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Das Geheimnis jenes Sommers

Über dieses Buch

Ein Cottage in Irland, ein altes Foto und ein Sommer voller Geheimnisse

Ein altes Foto lässt Orla keine Ruhe: Ihre Eltern lächeln unbeschwert in die Kamera. Doch wer ist der fremde Junge, der zwischen ihnen steht? Und wieso sieht ihre Mutter glücklicher aus, als Orla sie je erlebt hat? Da sie von ihren Eltern keine Antworten bekommt, zeigt Orla das Foto im Dorf herum. So hört sie zum ersten Mal von Tim, ihrem Cousin aus England. Er war vierzehn, als er den Sommer in Irland verbrachte. Ein Sommer, der als Abenteuer begann und mit einer Katastrophe endete …

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Über die Autorin

Susan Stairs ist in London geboren und in Irland aufgewachsen. Den größten Teil ihrer Kindheit hat sie entweder mit einem Buch oder mit einem Stift in der Hand verbracht. Wörter und Bilder haben sie ihr Leben lang begleitet: Sie hat sowohl am National College of Art and Design studiert als auch Kreatives Schreiben am University College in Dublin. Neben Büchern über irische Kunst hat Susan Stairs mehrere Kurzgeschichten geschrieben, die im Radio gesendet und in einer Anthologie veröffentlicht wurden. Das Geheimnis jenes Sommers ist ihr zweiter Roman und der erste, der auf Deutsch erscheint. Susan Stairs lebt mit ihrer Familie in Dublin.

 

Über Dächer und Mauern senkt sich Dunkelheit,
Doch es ruft die See, die See, mit jeder Gezeit.
Der Wellen sanfte weiße Hand
Wischt alle Spuren aus dem Sand.
Und die Flut kommt, und die Flut geht.

»Die Flut kommt, die Flut geht«
Henry Wadsworth Longfellow

Weihnachten 2010

Mags schließt den Kleiderschrank auf. Mit klammen Fingern teilt sie die dicht hängenden Kleider und gleitet mit einer Hand tief ins Dunkel. Sie beugt sich vor und fühlt, wie die Stoffe ihre Wange streifen und den staubigen, parfümierten Duft der Vergangenheit aufwirbeln. Ihr Atem stockt, als sie die festen Kanten unter den weichen Falten eines alten, abgetragenen Schals fühlt.

Der Schuhkarton.

Sie schließt die Augen, während sie ihn heraushebt, und öffnet sie erst wieder, als sie sich auf die Bettkante setzt und den Karton auf ihrem Schoß abstellt. Den Inhalt muss sie nicht sehen, um sich zu erinnern: Sie bewahrt die Geheimnisse im Kopf. Immer.

Doch manchmal hat sie Angst.

Sie hat Angst, dass die Erinnerungen mit der Zeit verblassen könnten. Dass das, was geschah, irgendwie verschwinden könnte, wenn sie nicht regelmäßig die Beweise sieht. Vorsichtig hebt sie den Deckel hoch. Aus der Küche unten hört sie PJ unmelodisch pfeifen, während er versucht, all das zu erledigen, was sie eigentlich selbst machen wollte. Sie ist froh, dass er das übernommen hat, denn heute wäre sie dazu außerstande. Mags hat den ganzen Trubel um Weihnachten sowieso noch nie gemocht. Die gigantischen Vorbereitungen, das panische Gehetze, als stünde das Ende der Welt bevor. Aber sie freute sich immer auf die späten Stunden am Heiligabend, wenn nichts mehr eiligst getan werden muss; wenn sich ein sanfter Friede über alles legt und sie zu dritt vor dem knisternden Kaminfeuer sitzen; wenn Mags ihren Mann und ihre Tochter ansieht und versucht, Gott für das zu danken, was ihr geblieben ist, anstatt ihm vorzuhalten, was sie verloren hat; und in PJs Augen die Hoffnung zu sehen, das kommende Jahr möge einfacher für sie sein als das zu Ende gehende.

Aber diesmal ist nichts davon eingetreten. Orla hat es nicht nach Hause geschafft.

So hat Mags den Heiligabend mit widersinniger Hoffnung verbracht. Sie hatte dafür gesorgt, dass alles stimmte: Der Baum stand genau vor dem vorderen Fenster, sodass Orla die blinkenden Lichter sehen würde, wenn sie in die Einfahrt fuhr; die selbst gemachten Mince Pies lagen auf dem Tablett mit dem besten Porzellangeschirr bereit; das Feuer prasselte im Kamin. Je weiter der Vormittag voranschritt, desto sicherer wurde Mags, dass es nichts würde. Sie hörten in den Nachrichten, dass die Straße nach Dublin teilweise blockiert war. So viel Schnee haben sie seit Jahren nicht gehabt. Nicht, solange Orla auf der Welt ist. Überall im Land hängen die Menschen fest, gestrandet an Orten, an denen sie nicht sein wollen. Die letzte Woche hat PJ jeden Morgen fast eine Stunde gebraucht, die Einfahrt freizuschaufeln. Ohne den Jeep wäre es schon schwierig, überhaupt bis ins Dorf zu kommen. Als Orla mittags anrief, riss Mags sich erfolgreich zusammen. Doch später, als der Abend kam, starrte sie mit Tränen in den Augen ins Feuer und bemühte sich zu begreifen, dass zum allerersten Mal ihre Tochter zu Weihnachten nicht zu Hause sein würde.

Und jetzt sitzt sie am Weihnachtsmorgen hier auf ihrem Bett, blickt in die Schuhschachtel und denkt daran, dass Orla um diese Zeit vor achtundzwanzig Jahren nur ein winziger Punkt in ihr war. Das macht ihr Fehlen umso unerträglicher. Orla wurde am Heiligabend gezeugt. Dessen ist Mags sich sicher. Als sie entdeckte, warum sie sich neuerdings nicht wie sie selbst fühlte, weinte sie stundenlang, vor Kummer und Freude zugleich. PJ grinste breit, als sie es ihm erzählte. Er sagte, sie hätten sich das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht, das sie sich wünschen könnten.

Heute hält Mags die Leere in sich kaum aus. Egal wie sehr PJ sich anstrengt, sie aufzumuntern, es hilft nichts. Er ist auch traurig, das weiß sie, aber er kann besser damit umgehen. Er war lange vor ihr auf, brachte ihr Frühstück ans Bett und gab acht, dass sie eine ihrer Pillen nahm. Die half ein wenig, Mags’ Gedanken etwas von der schneidenden Schärfe zu nehmen. Doch die Gedanken verhindert sie nicht. Heute hat Mags zu viel Zeit zum Nachdenken, das ist das Problem; zu viel Zeit, sich an Dinge zu erinnern, an die sie nicht erinnert werden muss. Die Geschehnisse jenes Sommers, in dem Orla in ihr wuchs. Und alles, was davor war. Es ist alles sicher verwahrt in der Schachtel. Briefe. Postkarten. Fotos. Jedes Stück spielt eine Rolle in der geheimen Geschichte, um die sich Mags’ Gedanken ständig drehen. Eine Geschichte, die nicht für immer verborgen bleiben kann.

Sie nimmt einen Umschlag heraus. Wie oft hat sie diesen Brief im Laufe der Jahre gelesen? Unzählige Male. Sie kennt so gut wie jedes Wort auswendig, das ihre Schwester so fein säuberlich schrieb.

Mittwoch, 20. Juli 1983

Liebe Margaret,

sicher fragst Du Dich, warum ich schon wieder schreibe. Keine Sorge, es hat sich nichts geändert. Tim nimmt nach wie vor am Montag das Schiff von Holyhead, so Gott will. Wir haben ihm noch nichts gesagt. Wir sparen uns die Aufregung für Freitag auf, den letzten Schultag vor den Ferien.

