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Das Geheimnis meines Mannes

Liane Moriarty

DAS GEHEIMNIS
MEINES MANNES

Roman

Aus dem australischen Englisch
von Regina Schneider

BASTEI ENTERTAINMENT

Arme, arme Pandora. Zeus schickt sie aus, Epimetheus zu heiraten, einen nicht sonderlich klugen Mann, den sie nie zuvor gesehen hat. Und Zeus gibt ihr einen geheimnisvoll verschlossenen Krug mit auf den Weg. Niemand erklärt Pandora etwas zu diesem Krug. Und niemand trägt ihr auf, den Krug nicht zu öffnen. Und so öffnet sie ihn. Wieso auch nicht? Woher sollte sie wissen, dass die darin aufbewahrten Plagen entweichen und die Menschheit fortan quälen würden und dass einzig die Hoffnung im Krug verbleiben würde? Wieso war kein Warnschild angebracht? Oh, Pandora, wie konntest du nur? So das allseitige Jammern und das Klagen. Wo war deine Willensstärke? Man trug dir auf, die Büchse nicht zu öffnen, du naseweises Mädchen, du typisches Weib mit deiner unstillbaren Neugier. Nun sieh dir an, was du angerichtet hast!

Aber es war doch bloß ein Krug, keine Büchse, und außerdem, wie oft musste sie es noch sagen – niemand hatte ihr gesagt, diesen Krug nicht zu öffnen.

1

Montag

Und alles wegen der Berliner Mauer.

Wäre die nicht gewesen, hätte Cecilia den Brief nie gefunden, und sie hätte jetzt nicht hier am Küchentisch gesessen und sich zwingen müssen, ihn nicht gleich aufzureißen.

Der Umschlag war grau und mit einer feinen Staubschicht bedeckt. Auf der Vorderseite war er mit einem kratzigen, blauen Kugelschreiber beschrieben, in einer Handschrift, die ihr so vertraut war wie ihre eigene. Cecilia drehte den Briefumschlag um. Er war mit einem gelblich verfärbten Klebestreifen versiegelt. Wann er wohl geschrieben worden war? Er fühlte sich alt an, viele Jahre alt, aber es gab keine Möglichkeit, es genau herauszufinden.

Nein, sie würde ihn nicht öffnen. Cecilia war völlig klar, dass das keine gute Idee wäre. Sie war eine resolute Person, entschlusskräftig wie niemand sonst, den sie kannte, und sie hatte bereits entschieden, den Brief nicht zu öffnen. Wozu also noch weiter darüber nachdenken?

Und ganz ehrlich, auch wenn sie ihn öffnen würde – was käme schon groß dabei heraus? Jede andere Ehefrau würde ihn sofort aufreißen. In Gedanken ging sie alle ihre Bekannten durch und stellte sich vor, wie sie reagieren würden, wenn sie sie durchtelefonieren und nach ihrer Meinung fragen würde.

Miriam Openheimer: Na klar! Mach ihn auf!

Erica Edgecliff: Willst du mich veräppeln? Öffne ihn, los, mach schon!

Angela Bungonia: Natürlich sollst du ihn aufmachen. Und lies ihn mir am besten gleich vor!

Sarah Sacks: 

Nein, Sarah anzurufen wäre zwecklos, denn Sarah war entscheidungsunfähig. Wenn Cecilia sie fragte, ob sie Tee oder Kaffee wolle, legte sie erst einmal die Stirn in Falten, sinnierte eine geschlagene Minute lang darüber, was gegen das eine und für das andere spräche, bis sie endlich eine Antwort gab: »Kaffee! Nein, warte, Tee!« Nein, das konnte sie jetzt nicht brauchen, das würde sie wahnsinnig machen.

Mahalia Ramachandran: Auf gar keinen Fall darfst du den Brief aufmachen. Das wäre deinem Mann gegenüber völlig respektlos.

Mahalia, mit ihren riesengroßen braunen Augen und ihrem moralischen Blick, konnte hin und wieder etwas zu selbstsicher sein.

Cecilia ließ den Brief auf dem Küchentisch liegen und stand auf, um Wasser aufzusetzen.

Diese verdammte Berliner Mauer! Und dieser verdammte Kalte Krieg und dieser verdammte … wer auch immer es damals gewesen war, der neunzehnhundert-soundso-vierzig darüber gegrübelt hatte, wie man das Problem mit diesen undankbaren Deutschen am besten lösen könne, und der plötzlich auf die glorreiche Idee gekommen war: »Jawohl, ich hab’s! Wir bauen eine riesengroße, hässliche Mauer und halten die Scheißkerle umzäunt.«

Nun, dieser verdammte Kerl hatte dabei vermutlich nicht wie ein britischer Oberstabsfeldwebel geklungen.

Esther würde wissen, wer als Allererster die Idee mit der Berliner Mauer gehabt hatte. Und Esther könnte ihr wahrscheinlich auch sein Geburtsdatum sagen. Klar musste es ein ER gewesen sein. Nur ein Mann könnte sich etwas so Rabiates einfallen lassen, etwas, das so saudumm und doch so äußerst effektiv war.

War das sexistisch gedacht?

Cecilia füllte den Wasserkocher auf, stellte ihn an und wischte mit etwas Küchenkrepp die Wassertropfen aus dem Spülbecken, bis es glänzte.

Vergangene Woche in der Schule, kurz bevor die Versammlung des Festtagskomitees begonnen hatte, hatte ihr eine der Mütter, deren drei Söhne in etwa so alt waren wie Cecilias drei Töchter, vorgeworfen, dass manche ihrer Bemerkungen »ein klitzekleines bisschen sexistisch« seien. Dabei konnte Cecilia sich gar nicht mehr erinnern, was genau sie gesagt hatte, aber sie hatte ohnehin nur gescherzt. Egal. Wieso sollten Frauen nicht sexistisch sein dürfen, jedenfalls die nächsten zweitausend Jahre oder so, bis die Verhältnisse wieder ausgeglichen waren?

Ja, konnte schon sein, dass sie sexistisch war.

Das Wasser kochte. Sie goss sich einen Earl Grey auf, zog den Teebeutel im Wasser hin und her und sah zu, wie sich schwarze, spiralige Linien darin ausbreiteten. Es gab Schlimmeres, als sexistisch zu sein. Zum Beispiel, zu der Art von Leuten zu gehören, die zwei Finger aneinanderdrücken, wenn sie »ein klitzekleines bisschen« sagen.

Cecilia schaute in ihren Tee und seufzte. Ein Glas Wein wäre jetzt schön, aber weil Fastenzeit war, verzichtete sie auf Alkohol. Sie hatte noch eine teure Flasche Wein da, einen Sirah, den sie für Ostersonntag besorgt hatte, wenn fünfunddreißig Erwachsene und dreiundzwanzig Kinder zum Mittagessen kommen würden und sie einen guten Schluck würde brauchen können. Dabei war sie als Gastgeberin ein alter Hase. Sie richtete Ostern aus, Muttertag, Vatertag und Weihnachten. John-Paul, ihr Mann, hatte fünf jüngere Brüder, alle verheiratet, und alle hatten sie Kinder. Da kam eine ganz schöne Horde zusammen. Planung war da das A und O. Eine minutiöse Planung.

Sie nahm ihren Tee mit zum Tisch. Wie hatte sie bloß beschließen können, auf Wein zu verzichten, nur weil Fastenzeit war? Polly hatte es da gescheiter angestellt. Sie verzichtete auf Erdbeermarmelade. Cecilia hatte nie erlebt, dass Polly ein gesteigertes Interesse an Erdbeermarmelade gehabt hätte, obwohl sie seither natürlich vor dem Kühlschrank stand und sehnsüchtig danach schielte. Die Macht der Entsagung.

»Esther!«, rief sie laut.

Esther saß im Zimmer nebenan und schaute zusammen mit ihren Schwestern bei einer Tüte Chips mit Salz- und Essiggeschmack, die von der Grillparty zum »Australischen Tag« noch übrig war, eine Staffel von The Biggest Loser – Abspecken im Doppelpack. Warum ihre drei gertenschlanken Töchter es liebten, übergewichtigen Leuten beim Schwitzen, Heulen und Hungern zuzusehen, war ihr schleierhaft. Gesündere Essgewohnheiten jedenfalls schienen sie dabei nicht zu lernen. Eigentlich sollte sie hinübergehen und die Chipstüte konfiszieren, aber alle drei hatten den Lachs mit gedämpftem Brokkoli, den es zum Abendessen gegeben hatte, klaglos aufgegessen, und Cecilia hatte jetzt nicht den Nerv, sich mit ihnen zu streiten.

Aus dem Fernseher hörte sie eine Stimme dröhnen: »Es gibt nichts umsonst!«

Wohl wahr, das konnten ihre Töchter ruhig hören. Und niemand wusste das besser als Cecilia! Trotzdem, sie sah es nicht gern, wenn ein Hauch von Abscheu über die glatten, jungen Gesichter ihrer Töchter huschte. Sie achtete stets sehr darauf, vor den Mädchen keine negativen Kommentare über Figur und Körper zu machen, was man von ihren Freundinnen nicht gerade sagen konnte. Neulich erst hatte Miriam Openheimer bemerkt, und zwar so laut, dass es ihre drei leicht beeinflussbaren Töchter hören konnten: »Mein Gott, seht euch mal meine Wampe an!« Dabei drückte sie ihr Fleisch um den Bauch mit den Fingerspitzen zusammen, als wäre es richtig ekelhaft. Ganz große Klasse, Miriam, als würde unseren Töchtern nicht sowieso schon in einer Unzahl von Botschaften tagtäglich vermittelt, ihren Körper zu hassen!

Zugegeben, Miriams Bauch wurde langsam runder und speckiger.

»Esther!«, rief sie noch einmal.

»Was ist denn?«, fragte diese laut zurück. Ihre Stimme klang gelassen, leicht aufgesetzt, eine unbewusste Nachahmung ihrer eigenen, wie Cecilia vermutete.

»Wessen Idee war es, die Berliner Mauer zu bauen?«

»Die von Nikita Chruschtschow, da ist man sich ziemlich sicher!«, antwortete Esther prompt und sprach den exotisch klingenden Namen genüsslich aus, legte ihren ganz eigenen russischen Akzent hinein. »Er war so was wie der Premierminister von Russland oder der ranghöchste Premier. Könnte aber auch sein, dass …«

Sogleich platzten ihre Schwestern, manierlich wie sie waren, dazwischen:

»Halt doch mal die Klappe, Esther!«

»Esther! Ich kann den Fernseher nicht hören.«

»Danke schön, mein Schatz!« Cecilia nippte an ihrem Tee und begab sich auf eine gedankliche Zeitreise in die Vergangenheit, um diesen Chruschtschow in seine Schranken zu weisen.

