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Das Geheimnis von Mulberry Hall

1. KAPITEL

„Ein frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen, Mr St. Claire!“

Lucan, an den dieser Glückwunsch gerichtet war, stand nachdenklich vor den meterhohen Glasfenstern seines Büros auf der Chefetage des St. Claire Corporation – Gebäudes und starrte hinaus.

Es war noch früh an diesem frostigen Januarmorgen, erst halb neun, trotzdem schuftete Lucan bereits seit sechs Uhr an seinem Schreibtisch, um der Arbeit Herr zu werden, die sich wegen der Weihnachtsferien vor ihm auftürmte.

Zumindest hatte er sich eingeredet, dringend in aller Herrgottsfrühe hierherkommen und arbeiten zu müssen. In Wahrheit wollte er lediglich so schnell wie möglich in sein gewohntes Umfeld zurückkehren, nachdem er ganz traditionell Weihnachten mit seinen beiden Brüdern bei ihrer Mutter in Edinburgh verbracht hatte. Anschließend musste er noch einen nervtötend langen Abstecher nach Mulberry Hall machen, dem Familienanwesen in Gloucestershire, um dort an Silvester die Hochzeit seines jüngsten Bruders zu feiern.

Natürlich verstand Lucan den Wunsch von Jordan und Stephanie, ihre Hochzeit unbedingt dort feiern zu wollen, denn immerhin hatten sie sich in diesem Haus kennengelernt. Trotzdem nutzte Lucan die erstbeste Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen und für drei Tage in Klosters Skifahren zu gehen.

Mit tief gerunzelter Stirn drehte er sich nun zu der jungen Frau um, die gerade aus dem Nachbarbüro herübergekommen war. In dem Büro arbeitete seine Privatsekretärin, doch diese Frau hier war nicht seine Angestellte. Um genau zu sein, war sie Lucan gänzlich unbekannt.

Nachdenklich betrachtete er ihre professionelle Erscheinung, obwohl das strenge Businesskostüm den berauschenden Effekt ihrer lackschwarzen langen Locken kaum ausgleichen konnte. Sie war vermutlich Mitte zwanzig, sehr schlank und nicht besonders groß. Gleichmäßig geschwungene Augenbrauen hoben sich über leuchtende tiefblaue Augen, die von weichen, dunklen Wimpern umrahmt waren.

Lucans Blick glitt über die kleine, gerade Nase hin zu unfassbar sinnlichen, vollen Lippen.

Überraschenderweise waren es eben diese Lippen, die Lucans Körper ganz plötzlich in einen alarmierenden Zustand der Erregung versetzten. Was geschah hier? Es war allgemein bekannt, wie emotionslos, kühl und rational Lucan St. Claire sich verhielt – sowohl innerhalb einer Beziehung als auch am Konferenztisch.

Nur im Augenblick gelang es ihm nicht, einen klaren Gedanken zu fassen, während er schweigend diese fremde Schönheit anstarrte.

Verärgert runzelte er die Stirn und räusperte sich. „Wer, zur Hölle, sind Sie?“

Beinahe hätte Lexie mit Lucan St. Claire Mitleid bekommen, als sie sah, wie sich Verwirrung und Ärger auf seiner Miene vermischten. Andererseits war er für diese unerwartete Situation ganz allein verantwortlich.

Wäre er nicht derart kalt und ichbezogen, und würde er nicht ständig die Bedürfnisse seiner Angestellten übergehen … dann hätte seine Privatsekretärin sicherlich nicht genau an Weihnachten beschlossen, ihren Job einfach hinzuschmeißen, ohne ihren Chef darüber zu informieren.

Möglicherweise.

Lexie konnte nicht beschwören, dass Jessica Browns Interesse an Lucan St. Claire rein beruflicher Natur war, und vielleicht hatte er diese vermeintlichen Gefühle schlicht nicht erwidert. Oder er war gar nicht fähig, überhaupt welche zu empfinden!

