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Das Geheimnis von Melody House

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Eine andere Zeit, ein anderer Ort

Darcy Tremayne hatte nie damit gerechnet, dass ihr Abschlussball ein unvergesslich schöner Abend werden würde. Einen lebenslangen Albtraum hatte sie allerdings auch nicht erwartet.

Es begann damit, dass sich Hunter wie der letzte Idiot aufführte.

Sie wusste nicht mehr, wie der Streit angefangen hatte, doch irgendwann war er eskaliert, und Hunter hatte angekündigt, erst wieder mit ihr zu sprechen, wenn sie sich entschuldigt hatte. Woraufhin sie erklärte, er solle sich vorsorglich schon mal darauf einstellen, nie wieder ein Wort mit ihr zu wechseln, weil sie gar nicht daran dächte, ihn um Verzeihung zu bitten. Sie war sich nämlich keiner Schuld bewusst. Schließlich hatte sie nur zart anklingen lassen, dass er seine Hauptdarstellerin nicht vor den Augen der ganzen Welt – in diesem Falle zumindest vor den Augen der ganzen High School – so lange und leidenschaftlich hätte zu küssen brauchen, auch wenn die Theatergruppe einen Preis bekommen hatte. Als Hunter an diesem Nachmittag ihr Haus verließ, war sie noch zuversichtlich, dass er derjenige sein würde, der anrief, um sich zu entschuldigen.

Doch der Anruf blieb aus. Und am nächsten Morgen erfuhr sie, dass er seine Hauptdarstellerin Cindy Lee zum Abschlussball eingeladen hatte.

Trübselig verkroch Darcy sich zu Hause und grübelte den ganzen Nachmittag vor sich hin. Hunter wollte gleich nach der Abschlussprüfung nach Kalifornien gehen, weil er hoffte, in Hollywood Karriere zu machen. Und sie freute sich schon darauf, mit dem kleinen Stipendium, das sie bekommen hatte, auf die NYU zu gehen. Wahrscheinlich hätten sie es ohnehin nicht geschafft, ihre Beziehung über die Entfernung aufrechtzuerhalten. Außerdem hätte sie sich schon vor langer Zeit mit der Tatsache auseinander setzen müssen, dass Hunter eine Schwäche für andere Mädchen hatte. Er war jung. Genau wie sie. Sich so jung zu binden, hatte vermutlich ohnehin keine Perspektive.

In Wirklichkeit jedoch wollte sie sich trotzdem nicht von Hunter trennen. Sie war seit der neunten Klasse in ihn verliebt. Und seitdem waren sie zusammen. Viele gute Jahre, so erschien es ihr zumindest.

Einige Tage später rief Hunter dann doch noch an. Er habe alles ruiniert, sagte er, doch da er Cindy Lee nun schon mal gefragt habe, ob sie mit ihm zum Abschlussball gehen wolle, könne er jetzt unmöglich absagen.

Sie akzeptierte seine Entschuldigung mit einer inneren Größe, die für ein Mädchen ihres Alters beachtlich war, wie ihr ihre Mutter versicherte. Und es war ebenfalls ihre Mutter, die ihr vorschlug, ihren Freund Josh zu fragen, ob er sie zu dem Ball begleiten wolle.

“Aber ja, Josh, na klar!” hatte sie ausgerufen, überrascht darüber, dass sie nicht selbst darauf gekommen war.

Josh war ein Einzelgänger mit einer genialen Ader für alles, was mit Computern, Zahlen oder Naturwissenschaften zu tun hatte. Er war entsetzlich schüchtern, erklärte sich aber jederzeit gern bereit, sich von Darcy ein neues Lied vorsingen, einen Tanzschritt zeigen oder ihre jüngste Rolle vortragen zu lassen. Sie wohnten schon seit vielen Jahren in der ländlichen Gegend Tür an Tür, und beinahe ebenso lange waren sie befreundet. Obwohl sie unterschiedlichen Cliquen angehörten, war es Darcy immer wichtig gewesen, an ihrer Freundschaft mit Josh festzuhalten, egal was andere darüber dachten, und mit den Jahren akzeptierten die meisten ihrer Freunde sie schließlich auch.

Erstaunlicherweise war es Josh, der sie immer wieder auf Gefahren aufmerksam gemacht hatte, die sie andernfalls wahrscheinlich übersehen hätte. Geh heute Abend mit Hunter ein Eis essen, hatte er sie einmal gedrängt. Lass ihn nicht allein gehen. Sie hatte auf ihn gehört, und siehe da, plötzlich tauchte Cindy Lee vor ihnen auf und flirtete heftig mit Hunter, bis sie begriff, dass sie an Darcy nicht vorbeikam. Aber das war noch längst nicht alles. Irgendwann hatte Josh sie beschworen, ihren Vater davon abzuhalten, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, und anschließend hatte sich herausgestellt, dass die Bremsen nicht in Ordnung waren.

Anderen Leuten waren seine Prophezeiungen manchmal unheimlich. So hatte er zum Beispiel vorausgesagt, dass Mrs. Shumacher, die ein paar Häuser weiter wohnte, an Krebs sterben würde. Und er hatte vorher gewusst, dass sich Brad Taylor bei einem Footballspiel das Bein brechen würde. Viele an der Schule hielten ihn für einen komischen Kauz. Doch wenn sie mit Josh zum Abschlussball ging, würde man ihn akzeptieren, weil er mit ihr kam. Obwohl man sie natürlich hinter ihrem – und seinem – Rücken durch den Kakao ziehen würde, aber was machte das schon? Schlimmer als Hunter sie verletzt hatte, konnte sie niemand verletzen – was er getan hatte, traf sie mitten in ihr achtzehnjähriges Herz.

Und davon abgesehen lag die High School ja sowieso so gut wie hinter ihr. Schon sehr bald würde für sie ein vollkommen neues Leben anfangen.

Anfangs hielt sich Joshs Begeisterung über die Einladung in Grenzen. “Ehrlich, Darcy, ich sehe im Anzug bestimmt aus wie ein Clown.”

Aber sie lachte und versicherte ihm: “Blödsinn, Josh, du siehst sicher umwerfend aus. Du bist groß und schlank und hast schöne Augen, und wenn du willst, gehen wir los und kaufen den Anzug zusammen. Aber wenn du partout keine Lust auf den Ball hast, lassen wir es einfach bleiben und gehen an diesem Abend ins Kino oder machen sonst was. Natürlich nur, wenn du Lust hast, mit mir zusammen zu sein.”

Das entlockte ihm ein Grinsen. “Ich wüsste nicht, mit wem ich lieber zusammen wäre, so viel steht fest. Aber deshalb musst du noch lange nicht mit mir zu diesem Ball gehen. Die halbe High School würde sich die Finger danach lecken, dich zu begleiten.”

“Das bezweifle ich, außerdem ist es eh egal. Wenn du nicht gehst, gehe ich auch nicht.”

Auf Joshs Gesicht breitete sich ein seltsames Lächeln aus, dann zuckte er mit den Schultern. “Tja, wenn du dich unbedingt für den Klassentrottel entscheiden willst, bin ich der Letzte, der dich daran hindern wird, Lady.”

Zu ihrer Überraschung machte das Einkaufen richtig Spaß. Obwohl Josh sich normalerweise überhaupt nicht für Klamotten interessierte, bewies er einen guten Geschmack. Hand in Hand bummelten sie durch die Shopping Mall, wo sie mehrfach Freunden von ihr über den Weg liefen. Darcy sah mit einer seltsamen Genugtuung, wie sie alle erst einmal erstaunt die Augen aufrissen, um sich dann intensiver mit Josh zu unterhalten. So stellte sich schließlich heraus, dass er Cissy Miller bei einem Matheproblem helfen konnte, mit dem sie sich schon seit Tagen herumschlug. Und als sie später im Restaurantbereich Tacos aßen, plauderte er munter mit Brenda Greeley, die nicht nur hübsch, sondern auch die erste Cheerleaderin der Schule war.

Nachdem sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten, überredete Josh Darcy, ein sündhaft teures Ballkleid anzuprobieren, das sie auf dem Bügel noch scheußlich fand, es jedoch gar nicht mehr ausziehen wollte, als sie sich vor dem Spiegel darin sah. Zufälligerweise arbeitete in dem Laden einer von Joshs Computerfreunden, der es deichseln konnte, dass sie Prozente bekam und das Kleid dadurch erschwinglich wurde. Erst an der Kasse erwähnte der Verkäufer, Riley O’Hare, dass er und Darcy sich kannten, weil sie einmal denselben Kurs besucht hatten. Darcy lief rot an und entschuldigte sich wortreich für ihre Ignoranz. Ihr war die Sache schrecklich peinlich, und das sagte sie hinterher auch Josh.

