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Das Gesetz der Rache

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. ERSTER TEIL
    1. DER JUNGE, DER FIEL / I
    2. Eins
    3. Zwei
    4. DAYBREAKER
    5. Drei
    6. REVENANTS – WIEDERGÄNGER / I
    7. Vier
    8. REVENANTS – WIEDERGÄNGER / II
    9. Fünf
    10. 30. NOVEMBER
    11. REVENANTS – WIEDERGÄNGER / III
    12. 1. DEZEMBER
    13. Sechs
    14. DER JUNGE, DER FIEL / II
    15. REVENANTS – WIEDERGÄNGER / IV
    16. Sieben
  7. ZWEITER TEIL
    1. Acht
    2. GRADUATION / I
    3. Neun
    4. GRADUATION / II
    5. Zehn
    6. GRADUATION / III
    7. Elf
    8. GRADUATION / IV
    9. Zwölf
    10. 19. JUNI
    11. GRADUATION / V
    12. Dreizehn
  8. DRITTER TEIL
    1. GRADUATION / VI
    2. Vierzehn
    3. Fünfzehn
    4. Sechzehn
    5. THE NIGHT SHIP GIRLS – DIE MÄDCHEN VOM NACHTSCHIFF
    6. Siebzehn
    7. DER JUNGE, DER FIEL / III
    8. Achtzehn
    9. Neunzehn
    10. Zwanzig
    11. GRADUATION / VII
    12. Einundzwanzig
    13. Zweiundzwanzig
    14. Dreiundzwanzig
    15. Vierundzwanzig
    16. Fünfundzwanzig
    17. Sechsundzwanzig
    18. Siebenundzwanzig
    19. DER STURMKÖNIG

Über dieses Buch

Darauf hatte Nate McHale gewartet. Prasselnder Regen, grollender Donner und gleißende Blitze. Die Gewalt der Natur weckte eine Wut in ihm, die sich gegen alle richtete, die es verdient hatten. Schmerz war Schwäche, Wut war Macht, und Rache war sein Werkzeug. Und seine Feinde würden nicht ungestraft bleiben.

Greystone Lake, 14 Jahre später.

Noch immer schwelen Geheimnisse, Verdächtigungen und Hass. Als das Skelett einer vermissten jungen Frau gefunden wird, zieht es Nate McHale zurück an den Ort seiner Vergangenheit. Offenbar sind die Geschehnisse von damals nicht vergessen, denn es verschwinden erneut Jugendliche. Und es wird klar: Der nächste Sturm zieht auf.

Über den Autor

Brendan Duffy ist von Beruf Lektor. Er lebt in New York.

BRENDAN DUFFY

DAS GESETZ DER

RACHE

THRILLER

Aus dem amerikanischen Englisch
von Axel Merz

ERSTER TEIL

DIE KÜSTE ENTLANG

DER JUNGE, DER FIEL/I

Samstage im Frühling bedeuten für Nate vor allem eines: Baseball.

Seine Teamkameraden denken, dass es entwürdigend ist, Outfielder zu spielen, doch Nate gefällt es. Es hat einen meditativen Reiz, den Morgen mit dem Beobachten hart geschlagener Bälle zu verbringen, wie sie sich in der Luft drehen und bis zum Scheitelpunkt ihrer Parabelkurve langsamer werden.

Er ist nicht gerade der wachsamste Fielder, aber er ist okay an den Plates. Er ist Dritter in der Schulauswahl bei den RBIs, den Runs Batted In, und wenn er seine Warmup-Schwünge macht, sind die Rufe von den Bänken authentisch.

Seine Mutter, sein Vater und sein Bruder sind an diesem letzten Samstag im April unter den Zuschauern, die ihn anfeuern. Es ist nur ein Trainingsspiel gegen North Hampstead, daher ist Moms Anwesenheit ungewöhnlich. Sie kommt zu den richtigen Spielen, doch an den restlichen Wochenenden steht sie mit der Sonne auf und arbeitet in ihrem Gemüsegarten. Nates kleiner Bruder Gabe spielt meistens im Gras, während Mutter sich um die Pflanzen kümmert. Heute ist keiner von ihnen im Garten. Mom hat sich den Rücken gezerrt, und ihre Setzlinge überleben auch ein paar Tage ohne Unkrautjäten. Gabe hat nichts dagegen, denn er mag Baseball. Seit einiger Zeit zählt er die Tage, bis er aus dem Teeball aufsteigt. Dad schafft es nicht zu allen Spielen von Nate, aber heute ist so ein Tag, der jede einzelne Zelle in Nate zum Singen bringt. Dad kann die Times genauso gut auf der Tribüne lesen, wenn das Spiel stockt, wie zu Hause auf dem Küchentisch.

Nates Team gewinnt dank eines Triple, das er im neunten Inning schlägt. Obwohl die Partie nicht bedeutsam ist, gibt es von überall ringsum Applaus und Lächeln. Der Coach schenkt Nate den Spielball, und Nate ist stolz, dass seine Familie da war und ihn gut hat spielen und gewinnen sehen.

Mom nennt ihn ihren Baseball-Helden. Welchen Kuchen der Baseball-Held denn gerne am Abend zum Dessert hätte, möchte sie wissen. Es gibt einen Biomarkt im Werftviertel, und sie backt ihm jeden Kuchen, den er sich wünscht. Sie fragt ihn, ob sie den Spielball sehen darf, und auch das erfüllt ihn mit Stolz.

Sein Team spielt auf einem der High-School-Plätze, fast im Zentrum von Greystone Lake, und von dort aus sind es in Dads altem schwarzen Passat nur ein paar Minuten Fahrt bis zum Werftviertel. Das Viertel wiederum liegt nur ein paar Minuten vom Heim der McHales am Great Heron Drive. Die Stadt am Seeufer ist nicht besonders groß.

Es ist noch früh im Jahr für Touristen, trotzdem herrscht auf dem Markt bereits ein beträchtliches Gedränge. Die Besucher sind auf Honig, Schinken und Backwaren aus, während die Einheimischen aus Greystone Lake und anderen, nahe gelegenen Gemeinden von auswärts herangeschaffte Erzeugnisse kaufen sowie frischen Fisch aus dem See. Der Himmel ist strahlend blau, und es geht ein warmer Wind, sodass Dad vorschlägt, zum Kap zu fahren und dort ein Picknick zu machen. Das geschieht nicht sonderlich oft, doch es ist ein berauschender Tag. Der See glitzert in der Sonne, und von dort oben sieht die Stadt aus wie ein Juwel in einer Krone aus Bergen.

Sie kaufen Baguettes, gepökeltes Fleisch, Käse und in der Sonne gebraute Eistees. Gabe erbettelt für sich eine Flasche Root Beer. An den Ständen werden Kirschen aus Kalifornien und Erdbeeren aus Arizona angeboten, doch Nate interessiert sich für die ersten Pfirsiche der Saison aus Florida. Er betastet sie so behutsam wie den Kopf eines Neugeborenen. Mom kauft einen ganzen Korb davon.

Der Kofferraum des Passat ist vollgestopft mit Baseball-Ausrüstung und einem Stapel unkorrigierter Arbeiten aus Dads Geschichte-der-USA-Unterricht, also stellt Dad die Tüten mit den Einkäufen nach hinten zu Nate und Gabe, und Mom sitzt vorn mit den Pfirsichen auf dem Schoß. Nates Spielball liegt immer noch dort, wo sie ihn auf dem Sitz hat liegen lassen. Um sich nicht darauf zu setzen, legt sie den grasbefleckten Ball behutsam zu den Pfirsichen in den Korb.

Das ist wichtig.

Später wird Nate bewusst, dass alles wichtig war.

Das Kap erhebt sich am Westufer des Sees in einem geschützten Waldgebiet, das durchzogen ist von Wanderwegen. Parkplätze bilden die Ausgangspunkte der größeren davon. Unter den interessanteren Ecken, die das Kap überziehen, gibt es eine bestimmte Lichtung, die der Lieblingsplatz von Nates Eltern ist. In den Tiefen des alten Waldes senkt sich eine freie Fläche dem Ufer entgegen und bietet einen unvergleichlichen Ausblick auf den See und die Stadt.

Um ihn zu erreichen, passieren sie die großen Häuser des Strandviertels, bis sich der Boulevard verzweigt und die Straße hinauf zum Kap führt. Sie windet sich in Serpentinen den Berg hoch, und sie ist in den Wintermonaten gesperrt, weil die engen Kurven zu gefährlich sind.

Doch an diesem Samstag im April ist der Winter nur noch eine ferne Erinnerung. Der Wind trägt Frühlingsdüfte in den Wagen, und Wasservögel patrouillieren das Ufer des Sees tief unter ihnen.

Nate beobachtet einen Schwarm dieser Vögel, als der Passat unvermittelt schlingert und er mit dem Kopf hart gegen die Scheibe prallt. Er blickt hoch und sieht einen grünen Jeep mit eingeschalteten Blinkern bedrohlich dicht vor der Windschutzscheibe. Seine Mutter stößt einen erschrockenen Laut aus, und der Korb mit den Pfirsichen in ihrem Schoß kippt um. Plötzlich ist da noch ein zweiter Wagen, ein glänzender SUV, der ihnen auf der Mittellinie entgegenkommt wie ein auf einem Drahtseil balancierender Elefant. Dad gibt Gas, um ihm auszuweichen. Direkt vor ihnen liegt eine Haarnadelkurve.

Nate sieht, wie Dad auf die Bremse tritt, doch ihre Geschwindigkeit verändert sich nicht. Er hört Mom den Namen seines Vaters schreien, während sie sich vorbeugt, um an etwas bei seinen Füßen zu zerren. Die Pfirsiche, wird Nate bewusst. Nein, denkt er einen Sekundenbruchteil später. Der Baseball. Dad kann nicht bremsen, weil sich der Baseball unter dem Pedal verklemmt hat. Mom versucht ihn wegzuziehen, aber das geht nicht, weil Dad mit aller Kraft auf das Pedal tritt.

Gabe fasst herüber und packt Nates Hand. Das überrascht Nate in der Hast des Augenblicks genauso sehr wie der Schlag gegen das Fenster, denn Gabe hat an seinem letzten Geburtstag, seinem sechsten, allen sehr klargemacht, dass er erwartet, nicht mehr wie ein Baby behandelt zu werden. Nate starrt seinen Bruder an und sieht, dass sein Mund weit aufgerissen ist, doch nicht ein Laut kommt hervor.

Er will Gabe sagen, dass er keine Angst haben muss, doch in diesem Moment brechen sie durch die Leitplanke. Der helle Himmel, der die Windschutzscheibe ausgefüllt hat, verdunkelt sich zum konturlosen Blau des Sees. Es sind nicht mehr als ein paar Sekunden vergangen, seit Nate sich den Kopf am Glas angeschlagen hat, doch dieses Leben ist bereits vorbei. Das begreift er, als Mom sich umdreht und ihn ansieht.

Er versucht oft, sich den Blick in ihren Augen ins Gedächtnis zu rufen. Was versucht eine Mutter ihrem Kind zu übermitteln, wenn beide nur noch Sekunden zu leben haben? Angst oder Bedauern? Trauer oder Mitleid? Wenn Nate sich ihren Gesichtsausdruck in jenem Moment vorstellt, versucht er, Liebe zu finden. Doch das Einzige, was er sehen kann, ist nacktes Entsetzen. Sie fallen viel zu schnell, als dass es irgendetwas anderes sein könnte.

