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Das Geheimnis von St. Andrews

PROLOG

Die Lichter der Autoscheinwerfer durchschnitten die pechschwarze Nacht. Mit geschlossenen Augen saß Amber Page auf dem Beifahrersitz des anthrazitfarbenen Mazda. Ihr zuliebe hatte Steve seinen MP-3-Player mit dem Sound der „Wild Beasts“ bestückt. Nun verursachte die Stimme von Sänger Hayden Thorpe der Zwanzigjährigen ein elektrisierendes Kribbeln auf der Haut. So war es immer, wenn sie diese Musik hörte. Sie konnte es kaum erwarten, die Kultband endlich live zu sehen. Genau aus diesem Grund war sie nachts auf den einsamen Landstraßen der Grafschaft Suffolk unterwegs.

„Wir sind gleich in Pittstown, Amber.“

Steves Stimme riss sie aus den Träumereien. Sie hatte den jungen Mazda-Besitzer über eine Mitfahrzentrale im Internet kennengelernt. Er war jede Woche Richtung Südengland unterwegs und nahm immer gern Leute gegen Benzinkosten-Beteiligung mit. Und da Steve von seinen bisherigen weiblichen Mitfahrern auf der Homepage positiv bewertet worden war, hatte Amber diesen Trip riskiert. Andernfalls hätte sie sich nie zu einem fremden Mann ins Auto gesetzt. Aber außer ihr waren auch noch eine gewisse Sandra und ihr Freund Paul als weitere Reisegefährten dabei, was Amber ein weiteres Gefühl von Sicherheit gab. Die beiden saßen auf der Rückbank und hielten verliebt Händchen.

„Kannst du mich am Busbahnhof aussteigen lassen, Steve?“

„Kein Problem. Ich hätte dich ja gerne bis nach London gebracht. Aber das liegt zu weit von meinem Fahrtziel entfernt.“

„Von Pittstown aus nehme ich den Bus, wie gesagt. Und meine Freunde treffe ich zum Frühstück am Piccadilly Circus. Dann können wir noch den ganzen Tag lang die Hauptstadt unsicher machen, bevor abends die ‚Wild Beasts‘ spielen. Ich kann es echt kaum noch erwarten. Es war verdammt schwierig, ein Konzertticket zu kriegen.“

Amber war bewusst, dass ihr die Vorfreude anzusehen war. Leider gab es in ihrem Heimatdorf niemanden, der mit ihr zusammen zu dem Gig nach London reisen wollte. Doch Amber war jeden Tag in ihrem sozialen Netzwerk „Albiona“ unterwegs, um sich mit anderen Fans über die „Wild Beasts“ auszutauschen. Die Leute, mit denen sie sich in London treffen wollte, standen auf ihrer „Albiona“-Freundesliste.

Steve setzte den Blinker und fuhr an den Straßenrand. „Hier ist laut meinem Navi der Busbahnhof von Pittstown“, verkündete er.

Nachdem Amber ihre Umhängetasche genommen hatte und aus dem Auto gestiegen war, blinzelte sie irritiert. Der Busbahnhof von Pittstown bestand nur aus einem Haltestellenschild. Es gab noch nicht einmal ein Wartehäuschen. Aber in einer Kleinstadt konnte man wohl wirklich nicht mehr erwarten. Ein kalter Wind pfiff über den kahlen Platz, der von einigen grell leuchtenden Peitschenlampen erhellt wurde. Es war still wie auf einem Friedhof.

Ihren Anteil an den Benzinkosten hatte sie Steve schon gegeben. Er beugte sich über den Beifahrersitz und nickte ihr freundlich zu. „Ich wünsche dir eine gute Weiterfahrt, Amber – und natürlich viel Spaß beim Konzert.“

Sandra und Paul verabschiedeten sich ebenfalls, dann fuhr der Wagen davon. Amber schaute den Rücklichtern des Mazda nach, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Jenseits der gut beleuchteten Busstation war das nächtliche Pittstown in Finsternis gehüllt. Nur hier und da verbreitete eine einsame Straßenlaterne fahles Licht. Aber das war Amber egal. Schließlich wollte sie hier ja keine Wurzeln schlagen. Sie schaute auf die Uhr. In einer halben Stunde würde der Überlandbus Richtung London in Pittstown eintreffen.