“Darcy!” erwiderte er entschieden. “Jetzt mach aber mal halblang. Man kann sich doch nicht jedes Gesicht merken!” Er holte tief Luft und fuhr dann fort: “Darcy, du weißt, dass ich dich liebe, und wenn ich sage, dass du etwas ganz Besonderes bist, klingt das vielleicht abgegriffen, aber es stimmt trotzdem.” Kaum hatte Josh den Satz gesagt, wirkte er plötzlich verlegen. “He, komm, wir müssen für mich auch noch was finden. Mit meinen alten Klamotten kann ich doch kein so umwerfendes Mädchen wie dich ausführen.”

Und so kam dann Josh an die Reihe, und als sie ihm zu einem Anzug und einem Hemd riet – beides irgendwie Funky- und Retroschick – war er ebenfalls sofort begeistert und fand, dass er ein bisschen wie ein New-Age-Mozart aussah.

An diesem Tag gab es nur eins, oder besser einen, der die Harmonie störte.

Mike Van Dam.

Er war mit Hunter befreundet und ging zur Zeit mit Brenda. Wahrscheinlich hatte er sie im Restaurantbereich gesehen und beobachtet, wie Brenda sich angeregt mit Josh unterhalten hatte. Beim Verlassen des Einkaufszentrums jedenfalls krachte Josh, der die Einkaufstüten trug, die Tür so hart in den Rücken, dass er hinfiel. Und eine Sekunde später stand Mike dann da, der Schultern von der Breite eines Rammbocks hatte, und schaute auf Josh hinunter. “He, was ist los, du Clown, hast du ein Problem, auf zwei Beinen zu stehen?”

“Mike, was ist los mit dir, spinnst du?” fauchte Darcy ihn an, während sie Josh eine Hand hinstreckte, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Doch Mike packte sie grob an den Schultern und riss sie herum.

“Was zum Teufel ist los mit dir, Darcy? Willst du dich über uns lustig machen, indem du dich mit so einem Trottel abgibst, oder was?”

Energisch machte sie sich von ihm los. “Du bist wirklich ein Vollidiot, Mike. Hast du eigentlich vor, dein ganzes Leben in deinem Kleine-Jungs-Macho-Himmel zu leben? Oder wird dir bei dem Footballstarrummel langsam doch ein bisschen mulmig, weil du Angst hast, darüber das College nicht zu schaffen und in zehn Jahren womöglich zu Hause auf dem Sofa rumzusitzen, weil dich keiner haben will? Ein Quarterback im Ohrensessel, während Josh auf dem Weg in die oberste Etage einer namhaften Anwaltskanzlei ist?”

Der Satz traf ihn bis ins Mark, und das wusste Darcy auch. Mittlerweile war Josh wieder auf den Beinen. Wütend starrte Mike ihn an.

“Ich habe Tränengas dabei”, warnte Darcy Mike sanft.

Mike machte einen Schritt auf Josh zu, und seine blauen Augen blitzten vor Zorn, als er mit gerecktem Daumen und ausgestrecktem Zeigefinger auf Josh zielte und sagte: “Peng! Du bist ein toter Mann.”

Josh hielt dem Blick reglos stand, dann verzog er spöttisch einen Mundwinkel und gab leise zurück: “Kann sein. Du aber auch.”

Bevor Mike doch noch handgreiflich wurde, raffte Darcy eilig die am Boden liegenden Einkaufstüten zusammen und zog Josh mit sich fort. Sie hörten gerade noch, wie Mike wütend hinter ihnen herrief: “Was soll das denn heißen, du blöder Spinner? Pass bloß auf, was du sagst, sonst wirst du …”

Das Ende des Satzes hörten sie nicht mehr.

Auf dem Weg zum Auto warf Darcy Josh einen verunsicherten Blick zu. “Was meintest du eigentlich damit? Das war doch nicht womöglich wieder eine deiner Prophezeiungen, oder?”

Josh lachte und schüttelte den Kopf. “Ach was, Blödsinn. Aber das weiß er ja nicht.”

Darcy lachte ebenfalls. Vielleicht bereiteten Joshs Worte Mike ja ein paar schlaflose Nächte.

Und dann war der Abend des Abschlussballs auch schon da. Obwohl Darcy Josh so lange kannte, hatte sie seinen Vater bisher nur ein paar Mal gesehen. Joshs Mom war gestorben, als er noch ein Baby gewesen war, und sein Dad war meistens beruflich unterwegs. Josh hatte ihr nur erzählt, dass er der Chef einer Firma mit Sitz in Washington, D.C. war und deshalb nur so selten in die Kleinstadt in Südpennsylvania kam, in der sie lebten. Als Darcy ihn kennen lernte, fand sie ihn auf Anhieb sympathisch, obwohl er ihr schon ziemlich alt vorkam. Aber erst, als sie erfuhr, dass er Josh zum Abschluss einen funkelnagelneuen Volvo Sportwagen geschenkt hatte, wurde ihr klar, dass er zudem ziemlich gut verdienen musste.

Josh brachte ihr das schönste Ansteckbukett mit, das sie je gesehen hatte. Ihre Mutter veranstaltete einen mächtigen Wirbel um sie beide und schoss tausend Fotos, während ihr Vater aus allen Knopflöchern strahlte.

Eine weitere Überraschung an diesem Abend war Joshs ungeahntes tänzerisches Talent. Er verdankte es seinem Vater, der ihn bereits in der Junior High School in die Tanzstunde geschickt hatte, wie Josh ihr mit roten Ohren gestand.

Ihre Freundinnen verhielten sich an diesem Abend vorbildlich, insbesondere Brenda, und sogar die Jungs mussten zähneknirschend klein beigeben, weil ihre Begleiterinnen Josh zu akzeptieren schienen. Nur Hunter näherte sich ihnen kein einziges Mal. Darcy bemerkte, dass er und Mike sie aus der Ferne beobachteten. Und als sie und Josh beim “Wild and Wacky”-Tanzwettbewerb siegten, schien Mike jeden Moment explodieren zu wollen.

Hunter wirkte einfach nur bedrückt.

Darcy lächelte Josh an, und er hob fragend eine Augenbraue. “Danke”, sagte sie nur.

“Ich habe dir zu danken. Ich bin heute Abend eine Art Mister Aschenputtel. Der unscheinbare Prinz, der sich plötzlich als der Beau des Balls entpuppt.”

Darcy schüttelte den Kopf. “Nein, du musst nicht mir danken, sondern ich dir. Du hast mir gezeigt, dass es auch noch ein Leben nach Hunter gibt.”

Er ergriff ihre Hände und drückte sie fest. “Vergiss das nie, Darcy, hörst du? Die Welt da draußen gehört dir. Es ist eine schöne Welt, auch wenn sie gelegentlich nicht so aussieht.” Er sprach eindringlich und schaute ihr dabei tief in die Augen. “Aber es gibt immer wieder Menschen, die diese unvollkommene Welt allein mit einem Lächeln oder einem freundlichen Wort zu einem besseren Ort machen. Du bist so ein Mensch, Darcy, vergiss das nie. Es gibt Zeiten im Leben, in denen man verzweifelt und unglücklich ist, doch du bist ein Mensch, der es versteht zu geben. Man darf sich von seiner Verzweiflung nie so weit beherrschen lassen, dass man das Gefühl hat, nicht mehr weitermachen zu können.”

Ihr lief ein eisiger Schauer über den Rücken. “Du machst mir Angst, wenn du so redest, Josh.”

“Tut mir Leid, Darcy, das wollte ich nicht.” Dann horchte er kurz auf. “He, ich fasse es nicht. Sie spielen einen Charleston! Traust du dich?”

“Klar, warum nicht?”

Vergnügt gaben sie sich den Rhythmen hin, und nach einer Weile hatte Darcy seine Worte vergessen, wenngleich sie trotzdem dachte, dass sich ein kleines Wunder ereignet hatte: Hunter hatte ihr kurz vor dem Abschlussball einen schweren Schlag versetzt, aber sie war immer noch da und hatte mehr Spaß als je zuvor in ihrem Leben.

Irgendwann wurde es Zeit aufzubrechen, aber Darcy hatte noch keine Lust, ins Bett zu gehen. Josh ging es ähnlich, und so schlug er ihr vor, sich irgendwo noch einen oder zwei Filme anzusehen, um dann den Sonnenaufgang zu beobachten. Kurz nachdem sie sich in seinen funkelnagelneuen Volvo gesetzt hatten und vom Parkplatz fuhren, erreichte sie die erste Warnung.

Irgendetwas prallte hinten gegen Joshs Stoßstange. Es war nur ein leichter Stoß, aber dennoch …

Josh fluchte und drehte sich um. “Da ist jemand entweder sturzbetrunken, oder er kann nicht fahren.”

Geblendet vom Scheinwerferlicht der anderen Autos um sie herum konnten sie jedoch nicht erkennen, was hinter ihnen passierte. Also fuhr Josh vom Parkplatz und bog auf die Straße ein.