In den Filmen, die Nate gesehen hat, werden derartige Ereignisse meist in Zeitlupe gezeigt. Dies unterstreicht die Bedeutung der Szene. In jenen zerbrechlichen Sekunden erhält jeder Blick und jede Geste gewaltige Tiefe. Das Bewusstsein dehnt sich aus, wenn es sein unmittelbar bevorstehendes Ende verspürt.

Doch diese Momente dehnen sich nicht für Nate. Der Passat mit seinen anderthalb Tonnen fällt wie ein Stein. In einem Moment sind sie schwerelos, und seine Mutter sieht ihn an – und im nächsten explodiert die Scheibe, und der See verschlingt sie.

Als Nate wieder zu sich kommt, liegt er auf den Felsen. Von irgendwoher kommt ein gequältes Geräusch. Ein rauer, ächzender Schrei wie von einer Person, die in zwei Hälften zerrissen wurde. Er hallt über das Wasser und die Klippen hinauf, als könnte er keinen Platz zum Verweilen finden. Nates Brust fühlt sich an, als wäre sie in der Faust eines Riesen zerquetscht worden. Atmen ist purer Schmerz. Er kann seinen Arm nicht spüren, und sein Baseball-Trikot ist mehr rot als weiß. Sein erster Gedanke ist, dass die glitzernde Oberfläche des Sees eine Lüge ist, denn ihm ist kalt bis ins Mark. Und er hat eine Phantomerinnerung an Eiswasser, das wie ein Schraubstock um seinen Hals liegt.

Sein Körper ist durchzogen von Schmerz, und er zittert vor Kälte. Er wischt sich Blut aus den Augen und sucht das steinige Ufer nach seiner Familie ab, doch da ist niemand.

Erst jetzt wird ihm bewusst, dass der raue Schrei, den er die ganze Zeit hört, sein eigener ist.

Eins

Nate McHale hatte Feiertage und Hochzeiten und mehr Geburtstage versäumt, als er zählen konnte. Es bedurfte einer Beerdigung, um ihn nach Hause zurückzubringen.

Ein Greyhound brachte ihn nach Syracuse, wo er in eine lokale Linie umstieg, die den weiten Weg ins North Country bediente. Acht Stunden nachdem er die stickige Fluoreszenz der Port Authority hinter sich gelassen hatte, war er wieder in den Ausläufern der Adirondacks.

Aufgeschlagen in seinem Schoß lag ein medizinisches Journal, obwohl er seit vielen Meilen kein Wort mehr gelesen hatte. Stattdessen war er an seinem Telefon und lauschte dem Bericht einer Assistenzärztin seiner Abteilung, die die Schlachten dieses Morgens schilderte. Blutbilder, Biopsiedaten, Scan-Analysen. Steigende Werte, fallende Werte, unveränderte Werte. Dieser Tage wurden mehr Schlachten gewonnen als verloren – das Beste, worauf man hoffen durfte als jemand, der den Krebs bekämpfte. Die Fehlschläge schmerzten trotzdem.

Er hatte nach den Resultaten einer größeren Lymphknotenresektion gefragt, die er an Nia Kapur durchgeführt hatte, einer spitzbübischen Neunjährigen mit riesengroßen, bernsteinfarbenen Augen und dem besten, rotzigsten Lachen, das er je gehört hatte. Er hatte mit Nia und ihren Eltern gearbeitet, seit er seine Stelle in der pädiatrischen chirurgischen Onkologie angetreten hatte. Doch die Resultate der Lymphknoten-Extirpation waren nicht gut. Die Daten, die die Assistenzärztin durchgab, bedeuteten, dass seine Zeit mit den Kapurs dem Ende entgegenging.

»Doktor McHale?«

»Entschuldigung, Gina. Schlechter Empfang hier draußen.« Er räusperte sich. »Können Sie die letzten Daten bitte noch einmal wiederholen?«

Nate lauschte dem, was er verpasst hatte, bedankte sich für ihren Bericht und wünschte ihr viel Glück bei der Bewältigung des aufziehenden Sturms.

Ein Hurrikan fetzte entlang der Küste nach Norden und kam immer näher.

Medea.

Irgendjemand beim Nationalen Wetterdienst hatte damit angefangen, die Namen von Hurrikans nach klassischen Gestalten zu benennen: Antigone, Brutus, Circe – und somit jedem neuen Sturm Bedeutung und einen Hinweis auf Feindseligkeit verschafft. Nate überlegte, dass vielleicht bald eine Zeit kommen würde, in der man Stürme nach vergessenen Göttern benannte, Göttern, deren Energie und Zorn sich durch Jahrtausende menschlicher Vernachlässigung hindurch aufgestaut hatten.

Der Zeitpunkt des Sturms war denkbar schlecht. Auf seine eigene Weise war er zugleich perfekt.

Der Bus rumpelte um eine Kurve, und Nate beobachtete, wie die Linie zwischen Land und Himmel zu einer vertrauten Kontur verschmolz. Es war September, doch die Scheibe war eiskalt unter seinen Fingern, und das leuchtende Grün der sommerlichen Berge nahm stellenweise bunte Farben an. Der ungezähmte Wald wich nach und nach ersten Häusern mit ordentlich getrimmten Rasen und gepflegten Blumenbeeten. Durch die Bäume hindurch erhaschte er einen ersten Blick auf Licht, das von dunklem Wasser reflektiert wurde.

Es war eine lange Reise gewesen, doch Nate war endlich angekommen.

Er war einer der letzten Fahrgäste im Bus und der Einzige, der beim Marktplatz ausstieg.

Im ersten Moment sah Greystone Lake mehr oder weniger genauso aus wie damals, als er fortgegangen war. Die neoklassizistische Kuppel der Stadthalle war immer noch herbstahornrot gestrichen. Die Kalksteinfassade des Empire Hotel schimmerte immer noch wie Perlmutt durch die Hartriegel-Sträucher, die den Platz säumten. Im Norden ging es zum Kap, im Osten lag das Werftviertel, und im Süden waren die Berge. Das war Greystone Lake. Das war zu Hause. Nate kannte jeden Winkel wie seine eigene Hosentasche.

Er zog den Griff seines Koffers heraus und machte sich auf den Weg in Richtung des Werftviertels. Es war vierzehn Jahre her, seit er über diese Straßen gegangen war, und er musste sich bei jedem Schritt ins Gedächtnis rufen, dass dies kein Traum war. Die Umrisse eines jeden Gebäudes, der Bogen jedes Bordsteins und jeder Laternenpfahl – alles war vertraut, doch alles hatte sich verändert. Nate hatte sich ebenfalls verändert.

Als er den Kingfisher Boulevard hinunterging, wurde ihm klar, warum es so viele Sinnsprüche über diese Art von Heimkehr gab. Jeder Schritt bedeutete eine neue Runde von »Finde den Unterschied«. Neue Schilder über vertrauten Ladenfronten, obsolete Münzfernsprecher, die schicken Fahrradständern gewichen waren. Renovierungen, Umbauten, Neubauten. Nach so langer Abwesenheit heimzukehren war eine einzigartige Mischung aus Wiedererkennen und Entdecken.

Eine Traube von kleinen Kindern, zu jung, um bereits in die Schule zu gehen, wurde von ihren Erzieherinnen mit sanftem Nachdruck am Rand des Platzes entlanggeführt. Eine Windbö wirbelte ihnen einen Schwall getrockneter Blätter entgegen, was in lautem, hellem Gekreisch und gespieltem Entsetzen resultierte. Sie waren altersmäßig näher bei Livvy, doch im Moment war Nia Kapur das Kind, das Nate am stärksten beschäftigte. Er musste ihre Eltern anrufen. Es war die Sorte von schlechten Neuigkeiten, die er lieber persönlich überbrachte, doch es würden Tage vergehen, bis er zurück war, und die kleine Nia hatte möglicherweise nicht mehr allzu viele Tage übrig.

Er versuchte zu überlegen, was genau er sagen würde, doch die richtigen Worte für so eine Nachricht waren noch nicht erfunden.

Nate näherte sich dem Fuß des Hügels, wo er den ersten ungehinderten Ausblick auf den See hatte. Er lag ruhig und glitzernd im Sonnenlicht, doch Nate ließ sich davon nicht täuschen. Es gab ein wohlbekanntes Sprichwort in der kleinen Stadt an seinem Ufer: Der See spuckt immer wieder aus, was er nimmt. Das galt gleichermaßen für Fischernetze wie Wasserleichen, Strandgut oder Untaten.

Nate würde dieses Sprichwort bis an seine Grenzen testen, während er in Greystone Lake war.

Das Telefon in seiner Tasche vibrierte. Eine Textnachricht. Glücklich zu Hause?, wollte Meg wissen.

Es gab eine ganze Reihe von Adjektiven, um die kleine Stadt am Seeufer zu beschreiben, doch »glücklich« war nicht darunter. Gerade angekommen, tippte Nate zurück. Noch in NY?

Mit dem Bus zu fahren war eine grauenhafte Art hierherzureisen, doch mit einem Hurrikan der Kategorie drei, der an den Carolinas vorbeiwalzte, war es für Nate nicht infrage gekommen, Meg ohne den Wagen zurückzulassen. Noch vor zwei Tagen hatte alles danach ausgesehen, als würde der Hurrikan nach draußen auf den Atlantik ziehen, doch hoher Luftdruck hatte den Jetstream von seinem gewöhnlichen Kurs abgedrängt. Medea würde auf Land treffen, und wenn es so weit war, wäre es der schlimmste Sturm seit vielen Jahren, der den Nordosten heimsuchte.

Er hatte Meg regelmäßig mit neuen Meldungen versorgt, die seine Wetter-Apps ihm lieferten: Windgeschwindigkeiten, Bilder von zerstörten Küstenstädten, die unausweichlichen Vergleiche mit Katrina und Sandy. Wenn es um solche Dinge ging, war er sehr viel vorsichtiger als seine Frau. Trotzdem glaubte er, dass er Meg erfolgreich davon überzeugt hatte, Livvy aus der Stadt zu bringen und Medea im Haus ihrer Eltern in der Vorstadt abzuwarten – andererseits würde er erst Ruhe finden, wenn er die Bestätigung von ihr erhalten hatte, dass sie sicher angekommen waren. Google Earth zufolge lag das Haus seiner Schwiegereltern vierzig Meter über dem Meeresspiegel und mindestens zwei Meilen von jedem Fluss oder Bach entfernt, der vermutlich über die Ufer treten würde.

Auch ohne Medea kam die Reise in das nördliche Hinterland zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Meg glaubte, dass sie kurz davor stand, in ihrer Anwaltskanzlei Partnerin zu werden. Livvy hatte schon wieder eine Innenohrentzündung. Im Krankenhaus herrschte mehr Betrieb als üblich. Ihre Terminkalender waren wie ein Schachspiel in drei Dimensionen, trotzdem war Greystone Lake der Ort, wo Nate im Moment sein musste.