Nein, Herr Chruschtschow, Sie dürfen keine Mauer bauen. Sie wird nicht beweisen, dass der Kommunismus funktioniert. Sie bringt überhaupt gar nichts. Sehen Sie mal, ich gebe ja zu, dass der Kapitalismus auch nicht das Gelbe vom Ei ist! Ich kann Ihnen gern meine letzte Kreditkartenabrechnung zeigen. Aber Sie müssen wirklich noch einmal in sich gehen und scharf nachdenken.

So hätte sie ein halbes Jahrhundert später nicht diesen Brief gefunden, der sie so … so … tja, wie sagt man noch gleich?

 unkonzentriert machte. Jawohl, das war es.

Sie war lieber konzentriert. Sie mochte diese Fähigkeit und war stolz, sie zu besitzen. Ihr Alltag bestand aus allerlei winzigen Kleinigkeiten – »Koriander kaufen«, »Isabel Haare schneiden«, »Wer sieht Polly am Dienstag beim Ballett zu, während ich Esther zur Sprachtherapie bringe?«. Er war wie ein riesengroßes Puzzle, eins mit Tausenden von Teilen, mit denen Isabel sich stundenlang beschäftigen konnte. Aber auch wenn Cecilia keine Geduld für solche Puzzlespiele hatte, wusste sie stets ganz genau, wo jedes einzelne Teilchen in ihrem Alltagsleben hingehörte und welches wo als Nächstes dran war.

Gut, vielleicht war das Leben, das Cecilia führte, einigermaßen gewöhnlich und unspektakulär. Sie war im Elternbeirat der Schule und Tupperware-Beraterin in Teilzeit, also keine Schauspielerin, keine Versicherungsfachfrau oder … gar eine Dichterin in Vermont. (Cecilia hatte unlängst erfahren, dass Liz Brogan, eine Klassenkameradin aus der Highschool, nun als preisgekrönte Dichterin in Vermont lebte. Ausgerechnet Liz, die Käse-Marmeladen-Brötchen aß und ständig ihre Busfahrkarte verlor. Cecilia musste sich schwer am Riemen reißen, um das nicht überaus ärgerlich zu finden. Nicht, dass sie selbst auch Gedichte schreiben wollte. Aber trotzdem. Man hätte meinen wollen, wenn überhaupt jemand einmal ein gewöhnliches Leben führen würde, dann Liz Brogan.) Gewiss, Cecilia hatte nie nach irgendetwas anderem gestrebt als nach dem Gewöhnlichen. Das also ist aus mir geworden: eine typische Vorstadt-Mutti. Sie ertappte sich selbst manchmal bei diesem resignierten Gedanken – als hätte sie jemals etwas anderes sein wollen, etwas Besseres.

Andere Mütter sprachen davon, wie schwer sie sich oft taten, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren. »Wie schaffst du das alles bloß, Cecilia?«, fragten sie ständig. Doch das wusste Cecilia auch nicht. Und eigentlich wusste sie auch gar nicht, was daran so schwer sein sollte.

Aber nun, mit diesem dämlichen Brief, schien alles irgendwie aus dem Lot geraten zu sein. Mit Logik war dieses Gefühl nicht zu erklären.

Doch vielleicht hatte es mit dem Brief gar nichts zu tun. Vielleicht lag es an den Hormonen. Laut ihrem Arzt, Dr. McArthur, war sie »möglicherweise in der Perimenopause«. (»Oh, nein, bin ich nicht!«, war Cecilias spontane Reaktion gewesen, als hätte man sie beleidigt.)

Vielleicht war es eine Art unbestimmtes Angstgefühl, das, wie sie wusste, manche Frauen erlebten. Die anderen. Angstvolle Menschen hatte sie schon immer putzig gefunden. So wie Sarah Sacks; sie war so ein kleiner Angsthase, so einer, dem man am liebsten die ganze Zeit über den angstgeplagten Kopf streicheln würde.

Vielleicht sollte sie den Brief einfach öffnen, um zu sehen, dass es nichts weiter damit auf sich hatte. Dann würde sie auch den Kopf wieder frei bekommen. Sie hatte schließlich jede Menge zu tun. Zwei Körbe voll mit Wäsche, die zusammengelegt werden wollte. Drei Telefonate, die dringend erledigt werden mussten. Und dann waren bis morgen noch glutenfreie Teilchen zu backen für diejenigen Mitglieder der Projektgruppe »Schul-Webseite«, die unter einer Glutenintoleranz litten (wie etwa Janine Davidson).

Es gab jede Menge andere Dinge außer diesem Brief, die sie bange machen konnten.

Sex zum Beispiel. Diese Sache spukte ihr immer irgendwo im Hinterkopf herum.

Sie zog die Stirn in Falten und strich mit den Händen über ihre Taille. Über ihre »schrägen Muskeln«, wie ihr Pilates-Lehrer sagte. Aber, was soll’s – Sex war nichts. Nach Sex stand ihr jetzt wirklich nicht der Sinn. Sie sträubte sich gar, überhaupt einen Gedanken daran zuzulassen. Völlig unerheblich.

Vielleicht stimmte es ja, dass sie seit jenem Morgen im vergangenen Jahr ein unterschwelliges Gefühl der Unsicherheit verspürte, die bewusste Einsicht, dass es im Nu vorbei sein konnte mit dem Leben zwischen Gewürzkoriander und Wäsche, mit dem ganz gewöhnlichen Alltag, dass man plötzlich eine Frau sein kann, die niederkniet, die die Augen gen Himmel dreht, während ein paar andere Frauen zu Hilfe eilen und andere sich abwenden mit stummen Blicken, aus denen dennoch Worte sprachen: »Bloß nicht an sich ranlassen!«

Cecilia sah dieses Bild zum x-ten Mal vor ihrem geistigen Auge: den fliegenden, kleinen Spiderman. Und sie war eine der Frauen, die zu Hilfe geeilt waren. Klar, was sonst? Sie hatte die Autotür aufgerissen, obgleich sie gewusst hatte, dass sie nichts ausrichten konnte. Sie war hier nicht in ihrem Viertel, nicht in ihrer Pfarrgemeinde, nicht in ihrem Schulbezirk. Keines ihrer Kinder hatte je mit dem kleinen Spiderman gespielt. Und mit der Frau auf Knien hatte sie nichts zu tun, hatte sie nie zum Kaffeekränzchen getroffen. Cecilia hatte nur zufällig in ihrem Wagen an der Ampel auf der anderen Seite der Kreuzung gestanden, als es passierte. Ein kleiner Junge, so um die fünf Jahre alt, in einem Spiderman-Kostüm, stand wartend an der Hand seiner Mutter am Straßenrand. Es war Bücherwoche. Deshalb war der Kleine verkleidet. Cecilia beobachtete ihn, dachte vor sich hin – Hmm, Spiderman ist doch gar keine Figur aus einem Buch –, als der Kleine sich plötzlich ohne ersichtlichen Grund von der Hand seiner Mutter losriss, über die Bordsteinkante hüpfte und auf die Fahrbahn lief, mitten hinein in den Verkehr. Cecilia schrie. Und haute instinktiv, wie sie sich später erinnerte, mit der Faust auf die Hupe.

Wenn sie nur zehn Minuten später losgefahren wäre – oder nur fünf Minuten –, hätte sie von alldem nichts mitbekommen. Der Tod des kleinen Jungen hätte sich für sie in nichts weiter bemerkbar gemacht als in einer kleinen Verkehrsumleitung. Jetzt aber war er eine Erinnerung, eine, derentwegen ihre Enkel später wohl einmal sagen würden: »Halt doch meine Hand nicht so fest, Grandma!«

Zwischen dem kleinen Spiderman und dem Brief gab es ganz offenkundig keine Verbindung.

Aber das Bild drängte sich zu allen (un)möglichen Zeiten in ihr Bewusstsein.

Mit der Fingerspitze schnippte Cecilia den Brief über den Tisch und griff nach dem Buch, das Esther aus der Bibliothek geholt hatte: Die Berliner Mauer.

Die Berliner Mauer also. Na prima!

Dass die Berliner Mauer fortan eine bedeutende Rolle in ihrem Leben spielen würde, war ihr heute Morgen beim Frühstück zum ersten Mal klar geworden.

Sie hatte allein mit Esther am Küchentisch gesessen. John-Paul war verreist, bis Samstag in Chicago, und Isabel und Polly lagen noch in den Federn.

Normalerweise setzte sich Cecilia morgens nicht in Ruhe hin. Sie nahm ihr Frühstück für gewöhnlich im Stehen am Küchentresen ein, während sie Pausenbrote zurechtmachte, die Tupperware-Bestellungen auf ihrem iPad durchging, die Spülmaschine ausräumte, ihren Kunden eine SMS mit dem Termin für die nächste Tupper-Party schickte oder sonst irgendetwas erledigte. Es kam jedenfalls höchst selten vor, dass sie Zeit allein mit ihrer ungewöhnlichen, herzallerliebsten mittleren Tochter verbrachte. Und so saß sie bei einer Schale Bircher-Müsli, derweil Esther eine Schale Reisflocken futterte, und wartete ab.

Das hatte sie von ihren Töchtern gelernt. Keinen Ton sagen. Keine Fragen stellen. Ihnen einfach Zeit lassen. Dann fangen sie von ganz allein an, von all den Dingen, die sie gerade so beschäftigten, zu erzählen. Es war ähnlich still wie beim Angeln. Man brauchte Ruhe und Geduld. (Hatte sie zumindest gehört. Cecilia würde nämlich alles andere lieber tun als angeln.)

Die Stille war Cecilias Sache nicht unbedingt. Sie redete gern. »Mal im Ernst, hältst du auch irgendwann mal deine Klappe?«, hatte ein Exfreund sie einmal gefragt. Wenn sie nervös war, redete sie viel. Jener Exfreund musste sie also sehr nervös gemacht haben. Aber sie redete auch viel, wenn sie glücklich war.

An diesem Morgen jedoch hatte sie nicht geredet. Sie aß nur und wartete ab, bis Esther, und da war sie sich sicher, irgendwann zu reden beginnen würde.

