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Das Geheimnis des perfekten Tages

Über dieses Buch

Die zentrale Frage des Morgens ist: Wie viel mehr Sinn steckt im Aufstehen als im Liegenbleiben? Und hat nicht jeder Zustand seine Berechtigung? Seine Selbstverständlichkeit? Ein Hahn denkt nicht nach über das Aufstehen. Ihm ist es auch egal, dass er an den Füßen keine Federn hat. Ich habe ebenfalls keine Federn an den Füßen, stehe dennoch nur ungern auf.

Ich liege. Ich lebe. Ich fühle mich wohl. Ich weiß, dass diese Feststellung auf irgendeine Art und Weise den Eindruck erzeugt, mir fehle die Tiefe. Aber warum sollte man sich nicht wohlfühlen? Man kann das Leben auch als Glücksfall begreifen! Ich sehe die Welt als Lebensort und nicht als Sterbehospiz. Sie ist bunt. In Indien stehen Sadhus für 20 Jahre auf einem Bein, um den Göttern ihre unabdingbare Unterwerfung zu beweisen. Ich glaube: Wenn Gott gewollt hätte, dass wir auf einem Bein stehen, hätte er uns das zweite nur für Notfälle im Rucksack mitgegeben.

Über den Autor

Dieter Nuhr studierte Kunst und Geschichte. Seit fast 20 Jahren ist er mit seinen Soloprogrammen auf Tour. Seine Vorstellungen sind durchweg ausverkauft. Er ist der einzige Künstler, der sowohl den deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett als auch den Deutschen Comedypreis und den Friedensnobelpreis (gemeinsam mit 500 Mio. anderen EU-Bürgern) gewonnen hat. Seine Bühnenshows sind die erfolgreichsten deutschen Kabarettprogramme aller Zeiten. Sein Buch DER ULTIMATIVE RATGEBER FÜR ALLES (Lübbe 2011) stand 79 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste.

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BASTEI ENTERTAINMENT

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05 21 „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!“, sagt der Volksmund. Dem kann ich nicht zustimmen. Nicht dass der Volksmund grundsätzlich Unrecht hätte, aber oft hat er auch schlechte Zähne, faulen Atem und keine Ahnung.

Man darf einen Tag auch ruhig schon vor 10:00 Uhr loben, wenn man beim Frühstück feststellen durfte, dass man im Lotto gewonnen hat, der Kläffer der Nachbarin entlaufen ist und die komischen Pusteln weg sind. Wenn dann um 18:00 Uhr Freund Hein vor der Tür steht, um einem mit der Sense ein Ende zu bereiten, dann hat man wenigstens noch einen ganzen Arbeitstag lang gute Laune gehabt.

Ich liege. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass der Tag noch gar nicht begonnen hat. Normalerweise schlafe ich wie ein Stein, wie ein Baby, eine Leiche oder ein Regierungsrat im Verkehrsdezernat. Jetzt aber bin ich kurz wach und freue mich, dass ich mich umdrehen und weiterschlafen kann.

Drehung nach rechts auf die Seite. Mir fällt eine weitere Weisheit ein, die völlig blödsinnig ist: „Du sollst das Fell des Bären nicht verteilen, bevor du ihn erlegt hast.“ Völliger Unsinn! Bären kommen fast nur noch im Zoo vor. Dort aber wird man mit dem Bärentöter gar nicht eingelassen. Mir wurden selbst kleine abgesägte Schrotflinten am Eingang weggenommen. Will man ein Bärenfell verteilen, sollte man sich an die örtliche Schmugglerbande wenden, die auch ausgestopfte Komodowarane, Krokodilleder am laufenden Meter und geriebene Rhinozeroshörner anbietet. Ich werde mich aus dem Geschäft aber lieber ganz heraushalten.

