gong. Schluss für heute! Die Schüler blickten erwartungsvoll auf Song Valdez, dem es offenbar Spaß machte, seine Macht auszuspielen, und der das Warten in die Länge zog. Endlich erklärte er die Stunde für beendet. Alle erhoben sich von ihren Stühlen, stellten ihre Bücher in die Regale ihrer jeweiligen Klasse, verbeugten sich vor Song und eilten aus dem Unterrichtsraum.

Wang, Laras jüngerer Bruder, wartete bereits auf sie, und gemeinsam machten sie sich auf den Nachhauseweg. Ganz entgegen seiner Gewohnheit schwieg Wang, sodass Lara ihn fragte: »Was ist? Hat man dich bestraft? Hast du etwas angestellt?«

»Eigentlich nicht. Ein älterer Schüler hat mich gefragt, ob ich Angst vor den Prüfungen hätte, und ich hab’s zugegeben. Die anderen haben gelacht. Aber statt sie zu bestrafen, hat er mich verdroschen.«

»Oh, Wang! Wie schaffst du es nur, immer wieder ins Fettnäpfchen zu treten? Von Anfang an hat man uns eingebläut, dass ein Shiro niemals zugeben darf, Angst zu haben.«

»Aber ich fürchte mich vor so vielen Dingen! Was ist, wenn ich gar kein Shiro bin? Bestimmt hat man mich nach der Geburt vertauscht.«

»Sag nicht so etwas Dummes. Für was hältst du dich denn? Für ein Dschungeltier auf zwei Beinen?«

»Nein, aber vielleicht für einen misslungenen Asix. Niemand macht einem Asix einen Vorwurf, nur weil er Angst hat. Keiner lacht ihn aus. Und niemand bestraft ihn, wenn er weint.«

»Du bist ein Shiro, das sieht man auf den ersten Blick. Verhalte dich so, wie es sich gehört.«

Sie gingen über den Markt, wobei sie begehrliche Blicke auf die Stände warfen, an denen Früchte aus dem Gorivalgebirge verkauft wurden. Die weißen und blauen Trauben und die gelben Kirschen schmeckten viel besser als das Obst aus der Ebene. Auf dem Markt gab es auch einen alten Asix, der im Schneidersitz vor einer Matte hockte, auf der Leckereien aus Teig und buntem Reis feilgeboten wurden. Fasziniert blieben Wang und Lara einen Augenblick davor stehen. Ob zwei Kinder schon mal das nötige Kleingeld besessen haben, hier einzukaufen?, fragte sich Lara.

Am Abend würden all diese Waren, mit Mengenrabatt verscherbelt, im Haus des einen oder anderen Clans landen. Vielleicht, überlegte Lara, kaufte der Verwalter ihres Clans ja auch etwas; dann würden einige dieser Leckereien vielleicht auch auf ihrem Tisch stehen.

Sie gingen an einem der nebelverhangenen Kanäle entlang, von denen die Stadt durchzogen wurde. Nachdem sie die kleine Steinbrücke überquert hatten, erreichten sie ihr Zuhause, das Anwesen des Huang-Clans.

Die Unterkünfte der Pflegemütter lagen unweit des Eingangs. Sie waren durch Obstgärten und Vorratskeller von den Hauptgebäuden getrennt, damit die Erwachsenen des Clans nicht von den Kindern gestört wurden. Das dritte Haus gehörte Dol, Lara und Wangs Pflegemutter. Tarr, Dols Pflegesohn, hatte vor der Tür einen Kirschbaum gepflanzt, und seit zwei Jahren nahmen Lara und Wang diesen Baum jeden Morgen kritisch in Augenschein, in der Hoffnung, dass er endlich Früchte hervorbrachte statt der Blüten, die nutzlos auf die Erde schwebten.

Als sie Lachen und Kreischen im Hof hörten und Dols Stimme vernahmen, schritten sie schneller aus. Dol und Tarr duschten gerade. Die Kleinen hielten sich im weniger tiefen Bereich des Beckens auf, das ihnen vorbehalten war. Lara und Wang zogen rasch Hemd und Hose aus und stellten sich ebenfalls unter die Dusche. Das Wasser war eiskalt, denn es kam direkt aus den Gletschern des Corosaïgebirges, dessen Name so viel wie »Kristallcollier« bedeutete. Mit seinen hohen Schneegipfeln und Eiszacken, die das ganze Jahr weiß und frostig blieben, markierte das Gebirge die nördliche Grenze des Hochlandes.

Nach dem Duschen ließen Lara und Wang sich voller Wonne in das große Becken gleiten, dessen Wasser sich im Lauf des Tages auf eine angenehme Temperatur erwärmt hatte.

Tarr kam zu ihnen. Lara und Wang bespritzten lachend sein Gesicht, worauf Tarr ein Grunzen ausstieß, seine großen Hände auf die Köpfe der beiden Geschwister legte und sie unter Wasser drückte. Hustend und prustend tauchten sie wieder auf und lieferten sich eine fröhliche Balgerei mit dem Asix. Der war bereits erwachsen, kräftig gebaut und stark wie ein Ochse.

»Hört sofort auf!«, rief Dol, der allmählich der Geduldsfaden riss. »Ihr macht mir die Kleinen ganz verrückt! Tarr, komm sofort aus dem Wasser, und hol das Abendbrot aus der Küche.«

Tarr gehorchte ohne zu murren. Er kletterte aus dem Becken, schnappte sich ein Handtuch und rubbelte sich unter dem kritischen Blick seiner Pflegemutter die behaarte Brust und die kurzen, kräftigen Beine ab.

»Wie schrecklich behaart du bist!«, sagte Dol und verzog das Gesicht.

Tarr antwortete nicht. Auch sonst reagierte er nie auf die kritischen Worte Dols. Aber die Kleinen, die bereits sprechen konnten, jaulten freudig und riefen: »Be-haart, be-haart!« Dol ließ sie gewähren, doch Lara machte dem Lärm ein Ende, indem sie dazwischenfuhr:

»Das reicht jetzt! Ihr müsst Tarr Respekt entgegenbringen. Er ist erwachsen.«

Lara und die anderen stiegen nun ebenfalls aus dem Becken; dann gingen alle ins Haus. Die Lampen aus Ölpapier wurden angezündet. Tarr kam von seinem Botengang zurück. In der einen Hand hielt er einen großen Kochtopf, in der anderen ein dickes Bündel.

Dol nahm ihm beides ab und stellte den Topf auf den Tisch. Er enthielt eine fade Gemüsesuppe, die auf wenig Begeisterung stieß. Dann öffnete sie das Bündel und holte ein dickes Stück Käse und einen ansehnlichen Laib Schwarzbrot heraus, der gerade aus dem Backofen kam und herrlich duftete. Die ganz Kleinen, die die Selbstkontrolle der Shiro noch nicht beherrschten, glucksten vor Freude, als sie die Köstlichkeiten sahen.

Abgesehen von Lara und Wang lebten hier sechs kleine Shiro. Vier konnten bereits selbstständig essen, einen musste Tarr noch füttern. Dann gab es noch einen Säugling, den Dol an der Hüfte trug, die seit der Schwangerschaft deformiert war.

»Lara und Wang«, sagte sie. »Ihr braucht morgen nicht in die Schule. Ihr seid ins Lebenshaus bestellt.«

»Hurra!«, rief Wang, denn er hasste die Schule und träumte immerzu von Ferien. Lara dagegen mochte die Besuche im Eugenik-Zentrum nicht. Sie waren wie eine Prüfung, auf die man sich nicht vorbereiten konnte.

An diesem Abend blieb Lara einige Zeit in sich versunken vor der Fensterscheibe sitzen, die ihr als Spiegel diente. Eine Hautfarbe wie Lebkuchen, die Gliedmaßen haarlos, die Haare schwarz und glatt, eine Adlernase, dünn und markant – scheinbar war bei ihr alles so, wie es sein sollte. Sie bot das perfekte Bild einer heranwachsenden Shiro, die sich darauf vorbereitete, eine weitere Trockenzeit zu erleben und die wusste, welche Mängel eine Ärztin mit ihren medizinischen Geräten bei ihr feststellen konnte.

Am nächsten Morgen kämmte Lara sich besonders sorgfältig und nahm auch Wang in Augenschein. Obwohl sie gerade einmal drei Monate älter war als er, verlangte sie mit der ganzen Autorität einer älteren Schwester von ihm, sich noch einmal Gesicht und Hände zu waschen, an denen Reste des Frühstücks klebten. Schließlich reichte sie ihm den Kamm. Wang fuhr sich damit durchs Haar, das ihm – wie Lara – bis tief auf den Rücken fiel. Dann machten sie sich Seite an Seite auf den Weg, ohne dabei einander zu berühren; Shiro gingen nicht Hand in Hand durch die Straßen.

Wie alle bedeutenden öffentlichen Gebäude befand sich auch das Lebenshaus im Stadtzentrum. Es war ein großer, eingeschossiger Bau. Die kostbaren medizinischen Apparate standen in künstlich geschaffenen Felshöhlen im Kellergeschoss, um sie vor den orkanartigen Stürmen zu schützen, die zweimal im Jahr über die Stadt hinwegjagten.

Zusammen mit einer kleinen Gruppe anderer Heranwachsender traten Lara und ihr Bruder ein. Ein Asix verglich ihre Namen mit denen, die auf seiner Liste standen, und hakte sie ab. Dann wies er sie an, eine Treppe, deren Stufen in den Fels gehauen waren, zu den Laboren hinunterzusteigen. Der Wartesaal war leer, nur eine bunte Matte lag da, auf die sie sich setzten. Dann unterhielten sie sich mit leiser Stimme. Eine Papieröllampe warf schwaches, gelbes, zitterndes Licht auf die nackten Mauern.

Eine Tür ging auf, und alle verstummten. Aber es war nur ein Asix-Assistent, der den ersten Namen nannte. Das Licht hinter ihm war grell und blendete fast so wie Sonnenstrahlen.

Das müssen die elektrischen Lampen sein!, dachte Lara aufgeregt, die so etwas nicht kannte. Sie hörte jemanden reden, konnte ihn aber nicht sehen. Es war das erste Mal, dass sie in den Keller musste. In den Jahren zuvor waren ihr lediglich in der Krankenstation im Erdgeschoss Blut, Speichel und Nasenschleim entnommen worden. Als sie nun an die Reihe kam, blieb sie auf der Stufe stehen und blinzelte, fast blind von der Helligkeit.

»Bist du festgewachsen? Komm herein!«, forderte eine derbe Stimme sie auf.

Lara gehorchte und ließ den Blick in die Runde schweifen. Sie sah drei Untersuchungstische und verschiedene Apparate, an denen winzige Lampen blinkten. Vor einigen dieser Geräte standen junge Leute, die vor Lara aufgerufen worden waren, und eine Ärztin.

Lara zog sich ganz aus, wie man es von ihr verlangte. Dann streckte sie sich auf einer Liege aus. Die Ärztin untersuchte sie lange und gründlich. Anschließend musste Lara sich vor eine Reihe verschiedener Apparate setzen. Manchmal wurde sie angewiesen, sich nicht zu bewegen, ein anderes Mal musste sie Bilder betrachten, die sich näherten und wieder entfernten, oder Lichter, die aufflammten und wieder erloschen. Zwischen den einzelnen Untersuchungen musterte Lara die Ärztin verstohlen und versuchte zu ergründen, ob es gut oder schlecht für sie lief, aber der Blick der Frau blieb unergründlich.

»Bist du müde?«, wollte sie wissen.

»Nein, Frau Doktor Adaï«, gab Lara zur Antwort, denn eine Shiro durfte niemals Schwäche zeigen.

»Möchtest du etwas essen oder trinken?«

»Nein.«

»Dann geh in die Kabine und befolge die Anweisungen.«

Lara gehorchte und setzte sich im Schneidersitz auf die Matte, die einen Teil des Bodens bedeckte. In Augenhöhe befand sich ein Bildschirm, der mit einem Mal zum Leben erwachte. Eine mechanische Stimme erteilte ihr Instruktionen.

»Berühre den Bildschirm unten rechts, sobald ein Kreis zu sehen ist.«

Die Bilder erschienen oben auf dem Monitor und glitten langsam abwärts: Dreieck, Blume, Kreis ...

Lara berührte den Bildschirm. Man hätte meinen können, es wäre ein Spiel, denn es war nicht allzu schwierig; dann aber meldete die Stimme sich erneut, diesmal drängend:

»Unten links, wenn ein Dreieck auftaucht!«

Die Bilder kamen immer schneller.

»Oben, wenn du ein Blatt siehst! In der Mitte, wenn ein Mensch auftaucht!«

Bald kamen die Bilder in rasender Geschwindigkeit. Lara berührte den Bildschirm so schnell sie konnte – oben, unten, wieder unten, in der Mitte –, bis sie absichtlich falsch drückte, damit die Hatz endlich aufhörte. Ein kreischender Ton erklang, und die Bilder verschwanden.

Lara war nach der Anstrengung schweißgebadet. Als die Ärztin zu ihr kam, entschuldigte Lara sich für ihren Fehler.

»Ach, das ist normal«, sagte die Ärztin. »Früher oder später macht jeder einen Fehler, damit es aufhört. Die Bilder kommen immer schneller, bis man nicht mehr folgen kann. Das war die letzte Prüfung. Du kannst jetzt nach Hause gehen.« Unerwartet lächelte sie und fügte hinzu: »Wenn wir die Ergebnisse der DNA-Tests haben, lassen wir dich wissen, welche Aufgabe du innerhalb deines Clans auszuführen hast.«

»Darf ich eine Frage stellen?«, erkundigte sich Lara und fügte die respektvolle Anrede »Frau Doktor Adaï« hinzu.

»Was möchtest du denn wissen?«

Die Frau betrachtete Lara neugierig und setzte sich neben sie auf die Matte.

»Es geht um die Apparate. In diesem Jahr haben wir in der Schule Anatomie, und ich würde gerne wissen, wozu sie dienen.«

»Warum denn, Kleine? Hoffst du, im nächsten Jahr schummeln zu können?«

»Natürlich nicht, Frau Doktor Adaï! Das würde ich niemals tun! Es interessiert mich nur. Die letzte Übung in der Kabine, die wie ein Spiel war – sollten damit meine Reflexe getestet werden?«

»Das auch. Vor allem aber deine Konzentrationsfähigkeit.«

»Und die kleinen blinkenden Lichter?«

Die Ärztin, eine Frau aus dem Clan der Jestak, stand auf. Lara hatte den Eindruck, sie wollte das Gespräch beenden, aber sie gab ihr ein Zeichen, ihr zu folgen und führte sie wieder in den Raum mit den vielen Geräten. Vor einem hatte ein kleiner Junge Platz genommen. An seiner Seite saß eine andere Ärztin, die irgendetwas auf ein Blatt Papier schrieb, nicht auf die sonst übliche Schieferplatte.

Die Jestak legte einen Finger auf die Lippen und führte Lara auf die andere Seite des Raumes.

»Das hier ist ein Alphawellen-Stimulator«, erklärte sie. »Du weißt sicher nicht, was das ist, oder? Das steht bei dir bestimmt noch nicht auf dem Stundenplan.«

»Ich habe in der Bibliothek etwas darüber gelesen«, sagte Lara.

»Dann erkläre es mit deinen eigenen Worten. Es macht nichts, wenn du die Fachbegriffe nicht kennst.«

»Alphawellen sind elektrische Gehirnwellen. Ich glaube, man sieht sie, wenn die Menschen erregt sind.«

»Sehr gut. Und bestimmte Formen dieser Wellen lassen erkennen, wenn jemand an Epilepsie erkrankt ist.«

Die Ärztin schaute Lara fragend an und zog dabei eine Augenbraue hoch.

Lara fuhr fort: »Ich glaube, diese Krankheit entsteht, wenn man einen Schlag auf den Kopf bekommt.«

»Stimmt. Es kann von einem Traum herrühren oder von einer Hirnerkrankung. Aber vor dem Exodus, als unsere Vorfahren noch in Estia lebten, gab es eine idiopathische Form dieser Krankheit. Von Zeit zu Zeit taucht sie wieder auf, und dann müssen wir sie bekämpfen.«

Lara hätte gern gewusst, was »idiopathisch« bedeutet, aber die Jestak hatte ihr schon sehr viel erklärt, und sie wollte die Geduld der Frau nicht überstrapazieren.

Die beiden gingen zum nächsten Apparat. Wieder stellte die Ärztin Lara beiläufig ein paar Fragen, während sie erklärte, wozu das Gerät diente. Lara antwortete viel entspannter als in den Schulprüfungen.

Als sie ihre Runde beendet hatten, schwirrte Lara der Kopf von den vielen neuen Informationen. Sie bedankte sich, indem sie sich tief verbeugte. Dann fragte sie wagemutig:

»Ich weiß, es ist verboten, dass Inhalte der Prüfungen nach außen dringen, aber dürfte ich jemandem erzählen, was Sie mir über Kurzsichtigkeit, Epilepsie, Missbildungen und dergleichen erzählt haben?«

»Gewiss. Wem möchtest du denn davon erzählen?«

»Meinem Bruder.«

»Deinem Bruder? Du meinst Wang Huang, der heute auch hier ist? Ihr wohnt bei derselben Pflegemutter, nicht wahr? Gut, wenn du möchtest, erzähl ihm davon. Aber ich glaube nicht, dass es ihn interessiert. Und falls doch – Medizin wird er nicht studieren können. Das ist kein Beruf für Männer.«

»Nein«, sagte Lara, »ich meine nicht meinen leiblichen Bruder, sondern meinen Milchbruder Tarr.«

»Tarr? Es gibt niemanden mit diesem Namen, der deiner Pflegemutter anvertraut ist.«

»Er ist kein Shiro, Frau Doktor Adaï, er ist ein Asix.«

»Und geht er zur Schule?«

»Nein, nicht mehr. Er arbeitet jetzt.«

»Und wie kommst du darauf, dass ihn diese Geschichten interessieren könnten?«

»Wenn er zu Hause ist, lerne ich mit ihm.«

»Was meinst du mit lernen?«

»Ich erzähle ihm, was wir in der Schule durchgenommen haben, dann erinnere ich mich viel besser daran.«

Die Ärztin lächelte. »Du kannst ihm ruhig erzählen, was du gelernt hast, aber ich glaube nicht, dass er es begreift.«

Lara wollte widersprechen. Tarr mochte nicht in der Lage sein, sich richtig auszudrücken, aber das lag nicht daran, dass er dumm gewesen wäre; es war darauf zurückzuführen, dass er einen Sprachfehler hatte und nuschelte. Außerdem stotterte er. Aus diesem Grund wagte er nicht, Fremde anzusprechen, und blieb meist still und verschlossen, sodass man ihn für bockig und begriffsstutzig hielt. Und das Wenige, was er von sich gab, war oft so wirr, dass seine Gesprächspartner gar nicht erst versuchten, ihn zu verstehen und ihn als Idioten abstempelten.

Lara zog es vor, zu schweigen. Schließlich hatte sie die Erlaubnis, ihrem Milchbruder etwas von ihren neuen Erkenntnissen zu erzählen, und mehr wollte sie nicht.

Nach den hellen elektrischen Lichtern im Lebenshaus empfand Lara es draußen als schrecklich düster. Sie schaute sich nach Wang um, aber der war nicht zu sehen. Erneut betrat sie die Eingangshalle und erkundigte sich beim Asix-Wächter, ob bereits viele Kinder fertig seien.

»Du bist Lara Huang, nicht wahr?«, fragte der Wächter, nachdem er einen Blick auf seine Liste geworfen hatte.

»Ja«, antwortete Lara.

»Du bist die Letzte«, sagte der Wächter. »Alle anderen sind schon gegangen.«

Ein Blick auf die Sonnenuhr draußen vor der Tür bestätigte es: Der Nachmittag war längst vorbei. Außerdem machten sich bei Lara Hunger und Durst bemerkbar.

»Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?«, fragte sie den Asix-Wächter.

