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Das Geheimnis meines Vaters

Über den Autor

Xavier de Moulins d’Amieu de Beaufort wurde 1971 in Boulogne-Billan-court geboren. Er ist Presse- und Fernsehjournalist und Buchautor. Dieser wunderbar blaue Himmel ist sein erster auf Deutsch erschienener Roman.

Xavier de Moulins

Das Geheimnis meines Vaters

Roman

Aus dem Französischen von
Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

2015

Das Mondlicht verblasst auf dem frischen Gras. Ein herrlicher Tag kündigt sich an. Während ich darauf warte, dass er wirklich anbricht, reißt mich dein Rufen aus dem Bett. Immer wieder klingelst du an der Tür, und immer wieder öffne ich dir schließlich doch. Im Laufschritt kommst du herein. Schweiß perlt über dein Gesicht. Du brichst nicht sofort zusammen. Du nimmst dir Zeit für dein vernichtendes Lächeln und dein lebendiges Lachen, dann wirfst du dich auf mich, und zu meinen Füßen sinkt alles in sich zusammen.

An der Liebe zu dir bin ich fast krepiert. Aber du bist es, der stirbt.

Was bleibt von dir, Beelzebub? Nichts als dein Getöse.

November 2013

Die Anzeige war klar und präzise formuliert. Aufgrund eines überraschenden Druckerstreiks konnte sie nicht rechtzeitig erscheinen und wurde daher weder gelesen noch anderweitig bekannt. Die Kosten bekam ich innerhalb von fünfundvierzig Tagen zurückerstattet. Außerdem erhielt ich ein kurzes, vom Chefredakteur unterschriebenes Entschuldigungsschreiben und einen Preisnachlass für das nächste Mal.

Ich hatte die Todesanzeige nach einem Muster aus dem Internet formuliert, weil ein mit Pathos gespickter Nachruf unter den gegebenen Umständen nicht gepasst hätte. Mein Vater bekam lediglich das gewerkschaftlich festgelegte Minimum. Wäre es einzig nach mir gegangen, hätte ich den Leichnam liebend gern im nächsten Brunnenschacht entsorgt.

Oscar schlug mir vor, eine SMS vom Handy des Verstorbenen zu schicken:

Hallo Leute, ich bin letzte Nacht gestorben und werde in zwei Tagen beerdigt. Einzelheiten erfahren Sie von meinem Sohn. Ich habe ihm sein Leben ordentlich vermasselt, dafür darf er jetzt für meinen Abgang sorgen. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Jean-Paul

Jetzt gerade ist mir total nach Lachen zumute. Nicht, weil es der Situation angemessen wäre, sondern weil ich das Gefühl habe zu fliegen. Das verdanke ich ihm, meinem besten Freund Oscar. Und den beiden Valium, die er mir freundlicherweise ein paar Minuten vor unserer Abfahrt zum Friedhof verabreicht hat.

Valium mit Whisky anstatt einer 16-Millimeter an die Schläfe. Oscar ist mir Abszisse und Ordinate.

Er hat mir geholfen, Mama ins Auto zu setzen, die sich unterwegs nicht ein einziges Mal rührt. Das Radio verbreitet eine Menge ziemlich desaströser Nachrichten. Ich schalte auf einen Musiksender um. Wir hören »Still loving you« von den Scorpions. Mein bester Freund grinst. Mit Rücksicht auf Mama vermeiden wir lautes Lachen. Ich öffne das Fenster einen Spalt. Mir ist nach frischer Luft. Der Zigarettenanzünder funktioniert nicht mehr. Bis zum Friedhof versuche ich, den Glühdraht zu reparieren.

Mama hat ihr Witwenkostüm angezogen. Das kastanienbraune Ensemble verleiht ihr das Aussehen einer rüstigen Stute. Aber sie zittert und zieht die mageren Schultern hoch, obwohl die Sonne scheint, was so gar nicht zur Jahreszeit passen will. Ihre Strahlen wärmen jedoch unsere Rücken, stehlen sich durch die Büsche und kritzeln Schatten auf die Gräber.

Wir haben Mama untergehakt. Sie geht mit kleinen Schritten vorwärts und wirkt ungeheuer zerbrechlich.

Trotz der nicht erschienenen Anzeige haben die Buschtrommeln funktioniert. Fast zweihundert Personen sind erschienen. Wenn man von der Anzahl schwarzer Krawatten und dunkler Sonnenbrillen ausgeht, die sich um Papas Sarg versammelt haben, muss Jean-Paul über ein ausgezeichnetes Sozialleben verfügt haben. Er galt als Gesellschaftslöwe und konnte sich immer so verstellen, dass er als guter Mensch durchging. Die Ausdrücke »liebender Vater« und »treu sorgender Ehemann« sind zu hören. Sie bestätigen meine Theorie hinsichtlich persönlicher Legenden und gelungener Selbstvermarktung: Bei geeigneter Verwendung bringen sie das Ego der größten Lügner zum Strahlen.