Ich habe viel über alles nachgedacht und möchte nur sagen, dass ich Dir vertraue, Margaret. Wenn wir gezögert haben, ihn allein loszuschicken, dann nicht, weil wir dachten, er wäre vielleicht nicht sicher. Es war keine leichte Entscheidung, das will ich nicht leugnen, aber Ed und ich wissen, dass Du auf ihn aufpassen wirst.

Über die Jahre ist unser Verhältnis ein wenig abgekühlt, aber ich habe das Gefühl, dass sich das ändert. Ist das Baby erst da, wirst Du viel glücklicher sein. Ich erkenne an Deinen Briefen, dass Du schon jetzt viel zuversichtlicher bist. Für uns alle war es ein steiniger Weg. Aber es hätte auch viel schlimmer kommen können. Wir haben getan, was das Beste war. Das glaube ich bis heute.

Wir hören voneinander. Pass auf Dich auf.

Alles Liebe

Joan

PS: Achte darauf, dass Tim uns schreibt, wenn er heil angekommen ist.

Tim. Allmächtiger Himmel. War sie wahnsinnig gewesen, ihn in dem Sommer einzuladen, als sie im siebten Monat war? Diese Frage hat sie sich schon tausendmal gestellt. Was wollte sie damals beweisen? Dass sie dem gewachsen war? Dass sie zurechtkam? Und wie wäre alles geworden, wäre er nicht gekommen? Vielleicht würden sie alle noch zu ihrem Leben gehören. Man stelle sich vor …

Sie liest die Zeilen erneut und denkt an den Tag von Tims Ankunft vor all den Jahren. Wie sie PJ durch das Transporterfenster küsste, bevor er nach Dún Laoghaire fuhr. Wie sie nervös in der Küche saß und wartete, während Sonne und Schatten einander jagten und sich das Baby in ihr wand und drehte wie ein Wasserwesen. Sie erinnert sich, dass sie über Joans Brief verärgert war. Ich vertraue dir … Was wollte sie damit sagen? Dass Mags dankbar sein sollte, weil ihre Schwester ihr vertraute? Schickte sie den Jungen etwa nicht allein her – reichte das nicht? Das hätte sie nicht schreiben müssen. So gab sie Mags das Gefühl, eine dumme Göre zu sein, dabei war sie schon dreißig! Als die Ältere war Joan immer schon bevormundend gewesen. Trotzdem hatte Mags geweint, als sie nach England zog. Ihr fehlte es, ihre Schwester in der Nähe zu haben. Mammy und Daddy hatten immer so viel auf der Farm zu tun, und die Jungs … na ja, die waren eben Jungs. Wir haben getan, was das Beste war. Oft fragt Mags sich, ob das wirklich stimmt.

Sie erinnert sich wieder, wie sie an jenem Tag Joans Brief in die Schürzentasche steckte, nachdem sie ihn gelesen hatte, und sich nach oben schleppte. Wie sie dachte, dass sie die Fähre vom Fenster des Gästezimmers aus sehen könnte. Dort stand sie und blickte auf den glitzernden Silberstreifen des Meeres jenseits der goldgrünen Felder, bis ihre Augen brannten und sie fürchtete, dass ihre Beine gleich einknickten.

Sie nimmt eine Trauerkarte aus einem ganzen Stapel in der Schachtel. Aufrichtiges Beileid. Der kleine Zeitungsausschnitt, den sie in der Karte verwahrt, segelt aufs Bett. Blinzelnd liest sie die gedruckten Worte, die rasch verschwimmen, denn wie immer kommen ihr die Tränen. Solch eine winzige Meldung zu solch einer gigantischen Tragödie.

Die Erinnerungen kehren zurück, treiben aus den weichen Korallenriffen ihres Gehirns.

Der strahlend blaue Himmel und der beißend kalte Wind.

Das Wogen, Tosen und Rauschen. Das tiefe, endlos schwarze Wasser.

Und der Raum, der sich um sie herum zusammenzieht, der sie erdrückt und von innen nach außen stülpt.

»Was in aller Welt …?« PJ sieht zur Tür herein. Mags’ Gesicht ist in einem Kissen vergraben, das ihr keuchendes Schluchzen dämpft. »Mags? Was ist los?« Er setzt sich neben sie aufs Bett und legt seine riesige warme Hand auf ihren Rücken. »Ist ja gut, Schatz. Es ist Weihnachten. Da darfst du nicht allein hier oben sitzen.«

Als seine Frau sich zu ihm dreht, sieht er ihre nassen, fleckigen Wangen und die geröteten Augen. »Es wird schon wieder«, sagt sie heiser. »Lass mich einfach eine Weile allein.«

Seufzend zuckt er mit den Schultern. »Nein, das werde ich nicht, und das weißt du auch.« Er nimmt ihren Arm und hilft ihr, sich aufzusetzen. »Ich weiß, es ist nicht leicht, wirklich. Und jetzt noch dieser Ärger mit dem Wetter. Darauf hätten wir gut verzichten können.«

»Ich wünschte nur, Orla wäre hier«, flüstert sie. »Dann würde ich mich nicht so schlecht fühlen.«

PJ zieht sie näher zu sich und umfängt ihre schmale Gestalt mit seinen massigen Armen. »Der Aufstand, den du um sie machst, soll dich von allem anderen ablenken, nicht wahr?«, sagt er über ihren Kopf hinweg. »Hör mal, ich bin sicher, dass es bald taut. In ein paar Tagen wird sie hier sein, meinst du nicht auch?«

Mags bleibt stumm und stocksteif. Seine Umarmung wird erst fester, dann löst sie sich, und er lehnt sich zurück, um sie anzusehen. Seine Stimme ist streng. »Das muss aufhören. Das weißt du doch, oder?« Sie hält den Blick gesenkt. »Ich meine es ernst, Mags. Ich will nicht eines Tages reinkommen und …« Er streicht sich über das bärtige Kinn und schluckt angestrengt. Ihm ist ja klar, dass es sinnlos ist. Erst recht heute, wenn sie in dieser Verfassung ist. »Hör zu«, sagt er sanfter. »Fürs Erste reden wir nicht mehr darüber. Lass uns einfach versuchen, den Tag so gut wie möglich zu genießen.« Er steht auf. »Komm. Geh dich frisch machen und zieh dich um.«

Mags schnieft, zieht ein Taschentuch aus ihrem Ärmel und putzt sich die Nase. Mühsam richtet sie sich auf und schlurft ins Bad.

PJ betrachtet den Schuhkarton auf dem Bett. Am liebsten würde er ihn nach unten bringen und ins Feuer werfen. Und dieser dringende Wunsch überkommt ihn nicht zum ersten Mal. Aber vielleicht könnte es das letzte Mal sein. Vielleicht gibt es doch einen Weg, all diesem Schmerz ein Ende zu machen. Er wird nichts verbrennen – das könnte er Mags nie antun. Und was er vorhat, klappt vielleicht nicht. Doch er will es versuchen. Er bückt sich, wühlt in dem Karton und findet das Foto, nach dem er sucht. Eine Sekunde lang betrachtet er es und verzieht das Gesicht ob der bittersüßen Erinnerung. Dann geht er eilig um das Bett herum zum Kleiderschrank und steckt das Bild in die Tasche eines Tweedsakkos, das er nie trägt.

 

An jenem Julinachmittag schlief Tim ein und wachte in einem anderen Land wieder auf. Als er spürte, wie die Fähre knirschend und ächzend anlegte, wusste er, dass er angekommen war, auch wenn er keinerlei Erinnerung an die Überfahrt hatte. Bevor er die Augen öffnete, lag er für einen Moment zusammengerollt auf seinem Sitz und fühlte, dass nichts mehr wie vorher war. Dass sich Raum und Zeit – oder etwas in ihm – verschoben hatten. Wie sehr, konnte er nicht sagen.