Seufzend schaltete sie ihren MP-3-Player an. Als die Stimme von Hayden Thorpe erklang, besserte sich ihre Laune schlagartig. Aber nur so lange, bis sie zufällig einen Blick auf den ausgehängten Fahrplan warf.

Der Bus war schon weg!

Ungläubig beugte Amber sich vor. Wie konnte das sein? Sie hatte die Abfahrtszeiten doch vorher sorgfältig im Internet gecheckt. Im nächsten Moment bemerkte sie ihren Irrtum. Sie hatte vergessen, dass inzwischen der Sommerfahrplan galt. Der nächste Bus nach London würde erst um 5.11 Uhr morgens fahren!

Genervt schaute sie auf die Digitalanzeige ihres Handys. Es war erst kurz nach Mitternacht. Jetzt saß sie die halbe Nacht in diesem gottverlassenen Kaff fest. Na toll, dachte Amber und blies sich genervt eine Strähne ihres schulterlangen brünetten Haars von der Wange. Ein Hotelzimmer konnte sie sich nicht leisten. Die wenigen Pfund in ihrer Tasche reichten gerade für die Buskarte nach London und ein paar Hamburger und Getränke. Auf dem Rückweg wollte eine gewisse Maureen sie mitnehmen, die sie im Internet kennengelernt hatte. Maureen war ebenfalls ein „Wild Beast“-Fan.

Aber an die Heimreise wollte Amber jetzt nicht denken. Sie musste erst mal überhaupt nach London kommen.

Zu allem Überfluss begann es nun auch noch zu regnen. Oh nein! Amber trug nur eine dünne Baumwolljacke. Es war Sommer, und sie hatte nicht mit so miesem Wetter gerechnet. Der Regen wurde von Minute zu Minute stärker. Wenn sie sich nicht unterstellte, würde sie im Handumdrehen nass sein.

Amber griff sich ihre Umhängetasche und begann zu laufen. Natürlich wusste sie überhaupt nicht, wohin sie sich wenden sollte. Sie war zum ersten Mal in Pittstown – und auch zum letzten Mal, wenn es nach ihr ging.

Jenseits der gut beleuchteten Busstation bestand die Kleinstadt nur aus düsteren krummen Gassen mit Kopfsteinpflaster. Sie wurden gesäumt von uralten niedrigen Fachwerkhäusern. Die Fensterläden waren ausnahmslos geschlossen. Amber fühlte sich, als wäre sie in einer Geisterstadt gestrandet. Noch nicht einmal ein Pub war offen – und außer ihr war kein einziger Mensch auf der Straße.

Die Regentropfen wurden immer größer, jedenfalls kam es Amber in der Dunkelheit so vor. Wenn sie sich nicht bald irgendwo unterstellen konnte, würde sie sich eine heftige Erkältung holen. Inzwischen hatte sie in dem Gassenlabyrinth die Orientierung verloren. Wütend ging Amber weiter – wütend auf sich, auf die Busgesellschaft und vor allem auf dieses elende Nest Pittstown.

Plötzlich erblickte sie einen fahlen Lichtschein. Er drang durch die hohen gotischen Fenster einer Kirche nach draußen. Erleichtert atmete Amber auf. Gotteshäuser mussten doch Tag und Nacht geöffnet sein, damit Gläubige Zuflucht fanden, oder nicht? Entschlossen marschierte sie auf die Kirche zu. Dort würde sie sich unterstellen und den Morgen abwarten, bevor sie weiter nach London fuhr.

Dafür musste sie zunächst den Friedhof überqueren. Außer den blassen Strahlen der mattsilbernen Mondscheibe gab es keine Beleuchtung. Doch über dem Kirchenportal war ein schwaches Außenlicht befestigt, an dem sie sich orientieren konnte. Mehrere Male wäre sie beinahe über halb verwitterte Grabsteine gestolpert, die bereits weit in die Grasnarbe eingesunken waren. Sie fühlte sich beklommen, als würde eine eiskalte Klaue nach ihrem Herzen greifen. Es dauerte nicht lange, bis sie die Begräbnisstätte hinter sich gelassen hatte, obwohl es ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam. Die Luft war modrig, und es roch nach frisch aufgeworfener Erde. Vermutlich war erst vor Kurzem ein neues Grab ausgehoben worden.

Dann hatte sie endlich das Kirchenportal erreicht. Sie presste die Lippen aufeinander und drückte die schmiedeeiserne Klinke herunter. Laut knarrend schwang die Tür nach innen auf.