Gelassen ging Lexie auf den riesigen Schreibtisch zu, hinter dem Lucan mit finsterer Miene thronte. Er schien sich in seinem steifen, stahlgrauen Anzug ausgesprochen wohlzufühlen, das hellgraue Hemd darunter war makellos, und der schmale, einfarbige Schlips saß perfekt.

Dieser Mann war nicht nur auffallend groß und ebenso auffallend gut angezogen, nein, dieser erfolgreiche Aristokrat sah auch noch umwerfend attraktiv aus. Das musste Lexie einfach zugeben. Obwohl er sein dunkelbraunes Haar für ihren Geschmack ruhig etwas länger und unordentlicher tragen könnte. Und der arrogante Zug auf seinem ebenmäßigen Gesicht, das mit der geraden Nase, den bestechenden Augen und dem ausdrucksvollen Mund an sich höchst anziehend wirkte, gefiel ihr ebenfalls nicht besonders.

Im Grunde gefällt mir überhaupt nichts an diesen ganzen St. Claires! erinnerte Lexie sich und verzog die Lippen.

„Mein Name ist Lexie Hamilton, und ich springe als Ersatz für Ihre Privatsekretärin ein“, sagte sie mit klarer Stimme.

Seine düsteren Augen wurden schmal. „Es wäre mir neu, dass ich eine Sekretärin für den Übergang brauche.“

Im Stillen verfluchte Lexie ihn für seine offensichtliche Ignoranz. „Ihre bisherige Bürokraft rief meine Agentur an Heiligabend an, um für sich eine Vertretung zu organisieren, bis Sie jemanden für eine Festanstellung gefunden haben. Unglücklicherweise hat die Dame, die meine Agentur eigentlich schicken wollte und die perfekt qualifiziert wäre, erst in drei Tagen Zeit für Sie. Darum bin ich praktisch die Vertretung der Vertretung.“

Diese umständliche Erklärung machte Lucan sprachlos, und das war Lexie auch ganz recht so.

Sie war seit jeher neugierig auf die berühmte Familie St. Claire gewesen, aber auch das musste seine Grenzen haben. Drei Tage würden genügen, um alles Wesentliche über diese Sippschaft zu erfahren und die schlimmsten Vorurteile bestätigt zu wissen. Vermutlich war das noch übertrieben. Lexie reichten eigentlich schon drei Minuten, um ein endgültiges Urteil über Lucan zu fällen.

Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer. „Warum genau hat Jennifer dieses Arrangement getroffen?“, wollte er wissen.

Nun war Lexie ein wenig verwirrt. „Ich dachte, Ihre Sekretärin heißt Jessica?“

„Jennifer, Jessica.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Was kümmert mich ihr Name, wenn sie – laut Ihrer Aussage – das Arbeitsverhältnis einseitig gekündigt hat?“

„Wenn Sie sich ihren Namen früher einmal gemerkt hätten, wäre sie vielleicht gar nicht erst Hals über Kopf verschwunden“, murmelte Lexie.

Sein Kopf ruckte hoch. „Falls ich Wert auf Ihre Meinung legen sollte, lasse ich es Sie rechtzeitig wissen, Miss Hamilton.“

„Damit wollte ich lediglich darauf hinweisen …“

„Als Vertretung einer Vertretung hat Sie das nicht im Geringsten zu interessieren“, fuhr Lucan dazwischen.

„Bestimmt nicht“, gab sie leise zu.

Doch ihre Haltung ließ eine ehrliche Entschuldigung vermissen, und Lucans Geduldsfaden wurde allmählich gefährlich dünn. „Und wieso legt Jen… Jessica auf derart unprofessionelle Weise ihre Arbeit nieder?“

Lexie hob leicht die Schultern. „Der Agentur gegenüber erwähnte sie eine letzte Beleidigung, die das Fass offenbar zum Überlaufen gebracht hat. Sie hielten es nämlich nicht für nötig, ihr eine Weihnachtskarte zukommen zu lassen, geschweige denn ein Geschenk.“

„Sie hat mit ihrem letzten Gehaltsscheck einen Weihnachtsbonus gutgeschrieben bekommen, genau wie jeder andere meiner Angestellten.“

„Ich spreche von einem persönlichen Geschenk“, stellte Lexie klar.