Er lauschte den anderen Passagieren, die sich mit ihrem Gepäck in Bewegung setzten, und versuchte, dem Gefühl in sich einen Sinn abzuringen. Schon früher war er bei Fahrten eingeschlafen – hinten im Wagen auf dem Weg zu den alljährlichen zwei Wochen in Cornwall oder im stickigen, sauerstoffarmen Schulbus. Doch diesmal war es anders. Und dann war da noch der Traum. Zu Hause waren seine Träume seicht, fast durchsichtig, und verblassten, sobald er aufwachte. Dieser Traum jedoch umfloss ihn noch, heftete sich an seine Haut wie Seepocken an einen Wal. Auf dem Wasser träumte man anscheinend anders. Und je tiefer das Wasser, desto tiefer der Traum.

Er hatte geträumt, dass er ein Schiff wäre.

Und nicht irgendeines, sondern die Fähre, auf der er saß. Er war auf dem Schiff und zugleich das Schiff selbst. Er hatte seinen riesigen, harten Rumpf gespürt, der durch die Gischt schnitt; den lackierten Stahl seiner Haut; das Pumpen des Maschinenherzens in seinem Körper. Er hatte gefühlt, wie ihn die See vorwärtstrieb, mit großen, wirbelnden Wogen gegen ihn drückte und ihn energisch durch die Tiefen schob. Dann wieder war er im Traum das Meer gewesen. Das Meer und das Schiff in einem. Er war der Sog und die Dünung, der Bug und das Heck, krängend, schneidend, wogend durch eine Wolke vom tiefsten, schwärzesten Schwarz. Das Jetzt war alles, was er kannte. Es gab keine Erinnerung dahinter. Und dennoch hatte er in dem Traum gespürt, dass seine Reise ein Ziel hatte, dass sein Schiff einem Kurs folgte. Und dieses Ziel war größer als der Stahlkörper, größer als das Drängen und Ziehen. Etwas hatte ihn in dem Traum gepackt, das fühlte er. Und es ließ ihn nicht los.

Er streckte die Beine aus und setzte sich auf. Sein Magen fühlte sich wund an und brannte, als hätte er einen Schwall Meerwasser geschluckt und wieder erbrochen. Das Komische war, dass er überhaupt nicht seekrank geworden war, wie Mum befürchtet hatte. Vielmehr hatte ihn ein eigenartiges Wohlgefühl ergriffen, kaum dass er an Bord gekommen war. Nun hingegen fühlte er sich von innen nach außen gestülpt, glitschig, fast hautlos. Ganz und gar nicht wie er selbst.

Es war nicht verwunderlich, dass er eingeschlafen war. Die Nacht zuvor hatte er stundenlang wach gelegen. Gegen drei Uhr nachts war er in die Küche geschlichen, um etwas Saft zu trinken, und auf dem Rückweg in sein Bett hatte er leise die Tür zum Schlafzimmer aufgeschoben. Dort hatte er einen Moment lang gestanden und seine Eltern beobachtet: die dunkle Höhle des offenen Munds seiner Mum, die fettigen Haartentakeln seines Dads, die ungeordnet hier und da seine rosige Kopfhaut entblößten. In dieser Nacht umgab sie etwas Fragiles und Kaltes, als sei ihnen das, was sie real machte, ausgesogen worden. Beinahe könnte man sie für tot halten. Tims Herz hatte geflattert, und sein Atem stockte in seiner Kehle, als er sie ansah. Sechs Wochen weg von zu Hause. Ein Sommer in Irland mit einer Tante und einem Onkel, denen er nie begegnet war. Wie konnte man so ängstlich und gleichzeitig so aufgeregt sein?

Sie hätten beide reisen sollen. Tim und Mum. Das war der Plan gewesen. Tims Tante Margaret – die Schwester seiner Mum – schickte ihm jedes Jahr verlässlich eine Geburtstagskarte. Es stand immer dasselbe drin, in derselben geschwungenen Handschrift: Herzlichen Glückwunsch, Tim, alles Liebe, Mags. (Mum nannte sie nicht »Mags«. Bei ihr hieß sie stets »Tante Margaret«.) In den letzten Jahren hatte sie hinzugefügt: Wir würden euch gern alle sehen. Ihr seid herzlich eingeladen, über den Sommer zu Besuch zu kommen.

»Können wir hinfahren?«, fragte Tim dann jedes Mal. »Bitte?«

»Dieses Jahr nicht«, antwortete Mum. »Aber irgendwann ja.«

Und am Ende reisten sie nach Cornwall. Wieder. Nicht, dass Tim Cornwall nicht mochte. Aber er hätte gerne mal etwas anderes gesehen. Die Fahrt dorthin dauerte ewig, und er hasste es, so lange Zeit niemanden Gleichaltriges zu haben. Im letzten Jahr hatte er sich gewünscht, dass sein bester Freund Mark mitkam. »Er hat schon gefragt, und er darf«, hatte Tim gebettelt.

Mum hatte mit dem Zeigefinger gedroht. »Mich hat er nicht gefragt. Nein, er darf nicht mit.«

»Es ist ein Familienurlaub, Tim«, hatte Dad erklärt. »Keine Einladung an jedermann. Wir können nicht einfach irgendwen mitnehmen.«

Tim hatte geschmollt. Mark war nicht »irgendwer«. Aber seine Eltern ließen sich nicht überreden.

Im Frühjahr hatte Tante Margaret dann Mum ihre »Neuigkeit« mitgeteilt. Sie bekam ein Baby, irgendwann im September. Das war es, hatte Tim gedacht. Diesmal würde es keine Einladung geben. Und als seine Geburtstagskarte mit den üblichen Glückwünschen ankam, hatte er verblüfft gelesen, dass sich eine vollkommen neue Möglichkeit für ihn eröffnete: Da du jetzt vierzehn bist, Tim, könntest du auch mal allein herkommen, falls deine Mammy und dein Daddy es erlauben.

Als er es Mum erzählte, hatte sie Dad angesehen. Sehr lange.

Schließlich hatte sie die Stirn gerunzelt und den Kopf geschüttelt. »Ich weiß nicht recht.«

Ich weiß nicht recht? Tim hatte mit einem klaren »Nein« gerechnet. Sogar einem »Auf keinen Fall«. »Ich weiß nicht recht« legte nahe, dass Hoffnung bestand. Er allein? Sicher würde er das nie dürfen.

Dad hatte sich über die Nase gestrichen und die Lippen geschürzt. Dann war er in der Küche auf und ab gegangen, hatte vor sich hin gemurmelt, mehrmals den Mund geöffnet und ihn gleich wieder geschlossen. Schließlich platzte er heraus: »Warum reist ihr zwei nicht? Bring du ihn hin, Joan. Sicher kann Margaret ein bisschen Hilfe gebrauchen, jetzt, wo sie … du weißt schon … wo das Baby kommt …«

Mum hatte erneut die Stirn gerunzelt. »Ich weiß nicht, Ed. Ich … Was ist mit Cornwall? Was ist mit …«

»Tu es einfach. Du warst seit den Beerdigungen nicht mehr drüben. Zeig Tim deine Heimat.«

Mums Eltern waren im Abstand von wenigen Monaten gestorben, als Tim ungefähr acht war. Er hatte sie nie kennengelernt, gerade mal gewusst, dass es sie gab. Beide Male war Mum hingereist, jeweils innerhalb von vierundzwanzig Stunden hin- und zurückgeflogen.

»Na los«, fuhr Dad fort. »Ein für alle Mal. Es wird Zeit.«

»Na gut«, hatte Mum seufzend gesagt. »Wir fahren hin.«

Einfach so? Tim war geschockt. Okay, also würde er nicht allein reisen, dennoch war es viel zu schnell entschieden. Ohne jedes Betteln seinerseits. Eltern waren manchmal wirklich schwer zu verstehen.