Er hätte sich einen Wagen mieten können für den Trip nach Norden, doch etwas an der Monotonie der Busfahrt hatte ihn gereizt. Die ruckhafte Beschleunigung, das schlingernde Bremsen, die verlässlichen Pausen an jedem geplanten Halt entlang der gewundenen Strecke. Den Bus zu nehmen fühlte sich weniger nach einer Fahrt als vielmehr nach einer Reise an, einem notwendigen Transit zwischen der Welt, die er sich erschaffen hatte, und der Welt, die ihn gemacht hatte. Er hatte während der Fahrt mehr gearbeitet, als er eigentlich vorgehabt hatte, doch er wusste auch, dass diese langen Stunden ihm geholfen hatten, sich an den Gedanken einer Heimkehr nach Greystone Lake zu gewöhnen. Selbst unter den besten Umständen würde es irritierend sein, das silberne Wasser des Sees ans Ufer schwappen zu sehen, die Geräusche des Verkehrs auf dem nassen Asphalt des Strandviertels zu hören und das Aroma der Bäume im Wind zu riechen.

Drei Wochen zuvor hatte seine Großmutter angerufen – gleich nachdem sie den Leichnam am Kap gefunden hatten. Das war noch, bevor er offiziell identifiziert worden war, doch Nate hatte nicht warten müssen, bis DNS-Analysen oder Zahnvergleiche vorlagen.

Grams’ Pub, das Union Points, lag gegenüber dem Werftviertel in einer gepflasterten Seitenstraße. Das Lokal sowie das schicke Backsteingebäude, in dem es sich befand, war seit mehr als einem Jahrhundert im Besitz von Nates Familie. Generationen von McHales hatten die Zapfhähne bedient und die Böden gewischt. Nate wusste längst nicht mehr, wo in dieser Stadt er in das Vermächtnis seiner Familie passte, doch beim Anblick des Lokals stieg immer noch ein warmes Gefühl in ihm auf.

Bis auf eine Plastikplane, wo eigentlich eine Fensterscheibe sein sollte, sah das alte Pub gut aus. Die schwarzen Dielenböden im Innern waren poliert, und an den nackten Ziegelwänden hingen Landschaftsfotografien vom See und der Stadt. Das Lokal war fast leer, nur drei College-Jungs am Tresen und eine Bootsbesatzung in einer Nische weiter hinten. Ein Mädchen mit schulterlangem schwarzen Haar tippte auf einer Flatscreen-Registrierkasse hinter der Theke.

Sie hatte ein Lächeln im Gesicht, doch als sie sich zu Nate umdrehte, versteifte sie sich. Ihr Gesichtsausdruck verschloss sich wie eine offene Blüte bei Anbruch der Nacht.

»Sie ist hinten«, sagte sie nach einer unbehaglichen Pause. Sie schien kaum alt genug, um hinter der Theke zu arbeiten. »Möchten Sie, dass ich sie hole?«

»Gerne«, sagte Nate.

In dieser Stadt war es zwecklos, sich zu wundern, dass ein so junges Mädchen ihn beim ersten Anblick erkannte.

Die College-Jungs beachteten ihn nicht, als er sich ein paar Hocker entfernt hinsetzte, doch die Einheimischen hinten in der Nische wurden still. Ihre Neugier zerrte an seinen Schultern, ein vertrautes Gewicht.

Er hörte Grams’ sichere Schritte schon, bevor sie durch die Küchentür platzte. Er unterhielt sich jeden Sonntag via Skype mit ihr, doch sie hatten sich seit ihrem letzten Besuch in der Stadt im vergangenen Juli nicht mehr persönlich getroffen. Sie war spindeldürr und stahlgrau gewesen, so lange er sie kannte, und sie hielt sich nur ein klein wenig mehr gebeugt, als er es in Erinnerung hatte.

»Mein wunderschöner Junge«, sagte sie.

Nate beugte sich herab, um sie auf die Wange zu küssen, und sie zog ihn an sich.

»Ich hätte dich an der Haltestelle abgeholt«, sagte sie.

»Und den Laden ganz allein der Menge überlassen?« Er deutete auf die leeren Tische und das halbe Dutzend Gäste. »Ich kann noch nicht in den ersten zehn Minuten meines Hierseins einen Aufstand auslösen. Ich muss meine Kräfte einteilen.«

Sie boxte ihn gegen die Schulter. »Sei brav, du Teufel.«

»Was ist mit dem Fenster passiert?«, wollte er wissen.

»Oh.« Ihr Blick ging nach vorn zu dem geborstenen Fenster. Die Plane blähte sich im Wind wie ein Segel. »Der letzte Gewittersturm. Der Glaser bringt ständig die falsche Scheibe. Wir müssen es ordentlich vernageln für den Hurrikan. Du bist ja so dünn, Junge.« Sie knuffte ihn in die Rippen. »Ich bring dir was.«

Als sie wieder in der Küche verschwunden war, summte Nates Telefon mit einer neuen Nachricht. Ein Bild von Livvy, die auf dem Schoß ihrer Großmutter ihr strahlendes Porzellanpuppenlächeln zeigte. Sie und Meg hatten die Hügel von New Jersey erreicht. Sie waren in Sicherheit.

Er steckte sein Telefon wieder ein, und das Mädchen hinter der Bar schob ihm ein Pint hin.

»Sieht aus, als könnten Sie das gebrauchen.« Vielleicht war es als Entschuldigung gedacht für ihre erste Reaktion. »Ist bestimmt nicht leicht, hierher zurückzukommen.« Sie war hübsch mit ihren hohen Wangenknochen, den grünen Augen und der Porzellanhaut.

Er nickte. Etwas, das er an der Großstadt mochte, war, dass nur wenige von ihren Millionen Einwohnern etwas von ihm wussten oder sich um ihn scherten. Das Bier verschaffte ihm eine Ausrede, das Mädchen nicht anzusehen.

»Ich bin Teejay«, sagte sie. Sie biss sich auf den Rand ihrer roten Lippe, und Nate konnte nicht sagen, ob das Flackern in ihren Augen Gastfreundschaft, Neugierde oder etwas vollkommen anderes war. Er wollte es nicht herausfinden.

»Nett, dich kennenzulernen, Teejay«, sagte er. Er rieb sich die Augen, als wäre er müde, und zeigte seinen blitzenden Ehering. Er fokussierte auf die Innenseiten seiner Lider und wünschte, das Mädchen würde sich in Luft auflösen.

Sie tat ihm den Gefallen nicht, doch Grams kehrte in diesem Moment mit einem gebackenen Käse und einer Tasse Tomatensuppe aus der Küche zurück.

»Weiß Tommy, dass du heute kommst?«, fragte Grams, als sie sich neben ihn gesetzt hatte. Teejay bewegte sich hin zu den College-Jungs, die darüber glücklich zu sein schienen.

»Ich habe ihm und Johnny eine E-Mail geschrieben. Ich schätze, wir treffen uns später.«

»Er war heute zusammen mit dem Chief zum Mittagessen da. Die Dienststelle kann dir sagen, wo er ist. Möchtest du sonst noch jemanden treffen?«

»Vielleicht.« Tatsächlich gab es eine ganze Menge Leute, mit denen er die Bekanntschaft erneuern wollte. »Ich schätze, ich sehe sie bei der … du weißt schon. Bei der Beerdigung.«

Er trank einen großen Schluck von seinem Pint. Das Bier war ein Lager und stammte von einer lokalen Kleinbrauerei. Es schmeckte nach Sommerfeldern und Jugend, und in diesem Augenblick waren das schmerzhafte Erinnerungen. Die Sorte von Erinnerungen, die ihn von Meg und Livvy wegzogen. Die ihn von Nia Kapur, dem Krankenhaus und allem anderen in seinem urbanen Leben wegzogen. Doch das war notwendig. Genau aus diesem Grund war er hergekommen.

Er spürte Grams’ Blick auf sich ruhen.

»Ich weiß, es ist nichts Gutes, was dich hergebracht hat«, flüsterte sie. Sie knetete mit ihrer pergamentenen Hand seine Schulter. »Aber es tut trotzdem gut, dich zu sehen.«

Er lehnte seine Stirn an ihre knochige Schulter und erschauerte mit dem Frösteln nasser Haut an einem Sommerabend. Sie legte ihm die Hand auf den Kopf und lehnte sich gegen ihn, als wären sie beide wie damals die einzigen Menschen auf der Welt.

Nate ermahnte sich, dass dies Greystone Lake war. Dies war Tod und Verlust und Geheimnisse und Lügen und Wut. Doch es war auch zu Hause. Für die nächsten paar Tage musste er sich einfügen. Hierher gehören. Das war das absolute Minimum seiner Schuld.

Als Nate sich aufrichtete, waren Grams’ Augen randvoll mit Tränen.

»Wer liebt dich mehr als jeder andere, Junge?«

Nachdem er gegessen hatte, verließ Nate das Union Points, um am Seeufer entlang zum Haus seiner Großmutter in der Bonaparte Street zu laufen. Grams hatte ihm zwar angeboten, ihn zu fahren, doch das Pub begann sich allmählich zu füllen, und er hatte nichts gegen ein wenig Bewegung.

Trotz des aufziehenden Hurrikans flitzten immer noch kleine Boote über die wellige Fläche des Sees. Am gegenüberliegenden Ufer sah er eine Gruppe von Schwimmern in der Brandung. Nate wusste, dass sie ihrem Sport ohne Rücksicht auf Wetter oder Jahreszeit nachgingen. Die Daybreaker, ein lockerer Zusammenschluss von Exzentrikern, schwammen tagein, tagaus ihre Runde um das südliche Seeufer herum, solange er nicht zugefroren war. Selbst nach so vielen Jahren wurde Nate bei dem bloßen Gedanken daran immer noch schwindelig.

Er sah, dass zwischen dem Pub und dem rückwärtigen Parkplatz ein Touristenladen aufgemacht hatte. Golfshirts mit Greystone-Lake-Aufdruck, Sonnenbrillen, handgearbeitete Keramik und Holzschnitzereien. Nate suchte in der Auslage nach einem Plüschtier, das er Livvy mitbringen konnte, oder nach einer Kleinigkeit für Megs Eltern. Er sagte sich, dass er nach Geschenken suchte, doch er wusste, dass er in Wirklichkeit etwas herauszögerte.

Grams zu sehen hatte wie immer gutgetan. Livvy liebte ihre Urgroßmutter über alles, und Nate liebte es, beide zusammen zu sehen, doch diesmal hatte er es genossen, sie für sich allein zu haben. Für eine kleine Weile hatte es sich genauso angefühlt wie in den alten Tagen. Zeit mit Grams zu verbringen, war die einzige Sache, die leicht war und auf die er sich hatte freuen können. Als Nächstes musste er Tom und Johnny treffen. Genau wie er waren sie von Anfang an dabei gewesen, als die Dinge aus dem Ruder zu laufen begannen.

Der Laden bot Berge von Postkarten an: Bilder des Sees zu jeder Jahreszeit, Zeitsprünge von Himmel und Ufer, die Wochenendmärkte mit ihrer bunten Vielfalt von Waren, die Herbstwälder, doch es gab auch Schwarzweißaufnahmen aus längst vergangenen Zeiten. Während der Prohibition waren viele der ehemaligen Feriendörfer eingegangen, während wenige andere aufgeblüht waren. Dank seiner Verbindung mit dem Sankt-Lorenz-Strom war Greystone Lake ein Zentrum für den Warenschmuggel über die Nordgrenze gewesen. Es war eine legendäre Zeit gewesen – Reichtum und Verbrechen und große Persönlichkeiten hatten Geschichten gesponnen, die teils Mythos und teils Historie waren.