Er lächelte. »Gewiss. All diese Gelehrten kennen sich in Genetik und Medizin aus, aber dass ein kleines Mädchen, das den ganzen Tag hier verbringt, Hunger oder Durst haben könnte, darauf kommen sie nicht.«

Er ging in ein kleines Hinterzimmer und kam mit einer Scheibe Brot, einer Handvoll Oliven und einem Glas Wasser zurück. Zwinkernd reichte er es Lara.

»Danke«, sagte sie, trank schnell aus und gab ihm das Glas zurück. Dann ergriff sie mit einem Lächeln das Brot und die Oliven. Unter den erwachsenen Asix fühlte sie sich viel wohler als mit einem Shiro.

Auf dem Heimweg aß sie die schwarzen, köstlichen Oliven. Die Kerne spuckte sie in den Kanal, als sie sicher war, von keinem Erwachsenen beobachtet zu werden. Gleichzeitig versuchte sie, die vielen Dinge, die sie heute gelernt hatte, in ihrem Kopf zu ordnen.

*

»Was hast du angestellt?«, fragte Laras Pflegemutter, als das Mädchen endlich nach Hause kam. »Wang ist schon seit einer ganzen Weile hier.«

»Ich war im Lebenshaus, Mama Dol.«

»Wirklich? Bist du sicher, dass du nicht irgendwo anders herumgehangen hast?«

»Wo denn? Alle, die ich kenne, sind um diese Zeit in der Schule. Und im Haupthaus«, Lara wies mit dem Kopf in Richtung der grauen Steingebäude, in denen die Erwachsenen des Clans wohnten, »war ich auch nicht, denn da bin ich nicht willkommen. Kann ich etwas zu essen haben?«

Erst jetzt wurde Dol gewahr, dass Lara großen Hunger haben musste. Sie nickte und rief Tarr um Hilfe. Aber der sagte: »Ich muss jetzt zu den Viehzüchtern. Es ist wichtig, dass ich mit dem Hüter der Herden rede.«

»Ich habe dich um etwas gebeten, hast du mich nicht verstanden?«, erwiderte Dol gereizt. »Die Kleine hat den ganzen Tag nichts gegessen.«

»Schon gut, Mama Dol«, mischte Lara sich ein, »du brauchst mir kein Essen zu machen. Ich nehme einen Apfel und ein Stück Brot, dann gehe ich mit Tarr auf den Bauernhof. Wenn ich immer noch Hunger habe, bitte ich dort um ein Stück Käse.« Sie blickte Tarr an und fragte ihn: »Ich kann doch mitkommen?«

Tarr nickte. Lara schnitt sich ein großes Stück Brot von dem Laib ab, der auf dem Tisch lag, nahm sich eine Handvoll rohe Esskastanien und einen Apfel und stieß dann fröhlich hervor: »Ich bin soweit.«

Die Bauernhöfe lagen am Stadtrand. Lara ging gerne dorthin und beobachtete die großen Kühe mit ihren lyrenförmigen Hörnern und die roten Ziegen mit dem kurzen Fell. Was sie vor allem faszinierte, waren die Helfer der Viehzüchter, die Hunde – riesige, zottelige Tiere, sehr wild, doch erstaunlicherweise den Menschen wohlgesinnt.

Unterwegs schälte Lara die Kastanien und teilte sie gerecht mit ihrem Pflegebruder. Dabei erzählte sie ihm, was sie tagsüber erlebt hatte. Tarr sagte kaum etwas, wortkarg wie er nun mal war. Lara fielen die Worte der Jestak ein, als sie Tarr von der Seite musterte, und ganz bewusst erzählte sie ihm etwas Falsches:

»Also, wie ich dir schon sagte, diese Epilepsie ist eine Augenkrankheit, an der die Menschen vor dem Exodus gelitten haben ...«

»Kurzsichtigkeit«, brummte Tarr.

»Kurzsichtigkeit, richtig. Was habe ich denn gesagt?«

»Epilepsie.«

»Oh! Tut mir leid, da habe ich mich geirrt.«

Zufrieden plapperte sie weiter, während sie das nördliche Viertel von Gaia mit den grauen Steinhäusern der führenden Clans, den provisorischen Hütten der Asix und dem Gewirr der Kanäle hinter sich ließen.

Am Ende der Stadt lagen die ersten Felder im perlmuttfarbenem Nebel. Diese Felder dehnten sich, so weit das Auge reichte. Dazwischen gab es flache Gebäude und Weiden, auf denen die Kühe in kleinen Gruppen wiederkäuten.

Sämtliche Viehzüchter gehörten zu den Asix. Sie waren kräftig und untersetzt, mit kurzen, leicht gekrümmten Beinen. Sie waren so massig gebaut, dass man ihnen zugetraut hätte, in jeder Hand eines ihrer Rinder tragen zu können. Enthusiastisch wurde Tarr begrüßt. Er schwang freudig die Arme und rief die anderen bei ihren Namen. Alles ging mit viel größerer Leichtigkeit vonstatten, als Dol beim Zurechtschneiden von Fleisch an den Tag legte.

»Bist du bei der Weidewirtschaft dabei, Tarr?«, fragte ihn eine Frau, deren Schulter- und Armmuskeln denen der Männer in nichts nachstanden. Bevor Tarr etwas entgegnen konnte, fügte sie hinzu: »In unserer freien Zeit könnten wir in der Gorival-Akademie fechten. Wie wär’s?«

Sie gab ihm einen kräftigen Klaps auf die Schulter, der einen erwachsenen Shiro zu Boden geworfen hätte, aber Tarr schwankte nicht einmal. Stattdessen verpasste er der Frau einen freundschaftlichen Schubs, ging davon und ließ Lara alleine zurück.

»Kann ich zu den Hunden?«, fragte Lara die Frau.

»Sie sind alle auf den Koppeln, um die Tiere heimzuholen. Nur ein Weibchen, das Junge bekommen hat, ist im Gehege. Du kannst hingehen, aber fass die Kleinen nicht an, die Mutter ist eifersüchtig.«

»Was bedeutet ›eifersüchtig‹?«

»Sie duldet nicht, dass man sich den Jungen nähert. Wenn jemand versucht, sie zu berühren, wird sie böse.«

»Warum?«, fragte Lara verblüfft.

»Hunde sind viel klüger als Kühe oder Hühner, die bloß Weidevieh sind.«

Lara biss in ihren Apfel und blieb stehen, um die große Hündin mit dem kurzen, gelb und schwarz gestreiften Fell und den Furcht einflößenden Fangzähnen zu beobachten. Sie schlief auf dem Boden, zusammen mit fünf Fellknäueln, die an ihren Zitzen hingen.

Lara versuchte, die Aufmerksamkeit der Hündin zu wecken, indem sie mit den Lippen schnalzte, aber das Tier begnügte sich damit, ihr einen gelangweilten Blick zuzuwerfen. Danach beschäftigte es sich wieder mit den Kleinen, leckte sie und stupste sie leicht mit der Schnauze an. Eines nahm sie ins Maul und hielt es vorsichtig zwischen den Fangzähnen, die so lang waren wie Laras Arme und spitz wie eine Nadel, um das Junge anschließend wieder abzulegen, ohne dass der Welpe auch nur protestieren konnte.

»Sie sind süß«, sagte Lara zu der Hündin. »Manchmal würde ich gern Viehzüchterin oder Forscherin werden, nur um mir einen Hund halten zu können. Aber ich glaube nicht, dass man mir das erlaubt. Darf ich mal einen der Welpen halten?«

Sie trat einen Schritt vor und hielt abrupt an. Die Hündin hatte sich mit einer flinken Bewegung erhoben und zeigte mit grollendem Knurren die Zähne. Ihre Fangzähne befanden sich auf der Höhe von Laras Gesicht. Aus der Nähe sahen sie noch bedrohlicher aus.

»Ich hab nichts gesagt!«

Lara trat rasch einen Schritt zurück, dann noch einen, wobei das Tier sie mit Argwohn beäugte. Schließlich setzte sie sich in gehörigem Abstand auf den Boden.

Kurz darauf rief ihr Pflegebruder sie, und Lara rannte zu ihm.

»Ich reise wieder ab«, sagte Tarr.

»Aber du bist doch erst vor drei Monaten zurückgekommen!«

Tarr zuckte bloß die Schultern.

»Wann soll es denn losgehen?«, wollte Lara wissen.

»Übermorgen.«

»So schnell schon! Aber du kommst doch am Ende der Trockenzeit zurück?«

»Diesmal nicht. Ich bleibe ein Jahr in der Gruppe. Wenn die Regenzeit beginnt, werde ich eine Viehherde nach Nova Estia bringen. Dort gehe ich dann an Bord eines Fischerbootes.«

»Und Mama Dol erlaubt dir, sechzehn Monate fortzugehen?«

»Das ist ihr egal. Sie will doch sowieso nur Shiro-Babys auf die Welt bringen und großziehen. Und wo jetzt wieder eins kommt, bin ich Luft für sie.«

Für Tarr war das eine lange Rede, und Lara überlegte einen Augenblick. Dann warf sie sich an seinen Hals und sagte:

»Mir bist du nicht egal! Du wirst mir fehlen!«

Obwohl sie allein auf der bereits dunklen Straße waren, die sich zwischen den Feldern hindurchschlängelte, wehrte Tarr sie ab und raunte ihr zu:

»Du bist kein kleines Mädchen mehr. Eine Shiro muss sich anständig benehmen.«

»Ach, ich wünschte, ich wäre keine Shiro. ›Das tut man nicht‹, ›das darf man nicht‹ ... ich kann es nicht mehr hören. Du lebst viel freier!«

»Glaubst du wirklich? Niemand ist frei. Jeder macht nur das, was ihm erlaubt ist. Würde ich tun, was ich möchte, wäre ich jeden Abend bei den Übungen in der Akademie, statt mit einem Schiff unterwegs zu sein oder eine Viehherde zu begleiten.«

»Die Akademie gefällt dir? Ich hasse sie, und trotzdem muss ich dorthin.«

»Ich bin gerne dort.« Tarr zögerte und suchte nach Worten. »Dort zählt nur, was du tust und nicht, wer du bist. Und niemand verlangt von dir, dass du ständig redest.«

*

Lara nahm sich vor, früh aufzustehen, um sich von Tarr zu verabschieden. Es war noch Nacht, als sie aufwachte. Rasch schlüpfte sie in ihre Sandalen und lief in das kleine Zimmer ihres Pflegebruders. Die Matte lag zusammengerollt in einer Ecke, und das Betttuch war fort. Sie schaute aus dem Fenster, sah aber nirgends einen Reisenden mit einer schwankenden Laterne in der Hand. Nur den feinen Nieselregen.

Du bist eine Närrin, schalt sie sich. Tarr braucht kein Laternenlicht. Den Augen eines Asix reicht das Mondlicht, um sehen zu können.

Sie zündete eine Kerze an und ging zum Gemeinschaftsraum – in der Hoffnung, dort noch auf Tarr zu treffen und seinen großen runden Kopf über eine Tasse Milch gebeugt zu sehen. Aber niemand saß am Tisch. Nur ein Stück Holz lag auf Laras Platz.

Sie nahm es in die Hand und besah es von allen Seiten. Was hatte es damit auf sich? Mit einem Mal erkannte sie, dass es wie ein Hund aussah, der von ungeschickten Händen grob geschnitzt worden war. Man konnte den Kopf erkennen, die Ohren, die Pfoten ... Mit seinem Messer, das eine viel kürzere Klinge hatte als die der anderen, hatte Tarr diese kleine Figur geschnitzt. Lara dachte an seine großen Hände, die schwielig waren von der harten körperlichen Arbeit und vom schweren Säbel, mit dem er an seinen freien Abenden übte. Wie viel Geduld er aufbringen musste, um so etwas zu schnitzen!

Lara ging zurück in sein Zimmer, die kleine Figur fest in den Händen haltend. Sie musste Lärm gemacht haben, denn sie hörte plötzlich ein Jammern im Zimmer der Kleinen. Dann wurde die Tür von Dols Zimmer aufgestoßen, und sie kam gähnend auf den Flur. Ihr Oberkörper war nackt, und auf ihrer weißen Haut, zwischen den von der Milch angeschwollenen Brüsten, zeichnete sich ein dicker, daunenschwarzer Streifen ab, der geradewegs aus ihrer Hose kam und sich auf dem Bauchnabel verbreiterte.

Als sie Lara sah, glaubte sie, das Mädchen sei aufgestanden, weil auch sie das Weinen gehört hatte.

»Geh schlafen, Kleine«, sagte sie. »Das hier ist meine Arbeit.« Statt verstimmt zu sein, dass sie geweckt worden war, lächelte Dol glückselig, wie jedes Mal, wenn sie sich mit den Kleinen beschäftigte.

»Wie spät ist es?«, fragte Lara.

»Ich weiß es nicht, aber es ist noch Nacht, also geh schlafen. Morgen musst du in die Schule, und abends hast du deinen Kurs an der Akademie.«

»Wann ist Tarr aufgebrochen?«

»Tarr? Ach ja, stimmt, er hat mir gesagt, dass er fort wollte ... Ich komme ja schon, ich komme ja schon!« Sie stürzte in das Zimmer, wo aus dem Weinen mittlerweile ein Schreikonzert geworden war.

Lara schüttelte den Kopf. Bis jetzt hatte sie ihr ganzes Leben mit Dol verbracht und hatte sich an deren Art gewöhnt, aber manchmal ging das übertriebene Interesse an den Babys ihr gehörig auf die Nerven.

*

Drei Tage später verkündete der Professor, kaum dass er in der Klasse war: »Heute ist Prüfung!«

Die Schüler hatten damit gerechnet, dass es den einen oder anderen Tag so weit sein würde, trotzdem traf es sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

»Heute morgen«, fügte der Professor hinzu. »Physik in Raum A.«

Er las die Namen von einer Liste vor, darunter auch Laras. Umso besser, sagte sie sich, dann habe ich es sofort hinter mir. In Physik war sie nicht so gut, es war zu viel Mathe dabei.

Der Professor nannte weitere Fächer und die Namen der Prüflinge für den heutigen Tag und den Tag darauf. Als er fertig war, eilten alle in die entsprechenden Räume. Lara blieb zurück, verneigte sich vor dem Professor und bat um die Erlaubnis, sich zu Wort melden zu dürfen.

»Was ist denn?«, fragte er und hob die Brauen. Er war ein Shiro mittleren Alters, dessen Haare sich bereits weiß färbten. Zwei tiefe Falten hatten sich von der Nase bis zu den Mundwinkeln in sein Gesicht gegraben. Man sagte von ihm, er sei einst ein berühmter Fechter gewesen. Sollte das stimmen, wäre das einzige Prinzip, das er in der Akademie übernommen hatte, die Liebe zu eiserner Disziplin, die absoluten Respekt verlangte.

»Bitte entschuldige, Shiro Adaï«, sagte Lara höflich, denn der Professor erlaubte es nicht, dass man ihn mit seinem Namen ansprach. »Ich habe meine Vorladung für die Anatomieprüfung gar nicht gehört.«

»Du hast nicht gehört? Was willst du damit sagen? Kannst du nicht zuhören, wenn ich rede?«

»Doch, Herr, aber du hast meinen Namen nicht vorgelesen.«

»Willst du mir etwa sagen, ich hätte mich geirrt?«

Das war eine Fangfrage. Der Meister tätschelte geistesabwesend seine Gerte, während er sprach. Lara schluckte, denn sie hatte bereits Erfahrung mit seiner Schlagkraft gemacht.

»Mein Name wurde nicht genannt, Shiro Adaï«, entgegnete sie mit fester Stimme. »Warum und wieso, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich wollte nur wissen, ob ich in Anatomie geprüft werde.«

»Entzieht sich meiner Kenntnis!«, wiederholte der Lehrer Laras Worte. »Du bist von der Anatomieprüfung befreit. Stattdessen gehst du morgen ins Lebenshaus. Du hast Bereitschaftsdienst.«

Lara wartete einen Moment, in der Hoffnung, noch mehr zu erfahren, aber vergeblich. Also verbeugte sie sich und verließ den Raum, wobei sie sich fragte, wie ein Bereitschaftsdienst Ersatz für eine Prüfung sein konnte.

In Physik tat sie sich wie erwartet nicht hervor, aber das war nicht so schlimm. Die Botanikprüfung am Nachmittag hingegen beunruhigte sie nicht; die war nicht weiter schwer. Man musste einfach nur viel lernen. Vier Prüfer waren zugegen, drei Shiro und ein Asix. Letzterer, so glaubte Lara, musste ein Forscher sein. Sie betrachtete ihn mit Neugier, denn er war sicher ein Experte, was die einheimischen Pflanzen betraf.

Sie verneigte sich vor dem alten Shiro, der im Schneidersitz hinter dem Tisch hockte.

»Obstbäume des Erdreichs«, sagte er. »Pflege, Krankheiten, Erntezeit?«

Lara antwortete mühelos und wurde mit einem Kopfnicken entlassen. Der zweite Prüfer befragte sie zu Gemüsesorten. Er wollte wissen, was zu tun sei, damit die Stauden die vier Monate lange Trockenzeit unbeschadet überstanden. Es war eine Zeit, in der die sengende Sonne den Boden in Wüstenstaub verwandelte und lange Erdspalten zurückließ. Eine solche Frage gehörte eigentlich in den Bereich Ingenieurwesen, aber Lara war sicher, auch hier richtig geantwortet zu haben.

Am dritten Tisch ging es um Bodenverbesserung und Ertragsmaximierung. Ohne Probleme konnte Lara eine ganze Reihe von Pflanzen aufzählen, die man im Wechsel mit Hülsenfrüchten pflanzte und untergrub, um den Stickstoffgehalt des Bodens zu verbessern. Doch bei den Gemüsesorten, bei deren Pflanzung man Holzasche ausbrachte, irrte sie sich.

»Wenn du Diplom-Landwirtin wärst, müsste dein Clan sich mit Tomaten und Ähnlichem begnügen«, sagte ihr Prüfer mit eisigem Blick. »Noch ein einziger Fehler heute, und du musst die gesamte Prüfung wiederholen.«

Lara verbeugte sich und ging zu dem Tisch, an dem der Asix saß. Er lächelte ihr aufmunternd zu – mit der liebenswerten, freundlichen Art, die typisch für seine Rasse war. Dies war der schwierigste Teil der Prüfung. Fast sechshundert Jahre waren vergangen, seit die Ahnen der Asix hier an Land gegangen waren. Seitdem hatte man mehrere hundert einheimische Pflanzen verzeichnen können. In der Prüfung musste Lara erklären können, welche Pflanzen essbar, welche ein bisschen giftig und welche sehr giftig waren.

»Können bei unserer Ernährung die einheimischen Pflanzen die importierten ersetzen?«, lautete die erste Frage des Asix.

Das war leicht, sozusagen mit links zu beantworten.

»Einige ja«, antwortete Lara, »die meisten aber nur begrenzte Zeit. Die einheimische Vegetation enthält häufig Alkaloide in winzigen Mengen. Nimmt man zu viel davon zu sich, können sie gefährlich werden.«

»Sehr gut!«

Der Prüfer legte ein blaues und ein grünes Blatt in eine Dose und stellte diese auf den Tisch.

»Das ist der Teufel von Maria Jestak«, sagte Lara. »Giftig, tödlich und besonders gefährlich, weil man ihn leicht mit den Blättern der Daïban-Pflanze verwechselt, die wiederum essbar sind.«

Dann zeigte er Lara ein lanzettförmiges Kräuterblatt.

»Eine Mutation von Sandor Huang«, sagte sie. »Sie ändert ihre Farbe, je nachdem, ob der Boden sauer oder alkalisch ist. Ist sie blau, ist sie toxisch. In der Weidewirtschaft werden die Blätter gern von den Rindern gefressen, doch man rupft sie lieber heraus, selbst die grünen Blätter, denn sie enthalten eine Spur von Kormarinen. Wenn das Vieh mehrere Tage hintereinander davon frisst, wird es aggressiv.«

Fragen und Antworten gaben sich eine Zeitlang die Hand. Schließlich sagte der Asix:

»Du kannst gehen, du warst sehr gut. Das Lebenshaus hat uns mitgeteilt, dass wir dir wesentlich mehr Anatomie zumuten dürfen, deshalb sind dir die ungenauen Antworten in der Physikprüfung verziehen.«

Lara verbeugte sich dankbar.