Gerade, als Darcy sich begeistert über Joshs Beatles-CDs äußerte, prallte wieder etwas gegen die Stoßstange. Diesmal krachte es allerdings bedeutend heftiger.

“Verdammt!” fluchte Josh erneut.

“Was zum Teufel ist das denn?” fragte Darcy und wandte den Kopf.

Sie brauchte sich nicht ganz umzudrehen. Das Auto hinter ihnen hatte rechts zum Überholen angesetzt und fuhr gleich darauf neben ihnen her. Darcy erkannte Mikes alten Chevy, und Mike war es auch, der am Steuer saß. Er hatte sein Fenster heruntergekurbelt und hielt eine Bierdose in der Hand.

“Blödmann!” rief Darcy.

Josh schwieg und schaute geradeaus auf die Straße. Er schien keine Angst zu haben. Er wirkte nur … seltsam resigniert.

Mike signalisierte ihr, das Fenster ebenfalls herunterzulassen.

“Mach es ruhig”, sagte Josh.

“Quatsch. Er ist ein Idiot. Fahr einfach weiter.”

Sie schaute stur geradeaus, bis Mike den Volvo mit seinem Chevypanzer seitlich rammte.

Obwohl Darcy angeschnallt war, wurde sie gegen Josh geschleudert. Benommen richtete sie sich wieder auf, während Josh alle Mühe hatte, den Wagen unter Kontrolle zu halten.

“Josh, es tut mir so Leid”, keuchte sie panisch. Sie wusste, dass Mike manchmal brutal sein konnte. Aber dass er so verrückt war, hätte sie im Traum nicht gedacht. Ängstlich und wütend schaute sie zu dem Chevy rüber, der jetzt wieder auf dem Standstreifen neben ihnen herfuhr.

Das Problem an Pennsylvania waren die einsamen Straßen zwischen den weit verstreut liegenden kleinen Ortschaften. Man fuhr meilenweit durch die Dunkelheit, ohne dass einem jemand begegnete, der einem im Notfall helfen konnte.

Und Mike wusste das. Das wurde ihr in dem Moment klar, in dem sie dieses böse Grinsen über sein Gesicht huschen sah. Im selben Augenblick erkannte sie auch zu ihrer größten Bestürzung, wer neben Mike auf dem Beifahrersitz saß: Hunter.

Jetzt kurbelte Darcy ihr Fenster herunter. “Aufhören! Ihr Idioten!” schrie sie.

“Ach, lässt du dich jetzt doch herab, mit den Blödmännern zu reden, ja?” brüllte Mike zurück.

Zwischen den beiden Autos heulte der Fahrtwind. Darcy befürchtete, dass ihre Stimme nicht weit genug tragen könnte. “Hunter! Sag ihm, dass er aufhören soll! Sofort!”

Als Hunter sich vorbeugte, sah sie sein geisterhaft blasses Gesicht. “Was glaubst du, was ich schon die ganze Zeit mache?”

Mike lachte und rammte den Volvo ein zweites Mal. Darcy hörte das kreischende Geräusch von aneinander schrammendem Metall.

“Aufhören! Halt einfach an, Josh”, sagte sie, wobei ihr das Herz vor Angst bis zum Hals schlug. “Hunter wird es nicht zulassen, dass Mike dir etwas antut. Er ist nicht betrunken, das kann ich ihm ansehen.”

In dem Moment, in dem sie ihren Satz beendet hatte, geriet der Chevy ins Schleudern. Als der Volvo ebenfalls aus der Spur kam, klammerte sie sich verzweifelt an ihrem Sitz fest. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Hunter neben ihnen versuchte, sich des Steuers zu bemächtigen.

Gleich darauf geriet alles außer Kontrolle. Der Chevy beschleunigte rasant, kam von der Fahrbahn ab, raste kurz darauf wieder auf die Straße, drehte sich einmal um die eigene Achse, überschlug sich dann und blieb fünfzig Meter vor dem Volvo auf dem Dach liegen. Josh trat mehrmals hintereinander hart auf die Bremse, aber auch dadurch ließ sich nicht mehr verhindern, dass sie mit voller Wucht in den Unfallwagen fuhren.

Bevor sich der Airbag in ihr Gesicht drückte, fühlte sich Darcy für einen Moment schwerelos. Eine Sekunde später verspürte sie den härtesten Stoß ihres Lebens. Sterne tänzelten in einem Bett aus schwarzen Samt vor ihren Augen, die einer nach dem anderen erloschen. Was blieb, war rabenschwarze Finsternis.

Asche zu Asche.

Staub zu Staub.

Darcy nahm mit Blutergüssen und Schürfwunden an Joshs Beerdigung teil. Dass sie noch am Leben war, verdankte sie nach Meinung der Ärzte allein dem funktionierenden Sicherheitssystem des Volvo.

Mike sollte in zwei Tagen beerdigt werden, während Hunter wie durch ein Wunder ebenfalls überlebt hatte. Darcy, die von ihren Eltern gestützt neben Joshs Grab stand, fand es seltsam, Hunter unter diesen Umständen überhaupt ansehen zu können, aber vielleicht stand sie ja noch unter Schock und hatte noch nicht wirklich begriffen, was passiert war. Im Grunde fand Darcy es sogar ziemlich mutig von ihm, zu dem Begräbnis zu kommen und haltlos zu weinen.

Der Unfall hatte die ganze Schule in Aufruhr versetzt, besonders aber diejenigen, die Josh jahrelang gehänselt hatten. Wenn Josh das wüsste, würde er sich am Ende noch darüber amüsieren, überlegte sie. Auf den einst so gehässigen Gesichtern spiegelte sich jetzt nur Entsetzen und Trauer. Diejenigen, die sich für unverwundbar gehalten hatten, mussten erkennen, dass es auf nichts eine Gewähr gab im Leben und der Tod jederzeit zuschlagen konnte. Wer denkt auch schon an ein tragisches Ende, wenn man doch bloß einem Dummkopf einen Streich spielen will?

Joshs Vater, groß und ernst, beugte sich zu dem Sarg hinunter, um ihn zärtlich zu küssen und eine Blume darauf zu legen. Seine Trauer schien so allumfassend zu sein, dass er nicht einmal weinen konnte. Ungeachtet dessen kam er auf Darcy zu, nachdem die letzten Worte des Priesters verhallt waren. Er bemühte sich um ein tröstliches Lächeln, fast so, als ob ihr Schmerz ebenso tief wäre wie sein eigener, und ergriff ihre Hand. Sie ließ sich von ihm zu dem Sarg führen, wo er ihr eine Blume reichte, die sie behutsam auf den Deckel legte.

Es war ein seltsamer Moment. Die Trauergäste hatten sich bereits angeschickt, Joshs Vater ihr Beileid auszusprechen. Doch als sie sahen, wie die beiden in ihrer eigenen kleinen Welt verharrten, hielten auch sie inne und überließen das Mädchen und den Vater ihrer stummen Andacht.

Minutenlang standen die beiden reglos da. In der tiefen Stille hörte sich das fröhliche Zwitschern eines Vogels, der sich in einen fast unwirklich blauen Himmel emporschwang, regelrecht laut an. Als Darcy schließlich das Wort ergriff, war ihre Stimme brüchig und zitterte, aber sie schaffte es, das zu sagen, was sie sagen wollte. “Es tut mir unendlich Leid. Ich … fühle mich für seinen Tod verantwortlich, obwohl ich weiß, dass Ihnen das nicht hilft. Er war mein bester und treuester Freund, er war immer für mich da und, oh Gott, ich weiß gar nicht, wie … ich …”

“Bitte, Darcy”, sagte Joshs Vater leise. “Sie trifft keine Schuld. Sie waren ihm eine ebenso gute und treue Freundin und haben sich nichts vorzuwerfen. Ich weiß, dass er Sie geliebt hat, wenn auch nur platonisch, und er wusste, dass Sie diese Liebe auf dieselbe Art erwidern. Sie waren etwas Besonderes für ihn. Etwas ganz Besonderes.”

Sie schaute zu dem alten Mann auf, der trotz seines Kummers so freundlich zu ihr war, und lächelte ihn mit tränenverschleiertem Blick an. “Bitte, versuchen Sie nicht, mich zu trösten. Sie haben gerade Ihr einziges Kind verloren.”

Er sah ihr lange in die Augen. “Ich wusste immer, dass es früher oder später passieren würde”, erwiderte er schließlich ruhig. “Und dennoch, was für ein sensibler, intelligenter Junge! Ich werde ihn immer lieben. Vergessen Sie nie, dass diejenigen, die wir lieben, für immer in unserem Herzen sind. Sie werden sich an seine Stimme erinnern. An Dinge, die er gesagt und getan hat und mit denen er Sie zum Lachen gebracht hat. Ich kann es nicht erklären, aber … Josh war nicht von dieser Welt.”