»Mum«, sagte sie schließlich mit ihrer heiseren, akkuraten Stimme und dem für sie typischen leichten Lispeln. »Wusstest du, dass einige Menschen in einem Heißluftballon, den sie selbst gebastelt hatten, über die Berliner Mauer geflohen sind?«

»Nein, wusste ich nicht«, sagte Cecilia, obwohl sie es vielleicht doch wusste.

Adieu, Titanic – hallo, Berliner Mauer, dachte sie bei sich.

Es wäre ihr lieber gewesen, Esther hätte ihr etwas über ihre augenblickliche Gefühlslage erzählt, über ihre Schulsorgen etwa, ihre Freunde, oder sie irgendetwas zum Thema Sex gefragt – aber nein, sie wollte offenbar über die Berliner Mauer reden.

Seit Esther drei Jahre alt war, hatte sie ein Interesse für bestimmte Themen entwickelt, oder, genauer gesagt, sie war wie besessen davon. Zuerst waren es die Dinosaurier. Sicher, viele Kinder interessieren sich für Dinosaurier, doch Esthers Interesse war, nun ja, es war anstrengend … und offen gestanden auch ein wenig eigenartig. Nichts anderes interessierte sie. Sie malte Dinosaurier, spielte mit Dinosauriern, verkleidete sich als Dinosaurier. »Ich bin nicht Esther«, sagte sie. »Ich bin T-Rex.« Jede Gutenachtgeschichte musste von Dinosauriern handeln. Jede Unterhaltung musste sich irgendwie um Dinosaurier drehen. Zum Glück übernahm das John-Paul, denn Cecilia war nach fünf Minuten schon gelangweilt. (Sie waren ausgestorben! Was gab es da noch zu reden?!) John-Paul unternahm mit Esther Ausflüge in spezielle Museen. Er brachte ihr Bücher mit und unterhielt sich stundenlang mit ihr über Herbivoren und Canivoren.

Esthers »Interessen« reichten von Achterbahnen bis Riesenkröten. Zuletzt war es die Titanic gewesen. Inzwischen war sie zehn und alt genug, ihre eigenen Recherchen in der Bibliothek oder im Internet anzustellen. Und Cecilia war erstaunt über die Infos, die sie so zusammentrug. Welches zehnjährige Kind lag abends im Bett und las historische Bücher, die so groß und klobig waren, dass es sie kaum in den kleinen Händen halten konnte?

»Fördern Sie das!«, sagte ihr Klassenlehrer, aber Cecilia sorgte sich manchmal eher. Es schien ihr, als sei Esther möglicherweise ein klein wenig autistisch; zumindest ging ihr Verhalten in diese Richtung. Doch als sie ihre Bedenken ihrer Mutter gegenüber geäußert hatte, hatte die nur darüber gelacht. »Esther ist genau wie du früher!«, meinte sie nur. Aber das stimmte nicht.

»Weißt du, was? Ich habe ein Stück von der Berliner Mauer hier«, sagte Cecilia an diesem Morgen zu Esther. Diese Tatsache fiel ihr plötzlich wieder ein, und es war eine Wonne zu sehen, wie Esthers Augen vor Neugier zu leuchten begannen. »Ich war in Deutschland, als die Mauer fiel.«

»Kann ich es sehen?«, fragte Esther.

»Du kannst es haben, mein Liebling.«

Schmuck und Kleider für Isabel und Polly. Ein Stück Berliner Mauer für Esther.

Cecilia, damals dreiundzwanzig, war 1989 mit ihrer Freundin Sarah Sacks auf einer sechswöchigen Reise durch Europa, nur zwei Monate, nachdem man den Abriss der Berliner Mauer verkündet hatte. (Sarahs berühmte Unschlüssigkeit gepaart mit Cecilias berühmter Entscheidungsfreude machten die beiden zu perfekten Reisegefährten. Sie kriegten sich nie in die Haare.)

Als sie in Berlin eintrafen, sahen sie jede Menge Touristen entlang der Mauer, die versuchten, mit Schlüsseln, Steinen oder allem, was sich sonst so finden ließ, kleine Stücke als Souvenirs herauszuhauen. Die Mauer sah aus wie der riesige Kadaver eines Drachens, der einst die Stadt terrorisiert hatte, und die Touristen waren wie Krähen, die seine Überreste aushackten.

Ohne geeignetes Werkzeug war kaum ein ordentliches Stück herauszuschlagen, und so beschlossen Cecilia und Sarah (sprich Cecilia), sich jeweils ein Stück bei einem der geschäftstüchtigen Berliner zu kaufen, die kleine Teppiche ausgelegt hatten und eine bunte Palette von allerlei Waren feilboten. Hier hatte der Kapitalismus wirklich den Sieg davongetragen. Man konnte alles bekommen – von grauen Steinschnipseln, nicht größer als eine Murmel, bis hin zu riesigen Brocken, bunt besprüht mit Graffiti.

Cecilia wusste nicht mehr, was sie bezahlt hatte für diesen winzigen gräulichen Stein, der genauso gut aus irgendeinem Vorgarten hätte stammen können. »Ja, daher kommt er wahrscheinlich auch«, sagte Sarah, als sie mit dem Nachtzug Berlin verließen. Und sie lachten über ihre eigene Gutgläubigkeit. Aber zumindest fühlten sie sich, als seien sie Teil der Geschichte geworden. Cecilia hatte ihren Stein in eine Tüte gesteckt und darauf geschrieben: MEIN BERLINER MAUERSTEIN! Und als sie wieder daheim in Australien war, hatte sie den Stein mit allen anderen Souvenirs dieser Reise (Glasuntersetzer, Zugfahrkarten, Speisekarten, ausländische Münzen, Hotelschlüssel) in eine Papiertüte gesteckt.

Jetzt wünschte Cecilia, sie hätte sich intensiver mit der Mauer beschäftigt, mehr Fotos gemacht, mehr kleine Geschichten gesammelt, die sie Esther nun hätte erzählen können. Stattdessen verband sie mit dieser Berlinreise vor allem einen hübschen, braunhaarigen jungen Deutschen, mit dem sie in einem Nachtclub herumgeknutscht hatte. Er hatte die Eiswürfel aus seinem Glas geangelt und sie über ihr Dekolleté gleiten lassen, was sie damals extrem betörend gefunden hatte. Im Nachhinein kam es ihr aber ziemlich unhygienisch und klebrig vor.

Wieso war sie damals keine neugierige, politisch interessierte Person gewesen, eine von denen, die die Bewohner von Berlin in ein Gespräch verwickelten und sie fragten, wie es denn all die Jahre so gewesen war, im Schatten dieser Mauer zu leben? Und jetzt hatte sie für ihre Tochter keine andere Geschichte parat als die von Eiswürfeln und heißen Küssen. Klar, Isabel und Polly würden diese Geschichte liebend gern hören. Obwohl, Polly war in einem Alter (und vielleicht auch Isabel), in dem ihr wohl eher grauste bei dem Gedanken, dass ihre Mutter überhaupt irgendwen küsste.

Cecilia fügte ihrer To-do-Liste, die bereits fünfundzwanzig Punkte für diesen Tag enthielt und die sie auf ihrem iPhone mit einer App verwaltete, einen weiteren Punkt hinzu: Berliner Mauerstein für E raussuchen. Gegen zwei Uhr mittags kam sie dazu; sie stieg auf den Speicher, um danach zu suchen.

Speicher war wahrscheinlich zu viel gesagt für die kleine Lagerfläche unter dem Dach. Um hinaufzusteigen, musste man erst eine Klapptreppe herunterziehen, die in der Decke eingelassen war.

Und war man dann oben, musste man die Knie gebeugt halten, damit man nicht mit dem Kopf gegen die Decke stieß. John-Paul weigerte sich schlichtweg, auf den Speicher zu steigen. Er litt an fürchterlicher Klaustrophobie und nahm lieber jeden Tag die Treppe bis in den sechsten Stock zu seinem Büro, nur um nicht den Fahrstuhl benutzen zu müssen. Der Arme hatte regelmäßig Albträume, in denen er sich in einem Raum gefangen sah, während sich die Wände immer enger um ihn zusammenzogen. »Die Wände!«, schrie er dann und fuhr schweißgebadet und mit weit aufgerissenen Augen auf. »Warst du als Kind vielleicht mal im Wandschrank eingesperrt?«, hatte Cecilia ihn einmal gefragt (das traute sie seiner Mutter glatt zu), doch er hatte verneint. »Nein, John-Paul hat als Junge nie Albträume gehabt«, hatte ihre Schwiegermutter ihr versichert, als Cecilia sie einmal danach fragte. »Er war ein süßer, kleiner Langschläfer. Vielleicht kochst du ihm spät abends viel zu fett?« Inzwischen war Cecilia an diese Albträume gewöhnt.

Der Speicher war klein und vollgestopft, aber ordentlich und gut organisiert. Was sonst? Organisiert schien über die letzten Jahre ihre bestimmende Eigenschaft geworden zu sein – als wäre sie ein kleiner Star, dem dafür eigentlich Ruhm und Ehre gebühren müsste. Es war schon lustig, wie ihre Familie und Freunde sie damit aufgezogen und gefrotzelt hatten, als sie diese Eigenschaft immer stärker kultivierte und dauerhaft beibehielt, sodass ihr Leben heute außergewöhnlich gut organisiert war – als wäre die Mutterrolle ein Sport und sie eine Topathletin. Es war, als würde sie in einem fort denken: Wie weit kann ich den Bogen spannen? Was kann ich noch alles in mein Leben packen, ohne die Kontrolle darüber zu verlieren?

Und genau deshalb stapelten sich auf Cecilias Speicher die fein säuberlich etikettierten Plastikbehälter bis unters Dach, während andere Leute, wie zum Beispiel ihre Schwester, ganze Abstellräume voller unsortiertem, verstaubtem Gerümpel hatten. Das Einzige, was nicht ganz »Cecilia-like« war, waren die Schuhkartons, die sich in der Ecke türmten. Sie gehörten John-Paul. Er hob sämtliche Belege eines Steuerjahres darin auf, ein Schuhkarton für ein Steuerjahr. Das machte er seit Jahren so, schon bevor er Cecilia kennengelernt hatte. Er war stolz auf seine Schuhkartons, und sie schaffte es, sich am Riemen zu reißen, um ihm nicht ständig vorzuhalten, dass sich die Stellfläche mit einem Ablageschrank sehr viel effizienter nutzen ließe.