Bis zum Schluss ist nichts von seiner wahren Natur nach außen gedrungen.

Gebete werden zu Ansprachen. Im Kirchenschiff taucht plötzlich ein Löwe auf, mit wilder Mähne und einem Brüllen, das uns in die Savanne versetzt. Der Laut ist das Signal für eine Dia-Show, die nun im Altarraum stattfindet. Wir sehen Jean-Paul, schick gekleidet, mit seinem Colgate-Lächeln, einer Kippe im Mundwinkel und einem blauen Päckchen Gitanes in der Hand. Rauchkringel steigen in den Himmel. Das nächste Bild zeigt ihn vergnügt auf einem Surfbrett beim Wellenreiten. Mein Vater ist ein gut aussehender Mann. Ein athletischer Mistkerl. Wie eine Furie reitet er in einer knapp sitzenden Badehose auf der Gischt und sieht aus wie eine extravagante Mischung aus den Helden meiner Kindheit: ein Zusammenschluss von Danny Wilde und Lord Brett Sinclair. Er ist gleichzeitig Yin und Yang, strahlt eine zerbrechliche Männlichkeit aus, die sich wie eine Seerose für das Leben öffnet und sich dabei gleichzeitig den Naturgewalten aussetzt. Die Bilder breiten sich fächerförmig in der Kirche aus, erhellen den Sarg und liebkosen die weißen Blumengebinde.

Der Dia-Vortrag hat etwas Verblüffendes. Wie in einem Luftschiff scheint Jean-Paul über die Trauergemeinde hinwegzusegeln. Hallo, Houston. Wir sehen ihn als Kriegspilot, Erstkommunionkind, naiven Teenager und als jungen, nach der neuesten Mode gekleideten, schneidigen Mann. Er trägt den Lederblouson, den er immer anhatte, als ich zehn war, und bei dessen Anblick ich mir jedes Mal wünschte, endlich zwanzig zu sein.

Sein Duft ist überall in der Kirche. Ein frisches, würziges Parfüm mit einer Kopfnote von Kardamom und einer anderen, diskreteren von Kumarin. Ein moosiges Aroma. Manchmal roch Papa auch nach Patschuli und Vetiver. Er liebte Düfte und kannte zauberhafte Mischungen. Jean-Paul war in der Lage, das Alphabet der Aromen zu buchstabieren. Für sein Leben gern redete er über besonders gelungene Zusammenklänge und konnte über Muskatellersalbei, Rosenholz, die unergründlichen Geheimnisse des Zimtes, die Mysterien der Kiefernnadeln und die Fülle der Tonkabohne referieren, ohne des Themas je müde zu werden.

Das letzte Bild bringt den Walzer der Rückschau ein wenig aus dem Takt. Es zeigt Vater und Sohn auf einem Spaziergang. Leicht wie ein Kinderspiel. Ein Spätnachmittag an einem jener Sonntage, die er mir manchmal schenkte, als ich noch klein war. Wir laufen durch die hübsch angelegten Gärten eines Parks, an dessen Namen ich mich nicht erinnere.

Mein Vater ist eine Art Gangster. Zwar hat er mir das Leben geschenkt, es dann aber brutal zerstört.

Als ich den Sarg aussuchte, wurde mir eine Auswahl verschiedener Polsterungen gezeigt. Der Angestellte des Beerdigungsinstituts legte großen Wert darauf, mir alles ganz genau zu erklären. Trotzdem muss Papa sich mit synthetischem Satin aus dem Sonderangebot zufriedengeben.

Im Nachhinein überkam mich eine scheußliche Angst. Angst davor, dass meine Kinder und meine Frau dem Sarg ebenfalls hätten folgen können. Dann nämlich hätte die Beerdigung meines Vaters in einem Massengrab geendet.

1978

Ich habe den Film schon hundert Mal gesehen. Ich versuche, meinen Vater mit Sandkuchen zu beeindrucken. Beide buddeln wir wie wild. Er trägt eine Kappe, ich einen Hut. Ich finde, dass ich damit wie ein Mädchen aussehe. Meine Mutter sitzt gegenüber auf einer Bank und betrachtet uns wohlwollend. Ihre Hochsteckfrisur hat etwas Verrücktes.