“Er ist jetzt an einem viel besseren Ort”, flüsterte sie und zuckte zusammen, weil die Worte so abgedroschen klangen, obwohl sie ganz und gar aufrichtig gemeint waren.

“Er war anders, Darcy. Das müssen Sie gewusst haben.”

“Klug, intelligent, zartfühlend, großzügig”, flüsterte sie.

Joshs Vater lächelte immer noch. Dann griff er nach seiner Brieftasche und holte eine Visitenkarte heraus. “Ich glaube nicht, dass ich jetzt noch oft hier bin. Bitte, nehmen Sie meine Karte. Sollten Sie jemals Hilfe brauchen oder auch einfach nur reden wollen, zögern Sie nicht, mich anzurufen. Kommen Sie einfach zu mir. Sie haben wundervolle Eltern, Darcy. Ich weiß, dass sie Ihnen in der jetzigen Situation eine große Hilfe sein werden. Aber falls Sie jemals nicht weiterwissen sollten oder sich … einsam und verloren fühlen, rufen Sie mich an. Erinnern Sie sich daran, dass ich sein Vater bin … war. Ich möchte für Sie da sein, weil Sie immer für meinen Jungen da waren.” Er zögerte. “Und vielleicht brauchen Sie mich ja irgendwann. Vergessen Sie es nicht, bitte.”

Nach diesen Worten berührte er sacht ihr Haar. Dann ging er weg und ließ sie am Sarg allein. Sie stand noch mehrere Sekunden lang unbeweglich da, spürte, wie der Wind ihr Gesicht streichelte und nahm ein weiteres Mal das unwirkliche Blau des Himmels wahr. Ein Stück weiter weg auf der Straße warteten ihre Eltern auf sie. Sie wusste, dass sie ihr alle Zeit lassen würden, die sie brauchte.

Auch Hunter wartete, auf seine Krücken aufgestützt, in einiger Entfernung.

Von plötzlicher Bitterkeit überwältigt, brach Darcy am Kopfende des Sargs in die Knie. “Oh, Josh, ich werde nie wieder auch nur ein einziges Wort mit ihm reden”, flüsterte sie und fügte bekräftigend hinzu: “So wahr mir Gott helfe!”

Sie schloss die Augen. Und plötzlich war sie sich ganz sicher, Joshs ruhige Stimme zu hören: “He, Darcy, geh mit Hunter nicht allzu hart ins Gericht. Du weißt, dass er wirklich versucht hat, Mike aufzuhalten.”

Die Stimme klang so real, dass Darcy erschrocken die Augen aufriss.

Aber um sie herum hatte sich nichts verändert. Der Himmel war immer noch genauso blau, der Wind immer noch genauso weich. Der Sarg ruhte weiter in der Vorrichtung, mit der man ihn bald in die Erde einlassen würde.

Darcy kamen wieder die Tränen. Sie schloss fest die Augen und betete. Danach stand sie auf, drückte ihre Lippen liebevoll auf den Sarg und flüsterte: “Josh, ich werde dich nie vergessen. Du wirst immer in meinem Herzen sein, genauso wie es dein Dad gesagt hat. Mein ganzes Leben lang. Selbst wenn ich hundert Jahre alt werde.”

Endlich wandte sie sich ab und schritt den Weg hinab auf ihre Eltern und Hunter zu.

Für einen Moment hielt der Hass auf den ehemaligen Freund noch an. Nicht einmal ansehen konnte sie ihn. Doch dann erinnerte sie sich an die Worte, die sie so deutlich gehört hatte, als hätte wirklich Josh sie gesprochen. Geh mit Hunter nicht allzu hart ins Gericht.

Hunters Augen schimmerten feucht. Sie überwand sich, ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf den Arm. “Du hast es versucht”, sagte sie leise.

“Oh, Darcy”, flüsterte er verzweifelt.

“Du hast es versucht”, wiederholte sie. “Eines Tages … eines Tages werden wir wieder miteinander sprechen können. Die Zeit wird kommen.”

Nach diesen Worten fühlte sich Darcy erstaunlicherweise besser. Sie wusste, dass Hunter es wirklich versucht hatte. Und sie wusste auch, dass sein Bein heilen würde. Anders als sein Herz. Er würde sein ganzes Leben lang mit dieser schrecklichen Nacht leben müssen, in der Josh und Mike gestorben waren. Und auch die Schuldgefühle würden ihn sein ganzes Leben lang begleiten.

Darauf wandte Darcy sich ab und ging mit schnellen Schritten auf ihre Eltern zu, die sie mit offenen Armen empfingen und sie trösteten, so gut es eben ging.

An diesem Abend nahm sie eine Tablette, weil sie seit dem Unfall nicht mehr richtig geschlafen hatte. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie fest davon überzeugt, dass das Medikament diesen seltsamen Traum verursacht hatte.

Sie war wieder auf dem Friedhof. Aber diesmal war es kein so strahlend schöner Tag. Grau war er allerdings auch nicht. Es schien, als ob über der Landschaft ein silberner Firnis läge, wie Nebel. Es war inzwischen einiges an Zeit verstrichen, und sie wanderte zwischen den knorrigen Bäumen und den alten und neuen Gräbern des Friedhofs umher. Joshs Ruhestätte lag unter einer großen alten Eiche. Sie ging darauf zu, ganz in Schwarz gekleidet und mit einem bunten Blumenstrauß in der Hand.

Und dann …

Beim Näherkommen sah sie einen extrem schlanken Mann unter dem Baum stehen. Als sie erstaunt auf ihn zuging, entdeckte sie, dass es Josh war.

Er sah sehr gut aus in seinem dunklen Anzug, dem weißen Hemd und dem dunkelroten Halstuch, die Sachen, in denen er beerdigt worden war. Sein dunkles Haar war frisch geschnitten und ordentlich gekämmt, so wie er es an dem letzten Abend getragen hatte. Er lehnte mit lässig verschränkten Armen am Baumstamm und lächelte sie an, während sie auf ihn zu lief.

Einen Moment lang fürchtete sie sich. Aber wirklich nur einen ganz kurzen Moment.

“Josh?”

“Darcy, arme Darcy”, sagte er leise. Sein bedauerndes Lächeln erinnerte sie an das Lächeln seines Vaters, als er am Sarg seines Sohnes mit ihr gesprochen hatte. “Darcy, ich wollte dir nur Bescheid sagen. Es ist okay. Glaub mir, wirklich, es ist absolut okay.”

“Es ist überhaupt nicht okay, dass du tot bist.” Sie stutzte, weil sie zu ihrem Erstaunen feststellte, dass sie direkt ein bisschen böse auf ihn war. “Du wusstest es, Josh! Du wusstest, dass du sterben würdest. An dem Tag, an dem Mike dir drohte, sagtest du, dass du vielleicht sterben würdest, er gewiss aber auch. Und das ist er! Er ist auch gestorben!”

“Ich weiß, es tut mir Leid. Er war ein echter Dreckskerl, aber ich hasse ihn trotzdem nicht.”

“Josh …”

“Ich muss jetzt gehen, Darcy. Ich wollte dir nur sagen, dass es mir gut geht. Es geht mir wirklich gut. Und du musst dein Leben weiterleben.”

“Das werde ich, Josh, aber … ich hätte nie geglaubt, dass ich dich so sehr vermisse”, flüsterte sie.

Er berührte ihr Haar. So kam es Darcy jedenfalls vor. In Wirklichkeit war es natürlich nur der Wind, der mit den Strähnen spielte.

“Ich werde immer bei dir sein, Darcy. Denk einfach an mich, wenn du mich brauchst. Ganz tief da drin.” Er legte sich die Hand aufs Herz.

“Oh, Josh.”

Er verblasste. Verschmolz einfach nach und nach mit dem silbernen Nebel. Natürlich. Es war ein Traum. Ein durch das Schlafmittel hervorgerufener Traum.

Er lächelte. “Du bist etwas ganz Besonderes, Darcy. Ich habe es dir schon immer gesagt. Und du wirst sehr stark sein müssen”, sagte er leise.

Dann war er fort.

Es begann am nächsten Tag.

Ihr Vater hatte beschlossen, nicht ins Büro zu gehen, und auch ihre Mutter war zu Hause geblieben. Ihre Eltern wollten den Tag mit ihr verbringen und in die nahe gelegenen Berge fahren. Diese herrliche Gegend von Pennsylvania schien ihnen genau das Richtige für ihre Tochter zu sein, um einfach ein wenig auszuspannen und die Natur zu genießen.

Und dann konnte ihr Vater seinen Palmtop nicht finden.

“Du hast ihn auf der Konsole in eurem Bad liegen gelassen”, sagte sie.

“Woher um alles in der Welt willst du das wissen, Liebling? Warst du in unserem Schlafzimmer?” fragte ihr Dad.