*

Am Tag darauf erreichte sie bereits im Morgengrauen das Lebenshaus. Nur eine alte Asix war da, die dafür zuständig war, den Eingangsbereich zu überwachen.

»Ich bin Lara Huang«, sagte Lara. »Ich habe heute Bereitschaftsdienst.«

»Dann bist du viel zu früh, die Ärztinnen sind noch gar nicht da.«

»Kann ich mich in der Zwischenzeit irgendwie nützlich machen?«, fragte Lara eifrig.

»Du kannst helfen, das Frühstück vorzubereiten und zu servieren.«

In den Küchen, die sich im Freien befanden und von einem Dach geschützt wurden, waren zwei Asix damit beschäftigt, Tassen und Löffel auf einem Servierwagen anzurichten, auf dem bereits eine große Kanne stand. Bei der einen Asix handelte es sich um ein Mädchen in Laras Alter. Sie schob den Servierwagen. Die andere, klein und kräftig, grüßte murrend. Genau wie Tarr hatte sie Schwierigkeiten mit der Aussprache, und sie trug mit einer gewissen Arroganz und deutlich sichtbar das Lebensband – im Gegensatz zu Tarr mit seinem schicksalhaften schwarzen Band, das »Reproduktion verboten« besagte.

Lara versuchte gar nicht erst, ein Gespräch mit der Asix zu führen, um sie nicht nervös zu machen. Sie half ihr beim Servieren, obwohl ihre Hilfe angesichts der körperlichen Kraft ihres Gegenübers im Grunde völlig überflüssig war. Als sie gerade die Servierwagen aus den Küchen schoben, trafen die Ärztinnen ein.

»Du da«, sprach eine von ihnen Lara an. »Komm mit, wir müssen die Verbände erneuern. Wasch deine Hände gründlich mit dieser schwarzen Seife, ja, genau so. Schau dir diesen Wagen an und sieh nach, ob alles da ist: Desinfektionsmittel, Binden, Schere, Nadel und Faden, schmerzstillende Salbe, Herztonikum ...«

Die Ärztin fuhr fort, eine ganze Reihe pharmazeutischer Produkte aufzuzählen, während Lara fieberhaft die Fächer des Wagens kontrollierte.

Die erste Patientin war eine Frau, der Lara und das Asix-Mädchen beim Frühstück helfen mussten, weil die Hände der Patientin dick mit Verbänden umwickelt waren.

»Reich mir die Schere«, befahl die Jestak-Ärztin.

Lara schnitt den blutdurchtränkten Verband ab und warf ihn in einen großen Eimer. Die Hände der Frau waren beweglich, die Handflächen jedoch waren mit großen Blasen bedeckt.

»Das Lokalanästhetikum ... ja, diese Flasche da. Benetze die Hände damit und pass auf, dass überall etwas hinkommt. Gut. Jetzt gib mir das Skalpell. Nein, das kleine da, ich muss nur eine Blase öffnen. Nimm eine Gazekompresse, um das Exsudat abzutupfen. Nicht reiben, sanft tupfen. Gib mir den weißen Topf da. Und eine sterile Binde. Halte bitte die Arme der Frau, während ich den Verband anlege.«

Als sie gingen, schaute die Ärztin Lara aufmerksam an.

»Das war doch nicht unangenehm für dich, oder?«

»Nein«, antwortete Lara erstaunt. »Weshalb sollte ich es als unangenehm empfinden? Ich habe die Hände mit dem Anästhetikum versorgt. Die Frau hat doch nichts gespürt, oder?«

»Nein. Aber ich habe eigentlich etwas anderes gemeint. Ich wollte wissen, ob die Blasen und das Blut dich gestört haben.«

»Überhaupt nicht. Ich fand das alles interessant. Ich frage mich gerade ...« Lara stockte und warf einen Blick auf die Ärztin. Die Erwachsenen aus dem Clan der Jestak waren sehr viel gesprächiger als die Huangs, das wusste sie.

»Du kannst mich alles fragen. Wenn du noch einmal herkommst, um zu assistieren, ist es hilfreich, wenn du so viel weißt wie nur möglich und verstehst, warum du es tust.«

»Wie hat die Frau sich verbrannt?«

»Es ist eine chemische Verbrennung. Weißt du, was ich meine?«

»Nein, ich habe noch nie davon gehört. Heißt das, es gibt chemische Stoffe, die einem auch ohne Flammen Brandwunden zufügen können?«

»Ja, so in etwa«, antwortete die Jestak. »Gehen wir zum nächsten Fall. Er ist nicht besonders schön anzusehen. Wenn du es nicht ertragen kannst, sag es mir.«

Lara nickte, erinnerte sich an ihre guten Manieren und fügte hinzu: »Ich werde mein Bestes geben, Frau Doktor Adaï.«

Die Sache war wirklich nicht sehr appetitlich: Der Patient war ein sehr alter Shiro mit einer tiefen Wunde im Arm, die sich einfach nicht schließen wollte. Nachdem die Ärztin den Verband abgenommen hatte, breitete sich ein durchdringender, süßlicher, widerlicher Geruch im Zimmer aus.

Lara kämpfte mit aller Mühe einen Brechreiz nieder. Die Jestak, die Stirn in Falten gelegt, ließ sich eine seltsam geformte Schere geben und schnippelte damit einen Fetzen Haut von scheußlicher Farbe weg.

»Nekrosetuch«, sagte sie mit leiser Stimme, während ihre junge Assistentin mit weit aufgerissenen Augen dastand.

»Anästhetikum«, ordnete sie an.

»Ich will kein Anästhetikum«, meldete der Alte sich zu Wort.

»Das ist dein gutes Recht, aber ...«

»Kein Aber. Ich bestehe darauf. Die Wunde ist eine Kampfverletzung.«

Die Jestak presste die Lippen aufeinander und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Der Mann bewegte sich nicht, doch auf seiner Oberlippe sammelten sich feine Schweißperlen.

»Tut das weh?«, fragte die Jestak.

»Ja ... nein, Jestak Adaï.«

»Ich spreche in meiner Eigenschaft als Medizinerin und möchte gerne eine präzise Antwort.«

»Ja, es tut weh. Das geht nicht wieder zu, oder?«

»Nein. Ich muss jeden Tag ein Stück totes und zusätzlich ein bisschen gesundes Gewebe entfernen. Tut mir sehr leid, aber wie ich dir bereits sagte – es bleibt schließlich nur die Amputation.«

»Ja, das hast du mir schon gesagt. Ich möchte raus aus dem Krankenhaus.«

»In meiner Funktion als Ärztin muss ich dir davon abraten. Als Shiro allerdings verstehe ich dich und befürworte es.«

Ärztin und Patient sahen sich an. Lara hatte den Eindruck, dass sie irgendeine stumme Botschaft austauschten. Sie hätte gern gefragt, worum es ging, aber der Gesichtsausdruck der Jestak hielt sie davon ab.

Schließlich verließen sie das Zimmer.

Während der Visite wechselten sie nur ein paar Worte, die ihre Arbeit betrafen. Nach der Krankenbehandlung im Hospital gab es noch eine ambulante Sprechstunde. Viele Patienten waren zu versorgen: ein paar Arbeitsunfälle, viele Schwangerschaftstests, Anfragen nach genetischer Kompatibilität im Falle einer Empfängnis und zwei Erkrankungen, die vor dem Exodus sehr häufig gewesen waren. So stand es jedenfalls im Geschichtsbuch.

Alles war neu und sehr interessant für Lara. Nachdem Visite und Sprechstunde zu Ende waren, bedauerte sie es beinahe. Sie bedankte sich bei der Ärztin, die ihr lächelnd erklärte:

»Ich bin es, die sich bedanken muss. Du hast mich gut unterstützt. Die meisten Helfer verbringen die Hälfte ihres ersten Tages damit, sich zu übergeben. Ich werde mit der Mutter deines Clans sprechen und darum bitten, dass du regelmäßig im Lebenshaus hilfst.«

»Wirklich? Das wäre großartig!«, rief Lara, als sie an die andere lästige Arbeit dachte, die ihr dann erspart bliebe: den Garten umgraben, Geschirr abwaschen, Böden wischen, Toiletten putzen. Und das alles unter dem kalten Blick eines Erwachsenen aus dem Huang-Clan, der stets bereit war, zu kritisieren und zu bestrafen.

Bevor die Ärztin es sich anders überlegen konnte, fuhr Lara rasch fort: »Es wäre eine Ehre für mich, Frau Doktor. Ich würde mein Bestes geben.«

Und als sie bemerkte, dass die Ärztin gut gelaunt war, fügte sie hoffnungsvoll hinzu: »Darf ich dich noch etwas fragen? Der alte Shiro ... warum heilt seine Wunde nicht?«

»Weil er schon uralt ist. Wir haben die Dauer des Lebens gegenüber der Zeit vor dem Exodus verlängert, aber Wunder vollbringen können wir nicht. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die Organe und Zellen einfach nicht mehr so funktionieren wollen, wie sie sollten. Eine Kleinigkeit hier, eine Kleinigkeit da, aber es läppert sich. Es ist so, als hätte der Körper beschlossen, nicht mehr mit den Ärzten zu kooperieren.«

»Der Mann will aus dem Krankenhaus, weil er glaubt, du könnest nichts mehr für ihn tun?«

»Nein. Er will aus dem Krankenhaus, weil er nicht akzeptiert, dass ich in seinem Fall nur noch eine Sache tun kann. Es gibt nur ein einziges Heilmittel, das so alt ist wie die Geschichte der Medizin und sehr brachial: Man müsste seinen Arm amputieren. Vor dem Exodus waren wir in der Lage, bewegliche Prothesen herzustellen, aber die Biomechanik ist eine Wissenschaft, die wir aus den Augen verloren haben. Er müsste also ohne seinen rechten Arm leben, und in seinem Alter – er hat bereits mehr als hundert Trockenzeiten hinter sich – wird er sich nicht mehr daran gewöhnen können. Und er wäre nicht mehr selbstständig. Das will er nicht. Deshalb zieht er es vor, sein Shiro-Privileg geltend zu machen.«

»Was ist das?«

»Wie viele alte und behinderte Shiro gibt es im Haus deines Clans?«

»Hm ... keinen, glaube ich. Jedenfalls habe ich nie einen gesehen.«

»Hast du dich nie gefragt, warum das so ist?«

»Ich habe nie darüber nachgedacht. Wie kommt es denn?«

»Unser Leben ist sehr lang, viel länger als das der Asix und sehr viel länger als vor dem Exodus. Auch das Alter kann sehr lange dauern – Jahre, in denen man nicht mehr arbeiten muss. Jahre, in denen wir vielleicht nicht mehr in der Lage sind, uns selbst zu helfen. Dann wären wir eine Belastung, die weder der Clan noch die Spezies tragen könnte. Ist dieser Augenblick gekommen, sind wir es selbst, die sich für den Tod entscheiden. Wir betrachten es sogar als Ehre – das Privileg, lange leben zu dürfen und schließlich selbst bestimmen zu können, wann das Ende gekommen ist. Hat dein Tutor dir das nicht erklärt?«

»Ich habe keinen Tutor, Jestak Adaï.«

»Nein? Ich habe noch nie gehört, dass die Huangs ihre Kinder persönlich aufziehen.«

»Tun sie auch nicht. Ich lebe bei meiner Pflegemutter.«

»Immer noch? Wie viele Trockenzeiten hast du erlebt?«

»Jetzt die neunte.«

»Ach ja, stimmt. Du musst die Tochter von Haridar sein. Ich erinnere mich. Als man beschlossen hatte, dich bis zur Volljährigkeitsprüfung in die Obhut einer Pflegemutter zu geben, gab es Einwände.«

Lara hätte gern gewusst, warum das so war, und sie hätte gern mit jemandem über dieses merkwürdige Privileg der Shiro gesprochen, wusste aber nicht, wem sie sich anvertrauen könnte. Dol interessierte sich nur für das Liebkosen, Waschen und Füttern der Kinder, die ihr anvertraut waren. Tarr war fort, und ohne ihn gab es keine richtigen Gespräche mehr, nur noch Laras Monologe, ab und an unterbrochen vom Gemurmel ihres Bruders Wang. Und was den betraf, beschäftigte er sich nur mit seinen Kampfübungen. Auch ihren Schulkameraden fühlte Lara sich nicht allzu sehr verbunden. Sie alle lebten im Haus ihres jeweiligen Clans und hatten ihre eigenen Freunde.

Nachdenklich machte Lara sich auf den Heimweg und ging durch den leichten Abenddunst, allein mit ihren Gedanken.

*

Als sie nach Hause kam, ging es in ihrer Gefühlswelt drunter und drüber. Eine alte Asix beaufsichtigte die Kleinen. Sie heulten und nörgelten trotzig und taten so, als würden sie Lara gar nicht bemerken.

»Was ist geschehen?«, fragte sie.

»Das Baby kommt«, gab die alte Asix zur Antwort.

Auf den ersten Blick hätte man glauben können, sie sei so alt wie der Shiro im Krankenhaus, aber wer konnte schon sagen, wie viele Trockenzeiten sie wirklich erlebt hatte, wo doch ein Asix nicht so lange lebte wie ...

Plötzlich durchfuhr Lara ein Schock: Wenn sie in voller Reife stand, waren Dol und Tarr bereits alt oder sogar schon tot. Der Gedanke machte ihr Angst, sie schob ihn rasch wieder beiseite.

»Ich schaue mal nach«, sagte sie zu der Frau; dann wandte sie sich den Kindern zu. »Wenn ihr nicht wollt, dass ihr einen wirklich guten Grund zum Weinen bekommt, dann seid sofort still! Gehorcht der Frau, wie ihr Tarr gehorcht habt. Dol braucht jetzt Ruhe. Wenn ich nur einen einzigen Schrei höre, kriegt jeder von euch eine gehörige Abreibung! Verstanden?«

»Ah!«, erklang eine spöttische Frauenstimme von der Tür her. »Wer behauptet, dass im Haus der Asix-Pflegemütter keine Disziplin herrscht, der lügt! Wer bist du, Mädchen?«

Lara drehte sich um und stand zwei erwachsenen Shiro gegenüber, die ihr unbekannt waren. Sie grüßte höflich und stellte sich vor, trat aber nicht zur Seite, um sie vorbeizulassen.

»Beweg dich, Kleine«, forderte die Frau, deren Stimme Lara vorhin gehört hatte, sie ungeduldig auf. »Wir möchten zu Dol.«

»Aber sie bekommt gerade ein Kind!«

»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?«

Die Frau stieß sie grob zur Seite und marschierte mit ihrer Begleitung in Richtung der hinteren Räume. Lara folgte ihnen. Dol lag nackt und lang ausgestreckt auf ihrer Matte. Sie wirkte so dick wie ein Dinosaurier aus dem Dschungel und schrecklich plump. Zwei Asix-Frauen standen ihr zur Seite. Eine von ihnen rasierte sorgfältig den Unterbauch und die Oberschenkel, während die andere ihr ein Kissen unter den Rücken schob.

»Oh, meine Dame«, rief Dol zufrieden, »du bist gekommen, um die Geburt deines Sohnes mitzuerleben. Es ist gleich so weit.« Kurz verzog sie das Gesicht vor Schmerzen, dann lächelte sie wieder. »Lara, meine Kleine, bleib bei mir. Du wirst sehen, wie schön es ist, ein Baby zu kriegen.«

Schön? Missgestaltet mit einem riesigen Bauch und heftigen Schmerzen, wie man es ihnen in der Schule erklärt hatte? Nein, danke! Wenn es so weit kommen sollte, hatte Lara die Absicht, es wie die anderen weiblichen Shiro zu machen: Sie würde ihre Kinder von einer Asix auf die Welt bringen lassen. Wenn es Dol so sehr gefiel – umso besser für sie. Jeder nach seinem Geschmack.

Aus Neugier blieb Lara, aber zwei Stunden lang passierte nichts. Ab und zu stöhnte oder zappelte Dol. Lara langweilte sich zu Tode. Auch den beiden Shiro wurde die Zeit lang, denn sie sprachen über landwirtschaftliche Fragen.

Plötzlich stieß Dol einen heftigen Schrei aus. Eine der Asix-Frauen sagte zu ihr: »Jetzt pressen, weiter. Ja, so ist es gut!«

Zwischen Dols Beinen erschien ein blutiges, kleines Etwas, das so gar nichts Menschliches an sich hatte. Die eine Asix-Frau machte sich kurz daran zu schaffen; dann hob sie es in die Luft, und alle vernahmen einen kräftigen Schrei.

»Alles ist gut! Das ist ein hübscher kleiner Junge!«, rief sie – eine völlig überflüssige Feststellung: Wäre nichts so, wie es sein sollte, hätten die Ärztinnen des Lebenshauses die Schwangerschaft längst abgebrochen.

Die Anwesenden nickten zufrieden – auch Lara, obwohl sie das Neugeborene schrecklich hässlich fand, ganz rot und zerknautscht, mit einem runden Gesicht ohne irgendeinen menschlichen Ausdruck.

Die Asix schnitt die Nabelschnur durch und tauchte das Neugeborene in ein Becken, das zwei Finger hoch mit Wasser gefüllt war. Nachdem der Säugling gewaschen war, erinnerte er schon ein bisschen mehr an ein menschliches Wesen. Dol streckte besitzergreifend die Arme aus und legte das Kleine an ihre prallen Brüste. Tröstliche Laute kamen aus ihrem Mund.

Die biologische Mutter warf einen Blick auf ihren Sohn und seufzte: »Wenn wir doch nur genauso leicht entbinden könnten! Ich habe es zweimal erlebt, und ich versichere euch, dass ich kein Bedürfnis habe, das zu wiederholen. Gut gemacht, Dol! Ein wunderhübscher kleiner Mann von bester Gesundheit, wie immer! Ich vertraue ihn dir an, so wie ich es bei den anderen Kindern getan habe. Aber dafür nehme ich Kio. Ein paar Monate lasse ich ihn noch bei dir, aber wenn ich höre, dass sie herumjammert oder irgendwelche Dummheiten anstellt, ist es an der Zeit, dass ein Shiro-Tutor sie unter seine Fittiche nimmt.«

»Kio?«, fragte Dol. »Warum so schnell? Kannst du sie mir nicht noch ein bisschen lassen?«

»Hast du nicht genug Knirpse, die an deinem Rockzipfel hängen? Ich nehme Kio mit«, antwortete die Shiro, diesmal energisch.

Sie verließ das Zimmer. Lara hörte, wie sie dem kleinen Mädchen befahl, sie zu begleiten.

»Aber warum?«, fragte Kio.

»Weil ich es sage.«

»Aber ich will nicht ...«

Das Geräusch einer Ohrfeige war zu vernehmen, dann lautes Gejammer.

»Eine Shiro weint nicht!«, stellte die Frau ungeduldig fest.

»Und sie gehorcht, wenn man ihr eine Anweisung erteilt«, fügte ihre Begleitung hinzu. »Beeil dich, Kleine.«

So verschwand auch Kio aus Laras Leben. Allerdings traf es sie nicht allzu sehr: Der Altersunterschied zwischen ihnen war zu groß gewesen, als dass sie zusammen gespielt hätten oder Freundinnen hätten sein können. Aber musste das alles auf so brutale Weise geschehen?

Lara wandte sich Dol zu, in dem Glauben, diese bräuchte jetzt Trost. Aber ihre Pflegemutter begeisterte sich für das neugeborene Baby, das zwei große, lebhafte Augen öffnete. Sie sprach nicht mehr über Kio, nicht an diesem Tag und nicht an den Tagen darauf. Lara hatte den Eindruck, dass Dol die kleine Kio zwar nicht vergessen, aber die Gedanken an sie verdrängt hätte.

