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Das Gesetz des Bösen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitat
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
  53. 47
  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51
  58. 52
  59. Epilog

Über den Autor

Professor David Wilson ist einer der führenden Kriminologen Großbritanniens. Der ehemalige Gefängnisdirektor gilt als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Serienmörder und berät die britischen Behörden und Medien in dieser Funktion regelmäßig. Zu seinen zahlreichen Publikationen gehören unter anderem siebzehn Sachbücher. Darüber hinaus moderiert David Wilson mehrere True Crime-Sendungen im Fernsehen. DAS GESETZ DES BÖSEN ist sein erster Thriller.

 

Das Böse in der Welt geht fast immer von Unwissenheit aus, und der gute Wille kann ebenso viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist.

Albert Camus

Prolog

Als der Schal ihm den Hals zuschnürte, war er kurz derart geschockt, dass er es geschehen ließ. Dann griff er sich an die Kehle und trat mit den Füßen um sich. Nutzlos. Gerade noch war er tief in Gedanken versunken und plante seine Flucht, und in der nächsten Sekunde stand seine Lunge in Flammen. Unter seinen Fingernägeln sollte man später Fetzen seiner eigenen Haut finden.

So weit war er schon gewesen. Ein Freund half ihm, drückte ihm beide Halsschlagadern ab, links und rechts, und der Rausch zwang ihn dann auf die Knie, ließ ihn nach mehr verlangen. Sie wurden »Keucher« genannt, Atemkontrolle war ihr Fetisch. Erotische Erstickung wirkte so stark wie Kokain, und im Gefängnis fand man immer jemanden, der einem zur Hand ging. Aber diesmal wurde ihm die Luftröhre zerquetscht, und er fragte sich, ob es ihn töten, nur zum Schweigen bringen oder für einen anderen, noch unbekannten Zweck vorbereiten sollte. Auf die Antwort bräuchte er nicht lange zu warten. Im Gehirn fällt der Sauerstoffgehalt sehr schnell ab, und nach fünfzehn Sekunden verliert das Opfer das Bewusstsein. Der Tod tritt bald danach ein. Er wusste das besser als die meisten Menschen. Ihn konnte man geradezu als Experten bezeichnen.

Fast so plötzlich, wie der Überfall erfolgt war, spürte er, wie der Druck nachließ, und Erbrochenes stieg ihm in den Mund. Mit der Stirn knallte er auf den Holzfußboden. Uralte Zeremonien zuckten ihm durch den Kopf, heidnische Opferriten, Bestrafungen vor versammeltem Stamm, während seine Augen zu Teichen aus Blut wurden.

Hinter sich bemerkte er Bewegung, aber er konnte nichts sehen, und obwohl der Schal sich gelockert hatte, klebte der brennende Schmerz an ihm wie heißer Zucker auf der Haut. Seine Panik flaute ab. Würde er doch überleben? Bei jedem Herzschlag schwoll ihm der Kopf an, und in seinen Ohren klingelte es, aber er nahm wahr, dass jemand mit ihm redete. Die Wörter gingen hin und her, hallten zwischen Leben und Tod hin und her. Dann wurde der Schal wieder brutal verdreht, und er glitt langsam weiter auf die Dunkelheit zu.

Es verging einige Zeit, bis er das Bewusstsein wiedererlangte und verzweifelt versuchte, einen Sinn zu erkennen in dem, was ihm widerfuhr, hoffte, dass er vielleicht um sein Leben flehen konnte. Aber Antworten gab es keine, nur unausgesprochene Fragen, Mienen des Entsetzens, stumme Schreie der Anklage.

Er hatte gehofft, es zu überleben, aber schon bald betete er um den Tod.

Wie seine Opfer es getan hatten.

Er kannte das Drehbuch: Mord gebiert so unabwendbar den Mörder, wie der Sohn seinen Vater töten wird.

Auf seinem Gesicht, seinen Augen und Augenlidern würde man die charakteristischen Petechien finden, die stecknadelkopfgroßen Einblutungen, die durch das Erdrosseln verursacht werden, und aus Mund und Nase würde ihm Blut rinnen. Und wenn man danach in seine Hose blickte, würde man die Samenflecken seiner letzten Ejakulation entdecken.

1

Es gibt blauen Himmel und gestutzte Bäume, gepflegte Rasen und gefegte Bürgersteige. Es gibt draußen, und es gibt innen.

»Control an Victor-1, Control an Victor-1, bitte kommen.«

Obwohl sein schwerer Tweedanzug, in dem er das Funkgerät vergraben hatte, den Schall dämpfte, bemerkte Donald Munro – »Victor-1« im Gefängnisjargon – den verzweifelten Tonfall des Mannes in der Funkleitstelle.

»Victor-1 an Control, sprechen Sie«, sagte er.

Der Controller antwortete sofort. »Control an Victor-1, bitte Festnetztelefon, kommen.«

Munro hatte die Leitung der Justizvollzugsanstalt – den Posten des Governors – erst vor drei Monaten übernommen und musste die Durchwahlnummer des Büros nachsehen, in das er sich geflüchtet hatte. Dahin war die Hoffnung, ein wenig Ruhe zu finden, damit er den Berg an Arbeit bewältigt bekam, der zu erklimmen war, wenn Ihrer Majestät Justizvollzugsanstalt Greenbank »auf Kurs gebracht« werden sollte. So hatte sich der Justizminister ausgedrückt, als er Munro mit der Anstaltsleitung betraute.

Diese ersten drei Monate waren nicht einfach gewesen. Greenbank schien nicht darauf erpicht zu sein, »auf Kurs gebracht« zu werden, und wie jeder leitende Angestellte mit fünfundzwanzig Dienstjahren im Strafvollzug hatte Munro sich nicht nur Freunde gemacht. Genau genommen besaß er sogar mehr Feinde als die meisten seiner Kollegen. Er galt als Traditionalist, als harter Hund, und seine Ernennung zum Governor von Greenbank hatte jeden überrascht. Greenbank war bekannt. Als einzige Justizvollzugsanstalt Großbritanniens wurde sie als »therapeutische Gemeinschaft« geführt, und Munro und therapeutische Gemeinschaften galten als miteinander unvereinbar. Zu Munro passten eher Herzanfälle. Einen davon hatte er bereits überlebt, heftig genug, um ihm jede Vorliebe für Tabak und rotes Fleisch auszutreiben. Wenn er in besinnlicher Stimmung war, räumte er ein, nicht sicher zu sein, wieso er die Ernennung angenommen habe. Er sei aber beeindruckt von der Feststellung des Justizministers, Greenbank brauche eine feste Hand – Munros feste Hand. Und wenn er ehrlich war, schmeichelte es ihm, gefragt worden zu sein.

»Teilen Sie ein paar Arschtritte aus«, hatte der Justizminister unter vier Augen gesagt, als sie das Problem besprachen. »Mein Gott, Greenbank ist ein Gefängnis für Menschen, die das Gesetz gebrochen haben, und keine Selbstverwirklichungsanstalt mit kostenloser Unterbringung. Wenn die Daily Mail wieder Amok läuft mit ihren Artikeln über Mord, Totschlag und Vergewaltigung, will ich mir kein halbes Dutzend Sozialarbeiter anhören müssen, die über die inneren Dämonen der Täter salbadern und sich wegen deren Ängste die Augen ausweinen. Wer das Gesetz bricht, tut es aus eigener Entscheidung. Seien Sie streng, und wenn das nicht reicht, ziehen Sie die Schrauben noch fester an.«

Therapeutische Gemeinschaft. An dieses Konzept hatte sich Munro in den vergangenen zwölf Wochen gewöhnen müssen, und bisher war ihm nichts untergekommen, was ihn veranlasst hätte, besonders viel davon zu halten. Für ihn war diese Bezeichnung nichts weiter als ein klangvoller Begriff für lasche Disziplin, untätiges Personal und Nettigkeiten gegenüber Häftlingen, die zum Abschaum der Menschheit gehörten.