Eine dieser Postkarten weckte Nates Aufmerksamkeit. Ein Gruppenfoto von Männern in Overalls auf einem Baumstamm, der Teil einer neuen Konstruktion über dem Wasserspiegel war. Ein Ahnungsloser hätte es für einen Schnappschuss aus der Zeit der Errichtung des Werftviertels halten können, doch Nate wusste es besser. Der stämmige Mann in der Mitte des Bildes, grell gekleidet wie ein Varietékünstler in Seersucker und Strohhut, war niemand anderes als der junge Morton Strong. Auf der Rückseite stand die Jahreszahl 1917 und darunter die Beschriftung: »Die Konstruktion des Greystone Lake Entertainment Piers, allgemein bekannt als das Nachtschiff.«

Das Nachtschiff.

Vor der Entstehung des Werftviertels in den 1950ern war das Nachtschiff das Zentrum der Tourismusindustrie von Greystone Lake gewesen. In seinen Hochzeiten hatte es auf dem Pier Restaurants, Läden und Spielsalons gegeben. Außerdem einen Nachtclub, The Night Ship, von dem der gesamte Pier schließlich den Namen übernommen hatte. Im Verlauf der sechziger Jahre hatte sich die Touristengegend um das Werftviertel herum konsolidiert, und das Nachtschiff hatte mit einem Mal isoliert am Rand einer stilleren Wohngegend gelegen. Der Pier war bankrott gegangen, verfallen und kurze Zeit darauf gesperrt worden.

Als Junge war Nate froh gewesen, dass man den Pier nicht abgerissen hatte. Es war eine Ruine, aber eine sehr spektakuläre. Während die Brettersteige nach und nach durchbrachen oder sich verbogen, schienen die eleganten Dächer und Feentürmchen nicht von dieser Welt zu sein. Sie waren ein Relikt aus einer zuversichtlicheren Zeit, und wie alles, das so alt war, hatten sie ihre eigene Geschichte.

Nate studierte die Gesichtszüge von Morton Strong und versuchte eine Bedeutung in den Pfeilern zu erkennen, die aus dem silbernen Wasser ragten, eine Absicht in den gusseisernen Bögen im Hintergrund. Er suchte diesen Moment der Geburt des Piers nach irgendeinem Hinweis ab, dass er eines Tages sein Leben so überschatten würde, wie es heute der Fall war.

»Sieh an, was der See ausgespuckt hat.«

Nate wandte sich um und erblickte Tom im Eingang des Ladens.

»Deputy.«

»Doc.«

Nates ältester Freund streckte ihm die Hand entgegen, und Nate ergriff sie, um ihn an sich zu ziehen und zu umarmen.

»Du siehst gut aus.« Es war eigenartig, Tom in einer Uniform zu sehen, doch sie stand ihm gut.

Tom lachte. »Sieh dich an! Hier drin, vor den Postkarten wie ein Wochenendtourist! Willst du in die Bonaparte Street? Ich kann dich fahren.«

»Können wir das Blaulicht benutzen?« Nate hatte im Begriff gestanden, die Postkarte von der Entstehung des Piers zu kaufen. Ein merkwürdiger Impuls. Schnell steckte er sie zurück und versetzte den Ständer in Drehung, um sein Interesse zu verbergen.

Tom klopfte ihm auf die Schulter. »Du darfst sogar die Sirene einschalten. Bist du allein gekommen?«

»Livvy hat es wieder mit den Ohren.« Nate folgte seinem Freund zurück auf die Straße. »Weite Fahrt für eine kranke Dreijährige. Außerdem zieht der Hurrikan auf.«

»Glaub mir, das weiß ich. Ich hab den ganzen Morgen mit dem Kiwanis Club Sandsäcke gefüllt.«

»Ehrlich? Sandsäcke?« Der See konnte unruhig werden, zugegeben, doch er war wohl kaum mit dem Atlantik zu vergleichen.

»Meine Güte, du bist wirklich wie ein Tourist! Eine Ein-Meter-Welle reicht aus, um das Ufer zu überschwemmen. Das solltest du noch wissen!« Tom lachte. »Beim letzten Hurrikan mussten jede Menge Häuser geräumt werden, deswegen wollen wir diesmal vorbereitet sein.«

»Damit alles hübsch ordentlich bleibt.«

»Das bezahlt die Rechnungen in unserer Gegend. Was sagst du? Gefällt es dir?«

»Greystone Lake? Fantastisch«, sagte Nate, und es entsprach der Wahrheit. Das Ufer und die Fassaden der Häuser und Geschäfte waren in einem ausgezeichneten Zustand, genau wie damals, in ihrer Jugend. Die Aussicht auf den See war ebenfalls einmalig. Die Erhebung des Kaps. Die weitläufigen Wälder der Gebirgsausläufer. Die Art und Weise, wie sich all diese Schönheit im Spiegel des Sees verdoppelte.

Greystone Lake war eine Bilderbuchstadt, doch wie in jedem Märchen waren die Dinge längst nicht so perfekt, wie es im ersten Anschein wirkte.

»Hat sich viel getan, seit du das letzte Mal hier warst. Vergangenes Jahr hat Johnny den Laden dort aufgemacht.« Tom zeigte auf einen Teeladen ein Stück weit den Block hinunter. Die Fenster waren wegen des heraufziehenden Sturms zugeklebt, und die Markise wurde soeben aufgerollt. »Süßspeisen und Gebäck werden von der Küche des Empire geliefert. Ach ja, Emma führt ihn. Das ist sie übrigens. Willst du Hallo sagen?«

Emma Aoki, mit der sie früher einmal in einer Klasse gewesen waren, war die Frau, die die Markise aufrollte. Sie hatte den Kopf zur Seite gelegt und beobachtete die dunklen Wolken, die aus dem Süden heranzogen. Emma war immer sehr hager gewesen, doch inzwischen sah sie aus, als wäre sie aus Papier. Nate stand einen Block entfernt, doch selbst von hier aus bemerkte er im stärker werdenden Wind, dass ihr Kleid an ihr hing wie an einem Bügel. Sie runzelte die Stirn wegen des Wetters, dann fiel ihr Blick in seine Richtung und überwand die zwischen ihnen liegende Distanz. Etwas in ihrem Gesichtsausdruck veränderte sich, doch das Stirnrunzeln blieb. Mehr als ein Jahrzehnt war vergangen, doch sie erkannte ihn auf den ersten Blick.

»Scheint, als hätte sie zu tun«, sagte Nate. Er winkte ihr zu, und nach einem Moment hob sie die Hand und winkte zurück. »Vielleicht später.«

Sie wandten sich in eine Seitenstraße, wo Toms Streifenwagen parkte.

»Offen gestanden, ich würde gerne alle wiedersehen, wenn es sich einrichten lässt. Hast du noch Kontakt?«, fragte Nate.

»Mit den meisten. Mit einigen mehr, mit anderen weniger.«

»Und Emma? Siehst du sie öfter?«

»Manchmal.« Er hob Nates Koffer in den Kofferraum. »Ah, du meinst, ob ich sie treffe? Nein.«

Nate stieg auf der Beifahrerseite ein und schmiegte sich in den abgewetzten Sitz. »Sie ist so dünn. War sie krank?«

»Wir sind nicht alle deine Krebspatienten, Doc. Noch nicht jedenfalls.« Der Streifenwagen bog in den weiten Bogen des Strandviertels ein. Die Straße führte dicht am Ufer entlang.

Tom schien sich guter Gesundheit zu erfreuen. Er sah aus, als würde er auf seine Form achten, doch sie hatten beide das Alter erreicht, in dem manche Männer anfangen auseinanderzugehen. Seine Wangen waren voller. Eine neue Falte auf der Stirn. Der Winkel zwischen Kinn und Hals war weicher geworden. Es sah nicht danach aus, als würde er eine Glatze entwickeln, doch die Stirn war definitiv höher als früher.

»Emma hat eine schwere Woche hinter sich«, berichtete Tom. »Sie wohnt in einem dieser Apartments bei den Packhäusern – sie sind neu, und du hast sie vermutlich noch nicht gesehen. Egal, es gab jedenfalls ein Problem mit der Kanalisation, und Emmas Wohnung liegt im Erdgeschoss.«

»Scheiße.«

»Ganz genau. Ich glaube, sie wohnt im Moment bei ihren Eltern.«

Die Straße, in der Grams’ Haus stand, war nicht nach dem französischen Kaiser benannt, sondern nach einer Seemöwenart. Greystone Lake war geformt wie ein Bumerang, der sich an die nordwestlichen Ufer des südlichen Seeteils schmiegte. Die Bonaparte Street ging mitten hindurch, und ihre Häuser lagen auf halbem Weg zwischen dem Stadtzentrum und dem nördlichen Rand. Näher beim Ufer standen imposante Villen, errichtet in den späten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, während sich weiter landeinwärts bescheidenere Häuser wie das von Grams fanden. Das Stadtzentrum umfasste das Werft- und das Touristenviertel. Der südliche Teil der Stadt bestand aus Fischereien, alten Packhäusern und heruntergekommenen Hafenanlagen. An der nördlichen Stadtgrenze stach der alte Pier wie eine lange dunkle Klinge tief hinaus in das Wasser.

Inzwischen war der Himmel von Wolken bedeckt, und das Wasser wurde im zunehmenden Wind immer unruhiger. Nate vermutete, dass die Sonne in den nächsten Tagen nicht mehr zu sehen sein würde.

Tom zeigte ihm einige der Veränderungen bei den Wohn- und Geschäftshäusern, während sie die anderthalb Meilen bis zu Grams fuhren. Häuser, die Nate von früher kannte, waren in neuen Farben gestrichen. Gärten waren umgestaltet. Zäune ragten auf und Anbauten dehnten sich bis an die jeweiligen Grundstücksgrenzen.

All das waren Hinweise auf eine prosperierende Gemeinde, und das war gut so. Eine lebendige Stadt musste sich verändern. Familien kamen, Familien gingen, die Schüler von gestern wurden zu den Lehrern von heute. All das war natürlich und richtig, doch es war auch bedrückend, dachte Nate, als sie sich dem Haus seiner Großmutter näherten. Eines Tages würde alles, was sie getan hatten, in Vergessenheit geraten. Eines Tages würde alles, was sie geliebt hatten, für niemanden mehr von Interesse sein.

Tom parkte den Streifenwagen vor Grams’ kleinem gelben Haus. Er drehte sich zu Nate, als dieser keine Anstalten machte auszusteigen.

»Tommy, du weißt, dass ich dich fragen muss. Ich muss wissen, was sie herausgefunden haben.«

Tom räusperte sich.