Alles wurde arrangiert. Sie sollten kurz nach Ferienbeginn abreisen. Tim freute sich richtig darauf. Er war noch nie mit einer Fähre gereist. Nie in einem anderen Land gewesen.

Und dann ging alles schief. Zwei Wochen vor ihrer Abreise. Er hatte ja geahnt, dass es zu schön war, um wahr zu sein.

Tim gab sich selbst die Schuld. Er hätte zurückgehen und seinen Zauberwürfel aufheben sollen, der ihm auf die Treppe gefallen war. Auf dem Weg ins Bett hatte er zu viel getragen, weil er nicht zweimal gehen wollte. Ein Glas kalte Milch in einer Hand, eine geviertelte Orange in der anderen, den frisch gebügelten Pyjama über einem Arm, seine Schultasche über der Schulter (ein letztes Lernen für die Sommerprüfungen) und den Zauberwürfel unter die Achsel geklemmt. Er hatte das Gesicht ins Kissen vergraben, als er Dad schreien hörte. Der Arzt im Krankenhaus sagte, dass Dad nicht der Erste war, der sich den Knöchel brach, als er eine Treppe hinauffiel. Und er sah auch nicht zum ersten Mal eine Verletzung, die durch einen unachtsam liegen gelassenen Zauberwürfel verursacht worden war. Ein komplizierter Bruch. Acht Wochen in Gips. So lange könnte er nicht arbeiten. Es war schwierig, Dad in die Augen zu sehen, vor allem, wenn er auf seinen Krücken umherhumpelte.

»Das war es dann mit der Reise«, sagte Mum. »Wir können Dad nicht allein lassen.«

Tim konnte sich nicht entscheiden, welches Gefühl schlimmer war – die Schuld oder die Enttäuschung. Jeden Tag, wenn er von der Schule kam, war Dad da. Sah sich eine Spielshow an, das Bein auf einen Hocker gelegt. Elend. Dad war es gewohnt, dauernd in Bewegung zu sein. Er war Gutachter bei einer Versicherung. Tim wusste nicht genau, was das war. Es hatte etwas damit zu tun, dass Leute Geld bekamen, wenn ihre Häuser voll Wasser gelaufen waren oder gebrannt hatten. Langweilig.

Tim wollte Fotograf werden. Er wollte zu den abgelegensten Orten reisen und Bilder mitbringen, die die meisten Leute noch nie gesehen hatten. Das war auch sein Plan für die Irlandreise gewesen. Nicht, dass Irland ein unentdecktes Land oder so wäre, trotzdem würde er dort viel fotografieren. Er hatte sich ausgemalt, wie er Dad seine Fotos zeigte und ihm alles über die Reise erzählte. Was sie gesehen hatten. Was sie unternommen hatten. Das hatte sich nun erledigt, und es gab nichts, worauf er sich freuen konnte. Deshalb waren ihm auch die Prüfungen egal. Er hatte Dad gesagt, dass die Matheprüfung »leicht« gewesen war, dabei war er ziemlich sicher durchgefallen. Der Sommer erstreckte sich vor ihm wie eine leere Straße – lang, grau und öde.

Bis zum Morgen des letzten Schultags. »Wir haben nachgedacht, Tim«, hatte Mum gesagt, während sie ihren dünn gebutterten Toast mit Zitronenmarmelade bestrich. »Stimmt’s, Dad?«

»Hmm? Was?« Dad sah von seinem Porridge auf. Mum zwinkerte. »Oh, ja, stimmt, haben wir.«

»Sag du es ihm«, sagte Mum und biss in ihren Toast.

Und da war es. Das Abenteuer. Mum hatte schon an Tante Margaret geschrieben und mit der Morgenpost deren Antwort bekommen. (Man konnte sie nicht einfach anrufen, denn Tante Margaret hatte kein Telefon.) »Wir vertrauen dir, Tim«, sagte Mum, nachdem Dad es erklärt hatte. »Wir erlauben dir, allein zu reisen. Das ist eine große Sache, Tim. Das verstehst du doch, oder?«

Tim nickte. Das war wirklich groß, ja, riesig.

»Es war keine einfache Entscheidung«, sagte Dad. »Aber, na ja … du wirst langsam groß und …« Er streute sich mehr Zucker auf sein Porridge. »… glaub mir, es wird dir guttun, eine Weile rauszukommen. Dann lernst du schätzen, was du zu Hause hast.«

»Dad hat recht«, sagte Mum. »Tante Margaret sagt, du darfst gerne bleiben, bis die Schule wieder anfängt. Sie wird gut auf dich aufpassen, genauso wie dein Onkel PJ. Ich habe ihn zwar erst einmal gesehen, bei Daddys Beerdigung, aber er scheint ein netter Kerl zu sein.«

Tim konnte es gar nicht fassen.

»Ich wollte nicht, dass du denkst, ich hätte dir deine Ferien ruiniert«, sagte Dad.

Tim widersprach: »Aber ich war es doch, der …«

»Es war ein Unfall. Gib dir nicht die Schuld.« Dad schenkte sich eine Tasse Tee ein. »Schwamm drüber.«

»Und du … ist es in Ordnung, dass ich fahre? Alleine?«

Mum stand auf, strich ihren Rock glatt und begann, den Frühstückstisch abzuräumen. »Jetzt beeil dich, sonst kommst du zu spät.«

Dad beugte sich zu Tim und flüsterte: »Sie musste ein bisschen überredet werden. Du weißt ja, wie sie ist.«

»Wenn ihr nicht wohl dabei ist, fahre ich vielleicht lieber nicht.«

»Du fährst und amüsierst dich, mein Sohn.« Lächelnd boxte er Tim mit einem angedeuteten Schlag gegen die Wange.

Wenige Tage später war Tim auf dem Weg nach Holyhead, um die Drei-Uhr-Fähre zu nehmen. Mum fuhr, und Dad lag ausgestreckt auf der Rückbank und gab ihr Anweisungen. Er machte alles nur noch schlimmer, denn sie war so schon nervös genug. Sie konnte Auto fahren, auch wenn sie sonst nur kurze Strecken fuhr. Zum Einkaufszentrum. In den Ort. Strecken, die sie gut kannte. Bis sie ankamen, hatte ihr Gesicht fast dieselbe Farbe wie das Meer. Graugrün.

Im Wartesaal schüttelte Dad Tims Hand. »Viel Glück auf deiner Reise, mein Sohn«, sagte er sehr ernst.

»Es ist die Irische See, Dad, nicht der Pazifik.«

Dad angelte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und holte eine Handvoll irische Geldscheine heraus.

Tim zählte sie. »Dreißig Pfund? Danke, Dad!« Er stopfte das Geld in seine Jeanstasche.

»Fünf pro Woche«, sagte Dad. »Das heißt, wenn du die ganzen Ferien bleibst. Warten wir ab, wie du klarkommst, ja? Lass es auf dich zurollen, wie es so schön heißt.«

Mum zog einige zerknüllte rosa Klopapierblätter aus ihrer Handtasche und presste sie an ihre Nase. Ein komischer Laut drang aus ihrer Kehle. Wahrscheinlich wäre es weniger aufgefallen, hätte sie einfach losgeheult, anstatt die Tränen unterdrücken zu wollen. Dad versuchte, einen Arm um sie zu legen, aber nur mit einer Krücke konnte er das Gleichgewicht nicht halten. Er hüstelte. »Na, na, Joan. Alles wird gut.«

Mum umarmte Tim lange und fest. »Schreib uns, sowie du da bist«, sagte sie, als sie die Umarmung löste und sein Gesicht mit beiden Händen umfing. »Sag Bescheid, dass du gut angekommen bist. Vergiss das nicht.«

»Werde ich nicht«, sagte er und wich zurück. »Versprochen.«

Sie hielt seine Hand so lange fest, wie sie konnte, und ließ ihn erst los, als Dad sagte, dass Tim wirklich an Bord gehen müsste. »Wir wollen doch, dass er noch einen Platz bekommt, Schatz. Sieh dir an, wie viele Leute das sind.« Er klopfte Tim auf den Rücken. »Viel Spaß, mein Sohn«, sagte er grinsend. »Und tu nichts, was ich nicht auch tun würde, ja?« Mum knuffte ihn mit dem Ellbogen und zog eine Grimasse. Sie bemühte sich, nicht zu lachen.