*

Als Wang aus der Schule kam, bedauerte er sehr, nicht bei der Entbindung dabei gewesen zu sein. Er zeigte besonderes Interesse an den beiden Shiro, die gekommen waren, um die Geburt mitzuerleben.

»Glaubst du, dass unsere Mutter auch dabei war, als wir auf die Welt gekommen sind?«, fragte er Lara.

»Woher soll ich das wissen? Frag Dol, vielleicht erinnert sie sich daran. Auf jeden Fall können wir nicht beide hier geboren worden sein.«

»Und warum nicht?«

»Wir sind nur drei Monate auseinander, du Trottel. Da ist es unmöglich, dass ein und dieselbe Pflegemutter uns entbunden hat.«

»Ach so, ja, daran habe ich gar nicht gedacht. Vielleicht hat unsere leibliche Mutter einen von uns beiden selbst auf die Welt gebracht?«, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

»Unmöglich!« Lara schüttelte den Kopf. Und weil sie zögerte, an ihre Mutter zu denken – das war ein Thema für stille Stunden –, fragte sie Wang, wie seine Prüfungen verlaufen seien.

»Lass uns lieber nicht darüber sprechen«, antwortete er. »Ich habe Angst, dass der Lehrer seine Gerte auswechseln muss, wenn er mir alle meine Fehler aufgezählt hat. Gehen wir zur Akademie? Ich muss mich ein bisschen entspannen.«

»Also gut.« Lara seufzte. Sie konnte es kaum erwarten, auf die Universität gehen zu dürfen, um endlich die Kampfkurse aufgeben zu können, die sie hasste.

Der Fechtsaal des Clans befand sich hinter dem großen Haus. Sie mussten durch zahllose Gänge und Räume. Die Bauweise des Hauses war anarchisch: Man hatte je nach Notwendigkeit und Anzahl der Bewohner neue Flügel und Anbauten hinzugefügt. Die Geschwister trafen mehrere Erwachsene, vor denen sie sich verbeugten, wie es Pflicht war, und die Erwachsenen grüßten mit einem Kopfnicken zurück.

Rechtzeitig erreichten Lara und Wang die Umkleidekabinen. Sie entblößten ihren Oberkörper und zogen ihre Tunika aus. Anschließend umwickelten sie Kopf und Gesicht mit Binden, nur die Augen blieben frei. Doch der Gesichtsverband bot nur geringen Schutz, wie die vielen Narben auf den Gesichtern älterer Fechter dokumentierten. Eigentlich hatte der Verband nur symbolischen Wert: Er verschleierte die Identität desjenigen, der ihn trug, und wies darauf hin, dass in einem Fechtsaal alle gleich waren, Männer und Frauen, Shiro und Asix. Nur der Lehrer und seine Assistenten trugen keine Masken.

Der Fechtsaal war sehr groß, und der Fußboden bestand aus Holz statt aus Stein, wie sonst überall im Haus. An den Wänden hingen die Blutklingen in ihren Futteralen aus robustem Leinen. Die Blutklingen waren die echten, kostbaren Waffen aus dem seltenen Metall. Sie waren scharf und spitz und wurden nur bei einem Duell verwendet. Auf dem Boden lagen Ertüchtigungswaffen, einige aus leichtem Holz, nicht wirklich gefährlich, aber in der Lage, einem Gegner schmerzhafte Schläge zuzufügen. Andere waren aus Binsen und für Anfänger gedacht.

Der Kurs für Kinder war noch nicht zu Ende. Lara, Wang und andere Jugendliche begannen konzentriert mit Aufwärmübungen und schauten sich dabei ein wenig um. Die Kinder, die vier oder fünf Trockenzeiten alt waren, durften noch keine Waffen benutzen, nicht einmal aus Binsen; sie begnügten sich mit Übungen, die ihren Körper kräftigten. Soeben beendeten sie eine Reihe von Bauchübungen, die besonders lange gedauert hatten und anstrengend gewesen waren, wie man an den roten Gesichtern der Kinder erkennen konnte.

Doran Huang, die alte Shiro, die diese strengen Kurse an der kleinen Akademie des Clans leitete, ging mit ihren Assistenten, einer Asix und zwei Shiro, die zu den Besten des Fortgeschrittenenkurses zählten, durch die Reihen der Schüler. Lara stellte mit Schrecken fest, dass es sich bei einem der Assistenten um Cort handelte. Eine unangenehme Person. Cort war ... Lara suchte nach den richtigen Worten, die ihr schließlich einfielen: Cort war unnötig grausam. Es mochte normal sein, den Kurs mit ein paar blauen Flecken und Kratzern zu verlassen, aber Cort liebte es, Schläge auszuteilen, die richtig wehtaten, insbesondere, wenn sein Gegner schwächer war als er. Und es war kaum möglich, sich über ihn zu beschweren, denn er hielt sich strikt an die Regeln, auch wenn er deren Geist nicht achtete.

»Nicht müde werden!« Die Reitpeitsche von Doran Huang streifte leicht die Beine eines Jungen. »Wegen deines Fehlers werden alle noch einmal eine Zwanziger-Serie machen. Los!«

Sie begann zu zählen.

»Aber seine Beine sind vorher schon eingeknickt!«, protestierte einer der Bestraften.

»Noch einmal zehn für alle, weil du gesprochen hast, ohne dass dich jemand gefragt hat. Und noch mal zwanzig, weil du gepetzt hast. Deine Kameraden werden es dir nach dem Kurs bestimmt danken.«

Die Mehrzahl der Schüler waren Shiro. Für sie waren die Kurse Pflicht, aber es tummelten sich dort auch viele kleine Asix. Lara fragte sich, was die Asix dazu trieb, in ihrer knapp bemessenen Freizeit, die Schule und Fronarbeit für den Clan ihnen ließ, ausgerechnet an diesen harten Kursen teilzunehmen.

Als Nächstes mussten die Kinder in Kampfstellung verharren. Die Assistenten gingen durch ihre Reihen. Manchmal stupsten sie eines der Kinder an. Wer dabei das Gleichgewicht verlor, wurde gerügt. Wer umfiel, bekam einen Hieb und durfte nicht weinen. Er musste sofort wieder aufstehen, sich mit einem »Ay« entschuldigen und auf den nächsten Schubs warten. Lara hasste diese Übungen, denn schon nach wenigen Minuten brannten die Muskeln an Beinen und Oberschenkeln. Und sie schaffte es nie, stehen zu bleiben, wenn man ihr einen Stoß versetzte. Trotzdem wurde sie nicht oft bestraft, denn sie gab ihr Bestes und bemühte sich nach Kräften. Dennoch würde sie niemals eine gute Kämpferin sein.

Unter den Kindern war auch Akio, der Bruder von Kio. Er war an einer Narbe am Schulterblatt zu erkennen. Es wäre besser für ihn gewesen, seine Mutter hätte ihn ebenfalls mit nach Hause genommen, denn er war launenhaft. Wenn er sich nicht änderte, würde er bald Ärger bekommen, denn in ein paar Monaten musste er in die Schule. Um das heftige Brennen in seinen Muskeln zu lindern, hatte er die Beine fast vollständig gestreckt, ohne zu bemerken, dass Daïni, die Asix-Assistentin, hinter ihm stand. Sie trat einen Schritt auf ihn zu, legte die Hand zwischen seine Schultern und schubste ihn. Akio machte zwei kleine Sprünge nach vorn, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, stieß dabei jedoch mit einem anderen Schüler zusammen und fiel hin.

»So hast du das aber nicht gelernt«, sagte die Asix. »Wenn du glaubst, du könntest es dir hier bequem machen, ohne dass jemand es sieht ...«

»Habe ich doch gar nicht!«, rief Akio wütend.

Im Raum wurde es still. Doran Huang drehte sich langsam um.

»Was hast du gesagt?«

»Nichts«, antwortete der Bengel kleinlaut.

Ein Schlag traf ihn im Rücken.

»Das ist dafür, dass du gelogen hast.«

Sie verpasste ihm einen zweiten, kräftigeren Schlag.

»Und das ist dafür, weil dir jeglicher Respekt gegenüber denen fehlt, die dir etwas beibringen wollen. Entschuldige dich bei Daïni.«

»Aber sie ist nur eine Asix.«

Die Ausbilderin warf dem Jungen einen frostigen Blick zu, der bereits zwei Generationen kleiner Huangs Angst gemacht hatte.

»Verlass sofort die Klasse und warte in meinem Büro auf mich«, befahl Doran Huang.

Während Akio zum Umkleideraum ging, fügte sie hinzu, wobei sie die Reitpeitsche schwang: »Und spar dir die Mühe, deine Tunika anzuziehen.«

Akio verneigte sich stumm und änderte widerwillig die Richtung.

»Hast du nichts vergessen?«

»Ich entschuldige mich.«

»Bei wem?«

»Bei dir und Daïni.«

»Daïni Adaï

»Daïni Adaï. Bitte entschuldige.«

Gesenkten Hauptes ging Akio zum Büro, wohl wissend, welche Art der Spezialbehandlung ihn dort erwartete. Lara hatte Mitleid mit ihm. Gewiss, er hatte es verdient, und jeden konnte es eines Tages treffen, aber er war noch so klein. Und es lag auch an Dol, dass Akio so war: Sie verwöhnte ihn zu sehr.

Laras Blick folgte Akio. Auch Cort schaute ihm hinterher. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und für einen winzigen Augenblick nahm sein Gesicht einen Ausdruck der Lüsternheit an, um sofort wieder von der emotionslosen Maske eines Shiro verdrängt zu werden. Dann ging er durch die Reihen der Kinder und verpasste dem einen oder anderen einen Schlag zwischen die Schultern, wobei die Schläge einen Tick kräftiger ausfielen, als nötig gewesen wäre.

Nicht nur Lara hatte sein Verhalten beobachtet, auch die Blicke von Doran Huang ruhten fest auf ihm. Ihre Augen waren kalt wie die eines Reptils. Auch wenn sie äußerlich ungerührt blieb, war Lara sicher, in ihrem Blick eine Drohung zu erkennen.

Ein paar Minuten später rief sie: »Bauchtraining und Armbeugen, bis ich wiederkomme. Daïni, du passt auf.«

Dann ging sie zu ihrem Büro. Lara spitzte die Ohren, hörte aber keinen Lärm aus dem kleinen Raum. Akio hatte offenbar beschlossen, die Strafe ohne Flennen über sich ergehen zu lassen.

Als Doran Huang zurückkam, war ihr anzusehen, dass sie schlecht gelaunt war. Die Stunde heute würde schwer werden, denn Doran ließ bestimmt nichts mehr durchgehen.

Die Schüler mussten nun einen zweiminütigen Kampf mit bloßen Händen führen – wieder eine Übung, in der Lara nicht besonders glänzte. Zweimal landete sie auf dem Boden und kassierte einen Schlag auf den Solarplexus, eine schmerzhafte Schlappe. Sie hasste jede Minute dieses Drills und begriff nicht, warum manche Schüler geradezu süchtig danach waren.

Es folgte der Kampf mit den großen Säbeln, die man mit beiden Händen halten und in weiten Kreisbewegungen führen musste: parieren, Attacke, wieder parieren ...

Bald war Lara schweißgebadet. Die Schüler erhielten die Order, die Gegner zu wechseln, verbeugten sich vor denen, mit denen sie gerade gekämpft hatten, um sich dann vor ihren neuen Gegnern zu verneigen. Lara steckte sogleich einen Schlag in den Bauch ein, der sie zweigeteilt hätte, wäre eine richtige Klinge benutzt worden. Aber auch so durchraste sie ein stechender Schmerz. Sie schaute nicht nach unten, wusste aber, dass die Wunde schlimm sein musste, denn der Schweiß brannte wie der Saft des Kormarou, eine giftige Pflanze, deren Saat manchmal vom Wind auf die Hochebene getragen wurde und dort keimte.

Der Schmerzen wegen wurde Lara langsamer und hatte sofort wieder Pech: Unvorsichtig hatte sie ihren Schutz geöffnet und kassierte erneut einen Stoß, diesmal noch heftiger.

»So nicht, Mädchen«, sagte Doran ungeduldig. »Stell dich da hin.«

Lara befolgte die Anweisung.

»Mach die gleiche Attacke noch einmal«, befahl Doran.

Lara gehorchte. Die Ausbilderin wich ihrer Waffe mit einer kaum wahrnehmbaren Drehung aus dem Handgelenk aus. Dann prasselten auch schon die drei von einer Schnur zusammengehaltenen Binsen auf Laras Bauch.

»Hast du gesehen? Noch einmal!«, befahl Doran.

Wieder parierte sie den Angriff, und die Reitpeitsche grub eine zweite Furche in Laras nackte Haut.

Nach dem Unterricht, unter der Dusche, stellte Lara fest, ohne wirklich überrascht zu sein, dass sich auf ihrem Oberkörper zwei parallele Striemen befanden, die von Dorans Reitpeitsche herrührten. Sie waren identisch mit denen, die ihren Bauch zierten und von Cort stammten.

Cort sah Laras Wunden und sagte herablassend: »Du bist eine Null. Das kommt davon, dass du dein Leben mit den Asix verbringst. Und dieser Akio ist ein noch größerer Versager – fast so schlimm wie Daïni.«

»Sei bloß vorsichtig!« Daïnis Stimme war heiser und tief. Sie bewegte die Schultern, um ihre imponierende Muskulatur zur Schau zu stellen. Trotz ihres jungen Alters besaß sie bereits die Größe einer Erwachsenen, und alle wussten, dass sie die wohl gefährlichste Kämpferin der kleinen Akademie des Clans war.

»Akio weiß nicht, was er redet«, sagte Lara. »Er wohnt bei der gleichen Pflegemutter wie ich. Ich möchte mich in seinem Namen entschuldigen. Sein Verhalten hat uns alle in Misskredit gebracht. Heute Abend werde ich mit ihm reden.«

Doch dazu hatte sie keine Gelegenheit mehr, denn Akio schlief bereits, als sie nach Hause kam. Und am nächsten Tag erschien nach dem Unterricht sein biologischer Vater, um ihn abzuholen und ihn einem Tutor aus seinem Clan anzuvertrauen.

»Was ist mit uns? Bleiben wir hier?«, wollte Wang wissen. Die anderen verließen nach drei oder vier Trockenzeiten das Haus.

»Ja, auf Anordnung der Saz«, antwortete Dol.

»Der Saz Adaï, der Mutter des Clans?«

»Nein, von eurer Mutter Haridar, der biologischen Saz.«

»Aber wieso?«

Dol zuckte mit den Schultern. Haridar war die mächtigste Person des Planeten, und wer war sie, über deren Anordnungen zu diskutieren?

*

Es waren schon zehn Tage seit Tarrs Abreise vergangen, und die Trockenzeit stand unmittelbar bevor. Alle waren unermüdlich damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Die Ernte musste eingebracht werden, bevor die Orkane den Wechsel der Jahreszeit einläuteten. Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang folgten Erwachsene und Kinder gleichermaßen den Anweisungen des Chef-Landwirts: Sie schnitten ab und pflückten, sammelten ein und transportierten alles zu den Lagern und in die Küchen, um sicherzustellen, dass sie die nächsten Monate überleben würden. Bald würde die Sonne die Wolken vertreiben, um ihre tödlichen weißen Strahlen auf die Hochebene zu schleudern.

Der Arbeitsrhythmus wurde jeden Tag hektischer und fieberhafter: Es gab keinen Schulunterricht mehr, die Übungen in der Akademie fielen aus und sämtliche Ausbesserungsarbeiten, die nicht dringend waren, wurden auf später verschoben.

Schon früh in der Morgendämmerung riefen Gongs und Hörner sämtliche Ta-Shimoda auf die Felder und zu den Obstplantagen. Landarbeiter und Ingenieure, Mediziner und Viehtreiber, Künstler, Fechter, Lehrer – niemand durfte sich dem Ruf entziehen.

Zum ersten Mal kamen Lara und Wang in eine Gruppe Jugendlicher. In den Jahren zuvor hatten sie – so empfanden sie es jedenfalls – als Küchengehilfen schwer schuften müssen: schälen, waschen, abtrocknen und Obst oder Gemüse einmachen. Doch wenn sie nun daran zurückdachten, hatten sie beinahe das Gefühl, damals in den Sommerferien gewesen zu sein. Am ersten Tag arbeiteten sie mit einer langen, schweren Sense in einem Getreidefeld, bis sie das Gefühl hatten, ihre Schultern nicht mehr bewegen zu können. Andere junge Leute sammelten die Getreidegarben ein, bevor diese mit Schmutz in Berührung kamen. Ihnen folgte eine Asix-Gruppe, die eines der seltenen Pferde am Zügel führte. Das Pferd zog einen Karren, auf den andere junge Leute die Garben luden, damit sie vor den Stürmen in Sicherheit gebracht werden konnten. Waren die Stürme vorbei, wurden die Garben aus den Lagern zum Trocknen ins Freie gebracht. Später dann wurde das Korn in die Silos transportiert.

»Ich habe gelesen, dass vor dem Exodus Maschinen für die Ernte eingesetzt wurden«, sagte ein Klassenkamerad Laras und hob erschöpft seine Sense.

»Was denn für Maschinen?«, erkundigte sich erstaunt ein anderer.

»Und wozu haben sie gedient?«, fragte wieder ein anderer. »Es scheint mir sehr viel mühsamer, eine Maschine zu bewegen als zu mähen.«

Sie plauderten noch ein wenig; dann verebbte das Gespräch. Die Arbeit ging den ganzen Tag über, abgesehen von zwei kurzen Essenspausen. Das Essen brachten diejenigen auf die Felder, die zu jung oder zu alt für die harte körperliche Arbeit waren. Die Shiro, Heranwachsende und Kinder gleichermaßen, schauten neidvoll auf die Asix, die kräftig und untersetzt waren, gut gewachsen und mit kurzen, gebogenen Beinen. Zwar waren sie alle Teil ein und derselben Gruppe, aber die Asix hängten die anderen rasch ab, was die Arbeitsleistung betraf, und zeigten keine Ermüdungserscheinungen.

Eine Zeitlang schaute Lara jedes Mal, wenn sie den Kopf hob, auf die nackten Rücken zweier Asix-Klassenkameradinnen, deren weiße Haut unempfänglich war für Bräune, weil sie von einem feinen dunklen Fell bedeckt war. Die Asix-Jungen hingegen musterten mehr oder weniger verstohlen die Brüste der Mädchen, die zwar noch klein, aber bereits sichtbar waren.

Im Gegensatz zu ihren Shiro-Artgenossen durften die jugendlichen Asix dieses Jahr am Fest der drei Monde teilnehmen. In wenigen Tagen schon würde Lara sie um ihre Frühreife beneiden. Im Augenblick aber dachte sie an das, was die Jestak-Ärztin ihr gesagt hatte: Die Asix lebten nicht so lange wie die Shiro; deshalb begann ihr Erwachsenendasein früher.

Als das Mittagessen gebracht wurde, ließen alle sich völlig ausgebrannt dort zu Boden fallen, wo sie gerade standen. Aus großen Tonkrügen tranken sie gierig frisches Wasser und aßen so viel Gemüsetarte, als hätten sie tagelang nichts in den Magen bekommen.

»Nimm von dem hier, das ist gut.«

Song Valdez reichte Lara freundlich lächelnd ein Stück Tarte. Er arbeitete mit ihr zusammen, denn er unterstand einem Tutor aus dem Huang-Clan. Lara blickte ihn überrascht an, denn es war nicht üblich, dass jemand wie er so zuvorkommend war. Sie streckte die Hand aus, nahm die Portion und bedankte sich.

Benlec, ein hübscher Junge in Songs Alter, der durch seinen athletischen Körper und weiße, regelmäßige Zähne auf sich aufmerksam machte, lachte und sagte:

»Song ist hässlich und noch dazu unsympathisch. Er hat Angst, dass ihn kein Mädchen zum Fest der drei Monde einladen wird. Deshalb peilt er die Lage.«

»Na ja, mir kann es egal sein«, sagte Lara. »In diesem Jahr bin ich noch zu jung für das Fest.«

»Song arbeitet schon für das nächste Jahr vor. In diesem Jahr hat er ohnehin keine Chancen.«

Song lief rot an und zischte:

»Sei still, du genetischer Irrtum!«

»Ha! Und bei dir hat jemand sich geirrt, als er ›Shiro‹ ins Register geschrieben hat.«

Die Jungen gingen aufeinander los, doch ehe es zum handfesten Streit kommen konnte, stellten die anderen sich zwischen die beiden.