Wie man die Methode auch nennen wollte, Greenbank war und blieb das Gefängnis, in dem der Großteil der Serienmörder des Landes einsaß. Dazu kamen noch zahlreiche andere Verurteilte, die Schlagzeilen gemacht hatten. Man brauchte nur an einen berüchtigten Straftäter – irgendeinen – zu denken, und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass man ihn in Greenbank fand. Nicht dass man die Leute sofort dorthin schickte. Sie hatten in der Regel bereits zehn bis fünfzehn Jahre gesessen, ehe man sie von Kategorie A auf B herunterstufte. In diesem ersten Jahrzehnt, das sie als A-Häftling in einem Hochsicherheitsgefängnis verbrachten, lernten sie, im verschärften Vollzug zu überleben. Sie wurden nur als Nummer behandelt und bekamen keinerlei Vergünstigungen – so war es Munros Meinung nach am besten. Vor allem lernten sie, dass eine unüberwindliche Linie »sie« – die »Cons«, die Knackis – von »uns« trennte – den »Uniformen« oder Schließern, wie die Häftlinge die Wärter aller Rangstufen nannten.

Verglichen mit normalen Haftanstalten war Greenbank eine komplett andere Welt. Nur zehn Jahre, nachdem diese Cons einige der schlimmsten Verbrechen verübt hatten, die man sich vorstellen konnte, durften sie den lieben langen Tag mit Therapeuten quasseln. Sie durften den Psychologen und Psychiatern ihre zerbrochenen plärrenden Herzen ausschütten und immer wieder durchkauen, wieso sie gemordet, vergewaltigt oder geraubt hatten. War das Bestrafung? Da brauchte man bloß die Eltern eines Kindes zu fragen, das von einer dieser Gestalten missbraucht worden war, oder die Witwe eines ermordeten Mannes.

Munro dachte an die SMS von seiner Tochter Morag, die er am vergangenen Abend erhalten hatte, als er allein in seinem Hotelzimmer saß. Sie begann ihr erstes Semester an der Universität und schrieb: Mir geht’s gut. An der Bushaltestelle hat sich einer vor mir entblößt. Wir haben uns kaputtgelacht. Alles Liebe.

Wenn jemand sein kleines Mädchen ohne ihr Einverständnis anfasste, würde er den Kerl in Stücke reißen. War es heute gefährlicher auf der Welt als vor dreißig Jahren, als er während seines Studiums lässig durch Bristol gestreift war? Vielleicht wurde einfach mehr über alles geredet. Ihm fiel der Sechzehnjährige ein, der seinen Lehrer ermordet hatte, weil »das Leben voll scheiße« sei. Manchmal konnte man nur mit der Faust an die Wand hämmern. Munro vermochte die Fragen nicht zu beantworten.

Und die Schließer? Sie wussten nicht, ob sie dafür bezahlt wurden, Häftlinge einzusperren oder den Hilfstherapeuten zu spielen. Sie wussten nicht genau, wo sie standen. Natürlich hatten sie ohne den Mist, den man sich in anderen Knästen gefallen lassen musste, ein leichtes Leben. Einige Schließer betrachteten Greenbank unabhängig von ihrer Meinung zur Methodik als ruhige Kugel, als bequemes Pöstchen für die Zeit bis zur Pensionierung. Einige, nicht alle. Wie in jedem Gefängnis gab es auch Wärter, die eine schwierige Seite hatten. Die nur durch Gottes Gnade draußen waren und nicht drinnen.

Als Governor sollte Munro die Vollzugsanstalt repräsentieren, aber das fiel ihm ziemlich schwer. Zwischen ihm und der leitenden Psychologin von Greenbank, Dr. Kate Crowther, hatte es bereits gekracht. Die Arbeit der jungen blonden Amerikanerin finanzierte ein staatliches Forschungsprogramm zur Erforschung der Motivation von Serienmördern. Crowther hatte die Kühnheit besessen, Munro darauf hinzuweisen, dass Greenbank als vermutlich die einzige Vollzugsanstalt in Großbritannien – wenn nicht sogar auf der Welt – Erfolge bei dieser Art von Straftätern verbuchen könne. Ihre Ergebnisse könnten der Polizei dabei helfen, die Zahl der Mordfälle zu senken.

»Immerhin«, hatte sie gesagt, und dabei hatte schwach ein Südstaatenakzent in ihrer Aussprache von »immer« verführerisch mitgeklungen, »kommen sie ja nicht raus, wieso also sie nicht menschlich behandeln?«

Sie hatte Munro angeblickt, als erwartete sie eine Antwort, doch er war stumm geblieben, ohne zu begreifen, was sie meinte. Crowthers Redefluss war weitergegangen: »Hat Ihr Mr Churchill nicht gesagt, dass man eine Zivilisation danach beurteilen sollte, wie sie ihre Häftlinge behandelt? Nun, wenigstens in Greenbank können wir von uns behaupten, dass wir zivilisiert sind.«

Zwei Wochen lag das zurück. Kaum war das Gespräch zu Ende gewesen, hatte Munro sich vorgenommen, sie versetzen zu lassen. Geschickt hatte er begonnen, Beweismaterial gegen Crowther zu sammeln, um seine Vorwürfe zu untermauern. Böse Zungen hätten behauptet, er bastele sich da was zusammen.

Klatsch ist der Lebenssaft eines jeden Gefängnisses, und viel wurde über Kates Beziehung zu Bobby Lomas geredet, die, wie es hieß, zu eng geworden war. Diese Gefahr bestand immer in der Treibhauswelt der Gefängnisse für Langzeithäftlinge, wo die Kultur des »wir« und »sie« zusammenbrechen konnte, wenn jemand vergaß, wer er war und was er zu tun hatte.

Bobby Lomas war besser bekannt als »Varsity Blue«. Während der Achtziger hatte er im Zeitraum von zwei Jahren sechs Studentinnen erdrosselt, drei aus Cambridge und drei aus Oxford, jedes Trimester eine, bis man ihn schließlich fasste. Lomas war ein Charmeur, und dazu noch clever. Er war belesen und interessierte sich für Kunst, besonders für die Moderne und den Vortizismus.

Mit diesem Rüstzeug konnte er so viele junge Frauen überreden, mit zu ihm in die Wohnung zu kommen, wo er sie mit ihren Collegeschals erdrosselte, ihre Leichen zerstückelte und zum Großteil in der Toilette hinunterspülte. Zum Großteil. Lomas sammelte Trophäen. Als die Polizei seine Wohnung durchsuchte, fand man im Kleiderschrank einen Gürtel, der mit zwölf verwesenden Brustwarzen besetzt war, und etliche Zeichnungen seiner zerteilten Opfer. Bei seiner Verhandlung hatte er sich auf verminderte Zurechnungsfähigkeit berufen; seine Seele sei durch zu viel Wissen und zu viel gottlose Literatur verdorben worden. Er habe versucht, das auszugleichen, indem er sein Leben nach mathematischen Gleichungen, geometrischen Formen und Abstraktionen strukturierte. Seine Argumente wurden von der Anklage als »geistesgestört« bezeichnet. In dem verzweifelten, hoffnungslosen Versuch einer Verteidigung zitierte er Friedrich Nietzsche: Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Während der qualvollen langen Monate in Einzelhaft hatte Lomas sich mit äußerster Sorgfalt die Initialen »FN« auf die Innenseite seines linken Handgelenks tätowiert, indem er die Haut mit dem Nagel des rechten kleinen Fingers aufritzte und die Wunden mit Zigarettenasche tuschte. Er hatte sich für eine Serifenschrift entschieden, die eleganter wirkte, aber mehr Schnitte erforderte, was zu einer Infektion führte. An der Blutvergiftung wäre er beinahe gestorben, aber für einen Do-It-Yourself-Job war das Tattoo recht gut. Er wurde oft gefragt, wofür die Initialen standen; Munro hatte einmal gehört, wie jemand »Fucking Nonce« vorgeschlagen hatte, »Scheiß Kinderficker«, was zur Folge hatte, dass Lomas dem Mann mit der Faust gegen die Kehle boxte, aber normalerweise konterte Lomas mit einem unbekannten französischen Fußballer namens Frédéric Née, von dem noch nie jemand gehört hatte.