Dank ihrer etikettierten Plastikbehälter fand sie den Berliner Mauerstein ziemlich schnell. Sie zog den Deckel mit der Beschriftung Cecilia: Reise-Souvenirs. 1985–1990 ab. Und da lag er, wie eh und je, in seiner verblassten braunen Papiertüte. Ihr kleines Stück Geschichte. Sie nahm den (Beton?-)Stein heraus und hielt ihn in der flachen Hand. Er war noch kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Er sah nicht besonders beeindruckend aus, aber er erfüllte hoffentlich seinen Zweck, um Esther ein leichtes und so seltenes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Man musste sich schon echt anstrengen, um ein Lächeln von ihr zu bekommen.

Dann ließ Cecilia ihre Gedanken schweifen (gut, sie kriegte viel geschafft jeden Tag, aber sie war keine Maschine, sie vertändelte auch gern mal ein bisschen die Zeit), kramte in der Tüte und lachte, als sie das Foto sah, das sie, den jungen Deutschen und die Eiswürfel zeigte. Er war, genau wie das Stück Mauerstein, nicht ganz so beeindruckend, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Das Telefon klingelte und riss sie aus der Vergangenheit. Sie stand viel zu schnell auf und schlug mit dem Kopf gegen die Decke. Mann, dieses blöde Gemäuer! Sie fluchte, taumelte nach hinten und stieß mit dem Ellbogen gegen John-Pauls Schuhkarton-Turm.

Von mindestens dreien sprang der Deckel ab, der Inhalt verselbstständigte sich und löste eine wahre Zettel-Lawine aus. Genau deshalb waren diese Schuhkartons alles andere als eine gute Idee!

Cecilia fluchte erneut und rieb sich den Kopf. Es tat richtig weh. Sie sah sich die Schuhkartons genauer an und stellte fest, dass sie alle mit den Steuerjahren der 1980er datiert waren. Cecilia begann, die vielen Quittungen zurück in einen der Kartons zu stopfen, als ihr plötzlich ihr eigener Name auf einem weißen Geschäftskuvert ins Auge fiel.

Sie nahm es hoch und erkannte John-Pauls Handschrift:

Für meine Gattin Cecilia Fitzpatrick

Nur im Falle meines Todes zu öffnen

Cecilia lachte laut und verstummte dann jäh – so, wie wenn man auf einer Party über etwas lacht und dann im nächsten Moment merkt, dass es gar kein Witz war, sondern todernst gemeint.

Sie las noch einmal: Für meine Gattin Cecilia Fitzpatrick. Und merkwürdigerweise spürte sie, nur ganz kurz, wie ihre Wangen zu glühen begannen, als wäre sie peinlich berührt. Seinetwegen? Oder ihretwegen? Sie war sich nicht sicher. Es war ein Gefühl, als wäre sie zufällig auf irgendetwas Blamables gestoßen, als hätte sie ihn beim Onanieren in der Dusche ertappt. (So wie Miriam Openheimer, die ihren Dough einmal genau dabei erwischt hatte. Es war Miriam so dermaßen peinlich, dass nun alle davon wussten, denn als sie irgendwann ihr zweites Glas Champagner intus gehabt hatte, waren die kleinen Geheimnisse nur so aus ihr herausgesprudelt; und wenn man einmal davon wusste, war es unmöglich, es wieder vergessen zu machen.)

Was stand drin? Sie überlegte, das Kuvert kurzerhand aufzureißen, ohne groß nachzudenken, so wie sie sich manchmal (nicht sehr oft) den letzten Keks oder das letzte Schokoladenstückchen in den Mund stopfte, bevor sich ihr schlechtes Gewissen überhaupt melden konnte.

Da klingelte wieder das Telefon. Cecilia hatte ihre Armbanduhr nicht um und schien plötzlich jedes Zeitgefühl verloren zu haben.

Sie warf die restlichen Zettel zurück in einen der Schuhkartons, nahm Mauerstein und Brief und stieg wieder hinunter.

Kaum unten angekommen, wurde sie vom schnellen Strom ihres Lebens erfasst und fortgerissen. Eine große Tupperware-Bestellung musste ausgeliefert werden, die Mädchen mussten von der Schule abgeholt werden, der Fisch für das Abendessen musste eingekauft werden (wenn John-Paul beruflich unterwegs und nicht zu Hause war, aßen sie viel Fisch, denn er mochte keinen), und sie musste alle möglichen Leute zurückrufen. Der Gemeindepfarrer, Pater Joe, hatte angerufen, um sie daran zu erinnern, dass Schwester Ursulas Beerdigung für den folgenden Tag anberaumt war. Er hatte wohl Sorge, dass nicht genug Trauergäste kommen könnten. Cecilia würde natürlich hingehen. Sie legte John-Pauls geheimnisvollen Brief oben auf den Kühlschrank und gab Esther kurz vor dem Abendessen das Stückchen der Berliner Mauer.

»Danke.« Esther nahm den kleinen Stein mit rührender Ehrfurcht entgegen. »Aus welchem Teil der Mauer stammt er denn genau?«

»Aus der Nähe von Checkpoint Charlie, glaube ich«, antwortete Cecilia und klang ziemlich überzeugt. Sie hatte keine Ahnung.

Aber ich kann dir sagen, dass der Junge mit den Eiswürfeln ein rotes T-Shirt und weiße Jeans anhatte und dass er meinen Pferdeschwanz hochhielt und ihn »sehr hübsch« fand.

»Ist er viel wert?«, fragte Polly.

»Glaube ich nicht«, mischte sich Isabel ein. »Woher will man denn wissen, dass er tatsächlich aus der Mauer stammt? Sieht doch aus wie ein gewöhnlicher Stein.«

»DMA-Tests«, sagte Polly. Das Kind sah eindeutig zu viel fern.

»Es heißt DNA, nicht DMA, und findet sich beim Menschen«, erklärte Esther.

»Weiß ich ja!« Polly war auf die Welt gekommen, empört darüber, dass ihre Schwestern schon vor ihr da waren.

»Ja, warum sagst du dann …«

»Was glaubt ihr, wer heute Abend The Biggest Loser gestrichen bekommt?«, fragte Cecilia und dachte im Stillen: Wer auch immer mein irdisches Tun beobachten mag, jawohl, ich wechsele das Thema von einem faszinierenden und lehrreichen Stück Zeitgeschichte zu einer billigen und absolut gehaltlosen TV-Show, doch Hauptsache, alles bleibt friedlich, und sie tanzen mir nicht auf der Nase herum. Wäre John-Paul da gewesen, hätte sie das Thema wahrscheinlich nicht gewechselt. Sie war eine weitaus bessere Mutter, wenn sie schalten und walten konnte, wie sie es für richtig hielt.

Und so ging das Abendessen dahin, während die Mädchen munter plauderten und Cecilia tat, als hörte sie interessiert zu, in Wirklichkeit aber die ganze Zeit an den Brief auf dem Kühlschrank denken musste. Als der Tisch dann abgeräumt war und die Mädchen vor dem Fernseher saßen, nahm sie den Umschlag und starrte ihn an.

Sie stellte ihre Teetasse ab, hob ihn gegen das Licht und lachte leise in sich hinein. Es sah aus wie ein handgeschriebener Brief auf liniertem Papier. Doch entziffern konnte sie nichts.

Hatte John-Paul vielleicht im Fernsehen gesehen, wie Soldaten in Afghanistan Briefe an ihre Familien schrieben, die ihnen im Falle ihres Todes ausgehändigt werden sollten, wie Botschaften aus dem Grab, und fand es gar keine schlechte Idee, etwas Ähnliches zu machen?

Es passte nur so gar nicht zu John-Paul. Es war so sentimental.

Aber auch schön. Er wollte, wenn er mal starb, dass sie wussten, wie sehr er sie liebte.

Im Falle meines Todes  Wieso dachte er über den Tod nach? War er krank? Aber diesen Brief hatte er offenbar vor langer Zeit geschrieben, als er quicklebendig gewesen war. Außerdem hatte er gerade vor ein paar Wochen eine Vorsorgeuntersuchung machen lassen, und Dr. Kluger hatte ihm gesagt, er sei »fit wie ein Hengst.« Daraufhin spielte John-Paul tagelang mit Polly Pferd, warf den Kopf zurück und wieherte, während sie auf seinem Rücken ritt und ein Geschirrtuch wie eine Peitsche im Kreis vor sich her schwang.

Cecilia lächelte bei dem Gedanken daran, und ihre Besorgnis verflog. John-Paul hatte vor Jahren etwas für ihn untypisch Sentimentales getan und ihr diesen Brief geschrieben. Das war nichts, worüber sie sich aufregen müsste. Und schon gar nicht sollte sie den Umschlag nun aus purer Neugierde öffnen.

Sie sah auf die Uhr. Kurz vor acht. Er würde gleich anrufen. Wenn er verreist war, rief er immer abends um diese Zeit an. Den Brief würde sie gar nicht erst erwähnen. Es würde ihn verlegen machen, zumal es kein passendes Gesprächsthema am Telefon war.

Eins jedoch bekam sie nicht aus dem Kopf: Wie hätte sie den Brief eigentlich finden sollen, im tatsächlichen Falle seines Todes? Vielleicht hätte sie ihn nie gefunden! Warum hatte er ihn nicht bei ihrem Notar hinterlegt, bei Doug Openheimer, Miriams Mann? Es fiel ihr wirklich schwer, sich ihn nicht beim Onanieren unter der Dusche vorzustellen, wenn sie an ihn dachte … Was natürlich nichts über seine Fähigkeiten als Jurist aussagte, aber über Miriams Fähigkeiten im Schlafzimmer möglicherweise sehr wohl. (Cecilias Beziehung zu Miriam war ein wenig durch Konkurrenzdenken belastet.)

Gewiss, unter den gegebenen Umständen war jetzt wohl nicht die richtige Zeit, sich beim Thema Sex in eitler Selbstgefälligkeit zu erheben. Lass es! Hör auf, an Sex zu denken!

Egal, es war jedenfalls dumm von John-Paul, den Brief nicht an Doug gegeben zu haben. Wenn John-Paul gestorben wäre, hätte sie in einem Anflug von Entrümpelungswahn wohl alle Schuhkartons weggeschmissen, ohne sie noch einmal durchzusehen. Wenn er gewollt hätte, dass sie den Brief fand, dann war es reichlich dämlich von ihm, ihn wahllos in irgendeinen dieser Schuhkartons zu stopfen.

Wieso war er nicht in dem Ordner mit den Kopien ihrer Testamente, Lebensversicherungen und so weiter?

John-Paul war einer der klügsten Menschen, die sie kannte, außer wenn es um die Logistik des täglichen Lebens ging.