»Beruhigt euch!«, rief jemand. »Die Trockenzeit beginnt. In ein paar Tagen habt ihr alle Zeit der Welt, euch zu prügeln. Trefft euch im Fechtsaal, wie alle anderen zivilisierten Menschen.«

»Also gut. Wir treffen uns im Fechtsaal in der ersten Nacht nach Eröffnung der Akademie«, erklärte Song.

»Das wird eher die zweite Nacht«, warf Wang ein. »Es sind mindestens schon acht Duelle vorgemerkt. Auch ich bin bereits eingetragen, und Dainï ebenfalls.«

»Du hast Dainï herausgefordert? Ich dachte, ihr wärt dicke Freunde. Wann immer möglich, trainiert ihr zusammen.«

»Ich duelliere mich nicht mit Dainï«, sagte Wang. »Wir treten beide gegen Cort an. Dainï ist für zwei Kämpfe eingetragen, Lara und ich für jeweils einen.«

»Was hast du dir dabei gedacht, Lara?«, fragte Song besorgt. »Cort wird dich in Stücke hauen. Er ist nicht nur stärker und besser als du, er ist auch brutal und kann seine Schläge nicht kontrollieren.«

»Ich weiß. Aber er hat mich beleidigt, und Wang und Dainï ebenfalls. Außerdem muss man manchmal auch dann kämpfen, wenn man keine Chance hat. Das wird eine üble Viertelstunde, aber ich kann mich dem nicht entziehen.«

»Er hat dich beschimpft?«

Wang erzählte die Geschichte aus dem Umkleideraum.

»Cort in seiner ganzen Herrlichkeit!«, rief Benlec. »Er hat es also geschafft, dass sich alle Anwesenden mit ihm duellieren. Ich glaube, ich werde mich ebenfalls eintragen.«

»Was hast du mit Lara zu tun?«

»Oh! Kein Grund, eifersüchtig zu sein, Song. Dass ein Shiro einen Asix beleidigt, bringt uns alle in Misskredit. Wir sind verantwortlich für die Asix. Das bedeutet, wir müssen auch ihre Verteidigung übernehmen.«

Wütend biss Song die Zähne zusammen. Man hatte ihn der Eifersucht bezichtigt und ihn mit einer Hündin und ihren Welpen verglichen, aber er wagte nichts zu entgegnen. Er hatte schon Benlec beleidigt, der ihm in jedem Kampfstil überlegen war, und er war sicher, schon bei der ersten Auseinandersetzung eine schlimme Tracht Prügel zu beziehen, sodass er einen zweiten Kampf gar nicht mehr schaffte.

»Mach dir keinen Kopf«, warf Wang ein. »Dainï braucht niemanden, der sie verteidigt. Sie kann Cort schlagen, selbst wenn sie eine Hand hinter dem Rücken hält.«

»Ich weiß. Allerdings wird sie aufpassen, dass ihm nichts geschieht. Ich aber nicht. Cort braucht eine Lektion. Das wird ihm hilfreich sein. Die meisten in unserer Klasse legen dieses Jahr die Volljährigkeitsprüfungen ab. Glaubt ihr vielleicht, dass jemand darunter ist, der Cort in seiner Gruppe haben möchte, ganz gleich, wie gut er mit dem Messer umgehen kann?«

»Habt ihr schon Gruppen gebildet?«

»Noch nicht viele. Es gibt nur ein paar Absprachen. Alle warten darauf, die Schüler aus den anderen Akademien bei den Kampfturnieren und dem Champions-Fechten zu sehen und einschätzen zu können.«

Die Kinder, die die Aufgabe hatten, die schmutzigen Servietten zusammenzusuchen, kamen herbei. Dies läutete das Ende der Pause ein.

Stöhnend erhoben sich alle und nahmen ihre Sense, die ihnen jetzt noch schwerer erschien, wieder in die Hände. Die Asix hatten bereits die dritte Reihe fertig, während die Mehrheit der Shiro sie gerade erst mühsam in Angriff nahm.

Als Lara aufschaute, sah sie die Asix auf die Felder marschieren. Ihre breiten Schultern glänzten vom Schweiß, und ihre Arme bewegten sich schwungvoll. Ihr selbst schien es, als wöge jeder Arm eine Tonne, und jeder Schritt tat ihr weh.

Es wurde bereits dunkel, als man das Abendbrot verteilte. Sie aßen still, denn sie waren zu müde, um zu reden. Dann erhoben sie sich erneut, um die Arbeit wieder aufzunehmen.

Unter den Asix hatten bereits viele die Reihen bewältigt, die ihnen zugewiesen worden waren, während die jungen Shiro sich immernoch abmühten, manche sogar noch mit der vorletzten Reihe.

Lara arbeitete sich wie in Trance voran und bewegte die Arme ganz von selbst. Sie war so erschöpft wie noch nie im Leben. Da vernahm sie plötzlich die Stimme einer Asix, rau und tief, die sich erkundigte:

»Möchtest du, dass ich dir helfe?«

Lara schaute hoch und blickte in die Augen einer Klassenkameradin.

»Danke«, sagte sie, »aber es geht schon. Du hast deinen Teil fertig. Du musst dich nicht verpflichtet fühlen, jetzt meinen Teil mitzumachen, nur weil ich so langsam bin.«

»Ich mache das gern. Ich fange deine Reihe am anderen Ende an, und wir treffen uns in der Mitte.«

Bevor Lara protestieren konnte, war die andere schon losgestapft und von der Nacht verschluckt worden.

Lara arbeitete weiter im schwachen Lichtschein der Strohfeuer, die hier und da leuchteten, damit die Nachzügler ihre Arbeit beenden konnten. Die Tatsache, dass nun jemand am anderen Ende der Reihe arbeitete, gab ihr neue Kraft, und so war sie mit Elan bei der Sache, bis schließlich aus der Dunkelheit ihre Klassenkameradin vor ihr auftauchte und das letzte Kornbüschel mit einem Freudenschrei schnitt.

»Fertig!«

»Ein großes Dankeschön! Aber das war nicht nötig.«

»Du hast ja auch zwei deiner freien Abende geopfert, um mir zu erklären, was ich in Chemie nicht verstanden habe. Ich habe das Examen bestanden!«

Sie gingen zu den Bädern. Im großen Becken des Bauernhofs plantschten bereits fast alle Asix und eine kleine Shiro-Gruppe, darunter Wang und Benlec.

»Ihr zwei seid ja schnell fertig geworden!«, rief Lara ihnen zu.

»Ich war noch mitten auf dem Feld, als ein Traumwesen in Gestalt dieses bezaubernden Mädchens mir zu Hilfe eilte.« Benlec lächelte einer nicht besonders hübschen Asix zu, die klein und untersetzt war, und sie erwiderte sein Lächeln. »Und ich weiß nicht mal, wer sie ist. Wie heißt du?«

»Yocoo Huang. Sag mal, stimmt es, dass du dich mit einem Nichts schlagen willst, weil der unsere Rasse beschimpft hat?«

»Mich mit diesem genetischen Irrtum zu duellieren, wird mir ein großes Vergnügen sein«, antwortete Benlec. »Dagegen war das Mähen die schlimmste Fronarbeit. Ich bin in deiner Schuld, Yocoo.«

»Wirklich? Und glaubst du, diese Schuld am Fest der drei Monde begleichen zu können?«

»Ich weiß nicht«, lautete die zögerliche Antwort Benlecs. »Das würde dein Guthaben zusätzlich erhöhen. Aber in Ordnung – ich nehme dich beim Wort. Wir treffen uns beim Fest. Ich warte ungeduldig auf den Moment, in dem meine Schulden mir bis zum Hals reichen.«

Yocoo ging hochzufrieden davon, ein breites Lächeln auf den Lippen.

Die Ankunft dreier erwachsener Shiro setzte dem Treiben und dem Geplauder abrupt ein Ende. Der Chef-Landwirt und zwei seiner Gehilfen waren ebenso wie die jungen Leute mit Staub bedeckt und wirkten todmüde. Sie warfen ihre Kleidung in die Ecke, gingen unter die Duschen und stiegen anschließend ins Becken, wobei sie die anderen mit einem höflichen Murmeln begrüßten. Die Jungen schwiegen respektvoll, während die drei Männer über das bereits Geschaffte diskutierten und dann über die Arbeit sprachen, die noch bevorstand.

»Wir brauchen mindestens noch eine Woche, bis wir fertig sind.«

»Machen wir uns keine Illusionen, so viel Zeit haben wir nicht. Aber das ist kein Grund zur Sorge. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Immer gibt es immer irgendetwas, das nicht rechtzeitig reif wird und verloren ist. Aber wir haben Vorräte für fünf Monate, und die Trockenzeit hat noch nie länger als vier Monate gedauert.«

»Wir müssen uns jetzt den drei Getreidefeldern, den Obstplantagen im Westen und den Obstgärten jenseits der Ziegenherden zuwenden. Die machen mir am meisten Sorgen, denn wir brauchen allein schon fast zwei Stunden, um dorthin zu kommen. Für wann sind sie geplant?«

»Ich habe es nicht im Kopf. Da muss ich im Haus nachsehen.«

»Wenn ich unterbrechen dürfte ...«

Die Männer drehten sich zu Wang um. Ihre Mienen ließen erkennen, dass es einen guten Grund für seine Einmischung gab.

»Geplant ist, dass wir morgen dorthin gehen«, sagte Wang.

»Ihr? So wenige?«

»Ich bitte um Entschuldigung, Shiro Adaï, aber es sind nicht mehr alle hier. Einige Asix sind bereits gegangen, und ein Dutzend Shiro ist noch bei der Arbeit.«

»Und wie kann es angehen, dass du schon fertig bist? Du siehst nicht gerade wie ein Muskelprotz aus.«

»Ich hatte Hilfe.« Wang wies auf Dainï, die bis zu den Schultern im Wasser steckte.

Einer der Shiro runzelte die Stirn. »Habt ihr etwa die Asix dazu gedrängt, einen Teil eurer Arbeit zu übernehmen?«

»Nein, wir selbst haben es ihnen vorgeschlagen – nur denen, die unsere Freunde sind«, sagte Dainï. Ihr Stimme war höflich, aber fest. »Keiner von ihnen hat uns darum gebeten, das versichere ich euch.«

Lara fiel auf, dass die Asix, die in Anwesenheit von Shiro stets den größtmöglichen Respekt bekundeten, überhaupt keine Angst zeigten. Im Übrigen schien es vollkommen unpassend, sich vorzustellen, dass ein Shiro über einen heranwachsenden Asix eine jener Strafen verhängte, die junge Shiro oft einstecken mussten.

Wie auch immer, die Anwesenheit der Landwirte hatte dem Badespaß ein Ende gesetzt. Einer nach dem anderen stieg aus dem Becken und trocknete sich ab. Einige kehrten im Dunkeln nach Gaia zurück, andere entschlossen sich, die Nacht auf dem Bauernhof zu verbringen.

»Du hast dich Yocoo gegenüber sehr diplomatisch verhalten«, sagte der einzige Asix in der Gruppe zu Benlec.

»Diplomatisch?«

»Weil du ihr gesagt hast, dass du gern mit ihr zum Fest gehst. Man kann nicht gerade sagen, dass Yocoo eine Schönheit ist!«

Benlec blieb verdutzt mitten auf der Straße stehen.

»Aber ich habe die Wahrheit gesagt! Mir haben die Asix-Mädchen schon immer gefallen. Sie sind so ruhig und freundlich, auch wenn die meisten kräftiger sind als wir. Außerdem liebe ich den Geruch ihrer Haut.«

Die anderen Shiro stimmten zu. Sie alle waren von einer Asix-Pflegemutter aufgezogen worden und verbanden den würzigen Duft der Haut mit dem Gefühl von Zärtlichkeit und Zuneigung.

»Die Asix sind aber auch sehr schön«, bemerkte Lara.

»Aber ihr, die Shiro, seid schöner«, meldete sich ein junger Mann zu Wort und schaute sie mit seinen runden Augen an.

Lara musterte ihren Gesprächspartner, der derb und kräftig war, mit kurzen Beinen und Muskelpaketen, und verglich ihn mit den schlanken, langenbeinigen Jugendlichen ihrer Rasse. Doch sie hatte keine Lust mehr zu widersprechen. Offensichtlich wollte der Junge, ein netter Asix, nur besonders freundlich sein, aber es war nur allzu leicht zu durchschauen.

Auch andere müde Arbeiterteams gingen nach Gaia. Es war bereits tiefe Nacht, als sie zu Hause ankamen. Alle fielen auf ihre Matten, ohne zuvor das Laken daraufzulegen. Sie alle wussten, dass vor dem Morgengrauen der Gong sie wecken würde und ihnen ein neuer, ebenso anstrengender Tag bevorstand. Der Westwind, der im Augenblick noch in Böen wehte, bevor er sich in einen Orkan verwandeln würde, machte Mensch und Tier unruhig. Trotz der Müdigkeit schliefen alle schlecht, wachten zwischendurch auf und horchten mit einem Ohr, ob das Rascheln der Zweige sich bereits in einen Schrei verwandelt hatte – das Zeichen, sich zu beeilen, schnellstens das Federvieh einzusammeln und in die Keller zu bringen, denn der Wind konnte alles fortreißen, bis auf die nackten Mauern der Häuser.

2

Außenwelt

Nach vier Stunden im OP war Suvaïdar verspannt und versuchte, ihre Schultern zu lockern. Sie fragte sich, wie die Chirurgen damals in den dunklen Jahrhunderten, als sie sämtliche Eingriffe noch mit der Hand vornehmen mussten, ihre Aufgabe bewältigt hatten. Sie verweilte einen Moment, um das Panorama in Augenschein zu nehmen, das sie durch ihr Bürofenster sehen konnte. Ein Anblick, an den sie sich in den vergangenen acht Jahren nicht so recht gewöhnen konnte: Die Sonne ging unter – eine freundliche und wohlwollende Sonne, keine Mörderin wie die auf ihrem Heimatplaneten – und tauchte mit ihrem Schein die Scheiben der Wohntürme und Wolkenkratzer in gutrotes Licht. Die Hochhäuser erstreckten sich, so weit das Auge reichte, unterbrochen von oberirdischen Gleisbögen. In den weitläufigen und belebten Straßen des Zentrums funkelten die Leuchtschilder von Bars, Restaurants und Geschäften. Sie boten Zerstreuung, Inspiration und Einkaufsmöglichkeiten, aber auch Sünden und Laster jeder Art. Auch wenn es sich bei Wahie um einen externen Planeten handelte, weit entfernt von Neudachren, wo sich der Stammsitz der Zentralregierung befand, war er doch – im Vergleich zu Suvaïdars Heimatplaneten – nicht weniger beeindruckend.

Die Ärztin betrat die Umkleideräume, ohne einen Blick für das elegante Mobiliar und die Wanddekorationen zu haben: Die bunten Luftblasen aus Kunststoff, die sich aufblähten und dann wieder Luft abließen, hatte sie von ihrem Vorgänger geerbt. Sie zog ihre Gummisohlen-Sandalen aus, um ein Paar mit Sohlen aus Seran überzustreifen – ein künstliches, leichtes, glänzendes Material –, gestützt von zwanzig Zentimeter hohen Platten. Für Suvaïdar waren diese Schuhe immer noch das reinste Folterinstrument, doch die Frauen auf diesem Planeten trugen sie auf ganz natürliche Weise und bewegten sich damit grazile und anmutig.

Suvaïdar zog ihre Bluse aus. Während sie sich mit dem Oberteil ihres Kleides beschäftigte, dessen Verschlusssystem ein wahres Geduldsspiel für sie war, hörte sie es an der Tür klopfen.

Auf ihr »Herein« vernahm sie eine Männerstimme, die in der singenden Betonung der Hochsprache fragte:

»Suvaïdar Huang to Narufeni?«

Sie stürzte aus der Umkleide, ohne zuvor mit allen Knöpfen, statisch geladenen Riemen und anderen bizarren Erfindungen fertig geworden zu sein. Da war jemand an der Tür, der sie mit ihrem vollständigen Namen angesprochen hatte, den keiner auf Wahie kannte! Als sie vor acht Jahren hierhergekommen war, fest entschlossen, sich von der Vergangenheit zu lösen und Ta-Shima und dessen strenge Regeln hinter sich zu lassen, war sie zum ersten Mal im Leben von lauter Fremden umgeben gewesen. Damals hatte sie aus einem Reflex heraus nur den Namen ihres Clans angegeben, Huang to Narufeni, Muttername und Vatername, nicht aber ihren persönlichen Erwachsenennamen – Suvaïdar –, den man ihr in einer Zeremonie zur Feier ihrer Mündigkeit zugesprochen hatte, und schon gar nicht ihren Kindernamen – Lara –, mit dem ihre Asix-Pflegemutter sie damals anzusprechen pflegte. Später schien es ihr nicht mehr nötig, das Ganze zu korrigieren, und die Kollegen, mit denen sie befreundet war, nannten sie einfach nur Huang oder To, was in ihrer Sprache so viel wie »und« bedeutete.

Auf der Schwelle standen ein Mann und eine Frau, deren hohe Statur, der amberfarbene Teint, die glatten, schulterlangen Haare und die Samthände sie eindeutig als Shiro identifizierten. Einen Schritt hinter ihnen wartete ein junger Mann, der ihnen nur bis zur Schulter reichte und dessen Nase erkennen ließ, dass es sich um einen Asix handelte. Ein kräftiger Bursche mit heller Haut und lockigem Haar, das seinen runden Kopf umrahmte. Die Shiro trugen die schlichte Kleidung ihres Heimatplaneten: Baumwollhosen, die in Stiefeln aus Daïbanfaser steckten, und eine Tunika ohne Knöpfe, an der Taille mit einem Strickgürtel verschlossen. Sie hatten über den Arm gelegte Kapuzenmäntel dabei, die sie in der Regenzeit vor Nässe schützten, während sie in der Trockenzeit Kopf und Gesicht damit umwickelten, wobei sie ein Stoffband darum wanden. Nur die Augen blieben dann frei – wie bei den Schutzmasken, die man im Fechtsaal trug. Der Asix hatte die Uniform eines Händlers der Astroflotte an, individuell leicht abgewandelt mit Stiefeln aus Daïbanfaser und dem Band des Lebens, das in Schulterhöhe auf seiner Jacke prangte.

Suvaïdar musterte die drei mit fassungslosem Blick. Nie im Leben hätte sie erwartet, noch einmal auf Landsleute zu treffen.

Der Shiro wiederholte: »Suvaïdar Huang to Narufeni?«

Noch immer wie gelähmt bejahte sie, ohne die rechten Worte zu finden.

Die beiden Shiro verbeugten sich und stellten sich vor:

»Oda Huang to Narufeni, dein Bruder von demselben Vater und derselben Mutter.«

»Tichaeris Sarod to Li, Mitglied des Rates.”

Sie warfen dem Asix, der schweigend und mit weit aufgerissenen Augen dastand, einen Blick zu. Man hatte ihm sicher gesagt, dass Suvaïdar eine Shiro-Dame sei, aber nicht, dass sie ein fremdartiges, glitzerndes buntes Kleid tragen und eine seltsame Frisur zur Schau stellen würde.

»Win Sarod«, sagte der Asix hastig und verneigte sich tief.