Munro hätte es nicht sehr überrascht, wenn Crowther und Lomas einander wundvögelten. Sie war auch so eine Intelligenzbestie. In diesem Stadium war ihm das eigentlich egal, solange keine Sicherheitsprobleme auftraten. Später würde er die Sache untersuchen und Grenzen setzen. Die schwindende Sicherheit war es, die Munro nervös machte; seine Tochter besuchte die Oxford University, ein leichtes Opfer für jeden Irren oder jede absurde Idee, die bei ihr Anklang fanden.

Er blickte das gerahmte Foto Morags auf seinem Schreibtisch an. Im Bild trug er seine schlafende Tochter. Er erinnerte sich gut an den Tag. Es war im Sommer gewesen, sie wanderten durch die Felder. Sie war vier gewesen, hatte einen Stecken geschwungen und damit nach jeder Pflanze geschlagen, die über ihren Kopf hinausragte, also praktisch nach allen. »Geht weg, lasst meinen Daddy in Ruhe«, murmelte sie dabei und kreischte vor Lachen, ein kleiner Energieball, der die Welt in die Schranken wies. Nach einer Weile hatte sie sich verausgabt, und Munro hatte sie nach Hause getragen, während sie an seiner Schulter schlief.

Kate Crowther musste warten. Momentan konzentrierte sich Munro auf die neuen Sicherheitssysteme, die er einrichten musste, und die Summen, die er benötigte, um die veralteten Absperrzäune und Überwachungskameras zu ersetzen. Jetzt hatte er sich mit dem verfluchten Funkcontroller auseinanderzusetzen. Was ist los, dachte er. Nicht genug Psychologen zum Schwatzen? Gibt es wieder ein fröhliches Ringelreihen mit Tanz und Gesang, zu dem die Wärter Krabbenbrötchen reichen?

»Sie erreichen mich auf der Zwo Eins Drei. Victor-1 aus.«

Fast im gleichen Augenblick klingelte das Telefon.

Munro meldete sich in einem Ton, der ausdrückte: Wehe, wenn es nicht wichtig ist. »Governor.«

»Wir haben ein Loch im Zaun.«

»Wie bitte?«

»Die Streife hat es vor fünf Minuten gefunden, im Nordzaun am Fußballplatz – der Mann schiebt da jetzt Wache.«

Die Nachbemerkung sollte unterstreichen, wie effizient das Personal arbeitete, bot Munro jedoch nur die Gelegenheit, sarkastisch zu werden.

»Dafür ist es jetzt ein bisschen spät. Öffnen Sie die Command Suite und schließen Sie das Tor. Ich bin unterwegs. Riegeln Sie den ganzen Scheißladen hier ab und stellen Sie die Vollzähligkeit der Insassen fest. Sofort!«

2

Die Command Suite befand sich gleich neben dem Hauptverwaltungsblock der Vollzugsanstalt, und während Munro eilig darauf zuging, tröstete er sich ein wenig mit dem Gedanken, dass Greenbank vor seiner Ankunft überhaupt keine Command Suite gehabt hatte. Sein Vorgänger, Martin Wooldridge – ein dünner, schlipstragender ehemaliger Colonel der Irish Guards, der nach zwanzig Jahren als Leiter von Greenbank in den vorzeitigen Ruhestand getreten war –, hatte gelacht, als Munro auf einer Command Suite bestand. »Wir sind eine therapeutische Gemeinschaft«, war sein Argument. »Wir erreichen mehr mit einer Therapie, indem wir die Burschen dazu bringen, sich ihrem Psychologen zu öffnen, als mit irgendwelchen Command Suites.«

So ein Dünnschiss, hatte Munro gedacht, und jetzt hatte er den Beweis. In seinem Gefängnis.

Munro verstand nicht, dass ein alter Hase wie Wooldridge den liberalen Strafvollzug mit solcher Begeisterung akzeptieren konnte. Betreuung und Therapie waren tuntig und links. Was sah er darin? Wooldridges Karriere hatte unter Margaret Thatcher begonnen, einer Premierministerin, die Anhängerin der Todesstrafe gewesen war. Munro dachte an Plantagenbesitzer, die ihre Sklaven freiließen, an katholische Priester, die mit Sündern kuschelten. Sein Zynismus wurde immer bissiger. Aber diese vielen »fortschrittlichen« Menschen und ihre emotionale »Offenheit« – was bezweckten sie damit? Etwas Gutes zu tun – oder ging in Greenbank etwas Fragwürdigeres vor sich? Das musste er herausfinden.

Als Munro die Command Suite erreichte, war er die Notfallpläne durchgegangen und hatte den Officer vom Dienst – Oscar-1 – angefunkt, um nach der Bestandsaufnahme zu fragen. Er hatte Anweisung gegeben, ihn mit seinem Stellvertreter zu verbinden. Seine Beziehung zu Deputy Governor John Johnsson war problematisch, und auch hier wusste er durch den Gefängnisklatsch, woher das kam: Johnsson hatte insgeheim darauf gehofft, selbst zum Governor von Greenbank ernannt zu werden.

Unbeirrbar pragmatisch wog Munro ab, während er die Tür aufdrückte, ob ein Häftlingsausbruch für ihn von Vorteil sein würde oder nicht. Vielleicht konnte er den Vorfall nutzen, um die umfassende Sicherheitsverschärfung zu rechtfertigen, die er plante? Er könnte doch den Ausbruch Wooldridge in die Schuhe schieben und damit das Kindergartenregime des Ex-Governors in den Mülleimer der fehlgeschlagenen sozialen Experimente treten.

Als Oscar-1 kurz nach ihm die Command Suite betrat, schaltete Munro in den Befehlsmodus. Das Gefängnis gehörte ihm – ob es ihm gefiel oder nicht –, und auf gar keinen Fall würde irgend so ein Knacki daraus fliehen. Ein Gefängnis »auf Kurs zu bringen« bedeutete kaum, die Drecksäcke einfach abhauen zu lassen. Würde Greenbank ihn überraschen? Hatte der Wärter auf Streife, der jetzt das Loch im Zaun bewachte – in Munros Zaun! –, zuvor alles Nötige getan, um einen Ausbruch zu verhindern?

»Vollzähligkeit?« Munro blickte Oscar-1 an, einen anständigen Senior Officer namens Jim Dabell, mit dem er schon früher zusammengearbeitet hatte. Er erwartete, die Zahl 268 zu hören, die Anzahl der Häftlinge, die am Morgen aus den Zellen gelassen worden waren und am Abend wieder eingeschlossen werden mussten.