»Grams hat erzählt, Wanderer hätten sie entdeckt.«

Tom nickte. »Während eines Wolkenbruchs. Sie waren auf dem Weg zwischen den Felsen hindurch, um dem Platzregen zu entgehen, und da lag sie.«

»Was weiß man?«

»Dad lässt mich nicht in ihre Nähe. Aber sie … ihr Leichnam … es ist nicht viel übrig, Nate. Vierzehn Jahre …«

Ein Moment verging mit nichts als dem leisen Ticken des abkühlenden Motors als Hinweis, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Nate hatte die spärlichen Informationen bereits gekannt, die Tom ihm nun nannte, aber derartige Unterhaltungen mussten schließlich irgendwo anfangen. Leichte Fragen ebnen den Weg für die schwierigeren, die sich daran anschließen. Nate berührte das Glas der Seitenscheibe. Kalt wie der See in der Morgendämmerung.

»Er will mit dir reden, weißt du? Mein Dad«, sagte Tom.

Toms Vater war seit zwanzig Jahren Polizeichef von Greystone Lake.

»Ich hab über ihre Mutter nachgedacht«, sagte Nate. »Ist es besser, Gewissheit zu haben?« Seit Livvys Geburt hatte er sich gefragt, was er tun würde, falls seine Tochter je einfach verschwand. Einfach verschwand und nie wieder gesehen wurde. Diese Angst war stets bei ihm, selbst in seinen glücklichsten Momenten. Sie lauerte wie ein Fels unter den Wellen. Wenn Nate Livvy in den Schlaf sang, fragte er sich oft, ob abschließende Gewissheit besser war als bange Hoffnung. »Ich denke ständig darüber nach, was ich zu ihr sagen soll.«

»Ganz zu schweigen von ihrem Vater.«

Nates Antwort war ein gequältes Geräusch, eine alte Narbe, frisch aufgerissen.

»Grams muss es dir erzählt haben.«

Nate konnte nur den Kopf schütteln. Die Luft im Wagen fühlte sich an, als wäre sie zu dick zum Atmen.

»Er ist seit ein paar Jahren wieder draußen. Bewährung. Ich dachte, du wüsstest Bescheid. Ich hätte es dir gesagt, wenn …«

»Alles gut. Es spielt keine Rolle«, sagte Nate so ruhig, wie er konnte. Er löste seinen Sicherheitsgurt und zog am Türgriff. Er musste raus aus dem Wagen.

Er zählte seine Atemzüge, während Tom den Kofferraum öffnete, um sein Gepäck auszuladen.

»Du musst nicht mit ihm reden.« Toms Gesichtsausdruck war wie der, den er so oft aufgesetzt hatte, als sie jünger gewesen waren. Eine Fassade aus Genialität mit darunter lauernder Panik. »Niemand kann das von dir erwarten. Jesses, ich hab wirklich gedacht, du wüsstest es.«

»Alles gut«, sagte Nate erneut. Der Wind vom See war frisch, und es half, in der Brise zu stehen. »Es kam nur so überraschend.« Er lächelte und klopfte seinem alten Freund auf die Schulter.

Dann nahm er seinen Koffer, und gemeinsam gingen sie den kurzen gepflasterten Weg zu den Vorderstufen. Nate drehte den Türknauf, doch die Tür gab nicht nach. Er rammte die Schulter dagegen, als wäre sie in ihrem Rahmen verzogen. Er hatte sie tausendmal auf diese Weise geöffnet und sie nicht ein einziges Mal zugesperrt vorgefunden.

»Warte, Doc.« Tom kramte in seinen Taschen, während er sich zwischen Nate und die Tür schob.

»Sie hat dir einen Schlüssel gegeben?«

»Hey – ich bin vertrauenswürdig. Hab ein Abzeichen und alles.«

Tom sperrte die Tür auf, und Nate betrat das Leben, das er hinter sich gelassen hatte.

Getrocknete Hortensien auf einer Konsole neben einem Stapel ungeöffneter Post. Der Duft von Lavendel, vermischt mit Holzpolitur. Das Schwingen der Dielen unter seinen Füßen, während die Möbel leise knarzten.

Er durchquerte die Eingangshalle und blickte sich um wie ein Tourist in einem Museum. Die Farben des Raums schienen verblasst zu sein. Eine Wand, die er als gelb in Erinnerung hatte, war jetzt cremefarben, und ein ehemals laubgrüner Armsessel war olivfarben. Obwohl Nate genauso groß war wie damals, als er die High School abgeschlossen hatte, wirkte alles kleiner als in seiner Erinnerung, zerbrechlicher und irgendwie weniger real. Als wäre das Sofa im Wohnzimmer mehr ein Konzept von einem Möbel als etwas, worauf eine Person wirklich Platz nahm.

Ein Mosaik von Fotografien bedeckte die gegenüberliegende Wand, im Zentrum eine alte Schwarzweißaufnahme von seinem Vater. Die anderen Fotos ringsherum. Aufnahmen von Nates Abschlussfeier an der medizinischen Fakultät, seine Hochzeit, Livvy mit einem Grinsen, so breit wie die ganze Welt.

»Sie ist wunderschön«, sagte Tom.

»Danke, Buddy.« Tom hatte sie in Manhattan besucht, kurz vor Livvys Geburt, doch ihre Pläne von weiteren Treffen hatten sich nie umsetzen lassen. Nate wurde bewusst, dass alles, was sein bester Freund von Livvy gesehen hatte, von Postkarten stammte und von dem einen oder anderen Foto im Anhang einer Textnachricht.

Sie stiegen die knarrenden Stufen zu Nates Kinderzimmer hoch. Darin standen ein schmales Einzelbett, Reihen von Bücherregalen aus Fichtenholz, eine Kommode und ein kleiner Schreibtisch. Wo die Wände nicht von Bücherregalen verdeckt waren, hingen Poster von Horrorfilmen. Das Zimmer war fast eine Kopie des Zimmers, das er im Haus am Great Heron Drive gehabt hatte, vor dem Unfall, bevor er bei Grams eingezogen war. Er hatte etwas über zwei Jahre hier in der Bonaparte Street gelebt, doch von all den Jahren seines Lebens hatten diese beiden die mit Abstand tiefsten Spuren hinterlassen.

»Genau, wie du es zurückgelassen hast, hm?«, sagte Tom. »Gut zu wissen, dass sich manche Dinge nie …« Er brach ab.

Nate drehte sich zu seinem Freund um. Er folgte Toms Blick zu dem zerbrochenen Fenster neben dem Bett. Auf der verblassten blauen Tagesdecke sah er einen kreideweißen Ball mit roten Nähten. Einen Baseball.

Einen Baseball.

Nates gesamte Welt verengte sich zu der siebeneinhalb Zentimeter durchmessenden Kugel.

Hinter ihm sagte Tom etwas. Nate konnte ihn kaum verstehen über dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Er trat zum Fenster, um durch die gezackten Splitter nach draußen zu sehen.

Für einen Moment fühlte er sich eins mit den Glasscherben im Rahmen.

Durch das Fenster, hinter den Bäumen, sah Nate die glitzernde Fläche des Sees. Es kam ihm vor, als wären die Berge rings um die Stadt riesige Kiefer, die jederzeit zuklappen konnten, und der See ein gigantischer Schlund. Für einen schwindelerregenden Moment war die Stadt am Ufer des Sees vollkommen fremd.

Doch dies war Greystone Lake. Dies war sein Zuhause.

Zwei

Nate hielt den Baseball mit den Fingerspitzen, als könnte er zerbrechen, wenn er zu fest zudrückte.

Ein Objekt wie dieses hatte einst seine ganze Welt zerstört. Nate hatte seit Ewigkeiten keinen Baseball mehr angerührt. So wie alles andere auch, fühlte er sich kleiner an als in seiner Erinnerung.

»Kids«, sagte Tom. »Wir haben September. Jeder glaubt, er wäre ein New York Yankee. Ich rufe Mace Hardware an, damit sie das Fenster reparieren«, fügte er hinzu.

Nate suchte den Ball nach den flachen Furchen eines Bremspedals ab und nach den halbrunden Kratzspuren der Fingernägel seiner Mutter.

Er sah Tom an. »Treffen wir uns nachher mit Johnny?«

Er redete wie ein Mann ohne jede Sorge auf der Welt, doch in Wirklichkeit brannten ihm Fragen über ihren Leichnam auf der Zunge. Er wollte alles wissen, was es zu wissen gab. Er wollte sich jedes kleine Detail einprägen und es mit sich herumtragen, wohin auch immer er ging.

»Sicher«, sagte Tom und zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch. »Drinks im Empire, gegen sechs?«

»Perfekt.«

»Ich muss vorher noch mit ein paar Leuten im Werftviertel reden«, sagte Tom und kontrollierte das Display seines Telefons. »Noch mehr Fenster verkleben, Türen mit Sandsäcken sichern. Es wird ein Gewittersturm wie damals Katrina. Eine ziemlich heftige Show.«

Nate folgte ihm die Treppe hinunter. Ratternde Geräusche erklangen aus anderen Zimmern, wo Zweige gegen die Fenster schlugen. Als Tom die Haustür öffnete, flutete kalte Luft in den Flur wie eine sich auftürmende Welle.

»Es ist wirklich schön, dich wiederzusehen«, sagte Tom. »Zurück hier in Lake.«

»Ja, dich auch. Aber wir müssen nachher reden, Tommy.« Nates Gesicht wurde ernster. »Du, ich, Johnny.«

Tom reichte ihm die Hand, und Nate schlug ein.

Er sah seinem alten Freund hinterher, als dieser zurück zur Straße ging und in seinen Streifenwagen stieg. Geduld war keine von Nates natürlichen Begabungen, doch es war eine Tugend, die er im Verlauf der Jahre kultiviert hatte.

Erstens: Richte keinen Schaden an.

Als der Streifenwagen außer Sicht war, wurde ihm bewusst, dass er immer noch den Baseball in der Hand hielt. Er hatte ihn so fest umklammert, dass sich die Naht in seiner Handfläche abzeichnete, als wäre er selbst dort zusammengenäht.

Er kehrte zurück in sein Kinderzimmer und ging zum Schrank. Blazer mit Messingknöpfen, gelbe Hemden, übergroße Flanells. Sein alter Regenmantel, dunkel wie Trauerkleidung, hing an der gleichen Stelle, wo er ihn vierzehn Jahre zuvor zurückgelassen hatte. Er kramte in dem Durcheinander am Boden des Schranks und räumte eine mit Pullovern gefüllte Kiste frei. Unter den Pullovern lagen drei Basebälle.

Der erste davon hatte am ersten Tag seines Juniorjahres vor der Haustür gelegen. Den zweiten hatte er ein paar Wochen später in seinem Spind gefunden. Und den dritten kurz vor Halloween, bevor alles angefangen hatte.

Dieser dritte Ball war durch dasselbe Fenster geflogen wie der, den er eben in der Hand gehalten hatte.

Kids, hatte Tom gesagt, als er die zerbrochene Scheibe gesehen hatte.

Nate legte den neuen Baseball zu den anderen und deckte sie wieder mit den Pullovern zu. So waren sie wenigstens außer Sicht.

Nach unten zurückgekehrt, wanderte er zu der Wand voller Fotografien im Wohnzimmer. Er studierte jede einzelne aufmerksam, während er in den Schmerzen schwelgte, die die Erinnerungen hervorriefen. Mom. Dad. Gabe. Seine geliebten Toten.