“Nein”, sagte Darcy, selbst überrascht. “ Ich habe nur … na ja, ich nehme an, es ist einfach ein Platz, wo du ihn liegen gelassen haben könntest.”

Er ging nach oben in das ans Schlafzimmer ihrer Eltern grenzende Bad, und als er mit seinem Palmtop zurückkehrte, schaute er sie merkwürdig an. “Danke. Ich nehme an, du kennst deinen alten Herrn ziemlich gut, was?”

Natürlich, das war es.

Aber dann … Ab und zu blitzte vor ihrem geistigen Auge irgendetwas auf – Bruchstücke nur, entfernt bekannte Bilder, die Darcy dennoch nicht recht zuzuordnen vermochte. In diesem Sommer passierte ihr das nur gelegentlich, ein paar Mal auch während ihrer ersten Jahre auf dem College, später jedoch trat dieses Phänomen öfter auf.

Anfangs war es verstörend. Dann gewöhnte sie sich daran. Sie nahm es als etwas, das ihr Josh auf höchst seltsame Weise hinterlassen hatte.

Bis sie aber beschloss, Joshs Vater anzurufen, sollte noch eine Weile vergehen.

Das war erst, als die Geister kamen.

1. KAPITEL

Jeannie Mason Thomas lag im Lee-Zimmer von Melody House in dem breiten, weiß bezogenen Baldachinbett und schwelgte in reinster Glückseligkeit.

Roger neben ihr schnarchte leise vor sich hin. Männer, dachte sie zärtlich. Die haben es gut. Sie können in jeder Lebenslage schlafen, ganz egal, was passiert ist.

Sie konnte es nicht, sondern musste den hinter ihr liegenden Tag wieder und wieder Revue passieren lassen, jede einzelne Minute davon. Ihren Hochzeitstag.

Am Morgen hatte es das übliche Tamtam gegeben. Ihre Mom war vor Rührung alle paar Minuten in Tränen ausgebrochen und hatte ihr Vorträge über die Ehe und den Sex gehalten, die sie total überflüssig fand. Alice, ihre Brautjungfer, hatte sich beim Versuch, den Schleier zu befestigen, zwei ihrer neuen künstlichen Fingernägel abgebrochen, und Sandy, eine andere Brautjungfer, war von dem Champagner, den sie alle zusammen beim Ankleiden getrunken hatten, arg beschwipst gewesen. Die Limousine kam zu spät. Und dann war zu allem Überfluss auch noch die ursprünglich vorgesehene Sopranistin heiser gewesen, sodass sie gezwungen gewesen waren, in letzter Minute Ersatz zu suchen. Aber zum Glück hatten sie durch Father O’Hara ganz schnell diesen irischen Tenor gefunden, und als sie endlich die alte Kirche aus der Revolutionszeit am Stadtrand erreicht hatten, lief doch noch alles wie am Schnürchen.

Nach Aussage ihrer Gäste war es eine der schönsten Hochzeiten gewesen, an denen sie je teilgenommen hatten. Roger sah in seinem Smoking absolut umwerfend aus. Ihr Vater wirkte ausgesprochen stattlich, ihre Mutter schlicht schön. Ihr Bruder und ihre Schwester, beide Mitwirkende der Hochzeitszeremonie, hatten den Tag perfekt dirigiert. Der erste Tanz mit ihrem Bräutigam war magisch gewesen, aber erst als sie sich in den Armen ihres Vaters im Kreis drehte, war ihr bewusst geworden, wie überaus glücklich sie sich schätzen konnte, da sie jetzt nicht nur eine liebevolle Familie, sondern darüber hinaus auch noch einen unglaublichen Ehemann hatte.

Der Hochzeitsempfang würde in den nächsten Monaten Gesprächsthema im ganzen Landkreis sein. Der irische Tenor, der bereits in der Kirche gesungen hatte, hatte ebenfalls teilgenommen. Musikalisch war für jeden etwas dabei gewesen, angefangen von klassischer Musik über Rock und Pop bis hin zu Opernarien. Das Essen war köstlich, die Hochzeitstorte riesig.

Und schließlich waren sie nach der ausschweifenden Feier ins Melody House gefahren. Natürlich war es für sie und Roger nicht neu gewesen, miteinander Liebe zu machen, aber irgendwie war es trotzdem anders und sinnlicher, erotischer und befriedigender, als frisch gebackenes Brautpaar miteinander zu schlafen. Sie waren erhitzt und beschwipst gewesen, und beim Ausziehen lachten sie und alberten miteinander herum, bevor sie kurz unter die Dusche gingen, um sich schnell ins Bett zu kuscheln. Zwischen Küssen und Liebkosungen tranken sie auch noch den Champagner, der in einem eleganten silbernen Eiskübel auf dem antiken Tisch vor dem Kamin stand. Dazu genossen sie den köstlichen kleinen Imbiss, bestehend aus Kaviar, verschiedenen Quiches, Erdbeeren im Schokoladenmantel und vielem anderen mehr. Danach hatten sie sich noch einmal geliebt, mit träger Langsamkeit diesmal, und es war erneut unbeschreiblich schön gewesen. Im Melody House gab es alles, was das Herz begehrte. Morgen früh würde man ihnen in dem sonnigen Wintergarten das Frühstück servieren. Wenn sie Lust hatten, konnten sie den ganzen Tag an dem geheizten Swimmingpool verbringen, der eine relativ neue Errungenschaft des alten Kolonialhauses war. Und bei Sonnenuntergang würden sie vielleicht auf verschlungenen Wegen durch den Wald reiten. Hier konnten sie für sich sein und wurden dennoch nach Strich und Faden verwöhnt. Von daher hatte Jeannie allen Grund, sich rundum glücklich zu fühlen und großzügig darüber hinwegzusehen, dass sie sich schlaflos von einer Seite auf die andere wälzte, während ihr frisch gebackener Ehemann zufrieden vor sich hin schnarchte.

Sie stand leise auf, wobei sie sich so agil und wunderbar geschmeidig fühlte wie eine Katze. Während sie sich streckte, beglückwünschte sie sich wieder einmal dazu, dass sie ihr selbst auferlegtes, hartes Fitnessprogramm in den Monaten vor der Hochzeit regelmäßig abgeleistet hatte – im Moment hatte sie kaum ein Gramm Fett am Leib, eine Tatsache, die Roger auch heute wieder gebührend gewürdigt hatte. Außerdem erwärmte sie sich an dem Gedanken, dass es ihr gelungen war, Matt Stone zu überreden, ihnen dieses nur höchst selten vermietete Zimmer zu überlassen. Und Stone war bekanntermaßen eine harte Nuss.

Auf dem Weg zur Balkontür verzog sie den Mund zu einem halben Lächeln. Roger behauptete, Matt Stone habe sich nur erweichen lassen, weil er dringend das Geld zur Instandhaltung von Melody House brauche. Und vielleicht hatte Roger damit sogar Recht – so ein altes Haus verschlang bestimmt Unsummen an Instandhaltungskosten. Aber vielleicht war es ja auch eine Mischung aus den sich für Stone ergebenden Notwendigkeiten und ihren mit Charme gepaarten Überredungskünsten gewesen, wer konnte das schon so genau sagen? Und egal wie, auf jeden Fall hatte es geklappt, und jetzt passte alles wunderbar zusammen. Jeannie interessierte sich brennend für Geschichte, und dass sie ihre Hochzeitsnacht an einem so geschichtsträchtigen Ort verbringen durfte, war wie das kunstvollste Sahnehäubchen auf dem herrlichsten Kuchen der Welt. Sie schob die Vorhänge einen Spalt auseinander und kostete das sinnliche Gefühl aus, die leichte Brise auf ihrer nackten Haut zu spüren. Sie war jetzt eine verheiratete Frau. Mrs. Thomas. Wenn sie wollte, konnte sie sich sofort wieder ins Bett legen, ihren Ehemann wecken und mit ihm jede erotische Fantasie, die ihr in den Sinn kam, ausleben.

Nichtsdestotrotz …

Sie erschauderte. Mit einem Mal war es gar nicht mehr ganz so köstlich, die kühle Luft auf der Haut zu fühlen. Eine eisige Kälte umwehte sie, die ihr durch und durch ging. Sie wirbelte auf dem Absatz herum, aber in dem schwachen Lichtschein, der aus dem Bad fiel, konnte sie nichts entdecken.

Sie verspürte …

Angst. Eine tief sitzende, irrationale Angst.

Jeannie schluckte und beeilte sich, die Balkontür zu schließen und von innen zu verriegeln. Sie schaute zu Roger. Er schnarchte immer noch leise vor sich hin. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Wenn sie Angst hatte, brauchte sie sich nur schnell wieder neben ihn ins Bett zu legen, dann würde er sie in den Arm nehmen und festhalten, und alles wäre gut.