Dabell zögerte. »Wir haben die Zahl noch nicht.«

Munro explodierte. »Wieso zum Teufel nicht, verdammte Scheiße?«

Diese Ausdrucksweise hatte er nicht im Senior Command Course am Prison Service College in Newbold Revel, Rugby, gelernt, wo Governors darin ausgebildet wurden, die diversen Krisen zu bewältigen, die ihnen im Laufe ihrer Tätigkeit unterkommen konnten: Geiselnahmen, Proteste auf dem Dach, Ausbrüche. Ruhe und Selbstbeherrschung bildeten den wesentlichen Kern der Befehlsgewalt, und den Officer vom Dienst anzupflaumen war kaum beispielhaft für das »beste Vorgehen«. Dennoch brachten Munros Worte seine Erbitterung auf den Punkt. Wie lange konnte es dauern, vier Gefängnistrakte durchzuzählen – A, B, C und D mit je sechzig Häftlingen –, dazu ein fünfter Aufnahmetrakt mit achtundzwanzig Neuzugängen?

»Heute Abend gab es eine Sondergruppe, und die Psychologen sprechen noch mit einigen Häftlingen. Vor Ende der Sitzung können wir sie nicht alle abhaken.«

»So eine verdammte Scheiße.« Munro sank unaufhaltsam auf den letzten Platz seiner Ausbildungsklasse ab.

Dabell hatte einige Zeit als Vollzugsangestellter im »System« verbracht, wie man in Greenbank die anderen hundertvierzig Gefängnisse des Landes nannte, und wusste natürlich, dass seine Erklärung, wieso die Bestandsaufnahme noch nicht abgeschlossen werden konnte, zwar richtig, aber lahm und unprofessionell war. Als Munro dessen Unbehagen spürte, kühlte er ein wenig ab.

»Welcher Trakt?«

»D.«

Munro blickte ins Telefonverzeichnis und nahm den Hörer ab. Beim Wählen befahl er Dabell, die Zahlen, die telefonisch aus dem Rest der Anstalt eintrafen, mit den Sollzahlen abzugleichen, die auf ein Whiteboard an der Wand der Command Suite geschrieben standen, neben den Lageplänen und Fotos vom inneren Aufbau des Gefängnisses.

»Ist D nicht der Trakt, in dem Dr. Crowther arbeitet?«, fragte Munro einen Wärter. Der Mann hatte zu große Angst, den Mund aufzumachen, und nickte nur, ohne den Governor direkt anzusehen.

Im D-Trakt hatte Dr. Kate Crowther gerade die Sitzung ihrer Sondertherapiegruppe mit acht Häftlingen beendet und verließ den Betreuungsraum lächelnd und sich nicht im Geringsten ihres schmeichelhaften Äußeren bewusst. In einer Umgebung, die unverhohlen hässlich und männlich war, wirkte sie unpassend schön. Sie war eine Frau, die sich um ihr Aussehen kaum Gedanken machte, was sie in manchen Augen umso attraktiver erscheinen ließ. Ein unruhiger Geist war sie, immer in Eile, versessen, Beziehungen herzustellen, ehrgeizig. Manche behaupteten, ihr bleibe dadurch zu wenig Zeit zum Nachdenken, zur Vorsicht. Manchmal gewinne ihr Gefühl die Oberhand über ihren scharfen Verstand.

Als sie durch die Tür trat, breitete sich vor ihr eine Szene Dickens’scher Aktivität aus. Wohin sie auch blickte, liefen Gefängniswärter herum, zählten Häftlinge und stritten mit den Männern, die zu erfahren verlangten, wieso sie heute früher als üblich eingeschlossen werden sollten. »In die Zellen«, hieß es immer wieder, und es steigerte sich zu: »Ab in die Scheißzellen, aber sofort«, gebrüllt in alle Richtungen. Fette Chance. Einige weigerten sich, in die Zellen zu gehen, andere sagten, dass sie sich weigerten, schlurften aber gleichzeitig in die Richtung, tranken dabei einen Tee, borgten sich Zeitungen, Radios oder CD-Player aus und plauderten über das Leben, Gott und die Welt und EastEnders.

Wer konnte es ihnen verdenken, wenn sie die letzten Minuten bis zum Einschluss ein wenig ausdehnten? In der Nacht blieb ihnen nichts zu tun, außer zu lesen und über die Fehler nachzudenken, die sie hinter Gitter gebracht hatten. Für einen Häftling war jeder Tag in der Zelle wie eine Existenz im Scheintod, aber die Nacht brachte ihre eigenen, besonderen Schrecken mit sich. In diesen schwarzen Stunden drehte die Fantasie durch, und manchmal kam man sich vor, als zerfresse einen etwas bei lebendigem Leib von innen.

»Was ist los?«, fragte sie Charlie Robinson, den Oberaufseher des Trakts. Sie berührte ihn am Arm und versuchte ihn zu beruhigen.

»Ein Loch im Zaun; im Zaun ist ein verdammtes Loch.« Er sprach atemlos, rot im Gesicht.

Kate wusste, wie ernst das war, und ihr war klar, dass Charlie die Neuigkeit besser nicht herausposaunt hätte. Sie wollte gerade fragen, ob sie irgendwie helfen könne, als der Aufseher ihr wortlos sein Mobiltelefon reichte.

»Ja, hallo, hier Dr. Crowther – kann ich helfen?«

»Sie beenden sofort Ihre Therapiegruppe. Das ist ein Befehl. Geben Sie dem Traktaufseher sein Handy zurück und verlassen Sie die Anstalt erst, wenn Sie mit mir geredet haben.«

Kate brauchte nicht zu fragen, mit wem sie sprach. Munros Stimme mit ihrer Ungeduld und kaum unterdrückten Wut wie bei einem rauchenden Vulkan war ihr mittlerweile vertraut. Fast bemitleidete sie Charlie, als sie ihm das Handy zurückgab, denn sie wusste, wie schwer es ihm fiel, die Kontrolle zu behalten. Dabei trennte ihn nur noch ein Jahr von der Pensionierung. Die Wärter, die den D-Trakt in Gang hielten, waren Chris Sandel und Will Brock – zwei von den neuen, jungen Angestellten. Die Insassen hatten sie die »Super-Schließer« getauft. Sie waren zwei Witzbolde, ein richtiges Comedy-Duo, aber Will Brock zeigte ein nervtötendes Charles-Manson-Starren, sobald ihn etwas ärgerte, und das schien in letzter Zeit öfter zu geschehen. Es war ein Schatten, wie der Einbruch der Nacht, der seinem Gesicht die Farbe nahm, ohne dass die meisten es bemerkten, aber Kate sah es. Die beiden waren eine Woche in Urlaub – auf einer Rundreise in Wales – und mussten jeden Tag zurückkommen.

»Sechzig – jawohl, Sir, sechzig«, sagte Robinson am Telefon zu Munro.

»Sind Sie sicher?« Munro sprach so laut, dass Kate jedes Wort verstand.

»Ich glaube schon.«

»Glauben ist nicht gut genug. Sie haben fünf Minuten, Mr Robinson. Lassen Sie erneut durchzählen, und dann sind Sie sich gefälligst sicher, dass in Ihrem Trakt sechzig Häftlinge anwesend sind.«

Kate begann sich schuldig zu fühlen. Sie hatte vermutlich ihre Zeit überzogen, aber die Sitzung war unerwartet gut gelaufen. Die Männer in der Gruppe hatten angefangen, sich zu öffnen. Sie musste Munro klarmachen, dass es bei der Therapie nicht darum ging, nett zu Häftlingen zu sein, sondern darum, sie dazu zu bringen, die Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Nur dann konnten sie ihr Verhalten ändern. Bei einigen Fällen war sie dem Verständnis dessen, was die Männer zum Morden trieb, nähergekommen und überlegte, wie sie diese Erkenntnisse anwenden konnte, wenn sie wieder als Profilerin mit der Polizei zusammenarbeitete.