„Warum sollte ich so etwas tun?“

„Weil es für einen direkten Vorgesetzten allgemein so üblich ist. Ach, vergessen Sie es!“

Fasziniert betrachtete Lucan die hübsche Frau mit den pechschwarzen Haaren, wie sie seine wegwerfende Geste imitierte.

„Jedenfalls hatte ich keine Ahnung, dass Sie so früh schon an Ihrem Schreibtisch sitzen“, fuhr sie fort und zog ihre geschwungenen Augenbrauen hoch. „Ich habe gerade eben einen Anruf entgegengenommen, um den Sie sich gleich kümmern sollten. Hier habe ich alle Einzelheiten notiert.“ Sie reichte ihm einen kleinen Zettel.

Lucan sah auf die handgeschriebene Nachricht hinunter, bevor er sie in seiner Faust zerknüllte.

John Barton, der Verwalter von Mulberry Hall, informierte ihn über einen größeren Schaden auf der Westseite des Hauses. Wohl eine Folge der Schneeschmelze, die zwei Tage zuvor eingesetzt hatte. Und John machte deutlich, dass Lucan sich persönlich um diese Angelegenheit kümmern sollte.

Als Ältester der drei St. Claire-Brüder hatte Lucan das Anwesen nach dem Tod seines Vaters vor acht Jahren geerbt und es zum Besitztum des Familienunternehmens gemacht, das er leitete. Allerdings fuhr er kaum dorthin, seit seine Eltern sich fünfundzwanzig Jahre zuvor getrennt hatten, und sein letzter Besuch lag schließlich noch nicht lange zurück.

Die ersten elf seiner sechsunddreißig Lebensjahre hatte Lucan glücklich dort auf dem Land verbracht. Keiner der drei Brüder ahnte etwas von der Affäre ihres Vaters mit einer Witwe, die mit ihrer erwachsenen Tochter in einem Cottage ebenfalls auf dem Anwesen lebte. Und sie ahnten nichts von der Verzweiflung ihrer eigenen Mutter, die an der Liaison ihres Ehemannes zerbrach. Irgendwann war Molly dann nach Schottland gezogen und nahm ihre drei Söhne mit sich.

Für Jordans und Stephanies Hochzeitsfeier hatte Lucan sich wieder nach Mulberry Hall gequält, genau wie sein anderer Bruder Gideon und seine Mutter. Aber das reichte ihm auch fürs Erste!

Barton berichtete, der Schaden sei an der Westseite entstanden. Dort befand sich auch die Ahnengalerie mit einem Porträt von Lucans Vater Alexander St. Claire, dem ehemaligen Duke von Stourbridge. Dieses Gemälde war der Beweis, wie ähnlich Lucan seinem alten Herrn sah, viel mehr als seine beiden Brüder.

„Mr Barton klang, als sei es sehr dringend“, meldete Lexie sich zu Wort und sah vielsagend auf das zerknüllte Stück Papier in seiner Hand.

„Diese Entscheidung obliegt wohl mir, meinen Sie nicht?“, antwortete er verkniffen.

Doch sie ignorierte diesen Schuss vor den Bug. „Leider ist es zu spät, um Ihren Zehn-Uhrt-Termin abzusagen. Aber ich könnte Ihnen den Rest des Tages und auch die nächsten zwei Tage freimachen, falls Sie sich persönlich um …“

„Zuallererst möchte ich mit einem zuständigen Vorgesetzten Ihrer Agentur sprechen“, unterbrach er sie scharf.