Man sollte den Tag so nehmen, wie er kommt, und sich freuen! Ich mache es so. Ein guter Tag beginnt selten mit den Worten: „Verdammte Hacke! Sodbrennen, Mundgeruch und Risse in der Hornhaut, wie scheiße kann das noch werden?“ Oft wacht dann auch der Lebenspartner auf und denkt: „Mit diesem Mann gehe ich durchs Leben. Morgen werde ich mir eine weit entfernte Grabstelle suchen! In Ewigkeit halte ich das nicht aus.“

Drehung linke Seite. Ich lobe den Tag! Egal wann! Uhrzeitunabhängig! Ich sehe die Chance und nicht das Risiko! Tief hängende Wolken und Graupelschauer im Juni sind vielleicht nur versteckte Zeichen für Sonnenschein in 8.000 Meter Höhe. Selbstverständlich hat das Wetter in unseren Breiten Spiel nach oben. Aber man muss auch bedenken: Wer ständig Sonne hat, freut sich nicht mehr darüber. Da kann man die zahlreichen Leichen in der Sahara fragen, die sind da garantiert einer Meinung mit mir!

Aber selbst wenn man sich in der Wüste verirrt hat, sollte man nicht den Mut verlieren. Wenigstens ist man gut gebräunt und sieht gesund aus, wenn man dem Tod ins Auge blickt. Oder man freut sich, wenn der Sonnenbrand aufhört zu schmerzen, weil die Lebensgeister verdunsten. Das ist allemal besser als das Schicksal jener, die vielleicht seit 30 Jahren tot sind, aber immer noch regelmäßig zur Arbeit gehen.

Das Dasein ist eigentlich ein angenehmer Zustand, vorausgesetzt, die Verdauung ist in Ordnung und die Warmwasseraufbereitung funktioniert! Gut, das Leben könnte etwas länger sein. Das Altern ist unangenehm. Und warum verkrumpeln Fußnägel? Aber das Dasein birgt auch wunderbare Seiten: der Schmetterling, der mit seinen bunten Flügeln auf der heißen Herdplatte Platz nimmt, ein letztes Liedchen singt und dann zurückkehrt in den Kreislauf aus Werden und Vergehen. Der wunderbare Eichelhäher im grauen Gefieder, der sich für seine Mittagsmahlzeit aus den Nestern kleinerer Vögel bedient und fremde Küken verspeist. Will man ihm deshalb Vorwürfe machen? Er ist ein Familienmensch und nicht gewillt, die eigene Brut zu vertilgen. Das ist doch verständlich! Dann nimmt man eben die anderen. Was soll’s!

Immer entspannt bleiben! So ist sie eben, unsere fantastische Natur. Ich freue mich, wenn ich einen Golden Retriever in freier Wildbahn beobachten kann! Mit Arthrose in der Hüfte schlurft er durch das Haus, weil er es nicht mehr bis nach draußen schafft, und verrichtet sein Geschäft auf dem Flokati-Teppich. Unsere Welt hat so viele bunte Seiten! Ich wälze mich auf den Rücken.

Wer positiv ins Leben blickt, hat mehr davon. Es ist eine Frage der Erwartung, ob etwas perfekt ist oder lächerlich. Die Schönheit liegt oft im Auge des Betrachters. Auch mächtig aus dem Leim gegangene Schlauchbootlippen, botoxgelähmte Gesichter, plastinierte Augenlider und gewaltsam aufgepumpte, aber im Laufe der Zeit der Schwerkraft gefolgte Riesenmöpse kann man schön finden, vor allem, wenn man sie bezahlt hat. Was soll das Hadern? Sind wir ehrlich: Vorher sah es auch nicht besser aus. Und wenn man selber eine von zu viel Alkohol aufgeschwemmte Plauze vor sich herträgt, als hätte man einen Medizinball verschluckt, dann sollte man demütig sein, wenn es darum geht, ästhetische Beurteilungen abzugeben.