Das Gotteshaus wurde von mehreren antiken Lampen sowie einem Dutzend Kerzen in Altarnähe beleuchtet, deren Schein auf die Kirchenbänke und biblischen Darstellungen an den Wänden fiel. Obwohl Amber nicht besonders religiös war, wurde sie von einer friedlichen und beruhigenden Stimmung ergriffen.

Aber dieser Zustand hielt nicht lange an.

Denn plötzlich hörte sie ein Wispern, ohne die Worte verstehen zu können. Als sie sich umschaute, entdeckte sie jedoch niemanden. Hatte sie sich getäuscht? Verwechselte sie das Prasseln der Regentropfen gegen die Kirchenfenster mit unheimlichen Stimmen?

Nein, da war wieder ein leises unverständliches Gemurmel … Irgendwo in dem Kirchengemäuer musste jemand oder etwas …

Am liebsten wäre sie geflohen – aber das Unwetter wurde immer stärker. Außerdem war sie normalerweise nur vorsichtig, aber nicht überängstlich oder hysterisch. Das gruselige Gefühl, das sie auf dem nächtlichen Friedhof beschlichen hatte, fand sie hingegen völlig normal. Wer spazierte schon gern nachts zwischen Grabsteinen umher? Aber hier in der Kirche gab es doch wirklich nichts, wovor sie sich fürchten musste. Oder?

Amber beschloss, sich genauer umzuschauen. Schließlich musste sie die nächsten Stunden hier warten. Sie zuckte zusammen, als sie sich der Kanzeltreppe näherte. Lauerte dort unter der steinernen Kanzel eine dunkle Gestalt?

Im Näherkommen bemerkte sie ihre Täuschung. Es war bloß der Schatten der Treppe, der ihr einen Schrecken eingejagt hatte. Erleichtert atmete Amber auf, während sie sich über ihre eigene Beklemmung amüsierte.

„Na, also! Du siehst schon Gespenster, kleine Drama-Queen!“, sagte sie laut und lächelte, um sich Mut zu machen.

Im nächsten Moment bereute sie ihren Leichtsinn und biss sich auf die Lippe. Denn sie hörte die flüsternde Stimme wieder. Nur dass es diesmal sogar noch bedrohlicher war … Zumindest kam es ihr so vor. Die Kerzenflammen in dem Kandelaber vor dem Altar flackerten. Hatte sich eine Tür geöffnet? Oder kam die Bewegung einfach von der Zugluft in dem alten Gemäuer?

Amber versuchte sich zu beruhigen. Was hatte sie schon nachts in einer Kleinstadt-Kirche zu befürchten? Hier würde sich wohl kaum ein Serienmörder herumtreiben. Und ein Vampir schon mal gar nicht. Dafür gab es hier einfach zu viele Kruzifixe und ein Weihwasserbecken. Sie schüttelte den Kopf.

Ihre Angst war völlig unbegründet.

Vielleicht sollte sie mit ihrer Handykamera ein Foto von sich vor dem Altar machen. Das könnte sie dann später im Internet posten, um der „Albiona“-Community von ihrer abenteuerlichen Reise zu berichten.

Amber setzte ihr Vorhaben sofort in die Tat um. Sie schaffte es sogar, während der Aufnahme zu lächeln. Aber nur so lange, bis sie sich das Bild anschaute.

Auf dem Foto war eine dunkle Gestalt zu erkennen, die hinter Amber stand und ihre Hände nach ihr ausstreckte! Offensichtlich handelte es sich um einen Mann, der einen schwarzen Kapuzenpulli trug. Oder war es eine Mönchskutte?

Der Mann versuchte sich am Eingang zur Sakristei zu verbergen, aber Amber hatte ihn bereits entdeckt. Ohne es verhindern zu können, drehte sie sich um.

Jetzt war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei. Sie stieß einen schrillen Schreckensschrei aus und floh Richtung Kirchentür.

Doch aus der Finsternis neben dem Weihwasserbecken schob sich ihr der Schatten in den Weg. Panisch blickte Amber in alle Richtungen, während sie krampfhaft ihr Handy umklammerte, bevor sie wie ein gehetztes Tier die steilen Stufen zur Chorempore hinauflief. In ihrer Todesangst merkte sie nicht, dass sie das Foto an ihre „Albiona“-Homepage schickte.