„Wozu?“

Jetzt war es an Lucan, betont die Brauen zu heben. „Ich bin es nicht gewohnt, dass man meine Anweisungen hinterfragt.“

Ihr entging nicht der Teil, den Lucan wegließ. Am wenigsten von Vertretungen der Vertretungen meiner Angestellten! Allerdings war die zuständige Ansprechpartnerin der Agentur im Augenblick Lexie selbst. Ihre Eltern, die Eigentümer von Premier Personnel, befanden sich für drei Wochen auf einer Kreuzfahrt, um ihre Silberhochzeit zu feiern. Außerdem wussten sie noch nicht einmal etwas von dem Noteinsatz bei Lucan St. Claire.

Lexie hatte ihren Eltern bei der zweiten Hochzeitsreise jeden Kummer ersparen wollen. Vor allem den, der ausgelöst werden würde, sobald die Sprache auf die Familie St. Claire kam. Sie selbst war zutiefst überrascht gewesen, als sie von Jessica Brown erfuhr, um welchen Arbeitgeber es sich handelte. Und natürlich hatte Lexie zugestimmt, der verzweifelten Sekretärin spontan zu helfen.

Dabei war Lexie erst nach dem besagten Anruf klar geworden, welche Möglichkeiten sich ihr nun eröffneten. Mit etwas Nachsicht war sie selbst qualifiziert für diesen Job, zudem war im Januar bei Premier Personnel ohnehin nicht viel los. Drei Tage. Nur drei Tage, hatte sie sich geschworen. Sie wollte Lucan St. Claire näher kennenlernen – den ominösen, berüchtigten Kopf der St. Claire Corporation.

Bis jetzt erfüllte dieser Mann jede einzelne ihrer Erwartungen.

Energisch richtete Lexie sich zu ihrer vollen Größe auf, doch trotz der halbhohen Pumps blieb sie nur mittelgroß. „Ich versichere Ihnen, dass ich durchaus qualifiziert bin, hier für die nächsten drei Tage einzuspringen, Mr St. Claire.“

Er bedachte sie mit einem kühlen Blick. „Ihre Qualifikationen habe ich auch nicht infrage gestellt.“

„Aber Ihr Anliegen impliziert diesen Vorwurf.“

„Tatsächlich?“ Er stand auf und stützte sich dann mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. Sein Gesicht war Lexie so nahe, dass er nur noch wie gebannt in ihre funkelnden blauen Augen starren konnte. Hastig wollte er sich abwenden, doch sein Blick blieb an ihrem sinnlichen Schmollmund hängen. Das tiefe Rot setzte sich vom hellen Crèmeton ihrer zarten Haut ab, und Lucan dachte unwillkürlich an Sex.

Erschrocken richtete er sich auf. „Wie lautet der Name Ihrer Agentur?“, fragte er barsch.

„Premier Personnel“, erwiderte sie prompt. „Aber soll ich Sie vorher nicht zu Mr Barton durchstellen? Ihm schien es wirklich sehr eilig zu sein.“

„Ich sehe mich durchaus in der Lage, bezüglich meiner Arbeit eigene Prioritäten zu setzen, Lexie.“

Es verursachte ein warmes Gefühl in ihr, ihren Vornamen aus seinem Mund zu hören.

„Selbstverständlich.“ Sie nickte knapp und eilte dann aus dem Zimmer, wobei ihr die schwarzen Haare wild um die Schultern flogen.

Aber Lucan hatte nur Augen für ihren knackigen Po, der bei jedem Schritt ihrer schlanken Beine aufregend elegant hin und her schwang.

Diese junge Frau war ganz sicher ebenso qualifiziert, sein Bett zu teilen!

„Hat Jemima sich die Haare gefärbt?“

Ganz langsam drehte Lucan sich zu seinem Bruder Gideon um, der im zweiten Eingang des großen Büros stand. Der jüngere Mann starrte auf die geschlossene Verbindungstür zum Sekretariat und zog die Stirn kraus.

Zufrieden stellte Lucan fest, dass sein Bruder sich ebenfalls keine Namen merken konnte. Das erinnerte ihn sogleich daran, wie unverschämt es von Jen… von Jessica war, ihn einfach so im Stich zu lassen, ohne sich vernünftig abzumelden. Und jetzt musste er sich mit einer Ersatzvertretung herumschlagen, die nicht nur vorlaut, sondern auch noch unglaublich sexy war. Eine Ablenkung, auf die Lucan gut und gern verzichten konnte.