Sein Blick verharrte auf dem letzten Foto in der Serie. Livvy in einem Weihnachtskleid, strahlend wie ein kleiner Engel inmitten eines Berges von Geschenken. In drei Jahren wäre sie so alt wie Gabe damals. In vier Jahren älter als er. Sinnlose Mathematik.

Er kehrte die Scherben in seinem Kinderzimmer auf, dann suchte er nach einem Stück Karton, um das eingeworfene Fenster abzukleben. Schließlich kontrollierte er mit einer spinnwebverhangenen Leiter aus der Garage die Dachrinnen. Nach den Vorhersagen würde Medea im Verlauf der nächsten drei Tage bis zu sechzig Zentimeter Niederschlag bringen.

Die Dachrinne und die Fallrohre waren verstopft. Bis jetzt hatte es nur getröpfelt, doch die Aluminiumtröge der Fallrohre waren bereits voll mit tanninbraunem Wasser. Er griff in die dunkle Brühe und zog ganze Hände voll verrotteter Blätter und Zweige heraus. Als würde er den Kadaver einer fremden Kreatur ausweiden, eine tropfende Faust voll stinkenden organischen Materials nach der anderen.

Während er arbeitete, überlegte er, wie er den Kapurs die pathologischen Ergebnisse ihrer Tochter Nia beibringen würde. Sie brauchte jetzt mehr als Chirurgie. Chemo, Bestrahlung oder Immuntherapie waren die üblichen Optionen, doch das lag jenseits seiner Expertise. Er würde den Eltern eine kurze Liste guter Onkologen geben, die Nias Behandlung fortführen konnten. Die Fakten waren soweit klar, doch die Art und Weise, wie er es den Eltern sagte, war von kritischer Bedeutung. Hoffnung war ein essentielles Element jeder weiteren Therapie, doch Nate würde sie nicht über die medizinischen Fakten hinwegtäuschen. Er war der Wahrheit genauso verpflichtet wie seinen Patienten. Es würden noch weitere Gespräche folgen – umso wichtiger, dass er das erste ordentlich führte.

Er arbeitete am nächsten Trog an einer anderen Ecke des Dachs, als sein Telefon summte. Er zog die Arbeitshandschuhe aus und ließ sie auf den Rasen fallen. Als er das Telefon endlich aus der Tasche hatte, lächelten ihm die Gesichter seiner Frau und seiner Tochter vom Display entgegen. Er wischte mit dem Finger nach oben, um das Gespräch anzunehmen.

»Sorry. Ich wollte anrufen«, sagte er.

»Wo bist du?«, fragte Meg.

»Auf dem Dach. In der Rinne liegen Laub und Zweige von einem Jahrzehnt.«

»Bea hat keine Zeit verschwendet und dir direkt Arbeit gegeben, wie? Ich mochte den Stil der Lady schon immer.«

»War die Fahrt okay?«

»Ziemlich viel Verkehr auf der Brücke. Etwas über anderthalb Stunden insgesamt, kann mich nicht beschweren. Du bist derjenige mit der achtstündigen Bustour.«

»Habt ihr genug eingekauft?« Katastrophenvorsorge war zu einem regelrechten Sport geworden, und die Sender hatten Medea aufgebauscht, noch bevor irgendjemand gewusst hatte, dass sich der Hurrikan landeinwärts wenden würde. Nate verspürte einen Anflug von Schuld, weil er nicht bei ihnen war.

»Es ist ja nicht so, als wäre es die Apokalypse.«

»Es ist wahrscheinlich nicht die Apokalypse«, verbesserte Nate seine Frau.

»Wir haben jedenfalls genügend Brot und Eier, um einen Asteroideneinschlag zusammen mit einer Zombie-Invasion zu überleben.«

»Das ist es, was ich hören möchte. Wie geht es dem Äffchen?«

»Nicht besonders gut, fürchte ich.«

»Helfen die Tropfen?«

»Wer weiß das schon? Doktor Klieg schwört, dass sie rauswächst. Hoffentlich, bevor sie dreißig ist. Wie sieht es bei dir aus?«

»Prima«, sagte er. »Gut.«

»Lügner.« Nate konnte fast sehen, wie sie sich eine Locke ihrer langen dunklen Haare aus dem Gesicht schob. »Möchtest du mit mir darüber reden?«

Das Leben mit Meg fühlte sich so voll an, dass er leicht vergaß, welch unvollständige Skizze seines früheren Lebens seine Frau im Kopf haben musste. Er nahm an, dass ein Teil von ihr die Vorstellung genoss, dass er erst wirklich erwachsen geworden war, als er sie getroffen hatte. Dass alles vorher nur Übung gewesen war, und in gewisser Weise war es das vielleicht auch.

Er hatte Meg viele Geschichten über diese Stadt am Seeufer erzählt, aber er hatte ihr nicht alles erzählt.

»Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll.«

»Lass mich wissen, wenn es dir eingefallen ist. Wie geht es Bea?«

»Unbezwingbar. Ich hatte überlegt, ob wir sie um Thanksgiving herum für eine Woche bei uns haben könnten.«

»Livvy würde sich über einen Truthahntag mit Grams riesig freuen, meinst du nicht?«

»Ist sie da?« Er stellte sich die beiden vor, aneinandergekuschelt unter der gelben Bettdecke im Gästezimmer seiner Schwiegereltern, wie sie zusammen auf dem iPad spielten, während an der Decke über ihnen Sterne von ihrem Nachtlicht kreisten.

Für einen Moment krachte und rauschte es im Hörer, als das Telefon weitergereicht wurde.

»Daddy?«

Nate musste lächeln, als er die säuselnde Stimme seiner Tochter hörte. »Wie geht es dir, Äffchen?«

»Mein Kopf tut weh.« Livvy sprach so nah am Hörer, dass alles, was sie sagte, wie ein Geheimnis klang.

»Es tut mir so leid. Aber Mama passt gut auf dich auf, oder?«

»Erzähl mir eine Geschichte. Erzähl mir vom Nachtschiff. Mama sagt, du bist da. Sie sagt, du bist am See.«

»Ich wünschte, ich wäre bei dir.« Von seiner Position oben auf der Leiter musste Nate nur den Kopf drehen, um die Dächer und Türme des alten Piers wie Obsidian vor dem farblosen Wasser zu sehen.

»Bist du hingegangen? Wirst du es mir zeigen?«

»Das ist kein Ort für kleine Äffchen.«

»Ich mag Geister.«

Nate hatte den alten Pier einmal in seinen dramatisch zensierten Geschichten über Greystone Lake erwähnt. Irgendwie hatte er sich in Livvys Kopf festgesetzt. Sie fragte immer wieder danach, vor dem Schlafengehen oder in der Badewanne. Sie malte Bilder davon und konstruierte den Pier aus Kissen und Laken nach.

»Du bist ein sehr mutiges Äffchen. Ich bin nicht so mutig wie du.«

»Ich glaub, manche Geister sind nett.«

Nicht im Nachtschiff, dachte er.

»Hab ich dir schon die Geschichte erzählt, wie Ronald das Rhinozeros sein Horn verloren hat und sein Freund Bali der blaue Papagei ihm beim Suchen helfen musste?«

»Ronald kann sein Horn nicht verlieren!« Livvy kicherte. »Die gehen nicht ab!«

»Genau das dachte er auch. Aber eines Morgens wachte er auf, und als er vor dem Spiegel stand, um seine Zähne zu putzen, war das Horn einfach verschwunden.«

Nate erzählte Livvy eine gemütliche Dschungel-Abenteuergeschichte, doch seine Gedanken wanderten zu dem dunklen Pier hinter ihm. Es war vierzehn Jahre her, seit er das Nachtschiff zum letzten Mal betreten hatte, doch wenn er die Augen schloss, konnte er immer noch die rostigen Bögen aus genietetem Schmiedeeisen und die moosfleckigen Bleiglas-Deckenpaneele sehen und die Promenade, die hinaus in eine undurchdringliche Dunkelheit führte. Er konnte den Moder riechen und den Atem des Wassers, das gegen die von Algen und Muscheln überkrusteten Pfeiler schwappte.

Livvy stellte die üblichen Fragen, doch sie wurden immer leiser, und schließlich verstummten sie ganz.

»Sie ist eingeschlafen, endlich«, flüsterte Meg ins Telefon. »Ich versuche sie ins Bett zu kriegen, seit wir angekommen sind, also danke für deine Hilfe.«

»Wieso funktioniert das eigentlich nie, wenn ich da bin?« Er wartete, während Meg vorsichtig aus dem Bett stieg, um Livvy nicht zu wecken. »Wie geht es deinen Eltern?«

»Sie sind ganz aufgeregt. Sie haben drei alte Radios ausgegraben. Du weißt schon, für den Notfall. Und man kann keinen Schritt machen, ohne mit einer Palette von Wasserflaschen zu kollidieren. Dad hat den halben Morgen damit verbracht, das Mauerwerk im Garten umzudekorieren. Frag mich nicht, warum.«

»Na ja, wenigstens haben sie Spaß.«

»Riesenspaß, ja.«

»Und ihr zieht die Köpfe ein, bis es vorbei ist, ja? Kein Herumfahren. Kein Katastrophentourismus.«

»Du kennst mich, Doc«, erwiderte sie.

»Das ist der Grund, aus dem ich gefragt habe.«

»Sei du auch vorsichtig, ja? Lass dich nicht von diesen Geistern erwischen.«

Nate lachte leise, weil er wusste, dass es als Scherz gemeint war.

Sie erzählte ihm von dem Ferienheim eines ihrer gemeinsamen Bekannten draußen auf den Outer Banks. Am Tag zuvor war es ein Cottage mit drei Schlafzimmern gewesen, und heute war es nur noch ein Haufen von zersplittertem Holz. Während Nate lauschte, warf er erneut einen Blick auf das Nachtschiff. Die Wellen auf dem See hatten inzwischen weiße Schaumkronen, und die Bäume bogen sich im Wind. In der Ferne war Donnerrollen zu hören. Die Berge und Wälder rings um Greystone Lake schüttelten sich, als erwachten sie aus einem langen, tiefen Schlaf.

DAYBREAKER

Das kalte Wasser umschloss sie wie eisige Kiefer, und sie ließ es an sich nagen.

Der See hatte seine Stimmungen, wie ein lebendes Tier. An silbernen Nachmittagen erschien er Fremden ruhig, sogar einladend im strahlenden Sommer, doch um den See zu verstehen, musste man wissen, dass seine Unterströmungen ewig die gleichen waren. Unter der dünnen Haut seiner Wellen war das tiefe Wasser nichts als Hunger.

Das war der Grund dafür, dass sie mit solcher Wildheit schwamm. Jeder Daybreaker ging aus einem bestimmten Grund in das betäubende Wasser, und sie schwamm darin, um sich zu löschen. Sie schwamm darin, damit der See das Mädchen verschlang, das sie einst gewesen war.

Heute fühlte sich die ganze Welt ausgehungert an. Die Wellen waren rauer. Der Wind biss fester. Die Wälder erbebten unter dem aufgewühlten Himmel. Hinter dem Horizont zog ein Hurrikan auf, und die Elemente waren aufgeregt und voller Erwartung.

Jeder Sturm weckt die Erinnerung an einen anderen, und diese Stadt am Ufer hatte zahllose Stürme über sich ergehen lassen müssen.