»Ich verstehe im Ernst nicht, wie es dazu kommen konnte, dass Männer die Welt regieren«, hatte sie am Morgen noch zu ihrer Schwester Bridget gesagt, nachdem sie eine SMS von John-Paul bekommen hatte, er habe in Chicago die Autoschlüssel für seinen Mietwagen verloren. Cecilia hätte ausrasten können, als sie die SMS sah. Es gab nichts, was sie tun konnte!

So etwas passierte John-Paul ständig. Das letzte Mal, als er nach Übersee gereist war, hatte er seinen Laptop im Taxi liegen lassen. Dieser Mann verlor ständig irgendetwas – Geldbörsen, Telefone, Schlüssel, seinen Ehering. Seine Besitztümer kamen ihm in einem fort abhanden.

»Irgendwelche Sachen bauen, das können sie ganz gut«, sagte ihre Schwester. »Wie Brücken und Straßen. Ich meine, könntest du etwa eine Hütte bauen? Eine einfache Lehmhütte?«

»Ich könnte eine Hütte bauen«, antwortete Cecilia.

»Ja, kannst du wahrscheinlich«, seufzte Bridget, als wäre das eine Verfehlung. »Wie auch immer, Männer regieren nicht die Welt. Wir haben immerhin eine Premierministerin. Und du regierst deine Welt. Du regierst den Fitzpatrick’schen Haushalt. Du regierst St. Angela. Und du regierst die Welt der Tupperware.«

Cecilia war Elternpflegschaftsvorsitzende und Vorsitzende des Freundeskreises der St.-Angela-Schule. Überdies war sie die elftbeste Tupperware-Beraterin von ganz Australien. Ihre Schwester fand beides zu komisch.

»Ich regiere den Fitzpatrick’schen Haushalt nicht«, sagte Cecilia.

»Natürlich nicht.« Bridget lachte schallend.

Aber es stimmte. Wenn Cecilia sterben würde, dann würde der Fitzpatrick’sche Haushalt schlicht … Nun ja, nicht auszudenken, was dann passieren würde. John-Paul bräuchte mehr als nur einen Brief von ihr. Er bräuchte ein ganzes Handbuch, einschließlich eines Stockwerksplans des Hauses, auf dem genau verzeichnet war, wo die Schmutzwäsche hingehörte und wo der Wäscheschrank stand.

Das Telefon klingelte. Sie nahm ab.

»Lass mich raten. Unsere Töchter sitzen vor dem Fernseher und sehen den Dickbäuchen beim Abnehmen zu, stimmt’s?« Es war John-Paul. Sie mochte seine Stimme am Telefon, die tief, warm und beruhigend war. Ihr Gatte war zwar ein hoffnungsloser Fall, verlor ständig irgendwelche Dinge, war immer spät dran, oh ja, aber auf seine Frau und seine Töchter gab er nach altväterlicher, verantwortungsvoller Weise acht, nach dem Motto »Ich-bin-hier-der-Mann-im-Haus-und-es-ist-meine-Aufgabe«. Bridget hatte recht. Cecilia regierte ihre Welt, doch sie wusste immer, dass John-Paul im Falle einer Katastrophe (wenn ein Amokläufer sie bedrohte, eine Überschwemmung oder ein Feuer) zur Stelle sein würde, um das Leben seiner Lieben zu retten. Er würde sich in die Schusslinie werfen, ein Floß zimmern und sie sicher durch das tosende Inferno geleiten. Und sobald er das erledigt hätte, würde er das Ruder wieder an Cecilia geben, seine Hosentaschen abklopfen und fragen: »Hat jemand meinen Geldbeutel gesehen?«

Als sie hatte mitansehen müssen, wie der kleine Spiderman ums Leben gekommen war, hatte sie als Allererstes John-Paul angerufen.

»Ich habe den Brief gefunden«, sagte Cecilia jetzt und strich dabei mit den Fingerspitzen über die handgeschriebenen Buchstaben auf dem Umschlag. Kaum hatte sie John-Pauls Stimme vernommen, war ihr klar, dass sie ihn auf der Stelle darauf ansprechen würde. Sie waren immerhin seit fünfzehn Jahren verheiratet und hatten nie Geheimnisse voreinander gehabt.

»Welchen Brief?«

»Einen Brief von dir.« Sie versuchte, locker zu klingen, witzig, um die ganze Sache runterzuspielen, um ihr keine besondere Bedeutung beizumessen, was auch immer in diesem Brief stehen mochte. »Er ist an mich adressiert und nur im Falle deines Todes zu öffnen.« Es war ihr unmöglich, die Worte »im Falle deines Todes« auszusprechen, ohne dabei befremdlich zu klingen.

Stille in der Leitung. Einen Moment lang glaubte Cecilia, die Verbindung wäre abgebrochen, aber im Hintergrund konnte sie leises Gemurmel und Geklapper hören. Offenbar rief er von einem Lokal aus an.

Ihr Magen zog sich zusammen.

»John-Paul?«

2

»Wenn das ein Witz sein soll«, sagte Tess, »dann ist er nicht lustig.«

Will legte seine Hand auf ihren Arm. Felicity legte ihre Hand auf ihren anderen Arm – wie Buchstützen, die sie zusammenhielten.

»Das tut uns so sehr, sehr leid«, sagte Felicity.

»So leid«, fiel Will sofort ein, als würden die beiden im Duett singen.

Sie saßen an dem großen, runden Holztisch, den sie für Kundengespräche nutzten, hauptsächlich aber um Pizza zu essen. Wills Gesicht war leichenblass. Tess konnte darin jedes kleinste, schwarze Haar seiner Bartstoppeln randscharf erkennen, die wie Miniaturgräser kreuz und quer auf der erschreckend weißen Haut sprossen. Und Felicity hatte drei tiefrote Flecken am Hals.

Für einen Moment war Tess von diesen drei Flecken gebannt, so als enthielten sie die Antwort. Sie sahen aus wie Fingerabdrücke auf dem schmalen Hals. Schließlich schaute Tess auf und bemerkte, dass Felicitys Augen, diese sagenhaft wunderschönen mandelförmigen grünen Augen (so ein dickes Mädchen und so wunderschöne Augen!), rot und wässrig waren.

»Diese Erkenntnis … Diese Erkenntnis, dass ihr beide …« Tess stockte und schluckte.

»Wir wollen, dass du weißt, dass eigentlich gar nichts passiert ist«, fiel Felicity ihr ins Wort.

»Wir haben nicht … du weißt schon«, sagte Will.

»Ihr habt nicht miteinander geschlafen.« Tess sah, dass beide stolz darauf waren und beinahe erwarteten, dass Tess sie dafür loben sollte.

»Absolut nicht«, bekräftigte Will.

»Aber ihr wollt es«, sagte Tess. Sie musste fast lachen, so absurd erschien ihr dieser Gedanke. »Das erzählt ihr mir doch gerade, oder nicht? Ihr wollt miteinander schlafen.«

Geküsst jedenfalls müssen sie sich haben. Das war schlimmer, als hätten sie miteinander geschlafen. Jeder wusste, dass ein heimlicher Kuss die erotischste Sache der Welt war.

Die Flecken auf Felicitys Hals zogen sich hoch bis zu ihren Wangen. Es sah aus, als wäre eine seltene ansteckende Krankheit im Anzug.

»Es tut uns so leid«, sagte Will noch einmal. »Wir haben alles versucht … damit es nicht passiert.«

»Haben wir wirklich.« Felicity nickte. »Monatelang, weißt du, wir haben …«

»Monatelang? Das läuft schon seit Monaten?!«

»Nein, eigentlich läuft gar nichts«, erklärte Will feierlich, als wäre er in der Kirche.

»Na ja, irgendwie schon«, sagte Felicity. »Es läuft schon etwas halbwegs Ernstes zwischen uns.« Na sieh mal einer an! Wer hätte gedacht, dass sie fähig war, in einem solch harten Ton zu sprechen? Jedes Wort klang wie ein Betonklotz.

»Tut mir leid«, murmelte Will. »Bestimmt … ich meine nur …«

Felicity drückte die Finger gegen ihre Stirn und begann zu weinen. »Oh, Tess!«

Tess’ Hand wanderte wie von selbst zu Felicity, um sie zu trösten. Sie waren so eng verbunden wie Schwestern. Und das erzählten sie seit jeher jedem, der es wissen wollte. Ihre Mütter waren Zwillinge, und Felicity und Tess waren jeweils das einzige Kind, nur sechs Monate auseinander. Sie hatten immer alles zusammen gemacht.

Einmal war Tess auf einen Jungen losgegangen, hatte ihm mit der rechten Faust einen ordentlichen Kinnhaken versetzt, weil er Felicity einen »Baby-Elefanten« genannt hatte, was so ziemlich haargenau beschrieb, wie Felicity die ganze Schulzeit über ausgesehen hatte. Und heute war sie eine moppelige, erwachsene Frau, »ein dickes Mädchen mit einem hübschen Gesicht«. Sie trank Cola wie andere Wasser und schien nie eine Diät gemacht oder Sport getrieben zu haben. Auch sonst schien ihr Gewicht ihr nichts auszumachen.

Vor etwa sechs Monaten dann war Felicity den Weight Watchers beigetreten, ließ seither die Finger von Cola, hatte sich im Fitnessstudio angemeldet, vierzig Kilo abgespeckt und wurde wunderschön. Atemberaubend schön! Genau die Sorte, die man in The Biggest Loser sehen will: eine wunderschöne Frau, gefangen in einem fetten Körper.

Tess hatte sich riesig für sie gefreut. »Jetzt lernt sie vielleicht einen echt netten Typen kennen«, hatte sie zu Will gesagt. »Jetzt hat sie auch viel mehr Selbstbewusstsein.«

Und siehe da, Felicity hatte einen echt netten Typen kennengelernt. Will. Denn nettesten Typen, den Tess kannte. Und es brauchte schon eine Menge Selbstbewusstsein, um der eigenen Cousine den Mann auszuspannen.

»Es tut mir so wahnsinnig leid, dass ich am liebsten sterben will«, heulte Felicity.

Tess zog ihre Hand zurück. Felicity – die bissige, ironische, lustige, gescheite, dicke Felicity – klang wie eine amerikanische Cheerleaderin.

Will legte den Kopf in den Nacken und starrte mit angespanntem Gesicht an die Decke. Er versuchte krampfhaft, nicht auch noch in Tränen auszubrechen. Das letzte Mal, als Tess ihn weinen gesehen hatte, war, als Liam auf die Welt gekommen war.