Plötzlich packte jemand sie am Fußgelenk und zog sie kaltblütig die Stiege hinab. Im Halbdunkel schlug Amber wie wild um sich. Dann spürte sie, wie sich Finger um ihren Hals legten und ihr mit eisernem Griff die Kehle zudrückten. Amber wollte sich wehren und versuchte nach Luft zu schnappen.

Dann wurde es dunkel um sie herum. Für immer.

1. KAPITEL

Cherry Wynn hätte ihre Ankunft in Pittstown beinahe verschlafen.

In dem halb leeren Nahverkehrszug fielen ihr immer wieder die Augen zu. Ihre Lider schienen bleischwer zu sein. Die Abschiedsparty am Vorabend mit einem Dutzend anderer Studentinnen war doch ziemlich turbulent gewesen. Einige der Cocktails in einer coolen Londoner Westend-Bar hatten es wirklich in sich gehabt. Und die Trinksprüche ihrer Freundinnen waren mit zunehmendem Alkoholpegel immer wehmütiger geworden.

„Auf Cherry, die sich in der Provinz vergräbt!“

„Wir trinken auf eine bemitleidenswerte Freundin, die ein halbes Jahr lang nur mit Dorftrotteln flirten wird!“

Schließlich war Cherry der Kragen geplatzt, und sie hatte halb amüsiert und halb genervt gerufen: „Wie seid ihr eigentlich drauf? Habt ihr immer noch nicht mitgekriegt, dass ich mein Kunstgeschichtsstudium ernst nehme? Und wenn ich bei einem der besten Restauratoren Englands ein Praktikum machen kann, dann gehe ich dafür sogar nach Pittstown!“

Nun musste sich Cherry beeilen, denn der Zug hatte nur kurzen Aufenthalt. Sie konnte gerade eben mitsamt ihrer Reisetasche auf den Bahnsteig springen, da fuhr der Lokführer auch schon wieder an. Außer Cherry hatte niemand den Waggon verlassen.

Trotz des schönen Sommerwetters war kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen. Cherry griff nach ihrem Gepäck und führte sich noch einmal vor Augen, was sie im Internet über Pittstown gelesen hatte: 12.800 Einwohner, eine Bahnstation, ein Amtsgericht, drei Kirchen – davon zwei anglikanische und eine katholische. Wenn Cherry ihren Professor richtig verstanden hatte, dann war eines der Gotteshäuser eine halbe Ruine und musste dringend instand gesetzt werden. Das war Cherrys Chance, als Restauratorin von antiken Kunstwerken Erfahrungen zu sammeln.

Sie schlenderte durch die stillen Gassen. Nur gelegentlich fuhr ein Auto vorbei. Im Vergleich zu dem ständigen Londoner Verkehrschaos war es hier wirklich sehr ruhig. Ob ihre Freundinnen mit ihrer Schwarzmalerei recht behalten würden?

Eine betagte Dame trat aus einem der alten Fachwerkhäuser. Cherry fragte sie lächelnd: „Hallo. Könnten Sie mir bitte sagen, wo ich St. Andrews finde?“

Die einheimische Seniorin zuckte zusammen. Wegen ihrer Weitsichtbrille wirkten ihre blassblauen Augen riesig. „Meinen Sie etwa die Kirche St. Andrews?“

Cherry nickte und blinzelte irritiert, denn ihr Gegenüber bekreuzigte sich plötzlich. Dann beugte sich die alte Frau vor und raunte: „Dort ist es nicht geheuer, Mädchen. Sie sollten diesem verfluchten Ort lieber fernbleiben.“

Am liebsten hätte Cherry erwidert, dass sie nicht an Hokuspokus und magische Flüche glaubte. Doch sie wollte sich nicht schon kurz nach ihrer Ankunft in Pittstown unbeliebt machen.

„Ich werde dort arbeiten, Madam. Die alte Bausubstanz soll gerettet werden.“

„Es wäre besser, dieses Teufelshaus bis auf die Grundmauern niederzubrennen. Aber wenn Sie unbedingt Ihr Unglück heraufbeschwören wollen, dann folgen Sie dieser Straße und biegen links in die Trafalgar Road ab. Dann sehen Sie den Glockenturm schon von Weitem.“

Und bevor sich Cherry für die Auskunft bedanken konnte, huschte die Alte wie eine verängstigte Maus davon. Kopfschüttelnd blickte die junge Frau ihr nach. Wie krass war das denn? Von einem Fluch hatte ihr Professor nichts erwähnt, aber als Wissenschaftler befasste er sich gewiss nicht mit dem Aberglauben der Einheimischen. Cherry wusste aus ihrem Studium, dass sich um fast jede alte Ruine in England mysteriöse Geschichten rankten. So gesehen wäre es viel erstaunlicher gewesen, wenn es ausgerechnet über die St.-Andrews-Kirche von Pittstown keine Schauermärchen gegeben hätte.