Wer sein positives Lebensgefühl nicht verliert, hat nicht nur Glück gehabt, sondern auch die Sensibilität eines Schnitzelklopfers. Gut so! Ich will mir unbedingt mein sonniges Gemüt bewahren! Ich hüte mich vor jenen, die mir weismachen wollen, ein gutes Leben sei nur eine Frage der inneren Einstellung. Die haben keine Ahnung. Man braucht auch Alkohol, Sex und eine gewisse innere Gelassenheit, die ins Gleichgültig-Weggetretene oder ins Hypnotisiert-Betäubte changiert. Ich höre nicht auf die Psychoratgeber dieser Zeit, die so tun, als wären sie Schamanen. Als wüssten die, wo das Glück wohnt! Sie predigen Liebe, sind aber meist selber vier Mal geschieden und in ihren schäbigen Cordanzügen von Gin Tonic zerfressen, weil sie im Innersten wissen, dass sie nur hohle Phrasen dreschen, um uns allen den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen.

Das Leben ist ein Wunder! Aber ist es wirklich perfekt? Manchmal! Ganz selten ergreift mich das Gefühl, dass nichts schöner wäre, als wenn der gerade erlebte Moment ewig bliebe, wenn zum Beispiel der Verein meiner Nachbarstadt verloren hat. Das ist herzergreifend! Das Glück ist ein kurzer Moment! Wie pocht das Herz vor Freude, wenn man bei einer Polizeikontrolle mit 1,8 Promille durchgewinkt wird? Wie schön ist das Leben, wenn die Darmspiegelung nur eine leichte Reizung des Ileums ergeben hat?

Was macht einen Tag perfekt? Das ist ein Geheimnis! Aber ich bin sicher, irgendwann wird es gelüftet. Vielleicht noch heute. Wer weiß? Drehen, weiterschlafen. Nachts sollte man nicht grübeln, sondern träumen.

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WOHNZIMMER

Daraus, dass Sie gerade meine Gedanken lesen, schließe ich, dass bei Ihnen ein gewisses Grundinteresse an meiner Person besteht. Sie fragen sich vielleicht: Wer ist dieser Durchgeknallte? Wie lebt der? Wie wohnt er? Und weil Sie so nett fragen, will ich Ihnen gerne meinen Lebensraum öffnen. Schließlich prägen uns die Dinge, mit denen wir uns umgeben.

Das erste Foto zeigt übrigens die obere linke Ecke meines Wohnraumes. Sie besteht ausschließlich aus rechten Winkeln und ist damit nahe dem, was man als perfekte kubische Gestaltung bezeichnen könnte. Wir achten zu wenig auf die Kleinigkeiten, die uns das Leben schöner machen.

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07 30 Der Mensch ist zu vielen großen Taten fähig, aber was er wirklich perfekt beherrscht, ist das Liegen. Als Zweibeiner befindet er sich tagsüber im labilen Gleichgewicht. Einen Teil seiner Kraft muss er stets darauf verwenden, nicht umzufallen oder mit dem kleinen Zeh gegen den Couchtisch zu laufen. Nachts aber, wenn er schläft, gehorcht er der Schwerkraft und bildet eine plump daliegende Masse.

Im Zustand der Bewusstlosigkeit baut der Körper seine Energiereserven auf. Überschüssiger Hirnstrom wird in Träume umgesetzt. Fantasierend stelle ich fest: Ich bin blind, weil meine Augen verklebt sind. Alle Versuche, sie zu öffnen, scheitern, meine Kraft reicht nicht aus. Jemand hat mir offenbar Sekundenkleber als Eyeliner verkauft. Wieso benutze ich Eyeliner? Ich weiß es nicht. Im Traum passieren komische Dinge. Man fällt, brennt oder erblindet. Nie wieder werde ich einen Sonnenuntergang sehen können, ein lachendes Kind oder die Samstags-Sportschau. Panik!