Tim wandte sich ab, und ein Lächeln umzuckte seine Lippen, als er auf die Fähre zuging. Kurz bevor er das Schiff betrat, in allerletzter Sekunde, drehte er sich um, und sein Blick begegnete dem seiner Mutter. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten; vielleicht lag es daran, dass er zwischen Festland und Meer schwebte, auf jeden Fall galoppierte etwas Wildes, Kribbelndes über seinen Körper, und er musste sich an der Reling festhalten, weil ihm schwindlig wurde. Im Innern der Fähre ließ er sich auf den ersten freien Platz fallen, zog die Knie an die Brust und schlief innerhalb von Minuten ein.

Als er erwachte, fragte er sich, was um ihn herum vorgegangen sein mochte, während er schlief. Waren seine Sachen angefasst worden? Fehlte irgendwas? Eilig öffnete er die Schnalle seines Rucksacks. Das Essen, das Mum ihm mitgegeben hatte, war noch da – eine Tupperdose mit Schweinefleischpastete, ein hart gekochtes Ei und ein Stück Biskuitkuchen. Tim schlang je einen Bissen von der Pastete und dem Ei herunter und stopfte sich den Kuchen in den Mund. Er griff tief in den Rucksack, vorbei an der Kleidung, die Mum so ordentlich gepackt hatte: die Jeans und T-Shirts gerollt, die gefaltete Regenjacke in dem dazugehörigen Beutel; die Socken und die Unterwäsche in die blanken braunen Schuhe gestopft, die sie unbedingt für ihn kaufen wollte. Tim hätte sich nicht geärgert, wären die Schuhe gestohlen worden. Er konnte sich sowieso nicht vorstellen, die anzuziehen. Er tastete weiter. Uff, seine Kamera war noch da, fest eingewickelt in seinen Cricket-Pullover.

Als er die Hand wieder herauszog, glitten seine Finger über das glatte Deckblatt eines Zeichenblocks. Er stöhnte. Sein Kunstprojekt für den Sommer. Den Block hatte Tim in letzter Minute ins Gepäck gestopft. Miss Thistle, seine Kunstlehrerin, erwartete, dass der Block »komplett voll« war, wenn er im September zurückkam. Tim mochte Kunst, aber bei Miss Thistle machte der Unterricht viel weniger Spaß, als er sollte. »Komplexe Muster in unserer natürlichen Umgebung« lautete das Thema, das sie bestimmt hatte. Bei ihr hörte es sich so langweilig an wie Mathe. Wenigstens erlaubte sie außer Zeichnungen auch Fotos. Tim konnte seine Kodak nutzen und den Film entwickeln lassen, wenn er wieder zu Hause war. Er stand auf und hängte sich seinen Rucksack über eine Schulter. Im Gehen fühlte es sich an, als würde sich die Fähre immer noch bewegen: Seine Schritte schwankten und federten, als hätte sich die Schwerkraft verändert. Passierte das, wenn man an einen fremden Ort kam? Ist die Fremde einfach eine andere Art von Realität? Auf der Gangway schlug sein Herz schneller. Obwohl er es besser wusste, konnte er nicht aufhören zu denken, dass er etwas vergessen hatte.

Dún Laoghaire. (Ausgesprochen »Dun Leery«, hatte Dad gesagt.) Da hatte die Fähre angelegt. In den Atlanten und auf den Karten, die Tim vor seiner Reise studiert hatte, war es unterschiedlich geschrieben worden – Dún Laoghaire, Dun Laoire, Dunleary –, was ein bisschen verwirrend war. Andererseits war an diesem Tag alles verwirrend. Sogar das Licht war mal scharf und blendend, dann wieder verwaschen und weich. Und alles drum herum – die sich auflösende Menschenmenge, die Autoschlange, die aus dem Bauch der Fähre kroch, die zerklüftete Stadtsilhouette aus Türmen und Dachgiebeln. Es gab ihm das Gefühl, mit anderen Augen zu sehen, als steckte er in einem anderen Körper, wäre eigentlich gar nicht der vierzehnjährige Tim Swift, das einzige Kind von Joan und Edward, das dreieinhalb Stunden zuvor Holyhead verlassen hatte. Und er war sich sicher, dass er auffiel wie ein Tropenfisch in einem Schwarm von Gartenvögeln.

Er setzte sich auf eine niedrige Mauer und wartete auf Onkel PJ, wie ihm gesagt worden war. »Keine Sorge, er wird dich erkennen«, hatte Mum gesagt. »Ich habe Tante Margaret ein Bild geschickt.« Aber wie sah PJ aus? Was für ein Mensch war er? Es war seltsam, auf jemanden zu warten, den man nicht kannte. Der einzige Onkel, den Tim bisher kannte, war Dads jüngerer Bruder, John. »Sanftmütiger John«, nannte Mum ihn. Er und Dad standen sich sehr nahe – weil es nur sie zwei gab, als sie groß wurden; keine anderen Geschwister.

Mum kam aus einer größeren Familie. Sie war die Älteste, Tante Margaret die Jüngste, und dazwischen gab es vier oder fünf Brüder, die alle vor Jahren nach Kanada ausgewandert waren. Das war so ziemlich alles, was Tim wusste. Mum redete nicht viel über ihre Kindheit, woher sie kam und solche Sachen.

Tim blickte auf. Die helle Wolkendecke war von jener Sorte, die jeden Moment Regen ausschütten oder einfach aufbrechen und den blauen Himmel durchlassen könnte. Die Geräusche und Gerüche – das elektrisierende Rauschen der Wellen, die klagenden Schreie der Möwen, bittere Abgase, der brackige Seetang: Ihm war, als müsste ihm all das irgendwie vertraut sein, als müsste er es kennen. Vielleicht hatte es ihm mal jemand beschrieben, dessen Erinnerungen zu Tims geworden waren. Und wie die Leute redeten, dieser Akzent. Sie alle klangen wie Mum.

»Tim, richtig?« Eine Bohnenstange von einem Mann erschien. Tim musste sich zurücklehnen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Sein Haar war ein Wust aus orangeroten Locken, genauso wie sein Bart. »Ich bin dein Onkel PJ.« Er streckte die Hand aus, und Tim nahm sie. Die Kraft seines Händedrucks hatte etwas Beruhigendes. Nachdem das Vorstellen beendet war, griff PJ nach Tims Rucksack. »Hier entlang«, sagte er und ging schnell los.

Tim rutschte von der Mauer und folgte ihm. Er sah seinen Onkel aus der Menschenmenge ragen, als er im Zickzack hindurch eilte. Tim musste fast laufen, um mitzuhalten. Sie gingen am Ufer entlang, dann über die Straße, wo PJ den Autos auswich und drüben in einer Seitenstraße verschwand. Tim fiel zurück, wartete auf eine Lücke im Verkehr und holte gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie PJ seinen Rucksack hinten in einen staubigen tabakbraunen Hiace-Transporter warf.

Während sich sein Onkel hinter das Lenkrad klemmte, kletterte Tim auf den Beifahrersitz, und der Transporter fuhr los, brauste hinaus auf die Hauptstraße und geradewegs über eine rote Ampel, begleitet von einem Hupkonzert, das erst verklang, als sie an der nächsten Kreuzung rechts abbogen.