Auch Suvaïdar verneigte sich. Und obwohl sie erst zögerte, die Höflichkeitsfloskeln der Hochsprache zu verwenden, sagte sie: »Shiro Adaï, Asix – bitte sehr.« Sie endete mit dem Willkommensgruß von Wahie: »Tretet ein!« Dann kam eine Frage nach der anderen über ihre Lippen: »Kommt ihr von Ta-Shima, oder seid ihr an der Universität von Wahie eingeschrieben? Wann seid ihr angekommen? Und woher habt ihr gewusst, wo ihr mich findet? Gibt es etwas Neues?«

Während sie sprach, musterte sie den jungen Shiro. Sie wusste sehr genau, dass sie einen Zwillingsbruder hatte – Zwillingsgeburten waren auf Ta-Shima äußerst selten –, aber sie hatte ihn nur drei- oder viermal vor ihrer Abreise gesehen, und da war er noch ein kleiner Junge gewesen. Jetzt stand da ein junger Erwachsener vor ihr, der ihr zweifelsfrei ähnlich sah.

Sie traten ein. Die Shiro schauten sich mit einer argwöhnischen Vorsicht um, die sie immer an den Tag legten, wenn sie mit etwas Neuem konfrontiert wurden. Der Asix hingegen beobachtete neugierig die bunten Wände des Zimmers. Mit einem Finger tippte er eine der Luftblasen an, die sich sofort aufblähte. Hastig zog er die Hand zurück und fragte:

»Was ist das denn?«

»Eine typische Dekoration auf Wahie.«

»Und wozu soll das gut sein?«

»Überflüssiges Zeug«, erklärte der Shiro belustigt und herablassend zugleich. Dieser abwertende Begriff wurde von den Ta-Shimoda für alles verwendet, was unnütz und deshalb standeswidrig war, egal ob es sich um Schmuck, Haarfärbemittel der Bewohner anderer Welten oder sublime Dinge wie Kunstgegenstände handelte.

»Stelle keine so dummen Fragen, Win«, brummte Tichaeris ungeduldig; dann wandte sie sich Suvaïdar zu: »Shiro Adaï, ich habe eine Nachricht für dich. Der Rat bittet dich, schnellstmöglich zurückzukommen.«

»Zurück nach Ta-Shima? Was für ein Gedanke! Ich bin vor langer Zeit weggegangen, und es war ein endgültiger Abschied. Mittlerweile bin ich Bürgerin von Wahie und nicht mehr verpflichtet, den Befehlen des Rates Folge zu leisten. Ich habe mir hier ein neues Leben aufgebaut und habe nicht die geringste Absicht, mir nichts, dir nichts aufzubrechen, um einen Befehl zu befolgen, der mich ohne jede Erklärung erreicht. Sie haben beschlossen, mich zu bestrafen, weil ich ohne Erlaubnis weggegangen bin, nehme ich an. Ist es nicht so? Und jetzt warten sie zweifellos darauf, dass ich zurückkomme, um meine Strafe in Empfang zu nehmen. Stimmt’s? Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, euch zu dritt auf diese Reise zu machen, nur um mir diese absurde Nachricht zu überbringen.«

»Shiro Adaï ...«, begann ihr Bruder Oda.

»Nenn mich nicht so!«, erwiderte sie ungeduldig.

Oda verbesserte sich, indem er ihr den Namen der älteren Schwester gab; allerdings verwendete er statt des vertrauten »Ohey« oder des höflicheren »Ohey Adaï« die respektvolle Kontraktion »O-Hedaï«.

»Haridar Sadaï ist tot, O-Hedaï. Der Rat hat uns geschickt, dich zu fragen, ob du zurückkommst – dich zu fragen, wohlgemerkt. Es ist kein Befehl. Niemand hat von Verdammung oder Strafe gesprochen. Eigentlich hätte Sarod Adaï dir die Nachricht überbringen sollen, aber da das Raumschiff einen Zwischenstopp in Neudachren gemacht hat, ist sie zur Universität gegangen. Wenn sie angekommen ist ...«

Er verstummte, weil es an der Tür klopfte. Sie wurde geöffnet, bevor Suvaïdar die Zeit hatte, »Herein« zu rufen. Ein Mann erschien, jung und hübsch, gut gekleidet nach der neuesten Mode der Hauptstadt: Er trug einen hautengen, bunten Body unter einer Fototex-Jacke, dazu ein metallisch glänzendes, schimmerndes Tuch, das bei jeder Bewegung Schattierungen unterschiedlicher Rottöne bis hin zu Purpur zeigte. Mini-Comp und Kommunikator, die er am Handgelenk trug, waren mit Halbedelsteinen besetzt, und an den Fingern der linken Hand trug er mehrere Ringe. Sein Haar war blond, und sein Gesicht war mit einer dünnen Schicht hellem Make-up geschminkt, ganz im Stil Neudachrens. Mit offenem Blick und einem Lächeln fragte er:

»Suvaïdar, hast du Lust, an einem ruhigen Ort etwas mit mir zu essen? Oh, ich sehe, du hast Besuch.«

»Tag, Revann. Ja, tut mir leid, ich habe zu tun.«

Revann warf einen neugierigen Blick auf die Fremden, von denen einer, ein junger Bursche, ihn mit weit aufgerissenen Augen fixierte; die anderen beiden dagegen blickten sich im Zimmer um und heuchelten auf diese Weise eine scheinbar unerschütterliche Gleichgültigkeit. Doch aus den Augenwinkeln betrachteten sie ihn.

Revann beschloss, wieder zu gehen. Wahrscheinlich würde er nun allen Kollegen erzählen, dass er bei Suvaïdar merkwürdige fremde Besucher gesehen hätte.

Bevor Oda seine Erzählung wieder aufnehmen konnte, gab der Tischkommunikator einen Musikton von sich. Eine künstliche Stimme, tief und guttural wie die der Asix, bekundete:

»Vier Mitteilungen in der Pipeline, Frau Doktor, wovon eine die Priorität A hat.«

Suvaïdar bat um Ruhe, aber der Ton erklang erneut, und auf halber Höhe des Displays erschien ein Hologramm. Es stellte ein fremdes Tier dar, das Tichaeris und Win noch nie zuvor gesehen hatten. Es hatte Ähnlichkeit mit einer Henne. Oda, der bereits einmal in der Fremde gewesen war, vermeinte, einen Raubvogel zu erkennen, denn er hatte bereits einige dieser Tiere in einem virtuellen zoologischen Garten gesehen, doch er konnte sich nicht daran erinnern, dass sie so bunt gewesen waren.

»Ich bin betrübt, darauf zu bestehen ...«, begann das Wesen, wobei es den Schnabel auf- und zumachte, mit seinem für einen Asix unpassenden Tonfall.

Nachdem Suvaïdar einen Blick auf ihre Landsleute geworfen hatte, die dieses Beispiel eines besonderen barocken »überflüssigen Zeugs« emotionslos betrachteten, befahl sie dem Apparat mit halblauter Stimme zu schweigen. Das Tier löste sich sofort in einem bunten Regenbogen auf.

»Hier werden wir niemals ungestört reden können. Gehen wir zu mir.« Sie deutete durch das Fenster auf das Viertel der nordöstlich gelegenen Türme, das von den letzten Strahlen der Sonne erleuchtet wurde. »Dort wohne ich.«

Sie führte ihre Besucher zur Parkterrasse unter der Kuppel, die das medizinische Zentrum überdeckte. Weil Win beim Anblick der Rolltreppe und der rollenden Teppiche große, ängstliche Augen machte, beschloss Suvaïdar, den Aufzug zu nehmen.

»Warum gehen die Menschen nicht zu Fuß?«, fragte Win. »Sind sie alle krank? Gibt es in diesem Krankenhaus denn keine Ärzte?«

»Die Einwohner dieses Planeten gehen nie zu Fuß, wenn sie sich anders fortbewegen können«, erwiderte Suvaïdar, ein wenig überrascht, dass der Asix in Anwesenheit drei erwachsener Shiro nicht damit aufhörte, impertinente und überflüssige Fragen zu stellen.

Sie erreichten das Dach. Nachdem Suvaïdar ihre Kennnummer in die Abfahrt-Tastatur eingegeben hatte, näherte sich ihnen leise gleitend ein blasenförmiges Luftmodul. Als sie alle an Bord waren, erkundigte sie sich, was Haridar denn eigentlich genau passiert sei und welche Neuigkeiten es sonst noch über Ta-Shima zu berichten gäbe. Auf der kurzen Fahrt hatte Tichaeris kaum Zeit, ihr zu erzählen, dass die Sadaï bei einem Unfall ums Leben gekommen sei: Nach der Verlautbarung der Föderationsbotschaft hatte Haridar die Einladung des Botschafters angenommen, mit zwei ihrer Söhne einen Ausflug auf die Inseln der südlichen Meeres zu machen. Dabei hatte das Luftmodul eine Panne und sank. Es gab keinen Überlebenden.

Mittlerweile waren sie auf der Terrasse des Turmes gelandet, in dem Suvaïdar ihre Wohnung hatte. Als Tichaeris von der Sonne angestrahlt wurde, ging sie einen Schritt zurück und legte schützend die Arme vors Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, erkennbar verunsichert, die Selbstbeherrschung verloren zu haben, und murmelte vor sich hin, dass es sonderbar sei, plötzlich der Sonne ausgesetzt zu sein. Dann folgte sie Suvaïdar zum gravitierten Aufzug.

Suvaïdar legte die Handfläche auf das Anzeigefeld, um die Erlaubnis für den Zutritt zu erhalten, ohne Zeit für Erklärungen zu verlieren. Dann packte sie Win fest am Arm und machte einen Schritt in die Leere, wobei sie Win hinter sich herzog. Die anderen folgten.

Der Asix leistete keinen Widerstand, doch als er sich in der Luft hängend wiederfand, verspannte er sich vor Angst und schloss die Augen, beruhigte sich aber wieder, als er feststellte, dass sie nicht fielen, sondern sanft in die Tiefe sanken. Als sie die 45. Etage erreicht hatten, machte Suvaïdar einen Schritt nach vorn, wobei sie Win immer noch am Arm festhielt. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Sie betraten die Wohnung, die man auf Wahie streng und sachlich fand, die auf Suvaïdars Landsleute aber luxuriös und extravagant wirken musste. In der Wohnung gab es ein Bett mit hydrodynamischer Matratze, zwei Sessel, einen Autochef, ein Speisezimmer für sie ganz allein und eine Dusche mit Massagedüsen.

Offensichtlich war die Bekanntmachung zu Haridars Tod eine Fälschung gewesen, verfasst von einem Bürokraten der Föderation, der sich nicht die Mühe gemacht hatte, gründlich auf Ta-Shima zu recherchieren: Es passte nicht zur Sadaï, kostbare Energie für eine so nichtige Sache wie einen Ausflug zu verschwenden. Zudem lebte sie – wie allgemein üblich – nicht mit den Mitgliedern ihres ursprünglichen Clans zusammen. Deshalb war es höchst unwahrscheinlich, dass sie in Begleitung ihrer beiden Söhne gereist war.

Während Suvaïdar noch darüber nachdachte, programmierte sie eines der wenigen vegetarischen Gerichte, die der Autochef zustande brachte. Nachdem sie auf Wahie gelandet war, hatte Suvaïdar alles Mögliche unternommen, um sich in die Gesellschaft zu integrieren. Sie hatte das Verhalten der Einheimnischen anzunehmen versucht und hatte sogar ihrer Stil der Kleidung übernommen. An den Geruch des Fleisches jedoch hatte sie sich nicht gewöhnen können. Schon der erste Happen hatte bei ihr eine derartige Übelkeit hervorgerufen, dass sie es seitdem nicht wieder versucht hatte – obwohl sie wusste, dass es sich nicht wirklich um ein totes Stück Tier, sondern um ein Produkt aus Hefe gehandelt hatte.

Wieder dachte sie über den angeblichen Unfall Haridars nach. Wenn es gar kein Unfall gewesen war, warum war der alte Botschafter Coont dann ausgeschaltet worden? Hatte jemand in der Führungsriege der Regierung ihn für zu kulant gehalten? Vor allem, seitdem die Ultrakonservativen als Teil der Koalition mit an der Macht waren? Aber welche Gefahr hätte von Haridar, der Staatschefin einer armen Welt, deren Gesamteinwohnerzahl niedriger war als die irgendeiner Großstadt innerhalb der Föderation, ausgehen können? Zumal ihre Söhne mit betroffen waren? War es möglich, dass die Fremden zwanzig Jahre nach dem ersten Kontakt immer noch nicht wussten, dass Ta-Shima keine ihrer anachronistischen Erbmonarchien war, die sich auf einigen rückständigen Planeten gehalten hatten? Selbst wenn die Bewohner von Neudachren, die Politiker inbegriffen, sich als Mittelpunkt des Universums betrachteten und sich gegenüber allem, was andere Welten betraf, ignorant verhielten, wirkte das Ganze wie eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte.

Suvaïdar unterbrach ihr Gedankenkarussell und stellte eine Frage, die ihr seit einigen Minuten auf den Nägeln brannte:

»Zwei von Haridars Söhnen sind ums Leben gekommen, habt ihr gesagt? Welche?«

»Micha’l und Sorivas.«

Suvaïdar schluckte und rang nach der Fassung. Sorivas hatte sie kaum gekannt, aber Micha’l war mehr als ein Bruder: Sie waren zusammen bei derselben Asix-Pflegemutter aufgewachsen.

»Ich bin unendlich traurig. Das sind sehr schmerzhafte Neuigkeiten. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum der Rat mich bittet, zurückzukommen. Schließlich bin ich ohne Erlaubnis fortgegangen. Ich glaube nicht, dass die Alte mir je verziehen hat. Ich verstehe auch nicht, warum man mir nicht geschrieben hat oder mir eine Nachricht hat zukommen lassen, statt Tichaeris zu schicken.«

»Ich glaube, ich weiß, weshalb sie sich an dich erinnern, Suvaïdar. Es ist zwar nicht offiziell, aber es kursiert das Gerücht, dass man dich bitten möchte, gewissermaßen als externe Ratgeberin an den Sitzungen des Rates teilzunehmen.«

»Das ist absurd! Jeder erwachsene Shiro auf Ta-Shima wäre qualifizierter als ich. Außerdem lebe ich seit mittlerweile acht Jahren hier. Das sind sechs Trockenzeiten.« Sie wandte sich an Tichaeris. »Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden über das, was dort geschieht, und der Holovid bringt nur selten Nachrichten über die peripheren Planten. Darüber hinaus bin ich aus freien Stücken gegangen. Die Regeln des Sh’ro-enlei haben mir die Luft zum Atmen genommen, und ich glaube nicht, dass ich mich wieder eingliedern kann. Wie also sollte ich Vorschläge machen? Wie sollte ich die Saz Adaï beraten? Sie haben mir stets vorgeworfen, dass ich nicht das Verhalten einer Shiro an den Tag lege. Und nun, wo ich eine wirkliche Fremde geworden bin, rufen sie mich zurück?«

Tichaeris antwortete: »Weil du sehr lange die Welt der Sitabeh erlebt hast. Sie glauben, du könntest die Fremden besser verstehen.«

»Besser als Haridar?«

»Ja. Seitdem das erste Raumschiff gelandet war, hat sie nie so recht gewusst, welche Haltung sie ihnen gegenüber einnehmen sollte. In den letzten Jahren haben sich die Dinge zugespitzt: Sie gab den Befehl, die Kontakte zu den Bürgern der anderen Welt auf ein Minimum zu beschränken. Andererseits verbrachte sie Stunden damit, Bücher über andere Planeten zu lesen, die der alte Coont ihr gegeben hatte, und deren soziale Systeme mit unserem zu vergleichen – mit dem Ergebnis, dass verschiedene Dinge geändert wurden. Kurz darauf änderte sie erneut ihre Meinung und nahm die zuvor gemachten Vorschläge zurück, ehe der Rat Gelegenheit hatte, sich einzumischen.« Sie seufzte tief. »Zum Schluss machte sie einen völlig verunsicherten Eindruck. Vielleicht ist es sogar besser, dass sie tot ist.«

»Wie ist die Situation jetzt? Gibt es Probleme?«

»Nein, alles ist ruhig.«

»Wer ist die neue Sadaï?«

»Bei meiner Abreise hatte es noch keine Wahl mit gültigem Ergebnis gegeben.«

Suvaïdar schüttelte den Kopf. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich berufen wurde. Schließlich bin nicht die Einzige, die in der Fremde gelebt hat. Wie viele Studenten haben sich an einer Universität auf einem anderen Planeten eingeschrieben?«

»Nicht viele. Und kaum einer bleibt länger als ein oder zwei Jahre. Ich weiß auch nicht, warum sie beschlossen haben, mich persönlich zu dir zu schicken, statt dir eine Botschaft zukommen zu lassen. Ich habe meine Weisungen erhalten und bin sofort abgereist, ohne Fragen zu stellen. Das war meine Pflicht.« Tichaeris vermied es gewissenhaft, ihre Gesprächspartnerin anzusehen. Suvaïdar sollte nicht den Verdacht schöpfen, dass sie irgendeine Anspielung machte. Außerdem hätte sie nicht gern zugegeben, dass sie den Befehlen sofort gehorcht hatte. »Ich bin auf einem Frachter mitgereist«, fuhr sie fort. »Ganz offiziell als Mitglied der Asix-Besatzung.«

Win, der junge Asix, schüttelte den Kopf und hob die Augen des Autochefs an, den er gerade näher inspizierte.

Suvaïdar musste lachen.

»Win«, sagte sie, »die Leute der Föderation kennen keinen Unterschied zwischen Shiro und Asix.«

»Das kann man doch mit bloßem Auge sehen!« Mit einem Ruck zog Win seinen Ärmel hoch und zeigte seinen kurzen Unterarm mit den kräftigen Muskeln und der hellen Haut, die von einer dichten Schicht gekräuseltem Haar bedeckt war. Dann betrachtete er mit ernstem Ausdruck die drei Shiro.

»Es gibt auf den fremden Welten alle möglichen körperlichen Typen mit den verschiedensten Hautfarben und dem unterschiedlichsten Haar«, sagte Suvaïdar.

»Ich hab’s gesehen. Auf der Straße gab es viele Leute mit gelbem Haar. Ihre genetischen Ingenieure sind nicht viel wert.«

»Es gibt sie nicht. Das Verbot genetischer Recherchen besteht seit der Zeit, als unsere Vorfahren aus Estia geflüchtet sind.«

»Warum?«, fragte Tichaeris. »Das ist doch schon Jahrhunderte her.«

»Was wie ein Kreuzzug der Landsend gegen die transgenetischen Tiere und die gezielten Mutationen begann, hat mit dem Weggang unserer Vorfahren ein Ende gefunden und mündete in einen Krieg fast aller menschlichen Welten – ein Krieg, der Milliarden von Toten gekostet hat. Als endlich wieder Frieden herrschte, wollte man von genetischen Manipulationen nichts mehr wissen. Noch heute ist das eine Frage des Prinzips. Es ist sogar verboten, bestimmte Krankheiten zu behandeln, die eine genetische Therapie erfordern.« Sie blickte den jungen Asix an. »Die gelben Haare und die weiße Haut sind keine Krankheit, Win. Es liegt daran, dass die Sonnen anderer Planeten anders sind als die von Ta-Shima.«

Suvaïdar hatte mittlerweile das Essen aufgetragen. Die drei Shiro aßen langsam, Win mit dem Appetit eines jungen männlichen Asix, auch wenn man die Automatengerichte nicht mit frischer Pflanzenkost vergleichen konnte.

Suvaïdar, die das Zusammentreffen mit ihren Landsleuten nach so vielen Jahren nervös machte, schlug das Essen auf den Magen. Nach ein paar Bissen schob sie ihren Teller zur Seite. Als sie sah, dass Win, der bereits alles aufgegessen hatte, hungrig auf ihren Teller starrte, schob sie ihn zu ihm hinüber, worauf der Asix sich gleich darüber hermachte.