In meiner Angst bemerke ich, dass ich an einem Abgrund stehe. Ich stürze. Im Traum wird gerne gestürzt, oft tiefe Klippen hinab. Unten brandet das Wasser bedrohlich gegen die Felsen. Ich schlage auf. Vom Aufprall geschockt bekomme ich unter Wasser keine Luft mehr, während große Tiere mit scharfen Zähnen an mir knabbern, eine lose-lose-lose-Situation.

Oft laufe ich im Traum auch nackt durch den REWE. Gott sei Dank bin ich wenigstens kein Schlafwandler. Es sollen schon Menschen aus schlimmen Albträumen erwacht sein, in denen sie ohne Kleidung im Supermarkt standen, nur um nach dem Aufwachen verdutzt festzustellen, dass sie nackt im Supermarkt standen. Sehr unangenehm.

07 31 Mein erster Gedanke im Wachzustand: War Jesus Nichtraucher? Ich bin mir nicht sicher, wie ich darauf komme, aber ich vermute, der letzte Rest meines Traumes spielte irgendwo in der Nähe von Golgatha. Gab es da irgendwo eine Raucherlounge?

Auch Winston Churchill, Helmut Schmidt und Lady Gaga haben angeblich von Kindesbeinen an auf Nikotin verzichtet, allerdings fast ausschließlich während sie schliefen, Schmidt sogar selbst dann nur widerwillig. Es macht eben den großen Charakter aus, dass er es schafft, der Sucht zu widerstehen. Er hört einfach auf mit der Qualmerei, und wenn es nur für fünf Minuten ist. Immer wieder sieht man große Geister ohne Zigarette, selten, aber immerhin! Meist suchen sie dann nach einer neuen Packung, nesteln in ihren Mänteln oder Taschen, in der Gewissheit, noch ein paar Kippen zu besitzen, die sie aber in Wirklichkeit schon vor Stunden weggequarzt haben.

Menschen sind süchtig, nach Qualm, Glücksspiel oder Nasenspray. Unser „Bewusstsein“, das eine Art innerer Herrschaft für sich in Anspruch nimmt, ist offenbar nur ein repräsentativer Herrscher, eine Art König ohne weitere Befugnisse, während die Triebe ihre Gewaltherrschaft verrichten, rauchen, Schokolade fressen und am Automaten spielen. Wie konnte sich so etwas in der Evolution durchsetzen? Keine Ahnung.

Spielsucht ist unter Weichtieren wenig verbreitet. Sind sie deshalb schlauer? Nein. Aber vielleicht besser organisiert. Tintenfische haben ein hochentwickeltes Gehirn und drei Herzen. Sie existieren seit Ende des Kambriums, sind also erheblich älter als Jesus Christus, aber ebenfalls Nichtraucher, obwohl ihnen selbst exzessives, tiefes Inhalieren kaum schaden würde. Sie haben keine Lunge, die geschädigt werden könnte, und würden selbst nach zwei Herzinfarkten noch über eine gesunde Ersatzpumpe verfügen. Sorgen sich Tintenfische um ihre Gesundheit? Wenigstens mühen sie sich nicht, einen geistigen Schein um ihr vom bloßen Überlebenswillen getriebenes Sein zu konstruieren.

Ich liege im Bett und lasse einen wirren Strom von Assoziationen über mich ergehen. Im Bottich meiner Erinnerungen steigen die Bilder der letzten Tage nach oben. Ein Foto von einem Pinscher erscheint in meinen Gedanken, darunter eine Nachricht: „Jedes Jahr treffen sich zahlreiche Menschen, um den ,hässlichsten Hund der Welt‘ zu wählen.“ Weshalb? Gibt es in der eigenen Art nicht genügend abstoßende Exemplare?

Statistisch gesehen besteht das Leben zu 98 Prozent aus Ungewissheit. Der Rest ist Stoffwechsel.