Und genau das sollte sie jetzt tun.

Aber sie tat es nicht. Sie rührte sich nicht von der Stelle. Da war doch etwas …

Eine silbrige Bewegung in der Dunkelheit des Raumes.

Sie blinzelte, aber das, was sie sah, verschwand nicht. Und das lag nicht an der Dunkelheit oder an der Widerspiegelung der Lichter oder an einer Kombination aus beidem. Da war irgendetwas, vage im Umriss, silbrigweiß schimmernd, das sich bewegte und ständig seine Form veränderte. Es stieg aus ihrer Seite des Bettes empor und kam auf sie zu.

Panik schnürte ihr die Kehle zu. Sie öffnete den Mund zu einem Schrei, aber sie brachte keinen einzigen Ton heraus. Mit kalkweißem Gesicht starrte sie auf die Erscheinung und stieß erstickte leise Laute aus, während sie verzweifelt versuchte, ihre Stimme wieder zu finden. Es kam näher und näher und dann – ihr gefror das Blut in den Adern.

Jetzt berührte es sie. Sie spürte, dass sich ihr Haar bewegte … Kälte schlug ihr ins Gesicht, und sie hätte schwören mögen, dass sie ein spöttisches, verächtliches Flüstern vernahm: “Du dummes, kleines Mädchen. Er wird dich töten!”

Und dann … ihr Haar … es hob sich erneut, während sie selbst wie gebannt auf diese silbrige Erscheinung starrte. Eine Erscheinung, die flüsterte und sich im Wind bewegte. Aber da war gar kein Wind. Sie hatte die Balkontüren geschlossen.

Endlich fand sie zu Stimme, Beweglichkeit und Energie zurück. Sie stieß einen gellenden Schrei aus und rannte los.

Allerdings nicht zum Bett und zu Roger, sondern geradewegs zur Tür, an der sie so heftig zog, dass sie fast den Knauf abriss. Gleich darauf flog die Tür auf und donnerte gegen die Wand, aber Jeannie achtete nicht mehr darauf. Sie schrie immer noch, während sie wie von wilden Furien gehetzt den breiten Treppenaufgang hinunterrannte.

Matt Stone war vor der Ankunft seiner Pensionsgäste vorübergehend in das kleine Wirtschaftsgebäude umgezogen, das ungefähr fünfzig Meter vom Haupthaus entfernt lag. Dort hatte er früher schon gewohnt, doch dann war sein Großvater gestorben und hatte ihm Melody House samt der damit verbundenen Verantwortung hinterlassen. Nachdem er sich anfangs gesträubt hatte, fühlte er sich inzwischen in dem alten Gemäuer recht wohl. Die Mastersuite, in der er sich eingerichtet hatte, war mit dem großen Schlafzimmer, dem Bad und Ankleidezimmer, einem Arbeitsbereich plus dem Salon ausgesprochen komfortabel.

Er war gerade fest eingeschlafen, als er von einem gellenden Schrei geweckt wurde. Aufgeschreckt fuhr Matt hoch und sah sich hektisch um.

Obwohl es in ihrem kleinen Städtchen normalerweise ruhig zuging, war er als Sheriff von Stoneyville daran gewöhnt, mitten in der Nacht geweckt zu werden. Deshalb hatte er jetzt innerhalb von Sekunden seine Jeans an und lief im Eilschritt über den breiten Rasen, der zwischen dem Wirtschaftsgebäude, einem jüngst komplett saniertem Cottage, und dem Haupthaus lag. Kaum zwei Minuten, nachdem der Schrei ertönt war, schloss er die Tür auf.

Im Foyer brannte wie immer eine kleine Lampe, genau wie auf der Veranda. Trotzdem war er auf alles vorbereitet, als er das Haus betrat.

Das glaubte er zumindest, bis er die Gestalt sah, die splitternackt und schreiend vor ihm stand. Jeannie war eine hübsche Frau, mit einem perfekten, wohl modellierten Körper. Matt zwang er sich, seinen Blick von ihr loszureißen und sich nach einer bislang verborgenen Gefahr umzuschauen. Da er jedoch nichts entdecken konnte, wandte er sich erneut der jungen Ehefrau zu.

“Jeannie?” fragte er behutsam mit tiefer beruhigender Stimme. Unter normalen Umständen wäre er jetzt auf sie zu gegangen. Er hätte ihr einen Arm um die Schultern gelegt und geduldig herauszufinden versucht, was ihre Panik verursacht hatte. Aber unter diesen Umständen entschied er sich dagegen “Jeannie, bitte, sagen Sie doch etwas. Was ist denn …?”

In diesem Moment kam auch Roger verschlafen die Treppe hinuntergetappt. Als sein Blick auf seine Frau fiel, wurde er schlagartig hellwach.

“Jeannie!” schrie Roger erschrocken.

Matt durchquerte mit langen Schritten das Foyer und betrat einen kleinen, durch eine Kordel abgetrennten Salon, wo er ein Plaid von einem zierlichen antiken Sofa riss. Damit kehrte er eilig zu Jeannie zurück und legte es ihr um die Schultern. Obwohl die junge Frau mittlerweile aufgehört hatte zu schreien, wirkte sie völlig verängstigt und zitterte am ganzen Körper.

Roger, der sich immer noch nicht gefasst hatte, bedankte sich flüchtig und schaute dann wieder auf seine Frau, die mit dem Rücken zu ihm stand.

“Du lieber Himmel, Jeannie, was ist denn passiert?”

Jetzt endlich drehte sie sich zu ihm um und blickte ihn erst verständnislos und dann angespannt an. “Hast du es nicht gesehen? Hast du nichts gespürt?”

“Jeannie, bitte, ich habe geschlafen. Wovon redest du?”

In diesem Moment betrat Penny Sawyer, das grauschwarze Haar vom Schlaf zerzaust und eingehüllt in einen Frotteebademantel, das Foyer.

“Was in aller Welt ist denn hier los?” fragte sie perplex.

Penny war Haushälterin, Verwalterin und Buchhalterin in einer Person. Außerdem führte sie die Besichtigungstouren durch. Sie hatte schon für Matts Großvater gearbeitet und hing wahrscheinlich noch mehr an dem Haus als Matt selbst. Für Matt war sie nicht nur unverzichtbar, sondern zudem so etwas wie die gute Seele des Anwesens.

Nur in einer einzigen Frage würden sie sich wahrscheinlich nie einigen. Missmutig knirschte Matt mit den Zähnen. Er wusste genau, was Penny über diesen Zwischenfall denken würde.

“Es spricht alles dafür, dass unsere Braut einen Albtraum hatte”, erklärte Matt ruhig.

“Albtraum!” kreischte Jeannie, dann zwang sie sich jedoch, etwas ruhiger fortzufahren: “Ich habe nicht geschlafen.”

“Und was genau war das Problem?” fragte Roger leicht gereizt.

“Ich glaube, ich hole besser erst mal eine kleine Stärkung”, schlug Penny vor.

“Aber vorher sollte sich Jeannie etwas anziehen”, warf Roger jetzt hörbar unwillig ein.

“Etwas anziehen?” fragte Jeannie, wobei ihr offensichtlich erst in diesem Moment bewusst wurde, dass nur das Plaid ihren Körper bedeckte.

“Ich mache Tee mit einem kräftigen Schuss Whiskey”, erklärte Penny entschieden.

“Und inzwischen kannst du raufgehen und dir was überziehen, Jeannie. Und dann erzählst du uns, was in dich gefahren ist”, sagte Roger, immer noch mit einem Hauch Gereiztheit in der Stimme.

“Was in mich gefahren ist?” wiederholte Jeannie mit vorwurfsvoll gerunzelter Stirn. “Hör zu, Roger Thomas, ich habe mich eben zu Tode erschreckt, begreifst du das nicht?”

“So sehr erschreckt, dass du mitten in der Nacht splitternackt durch die Gegend läufst?”

Matt musste sich ein lautes Aufstöhnen verkneifen. Er hätte sich nicht breitschlagen lassen sollen, das Lee-Zimmer zu vermieten. Er warf Penny einen finsteren Blick zu. Wenn sie ihn nicht ständig daran erinnern würde, dass sie jede Einnahmequelle für Melody House nutzen müssten, hätte er es sicher auch nicht getan.

Penny zuckte mit den Schultern, wobei sie Matt einen ihrer wissenden Blicke zuwarf.

Die Leute erzählten sich, dass es in Melody House spukte, aber solche Geschichten waren in Matts Augen ganz normal. Das Haupthaus war weit über zweihundert Jahre alt. Es hatte die amerikanische Revolution überlebt, den Bürgerkrieg und jede Menge Konflikte dazwischen. Natürlich wusste er, dass sich um alles, was so alt war, immer gewisse Legenden rankten. Und offensichtlich wollte fast die ganze Welt an Spukgeschichten glauben. Die Leute schafften es eben nicht, einfach nur traurig auf die Tragödien der Vergangenheit zurückzublicken, sondern mussten irgendetwas “hineingeheimnissen”.