Zwischen zwei Bissen erzählte Tichaeris ihre Geschichte weiter:

»Als der Frachter für einen Tag einen Zwischenstopp in Neudachren machte, kam mir der Gedanke, die Shiro-Studenten zu besuchen, die an der Universität eingeschrieben sind. An Bord des Frachters war auch Win. Er gehört zu meinem Clan, und wir waren auf derselben Akademie. Er hat mich begleitet. Eine gute Idee, wie uns schien. Er sprach ein bisschen Galaktisch, und ohne ihn hätte ich die Universität nicht gefunden – und schon gar nicht die Wohnungen der fremden Studenten. Aber als wir bei Oda Adaï ankamen, war da ein in Grau gekleideter Mann, der ziemlich grob zu Win war.«

»Ein Mitglied der Miliz«, warf Oda ein. »Der Mann packte Win am Arm, und da ...«

»Und da habe ich ihn ein kleines bisschen gestoßen«, fiel Win ihm ins Wort und hob den Blick von dem leer gegessenen Teller, den er gerade sorgfältig säuberte.

»Ein bisschen gestoßen? Du hast ihn aus dem Fenster geworfen!«, erklärte Oda schroff.

»Ich habe ihn wirklich nur gestoßen, ich schwör’s«, beteuerte Win. »Ich habe nur vergessen, dass die Häuser in der fremden Welt so hoch sind.«

»Welche Etage war es?«, fragte Suvaïdar.

Oda seufzte. »Die sechste.«

Tichaeris warf Win einen frostigen Blick zu.

»Wenn es ein normales Haus wie bei uns gewesen wäre«, sagte Win leise, »und nicht dieses seltsame hohe Ding, in dem Fremde übereinander leben, hätte der Mann sich vielleicht nur ein Bein gebrochen.« Win trat die wichtigsten Regeln der Höflichkeit mit Füßen – für einen Asix eigentlich untypisch –, indem er an Suvaïdars Ärmel zog und hoffnungsvoll begann: »Aber wo du nun in den Rat eingetreten bist, könntest du vielleicht ein gutes Wort für mich ...«

»Wie kommst du denn darauf?«, unterbrach Suvaïdar ihn. »Ich bin lediglich nach Ta-Shima berufen worden. Ich habe nicht gesagt, dass ich gehe.«

»Aber ich bin für den Tod eines Menschen verantwortlich«, jammerte Win, »und auch wenn es sich nur um einen Sitabeh handelte, bin ich vor dem Gesetz schuldig. Aber ich habe es nicht mit Absicht getan!«

Als Tichaeris diese klägliche Entschuldigung vernahm, runzelte sie unwillkürlich die Stirn.

Win fügte in beschwörendem Tonfall hinzu:

»Ich wollte doch nur den Shiro Adaï verteidigen, der in Gefahr war.« Er wies auf Oda. »Ich bitte dich, sag mir, habe ich richtig gehandelt, oder habe ich ein Verbrechen begangen?«

Win hatte sich wie die anderen im Schneidersitz auf den Teppich gesetzt, um zu essen. Nun erhob er sich in einer fließenden Bewegung und verbeugte sich tief.

Suvaïdar musterte ihn. Dann seufzte sie verärgert.

»Was mich betrifft«, sagte sie, »ich glaube nicht, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Und vielleicht war der Shiro Adaï ja wirklich in Gefahr. Auf jeden Fall sollten dein Lehrer und die Saz Adaï deines Clans entscheiden, ob du eine Bestrafung verdienst und wenn ja, welche, sobald du wieder in Gaia bist.«

Suvaïdar hob die Hand, um die Locken des Jungen zu berühren, doch unter den bestürzten Blicken der anderen beiden Shiro zog sie die Hand eilig zurück. Sie erinnerte sich daran, dass die Shiro einander in der Öffentlichkeit nicht berühren durften, und einen Asix erst recht nicht.

Und mit einem Mal, mit einem nostalgischen, beinahe schmerzlichen Gefühl, kamen all die Erinnerungen in ihr hoch, die sie in den vergangenen Jahren sorgsam unterdrückt hatte: die zarten Farben auf Ta-Shima, die Erde mit ihren tausend feinen Grautönen, das beruhigende Geräusch des fließenden Wassers, das jeden Schritt in Gaia, das von rund hundert Kanälen durchzogen wird, begleitete, und der Geruch des feuchten Staubes in den ersten Tagen der Regenzeit. Vor allem aber erinnerte Suvaïdar sich an den typischen würzigen Duft der Asix, eine Mischung aus Zimt und Muskat, der für alle Shiro untrennbar mit angenehmen Gefühlen in der Kindheit und Jugend verbunden ist. Die Asix-Spielkameraden waren es denn auch, die Suvaïdar am meisten vermisst hatte.

Win nahm jetzt eine weniger steife Haltung ein und lächelte beruhigt.

Doch Tichaeris gebot ihm mit strenger Stimme: »Vorerst möchte ich nichts mehr hören, Asix.« Und an die anderen gewandt fuhr sie fort: »Oda Adaï sagte, dass der Mann, der gekommen war, um ihn zu vernehmen, zu den Spezialeinheiten gehörte, und dass er ihm Fragen über unseren Planeten gestellt hat.«

»Im Grunde«, fasste Oda zusammen, »ist Ta-Shima für die Bewohner der anderen Welt, die in Niasau leben und nie den Fuß auf einen anderen Planeten gesetzt haben, mysteriös geblieben. Vielleicht wollten die Spezialeinheiten mehr über unser Regierungssystem erfahren, um gegebenenfalls eine Annexion vorzubereiten. Was glaubst du?«

Suvaïdar schaute ihn zweifelnd an.

»Ich denke«, sagte sie dann, »wenn sie unseren Planeten mit Gewalt an sich reißen wollten, hätten sie es längst getan. Wer sollte sie daran hindern? Sicher nicht die Fechter von der Akademie. Aber ich glaube nicht, dass sie danach streben. Allerdings weiß ich nicht, wie viele Einwohner der zentralen Welten überhaupt von der Existenz Ta-Shimas wissen. Sicher nur die wenigsten. Man ermutigt die Bürger der Föderation, sich mehr für die Holo-Spektakel und sportlichen Veranstaltungen zu begeistern als für Politik. Außerdem sind die menschlichen Welten seit Jahrhunderten vereint. Dass man eine Welt entdeckt, die unabhängig ist, dürfte eher lästig sein, denn es birgt das Risiko, dass der Gedanke der Autonomie sich verbreiten könnte. Einige Peripherplaneten sind nicht besonders glücklich, dass sie befriedet wurden. Der Holovid berichtet nicht oft über Ta-Shima, und wenn, beschränkt sich das Ganze auf eine kurze Mitteilung über das Fieber von Gaia und auf den einen oder anderen Kommentar über die Existenz einer Kolonie mit einem für die Bewohner ungünstigen Klima. Trotzdem beunruhigt es mich, dass du Besuch von einem Milizsoldaten hattest. Vor ein paar Tagen war auch einer bei mir. Er hat sich war korrekt verhalten, aber die Spezialeinheiten machen einem immer ein wenig Angst.«

»Was hat er denn gewollt?«, fragte Oda.

»Eigentlich hat er bloß ein paar banale Fragen gestellt, als wollte er die Bestätigung für etwas, was er bereits wusste. Er hat eine Anspielung darauf gemacht, dass ich Wahie wohl in nächster Zukunft verlassen würde. Ich dachte, er wollte mich einschüchtern und mir glaubhaft machen, er könne die Erlaubnis für meinen Aufenthalt jederzeit zurückziehen. Aber nach dem, was ihr jetzt erzählt habt, bin ich sicher, dass er gekommen war, um die Lage zu sondieren und herauszufinden, ob ich die Absicht habe, nach dem Tod Haridars nach Ta-Shima zurückzugehen.«

»Meinst du, du bist in Gefahr? Wenn es tatsächlich die Fremden sind, die aus bisher unbekannten Gründen Micha’l und Sorivas haben verschwinden lassen, ist es schon ein wenig beunruhigend, dass sie jetzt gleichzeitig bei dir und bei mir waren. Findest du nicht, du solltest um Urlaub bitten, für einige Zeit nach Hause zurückkehren und abwarten, bis die Wogen sich geglättet haben? Wenn du hier bleibst, wirst du immer daran denken, dass die Spezialeinheiten dich überwachen. Früher oder später wirst du bei jedem verdächtigen Geräusch zusammenzucken. Da ist doch kein Leben!«

Suvaïdar schüttelte den Kopf. Nach Hause zurückkehren? Nein. Ihr Zuhause war hier. Schon bevor sie gewusst hatte, dass es überhaupt die Möglichkeit gab, sich zu andere Planeten zu begeben, hatte sie sich auf Ta-Shima oft unwohl gefühlt. Obendrein hatte sich die ständigen Vorhaltungen kaum mehr ertragen können: Ein Shiro lacht nicht laut, er weint nicht in der Öffentlichkeit, er stellt seine Gefühle nicht zur Schau, er benimmt sich stets anständig, er ist respektvoll ... Die Satzungen des Shiro-Codex waren so zahlreich, wie sie streng waren, und sie regelten jeden Bereich des Alltags. Schon damals erschienen sie Suvaïdar willkürlich und überzogen. Sie hätte es niemals geschafft, diese Regeln fraglos zu akzeptieren. Ähnlich erging es den meisten ihrer Kameraden.

Auf Wahie war es ganz anders, beinahe das Gegenteil. Sicher, die erste Zeit hatte es Missverständnisse und Reibereien mit ihren neuen Mitbürgern gegeben, aber Suvaïdar hatte ihr Bestes gegeben, sich ihnen anzupassen, und hatte alle Brücken zu ihrer Vergangenheit abgebrochen. Mittlerweile verstand sie die Mentalität ihrer Mitmenschen. Zudem barg das Leben auf Wahie gewisse Vorteile, sodass Suvaïdar von dem Gedanken, ihr schönes Apartment für ein einziges mickriges Zimmer in einem Haus des Clans zu verlassen, nicht gerade angetan war. Ganz zu schweigen davon, dass sie bei einer Heimkehr die vielen Kinder würde liefern müssen, die das genetische Zentrum ihr vorgab. Sie müsste ein Leben führen, in dem eiserne Disziplin herrschte. Nur die Arbeit würde zählen, und sie müsste sich einer strengen Etikette unterwerfen – und all das wegen einer hypothetischen Gefahr.

Genau dies wollte Suvaïdar den anderen gerade erklären, als das Signal des Holo-Kommunikators in ihrer Wohnung erklang. Suvaïdar näherte sich dem Monitor, auf dem zwei Männer von der Miliz in ihren grauen Uniformen zu sehen waren.

»Sie sind auf dem Dach«, sagte sie beunruhigt. »Falls sie bereits eine Nachricht aus Neudachren haben und wissen, was Win getan hat, könnten sie euch alle festnehmen.«

»Dann lasst uns schnellstens gehen«, sagte Tichaeris. »Wir nehmen den Fahrstuhl.«

Suvaïdar schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht am Haupteingang mit der Miliz zusammentreffen und erklären müssen, warum sie auf der Flucht war. Das hätte sie und die anderen nur zusätzlich in Gefahr gebracht.

»Zu riskant«, sagte sie. »Wir nehmen einen anderen Weg.«

Sie ging zur Bodentür auf dem Treppenabsatz und öffnete sie, um die fünfundvierzig Etagen hinunterzusteigen, gefolgt von den anderen.

Die Treppe, schmal und ohne Geländer, schien kein Ende zu nehmen. Bald erkannte Suvaïdar, dass sie das Risiko einging, sich einen Knöchel zu brechen, wenn sie mit ihren Sandalen weiterlief. Sie zog sie aus und nahm sie in die Hand. Die Metalltreppe war glatt. Ihre Beinmuskeln, die körperliche Betätigung nicht gewohnt waren, protestierten bereits nach zwölf Etagen. Da ihr langes, enges und steifes Kleid sie zwang, immer nur eine Stufe auf einmal zu nehmen, hielt sie es am Rand beider Seitenschlitze fest, zog kräftig daran und riss es auf Unterarmlänge ein. Dass sie ein Kleidungsstück ruinierte, das einen ganzen Wochenlohn gekostet hatte, störte sie nicht weiter. Es war sowieso das unbequemste Kleid, das man sich vorstellen konnte. Sie hatte es nur deshalb gekauft, weil Revann behauptet hatte, es sei ein absolutes Muss, wenn man in der Gesellschaft etwas gelten wolle. Suvaïdar verspürte einen Augenblick der Genugtuung, als hätte sie eine Schlacht gegen die langweiligen Regeln gewonnen, die es auf allen Planeten gab. Sie setzte den Abstieg befreiter fort.

Die Treppe führte zu einer dunklen Gasse, in der nur Wartungspersonal unterwegs war. Unten angekommen, streifte Suvaïdar wieder ihre unbequemen Schuhe über und ließ den Blick umherschweifen. Auf der einen Seite wurde die Gasse von einer Mauer begrenzt, auf der anderen Seite mündete sie in eine breite, beleuchtete Straße, von der aus die Erdgeschosse der Türme erreichbar waren.

Vorsichtig warf Suvaïdar einen Blick um die Ecke. Vor dem Eingang des Gebäudes parkte ein graues Auto der Miliz. Mehrere Mieter warteten darauf, in den Turm gelassen zu werden – eine kleine, unentschlossene Gruppe. Alle vermieden sorgsam, irgendetwas zu tun, das nach Protest aussehen könnte: Die Föderation hatte überall Augen und Ohren. Obwohl die Mehrzahl der Bewohner des Turmviertels nie die Gelegenheit hatte – oder besser das Pech –, persönlich auf ein Mitglied der Spezialeinheiten zu treffen, hatten alle schon von ihnen gehört oder sie im Holovid gesehen. Entsprechend groß war ihre Furcht.

Aus dem Gebäude kamen zwei Milizen, die eine Nachbarin Suvaïdars, die auf derselben Etage wohnte, zwischen sich hielten. Mit ihrem dunklen Haar und ihren Mandelaugen hatte die Frau Ähnlichkeit mit einer Ta-Shimoda. Die Männer stiegen mit ihr ins Auto und fuhren los.

»Ich glaube, sie suchen dich«, sagte Tichaeris, »aber diese Blödmänner von Sitabeh haben sich die erstbeste Person gegriffen, die dir ähnlich sieht, ohne sich rückzuversichern.«

»Mach nicht den Fehler, diese Männer zu unterschätzen«, erwiderte Suvaïdar. »Sie sind keine Trottel. Sie haben hier das Sagen, und niemand stellt sich ihnen in den Weg. Allerdings sind sie arrogant und selbstsicher, deshalb unterlaufen ihnen solche Flüchtigkeitsfehler. Aber sie werden ihren Irrtum rasch erkennen und wiederkommen. Deshalb lasst uns gehen.«

»Wohin?«, fragte Tichaeris.

»Wir gehen zu Fuß zum Astroport.«

»Zu Fuß? Aber das sind gut zwanzig Kilometer!«

»Mehr sogar. Wir müssen hinten herum am Astroport vorbei über alle Start- und Landebahnen. Dort sind wir in Sicherheit, denn der Astroport gehört zu den Freien Handelsbereichen und ist extraterritorial.«

Die Gruppe vor dem Turm löste sich auf. Viele nahmen den Aufzug, andere gingen in Richtung Stadtzentrum mit seinen belebten Straßen.

»In welcher Richtung liegt denn der Astroport?«, fragte Oda.

Suvaïdar wies gen Norden und machte sich als Erste auf den Weg. Sie hinkte, und Win betrachtete nachdenklich ihre Sandalen, in denen sie – anders als die auf diesem Planeten gebürtigen Frauen – ohne Grazie dahinschwankte, weil sie nur mit Mühe das Gleichgewicht halten konnte.

»Mit den Schuhen kommst du nicht weit ...« Einen Augenblick zögerte Win; dann zog er seine Stiefel aus und reichte sie ihr.

»Und du? Willst du barfuß gehen?«

»Besser ich als du. Nimm schon, tu mir den Gefallen.«

Suvaïdar streifte die Stiefel über und erlebte erneut jene Empfindung, die sie vergessen zu haben glaubte: Sie fühlte die Daïbanfaser, rau, aber nicht unangenehm. Sie schnallte die Stiefel enger, indem sie um jeden Fuß eine Art Schnürsenkel wickelte, mit dem man normalerweise die Waden verengte.

Dann ging sie mit ihren Begleitern durch das Zentrum, das völlig überlaufen war – nicht nur mit Raumkapseln, sondern auch mit Fußgängern, Bars, Clubs, Restaurants, Bordellen und andere Etablissements. Sie hatten die ganze Nacht geöffnet und wurden bis in die ersten Stunden der Morgendämmerung frequentiert.

Sie kamen gut voran, verborgen in einer Menschenmenge aus den verschiedensten Rassen von den unterschiedlichsten Planeten, Wesen mit allen möglichen Haut- und Haarfarben, mit oder ohne Make-up, mit den unterschiedlichsten Kleidungsstilen und allen Arten von Schmuck. In diesen Innenstadtvierteln verkehrte die bessere Gesellschaft der Stadt; Suvaïdar und die anderen waren also in Sicherheit, denn die Patrouillen setzten sich nicht aus den Mitgliedern der Spezialeinheiten zusammen, sondern aus Polizisten – und diese hatten die Order, unter allen Umständen höflich und zuvorkommend zu bleiben. Ohne triftigen Grund würden sie Suvaïdar und die anderen nicht festhalten. Es war ihre Pflicht, den reichen Touristen und der ortsansässigen Crème de la Crème mit Achtung zu begegnen. Obwohl die Ta-Shimoda nach Wahie-Kriterien kaum besser gekleidet waren als Bettler, konnten die Polizisten nicht wissen, ob es sich bei ihnen womöglich um fremde Diplomaten handelte, die einer Armutssekte angehörten, oder ob unter den derben Baumwollhosen nicht irgendein Machthaber eines relativ unbekannten Planeten steckte, der mit einer Eskorte unterwegs war.

Aus den offenen Türen der Etablissements drangen süßliche Düfte, die Win zum Niesen brachten, und eine Geräuschkulisse – eine Mischung aus Stimmen und trunkenem Lachen inmitten ohrenbetäubender Musik –, die nahezu ununterbrochen erschallte. Wenn die Töne eines Synthesizers verebbten, folgten gleich die nächsten, wieder vollkommen anderen. Die beiden Melodien überdeckten einander einen kurzen Moment, als würden sie darum kämpfen, den Sieg davonzutragen. Klang das Ganze für die Ohren eines Shiro eher langweilig, wurde diese Kakophonie für das feine Ohr eines Asix zu einer wahren Tortur – so unerträglich, dass Win jedes Mal schmerzhaft das Gesicht verzog.

»Warum reparieren die Leute hier ihre Maschinen nicht?«, fragte er. »Wenigstens sollte man sie abschalten. Wenn diese Leute sie immer weiterlaufen lassen, gehen sie kaputt.« Er verzog das Gesicht. »Wenn sie die Dinger wenigstens ölen würden! Dann wäre das Gequietsche nicht so laut.«

»Für einen Asix ist dieser Gedanke gar nicht mal so dumm«, brummte Tichaeris. »Diese Fabriken machen wirklich ein höllisches Getöse, und was sie produzieren, das stinkt. Was stellen sie her?«

»Das sind keine Fabriken«, entgegnete Oda. »Das ist überflüssiges Zeug.«

»Was denn? Die Maschinen produzieren nur Lärm? Wozu?«

»Einfach so. Schließlich sind die Leute hier Barbaren.«

»Aber nein«, sagte Suvaïdar. »Die Bewohner dieser Welt haben die Angewohnheit, sich mit duftenden Flüssigkeiten zu besprühen, die sehr teuer sind. Sie lieben es auch, sich zu treffen, um Musik zu hören, die für euch Lärm ist und die von Instrumenten gemacht wird, die zu nichts anderem dienen, als Töne zu produzieren wie die, die ihr jetzt hört.«

Tichaeris war dermaßen fassungslos, dass sie die für eine Shiro typische Reserviertheit ablegte und fragte:

»Das ist ja ekelhaft! Wie konntest du dieses Leben nur so lange ertragen?«

Suvaïdar hielt es für besser, das Thema zu wechseln.

»Wartet das Raumschiff, mit dem ihr gekommen seid, auf euch?«, fragte sie.