Aus Fragen werden Antworten, die neue Fragen generieren. Fakten bilden Gebirge aus Informationen: Jesus lebte nicht vegetarisch und hatte, wenn man Größe und Umfang aus mehr als 500 Gemälden alter Meister hochrechnet, einen BMI von 19, also leichtes Untergewicht. Lady Gaga dagegen trug Kleider aus Fleischlappen und hatte mit 21 einen Ruhepuls von 62. Zum Leistungssportler bringt man es damit nicht, außer beim Schach oder im Tor.

Stimmt das überhaupt? In diesen Zeiten kann man nicht mehr einfach irgendetwas erfinden. Heute trägt jeder einen Internetzugang mit sich herum, Google inklusive. Behauptungen werden heute nicht mehr einfach akzeptiert, sondern vor Ort online überprüft. Falsche Aussagen führen zur sofortigen sozialen Häme. Noch in der Kneipe wird vor versammelter Mannschaft festgestellt: Schmidt rauchte zeitweise Mentholzigaretten, oft zwei auf einmal, bei einem Ruhepuls von 198, aber sehr entspannt! Am Ende stehen alle zusammen, glotzen auf ihre Smartphones und stellen gemeinsam fest: Das Internet weiß auch nicht alles, aber immerhin hat man herausgefunden, in welcher Straße Scarlett Johansson wohnt. Auch nicht schlecht.

Ich merke, dass der gestrige Abend meine Gedanken beherrscht. Ein Treffen in der Kneipe, der übliche Verlauf. Floskelhafte Unterhaltung, dann App-Vergleich, downloaden, ausprobieren. Alle Anwesenden starren auf ihre Displays. Was wäre das Leben ohne Wasserwaage im Telefon? Wie hat man in der Urzeit gelebt ohne QR-Codescanner im Handy? Wie konnte man Bier trinken ohne Bier-App, die das iPhone zum Kölschglas werden lässt? In der Seitenansicht bildet der gelbe Pegel neigungstechnisch exakt den Horizont ab. Das virtuelle Bier ist der Schwerkraft angepasst, dank dreidimensionalem Bewegungssensor, ein Triumph der menschlichen Erfindungskraft. Es gluckert sogar. Wird es auch schal? Abwarten!

Das Leben muss so leer gewesen sein, damals in der guten alten Zeit. Kein Wunder, dass man freiwillig in den Krieg zog. Wahrscheinlich sagten sich die Menschen: „Die Erfindung des iPhones werden wir ohnehin nicht mehr erleben. Lasst uns Osteuropa überfallen.“ So nahm das Schicksal seinen Lauf. Schwarzweißbilder machen sich breit in meinem Kopf: regendurchnässte Schützengräben in Frankreich, halbvereiste Soldaten auf dem Rückweg aus Russland schleichen vorbei an jenen, die tiefgefroren am Wegesrand liegen. Die Funker funken nicht mehr. Kein Netz. Die Welt war früher ein einziges Funkloch. Entsetzlich!

Der Dritte Weltkrieg könnte irgendwann wegen einer fehlenden Flatrate verloren werden. Die westliche Welt steht kurz vor dem Sieg, da erscheint die Meldung: „Die Volumengrenze ihres Datentarifs ist erreicht. Zu Beginn des nächsten Monats steht Ihnen wieder die volle Bandbreite zur Verfügung.“ Todeskommandos wollen ihre Angriffe koordinieren, aber die MMS gehen nicht raus. Die Krieger fluchen. Dabei ist eh schon schlechte Laune. Im Display ist ein Sprung. Streifschuss. Die Partisanen werden über die Funktion „Ihr iPhone finden“ geortet und gefangen genommen und beschließen, nie mehr auf die dusseligen 3-Flats-in-einer-Angebote hereinzufallen. „Buchen Sie Ihre Flats flexibel“ hatte es geheißen. Aber wie, wenn an der Front immer wieder der Empfang abreißt? Hitler hat sich im Führerbunker vielleicht nur deshalb erschossen, weil er die Rechnung für die Auslandstelefonate seit 1939 erhalten hatte. Auch Historiker wissen nicht alles.