Voraus ragte die dunkle Masse des Nachtschiffs aus dem bleichen Wasser wie ein gefallener Koloss. Der alte Pier lag dunkel und verlassen da; er war seit Jahren gesperrt und doch präsent wie eh und je. Weil ein Ort wie dieser mehr war als Holz und Stahl und Glas.

Normalerweise schwamm sie einen weiten Bogen um den Pier, doch seit der Entdeckung des Leichnams oben beim Kap war jeder Tag unsicherer geworden.

Irgendetwas stimmte nicht.

Irgendetwas würde passieren.

Der See spuckt alles wieder aus, was er nimmt. Nach vielen Jahren der Ruhe war die Saat alter Sünden aus den Tiefen an die Oberfläche gestiegen, um an Land zu keimen. Wie bei vielem anderen Schmerz in dieser Stadt war das Nachtschiff die Wurzel auch des jüngsten Kummers.

Sie schwamm zu der Stelle, wo die Wellen gegen die Fundamente des Piers brandeten.

Tief unten im Bauch des Nachtschiffs hatte eine junge Prostituierte Zwillingsmädchen geboren, und es hieß, sie hätte ihnen das Genick gebrochen, kaum dass sie auf der Welt gewesen waren. So oder ähnlich ging die Geschichte.

Während der Prohibition hatte Morton Strong, der Besitzer von The Night Ship, drei Brüder geschnappt, Alkoholschmuggler, und sie Stück für Stück an seine tropischen Fische verfüttert. So oder ähnlich ging die Geschichte.

Um das Nachtschiff rankten sich zahllose Geschichten.

Der Ausgang von einigen war bis heute unbekannt, auch für sie.

Wegen der Strömung war das Schwimmen zwischen den algenüberwucherten Pfeilern des Piers gefährlich. Es fühlte sich an wie zwischen den Säulen eines versunkenen Tempels. Sie drehte sich auf den Rücken und beobachtete, wie die schwarze Masse den Himmel aussperrte.

Manchmal glaubte sie, die Schreie der Toten hören zu können, wenn sie auf Windböen durch den Unterbau des Piers rauschten. Ihr Geheul konnte nicht schlimmer sein als ihr Schweigen.

Sie glaubte nicht an Geister, doch das bedeutete nicht, dass sie nicht von ihnen heimgesucht werden konnte.

Nachdem sie zwischen den Pfeilern hindurch war, drehte sie sich wieder in Bauchlage. Das Nachtschiff war nicht länger über ihr, doch sie war für immer in seinem Schatten.

Von hinter den Bergen erklang das erste Donnergrollen.

Ein Sturm zog auf, und sie wusste, dass er aus mehr gemacht war als Wind und Regen.

Drei

Nachdem Nate das Telefongespräch mit Mrs. Kapur beendet hatte, legte er das Smartphone zur Seite und massierte sich mit den Fingerspitzen die Augenlider. Derartige Anrufe waren nie einfach, doch dieser war schwieriger gewesen als die meisten anderen. Er wusste, dass er für Nia alles getan hatte, was in seiner Macht stand – jetzt war jemand anders an der Reihe, es zu versuchen. Trotzdem ging ihm sein Unvermögen, ihr zu helfen, mächtig gegen den Strich. Krebs war die sinnloseste Plage, die man sich überhaupt denken konnte. Im Kampf dagegen gab es gute und schlechte Tage, und die schlechten fühlten sich verdammt schlecht an.

Er duschte, bevor er sich auf den Weg zum Empire Hotel machte. Es tat gut, unter dem heißen Wasser zu stehen. Er war angespannt von dem Anruf, steif von der langen Busfahrt und dreckig von den Dachrinnen. Als er sich endlich wieder sauber fühlte, zog er einen schicken blauen Anzug an.

Draußen wich die Dämmerung der hereinbrechenden Nacht. Die Laternen entlang der nassen Straßen strahlten mit dem kalten Licht kleiner Monde. Nate hatte einen Schirm dabei, doch der Wind machte den Gebrauch schwierig. Vereinzelte Tropfen, groß wie Glasmurmeln, fielen auf seinem Weg zum Hotel. Bevor er Grams’ Haus verlassen hatte, war er noch einmal die jüngsten Meldungen über den Hurrikan durchgegangen. In Virginia war eine Brücke weggerissen worden. In der Chesapeake Bay war eine Insel in der Sturmflut versunken. Tausende von Flügen waren storniert worden, und die Transitverbindungen von Baltimore nach Boston waren entweder bereits geschlossen, oder die Schließung stand unmittelbar bevor.

Die Ladenbesitzer von Greystone Lake hatten ihre Scheiben abgeklebt, und einige waren inzwischen damit zugange, Sandsackbarrieren um ihre Eingänge zu errichten. Windböen vom See rauschten durch die Bäume und heulten um Dachgiebel.

Das geschäftige Treiben der Einwohner bedeutete, dass Nate sich unerkannt unter ihnen bewegen konnte. Er handhabte seinen Regenschirm wie eine Maske.

Der Platz lag verlassen. Durch umherwirbelndes Laub hindurch erblickte Nate das Empire Hotel, eine gotische Silhouette vor dem dunklen Himmel.

Er hatte nur sporadisch Kontakt mit Tom gehalten, doch mit Johnny war die Verbindung bereits in den College-Jahren eingeschlafen. Wie es so war mit vielen Kinderfreundschaften, gab es keinen speziellen Moment, an dem sie geendet hätte. Sie war einfach verblasst, vom Vordergrund in den Hintergrund getreten und schließlich ganz aus dem Bild verschwunden.

Johnny hatte Nate trotzdem vor vier Jahren zu seiner Hochzeit eingeladen. Nate hatte ein Geschenk geschickt, jedoch die Feierlichkeiten ausgelassen. Durch Tom hatte er erfahren, dass es ein schönes Fest gewesen war – es war die spätere Scheidung, die wirklich spektakulär verlaufen war. Danach hatte Johnny das Empire Hotel geerbt und war einer der prominentesten Bürger der Stadt geworden. Sein Vater, Mr. Vanhouten, hatte vor drei Jahren den, wie die Einheimischen es nannten, langen Weg den kurzen Pier hinunter genommen. In seinem Fall war der fragliche Pier das Sprungbrett des eigenen Pools gewesen. Es war zwar das gechlorte Wasser gewesen, in dem er ertrunken war, doch man konnte mit Sicherheit sagen, dass die eigentliche Ursache wohl der fünfte Gin gewesen war.

Über Nate ballten sich dicke Wolkenwirbel, durchsetzt mit Schwarz. Der Regen kam immer noch in einzelnen dicken Tropfen, doch der Wind war voller Drohungen.

Blau-weiße Gaslichter flackerten zu beiden Seiten der ebenholzschwarzen Lacktüren des Empire wie in Glas gefangene Geister. Ein Portier in Schwarz und Gold öffnete ihm die Tür. Gleich hinter dem Eingang standen zwei Uniformierte.

Die Polizeipräsenz war nicht die einzige offensichtliche Veränderung. Modernes Design hatte das Empire in das einundzwanzigste Jahrhundert geführt. Der Marmorboden glänzte immer noch so wie in Nates Erinnerung, doch wo die Wände früher übergequollen waren von Impasto-Gemälden, hingen heute antike Spiegel, und Paneele aus geprägtem Leder reichten bis unter die Decke. Geschwungene Kurven aus indigofarbenem Samt hatten die rechten Winkel der gestreiften Satinsofas ersetzt. Massive schmiedeeiserne Lampen mit blauem Glas hingen dort, wo einst Kristalllüster geglitzert hatten. Die Rezeption war mit jungen Leuten in schwarzen Uniformen besetzt. Es herrschte lebhafter Betrieb; Touristen und Kellner liefen kreuz und quer über die glänzenden Böden.

»Dr. McHale?« Eine junge Frau mit einem straffen Dutt blonder Haare bot Nate die Hand. »Mr. Vanhouten ist in der Kolonnade.«

Nate folgte ihr durch die Lobby in das Restaurant des Empire. Auf dem Weg dorthin bemerkte er, dass der Wintergarten gesperrt war, ein Glashaus, das in den Garten des Hotels führte und gerne für Hochzeiten genommen wurde. Arbeiter zogen eine Plane über das Dach, und der Parkettboden war mit weiteren Planen abgedeckt.

»Was ist denn da passiert?«, fragte Nate seine Begleiterin.

»Sturmschaden.«

»Aber der Hurrikan hat doch noch gar nicht angefangen«, sagte Nate.

Ein höfliches Lächeln war die einzige Antwort.

Anders als die Lobby war die Kolonnade genau so, wie Nate sie in Erinnerung hatte: ein großer Saal auf zwei Ebenen, mit dem Großteil der Tische im weitläufigen unteren Teil vor einer kurzen Treppe zur oberen Ebene, deren Wände von Nischen gesäumt waren. Der Schein von Wandleuchtern und gedimmte Lampen an der Decke tauchten den Raum in ein geisterhaftes Licht.

Er sah Tom zuerst, über einen Tisch gebeugt. Er hatte die Uniform abgelegt und einen blauen Oxford angezogen. Zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte, und er schüttelte wegen irgendetwas nachdrücklich den Kopf. Dann bemerkte er Nate, und sein Gesicht wurde glatt. Er lächelte.

»Nate!« Johnny rutschte aus der Nische und erhob sich, um Nate zu umarmen. Dann packte er ihn für einen Moment bei den Oberarmen und hielt ihn von sich, um ihn von oben bis unten zu betrachten. »Du siehst fantastisch aus! Ziemlich irritierend, offen gestanden.«

»Du auch.« Nate klopfte ihm auf die Schulter. Johnny hatte sich die Haare länger wachsen lassen, zum Ausgleich für ihr Dünnerwerden. Und er hatte zugenommen: Tom bemerkte einen leichten Bauchansatz. Er trug einen schlecht sitzenden grauen Anzug, eigenartig unpassend für jemanden, der so wohlhabend war. Der Kragen seines Hemds war verrutscht wie die gebrochenen Flügel eines toten Insekts. Er schien Mühe zu haben, wieder in die Nische zu rutschen.

»Verrückt, huh? Wie lang ist es her?« Nate setzte sich neben Tom. »Das Hotel sieht fantastisch aus.«

Johnny winkte einen Kellner herbei. Kurze Zeit später kam ein Tumbler mit Limetten und kandiertem Ingwer. »Dark and Stormy«, sagte Johnny mit einem schiefen Grinsen. »Scheint mir angemessen. Und mach bitte die nächste Runde fertig«, sagte er zu seinem Kellner.

In Johnnys Glas war nur noch Eis, doch er hob es trotzdem. »Auf unseren …« Er sah zu Tom. »Passt ›verlorener Sohn‹? Oder ›abwegiger Bruder‹?«

»Wie wäre es mit: ›Auf alte Freunde‹?«, entgegnete Tom. Anscheinend hatte Nate eine angespannte Unterhaltung zwischen den beiden unterbrochen. Tom wirkte spröde unter seinem Lächeln.

»Ist für mich in Ordnung.«

»Und auf Abwesende«, fügte Nate hinzu.

Die drei stießen mit ihren Gläsern an.