Wenigstens war die Auskunft der alten Dame hilfreich gewesen. Cherry folgte der Wegbeschreibung, und zehn Minuten später stand sie vor der niedrigen Feldsteinmauer, von der Gotteshaus und Friedhof umschlossen wurden.

Selbst ein Laie erkannte schon auf den ersten Blick, wie renovierungsbedürftig die Kirche war. Etliche Dachschindeln fehlten, sodass den Gläubigen beim Gottesdienst wahrscheinlich das Regenwasser in den Kragen lief. Eine der gotisch spitz zulaufenden Fensteröffnungen war mit Brettern vernagelt. Links und rechts des steinernen Eingangsportals hatte man Baugerüste errichtet. Dort hockte in luftiger Höhe ein Mann im Arbeitsoverall, ließ die Beine baumeln und machte sich an den Mauersteinen zu schaffen.

Der Anblick des halb verfallenen Gebäudes hatte Cherrys Tatendrang geweckt. Die Nachwirkungen der Cocktails vom gestrigen Abend waren im Nu verflogen. Cherry konnte es nun kaum noch erwarten, endlich anfangen zu dürfen. Vor ihr lag ein halbes Jahr mit praktischer Arbeit, und das war gewiss spannender als das manchmal staubtrockene Bücherstudium in Bibliotheken und Hörsälen.

Cherry überquerte den Friedhof. Manche der Grabsteine waren bereits mit Moos überwuchert und halb in der Erde eingesunken. Offenbar lagen viele Menschen hier schon seit Jahrhunderten begraben. Von ihrem Professor hatte sie erfahren, dass St. Andrews erstmals 1368 errichtet worden war. Doch im Lauf der Jahre war die Kirche mehrfach zerstört und wieder aufgebaut worden.

Der Arbeiter schabte mit einem Stechbeitel an der Mauer herum. Obwohl Cherrys Absätze auf dem gepflasterten Weg nicht zu überhören waren, schaute er nicht von seiner Tätigkeit auf und drehte ihr weiterhin den Rücken zu. Sie blieb neben dem Gerüst stehen und legte den Kopf in den Nacken. Cherry beschattete ihre Augen mit der Hand, denn die Sonne strahlte hell vom Sommerhimmel auf die grauen Mauern von St. Andrews. „Hallo. Ich bin Cherry Wynn“, grüßte sie freundlich.

„Wie schön für Sie.“ Der Mann warf ihr einen desinteressierten Seitenblick zu, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Der Overall lag eng an, sodass sich seine gewaltigen Muskelpakete darunter abzeichneten. Die blonden Haare des Arbeiters waren so kurz geschnitten wie bei einem Soldaten der Royal Marines. Cherry schätzte ihn auf Anfang dreißig. Seine abweisende Art ging ihr schon jetzt auf die Nerven.

Cherry erwartete nicht, dass ihr alle Männer sofort zu Füßen lagen. Sie wusste, dass sie mit ihrer schlanken Figur und ihren großen rehbraunen Augen allgemein als attraktiv galt. Sie hatte zwar momentan keinen festen Freund, aber sie flirtete gern und war kontaktfreudig. Und sie war es einfach nicht gewohnt, dass man ihr so deutlich die kalte Schulter zeigte.

„Ich bin die neue Praktikantin. Heute ist mein erster Arbeitstag.“ Cherry blieb hartnäckig.

„Mr Blackburn teilt die Arbeiten ein.“

Ungeduldig verdrehte Cherry die Augen. Aber das konnte der Arbeiter nicht sehen, weil er sie nach wie vor keines Blickes würdigte.