Ungeduldig schüttelte er den Kopf und setzte sich wieder hinter den Schreibtisch. „Sie hieß Jessica.“ Offenbar! „Und das eben war sie nicht.“

„Ach, nein?“, murmelte Gideon und schlenderte in den Raum. Er war zwei Jahre jünger als Lucan, groß und blond, mit ernsten, dunklen Augen in einem auffallend hübschen Gesicht. „Ich wusste gar nicht, dass du ihr kündigen wolltest.“

„Wollte ich auch nicht“, brummte Lucan und dachte über die Gründe für Jessicas Verhalten nach, die Lexie ihm genannt hatte. Irgendwie bezweifelte er, dass die jeweiligen Arbeitgeber seiner reizenden Vertretung die entsprechende Aufmerksamkeit vorenthielten. Sie war es bestimmt nicht gewohnt, übersehen zu werden, selbst wenn sie nur für drei Tage einsprang.

„Wer war das dann gerade?“, erkundigte Gideon sich neugierig.

„Eine Ersatzkraft“, entgegnete er knapp und sparte sich den Zusatz, dass auch sie nur vorübergehend bleiben würde.

„Aha.“ Gideon wirkte noch immer verwirrt. „Sie kommt mir irgendwie bekannt vor.“

„Inwiefern?“

„Keine Ahnung.“ Sein Bruder legte den Kopf schief. „Kein beneidenswerter Zustand, wenn die schönen Frauen um einen herum allmählich alle gleich aussehen.“

Soweit Lucan es beurteilen konnte, ähnelte Lexie keiner Frau, der er jemals begegnet war. Und gerade diese Tatsache fand er ausgesprochen faszinierend.

„Was kann ich für dich tun, Gideon?“ Er wechselte mit voller Absicht das Thema, da er nicht vorhatte, Lexies Aussehen mit seinem Bruder, einem hemmungslosen Schürzenjäger, zu besprechen. Auf keinen Fall durfte Gideon ahnen, wie heftig sein älterer Bruder auf diese exotische Schönheit reagierte.

Für gewöhnlich ging Lucan mit Schauspielerinnen oder Models aus, obwohl auch das wahrscheinlich übertrieben klang. Er führte sie zum Essen oder zu einer Veranstaltung aus, und von Zeit zu Zeit nahm er auch eine von ihnen mit ins Bett. Und diese Damen erwarteten auch nicht mehr, als sich einmal mit dem einflussreichen, prominenten Lucan St. Claire zeigen zu dürfen.

Aber Lucan hatte niemals auch nur mit dem Gedanken gespielt, sich mit einer seiner Angestellten einzulassen. Er konnte sich ja noch nicht einmal den Namen seiner letzten Sekretärin merken. Und es wäre sicherlich keine gute Idee, bei Lexie Hamilton eine Ausnahme zu machen!

Jetzt zog Gideon eine Augenbraue hoch. „Sag nicht, du hast vergessen, dass wir um neun Uhr hier verabredet sind! Du selbst hast vorgeschlagen, die Verträge zusammen durchzusehen, bevor Andrew Proctor um zehn auftaucht.“

Als Rechtsvertreter für alle Belange der familieneigenen Firma unterhielt Gideon nur wenige Türen weiter ein eigenes Büro sowie eine ganze Kanzlei in der Innenstadt. Und Lucan hatte den Termin mit Gideon tatsächlich völlig vergessen, so etwas war ihm doch noch nie passiert. Das Geschäft stand bei ihm immer an erster Stelle, und dann kam ganz lange nichts.