»Nein. Ich sagte ja schon, dass es ein Frachter war, und der ist wieder losgeflogen, nachdem er entladen hatte. Der Kapitän wusste ja nicht einmal, dass Oda Adaï mit an Bord war. Wir waren im Schlafsaal der Asix-Besatzung eingeschlossen, und sie haben uns in einem Container herausgebracht.«

»Und Win? Haben sie nicht bemerkt, dass ihnen ein Mann aus der Besatzung fehlt?«

»Ach was! Für einen aus der anderen Welt sind alle Asix gleich. Win hat seine Papiere mit einem anderen Asix getauscht, der mit uns zusammen auf einem Transportschiff ankam, das in ein paar Tagen wieder nach Ta-Shima aufbricht. Übrigens, unter den Passagieren waren auch der neue Botschafter und sein Gefolge. Kaum zu glauben, wie viele Sachen sie dabei hatten. Jedenfalls, der Transporter ist in der Umlaufbahn, denn der Astroport ist zu überfüllt, um dort zu landen. Aber der Pendelverkehr ist ständig unterwegs. Wir müssten ohne Probleme an Bord gehen können. Win ist ja jetzt als Mitglied der Besatzung registriert, und wir alle als Passagiere.«

»Wir alle?«, fragte Suvaïdar. »Heißt das, ihr habt mich bereits als Passagier registrieren lassen, bevor ihr mich überhaupt getroffen habt?«

»Nun ja ... ich konnte mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der ein ausdrückliches Bittgesuch des Rates ignoriert«, sagte Tichaeris und fügte verlegen hinzu: »Natürlich war es nicht meine Absicht, dir eine Entscheidung aufzudrücken oder dir einen Befehl zu erteilen. Bist du nun zufrieden, oder möchtest du die Diskussion im Fechtsaal fortführen?«

»Hör zu, Suvaïdar«, sagte Oda streng, »es lohnt sich nicht, darüber zu diskutieren – es sei denn, du hast hier Freunde, bei denen du wohnen und denen du vertrauen kannst, dass sie dich nicht denunzieren.« Er sah Suvaïdar fragend an, worauf sie den Kopf schüttelte. »Siehst du? Das Beste ist, du begleitest uns bis zum Raumschiff. Wenn sich zeigt, dass es sich um ein Missverständnis handelt, kannst du bei der ersten Gelegenheit zu deiner Wohnung zurück. Sollten jedoch die Milizen bei dir auftauchen, wäre es ratsam, für einige Zeit zu verschwinden. Die wären bestimmt nicht so zahlreich erschienen, hätte es sich um eine einfache Vernehmung gehandelt.«

Während sie weitergingen, drehte der Asix den Kopf immer wieder von rechts nach links. Seine Augen waren noch runder als ohnehin schon, denn er wollte all die unbekannten Dinge in sich aufnehmen. Sie faszinierten ihn und beunruhigten ihn zugleich: die leuchtenden Wolkenkratzer aus einem farbigen, synthetischen Material; die Werbehologramme, die plötzlich so hell wie Flammen in der Luft aufblitzten; die Cafés und die anderen Etablissements; die Gleise mit den Waggons, die so leise und schnell auf Luftkissen dahinglitten; die Geschäfte, die Waren aller Art anboten und von denen er sich bei den meisten gar nicht vorstellen konnte, wozu sie eigentlich gut sein sollten.

Er setzte zu einer Frage an: »Wozu dient ...«

Aber Tichaeris zischte ihn an: »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst keine dummen Fragen mehr stellen?«

Als mit einem Mal ein Hologramm vor Win auftauchte, ein riesiges Kaninchen – ein in Ta-Shima unbekanntes Tier –, das ihm eine farbige Flasche reichte, machte er einen Satz nach hinten und prallte gegen Tichaeris, die daraufhin zum Messer griff.

»Das ist nur Reklame«, sagte Suvaïdar hastig und versuchte zu erklären, was genau das bedeutet.

»Ich verstehe nicht«, sagte Tichaeris, ein wenig beschämt, so überreizt reagiert zu haben. »Warum wollen sie die Menschen davon überzeugen, lieber das eine statt etwas anderes zu trinken? Wenn ich Wasser möchte, dann trinke ich Wasser, und wenn ich Wein oder Fruchtsaft möchte, dann trinke ich Wein oder Fruchtsaft, falls ich ihn in der Küche des Hauses oder in der Akademie bekommen kann. Was ich tue, geht schließlich nur mich etwas an.«

»Auf Ta-Shima wird nur das produziert, was wirklich benötigt wird, sodass öfters Mangel an irgendwelchen Dingen herrscht«, antwortete Suvaïdar. »Hier aber stellen sie mehr her, als die Bewohner brauchen. Deshalb muss man die Menschen überzeugen, Dinge zu kaufen.«

»Aber warum produzieren sie Dinge, die kein Mensch braucht?«, fragte Win.

Suvaïdar verstrickte sich in einer wirren Erklärung über die Funktionsweise der Wirtschaft auf den Föderierten Planeten, die sie selbst nicht richtig begriff.

Als die Gefährten an einer Mauer ohne sichtbare Öffnungen entlangliefen, erstrahlte plötzlich ein funkelndes Licht. Sofort machte der Asix einen Schritt zur Seite und sprang in Panik vom Bürgersteig. Die Erdraumkapsel, die nahezu lautlos die Straße kreuzte, verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Der Mann am Steuer der Kapsel hupte wütend.

»Was war das denn?«, fragte Win aufgeschreckt und verdrehte die Augen so sehr, dass man das Weiße darin sehen konnte.

Oda ergriff ihn am Arm und zog ihn wieder auf den Bürgersteig.

»Nichts Gefährliches. Aber ist es keine gute Idee, mit beiden Füßen genau vor eine Raumkapsel zu springen!«

Tichaeris ließ den Blick schweifen. Auch Suvaïdar nahm den Anblick der Stadt in sich auf, in der sie zurzeit lebte, und versuchte, sie mit den Augen eines Menschen zu sehen, der Ta-Shima nie verlassen hatte. Auf den Straßen – breit und beleuchtet und beschichtet mit einem synthetischen Material in bunten Farben – herrschte reger Verkehr. Hier und da bildeten sich riesige Staus. Ein paar Meter über ihnen sausten Luftmodule in sämtliche Richtungen. Die zahllosen Leuchtschilder funkelten und machten die Nacht zum Tag, und auf den Bürgersteigen waren Menschenmassen unterwegs. Im gesamten Zentrum herrschte reger Betrieb.

Sollte Suvaïdars Heimatplanet sich der Föderation anschließen, könnte es auf Ta-Shima eines Tages genauso aussehen wie hier auf Wahie. Obwohl Suvaïdar ihren Geburtsplaneten verlassen hatte, um sich hier ein neues Zuhause aufzubauen und sich beruflich zu etablieren, erschien ihr der Gedanke, Gaia könne sich in eine funkelnde, bunte, lärmende Stadt verwandeln, weit hergeholt. Denn trotz aller positiven Seiten des technischen Fortschritts gab es das Problem mit den Asix: Die genetischen Forschungen wären verboten und die Labore geschlossen. Wie viele Generationen würde es brauchen, bis sie sich bis zur Degeneration zurückentwickelt hätten?

Sie hatten nun die Vororte erreicht, ein ausgedehntes Areal, das die Angehörigen der gehoberen Schichten Wahies im Allgemeinen auf Luftgleisen oder unterirdisch durchfuhren. Das Panorama veränderte sich. Die Straßen waren noch immer beleuchtet, aber weniger hell, und nach und nach wurden aus den Luxusgeschäften Läden, die alltäglichere Produkte anboten. Auch traf man hier Menschen an, die untätig in Gruppen herumhingen; sie versammelten sich an Straßenecken oder lehnten an Mauern, die mit alten Plakaten beklebt waren, die die Vorzüge von Produkten oder Dienstleistungen anpriesen. In dieser Gegend verschwendete niemand mehr größere Summen für Reklameschilder oder Hologramme, um den Menschen das bisschen Geld aus der Tasche zu ziehen, das sie besaßen.

Auch die Luftkapseln waren nicht mehr so leise wie die Luxusmodelle in den gehobenen Vierteln. Sie knatterten völlig unerwartet los, und beim Beschleunigen brummten sie laut. Selbst Win zuckte zusammen; die Hand am Messer drehte er den Kopf von links nach rechts, um möglichst alles auf einmal zu sehen.

Auch das ist Wahie, dachte Suvaïdar beim Anblick der tristen Viertel, auch wenn wir alles dafür tun, um es zu vergessen. Die Mehrheit aber lebt hier und nicht im Zentrum.

Die Leute, die gerade noch vor ihnen standen, hatten sich plötzlich in aller Eile aufgelöst, und diejenigen, die sich unter einem Portal zusammengedrängt hatten, verschwanden schnell hinter einer Straßenecke. Augenblicke später wurde der Grund dafür ersichtlich:

Die Erdraumkapsel der Spezialeinheiten, die leise herangeglitten war, stoppte direkt hinter den Gefährten. Die beiden Besatzungsmitglieder stiegen aus. Einer herrschte Suvaïdar an: »He, du da! Wo hast du diese Klamotten geklaut?«

Sie senkte den Blick und erkannte, dass sie selbst den Verdacht der Patrouille auf sich gelenkt hatte: Ihre zu großen Stiefel, notdürftig mit einem Band befestigt; ihr elegantes Kleid, unter dem man der Risse wegen den Stoff des Unterrocks sehen konnte, und die Frisur, die am Abend zuvor in einem ästhetischen Zentrum sorgfältig aufgetürmt worden war und durch die sterile Haube schon ein wenig gelitten hatte – dies alles löste sich immer mehr in Wohlgefallen auf. Sie musste wirklich nicht besonders gut aussehen.

Einer der Milizen baute sich vor ihr auf und streckte die Hand aus. »Die Papiere!«

Win entging der aggressive Tonfall nicht. Er glaubte, der Milizsoldat wolle Suvaïdar angreifen; deshalb gab er ihm durch einen Schlag mit der Handkante auf den Ellbogen zu verstehen, dass es besser sei, die Dame in Ruhe zu lassen. Der Milizsoldat schrie vor Schmerz auf und taumelte einen Schritt zurück.

Sein Begleiter, der nicht mit Widerstand gerechnet hatte, zögerte einen Augenblick, bevor er zur Waffe griff, die er unvorsichtigerweise in der Tasche gelassen hatte. Win kannte weder Schuss- noch Lichtstrahlwaffen, aber die Bewegung kannte er. Die gleiche Bewegung machte ein Ta-Shimoda, wenn er sein Messer ziehen wollte.

Win machte einen Schritt auf den Mann zu. Dann verpasste er ihm mit der ganzen Kraft einen jungen Asix einen Schlag, der ihn zu Boden schickte. Der Kopf des Milizionärs knallte auf eine steinerne Stufe.

»Oje, er hat sich gestoßen«, stellte Oda fest. »Jetzt gehören wir wirklich zu den Feinden.«

Tichaeris drehte sich Win zu und bedeutete ihm zu schweigen, als der Asix den Mund öffnen wollte. Win ließ den Kopf hängen.

»Du musst das wieder einrenken, Win«, sagte Tichaeris erbost. »Im Raumschiff wird es ein klärendes Gespräch geben, und ich verspreche dir, dass der Meister einen detaillierten Bericht erwartet!« Tichaeris ging auf die Raumkapsel zu, wobei sie Suvaïdar einen Vorschlag machte. »Wir könnten ihr Fahrzeug nehmen, wenn du es steuern kannst.«

»Nein, das ist keine gute Idee. Sie sind alle miteinander vernetzt. Die Zentrale kann sie jederzeit lokalisieren und falls nötig das Kommando übernehmen. Wenn sie bemerken, dass niemand antwortet, rufen sie die Kapsel zurück und schicken eine zweite Patrouille, um die Insassen zu suchen. Es sei denn, jemand ist schon dabei, sich die Live-Holobänder anzusehen – dann sind sie sogar noch schneller hier.«

Sie bückte sich, um die beiden Verwundeten zu untersuchen. Derjenige, den Tichaeris geschlagen hatte, erholte sich allmählich, der andere aber atmete schwer. Als sie den Puls an der Halsschlagader fühlte, sah sie, dass aus einem Ohr des Mannes Blut lief. Sie öffnete mit zwei Fingern das linke Augenlid, dann das rechte, und stellte fest, dass die Pupillen starr und ungleich groß waren.

Hirnfraktur mit massiver zerebraler Blutung, diagnostizierte sie. Wenn man ihn rechtzeitig versorgt ...

Doch trotz energischer Proteste ihres Gewissens gegen die Verletzung ihres professionellen Ethos erhob sie sich und ging weiter. Sofort folgten ihr die anderen.

Bei einem Blick über die Schulter bemerkte Suvaïdar, dass einige der Leute, die bei der Ankunft der Milizen so eilig verschwunden waren, nach und nach wieder auftauchten und sich näherten, ermutigt durch die Reglosigkeit der beiden Verletzten.

»Mit ein bisschen Glück könnte es als Überfall ausgelegt werden, vor allem, wenn man ihnen Waffen und Kleidung geraubt hat«, sagte sie, verstummte dann aber. Sie brauchte ihren ganzen Atem, um nicht abgehängt zu werden.

Innerhalb einer Stunde war Suvaïdars bislang ruhiges und durchgeplantes Leben von einer Woge der Gewalt auf den Kopf gestellt worden, die ihr die überaus unangenehmen Seiten ihrer Geburtswelt vor Augen führten. Von einer angesehenen Ärztin am wichtigsten Krankenhaus der Stadt hatte sie sich in eine Flüchtige verwandelt. Mehr noch: Sie war nun Teil der Aggression gegenüber einem Vertreter der Ordnungspolizei geworden, und es war aussichtslos zu hoffen, dass die Kameras der Raumkapsel sie nicht ausfindig machen würden. Sobald die Bänder ausgewertet waren, würde die künstliche Intelligenz in der Milizzentrale, die in der Lage war, gleichzeitig mit sämtlichen Polizeirevieren in Verbindung zu treten, mit Hilfe von Milliarden Bildern in der Datenbank ihre Identität ermitteln – und auch die von Oda.

Nur ganz kurz verspürte Suvaïdar ein Gefühl der Genugtuung, wenn sie an die knifflige Aufgabe dachte, Tichaeris und Win zu identifizieren. Beide waren nirgendwo registriert.

Mit Freude beobachtete sie, dass ihre drei Gefährten keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigten. Tichaeris und Oda gingen mit weit ausholenden Schritten; Win, der barfuß lief und darauf achten musste, wohin er seine Füße setzte, trabte unermüdlich – wenig elegant zwar, aber er fraß förmlich die Kilometer.

Suvaïdar bedauerte, keinen Sport mehr getrieben zu haben, seitdem sie auf Wahie lebte. Anfangs war es nur eine Trotzreaktion auf die Strenge der Lehrer an der Akademie gewesen; danach hatte sie die Gewohnheit schlicht und einfach aufgegeben. Nach den vielen Stunden, die sie stehend im Operationsraum verbrachte, hatte sie nur noch den Wunsch, es ihren neuen Mitbürgern gleichzutun und die Beine gemütlich unter dem Tisch eines Cafés oder einer Bar zu verschränken, anstatt sich in einem Fechtsaal abzuplagen.

Einige Zeit schritt Suvaïdar noch schweigend dahin; dann musste sie anhalten. Sie presste die Hand auf ihre Seite und sagte: »Ich ... ich kann nicht mehr mithalten. Ihr seid zu schnell.«

»Meinst du denn, wir könnten jetzt langsamer werden?«, fragte Tichaeris unsicher.

»Nein, das nicht. Aber ich platze, wenn ich nicht endlich durchpuste.« Sie atmete einige Male tief ein und aus; dann sprudelte es aus ihr heraus:

»Solange sie glauben, dass es sich um einen Angriff aus der hiesigen Unterwelt handelt, werden sie sich damit begnügen, ein paar Häuserblocks auf den Kopf zu stellen. Aber wenn sie erst einmal die Bänder ins Visier genommen haben, werden sie sich auf die Suche nach uns machen. Sobald sie mit der Jagd beginnen, sollten wir aus ihrer Reichweite sein. Mit den technischen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, finden sie uns schnell. Ich glaube, wir sollten die Hauptachsen meiden, auch wenn es der kürzere Weg ist. Die Patrouillen durchstreifen das Gebiet mit Fahrzeugen. Da wir zu Fuß unterwegs sind, werden wir sofort ihre Aufmerksamkeit erregen. Ich hoffe, dass sie möglichst viel Zeit verlieren, wenn sie in den Archiven des demografischen Instituts und der Einwanderungsbehörde nach euch suchen, ohne euch finden zu können.«

Die Gefährten gingen weiter und versuchten, die Richtung zum Astroport einzuschlagen, dessen Lichter nun im Norden zu erkennen waren. Aber die kleinen Straßen, die sie gehen mussten, waren unberechenbar. Manchmal mündeten sie in Sackgassen, an deren Ende plötzlich eine Mauer stand, oder sie führten in weitem Bogen vom Ziel weg, sodass die Gefährten einen Teil des Weges wieder zurückgehen mussten.

»Tichaeris«, sagte Suvaïdar, »du und dieser Unglücksrabe von Asix – wart ihr zusammen an der Akademie des Clans?«

»Nein, an der Akademie des Inneren Friedens.«

Das war eine der sieben großen, clanübergreifenden Kriegskunstschulen von Gaia, die nur die Allerbesten aufnahm. Dort wurde der Kampf ohne Waffen, Säbelfechten, Degenfechten und der Kampf mit zwei Waffen gelehrt.

»Ist der Meister dort immer noch der alte Midori?«, fragte Suvaïdar nach.

»Nein, jetzt unterrichtet Tarr Huang.«

»Er ist ein Asix!«, warf Win begeistert ein.

»Aber ja, ich kannte ihn gut, er war ...«

Suvaïdar wurde von einem Stöhnen Wins unterbrochen. Er war auf eine spitze Scherbe getreten und hatte sich in den Fuß geschnitten. Suvaïdar verband ihn, so gut es ging, mit einem Stoffstreifen, den sie aus ihrem Unterrock riss. Jetzt fehlte nicht mehr viel, und er würde wirklich wie ein Vagabund aussehen. Oda dagegen, von oben bis unten ein Shiro, sah trotz aller Anstrengungen tadellos aus.

»Es gibt da noch etwas, das mich beschäftigt, Oda Adaï«, sagte Suvaïdar, als sie den Weg fortsetzten. »Wenn sie zu mir und zu dir gekommen sind, weil wir zur Familie der Haridar gehören, heißt das doch, dass jemand auf Ta-Shima es ihnen nahegelegt hat. Dieser Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Ich verstehe ebenso wenig, weshalb sie nach den Kindern der letzten Sadaï gesucht haben.«

»Vielleicht, weil sie glauben, Ta-Shima sei eine Erbmonarchie.«

Win, der ein besonders feines Ohr besaß, signalisierte den Gefährten jedes Mal, wenn sich irgendetwas näherte. Und jedes Mal beeilten sich dann alle, Zuflucht in einer dunklen Gasse oder hinter einer Straßenecke zu suchen. Diese Vorsichtmaßnahme war vermutlich übertrieben, denn die Polizei oder gar die Spezialeinheit hätte sich ihnen in aller Stille genähert und sie sowieso geschnappt. Aber sie trafen nur auf Privatfahrzeuge. Die Miliz fahndete vermutlich in den berüchtigten Vierteln der Stadt, ohne damit zu rechnen, dass die Gefährten den Weg zum Astroport eingeschlagen hatten, an dem die Kontrollen allerdings verstärkt worden waren.

Auf jeden Fall sprach niemand mehr über sie, und es gab keinen weiteren Zwischenfall. Aber wegen der vielen Umwege hatte der Anmarschweg sich so sehr in die Länge gezogen, dass bereits die Sonne aufging, als sie endlich den abgeschlossenen Bereich des Astroports erreichten. Den Patrouillen war nicht erlaubt, dieses Gelände zu betreten; die Vereinigung der Freien Händler hütete mit fieberhaftem Eifer dieses Privileg, das die Regierung aus ...

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