Tess’ Augen waren trocken. Ihr Herz hämmerte wie wild, als hätte sie Todesangst. Das Telefon klingelte.

»Lass es läuten«, sagte Will. »Wir haben längst Feierabend.«

Tess stand auf, ging hinüber an ihren Schreibtisch und nahm den Hörer ab. »TWF-Werbeagentur«, sagte sie.

»Tess, meine Liebe, ich weiß, es ist spät, aber wir haben ein kleines Problem.«

Es war Dirk Freeman, der Marketingchef des Pharmakonzerns Petra, ihr wichtigster und lukrativster Kunde. Es war Tess’ Aufgabe, Dirk das Gefühl zu geben, ein wichtiger Kunde zu sein, und ihm unentwegt zu versichern, dass er der größte Häuptling war, obgleich er mit seinen fünfundsechzig Jahren wohl keine Karrieresprünge mehr machen würde. Und dass sie, Tess, seine Dienstmagd war, die er herumkommandieren und mit der er schäkern konnte oder zu der er grantig oder schroff sein konnte, ganz wie es ihm beliebte. Zwar konnte sie ihm ruhig einmal eine patzige Antwort geben, aber wenn es darauf ankam, musste sie tun, was er sagte. Erst neulich war ihr der Gedanke gekommen, dass die Dienste, die sie Dirk Freeman erwies, an der Grenze zum Sexuellen waren.

»Die Farbe des Drachen auf der Hustenstopper-Verpackung ist völlig verkehrt«, sagte Dirk. »Zu lila. Viel zu lila. Sind wir damit schon in Druck gegangen?«

Ja, sie waren schon in Druck gegangen. Fünfzigtausend kleine Pappschachteln hatten heute die Druckerpresse verlassen. Fünfzigtausend breit grinsende Drachen in sattem Lila.

All die Arbeit, die in diesen Drachen steckte. All die E-Mails. All die Diskussionen. Und während Tess über Drachen geredet hatte, hatten Will und Felicity sich ineinander verliebt.

»Nein«, sagte Tess mit Blick auf ihren Mann und ihre Cousine, die beide noch immer mit hängendem Kopf am Besprechungstisch mitten im Raum saßen und auf ihre Fingerspitzen starrten wie Teenager beim Nachsitzen. »Heute ist Ihr Glückstag, Dirk.«

»Oh, ich dachte schon, es … nun gut.« Er konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. Er wollte Tess völlig aus der Bahn werfen, wollte ihre Stimme vor Schreck zittern hören.

Als er weitersprach, klang er jedoch so schroff und herrisch, als wäre er drauf und dran, seine Truppen auf das Schlachtfeld zu führen. »Ich will, dass Sie alles, was mit dem Hustenstopper zu tun hat, aufhalten, ja? Alles. Verstanden?«

»Verstanden. Alles, was mit dem Hustenstopper zu tun hat, aufhalten.«

»Ich melde mich dann wieder.«

Er legte auf. An der Farbe gab es nichts auszusetzen. Dirk würde morgen wieder anrufen und sagen, dass sie in Ordnung sei. Er wollte nur einen auf dicken Max machen. Wahrscheinlich hatte ihm einer dieser jungen Aufsteiger gerade in einer Sitzung das Gefühl gegeben, nichts mehr zu sagen zu haben.

»Die Hustenstopper-Schachteln sind doch heute in Druck gegangen.« Felicity drehte sich auf ihrem Stuhl zu Tess um und sah sie besorgt an.

»Ja, alles in Ordnung«, sagte Tess.

»Aber wenn er es sich anders überlegt …« Will brach ab.

»Ich sagte, alles in Ordnung.«

Sie war nicht wirklich sauer. Doch sie spürte, dass der Zorn sie packen könnte, ein Zorn, der schlimmer war als alles, was sie je erlebt hatte, ein gewaltiger Zorn, der in ihr schwelte und sich wie ein Feuerball spontan entladen und alles rundum zerstören könnte.

Tess setzte sich nicht wieder an den Tisch. Stattdessen blieb sie stehen, drehte sich um und warf einen prüfenden Blick auf das Whitebord, wo sie alle aktuellen Projekte verzeichnet hatten:

Hustenstopper-Verpackung!

Feathermart Presseanzeige!

Bedstuff-Webseite!

Es war erniedrigend, ihre eigene krakelige, leichtfertig dahingeworfene und selbstbewusste Handschrift mit den schnoddrigen Ausrufezeichen zu sehen … und das Smiley neben der Bedstuff-Webseite, denn sie hatten sich mächtig ins Zeug gelegt, um diesen Auftrag zu bekommen und sich gegen größere Firmen durchzusetzen, jawohl! Mit Erfolg. Den Smiley hatte sie erst gestern gemalt, als sie von dem süßen Geheimnis, das Will und Felicity teilten, noch nichts gewusst hatte. Ob sie hinter ihrem Rücken wohl reuige Blicke ausgetauscht hatten, als sie den Smiley gemalt hatte? So ein Smiley-Gesicht wird sie wohl kaum aufsetzen, wenn wir ihr unser kleines Geheimnis beichten, nicht wahr?!

Das Telefon klingelte schon wieder.

Diesmal ließ Tess es läuten, bis sich der Anrufbeantworter einschaltete: TWF-Werbeagentur. Die Anfangsbuchstaben ihrer drei Namen waren darin eng verschlungen und bildeten das Logo für ihren kleinen gemeinsamen Geschäftstraum. Wie oft hatten sie das Was-wäre-wenn diskutiert und sich gefragt, was wäre, wenn sie ihre Idee erfolgreich umsetzen würden! Und es war ihnen in der Tat gelungen.

Vorletzte Weihnachten waren sie zusammen in Sydney gewesen, um das Fest traditionsgemäß daheim bei Felicitys Eltern zu verbringen. Bei Tess’ Tante Mary und Onkel Phil. Damals war Felicity noch dick gewesen. Hübsch, rosafarben schillernd in einem Kleid der Größe 48/50. Es gab die üblichen Grillwürstchen, den üblichen cremigen Nudelsalat, den üblichen Baiserkuchen. Felicity und Will hatten die ganze Zeit über ihre Jobs gejammert. Inkompetentes Management. Unfähige Kollegen. Zugige Büros. Und so weiter und so fort.

»Oje, oje, ihr seid die Allerärmsten«, sagte Onkel Phil, der nichts mehr zu jammern hatte, nun, da er Rentner war.

»Wieso macht ihr nicht zusammen eine eigene Firma auf?«, fragte Tess’ Mutter.

Ja, wieso eigentlich nicht? Schließlich arbeiteten sie doch alle in einem ähnlichen Bereich. Tess war Managerin für Marketingkommunikation in einem bornierten juristischen Verlag, Will Kreativdirektor in einer großen, renommierten und extrem selbstgefälligen Werbeagentur. (Dort hatten Tess und er sich kennengelernt. Tess war Wills Kundin gewesen.) Felicity war Grafikdesignerin und arbeitete für einen widerlichen Tyrannen.

Als sie dann begonnen hatten, ernsthaft über eine gemeinsame Geschäftsidee nachzudenken, fügten sich die Ideen wie selbstverständlich ineinander. Klick, klick, klick! Und beim letzten Bissen Baiserkuchen war alles geritzt gewesen. Will wäre der Kreativdirektor! Ganz klar! Felicity wäre verantwortlich für Grafik und Konzeption! Ganz klar! Und Tess wäre Kundenbetreuerin! Weniger klar … Eine solche Position hatte sie noch nie innegehabt. Sie stand sonst immer auf der anderen Seite, auf der des Kunden, und sah sich selbst als eher introvertiert.

Vor ein paar Wochen hatte sie im Wartezimmer eines Arztes sogar einen Test-Fragebogen in einer Zeitschrift ausgefüllt, der die Überschrift trug: »Leiden Sie an sozialen Angststörungen?« Und ihre Antworten (bei jeder Frage hatte sie C angekreuzt) bestätigten, dass sie tatsächlich an einer sozialen Phobie litt und sich professionelle Hilfe holen oder einer »Selbsthilfegruppe« anschließen sollte. Aber wahrscheinlich fiel der Test bei jedem, der ihn machte, gleich aus. Denn wer nicht ohnehin den Verdacht hatte, möglicherweise kontaktscheu zu sein, würde den Test wahrscheinlich gar nicht machen, sondern lieber stattdessen ganz unbefangen und lebhaft mit der Sprechstundenhilfe plaudern.

Sie, Tess, würde sich bestimmt keine professionelle Hilfe holen und auch mit keiner Menschenseele über ihre Scheu sprechen. Nicht einmal mit Felicity. Denn wenn sie darüber redete, wäre die Sache plötzlich ein echtes Thema. Will und Felicity würden sie in jeder Situation genau beobachten und bei jedem demütigenden Beweis für ihre soziale Scheu mit ihr mitfühlen. Es kam also darauf an, sie zu überspielen. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte ihre Mutter ihr einmal gesagt, ihre Scheu sei eine Art übertriebene Selbstbezogenheit. »Schau mal, mein Liebling, wenn du den Kopf immer hängen lässt so wie jetzt, dann denken die Leute, du magst sie nicht!« Das hatte sich Tess zu Herzen genommen. Sie wurde älter und lernte, Smalltalk zu halten. Auch wenn ihr vor Angst das Herz pochte, zwang sie sich, mit ihrem Gegenüber Blickkontakt zu halten, obwohl ihre Nerven das kaum mitmachten und sie am liebsten wegsehen wollte. Wegsehen! »Ein bisschen erkältet!«, sagte sie zum Beispiel, um die Trockenheit in ihrer Kehle und die spröde Stimme zu erklären. Tess lernte, damit zu leben. So wie andere Leute lernten, mit einer Laktose-Intoleranz oder einer empfindlichen Haut zu leben.

Sie hatte nicht viel auf jenen Weihnachtsabend gegeben, hatte diese Pläne, sich selbstständig zu machen, nur für eine Spinnerei gehalten. Und außerdem hatten sie jede Menge von Tante Marys Punch intus gehabt. Sie würden nicht wirklich eine Firma zusammen gründen. Sie würde nicht wirklich als Kundenbetreuerin arbeiten müssen.

Doch zurück in Melbourne, verfolgten Will und Felicity die Idee weiter. In Wills und Tess’ Haus gab es im unteren Stockwerk einen riesigen Bereich, den die Vorbesitzer als Rückzugsort für ihre heranwachsenden Kinder eingerichtet hatten und der über einen eigenen Eingang verfügte. Was hatten sie zu verlieren? Die Anlaufkosten wären vernachlässigbar. Will und Tessa hatten kurzerhand ihre Hypothek aufgestockt. Felicity teilte sich ihre Wohnung mit einer Freundin. Scheiterten sie, könnten sie alle wieder in ihre alten Berufe zurückkehren.