Meine Eltern wirken wie Steve McQueen und Faye Dunaway in Noddys Spielzeugland. Und ich bin der Sohn, der dieser sonnigen Liebe entstammt. Mit den DNA-Spuren unseres Glücks haben wir diesen Park für immer geprägt. Unsere Geschichte stinkt geradezu nach Frühling und Sorglosigkeit. Die Sonne streichelt unsere Haut, unser Lachen ist weithin zu vernehmen. Wir laufen zu meiner Mutter, um uns zu erfrischen. Papa schüttet mir Wasser über den Kopf und setzt mir dann den Hut wieder auf. Jetzt sehe ich nicht mehr aus wie ein Mädchen, sondern eher wie ein Cowboy. Mein Leben ist ein Italo-Western mit Anleihen an die romantische Komödie. Ich fühle mich in Sicherheit. Im Schatten umarmt Jean-Paul seine Frau und schließt dabei die Augen. Der Kuss ist wie eine Postkarte in Technicolor, ein Druckstock aus Edelstein. Eilig mache ich einen Knoten in mein Taschentuch.

Meine Eltern winken mir zu. Vater lässt seine Familie in Super Acht erstarren. Offenbar verfolgt er mich seit meiner Geburt mit seinem Objektiv. Ich lächele gezwungen, um ihm zu gefallen. Bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Mich in den Strahlen seines Lichtes wärmen.

Sowohl Vater als auch Mutter zeichnen mein Leben auf. Die Filme werden in einem Schuhkarton gesammelt. Für diese Menschen bin ich der Nabel der Welt. Mama ist die Muse, Papa der große Weisungsberechtigte. Wie ein Paparazzo hat er keinen meiner großen Augenblicke versäumt. Mein erstes Bad, meine ersten Schritte, mein gitaneblaues Fahrrad. Es ist ein LeJeune.

Der Ledersattel drückt ein wenig am Hinterteil. Nur nichts sagen. Papa keinesfalls enttäuschen. Mich über sein Geschenk freuen. Auf dem Rad sitzen und die Zähne zusammenbeißen.

Mit gebeugtem Rücken schiebt er mich an und hält mich gleichzeitig fest. Seine Lippen bewegen sich schnell. Man errät, dass er mich ermutigt. Der Beginn eines großen Vortrags.

Ich springe auf Jean-Pauls Schoß. Er lässt mich an seinen baumstammgleichen Armen hangeln. Ich halte den Atem an.

Dann wirbele ich um meinen Koloss herum durch die Luft. Immer schneller. Ein improvisiertes Karussell. Ich erkenne mein Spiegelbild in seinen getönten Brillengläsern und jauchze mein Glück hinaus.

Der Wind rauscht in meinen Ohren, mein Herz scheint sich zu senken und zu heben. Und dann nimmt Papa mich fest in die Arme.

Ein weiterer Freudenschrei steigt empor.

November 2013

Es ging ziemlich schnell. Kaum eine Woche nach der Beerdigung. Und dieser Tod betraf mich. Nach anfänglicher Erleichterung wich die Aufregung der Bestattung einem heftigen Schwindelgefühl. Mitten auf der Straße ging ich zu Boden und konnte nicht mehr aufstehen.

Der Arzt in der Notaufnahme spricht von Nachwirkungen. In meinem Kopf scheint ein Meer in Aufruhr zu geraten. Ich werde von riesigen Wogen überrollt und fühle mich wie in einer Waschmaschinentrommel. Ungläubig wie ein Schiffsjunge bei seinem ersten Sturm will ich nur noch den Anker werfen und meinen unbeweglichen, steinharten Körper versenken.

Der Unfall. Die Beerdigung. Oscar erklärt dem Doktor, was in den vergangenen Tagen auf mich eingestürmt ist. Der Arzt zeigt Verständnis und vermutet posttraumatischen Stress wie bei manchen in Afghanistan eingesetzten Soldaten.

Auf Rezept darf ich achtundvierzig Stunden durchschlafen. Es kommt mir vor wie ein hundertjähriger Schlaf.

Nach meinem Schiffbruch bringt Oscar mich in einer möblierten Zwei-Zimmer-Wohnung unter. Ich weigere mich, zu ihm zu ziehen. Nicht nur in seinem Gästezimmer geistert Avas Schatten herum. Er lauert hinter jeder Ecke in Oscars Haus.

Mein Beinahe-Bruder ruft bei der Immobilienagentur an, in der ich arbeite, und erklärt, dass ihr für die Drei-(und-mehr-)Zimmer-Wohnungen zuständiger Mann, ihr Supermakler, der im Jahr 2009 fünf Sterne eingeheimst hat, für einige Zeit ausfällt. Nach zwei Monaten krankheitsbedingter Abwesenheit schindet er zusätzlich noch einen unbezahlten Urlaub für mich heraus.