Tim hatte Mühe, es sich in dem Wagen bequem zu machen, weil der Fußraum vollgestopft war mit schwarzen Gummistiefeln, an denen eine dicke Schicht von etwas haftete, das wie frischer Kuhmist aussah und roch, mit einer großen Plastiktube Fliesenkleber, mit dem Oberteil einer Spitzhacke und einem Glas Maxwell-House-Kaffee voller Nägel. Auf dem Armaturenbrett lagen lauter Papiere: handgeschriebene Quittungen, Strafzettel für Falschparken, braune Papiertüten mit Zahlenkritzeleien. Und eine Keksdose, auf deren verbeultem Deckel das Wort »Schrauben« eingekratzt war, klemmte zwischen den Vordersitzen. Tim rutschte hin und her und bewegte die Füße, bis er eine Lücke gefunden hatte. Sobald er richtig saß, betrachtete er seinen Onkel aus dem Augenwinkel. PJs Kopf – oder zumindest sein Haar – berührte das Wagendach, und seine Knie kamen seinen Armen in die Quere. Er strich mit der rechten Handfläche über das fellbezogene Lenkrad und pfiff durch die Zähne, allerdings nicht sehr melodisch. Mit den langen, schlaksigen Gliedmaßen und dem wirren Haar sah er für Tim wie eine Kreuzung zwischen einem Löwen und einer Giraffe aus. Eine Art Mutation in senffarbenem Sakko und schlammbespritzter brauner Hose.

Als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, brach PJ das Schweigen und fragte Tim, wie die Überfahrt gewesen war.

»Die war … die war okay.«

»Hat ordentlich geschaukelt, was?«

»Äh, ein bisschen. Kann sein. Ich glaube, ja«, antwortete Tim.

»Weißt du es nicht mehr?«

»Ich … ich habe geschlafen.«

PJ sah kurz zu ihm und wieder auf die Straße. Meilen flogen dahin, ohne dass einer von ihnen etwas sagte. Tim kam sich komisch vor. Nicht, dass sein Onkel unfreundlich wäre, aber er tat auch nicht direkt viel, damit Tim sich wohlfühlte.

Während der Fahrt war links von ihnen hier und da das glitzernde blaue Meer zu sehen. Sie fuhren durch einen kleinen, belebten Ort mit engen Straßen, die kaum genug Platz für den Verkehr boten. Plastikeimer, Schaufeln und aufblasbare Schwimmringe baumelten in allen Regenbogenfarben vor den Schaufenstern und drehten sich klappernd und flappend im Wind. Scharen von Menschen füllten die Gehwege und strömten auf die Straßen – die Feriengäste. Kinder in T-Shirts schwenkten Eiswaffeln, schlendernde Erwachsene zeigten ihre sonnenverbrannte Haut. Einheimische Frauen schleppten Plastiktüten voller Einkäufe, und wettergegerbte alte Männer stützten sich auf Gehstöcke und beobachteten, wie die Welt an ihnen vorüberzog. PJ schien genervt, weil er wegen der vielen Leute nur im Schneckentempo vorankam. Jedes Mal, wenn er bremsen musste, murmelte er leise etwas vor sich hin.

Sie ließen Meile um Meile hinter sich. Stellenweise brach der Himmel auf und warf flüchtige Sonnenflecken auf die Weiden voller Schafe. Schließlich stieg die Straße an, und von seiner erhöhten Warte aus konnte Tim nun einen größeren Teil der Irischen See sehen. Weit draußen am diesigen Horizont entdeckte er den weißen Fleck der Fähre auf der Rückfahrt nach Wales. Bei ihrem Anblick schlug sein Herz schneller, da ihm klar wurde, welche Entfernung er zurückgelegt hatte. Er hoffte, dass es nicht mehr weit war bis Lissenmore, dem Dorf von Tante Margaret und PJ. Tim versprach sich nicht viel von dem Ort. Als er ihn auf keiner Karte finden konnte, hatte Dad gesagt, dass es eher eines dieser Dörfer sein dürfte, die man verpasste, wenn man einmal kurz blinzelte. Es lag nicht allzu weit weg von dem Dorf, in dem Mum geboren war; ungefähr dreißig Meilen oder so. Wenigstens so viel hatte Tim ihr entlocken können.

»Jetzt ist es nicht mehr weit«, sagte PJ, der anscheinend Tims Gedanken lesen konnte. »Auf der anderen Seite von dem Hügel da.« Er bog nach rechts ab. Der Hügel ragte wie der gebogene Rücken eines erwachenden Ungeheuers aus dem Boden auf, und als sie näher kamen, sah Tim, dass die Hänge wie von einem Fell aus lila-grüner Heide bedeckt waren, an der Hügelkuppe hingegen blasser Fels herausstach gleich Knochen.

Am Fuß des Hügels erreichten sie eine Kreuzung, an der ein Mann mit einer Schirmmütze und in einem dunklen Anzug und eine Frau mit Kopftuch und einem Fahrrad neben einer buttergelben Telefonzelle standen und sich unterhielten. Der Mann grüßte, und PJ hupte, als er an ihnen vorüberfuhr, ohne das Tempo zu drosseln. Die Straße verbreiterte sich, und links, am Rand einer kürzlich gemähten Weide, steckte ein weißes Metallschild, auf dem in großen schwarzen Lettern »Lissenmore« stand. Tim fiel ein Sportplatz mit seltsam aussehenden Toren zur Rechten auf und dahinter ein Gebäude, von dem er annahm, dass es sich um eine Schule handelte – ein langer Fertigbau, dessen asphaltierter Hof verlassen und dessen Tor über den Sommer mit einem Kettenschloss verriegelt war.

Das Dorf war ein freudloser kleiner Ort, bestehend aus einer Hauptstraße, die von verstaubten, altmodischen Läden gesäumt war. Sie hatten alle schon bessere Tage gesehen. Bei einem waren die Schaufenster mit vergilbten Zeitungsseiten verklebt, die Auslagen eines anderen bestanden aus spärlichen, ausgeblichenen Cornflakes-Packungen und Bohnendosen. Links reihten sich winzige Cottages aneinander, deren Türen direkt zur Straße gingen, und ihnen gegenüber stand ein großes graues Haus, von dem eine Hälfte das Postamt zu sein schien. Ein buckliger alter Mann saß in einem Lehnstuhl vor der offenen Tür einer Art Bar – kastanienbraune Fassade und einige Bierflaschen im Fenster, auf dem in verblassten Buchstaben »Whiskey Bonder« zu lesen war. Der schläfrige Hund zu Füßen des Mannes hob den Kopf, als der Transporter vorüberfuhr, doch der Mann bewegte sich nicht, was Tim an die Wachsfiguren erinnerte, die er auf seinem einzigen Ausflug nach London bei Madame Tussaud’s gesehen hatte.

Der verschlafene Eindruck des Dorfes wandelte sich am Ende der Straße ein wenig. Dort, an der Ecke, war ein Laden, der alles und jedes anbot, ging man von den vielen Dingen aus, die im Schaufenster und vor dem Geschäft auslagen: von Obst und Gemüse über Schubkarren, von Eiscreme bis zu Farbdosen schien Kavanagh’s alles zu haben. Tim beobachtete, wie einige Teenager aus dem Laden kamen. Zwei Jungen und ein Mädchen. Tim bemerkte, wie der größere Junge für ein, zwei Sekunden zu dem vorüberfahrenden Transporter sah. Sein Haar war vom Rotbraun eines Eichhörnchens, kurz geschnitten an den Seiten und mit einem fransigen Pony, der ihm über das eine Auge fiel. Er stieß den pummeligen Jungen neben sich an, der ebenfalls in Tims Richtung sah. Tim wurde mulmig. Man hatte seine Ankunft in Lissenmore bemerkt. Unwillkürlich rutschte er tiefer auf dem Autositz, als sie das Dorf hinter sich ließen.

Er raffte seinen Mut zusammen und fragte: »Wohnt ihr nicht im Dorf?«

»Nein, eine halbe Meile weiter oben«, antwortete PJ.