Kate verließ das Traktbüro, um zu sehen, ob sie Bobby Lomas noch antraf, ehe er eingeschlossen wurde. Sie hatte nicht mehr mit ihm reden können, bevor die Gruppensitzung begann. Sie wollte ihm mitteilen, dass sie den Termin für ihre Sitzung am nächsten Tag geändert hatte, und ihm versichern, dass sie ihm keineswegs aus dem Weg ging. Sie wusste, dass über sie und Lomas geredet wurde, aber in jedem Gefängnis wurde jeder jungen Psychologin ein Verhältnis mit wenigstens einem Häftling angedichtet. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, die Gerüchte einfach nicht zu beachten. Eine Therapie erforderte, dass man dem Klienten näherkam. Wie sollte man sonst etwas erreichen? Frauen waren in der aufgeputschten, cartoonhaften Männerwelt eines Gefängnisses verletzlich. Das galt ganz besonders für intelligente Frauen wie Kate, aber sie hatte überlebt, ohne »einer von den Jungs« zu werden. Lomas allerdings stellte eine besondere Herausforderung dar.

Er hatte etwas von einem Wesen aus einer anderen Welt, wie ein Falke, der auf einem hohen Berg haust. Sein Lachen war tief, aber spröde, als verberge er etwas Zerbrochenes in sich, das er unbedingt reparieren wolle. Kate war entschlossen herauszufinden, was ihn antrieb. Der entscheidende nächste Schritt in ihrer Laufbahn hing davon ab.

Schon eine Weile fragte sie sich, wie sie Munro bewegen konnte, mit Lomas zu sprechen, der mehr als jeder andere Häftling seine Verbrechen auf eine Weise beschrieb, die sich bei der Aufklärung anderer Serienmorde einsetzen ließ. Lomas war beispielhaft für jemanden, der sich veränderte und Reue zeigte, und auf keinen Fall konnte diese Veränderung durch den brutalen Regelvollzug erzielt worden sein. Wooldridge hatte ihr zugestimmt und Lomas mehr oder weniger als seinen »Schülersprecher« adoptiert. Wooldridge hatte den Ausdruck sehr lustig gefunden.

Kate suchte und suchte, aber Lomas war nirgendwo aufzutreiben.

Die Command Suite war zum Mittelpunkt der Gefängniswelt geworden, und Munro war ihr Herr. Niemand konnte ohne seine Erlaubnis kommen oder gehen. So mochte er es. Bei einem größeren Vorfall wie diesem war Munro allerdings nur der »Silver Commander«, und ein Bezirksleiter im Clive House, der Londoner Zentrale des Strafvollzugsdienstes, fungierte als »Gold Commander« und war ihm übergeordnet.

Munro gab der Gold Commander – seiner Bereichsleiterin Margery Hardy – einen Lagebericht und schilderte seine Bemühungen um eine akkurate Bestandsaufnahme. Das Gespräch war nur kurz, und er versprach, innerhalb der nächsten zehn Minuten wieder anzurufen. Er notierte den Anruf im Schichtbuch und bat, informiert zu werden, wenn zehn Minuten verstrichen waren. Ringsum schrieben die Leute Zahlen auf Tafeln, beantworteten Anrufe und versuchten nachzuverfolgen, was sich an Personal noch in der Vollzugsanstalt befand. Ein Verbindungsbeamter der zuständigen Polizeidienststelle war eingetroffen. Er beobachtete die Entwicklung und sammelte Informationen. Niemand sprach es aus, jeder wusste es: Falls der D-Trakt auf die passende Häftlingszahl kam – die magische 60 –, war niemand ausgebrochen, und sie konnten alle nach Hause gehen. Weniger als sechzig, und die Nacht fände kein Ende; bald schon würde es dann von Polizei und Presse wimmeln. Die Polizei- und Medienpräsenz würde je nachdem, wer entkommen konnte und wie schwer die Verbrechen waren, die der oder die Flüchtigen begangen hatten, exponentiell steigen.

»Sie sind sich sicher?« Genauso sehr wie an einer Antwort war Charlie Robinson an einer Beruhigung gelegen. »Haben Sie jede Zelle überprüft und sich vergewissert, dass nirgendwo zwei in einer Zelle sind und keiner sein Kopfkissen unter die Bettdecke gestopft hat?«

Als feststand, dass ihm die Last nicht von den Schultern genommen wurde, überdachte Robinson die Konsequenzen und versuchte zu erraten, worin die Sanktionen bestehen würden. Es ging über seinen Verstand. Wie benommen lief er ins Traktbüro und wählte die Nummer der Command Suite.

»Sie wollen mich wohl verarschen. Wer?« Munro legte den Hörer auf und sammelte sich. Jetzt war die Kacke am Dampfen.

Er fuhr mit dem Sessel herum und sagte zu den erwartungsvollen Gesichtern: »Neunundfünfzig, und es ist Bobby Lomas. Der Drecksack ist abgehauen. Schaffen Sie Dr. Crowther her.«

3

Drinnen, allein, übernimmt die Angst, werden Regeln gebrochen. Es gibt keine Schranken, Schatten sind Gespräche, Fantasien kommen hoch, konfrontative, anklagende, irreparable.

Sharon Tate baumelt an einem Seil, Blut sammelt sich um ihre Zehen am Boden. Es läuft aus Wunden in ihrer Brust, die so tief sind, dass er einen Finger hineinstecken und das weiche zertrennte Gewebe fühlen kann, die zerstochenen Membranen, wo einmal Herz, Lunge und Leber heil waren. Eine liebe, reine Frau. Sie ist bescheiden, ihre Unterwäsche bedeckt ihre Blöße. Aber deren Flecken sind zu deutlich, es gibt da eine schockierende undichte Stelle. Ein plötzliches Stolpern und endloser Sturz. Helter Skelter.

Rasch klettert er aufs Bett und packt sie fest, um den Fall aufzuhalten. Sie ist feucht und schlüpfrig, heißes Wachs in seinen Händen. Sie ist eine schwere Last schwangerer Weiblichkeit, so schwer wie das Entsetzen in seinem Inneren. Wie alles gekommen ist. I’m coming down fast but don’t let me break you. »Ich bin schon tot«, flehte ihre fliehende Freundin Abigail Folger, als Krenwinkel immer wieder auf sie einstach. Unbedingt ganze Sachen machen. Jay Sebring ist ans andere Ende des Seils gebunden, hat sieben Schuss- und Stichverletzungen und ist tot. Also schneidet er das Nylonseil durch, keine einfache Aufgabe, und legt Sharon sanft aufs Bett, dreht sie auf den Rücken, streckt ihre Arme und Beine durch und bedeckt ihre Augen mit einem Betttuch, verbirgt seine Schuld. Sie kann keinen Schmerz mehr empfinden und keine Angst um ihr Leben oder das Wort »Pig«, Schwein, sehen, das mit ihrem Blut geschrieben wurde.

Sie werden ihn holen, die beiden Kerle. Er hat den starren Blick auf YouTube gesehen, der ist unverwechselbar. Er hat seine Hausaufgaben gemacht, und er weiß, dass sie Bescheid wissen. Er zückt eine Rasierklinge, die er mit Klebeband in seinem Schritt befestigt hat, von Mund zu Mund vom anderen Ende der Stadt ins Gefängnis weitergereicht, und schneidet sich damit in den Arm, setzt sorgfältige Schnitte. Er sieht zu, wie das Blut hervorquillt, und der Schmerz ist vorübergehend eine Erleichterung.

Die Einschließung ist unerwartet gekommen. Charlie Robinson hat so laut gebrüllt, alle Gesichter sind rot gewesen, dass er sich fast an seinem Magen verschluckt hätte, und wie eine erschrockene Ratte ist er in seinen Käfig gehuscht.