„Okay, und wo finde ich Mr Blackburn?“

„Er ist drinnen.“

„Vielen Dank für die freundliche Auskunft“, entgegnete Cherry ironisch. Wütend drückte sie die schwere Kirchentür auf. Ob alle Einheimischen so merkwürdig waren? Doch während sie sich diese Frage stellte, wurde ihr klar, dass der gleichgültige Muskelmann nicht aus Pittstown stammen konnte. Sie hatte bemerkt, dass er mit einem leichten Londoner Akzent sprach. Ob er so unausstehlich war, weil sein Schicksal ihn in die tiefste Provinz verschlagen hatte? Cherry hoffte nur, dass sie nicht nach einiger Zeit genauso wurde.

Aber vielleicht waren ja nicht alle Typen in Pittstown solche Fieslinge wie dieser Arbeiter.

Cherrys Schritte hallten auf dem Granitfußboden der alten Kirche wider. Sie trat in den Mittelgang zwischen den Kirchenbänken und schaute Richtung Altar, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.

Sie führte sich vor Augen, dass die Kirche viele Jahrhunderte lang das Zentrum des Ortes gewesen war. Als es noch kein Internet, Fernsehen oder Radio gab, bestand das Leben der Menschen größtenteils aus harter Arbeit auf den Feldern. Die sonntäglichen Gottesdienste waren eine willkommene Abwechslung, obwohl viele Bauern während der Predigt vor Erschöpfung einschliefen.

„Was haben Sie hier verloren?“

Der scharfe Tonfall einer dunklen Männerstimme riss Cherry aus ihren Gedanken. Sie war sich nicht sicher, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war. Die schlecht beleuchtete Kirche war mit ihren Nebengewölben, den Kreuzwegstationen und dem Zugang zur Sakristei sehr unübersichtlich. Doch dann sah sie den Mann, der sich auf sie zubewegte. Er war untersetzt und bärtig. Trotz des Sommerwetters trug er einen Rollkragenpullover und eine Cordhose. Allerdings war es in dem Gotteshaus auch ziemlich frisch, wie Cherry zugeben musste. Von den sommerlichen Temperaturen, die draußen herrschten, war hinter den dicken Kirchenmauern nichts zu spüren.

„Sie müssen Harris Blackburn sein“, sagte Cherry und streckte ihm ihre Rechte entgegen. „Ich habe Ihr Foto gesehen, als ich Ihr Buch über Kirchenrestaurierung gelesen habe. Ich bin Cherry Wynn von der City University of London. Ihre neue Praktikantin steht vor Ihnen.“

Der grimmige Gesichtsausdruck des Restaurators wurde milder, aber nur ein wenig. Immerhin schüttelte er Cherrys Hand. Seine mit Steinstaub bedeckten Finger fühlten sich hart und fest an. Mit einem langen Blick musterte er Cherry.

„Soso, Sie wollen mich also bei meiner Arbeit unterstützen, Miss Wynn. Und im ersten Moment dachte ich, Sie hätten sich in der Tür geirrt. Ich nahm an, Sie wollten in die Disco von Pittstown, um an der Wahl zur Miss Suffolk teilzunehmen.“

Blackburn zeigte mit seiner ironischen Bemerkung deutlich, was er von Cherrys Outfit hielt. Unwillkürlich schaute sie an sich herab. Sie trug ein luftiges ärmelloses Sommerkleid. Es war wirklich etwas kurz. Aber sie fand eigentlich, dass sich ihre Beine sehen lassen konnten.

„Das ist natürlich nicht die passende Arbeitskleidung, Sir“, stammelte sie.

„Für eine Restauratorin nicht, für ein Animiermädchen schon“, stichelte Blackburn. „Wie auch immer, die Renovierung von St. Andrews ist eine harte und oftmals eintönige Arbeit. Sind Sie sicher, dass Sie sich das antun wollen, Miss Wynn?“

Cherry nickte heftig. „Auf jeden Fall, Sir. Es tut mir leid, dass ich so leicht bekleidet hier hereingeschneit bin. Aber ich bin direkt vom Bahnhof gekommen und habe noch nicht einmal mein Gepäck abgestellt.“

Cherry deutete auf ihre Reisetasche, die sie bei sich hatte. Blackburn nickte unwillig. Seine Freude, eine neue Hilfskraft zu bekommen, hielt sich sehr in Grenzen. Das war jedenfalls Cherrys Eindruck.

„Ich will offen mit Ihnen sprechen, Miss Wynn. Wissen Sie, warum Ihnen dieses Praktikum angeboten wurde?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich weil Sie Studenten etwas beibringen wollen“, antwortete sie.

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