Ein Klang genau wie dieser war unendlich oft an Myriaden Orten in ungezählten Jahrhunderten erklungen. Gemeinsame Drinks mit Freunden. Der Trinkspruch war ausgebracht, der gemeinsame Abend lag vor ihnen. Nate hätte Geselligkeit spüren sollen, Kameradschaft, doch stattdessen spürte er die Dinge, die sie trennten. Die beiden waren seine ältesten Freunde – doch er war derjenige, der gegangen war.

Tausend gemeinsame Erinnerungen verbanden sie miteinander, doch wie gut hatten ihre Gemeinsamkeiten die Jahre überdauert? Vielleicht nicht so gut, wie Nate gehofft hatte. Er versuchte sich an ihre letzte Begegnung zu erinnern und ob er sie als einen entscheidenden Moment in seinem Gedächtnis gespeichert hatte.

»Wie lange bleibst du in der Stadt?«, wollte Johnny wissen.

»Sonntag, es sei denn, Medea hat andere Pläne.«

»Kurzer Besuch, aber du bist sicher ein vielbeschäftigter Mann.«

»Sind wir das nicht alle?«

»Sicher. Tom rettet Katzen von Bäumen, und ich … Na ja. An einem guten Tag bin ich der perfekte Hochzeitsplaner.«

»Katzen gehören eigentlich mehr in die Zuständigkeit der Feuerwehr«, sagte Tom und wandte sich an Nate. »Ich hab dich noch gar nicht nach deiner Arbeit gefragt. Du bist immer noch Forschungsstipendiat, richtig?«

»Ja, ich hab noch zwei Jahre. Es ist ein langer Weg.« Er hatte bisher kaum mehr als einen Schluck von seinem Drink genommen, trotzdem strahlte er den Kellner an, als dieser mit der neuen Runde eintraf.

»Nicht nur Doktor, sondern Chirurg. Nicht nur Chirurg, sondern pädiatrischer Chirurg. Und nicht nur pädiatrischer Chirurg, sondern pädiatrisch-chirurgischer Onkologe.« Johnny schüttelte den Kopf und nahm einen großen Schluck aus seinem Tumbler. »Du hast so eine Art, den Rest von uns aussehen zu lassen wie Trottel. Lass mich raten, du behandelst außerdem exklusiv Waisen und Flüchtlinge.«

»Nein, den wirklich altruistischen Kram hebe ich mir für die Rente auf.« Nate hob seinen Cocktail. »Der schmeckt köstlich. Und ganz im Ernst, sieh dir diesen Laden an. Diese Stadt. Euch selbst.« Nates Grinsen wurde breiter, bis es alle einschloss. »Wir haben es alle gut getroffen, oder? Es ist schön, euch wiederzusehen.«

»Wow«, sagte Johnny. »Hat deine schmalzige Schleimerei angefangen, als du Vater geworden bist, oder ist es eine Nebenwirkung von Schlafmangel?«

Nates Grinsen blieb unverändert. Johnny verdrehte die Augen, doch er lächelte nicht dabei. »Also schön, meinetwegen. Zeig mir endlich ein Bild von deinem Zwerg. Ich weiß, dass du darauf brennst. Das Telefon in der Tasche voller Bilder von ihr und alles.«

Weihnachten, Halloween, Geburtstage, Strandurlaube, gemeinsame Wannenbäder, Eis-Desaster – es war erstaunlich, wie viele Fotos ein Vater mit sich herumtrug. Doch Nate belästigte seine Freunde nicht lange damit. Es war gut, ihnen die Familie zu zeigen, die er gegründet hatte, sodass sie an seinem Erfolg teilhaben konnten. Doch es gab eine schmale Linie zwischen Stolz und Prahlerei, und er achtete sorgsam darauf, sie nicht zu überqueren. Er brauchte verschiedene Dinge von den beiden, allerdings nicht ihren Neid.

»Oh, und ich liebe die neue Lobby«, sagte Nate, als er sein Telefon weggesteckt hatte. »Du hast einen fantastischen Geschmack.«

»Ich gebe das Kompliment an meine Ex weiter, sollte ich sie jemals wiedersehen. Sie hatte wirklich einen ausgezeichneten Geschmack, stimmt’s, Tom? Der Concierge, wegen dem sie mich verlassen hat, hatte die wundervollsten Augen. Wer braucht schon einen Urlaub in der Karibik, wenn er in Augen wie diese eintauchen kann?«

»Die Geschäfte waren gut«, sagte Tom, ohne auf Johnny einzugehen. »Besser als je zuvor.«

»Sieht so aus«, sagte Nate. »Man sollte nicht meinen, dass Nebensaison ist.«

Johnny hatte seinen Drink geleert, doch er bog den Kopf nach hinten auf der Suche nach einem letzten Tropfen. Das Eis klapperte gegen seine Zähne. Dieser und der vorhergehende Cocktail waren unübersehbar nicht seine ersten gewesen.

»Als wir im Werftviertel waren, haben wir Emma gesehen. Sie hat im Teeladen die Schotten dichtgemacht«, berichtete Tom. »Nate dachte, wir könnten uns vielleicht alle treffen, bevor er wieder fährt. Die Jungs versammeln und all das.«

»Ich hab gehört, es gibt eine Beerdigung«, sagte Johnny. »Echt guter Zeitpunkt für so ein Wiedersehen.« Er suchte erneut am Boden des leeren Glases nach einem Rest.

Tom atmete laut aus. Es klang nicht ganz wie ein Seufzer.

»Ja, sicher sehen wir dort eine Menge Leute«, sagte Nate. »Aber es wäre nett, hinterher noch ein wenig Zeit mit ihnen zu verbringen. Nicht nur Leute aus unserer Clique, sondern alle – Lindsay, die Sarahs –, einfach alle aus den alten Zeiten. Es ist so lange her, dass ich sie gesehen habe, und ich würde mich freuen, den Kontakt aufzufrischen.« Er lächelte, als würde ihm nichts auf der Welt mehr Vergnügen bereiten, als jede einzelne Erinnerung an diese Stadt und ihre Bewohner in Marmor zu meißeln und in Gold zu rahmen.

Johnny sah ihn ausdruckslos an.

»Selbstlos. Rührselig. Und was ist das jetzt? Nostalgisch? Was kommt als Nächstes, Nate?«

Nate ließ sich seine Verärgerung nicht anmerken. Stattdessen betrachtete er Johnny mit den Augen eines Arztes. Johnnys Augen waren blutunterlaufen, die Lederhaut ein wenig gelblich. Periorbitale dunkle Ringe. Schweiß um den Kragen herum. Johnny hatte von Hause aus die dunkle Haut seiner Mutter, doch sie war aschfahl. Nates alter Freund war nicht bei guter Gesundheit. Das zusätzliche Gewicht machte es nicht besser, ebenso wenig wie der Alkohol. Nate fragte sich, ob Johnny so viel trank wie seinerzeit sein Vater, Mr. Vanhouten.

»Johnny hat schlechte Laune«, erklärte Tom.

»All diese Fenster, und ein Hurrikan im Anflug?« Nate deutete auf die Wand aus Glas, die zum Garten hin zeigte. »Kann ich ihm nicht verdenken.« Er blieb die personifizierte Liebenswürdigkeit – er hatte nicht vor, die Idee eines Wiedersehens mit den alten Klassenkameraden aufzugeben. Ein solches Treffen wäre die einfachste Möglichkeit, mit jedem seiner alten Bekannten unter vier Augen zu reden.

»Das Lustige ist, du hast mehr oder weniger recht«, sagte Johnny. »Vier Hochzeiten diesen Monat, und der Wintergarten sieht aus wie nach der Apokalypse. Vielleicht ist das das passende Thema für die Feiern. Brautseite ist links, und hier ist eine Gasmaske. Fünfzig-fünfzig-Chance, von einem Träger aufgespießt zu werden.«

»Ich habe gesehen, dass er geschlossen ist. Was ist passiert?«

»Sturmschaden«, sagte Johnny. »So nennen wir es jedenfalls, oder, Tommy?«

Der Kellner kam mit einem weiteren Drink für Johnny. Nate spitzelte mit dem Rührstab eine Ecke kristallisierten Ingwers aus seinem Glas.

»Ein Baum?«, fragte er, weil er das Gefühl hatte, dass Johnny darüber reden wollte. Sie mussten das Thema aus dem Weg räumen, bevor er weitermachen konnte.

»Ein ziemlich großer«, sagte Tom. »Zweihundert Jahre alt. Hat die Hälfte der Scheiben rausgehauen, aber es ist die Reparatur des Stahlgerüsts, die so lange braucht.«

»Muss ein heftiger Sturm gewesen sein«, sagte Nate.

»Klar«, sagte Johnny. »Aber um ehrlich zu sein, ich denke, dass eher die Kettensäge schuld war.«

Tom schüttelte den Kopf. »Komm schon.«

Nate wollte die nächste Frage stellen, als ein älterer Mann vor der Nische erschien. Toms Vater, der Polizeichef von Greystone Lake.

»Die Beamten bleiben über Nacht und machen halbstündige Runden«, informierte er Johnny.

»Chief! Wie schön, dich zu sehen!« Nate erhob sich, um Chief Buck die Hand zu geben.

Nates Vater und der Polizeichef von Greystone Lake waren in jungen Jahren unzertrennlich gewesen. Diese Freundschaft hatte bis zu jenem lange zurückliegenden Samstag im April gedauert, dem Ausflug zum Kap. Ihre Ehefrauen waren Freundinnen gewesen, und ihre Söhne waren genauso eng befreundet wie sie selbst als Kinder. Nate stellte sich vor, dass ihre Väter über diese Symmetrie erfreut gewesen waren. Für sie musste es das reinste Glück gewesen sein, ihren Söhnen nach Feierabend beim Spielen zuzusehen, während ihre hübschen Frauen miteinander lachten.

»Nate.« Der Chief nahm Nates Hand, doch er erwiderte sein Lächeln nicht.

»Wie geht es dir? Es ist eine Ewigkeit her. Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.«

»Wie wäre es mit morgen, vor der Beerdigung? Sagen wir, neun Uhr auf der Dienststelle? Ich gebe Bescheid, dass du kommst.« Das Gesicht des Mannes war so ungerührt wie die Berge. Er ließ Nates Hand los und entfernte sich von der Nische.

Die Kälte, die Nate entgegengeschlagen war, wirkte betäubend. Jede Erinnerung an den Chief war die eines liebevollen Onkels. Als er sich wieder in die Nische sinken ließ, starrten Tom und Johnny in ihre Cocktails.

»Er hat gesagt, ich soll zur Dienststelle kommen.« Als hätten sie es nicht selbst gehört.

»Der Leichnam«, sagte Tom. Ihr Leichnam. »Es gibt Fragen.«

Nate hatte gewusst, dass es so kommen würde. Es war unausweichlich. Fragen mussten beantwortet werden, Aussagen protokolliert. Vierzehn Jahre lang hatte diese Stadt sich damit zufriedengegeben, dass ihre hübscheste Tochter einfach davongelaufen war. Ein weiteres unglückseliges Kind aus einem mangelhaften Zuhause, bestimmt für die Gosse. Nate hatte es von Anfang an besser gewusst, und jetzt hatte die restliche Stadt begriffen.

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