Das war das Ende. Seit die beiden Scheißer aufgetaucht sind, Brock und Sandel, aus dem Nichts, die Smooth Operators, diese Filous. Bobby Lomas hat sich verändert, das hat er gemerkt. Er schaltet das Licht aus, unter der Tür sind Schatten, die hierhin und dorthin eilen. Ein Loch im verdammten Zaun – sind sie nach draußen geflohen, oder kommen sie herein? Sein Herz pocht. Sharons Körper ist kalt, und ihre Fotos sind von 1969, aber Bobby Lomas hat ihm eine ganz neue Welt der Wärme, des Gefühls erschlossen. Er will ihn jetzt verletzen, weil er in letzter Zeit nie da gewesen ist, immer bei jemand anderem.

Er schneidet sich in den Arm, will ihn neu formen zu einem Wort in einer anderen Sprache, einem vollen O wie bei Vollmond, bis hinunter auf den Knochen, aber das würde ihn nicht töten wie ein Stich in die Aorta. Und er will sterben. Er zieht sein Hemd hoch und schneidet sich vom Scham- bis zum Brustbein auf. Die schimmernde Rasierklinge rutscht ihm aus der Hand, also gräbt er die Finger hinein, scharrt mit den Fingernägeln, versucht sich die Haut von beiden Hälften des Brustkorbs zu ziehen und stellt sich die Organe vor, wie sie pumpen, unverfroren in ihrer Nacktheit, so warm wie die Röte seiner tiefsten Abscheu vor sich selbst. Er hält sich an Sharon fest, ihrer Mutterschaft, verspricht, sie zu bedecken, die Bilder von Jahrzehnten der Entehrung auszulöschen, in denen die Welt sich an ihrer kaum verhüllten Nacktheit ergötzt hat, dem geschmolzenen Kern seiner Sünde. Wenn er je Wiedergutmachung leistet, dann jetzt.

4

Munros Gedanken liefen auf Hochtouren, fast so schnell wie der Motor seines Wagens, als er vom Gefängnis zum The White Hart fuhr, in dem er ein Zimmer hatte. Eine ruhelose Nacht lag hinter ihm. Am liebsten hätte er im Gefängnis geschlafen, aber was würde dann das Personal denken? Er hatte Greenbank eh erst lange nach Mitternacht verlassen. Zu dieser Uhrzeit würde selbst der Penner, den er ein paarmal vor dem Hotel gesehen hatte, auf einer Parkbank oder im Cricket-Pavillon liegen und schnarchen. Das Loch im Zaun war repariert. Munro hatte eine Presseerklärung verfasst und auf Drängen der Presseabteilung des Strafvollzugsdienstes eingewilligt, am Vormittag vor die Medien zu treten. Munro sprach nicht gern mit den Medien, aber wenn ein bekannter Straftäter wie Lomas auf freien Fuß kam, musste die Öffentlichkeit beruhigt werden. Kurz dachte er über das Wort nach – beruhigt. Wie zum Teufel sollte er denn die Öffentlichkeit beruhigen, wenn Varsity Blue aus der Haft entkommen konnte? Sollte er die Leute ermahnen, auf keinen Fall Collegehalstücher zu tragen? Den Studentinnen davon abraten, ihre Vorlesungen zu besuchen? Der Verbindungsbeamte der Polizei hatte sich hilfsbereit gezeigt, und Munro war darüber informiert, dass das letzte Mädchen, das Lomas überfallen hatte, bereits unter Polizeischutz stand. Er hatte außerdem erfahren, dass die National Crime Agency, die Staatspolizei NCA, einen Detective Inspector herschickte, der die Flucht untersuchen sollte.

Ehe Munro das Gefängnis verließ, war es ihm noch gelungen, rasch mit Kate Crowther zu sprechen. Sie hatte ihm glaubhaft versichert, dass ihre Beziehung zu Lomas rein beruflicher Natur war und sie ihm nicht bei der Flucht geholfen hatte. Ein wenig war sie errötet, vermutlich aus Verärgerung, dass er ihr die Frage überhaupt stellte, aber vielleicht hatte sie auch ein schlechtes Gewissen. Er war der Sache nicht auf den Grund gegangen – er war müde gewesen und hatte gewusst, dass er es bereuen würde, wenn er aussprach, was er wirklich sagen wollte. Den Verbindungsbeamten zur Polizei weihte er in die Gerüchte über ein Verhältnis Crowthers mit Lomas ein. Vielleicht war doch etwas vorgefallen. Sie wäre nicht die erste Psychologin, die sich auf einen Häftling eingelassen hatte. Psychopathen besaßen eine besonders verführerische Ader, mit der sie auch den widerstrebendsten Psychologen für sich gewinnen konnten, und Lomas gehörte zu den gruseligsten Psychopathen, die Munro je begegnet waren. Munro hatte mit Crowther vereinbart, dass sie sich gemeinsam später am Tag mit dem Beamten von der NCA zusammensetzen würden. Sie sollte über Lomas’ Geisteszustand referieren. Munro war gespannt, was er dabei über ihr Forschungsprojekt erfuhr. Es drehte sich um die Motivation von Serienkillern und wurde vom Staat finanziert, aber was waren die Motive von Dr. Kate Crowther? Was hatte sie davon?

Als er nun wieder auf die einspurige Straße voller Schlaglöcher einbog, die zum Gefängnis führte, sah er die TV-Kameras, die vor der Torwache aufgebaut wurden. »Früh dran«, murmelte er und blickte auf die Uhr. Halb sieben. Er parkte auf einem leeren Stellplatz und war froh, dass er die Haustechnik dazu hatte bringen können, die Schilder zu entfernen, auf denen die Parkplätze mit Namen und Dienstgrad reserviert wurden. »Die beste Möglichkeit, einem Terroristen zu stecken, wer gerade in der Anstalt ist und wer nicht«, hatte er erklärt.

Außerdem konnte er auf diese Weise anonym bleiben, wenn die Medien in der Nähe waren, indem er sich als normaler Gefängnismitarbeiter ausgab. Und von Mitarbeitern wimmelte es hier. Er sah Jim Dabell, der am Vorabend solche Mühe gehabt hatte, die Anwesenheitsliste zu erstellen, Dave Cotterill, der als Sicherheitschef der Vollzugsanstalt fungierte, und die »beiden Jacks«: Jack Wright, den korpulenten Vertreter der Gefängniswärtergewerkschaft in Greenbank, sowie Jack Cook, den erfolgreicheren und mit Sicherheit schlankeren Betreuer des Drogenschnüffelhundes. Munro erkannte noch einige andere, aber hauptsächlich sah man zu dieser frühen Stunde Wärter, einen oder zwei externe Lehrer und ein paar Leute von der Haustechnik, die die Vollzugsanstalt am Laufen zu halten hatten. Er entdeckte auch John Johnsson; so früh hatte er seinen Stellvertreter noch nie auf der Arbeit gesehen.

Er läutete die Glocke an der Torwache, die angebracht worden war, als das Gefängnis 1963 eröffnet wurde. Während er darauf wartete, dass man ihm die schwere Holztür öffnete, hörte er, wie jemand seinen Namen rief.

»Munro, Munro, mein Freund, tut mir leid zu hören, welche Probleme Sie haben. Teufel noch eins, ein Ausbrecher. Sie müssen sich schrecklich fühlen, und das so kurz nach Ihrem Amtsantritt. Dieser Bobby Lomas war schon immer ein gerissener Hund. Den habe ich stets genau im Auge behalten.« Wooldridge reichte ihm die Hand und wies auf die Kameras. »Die standen heute Nacht vor meiner Tür. Sie haben einen Wagen den weiten Weg nach Dorset geschickt, nur um mich abzuholen. Sie haben versprochen, mich gleich nach dem Interview wieder nach Hause zu bringen. Ich konnte mich ja schlecht weigern. Sicher verstehen Sie das.«

»Natürlich, Wooldridge.« Munro überlegte, wie hoch das Honorar war, das sein Vorgänger an dieser Bescherung verdiente. Ihm ersparte Wooldridges Anwesenheit die hochnotpeinliche Befragung vor laufender Kamera, und wenn alles in die Hose ging, würde Wooldridge das Feuer auf sich ziehen. Munro konnte im Hintergrund bleiben.