Sein Bruder grinste ihn an. „Miss Wieauchimmer sollte unserem Meeting jedenfalls beiwohnen. Proctor wird durch sie so abgelenkt sein, dass er gar nicht merkt, was er da unterschreibt.“

„Ihr Name ist Lexie Hamilton“, erklärte Lucan bereitwillig. „Und mir wäre es lieber, wenn Proctor genau weiß, was er unterzeichnet. Darüber hinaus halte ich es für unangemessen, dass du derart persönliche Bemerkungen über eine Angestellte machst, Gideon.“

„Ich war zwar nicht rechtzeitig hier, um ihr Gesicht zu sehen, aber die süße Kehrseite würde wohl jeden gesunden Mann aus der Spur heben, wenn du verstehst, was ich meine!“

Lucans Miene wurde finster. Ihm missfiel es zutiefst, ausgerechnet mit Gideon über die Vorzüge seiner neuen Sekretärin zu diskutieren. „Sie lenkt dann doch vielleicht zu sehr ab“, murmelte er.

„Ach ja?“

„Nicht mich persönlich, natürlich“, versicherte Lucan schnell.

„Nein?“

Lucan räusperte sich. „Nein.“

„Dann gibt es ja kein Problem, wenn sie nachher dabei ist, oder?“, stellte Gideon in pragmatischem Tonfall fest.

Überhaupt kein Problem, dachte Lucan. Aber er wusste, dank Lexie würde er selbst sich noch weniger als die anderen Anwesenden konzentrieren können.

„John Barton hat mich heute Morgen angerufen. Auf Mulberry Hall sind wohl Schäden entstanden, die sich mal einer ansehen sollte“, wechselte Lucan endgültig das Thema. „Dir ist wohl auch nicht danach, für ein paar Tage zurück nach Gloucestershire zu fahren?“, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

„Absolut nicht“, bestätigte Gideon.

Mit dieser Antwort hatte sein Bruder bereits gerechnet.

Lexie ignorierte Lucan St. Claire absichtlich, als er fünfzehn Minuten später direkt vor ihrem Empfangstresen stand. Dabei konnte sie seine körperliche Präsenz förmlich spüren, ohne aufzusehen.

Energisch zwang sie sich, in aller Ruhe auf ihrem Laptop eine E-Mail an Brenda fertig zu schreiben. Brenda saß im Büro von Premier Personnel und hatte ihrer Vizechefin gerade online mitgeteilt, dass sie Lucan St. Claire davon überzeugen konnte, Lexie Hamilton als fähige Sekretärin zu akzeptieren.

Um ehrlich zu sein, war Lexie kurzfristig in Panik geraten, weil er sich unbedingt persönlich mit ihrer Agentur in Verbindung setzen wollte. Sie war aus Lucans Büro geflohen, um Brenda, die während ihrer Abwesenheit in der Agentur die Stellung hielt, telefonisch vorzuwarnen. Die Einzelheiten würde sie ihrer Kollegin nach der Arbeit bei einer Tasse Kaffee erklären müssen.

Allerdings war Lexie schleierhaft, wie sie das anstellen sollte, weil ihr ja selbst nicht ganz klar war, was sie hier eigentlich tat. Sie war einfach einem Impuls gefolgt, als sich die Gelegenheit ergab, ihre Neugier in Bezug auf die Familie St. Claire zu befriedigen. Jetzt bereute sie diese Kurzschlusshandlung bereits.

Wie erwartet, fand sie Lucan St. Claire zwar unerträglich arrogant und selbstherrlich, aber gleichzeitig sah er auch gefährlich gut aus und wirkte höchst anziehend auf sie. Sein dunkles Haar und die beinahe schwarzen Augen erinnerten Lexie so sehr an seinen Vater Alexander …

Schließlich hob sie erwartungsvoll den Kopf. „Gibt es ein Problem mit dem Haustelefon, Mr St. Claire?“

Ihr Sarkasmus kam für ihn unerwartet, und er trat einen halben Schritt zurück. „Ich gebe zu, wir hatten da vorhin möglicherweise einen schlechten Start miteinander, Miss Hamilton. Aber eine Sache sollten wir klarstellen, ja?“ Er sah kalt auf sie herab. „Im Augenblick bin ich der Arbeitgeber, und Sie sind meine Angestellte.“

„Bin ich das?“

„Für den Moment schon“, sagte er mit Nachdruck, und es klang fast wie eine Warnung.