Während sich die Bilder vorwärtsbewegen, liege ich behütet im Warmluftraum unter meiner Daunendecke. Am Ende der Nacht gebiert der Schlaf Ungeheuer. Berlin 1945. Für viele, vor allem jüngere Menschen bedeutet diese Jahreszahl heute ähnlich viel wie die Ziffernkombination 333 (Schlacht bei Issos) oder 1789 (Uraufführung der komischen Oper „Der Schulz im Dorf oder Der verliebte Herr Doctor“ von Justin Heinrich Knecht in Biberach an der Riß). Ich aber bin ein Kind der Nachkriegszeit und habe noch schwarz-weiße Erinnerungen. Ich habe Sanostol und Caro-Kaffee getrunken. Ich will Frieden.

In der Folge: unruhiges Wälzen. Mein Weckprogramm berücksichtigt die Schlafphasen und kommt zu dem Ergebnis, dass nun der perfekte Zeitpunkt zum Aufwachen erreicht ist. Noch liege ich, aber häufiges Wenden erkennt mein Smartphone als sicheres Zeichen für das Erreichen meiner mentalen Dämmerung.

Ich liege im halbwachen Zustand da und denke darüber nach, ob der Tod auch im 21. Jahrhundert immer noch eine Sense benutzt. Oder kommt er im Morgengrauen auf einem fetten Sitzrasenmäher mit 13 Liter Tankvolumen, pendelnder Gussvorderachse, siebenfacher Schnitthöhenverstellung und elektrischer Messerkupplung? Heldenhaft durchpflügt der Sensenmann den Morgennebel! Dann röhrt sein 17,5-PS-Einspritzmotor die Nachbarschaft aus dem Bett, bevor er den Abzulebenden zerschreddert und im Grasfangkörbchen sammelt, um ihn der Ewigkeit zuzuführen. Ich fände das großartig. Ganz ehrlich! So habe ich mir meinen Tod immer vorgestellt: Wenn meine Seele den Körper verlässt, soll die Menschheit aufschrecken und sich fragen: Wo kommt der Krach her, morgens um sieben …?

Es gibt so vieles, was ich mir nicht erklären kann: Warum schellen die Zeugen Jehovas nicht mehr bei mir? Hätte ich mir beim Türöffnen etwas anziehen sollen? Körperliche Offenheit wirkt auf religiös blockierte Persönlichkeiten oft verstörend. Andererseits: Warum soll ich mir von ungefragt klingelnden Fremden vorschreiben lassen, was ich im eigenen Hause anzuziehen habe? Bin ich damals von zu Hause ausgezogen, damit nun, statt meiner Mutter, religiöse Kräfte die Bestimmungshoheit übernehmen?

Immer muss man sich nach anderen richten! Überall Fremdbestimmung! In der Kindheit ist es die Mutter, die einem dicke Socken aufzwingt, weil sie selber kalte Füße hat.

Später wird diese Rolle von der Freundin übernommen, die die Musik avantgardistischer Undergroundbands ablehnt und stattdessen Dancefloortaugliches vorschreibt.Am Ende wird die Herrschaft vom Staat übernommen. Er bestimmt, wie mein Grabstein auszusehen hat, wann ich einkaufen darf und wo ich rauchen soll. Dabei rauche ich gar nicht! Ist es eigentlich erlaubt, sich in einer Raucherlounge aufzuhalten, ohne zu rauchen, einfach weil man es liebt, sich über Raucher zu beklagen, die die Luft verpesten? Ich würde gerne Jesus fragen, aber er antwortet nicht. Und Winston Churchill ist tot. Exakt wie Jesus. Oder Ghandi. Wenn man eins aus der Geschichte lernen kann, dann ist es, dass auch die Unsterblichen sterben. Wenn ich es mir recht überlege, sind fast alle Unsterblichen bereits von uns gegangen. Und beim winzigen Rest ist es eine Frage der Zeit.