Ein Reporter, der sein Glück kaum fassen konnte, unterbrach sie. »Governor, Governor Munro? Ein kurzes Statement bitte. Könnten Sie in einem Satz zusammenfassen, wie groß die Bedrohung ist, die Bobby Lomas nach seiner Flucht für die Gesellschaft darstellt?«

Der Torwärter rettete Munro und ließ ihn in die Anstalt, während der Reporter und Wooldridge vor der Mauer zurückblieben. Das Interview konnte warten, aber Munro bat den Beamten zu veranlassen, dass jemand einen Fernseher in sein Büro stellte, damit er hörte, was Wooldridge in den Morgennachrichten sagte. Munro übergab seine Schlüsselmarke – Nummer 1 – und erhielt dafür einen Schlüsselring, den er mit einer Stahlkette am Gürtel befestigte, ehe er den Bund in die Hosentasche schob. Der Torwärter trug die Uhrzeit der Übergabe ins Wachbuch ein, und Munro wurde zur anderen Tür hinausgelassen und betrat das eigentliche Gefängnisgelände.

Jenseits der Mauer – auf der Innenseite der Vollzugsanstalt – bildete der Gefängnisgarten eine Oase aus Blumen und Büschen. Sie parfümierten den Gang von der Torwache zu den flachen, grauen anonymen Gebäuden, die das Gefängnis darstellten.

Munro hatte keine Zeit zu verweilen, und wie alle Governors ging er eiligen Schrittes – eine Abwehrtechnik, die jeder lernte, der im Vollzugsdienst überleben wollte. Anstaltsleiter hatten die Pflicht, täglich eine Runde durch die komplette Haftanstalt zu machen, und wenn das Gefängnis groß war und eine weite Fläche bedeckte, wie Greenbank, das mehr als vier Hektar umfasste, konnte die »Runde« den ganzen Tag dauern. Zur Eile gab es noch einen anderen Grund: damit ihn die Häftlinge nicht belagerten. Jeder von ihnen wollte etwas von ihm – eine Beschwerde anbringen, eine Bestätigung für seine positive Entwicklung haben, eine Vergünstigung im Tausch gegen ein saftiges Gerücht. Munro empfand die Atmosphäre in Greenbank als weniger bedrohlich denn in anderen Anstalten; es war aber auch möglich, dass sie sich hier besser darauf verstanden, alles Bedrohliche zu verbergen. Sicher sein konnte er sich nicht. Auf jeden Fall hatte ihn noch nicht dieser Blick getroffen, der bedeutete, dass ihm vielleicht demnächst in einer dunklen Gasse die Beine gebrochen wurden oder dass sein Haus unter ungeklärten Umständen in Brand geriet.

Sobald er drinnen war, musste er zwei weitere Tore und eine verschlossene Tür passieren, dann stieg er die Treppe zu seinem Büro hoch. Dort wartete jemand bereits auf ihn. Kate Crowther.

»Können wir reden?«, fragte sie, ganz Entschlossenheit und Südstaatlerin.

Sein Büro war luftig, fast fröhlich. Munro mochte seine Arbeitsumgebung so komfortabel wie irgend möglich. Bei der Arbeit war er oft glücklicher als an dem Ort, den er nun sein Zuhause nannte. Aus diesem Grund hätte er vergangene Nacht lieber im Gefängnis geschlafen als im White Hart, wo er mit seinen Gedanken allein war und die abgestandene Luft nach Frittierfett roch. An den Wänden des Büros hingen Ölgemälde im Original und ein Druck von Mark Gertlers Merry-Go-Round, auf den Fensterbänken standen hübsche handgedrechselte Holzschalen und zwei Vasen mit Narzissen. Nicht ganz das, was man bei einem »harten Hund« erwartete, aber wer kannte schon den echten Munro?

Er sah Crowther an und fragte sich, was sich hinter ihren weichen Zügen, ihrer Südstaatenschönheit verbarg. Mit einer Handbewegung bot er ihr einen Platz an und schaltete den Wasserkocher ein.

»Kaffee?«

Crowther nickte. Wie zu sich selbst sagte sie: »Ich habe nicht viel geschlafen.«

Munro stellte sich ungnädig vor, wie Bobby Lomas sie nagelte, vertrieb die Vorstellung aber rasch aus seinem Kopf, als er sich setzte. An der Tür klopfte es. Ein Wärter trug einen tragbaren Flachbildfernseher herein.

»Gucken Sie sich das lieber an, Guv, ich hab gehört, wir sind die Topstory.«

Munro blickte auf das Namensschild des Wärters – Officer R. Collins. Den Vorspann verpassten sie, aber sie hörten den Nachrichtensprecher verkünden: »Wir schalten jetzt live nach Greenbank, wo unser Korrespondent Jon Gilman ein Exklusivinterview mit dem ehemaligen Leiter der Vollzugsanstalt führt.«

Munro erkannte Gilman als den Reporter, der ihn am Tor auszufragen versucht hatte.

»Danke, Peter. Ja, hier neben mir steht Martin Wooldridge, der bis zu seiner Pensionierung vor drei Monaten der Governor von Greenbank war, der einzigen Vollzugsanstalt des Landes, die als therapeutische Gemeinschaft betrieben wird, und aus der gestern Abend Bobby Lomas entkommen konnte, der als Varsity Blue bekannt ist. Mr Wooldridge, schockiert Sie die Flucht?«

Wooldridge blickte direkt in die Kamera. »Der Vorfall überrascht mich sehr. Eine schreckliche Sache. In den zwanzig Jahren, in denen ich Governor war, hat sich jedoch kein einziger Ausbruch ereignet.«

»Glauben Sie, der neue Governor, Mr Munro, muss die Verantwortung für diese entsetzliche Vernachlässigung der Sicherheit übernehmen?«

»Nun, es ist noch zu früh für Schuldzuweisungen, und zweifelsohne wird es eine Untersuchung geben, Jon, aber ich bin mir sicher, Mr Munro macht sich große Sorgen.«

»Er ist als Hardliner bekannt, und seine Ernennung hat für viele eine große Überraschung bedeutet. Halten Sie ihn für schlicht ungeeignet für ein Gefängnis dieser Art?«

»Schwer zu sagen, aber wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die Leitung einer therapeutischen Gemeinschaft nicht mit der Leitung einer herkömmlichen Vollzugsanstalt zu vergleichen ist. Da sind andere Fähigkeiten erforderlich, andere heikle Punkte zu beachten.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Mr Munro diese Fähigkeiten nicht besitzt?«

»Das lässt sich jetzt noch nicht sagen, aber hoffen wir um unser aller willen, dass er sie besitzt.«

»Wie würden Sie auf die Kritik vieler Kommentatoren antworten, dass therapeutische Gemeinschaften nicht der richtige Ort sind, um einige der schlimmsten Wiederholungstäter zu bestrafen, die wir in unserem Land erlebt haben?«

»Ach, Jon, das ist doch ein alter Hut. Sie dürfen eines nicht vergessen: Ins Gefängnis kommt man als Strafe, nicht zur Bestrafung. Die Strafe ist die Zeit, die man im Gefängnis verbüßt, nicht das, was einem im Gefängnis widerfährt. Und Greenbank, einzigartig unter unseren Vollzugsanstalten, kann für sich in Anspruch nehmen, dass es zahlreichen Wiederholungstätern eine echte Chance bietet, sich zu ändern. Und vergessen Sie auch nicht, dass die meisten Insassen nie mehr auf freien Fuß kommen werden.«

»Aber ausbrechen können sie! Was halten Sie davon, dass Lomas auf der Flucht ist und noch mehr Blut vergießen kann? Sind wir noch sicher in unseren Häusern?«

Wooldridge beschwichtigte ihn. »Das ist eine berechtigte Sorge, und ich bin sicher, dass Munro alles Menschenmögliche tut, um den Ausbrecher zu fassen. Die landesweite Fahndung ist angelaufen, es wird jeder Stein umgedreht …«

Munro schaltete den Fernseher aus. Officer Collins verdrückte sich aus dem Büro des Governors. Munro klatschte sich mit der Faust in die Hand. Er spürte die kleinen Stiche wie von Lasern hinter den Augen, die Kopfschmerzen ankündigten, das warnende Bellen des schwarzen Hundes. Er bemerkte, dass Kate Crowther verlegen aussah. Er reichte ihr einen Kaffee.