Lexie zuckte die Achseln. „Darf ich aus diesem Kommentar schließen, dass meine Agentur die Zwischenplanung für Ihren personellen Engpass bestätigt hat?“

„Allerdings. Es sieht so aus, als müssten wir die nächsten Tage miteinander auskommen.“

„Scheint so“, erwiderte sie lächelnd.

„Verraten Sie mir nur eines, Lexie! Ist diese Tendenz, Ihren Arbeitgebern mit weniger als nur dürftigem Respekt entgegenzutreten, der Grund für Ihre Zeitarbeit? Fällt es Ihnen aufgrund Ihres Temperaments leichter, für eine Vermittlungsagentur zu arbeiten, anstatt eine solide Festanstellung anzunehmen?“

Zwei rote Flecken zeichneten sich auf ihren hellen Wangen ab. „Die Motivation für meine berufliche Orientierung geht Sie nichts an, Mr St. Claire.“

Seine breiten Schultern zuckten leicht unter dem edlen Stoff seines maßgeschneiderten Jacketts. „Ich war nur neugierig, mehr nicht.“

Genau wie ich, überlegte Lexie und dachte an ihre persönlichen Beweggründe, die sie in dieses Büro geführt hatten.

„Ich versichere Ihnen, Mr St. Claire, nichts in Bezug auf mein Privatleben dürfte von Interesse für Sie sein.“ Herausfordernd legte sie den Kopf in den Nacken.

„Das klingt, als wären Sie da ganz sicher.“

„Bin ich“, bestätigte Lexie tonlos.

Was er wohl sagen oder tun würde, wenn er wüsste, wer ich bin? fragte sie sich im Stillen.

Nämlich dass ihre Großmutter niemand anders als Sian Thomas war. Die Witwe, in die sich sein Vater Alexander St. Claire vor mehr als fünfundzwanzig Jahren verliebt hatte. Die Frau, der die gesamte Familie St. Claire seit so vielen Jahren mit Hass und Verachtung begegnete.

Lexies richtiger Name lautete Alexandra. Im Gedenken an Grandpa Alex, wie sie den Vater ihres momentanen Arbeitgebers während der ersten sechzehn Jahre ihres Lebens genannt hatte – bis zu dessen Tod.

2. KAPITEL

Sehr lange hatte Lexie nicht gewusst, wer genau Grandpa Alex eigentlich war, außer natürlich ihr Stiefgroßvater. Doch als sie ein Teenager war, nahm ihre Mutter Lexie beiseite und erklärte ihr in aller Ruhe die ganze Situation ihrer Familie.

Erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr Lexie, dass Alexander St. Claire der Duke von Stourbridge war und nach der Scheidung von seiner Ehefrau Molly auch von seinen drei Söhnen gemieden wurde.

Natürlich fand Lexie das Verhalten der drei Brüder entsetzlich. Den eigenen Vater dafür zu verurteilen, dass er sich in eine freundliche, hübsche Frau wie ihre Großmutter verliebt hatte. Keiner von ihnen hatte es für nötig gehalten, die neue Frau im Leben ihres Vaters kennenzulernen. Sonst hätten sie vielleicht begriffen, dass Sian weit vom Bild der Femme fatale entfernt war, das offenbar in ihren Köpfen herumspukte. Und sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie aufrichtig ihr Vater von seiner neuen Begleiterin geliebt wurde. Eine Liebe, die er von Herzen erwidert hatte.

Bis zur Beerdigung von Alexander vor etwa acht Jahren hatte Lexie keinen der drei Söhne je zu Gesicht bekommen. Wie es das Protokoll verlangte, arrangierten und besuchten sie die Trauerfeier ihres Erzeugers in der kleinen Dorfkirche von Stourbridge.

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