Aber Matt glaubte nicht an Geister. Er hatte früher im Großraum Washington, D.C. gearbeitet und wusste, dass sich schon in der Welt der Lebenden so grausame, barbarische Dinge abspielten, dass es schlicht sinnlos war, sich auch noch über die Welt der Toten den Kopf zu zerbrechen.

“Geh schon endlich und zieh dir was an”, befahl Roger in barschem Ton.

Aus ihren immer noch weit aufgerissenen blauen Augen starrte Jeannie ihn rebellisch an.

“Ich werde nicht – und zwar nie mehr, hast du mich verstanden? – in dieses Zimmer hinaufgehen! Da spukt nämlich ein Gespenst herum und … bedroht mich.”

Matt schüttelte den Kopf und betete um Geduld, dann schaute er erst Braut, dann Bräutigam an. Wahnsinn! Wie schnell doch im Paradies der Segen schief hängen konnte.

“Hören Sie zu, Jeannie”, sagte er geduldig, “hier gibt es keine Gespenster. Ich habe immerhin den größten Teil meines Lebens in diesem Haus verbracht, und irgendwann gab es sogar mal einen Stromausfall. Da war es stockdunkel, und spätestens in diesem Moment hätte sich mir der Geist doch gezeigt, meinen Sie nicht? Sie können es mir wirklich glauben, es gibt hier keine Gespenster.”

Obwohl er sich um einen beiläufigen Ton bemüht hatte, hörte er, dass zumindest in seinem letzten Satz eine gewisse Schärfe mitgeschwungen hatte. Diese idiotischen Gespenstergeschichten hingen ihm wirklich langsam zum Hals heraus.

“Da siehst du, was du angerichtet hast”, sagte Roger vorwurfsvoll zu Jeannie. “Großartig. Wir werden hier traumhafte Flitterwochen verleben, nachdem du den Hauseigentümer so vor den Kopf gestoßen hast.”

“Entschuldigen Sie, aber ich bin nicht verärgert, auch wenn es sich vielleicht so anhört”, beeilte sich Matt zu versichern. “Ich glaube nur einfach nicht an Geister. Hören Sie, Jeannie, heute war ein großer, anstrengender Tag für Sie, und ich bin mir sicher, dass Sie beide … bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber Sie haben bestimmt auch etwas getrunken. Sie sind ganz einfach immer noch aufgeregt, Jeannie. Natürlich müssen Sie nicht in das Zimmer zurück. Wir holen Ihre Sachen, und dann können Sie und Roger für den Rest Ihrer Flitterwochen im Cottage wohnen; wie finden Sie das? Und jetzt macht Penny uns allen erst mal einen Tee, und ich räume drüben das Feld. Es dauert nur ein paar Minuten.”

Abrupt drehte sich Jeannie zu ihm um. Es sah fast so aus, als wollte sie sich in seine Arme zu werfen.

Tu das nicht, Jeannie, bitte! flehte Matt in Gedanken.

“Und warum schlägt niemand vor raufzugehen, um nachzusehen, ob da irgendwas im Zimmer ist?” fragte Jeannie erregt.

Matt hob beschwörend die Hände. “Ich werde sofort nachsehen.”

Er ging an den Neuvermählten vorbei die Treppe hinauf. Als er den ersten Absatz erreicht hatte, hörte er Roger wütend brummen: “Du lieber Himmel, Geister! Du bist eine Exhibitionistin, das ist alles. Du warst schon immer scharf auf Matt Stone, weißt du, Jeannie. Hast du endlich die passende Ausrede gefunden, um dich nackt vor ihm zu zeigen?”

“Roger Thomas! Wie kannst du es wagen, so etwas zu behaupten, du Mistkerl!” flüsterte sie empört. Dann rief sie mit lauter Stimme: “Sie brauchen Ihre Sachen nicht zu holen, Matt, wir ziehen nicht um. Ich fahre nach Hause, und zwar auf der Stelle. Nach Hause zu meiner Familie! Da behandelt mich wenigstens niemand so, als ob ich den Verstand verloren hätte.”

“He, he, immer mit der Ruhe!” protestierte Penny gelassen. “Hören Sie, wir sind wirklich alle müde, aber wir werden der Angelegenheit auf den Grund gehen. Matt ist ein durch und durch pragmatischer Mensch und glaubt eben nicht an Geister, aber Sie sollten mit Ihrer Frau trotzdem nicht so hart sein, Roger. Es gibt nämlich jede Menge Leute, die fest davon überzeugt sind, dass es hier mehr als nur ein bisschen spukt, glauben Sie mir.”

Matt betrat unterdessen das Lee-Zimmer. Ganz wie erwartet, fand er dort absolut nichts Außergewöhnliches. Die Balkontüren standen offen, und die Vorhänge bauschten sich im Wind. Das war es wahrscheinlich gewesen, was der jungen Frau einen Schrecken eingejagt hat. Vielleicht hatte sie auch einfach eine blühende Fantasie. Sie redete sich so lange ein, dass es hier spukte, bis sie es am Ende wirklich geglaubt hat.

Sein Blick fiel auf Jeannies Negligee, das ihm allerdings zu durchsichtig erschien, um es mit nach unten zu nehmen. Ihr Mann würde nicht glücklich darüber sein, so viel war sicher. Deshalb ging er zum Schrank, in dem zwei schneeweiße flauschige Bademäntel mit eingesticktem Monogramm hingen – eine Anschaffung, auf der Penny bestanden hatte, damit den wenigen Gästen, an die er das Zimmer vermietete, zumindest einen Hauch von echtem Luxus geboten wurde. Er nahm einen Bademantel vom Bügel und eilte damit nach unten.

Penny, Jeannie und Roger waren mittlerweile in die Küche gegangen. Durch den alten Holzkohleherd, die antiken Pfannen und Töpfe aus Kupfer sowie die Kräutertöpfe auf den Gesimsen wirkte sie anheimelnd altmodisch. Der große Kühlschrank aber war ebenso modern wie die Gefriertruhe und der blitzblanke Herd aus Edelstahl – Einrichtungsgegenstände, die zur Ausrichtung der vielfältigen gesellschaftlichen Ereignisse, die hier stattfanden, von Wohltätigkeitsveranstaltungen bis Galadinners, unerlässlich waren.

Penny hatte mit dem frisch gebackenen Brautpaar am Tisch Platz genommen. Offenbar hatte sie den Tee in Windeseile zubereitet, denn als Matt in die Küche kam, nippten sie bereits alle an den großen Steingutbechern.

Aber die drei waren nicht mehr allein. In der Zwischenzeit hatten sich die übrigen Bewohner von Melody House zu ihnen gesellt, die wahrscheinlich von dem Geschrei aufgewacht waren. Ebenfalls mit am Tisch saß Matts Cousin Clint, der eines der Apartments über den Stallungen bewohnte. Als Matt Clints Blick begegnete, sah er in den Augen seines Cousins ein belustigtes Glitzern. Und auch Sam Arden, der Hausmeister – alt, hager und barsch, mit wirrem weißem Haar – war mit von der Partie. Zu guter Letzt war da noch Carter Sutton, ein alter Collegefreund von Clint, der eigentlich im Nachbarort wohnte. Ihm gehörten eine Menge Grundstücke in der Gegend, und er hatte sich erst kürzlich in der Nähe ein Haus gebaut. Da die Handwerker es aber immer noch besetzt hielten, wohnte er ebenfalls in einem Apartment über den Stallungen. Dieses Arrangement nutzte allen, weil der von seinen Zinserträgen lebende Carter, der gelegentlich zwar “reich an Papieren, aber knapp an Bargeld” war, wie er selbst sagte, sich freute, gegen Unterkunft und Verpflegung hin und wieder den Stallburschen oder Fremdenführer in Melody House geben zu können.

Matt reichte Jeannie wortlos den Bademantel und setzte sich dann an die Stirnseite des Tisches. Penny war gerade sichtlich beglückt dabei, ihre einschlägigen Kenntnisse der Geisterwelt vor den Versammelten auszubreiten, während Roger seine Frau immer noch davon zu überzeugen versuchte, dass da außer der Aufregung des Tages nichts gewesen war.

“Und falls da wirklich ein Geist war, hatte er wahrscheinlich mehr Angst als Sie”, versicherte Clint der Braut.

“Himmel, da sind wirklich Gespenster.” Sam nickte weise mit seinem alten Kopf.

“Bitte, Sam”, protestierte Matt.

“Es wollte mir etwas antun”, behauptete Jeannie.

“Ich kann mir nicht vorstellen, dass Geister Menschen etwas antun”, wandte Carter ein. Sein Schnauzbart zuckte unter dem nur mühsam verkniffenen Grinsen.