Die Straße verlief in einem Linksbogen, dann krümmte sie sich nach rechts und erneut nach links, ehe sie so schmal wurde, dass Tim sich fragte, was wäre, sollte ihnen ein Wagen entgegenkommen. Drum herum war alles grün – Felder, Hecken, Bäume – und kein Haus oder irgendeine andere Spur von Leben. Tim war ein bisschen enttäuscht. Waren sie inzwischen nicht schon eine halbe Meile gefahren? Er sah zu seinem Onkel hinüber, doch PJ machte keinerlei Anstalten, langsamer zu werden. Tim war es gewohnt, in einer Straße voller Häuser zu wohnen, mit einer Bushaltestelle vor der Tür und Läden an der Ecke. Bücherei, Schwimmbad und Kino waren allesamt zu Fuß zu erreichen. Er sah durchs Fenster in die öde Landschaft. So sieht das Nichts aus, dachte er. Und ich bin mittendrin.

»Wir sind fast da«, verkündete PJ, als sie an einem einsamen Haus auf der rechten Seite vorüberkamen – einem gedrungenen Cottage mit Kieselrauputz, das halb hinter knorrigen Bäumen versteckt war. Mit dem bemoosten Dach und den schmuddeligen Spitzengardinen in den kleinen Fenstern sah es nicht bewohnbar aus. Trotzdem flatterte Wäsche an einer quer über den teils betonierten Hof gespannten Leine, und ein zotteliger schwarz-weißer Hund, der an einen Torpfosten gebunden war, kläffte beim Anblick des Transporters wie irre los. Nahe der Haustür schlugen einige kleine Jungen mit Stöcken aufeinander ein. Einer von ihnen löste sich aus der Gruppe, kam auf die Straße gerannt, schwang seinen Stock über dem Kopf und brüllte etwas, das Tim nicht verstand.

Kurz darauf verlangsamte PJ das Tempo. »Hier sind wir«, sagte er und bog nach links in eine breite Lücke zwischen zwei Tannen.

Da war sie. Tante Margaret. Sie wartete auf dem Hof und lächelte von einem Ohr zum anderen. Eine Hand hielt sie sich an den runden Bauch, mit der anderen winkte sie aufgeregt.

PJ parkte den Transporter, sprang heraus und schlug die Autotür hinter sich zu. Tante Margaret kam herbeigelaufen und öffnete die Tür auf Tims Seite, ehe er es selbst tun konnte. »Du bist heil angekommen!«, rief sie.

Tim stieg aus; von der Fahrt waren seine Beine wacklig. Tante Margaret sah jünger aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Und sie war seiner Mutter sehr ähnlich. Kleiner zwar und ein kleines bisschen pummelig mit orangebraunen Sommersprossen auf dem Gesicht und den Armen. Ihr dickes, fast schwarzes Haar war kurz geschnitten, sodass ihr Hals betont wurde, und ihre dunklen, tief liegenden Augen glänzten wie Kieselsteine im Wasser. Sie trug ein leuchtend gelbes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen und eine kurzärmlige dunkelblaue Strickjacke über den Schultern.

»Hallo, Tante Margaret«, sagte Tim.

Sie zog ihn an sich und umarmte ihn fest. »Ich bin Mags«, hauchte sie in sein Haar. »Nenn mich Mags, in Ordnung?«

Tim war ein bisschen verlegen. Sie roch nach Mehl, frischer Luft und Erde, und er fühlte, wie ihr harter Bauch gegen seinen drückte.

»Du bist ein hübscher Junge«, sagte sie, als sie ihn endlich losließ. »Wie groß du bist! Und, der Herr sei uns gnädig, sieh sich einer diese umwerfenden blonden Locken an!« Die Worte kamen etwas bebend aus ihrer Kehle. »Wir freuen uns so sehr, dass du uns besuchst. Stimmt’s nicht, PJ?«

PJ lud den Transporter aus. Er zerrte einen Zementsack heraus und wuchtete ihn in eine Schubkarre. »Was?«

Tante Margaret – Mags – verdrehte die Augen und lächelte Tim wieder an. »Tim«, sagte sie seinen Namen nun lauter. »Wir freuen uns, dass er bei uns ist.«

»Oh. Ja.« PJ zog Tims Rucksack aus dem Wagen und warf ihn herüber. Tim fing ihn auf und hielt ihn vor der Brust.

»Er ist in seiner eigenen Welt«, sagte Mags leise und legte einen Arm um Tims Schultern. »Ich schätze, er hat dir auf dem Weg von Dún Laoghaire her ein Ohr abgekaut, was?« Tim sah sie verdutzt an. »Ach, hör nicht auf mich, ich nehme dich nur auf den Arm. PJ war noch nie gesprächig.«

Während sie ihn zur offenen Hintertür führte, blickte Tim sich um. Das Haus war alt, hatte zwei Stockwerke, winzige Fenster und eine abblätternde gekalkte Fassade. Das Grundstück war von einer kümmerlichen Hecke eingefasst, die durch den morschen Zaun wuchs, und dahinter lagen weite Felder. In einer Ecke waren alte Möbel ordentlich aufgestapelt – ein kaputter Sessel, eine Kommode ohne Schubladen, ein schmiedeeisernes Bettgestell.

Mags führte ihn durch die Tür in einen großen Raum, der sich über die gesamte Hausbreite erstreckte. Zur Linken, in der Ecke hinten war die Küche, nach rechts der Wohnraum. Durch die Fenster drang nur wenig Licht nach innen, und zum Ausgleich, wie Tim vermutete, war alles in hellen, lebendigen Farben gehalten. Die unebenen Wände waren hüfthoch in Kirschrot gestrichen und Zitronengelb darüber, und der Boden war mit blutrotem Linoleum ausgelegt, das stellenweise durchgetreten war, sodass der alte Sandstein darunter hervorschien.

»Setz dich«, sagte Mags und zeigte auf einen runden Tisch mit einer gemusterten Wachstuchdecke. »Ich habe Abendessen gekocht. Du musst am Verhungern sein. Ich zeige dir hinterher dein Zimmer. Aber sicher musst du erst mal ins Bad, oder?«

Tim lächelte erleichtert, denn er hatte nicht zu fragen gewagt.

»Oben«, sagte sie. »Die zweite Tür links.« Tim rümpfte die Nase. Er konnte Essen riechen, von dem er wusste, dass er es nicht mögen würde.

Als er wieder nach unten kam, stellte Mags ihm einen Teller und ein Glas kalte Milch hin. Er hatte recht gehabt: dick geschnittener rosa Bacon, gestampfter Kohl und gekochte Kartoffeln, die aus der Schale platzten. Nichts davon mochte er. »So, das ist für dich«, sagte sie. »Dann hau mal rein.« Sie setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl.

»Gibt es auch … Soße?«, fragte Tim bemüht munter. »Oder Ketchup?« Beides würde gehen, Hauptsache, es überdeckte den Geschmack.

Mags streckte einen Arm aus und wuschelte ihm durchs Haar. »Warum willst du denn den Geschmack von so gutem Essen vernichten? Jetzt iss auf. Und wenn du fertig bist, habe ich Apfelkuchen als Nachtisch.« Sie beobachtete ihn aufmerksam, als er begann, das Fleisch zu schneiden, und lächelte jedes Mal breit, wenn er aufsah.