Oscar sitzt auf meinem Bett und füttert mich. Ich würde ihn gern samt seiner Gemüsesuppe zum Teufel jagen.

»Paul, du musst etwas essen. Du siehst schon richtig verwelkt aus. Und jetzt mach den Mund auf.«

Sanfte Worte, kalte Duschen, Tritte in den Hintern. Während meiner Zeit im Schlafanzug dosiert Oscar die Behandlung so, wie er es für richtig hält.

Er jongliert mit optimistisch aufgepeppten Ansprachen und durchwacht ganze Nächte an meinem Bett. Und ganz, ganz langsam, Schritt für Schritt und in monatelanger Kleinarbeit schafft er es, mich wieder einigermaßen hinzukriegen. Ich habe nichts als wirre Erinnerungen an diese Zeit. Ich bewege mich nicht, starre nur stundenlang die Decke an.

Einzig seinetwegen nehme ich irgendwann wieder Nahrung zu mir. In meinem Mund ist noch der Geschmack von Ava.

Viele tausend Male schreibe ich die Geschichte um. Meine Unaufrichtigkeit treibt mich so weit, Oscar zu erklären, dass meine Frau nicht schuld war. Ich befehle ihm, mir zu glauben. Manchmal flehe ich ihn auch an, je nach Laune und Tagesform.

Oscar besitzt einen Zweitschlüssel. Frühmorgens kreuzt er mit Croissants auf und legt Geld für die Putzfrau auf die Kommode. Er bezahlt meine Rechnungen und kümmert sich um den Papierkram.

Wenn er nicht zum Mittagessen kommen kann, haben wir einen Code vereinbart. Er ruft mich auf dem Festnetz an, lässt es dreimal klingeln und legt wieder auf. Dann wählt er erneut. Ich habe ihm versprochen, auf jeden Fall abzuheben, damit er sicher sein kann, dass in mir verschlafenem Murmeltier doch noch ein Fünkchen Leben steckt. Oscar wird nicht müde, mir seine Litanei vorzubeten:

»Das Leben ist stärker als jeder Verrat. Und das Leben ist auch viel größer als jeder Liebeskummer, mein lieber Paulo. Im Leben gibt es immer einen Platz für Typen wie dich.«

2015

Ein paar miesepetrige, grau melierte und dickbäuchige Geschäftsleute sitzen herum. Drei Paare wie aus dem Wachsfigurenkabinett feiern das, was man in einem Drei-Sterne-Restaurant zu feiern pflegt: das Ende der Lust, den Hochzeitstag. In der Mitte zieht ein nur mit Frauen besetzter Tisch die Aufmerksamkeit auf sich. Fünf langhaarige Amazonen balancieren auf Zwölf-Zentimeter-Absätzen und vergnügen sich damit, Lippenstiftspuren an den Rändern ihrer Champagnergläser zu hinterlassen. Sie lachen aus vollem Hals und wechseln zwischen lautem Geschwätz und geheimnisvoll geflüsterten Vertraulichkeiten. Die Mädels feiern die Scheidung einer der ihren. Man prostet Soundso zu. Soundso gibt sich Mühe, möglichst laut zu lachen. Soundso kippt den Schampus wie Limo, um ihren Schmerz zu verbergen. Ihre Freundinnen flehen den Himmel und irgendwelche Götter an, dass Soundso recht bald wieder in den bodenlosen Brunnen des Lebens zu zweit eintauchen möge, möglichst mit einem reichen und netten Kerl. Ich murmele vor mich hin:

»Wie wäre es mit dem Weihnachtsmann?«

Oscar sitzt starr wie ein Gehenkter vor seiner Blätterteigtarte mit Tomaten und erträgt mich. Seine eng geknotete Krawatte lässt eine Ader an seinem Hals hervortreten und betont seinen Adamsapfel. Gleichgültig gegenüber dem Reigen der Kellner und dem Kreischen der Mädels, bewahrt er seine Worte für Wichtigeres auf.

Bleischweres Schweigen macht sich zwischen uns breit. Nur mit einer schier übermenschlichen Anstrengung gelingt es mir, nicht von ihr zu sprechen. Ein wenig zerstreut bemühe ich mich halbherzig, ihn auszuquetschen. Vergebens. Oscar hat sich in den Kopf gesetzt, die Nase nicht aus seinem Teller zu erheben. In seinen schwarzen Augen brodeln Gefühle. Ein schlechtes Zeichen. Die Flasche Château Palmer 2006 leert sich zügig. Ava drängt sich zwischen Oscar und mich.