“Er wollte es aber”, wiederholte Jeannie hartnäckig.

“Ich habe auch schon in diesem Zimmer geschlafen”, mischte sich Clint ein, “aber mir ist nichts passiert, ehrlich.”

“Ich kenne das Lee-Zimmer aus mehr als einer Nacht und habe nur die allerangenehmsten Erinnerungen daran”, versicherte Carter der Braut mit einem Augenzwinkern.

Sie wurde rot und lachte verlegen.

“Matt, ich habe Ihnen auch Tee eingeschenkt”, sagte Penny. “Nehmen Sie.”

“Danke. Ich trinke ihn später. Ich will vorher nur noch rasch meine Sachen rüberholen.” Er wandte sich dem Brautpaar zu. “Damit Sie gleich umziehen können.”

“Hören Sie, Mr. Stone, es ist mir wirklich peinlich, und ich … ich möchte Ihnen nicht noch mehr Unannehmlichkeiten machen”, sagte Roger.

“Ich werde aber in diesem Haus kein Auge mehr zubekommen”, jammerte Jeannie.

“Es ist wirklich kein Problem”, versicherte Matt den beiden.

Er wollte im Moment einfach nur weg hier – vor allem deshalb, weil er absolut keine Lust hatte, sich noch eine weitere von Pennys Geschichten anzuhören. Er gestattete ihr einmal pro Woche – sie entschied sich immer für den Freitag oder Samstag – eine Führung mit dem Titel “Melody House und seine Legenden” zu machen, die sie zum Anlass nahm, alle möglichen haarsträubenden Anekdoten über das Haus zum Besten zu geben, in dem angeblich Geister, unter denen auch die Geister historischer Berühmtheiten sein sollten, herumspukten.

Sie hatte diese Führungen “Gespensterreise” nennen wollen, aber das hatte Matt sich vehement verbeten. Doch nachdem sie es tatsächlich geschafft hatte, auch so zahlende Touristen anzulocken – Leute aus Williamsburg, Richmond, Harpers Ferry oder sogar D.C. – hatte er ihr weitgehend freie Hand gelassen. Nach der ersten Hälfte der Veranstaltung reichte sie Apfelmost, Tee, Plätzchen und Blätterteiggebäck, und in einem musste er ihr Recht geben: Dank dieser Führungen konnten sie viele Rechnungen bezahlen. Deshalb duldete Matt den Zirkus, auch wenn ihm das Ganze immer noch ganz und gar nicht schmeckte.

“Geh ruhig, Matt, wir unterhalten sie schon, bis du fertig bist”, meinte Clint.

“Danke”, sagte Matt trocken und überließ sie ihrer Debatte über die Existenz oder Nichtexistenz von Geistern.

Eine Stunde später lag Matt wieder in seiner Suite im Haupthaus. Zuvor hatten er und Penny und Roger sehr zur Beruhigung der jungen Frau die Sachen des Brautpaars ins Cottage gebracht.

Matt war kaum eingeschlafen, als er von einem Klingeln geweckt wurde. Verschlafen versuchte er den Wecker abzustellen, und es dauerte einen Moment, bis ihm dämmerte, dass nicht der Wecker, sondern das Telefon klingelte. Es war einer seiner Angestellten, der aufgeregt in den Apparat rief, dass Matt sich beeilen solle. Ein Fall von häuslicher Gewalt drohe zu eskalieren.

Während Matt hastig in seine Kleider schlüpfte, dachte er sowohl an den Teil der Nacht, der hinter ihm lag, wie auch an den kommenden Tag. Da war sie wieder – die Wahrheit. Wie früher schon sein Dad zu ihm gesagt hatte, wenn es ihm als Kind auf einem Friedhof gegruselt hatte: Vor den Toten brauchte man keine Angst zu haben.

Es waren die Lebenden, vor denen man sich in Acht nehmen musste.

Der auf diese unruhige Nacht folgende Tag war für Matt die Hölle. Begonnen hatte er wenige Stunden nach Mitternacht mit dem Ehekrach der Creekmores, weil der alte Harry gedroht hatte, seine ganze Familie umzubringen, da seine Frau, wie er behauptete, in der Gegend herumhure, und er nicht einmal wüsste, ob die Kinder tatsächlich von ihm waren. Thayer hatte sich bemüht, die Situation bis zu Matts Eintreffen so gut es ging unter Kontrolle zu halten. Matt hatte Harry erst mit Engelszungen überreden müssen, die Tür zu öffnen, dann hatte er eine Flasche Whiskey mit ihm geleert, von der Matt allerdings kaum etwas trank, und versucht, den aufgebrachten Mann davon zu überzeugen, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Irgendwann war Harry dann so voll gewesen, dass er am Tisch einschlief, was Matt zum Anlass nahm, ihm die Schrotflinte abzunehmen und ihn zum Ausnüchtern in seine Kammer zu hieven.

Und so ähnlich ging es die ganze Woche weiter, und sein einziger Trost war, dass er das glückliche junge Paar Tag und Nacht im Swimmingpool herumplanschen hörte.

Irgendwann kam Jeannie auch zu ihm, um sich wortreich dafür zu bedanken, dass er sie in jener ersten Nacht nicht einfach an die Luft gesetzt hatte. Sie versicherte ihm, dass sie sich ihre Flitterwochen niemals so schön hätte ausmalen können und wie sie jede Minute genossen.

Den Geist hatte sie in der Zwischenzeit offensichtlich längst vergessen, worüber Matt sehr froh war.

Ganz im Gegensatz zu Penny. Sie beharrte weiter darauf, dass es im Haus spukte, und dass er, Matt, ein Dummkopf war, weil er nicht auf sie hörte. Sie schwor Stein und Bein, dass bald irgendetwas Schlimmes passieren würde oder – wenn man es positiv sah – dass sie kurz davor waren zu beweisen, dass der Geist wirklich existierte. Und wenn das stimmte, brauchten sie sich nie wieder den Kopf darüber zu zerbrechen, woher sie das Geld für den Unterhalt des Hauses nehmen sollten. So zumindest sah es Penny.

Schließlich reiste das junge Brautpaar ab, und alles ging kurzfristig seinen gewohnten Gang, bis Penny wieder mit dem Thema anfing und ihn bekniete, eine Séance abhalten zu dürfen.

Matt wehrte sich, so gut er konnte. Er flehte sie an, ihn mit diesem Blödsinn in Ruhe zu lassen, besonders jetzt, wo er bis über beide Ohren in Arbeit steckte.

Penny wollte schon nachgeben und sich mit ihren wöchentlichen Führungen begnügen, als dieser Brief von Adam Harrison von Harrison Investigations kam.

Vier Wochen später blieb Clara Issy, eine der fünf Angestellten, die Matt in Melody House beschäftigte, abrupt stehen.

Es war ein sonniger Morgen. Das schöne, antik eingerichtete Schlafzimmer sah genauso aus wie immer. Das Bett mit seinen vier glänzenden Pfosten und der Patchwork-Tagesdecke, die Clara gerade darüber gebreitet hatte, stand mit dem Kopfteil an der Wand. Die elektronischen Geräte in dem auf Hochglanz polierten Mahagonisekretär verliehen dem Möbelstück einen modernen Anstrich. Der Fernseher war ausgeschaltet. Weil es ein sonniger Tag war, standen die großen Flügeltüren, die auf einen rund um das Haus herumführenden Balkon führten, offen, und die weißen Vorhänge wehten leicht im Wind. Daran war nichts Ungewöhnliches, und Clara liebte diese lichtdurchflutete, samtene Atmosphäre des Sommers. Nein, mit dem Raum selbst war alles so wie immer.

Trotzdem stand sie wie erstarrt neben der geöffneten Balkontür und starrte auf einen Punkt.

Obwohl außer ihr niemand im Zimmer war, bewegte sich etwas. Etwas, das vom Bett wegdriftete. Etwas, das seine Form veränderte, etwas Kaltes, das etwas ausgesprochen Bedrohliches hatte.

Es näherte sich Clara. Sie spürte, dass es ihr Gesicht berührte, es war fast so, als ob Finger über ihre Wange strichen. Eiskalte Finger. Totenfinger. Sie glaubte ein Flüstern zu hören. Heiser, ganz nah an ihrem Ohr. Etwas, das flehte … oder drohte.

Ihre Hände umklammerten den Besenstiel so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Ihr Körper fühlte sich an wie ein Eiszapfen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Die Kälte … sie hüllte sie ein. Undurchdringlich. Und noch undurchdringlicher.

Endlich machte sie ihren Mund wieder zu. Fest. Doch dann riss sie ihn erneut auf und versuchte zu schreien, aber alles, was herauskam, war ein kaum hörbares Ächzen. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Schließlich fand sie die Kraft und rannte aus dem Zimmer.

Auf dem Flur im ersten Stock war niemand.

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