Es gab kein Entrinnen. Beim Kauen versuchte er, sich mit den Geräuschen abzulenken, die durch die offene Tür hereindrangen: das leise Muhen von Kühen, das entfernte Brummen von Landmaschinen, die zarten Töne verwehten Vogelgezwitschers. Er konzentrierte sich auf die Details seines Bestecks: die angelaufenen Gabelzinken, die stumpfe Klinge seines Messers, die facettierten Perlmuttgriffe. Alles, um nicht an das Essen zu denken. Das Ganze war eine Tortur. Die Kartoffeln waren nicht so schlecht, nachdem er die erdige Schale entfernt hatte. Und der Bacon war nicht das schlimmste Fleisch, das er je gegessen hatte. Aber der glitschige, zerkochte Kohl ging gar nicht. Er stocherte darin herum und hoffte, Mags würde nicht merken, dass er ihn nicht aß. Seine Wangen wurden heiß, während Mags ihn anstarrte. Er zerdrückte eine Gabel voll Gemüse mit Kartoffeln, steckte sie sich in den Mund und spülte sie mit einem Schluck Milch herunter. Abrupt schob Mags ihren Stuhl zurück, stand auf und ging hinüber in die Küche. Tim bekam ein furchtbar schlechtes Gewissen. Mags’ Atem ging schwer, als sie sich auf die Spüle stützte. Für einen Moment herrschte Stille, schließlich sagte sie etwas.

»Wie war es auf der Fähre?«

Tim zuckte zusammen. »Gut, danke.«

»Bist du gut klargekommen? Hast du dich gar nicht komisch gefühlt?«

Er schluckte ein ganzes Stück Bacon. »Kann sein. Ein bisschen.«

Sie drehte sich sehr schnell um. »Hast du? Wie? Wie genau?«

»Ich … ich weiß nicht.« Die Schärfe der Frage erschreckte Tim. »Eigentlich kann ich es nicht beschreiben. Vielleicht … vielleicht bloß, weil ich noch nie vorher auf einem Schiff gewesen bin.«

Ihre Augen guckten ihn an wie die eines Vogels. Sie öffnete den Mund und holte Luft, als wollte sie etwas sagen, aber dann machte sie ihn wieder zu und ging an Tim vorbei nach draußen. Tim starrte sein Essen an und fragte sich, wie lange sie weg sein würde; ob ihm genug Zeit blieb, alles unbemerkt in den Müll zu schaben.

Dann jedoch war sie zurück. Ihre Augen waren weit aufgerissen und glänzten, und ihre Wangen waren ganz rot. »Ist schon gut«, sagte sie und nahm seinen Teller. »Ich nehme an, du bist eher an … anderes gewöhnt? Fish and Chips? Bratwurst mit Kartoffelbrei? Du hast dein Bestes gegeben. Das ist alles, worauf es ankommt.« Sie schniefte und hielt den Kopf gesenkt, als wollte sie nicht, dass Tim ihr Gesicht sah.

Weinte sie? War sie deshalb aus dem Haus gegangen?

Tim fühlte sich furchtbar. Könnte sie so gekränkt sein, weil er ihr Essen nicht mochte? Er grub die Fingernägel in seine Handflächen. »Es tut mir leid.«

»Was in Gottes Namen muss dir denn leidtun?«, fragte Mags und strengte sich merklich an, munter zu klingen.

»Ich … ich weiß nicht. Das Abendessen, meine ich …«

»Ach, sei nicht albern«, sagte sie lächelnd. »Du musst dich nicht entschuldigen, hast du gehört?« Sie legte ein Stück Apfelkuchen in ein Schälchen und goss Sahne darüber. »So, hier. Der wird dir sicher schmecken.«

Er war gut. Mehr als gut. Warm und süß und köstlich. Während Tim aß, beobachtete er, wie sie mit einem Lappen die Spüle auswischte, immer wieder. Sie schien ganz in Gedanken versunken, still und konzentriert, und Tim fragte sich, ob sie vergessen hatte, dass er da war. Dann drehte sie sich um, als er gerade den letzten Happen schluckte.

»Na komm«, sagte sie. »Ich zeige dir dein Zimmer.« Sie führte ihn die schmale Treppe hinauf und bis ans Ende des oberen Flures. »Ich hoffe, das ist in Ordnung. Ich habe PJ gebeten, es auszuräumen und für dich zu renovieren.« Es war recht groß und hatte zwei Fenster – eines zur Vorderseite des Hauses, das andere zur Rückseite. »Dann lasse ich dich mal in Ruhe, damit du dich einrichten kannst«, sagte sie und schloss die Tür halb, als sie ging.

Tim blickte sich um. Es war alles eilig gemacht worden. Die Tapete warf stellenweise üble Blasen, und keine der Bahnen war richtig angesetzt worden, sodass das altmodische Muster von gelben Kletterrosen einen aberwitzigen Verlauf nahm. Ein orange und smaragdgrün gesprenkelter Teppich bedeckte den Boden, war jedoch verschnitten worden, weshalb er knapp vor den Fußleisten endete. Die holzvertäfelte Decke war lila gestrichen, und die dünnen, ungesäumten weißen Vorhänge sahen aus, als wären sie mal Bettlaken gewesen. An einer Wand stand ein kleiner, ziemlich wackliger Mahagoni-Kleiderschrank mit verspiegelten Türen, und unter dem vorderen Fenster stand eine weiß gestrichene Kommode.

Tim öffnete seinen Rucksack. Er packte seine Sachen ordentlich weg und stellte seine Kamera oben auf die Kommode. Dann legte er sich aufs Bett. Er mochte den Geruch von frischer Farbe und neuem Teppichboden, und er freute sich, dass sie sich so viel Mühe gemacht hatten, auch wenn ihm davon ein bisschen schwindlig wurde. Er hörte Mags wieder nach oben kommen und leise an seine Tür klopfen, bevor sie hereinkam.

»Alles in Ordnung?«

»Sehr gut, danke«, antwortete Tim.

»Erschöpft von der weiten Reise, ist es nicht so?«, fragte sie, als sie ihn auf dem Bett sah. »Eine lange Reise, wenn man ganz alleine ist.« Sie beugte sich für eine Sekunde über ihn, als überlegte sie, sich auf die Bettkante zu setzen. Doch sie trat wieder weg und sah stattdessen aus dem hinteren Fenster. Ihr Gesicht schimmerte im letzten Abendlicht, und sie strich sich mit einer Hand über den runden Bauch.

Tim fragte sich, wann genau ihr Baby kommen sollte, wollte aber nicht fragen. Die Vorstellung, dass ein anderes Leben in ihr war, ein kleines, zappelndes Wesen, das darauf wartete, aus ihr herauszukommen, war ihm unheimlich.

»Übrigens«, sagte Mags in einem leisen Flüstern, »kannst du von hier das Meer sehen. Wenn du über die Felder gehst, kommst du zu den Klippen von Faranboy. Ich bin heute hier raufgekommen, weil ich dachte, ich könnte vielleicht die Fähre sehen, und … ich glaube, das habe ich. Sie war nur ein kleiner Punkt, aber ich bin sicher, ich habe sie gesehen. Und ich habe daran gedacht, dass du da drauf bist, weit draußen, mitten auf dem Meer. Und jetzt bist du hier, in diesem Zimmer, und …« Sie drehte sich zu ihm um und ließ sich aufs Bett nieder. »Was war seltsam an deiner Reise?«

Tim rutschte rüber, um ihr mehr Platz zu machen. Er war unsicher. Warum wollte sie das wissen? Es würde sich lächerlich anhören, wenn er es zu beschreiben versuchte. »Es … es war nichts. Es …«

»Nein, los, erzähl es mir«, sagte sie und blickte ihn unverwandt an.

Er kam sich blöd vor, als er ihr den Traum zu erklären versuchte und wie er sich beim Aufwachen gefühlt hatte. Aber sie lachte nicht oder grinste auch nur. Sie hörte ihm zu, nickte, als würde sie genau verstehen, was er zu schildern versuchte.

»Ich weiß«, sagte sie, als er fertig war.

»Dann warst du auch mal auf dem Schiff?«, fragte er und setzte sich auf.

»Ja, war ich. Ich war einmal drüben.«

»Und dir hat die Überfahrt auch nicht gefallen?«

»Kein bisschen.«

»Warst du drüben, um uns zu besuchen?«

»Ja.«

»D

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