Ghandi war ein großer Mann! Eine Auferstehung hätte auch ihn als Religionsgründer qualifiziert. Leider ist es für Hindus schwer, ins Leben zurückzukehren, da sie noch am Tag ihres Hinscheidens verbrannt werden. Wäre Jesus Hindu gewesen, wäre Ostern zwei Tage zu spät für ihn gekommen.

Wer will schon den Rest seines Lebens in einem Aschenbecher oder einer Urne vor sich hin vegetieren, selbst wenn der Geist noch rege ist?

Wenn man älter wird, stellt sich im Bekanntenkreis immer häufiger die Frage: Begraben oder Brandbestattung? Ich fände es stilvoll, Nichtraucher zu begraben, Raucher aber zu verbrennen. Sie haben im Leben genug Restriktionen über sich ergehen lassen müssen, haben vor Türen in der Kälte gefroren und auf Langstreckenflügen dem Entzug standgehalten. Ihr letzter Weg soll dem Objekt ihrer Sucht entsprechen, Sie sollen verglühen wie die Sternschnuppen.

Raucher sind in diesen Tagen bedauernswerte Gestalten. Sie werden gezwungen, zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse speziell für sie aufgestellte Terrarien aufzusuchen. Dort versammeln sich die Süchtigen. Sie sind Schemen im Nebel und paffen den giftigen Qualm genusslos in sich hinein, um ihren Käfig möglichst schnell wieder verlassen zu können. Der Rauch setzt sich in ihre Kleidung und teilt für den Rest des Tages allen Menschen mit: „Ich bin abhängig! Ich brauche es! Ich bin willenlos!“ Kinder kleben an den Scheiben dieser Räucherkäfige und fragen ihre Mütter: „Was sind das für Menschen?“ Und die Mütter antworten: „Das sind keine Menschen! Das sind Raucher!“

Ich rauche nicht, aber ich habe mir ganz fest vorgenommen: Wenn das Rauchen auch noch auf der Straße verboten wird, fange ich damit an! Dann rauche ich auf dem Fahrrad. Ohne Helm! Mit 40 Kilometern in der Stunde. In der Kinderspielstraße. Hupend! Ja, ich werde mir für mein Fahrrad eine amtliche Hupe anschaffen! Die kann ich auch als Fußgänger brauchen. Ich werde mich rauchend in eine Parklücke setzen, und wenn erboste Autofahrer gestikulierend auf ihr Parkrecht pochen, werde ich laut hupen, damit ich das Schimpfen nicht mehr hören muss! Das ist kein Eingriff in den Straßenverkehr, sondern eine Kunstaktion, eine Performance im Sinne einer kreativen künstlerischen Umgestaltung des öffentlichen Raumes.

Ob das allerdings vor Gericht genauso gesehen wird, wage ich zu bezweifeln. Wer sich heute künstlerisch durchs Leben bewegt, sollte auf die Unterstützung eines Rechtsanwaltes bauen. Das gilt auch für den privaten Wohnraum! Gestalten Sie Ihre Butze nicht nur im Einklang mit den ästhetischen Grundsätzen der Zeit (Bauhaus, Feng-Shui, Ikea), sondern vor allem nach gründlicher Rechtsberatung! Auch in den eigenen vier Wänden kann man nicht einfach tun, was man will! Treppen beispielsweise sind nicht nur einfach willkürlich gestaltete Verbindungsadern zwischen den Geschossen, nein! Sie unterliegen in Form und Beschaffenheit der Landesbauordnung (in meinem Fall der BauO NRW). Deren Bestimmungen sind exakt zu erfüllen. Treppen sind deshalb vorschriftsgemäß in der Feuerwiderstandsklasse F 90 aus nichtbrennbaren Baustoffen herzustellen! Im Einzelnen gilt: „Treppengeländer müssen mindestens 0,90 m, bei Treppen mit mehr als 12 m Absturzhöhe mindestens 1,10 m hoch sein.“