Tess ließ sich von der Begeisterung der beiden mitreißen. Sie war heilfroh, ihren Job endlich kündigen zu können. Aber als sie dann das erste Mal im Büro eines potenziellen Kunden saß, musste sie sich die Hände zwischen die Knie klemmen, um das Zittern zu verbergen. Sie spürte, wie ihr Kopf vor lauter Nervosität zu wackeln begann. Und auch heute noch, achtzehn Monate später, bekam sie vor jedem Gespräch mit einem neuen Kunden Nervenflattern. Dabei war sie auf ihrem Gebiet äußerst erfolgreich. »Sie sind anders als die Vertreter anderer Agenturen«, hatte ein Kunde nach dem ersten Treffen einmal zu ihr gesagt, als er ihr die Hand gab, um das Geschäft zu besiegeln. »Sie reden weniger und hören dafür viel genauer zu.«

Noch immer beruhigten sich ihre Nerven erst, wenn sie mit einem Gefühl wunderbarer Euphorie aus dem Gespräch ging. Dann schwebte sie wie auf Wolken. Sie hatte es wieder einmal geschafft! Wieder einmal hatte sie gegen das innere Monster gekämpft und es besiegt! Und das Beste war, dass niemand etwas von ihrem Geheimnis ahnte. Sie akquirierte die Kunden. Das Geschäft florierte. Die Einführungskampagne, die sie für ein neues Produkt einer Kosmetikfirma gestartet hatten, war sogar für einen Marketingpreis nominiert worden.

Tess’ Aufgabenbereich brachte es mit sich, dass sie viel außer Haus war und Will und Felicity oft stundenlang allein im Büro waren. Wenn sie jemand gefragt hätte, ob ihr das denn gar nichts ausmache, hätte sie hellauf gelacht. »Felicity ist wie eine Schwester für Will«, hätte sie gesagt.

Nun wandte sie den Blick vom Whiteboard ab und drehte sich um. Sie fühlte sich wackelig auf den Beinen, ging zurück an den Tisch und setzte sich wieder hin, wählte aber einen Stuhl am anderen Ende des Tisches, weit weg von Will und Felicity. Sie versuchte, sich zu sortieren.

Sie stand in der Mitte ihres Lebens.

Es war sechs Uhr an einem Montagabend. Tess hatte den Kopf gerade voller anderer Dinge gehabt, als Will nach oben gekommen war und erklärt hatte, er und Felicity müssten mit ihr reden. Sie hatte eben mit ihrer Mutter Lucy telefoniert, die angerufen hatte, um ihr zu sagen, dass sie sich beim Tennisspielen den Knöchel gebrochen hatte und für die nächsten acht Wochen an Krücken gehen müsse. »So leid es mir tut, Liebes, aber kann Ostern dieses Jahr in Sydney statt in Melbourne gefeiert werden?«

Es war das erste Mal in fünfzehn Jahren, seit sie nach Melbourne gezogen waren, dass Tess ein schlechtes Gewissen hatte, nicht näher bei ihrer Mutter zu wohnen.

»Wir nehmen den Flieger gleich nach der Schule am Donnerstag«, hatte Tess gesagt. »Kommst du bis dahin noch klar?«

»Ja, das geht schon. Mary hilft mir. Und die Nachbarn.«

Aber Tante Mary hatte keinen Führerschein, und von Onkel Phil konnte man nicht verlangen, dass er Tess’ Mutter jeden Tag durch die Gegend kutschierte. Alle beide, Mary und Phil, wurden langsam gebrechlich. Und Lucys Nachbarn waren durchweg ältere Damen oder vielbeschäftigte, junge Familien, die kaum Zeit für einen kurzen Gruß hatten, wenn sie in ihren großen Autos aus der Einfahrt fuhren. Es war eher unwahrscheinlich, dass sie Lucy, Mary und Phil dampfende Töpfe voll mit leckerem Essen vorbeibringen würden.

Vor lauter Sorge hatte Tess überlegt, ob sie nicht gleich für den folgenden Tag einen Flug nach Sydney buchen sollte, um vor Ort nach einer Haushaltshilfe für ihre Mutter zu suchen. Eine fremde Person im Haus zu haben würde Lucy zwar gar nicht gefallen, aber wie wollte sie denn beispielsweise duschen, wie kochen?

Es war vertrackt. Sie hatten in der Firma jede Menge zu tun, und Tess wollte Liam auch nicht alleine lassen. Er machte ihr in letzter Zeit Sorgen. In seiner Klasse gab es einen Jungen, Marcus, der ihm schwer zusetzte. Man konnte nicht sagen, dass er Liam mobbte. Das wäre etwas Greifbares gewesen, und sie hätten gemäß dem strengen Leitsatz der Schule »Null Toleranz gegenüber Mobbing« etwas dagegen unternehmen können. Aber Marcus war komplizierter. Er war ein charmanter, kleiner Psychopath.

Und an diesem Tag, da war Tess sich ganz sicher, musste es mit Marcus in der Schule ganz besonders schrecklich gewesen sein. Sie hatte Liam das Abendessen zubereitet, während Will und Felicity unten noch gearbeitet hatten. Sonst aßen Tess, Will und Liam als Familie meist gemeinsam, und oft gesellte sich auch Felicity zu ihnen. Aber die Bedstuff-Webseite musste bis Freitag unbedingt fertig werden, und so legten sie alle Überstunden ein.

Liam war beim Abendessen noch stiller als sonst gewesen. Er war ohnehin ein verträumter, nachdenklicher kleiner Junge, der nicht viel redete. Aber wie er so dasaß, ganz mechanisch jedes Stückchen Wurst mit der Gabel aufspießte und es in die Tomatensoße tunkte, wirkte er beinahe erwachsen und irgendwie traurig.

»Hast du heute mit Marcus gespielt?«, fragte Tess.

»Nö«, sagte Liam. »Heute ist Montag.«

»Und das heißt?«

Aber er antwortete nicht. Er machte dicht, weigerte sich, noch einen einzigen Ton von sich zu geben, und Tess spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Sie musste noch einmal mit seinem Lehrer sprechen. Sie hatte das starke Gefühl, dass ihr Kind litt und niemand es sah. Der Schulhof war wie ein Schlachtfeld.

Und das waren Tess’ Gedanken, als Will zu ihr gekommen war und sie gebeten hatte, doch einmal nach unten zu kommen: der Knöchel ihrer Mutter und Marcus, der Liam terrorisierte.

Will und Felicity saßen am Besprechungstisch und erwarteten sie. Bevor Tess sich zu ihnen setzte, räumte sie noch rasch sämtliche Kaffeetassen weg, die überall im Büro herumstanden. Felicity hatte die Angewohnheit, sich ständig einen frischen Kaffee aufzubrühen, die halb volle Tasse dann aber irgendwo stehen zu lassen. Tess stellte die Tassen nebeneinander auf den Tisch und setzte sich. »Neuer Rekord, Lissy. Fünf halb ausgetrunkene Tassen.«

Felicity sagte nichts. Sie sah Tess nur seltsam mitfühlend an. Und dann machte Will diese ungeheuerliche Eröffnung:

»Tess, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll … Aber Felicity und ich haben uns ineinander verliebt.«

»Sehr lustig.« Tess hatte die Kaffeetassen zusammengeschoben und lächelte. »Saulustig.«

Doch es schien kein Witz zu sein.

Sie legte die Hände flach auf die honiggoldene Tischplatte und starrte darauf. Blasse, blau geäderte, knochige Hände. Einer ihrer Exfreunde, sie wusste nicht mehr genau, welcher, hatte ihr einmal gesagt, er sei verliebt in ihre Hände. Und Will hatte richtig Mühe gehabt, ihr bei der Hochzeit den Trauring über den Fingerknöchel zu streifen. Die Gäste hatten schon leise zu lachen begonnen, und als es ihm endlich gelungen war, hatte Will einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen und ihr dabei sanft über die Hand gestreichelt.

Tess schaute auf und sah, wie Will und Felicity verstohlene, besorgte Blicke wechselten.

»Es ist also die wahre Liebe?«, sagte Tess. »Ihr seid Seelenverwandte, ja?«

Wills rechte Wange fing zu pochen an. Felicity zupfte an ihren Haaren.

Ja. Das war es, was beide dachten. Ja, es ist wahre Liebe. Ja, wir sind Seelenverwandte.

»Wann genau hat es angefangen? Wann haben sich diese ›Gefühle‹ zwischen euch entwickelt?«

»Spielt keine Rolle«, sagte Will eilig.

»Für mich schon!« Tess’ Stimme schwoll an.

»Ich weiß nicht recht, vielleicht so vor sechs Monaten«, murmelte Felicity und sah dabei auf den Kiefernholztisch vor sich.

»Also, als du gerade begonnen hattest abzunehmen«, bemerkte Tess.

Felicity zuckte mit den Schultern.

»Komisch, dass du sie nie angesehen hast, als sie noch fett war, Will«, sagte Tess.

Die bittere Schärfe purer Gehässigkeit stieß aus ihrem Mund. Derart boshaft war sie zuletzt zu Teenager-Zeiten gewesen.

Sie hatte Felicity noch nie als »fett« bezeichnet, nie ein kritisches Wort über ihr Gewicht verloren.

»Tess, bitte …«, sagte Will ohne einen tadelnden Ton in der Stimme. Seine Worte klangen eher wie eine sanfte, verzweifelte Bitte.

»Schon gut«, meinte Felicity. »Geschieht mir recht. Geschieht uns beiden recht.« Sie hob das Kinn und sah ihre Cousine tapfer und ergeben an.

Tess stand es frei, die beiden zu beißen und zu kratzen, so viel sie wollte. Sie hätten es wehrlos über sich ergehen lassen. Will und Felicity waren zwei grundgute Menschen. Aus diesem Grund hatten sie auch Verständnis für Tess’ Wut, sie sahen ihre eigene Schuld ein, sodass am Ende Tess als die Böse dastand – und nicht sie. Sie hatten nicht miteinander geschlafen; sie hatten Tess also nicht wirklich betrogen. Sie hatten sich ineinander verliebt! Es war keine gewöhnliche, schmutzige, kleine Affäre. Es war Schicksal. Vorherbestimmt. Niemand konnte ihnen das übelnehmen.