Im Spiegel erkenne ich die Folgen meiner Exzesse. Im Gegensatz zu meinem besten Freund ist das Leben wie ein Achtunddreißigtonner über mich hinweggebraust. Von Anfang an war klar, dass von uns beiden immer ich die Rechnung zu bezahlen haben würde – abgesehen vielleicht von Besuchen in teuren Restaurants.

Oscar sagt noch immer nichts.

»Bist du krank?«

»Ich heirate in einem Monat.«

»Dann stimmt meine Vermutung: Du bist wirklich krank.«

»Nein. Ich bin verliebt.«

»Du doch nicht, Oscar.«

»Doch.«

»Aber das ist doch kein Grund. Absolut kein Grund. Und warum erzählst du mir erst jetzt von deinen Absichten? Hättest du nicht schon früher mit mir darüber reden können?«

»Ich habe es versucht, Paul. Aber du warst nicht in der Verfassung, mir zuzuhören. Und außerdem ging es irgendwann ziemlich schnell.«

Ich verspüre das Bedürfnis, ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten, aber dann beglückwünsche ich ihn doch nur freundlich.

Meine Geste rührt Oscar sichtlich. Ich ahne, dass er meinen Segen erhofft, und ich schenke ihm die Genugtuung, sage »oh« und »toll« und ziehe ihn von seinem Stuhl, um drei Tanzschritte mit ihm zu vollführen. Das Restaurant hat sich geleert.

Wir bestellen Champagner. Innerlich möchte ich vor Scham weinen, weil ich nicht in der Lage bin, mich wirklich für ihn zu freuen. Vielleicht bin ich ein wenig neidisch. Er setzt das idiotische Grinsen auf, das wir alle irgendwann einmal gezeigt haben.

Mein bester Freund Oscar de Lacours ist sentimental, homosexuell und von Geburt an ein glücklicher Mensch. So etwas ist ein Geschenk der Natur.

1979

Ich trage einen Pilzkopf wie die Beatles zu einem Jacquard-Pulli mit rundem Halsausschnitt und schäme mich fast zu Tode. Mit puterrotem Gesicht gehe ich langsam unter den Platanen des Schulhofs auf und ab. Ich bin neu im Viertel und krankhaft schüchtern. Oscar ist der Big Boss der zweiten Grundschulklasse und der Erste, der mich anspricht. Wie ein kleiner König wird er von einem Schwarm Getreuer begleitet, von Richard, Alexandre und Mathieu, den alle nur »den Dicken« nennen. Sie alle kennen sich seit dem Kindergarten und sind ziemlich freche Jungs. Sie basteln Blasrohre und zielen auf die Waden der Mädchen, die Hosenröcke tragen und Gummitwist spielen. Sie beschmieren Wände mit Kreide, werfen mit Steinen nach Tauben und tauschen Panini-Bilder mit den Großen aus der dritten Klasse. Rocheteau, Tigana, Platini, Trésor, Giresse – Oscar besitzt die komplette Nationalmannschaft. In seinem grauen Schulranzen von Tann’s versteckt er Jean-Luc Ettori, den er dreifach hat. Oscar gibt mir Treets und bekommt von mir dafür Fruchtschnecken.

Eines Mittwochs lädt er mich zu sich nach Hause auf ein Glas Orangensaft ein. In der folgenden Woche ist sein Geburtstag. Er wird acht, und das muss natürlich gebührend gefeiert werden. In seinem Zimmer hat er einen riesigen Goldorak und im Keller einen Mini-Flipper. Als Captain Harlock verkleidet pusten wir gemeinsam die Kerzen auf seiner Geburtstagstorte aus. So etwas schafft natürlich Bindungen.

Oscar stürzt sich fröhlich ins Leben, ich hingegen bin zögerlicher. Er ist pfiffig und hält sich mit der Lässigkeit eines Popstars an der Spitze der Klasse. Ich stehe in allen Fächern in seinem Schatten, aber ich wäre bereit, ihm den Mond vom Himmel zu holen.

Weil das jedoch nicht geht, prügele ich mich für ihn. Ohne seine Bande ist Oscar mit seiner schmalen Gestalt, den schmächtigen Schultern, dem Hals eines Vögelchens und den spindeldürren Beinen auf dem Schulhof auf den ersten Blick als ein Fliegengewicht zu erkennen. Die Muskelprotze der Schule werden nicht müde, ihn heimlich als »kleine Schwuchtel« zu verhöhnen.

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