»Sie wollten mich sprechen?«

»Ja, sehen Sie, es ist nur …« Crowther rang um Worte.

»Nur keine Hast.« Munro sah, dass ihre Augäpfel leicht gerötet waren.

»Hören Sie, es gibt Gerüchte, dass Bobby Lomas und ich so eine Art Liebespaar wären. Das ist kompletter Blödsinn, und ich wollte Ihnen nur sagen, dass meine Beziehung zu ihm rein beruflicher Natur ist – oder war. Ich gebe zu, dass ich ihn öfter als alle anderen gesehen habe, aber nur, weil er so gute Fortschritte machte. Ich bekam so viel Material. Richtig gutes Material.« Sie schien noch etwas hinzufügen zu wollen, doch dann schwieg sie.

Munro fragte: »Wie definieren Sie eine berufliche Beziehung?«

Kate schaute unbehaglich drein. »Unsere Rollen sind klar, ich stelle die Fragen, er beantwortet sie, und wir versuchen, die Teile zusammenzusetzen.«

»Objektiv?«

»Natürlich.«

»Aber Sie müssen ihm doch helfen, seine Story zu erschaffen. Ein Glanzpunkt hier, eine Richtungsvorgabe dort. Sie sind keine passive Zuschauerin, nicht wahr?«

»Meine Rolle besteht im Aufzeichnen und Dokumentieren.«

»Kommen Sie schon, Dr. Crowther, es ist doch nicht so, dass er gibt und Sie empfangen. Sie müssen mit ihm fühlen, in seine Welt eintreten, sie für ihn formen, sie real und vollständig machen, die Lücken füllen. Allein dadurch, dass er Ihnen seine Geschichte erzählt, bestätigt er sie. Kommen Sie sich deswegen nicht ein bisschen … wie war das Wort … schmutzig vor?«

»Es ist meine Aufgabe.«

»Und je näher Sie ihm kommen, desto besser erledigen Sie Ihre Aufgabe?«

»Worauf wollen Sie hinaus? Ich sagte Ihnen bereits, es ist eine berufliche Beziehung. Ich verfolge ein Ziel, eine Absicht, ich habe eine Abhandlung zu schreiben, durch die unsere Welt ein bisschen sicherer wird. Das ist meine Arbeit. Ich werde nicht von meinem Stoff high. Ich ficke nicht mit meinen Klienten.«

»Woher wissen Sie, dass er Sie nicht belogen hat?«

»Das kann ich nicht wissen.«

Munro wandte sich ab. Er betrachtete den Gertler-Druck mit der wütenden, endlosen Drehung des Karussells, die Schaufensterpuppen mit ihren starren Mienen. Eine Fliege surrte gegen das Fenster. Er trat näher und musterte sie genauer. Es war eine Wespe, für Munro ein Schädling, geballte Boshaftigkeit ohne den geringsten Nutzen für die Menschheit. Sie war benommen vor Erschöpfung, berauscht von ihrem Drang zu entkommen, die unsichtbare Barriere zu durchbrechen, die sie von der Außenwelt trennte. Munro zermalmte sie unter seinem Daumen.

Dann drehte er sich wieder zu Crowther um. »Erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit.«

5

Die Straße führt am Pub vorbei. Sie ist einspurig. Wenn ein Auto kommt, muss man sich mit dem Rücken gegen die Hecke drücken. Wenn. Abends fährt hier nur selten ein Wagen. Die meisten Einheimischen gehen zu Fuß – einfach zu viele Alkoholkontrollen heutzutage. Auf der anderen Seite der Hecke liegt die Dorfwiese, auf der immer das Cricket-Team spielt. Am anderen Ende steht der Pavillon, eine leicht windschiefe Holzkonstruktion, hinter der an Sommerabenden die Schulkinder qualmen oder fummeln. Wenn er Platte macht, ist es kein Ding, in den Pavillon reinzukommen. Heute Abend kommt das orange-gelbe Licht einer Straßenlaterne von der Stelle, wo die schmale Straße abbiegt. Danny sitzt unter dem Holzschild des Pubs, auf dem The White Hart steht. Es knarrt im leichten Wind. Er raucht, eine Selbstgedrehte.

»Danny Boy, oh Danny Boy, I love you so.« Seine Mutter hat ihm das Lied immer vorgesungen, wenn die Sonne über der irischen Landschaft unterging. Dort ist er aufgewachsen. Als sie den Verstand verlor, war er fünf oder sechs. Mit einem Mal behauptete sie, sie wäre die Mätresse des Teufels und Danny wäre Satans Sohn, die Brut des Teufels. Sie hat dann immer was Komisches mit ihren Händen gemacht, die Finger zu Klauen gekrümmt und gefaucht. Er wurde richtig dünn, weil sie ihm nichts mehr zu essen gab, bis eines Tages sein Lehrer vorbeikam und nach dem Grund fragte. Danach bekam er Katzenfutter aus der Dose, schon einiges besser als gar nichts. Sein Vater war ein Satanist, trug so ein Black-Sabbath-Shirt mit der Aufschrift Paranoid oder das von Venom mit Welcome to Hell und dem schiefen Ziegengesicht. Sein Vater nahm Rauschgift, und deshalb fing auch Danny damit an. Amphetamin war damals noch richtig billig. Irgendwann stieg sein Vater auf Heroin um, und das war super, denn wenn er den Stoff hatte, dann rastete er nicht mehr aus und prügelte Danny nicht so viel. Seine Untersuchungen gab sein Vater aber nicht auf. Fast täglich hat er Dannys kleinen Körper »sondiert«, wie er es nannte, bis Danny abgehauen ist. Die Sondierungen waren nämlich immer verflucht schmerzhaft, schlimmer als die Prügel.

Danny kam nach London und hatte dauernd Ärger mit dem Gesetz, und er machte noch mehr Scheiß, über den er lieber nicht redet, aber in Greenbank haben sie ihn zur Räson gebracht, nach Jahren voller Rein-Raus, Irenwitzen und Schlimmerem. Lange ist er noch nicht draußen, und London macht ihm heute Angst, deshalb sitzt er hier auf dem Boden mit einer Schottenmütze vor sich, in der ein paar Münzen liegen, und ein Fünfer, den er sich als Köder aufspart. Die meisten Leute, die vorübergehen, achten nicht auf ihn; die Mädels sind es, die ihm manchmal ein bisschen Kupfergeld in den Hut werfen, ab und zu sogar mal Silber. Er schenkt ihnen dann ein breites Lächeln und salutiert wie Sergeant Bilko, übertrieben und lustig, aber aufrichtig.

Bald ist Polizeistunde, vielleicht belebt sich das Geschäft noch einmal. Andererseits ist es mitten in der Woche.

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