Genial.

»Warum hast du mir das nicht unter vier Augen gesagt?« Tess versuchte, Will mit Blicken zu fixieren, als könnte sie ihn so zurückholen. Seine auffallend goldbraunen Augen mit den dichten, schwarzen Wimpern – so ganz anders als ihre eigenen wasserblauen Augen – sahen sie flehend an. Ihr Sohn hatte diese Augen von ihm geerbt. Tess war es jetzt, als gehörten sie ihr allein, als wären sie ihr geliebtes Eigentum, für das sie nur allzu gern Komplimente annahm: »Ihr Sohn hat aber schöne Augen!« – »Ja, die hat er von meinem Mann. Hat nichts mit mir zu tun.« Dabei hatte alles mit ihr zu tun. Mit ihr allein. Es waren ihre Augen. In Wills goldbraunen Augen stand normalerweise ein Lachen, mit dem er der Welt entgegenstrahlte. Ihm gelang es stets, dem Alltagsleben etwas Lustiges abzugewinnen, was eine der Eigenschaften war, die Tess so sehr an ihm liebte. Doch jetzt sahen diese Augen sie bittend an. Sein Blick erinnerte an den seines Sohnes, wenn Liam im Supermarkt unbedingt etwas haben wollte:

Bitte, Mum, kauf mir diese Zuckerstange (samt Konservierungsstoffen)! Ja, ich weiß, ich habe versprochen, nicht mehr zu betteln, aber kauf mir nur noch die!

Bitte Tess, ich will deine zuckersüße Cousine – und, ja, ich weiß, ich habe versprochen, dir treu zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und in Krankheit, aber bitte, bitte, bitte!

Nein. Du kriegst sie nicht. Ich habe Nein gesagt.

»Wir konnten noch nicht den richtigen Zeitpunkt finden«, murmelte Will. »Und wir wollten es dir beide gemeinsam sagen. Wir konnten nicht … Wir dachten nur, dass wir nicht länger so weitermachen können, ohne dass du davon weißt … und so haben wir einfach …« Er schob den Unterkiefer vor und zurück wie ein Truthahn. »Wir dachten, den richtigen Zeitpunkt für so ein Gespräch gibt es sowieso nicht.«

Wir. Es gab also ein »wir« und ein »ich«. Sie hatten darüber gesprochen. Ohne sie. Nun, natürlich ohne sie. Sie hatten sich schließlich auch ohne sie »ineinander verliebt«.

»Ich dachte, ich sollte dabei sein, wenn er es dir sagt«, meinte Felicity.

»Ach, dachtest du?« Tess konnte es nicht ertragen, Felicity in die Augen zu sehen. »Und was passiert als Nächstes?«

Mit dieser Frage stieg eine neue Welle von Übelkeit in ihr auf. Sie konnte das alles nicht glauben. Nichts würde passieren, ganz bestimmt. Und ganz bestimmt würde Felicity gleich in ihren neuen Fitnesskurs eilen; Will würde nach oben in die Wohnung kommen und mit Liam plaudern, während der in der Badewanne saß. Vielleicht würde Will sogar dem Marcus-Problem auf den Grund kommen. Tess würde derweil eine schnelle Pfanne zum Abendessen zubereiten; die Zutaten dafür waren küchenfertig vorhanden. Es erschien ihr geradezu grotesk, an die kleine, in Plastikfolie verpackte Schale mit Hähnchenstreifen zu denken, die seelenruhig im Kühlschrank stand. Bestimmt würden Will und sie nach dem Essen noch ein Glas Wein aus der geöffneten Flasche trinken, sich Dexter im Fernsehen anschauen und später dann über potenzielle Männer für die kürzlich erschlankte Felicity reden. Sie hatten sich schon so viele Konstellationen ausgemalt. Felicity und ihr italienischer Bankdirektor. Der große, ruhige Typ, der die Feinkost-Marmeladen lieferte. Aber niemals hätte sich Will an die Stirn gefasst und gesagt: »Ich hab’s! Wie hatte ich das nur übersehen können? Ich wäre der perfekte Mann für sie!«

Ja, es war ein Witz. Tess konnte nicht aufhören, das Ganze für einen schrecklichen Witz zu halten.

»Wir wissen, nichts kann es leichter, richtiger oder besser machen«, sagte Will. »Aber wir werden tun, was immer du willst, was immer du denkst, das für dich und für Liam richtig ist.«

»Für Liam …«, wiederholte Tess wie vor den Kopf geschlagen.

Aus irgendeinem Grund hatte sie gar nicht daran gedacht, dass sie es auch Liam sagen mussten, dass Liam in irgendeiner Form damit zu tun haben oder davon betroffen sein würde. Liam, der in diesem Augenblick oben auf dem Bauch vor dem Fernseher lag, den kleinen, sechsjährigen Kopf voll mit riesengroßen Sorgen wegen Marcus.

Nein, dachte sie. Nein. Nein. Nein. Auf gar keinen Fall.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie wieder ihre Mutter an der Tür zu ihrem eigenen Kinderzimmer stehen. »Daddy und ich wollen dir etwas sagen.«

Das sollte Liam nicht passieren! Nicht so. Nur über ihre Leiche. Das war das Einzige, was sie ihm immer hatte ersparen wollen. Und sie würde dafür sorgen, dass er es nicht erleben musste. Ihr hübscher kleiner Junge mit dem ernsten Gesicht sollte nicht den Verlust und die Verwirrung erfahren, die sie selbst in jenem schrecklichen Sommer vor so langer Zeit gespürt hatte. Er sollte nicht an jedem zweiten Freitag eine kleine Wochenendtasche packen und in einen Kalender am Kühlschrank schauen müssen, um herauszufinden, wo er am Wochenende schlafen würde. Er sollte nicht lernen, geschickt zu lavieren, wenn der eine Elternteil sich mit einer scheinbar harmlosen Frage über den anderen erkundigte.

Tess’ Gedanken rasten.

Es ging ihr jetzt allein um Liam. Ihre eigenen Gefühle waren unwichtig. Wie war das alles noch zu retten? Wie konnte sie es aufhalten?

»Nie wollten wir, dass das passiert.« Will sah sie mit großen, unschuldsvollen Augen an. »Und wir wollen das Ganze anständig über die Bühne bringen. Das ist das Beste für uns alle. Wir haben uns auch gefragt …«

Tess sah, dass Felicity einen raschen Blick mit Will tauschte und leicht mit dem Kopf schüttelte.

»Was? Was habt ihr euch gefragt?«, hakte sie nach. Hier war also ein weiterer Beweis dafür, dass die beiden oft darüber gesprochen hatten. Sie konnte sich die Intensität dieser Gespräche lebhaft vorstellen. Gespräche, die begleitet waren von feuchten Augen, die bewiesen, welch anständige Menschen sie doch waren, wie sehr sie doch litten bei dem Gedanken daran, Tess verletzen zu müssen, aber was hatten sie für eine andere Wahl angesichts ihrer Leidenschaft, ihrer Liebe?

»Es ist noch zu früh, um darüber zu reden, wie es jetzt mit uns weitergehen soll.« Felicitys Stimme klang plötzlich sehr viel fester.

Tess grub die Fingernägel in ihre Handflächen. Was fiel ihr eigentlich ein! Wie konnte sie wagen, in einem so alltäglichen Ton mit ihr zu sprechen, als wäre dies eine ganz normale Situation, ein ganz normales Problem?!

»Was? Was habt ihr euch gefragt?« Tess’ Augen ruhten auf Will.

Vergiss Felicity!, sagte sie sich. Du kannst dich jetzt nicht mit deinem Zorn auf sie aufhalten. Denk gut nach, Tess, denk gut nach!

Wills Gesichtsfarbe wechselte von Weiß zu Rot. »Wir haben uns gefragt, ob es nicht möglich wäre, dass wir alle zusammenwohnen. Hier. Liam zuliebe. Es ist ja nicht Schluss im gewöhnlichen Sinne. Wir sind ja … eine Familie. Und deshalb haben wir gedacht … ich meine, vielleicht klingt das ja verrückt, aber wir haben gedacht, dass es unter Umständen möglich wäre. Letztendlich.«

Tess brach in schallendes Gelächter aus. In ein hartes, fast kehliges Gelächter. Ja, waren die beiden denn komplett verrückt geworden? »Ihr meint, ich ziehe einfach aus dem Schlafzimmer aus, und Felicity zieht ein? Und Liam sagen wir: ›Mach dir keine Sorgen, Liebling, Daddy schläft jetzt mit Felicity, und Mummy zieht ins Gästezimmer.‹ Habt ihr euch das so vorgestellt?«

Felicity blickte beschämt vor sich hin. »Natürlich nicht.«

»Wenn du das so formulierst …«, hob Will an.

»Wie soll ich es denn sonst formulieren?«

Er atmete hörbar aus und beugte sich vor. »Sieh mal, wir müssen jetzt nicht gleich alles auf einmal regeln.« Will schlug im Büro manchmal einen besonders maskulinen und autoritären Ton an, wenn er wollte, dass die Dinge gefälligst so und nicht anders gehalten wurden. Tess und Felicity hatten ihm deshalb schon öfter ordentlich eingeheizt. Und in diesem Ton sprach er auch jetzt, als wäre es an der Zeit, dass er die Dinge unter Kontrolle bekam.

Was bildete er sich bloß ein!

Tess schlug mit geballten Fäusten auf den Tisch, so fest, dass er wackelte. Das war eine Premiere für sie. Es fühlte sich absurd an, aber irgendwie prickelnd. Und sie freute sich zu sehen, wie Will und Felicity zusammenzuckten.

»Ich werde euch sagen, was als Nächstes passiert«, erwiderte sie, denn auf einmal war alles sonnenklar.

Es war ganz einfach.

Will und Felicity mussten ihre Affäre ausleben. Je eher, desto besser. Was da zwischen ihnen schwelte, musste seinen Gang gehen. Es war süß und verlockend. Sie waren zwei darbende Liebende, Romeo und Julia, die sich über den lila Hustenstopper-Drachen hinweg sehnsuchtsvolle Blicke zuwarfen. Die Liebe musste gelebt werden, musste hitzig werden, klebrig und schmutzig, bis sie schließlich – hoffentlich und so Gott will – banal und langweilig werden würde. Will liebte seinen Sohn, und hatte sich der Nebel der Lust erst einmal gelichtet, würde er erkennen, dass er einen schrecklichen, aber keinen irreparablen Fehler begangen hatte.

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